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Emanzipatorisch beleidigen?! – Die Kunst der Erniedrigung

Lulu Ronja setzt sich damit auseinander wie Schimpfen funktionieren könnte. Dabei enthält dieser Artikel Wörter, die viele Diskriminierungen reproduzieren.

Wir haben Wut. Die ist berechtigt. Wir kritisieren vieles und lehnen einiges mehr ab. Berechtigterweise. Wir finden so viel falsch. Doch wie finden wir Worte, um unserer Kritik aber auch unseren Gefühlen wie Ärger und Wut Ausdruck zu verleihen?

Ob im direkten Gespräch, beim Zuhören in der Straßenbahn, beim Durchstöbern von Facebook-Seiten, bei der Demo gegen die AfD – überall begegnen einem rassistische, antisemitische, heterosexistische und völkisch-nationalistische Sprüche. Das weckt das berechtigte Bedürfnis denjenigen, die sich so äußern, etwas zu entgegen. Was, was rauslässt, was in uns ist.

In diesem kurzen Kommentar geht es nicht darum, argumentativ, klug, dialogisch und wohlwollend mit solchen Äußerungen umzugehen, sondern darum, Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Hier geht es also um Pöbeln und nicht darum ein faires Gespräch zu führen. Es folgt eine Auseinandersetzung darüber, einfach mal Dampf ablassen, rumzumotzen und sich auszukotzen, möglicherweise auch Menschen das Wort abzuschneiden und den Bullshit zu stoppen, den Menschen von sich geben.

Doch in solchen Momenten, in denen ich emotional schon hart ge- und betroffen bin, fallen mir oft nur Worte ein, die auf Kosten von Gruppen gehen, von denen ich sonst behaupte mich mit ihnen zu solidarisieren und gemeinsam für eine emanzipatorische Gesellschaft zu kämpfen.

Auf der Suche nach emanzipatorischen Begriffen, um Wut auszudrücken, bleiben mir mehr Fragen, als ich Antworten gefunden habe.

Warum tut motzen gut?

Welche Funktion erfüllen Schimpfwörter/Kraftausdrücke überhaupt? Ist Schimpfen und beleidigen grundlegend erniedrigend? Ist es nicht eine Selbstermächtigung aus einer sich grundlegend ohnmächtig anfühlenden Position? Liegt im Akt des Beleidigens die Erniedrigung? Offensichtlich funktioniert Erniedrigen gut, in dem der*die Kontrahent*in mit Bezeichnungen für unterdrückte und marginalisierte Gruppen zu übersät wird – alle Beleidigungen, die mir einfallen, diskriminieren entlang gängiger gesellschaftlicher Normen, die ich eigentlich als regressiv entlarvt habe. Viele Schimpfwörter reproduzieren eine Zuweisung von Menschen an eine gesellschaftliche Position, die ihnen Gleichberechtigung abspricht. Sie führen mich der emanzipatorischen Gesellschaft kein Stück weiter. Muss eine Beleidigung das können?

Warum ist es so befreiend Menschen mit Schimpfwörtern zu bezeichnen? Wie oben schon kurz angerissen geht es wohl um das Zurückholen von Handlungsfähigkeit, darüber die Oberhand über den*die Kontrahent*in zu bekommen. Das Beleidigen dient dem Zurückgewinnen von Kontrolle in einer Situation, die emotional und schmerzhaft ist. Solche Gefühle wie Wut, Ärger und absolutes Unterverständnis entstehen, weil ich es aus einer bestimmten Perspektive unsinnig und unvernünftig und schlichtweg falsch finde, was das Gegenüber von sich gibt. Doch ich möchte in manchen Momenten nicht argumentativ entlarven und widersprechen, sondern eben einen Seitenhieb verpassen. Ich möchte provozieren, dass sich der*die Kontrahentin genauso mies fühlt, wie ich mich in den Momenten, in denen ich den abgesonderten Bullshit ertragen muss oder eben nicht mehr kann. Es geht also um Ehrverletzung, Erniedrigung, Macht, um sich der eigenen Ohnmacht zu widersetzen – wenn auch nur ein bisschen, nur für einen kleinen Moment. Ich möchte mein Gegenüber degradieren, deklassieren und herunterstufen. Dabei stehen mir leider und logischerweise Begriffe zur Verfügung, die die Positionen in der Gesellschaft widerspiegeln.

Wer ist wie beteiligt und betroffen?

Es scheint sinnvoll die verschiedenen Beteiligten in einem solchen Pöbel- und Motzprozess zu unterscheiden. Für die Sprecher*innen dient ein Schimpfwort dem Abreagieren, die Adressat*innen sollen deklassiert werden. Oft gibt es jedoch auch Situationen, in denen scheinbar Unbeteiligte bzw. Zuhörende mit dabei sind.

Für die Pöbelnden, also Sprechenden geht es sozusagen beim Schimpfen um die Erniedrigung des Gegenübers. Nichtsdestotrotz ist es eine Selbstoffenbarung, denn durch die Auswahl des Schimpfwortes und des Begriffs tritt zu Tage, welche Annahme der*die Sprecherin über das Gegenüber hat – nämlich mit welchem Wort eine Erniedrigung erreicht wird. Taktisch hieße das, die Norm meines Gegenübers zu antizipieren, an der er*sie am meisten hängt und diese dann bewusst anzugreifen. Doch stecke ich dann nicht mit der Person wertemäßig unter einer Decke? Das könnten die Zuhörenden zumindest denken. Möglicherweise sind diese jedoch direkt betroffen und ich verletze sie. Weiterhin verletze ich alle anderen Betroffenen ohne sie eigentlich zu meinen. Ich könnte wohl in einer eins zu eins Situation ohne schlechtes Gewissen das passende Schimpfwort sagen, doch eben nicht in Situationen, wo es viele Zuhörer*innen gibt.

Doch in meinem Wunsch die Person mit einer Bezeichnung abzuwerten stärke ich eine regressive Norm und somit die Normalisierung der gesellschaftlichen Missverhältnisse wiederum. So geht’s nicht.

Ein Blick ins Schimpfwortrepertoire

Noch einen Schritt zurück gedacht, bedeutet dies, dass Schimpfwörter selbst erst gesellschaftliche Normen offenlegen. So begebe ich mich auf eine Reise durch die Landschaft der Schimpfwörter.

Oft wird in Schimpfworten Männlichkeit diskreditiert: Warmduscher, Weichei, Lappen etc. Gängige Abwertungen beziehen sich auch auf Penetrationssex. Dabei ist ficken gut, doch gefickt werden etwas Erniedrigendes. Die Ansage jemanden zu ficken ist als Drohung gemeint, als Androhung von Gewalt. Es ficken die Mächtigen, die Männer, andere werden gefickt, was ihrer Erniedrigung dient. Deshalb funktionieren auch Begriffe so gut, die homophob bzw. bezugnehmend auf Schwule sind.
Das Wort Hurensohn macht deutlich, dass Mütter von Söhnen keinesfalls gesellschaftlich anerkannt sind, wenn diese sexuell aktiv sind. Doch von einer Hure zu stammen, scheint nur für männliche Kinder schlimm zu sein. Hurentochter erkennt noch nicht mal mein Rechtschreibprogramm.

Weiter geht’s mit Benennungen, die Menschen Intelligenz und Zurechnungsfähigkeit absprechen. Beispielsweise Idiot*in. Diese Bezeichnung entstammt einer krassen Konstruktion von gesund und krank bezogen auf psychische Leistungsfähigkeit. Andere Bezeichnungen wie asozial oder Pack verweisen die so Bezeichneten gar an einen Platz außerhalb der Gesellschaft, möglicherweise sogar bezogen auf die Nichtzugehörigkeit zur Volksgemeinschaft. Doch will ich Menschen mit Worten beleidigen, in dem ich sie mit diesen aus der Volksgemeinschaft ausstoße – da will ich doch selbst nicht dazugehören!

Beleidigende Bezeichnungen beziehen sich auf das Nicht-Entsprechen oder wenn Menschen nicht den mehrheitsgesellschaftlichen körperlichen Normierungen entsprechen. Tiernamen sprechen dem Gegenüber Menschlichkeit komplett ab. Die gehen also eigentlich überhaupt nicht.

Weiterhin wollen alles sein, nur kein*e Opfer – warum ist Täter*n kein Schimpfwort? Es geht auch hier um Macht – wer übt diese über wen aus.

Auf der Suche nach einem Ausweg

In pädagogischen Konzepten für Kids zum fairen und respektvollen Umgang miteinander finde ich scheinbare Alternativen zu diskriminierenden Schimpfwörtern: Bommelglöckchen. Mondblume und Klappspaten. Nunja – so wirklich bin ich nicht überzeugt.

Vielleicht hilft uns aber auch mehr Deutschenfeindlichkeit – mit Kartoffel ist schon ein Anfang gemacht, manchmal funktioniert auch Nazi, doch es gibt ja alles an Bezeichnungen für Nazi: Kochnazi und Ordnungsnazi, doch alles ist doch eher verharmlosend. Leider funktioniert die Bezeichnung nur in der Gruppe, in der Deutsche*r eine Beleidigung ist. Für mich ist es beschämend, doch wohl nicht für viele andere.

Bei meinen Überlegungen finde ich nur eine Form, die ich akzeptabel finde: Die Reinheit einer Person zu verletzen: kotzen, kacken, Scheiße! Für mehr Beschmutzung und Entsakralisierung.

Irgendwie haben das Punkbands bei ihrer Namensgebung scheinbar schon immer gewusst… Ich hätte nie gedacht, dass ich zu dieser Erkenntnis komme: bei allem Regressiven im Punk ist die provokante Selbstbezeichnung, die häufig Fäkalsprache verwendet, emanzipatorisch. Für mehr Pisse und Eiter?!

Was bleibt, ist die Annahme, dass wir eine Person damit treffen, wenn wir ihre Reinheit und Ehre irgendwie beschmutzen, doch vermutlich kommen wir da nicht raus. „Doh!“ – wie Homer Simpson reagieren würde…

Emanzipatorisch und beleidigen schließt sich aus. Doch ich möchte und werde weiter motzen und mich auskotzen, mich ermächtigen wollen, doch möchte dabei andere Begriffe verwenden, als Menschen, die mit der momentanen Gesellschaftsordnung weniger Probleme haben. Deshalb probieren wir es aus – suchen wir befreiende Schimpfwörter ohne aber darüber den notwendigen Kampf gegen die Verhältnisse zu vernachlässigen. Denn die Welt wird nicht besser, wenn ich weniger diskriminierende Beleidigungen nutze…

Mittelmeerromantik

Karl Meyerbeer hat sich eine Schallplatte der Kellerasseln angehört und angesehen.

Mittelmerromantik: am Strand liegen, in der Sonne baden, aufs Wasser schauen – sein, nur sein, statt einem Zweck zu folgen. Auf dem Titelbild der gleichnamigen Schallplatte ist vor dem Hintergrund des Meeres grauer Bodenbelag und eine Reling zu sehen. Vielleicht ein Ufer, vielleicht ein Schiff, auf jeden Fall sehr aufgeräumt und gerade. Am Rand stehen drei Gestalten und schauen aufs Wasser. Vor allem die mittlere Gestalt ist kräftig, sie steht breitbeinig da. Ist das Mittelmeerromantik oder hält sie ein Fernglas in der Hand und sucht das Wasser nach feindlichen Schiffen ab? Auf der Rückseite der Platte sehen wir ein überfülltes Schlauchboot im weiten Meer.

Mittelmeerromantik: „Die einen fahren gemütlich in den Urlaub nach Süden und die anderen ersaufen beim Versuch, ein bisschen Glück im Norden zu erhaschen.“

Die drei Gestalten auf dem Plattencover sind Uwe, Steppl und Keller von der Punkband Kellerasseln. Als ich zum ersten Mal eine Schallplatte von den Kellerasseln aufgelegt habe, ist mir nicht aufgefallen, dass ich den Plattenspieler hätte auf 45 Umdrehungen pro Minute stellen müssen. Auch mit 33 UpM ist die Musik wahnsinnig schnell, dauern die Lieder nur eine Minute. Live ist das sehr beeindruckend – die Spannung zwischen dem hochkonzentriert um sich schlagenden Schlagzeuger und dem aggressiv schreienden Keller wirkt körperlich auf mich. Weil man die Texte nicht versteht, werden Textblätter ausgeteilt.

Mittelmeerromantik: Auch in der neuen Schallplatte gibt es Textblätter, Text- und Bildblätter. Die Kellerasseln in einer wilden Küstenlandschaft, vor einer Kathedrale, in einer Burgruine, in einer orientalisch anmutenden Stadt. Wie kommen die drei eigentlich raus aus der privilegierten Lage, gemütlich im Urlaub zu sein? Materiell kommen sie natürlich gar nicht raus. Sie haben alle Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, nicht „im falschen Land geboren“ zu sein. Aber sie legen über die Grundierung ambivalenter Bilder eine Textur aus Wut und Kritik: „Arme Eltern oder im falschen Land geboren? Scheißegal, hier sind wir alle gleich. Los geht’s, in die Hände gespuckt, hier ist jeder sein eigenes Produkt. […] Manche müssen sich eben ein bisschen mehr anstrengen, um so gleich zu sein wie die anderen.“

Warum klingen Redebeiträge, die Leistungsideologie und Rassismus in einen kapitalismuskritischen Rahmen stellen dagegen so langweilig? Noch ein Beispiel: „Rums – 150 Tote auf einen Schlag und leider auch noch die falschen. […] Dabei war das noch nichtmal die falsche Entscheidung, denn in Deinem Job gibt es keine richtigen.“ So kommentiert eine Punkband die Opfer eines Bundeswehr-Oberst klüger als 100 Politiker_innen. Die Kellerasseln waren eine Art Hausband des ehemals besetzten Topf & Söhne-Gelände in Erfurt, auch das wird auf der Platte verhandelt: „Ein paar Jahrzehnte Verdrängung und jetzt gibt’s Erinnerungsorte, Museen und Guido Knopp. Das reicht dann aber auch für die Rückkehr zur Normalität. Nationalstolz, Exportweltmeister und Weltmacht und mit gutem Gewissen lässt sich‘s auch besser Krieg führen. Aus Auschwitz lernen, heißt moralisch Siegen lernen.“ Wer Hardcore-Punk mag, wird die Musik mögen. Einer, der sich damit auskennt, meinte: „Trümmerpogo fasst es eigentlich ganz gut“. Ich schaue mir die Bilder an, stelle die Platte ins Regal und freue mich beim nächsten Konzert wieder darüber, mit wie viel Reflexion und Kritik die Wut und Aggressivität der Kellerasseln verwoben ist.


Alle Zitate aus der 7‘‘ „Mittelmeerromantik“ der Kellerasseln, erhältlich über Trümmerpogo oder Sengaja Records.

Es ist zu spät, um nach Damaskus zu segeln

Simon Rubaschow spürt der Bedeutung von Wut, Angst und Traurigkeit für radikales Denken und revolutionäre Praxis nach. Der Autor ist Mitglied im Club Communism.

Zugegeben, beim ersten Lesen des Textes aus der letzten Lirabelle, der mit ‚L&M’ signiert ist, „Wer nicht wütend ist, kann nicht denken“ wurde ich wütend. Diese Wut nötigte mich, den Text an einem Stück zu lesen, ohne dass sie sich legte. Sie speiste sich aus dem Gefühl, ‚L&M’ übernehmen unredlich Argumente aus den Texten, die sie kritisieren und geben sie als Gegenposition aus, etwa wenn sie mit dem für ihre Argumentation zentralen Position der „Abhängigkeit der Theorie von der Praxis“ auch nicht mehr sagen, als jenes, was ich mit dem Fazit ausdrückte: „Theorie muss, wie schon erwähnt, von der Empirie ausgehen.“1 Ob es sich hierbei wirklich um unredliche Absicht handelte, wie mir meine Wut einflüsterte, wage ich zu bezweifeln – vielleicht ein erster Hinweis darauf, dass sich wütend nicht ganz so gut denken lässt, wie im zitierten Titel des Artikels behauptet.

Die Wut hielt nicht lange, ich las die Lirabelle als Frühstücksliteratur am 21. Dezember und befand mich in Hamburg. Und spätestens nachdem der Kaffee ausgetrunken war und ich mich auf dem Weg zum Auftaktort der Demonstration in der Schanze befand, dominierte ein anderes Empfinden mein Denken: Angst. Am Vorabend noch sachlich mit den Genoss_innen diskutiert, ab welchem Punkt der Demo-Route ein Polizeiangriff zu erwarten ist (ja, wir lagen alle falsch), vermischten sich auf dem Weg zur Demo schlechte Erinnerungen, Sorgen und Anspannung in unangenehmer Weise.

Beide Empfindungen hatten ihren Einfluss auf das Denken, und motivierten mich, der These „Wer nicht wütend ist, kann nicht denken“ zu widersprechen, die Folgen von ängstlichem und traurigem Denken zu betrachten und sie gegen ein wütendes Denkens und die ihm entsprechende Praxis zu stellen.

Zweifellos hat wütendes Denken auch einiges für sich. Gründe zur Wut gibt es in dieser Wirklichkeit mehr als genug, und Wut mag der Antrieb sein, diese schlechte Wirklichkeit abschaffen zu wollen. Auf der Suche nach einem Programm für die anvisierte Abschaffung befeuert die Wut die theoretische Erschließung der Wirklichkeit, ohne aus den Augen zu verlieren, dass es darauf ankommt, die Welt zu verändern, und nicht bloß zu verstehen. Sie treibt dazu, die Wirklichkeit zu durchdenken, bis in den letzten Winkel auszuloten und detailversessen ans Licht zu holen. Und nichts ist schlimmer, als eine gleichgültige Arbeit an der Theorie, wie sie bei akademischen Theoretiker_innen häufig vorhanden ist.2

Die gleiche Wut ist es aber auch, die sich als Antrieb der Theoriearbeit auf ihren Gegenstand ausdehnt, und wo Wut auf die Vernichtung ihres Objekts zielt, zielt es auch die wütende Theorie und ihr Programm der Abschaffungen. Die bestehende Welt wird, wütend betrachtet, zu einer Welt, die weg muss, sie ist die Katastrophe – und damit liegt die Wut richtig. Sie liegt damit aber auch falsch, insofern, als dass sie tendenziell über die Ablehnung des Bestehenden darüber blind wird, dass der Kapitalismus nicht die schlechteste aller möglichen oder auch nur aller historisch vorhandenen Welten ist, genauer: dass er es ist, der die Mittel seiner theoretischen und praktischen Kritik ebenso selbst produziert, wie das Potenzial zu seiner regressiven Abschaffung. Es geht schlechter als im Kapitalismus – dafür ist ein wütendes Programm der Abschaffungen blind.

Diese Blindheit hängt damit zusammen, dass es der Wut mit ihrer praktischen Verwirklichung dringlich ist, das ist ihre Stärke wie Schwäche, denn, so konstatieren L&M zutreffend, unter Eile, wenn „man ständig […] gehetzt wird […] dann kann sich kein richtiger Gedanke entwickeln.“

Eine Schwäche, die die Wut mit der Angst teilt. Auch ängstlich ist das eigene Denken ein gehetztes. Anders als das wütende ist das ängstliche Denken aber ein grundlegend defensives; sie zielt nicht zwingend auf die Vernichtung ihres Objekts, sich ihm zu entziehen, genügt ihr. Ihr Objekt teilt sie sich mit der Wut, die Zumutungen da draußen, aber auch – da das ängstliche Denken, wohl stärker als die Wut, auf eine_n selbst gerichtet ist – als Selbstmisstrauen. Es erschließt in seiner Angst das eigene Denken und Fühlen, auf das die Wut sicher aufbauen muss, um sich auf die Welt zu richten und diese zu zerschlagen als zutiefst von der schlechten gesellschaftlichen Normalität durchdrungen. Wo die Wut den eigenen Subjektstatus affirmiert und seine Kraft nutzen will, hinterfragt die Angst seine Formation (in meinem Fall als weißes, männliches Subjekt) als Teil des Schlechten und die Bedürfnisse dieses Subjekts als gesellschaftlich produzierte, nicht per se zu befreiende. Das ängstliche Denken macht sich auch die eigene Praxis zum Gegenstand des Misstrauens, was nicht nur, aber auch berechtigt ist, da sie als Teil des schlechten Bestehenden eine spezifische Eigenlogik entfaltet. Praxis, die auf die Revolution zielt, zielt auf die Abschaffung aller Macht über Menschen, gleichzeitig weiß sie aber darum, dass die Revolution (und schon die Verteidigung des Bestehenden gegen noch schlechteres) kein Hinüberträumen ist, sondern sich im Kampf um gesellschaftliche Macht konstituiert. Diese notwendig auch machtförmige Praxis tendiert dazu, über ihre Eigenlogik ihr konträres Ziel zu verdrängen, Angst hiervor ist notwendig.

Ängstliches Denken nötigt zum ständigen Hinterfragen der eigenen Praxis, damit wird sie eine schüchterne, vorsichtige Praxis. Dort, wo das wütende Denken voranspringen lässt, ist sie tastend. In dieser Vorsicht liegt die Gefahr, aus dem ängstlichen Denken ein Programm der Abwehr abzuleiten, dass die Angst vor dem Schlechteren zum Ausgangspunkt nimmt. Die Abwehr des Schlechteren ist notwendige Vorbedingung jeder revolutionärer Praxis, und in Zeiten der eigenen Ohnmacht häufig die letzte verbleibende vernünftige Option. Dennoch ist sie selbst kein Mittel, einen Zustand ohne Angst herbeizuführen. Zieht sich die Praxis auf ein Programm der Abwehr zurück, stellt sie die Angst auf Dauer.

Gegenteilig zu diesen beiden gehetzten Empfindungen ist eine dritte zu bestimmen, zu der diese Welt andauernd nötigt: die Traurigkeit.

Traurigkeit über das, was verloren ist und auch immer verloren bleiben wird. Die eigenen Beschädigungen und die von ihnen hinterlassenen leiblichen und seelischen Narben, die einen ungeachtet der eigenen Wünsche und Bedürfnisse bis an das Lebensende begleiten und belasten werden. Traurigkeit über die verlorenen Freund_innen und Genoss_innen, die ihre Beschädigungen nicht bis hierhin überstanden haben, die allzu früh gestorben sind. Traurigkeit über die Beschädigungen derer, die es schlimmer als einen selbst erwischt hat, denen ihr Leben lang ihre Zeit und Energie dabei ausgeht, mit ihren Ängsten, Erinnerungen, den bürokratischen Hürden von Krankenkassen & Betreuungsrecht und dem Psychiatriealltag leben zu müssen. Traurigkeit auch ob der verlorenen Revolutionen, den Revolutionären, von denen hier und dort Spuren zeugen, doch deren revolutionäre Praxis es nicht vermochte, die kapitalistische Totalität zu sprengen, die im Kampf darum erschossen wurden, in Knästen oder arm im Alter starben. Und das die Traurigkeit transzendierende, jenseits ihrer Grenzen liegende, grauenhafte Unverstehen vor Auschwitz.

Aus einem Denken dieser Traurigkeit und dem Denken der Grenzen der Traurigkeit selbst könnte die trügerische Hoffnung eines Programms der Rettungen oder zumindest der Rächungen resultieren. Aber auch die Rache restituiert das Verlorene, restituiert die Verlorenen nicht oder erreicht sie auch nur. Was trauriges Denken stattdessen für die Praxis bedeutet, ist, zu wissen, dass der Verlust in sie unlöschbar eingeschrieben ist. Die Revolution kann nur noch eine beschädigte, verspätete, unzureichende sein. Wir sind schon zu spät. Praxis selbst wird so zu einer traurigen, sie wird zur Trauerarbeit. Derart traurig kann die Praxis in sich aufnehmen, was dem wütenden Programm der Abschaffungen ebenso wie dem ängstlichen Programm der Abwehr tendenziell entgeht: Es so zu lassen, wie es ist, ist Komplizenschaft mit der Gewalt, alles zu zerschlagen, liefert uns aber ebenso an sie aus. Die Trauerarbeit liefert stattdessen die Vorlage für ein Programm der Aufhebung: Sie zielt darauf, die Trauer zu überwinden ohne das Verlorene zu vergessen, umgekehrt gelingt ihr die Überwindung der Trauer nur durch die Bewahrung des Andenkens an die Verlorenen. In revolutionärer Praxis wird diese Aufhebung jedoch immer eine unvollständige bleiben. Hegels versöhnte Synthese ist für immer verloren, die Traurigkeit wird uns auch in einer befreiten Gesellschaft nicht verlassen.

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1
Hier ließe sich eine ganze Liste anschließen, von inhaltlicher Zustimmung, die als Kritik ausgegeben wird, beispielsweise, „dass das Verhältnis von Theorie und Praxis in dem Moment prekär wird, in dem es keine machtvolle Revolutionäre Bewegung gibt“ (L&M), das dem tendenziellen Abstraktwerden von Praxis und Theorie entspricht. Von falschen Behauptungen, etwa die Aussage, ich hätte von „aufhebender“ Theorie geschrieben – was ich absichtlich nicht tat oder tun würde und falschen Unterstellungen, wie der, die von L&M kritisierten seien Praxisfeinde. Aber auch schlichte Wiederholungen von Positionen aus der ersten Lirabelle, etwa dass man, wenn „man Praxisversuche kritisiert […] dabei ein paar Vorschläge machen [sollte], was man stattdessen tun könnte.“ (L&M). Dieser Zwang zur konstruktiven, strategischen Kritik wird nicht richtiger, indem er wiederholt eingefordert wird – und L&M’s Vorschläge, die folgen, beschreiben zwar zutreffend den traurigen Alltag der radikalen Linken, aber keine revolutionäre Perspektive. Wohl dementsprechend ist von Auschwitz und der Bedeutung dieses Bruchs mit jeder einfacher Hoffnung auf Revolution, wie sie die AAI in der zweiten Lirabelle ausführte, bei L&M zügig abgehandelt, damit weiter schlicht postuliert werden kann: „Der Klassenkampf ist zu organisieren.“

2
Deren emotionale Gleichgültigkeit sich wiederum aus der Tatsache speist, dass es sich für sie bei der Theorie um Lohnarbeit, also ihr entfremdetes und entfremdendes Mittel zur individuellen Reproduktion handelt, dessen affektive Besetzung nur die eigene Ausbeutbarkeit ins gesundheitsschädliche steigern würde.