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Wunderheilmittel

Dir schmerzt es im Rücken? MMS! Du bist zu dumm? Black Goo! Dir juckts in der Nase? MMS! Du hast kein Kollektivbewußtsein? Black Goo! Eine Ärztin diagnostiziert bei dir HIV? MMS! Du willst telepathische Verbindungen zu Tieren und Pflanzen? Black Goo!

Wer sich schon einmal in die bunte Welt der Alternativmedizin verirrt hat, wird es kennen: Globulis helfen gegen alles. Eigenbluttherapien siegen, wo hochtechnologisierte Schulmedizin versagt und die unbeschreibliche Wirkmächtigkeit von Schüßler-Salz muss hier nicht extra erwähnt werden. An dieses Zeug kann geglaubt werden oder nicht, der Schaden bei Einnahme hält sich jedoch in Grenzen. Doch gegen die „dunkle“ Seite der Alternativmedizin, sind diese homöopathischen Mittelchen wahre Schmusekätzchen: wirkungslos aber wenigstens nicht schädlich. Doch wenn das „Miracle Mineral Supplement“ (auch „Vitamin O2“ kurz MMS) oder das „intelligente Öl“ (auch „fühlendes Öl“ oder „schwarzer Glibber“, meist jedoch „Black Goo“) in Spiel kommen, dann ist der Giftschrank der sogenannten Alternativmedizin ganz weit offen. Dann bekommt meist nicht nur der Geldbeutel ein großes Loch, sondern bald auch wichtige Organe im eigenen Körper.

Für Uneingeweihte ist MMS lediglich ein Gebräu oder eine Pille auf Basis eines Desinfektionsmittels, welches wiederum toxische und umweltschädliche Chlordioxide unter bestimmten Bedingungen freisetzt. Für „Eingeweihte“ soll MMS gegen „böse“ Viren und Bakterien vorgehen (Malaria, oder der HI-Virus) die „guten“ Bakterien aber verschonen. Wissenschaftlich ist das natürlich nicht haltbar. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die sich Einläufe mit dieser Brühe machen. Auch wenn der Einsatz von Chlordioxiden tatsächlich zur Desinfektion von Trinkwasser genutzt wird, ist die dortige Dosierung viel geringer, als bei einer Einnahme von MMS-Präparaten.

In Form von Globulis soll Black Goo die erfundene Krankheit „Morgellonen“ heilen, telepathische Verbindungen zu Pflanzen und Tieren ermöglichen und die Intelligenz des Konsumierenden erhöhen. Nach Meinung von David Griffin ist Black Goo auch für den Falklandkrieg verantwortlich. Seine „Recherchen“ „belegen“, dass es südlich der Falklandinseln eine „Thule-Insel“ gibt, auf der das intelligente Öl durch Argentinien abgebaut wurde. Das nach Großbritannien exportierte Black Goo soll Mitarbeitende einer Rüstungsfirma getötet haben und daraus sei dann der Falklandkrieg erwachsen. So behauptet es jedenfalls Griffin und seine Gruppe „Exopolitics UK“, die sich eigentlich der Bekanntmachung außerirdischen Lebens auf der Erde widmet. Bleibt am Ende nur die Frage, ob die Verbesserung der Intelligenz durch Black Goo auch wirklich von Dauer ist. Sollte die Dummheit durch das „intelligente Öl“ irgendwann ausgerottet sein, gibt es ja dann auch keine Konsument_innen mehr.

Aluhut-Chroniken IV: Die Striche des Teufels

Jeden Tag treten wir in Kontakt mit dem Teufel. Nein, damit ist nicht das abendliche Tischerücken oder das malen von Pentagrammen mit Ziegenblut gemeint. Schon viel früher am Tag geht es los. Dann wenn wir, die geneigten Satansanhänger_innen, uns voller Unschuld ein Glas industrieller Milch einschenken (oder Orangensaft, oder einen Tee), preisen wir den Fürsten der Dunkelheit. Wir huldigen Satan auch, wenn wir Augentropfen nehmen oder Klopapier benutzen. Denn all diese Sachen besitzen Barcodes. Das sind die Striche, die an der Supermarktkasse so einen hübschen PIEPS verursachen. Jeder Piep ist ein Piep für Satan und jeder Strichcode zerstört unser Karma.

Doch vielleicht erst mal der Reihe nach. Für alle ohne Aluhut ist der Strichcode eine sogenannte optoelektronisch lesbare Schrift. Mit dieser Schrift werden Daten durch Striche unterschiedlicher Breite sowie Lücken ersetzt, die dann durch entsprechende Geräte wieder ausgelesen werden können. Der Begriff „Code“ in Strichcode bezeichnet dabei jedoch keine Verschlüsselung im kryptografischen Sinn, sondern lediglich die Umwandlung von Daten in binäre Symbole. Erfunden wurde es in den 50er Jahren des vergangen Jahrhunderts, aber erst durch den Druck der Supermarktkette Wal-Mart in den 70ern hat sich das System durchgesetzt. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Formen des Strichcodes. In Europa gilt beispielsweise der sogenannte EAN-Code, in den USA der UPC. Dann wird noch in 1D-, 2D, 3D und seit 2007 auch in 4D-Codes unterschieden, aber das führt hier zu weit. Fakt ist, der Strichcode ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der westlichen Konsumgesellschaft.

Für die Aluhut-Fraktion begann die Aufklärung über die böse Macht der Streifen wahrscheinlich im Jahr 1982 mit dem Buch „The New Money System 666“ von Mary Stewart Relfe. Die Autorin behauptet darin, dass alle Strichcodes die Zahl 666 beinhalten. Die 666 gilt schon in der Bibel als „Number of the beast“ und wurde nicht zuletzt durch den Okkultisten Aleister Crowley Teil der Popkultur. Relfe sah in den Strichcodes den Beweis, dass die Satanist_innen die Wirtschaft übernehmen.
Eine weitere Lesart der Strichcodeverschörung ist, dass der Strichcode unser Karma, wahlweise auch unsere Energie, am fließen hindert. Nachweisbar ist das Ganze natürlich auch. Einfach mal das eigene Energiefeld mit einer Wünschelrute abtasten. Wenn sich ein Strichcode in der Nähe eures Körpers befindet, wird euer Energiefeld um die Hälfte kleiner sein. Auch die gute Energie der industriell hergestellten Lebensmittel wird durch die Strichcodes (=Gefängnisstäbe) massiv blockiert.

Doch Hilfe ist unterwegs. Zum einen durch den Hildegard Orgonakkumulator von Jentschura. Dieses Brett, mit aufgemalten geometrischen Formen, „energetisiert Ihre Lebensmittel, Wasser, Pflanzen und Haustiere“ mit Hilfe der „Bionstrahlung“ (= Orgonenergie). Es kostet zwar 1.250 €, dafür ist es aber in „liebevoller Handarbeit gefertigt“ und lädt die Anwender_in mit „kraftvoller Bioenergie“ auf. Es geht jedoch auch billiger. Im Internet kursieren diverse Tricks und Kniffe um die teuflische Macht der Barcodes zu brechen. Da gibt es vom Aufkleber in Kreuzform bis hin zum speziellen Stift zum Durchstreichen alle möglichen Gadgets um die Energie im Fluss und Satan draußen zu halten. Die Angst vorm Strichcode hat inzwischen auch einige Hersteller zum Umdenken angeregt. So hat beispielsweise der Hersteller Rabenhorst bei seinen „Rotbäckchen“-Flaschen und auch Voelkel bei der „BioZisch“-Linie reagiert. Bei beiden wird der Barcode durch einen feinen Strich gekreuzt. So können die Energien wieder fließen und die Kassen machen trotzdem noch PIEPS. Ob dadurch auch die Machtergreifung Satans durchkreuzt wurde, steht auf einem anderen Blatt. Kommt wahrscheinlich darauf an, ob Satan morgens Rotbäckchen trinkt.

Gibst Du mir Deins, geb‘ ich Dir meins

Etwas wegzugeben ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, ist im Neoliberalismus schon fast ein subversiver Akt. Karl Meyerbeer über den Tausch, die gegenseitige Hilfe und darüber, dass in Erfurt im Durchschnitt alle 1,6 Jahre ein Tauschring auftaucht.

Rechte Tauschringe

Als ich Ende der 1990er-Jahre das erste Mal von Tauschringen hörte, ging es um den TOSTA, einen Tauschring aus Stade, bei dem Nazi-Artikel vertauscht worden waren. Die damalige Berichterstattung war sich im Tenor einig darin, dass das kein Zufall gewesen sei: Der theoretische Hintergrund vieler Tauschringe kommt von Silvio Gesell (1862-1930), einem Kaufmann, der nach der Pleite seines Ladengeschäfts als zinskritischer Autor arbeitete. Dass angelegtes Geld mit der Zeit mehr wurde, Äpfel und Kartoffeln aber verfaulten, gefiel ihm nicht. Um Abhilfe zu schaffen, entwarf Gesell eine „natürliche Wirtschaftsordnung“, in der auch Geld mit der Zeit Wert verlieren sollte. Damit wollte er den Umlauf sichern, mit anderen Worten, die Konsument_innen in den Laden zwingen. Weil sich Gesell mit Arbeit und Produktion kaum beschäftigte, kam er dem einfachen Zusammenhang, dass produktiv angelegtes Geld durch die Wertsteigerung der Investition – also z.B. dem Profit der Fabrik, die sich Geld geliehen hat – Zinsen abwirft, nicht auf die Spur. Stattdessen blieb er sein Leben lang dabei, den Kapitalismus als „Geldsystem“ zu kritisieren und Zinsen als „müheloses Einkommen“ zu verteufeln. Das gefiel der völkischen Bewegung: Der Nationalrevolutionär Ernst Niekisch holte Gesell in die Regierung der Münchner Räterepublik und die Strasser-Brüder vom sozialrevolutionären Flügel der NSDAP trafen sich in den 1920er-Jahren mit dem Zinskritiker, um über die angemessene nationalsozialistische Wirtschaftspolitik zu debattieren. Auch wenn Gesell kein glühender Antisemit war, geschah die Zusammenarbeit nicht zufällig: Die NS-Größen und Gesell trafen sich inhaltlich in einem der ältesten antisemitischen Stereotype, darin, dass den Juden eine besondere Verantwortung für Geldgeschäfte zuzuweisen sei und dass eben dies – der Geld und der Zins – das Grundübel am Kapitalismus seien.

Linke Tauschbegeisterte

Als ich persönlich zum ersten Mal mit Gesell-Anhängern zu tun hatte, passten sie so gar nicht ins Bild der völkischen Horden, an die ich bei den kritischen Texten über den TOSTA gedacht hatte. Die meisten waren Linke. Leute aus Kommunen oder aus dem Umfeld der Offenen Arbeit Erfurt. Sogar einer, der die legendären bundesweiten Antifa-Demos in Saalfeld 1997/1998 mit organisiert hatte, war (und ist so weit ich weiß bis heute) Gesell-Anhänger. Dass die Anhänger_innen einer Theorie mit einer bedenklichen Nähe zum Antisemitismus also selbst automatisch Antisemit_innen und Nazis sind, ist also nicht der Fall. Trotzdem bleibt die offene Flanke. Der Kapitalismus ist eben kein „Geldsystem“, sondern ein Gesellschaftssystem. Die Konzentration auf die Zirkulationssphäre – ja sogar aufs Zirkulationsmittel – tut so, als ließen sich Produktion, Distribution und Zirkulation auseinanderreißen und von einer Seite her in Ordnung bringen. Die theoretische Anstrengung, den Kapitalismus als Gesellschaftssystem, das auf Äquivalententausch – dem Tausch gleicher Werte – beruht, zu analysieren, wurde schon geleistet, sie jetzt hier in drei Sätzen darzustellen, geht über meine Fähigkeiten hinaus und ist an dieser Stelle auch gar nicht nötig. Deswegen möchte ich dazu nur auf den Text „Im Kaninchenbau der Ware“ von Christian Höner in der Lirabelle Nr. 2 verweisen und stattdessen auf alltagspraktischer Ebene gegen Tauschringe argumentieren.

Der Tausch im Alltag

Was suchen Menschen im Tauschring? Man kann dort Arbeitszeit gegen eine vom Tauschring verwaltete Ersatzwährung – in Erfurt z.B. Radgulden – tauschen. Aber oft dürfte die Motivation eher darin bestehen, Menschen kennen zu lernen: „Suche nette Menschen zu spontanen Freizeittreffen, Quatschen, Sporteln, gemeinsamen Kochen, für das Kino, … Einfach zum Kennenlernen und Freunde werden. Gerne auch in Gruppen. Die Beziehungen bleiben freundschaftlich“ – so auf der Seite des Tauschring Erfurt. Das Anliegen ist klar formuliert, es geht um Gemeinschaft. Aber in einer gemeinschaftlichen Logik helfen und unterstützen sich Menschen, weil der/die andere etwas braucht und nicht weil man eine Gegenleistung erwartet. Es widerspricht dem Prinzip von Zuneigung, eine freundschaftliche Geste als Tauschakt zu vollziehen. Die konkrete Gemeinschaft, die sich die zitierte Person wünscht, ließe sich viel besser in einem Kreis herstellen, bei dem konkrete Tätigkeiten im Mittelpunkt stünden, anders gesagt: Wer gemeinsam kochen möchte, braucht einen Kochkreis und keinen Tauschring. Ein Tauschring stellt konkreten Gemeinsamkeiten genau wie der Kapitalismus vermittelt über eine abstrakte Allgemeinheit – das Tauschmittel – her und steht dem gemeinschaftlichen Ziel vieler Tauschring-Mitglieder damit eher im Wege. Gerade dieses Merkmal des Tausches – dass er eine abstrakte Gleichheit zwischen ungleichen Menschen und ungleichen Gegenständen schafft – ist sogar dazu geeignet, nicht-ökonomisch strukturiertes Hin und Her von Hilfeleistungen zu sabotieren. Konkret: Dass Babykleidung, gelesene Bücher und Hilfe beim Umzug unter Freunden und Bekannten zirkuliert, ist völlig normal. Ob dabei jeweils eine Gegenleistung fällig wird, machen die Leute unter sich aus. Selbst wenn dem Tauschring positiv zuzurechnen ist, dass er nun Menschen, die sich vorher nicht kannten, zusammenbringt, so wirkt er doch auf den zuletzt geschilderten Sozialzusammenhang nicht positiv. Eine Qualität des Privaten, nämlich die, dass man nicht abrechnet, sondern sich gegenseitig hilft, weil es eben schön ist, sich gegenseitig zu helfen, wird durch die Überführung in ein Tauschsystem abgeschafft. So passen die Tauschringe perfekt in die neoliberale Projektlogik, die jeden Hauch menschlichen Lebens zu einer abrechenbaren Größe degradiert und damit das ganze Leben ökomisiert, diese neu entstehende Ökonomie aber nicht mit den Garantien und Sicherheiten absichert, die in der klassischen ökonomischen Sphäre gelten. So ist der Warenverkehr über den Tauschring am Ende für die meisten ein schlechter Deal. Die, die sich sonst ohne Abrechnung helfen würden, etablieren Tauschbeziehungen zwischen sich. Die, die sonst arbeiten würden und dafür zumindest den Mindestlohn verlangen könnten, vergeben ihre Lebenszeit für einen Hungerlohn. Dass das vor allem Reproduktionstätigkeiten sind, ist kein Wunder.

Tauschringe und die Krise der Reprodution

Nicht alle Menschen suchen Gemeinschaft im Tauschring. Vor allem auf Bieterseite ist viel günstige Arbeitskraft im Angebot. Wer als Kapitalist die Arbeitskraft von anderen kaufen kann, um damit Mehrwert zu schaffen, hat Glück. Wer nur die Arbeitskraft hat, ist dazu gezwungen, sie zu Markte zu tragen, was gegenüber den Kapitalisten eine stukturelle Benachteiligung darstellt. Die Arbeiter_innen haben das früh erkannt und sich deswegen zusammengetan, um Mindeststandards für den Handel mit Arbeitskraft zu erkämpfen. Arbeitsschutzgesetze, Tarifverträge und zuletzt der Mindestlohn sollen dafür sorgen, dass die Arbeitskraft nicht über Gebühr beansprucht wird. Aber um Arbeitskraft zu verausgaben, muss sie erst mal hergestellt werden. Die dafür nötige Reproduktionsarbeit wird in der Regel schlecht bezahlt oder kostenlos im Haushalt geleistet. Die Feministin Gabriele Winker beschreibt als Krise der Reproduktion eine Entwicklung, in der gesellschaftlich eine immer aufwändigere Reproduktionsarbeit erwartet wird, diese aber unter zunehmend schlechteren Bedingungen stattfindet. Die Gründe dafür sind vielfältig, der Umgang damit ist wie so vieles im Kapitalismus eine Klassenfrage. Wer es sich leisten kann, stellt eine schlecht bezahlte Haushaltshilfe an. In Doppelverdienerhaushalten des „paarzentrierten Reproduktionsmodells“ erledigen Frauen den Haushalt in Doppelbelastung. Im „prekären“ und im „subsistenzorientierten Reproduktionsmodell“ reicht das Geld nicht, um im Alltag über die Runden zu kommen, die Menschen sind täglich gezwungen, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie ihren Haushalt am Laufen halten. Es ist nicht weit hergeholt, dass gerade in dieser Lage der Tauschring eine Möglichkeit ist, die eigene entwertete Arbeitskraft doch noch los zu werden. So findet man beim Tauschring Erfurt auf der Angebotsseite neben esoterischen Dienstleistungen vor allem Care-Tätigkeiten: Kinderbetreuung, Hausaufgabenhilfe, Unterstützung im Alltag. Reproduktive Tätigkeiten, die gesellschaftlich ungemein wichtig sind, die aber im Vergleich zum direkt wertschöpfenden Sektor der Ökonomie unterbewertet sind, finden in der Schattenökonomie des Tauschrings einen Ort, wo schlechte Bezahlung und fehlende Absicherung kein Skandal, sondern am Ende ein Qualitätsmerkmal sind. Dass das SPD-geführte Thüringer Wirtschaftsministerium das als „Nachbarschaftshilfe und Bürgerengagement“ schönredet und daher 2011 sogar 4500 Euro aus Lottomitteln für die Verwaltung eines Tauschrings ausgeschüttet hat, ist ein weiterer Beleg dafür, dass hier der neoliberale Ruf nach Aktivierung regiert.

Gemeinsam die eigene Lage verbessern

Es ist großartig, wenn Menschen sich unter schwierigen Bedingungen zusammen tun, um selbstorganisiert und gemeinsam ihre Lage zu verbessern. Die Erfahrung zeigt, dass Tauschringe dafür nicht geeignet sind. Schaut man die Angebote an, so wird schnell klar: Einem riesigen Angebot von unterbewerteten Care-Tätigkeiten steht eine Nachfrage nach höher bewerteten Tätigkeiten gegenüber. Ökonomisch gesehen ist das kein Wunder: Niemand vertauscht ohne triftigen Grund die eigene Arbeitskraft unter Marktwert. Wer sich doch als Schreinerin oder Elektriker in einen Tauschring begibt, hat in kürzester Zeit ein Vermögen an Radgulden, Talenten oder Zeitgutscheinen in der Schublade. Was bleibt, ist dann die Einsicht, am Ende doch kostenlos gearbeitet zu haben, was ja auch ohne Tauschprinzip – also unter Freund_innen – völlig okay wäre. Und so enden die Tauschringe dann auch in der Regel nach spätestens zwei Jahren, weil sie zwei dem Wesen nach nicht kompatible Dinge zusammen bringen wollen: den ökonomischen Vorgang des Tausches und die gemeinschaftliche Logik gegenseitiger Hilfe.

Attraktiv ist das Ganze eigentlich nur für Leute, die sowieso ein einigermaßen gesichertes ökonomisches Auskommen haben. Und genau die gründen dann regelmäßig neue Tauschringe: Studierende jeden Alters, die linksalternative Kommuneszene, Projektheimer_innen, für die mehr Kontakte zusätzlich als soziales Kapital zu Buche schlagen.

Dem gegenüber wäre vieles einfacher, wenn man nur auf den Tausch verzichten würde. Gegenseitige Hilfe ist eine wundervolle Sache und man kann die Abrechnung ganz ohne Währung erledigen. „Wer-Hat-Was-Listen“ können bekannt machen, wo man sich eine Schlagbohrmaschine leihen kann. Im Umsonstladen kann man Sachen, die zu schade zum Wegwerfen sind, abstellen. Menschen, die es gerne verbindlicher haben, können ihr Geld in einer gemeinsamen Ökonomie zusammen schmeißen und sich damit mehr Handlungsspielräume schaffen. Es gibt viele Möglichkeiten, der kapitalistischen Tauschgesellschaft entgegen zu treten, statt sie im Kleinen nachzubauen.


2005
In der Vernetzung der Thüringer Anti-Hartz-IV-Initiativen tauchen zwei Männer auf, die mit viel Sendungsbewusstsein erklären, dass Geld und Zins das Problem am Kapitalismus seien. Zumindest einer von beiden ist in der Erfurter Regionalgruppe von ATTAC aktiv und gründet alsbald einen Gesell-Stammtisch – von dem man spätestens 2006 nichts mehr hört.

2007
Eine Einzelperson aus einem Thüringer Kommunezusammenhang will eine bestehende Kommunevernetzung auf Basis gegenseitiger Hilfe in einen Tauschring überführen. Begründet wird das Ganze spirituell. Er beantragt bei der EU Mittel für eine fälschungssichere Regionalwährung. Nachdem drei Kommunen sich von der Idee distanzieren, schläft das Projekt ein.

2009
Ein verschwörungstheoretisch argumentierender Imker aus Hessen erfindet den „Minuto“, ein System von Zeitgutscheinen, bei dem qualifiziertere Tätigkeiten mehr „Qualitätszeit“ abwerfen als Hilfstätigkeiten. Im Präsentations-Video wird sozialchauvinistisch gegen ALG2-EmpfängerInnen argumentiert. In Erfurt findet sich ein Kreis, der damit handeln will, die als Kontakt angegeben Telefonnummer ist nicht zu erreichen.

2010
Ein esoterisch angehauchter Gemüsehändler aus Erfurt will im tiefsten Winter Salz als Regionalwährung einführen. Weiter ist von dem Projekt nichts zu hören. Vielleicht hat der starke Streusalzeinsatz zu einer derartigen Inflation geführt, dass die Währung schon bei der Einführung nichts mehr wert war.

2011
Mit 4500€ Lottomitteln vom Wirtschaftsministerium eröffnet ein großer Erfurter Träger Sozialer Arbeit einen Tauschring. In der Antwort auf eine kleine Anfrage betont die Landesregierung die Bedeutung von Nachbarschaftshilfe und bürgerschaftliches Engagement, verneint aber die Frage, ob sich mit den dort gehandelten Radgulden auch Steuern und Abgaben bezahlen lassen. Die letzte erkennbare Aktivität auf der Webseite findet 2013 statt.

2011
Das stark esoterisch ausgerichtete „Engelgeld“ taucht in Erfurt auf. Später wird klar, dass es sich um das Zahlungsmittel des Königreich NeuDeutschland, einer kruden esoterischen Vereinigung, die sich ein Deutschland in den Grenzen von 1937 wünscht, handelt.

Rätselraten über Pegida

L. über die weit verbreitete Unsicherheit darüber, wer Pegida ist und woher diese Bewegung auf einmal kommt.

Die tradierten Praxisformen des linksradikalen Antifaschismus erweisen sich gegenüber Pegida als hilflos – während man die Strukturen organisierter Nazis gezielt ausforschen und angreifen und das militante oder friedliche Blockieren von Naziaufmärschen durchaus effektiv sein kann, versagen diese Aktionsformen bei einer Bewegung, die sich offenbar aus großen Teilen der sächsischen Normalbevölkerung rekrutiert. Spätestens hier musste klar werden, dass man einem diffusen wie gemeinen Mittelstandsrassismus, der sich bereits in den letzten Jahrzehnten entwickelt und gefestigt haben muss, nicht durch kurzfristige Kampagnen beikommen kann. Die langjährige ungebrochene Hoheit der CDU in Sachsen, die in ihrer eigenen Ausrichtung eigentlich keinen Raum rechts von sich gelassen hat, die Selbstherrlichkeit von sächsischer Polizei, Verfassungsschutz und Justiz, die zuweilen selbst als (rechte) politische Parteien agieren, der Einfluss der Evangelikalen im ländlichen Raum Sachsens und ein brauner Filz in der sächsischen Provinz – dies sind nur die lokalen Faktoren, die den Nährboden für so eine Bewegung wie Pegida mitgeschaffen haben und man wird sich Gedanken darüber machen müssen, was man solchen Kräften langfristig entgegensetzen kann.

So aufgeregt man in allen gesellschaftlichen und politischen Klassen auch über Pegida war – so richtig wusste eigentlich niemand, wer da jeden Montag in Dresden marschiert. Nachdem die aufgeklärte Elite in der Heute-Show herzlich über die ostdeutsche Unterschicht gelacht hatte, die man in Pegida erblicken wollte und „Die Anstalt“ als Gegenargument auf erfolgreich integrierte MigrantInnen der Upperclass verwiesen hatte, sorgte eine Statistik der Zeit für Verunsicherung, die in einer Umfrage herausgefunden hatte, dass der typische Pegida-Demonstrant nicht der ungebildete Arbeitslose ist, sondern ein gut ausgebildeter, berufstätiger Angehöriger der Mittelschicht.1 Doch damit war ebenfalls noch nicht viel gesagt. Denn bei einem sächsischen Bruttomonatsverdienst von 2.500 € ist bei den derzeitigen Rentenbeiträgen die Altersarmut allemal vorprogrammiert – die Ängste der Mittelschicht2, für die ein Leben jenseits der Lohnabhängigkeit schlicht nicht vorgesehen ist, speisen sich aus der realistischen Perspektive der Proletarisierung.

Dass man nach wie vor nicht so recht weiß, aus welchen Bevölkerungsschichten sich Pegida speist, mag daran liegen, dass diese Bewegung tatsächlich ein diffuser Haufen ist. Es liegt nahe anzunehmen, dass sich hier wirklich Angehörige der verschiedensten Gesellschaftsschichten zusammengetan haben. Diese Verbrüderung ist nur deswegen möglich, weil die ideologische Ausrichtung von Pegida selbst diffus ist und eine ganz unbestimmte Unzufriedenheit gerade nicht in ein Programm mündet, aus dem eine eindeutige Interessenslage sprechen würde. Dies passt zu einem Mittelstands-Nationalismus, wie ihn Sartre in den „Reflexionen zur Judenfrage“ charakterisiert hat – man ist stolz auf seine Mittelmäßigkeit (die VertreterInnen von Pegida werden nicht fertig damit, zu betonen, dass sie normale Bürger sind und keine Revolution wollen) und imaginiert sich in der Masse des Auflaufs als Teil eines größeren Kollektivs, das gemeinsame Besitzstände zu verteidigen hätte – um sich darüber hinwegzutäuschen, dass man selbst eigentlich nichts zu verteidigen hat.3 Die Programmlosigkeit ist ein fester Bestandteil solcher Zusammenrottungen, denn man meldet keinen grundlegenden Zweifel an etwas Bestehendem an, sondern findet eigentlich alles okay wie es ist – wenn da nicht die Zuwanderer wären. Dass man nur eine Korrektur am einfach gesetzten Guten vornehmen will, das selbst nicht in Zweifel gezogen wird, und dass als Gegenstand dieser Korrektur gerade die Wehrlosen – Asylbewerber – ausgemacht werden, nennt Sartre die Flucht vor der Verantwortung. Man will sich in einer gesellschaftlichen Position einrichten, die längst nicht mehr möglich ist und vermeidet es, praktische Konsequenzen aus diesem Umstand zu ziehen. In dieser Selbsttäuschung liegt das Potential einer großen Gemeinheit – und dieses Potential wartet auf ein Kommando von oben, um losschlagen zu können.

2014/15

Der Unterschied der gegenwärtigen Situation zu der von 1991/92 besteht darin, dass das Herrschaftspersonal momentan nicht dazu bereit ist, dieses Kommando zu geben. Stattdessen lädt man die Pegida-Anhänger zu Gesprächen ein und behandelt sie wie störrische Kinder, für deren Sorgen und Ängste man Verständnis haben müsse. Das Rezept der Politik ist in diesen Tagen gegenseitiges Verständnis – alle sollen sich besser gegenseitig zuhören und wenn man lang genug erklärt, werden sich alle schon einig. Politische Herrschaft macht heute ihre Unvermeidbarkeit klar, indem sie sich erklärt. Und was hat sie im konkreten Fall zu erklären? Dass sie sich das Recht vorbehält, die Ausländerfrage zu klären. So hielt der CDU-Emporkömmling Jens Spahn bei Günther Jauch der Pegida-Sprecherin Kathrin Örtel entgegen, dass sich die CDU doch in den letzten Monaten schon um ein härteres Durchgreifen gegen Flüchtlinge bemüht habe, indem sie Mazedonien, Serbien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsländer eingestuft hat. Was lernen wir daraus? Abschieben und gegen Ausländer hetzen dürfen in der BRD diejenigen, die sich an die politischen Vermittlungsformen und einen guten Umgangston halten. Das Absurde an diesem Szenario: Die Empörten fordern nichts, was nicht schon längst Praxis wäre. Ein ideologischer Unterschied zwischen dem empörten Herrschaftsmaterial und den Funktionsträgern der Herrschaft mag in der Stellung zum Islam bestehen. Angela Merkel und co beharren darauf, dass der Islam zu Deutschland gehört, wollen Islam und Islamismus sauber voneinander geschieden wissen und hofieren (ungeachtet dessen, was dies für MigrantInnen bedeutet, die vor islamistischen Diktaturen geflohen sind) die Vertreter der muslimischen Religionsgemeinschaft als Repräsentanten der Migration aus arabischen Ländern. Demgegenüber wähnt sich der neue Nationalismus in einem Kampf der Kulturen – „christlich-jüdische Kultur des Abendlandes“ gegen die Kultur des Morgenlandes, die mit dem Islamismus in eins fällt.

Dass sich hinter diesem Kulturalismus ein ordinärer Rassismus verbirgt, wird deutlich, wenn man sich den Ausgangspunkt von Pegida vergegenwärtigt. Lutz Bachmann hat in einem Interview erklärt, dass er auf die Idee kam, sich zu organisieren, als er in Dresden einer Kobane-Solidaritäts-Demonstration über den Weg gelaufen ist, darüber prompt in Angst und Schrecken versetzt war und fürchtete, dass in Deutschland bald solch arabische Verhältnisse herrschen würden.4 Dass Bachmann kurdische Demonstrationen gegen Islamisten offensichtlich als Teil der Islamisierung des Abendlandes auffasst, macht eines deutlich: Die Angst vor der Islamisierung fällt nur zufällig zusammen mit dem realen politischen Phänomen des politischen Islamismus – tatsächlich ist ja der Aufstieg des ISIS im letzten Jahr ein Umstand gewesen, der gute Gründe dafür lieferte, beunruhigt zu sein. Doch den Rassisten von Pegida & co ist die reale geopolitische Entwicklung letztlich egal – denn ihre Rage trifft zum Teil gerade diejenigen, die vor dem Djihad geflohen sind. Hinter der Verteidigung des Abendlandes steckt letztlich ein uferloser Größenwahn – es reicht offensichtlich nicht aus, sich mit Deutschland zu identifizieren, es braucht schon eine größere Einheit, zu der man sich zugehörig fühlen will, um sich nicht die sozialen Gründe für die eigene Position der Nichtigkeit erklären zu müssen. Und wenn der Stolz auf das Abendland kein Grund dafür ist, den Stolz auf Deutschland aufzugeben – was wird dann dort anderes ersehnt als eine Ausweitung des deutschen Herrschaftsgebiets auf die Grenzen Europas? Vielleicht ist dies ein wahnhafter Reflex auf den tatsächlichen Umstand, dass die EU für den ideellen Gesamtkapitalisten Deutschland gegenwärtig der Hebel zur Durchsetzung seiner Interessen in Europa ist. Die, die in Dresden vermeintlich gegen die Politiker auf die Straße gehen, fühlen sich in Wirklichkeit ideologisch in die sich real vollziehende Herrschaft ein. Und sie warten auf ein wärmeres Angebot der Politik, sich mit ihr identifizieren zu können.

Für KommunistInnen müsste aus diesen Umständen folgen, gute Gründe dafür anzugeben, warum man gegen Nation und Nationalismus, gegen Rassismus und gegen die neue Heimat Europa, gegen politischen Islamismus wie gegen seine kulturalistische Verklärung ist.


1
Infrage steht, ob diese Umfrage tatsächlich repräsentativ für die Pegida-Demonstrationen ist, da die meisten TeilnehmerInnen die Beantwortung der Fragen verweigert haben. Dass das Bild vom Dummproll-Pegida-Demonstranten verkehrt ist, hat sie aber allemal gezeigt.

2
Mittelschicht ist eine unscharfe Kategorie, die gesellschaftliche Gruppen nach Einkommen und Bildungsstand ordnet. Vom Einkommen her können sich ein klassischer Facharbeiter und ein ländlicher Kleinunternehmer gleichen, obwohl sie einer anderen Klasse angehören, also eine andere Stellung im Gesamt(re)produktionsprozess einnehmen.

3
Die Panorama-Interviews mit Pegida-Demonstranten wären wunderbares Material für Sartres Antisemitismus-Aufsatz gewesen (was gleichzeitig gezeigt hätte, dass einige Passagen dieses Textes eine Schnittmenge von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus behandeln). Wenn Sartre schreibt: „Dabei gehören viele Antisemiten – vielleicht die Mehrheit – dem städtischen Kleinbürgertum an; sie sind Beamte, Angestellte, kleine Kaufleute, die nichts besitzen. Doch gerade indem sie sich gegen den Juden stellen, nehmen sie plötzlich das Bewußtsein an, Eigentümer zu sein: indem sie sich den Juden als Dieb vorstellen, versetzen sie sich in die beneidenswerte Position von Leuten, die bestohlen werden könnten; da der Jude sie Frankreichs berauben will, gehört ihnen Frankreich. So haben sie den Antisemitismus als Mittel gewählt, ihre Eigenschaft als Besitzende zu realisieren.“, so hätte die empirische Grundlage dafür jene Frau sein können, die in Dresden in die Kamera hineingezetert hat, dass die Grenzen dichtgemacht werden müssten, weil die Ausländer die Lager leerklauen. Sie selbst ist sicherlich nicht die Besitzerin eines Lagers gewesen – indem sie sich zur deutschen Nation zählt, zu der auch die Lagerbesitzer gehören, darf sie sich selbst als Beklaute fühlen.

4
https://www.youtube.com/watch?v=FWp_io6aKoI (ab Minute 1:15)

Hoffen auf das Endspiel

Am 24. Januar 2015 versammelten sich in Erfurt rund 600 Menschen um gegen eine vermeintliche ‚Amerikanisierung‘ Europas zu demonstrieren. Sie nennen sich PEGADA, Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes, und ihre Veranstaltung heißt ‚ENDGAME‘, Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas. Ob sie sich nun ‚patriotisch‘ oder ‚engagiert‘ nennen, ob ‚Europäer‘ oder ‚Demokraten‘, es läuft auf ein und dasselbe hinaus: Es bleibt ein Mob aus Menschen, die sich jenseits jeglicher Faktenlagen bewegen und sich in ihrem eigenen irrationalen Horizont, in ihrer Paranoia gegenseitig bestätigen. Es ist ihnen gelungen, unterschiedliche esoterische Sekten, Verschwörer und Antisemiten aller Couleur an diesem Samstag im Januar zu vereinigen. Fabians Blick auf diese Veranstaltung und ihre Organisatoren macht deutlich, warum dies mittels ENDGAME gelingen konnte.

Letztes Jahr gingen in verschiedenen Städten Deutschlands mehrere hundert Menschen auf die Straße, um sich zu ‚Montagsmahnwachen‘ zu treffen. Der gemeinsame Nenner sollte dabei die vermeintliche Forderung nach ‚Frieden auf der Welt‘ sein. Genauer gesagt ging es bei den Montagsdemonstrationen darum, dass die Schuld am kriegerischen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland bei der westlichen Welt, konkret bei den USA und einigen europäischen Länder läge. Neben diesem konkreten Ereignis, welches besonders in der Anfangszeit für Mahnwachler große Bedeutung hatte, mischten sich in den Brei der Querfront außerdem Theorien über das Übel der Welt geführt durch amerikanische Hand. Was auf den ersten Blick noch nach einer recht einheitlichen Bewegung aussah, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als eine Zusammensetzung von unterschiedlichsten Strömungen aus unterschiedlichsten Lagern, was zum späteren Zeitpunkt zu Zerwürfnissen und schließlich zu Spaltungen führte.1 Offen agierende Neonazigruppen, wie sie z.B. am 26. Mai 2014 an der Erfurter Montagsdemonstration teilnahmen, Teile von esoterischen Gruppierungen bis hin zu Verschwörungstheoretikern aller Couleur, traf man auf den Veranstaltungen an.

Trotz des hohen Zulaufes aus verschiedenen Gruppierungen entwickelte sich
keine – wie von den Organisatoren erhoffte – Massenbewegung als neue Friedensbewegung, wie es vor mehr als zehn Jahren anlässlich des Irak-Kriegs der Fall war. Damals protestierten Regierung, Opposition, linke Parteien, Gewerkschaften und Organisationen bis hin zu Neonazis einträchtig miteinander gegen den Krieg im Irak. 2014 kamen zeitweise einige tausend Menschen in Städten wie Berlin oder Hamburg zu den Montagsdemonstrationen, wie dies zum sogenannten Friedenswinter mit ca. 3500 Menschen in Berlin der Fall war. Jedoch konnte nie ein Erfolg auf breiter gesellschaftlicher Ebene erreicht werden. Die Hoffnung und der Wunsch, man könne wieder Teil eines so großen Kollektivs sein, welches sich gegen einen gemeinsamen Feind und für das vermeintlich Gute zusammenfindet, wurden im Laufe der Zeit enttäuscht.

Was die Montagsdemonstranten neben der Angst um einen Krieg in der Ukraine eint, ist eine undurchsichtige Frustration gegenüber den herrschenden Verhältnissen. Dazu kommen Ängste vor dem sozialen Abstieg und Zweifel an der eigenen Beständigkeit im Konkurrenzkampf um Jobs, Kitaplätze oder schlicht um das eigene Überleben. Während in aktuellen rassistischen Bewegungen wie z.B. PEGIDA ebenfalls eine solche Frustration sowie soziale Abstiegsängste und Konkurrenzkampf eine Rolle spielen, geht es den Montagsdemonstrationen nicht in erster Linie um das Treten auf den Nächstschwächeren oder die vermeintliche Bedrohung durch massenhaft einwandernde Flüchtlinge. Der Fokus liegt vielmehr auf der Revolte gegen eine herrschende Elite, welche über dem kleinen Bürger vermeintlich die Zügel hält und diesen ausbeutet. Dabei wird der Kapitalismus nicht als Verwertungslogik betrachtet, wobei der Einfluss auf das eigene Tun und Handeln auch durch eben diesen bestimmt wird, sondern vielmehr als ein fremdgesteuertes undurchsichtiges Kalkül von ‚denen da oben‘ erklärt. Ob sie nun der Familie Rothschild, ‚USrael‘, den Bankern oder schlichtweg den Juden die Schuld dafür geben, ist von Montagsdemonstrant zu Montagsdemonstrant verschieden, der gemeinsame Nenner bleibt. Die Schuldfrage, die bei den Montagsmahnwachen eine elementare Rolle spielt, ist geklärt, wenn es wie bei der Montagsmahnwache am 21. April 2014 in Berlin von Jürgen Elsässer heißt: „Das Verbrechen hat Anschrift und Telefonnummer. Und man kann doch durchaus auch einige Namen nennen. Wer gehört denn zu dieser Finanzoligarchie? Die Herren Rockefeller, Rothschild, Soros, Chodorkowski, das englische und das saudische Königshaus. Und warum soll es Antisemitismus sein, wenn man darüber spricht, wie diese winzig kleine Schicht von Geldaristokraten die Federal Reserve benutzen, um die ganze Welt ins Chaos zu stürzen?“.2 An dieser Stelle wird deutlich, inwiefern die sogenannte ‚Finanzoligarchie‘, als Verbund von wenigen reichen Familien, die ‚Federal Reserve‘ (US-Notenbank) nutzen würde, um Chaos zu verbreiten. Dieses ‚Chaos‘ wird dann schnell auf Ereignisse wie z.B. den Konflikt in der Ukraine oder auch den Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn übertragen, hinter denen lediglich eine Elite stehe, die aus Profitinteressen oder allgemeiner Bosheit diese Konflikte beginnen und fördern würde. Elsässer, einer der führenden Köpfe hinter den Montagsmahnwachen, trat im vergangenen Jahr auf der Erfurter Montagsmahnwache auf. Der Anmelder dieser Veranstaltungen ist aktuell im Vorbereitungskreis bei PEGADA und ENDGAME aktiv. Eine ausführlichere Betrachtung der Montagsmahnwache ist in Ausgabe 7 mit dem Titel „Immer wieder Montags: Für Frieden ohne Freiheit“ von Ox Y. Moron zu finden. Gerade nach dem sich im Laufe des Jahres 2014 die ausführliche Berichterstattung und die mediale Aufmerksamkeit über die Montagsmahnwachen erschöpft hatte, da sich niemand mehr so richtig dafür interessieren wollte, fielen auch die Teilnehmerzahlen oder stagnierten zumindest. Nun mussten neue Wege gefunden werden. Für Konstantin Stößel und das Orga-Umfeld aus Erfurt kam somit der Hype um ‚PEGIDA‘ und ähnliche Ableger der rassistischen Bewegung gelegen. Nicht weil Stößel in der ‚Islamisierung des Abendlandes‘ ein Problem sähe, oder in einer vermeintlichen Überfremdung Deutschlands, sondern vielmehr in den „Machenschaften der Politamerikaner, der transatlantischen Kriegstreiber und Besatzer Deutschlands“. Mit der Namensgebung ‚Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes‘ sprang man zumindest in dieser Hinsicht auf den ‚PEGIDA‘-Zug auf und machte sich deren Popularität zunutze.

Inhaltliche Eckpfeiler des Endspiels

Wie schon bei den Montagsdemonstrationen setzten die Organisatoren auf eine Querfront aus allen politischen Lagern. Man wolle nicht ‚rechts‘ oder ‚links‘ sein, sondern habe das gemeinsame Ziel gegen die Herrschenden aufzubegehren und sich „gegen Folter, Drohnenmorde, Totalüberwachung, US-Vorherrschaft und US-Propaganda“ zur Wehr zu setzen. Wie schon ein knappes Jahr zuvor betonen die Organisatoren wieder, dass es ihnen um die Demokratie gänge und es sich bei den Teilnehmern der Veranstaltung eben um ‚Engagierte Demokraten‘ handeln würde. Bereits in einem Interview mit Radio Frei im Frühling 2014 betonte Stößel seine Hoffnung auf ein ‚Wachrütteln‘ sowie darauf, dass die Menschen die Geschehnisse im Land wieder in die eigenen Hände nehmen würden. Bereits an diesem Punkt versuchten Stößel und der Mitorganisator der Montagsmahnwachen, Richard Habermann, ihre Ansichten als berechtigte Kritik an der ‚Federal Reserve‘ und den Handlungen von Familien wie Rothschild zu erklären. Jedoch handelt es sich, im Gegensatz zu den Behauptungen von Stößel und Habermann nicht um eine Form der Kritik, sondern vielmehr um die Bedienung antiamerikanischer und antisemitischer Ressentiments. Am Tag der ‚ENDGAME‘-Demonstration wurde eindrucksvoll bewiesen, warum es sich eben nicht um Kritik am Kapitalismus handelt.

Wie es bei eben solchen Ressentiments der Fall ist, sind dem, der sie vertritt, Fakten lediglich dann nützlich, sobald sie es bestätigen. Wenn die Fakten z.B. bei einer kritischen Betrachtung nicht mehr zur Bestätigung der eigenen Aussage beitragen, werden diese eben für gegenstandslos oder nichtig erklärt. Somit lassen sich durchaus mit einer kruden Zusammenstellung von Fakten und durch Umdeutungen Bilder von Feinden konstruieren, welche sich einer kritischen Betrachtung entziehen. Dadurch werden Entwicklungen, die sich auf der ganzen Welt abspielen und durch die herrschenden Verhältnisse bedingt sind, lediglich in den USA und/ oder in Bezug auf die USA betrachtet. Gerade das Land, welches für viele als eine Art ‚Ursprung‘ des Kapitalismus gilt, soll eben auch an dessen Entwicklung Schuld sein. Dass es sich bei Armut, Ausbeutung und Unterdrückung um kein amerikanisches Phänomen, sondern um logische Konsequenzen kapitalistischer Verhältnisse handelt, wird freilich nicht bedacht.

Dan Diner beschreibt den Antiamerikanismus in seinem Buch ‚Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments‘ als „ideologisch befrachteter Rationalisierungsversuch, die unübersichtlich gewordenen Lebenswirklichkeiten und Lebenswelten durch projektive Schuldzuweisung an den definitiv Anderen erträglicher zu machen.“ Dadurch werden die gesellschaftlichen Phänomene, denen man ausgesetzt ist, von der Gesellschaft abgespalten und auf die USA projiziert. Durch den Antiamerikanismus an sich wird der Kapitalismus keiner Kritik
unterzogen, sondern vielmehr einzelne spezifische Inhalte und Phänomene innerhalb des Kapitalismus herausgegriffen, ohne diese in einen Kontext mit den herrschenden Verhältnissen zu bringen. Deshalb wäre es falsch davon zu reden, dass es sich bei Antiamerikanismus um einen falschen Ansatz der Kapitalismuskritik handle oder um eine verkürzte Kapitalismuskritik. Es ist schlicht weg gar keine Kritik am Kapitalismus.

Dass nun am 24. Januar immer wieder T-Shirts und Plakate mit antizionistischen Aufrufen oder Äußerungen zu sehen waren, zeigt, dass es den Teilnehmenden nicht nur um ihre Ressentiments gegen die USA ging.3 Das Verhältnis von Antiamerikanismus und Antisemitismus ist äquivalent. Die USA spielen strukturell eine ähnliche Rolle für den Antiamerikanismus, wie die Juden für den Antisemitismus. Auch hier werden Entwicklungen und Formen des Kapitalismus einer bestimmten Gruppe zugeschrieben und ihnen die Schuld daran gegeben. Im Großteil der Fälle lassen sich beide Ressentiments sehr gut kombinieren. Sei es, dass Israel der Vorposten für den amerikanischen Imperialismus im Nahen Osten sei, oder die Juden in der amerikanischen Regierung oder bei den Banken das Sagen hätten. Oftmals werden den USA, denen bestimmte Wesenszüge wie z.B. Arroganz oder Verlogenheit von ihren Gegnern nachgesagt werden, Nazivergleiche auferlegt. Wie es z.B. bei dem bekannten Bildvergleich von Hitler und Bush mit der Unterschrift „Same shit different asshole“ der Fall ist. Ebenso wie Israel, dem der Vorwurf der Arroganz gemacht wird, sein Volk als auserwählt zu begreifen, werden den USA im Vergleich zum Nationalsozialismus Völkermord und ähnliche Gräueltaten mit NS-Bezug vorgeworfen. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die Äußerungen des amtierenden Vize-Kanzler der SPD Sigmar Gabriel, der nach seinem Besuch in Israel Anfang 2013 den Gaza-Streifen als Lager im Sinne eines Konzentrationslagers bezeichnete. Nicht umsonst bezeichneten die ENDGAME-Anhänger sich selbst als die „wahren Antifaschisten“ – was auch immer das sein soll und diffamierten ihre USA-Fahnen tragenden Gegner als „Faschisten“.4 Dass man nun gerade bei dieser Projektion auf die USA und den Staat Israel abzielt, ist ein Resultat des Sammelsuriums von Ressentiments gegen einen wichtigen Akteur der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus, sowie gegen den Schutzraum der Juden.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – das Endgame ist nicht zu Ende

Im Nachgang von PEGADA gab es viele Diskussionen. Neben dem üblichen Imageschaden für die Stadt Erfurt und das betroffene Aufheulen der Lokalpolitik versuchten zumindest einige bürgerliche Medien PEGADA aufzugreifen und zu thematisieren. Das ging an vielen Stelle an einer inhaltlichen Auseinandersetzung und Kritik der auf die Straße getragenen Hetze vorbei, jedoch wurde zumindest kritisch über teilnehmende Nazihooligans berichtet. Zwar geschah es nicht unerwartet, dass sich Nazis an der Veranstaltung beteiligten, jedoch dürfte es dem Mobilisierungspotenzial für Fortsetzungen von PEGADA, wie am 21. Februar in Halle, geschadet haben.

Dennoch hat die radikale Linke in Erfurt einen wichtigen Punkt der Auseinandersetzung verpasst. Statt sich im Vorfeld mit den antisemitischen und antiamerikanischen Ressentiments kritisch auseinanderzusetzen, blieben die Reaktionen eher verhalten. Reaktionen erfolgten im Nachgang: Beispielsweise verlor die Antifaschistische Aktion Erfurt (AAEF) in ihrer Auswertung, die sich ebenso las wie ein Artikel in der Thüringer Allgemeine, kein Wort über die Fahnen von islamischen Republiken, die Plakate mit Vernichtungsfantasien gegen Israel oder irgendwelche Verschwörungstheorien. Die Gruppe schrieb: „Der Gegenprotest wurde von diversen Antifa-Gruppen, der Linken, SPD und Grünen sowie deren Jugendverbänden, Kirchverbänden, der jüdischen Gemeinde Erfurt und diversen Hochschulgruppen organisiert, bzw. unterstützt. Dieses breite Bündnis schaffte es, die ursprüngliche Nazi-Route zu blockieren.“ Man stellte sich per se auf dieselbe ‚gemeinsam gegen die da drüben‘-Seite mit Parteien und Verbänden, die sonst ebenso wenig müde sind gegen Israel und die USA zu wettern. Auch am Tag selbst fand keinerlei Auseinandersetzung oder gar ein kritischer Beitrag gegenüber den Äußerungen von ‚ENDGAME‘ statt. Der Aufruf der AAEF zu Gegenaktivitäten glänzte nicht gerade mit inhaltlicher Auseinandersetzung, sondern vielmehr durch Fakten über die potenzielle Beteiligung von Neonazis, was wohl ebenfalls auf ein breiteres Bündnis für diesen Tag setzen sollte. Dem stand man auch im Nachhinein in nichts nach. Gerade an diesem Punkt, wo man zumindest die linksradikale Szene zu einer Auseinandersetzung mit Antiamerikanismus und Antizionismus bewegen hätte können, wurde dies aufgrund von Bündnispolitik übergangen.

Dennoch ist es ja noch nicht zu spät diese Auseinandersetzungen, zumindest im Nachgang zu führen. Für den weiteren Umgang mit solchen Aufmärschen sollte sich die radikale Linke in Erfurt und Thüringen generell fragen, inwieweit nicht zuerst eine inhaltliche Auseinandersetzung über den Gegenstand der Kritik geführt werden muss, um daraus die nötigen Konsequenzen zur Bekämpfung solcher Aufmärsche zu ziehen.


1
So z.B. bei der Erfurter Montagsdemonstration im vergangenen Jahr geschehen, als sich die dort ansässige Mahnwache weiter nach rechts verschob: http://oxymoron.blogsport.de/2014/05/20/putsch-und-rechtsruck-bei-erfurter-montagsdemo/

2
http://www.hagalil.com/archiv/2014/07/02/montagsmahnwachen/

3
Zum Beispiel: „Free Gaza! Stop killing Children!“ T-Shirt bei PEGADA, welche das bereits im Mittelalter und bis heute vorherrschende antisemitische Ressentiment bedient, die Juden (in diesem Fall Israel) seien Kindermörder. Im Mittelalter bezogen sich diese antijüdischen Äußerungen meist auf die Ritualmord-Legende, dass Juden Kinder töten um z.B. ihr Blut bei Ritualen zu trinken.

4
Hier zu empfehlen ein Bericht des Antifa Jugendbündnis Saalfeld, welches sich damit auseinandersetzt und unter anderem den Beitrag in der ‚Roten Fahne‘ zu Erfurt kritisch betrachtet. http://ajubs.blogsport.de/2015/02/07/antiimperialismus-und-die-rote-fahne/

Aluhut-Chroniken III: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo …

Niemand hat jemals Christian Anders nach einer politischen Analyse gefragt. Mit Stücken wie „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ oder „Der letzte Tanz“ hat er in den 1970ern eine bescheidene Karriere als Schlagersänger hingelegt und wäre wohl danach von der Welt vergessen worden, wenn er nicht in den 1990er-Jahren medial als Lanoo wiedergeboren worden wäre. Lanoo macht sich nun keine Sorgen mehr über „Das schönste Mädchen, das es gibt“ oder „Das Schiff der Illusionen“, sondern über Politik im Großen. Und weil es heute die ZDF-Hitparade nicht mehr gibt, dafür aber das Internet, tritt Lanoo dort auf. „Meine lieben Freunde“ – so beginnen die grotesken Tiraden des „Lanoo Learning Channel“ auf Youtube. Dort kann man erfahren, dass Michelle Obama ein Mann, Ebola und HIV Erfindungen der Pharma-Industrie und Kaffee und Milch tödliche Gifte sind. „Das kann man sich gar nicht vorstellen, aber die Beweise sind eindeutig – es gibt sogar einen Arzt, der es bestätigt“. Dass die eindeutigen Beweise außerhalb der Truther-Szene nur für Heiterkeit sorgen, liegt laut Lanoo vor allem daran, dass Politiker und die Medien von den Bilderbergern beherrscht werden, die in einer Art kollektiver Gehirnwäsche den Menschen jegliche Vernunft ausgetrieben haben. Wo Verschwörungstheorien sind, ist meist der Antsemitismus nicht fern, deswegen wundert es nicht, dass sich Lanoo 2005 in einem Liedtext auf den antisemitischen Klassiker „Die Protokolle der Weisen von Zion“ berief, jüdische Familien als Herren der Welt bezeichnete und George Bush mit Adolf Hitler verglich. Das war dann selbst den Boulevardmedien zu viel: Pro Sieben sagte einen geplanten Auftritt bei einer Benefiz-Gala ab. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass Lanoo sich seitdem mit offen antisemitischen Aussagen zurückhält. Aber der nächste Aufreger ist schon veröffentlicht. Zur Melodie seines größten Hits trällert Anders „Es fährt ein Zug nach Ebola“, dazu kursiert ein menschenverachtendes Video im Internet. Truther und Infokrieger freuen sich, aber die gewünschte große Aufmerksamkeit bringt auch das nicht. So tingelt der ehemalige Schlagerstar nun durch Altenheime, um sein Auskommen zu bestreiten. Ob gemeinsame Auftritte mit Xavier Naidoo – neuerdings bei den Reichsbürgern – und Nina Hagen – schon lange mit dem UFO unterwegs – geplant sind, ist noch unklar. Es würde neue Dimensionen des Unfugs eröffnen.

Aluhut-Chroniken II: König von NeuDeutschland

In Wittenberg gibt es seit September 2012 das Königreich Deutschland. Es ist momentan nur 9 Hektar groß und auf dem Gelände einer ehemaligen Klinik, aber es hat schon einen König. Dessen bürgerlicher Name ist Peter Fitzek und dieser gehört zu den obskursten Personen die die hiesige Verschwörungs- und Esoterikszene zu bieten hat. Ursprünglich hat er nach eigenen Angaben im Hotelgewerbe gelernt, sich durch einige Selbstständigkeiten gekämpft, bis er schließlich vor 14 Jahren eine Esoterikbuchhandlung eröffnete. Mit ihr schien er seine Berufung gefunden zu haben. Bald ergänzte er den Buchbestand durch Seminare aus dem Umfeld der Germanischen Neuen Medizin und von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zu den Verschwörungstheorien der kommissarischen Reichsregierung.
„kommissarische Reichsregierungen“ glauben, dass das Deutsche Reich noch immer bestehe und die Bundesrepublik nach 1945 kein richtiger Staat sei. Die meist deutsch-nationalen bzw. nazistischen Ansichten der auch „Exilregierungen des Deutschen Reichs“ genannten Gruppen sind geschichtsrevisionistisch und haben einen Weltverschwörungsansatz. Anhänger_innen der Reichsregierungen sprechen auch von der „BRD GmbH“ bzw. dem „noch immer besetzten Deutschland“ und verkaufen selbstgebastelte Ausweise, Nummernschilder etc. von ihren Fantasiestaaten. Die einzelnen „Staaten“ bzw. Gruppen liegen jedoch häufig miteinander im Streit, da jede „die einzig Richtige“ zu sein glaubt.
Während andere Reichsregierungen, wie das Fürstentum Germania oder Terra Germania, scheiterten bzw. nur im Internet existierten, hat NeuDeutschland, seit der Krönung Fitzek I. im September 2012, das Königreich Deutschland – Nägeln mit Köpfen gemacht. Statt ein paar Fantasiedokumente baut Fitzek gleich ein eigene NeuDeutsche Gesundheitskasse auf. Statt nachhaltiger Landwirtschaft mit ein paar Schafen und Hühnern, entsteht in einer Halle mit Spendengeldern ein Freie Energie-Kraftwerk [siehe Lirabelle #5]. Und statt der sonst üblichen Tauschökonomie der anderen Reichsregierungen, erschafft Fitzek mal eben eine eigene Königliche Reichsbank. Diese kommt zwar ohne Zinsen aus – denn Zinsen sind böse! – aber dafür kann man dort die – bald wertlosen – Euro noch schnell in ENGEL bzw. E-Mark umtauschen, welche in Erfurt bspw. auch im Lebensladen in der Allerheiligenstraße angenommen wurden. Der Rücktausch in Euro ist dann zwar nicht so leicht, aber wer will das denn schon?
Ganz zufrieden sind die Untertan*innen mit ihrem König aber doch nicht. Im Internet kursieren Videos die NeuDeutsche zeigen, die das Klinikgebäude verlassen wollen. König Fitzek möchte jedoch den Schlüssel nicht rausrücken. Stattdessen fordert er ein Verfahren wegen Landesverrat. Erst die Drohung die Staatsmacht der– von den NeuDeutschen ach so geschmähten — Bundesrepublik einzuschalten, lässt Fitzek einlenken. Denn mit Polizei und Justiz hat er schon mehrfach schlechte Erfahrungen gemacht. Wegen der Ausstellung königlichen Dokumente und Nummernschilder und weil er eine Sachbearbeiterin im Wittenberger Rathaus „festnehmen“ wollte, wurde Fitzek schon mehrfach zu Haftstrafen verurteilt.
Größter Gegner des ehemaligen Bundestagskandidaten und heutigen Königs ist jedoch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin). Die ist nach wie vor der Meinung, dass Fitzek und sein Trugbild von einer Bank gegen zahlreiche Gesetze verstoßen. Deswegen gab es 2013 und 2014 Razzien und Hausdurchsuchungen. Inzwischen hat sich da ein Zwangsgeld in Höhe von 3 Millionen Euro angesammelt.
Geld, welches tatsächlich in der Schatzkammer des NeuDeutschen Königs vorhanden sein könnte. Denn schließlich müssen neue Untertanen ihren Grundbesitz an das Königreich überschreiben. Und so fraglich die Bank oder die Gesundheitskasse nach deutschem Recht sind, der Verein, der das Geld einsammelt, steht auf rechtlich sicheren Füßen. Über das, inzwischen vermutlich recht staatliche Kapital des Königs, gibt es einige Vermutungen aber nur wenig Belastbares. Fakt ist, dass der dahinterstehende Verein, Ganzheitliche Wege e.V., als stimmberechtigte Mitglieder nur Fitzek, dessen Tochter und eine Stiftung NeuDeutschland führt. Der König sichert also seine Herrschaftslinie.
Doch so absurd und spaßig das ganze klingt: Die NeuDeutschen und Königstreuen des Peter Fitzek sind knallharte Revanchisten, die Deutschland in den Grenzen von 1933 wieder haben wollen und ein sehr rechtsesoterisches Weltbild frönen. Und sie haben eine Mission. Auch in Erfurt sind schon Königstreue, oder zumindest Fans, in verschiedenen kulturellen Vereinen vorstellig geworden und haben für die Idee des Königs geworben. Und die sahen nicht aus wie die üblichen Aluhut-Spinner.

„Meine Meinung ist genauso falsch wie eure“

Beim Erscheinen dieses Artikels sind die „neuen“ Montagdemos wahrscheinlich schon Geschichte, höchstens noch eine Randbemerkung im Kalender des Ordnungsamts. Georg Dorn wagt einen Blick zurück.

„Meine Meinung ist genauso falsch wie eure“ so begrüßte der Organisator der Montagsdemos, Richard H., in Erfurt sein Publikum. Und um eines vorweg zunehmen: dieser scheinbar selbstironische Satz sollte am Ende derjenige sein, der der ganzen Veranstaltung ihren Stempel aufdrückte. Außerdem hatte diese Aussage wahrscheinlich den höchsten Wahrheitsgehalt von allen Reden dieser Montagsdemo.

Dann begann die lange Litanei der Rechtfertigungen und Distanzierungen. Die Berichterstattungen der vergangen Wochen sind eben doch nicht spurlos an den Organisator_innen vorbeigegangen. Man sei ja gegen Nazis und gegen Verschwörungstheorien und überhaupt gegen jeden Extremismus verkündet der Organisator und die Zuhörenden applaudieren brav. Die jungen Punks mit Hund, die Ökoeltern mit Kind, die Eso-Tante im Batikkleid. Aber auch der Mann in der Thor Steinar-Jacke sowie der NPD-Ordner der noch zwei Tage zuvor bei einer Gegenkundgebung einem Genossen ins Gesicht getreten hat.
Alle sind vereint in der Unzufriedenheit mit den „kriegsvorbereitenden Politikern“. Wohl selten schien diese ominöse Querfront so nah, wie an diesem regnerischen Montag neben der Bratwurstbude am Anger.

Der Begriff Querfront stammt aus den 1930er Jahren und bezeichnet eine rechtsradikale Bündnisstrategie. In der Querfront sollen dogmatische Grenzen zwischen „links“ und „rechts“ überwunden werden um einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen. Ein prominentes Beispiel für ein „strömungsübergreifendes“ Thema ist der „westliche Imperialismus“ – in der Gestalt der USA und Israel – die hier kritisiert werden. Auch bei den Montagsdemos ist die Kritik, vor allem an der Politik der USA, eines der verbindenden Elemente. Auch wenn es in der Geschichte einige Anläufe für eine Querfrontstrategie gab, sind bisher alle gescheitert.

Gegen jeden Extremismus

Aber hier geht es ja auch nicht ums „dagegen-sein“ sondern um das „für-etwas-sein“, wie der Organisator nicht müde wird zu betonen. Und dann begannen die Redebeiträge. Die Themen waren dann so bunt wie das Publikum. Von der GEZ über die Ukrainekrise zum Bedingungslosen Grundeinkommen zurück zur Direkten Demokratien und dazwischen immer wieder Distanzierung von den Nazis, die aber weiterhin ungestört im Publikum stehen. Ironischerweise klatschte besonders der Thor-Steinar-Träger auch immer am engagiertesten, wenn es gegen Nazis geht. Aber schließlich sind „Wir“ ja jetzt „alle für den Weltfrieden“ und für „mehr Liebe“ und „mehr Geld zum Leben“ oder manchmal auch „weniger Geld und weniger Konsum“.

Widersprüche wie diese gab es hier viele zu hören. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn man ein offenes Mikrofon anbietet und Menschen sprechen, die das öffentliche Sprechen nicht gewohnt sind. Doch darum soll es hier eigentlich nicht gehen. Denn prinzipiell ist es ja erst einmal gut, wenn Menschen irgendwo ein Unrecht sehen und dann etwas dagegen unternehmen wollen. Auch wenn es nur heißt, sich zwei Stunden jede Woche auf den Anger zu stellen. Traurigerweise rutscht dieser Aspekt ein wenig hinter die Debatten der letzten Wochen. Natürlich ist es richtig, die Sprechenden und Zuhörenden zu kritisieren, wenn – nicht nur struktureller – Antisemitismus beklatscht wird oder den Verschwörungstheorien der Reichsbürger gelauscht wird, ohne diesen zu widersprechen. Aber das Erkennen, dass da etwas nicht richtig läuft und das Einsetzen für andere Menschen ist als erster Schritt durchaus richtig. Und mal Hand aufs Herz: Wahrscheinlich schauen viele politisch engagierte Menschen mit einem kleinen Schauder des Gruselns auf ihre eigenen Gedanken in den ersten Phasen ihrer Politisierung.

Problematisch ist jedoch der Umgang mit ihren Alltagsbeobachtungen mit denen dann die Reden bestückt werden. Nehmen wir das Beispiel der Ukrainekrise. Hier wird durch die meisten Redner_innen die NATO und die unausgewogene Berichterstattung der Medien kritisiert. Eigentlich zwei urlinke Themen. Doch warum fühlt es sich falsch an, wenn die Themen so aufbereitet auf die Montagsdemo kommen? Die Sache ist ganz einfach. Die Redner_innen bleiben nur auf der Stufe der Beobachtungen. Statt die Beobachtungen als Ausgangspunkt für weitere Recherchen und Analysen zu nutzen, verlieren sie sich in zweifelhaften Quellen, zitieren nur Mainstreamberichte wenn es in ihr (geschlossenes) Weltbild passt und verlieren sich in Andeutungen.

„googelt das mal!“

Und diese Andeutungen sind die Ursachen, warum die Montagsdemos schon jetzt einen so schlechten Ruf haben, den sie sich wahrlich verdient haben. Denn im Smartphonezeitalter muss man heute nur bestimmte Schlagworte fallen lassen und schon kann man beobachten, dass die Hälfte der Zuschauenden das Handy zückt und den Begriff bei Google eingibt. An den Mikrofonen wird kaum noch was Belastendes gesagt. Stattdessen werden Stichworte ins Publikum geworfen und anschließend das Mantra der neuen Bewegung wiederholt: „googelt das mal!“ Jede_r wird zur eigenen „Recherche“ aufgerufen und wer sich dann erstmal im dunkel-braunen Sumpf des Internets rund um Elsässer, Jebsen und Co verliert, kommt da kaum wieder raus. Denn Verschwörungsideologien bieten ganz einfache Antworten für die immer komplexere Zeit und noch besser: Jede Kritik an ihnen ist Teil der Verschwörung. Zwar weisen auch diese Theorien Lücken auf, aber für echte Verschwörungstheoretiker_innen sind das nur Nebelkerzen der Mächtigen.
Wahrscheinlich atmen viele der Zuschauenden innerlich sogar ein wenig auf: endlich gibt es wieder einen Feind auf den man böse sein kann. Oh, und auch in Erfurt kann man das schön beobachten. So distanziert sich einer der Redner während seiner gesamten Ansprache von neurechten Verschwörungen, doch nachdem er das Mikrofon verlassen hat, erklärt er jedem, der es hören will, wie viele Wahrheiten doch bei Elsäßer und Jebsen stecken. Aber „das darf man ja nicht mehr öffentlich sagen!“

Sicher, Verschwörungsideologien gibt und gab es schon immer. Auch in der linken und linksradikalen Szene. Aber gerade ist zu beobachten wie ein neuer Mainstream entsteht. Ein Mainstream, der zwischen Zentralsteuerungshypothesen und Verschwörungsideologien pendelt und dessen Wortführer hauptsächlich neurechte Spinner sind, die hier ein antisemitisches und völkisches Weltbild verbreiten.

Daraus resultiert jedoch die Frage: Warum werden diese anpolitisierten Menschen auf den Montagsdemos nicht durch linksradikale Inhalte und Aktionen erreicht? Schließlich sind das alles Themen, die seit Jahren in Lesekreisen, Politheften, Dissertationen und Demos kritisiert und diskutiert werden.

Meine Hypothese ist so ernüchternd wie simpel: Die Linksradikalen haben in den letzten Jahren nicht viel erreicht und sind in den Medien nur dann präsent, wenn mal wieder ein 1. Mai eskaliert oder eine Gegendemo in einem Hide-and-Seek-Spiel mit der Staatsmacht gipfelt. Dass es in der linken Szene mehr als das gibt, wird außerhalb der eigenen Kreise kaum noch wahrgenommen.

Die Spaltungen haben begonnen

Doch es gibt auch Grund zur Hoffnung. Denn die Leute auf den Montagsdemos sind kein homogener Haufen. Sobald sich der Sturm im Wasserglas – ausgelöst durch die Berichterstattung in den so geschmähten Mainstreammedien – gelegt hat, werden auch die Montagsdemos nicht mehr hunderte Menschen anziehen. Und sobald die Montagsdemos mehr sein wollen als ein offenes Mikrofon für all die Wütenden und Hilflosen, werden sie sich spalten und spalten und spalten. In Erfurt hat dieser Prozess begonnen. Denn das Erfurter Orga-Team hatte angefangen sich von der Berliner Montagsdemo zu lösen. Daraufhin schrieb der deutsche „Anonymous“-Account auf Facebook eine wütende Stellungnahme gegen das Erfurter Organisationsteam. In diesem Beitrag, der über eintausendmal bei Facebook geteilt wurde, wird das Orgateam als „Antifa-Privatarmee des Verfassungsschutzes“ „entlarvt“ und gleichzeitig verkündet, dass die alten Organisator_innen von „engagierten Erfurter Bürgern“ aus der Stadt gejagt wurden. Leider haben das die betreffenden Personen wohl nicht mitbekommen. Denn nun stehen sie Dienstags am Anger und organisieren eine „unabhängige Friedensdemonstration“.

Also gibt es nun eine neue neue Montagsdemo. Die haben sich als Stargast gleich Jürgen Elsässer, Herausgeber des querfrontlerischen Verschwörungsblättchen „Compact“, eingeladen und konnten sich so der Aufmerksamkeit der verhassten Massenmedien sicher sein. Damit steht das neue Erfurter Orga-Team sogar noch weiter im Verschwörungslager als das Berliner Original. Denn Lars Mährholz und Co laden Elsässer nun schon länger nicht mehr ein. Doch Elsässer schwadroniert in Erfurt lustlos und gegen die Sprechchöre der Gegendemo. Sein Thema ist mal wieder eine Mischung aus Antiimperialismus und Bankenschelte, gewürzt mit dem Allheilmittel Schweiz und abgerundet mit einen positiven Bezug auf das Volk. Ein wenig braver Beifall, sehr viel lauten Gegenprotest und eine Gegenkundgebung, die auf der anderen Straßenseite eine Überraschung bereit hielt. Dort standen nicht nur die Antifas, die schon seit Wochen die Montagsdemos kritisch begleiten, sondern an ihrer Seite auch die Organisator_innen der alten neuen Montagsdemo. Beim alten Organisationsteam hat das kritische Hinterfragen der Montagsdemos also schon begonnen. Vielleicht kann so aus der „falschen Meinung“ des Richard H. doch noch eine reflektierter Haltung erwachsen. Man möchte es ihm wünschen.

Die Aluhut–Chroniken I

Nachdem sich jüngst auch wieder in Thüringen Verschwörungstheorien steigender Popularität erfreuen, präsentieren wir euch in der Lirabelle nun eine neue Rubrik: die Aluhut-Chroniken. Hier wollen wir euch alle drei Monate einen neuen Versuch vorstellen, wie Verschwörungstheoretiker die Welt erklären. Diese Woche wenden wir uns den Reptiloiden zu.

Was haben die englische Königin, der verstorbene Entertainer Bob Hope, Kanzlerin Merkel und Georg W. Bush gemeinsam? Nun, ganz einfach. Laut David Icke sind/waren sie alle „reptiloide Formwandler“. Davon ist der ehemalige Fußballer und kurzzeitigen Pressesprecher der englischen Grünen überzeugt. Mit dieser Theorie tingelt er seit einigen Jahren um die Welt und spricht ein immer breiteres Publikum an.
Doch ein drei Meter großes Echsenalien passt natürlich nicht so einfach in einen kleinen menschlichen Körper. Damit die reptiloiden Formwandler weiterhin menschlich aussehen, müssen sie regelmäßig menschliches Fleisch essen und menschliches Blut trinken. Gut, bei den bekennenden Christen Merkel, Bush und der englischen Königin ist das (metaphorischer) Kannibalismus durchaus Teil des religiösen Glaubens und des liturgischen Ritus, aber beim bekennenden Atheist Bob Hope ist das nun wirklich schwer vorstellbar.
David Icke glaubt – nein, falsch – er weiß, dass die wichtigen Menschen auf diesem Planeten eigentlich Aliens sind, die wie übergroße Reptilien aussehen. Diese regieren die Menschen und haben einen fiesen Welteroberungsplan. Wie genau der aussieht, ist auch David Icke nicht so ganz klar, aber er hat natürlich Zeugen und Quellen. O.k. Jetzt könnte man sagen: Was soll der Blödsinn, warum sollten mich die spinnerten Prophezeiungen eines Buchautoren interessieren, der vielleicht einmal zu viel an einem giftigen Frosch geleckt hat? Nun es wird dann spannend, wenn inzwischen sogar der Neuseeländische Premierminister – ernsthaft! – erklären muss: „I`m not a reptile“.So geschehen Ende 2013 in Auckland, Neuseeland. Dort hatte ein Einwohner mit Hilfe des Official Information Act (einer Art Bürgerauskunft) die Antwort des Premiers erzwungen.
Aber auch das ist im Entertainmentzirkus der momentanen Politik kaum noch eine Schlagzeile wert. Schließlich kopieren die Politikclowns der Berliner Piratenpartei ihre kanadischen Kolleg_innen und fragten die Berliner Verwaltung – ernsthaft! – ob und wie Berlin auf eine Zombieapokalypse vorbereitet ist.
Nein, wirklich gruselig wird David Icke erst dann, wenn der Rest seiner Weltsicht unter die Lupe genommen wird. Und da gibt es dann einen bunten Strauß alter und neuer Verschwörungsideologien zu bewundern. Zentraler Bestandteil: die wirtschaftliche und psychologische Manipulation der Weltbevölkerung durch Politik und Wirtschaft, beispielsweise durch die Familie Rothschild. David Icke bestreitet – natürlich – dass diese Aussagen antisemitisch sein und begründet es mit der ihm eigenen Logik: Die Familie Rothschild hat das Leben tausender Juden auf dem Gewissen, während sie an den Kriegen Geld verdienten. Diese Aussagen seien aber nicht antisemitisch, da die Rothschilds keine Juden sondern Echsenaliens sind. Die Kritik an ihnen ist also nicht antisemitisch! Fall geschlossen.

In der nächsten Ausgabe: Das Königreich NeuDeutschland