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Mal nicht davon absehen: Sexismus liegt in der Luft

Tiezah erzählt von ihrem Abend bei der Veto-Eröffnungparty, weil sie über Sexismus nicht hinweg sehen will und es ihr scheiße damit geht, dass sie am nächsten Morgen schon wieder allein in den Trümmern der Gefühle von Angst und Wut aufgewacht ist. Das zu benennen ist ein offensiver Akt, der Mut (und Zeit und Nerven…) erfordert.

„Mal abgesehen davon war doch die Party schön, oder?“ fragte mich ein Freund auf dem Nachhause-Weg von der Party von Veto, Stattsschloss und Radical Print im April. Ja, vor allem der Nachmittag war auch für mich sehr schön und ich bin dankbar für die vielen Menschen, die den Tag möglich gemacht haben. Trotzdem war es auch mal wieder scheiße.

Was ist denn eigentlich los gewesen?

Die Party ist in vollem Gange, die Stimmung gut. Der erste DJ nach den Bands legt auf. Der kleine Raum füllt sich, die Leute tanzen. Berührungen sind fast unvermeidlich. „Ui, ist das dunkel hier!“, denke ich, weil ich die Menschen um mich herum nicht sehen kann. Auf der einzigen Lichtquelle neben dem DJ liegt eine dicke Jacke. Was tun? Mit einer Freundin nehmen wir die Jacke runter und ernten böse Blicke. Wir entscheiden uns einen dünneren Stoff aus dem Umsonstladen zu holen. Dann würde es hell genug sein, um den hier nötigen Ausruf „Ich will Eure Hände sehen“ (und wissen zu wem sie gehören und was sie in meiner unmittelbaren Nähe machen) nicht von Seiten der Bühne zu rufen, sondern um uns zu schützen. Gleichzeitig würde es dunkel genug sein, um es den Feiernden trotzdem zu ermöglichen ausgelassen zu tanzen – ohne das grelle Stehlampenlicht und die damit verbundenen potentiell bewertenden Blicke anderer. Kaum mit dem Umbau angefangen, werden wir angemotzt und/ oder in Rechtfertigungsdruck gebracht. Ok. Das eigene Tanzen breche ich ab, die Mission zur Gestaltung der Party ist aber zunächst erledigt. Ich gehe erstmal was trinken.

Später schaue ich erneut zur Tanzfläche. Der Weg in den Keller ist stockduster und verstellt mit Glasflaschen, die Gäste trotz Selbstorganisations-Anspruch – mal wieder – nicht selbst zurück gebracht haben. Ein bisschen gefährlich und mehr Arbeit für die Leute, die morgen die Flaschen und Glassplitter aufräumen. Da diese Arbeit oft von Frauen* gemacht wird, ist es „normal“, dass sie übersehen wird und keine Aufmerksamkeit bzw. vorsorgliche Beteiligung erhält.

Und der bereits vorhin von uns verstärkte Lampenschirm ist wieder von einer lichtundurchlässigen Jacke überlagert. Shit. Der cis-männliche DJ bekommt eine Menge Applaus. (Bei sieben Musik-Acts standen nur bei einer Band auch Frauen* auf der Bühne.) Aber kein Platz zum Entspannen für mich! Der Gedanke an Übergriffe kann von manchen ausgeblendet werden, von anderen nicht.

Naja, meine Cola ist eh leer. Vor mir an der Bar bestellt ein Typ*. Dass es ein Typ ist merke ich daran, dass er diese sexistische Ansprache benutzt und sich männlich konnotiert bewegt und verhält. Die Begrüßung: „Hallo, schöne Frauen“. Ok. Es war nicht an mich gerichtet, deshalb will ich nicht aggressiv werden. Ein verständnisvolles Erklär-Bär-Spielen für den Typ, der nicht versteht, warum das sexistisch ist, schaff ich nach der Panzerfahrt von eben nicht mehr. Auf meine kurze Konfrontation hin stößt sein erster Einwand „Das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen…“ schnell auf meine Überforderung.

Eine in der Nähe stehende Person, die ich anspreche, reagiert verwirrt statt parteiisch. Zum Glück bin ich hier nicht fremd, sondern kenne einige Leute gut genug, um nicht vollkommen verloren zu sein. Von einer Freundin weiß ich, dass es ein Awareness-Team gibt. Eigentlich sollte Awareness eine Aufgabe von Allen sein. Aber die Erfahrung zeigt, dass Bier mit einer „Kasse des Vertrauens“ keine Soli-Kohle rein bringt und es auch im Awareness-Bereich gut ist, wenn es zusätzlich Verantwortliche gibt, die nüchtern bleiben, um sich für solcherlei Situationen bereit zu halten. Die von mir angesprochene Person empfängt mich einerseits mit offenen Ohren, andererseits mit Zuständigkeitsfragen und verweist auf ihre Kollegin*. Hm, das scheint nachvollziehbar vor dem Hintergrund, dass sich für eine für 14 Stunden plus X geplante Party nur zwei Personen ohne Schichtwechsel für Awareness eingetragen haben. Auch Barschichten von vier Stunden sind für eine möglichst gleichverteilte Beteiligung an der Arbeit für die Party mit Selbstorganisationsanspruch zu viel. Aber für ein (so kleines) Awareness-Team ist das ein No-Go, weil die Aufmerksamkeit und Handlungsfähigkeit wahrscheinlich nicht oder nur mit großer Anstrengung gewährleistet sein können.

Und dann auch das noch: der Awareness-Beauftragte erklärt mir, dass er die Diskussion mit dem Typen leider nicht führen könne, weil er nicht wisse, was daran sexistisch sei und er diese Begrüßung gelegentlich selbst verwende und zwar gender-unabhängig. Schließlich kenne er die Selbst-Identifikation aller seiner Bekannten und könne damit passgenau einschätzen, ob er „schöne Männer“ oder „schöne Frauen“ sage. Wieder ein sinngemäßes „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“, nur mit anderem Wortlaut und gleichzeitig ein unausgesprochenes „Ich als Mann habe die Möglichkeit, das Problem ganz allgemein zu formulieren“ und damit zu entkräften.
Außerdem sei die Diskussion betroffenheitsbedingt lieber von einer Frau* zu führen oder zumindest bräuchte er vorher den Auftrag einer der direkt mit der plumpen Begrüßung adressierten Barkeeper*innen, die aber gerade sichtlich mit Bierausschank beschäftigt sind. Dass auch ich, als nicht unmittelbar adressierte Person, die sexistischen Äußerungen anhören musste, reicht ihm nicht als Auftrag. Wenn jemand andere diskriminierende (z.B. rassistische oder homophobe) Äußerungen macht, wäre bei den gleichen linken Aktivist*innen eine Intervention selbstverständlicher. Bei Misogynie, also Frauenhass, gibt es diesen genauso wichtigen Beißreflex leider nicht.
Also erkläre ich hier mal, warum ich solche Ansprachen politisch falsch finde:

1. „Hallo“:

Dagegen ist nichts einzuwenden.

2. „Schön“:

Schön zu sein in Gesichts- und Körperform, sowie Style, ist eine beschissene lookistische Norm, die auf der Auf- bzw. Abwertung von Personen wegen ihres Aussehens (engl. Look) beruht. Dies wirkt sich in der Dominanzgesellschaft zum Beispiel auf die Wahrnehmung von sexueller Attraktivität und sonstiger „Beliebtheit“, auf die Bezahlung der eigenen Arbeitskraft oder auf die Höhe von Geld- oder Gefängnisstrafen aus.

Seit meinem Teenager-Dasein kämpfte ich unbewusst vor allem mit mir selbst darum, mir möglichst wenig Gedanken um mein Aussehen zu machen und möglichst wenig Energie da rein zu stecken. In diesem Rahmen habe ich unter anderem über Jahre darauf verzichtet Ohrringe zu tragen, jegliche Art von Schminke zu nutzen oder irgendwelche T-Shirts mit Aufschrift anzuziehen. Später wurde daraus eine bewusst in Kauf genommene Anstrengung, mir den eigenen lookistischen Blick abzugewöhnen.

Sowohl in der „Außenwelt der normalen Gesellschaft“ als auch in linken Räumen findet diese Beurteilung statt. Die Zahl an Menschen aller Geschlechter* mit diagnostizierten Essstörungen oder dem Wunsch nach Schönheits-OPs steigt statistisch im Kapitalismus.

Aber „schön Sein“ ist dabei traditionell vor allem Aufgabe von Frauen*. Wer sich schick macht, sei oberflächlich und „leicht zu haben“. Wer es nicht tut, sei hässlich (auch zu wenig weiblich) und unbeliebt.

Die so selten erfahrene Wertschätzung von FLITs bzgl. unserer wirklich persönlichen Eigenschaften (und damit meine ich nicht unseren Haarschnitt) oder unseres konkreten Tuns wäre eine für mich erfreulichere Anerkennung. Dies würde vielleicht dazu führen, dass sich mehr FLITs in gemischten Zusammenhängen engagieren, statt sich zurück zu ziehen oder oder es als pure Anstrengung zu empfinden, in gemischten und somit zumeist von cis-männlichen Leuten dominierten Zusammenhängen unterwegs zu sein. Sich als FLITs zu organisieren, scheitert öfter an der politischen Schwäche innerhalb der ohnehin politisch kaum wahrnehmbaren linken Zusammenhänge.

Sollte sich das „schön“ auf nicht-äußerliche Aspekte bezogen haben, dann ist der Zeitpunkt verpasst, es zu konkretisieren. Denn, dass Du es schön findest an der Bar bedient zu werden, sagt (erst bei genauerem Überlegen) mehr über Dich aus, als über die adressierten Personen, die Du kommentiert hast.

3. „Frauen“:

Ich = Frau? Ich weiß nicht genau. Auf die Frage welches Pronomen ich bevorzuge, stimme ich mangels guter (und einfach verwendbarer) Alternativen dem „sie“ zu. Vielleicht auch um mich vom „er“ abzugrenzen, denn mit Männlichkeit will ich so wenig wie möglich zu tun haben. Zu Männlichkeit zählt für mich zum Beispiel sexistisches Verhalten, wie das von dem o.g. Typ an der Bar oder männliche Verbündelung. Auch wenn das mal mehr, mal weniger schwer zu fassen und irgendwie doch situationsabhängig ist und gewiss auch von anderen Gendern manchmal gemacht wird (es bleibt trotzdem der Rahmen von hegemonialer Männlichkeit), zählt darunter auch dominantes Verhalten, die Abgrenzung von Emotionalität und Stärke als Anspruch an sich und an die Welt usw. usw..
Was mich sicherlich zur Frau macht, ist nicht in erster Linie meine Vulva, sondern vor allem, die gemeinsame Erfahrung als solche unterdrückt zu werden. Dabei grenze ich mich nicht so stark wie nötig von der zweidimensionalen Geschlechternorm (die abgeschafft gehört) ab. Die Unterdrückungserfahrung zu benennen und sichtbar zu machen, meine ich trotzdem als Akt von queerfeministischer Solidariät.

Deshalb möchte ich hier klar stellen, dass dies kein Freibrief für meine cis-männlichen Genossen ist, mich als „Frau“ anzusprechen – auch wenn ich ständig typische Frauenarbeiten übernehme. Fast immer erfülle ich meine revolutionäre Pflicht als als aktivistische „Service-Kraft“ bzw. Care-Workerin hinter den Kulissen an der Theke, im Antirepressionsbüro, als (überproportional häufige) Protokollant*in oder Moderator*in im Plenum, emotionale Beratungs- und Unterstützungsstelle meiner Mitaktivist*innen, Infrastruktur-Organisator*in oder dergleichen.

4. „Das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen…“

Dieser Satz hatte in den letzten Jahren Hochkonjunktur bei der Rechtfertigung von rassistischer und nationalistischer Scheiße und ich habe ihn eindeutig zu oft gehört. Sowohl dieser Satz als auch die inhaltliche Resistenz mit Abperl-Effekt bzgl. Misogynie lösen bei mir Gewaltphantasien aus, die über respektlose Begrüßungsformulierungen hinaus gehen.

2.+3.=5. „schöne Frauen“:

Diesen und ähnliche Ausdrücke höre ich überproportional häufig im Kontext von „Anmachen“ durch Männer oder in ähnlichen vergleichbar unangenehmen Situationen. Unsere Körper sind dem permanenten Zugriff der Öffentlichkeit ausgesetzt – durch Kommentierungen, durch Anforderungen oder auch durch direkte (fast immer ungefragte) Berührungen.

Vergewaltigungskultur liegt in der Luft, die wir atmen und macht auch an der Veto-Tür keinen Halt.

Zum Einen bringe auch ich meine Erfahrungen und Ängste untrennbar von meiner Person mit. Von klein auf habe ich gelernt nicht zu widersprechen, wenn der überall präsente, freundliche Sexist sagen darf, was er für nett hält. Höflich ist es, nichts daran in Frage stellen. Dankbar lächeln soll ich für das Kompliment. Eine kurz gefasster Bericht über alle konkreten körperlich sexistischen Übergriffe (verschiedener Qualitäten), die ich erfahren habe, wäre länger als dieser Artikel.

Zum Anderen stellen sich Verhaltensweisen und Strukturen auch im Veto immer wieder in sexistischer und bedrohlicher Weise her, die hier versucht werden zu bekämpfen. Als Norm und damit verbundene Alltagspraxen bestehen sie trotzdem in einer Kultur, in der die Objektifizierung von nicht-männlichen Körpern akzeptiert wird. Folgende Bilder sind bereits in allen Köpfen der Gesellschaft mehr oder weniger drin: Schön seien Frauen vor Allem dann, wenn sie passiv sind, d.h. sich dem Schicksal als sexueller Gegenstand ergeben. Verführerisch (also zur Nutzung als Sexobjekt einladend) seien ihre nackte Haut und ihre Blicke; auch wenn Bikini-Modells, im Gegensatz zu mythologischen Malereien von Frauenkörpern, heutzutage sogar direkt in die Kamera schauen dürfen. Körperliche Nähe und Sex ohne expliziten Konsens sei „das normalste der Welt“.

Insofern scheint es mir nicht übertrieben (auch bei rationaler Prüfung meines schlechten Gefühls) beim Hören von Zuschreibungen und Kommentierungen, Angst zu bekommen.

Wir haben uns daran gewöhnt – haben die anstrengende Wahl zwischen Rückzug, Verdrängung und Abwehr. Ich habe mich für Abwehr entschieden. Dies hatte ewige Diskussionen mit dem Typen von der Theke zur Folge, die zu meiner Entlastungen von der oben erwähnten Freundin aus dem Awareness-Team geführt werden musste, während ich mich mit dem anderen Typ aus dem Awareness-Team abmühte.

Was ich mir wünsche:

A. Dass die ignoranten Typen die Fresse halten! Zum Einen meine ich dies generell auf sexistische (und anderen Scheiß-) Äußerungen bezogen. Und zum Anderen, wenn Ihr auf beschissene Äußerungen hingewiesen werdet, kann es hilfreich sein nicht als erstes zu widersprechen oder sich zu rechtfertigen. Macht Platz auf der Tanzfläche und in Euren sozialen Positionen für linke FLITNQ*.
Wer die bessere Welt befürwortet, könnte ja auch dankbar für die Konfrontationen und Reflexionsanstöße sein und sich belesen, erklär- und diskussionsbereite Mitmenschen fragen oder auch bei feministischen Workshops mitmachen. Wem das eh egal ist, hat meines Erachtens im Veto nichts zu suchen.
B. Dass meine Freund*innen wissen, wie dankbar und wertschätzend ich bin für die gemeinsame schöne oder harte Zeit und die gegenseitige Unterstützung und das viele Lernen durch einander. Heute vor allem die eine, die so oft – wie auch an diesem Abend – die äußerst anstrengende Awarenessarbeit macht – sowohl auf Zecken-Parties, als auch jeden Morgen spätestens sobald sie ihr Haus verlässt.

… und dass wir uns gegenseitig darin bestärken, genauer hin zu schauen, wie Sexismus funktioniert, den Blick für unsere Bedürfnisse zu schärfen und zu analysieren, wie unsere Erfahrungen uns hier beeinflussen. Das ist die Grundlage, um gemeinsam zu überlegen, wie wir damit kollektiv umgehen können.


„Awareness“:
engl.: to be aware = bewusst/ aufmerksam sein.
Ein Awareness-Team beschäftigt sich aktiv mit der Vermeidung oder Bekämpfung von diskriminierenden Bedingungen und Verhaltensweisen wie z.B. rassistischen, sexistischen (d.h. misogynen, patriarchalen, transphoben und homophoben) sowie ableistischen usw. Übergriffen und unterstützt die Betroffenen.
Sie sind bis unter die Zähne mit Argumenten gegen die strukturell besonders häufig vorkommenden Herrschaftsmechanismen (wie Rassismen, Sexismen usw.) bewaffnet und intervenieren bei besonders auffälligen Äußerungen.
Ihre Wirksamkeit für herrschaftsärmere Räume kann und muss unterstützt werden durch vorherige Überlegungen bei der Veranstaltungsplanung: zum Beispiel zu Inhalt und Repräsentationsfragen von Bands und Referent*innen (indem nicht nur weiße cis-Männer auf der Bühne stehen, die ihre exklusive Sicht auf die Welt kundgeben), zu Raumgestaltung (z.B. Lichtverhältnisse, Toilettensituation …) oder zu Kommunikationsverhalten, Entscheidungsfindung und Arbeitsteilung sowie zur Einladungspolitik.

News

Januar, Erfurt: Standortkampagnen (symbolisch) keinen Raum lassen
Auf einem Solikonzert für „watch the med“ am 3.12.2016 im Filler schneidet ein Antira-Aktivist die Logos von „LAP“, „Denkbunt“ und „Stadt Erfurt“ aus einem „Refugees Welcome“-Banner, das an der Bühne hängt. Er verweist auf Abschiebungen, (institutionellen) Rassismus und die Heuchelei, die politisch verantwortliche Kräfte mit der Finanzierung solcher Banner betreiben. Im gleichen Atemzug bewirbt er eine Break Deportation-Veranstaltung, um die Selbstorganisierung von Geflüchteten als politische Praxis zu supporten: „Hört den Geflüchteten zu, lernt aus ihren Kämpfen und von ihrer Solidarität. Selbstorganisation ist keine Alternativlosigkeit der armen nicht-Partei-/Gewerkschaftsmitglieder, sondern eine bewusste Entscheidung, Kämpfe für alle und mit allen zu führen.“ Die politische Erklärung mit deutlichen Abgrenzungs- und Aktionsvorschlägen: http://bit.ly/2oBpaXf

Januar, Erfurt: Neue Antifa-Gruppe tritt in Erscheinung
Mit „Dissens“ gibt es endlich antifaschistischen Nachwuchs für die linksradikale Szene der Kackstadt. Die Gruppe initiiert ein monatlich stattfindendes offenes Antifa-Café im VETO zum Treffen, Vernetzen und Organisieren.

4.1.17, Suhl: Gedenken an antifaschistischen Widerstand
Der Landesverband des VVN/BdA organisiert anlässlich des Jahrestag der Ermordung von Mitgliedern einer Suhler Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime eine Veranstaltung am Gedenkstein für die ermordeten Antifaschisten bei der Friedberg-Siedlung. Ein knappes Dutzend Menschen wohnen dem Gedenken an die am 5. Januar 1945 durch die Nazis im Lichthof des Landesgerichtsgefängnisses Weimar hingerichteten bei.

14.1.17, Meiningen: Brandstiftung in Wohnhaus von Flüchtlingen
Im Wohnhaus eines Viertels, in dem überwiegend Geflüchtete leben, werden zwei Kinderwagen in Brand gesteckt. Das Gebäude wird von der Feuerwehr evakuiert, verletzt wird niemand.

27.-29.1.17, Jena: Refugee Black Box
The Voice  Refugee Forum, Aktivist*nnen der Flüchtlings- / Migrant*nnengemeinschaft in Deutschland diskutieren mit Anti-Abschiebeaktivist*innen eine Agenda zur Planung des Veranstaltungsprojekts “Black Box Solidarity – die ununterdrückbare Stimme und Kraft der Gequälten“. Ziel ist, die Graswurzelkämpfe der Flüchtlingscommunitybewegung zu einer konkreten und ermächtigenden Waffe der politischen Solidarität zu entwickeln.

31.1.17, Ilmenau: Nazisprühereien an arabischem Geschäft
Ein Geschäft für arabische Spezialitäten wird mit Nazisymbolen besprüht. Die Aktion reiht sich ein in seit Ende 2016 vermehrt stattfindende rassistischen Beleidigungen und Angriffen.

Februar/März, Thüringenweit: Veranstaltungen zum Frauen*kampftag 2017
Das seit vier Jahren bestehende Frauen*kampftagsbündnis organisiert 35 Veranstaltung in ganz Thüringen, die großen Zulauf erfahren.

10.2.17, Weimar: Antifademo „Organize“
Die Antifaschistische Koordination Weimar organisiert am Vorabend des kurzfristig abgesagten Naziaufmarsches zur Bombardierung Weimars eine Antifademo durch die Stadt, um sich damit bewusst von anderen am Folgetag geplanten Protesten abzugrenzen. Dem Aufruf folgen ca. 120
Teilnehmer*innen.

11.2.17, Erfurt: Kundgebung gegen Abschiebungen nach Afghanistan
Am Fischmarkt findet eine Kundgebung im Rahmen bundesweiter Protesttage gegen die Abschiebepolitik der BRD statt. Elf Tage später wird konkret gegen eine Sammelabschiebung am gleichen Tag nach Afghanistan protestiert. Ein sofortiger Abschiebestopp in das sogenannte „sichere“ Herkunftsland wird gefordert.

März 2017, Erfurt: „Kammler und Co.“ keine „organisierten Asylkritiker*innen“?
Radio F.R.E.I. hätte einen Interview-O-Ton nicht senden bzw. weiterverbreiten dürfen. Dies bestätigt ein durch Feststellungsklage erwirktes Urteil. Damit behält die Unterlassungsaufforderung des Tobias Kammler, ehemaliger Thüringer NPD-Landesvorsitzender, teilweise ihre Gültigkeit. Doch Radiomachende sollen Rechtssicherheit erlangen, das Verfahren geht nun vor das OLG Jena.

4.3.17, Gotha: Nazis schmeißen Scheibe ein
In der Nacht zu Sonntag greifen Nazis das Wohn- und Kulturprojekt Ju.w.e.L. e.V. an. Eine Scheibe wird eingeworfen, bevor die Angreifer wieder flüchten. Verletzt ist niemand.

14.3.17, Erfurt: Nazi greift Syrer und Punk an
Nachdem im Januar ein Filmteam des MDR-Magazins Exakt im Stadtteil Rieth von Nazis angepöbelt und ein syrischer Journalist über den Platz der Völkerfreundschaft gehetzt wurde, schlägt einer der beteiligten Nazis auf einen schnorrenden Punk auf dem Anger ein.

22.3.17, Marbach: Holzkreuze fallen – Bagger statt SPD/Linksjugend-Fahnen
Neben dem Baugrund für eine geplante Moschee in Erfurt-Marbach stellen Nazis riesige Holzkreuze auf. Die Antifaschistische Koordination Erfurt entdeckt darin Ku-Kux-Klan-Kreuze. Kurz vor der geplanten Demonstration lässt der Eigentümer des Grundstücks die Kreuze entfernen. So zieht am 22.3. nur ein kleines Häufchen Demonstrant_innen, vorwiegend aus dem Partei- und Verbandsspektrum nach Marbach.

6.4.17, Jena: Sponti gegen neues AfD-Büro in der Krautgasse
Am frühen Abend versammeln sich ca. 70 Menschen auf dem Campus, um gegen das neu eröffnete AfD-Büro zu demonstrieren. Die Lage in der Krautgasse ermöglicht es, den Neofaschisten künftig sehr direkt mit Nachwuchs-Rechten wie z.B. Burschis in Kontakt zu treten und bedeutet eine enorme politische Legitimität für sie in Thüringen. Dagegen richtet sich der spontane Protest mit den Slogans „Kein AfD-Büro, nicht in Jena, nirgendwo!“ und „Mutig in die Zukunft schauen, Alternativen zu Deutschland bauen!“

8.4.17, Erfurt: Veto-Neueröffnung, Stattschloß und Radical Print Geburtstage
Mit einem abwechslungsreichen Programm werden drei Anlässe zusammen gefeiert. Während das Veto endlich umgezogen ist und fast alle Baustellen abgeschlossen sind, feiert das Hausprojekt „Stattschloß“ ein Jahr Schlüsselübergabe und Radical Print drei Jahre Bestehen. Prost und Glückwunsch!

KüfA* in Erfurt: Suppen-, WG-, Armen- oder politische Küche!?

Einige waren schon einmal da, andere haben schon mal von gehört, wieder andere können sich eine Woche ohne KüfA* gar nicht vorstellen. Aber was ist das eigentlich? Sitzen da nur irgendwelche Leute zusammen und kochen kostengünstig für sich? Und warum gibt es sie eigentlich schon so lange? Im folgenden Interview mit Klara KüfA* findet ihr den Versuch, Sinn und Zweck der Gruppe auf den Grund zu gehen.

In der letzten Lirabelle hieß es, Küchen für Alle seien Suppenküchen. Ist das denn bei euch auch so?

Klara KüfA*: Natürlich kochen wir auch mal eine Suppe, das heißt aber noch lange nicht, dass die Erfurter Küche für Alle* (KüfA*) eine reine Suppenküche ist. Beispielsweise zaubern wir auch mal veganen Gulasch mit Rotkohl und Klößen oder praktizieren ein rundes Buffet mit warmen und kalten Speisen. Auch kochen wir nicht, um preisgünstige Mahlzeiten an Menschen mit geringen finanziellen Mitteln ausgeben zu können. Uns geht es um etwas ganz anderes: Die KüfA* ist eine Mitmachküche, in der zusammen vegan gekocht und ein Austausch zwischen den Anwesenden sowie eine Politisierung angeregt wird. Es ist aber kein „Muss“ über politische Themen zu diskutieren, es passiert nur oft automatisch, da schon die vegane Ernährungsweise genügend politischen Gesprächsstoff bietet. Richtig ist aber, dass Leute mit wenig Geld günstig oder auch kostenlos essen und sozialen Kontakt pflegen können. Das ist möglich, da die KüfA* solidarisch organisiert ist, sich unsere Besucher*innen zwar an einer Spendenempfehlung orientieren, aber auch mehr oder weniger geben können.

Grundsätzlich ist die KüfA* ein offener Raum für Alle, der aber keinen Platz für rassistische, sexistische etc. Diskriminierungen bieten möchte. Die KüfA* will Leute mitnehmen und zum selbstständigen Denken anregen und nicht in ein ideologisch vorgeprägtes Muster stoßen. Das versuchen wir, indem wir regelmäßig durch Koch- und Soliaktionen sowie Leihgaben politische Veranstaltungen und Projekte unterstützen. Wir haben uns beispielsweise bei Workshops/Vorträgen zu Themen wie Racial Profiling, NSU und Antimilitarismus engagiert, Soliaktionen für Prozess- und Abschiebekosten gestartet, bei AktionsKüfA*s und Festen wie dem Wagenplatzfestival, Care Revolution sowie zum Sommerfest der Kommune Kromsdorf die leeren Bäuche der Gäste gefüllt oder unsere Kochutensilien für unterschiedliche Aktionen wie dem Hilfskonvoi Idomeni zur Verfügung gestellt. Dazu findet die Erfurter KüfA* regelmäßig, immer dienstags ab 18 Uhr an unterschiedlichen Orten statt. Häufig kochen wir jedoch im neuen “Veto“, in dem wir ein neues Zuhause für die KüfA* gefunden haben.

Und worum geht es euch im Kern?

Klara KüfA*: Es macht einfach Spaß, zusammen immer wieder neue Mahlzeiten zu kreieren. Die KüfA* ist ein Ort zum Treffen, Abhängen und Austauschen. Wir finden uns zusammen, entwerfen Rezepte, kaufen ein und verwenden wenn möglich Lebensmittel, die der Handel aus dem Verkehr gezogen hat, schnippeln, kochen und mampfen mit Besucher*innen, verursachen i.d. Regel riesige Abwaschberge und nutzen dabei die Gelegenheit, politisches Engagement mit Köstlichkeiten zu verbinden.

Gibt es einen Haken an der KüfA* oder was seht ihr kritisch?

Klara KüfA*: Einen Haken sehe ich nicht unbedingt, aber es gibt auch zu beachtende Besonderheiten. Beispielsweise ist die KüfA* auf freiwilliger Basis organisiert. Das bringt viele schöne Seiten hervor, trägt aber auch dazu bei, dass wir nicht überall teilnehmen können oder stetig erreichbar sind. Gerade im Sommer sind viele unterwegs, engagieren sich bei anderen Projekten oder wollen auch mal nichts tun. Hinzu kommt, dass wir durch den Umzug in die neuen Räumlichkeiten die großartige Möglichkeit haben, diese ganz neu zu gestalten, aber dadurch auch Kochlöffel und Hammer abwechselnd schwingen. Das alles trägt auch mal dazu bei, dass die KüfA* ab und an nicht wöchentlich umgesetzt wird oder Ort und Zeit erst spät mitgeteilt werden.

Auch fehlt uns noch ein Selbstverständnis der KüfA*. Wir haben zwar den Konsens, dass wir immer vegan kochen, was für Einige mehr und für Andere weniger eine Herzensangelegenheit ist. Über andere Fragen, wie z.B. ob und wie viel wir regionale oder Bioprodukte verwenden, haben wir noch keine Verständigung. Wir haben aber ein Auge auf Aspekte wie die Verwendung von diesen Produkten, das Machbar-Halten der Spendenempfehlung und die Realisierung des politischen Engagements unter einen Hut zu bekommen. So sieht letztendlich jede KüfA* ein bisschen anders aus.

Und was für Leute kommen so zur KüfA* zusammen?

Klara KüfA*: Wer die KüfA* umsetzt, hat sich über die Zeit verändert. Meist sind es Leute, die sich politisch engagieren oder gern ausprobieren wollen für eine Menge von Menschen etwas Leckeres zuzubereiten. Wenn ich so zurückblicke, ist die KüfA* für Einige ein Einstieg in die linke Szene gewesen. Die KüfA* findet seit mehr als 10 Jahren praktisch in unterschiedlichen Settings statt; es gab sie ja schon im Besetzten Haus Erfurt. Durch die Umbenennung von Vokü in KüfA – ich glaube, das war 2004 – wurde die Erfurter Küche für Alle bundesweit bekannt und hat eine Debatte um den Begriff “Volksküche“ ausgelöst. Naja und dann nach der Räumung 2009 verstand sie sich als Konstante, um die Menschen zusammen zu halten und tut es teilweise immer noch. Viele kennen dadurch die KüfA* und kommen nach Jahren wieder.

Die KüfA* besuchen Personen mit den unterschiedlichsten Beweggründen. Zum Teil wollen sie mit Freund*innen einen gemütlichen Abend verbringen, nicht allein, nur für sich selbst kochen und speisen, sich engagieren und/oder Lebensmittel vorbeibringen oder sich einfach nur unterhalten und austauschen: Wann ist eigentlich die nächste antifaschistische Demo oder Aktion, was geht eigentlich in Erfurt, wollen wir nicht mal…? Aber auch was alltägliche Solidarität betrifft, also wenn mensch zum Beispiel gerade Stress mit Ämtern hat, können hier Leute mit ganz verschiedenen Hintergründen ihren Senf dazugeben und schauen, was getan werden kann. Zusammen kommen Groß und Klein von 0 Jahren bis 50+ und mehr, Studierende, Erwerbstätige, Erwerbsfreie, Freigeister, Künstler*innen, Neuankömmlinge, feste Freundeskreise und diverse Vierbeiner. Auch andere Gruppen, mit denen wir mal was zusammen umsetzen, wie das Foodprojekt der L50, schauen vorbei.

Grundsätzlich sind bei der KüfA* alle willkommen, egal ob sich beteiligt, sich unterhalten oder kostengünstig gespeist werden soll. Da nur vegane Speisen auf den Tisch kommen, können auch Veganer*innen, Vegetarier*innen und Menschen, die unterschiedlichen Religionen angehören, ordentlich zulangen. Insofern Unverträglichkeiten bestehen und uns mitgeteilt werden, versuchen wir natürlich auch hierfür eine Lösung zu finden.
Wir freuen uns über alle neuen und alten Gäste, Anfragen und Unterstützung. Ort und Zeit der kommenden KüfA*s kann über die Webseite des Vetos veto.blogsport.de recherchiert werden. Gern kann man uns über die Mailadresse veto@riseup.net oder einfach direkt bei einem Besuch ansprechen.

News

17.12., Erfurt: Geflüchtete aus Somalia fordern Teilhabe und Bleiberecht
120 Geflüchtete aus Somalia demonstrieren vor dem Landtag und der Ausländerbehörde. Mittels Sprechchören und Redebeiträgen weisen sie auf die gefährliche Situation in ihrem Herkunftsland hin. Von den politischen Verantwortlichen in Land und Bund fordern sie Freizügigkeit für ihren Aufenthalt und Bleiberecht, statt die Zeit ohne Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe in Lagern verbringen zu müssen.

Januar, Erfurt: Härtefallkommission lehnt Antrag von Radmila ab
„Deutschland soll mir schriftlich geben, dass mein leben in Serbien nicht gefährdet ist!“ Radmila erklärt, sie werde trotz der negativen Entscheidung weiter für ihr Recht kämpfen, in Deutschland bleiben zu können. Kurz darauf äußert sich Shani Haliti, ebenfalls Aktivist bei Roma Thüringen, er trete für die gegenseitige Unterstützung und den gemeinsamen Kampf um Bleiberecht ein. Er fordert, alle Roma bleiben hier!

13.1., Erfurt: AfD, kreativer Protest und Naziangriff
Zum ersten Mal in 2016 veranstaltet die AfD eine Kundgebung auf dem Domplatz, etwa 2400 völkische Nationalist*innen kommen. Die „Mutbürger“ werden aufgefordert von „linken Provokateuren“ Fotos zu machen und den Ordnern zu übergeben. Die Gegenaktionen beginnen bereits in der Nacht zuvor als Unbekannte Straßenbahnhaltestellen in der Innenstadt mit großflächigen Plakaten verschönern, z.B. Höcke als „Nationalistischer Rattenfänger“ und „Kein Mensch ist illegal“. Zur Gegendemo kommen etwa 500 Menschen, eine anschließende Kundgebung am Anger muss wegen Sicherheitsbedenken vorzeitig aufgelöst werden. Am Hauptbahnhof greifen ca. 20 Nazis – bewaffnet u.a. mit einem Elektroschocker – eine Gruppe Antifaschist*innen an, mehrere Personen werden verletzt.

21.1., Erfurt: Neonazi als Sozialarbeiter auf Herrenberg
In der alten Kaufhalle in der Stielerstraße 1 unweit der „Kammwegklause“ eröffnet der Verein „Volksgemeinschaft Erfurt e.V.“ Räumlichkeiten gemeinsam mit einem Büro des NPD Stadtrates Enrico Biczysko. Angeboten werden neben Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Familien auch Neonazi-Konzerte, wie am 30.1. als überregionalen Neonazi-Bands zu Gast sind.

31.1., Sonneberg: Nazis demonstrieren gegen Asylunterkunft
Unter dem Motto „Wir sagen NEIN“ demonstrieren etwa 500 Nazis gegen die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft am Woklenrasen in Sonneberg. Gleich zu Beginn der Veranstaltung stellt der erste Redner Axel Schlimper klar, dass es sich um eine Thügida-Veranstaltung handelt und macht deren Ausrichtung deutlich, indem er bestätigt, dass er rechtsradikal und rassistisch sei. Die aus der Nachbarschaft stammenden Bürger erwägen auch dann nicht, die Veranstaltung zu verlassen, als der ehemalige NPD-Vorsitzende Günter Deckert das Wort ergreift. Nur das offene Mikrofon nutzen die in ihrer Doppelfunktion anwesenden besorgten Bürger als ebenso besorgte Eltern nicht, schließlich haben sie ihrem Unmut bereits zehn Tage zuvor offen artikuliert, als sie am 21.1. in einer Informations- und Diskussionsveranstaltung zum selben Thema eine offen rassistisch angeheizte Stimmung schaffen. Auf der Kundgebung gegen den Naziaufmarsch finden sich etwa 150 Gegendemonstrant*innen ein.

6.2., Wasungen: Karnevalsumzug als Plattform für Rassismus
Bei einem Karnevalsumzug in Wasungen sind Motivwagen rassistisch bis hin zu strukturell antisemitische gestaltet. Einer der mehren Wagen, die vorwiegend die Flüchtlingsthematik aufgreifen, sorgt dabei bundesweit für Aufsehen. Er ist gestaltet als Zug, der die Aufschrift ‚Balkanexpress‘ trägt; um ihn herum laufen als Heuschrecken verkleidete Karnevalisten. Die Staatsanwaltschaft Meiningen entscheidet sich nach Prüfung des Falles keine Ermittlungen wegen Volksverhetzung einzuleiten, schließlich handle es sich nicht um einen Angriff auf die Menschenwürde, sondern um eine provokante Reaktion auf ein aktuelles Thema. Auch einige Teilnehmer weisen den Rassismusvorwurf zurück und verteidigen die Darstellung als Meinungsäußerung, weil sie wohl nicht verstanden haben, dass Meinungsäußerungen von Rassisten eben rassistisch sind.

6.2., Weimar, alljährlich Naziaufmarsch
Aus Anlass der Bombardierung im Februar 1945 ziehen 127 Nazis in einem Trauermarsch durch Weimar. Um zu verhindern, dass Gegendemonstrant*innen auf die Route kommen setzt die Polizei Pfefferspray und Schlagstöcke ein. Die Zeitung feiert „1000 Hüter der Demokratie“.

6./7.2., Brotterode: Scheiben eingeworfen
In Brotterode bei Schmalkalden werden in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Scheiben der Unterkunft einer Flüchtlingsfamilie eingeworfen. Die Täter sind bisher nicht ermittelt.

10./11.2., Apolda / Weimar / Erfurt: Solidaritätsaktion für Nordkurdistan
Aktivist*innen aus Thüringen und Hessen demonstrieren im Rahmen der bundesweit stattfindenden Solidaritätsmärschen von Apolda über Weimar bis Erfurt. Thematisiert wird der Staatsterror des türkischen AKP-Regimes gegen Kurd*innen im Südosten des Landes. Während Krieg innerhalb der Türkei herrscht, werden unter Stillschweigen zugleich Verhandlungen zwischen EU und Erdogan über die Verwaltung der Geflüchteten geführt.
In Vieselbach werden die Aktivist*innen von der Erfurter Polizei empfangen, die Demonstration kann nicht fortgeführt werden. Der Grund: Schikane – angeblich seien Konterfeis von Öcalan generell verboten.

13./14. 02., Dörnfeld (Ilmkreis): Angriff auf Asylbewerber
Zwei mit Messern und Eisenstangen bewaffnete Männer verschaffen sich in der Nacht zu Sonntag Zutritt zu einer Flüchtlingsunterkunft, wo sie einen 20 Jahre alten Syrer antreffen und diesen leicht verletzten.

19.2. bis 23.3., Thüringen: „We don’t fight for flowers“ Frauenkampftag 2016
In Eisenach, Erfurt, Jena und Weimar finden zahlreiche Veranstaltungen rund um den 8. März statt. Das Thüringer Frauen*kampftagsbündnis organisiert zudem eine gemeinsame Anreise zur bundesweiten Demonstration am 6. März in Berlin.
Am Nachmittag des 3. März ist auf dem Erfurter Anger die Kampagne „Gewalt gegen Frauen beenden! 40 Jahre autonome Frauenhäuser in Bewegung“ zu Gast.

März, Erfurt: Ladenprojekt ‚Veto‘ zieht um
Bis auf Weiteres fallen die Öffnungszeiten von Gruppen und Co. im Veto aus. Bald wird in neuen, größeren und schöneren Räumen Wiedereröffnung gefeiert. Seid gespannt!

1.3. Weimar Thügida
110 Nazis aus Thüringen und Sachsen ziehen durch die Weimarer Westvorstadt, etwa 800-1000 Gegendemonstrant*innen. Die Nazis versuchen mehrmals auszubrechen um Antifaschist*innen anzugreifen.

4.3., Eisenach: Rohrbombe vor Flüchtlingsunterkunft gezündet
Vor einem von Syrer*innen bewohnten Mehrfamilienhaus wird von bisher Unbekannten eine zur Rohrbombe umgebaute Wasserpfeife gezündet. Auf der selbstgebauten Rohrbombe ist ein Hakenkreuz angebracht und Beleidigungen mit Filzstift vermerkt. Da keine Sprengstoffrückstände gefunden werden konnten, ermittelt die Polizei nun wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

9.3., Jena: AfD-Demo
Über 2000 Gegendemonstrant*innen gehen gegen eine Kundgebung mit 550 AfD- Anhängern auf die Strasse. Drei Bullen und mehrere AfD-Anhänger*innen werden angegriffen und verletzt. In einem Bullenauto liegt, gut sichtbar, eine Ausgabe von „Compact“, einem Magazin von Verschwörungsheinis, AfD und Pegidist*innen.

14./15.3., Bad Salzungen: Nazikundgebung I + II
Am Montagnachmittag protestieren etwa 60 besorgte Bürger auf dem Marktplatz in Bad Salzungen gegen die geplante Errichtung eines Containerdorfes als Flüchtlingsunterkunft. Anlass des Protestes ist nicht etwa der, dass geplant ist, Menschen in Container unterzubringen, sondern die altbekannte und rassistisch motivierte Angst vor Kriminalität. Am darauffolgenden Tag startet, ebenfalls in Bad Salzungen, ein für bis Anfang April anberaumter Kundgebungsmarathon der NPD mit einer Kundgebung an der etwa 150 Nazis teilnehmen.

16.3., Erfurt: AfD-Aufmarsch, Gegendemo, Blockadeversuch
Nach den für die AfD erfolgreichen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg kommen unerwarteter Weise nur 1700 Anhänger*innen, die mit Höcke, Herold und Co. zum Landtag ziehen. 30 Antifaschist*innen werden von einem Großaufgebot der Polizei bei einem Blockadeversuch von der Straße getreten. Auf der Gegendemo protestieren etwa 600 Menschen.

18.3., Untermaßfeld / Erfurt: Tag der politischen Gefangenen
Vor der JVA Untermaßfeld bei Meiningen demonstriert die Jenaer Soligruppe der Gefangenen Gewerkschaft (GG/BO), um den Aufbau der noch jungen Gefangenenbewegung im allgemeinen und ihren Sprecher David Hahn im besonderen zu unterstützen. Gefordert werden: Gewerkschaftsfreiheit hinter Gittern, Mindestlohn und Einbezug der Gefangenen in die Sozialversicherungen.
In Erfurt wird abends um den §129 StGB „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ und Ermittlungsmethoden und -techniken der Repressionsbehörden gegen Betroffene diskutiert. Ergebnis: Die Verschlüsselung von Kommunikationswegen und Datenträgern scheint eine gute Idee zu sein. Spannende Infos dazu bei systemli, ccc und riseup.

23.3., Erfurt / Frankfurt a.M.: Prozess gegen Polizisten, der Filmpiraten-Kamera zerstörte, verschoben
Während der Arbeit der Filmpirat*innen im Polizeikesseln bei Blockupy am 1. Juni 2013 in Frankfurt zerstört ein Chemnitzer Bereitschaftspolizist eine Kamera des Videokollektivs. Dafür muss dieser sich nun vor Gericht verantworten – der Prozess wurde kurzfristig verschoben. Aktuelles unter filmpiraten.org

26.3., Weimar / Erfurt: Die Rechte auf Tour
Der Thüringer Landesverband der Nazi-Partei „Die Rechte“ hält im Rahmen eines sogenannten „Antikapitalistischen Osterwochenendes“ zwei Kundgebungen ab. Dazu reisen etwa 30 Nazis u.a. aus Dessau und dem Harz an. Um die 50 Gegendemonstrant*innen verschiedener Couleur versammeln sich trotz Feiertag und Polizeiaufgebot auf dem Erfurter Anger. Die Bereitschaftspolizei ermöglicht den Nazis einen (fast) störungsfreien Ablauf.

2.4., Gotha: „You can get it“ – NPD-Aufmarsch lief ohne Störungen
Während die NPD Thüringen etwa 140 Rassisten und Nazis nach Gotha mobilisieren kann, fällt der Protest dagegen eher mager aus. Trotz guter Infostruktur nehmen an der Demonstration des antifaschistischen Bündnisses „You can get it“ nur etwa 55 Menschen teil. Mit Posaunenchor, Gewerkschaft und Linkspartei erhöht sich die Anzahl der Teilnehmenden auf etwa 140. Die Polizei kann Einzelbetreuung leisten.

Schilderpolitik

Karl Meyerbeer über das Verhältnis von Moral und Politik

Liebe Leute, sexistisches, rassistisches, homophobes, transphobes, antisemitisches, ableistisches, nationalistisches, etc. Verhalten ist hier nicht erwünscht. Wenn Ihr solches Verhalten mitbekommt oder selbst betroffen seid, wendet euch an die Menschen im veto. Wir unterstützen euch!

Dieses Schild hängt im veto, ich habe es selbst mit diskutiert und aufgehangen. Ich finde, es gibt gute Gründe, darauf zu insistieren, dass Menschen sich nicht scheiße verhalten. Aber irgendwie kommt mir das Schild doch verkehrt vor und ich möchte begründen wieso.

Gesellschaftliche Verhältnisse

Ich gehe mal davon aus, dass Rassismus, Sexismus und die anderen Ismen gesellschaftliche Verhältnisse sind. Die im Schild angesprochenen Verhaltensweisen sind eingebunden in handfeste soziale Strukturen. Sie darauf zu reduzieren, dass Menschen sich anständig verhalten, ist dagegen nur begrenzt wirksam. Sich darauf zu konzentrieren, bei Einzelnen pädagogisch zu wirken oder sie auszuschließen, wenn die Belehrung nicht greift, hat nur eine sehr begrenzte Reichweite. Schon die Formulierung macht deutlich, wie wenig diese Praxis gesellschaftliche Strukturen angreifen kann. „Verhalten“ soll draußen bleiben, und vielleicht haben wir beim Formulieren geahnt, dass rechtliche Strukturen, Eigentumsverhältnisse, Diskurse und verinnerlichte Deutungsmuster nicht vor der Ladentüre aufhören.

Die Stärke an unserem Schild ist, dass die normale Ausschluss-Logik herumgedreht wird: In jeder beliebigen Kneipe setzen Macker und Sexisten die Standards und wenn Dir das nicht passt, musst Du zu Hause bleiben. Wenigstens das soll im veto herumgedreht werden. Im schlechtesten Falle hat diese Praxis aber die Logik, die Verantwortung für das Weltböse den Einzelnen aufzubür- den – nicht mehr das Patriarchat, der Abtreibungsparagraph §218 und die sexistische Strukturierung des Arbeitsmarkts sind das Problem, sondern der Macker. Die politische Perspektive, die sich daraus ergibt, ist eine individuelle: Gelöst werden Probleme nicht durch ein kollektives Aufbegehren, sondern durch Reflexion und individuelle Verhaltensänderung. Und die schafft ein hyperreflektiertes Ich-Ideal mit der selbst auferlegten Verpflichtung, an jeder Stelle voll bewusst jede Reproduktion – alles, was die Verhältnisse abbildet – unterlässt und damit im schlechtesten Falle die Einzelnen entmächtigt – denn jede geschlechtliche Deformation aus Denken, Fühlen und Handeln auszuschließen, bedeutet oft so was ähnliches, wie den Kopf auf den Rücken zu drehen.

Die „Herrschaft des Fühlens“

In Teilen der Radikalen Linken – ganz ausdrücklich möchte ich darauf hinweisen, dass es auch das Gegenteil gibt – ist diese Konzentration auf die Einzelpersonen eingebettet in ein Klima, das ich polemisch als „Herrschaft des Fühlens“ bezeichnen möchte. Teilweise hat man den Eindruck, dass zur Beurteilung eines Konfliktes die Frage, wie sich Menschen dabei fühlen, die entscheidende Kategorie ist. Als Hinweis auf einen grundsätzlich zugewandten und empathischen Umgang miteinander ist das Fühlen ja eine feine Sache, wenn es jedoch zum Kern der Weltsicht wird, verstellt es die Sicht darauf, dass es durchaus eine Menge Leute gibt, die sich mit dem letzten Scheiß gut fühlen. Außerdem machen es viele durchaus sinnvolle und gute Dinge nötig, dass man sich auch mal schlecht fühlt – z.B. den Liebsten nicht mit der eigenen Eifer- sucht auf die Nerven zu gehen oder sich als Mann doch mal um den Haushalt zu kümmern. Gerade weil die Verhältnisse nichts Äußerliches sind, zu denen wir uns frei und unbeschwert ins Verhältnis setzen können – mit anderen Worten, weil das in den Fokus genommene Verhalten keine individuelle Entscheidung ist, sondern allzu oft ein gesellschaftlich präformiertes Skript, das abgespult wird – sind die Verhältnisse in uns drin: Es ist klar, dass es Männern leicht fällt, das große Wort zu führen, dass Frauen eher nett und lieb sind und sich kümmern, dass Bürgerkindern die Bildung in den Schoß fällt etc. etc. Demzufolge ist es klar, dass man sich nicht gut damit fühlt, gegen diese verinnerlichten, eingeschriebenen Geschichten vorzugehen. Wenn „sich schlecht fühlen mit etwas“ bedeutet, dass man dieses etwas unterlässt, droht ganz schnell die Gefahr, sich in der eigenen gesellschaftlichen Natur einzurichten statt dagegen aufzubegehren. Das soll nicht heißen, dass es nicht wichtig und richtig wäre im Kleinen anzufangen, sich selbst zu thematisieren, pädagogisch und karitativ tätig zu sein, kein Arschloch zu sein – es reicht nur nicht.

Moral als ethische Grundierung

Wir brauchen Moral als Grundlegung von gesellschaftlicher Praxis, denn wenn es nicht darum geht, dass es den Menschen gut geht, worum dann? Moral und Verhaltensregeln können auch eine gute Strategie sein, um an bestimmten Punkten Verhaltens- und Einstellungsänderungen zu erreichen. Letztlich erlaubt es das Insistieren darauf, dass das „Wie fühle ich mich“ wichtig ist, eigene Räume erträglicher zu gestalten und dem falschen Ganzen wenigstens dann und wann mal ein paar nette Stunden abzuringen. Wo Moral, Fühlen und das Kleine zur zentralen Perspektive werden, ist das kleinbürgerlicher Scheiß: „Es muss jeder bei sich selber anfangen“, ja, danke, Sozialkundelehrer. Stattdessen geht es darum, mit den vielen Ebenen von Gesellschaft umzugehen. Es gibt riesige und abstrakte gesellschaftliche Strukturen, kleine verletzliche Menschlein und dazwischen jede Menge Diskurse und Institutionen. Damit überhaupt eine Chance für Veränderung da ist, müssen wir auf jeder Ebene angreifen: nett sein und hassen, uns umeinander kümmern und gemeinsam kämpfen. Und wenn sich jemand mit diesem Text nicht gut fühlt, wünsche ich mir, dass das der Anfang und nicht das Ende der Auseinandersetzung ist.

Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem selben Problem bietet der Text „Stolz und Vorurteil“ von Ayşe K. Arslanoğlu in der Out of the Box 2 (2012)