Schlagwort-Archiv: Verschwörungstheorie

Terror unterm Aluhut

Die Attentatsserie in Paris am 13. November 2015 ist kaum ein paar Stunden alt, da tauchen schon die ersten Verschwörungsideen im Internet auf. Eine der ersten dürfte die „Menschenrechtsaktivistin“ Mary Hughes-Thompson gewesen sein. In einem Tweet schreibt sie: „Ich sage nicht, dass Israel dafür verantwortlich ist. Aber Bibi [Spitzname von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu] ist sauer wegen des europäischen Siedlungs-Boykotts.“ Und dann kommt der Klassiker aller Verschwörungsideolog*innen, die rhetorische und so viel mehr beantwortende als fragende Frage aller Frage: „So who knows?“. Tja, wer weiß es? Mit Sicherheit wissen es zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rettungs- und Sicherheitskräfte, die versuchen im Chaos der verschiedenen Anschlagsorte den Überblick zu bewahren, und auch die meisten Politiker*innen hielten sich in den ersten Stunden mit Vermutungen stark zurück. Aber Mary Hughes-Thompson, eine Initiatorin der „Free Gaza“-Bewegung, konnte dem Impuls einfach nicht widerstehen das aktuelle Weltgeschehen ihren verkorksten Wahnvorstellungen anzupassen. Ihr sollten in den nächsten Stunden noch viele berühmt-berüchtigte Kolleg*innen aus dem Aluhutkollektiv folgen. Doch bleiben wir erst einmal bei Hughes-Thompsons Theorie, dass der israelische Staat (oder verkürzt: „die Juden“) hinter den Terrorattacken steckt. Eine Theorie, die bei Terror unter eigentlich allen Terroranschlägen früher oder später von jemanden geäu- ßert wird. Dass dies bei den aktuellen Anschlägen noch größerer Bullshit ist als sonst, kann man schon an der Wahl des Bataclan-Clubs als Terrorziel sehen. Der Club hat immer wieder pro-israelische Veranstaltungen durchgeführt und die Band, die an diesem Abend im Bataclan spielte, die Eagles of Death Metal, hatte sich in der Vergangenheit immer wieder pro-israelisch geäußert. So schmetterten sie dem „Boycott Israel“-Aktivisten und Pink Floyd-Sänger Roger Waters ein deftiges „Fuck you“ entgegen, als dieser die Band dazu aufforderte ihre Auftritte in Israel abzusagen. Welches Interesse hat also der israelische Staat daran, zwei ausgewiesene pro-israelische Institutionen wie die Eagles of Death Metal und das Bataclan mit Terror zu überziehen? Die Antwort ist gleichzeitig ein wahres Zauberwort der Szene seit dem 11. September 2001: „false flag“: Jemand führt unter „falscher Flagge“ einen Anschlag durch, um den wahren Hintergrund zu verschleiern und andere zu belasten. „False flag“ erfreut sich so großer Beliebtheit in der Szene, weil auch nach dem Ende der Beweisaufnahme immer genügend Zweifel bleiben um alles und jeden als „möglichen Drahtzieher“ an den Pranger zu stellen. So macht es auch der Antisemit, Reichsbürger und Esoteriker Jo Conrad. Er hat auf Facebook schnell die Neue Weltordnung (NWO) als „Hintergrundmacht“ hinter den Anschlägen in Parisausgemacht. Natürlich nicht ohne die obligatorischen Fragezeichen und Konjunktiv-Formulierungen, denn „Ordo ab chao, Ordnung aus dem Chaos ist ihr Motto. Chaos können sie erzeugen. Ihre „Ordnung“ soll die totale Kontrolle sein, […]“ Natürlich stecken in solchen Posts auch ein paar Wahrheiten. Durch die neuen Terrorangriffe werden die Stimmen nach dem Ausbau des Überwachungsstaates wieder lauter werden. Die CSU in Person von „Kronprinz“ Markus Söder hat schon angefangen zu poltern. Und deswegen soll auch er in dieser Kolumne nicht fehlen. Macht Söder doch die „offenen Grenzen“ und Merkels Asylpolitik für die Attentate zumindest indirekt mitverantwortlich für die Anschläge. Dass die meisten Geflüchteten gerade vor diesem „alltäglichen“ Terror in ihren Ländern fliehen, blendet der bayrische Aluhutträger Söder einfach aus.
ABER bei all diesen Dummheiten, die die Verschwörungsdeppen an solchen Tagen von sich geben, gibt es auch immer wieder einen Typus, der uns schmunzeln lässt: Die Mathematiker*in unter den Aluhutträger*innen. Denn die hat das Ganze mal durchgerechnet und kommt auf folgendes Ergebnis:
11.09.2001: 1+1+9+2+1 = 14
13.11.2015: 1+3+1+1+2+1+5 = 14
Da bleibt uns also nur, an Tagen, die in der Quersumme 14 ergeben, den Aluhut aufzusetzen und in die Betonbunker zu fliehen. Das ist doch mal einwirklich guter Tipp in diesen unsicheren Zeiten.

Die Protokolle der Weisen von Zion

Die Protokolle der Weisen von Zion sind die vielleicht wirkmächtigste Verschwörungsideologie weltweit. Sie füllen die ansonsten hohlen Schädel der Knetbirnen nun schon über 100 Jahre und Versatzstücke und Motive aus den Protokollen sind in vielen anderen Verschwörungsideologien zu finden.

Das die Protokolle der Weisen eine Zusammenstellung mehrerer fiktionaler Texte ist, ist wissenschaftlich inzwischen gut belegt. Dass die Entstehungszeit Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts liegt ebenso. Doch alles weitere verschwimmt im Nebel aus Geschichte, Geheimdiensten und eben den guten alten Aluhüten. Die derzeit von der Wissenschaft bevorzugte Version sieht die Autor*innenschaft beim russischen Geheimdienst des Zaren. Anfang des 20. Jahrhunderts, als es im immer noch feudalen Russland schon ordentlich krachte, suchte das Regime des Zaren Verantwortliche, die dem Volk als Grund für ihr schlechtes Leben präsentiert werden sollten. So entstanden in Frankreich, Deutschland und Polen die Protokolle der Weisen von Zion. Gleichzeitig nutzte der Geheimdienst des Zaren, die Ochrana, die Protokolle aber auch um die Adligen und den Zaren vor „zu viel Liberalismus“ zu warnen.

Wie es sich für eine richtige Verschwörungsideologie gehört, gibt es verschiedene Versionen des Textes. Verbindendes Element bei allen ist das nächtliche Treffen der „jüdischen Führer“, die sich in den Reden ihre Pläne zur Weltherrschaft erläutern. Die Wege zur jüdischen Weltherrschaft sind aber von Version zu Version ein wenig verschieden. Häufig sind es jedoch das demokratische System, die Kulturindustrie und die Staatsverschuldung, die als Werkzeug zur Machtergreifung herhalten müssen.

Seit 1903 werden die Protokolle in Russland gedruckt und haben von dort aus einen zweifelhaften Siegeszug um die Welt angetreten. In den 1920er Jahren erlangte eine Version in den USA Ruhm und großer Verbreitung, die der Autofabrikant Henry Ford herausbrachte. Und auch die Deutschen waren nur zu gerne bereit, mit dieser Fälschung ihren glühenden Antisemitismus zu unterlegen. Obwohl der Text eine wilde Fälschung war, was schon bald nach seiner Entstehung gerichtsfest belegt wurde. 1933 bis 1935 verhandelte das Obergericht des Kanton Bern nach einer Klage des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds und der Israelitischen Kultusgemeinde Bern wegen Verstoßes gegen das bernische Gesetz über das Lichtspielwesen und Massnahmen gegen die Schundliteratur. Nach Anhörung zahlreicher Zeug*innen und Gutachter*innen war das Urteil eindeutig: Die Protokolle der Weisen von Zion seien „ein übles Machwerk, ein Plagiat und eine Fälschung.“

Allein dieses Urteil hat nichts gebracht. Noch heute werden die Protokolle in vielen Ländern reproduziert und rezipiert. Und es sind bei weitem nicht nur rechte Wirrköpfe, die die Lüge der jüdischen Weltverschwörung am Leben erhalten. Versatzstücke und Anleihen an das antisemitische Machwerk finden sich noch heute in Texten von linken Rapgruppen wie „Die Bandbreite“ über Bücher des (rechts-)esoterischen Koppverlags bis hin zu Neonazigruppierungen. Die Protokolle der Weisen von Zion sind in gewisser Weise eine gruselige Blaupause einer der ältesten Verschwörungsideologien die immer wieder modernisiert wurde. Heute ist sie die Grundlage vieler anderer Verschwörungsidologien, wie z.B. der FED-Verschwörung, der Ostküstenconnection, USrael und und und. Oder wie es Stefan Lauer einmal in Vice ausdrückte: „Alte Bauernregel: Verschwörungstheorien ohne Zionismus, jüdische Weltverschwörung oder Rassismus sind keine richtigen Verschwörungstheorien.“

Die Aluhut-Chroniken V: Der Aluhut im engeren Sinne

Wieso heißt diese Kolumne eigentlich Aluhut-Chroniken? Zum einen, weil es immer schön ist, sagen zu können „In Amerika gibt es das schon“. In den USA werden Verschwörungstheoretiker schon lange Tinfoilheads gennant – nach einer Science-Fiction-Kurzgeschichte von 1927, in der das schicke Hütchen vor Gedankenkontrolle schützt. Dazu kursieren im Internet Bilder von doof aussehenden Männern mit Aluhüten auf dem Kopf. Ob es die Abgebildeten so wirklich gibt oder hier eine ebenso fiese wie besserwisserische Internetcommunity ihr Resentiment pflegt, ist mir unklar.

Wo es die Aluhüte wirklich gibt, ist in Thüringen. Dort arbeitet eine kleine Gruppe unerschrockener Kämpfer_innen daran, über nichtletale Strahlenwaffen aufzuklären, zuletzt schön zu sehen im MDR-Boulevard-Magazin „Unter uns“ und dauerhaft präsent im Internet, wo man derzeit versucht, die Kräfte zu bündeln, um eine internationale Konferenz von Strahlenwaffen-Opfern zu organisieren.

Strahlenwaffen gibt es in jeder Größe. Für den Hausgebrauch löst die transportable Strahlenkanone Herzrasen und Unwohlsein bei der Zielperson aus. Fest zu installieren sind antennenartige Emitter, mit denen man dauerhaft die Nachbarn drangsalieren kann. Großkonzerne installieren die Waffen getarnt als Mikrowellenherd dezentral und direkt im Haus. Auf globaler Ebene betreiben Geheimdienste und Regierungen ein weltumspannendes Satellitennetz und die Funkwellen-Forschungsstation HAARP in Alaska. Ziel dieser großflächigen Strahlenwaffen ist globale Gedankenkontrolle.

Als Schutz gegen die Strahlen bietet sich ein faradayscher Käfig an, eine Hülle aus leitfähigem Metall, die elektromagnetische Wellen abschirmt. Ein Auto ist ein faradayscher Käfig. Für zuhause gibt es Gardinen mit eingewebten Metallfäden. Die Luxus-Variante ist der Orgon-Akkumulator (siehe „Striche des Teufels“ Lirabelle #8) nach Wilhelm Reich – ein mit Alufolie verkleideter Holzkasten für 1200€, der positive Energie bündeln und Strahlenwaffen abwehren kann. Wer sich das nicht leisten kann, greift zum selbstgebauten Aluhut. Aber wer an der falschen Stelle spart, ist unter Umständen nicht gut geschützt: Zum einen muss die Abschirmung eine gewisse Dicke aufweisen. Es sollte also schon die extradicke Folie sein und die am besten in mindestens fünf Lagen. Beim Falten gilt es zu berücksichtigen, dass der ideale faradaysche Käfig rundum geschlossen ist. Besser als der klassische Malerhut dürfte also das Modell „Sturmhaube“ schützen, dass zudem den Vorteil der Anonymität bietet. Je nach Form kann ein Aluhut auch so wirken, dass er EM-Wellen verstärkt, statt sie abzuschirmen – weswegen Magneto ja auch nicht irgendeinen Hut trägt. Schutz vor Gedankenmanipulation ist also Vertrauenssache und kann schnell schief gehen. Vermutlich liegt es daran, dass die wenigen Aufrechten, die sich gegen die allumfassende Manipulation wehren, von zahllosen Schafen umgeben sind, die glauben, Strahlenkanonen und globale Gedankenkontrolle seien Science-Fiction.

Aluhut-Chroniken II: König von NeuDeutschland

In Wittenberg gibt es seit September 2012 das Königreich Deutschland. Es ist momentan nur 9 Hektar groß und auf dem Gelände einer ehemaligen Klinik, aber es hat schon einen König. Dessen bürgerlicher Name ist Peter Fitzek und dieser gehört zu den obskursten Personen die die hiesige Verschwörungs- und Esoterikszene zu bieten hat. Ursprünglich hat er nach eigenen Angaben im Hotelgewerbe gelernt, sich durch einige Selbstständigkeiten gekämpft, bis er schließlich vor 14 Jahren eine Esoterikbuchhandlung eröffnete. Mit ihr schien er seine Berufung gefunden zu haben. Bald ergänzte er den Buchbestand durch Seminare aus dem Umfeld der Germanischen Neuen Medizin und von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zu den Verschwörungstheorien der kommissarischen Reichsregierung.
„kommissarische Reichsregierungen“ glauben, dass das Deutsche Reich noch immer bestehe und die Bundesrepublik nach 1945 kein richtiger Staat sei. Die meist deutsch-nationalen bzw. nazistischen Ansichten der auch „Exilregierungen des Deutschen Reichs“ genannten Gruppen sind geschichtsrevisionistisch und haben einen Weltverschwörungsansatz. Anhänger_innen der Reichsregierungen sprechen auch von der „BRD GmbH“ bzw. dem „noch immer besetzten Deutschland“ und verkaufen selbstgebastelte Ausweise, Nummernschilder etc. von ihren Fantasiestaaten. Die einzelnen „Staaten“ bzw. Gruppen liegen jedoch häufig miteinander im Streit, da jede „die einzig Richtige“ zu sein glaubt.
Während andere Reichsregierungen, wie das Fürstentum Germania oder Terra Germania, scheiterten bzw. nur im Internet existierten, hat NeuDeutschland, seit der Krönung Fitzek I. im September 2012, das Königreich Deutschland – Nägeln mit Köpfen gemacht. Statt ein paar Fantasiedokumente baut Fitzek gleich ein eigene NeuDeutsche Gesundheitskasse auf. Statt nachhaltiger Landwirtschaft mit ein paar Schafen und Hühnern, entsteht in einer Halle mit Spendengeldern ein Freie Energie-Kraftwerk [siehe Lirabelle #5]. Und statt der sonst üblichen Tauschökonomie der anderen Reichsregierungen, erschafft Fitzek mal eben eine eigene Königliche Reichsbank. Diese kommt zwar ohne Zinsen aus – denn Zinsen sind böse! – aber dafür kann man dort die – bald wertlosen – Euro noch schnell in ENGEL bzw. E-Mark umtauschen, welche in Erfurt bspw. auch im Lebensladen in der Allerheiligenstraße angenommen wurden. Der Rücktausch in Euro ist dann zwar nicht so leicht, aber wer will das denn schon?
Ganz zufrieden sind die Untertan*innen mit ihrem König aber doch nicht. Im Internet kursieren Videos die NeuDeutsche zeigen, die das Klinikgebäude verlassen wollen. König Fitzek möchte jedoch den Schlüssel nicht rausrücken. Stattdessen fordert er ein Verfahren wegen Landesverrat. Erst die Drohung die Staatsmacht der– von den NeuDeutschen ach so geschmähten — Bundesrepublik einzuschalten, lässt Fitzek einlenken. Denn mit Polizei und Justiz hat er schon mehrfach schlechte Erfahrungen gemacht. Wegen der Ausstellung königlichen Dokumente und Nummernschilder und weil er eine Sachbearbeiterin im Wittenberger Rathaus „festnehmen“ wollte, wurde Fitzek schon mehrfach zu Haftstrafen verurteilt.
Größter Gegner des ehemaligen Bundestagskandidaten und heutigen Königs ist jedoch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin). Die ist nach wie vor der Meinung, dass Fitzek und sein Trugbild von einer Bank gegen zahlreiche Gesetze verstoßen. Deswegen gab es 2013 und 2014 Razzien und Hausdurchsuchungen. Inzwischen hat sich da ein Zwangsgeld in Höhe von 3 Millionen Euro angesammelt.
Geld, welches tatsächlich in der Schatzkammer des NeuDeutschen Königs vorhanden sein könnte. Denn schließlich müssen neue Untertanen ihren Grundbesitz an das Königreich überschreiben. Und so fraglich die Bank oder die Gesundheitskasse nach deutschem Recht sind, der Verein, der das Geld einsammelt, steht auf rechtlich sicheren Füßen. Über das, inzwischen vermutlich recht staatliche Kapital des Königs, gibt es einige Vermutungen aber nur wenig Belastbares. Fakt ist, dass der dahinterstehende Verein, Ganzheitliche Wege e.V., als stimmberechtigte Mitglieder nur Fitzek, dessen Tochter und eine Stiftung NeuDeutschland führt. Der König sichert also seine Herrschaftslinie.
Doch so absurd und spaßig das ganze klingt: Die NeuDeutschen und Königstreuen des Peter Fitzek sind knallharte Revanchisten, die Deutschland in den Grenzen von 1933 wieder haben wollen und ein sehr rechtsesoterisches Weltbild frönen. Und sie haben eine Mission. Auch in Erfurt sind schon Königstreue, oder zumindest Fans, in verschiedenen kulturellen Vereinen vorstellig geworden und haben für die Idee des Königs geworben. Und die sahen nicht aus wie die üblichen Aluhut-Spinner.

Mit „Freier Energie“ zum Mond und zurück

„Freie Energie“ wurde 2013 im anarchistischen Heftchen „Zündstoff“ aus Gotha vorgestellt und wird dieser Tage auf Montagsdemos und im Internet beworben. Die Anhänger der „Freien Energie“ wollen eine Maschine bauen, die mehr Energie abgibt, als sie aufnimmt – ein Perpetuum Mobile. Als wäre das nicht schon phantastisch genug, versprechen sie dazu, dass diese Maschine leicht zu bauen und umweltfreundlich zu betreiben sei. Martin Weise über ein pseudowissenschaftliches Konzept und eine missionarische Szene.

Das Versprechen: Das Ende der Endlichkeit

„Freie Energie“ verspricht eine unglaubliche Reichweite. Es wird nicht, wie z.B. beim Blockheizkraftwerk, von einem beachtlichen Wirkungsgrad gesprochen, sondern gleich davon, dass die Maschinen einen „Over-Unity-Effekt“ erzeugen bzw. einen Wirkungsgrad größer als 1 haben. Was bedeutet das? Der Wirkungsgrad ist ein Maß für die Effektivität einer Maschine. Ein rostiges altes Fahrrad macht aus einem bestimmten Quantum Muskelenergie, das die Fahrerin aufbringt, relativ wenig Bewegungsenergie. Da es schlecht geschmiert ist, gehen ¾ der aufgebrachten Energie auf dem Weg zur Fahrbahn verloren. Damit hat es einen Wirkungsgrad von ¼, also 0,25. Ein Rennrad mit steinhart aufgepumpten Reifen bringt sofort und ohne merkliche Verluste die Muskelenergie auf die Straße – es hat einen Wirkungsgrad von 0,9, weil 90% der aufgebrachten Energie in der gewünschten Form (Bewegung) zur Verfügung stehen. Was die Ingenieure der „Freien Energie“ versprechen, ist etwas, das dem Alltagsverstand völlig widerspricht: eine Maschine mit einem Wirkungsgrad über 1, also ein Fahrrad, das mehr Energie auf die Straße bringt, als man in die Pedale eintritt. Diese Maschine würde kontinuierlich Energie abgeben – man stelle sich das vor: Ein Rad, dass einmal angeworfen bis in die Unendlichkeit schneller würde, ein Reaktor, der immer heißer würde. Was das konkret bedeutet, bleibt der Phantasie überlassen. Die sozialen Folgen wären immens. Wenn jeder Haushalt einen billigen „E-Cat“ – der Fusionsreaktor für die Aktentasche – mit dem behaupteten Wirkungsgrad 6 im Keller und damit unendliche Energie hätte, wäre es nicht mehr möglich, irgendjemandem Energie zu verkaufen. Ein riesiger Sektor würde aus der Mehrwertproduktion herausfallen, der Kapitalismus, derzeit ohnehin von der zu hohen Produktivität gebeutelt, wäre am Ende: Kapitalismus beruht auf der Vernutzung von Arbeitskraft. Produktivitätssteigerung – die Möglichkeit, mehr Waren mit weniger Arbeit herzustellen – bedeutet daher auf lange Sicht, dass der Kapitalismus sich seine eigene Grundlage entzieht. Verkürzt und anschaulich ausgemalt: Wenn ein einzelner Arbeiter 10.000 Autos mit einem Knopfdruck herstellt, während 9999 ArbeiterInnen erwerbslos sind und sich kein Auto leisten können, hat das Kapital ein Problem.

Die Logik: Verschwörungstheorie

Gehen wir davon aus, dass tatsächlich einer der Erfinder aus der Szene der „Freien Energie“ ein Naturgesetz überlistet und damit ein zentrales Problem der Menschheit gelöst hat. Die Frage ist nun: Wieso steht die Markteinführung der Geräte immer kurz bevor, wieso gibt es keine unabhängigen Gutachten, die die Wirksamkeit der Maschinen bestätigen und wieso sind die Tüftler immer noch bei den Stadtwerken angeschlossen und erzeugen ihre eigene Energie nicht mit den angeblichen Wundermaschinen?
Die Antworten aus der Szene der „Freien Energie“ sind deutlich und laufen am Ende immer darauf hinaus, dass die Erfinder von finsteren Mächten verfolgt und mundtot gemacht werden: Der im Zündstoff genannte Claus W. Turtur sieht sich z.B. als Opfer missliebiger KollegInnen. Als Dozent für Werkstoffkunde an der Fachhochschule Wolfenbüttel hat er einen unkündbaren Job. Die Hochschule setzt ihn aber nicht für die Forschung ein, sondern für Einführungsvorlesungen. KollegInnen bewerten den Versuchsaufbau, mit dem er „Freie Energie“ nachgewiesen haben will – einen Joghurtbecher mit Rotorblättern in einem Ölbad – als „weit entfernt von professionellen Standards“. Den Prozess des Peer-Review – das anonyme Gegenlesen eingereichter Beiträge in Fachzeitschriften – hält Turtur für Zensur. Da seine Beiträge in der Wissenschaft nicht ernst genommen werden, publiziert er in Esoterik-Zeitschriften und bei Verschwörungstheoretikern, z.B. 2012 auf der „Antizensurkonferenz“ des Sektengründers Ivo Sasek, wo auch Holocaustleugner, Geschichtsrevisionisten und die Band „Die Bandbreite“ aufgetreten sind. Für die Freunde des im Zündstoff genannten „E-Cat“ stellt sich die Lage ähnlich dar – hier sind es nicht die KollegInnen, sondern „von der Internationalen Finanzmafia gesteuerten Regierungen“, die verhindern, dass wir eine billigen Fusionsreaktor bestellen können. Es gibt viele weitere Anekdoten, die belegen sollen, wie geniale Erfindungen unterdrückt werden: Da hat z.B. ein Mechaniker in Südamerika ein Wasser-Mofa gebaut. Sein Gefährt trennt Wasser durch Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff – Knallgas, das dann in einem Gasmotor verbrannt wird. Dummerweise braucht man eine gigantische Batterie, um das Ding anzutreiben. Das Wasser ist hier also nicht der Treibstoff, sondern es handelt sich um eine besonders unpraktische Erzeugung von Wasserstoff zum Betrieb eines Gasmotors. Die Energie-Freaks verkennen diese Bedeutung und behaupten: „Von den Versuchen, die mir seit 1970 bekannt sind, einen “Wassermotor” patentieren zu lassen, hat, soviel ich weiß keiner überlebt. […] Die Menschen, die dahinter steckten […] kamen auf dubiose Weise um.“
Das waren drei Beispiele. Man könnte problemlos viele weitere aufzählen. Aber ist das nötig? Wäre es wahr, das bei OSRAM, RWE und Fliesen Kießling geklaute Superpatente für kostenlose Energie in der Schublade lägen, würden die Firmen sie doch sofort benutzen, um gegenüber anderen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil zu haben. Und gäbe es wirklich ein Verfahren, um Wasser einfach zu verbrennen, könnte auch die geheime Weltregierung nicht verhindern, dass findige Bastler sich damit ihr Mofa aufpeppen.

Die Sprache: Pseudowissenschaft und Technobabble

Die Erklärungen der „Freien Energie“ wimmeln von physikalischen Fachbegriffen. Aber schon mit Schulwissen lässt sich der Faule Zauber darin durchschauen. Der Zündstoff-Text behauptet z.B., dass in der Atmosphäre „ein Energiereservoir von mehreren Terawatt“ in Form von elektrischer Ladung verfügbar sei. Typisch für Pseudowissenschaft ist, dass diese Aussage drei unterschiedliche Größen vermischt: Energie, Ladung und Leistung. Alle drei haben etwas miteinander zu tun, sie aber einfach gleich zu setzen, ist Unsinn. Ladung wird in Coulomb gemessen und ist in der Tat im Überfluss vorhanden. Das Blöde ist: Erst, wenn man Ladung trennt, entsteht Spannung und erst, wenn Spannung angelegt wird und dadurch Ladung fließt, kann man Energie nutzen. Energie wird in Joule gemessen und ist das Potential, Arbeit (im physikalischen Sinne) zu verrichten. Energie besteht nicht aus Ladung, sondern aus Potentialdifferenz – also wie gesagt aus getrennter Ladung. Watt wiederum ist nicht das Maß für Energie, sondern für Leistung, die Möglichkeit, über eine Zeit hinweg Arbeit zu verrichten. Dass die drei Größen gleichgesetzt werden, ist Technobabble, wie das Gerede im Maschinenraum der Enterprise. Die Worte klingen wie Physik, ihre Verknüpfung macht aber keinen Sinn.
Ein solcher Gebrauch von Begriffen ist in der Pseudowissenschaft üblich. Die gewollte Verwirrung fängt schon beim Begriff „Freie Energie“ an. Gemeint ist nämlich nicht die schon im 19. Jahrhundert aus der Thermodynamik bekannte und keineswegs rätselhafte Freie Energie. Liest man die zahlreichen Internet-Seiten, die mit viel missionarischem Eifer „Freie Energie“ beschreiben, geht es um alle möglichen Phänomene: um Quanten-Verschränkung, „Hyperfeinstrukturwellenlängen“, sich drehende Magnetfelder, Kernfusion, etc. – gemein ist den Konzepten nur, dass sie auf bislang unerforschte Weise Energie aus dem Nichts erzeugen und dadurch Wundermaschinen möglich machen: „Wassermotoren“, Getriebe, die mit der Zeit immer schneller laufen (das „Würth-Getriebe“, Wirkungsgrad 3) oder Batterien, die niemals leer werden.
Ein ziemlich zuverlässiger Indikator für Pseudowissenschaft und eine Schnittstelle zu den schon genannten Verschwörungstheorien ist übrigens die immer wieder aufgestellte Behauptung, Einsteins Relativitätstheorie sei widerlegt, die Beweise dafür würden aber unterdrückt. Schon in den 1920er-Jahren wurden die Argumente gegen die schwer verständliche und wenig anschauliche Relativitätstheorie antisemitisch aufgeladen. An diese Tradition knüpfen die heutigen Kritiker der Relativitätstheorie an. So schreibt man in der Szene der „Freien Energie“ vom Zionisten Einstein und den jüdisch gesteuerten Versuchen, die Plasmareaktoren und schwebenden Autos des Visionärs Mehran Keshe – auch er wird im Zündstoff-Artikel lobend erwähnt – zu unterdrücken.

Die Szene: Durchgeknallt

Angesichts der hahnebüchenen Inhalte der Diskussion um „Freie Energie“ ist es nicht verwunderlich, dass sich in der Szene jede Menge Spinner tummeln und Kontakte in die braune Esoterik zu Hauf belegt werden können. Dafür reicht ein Blick auf die Mitglieder des im Zündstoff genannten Vereins „Vision Blue Energy“ aus Trusetal.
Das Gründungsmitglied Klaus Lohfing-Blanke bezeichnet sich selbst als „völlig aufgewacht“ und ist Teil der „Truther“-Szene, ebenso wie Klaus Jürgen Kalaene, Autor des E-Books „Schwarzbrot!“, einer wilden Mischung aus faschistoidem Okkultismus und Verschwörungstheorie. Eines der wenigen aktiven Mitglieder der Blue-Vision-Community – einer Netzplattform, auf der „Freie Energie“ diskutiert wird – ist Michael Schellong, der Bremer Landessprecher der Alternative für Deutschland. Im Vergleich zu den Vorgenannten sind die beiden weiteren Gründungsmitglieder Martina Fänger und Matthias Fimmel harmlos. Fänger bezeichnet sich selbst als Energieheilerin. Fimmel propagierte 2009 zusammen mit dem Betreiber des Erfurter „Lebensladens“ – ein Bioladen mit reichlich esoterischem Überbau – die Einführung einer salzgedeckten Regionalwährung. Aber auch hier landet man am Ende wieder im braunen Sumpf zwischen Esoterik und Verschwörungstheorien: Fimmels Webseite verlinkt den Kopp-Verlag, Bindeglied zwischen Rassismus, Revisionismus und Verschwörungstheorien, als Partner.
Der aktivste Energie-Visionär Jens Vogler, der Vereinsvorsitzende. Er betreibt den Blog Visionblue, der ein ganzes Spektrum verschwörungstheoretischer und esoterischer Inhalte vertritt – von Chemtrails über die 9|11-Verschwörung bis zu den in dieser Szene unvermeidlichen UFOs . Vogler ist Chef des Ordnungsamts von Burg (bei Magdeburg). Mit den wunderlichen Ansichten konfrontiert, verweist Vogler auf das Recht auf freie Meinungsäußerung: „Es ist weder strafbewährt, ordnungsrechtlich oder beamtenrechtlich relevant zu den genannten Themen UFO, 11. September 2001 und Chemtrails eine eigene Meinung in Wort und Bild wiederzugeben“. Der Bürgermeister von Burg will diese Meinungen nicht inhaltlich kommentieren, hat jedoch Vogler aufgefordert, alle Hinweise auf die Stadt Burg und seine dienstliche Stellung von seinen Internetseiten zu entfernen. Auch Vogler betont, dass er sich dienstlich nicht zu den angesprochenen Themen äußert. In Burg sind also weder Bußgelder für das Ausbringen von Chemtrails noch die Anschaffung eines Perpetuum Mobiles zu erwarten.

„Scotty, beam uns hoch – die spinnen alle“

„Freie Energie“ ist kein unterdrücktes Geheimwissen, das in absehbarer Zeit die Energiekrise lösen wird. Der Begriff bezeichnet ein Sammelsurium verschiedener pseudowissenschaftlicher Konzepte und blödsinniger Versuche, ein Perpetuum-Mobile zu bauen. Die Szene argumentiert hochgradig verschwörungstheoretisch und hat beste Kontakte in die rechte Esoterik. Dass von der anarchistischen Zeitung bis zum Ordnungsamtschef alle auf „Freie Energie“ stehen, liegt vermutlich daran, dass die Versprechungen der „Freien Energie“ – umweltfreundliche, kostenlose Energie für alle – so verlockend sind, dass der kritische Geist davon zeitweilig weggebeamt wird. Die Freunde der Blauen Energie und die Verschwörungstheoretiker_innen der Truther-Szene sind auf jeden Fall keine BündnispartnerInnen im Kampf für eine bessere Welt, sondern ein Fall für die Antifa.

Die Aluhut–Chroniken I

Nachdem sich jüngst auch wieder in Thüringen Verschwörungstheorien steigender Popularität erfreuen, präsentieren wir euch in der Lirabelle nun eine neue Rubrik: die Aluhut-Chroniken. Hier wollen wir euch alle drei Monate einen neuen Versuch vorstellen, wie Verschwörungstheoretiker die Welt erklären. Diese Woche wenden wir uns den Reptiloiden zu.

Was haben die englische Königin, der verstorbene Entertainer Bob Hope, Kanzlerin Merkel und Georg W. Bush gemeinsam? Nun, ganz einfach. Laut David Icke sind/waren sie alle „reptiloide Formwandler“. Davon ist der ehemalige Fußballer und kurzzeitigen Pressesprecher der englischen Grünen überzeugt. Mit dieser Theorie tingelt er seit einigen Jahren um die Welt und spricht ein immer breiteres Publikum an.
Doch ein drei Meter großes Echsenalien passt natürlich nicht so einfach in einen kleinen menschlichen Körper. Damit die reptiloiden Formwandler weiterhin menschlich aussehen, müssen sie regelmäßig menschliches Fleisch essen und menschliches Blut trinken. Gut, bei den bekennenden Christen Merkel, Bush und der englischen Königin ist das (metaphorischer) Kannibalismus durchaus Teil des religiösen Glaubens und des liturgischen Ritus, aber beim bekennenden Atheist Bob Hope ist das nun wirklich schwer vorstellbar.
David Icke glaubt – nein, falsch – er weiß, dass die wichtigen Menschen auf diesem Planeten eigentlich Aliens sind, die wie übergroße Reptilien aussehen. Diese regieren die Menschen und haben einen fiesen Welteroberungsplan. Wie genau der aussieht, ist auch David Icke nicht so ganz klar, aber er hat natürlich Zeugen und Quellen. O.k. Jetzt könnte man sagen: Was soll der Blödsinn, warum sollten mich die spinnerten Prophezeiungen eines Buchautoren interessieren, der vielleicht einmal zu viel an einem giftigen Frosch geleckt hat? Nun es wird dann spannend, wenn inzwischen sogar der Neuseeländische Premierminister – ernsthaft! – erklären muss: „I`m not a reptile“.So geschehen Ende 2013 in Auckland, Neuseeland. Dort hatte ein Einwohner mit Hilfe des Official Information Act (einer Art Bürgerauskunft) die Antwort des Premiers erzwungen.
Aber auch das ist im Entertainmentzirkus der momentanen Politik kaum noch eine Schlagzeile wert. Schließlich kopieren die Politikclowns der Berliner Piratenpartei ihre kanadischen Kolleg_innen und fragten die Berliner Verwaltung – ernsthaft! – ob und wie Berlin auf eine Zombieapokalypse vorbereitet ist.
Nein, wirklich gruselig wird David Icke erst dann, wenn der Rest seiner Weltsicht unter die Lupe genommen wird. Und da gibt es dann einen bunten Strauß alter und neuer Verschwörungsideologien zu bewundern. Zentraler Bestandteil: die wirtschaftliche und psychologische Manipulation der Weltbevölkerung durch Politik und Wirtschaft, beispielsweise durch die Familie Rothschild. David Icke bestreitet – natürlich – dass diese Aussagen antisemitisch sein und begründet es mit der ihm eigenen Logik: Die Familie Rothschild hat das Leben tausender Juden auf dem Gewissen, während sie an den Kriegen Geld verdienten. Diese Aussagen seien aber nicht antisemitisch, da die Rothschilds keine Juden sondern Echsenaliens sind. Die Kritik an ihnen ist also nicht antisemitisch! Fall geschlossen.

In der nächsten Ausgabe: Das Königreich NeuDeutschland