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Vom Einmischen – Eine DJ plaudert aus der Plattentasche

Die Autorin Snazzy Grrrlz lässt uns – wie der Titel es bereits beschreibt – teilhaben an ihren Erfahrungen als DJ.

Ich bin inzwischen seit ein paar Jahren als DJ unterwegs. Angefangen hat es mit einem DJ-Workshop, den ich in Jena besuchte und der sich explizit an Frauen* richtete. Zu einem Workshop, der offen für alle ist und dann doch wieder nur die eh schon coolen Jungs anzieht, wäre ich zum damaligen Zeitpunkt wohl auch nicht gegangen – aus Angst, von Anfang an als Fremdkörper wahrgenommen zu werden und unter besonderem Beweisdruck zu stehen.
An zwei Tagen brachte uns die Berliner DJ Lindas Tante die Grundlagen des Auflegens mit Platten bei. Ich hab sofort Feuer gefangen. Weil: Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?! Ich hab mir gebrauchte Turntables besorgt und die nächsten Monate für mich allein in meiner Wohnung geübt. Als ich dann meinen ersten Auftritt vor Publikum haben sollte, war ich so aufgeregt, dass ich schon Tage vorher nichts mehr essen konnte und am Abend selbst anfangs nur mit Mühe überhaupt die Nadel auf der Platte platzieren konnte. Es wurde ein super Abend. Ich war super, und nicht nur „für‘s erste Mal“ und auch nicht nur „für eine Frau“. Ich hab einfach eine richtig gute Party geschmissen. An dem Abend hab ich auch das erste Mal selbst mitbekommen, wie es ist, diesen Macho-Sexismus, über den auch andere weibliche DJs immer mal wieder berichten, zu erleben. Dabei war das Publikum bei diesem ersten Gig sehr nett, mir sehr wohlgesonnen. Mir haben „nur“ zwei Männer unabhängig voneinander ungefragt in meinen Mixer gegriffen. Inzwischen hatte ich schon so viele Abende hinter den Plattentellern, an denen ich dermaßen scheiße behandelt wurde, dass es mir fast harmlos vorkommt. Aber das ist es nicht, nur weil mein Fell über die Zeit etwas dicker geworden ist. Stellt euch das mal vor: Da habe ich einen Auftritt, spiele mein Instrument und jemand aus dem Publikum greift mir währenddessen in die Tasten. Und findet diesen Move völlig okay. Die folgenden Ausführungen dürfen gern als Dos und Don‘ts im Umgang mit DJs verstanden werden.

Frauen und Technik

Es gibt ihn auf fast jeder Party. Ich nenne ihn „den Techniker“. Er ist nicht wirklich ein Tontechniker, er gehört nicht zum Personal des Clubs, oft ist er einfach nur jemand, der hobbymäßig Musik hört (wenn überhaupt). Aber es gibt ihn auf fast jeder Party. Er ist derjenige, der mich vom Arbeiten abhält, um mir zu erzählen, dass sein Eindruck ist, dass die Bässe zu leise sind. Er ist derjenige, der kommentiert, dass ich nicht mit Software XY auflege oder dass mein Mixer zu klein sei. Er ist auch derjenige, der beim Aufbau der Technik seine Hilfe anbietet. Kann sein, dass er es nett meint. Aber was dahinter steht, ist die Annahme, dass ich es nicht weiß und dass er es besser weiß. Und das ist Quatsch. Ich bin DJ. Natürlich kenne ich mich aus mit meinem Werkzeug. Natürlich habe ich ein Ohr für den Klang und wenn ich die Bässe nicht weiter aufdrehe, hat das einen Grund. Ich denke mir etwas bei dem, was ich tue, denn ich weiß, was ich tue. Nur leider ist das etwas, das ich immer wieder erklären und beweisen muss. Und ich denke, dass das daran liegt, dass ich als Frau wahrgenommen werde. Das Ding ist: klar weiß ich nicht alles und ich freue mich auch, wenn jemand mir hilft, sofern ich Hilfe brauche. Aber bitte nehmt nicht einfach an, dass ich Hilfe oder Rat brauche, nur weil ich eine junge Frau bin.

Ich brauche kein Lob

Diese ganze Problematik hört nicht beim Umgang mit Technik auf. „Der Lehrer“, wie ich ihn nenne, steht minutenlang streng dreinblickend neben meinem DJ-Pult und winkt mich hektisch heran, jedes Mal, wenn mein Blick ihn streift. Er hält es kaum aus, dass ich nicht sofort auf ihn reagiere (und weiß offensichtlich nicht, dass Auflegen Arbeit ist und ich diese nicht einfach unterbrechen kann, nur weil er ein Mitteilungsbedürfnis hat). Seine wichtige Botschaft ist: „Deine Musik ist scheiße“. Kann er ja so finden, nicht jede_r mag HipHop, das ist okay. Mir ist zwar nicht klar, warum er mir das an dieser Stelle mitteilen muss, aber ich kann damit leben; es beleidigt mich nicht. Damit hört es aber nicht auf, denn sofort fängt er an, mich darüber aufzuklären, was ich alles machen müsste, damit die Party besser läuft (ungeachtet dessen, dass die Party sehr gut läuft): Dass ich als nächstes Mal was von Artist XY spielen muss. Dass es nicht funktioniert, wenn ich nicht mehr „Hits“ auflege und überhaupt wäre es doch das Beste, wenn ich spontan das Genre wechsle, weil Heavy Metal eh viel besser ist. Völlig absurd., Und, es nervt! Das alles wird nicht immer aggressiv oder abwertend formuliert. Oft ist „der Lehrer“ ein Mensch, der seinen Monolog mit einem Lob beginnt und mit der Beobachtung meiner Lücken abschließt, natürlich nicht, ohne vorher sein Wissen anzubieten. Er war nämlich auch mal DJ oder er hat auch Schallplatten zu Hause oder er hat schon mal eine Youtube-Disko veranstaltet. Dabei kommt er mir oft viel zu nah, quetscht sich auf den engen Raum hinter den Turntables, legt mir seinen Arm um und klopft mir väterlich auf die Schulter. Gut gemacht! Musikexperten sind in der Regel Männer. Frauen sind maximal Fan-Girls oder Groupies, kreischen hysterisch wenn sie ihrem Star nahe kommen und haben ihren Musikgeschmack meistens von ihrem Freund oder Bruder übernommen. Stop, das ist nicht meine Meinung, das sind sexistische Unterstellungen! Aber eben solche, an die viele Leute zu glauben scheinen und auch deswegen weiblichen DJs absprechen, einen eigenen Musikgeschmack oder eine durchdachte Setlist zu haben. Manchmal komm ich mir vor, wie in einer Quizshow. „Weißt du überhaupt, aus welchem Jahr der Song ist?“. Ja, weiß ich, ich bin ein HipHop-Nerd. Überrascht? Aber selbst wenn ich es nicht wüsste: Nicht alle männlichen DJs können die Veröffentlichungsdaten jedes einzelnen gespielten Tracks runterbeten. Müssen sie ja auch nicht. Aber von mir als Frau wird es irgendwie regelmäßig verlangt. Beweis erst mal, dass du doppelt so viel wie die Jungs weißt, dann nehmen wir dich vielleicht ernst.

Doppelt hält besser

Ich habe manchmal den Eindruck, dass es schon als Beleidigung aufgefasst wird, dass ich überhaupt auflege. Müssen Frauen denn wirklich bei allem mitmischen? (Ja, ich bin DJ, also werde ich mitmischen). Aber dann lege ich auch noch HipHop auf! Nicht Indie-Pop, nicht 90er Trash, sondern HipHop! Das ist doch angeblich so eine Jungskultur, was fällt mir ein? Aber ich setz noch einen drauf: Ich lege fast ausschließlich Musik von Rapperinnen auf. Das geht jetzt aber echt zu weit. Gibt es das denn überhaupt? Ja, es gibt sehr viele Rapperinnen, die sehr gute Musik machen und es ist kein Problem, ein sechsstündiges Set mit ausschließlich Frauen zu füllen.
Aber es ist echt unerhört. Nicht nur nehme ich es mir als Frau heraus, DJ zu sein, sondern auch noch HipHop-DJ. Und dann spiele ich nicht mal brav die Rap-Helden rauf und runter, sondern verbringe die ganze Nacht damit, Rapperinnen durch die Boxen dröhnen zu lassen. Und, das ist vielleicht das Allerfrechste: Es funktioniert auch noch. Vielen gefällt es richtig gut. Das ist ja wohl die Höhe!
Ich nehme wahr, dass sich vor allem solche, die sich als HipHopper verstehen, davon angegriffen fühlen, dass ich es schaffe, eine gute Party zu schmeißen, auf der sie kaum einen Song wiedererkennen. Denn das sagt: Du bist zwar ein HipHopper und denkst, dass du dich richtig gut auskennst, aber jetzt bist du auf einer HipHop-Party und kennst gar nichts. Plötzlich werden die Wissenslücken aufgezeigt, die einem sonst nicht aufgezeigt werden. Plötzlich ist man(n) nicht mehr Experte, sondern hat noch viel zu lernen. Aber anstatt sich eben das anzunehmen und vielleicht sogar froh darüber zu sein, mal den Horizont erweitert zu bekommen, ist „der Doppelmoralist“ beleidigt. Er findet nämlich, dass es sexistisch ist, den ganzen Abend nur Frauen aufzulegen. Auf die Frage, wie oft er es bei anderen HipHop-Partys erlebt, dass die ganze Nacht nur Männer aufgelegt werden, reagiert er gar nicht erst. Das fällt ihm auch gar nicht so auf. Das ist halt normal. Oder er sagt, dass ja bei anderen HipHop-DJs Frauen auch mal den Refrain singen dürfen. Okay, ich hab auch kein Problem damit, Schwesta Ewa oder Foxy Brown zu spielen, da dürfen Männer den Refrain singen. Er schmollt jetzt, geht, vielleicht hat er auch noch einen miesen Spruch für mich auf den Lippen. Und ich denk mir, dass doppelt wirklich immer besser hält. Sogar bei der Moral.

Eigenschaft: Frau

Was mich noch mehr ärgert als die Kommentare aus dem Publikum, sind so manche Veranstalter. Es geht los mit der Ansprache als „DJane“. Ich hab mich noch nie selbst als DJane bezeichnet. Es ist ein Kunstwort, dass nichts mit Disc-Jockey (ein geschlechtsneutraler Begriff) zu tun hat, sondern einfach nur das Geschlecht markiert. Es gibt weibliche DJs, die sich als DJane bezeichnen und natürlich können sie das so machen. Ich habe Gründe, warum ich das nicht möchte. Trotzdem werde ich immer wieder so angesprochen, vorgestellt oder angekündigt. Dabei ist es echt kein Geheimnis, dass viele weibliche DJs keinen Bock auf diese Tarzan-Assoziation im Namen haben. Es sollte nicht zu viel verlangt sein, einmal danach zu fragen und sich dann auch an die Ansage der DJ oder DJane, je nachdem, zu halten. Diese Bezeichnungsproblematik ist ein Symptom für das, was sich an vielen anderen Stellen im Umgang mit Veranstaltern zeigt: Du bist eine Frau und das ist deine primäre Eigenschaft. Ich hab das schon in Ankündigungstexten so gelesen. Die Co-DJs des Abends, alles Männer, bekommen bestimmte Sounds, Fähigkeiten oder Inhalte zugeordnet. Sie haben „die fettesten Bässe“, „den realsten Oldschool-Sound“ oder „beeindruckend flinke Finger an den Platten“. Ich habe ein Geschlecht. Denn das ist ja wirklich das Interessanteste, das in dem Kontext über mich zu sagen wäre. Ich wurde auch schon explizit deswegen eingeladen. Da wird sich nicht mal die Mühe gemacht, so zu tun, als gäbe es Interesse an der Musik, die ich auflege. Da wird sich auch nicht die Mühe gemacht, meinen Namen herauszufinden, da werde ich mit „Hallo DJane“ adressiert. „Wir würden gern mal eine Frau einladen“. Ich finde es super, wenn Veranstalter selbst feststellen, dass sie womöglich ein Problem haben, dass ihre Bühne immer nur männlich bespielt wird und dass sie das gern ändern möchten. Ehrlich, ihr kriegt von mir eine fette High Five. Und dann kommt ein dickes Aber. Es fühlt sich nicht gut an, als Frau gebucht zu werden. Und es ist ignorant. Ihr wollt, dass ich auf eurer Veranstaltung auflege? Dann bucht mich doch bitte als DJ, nicht als Frau. Ich will nicht euer Feigenblatt sein, ich will nicht eure Rechtfertigung dafür sein, dass ihr dann den Rest des Abends wieder nur Männer auf die Bühne lasst, weil ihr hattet ja auch schon mal eine Frau dort oben stehen. Wenn ihr wirklich Interesse daran habt, etwas an der Schräglage, die es hinter den Plattenspielern gibt, zu ändern: kündigt die DJ nicht nur als Frau an, sondern beschäftigt euch mit ihrer Musik; gebt ihr nicht den Slot des Abends, an dem es voraussichtlich kaum Publikum gibt; gebt ihr das Gefühl, dass sie wegen ihrer Skills und nicht allein wegen ihres Geschlechts eingeladen wird; schafft Räume in euren Line-Ups, regelmäßig und für mehr als eine Quotenfrau am Abend. Ich erwarte nicht, dass jeder Veranstalter alles weiß oder richtig macht, es gibt so viele Fettnäpfe wie Regler am Mixer. Aber das hier sind nicht nur meine individuellen Erfahrungen. Viele DJs berichten ähnliches und vieles davon ist im Internet zu finden. Fragt doch einfach die Suchmaschine eures Vertrauens. Mit Sookees Worten: Lernen aus den Fehlern anderer ist nicht verboten.

Work it

Es ist scheiße, dass sich Frauen* an den Plattentellern immer noch besonders beweisen müssen und hate ausgesetzt sind, der sexistische Hintergründe hat. Und es ist scheiße, dass DJs insgesamt oft wenig Respekt erfahren, nicht als Musiker_innen angesehen werden, sondern am liebsten einfach eine Jukebox sein sollen. Aber ich will nicht den Eindruck hinterlassen, dass alles nur schlimm und ein Kampf ist. Würde mir das Auflegen keinen Spaß machen, würde ich es ja bleiben lassen. Der Gedanke, den ich schon während meines ersten DJ-Workshops hatte, „Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?!“, ist immer noch da. An einem guten Abend habe ich mega viel Spaß mit dieser Musik, die ich so unendlich feier und es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, wenn ich sehe, dass viele andere Leute sich auch von der Musik anstecken lassen. Die negativen Kommentare, die manchmal einfach nerven und manchmal weh tun, hinterlassen leider oft einen stärkeren Eindruck als die vielen positiven Rückmeldungen, die es auch an jedem einzelnen Abend gibt. Ich habe schon Frauengruppen den sonst männlich dominierten Dancefloor einnehmen und zu Missy Elliott performen sehen. Männer, die mir rückmelden, dass das die beste Party der Stadt ist. Menschen, die wertschätzen, sich HipHop reinziehen zu können ohne sich dabei automatisch auch eine Testosteron-Dröhnung zu holen. Das hab ich gemacht und das fühlt sich gut an. Für die Momente, in denen es anstrengend, frustrierend oder manchmal sogar bedrohlich ist, habe ich meine Grrrl-Gang im Rücken. Dieser Support, auf den ich zu 100 Prozent vertrauen kann, ist ähnlich wichtig wie meine Skills als DJ, auf die ich auch zu 100 Prozent vertrauen kann. Das sind 200 Prozent Superkräfte, bis das Verhältnis hinter den Turntables 50/50 ist.

Mehr zur Autorin unter: https://www.facebook.com/djsnazzygrrrlz/

Mal nicht davon absehen: Sexismus liegt in der Luft

Tiezah erzählt von ihrem Abend bei der Veto-Eröffnungparty, weil sie über Sexismus nicht hinweg sehen will und es ihr scheiße damit geht, dass sie am nächsten Morgen schon wieder allein in den Trümmern der Gefühle von Angst und Wut aufgewacht ist. Das zu benennen ist ein offensiver Akt, der Mut (und Zeit und Nerven…) erfordert.

„Mal abgesehen davon war doch die Party schön, oder?“ fragte mich ein Freund auf dem Nachhause-Weg von der Party von Veto, Stattsschloss und Radical Print im April. Ja, vor allem der Nachmittag war auch für mich sehr schön und ich bin dankbar für die vielen Menschen, die den Tag möglich gemacht haben. Trotzdem war es auch mal wieder scheiße.

Was ist denn eigentlich los gewesen?

Die Party ist in vollem Gange, die Stimmung gut. Der erste DJ nach den Bands legt auf. Der kleine Raum füllt sich, die Leute tanzen. Berührungen sind fast unvermeidlich. „Ui, ist das dunkel hier!“, denke ich, weil ich die Menschen um mich herum nicht sehen kann. Auf der einzigen Lichtquelle neben dem DJ liegt eine dicke Jacke. Was tun? Mit einer Freundin nehmen wir die Jacke runter und ernten böse Blicke. Wir entscheiden uns einen dünneren Stoff aus dem Umsonstladen zu holen. Dann würde es hell genug sein, um den hier nötigen Ausruf „Ich will Eure Hände sehen“ (und wissen zu wem sie gehören und was sie in meiner unmittelbaren Nähe machen) nicht von Seiten der Bühne zu rufen, sondern um uns zu schützen. Gleichzeitig würde es dunkel genug sein, um es den Feiernden trotzdem zu ermöglichen ausgelassen zu tanzen – ohne das grelle Stehlampenlicht und die damit verbundenen potentiell bewertenden Blicke anderer. Kaum mit dem Umbau angefangen, werden wir angemotzt und/ oder in Rechtfertigungsdruck gebracht. Ok. Das eigene Tanzen breche ich ab, die Mission zur Gestaltung der Party ist aber zunächst erledigt. Ich gehe erstmal was trinken.

Später schaue ich erneut zur Tanzfläche. Der Weg in den Keller ist stockduster und verstellt mit Glasflaschen, die Gäste trotz Selbstorganisations-Anspruch – mal wieder – nicht selbst zurück gebracht haben. Ein bisschen gefährlich und mehr Arbeit für die Leute, die morgen die Flaschen und Glassplitter aufräumen. Da diese Arbeit oft von Frauen* gemacht wird, ist es „normal“, dass sie übersehen wird und keine Aufmerksamkeit bzw. vorsorgliche Beteiligung erhält.

Und der bereits vorhin von uns verstärkte Lampenschirm ist wieder von einer lichtundurchlässigen Jacke überlagert. Shit. Der cis-männliche DJ bekommt eine Menge Applaus. (Bei sieben Musik-Acts standen nur bei einer Band auch Frauen* auf der Bühne.) Aber kein Platz zum Entspannen für mich! Der Gedanke an Übergriffe kann von manchen ausgeblendet werden, von anderen nicht.

Naja, meine Cola ist eh leer. Vor mir an der Bar bestellt ein Typ*. Dass es ein Typ ist merke ich daran, dass er diese sexistische Ansprache benutzt und sich männlich konnotiert bewegt und verhält. Die Begrüßung: „Hallo, schöne Frauen“. Ok. Es war nicht an mich gerichtet, deshalb will ich nicht aggressiv werden. Ein verständnisvolles Erklär-Bär-Spielen für den Typ, der nicht versteht, warum das sexistisch ist, schaff ich nach der Panzerfahrt von eben nicht mehr. Auf meine kurze Konfrontation hin stößt sein erster Einwand „Das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen…“ schnell auf meine Überforderung.

Eine in der Nähe stehende Person, die ich anspreche, reagiert verwirrt statt parteiisch. Zum Glück bin ich hier nicht fremd, sondern kenne einige Leute gut genug, um nicht vollkommen verloren zu sein. Von einer Freundin weiß ich, dass es ein Awareness-Team gibt. Eigentlich sollte Awareness eine Aufgabe von Allen sein. Aber die Erfahrung zeigt, dass Bier mit einer „Kasse des Vertrauens“ keine Soli-Kohle rein bringt und es auch im Awareness-Bereich gut ist, wenn es zusätzlich Verantwortliche gibt, die nüchtern bleiben, um sich für solcherlei Situationen bereit zu halten. Die von mir angesprochene Person empfängt mich einerseits mit offenen Ohren, andererseits mit Zuständigkeitsfragen und verweist auf ihre Kollegin*. Hm, das scheint nachvollziehbar vor dem Hintergrund, dass sich für eine für 14 Stunden plus X geplante Party nur zwei Personen ohne Schichtwechsel für Awareness eingetragen haben. Auch Barschichten von vier Stunden sind für eine möglichst gleichverteilte Beteiligung an der Arbeit für die Party mit Selbstorganisationsanspruch zu viel. Aber für ein (so kleines) Awareness-Team ist das ein No-Go, weil die Aufmerksamkeit und Handlungsfähigkeit wahrscheinlich nicht oder nur mit großer Anstrengung gewährleistet sein können.

Und dann auch das noch: der Awareness-Beauftragte erklärt mir, dass er die Diskussion mit dem Typen leider nicht führen könne, weil er nicht wisse, was daran sexistisch sei und er diese Begrüßung gelegentlich selbst verwende und zwar gender-unabhängig. Schließlich kenne er die Selbst-Identifikation aller seiner Bekannten und könne damit passgenau einschätzen, ob er „schöne Männer“ oder „schöne Frauen“ sage. Wieder ein sinngemäßes „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“, nur mit anderem Wortlaut und gleichzeitig ein unausgesprochenes „Ich als Mann habe die Möglichkeit, das Problem ganz allgemein zu formulieren“ und damit zu entkräften.
Außerdem sei die Diskussion betroffenheitsbedingt lieber von einer Frau* zu führen oder zumindest bräuchte er vorher den Auftrag einer der direkt mit der plumpen Begrüßung adressierten Barkeeper*innen, die aber gerade sichtlich mit Bierausschank beschäftigt sind. Dass auch ich, als nicht unmittelbar adressierte Person, die sexistischen Äußerungen anhören musste, reicht ihm nicht als Auftrag. Wenn jemand andere diskriminierende (z.B. rassistische oder homophobe) Äußerungen macht, wäre bei den gleichen linken Aktivist*innen eine Intervention selbstverständlicher. Bei Misogynie, also Frauenhass, gibt es diesen genauso wichtigen Beißreflex leider nicht.
Also erkläre ich hier mal, warum ich solche Ansprachen politisch falsch finde:

1. „Hallo“:

Dagegen ist nichts einzuwenden.

2. „Schön“:

Schön zu sein in Gesichts- und Körperform, sowie Style, ist eine beschissene lookistische Norm, die auf der Auf- bzw. Abwertung von Personen wegen ihres Aussehens (engl. Look) beruht. Dies wirkt sich in der Dominanzgesellschaft zum Beispiel auf die Wahrnehmung von sexueller Attraktivität und sonstiger „Beliebtheit“, auf die Bezahlung der eigenen Arbeitskraft oder auf die Höhe von Geld- oder Gefängnisstrafen aus.

Seit meinem Teenager-Dasein kämpfte ich unbewusst vor allem mit mir selbst darum, mir möglichst wenig Gedanken um mein Aussehen zu machen und möglichst wenig Energie da rein zu stecken. In diesem Rahmen habe ich unter anderem über Jahre darauf verzichtet Ohrringe zu tragen, jegliche Art von Schminke zu nutzen oder irgendwelche T-Shirts mit Aufschrift anzuziehen. Später wurde daraus eine bewusst in Kauf genommene Anstrengung, mir den eigenen lookistischen Blick abzugewöhnen.

Sowohl in der „Außenwelt der normalen Gesellschaft“ als auch in linken Räumen findet diese Beurteilung statt. Die Zahl an Menschen aller Geschlechter* mit diagnostizierten Essstörungen oder dem Wunsch nach Schönheits-OPs steigt statistisch im Kapitalismus.

Aber „schön Sein“ ist dabei traditionell vor allem Aufgabe von Frauen*. Wer sich schick macht, sei oberflächlich und „leicht zu haben“. Wer es nicht tut, sei hässlich (auch zu wenig weiblich) und unbeliebt.

Die so selten erfahrene Wertschätzung von FLITs bzgl. unserer wirklich persönlichen Eigenschaften (und damit meine ich nicht unseren Haarschnitt) oder unseres konkreten Tuns wäre eine für mich erfreulichere Anerkennung. Dies würde vielleicht dazu führen, dass sich mehr FLITs in gemischten Zusammenhängen engagieren, statt sich zurück zu ziehen oder oder es als pure Anstrengung zu empfinden, in gemischten und somit zumeist von cis-männlichen Leuten dominierten Zusammenhängen unterwegs zu sein. Sich als FLITs zu organisieren, scheitert öfter an der politischen Schwäche innerhalb der ohnehin politisch kaum wahrnehmbaren linken Zusammenhänge.

Sollte sich das „schön“ auf nicht-äußerliche Aspekte bezogen haben, dann ist der Zeitpunkt verpasst, es zu konkretisieren. Denn, dass Du es schön findest an der Bar bedient zu werden, sagt (erst bei genauerem Überlegen) mehr über Dich aus, als über die adressierten Personen, die Du kommentiert hast.

3. „Frauen“:

Ich = Frau? Ich weiß nicht genau. Auf die Frage welches Pronomen ich bevorzuge, stimme ich mangels guter (und einfach verwendbarer) Alternativen dem „sie“ zu. Vielleicht auch um mich vom „er“ abzugrenzen, denn mit Männlichkeit will ich so wenig wie möglich zu tun haben. Zu Männlichkeit zählt für mich zum Beispiel sexistisches Verhalten, wie das von dem o.g. Typ an der Bar oder männliche Verbündelung. Auch wenn das mal mehr, mal weniger schwer zu fassen und irgendwie doch situationsabhängig ist und gewiss auch von anderen Gendern manchmal gemacht wird (es bleibt trotzdem der Rahmen von hegemonialer Männlichkeit), zählt darunter auch dominantes Verhalten, die Abgrenzung von Emotionalität und Stärke als Anspruch an sich und an die Welt usw. usw..
Was mich sicherlich zur Frau macht, ist nicht in erster Linie meine Vulva, sondern vor allem, die gemeinsame Erfahrung als solche unterdrückt zu werden. Dabei grenze ich mich nicht so stark wie nötig von der zweidimensionalen Geschlechternorm (die abgeschafft gehört) ab. Die Unterdrückungserfahrung zu benennen und sichtbar zu machen, meine ich trotzdem als Akt von queerfeministischer Solidariät.

Deshalb möchte ich hier klar stellen, dass dies kein Freibrief für meine cis-männlichen Genossen ist, mich als „Frau“ anzusprechen – auch wenn ich ständig typische Frauenarbeiten übernehme. Fast immer erfülle ich meine revolutionäre Pflicht als als aktivistische „Service-Kraft“ bzw. Care-Workerin hinter den Kulissen an der Theke, im Antirepressionsbüro, als (überproportional häufige) Protokollant*in oder Moderator*in im Plenum, emotionale Beratungs- und Unterstützungsstelle meiner Mitaktivist*innen, Infrastruktur-Organisator*in oder dergleichen.

4. „Das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen…“

Dieser Satz hatte in den letzten Jahren Hochkonjunktur bei der Rechtfertigung von rassistischer und nationalistischer Scheiße und ich habe ihn eindeutig zu oft gehört. Sowohl dieser Satz als auch die inhaltliche Resistenz mit Abperl-Effekt bzgl. Misogynie lösen bei mir Gewaltphantasien aus, die über respektlose Begrüßungsformulierungen hinaus gehen.

2.+3.=5. „schöne Frauen“:

Diesen und ähnliche Ausdrücke höre ich überproportional häufig im Kontext von „Anmachen“ durch Männer oder in ähnlichen vergleichbar unangenehmen Situationen. Unsere Körper sind dem permanenten Zugriff der Öffentlichkeit ausgesetzt – durch Kommentierungen, durch Anforderungen oder auch durch direkte (fast immer ungefragte) Berührungen.

Vergewaltigungskultur liegt in der Luft, die wir atmen und macht auch an der Veto-Tür keinen Halt.

Zum Einen bringe auch ich meine Erfahrungen und Ängste untrennbar von meiner Person mit. Von klein auf habe ich gelernt nicht zu widersprechen, wenn der überall präsente, freundliche Sexist sagen darf, was er für nett hält. Höflich ist es, nichts daran in Frage stellen. Dankbar lächeln soll ich für das Kompliment. Eine kurz gefasster Bericht über alle konkreten körperlich sexistischen Übergriffe (verschiedener Qualitäten), die ich erfahren habe, wäre länger als dieser Artikel.

Zum Anderen stellen sich Verhaltensweisen und Strukturen auch im Veto immer wieder in sexistischer und bedrohlicher Weise her, die hier versucht werden zu bekämpfen. Als Norm und damit verbundene Alltagspraxen bestehen sie trotzdem in einer Kultur, in der die Objektifizierung von nicht-männlichen Körpern akzeptiert wird. Folgende Bilder sind bereits in allen Köpfen der Gesellschaft mehr oder weniger drin: Schön seien Frauen vor Allem dann, wenn sie passiv sind, d.h. sich dem Schicksal als sexueller Gegenstand ergeben. Verführerisch (also zur Nutzung als Sexobjekt einladend) seien ihre nackte Haut und ihre Blicke; auch wenn Bikini-Modells, im Gegensatz zu mythologischen Malereien von Frauenkörpern, heutzutage sogar direkt in die Kamera schauen dürfen. Körperliche Nähe und Sex ohne expliziten Konsens sei „das normalste der Welt“.

Insofern scheint es mir nicht übertrieben (auch bei rationaler Prüfung meines schlechten Gefühls) beim Hören von Zuschreibungen und Kommentierungen, Angst zu bekommen.

Wir haben uns daran gewöhnt – haben die anstrengende Wahl zwischen Rückzug, Verdrängung und Abwehr. Ich habe mich für Abwehr entschieden. Dies hatte ewige Diskussionen mit dem Typen von der Theke zur Folge, die zu meiner Entlastungen von der oben erwähnten Freundin aus dem Awareness-Team geführt werden musste, während ich mich mit dem anderen Typ aus dem Awareness-Team abmühte.

Was ich mir wünsche:

A. Dass die ignoranten Typen die Fresse halten! Zum Einen meine ich dies generell auf sexistische (und anderen Scheiß-) Äußerungen bezogen. Und zum Anderen, wenn Ihr auf beschissene Äußerungen hingewiesen werdet, kann es hilfreich sein nicht als erstes zu widersprechen oder sich zu rechtfertigen. Macht Platz auf der Tanzfläche und in Euren sozialen Positionen für linke FLITNQ*.
Wer die bessere Welt befürwortet, könnte ja auch dankbar für die Konfrontationen und Reflexionsanstöße sein und sich belesen, erklär- und diskussionsbereite Mitmenschen fragen oder auch bei feministischen Workshops mitmachen. Wem das eh egal ist, hat meines Erachtens im Veto nichts zu suchen.
B. Dass meine Freund*innen wissen, wie dankbar und wertschätzend ich bin für die gemeinsame schöne oder harte Zeit und die gegenseitige Unterstützung und das viele Lernen durch einander. Heute vor allem die eine, die so oft – wie auch an diesem Abend – die äußerst anstrengende Awarenessarbeit macht – sowohl auf Zecken-Parties, als auch jeden Morgen spätestens sobald sie ihr Haus verlässt.

… und dass wir uns gegenseitig darin bestärken, genauer hin zu schauen, wie Sexismus funktioniert, den Blick für unsere Bedürfnisse zu schärfen und zu analysieren, wie unsere Erfahrungen uns hier beeinflussen. Das ist die Grundlage, um gemeinsam zu überlegen, wie wir damit kollektiv umgehen können.


„Awareness“:
engl.: to be aware = bewusst/ aufmerksam sein.
Ein Awareness-Team beschäftigt sich aktiv mit der Vermeidung oder Bekämpfung von diskriminierenden Bedingungen und Verhaltensweisen wie z.B. rassistischen, sexistischen (d.h. misogynen, patriarchalen, transphoben und homophoben) sowie ableistischen usw. Übergriffen und unterstützt die Betroffenen.
Sie sind bis unter die Zähne mit Argumenten gegen die strukturell besonders häufig vorkommenden Herrschaftsmechanismen (wie Rassismen, Sexismen usw.) bewaffnet und intervenieren bei besonders auffälligen Äußerungen.
Ihre Wirksamkeit für herrschaftsärmere Räume kann und muss unterstützt werden durch vorherige Überlegungen bei der Veranstaltungsplanung: zum Beispiel zu Inhalt und Repräsentationsfragen von Bands und Referent*innen (indem nicht nur weiße cis-Männer auf der Bühne stehen, die ihre exklusive Sicht auf die Welt kundgeben), zu Raumgestaltung (z.B. Lichtverhältnisse, Toilettensituation …) oder zu Kommunikationsverhalten, Entscheidungsfindung und Arbeitsteilung sowie zur Einladungspolitik.

Kein Problem meiner Brüder

Hilde Teichgräber beschreibt ihre Erfahrungen mit Sexismus. Gemeinsam mit anderen jungen Frauen veröffentlichte sie dazu einen offenen Brief an Jenaer Clubs und berichtet in diesem Artikel über die Beweggründe einen solchen Brief zu formulieren.

Anfang Januar 2017 habe ich einen Vortrag zum Thema „Rape Culture“ der Gruppe „The Future Is Unwritten“ gesehen. Wenige Tage später schlug ich das Thema für eine Arbeitsgruppe im Rahmen einer Schulprojektwoche vor. Es fanden sich sechs Mitschülerinnen, die sich mit mir zusammen mit dem Thema auseinandersetzen wollten.

Einmal sensibilisiert für sexuelle Belästigung und Gewalt, dauerte es nicht mehr lange, bis wir uns in einem Erfahrungsaustausch wiederfanden. Wir sprachen über Begegnungen, die uns zwar unangenehm gewesen waren, aber scheinbar auch so normal, dass keine von uns es jemals für nötig oder angemessen gehalten hatte, das Erlebte auszusprechen. Die Erlebnisse, über die berichtet wurde, waren alle auf ihre eigene Weise erschreckend. Ein Mädchen erzählte, dass sie, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Club feiern war, mit 16 Jahren, von einem jungen Mann dermaßen bedrängt wurde, dass er auch nachdem sie ihn mehrmals weggeschoben hatte nicht von ihr abließ und ihr ohne jede Zustimmungsgeste von ihrer Seite seine Zunge in den Hals steckte. In einer Umfrage, die wir in der Oberstufe unserer Schule durchgeführt haben, gaben die Hälfte der Mädchen an, schon einmal gegen ihren Willen geküsst worden zu sein. Diese Umfrage ist nicht repräsentativ. Und doch hat uns die Zahl erschreckt. Gerade weil sie unser direktes Umfeld repräsentiert. Man bemerke außerdem, dass die Befragten zwischen 16 und 19 Jahre alt sind. Eine andere Mitschülerin berichtete, sie sei ebenfalls nächtens in einem Club bedrängt wurden. Auch nach mehrmaligem „Ich möchte das nicht.“ und „Lass mich los!“ habe der Unbekannte nicht aufgehört sie zu belästigen, sie hochgehoben und einige Meter durch die menschenvollen Veranstaltungsräume getragen.

Ich persönlich erinnerte mich an ein Ereignis des letzten Jahres. Ich war 17 Jahre alt und auf dem Weg von Italien nach Kroatien. Ich fuhr über Nacht allein mit einer Fähre von Ancona nach Split, wo meine Familie mich vom Hafen abholen sollte. Die Schifffahrt begann aufregend, denn ich war davor erst ein paar Mal mit einer Fähre gefahren und das Umfeld war mir neu. Als ich es mir gegen 12 Uhr nachts mit meinem Schlafsack auf einem Sessel bequem gemacht hatte, sprach mich ein junger Mann aus Neapel an. Wir unterhielten uns eine Weile, und es stellte sich heraus, dass er auf dem Schiff arbeitete – genauer gesagt die Verantwortung für den Hoteltrakt der Fähre trug. Er fragte mich, ob ich Lust hätte eine Runde über das Schiff zu drehen. Im Verlauf des weiteren Gesprächs lud er mich auf ein Getränk ein. Ich unterhalte mich auf Reisen oft mit anderen Passagieren. Besonders auf Zugfahrten passiert es mir häufig, dass ich mich in dreistündige Gespräche mit meinen SitznachberInnen verliere. Es ist fast immer eine Bereicherung, so ein flüchtiger Kontakt zweier sich vollkommen fremder Menschen. Wir kommen von verschiedenen Orten, treffen kurz aufeinander, finden vielleicht Gemeinsamkeiten und dann geht einE jedeR wieder seiner oder ihrer Wege. Auch mit diesem Menschen aus Neapel empfand ich den Austausch zunächst als bereichernd. Er bot mir an, dass ich in einer der leeren Passagierkabinen schlafen könnte. Ich jubelte innerlich, da ich so nicht auf einem mäßig bequemen Sessel übernachten musste. Wir brachten meinen Kram in die besagte Kabine. Mir war in diesem Moment sonnenklar: jetzt verabschiedest du dich von ihm, bedankst dich noch einmal und das war´s. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Interesse kommuniziert, ihm näher zu kommen. Wir standen also in dieser Kabine, ich sagte, dass ich jetzt schlafen wollte und auf einmal küsste er mich. Er fasste mir an die Brüste. Und ich brauchte einen Moment, bis ich ihn von mir wegschieben konnte. Danach akzeptierte er zwar, dass ich wirklich in Ruhe gelassen werden wollte und ging weg, doch am nächsten Morgen, etwa eine Stunde, bevor wir anlegten, hielt er es für nötig noch einmal in meine Kabine zu kommen um mich zu wecken. Ich hatte mich in ein oberes Bett der Doppelstockbetten gelegt und schickte ihn, zu diesem Zeitpunkt dann deutlich genervt und nicht mehr freundlich, weg. Erleichtert atmete ich auf, als ich endlich an Land ging. Dieser Mann, dessen Name mir entfallen ist, war um die dreißig Jahre alt und ich war 17. Eine junge Frau, allein unterwegs. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt kommuniziert, dass ich an mehr als einem Gespräch mit ihm interessiert sei. Dennoch schien es für ihn selbstverständlich, dass ich eine Art Gegenleistung dafür, dass er mir eine Kabine überlassen hatte, bringen würde.
Dieses Erlebnis war ein Extrem, welches ich nur einmal so erleben musste. Doch es reiht sich ein in verschiedene Erfahrungen, die ich vielleicht hätte vermeiden können, wäre ich nicht nachts betrunken durch die Straßen von Pistoia in Italien oder bei helllichtem Tage in der Uniform einer katholischen Mädchenschule durch Addis Abeba, Äthiopien, gelaufen. Ja, ich kann darauf achten, dass ich immer aufmerksam bin und mein Umfeld ständig im Blick habe. Das wird mich nicht vor allen negativen Begegnungen schützen können, aber deren Zahl eventuell etwas mindern. Ich kann aufpassen, dass ich, wenn ich feiern gehe immer von meinen FreundInnen umgeben bin und ständig kontrollieren, ob der Typ der hinter, neben, vor mir tanzt irgendwie seltsam oder auch nicht seltsam ist. Ich kann darauf achten – und tatsächlich mache ich das auch. Intuitiv und ständig. Und da ich daran gewöhnt bin, scheint mir das nur verantwortungsvoll und normal.

Der Punkt ist aber: meine beiden kleinen Brüder werden sich Gedanken dieser Art nie machen müssen. Meine großen Cousins werden wohl kaum befürchten, dass sie Betroffene von sexualisierter Gewalt werden, wenn sie das nächste Mal feiern gehen. Auch sie sind nicht sicher vor den Spannungs- und Gefahrensituationen, die sich ergeben können, wenn man sich in den öffentlichen Raum begibt – aber rein statistisch gesehen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich als Frau mit sexueller Belästigung konfrontiert sehe viel höher, als sie für meine männlichen Familienmitglieder, Freunde und Mitschüler ist.
Das ist normal. Das war schon immer so.
Das sind keine Argumente, sondern gute Ansätze, um etwas zu kritisieren.
Der Austausch mit anderen Frauen jeden Alters hat mir gezeigt, dass ich nicht allein mit diesen Erfahrungen bin. Meine individuelle Erfahrung ist vielleicht nicht auf alle Frauen verallgemeinerbar – doch viel zu viele teilen sie.

Als wir anfingen über Momente, in denen unsere Grenzen von anderen nicht respektiert wurden, zu sprechen, fand in unserer Gruppe ein kollektiver Prozess des sich-bewusst-Werdens statt. Aus der Erkenntnis, nicht allein zu sein, entstand die Idee eines offenen Briefes. Dieser sollte insbesondere alternative, linke Clubs dazu auffordern, sich der Problematik bewusst zu werden und praktische Konzepte, sexualisierter Gewalt vorzubeugen und den Betroffenen zu helfen, zu entwickeln. Alina Sonnefeld konnte sich dafür begeistern den besagten Brief zu verfassen. Wir diskutierten ihn in unserer Gruppe und beschlossen, dass auch wir ihn, neben Alina, mitunterzeichnen wollten.

Innerhalb kurzer Zeit nach der Veröffentlichung des Briefes entstand ein Diskurs, der teils konstruktiv, teils schlichtweg beleidigend, hauptsächlich in den sozialen Netzwerken unserer Zeit, ausgelebt wurde. Debatte und Diskussion wurden nicht klar voneinander abgegrenzt und so wurde das sensible Thema der sexualisierten Gewalt von manchen ZeitgenossInnen als Gegenstand der persönlichen Profilierung missbraucht.

Verschiedene Perspektiven wurden an uns herangetragen. Viele Menschen reagierten bestärkend und finden sich selbst in unserem Anliegen wieder. Einige meiner Freundinnen sind zwar schockiert, dass viele von uns regelmäßig belästigt werden, fühlen sich selbst aber nicht als Betroffene. Manche von ihnen solidarisieren sich, auch ohne dass sie persönliche Erfahrungen gemacht haben, mit den Betroffenen.

Es mangelte jedoch auch nicht an konträren Positionen. Auf einmal sahen wir uns mit Nachrichten konfrontiert, in denen uns auf unterstem Niveau nahegelegt wurde, unsere Mitschuld an derlei Vorfällen zu reflektieren. Im Ton von „Wie ihr rumlauft, braucht ihr euch doch nicht wundern, wenn ihr angegrapscht werdet.“. Ich hielt es für angemessen, zumindest mit den Menschen, die ich persönlich kenne und die zu solchen angreifenden Reaktionsweisen neigten, das Gespräch zu suchen. Im Nachhinein muss ich jedoch feststellen, dass Unterhaltungen dieser Art für mich wenige neue Erkenntnisse bereithielten. Meine Vermutung ist deshalb, dass diese Gegenreaktionen immer das Festhalten an bestehenden Missständen und Machtverhältnissen zum Ziel hatten. Eben weil diese Missstände und Machtverhältnisse nicht als solche enttarnt werden sollen.
Manche MitschülerInnen kommunizierten uns, dass sie noch nie sexualisierte Gewalt erleben mussten und bemängelten, der offene Brief stelle die Zustände viel extremer als sie eigentlich sind dar. Zum Glück geht es nicht allen Frauen so wie mir und meinen sechs Mitstreiterinnen. Tatsächlich gelingt es mir ja auch immer wieder durch übertriebene Aufmerksamkeit derlei Situationen vorzubeugen. Wieso der Mangel an eigener Erfahrung jedoch die Solidarisierung mit denjenigen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, ausschließen sollte, ist mir unklar.
Alle Gegenreaktionen zielten darauf ab zum Ausdruck zu bringen, dass unser Anliegen entweder nicht ernst zu nehmen, nicht von gesellschaftlicher Relevanz oder insgesamt viel zu vorwurfsvoll geäußert worden sei.

Wir schickten den Brief an insgesamt 10 Clubs in Jena. Zunächst hatten wir nur die alternativen Häuser im Blick gehabt, nicht, weil das Problem dort besonders stark zu Tage tritt, sondern weil es eben leider auch dort präsent ist. Dann dachten wir jedoch, dass sämtliche VeranstalterInnen den Anspruch haben sollten, dass ihre Häuser frei von sexualisierter Gewalt sind und so schrieben wir auch ihnen.

Es reagierten nur die alternativen, linken Veranstaltungsorte. Doch mit ihnen entwickelte sich dafür ein Austausch, der umso bereichernder war. Heute ist klar:
Im Austausch mit dem größten linken Club Jenas, setzen wir uns gemeinsam mit dessen MitarbeiterInnen dafür ein, dass sich die Atmosphäre dort verbessert. Wir möchten, dass diese Häuser zu einem Ort werden, an dem wir uns alle wohlfühlen können. Ein Ort an dem Frauen und Männer das Gefühl haben, mit ihren Anliegen ernstgenommen zu werden. Patriarchale Strukturen und Verhaltensweisen werden leider selten an der Tür abgewiesen, aber Clubs sind nicht schuld an sexualisierter Gewalt. Sie brauchen effektive Strategien, um diesem gesellschaftlichen Phänomen entgegenzuwirken.

Räume zu schaffen, in denen eine bessere, freiere, gleichberechtigtere Form des Zusammenlebens erprobt wird, sollte im Selbstverständnis linker Veranstaltungshäuser liegen. Die ständige Suche nach Verbesserungsvorschlägen und Handlungsalternativen ist deshalb unabdingbar.
Das ist es, was linke Szene auszeichnen sollte: links sein heißt, zu hinterfragen. Kritik als Chance zu sehen. Sich für ein besseres Miteinander einzusetzen. Diskriminierung nicht zu tolerieren. Sich für Gleichberechtigung einzusetzen. „Das war schon immer so“ als Kritik und nicht als Argument anzubringen. Und vor allem nicht anzuerkennen, dass Dinge unveränderbar seien und es bleiben müssten. Links sein heißt diskutieren, streiten, aushandeln, kämpfen. Und vielleicht auch zu träumen – davon, dass sich die Dinge verbessern können.

Auch wenn es anstrengend ist, in einer Debatte über ein Thema zu diskutieren, welches zugleich privat und politisch ist, bin ich sicher, dass unsere Reaktion die einzige ist, für die ich mich weder vor anderen noch vor mir selbst rechtfertigen muss. Denn das Totschweigen und Kleinreden von sexualisierter Gewalt hat auch in den letzten 2000 Jahren nicht besonders gut funktioniert. Zumindest nicht für die Hälfte der Menschheit.

Auch wenn wir uns in kleinen Schritten fortbewegen, bin ich doch überzeugt, dass es sich lohnt an diesem Thema anzusetzen. So hat sich schon einiges getan. In Jena eine gründete sich eine Gruppe von UnterstützerInnen. Wir konnten verschiedene Personen in der Jugendarbeit auf Konzepte hinweisen, die zum Ziel haben, dass sexualisierte Gewalt gar nicht erst geduldet wird. Im September soll im Kassa ein Vortrag und Workshop mit dem Titel „Feministisch Feiern“ stattfinden. Daraufhin möchten wir ein Angebot schaffen, indem sich insbesondere MitarbeiterInnen von Clubs mit Awareness Konzepten auseinandersetzen können.

Empower_me(a)nt something.

Emily Page zeigt auf, warum Empowerment wichtig ist und widersprcht damit der Position des Textes „Aber ich habe mich nicht“ aus der Lirabelle #12.

Wie kann ich solidarisch sein und Verbündete*r1 sein? Wie kann ich als nicht von Diskriminierung betroffene Person betroffene Menschen unterstützen? Wie kann ich mich und Andere stärken aus einer persönlichen Betroffenheit heraus? Ein Hoch auf Empowerment – egal in welcher Art und Weise.

Dies wird ein persönlicher Text. Weil es mir ein persönliches Anliegen ist. Empowerment ist echt wichtig. Es ist unglaublich wichtig für mich und viele Menschen, die ich kenne, und für viele Menschen, von denen ich lese oder höre. Warum das so ist, ist für mich ziemlich klar: der ganze diskriminierende Scheiß, den mensch jeden Tag so mitmacht oder mitbekommt, schlägt ganz schön aufs Gemüt und macht echt fertig. Dagegen hilft, abgesehen von politischem Aktivismus, den ich genauso wichtig finde, aber auch etwas, was sich Selbstermächtigung oder Empowerment nennt. Was das bedeutet: sich gegenseitig, andere und mich selbst zu stärken, zu ermächtigen aus einer ohn_mächtigen Position heraus in einer Gesellschaft, in der Rassismus, Hetero_Sexismus, Klassismus, Antimuslimischer Rassismus, Ableismus, Antisemitismus, etc. pp. (Leider ist diese Reihe ja unendlich fortsetzbar.) allgegenwärtig sind. Wenn ich mich in Schutzräumen befinde, und damit meine ich einen Raum, in dem meine Position und vor allem meine Erfahrungen anerkannt und mir nicht abgesprochen werden, dann ist das für mich ausruhen, wohlfühlen, runterkommen – und eben auch heilen. Für mich ist das gelebte Solidarität. Sich zusammen über gemeinsame oder ähnliche Erfahrungen auszutauschen, sich gegenseitig in der eigenen Position und dem Verhalten zu stärken und auch bekräftigen, dass ich selbst oder die jeweils andere Person oder die anderen Personen nicht die Schuldigen an der diskriminierenden Situation sind, ist total wichtig und richtig. Dadurch hab ich das Gefühl, nicht allein zu sein mit diesem Scheiß, sondern dass es auch andere Menschen gibt, die diese bescheuerten Erfahrungen machen und letztendlich – und das ist in diesem Augenblick das Wichtige – zu wissen, dass das Gegenüber eine*n versteht, tut echt gut. Und das macht dabei trotzdem das Gefühl, weiter handlungsfähig zu bleiben oder in Zukunft handlungsfähig zu werden.
Und da sehe ich auch voll den Bezug zur Entstehung des Begriffs. Dass Empowerment vor allem in der Black Power- und in der us-amerikanischen Bürger*innenrechtsbewegung entstanden ist, hat eine große Bedeutung und weist viel auf gesellschaftliche Schieflagen und Ungleichheiten hin. Es zeigt, dass Menschen, die gesellschaftlich und individuell ent-machtet wurden und werden, sich zusammen geschlossen haben und dies auch noch immer tun, um dagegen zu kämpfen, in der Ohn_macht stecken zu bleiben.

Sexismus z.B. nimmt leider, leider großen Raum in meinem Alltag ein. In allen möglichen Bereichen – und die, die ähnliche Erfahrungen machen oder eben coole Verbündete sind, wissen, auf was und wohin sich das überall ausweiten kann. Blicke reichen oft aus für ein Gefühl der Scheiße. Ich will hier jetzt auch keine verschiedenen sexistischen fails im Detail beschreiben – ich will sagen, wie große Auswirkungen das für eine*n persönlich haben kann und ganz oft auch hat. Deshalb finde ich es auch ganz großen Müll, zu sagen, dass mensch sich „auf vermeintlich repressiv unterdrückte Bedürfnisse besinnt“, wie das in Lirabelle #12 genannt wurde. Das ist äußerst abwertend für die Empfindungen und Gefühle der von Diskriminierung Betroffenen. Beim Konzept von Empowerment stehen immer die Machtverhältnisse im Vordergrund, gleichzeitig aber auch vor allem, was diese bei den Betroffenen und Ausgegrenzten auslösen und was sie mit ihnen machen. Das heißt dann auch, dass deren Bedürfnisse ernst genommen werden und (zusammen) überlegt wird_werden kann, wie mensch damit umgeht, wenn sie*er in eine solche Situation kommt oder wie es bereits in solchen Situationen war und wie passend für eine*n selbst der Umgang damit war.

Das Erste, was ich mich gefragt habe, aus welcher Position der Text geschrieben wurde. Da kann ich nur vermuten und anmaßend sein. Ich kann an dieser Stelle nicht mit mega krassen theoretischen Dingen auffahren – das finde ich in diesem ganzen Kontext auch nicht wichtig. Wichtig ist für mich nach wie vor die Betroffenenperspektive und dazu zählt eben auch der Bereich des Empowerment – den es by the way nicht geben müsste, wenn es keine gesellschaftlichen Macht- und Dominanzstrukturen geben würde, die bestimmte (konstruierte) Gruppen von Menschen abwerten und ausgrenzen. Deshalb ist ein subjektives Gefühl oder eine Erfahrung auch nicht runter zu spielen. Und Individuen auch wichtig sind in diesem System von Unterdrückung. Dass es kollektive Erfahrungen dazu gibt, spielt eben auch mit rein. Und deshalb kann ich es aus meiner Position auch gar nicht verstehen, warum diese Idee von Selbstermächtigung so abgetan wird. Ohnmacht ist ein individuelles und ein kollektives Gefühl zugleich, es kann geteilt und mitgeteilt werden und dass „es auch individuell auch weg-empowert werden“ kann, trifft die Sache nicht so wirklich auf den Punkt. Es trifft sie gar nicht auf den Punkt.

Außerdem stößt mir dieses überwissenschaftliche Texte Schreiben hin und wieder stark auf. Nicht nur die Fremdwörter, sondern auch die Ausdrucksweise und die Länge des Textes spielen da eine große Rolle und geben mir das Gefühl von Nichtskönnen und Nichtverstehen. Dabei ist mir auch klar, dass durch bestimmten Sprechweisen ich auch Leute z.B. klassistisch ausschließe. Was mir dazu nur so oft auffällt, ist, dass so viel, was auch eine große persönliche Bedeutung für eine*n hat, verwissenschaftlicht und versachlicht wird – und dadurch irgendwie (mal mehr, mal weniger) die persönliche Komponente rausgestrichen wird oder zu kurz kommt.
Ich kann mir gut vorstellen, dass, weil der Text aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, deshalb als emotional und_oder unsachlich dargestellt werden kann. Darüber bin ich mir bewusst und genau diese Darstellung ist das Problem. Betroffene von Diskriminierung als emotional und unsachlich zu beschreiben, ist genau Teil des Problems_Teil des Systems. Victim blaming ist gängiger Bestandteil von diskriminierendem Verhalten oder dessen Reproduktion. Die*der Betroffene wird beschimpft, beleidigt, nicht ernst genommen, ihre*seine Erfahrungen werden relativiert.

Und in so einem Schutzraum, in einer Empowerment-Struktur kann ich das gut bearbeiten – und bin nicht allein mit der ganzen Scheiße.

Und deshalb, genau deshalb ist Empowerment genau das Richtige. Und super wichtig.

Sexismus gegen Rechts

Eine blonde Frau mit langen Zöpfen, die im tief ausgeschnittenen Dirndl mit Zahnpastalächeln sechs Maßkrüge Bier anbietet. Das Lächeln ist gekünstelt, was man deutlich sieht, wenn man genauer hinschaut und z.B. die Hälfte des Gesichts abdeckt. Es ist Knochen- und Kopfarbeit, stundenlang schwere Getränke zu tragen und die Fassade nicht fallen zu lassen, egal wie ekelhaft die männliche Kundschaft nach dem fünften Bier auch wird. „Kein Bier für Nazis“ steht in Frakturschrift neben der beschriebenen Kellnerin. Auf einem Bierdeckel, der seit einiger Zeit in Erfurter Kneipen liegt. Karl Meyerbeer hat Leute aus dem Kreis der Initiator_innen nach ihrer Motivation gefragt.

Als im letzten Jahr die wöchentlichen AfD-Aufmärsche in Erfurt losgingen, haben sich Kulturschaffende aus Erfurt gefragt, wie sie auf diese Situation reagieren können. H. ist Wirt einer Kneipe in der Innenstadt. Er erinnert sich, dass ihn die Situation 2015 beunruhigt hat. Seine Kneipe ist eine der wenigen in Erfurt, in denen erkennbare Nazis rausgeschickt werden. Dass Erfurt durch die Berichterstattung über die Aufmärsche bundesweit als AfD-City wahrgenommen wurde, hat ihm nicht gefallen – auch, weil es ein Problem für die Kundschaft der eher alternativ gehaltenen Kneipe darstellen würde. H. ist auf die Idee gekommen, mit Bierdeckeln gegen Nazis Stimmung zu machen. Zur Finanzierung der Bierdeckel haben Erfurter Kulturschaffende aus verschiedenen Kneipen wie Tiko, Ilvers, CKB, Stadtgarten oder Frau Korte, aber auch aus dem AJZ oder einer Capoeira-Gruppe zusammengelegt. Fördermittel und Sponsoren hat man bewusst nicht in Anspruch genommen, weil es um den Inhalt gehen sollte, nicht darum, mit dem Anti-Nazi-Engagement Werbung zu machen – was der Fall gewesen wäre, wenn man mit Logos auf die Mittelgeber hätte hinweisen müssen. Bei den Kund_innen kommen die Bierdeckel laut H. weitgehend gut an – außer bei vielleicht drei von hundert, die ein Problem mit dem stereotypen Bild haben. Schon vor dem Druck gab es Kritik an der sexistischen Darstellung der Kellnerin. Entscheidend dafür, den Deckel trotzdem zu drucken, war die Idee, die Nazis mit einem urdeutschen Blickfang zu irritieren: Ein völkischer Rassist, der die Kellnerin im Dirndl als Sinnbild typisch deutscher Identität erkenne, würde beim genaueren Hinschauen erkennen, dass das Objekt seiner Begierde sich gegen Nazis stellt. Das – so hofft H. – könnte einen Denkvorgang in Gang setzen. Gleichwohl sei der Sexismus-Vorwurf gerechtfertigt. Das Eintreten gegen Nazis war den Initiator_innen am Ende aber wichtiger als die nur von wenigen vorgebrachte Kritik.

Beim Kampf gegen Rechts Geschlechterverhältnisse links liegen zu lassen, ist nicht selten: Wie sexistische Stereotype dazu führen, bei der Betrachtung von Beate Zschäpe das übliche Klischee von der unpolitischen Frau zu bedienen, hat das Forschungsnetzwerk „Frauen und Rechtsextremismus“ herausgearbeitet. Und das übliche Antifa-Gemacker auf drei von vier Demos (und Lirabelle-Titelbildern) spielt mit der spiegelbildlichen Symbolik zur drallen Blonden auf dem Bierdeckel: Mit Redebeiträgen und Fahnenstöcken wird ausgefochten, wer den längsten hat. Wohlgemerkt: In anderen gesellschaftlichen Bereichen ist das nicht anders. Dass Männer ihr Interesse als Allgemeines formulieren und dabei keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten vermeintlicher Minderheiten nehmen ist normal, Sexismus ist allgegenwärtig, also auch dort zu finden, wo man eigentlich „Toleranz, Respekt und Mitmenschlichkeit“ verbreiten will.
Um so erfreulicher ist vor diesem Hintergrund, dass unter den Kulturschaffenden inzwischen wieder über die sexistische Symbolik des Bierdeckels gestritten wird. Eine zweite Auflage soll weiterhin ein Statement gegen Nazis und Rassisten im Alltag setzen. Das Motiv steht indes in der internen Kritik, z.B. bei Frau Korte, dem Club im Nordbahnhof. Weil einem Teil der Belegschaft die sexistische Darstellung aufgestoßen ist, werden die Deckel dort nicht mehr ausgelegt. Auch wenn das Motiv ironisch gemeint sei, könne man nicht davon ausgehen, dass dieser Aspekt beim Betrachten auch immer verstanden würde. Die Idee, alltäglich einen Anti-Nazi-Standpunkt deutlich zu machen, findet man nach wie vor super, wünscht sich aber eine anderes Motiv, bei dem nicht mit einer Diskriminierungsform gegen Rechts gearbeitet wird. Auch der Initiator H. überlegt derzeit, ob die zweite Auflage der Bierdeckel vielleicht doch anders bebildert werden sollte.

Bericht von den feministischen Radiotagen in Weimar

Anna Wegricht hat die ersten feministischen Radiotage mitorganisiert.

Mit unerhört! waren die ersten feministischen Radiotage Weimar betitelt und lösten ihr Versprechen ein. In einer sexistischen Gesellschaft für manche anstößig und empörend. Auch weil das Festival sowohl auf Publikumsseite als auch auf Seite der Referentinnen*, Künstlerinnen* und Musikerinnen* die Unerhörten hörbar machte. Vom 12. bis 16. Oktober wurden in einer Reihe von Workshops, wie Live-Hörspiel oder Auflegen mit Vinyl, Zugänge zu verschiedenen Bereichen auditiven Schaffens hergestellt. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, an der Stelle wenig feministische Theorie einzubringen und einen Fokus auf die ganz praktische Hörbarmachung verschiedener (weiblicher*) Stimmen zu legen. Der Feminismus lief dabei im Subtext immer mit. Sei es über die Gestaltung der Programmflyer und Poster, die Entscheidung, Frauen* als Workshopleiterinnen verschiedene Arbeitsfelder präsentieren zu lassen oder auch einfach die Verortung im Rahmen der feministischen Radiotage. Das Festivalwochenende am 17. und 18. Oktober setzte die Vernetzung von Radiomacherinnen* und Radiointeressierten als Schwerpunkt, bot mit diversen Vorträgen, einem Audio-Walk über das Gehen im Dunkeln als Frau, der Präsentation von Soundcollagen, Hörspielen und Features aber auch darüber hinaus ein breitgefächertes Programm. Dass Radiomacherinnen* aus Städten wie Dresden, Berlin und Leipzig angereist kamen, um in einen Austausch miteinander zu gehen, zeigt, wie wenige Angebote und Möglichkeiten es für Radiomacherinnen gibt, sich zu vernetzen. Damit das nicht so bleibt, bildet die Vernetzungsrunde in Weimar nur den Anfang. Next stop: Radio Revolten in Halle, 2016. Für das Abschlusskonzert konnten wir die Rapperinnen Yansn (Berlin), Ket (Leipzig) und Reverie (Los Angeles) gewinnen. Das Konzert schaffte nicht nur die gewünschte Zusammenführung von Menschen verschiedener Hintergründe und politischer Einstellungen, es war auch ein Geschenk an uns als Veranstalterinnen*. Und es machte deutlich, was einige von uns ohnehin schon wissen: Feminismus ist wahnsinnig cool. Ohne Feminismus hätte es das beste Rapkonzert in der Geschichte Weimars nicht geben können.


Infos leider nur bei Facebook https://www.facebook.com/unerhoertradiotage

Wer die Hemmungen fallen lässt und die Kontrolle verliert

Die Kampagne„Alkohol? Kenn‘ dein Limit“ ist mit einem Budget von acht Millionen Euro jährlich die größte deutsche Kampagne zur Alkoholprävention. Finanziert wird sie vom Verband der Privaten Krankenkassen, umgesetzt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Seit 2009 sollen Plakate, Postkarten, Kurzfilme und eine interaktive Webseite Jugendliche überzeugen, sich beim Alkoholkonsum zu mäßigen. Und nicht nur da. Das Bildungskollektiv Biko hat die geschlechts- und klassenspezifischen Anrufungen der Kampagne analysiert.

„Kenn‘ dein Limit“ oder es passiert was…

Wir haben vier Plakatmotive der Kampagne in einem Workshop gemeinsam analysiert. Die gezeigten Menschen sind Mitte 20 oder auch jünger und deutlich als Frauen und Männer identifizierbar. Die älteren könnten Student_innen oder Jugendliche in der Ausbildung sein, die jüngeren Schüler_innen. Alle sind weiß und entsprechen gängigen Mittelschichts-Schönheitsnormen.

Wir wollen unsere Analyse an einem exemplarischen Plakat beginnen, an dem sich die Verschränkung von klassen- und geschlechterspezifischen Anrufungen gut zeigen lässt. Es zeigt eine Szene in einer Bar. Anhand des Bildes und der ergänzenden Texte lässt sich leicht eine Erzählung entwickeln. Drei Freunde, ein heterosexuelles Paar und ihre Freundin, gehen etwas trinken. Der Mann trinkt viel und schnell. Die Freundin des Paars wirkt von ihrer Körperhaltung und ihrem Gesichtsausdruck her unsicher. Sie scheint sich an ihrem Glas festzuhalten und blickt hilfesuchend nach oben. Es wirkt, als suche sie Sicherheit im Alkohol. Die Konsequenzen nehmen die begleitenden Texte voraus: Die Unsichere wird im weiteren Verlauf des Abends so viel trinken, dass all ihre Hemmungen fallen. Der Mann im Vordergrund wird nach exzessivem Alkoholgenuss in der Intensivstation landen. Was mit seiner Freundin geschieht, bleibt unausgeschmückt. Ein junger Mann im Hintergrund gehört offenbar nicht zur Gruppe und fotografiert die unsichere Frau heimlich hinter ihrem Rücken. Er hat längere Haare und ist (auch im Vergleich zu den Männern auf den anderen Plakaten) besonders lässig gekleidet. Für den einen Abend scheint er eine Lücke im Leben der jungen Frau zu füllen. Er wird später Nacktfotos der Unsicheren ins Internet stellen. Auch er trinkt, die fast völlig versteckte Flasche verdeutlicht jedoch die untergeordnete Rolle, die hier dem Alkohol zukommt.

When boys and girls get drunk at a party…

Was passiert also wenn eine alleinstehende Frau die ihr gebotenen Hemmungen fallen lässt und sich ganz ungehemmt und spontan gehen lässt? Sie wird von einem Unterklasse-Mann ausgenutzt und gedemütigt. Der Mann im Vordergrund bringt sich hingegen selbst in Gefahr und zwar in gesundheitliche. Wenn wir dies in den Kontext der anderen Plakate stellen, sehen wir, dass im Rahmen der Kampagne durchgängig geschlechtsspezifische Gefahren drohen. Männer riskieren ihre Gesundheit, ihren Führerschein oder das Bestehen einer Prüfung. Ihnen droht somit, neben gesundheitlichen Schäden, vor allem der gesellschaftliche Abstieg. Frauen hingegen riskieren ihre Tugendhaftigkeit und zwar durch ihre eigene Nachlässigkeit, die Übergriffe durch Männer erst möglich macht.

Auf Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen basierende Studien zeigen, dass für Frauen der Kontrollverlust durch Alkoholkonsum stärker schambesetzt ist, als für Männer. Sie entschuldigen sich für einen Absturz, während dieser bei Männern häufig als Ausweis einer gelungenen Party gilt. Während für letztere der Alkoholkonsum beim Feiern im Fokus steht, wollen erstere den Rahmen der Feier gestalten, z.B. in der Rolle einer „guten Gastgeberin“. (vgl. Østergaard 2007; Landolt 2009)

Die Plakatserie scheint also gängige Rollenbilder anzusprechen, wenn sie Männer in erster Linie unter Aspekten der Gesundheit und des gesellschaftlichen Abstiegs anspricht und bei Frauen die Gefahr einer Demütigung durch Kontrollverlust konstruiert, der sie aus ihrer Rolle fallen lässt.

Für Männer wie für Frauen heißt die Lösung: trink‘ nicht so viel, behalt‘ die Kontrolle, mäßige dich. Dies bedeutet aber auch, dass Männer eben nicht dahingehend angesprochen werden, dass sie gefälligst nicht Nacktfotos von Frauen ins Netz stellen sollen, die das nicht wollen. Das Verhalten der Frau wird problematisiert, während der übergriffige Mann in dem Bild gar nicht erst adressiert wird. Diese Darstellung reproduziert die Vorstellung, dass Frauen dafür verantwortlich sind, sich gefälligst nicht so zu verhalten, dass sie die triebgesteuerten Männer herausfordern und damit zu übergriffigem Verhalten anstacheln. Frauen müssen sich mäßigen, weil Männer sich nicht mäßigen könnten. Interessant ist in diesem Kontext auch die Rolle der Freundin, der Frau im Vordergrund. Für sie wird keine Konsequenz ausgemalt, weil die Konsequenzen klar sind: Ihr Freund im Krankenhaus, ihre Freundin gedemütigt und das alles, weil sie gute Miene zum bösen Spiel gemacht und sich nicht zur schon abzusehenden Gefahr verhalten hat. Die Botschaft für die vernünftige Freundin ist damit: Du sollst auf die ungefestigte Freundin und den trinkfreudigen Partner einwirken, damit die lernen, ihr Limit zu kennen. Die Zielrichtung dieser Handlungsoption ist individuelle Mäßigung. Eine Perspektive gegenseitiger Verantwortung und kollektiven Handelns kommt nicht vor. Das Ziel, gemeinsam ein Miteinander zu organisieren, in dem es für Frauen möglich ist, Hemmungen fallen zu lassen, ohne Übergriffen ausgesetzt zu sein, ist in der Argumentation der Kampagne undenkbar.

Wir haben für die dargestellten Frauen und Männer der weißen deutschen Mittelklasse drei Gefahren ausgemacht, die bei unkontrolliertem Alkoholkonsum drohen: gesundheitliche Schäden, sozialer Abstieg und Demütigung durch übergriffige Männer. Besonders die Abstiegsdrohung lohnt besonderer Beachtung.

Saufen vor dem Kaufhaus

Was die Plakate der Bundeszentrale als Abstiegsperspektive zeichnen, ist anschlussfähig an die medialen Bilder über ALG II-Empfänger_innen: Verwahrloste Menschen, die sich nicht unter Kontrolle haben und übermäßig viel Junk-Food, Trash-TV und Dosenbier konsumieren. Auch diese Bilder sind selbstverständlich geschlechtsspezifisch gezeichnet: Schlampige Frauen und gewalttätige, erfolglose Männer. In der Bilderwelt der Kampagne ist dies die Zukunft der Individuen, die es nicht schaffen, sich zu mäßigen. Diese Menschen haben durch ihre Unfähigkeit oder ihren Unwillen, sich zu mäßigen ihren Abstieg selbst verschuldet. Sie können sich nur selbst wieder ins Spiel bringen, indem sie den Anrufungen zu Selbstkontrolle und -optimierung folgen.

Die einzige Person auf den Plakaten, die keinen Schaden durch unkontrollierten Alkoholkonsum davonträgt und trotzdem eine Geschichte hat, ist der Mann im Hintergrund in der Bar. Wir denken: Es ist kein Zufall, dass dieser lässiger gekleidet ist, als die anderen Männer und Frauen. Die Gefahr für Frauen geht in diesem Bild von einem fremden Mann aus einer niedrigeren Schicht aus und nicht vom eigenen Partner oder von Männern in einer sozialen Machtposition, wie Dominique Strauß-Kahn oder Rainer Brüderle. In beiden Aspekten reproduziert die Kampagne einen alten Diskurs, in dem die unteren Klassen als moralisch verdorben und undiszipliniert ausgemalt werden und damit als Gefahr für die bürgerliche Ordnung, deren Stabilität und deren moralische Integrität.1 Dieses „Lumpenproletariat“ kann, dieser Vorstellung entsprechend, auch nicht mit Appellen an die individuelle Verantwortung erreicht werden, weswegen es für den jungen Mann im Hintergrund auch keine Handlungsoption gibt.

Die Gefahr für die hart um Markterfolge kämpfende Mittelschicht lauert überall – und die Einzelnen können leicht selbst in die bedrohliche Masse der Abgehängten abrutschen, wenn sie sich nicht im Griff haben. Die neoliberale Ideologie knüpft an diese Erfahrung der beständigen Bedrohung des eigenen Lebensstandards, sowie an konservative Werte der arbeitenden Klassen an. Dies ermöglicht die Verallgemeinerung einer Haltung, in der Klassenverhältnisse ausgeblendet werden. In dieser steht die Mehrheit der selbstverantwortlichen „Leistungsträger“ (von der fleißigen Arbeiter_in zur Spitzenmanager_in) der Minderheit der Leistungsunfähigen und (noch schlimmer) -unwilligen gegenüber. Diese können dann für alle Missstände, von Verbrechen, überlasteten Krankenkassen und hohen Sozialausgaben bis zum Werteverfall, verantwortlich gemacht werden. Stuart Hall (2014) prägte für diese Strategie, die er am aufstrebenden Thatcherismus im Großbritannien der 1970er und -80er Jahre analysierte, den Begriff des „autoritären Populismus“, da sie an den „gesunden Menschenverstand“ der Massen appelliert, um sie für eine rechte Politik zu mobilisieren.

Selbstkontrolle für die Mittelschicht – Platzverweis für die Armen und Anormalen

Die untersuchte Kampagne richtet sich an junge Menschen der weißen Mittelschicht. Diese sollen lernen sich zu beherrschen, sich selbst zu führen und zu mäßigen, um weiterhin erfolgreich am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. In dieser neoliberalen Ideologie geht es um Anpassung an die undurchschaubaren Mechanismen des Marktes. Wo diese neoliberale Anrufung scheitert, ist der Ruf nach repressiven Maßnahmen nicht fern, wie man an der Aufregung über Punker auf dem Erfurter Anger sieht:

„Bürger und Händler in der Innenstadt machen sich Sorgen um Erfurts gute Stube. Der Angerbrunnen sollte eigentlich ein Aushängeschild sein, doch bei der Stadt mehren sich die Beschwerden über herumlungernde Punks, aggressive Bettler und Pöbeleien unter dem Einfluss von Alkohol. […] ‚Die Stadt tut sich keinen Gefallen, das zu dulden‘, meint der Centermanager [des ‚Anger 1‘] und fordert eine ‚gesetzliche Grundlage, um die unhaltbaren Zustände zu bekämpfen‘.“ (Thüringer Allgemeine vom 07.07.2015)

Wie die Beschwerden „besorgter Bürger“ und der Vorstoß der Erfurter Innenstadtwirtschaft zeigen, kommt eine Anrufung zu Mäßigung und Selbstkontrolle bei Punks nicht in Betracht. Als anormal angesehene und Arme sollen vertrieben werden, um sie aus dem Blickfeld der Mittelschicht zu schaffen. Die abendlichen besoffenen Horden in den Innenstadtkneipen werden von solchen Maßnahmen, sollten sie durchkommen, nicht betroffen sein. Schließlich haben sie ja das Geld, in solche Kneipen zu gehen und sind somit Teil des gesellschaftlichen Lebens. Für die Mittelschicht gilt die Ermahnung zur Mäßigung, während ein paar Meter weiter die Unterklasse von der Polizei gejagt und vertrieben wird. Genau das ist der Mechanismus von Hegemonie gepanzert mit Zwang, für den die Kampagne die ideologische Begleitmusik liefert.


Gegen die Pläne eines Alkoholverbots in der Erfurter Innenstadt sammelt die AG Wohnen und Stadtentwicklung der Partei „Die Linke“ Unterschriften unter
https://www.openpetition.de/petition/online/verhinderung-eines-alkoholverbots-in-der-erfurter-innenstadt


1
Weil es sich in der Lirabelle offenbar gehört Fußnoten zu benutzen und es nur ein kleiner Nebenstrang ist, sei hier darauf hingewiesen, dass es in der Radikalen Linken auch eine Tendenz gibt, den prolligen Unterklasse-Mann als besonders sexistisch anzuprangern und gleichzeitig die intellektuell hergestellte Dominanz der werten Genossen als Problem auszublenden.


Verwendete und weiterführende Literatur:

Ulrich Bröckling, Thomas Lemke, Susanne Krasmann (2000): Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung. In: dies.: Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/Main, S.7-40.

Stuart Hall (2014): Popular-demokratischer oder autoritärer Populismus. In: Ders.: Populismus. Hegemonie. Globalisierung. Ausgewählte Schriften 5. Hamburg, S.101-120.

Sara Landolt (2009): „Männer besaufen sich, Frauen nicht“. Geschlechterkonstruktionen in Erzählungen Jugendlicher über Alkoholkonsum. In: Binswanger, Ch., Bridges, M. et al. (Hg): Gender Scripts – Widerspenstige Aneignungen von Geschlechternormen., S. 243-264.
http://www.geo.unizh.ch/~slandolt/Landolt.Artikel2_2009.pdf

Jeanette Østergaard (2007): Mind the gender gap! When boys and girls get drunk at a party. In: Nordic Studies on Alcohol and Drugs 24. S.127-148.
http://www.nordicwelfare.org/PageFiles/4207/Ostergaard.pdf

Holger Wetzel: Alkoholmissbrauch am Erfurter Anger soll schärfer geahndet werden. Thüringer Allgemeine vom 07.07.2015
http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Alkoholmissbrauch-am-Erfurter-Anger-soll-schaerfer-geahndet-werden-301596904

Gruppe Perspektiven (2014): Herrschaft durch Konsens – Macht und Politik bei Antonio Gramsci, http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/herrschaft-durch-konsens-macht-und-politik-bei-antonio-gramsci/

Joachim Schroeder (1996): Ungleiche Brüder. Männerforschung im Kontext sozialer Benachteiligung. In: BauSteineMänner (Hrsg.). Kritische Männerforschung. Hamburg.

Sexism from the Underground

Trotz besten Vorsätzen ist es unmöglich dem Sexismus zu enkommen. Ein Bericht vom Rockfestival Stoned from the Unterground von Cora.

Heavy Stoner Rock, Doom, Psychedelic. Lauter Bass, der in jeder Zelle resoniert, Abtauchen in die Tiefen einer körperlich, auditiven Sound-Erfahrung. Augen zu und alles vergessen – es existiert nur noch Musik. Beim Pogo alle Aggressionen rauslassen. Es kann sehr befreiend sein ein Rockfestival wie das Stoned from the Underground mitzuerleben, das vom 9.-11. Juli am Alperstedter See in Erfurt-Stotternheim stattgefunden hat – wenn es um die Musik geht.

Dass die Rockszene bescheuerte Männlichkeits*kulte zelebriert und zudem personell männlich* dominiert ist, ist leider nichts Neues. Die etwas kontextlose, halbnackte, irgendwelchen Barbiemaßen entsprechende Frau*auf der Website sowie auf dem Logo des Festivals sprach schon für sich. Ebenso das Line-up: Von den insgesamt 75 Musiker_innen waren nur 7 Frauen*. Im „Festival ABC“, wo alle genaueren Infos nachzulesen waren, stand zumindest unter „R“, dass sie keinen Rassismus dulden. Das implizierte aber nicht, dass sie sich mit ihrer eigene Position in und ihrer Reproduktion von rassistischen Verhältnissen auseinandergesetzt haben, was sich z.B. in einer reflektierten Einladungspolitik gezeigt hätte. Nein, soweit ging die Rassismuskritik nicht, sie hatte keinen Einfluss auf das Line-up, da dieses sehr weiß, nord- bzw. westeuropäisch und USA-lastig war. Unter „S“ stand nur etwas zum „See“. Aha. Antisexismus war ihnen also nicht mal ein Lippenbekenntnis wert. Soweit wusste ich also Bescheid. Ich hatte aber keinen Bock, mich von diesen vorhersehbar sexistischen Umständen davon abhalten zu lassen, die m.E. geniale Musik live zu erleben. Mit der Entschlossenheit, mich auf die Musik zu konzentrieren und für die drei Tage Sexismus mal nicht mein Problem sein zu lassen, bin ich dort mit zwei Kumpels hingefahren.

Am ersten Abend hat das gut funktioniert. Greenleaf hat ordentlich eingeheizt, beim Pogo konnte ich die Rockertypen gescheit durch die Gegend schupsen. Wenn sie dann irritiert waren oder mich ignorierten, konnte ich damit ganz gut leben. Wohlwollender Sexismus, der auf der misogynen Vorstellung basiert, Frauen seien in erster Linie rein, gut und schwach und bräuchten daher spezielle Behandlung und männlichen* Schutz, macht jedoch auch vor Pogo keinen Halt. Der ein oder andere Typ hat mir gegenüber absurde „Beschützeraktionen“ gestartet, wobei ich diesen „vornehmen Rittern“ dann besonders gerne Seitenhiebe verpasst habe. Im Anschluss haben Radio Moscow mit ihrem Sound eine_n in andere Wahrnehmungszustände versetzt, sodass ich vollkommen betrunken von gutem Rock an diesem Abend unterwegs war.

Am nächsten Morgen wache ich auf, weil wir von unseren pubertären Zeltnachbarn beschallt werden. Zuerst mit einer homophoben Verarschung von einem Schlagerlied. Das Lied „Thüringer Klöße“, bei dem ein 14-jähriger Junge über seine Begeisterung von diesem Essen erzählt, wurde so abgeändert, dass er über „Thüringer Schwänze“ singt. Das Lied ist also noch lustiger, wenn der Junge schwul ist und in jeden Satz „Schwänze“ reingebrüllt wird. Dieses peinliche, regionalistische Lied verarschen zu wollen ist ja noch verständlich, aber dass die Parodie nicht ohne männlichen* Genitalhype und Homophobie auskommt, ist einfach zum Kotzen. Danach werden sprachliche Sequenzen aus Heteropornos gespielt, in welchen die Frau* als passive Partnerin dargestellt wird, die die Rolle des gewaltvollen gef*ckt-werdens genießt, indem sie danach verlangt und das vor allem durch die Beschwörung der Großartigkeit und Größe von Schwänzen bzw. Fäusten tut. Ziemlich harte Kost am frühen Morgen.

Um mal kurz den Interpretationsrahmen abzustecken: Wenn ich etwas übers Fisten oder sexuelle Machtspiele in einem feministischen, BDSM- oder LGBTIQ-Kontext höre ist das was anderes als wenn junge Typen auf einem maskulinistischen Rockfestival diesen Inhalt bringen. Ich habe nichts gegen BDSM oder das konsensuelle Verhandeln von Machtpositionen beim Sex und will keiner Frau* weder ihre Vorlieben noch ihre Repräsentationsweise von Sex absprechen – um nicht in die Falle einer dogmatischen Definition von „emanzipativem Sex“ zu tappen – aber darum ging es hier offensichtlich nicht. Vielmehr reihte sich diese Wiedergabe von Sex in die leidige Reproduktion heteronormativen, sexistischen Geschlechtsverkehrs ein, dessen Funktion darin besteht, Frauen* qua Sexpraktik in die unterlegene Position zu bringen und diese mit vermeintlicher genitaler Differenz zu begründen und als „natürlich“ festzuschreiben. Die Zeltkollegen ließen auch keinen Zweifel daran, dass sie die Sexszenen genau auf die Art verstanden wissen wollten, da sie unmittelbar danach die Ergüsse eines Pfarrers o.Ä. abspielten, der sich über die „natürliche Schwäche, Minderwertigkeit und Unterlegenheit der Frau*“ ausließ und hasserfüllt über die Frau* als Fehler in der menschlichen Natur sprach, ihre Existenz als notwendiges Übel zur Reproduktion bezeichnete und zum Schluss kam, dass Männer* ohne Frauen* bereits zu Göttern geworden wären. Dieses Statement antifeministischer, religiöser Ideologie war ein ziemlich steiler Einstieg in den Tag und sprengte meinen Vorsatz mich von Sexismus mal nicht angesprochen zu fühlen. Ich schmetterte den Nachbarn die Frage entgegen, ob sie vollkommen bescheuert sind und konnte ihnen damit klar machen, dass sie so eine Scheiße hier nicht mehr spielen sollen. Nach dummen Sprüchen haben sie tatsächlich für den Rest des Festivals damit aufgehört. Der Sexismus ging jedoch auf dem Gelände und bei den Konzerten weiter. In den Songtexten und Bühnenansprachen gab es misogyne Äußerungen, besonders beliebt war es über „bitches“ zu sprechen und die patrilineare Tradition zu feiern, sodass zwei verschiedene Bands explizit einen Song für den Vater spielten und der Frontsänger von Danava damit auf eine vermeintlich revolutionäre Tradition verwies, die in der Generation der Väter begonnen habe und als Teil dessen er sich hypte. Zu diesem Revolutionsverständnis möchte ich mich gar nicht erst äußern. Es war verdammt schwierig sich auf die Musik zu konzentrieren. Dennoch konnten ich mich dann im instrumentellen Space Rock von Monomyth verlieren, eine Band die zudem ohne sexistische Kommentare auskam und einfach ihre extrem eingängigen Guitarrensounds spielte. Ebenso Elder: Unglaublicher Doom Rock, der beeindruckende Riffs mit brachialem Bass und sphärischen Soundscapes kombinierte: No shit, just music. Leider blieb das nicht so.

Mit dem Höhepunkt des Festivals kam auch der der Misogynie, als am letzten Tag der Headliner des Festivals, Electric Wizard aus Großbritannien, spielte. Große Nummer, sehr bekannt, mit Kultstatus und das Aushängeschild für das 15. Jubiläum des Stoned from the Underground in diesem Jahr. Die Band beginnt zu spielen, der Sound ist echt gut. Auf die Leinwand hinter der Band werden Videos projiziert, sie zeigen eine satanistische „Schwarze Messe“. Nackte Frauen*, männliche* „Priester“ und anfangs noch eine Domina. Die Frauen* werden verletzt, gefoltert, sexuell missbraucht und letztlich umgebracht. Details erspare ich euch. Ich schaue zu meinem Kumpel: „Satanistische Jungfrauenopferungen halt“ meint er achselzuckend. Aha. Fuck you.

Im Publikum gab es kaum Reaktionen darauf. Einige Frauen* sind aus der Menge gegangen und der Applaus hielt sich in Grenzen, zumindest bei den Songs, als das Video gezeigt wurde, aber es war kein Skandal – eher Normalität. Scheinbar wird das als Markenzeichen dieser Band schlichtweg akzeptiert und trägt zu ihrem Kultstatus bei[1]. Ach ja und bei den Merchandise-Ständen gab es von dieser Band T-shirts u.a. mit der Aufschrift: „Legalize Murder“. Also dann: Legalize Murder of Women – versteht sich. Inszenierungen der ultimativen Unterdrückung von Frauen* durch Männer*, Darstellungen von extremem Frauen*hass und Bilder, in welchen Gewalt bzw. Mord an Frauen* sexualisiert wird verhelfen einer Rockband also zu ihrem Kultstatus – willkommen in der rape culture.

Eine Diskussion darüber zu führen – wie ich es unnötigerweise mit meinem Kumpel später getan habe – ob dieses Explizieren, Radikalisieren und Verherrlichen von Gewalt an Frauen* einfach Provokation sei, eine übersteigerte Pose zur Abgrenzung von einem kulturellen Mainstream und deshalb nicht ernst zu nehmen sei oder als solches verstanden werden sollte, ist ein scheiß Versuch diese Gewalt zu verharmlosen und zu entschuldigen. Egal aus welchen Gründen solche Videos gezeigt werden oder wie vielfältig die Rezeption sein kann – das ist keine bloße Phantasie losgelöst von sozialen Verhältnissen! Gewalt gegen Frauen* ist eine feste Größe in gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen und eine fucking Alltagsrealität. Solche subkulturellen Veranstaltungen, bei welchen bewusst konventionelle Geschlechterhierarchien radikalisiert werden, sind Extremformen von Vergewaltigungskultur und tragen zur Trivialisierung und Normalisierung von Gewalt an Frauen* bei.

Das nächste Mal bei einem guten Stoner Rock Festival will ich mich tatsächlich nur auf die Musik fokussieren können, weil im Line-up mehr Rockerinnen* aus diverseren Kontexten dabei sind, weil die Typen Sexismus als Problem verstehen, mal was dagegen sagen bzw. tun und weil mit der Macht von visueller sowie auditiver Kultur bewusster umgegangen wird; ihre identitätsstiftende Wirkung, ihr Einfluss auf Wahrnehmungs- bzw. Bewertungsprozesse der Umwelt gerafft wird und sie verdammt nochmal nicht zur krassen Radikalisierung und Idealisierung patriarchaler, misogyner Scheiße genutzt wird.


1
Vgl. http://www.metal-hammer.de/stoned-from-the-underground-festival-bericht-und-fotos-493453/4/ (17.08.15, 20:00)

Leser_innenbriefe

Das Redaktionskollektiv freut sich über die zunehmende Tendenz der eingehenden Leser_innenbriefe – aber auch Pöbeleien und Gezeter beim Bier am Abend oder Mittag stoßen weiterhin mal auf offene, mal geschlossene Ohren. Wir sind ansprechbar – manchmal.

Therese fragt zum Mittelteil von Ausgabe 8 nach:

hallo lirabelle-team,

ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir erklären könntet, dass ich das poster in der aktuellen lirabelle einfach nur nicht verstanden habe. mir fällt nämlich leider im moment keine andere erklärung für „touristen fisten“ ein, als dass es ein aufruf zur vergewaltigung ist. das finde ich nicht lustig. das lässt sich auch nicht damit wegreden, dass irgendwer von touristen genervt sein mag. ehrlich gesagt, habe ich schon keine lust mehr, das heft in die hand zu nehmen, obwohl ich eigentlich manche der themen spannend fände.
vielleicht wollt ihr zum ausgleich mal ein poster mit „nie wieder vergewaltigung!“ machen? vielleicht auch ein kommentar in der nächsten lirabelle? oder eben eine erklärung, dass mit dem spruch etwas völlig anderes gemeint ist, als das, was ich verstanden habe? ich würde mich freuen, wenn sich das missverständinis aus der welt schaffen lässt, damit ich die lirabelle wieder lesen kann!

Auch vom Club Communism erreichte uns ein Leserbrief zu erwähntem Mittelteil:

Liebe Lirabelle-Redaktion,

Wir schätzen Eure Arbeit sehr und deswegen waren wir gelinde gesagt irritiert, als uns die letzte Ausgabe (#8) unterkam. In der habt Ihr als sogenanntes Streetart-Poster im Mittelteil ein Graffito abgebildet, das „Touristen fisten“ lautet. Unerträglich idiotisch.
Kurz haben wir überlegt, ob es ein April-Scherz sein soll, aber dafür kam #8 zu früh heraus. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem  Graffito nicht um eine Aufforderung, sondern um eine Aussage handelt, ist gering.
Die Sexualpraktik des Fisten oder Fisting scheint für deutsche Heteros ein Gewalt-Mythos zu sein. Und so muss dieses Graffito verstanden werden: als Androhung von Gewalt in Form von Penetrationssex. Das Fisten ist scheinbar(!) besonders geeignet als Androhung sexualisierter Gewalt, da es anders als andere Penetrationssex-Praktiken, für notwendig schmerzhaft und nicht ‚natürlichen Sex‘ gehalten wird. Ganz im Sinne der impliziten Unterstellung: niemand kann ernsthaft gefistet werden wollen. Hinter dieser Drohung steht also eine tendenziell homophobe, regressive Sexualmoral und ihre Vorstellung, anhand der Praxis und ihrer vermeintlichen Schmerzhaftigkeit auf sexualisierte Gewalt zu schließen. Als ob die Art und Weise der körperlich erotischen Auseinandersetzung (schmerzhaft oder nicht) entscheidend wäre und nicht das Einverständnis aller Beteiligten darin, um zu sagen, ob Gewalt angewendet wird. Das Graffito zeigt also die Bereitschaft, sexualisierte Gewalt anzudrohen, um Menschen einzuschüchtern – was nicht mehr nur ein bisschen gruselig ist.
Und überhaupt: Touristen Gewalt androhen, sie also einschüchtern, wohl damit sie wegbleiben. Raus mit den Fremden aus der eigenen Stadt. Weg mit denen, die sich komisch kleiden und merkwürdig aufführen. Vertreibt die, die es sich gönnen das Bier im Biergarten zu trinken, statt auf einer dreckigen Treppe hockend. Die nicht nur bizarre Fotomotive ausmachen, sondern auch die anerkannten Territorien missachten, um diese festzuhalten. Jagt sie aus dem Viertel, was letztens noch unseres war und wo sie nun übernachten – eine ekelhafte Mischung aus Neid und Fremdenfeindlichkeit.
So was leistet sich sonst nur die Hauptstadt. Und so wäre Erfurt ja auch gerne. Ein bisschen wie das Paradies Berlin: mit brennenden Autos, einer großen und aktiven linken Szene und eben Scheiß-Touristen-in-ihren-Koffern-aus-der-Stadt-rollen-lassen-Attitüde. Als ob sich eine richtige Großstadt vor allem durch falsche Gentrifizierungskritik auszeichnet. Das eine hat Erfurt nun offiziell, das andere wäre es nur gerne. So hättet ihr euch mit zwei leer gelassenen Seiten im Mittelteil und dem Hinweis „Sorry, Erfurt ist kacke – wir haben nix gefunden“ nicht so blamiert.

Solidarische Grüße,
Euer CC – Sektion Jena/Erfurt

Sorry!

Die Redaktion entschuldigt sich für ein sexistisches Streetart-Poster in der letzten Ausgabe. Der Text spricht explizit über den Zusammenhang von Sexualität und Gewalt.

Im Mittelteil der letzten Lirabelle haben wir ein Poster mit der Aufschrift „Touristen fisten“ abgebildet. „Fisten“ bedeutet in diesem Kontext wohl, dass Touristen mit der Faust anal penetriert werden sollen. Es geht um aggressive Statuskommunikation, die das Ziel formuliert, das Objekt des Fistings zu unterwerfen, wobei die Einvernehmlichkeit nicht vorausgesetzt werden kann.

Nun ist es offensichtlich, dass hier nicht im wortwörtlichen Sinne eine Vergewaltigungsdrohung an Touristen formuliert werden soll. Gleichwohl funktioniert der Slogan, weil Penetration als dominante Geste, die das Objekt der Begierde erniedrigt, als kollektiver Sinngehalt abrufbar ist – man braucht keine Diskursanalyse, um das zu verstehen. Die Penetration überschreitet eine körperliche Grenze, dringt ein, befleckt. Dass derjenige, der penetriert, auch oben liegt und eben nicht schwul ist, weiß jeder Bundeswehrsoldat. Der Gangsterboss bei Tarantino kann sinnhaft fragen: „Sehe ich aus wie eine abwertend bezeichnete Vulva? Nein? Warum willst Du mich dann ficken?“, eine Ressource, die der Gangsterbossin – wie selten sie ist, sieht man daran, dass noch nicht einmal das Wort geläufig ist – nicht offen steht. Meisterhaft auf den Punkt bringt diese homophobe und frauenfeindliche Sinnordnung der Auftragskiller im Spielfilm ‚Snatch‘, der in einem zweiminütigen Monolog die soziale Dynamik eines Raubüberfalls umfassend und überzeugend in sexuellen Begriffen darstellen kann. Weil er die dickere Kanone hat, kann er sich gegen den Schlappschwanz und die Schrumpel-Eier durchsetzen. Ähnlich verhält es sich hier. Wer kann, fordert die Touristen zum Schwanzvergleich.

Dazu kommt, dass eine BDSM-Sexualpraktik als Gewalthandlung angedroht wird. Freunde des Blümchensex können sich beim Lachen über den Slogan gleich an zwei Stellen überlegen fühlen: Den ungeliebten Touristen droht man Erniedrigung und Gewalt an. Den Freund_innen des safe, sane und consensual durchgeführten Faustficks unterstellt man gewaltvolle Sexualität.
Der Einwand, es gehe gar nicht um den sexuellen Sinngehalt, ist sehr dürftig. Er tut so, als ob Bedeutungsproduktion eine Frage eines individuellen Willens wäre. Sprache ist aber keine eineindeutige Abbildung eines individuellen Gedankens, sondern immer ein Rekurs auf widersprüchliche gesellschaftliche Strukturen, die selbst mit der Sprachpraxis vermittelt sind. Oder um es mit den Worten eines in der Antifa beliebten Denkers zu sagen: Der Begriff tut dem Gegenstand Gewalt an, konkret: Der von Gewaltphantasien durchzogene Sinngehalt der sexualisierten Parole trägt dazu bei, die gewaltvolle Ordnung der Geschlechter aufrecht zu erhalten. Der Slogan ist sexistisch, auch wenn die Sprayer_innen das unter Umständen nicht wollen.
Nun ist der Wille der Sprecher_innen nicht belanglos, wenn es um die politische Bewertung eines Sprechakts geht. Wer Sexismus propagieren will, hat in linken Zusammenhängen nichts verloren. Wer es aus mangelnder Reflexion tut, hat die Verantwortung dafür, dazuzulernen. Wir können als Verantwortliche für den Abdruck des „Touristen Fisten“ nur sagen, dass uns der sexistische Gehalt zwar vage durch den Sinn ging, eine oberflächliche Lesart diesen aber in der Hektik des Produktionspozesses ausgeblendet hat. „An der Krämer agitiert jemand pro schwulen Sex und contra Vertreibungspolitik“ – so ungefähr unsere falsche, weil oberflächliche Lesart. Das tut uns leid. Für eine linke Zeitschrift ist der Abdruck eines sexistischen Plakats peinlich. Die Redaktion hat das verstanden und gelobt, zukünftig in dieser Hinsicht mehr nachzudenken und feministische und antisexistische Inhalte deutlicher zu vertreten.


 

PS: Ein Teil der Redaktion meint, man könne fast die selbe Kritik auch gegen die Kampagne „Fuck Sügida“ und den Solid-Aufkleber „Nazis einen Einlauf verpassen“ vorbringen. Aber das ist umstritten.