Schlagwort-Archiv: Sexismus

Empower_me(a)nt something.

Emily Page zeigt auf, warum Empowerment wichtig ist und widersprcht damit der Position des Textes „Aber ich habe mich nicht“ aus der Lirabelle #12.

Wie kann ich solidarisch sein und Verbündete*r1 sein? Wie kann ich als nicht von Diskriminierung betroffene Person betroffene Menschen unterstützen? Wie kann ich mich und Andere stärken aus einer persönlichen Betroffenheit heraus? Ein Hoch auf Empowerment – egal in welcher Art und Weise.

Dies wird ein persönlicher Text. Weil es mir ein persönliches Anliegen ist. Empowerment ist echt wichtig. Es ist unglaublich wichtig für mich und viele Menschen, die ich kenne, und für viele Menschen, von denen ich lese oder höre. Warum das so ist, ist für mich ziemlich klar: der ganze diskriminierende Scheiß, den mensch jeden Tag so mitmacht oder mitbekommt, schlägt ganz schön aufs Gemüt und macht echt fertig. Dagegen hilft, abgesehen von politischem Aktivismus, den ich genauso wichtig finde, aber auch etwas, was sich Selbstermächtigung oder Empowerment nennt. Was das bedeutet: sich gegenseitig, andere und mich selbst zu stärken, zu ermächtigen aus einer ohn_mächtigen Position heraus in einer Gesellschaft, in der Rassismus, Hetero_Sexismus, Klassismus, Antimuslimischer Rassismus, Ableismus, Antisemitismus, etc. pp. (Leider ist diese Reihe ja unendlich fortsetzbar.) allgegenwärtig sind. Wenn ich mich in Schutzräumen befinde, und damit meine ich einen Raum, in dem meine Position und vor allem meine Erfahrungen anerkannt und mir nicht abgesprochen werden, dann ist das für mich ausruhen, wohlfühlen, runterkommen – und eben auch heilen. Für mich ist das gelebte Solidarität. Sich zusammen über gemeinsame oder ähnliche Erfahrungen auszutauschen, sich gegenseitig in der eigenen Position und dem Verhalten zu stärken und auch bekräftigen, dass ich selbst oder die jeweils andere Person oder die anderen Personen nicht die Schuldigen an der diskriminierenden Situation sind, ist total wichtig und richtig. Dadurch hab ich das Gefühl, nicht allein zu sein mit diesem Scheiß, sondern dass es auch andere Menschen gibt, die diese bescheuerten Erfahrungen machen und letztendlich – und das ist in diesem Augenblick das Wichtige – zu wissen, dass das Gegenüber eine*n versteht, tut echt gut. Und das macht dabei trotzdem das Gefühl, weiter handlungsfähig zu bleiben oder in Zukunft handlungsfähig zu werden.
Und da sehe ich auch voll den Bezug zur Entstehung des Begriffs. Dass Empowerment vor allem in der Black Power- und in der us-amerikanischen Bürger*innenrechtsbewegung entstanden ist, hat eine große Bedeutung und weist viel auf gesellschaftliche Schieflagen und Ungleichheiten hin. Es zeigt, dass Menschen, die gesellschaftlich und individuell ent-machtet wurden und werden, sich zusammen geschlossen haben und dies auch noch immer tun, um dagegen zu kämpfen, in der Ohn_macht stecken zu bleiben.

Sexismus z.B. nimmt leider, leider großen Raum in meinem Alltag ein. In allen möglichen Bereichen – und die, die ähnliche Erfahrungen machen oder eben coole Verbündete sind, wissen, auf was und wohin sich das überall ausweiten kann. Blicke reichen oft aus für ein Gefühl der Scheiße. Ich will hier jetzt auch keine verschiedenen sexistischen fails im Detail beschreiben – ich will sagen, wie große Auswirkungen das für eine*n persönlich haben kann und ganz oft auch hat. Deshalb finde ich es auch ganz großen Müll, zu sagen, dass mensch sich „auf vermeintlich repressiv unterdrückte Bedürfnisse besinnt“, wie das in Lirabelle #12 genannt wurde. Das ist äußerst abwertend für die Empfindungen und Gefühle der von Diskriminierung Betroffenen. Beim Konzept von Empowerment stehen immer die Machtverhältnisse im Vordergrund, gleichzeitig aber auch vor allem, was diese bei den Betroffenen und Ausgegrenzten auslösen und was sie mit ihnen machen. Das heißt dann auch, dass deren Bedürfnisse ernst genommen werden und (zusammen) überlegt wird_werden kann, wie mensch damit umgeht, wenn sie*er in eine solche Situation kommt oder wie es bereits in solchen Situationen war und wie passend für eine*n selbst der Umgang damit war.

Das Erste, was ich mich gefragt habe, aus welcher Position der Text geschrieben wurde. Da kann ich nur vermuten und anmaßend sein. Ich kann an dieser Stelle nicht mit mega krassen theoretischen Dingen auffahren – das finde ich in diesem ganzen Kontext auch nicht wichtig. Wichtig ist für mich nach wie vor die Betroffenenperspektive und dazu zählt eben auch der Bereich des Empowerment – den es by the way nicht geben müsste, wenn es keine gesellschaftlichen Macht- und Dominanzstrukturen geben würde, die bestimmte (konstruierte) Gruppen von Menschen abwerten und ausgrenzen. Deshalb ist ein subjektives Gefühl oder eine Erfahrung auch nicht runter zu spielen. Und Individuen auch wichtig sind in diesem System von Unterdrückung. Dass es kollektive Erfahrungen dazu gibt, spielt eben auch mit rein. Und deshalb kann ich es aus meiner Position auch gar nicht verstehen, warum diese Idee von Selbstermächtigung so abgetan wird. Ohnmacht ist ein individuelles und ein kollektives Gefühl zugleich, es kann geteilt und mitgeteilt werden und dass „es auch individuell auch weg-empowert werden“ kann, trifft die Sache nicht so wirklich auf den Punkt. Es trifft sie gar nicht auf den Punkt.

Außerdem stößt mir dieses überwissenschaftliche Texte Schreiben hin und wieder stark auf. Nicht nur die Fremdwörter, sondern auch die Ausdrucksweise und die Länge des Textes spielen da eine große Rolle und geben mir das Gefühl von Nichtskönnen und Nichtverstehen. Dabei ist mir auch klar, dass durch bestimmten Sprechweisen ich auch Leute z.B. klassistisch ausschließe. Was mir dazu nur so oft auffällt, ist, dass so viel, was auch eine große persönliche Bedeutung für eine*n hat, verwissenschaftlicht und versachlicht wird – und dadurch irgendwie (mal mehr, mal weniger) die persönliche Komponente rausgestrichen wird oder zu kurz kommt.
Ich kann mir gut vorstellen, dass, weil der Text aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, deshalb als emotional und_oder unsachlich dargestellt werden kann. Darüber bin ich mir bewusst und genau diese Darstellung ist das Problem. Betroffene von Diskriminierung als emotional und unsachlich zu beschreiben, ist genau Teil des Problems_Teil des Systems. Victim blaming ist gängiger Bestandteil von diskriminierendem Verhalten oder dessen Reproduktion. Die*der Betroffene wird beschimpft, beleidigt, nicht ernst genommen, ihre*seine Erfahrungen werden relativiert.

Und in so einem Schutzraum, in einer Empowerment-Struktur kann ich das gut bearbeiten – und bin nicht allein mit der ganzen Scheiße.

Und deshalb, genau deshalb ist Empowerment genau das Richtige. Und super wichtig.

Sexismus gegen Rechts

Eine blonde Frau mit langen Zöpfen, die im tief ausgeschnittenen Dirndl mit Zahnpastalächeln sechs Maßkrüge Bier anbietet. Das Lächeln ist gekünstelt, was man deutlich sieht, wenn man genauer hinschaut und z.B. die Hälfte des Gesichts abdeckt. Es ist Knochen- und Kopfarbeit, stundenlang schwere Getränke zu tragen und die Fassade nicht fallen zu lassen, egal wie ekelhaft die männliche Kundschaft nach dem fünften Bier auch wird. „Kein Bier für Nazis“ steht in Frakturschrift neben der beschriebenen Kellnerin. Auf einem Bierdeckel, der seit einiger Zeit in Erfurter Kneipen liegt. Karl Meyerbeer hat Leute aus dem Kreis der Initiator_innen nach ihrer Motivation gefragt.

Als im letzten Jahr die wöchentlichen AfD-Aufmärsche in Erfurt losgingen, haben sich Kulturschaffende aus Erfurt gefragt, wie sie auf diese Situation reagieren können. H. ist Wirt einer Kneipe in der Innenstadt. Er erinnert sich, dass ihn die Situation 2015 beunruhigt hat. Seine Kneipe ist eine der wenigen in Erfurt, in denen erkennbare Nazis rausgeschickt werden. Dass Erfurt durch die Berichterstattung über die Aufmärsche bundesweit als AfD-City wahrgenommen wurde, hat ihm nicht gefallen – auch, weil es ein Problem für die Kundschaft der eher alternativ gehaltenen Kneipe darstellen würde. H. ist auf die Idee gekommen, mit Bierdeckeln gegen Nazis Stimmung zu machen. Zur Finanzierung der Bierdeckel haben Erfurter Kulturschaffende aus verschiedenen Kneipen wie Tiko, Ilvers, CKB, Stadtgarten oder Frau Korte, aber auch aus dem AJZ oder einer Capoeira-Gruppe zusammengelegt. Fördermittel und Sponsoren hat man bewusst nicht in Anspruch genommen, weil es um den Inhalt gehen sollte, nicht darum, mit dem Anti-Nazi-Engagement Werbung zu machen – was der Fall gewesen wäre, wenn man mit Logos auf die Mittelgeber hätte hinweisen müssen. Bei den Kund_innen kommen die Bierdeckel laut H. weitgehend gut an – außer bei vielleicht drei von hundert, die ein Problem mit dem stereotypen Bild haben. Schon vor dem Druck gab es Kritik an der sexistischen Darstellung der Kellnerin. Entscheidend dafür, den Deckel trotzdem zu drucken, war die Idee, die Nazis mit einem urdeutschen Blickfang zu irritieren: Ein völkischer Rassist, der die Kellnerin im Dirndl als Sinnbild typisch deutscher Identität erkenne, würde beim genaueren Hinschauen erkennen, dass das Objekt seiner Begierde sich gegen Nazis stellt. Das – so hofft H. – könnte einen Denkvorgang in Gang setzen. Gleichwohl sei der Sexismus-Vorwurf gerechtfertigt. Das Eintreten gegen Nazis war den Initiator_innen am Ende aber wichtiger als die nur von wenigen vorgebrachte Kritik.

Beim Kampf gegen Rechts Geschlechterverhältnisse links liegen zu lassen, ist nicht selten: Wie sexistische Stereotype dazu führen, bei der Betrachtung von Beate Zschäpe das übliche Klischee von der unpolitischen Frau zu bedienen, hat das Forschungsnetzwerk „Frauen und Rechtsextremismus“ herausgearbeitet. Und das übliche Antifa-Gemacker auf drei von vier Demos (und Lirabelle-Titelbildern) spielt mit der spiegelbildlichen Symbolik zur drallen Blonden auf dem Bierdeckel: Mit Redebeiträgen und Fahnenstöcken wird ausgefochten, wer den längsten hat. Wohlgemerkt: In anderen gesellschaftlichen Bereichen ist das nicht anders. Dass Männer ihr Interesse als Allgemeines formulieren und dabei keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten vermeintlicher Minderheiten nehmen ist normal, Sexismus ist allgegenwärtig, also auch dort zu finden, wo man eigentlich „Toleranz, Respekt und Mitmenschlichkeit“ verbreiten will.
Um so erfreulicher ist vor diesem Hintergrund, dass unter den Kulturschaffenden inzwischen wieder über die sexistische Symbolik des Bierdeckels gestritten wird. Eine zweite Auflage soll weiterhin ein Statement gegen Nazis und Rassisten im Alltag setzen. Das Motiv steht indes in der internen Kritik, z.B. bei Frau Korte, dem Club im Nordbahnhof. Weil einem Teil der Belegschaft die sexistische Darstellung aufgestoßen ist, werden die Deckel dort nicht mehr ausgelegt. Auch wenn das Motiv ironisch gemeint sei, könne man nicht davon ausgehen, dass dieser Aspekt beim Betrachten auch immer verstanden würde. Die Idee, alltäglich einen Anti-Nazi-Standpunkt deutlich zu machen, findet man nach wie vor super, wünscht sich aber eine anderes Motiv, bei dem nicht mit einer Diskriminierungsform gegen Rechts gearbeitet wird. Auch der Initiator H. überlegt derzeit, ob die zweite Auflage der Bierdeckel vielleicht doch anders bebildert werden sollte.

Bericht von den feministischen Radiotagen in Weimar

Anna Wegricht hat die ersten feministischen Radiotage mitorganisiert.

Mit unerhört! waren die ersten feministischen Radiotage Weimar betitelt und lösten ihr Versprechen ein. In einer sexistischen Gesellschaft für manche anstößig und empörend. Auch weil das Festival sowohl auf Publikumsseite als auch auf Seite der Referentinnen*, Künstlerinnen* und Musikerinnen* die Unerhörten hörbar machte. Vom 12. bis 16. Oktober wurden in einer Reihe von Workshops, wie Live-Hörspiel oder Auflegen mit Vinyl, Zugänge zu verschiedenen Bereichen auditiven Schaffens hergestellt. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, an der Stelle wenig feministische Theorie einzubringen und einen Fokus auf die ganz praktische Hörbarmachung verschiedener (weiblicher*) Stimmen zu legen. Der Feminismus lief dabei im Subtext immer mit. Sei es über die Gestaltung der Programmflyer und Poster, die Entscheidung, Frauen* als Workshopleiterinnen verschiedene Arbeitsfelder präsentieren zu lassen oder auch einfach die Verortung im Rahmen der feministischen Radiotage. Das Festivalwochenende am 17. und 18. Oktober setzte die Vernetzung von Radiomacherinnen* und Radiointeressierten als Schwerpunkt, bot mit diversen Vorträgen, einem Audio-Walk über das Gehen im Dunkeln als Frau, der Präsentation von Soundcollagen, Hörspielen und Features aber auch darüber hinaus ein breitgefächertes Programm. Dass Radiomacherinnen* aus Städten wie Dresden, Berlin und Leipzig angereist kamen, um in einen Austausch miteinander zu gehen, zeigt, wie wenige Angebote und Möglichkeiten es für Radiomacherinnen gibt, sich zu vernetzen. Damit das nicht so bleibt, bildet die Vernetzungsrunde in Weimar nur den Anfang. Next stop: Radio Revolten in Halle, 2016. Für das Abschlusskonzert konnten wir die Rapperinnen Yansn (Berlin), Ket (Leipzig) und Reverie (Los Angeles) gewinnen. Das Konzert schaffte nicht nur die gewünschte Zusammenführung von Menschen verschiedener Hintergründe und politischer Einstellungen, es war auch ein Geschenk an uns als Veranstalterinnen*. Und es machte deutlich, was einige von uns ohnehin schon wissen: Feminismus ist wahnsinnig cool. Ohne Feminismus hätte es das beste Rapkonzert in der Geschichte Weimars nicht geben können.


Infos leider nur bei Facebook https://www.facebook.com/unerhoertradiotage

Wer die Hemmungen fallen lässt und die Kontrolle verliert

Die Kampagne„Alkohol? Kenn‘ dein Limit“ ist mit einem Budget von acht Millionen Euro jährlich die größte deutsche Kampagne zur Alkoholprävention. Finanziert wird sie vom Verband der Privaten Krankenkassen, umgesetzt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Seit 2009 sollen Plakate, Postkarten, Kurzfilme und eine interaktive Webseite Jugendliche überzeugen, sich beim Alkoholkonsum zu mäßigen. Und nicht nur da. Das Bildungskollektiv Biko hat die geschlechts- und klassenspezifischen Anrufungen der Kampagne analysiert.

„Kenn‘ dein Limit“ oder es passiert was…

Wir haben vier Plakatmotive der Kampagne in einem Workshop gemeinsam analysiert. Die gezeigten Menschen sind Mitte 20 oder auch jünger und deutlich als Frauen und Männer identifizierbar. Die älteren könnten Student_innen oder Jugendliche in der Ausbildung sein, die jüngeren Schüler_innen. Alle sind weiß und entsprechen gängigen Mittelschichts-Schönheitsnormen.

Wir wollen unsere Analyse an einem exemplarischen Plakat beginnen, an dem sich die Verschränkung von klassen- und geschlechterspezifischen Anrufungen gut zeigen lässt. Es zeigt eine Szene in einer Bar. Anhand des Bildes und der ergänzenden Texte lässt sich leicht eine Erzählung entwickeln. Drei Freunde, ein heterosexuelles Paar und ihre Freundin, gehen etwas trinken. Der Mann trinkt viel und schnell. Die Freundin des Paars wirkt von ihrer Körperhaltung und ihrem Gesichtsausdruck her unsicher. Sie scheint sich an ihrem Glas festzuhalten und blickt hilfesuchend nach oben. Es wirkt, als suche sie Sicherheit im Alkohol. Die Konsequenzen nehmen die begleitenden Texte voraus: Die Unsichere wird im weiteren Verlauf des Abends so viel trinken, dass all ihre Hemmungen fallen. Der Mann im Vordergrund wird nach exzessivem Alkoholgenuss in der Intensivstation landen. Was mit seiner Freundin geschieht, bleibt unausgeschmückt. Ein junger Mann im Hintergrund gehört offenbar nicht zur Gruppe und fotografiert die unsichere Frau heimlich hinter ihrem Rücken. Er hat längere Haare und ist (auch im Vergleich zu den Männern auf den anderen Plakaten) besonders lässig gekleidet. Für den einen Abend scheint er eine Lücke im Leben der jungen Frau zu füllen. Er wird später Nacktfotos der Unsicheren ins Internet stellen. Auch er trinkt, die fast völlig versteckte Flasche verdeutlicht jedoch die untergeordnete Rolle, die hier dem Alkohol zukommt.

When boys and girls get drunk at a party…

Was passiert also wenn eine alleinstehende Frau die ihr gebotenen Hemmungen fallen lässt und sich ganz ungehemmt und spontan gehen lässt? Sie wird von einem Unterklasse-Mann ausgenutzt und gedemütigt. Der Mann im Vordergrund bringt sich hingegen selbst in Gefahr und zwar in gesundheitliche. Wenn wir dies in den Kontext der anderen Plakate stellen, sehen wir, dass im Rahmen der Kampagne durchgängig geschlechtsspezifische Gefahren drohen. Männer riskieren ihre Gesundheit, ihren Führerschein oder das Bestehen einer Prüfung. Ihnen droht somit, neben gesundheitlichen Schäden, vor allem der gesellschaftliche Abstieg. Frauen hingegen riskieren ihre Tugendhaftigkeit und zwar durch ihre eigene Nachlässigkeit, die Übergriffe durch Männer erst möglich macht.

Auf Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen basierende Studien zeigen, dass für Frauen der Kontrollverlust durch Alkoholkonsum stärker schambesetzt ist, als für Männer. Sie entschuldigen sich für einen Absturz, während dieser bei Männern häufig als Ausweis einer gelungenen Party gilt. Während für letztere der Alkoholkonsum beim Feiern im Fokus steht, wollen erstere den Rahmen der Feier gestalten, z.B. in der Rolle einer „guten Gastgeberin“. (vgl. Østergaard 2007; Landolt 2009)

Die Plakatserie scheint also gängige Rollenbilder anzusprechen, wenn sie Männer in erster Linie unter Aspekten der Gesundheit und des gesellschaftlichen Abstiegs anspricht und bei Frauen die Gefahr einer Demütigung durch Kontrollverlust konstruiert, der sie aus ihrer Rolle fallen lässt.

Für Männer wie für Frauen heißt die Lösung: trink‘ nicht so viel, behalt‘ die Kontrolle, mäßige dich. Dies bedeutet aber auch, dass Männer eben nicht dahingehend angesprochen werden, dass sie gefälligst nicht Nacktfotos von Frauen ins Netz stellen sollen, die das nicht wollen. Das Verhalten der Frau wird problematisiert, während der übergriffige Mann in dem Bild gar nicht erst adressiert wird. Diese Darstellung reproduziert die Vorstellung, dass Frauen dafür verantwortlich sind, sich gefälligst nicht so zu verhalten, dass sie die triebgesteuerten Männer herausfordern und damit zu übergriffigem Verhalten anstacheln. Frauen müssen sich mäßigen, weil Männer sich nicht mäßigen könnten. Interessant ist in diesem Kontext auch die Rolle der Freundin, der Frau im Vordergrund. Für sie wird keine Konsequenz ausgemalt, weil die Konsequenzen klar sind: Ihr Freund im Krankenhaus, ihre Freundin gedemütigt und das alles, weil sie gute Miene zum bösen Spiel gemacht und sich nicht zur schon abzusehenden Gefahr verhalten hat. Die Botschaft für die vernünftige Freundin ist damit: Du sollst auf die ungefestigte Freundin und den trinkfreudigen Partner einwirken, damit die lernen, ihr Limit zu kennen. Die Zielrichtung dieser Handlungsoption ist individuelle Mäßigung. Eine Perspektive gegenseitiger Verantwortung und kollektiven Handelns kommt nicht vor. Das Ziel, gemeinsam ein Miteinander zu organisieren, in dem es für Frauen möglich ist, Hemmungen fallen zu lassen, ohne Übergriffen ausgesetzt zu sein, ist in der Argumentation der Kampagne undenkbar.

Wir haben für die dargestellten Frauen und Männer der weißen deutschen Mittelklasse drei Gefahren ausgemacht, die bei unkontrolliertem Alkoholkonsum drohen: gesundheitliche Schäden, sozialer Abstieg und Demütigung durch übergriffige Männer. Besonders die Abstiegsdrohung lohnt besonderer Beachtung.

Saufen vor dem Kaufhaus

Was die Plakate der Bundeszentrale als Abstiegsperspektive zeichnen, ist anschlussfähig an die medialen Bilder über ALG II-Empfänger_innen: Verwahrloste Menschen, die sich nicht unter Kontrolle haben und übermäßig viel Junk-Food, Trash-TV und Dosenbier konsumieren. Auch diese Bilder sind selbstverständlich geschlechtsspezifisch gezeichnet: Schlampige Frauen und gewalttätige, erfolglose Männer. In der Bilderwelt der Kampagne ist dies die Zukunft der Individuen, die es nicht schaffen, sich zu mäßigen. Diese Menschen haben durch ihre Unfähigkeit oder ihren Unwillen, sich zu mäßigen ihren Abstieg selbst verschuldet. Sie können sich nur selbst wieder ins Spiel bringen, indem sie den Anrufungen zu Selbstkontrolle und -optimierung folgen.

Die einzige Person auf den Plakaten, die keinen Schaden durch unkontrollierten Alkoholkonsum davonträgt und trotzdem eine Geschichte hat, ist der Mann im Hintergrund in der Bar. Wir denken: Es ist kein Zufall, dass dieser lässiger gekleidet ist, als die anderen Männer und Frauen. Die Gefahr für Frauen geht in diesem Bild von einem fremden Mann aus einer niedrigeren Schicht aus und nicht vom eigenen Partner oder von Männern in einer sozialen Machtposition, wie Dominique Strauß-Kahn oder Rainer Brüderle. In beiden Aspekten reproduziert die Kampagne einen alten Diskurs, in dem die unteren Klassen als moralisch verdorben und undiszipliniert ausgemalt werden und damit als Gefahr für die bürgerliche Ordnung, deren Stabilität und deren moralische Integrität.1 Dieses „Lumpenproletariat“ kann, dieser Vorstellung entsprechend, auch nicht mit Appellen an die individuelle Verantwortung erreicht werden, weswegen es für den jungen Mann im Hintergrund auch keine Handlungsoption gibt.

Die Gefahr für die hart um Markterfolge kämpfende Mittelschicht lauert überall – und die Einzelnen können leicht selbst in die bedrohliche Masse der Abgehängten abrutschen, wenn sie sich nicht im Griff haben. Die neoliberale Ideologie knüpft an diese Erfahrung der beständigen Bedrohung des eigenen Lebensstandards, sowie an konservative Werte der arbeitenden Klassen an. Dies ermöglicht die Verallgemeinerung einer Haltung, in der Klassenverhältnisse ausgeblendet werden. In dieser steht die Mehrheit der selbstverantwortlichen „Leistungsträger“ (von der fleißigen Arbeiter_in zur Spitzenmanager_in) der Minderheit der Leistungsunfähigen und (noch schlimmer) -unwilligen gegenüber. Diese können dann für alle Missstände, von Verbrechen, überlasteten Krankenkassen und hohen Sozialausgaben bis zum Werteverfall, verantwortlich gemacht werden. Stuart Hall (2014) prägte für diese Strategie, die er am aufstrebenden Thatcherismus im Großbritannien der 1970er und -80er Jahre analysierte, den Begriff des „autoritären Populismus“, da sie an den „gesunden Menschenverstand“ der Massen appelliert, um sie für eine rechte Politik zu mobilisieren.

Selbstkontrolle für die Mittelschicht – Platzverweis für die Armen und Anormalen

Die untersuchte Kampagne richtet sich an junge Menschen der weißen Mittelschicht. Diese sollen lernen sich zu beherrschen, sich selbst zu führen und zu mäßigen, um weiterhin erfolgreich am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. In dieser neoliberalen Ideologie geht es um Anpassung an die undurchschaubaren Mechanismen des Marktes. Wo diese neoliberale Anrufung scheitert, ist der Ruf nach repressiven Maßnahmen nicht fern, wie man an der Aufregung über Punker auf dem Erfurter Anger sieht:

„Bürger und Händler in der Innenstadt machen sich Sorgen um Erfurts gute Stube. Der Angerbrunnen sollte eigentlich ein Aushängeschild sein, doch bei der Stadt mehren sich die Beschwerden über herumlungernde Punks, aggressive Bettler und Pöbeleien unter dem Einfluss von Alkohol. […] ‚Die Stadt tut sich keinen Gefallen, das zu dulden‘, meint der Centermanager [des ‚Anger 1‘] und fordert eine ‚gesetzliche Grundlage, um die unhaltbaren Zustände zu bekämpfen‘.“ (Thüringer Allgemeine vom 07.07.2015)

Wie die Beschwerden „besorgter Bürger“ und der Vorstoß der Erfurter Innenstadtwirtschaft zeigen, kommt eine Anrufung zu Mäßigung und Selbstkontrolle bei Punks nicht in Betracht. Als anormal angesehene und Arme sollen vertrieben werden, um sie aus dem Blickfeld der Mittelschicht zu schaffen. Die abendlichen besoffenen Horden in den Innenstadtkneipen werden von solchen Maßnahmen, sollten sie durchkommen, nicht betroffen sein. Schließlich haben sie ja das Geld, in solche Kneipen zu gehen und sind somit Teil des gesellschaftlichen Lebens. Für die Mittelschicht gilt die Ermahnung zur Mäßigung, während ein paar Meter weiter die Unterklasse von der Polizei gejagt und vertrieben wird. Genau das ist der Mechanismus von Hegemonie gepanzert mit Zwang, für den die Kampagne die ideologische Begleitmusik liefert.


Gegen die Pläne eines Alkoholverbots in der Erfurter Innenstadt sammelt die AG Wohnen und Stadtentwicklung der Partei „Die Linke“ Unterschriften unter
https://www.openpetition.de/petition/online/verhinderung-eines-alkoholverbots-in-der-erfurter-innenstadt


1
Weil es sich in der Lirabelle offenbar gehört Fußnoten zu benutzen und es nur ein kleiner Nebenstrang ist, sei hier darauf hingewiesen, dass es in der Radikalen Linken auch eine Tendenz gibt, den prolligen Unterklasse-Mann als besonders sexistisch anzuprangern und gleichzeitig die intellektuell hergestellte Dominanz der werten Genossen als Problem auszublenden.


Verwendete und weiterführende Literatur:

Ulrich Bröckling, Thomas Lemke, Susanne Krasmann (2000): Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung. In: dies.: Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/Main, S.7-40.

Stuart Hall (2014): Popular-demokratischer oder autoritärer Populismus. In: Ders.: Populismus. Hegemonie. Globalisierung. Ausgewählte Schriften 5. Hamburg, S.101-120.

Sara Landolt (2009): „Männer besaufen sich, Frauen nicht“. Geschlechterkonstruktionen in Erzählungen Jugendlicher über Alkoholkonsum. In: Binswanger, Ch., Bridges, M. et al. (Hg): Gender Scripts – Widerspenstige Aneignungen von Geschlechternormen., S. 243-264.
http://www.geo.unizh.ch/~slandolt/Landolt.Artikel2_2009.pdf

Jeanette Østergaard (2007): Mind the gender gap! When boys and girls get drunk at a party. In: Nordic Studies on Alcohol and Drugs 24. S.127-148.
http://www.nordicwelfare.org/PageFiles/4207/Ostergaard.pdf

Holger Wetzel: Alkoholmissbrauch am Erfurter Anger soll schärfer geahndet werden. Thüringer Allgemeine vom 07.07.2015
http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Alkoholmissbrauch-am-Erfurter-Anger-soll-schaerfer-geahndet-werden-301596904

Gruppe Perspektiven (2014): Herrschaft durch Konsens – Macht und Politik bei Antonio Gramsci, http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/herrschaft-durch-konsens-macht-und-politik-bei-antonio-gramsci/

Joachim Schroeder (1996): Ungleiche Brüder. Männerforschung im Kontext sozialer Benachteiligung. In: BauSteineMänner (Hrsg.). Kritische Männerforschung. Hamburg.

Sexism from the Underground

Trotz besten Vorsätzen ist es unmöglich dem Sexismus zu enkommen. Ein Bericht vom Rockfestival Stoned from the Unterground von Cora.

Heavy Stoner Rock, Doom, Psychedelic. Lauter Bass, der in jeder Zelle resoniert, Abtauchen in die Tiefen einer körperlich, auditiven Sound-Erfahrung. Augen zu und alles vergessen – es existiert nur noch Musik. Beim Pogo alle Aggressionen rauslassen. Es kann sehr befreiend sein ein Rockfestival wie das Stoned from the Underground mitzuerleben, das vom 9.-11. Juli am Alperstedter See in Erfurt-Stotternheim stattgefunden hat – wenn es um die Musik geht.

Dass die Rockszene bescheuerte Männlichkeits*kulte zelebriert und zudem personell männlich* dominiert ist, ist leider nichts Neues. Die etwas kontextlose, halbnackte, irgendwelchen Barbiemaßen entsprechende Frau*auf der Website sowie auf dem Logo des Festivals sprach schon für sich. Ebenso das Line-up: Von den insgesamt 75 Musiker_innen waren nur 7 Frauen*. Im „Festival ABC“, wo alle genaueren Infos nachzulesen waren, stand zumindest unter „R“, dass sie keinen Rassismus dulden. Das implizierte aber nicht, dass sie sich mit ihrer eigene Position in und ihrer Reproduktion von rassistischen Verhältnissen auseinandergesetzt haben, was sich z.B. in einer reflektierten Einladungspolitik gezeigt hätte. Nein, soweit ging die Rassismuskritik nicht, sie hatte keinen Einfluss auf das Line-up, da dieses sehr weiß, nord- bzw. westeuropäisch und USA-lastig war. Unter „S“ stand nur etwas zum „See“. Aha. Antisexismus war ihnen also nicht mal ein Lippenbekenntnis wert. Soweit wusste ich also Bescheid. Ich hatte aber keinen Bock, mich von diesen vorhersehbar sexistischen Umständen davon abhalten zu lassen, die m.E. geniale Musik live zu erleben. Mit der Entschlossenheit, mich auf die Musik zu konzentrieren und für die drei Tage Sexismus mal nicht mein Problem sein zu lassen, bin ich dort mit zwei Kumpels hingefahren.

Am ersten Abend hat das gut funktioniert. Greenleaf hat ordentlich eingeheizt, beim Pogo konnte ich die Rockertypen gescheit durch die Gegend schupsen. Wenn sie dann irritiert waren oder mich ignorierten, konnte ich damit ganz gut leben. Wohlwollender Sexismus, der auf der misogynen Vorstellung basiert, Frauen seien in erster Linie rein, gut und schwach und bräuchten daher spezielle Behandlung und männlichen* Schutz, macht jedoch auch vor Pogo keinen Halt. Der ein oder andere Typ hat mir gegenüber absurde „Beschützeraktionen“ gestartet, wobei ich diesen „vornehmen Rittern“ dann besonders gerne Seitenhiebe verpasst habe. Im Anschluss haben Radio Moscow mit ihrem Sound eine_n in andere Wahrnehmungszustände versetzt, sodass ich vollkommen betrunken von gutem Rock an diesem Abend unterwegs war.

Am nächsten Morgen wache ich auf, weil wir von unseren pubertären Zeltnachbarn beschallt werden. Zuerst mit einer homophoben Verarschung von einem Schlagerlied. Das Lied „Thüringer Klöße“, bei dem ein 14-jähriger Junge über seine Begeisterung von diesem Essen erzählt, wurde so abgeändert, dass er über „Thüringer Schwänze“ singt. Das Lied ist also noch lustiger, wenn der Junge schwul ist und in jeden Satz „Schwänze“ reingebrüllt wird. Dieses peinliche, regionalistische Lied verarschen zu wollen ist ja noch verständlich, aber dass die Parodie nicht ohne männlichen* Genitalhype und Homophobie auskommt, ist einfach zum Kotzen. Danach werden sprachliche Sequenzen aus Heteropornos gespielt, in welchen die Frau* als passive Partnerin dargestellt wird, die die Rolle des gewaltvollen gef*ckt-werdens genießt, indem sie danach verlangt und das vor allem durch die Beschwörung der Großartigkeit und Größe von Schwänzen bzw. Fäusten tut. Ziemlich harte Kost am frühen Morgen.

Um mal kurz den Interpretationsrahmen abzustecken: Wenn ich etwas übers Fisten oder sexuelle Machtspiele in einem feministischen, BDSM- oder LGBTIQ-Kontext höre ist das was anderes als wenn junge Typen auf einem maskulinistischen Rockfestival diesen Inhalt bringen. Ich habe nichts gegen BDSM oder das konsensuelle Verhandeln von Machtpositionen beim Sex und will keiner Frau* weder ihre Vorlieben noch ihre Repräsentationsweise von Sex absprechen – um nicht in die Falle einer dogmatischen Definition von „emanzipativem Sex“ zu tappen – aber darum ging es hier offensichtlich nicht. Vielmehr reihte sich diese Wiedergabe von Sex in die leidige Reproduktion heteronormativen, sexistischen Geschlechtsverkehrs ein, dessen Funktion darin besteht, Frauen* qua Sexpraktik in die unterlegene Position zu bringen und diese mit vermeintlicher genitaler Differenz zu begründen und als „natürlich“ festzuschreiben. Die Zeltkollegen ließen auch keinen Zweifel daran, dass sie die Sexszenen genau auf die Art verstanden wissen wollten, da sie unmittelbar danach die Ergüsse eines Pfarrers o.Ä. abspielten, der sich über die „natürliche Schwäche, Minderwertigkeit und Unterlegenheit der Frau*“ ausließ und hasserfüllt über die Frau* als Fehler in der menschlichen Natur sprach, ihre Existenz als notwendiges Übel zur Reproduktion bezeichnete und zum Schluss kam, dass Männer* ohne Frauen* bereits zu Göttern geworden wären. Dieses Statement antifeministischer, religiöser Ideologie war ein ziemlich steiler Einstieg in den Tag und sprengte meinen Vorsatz mich von Sexismus mal nicht angesprochen zu fühlen. Ich schmetterte den Nachbarn die Frage entgegen, ob sie vollkommen bescheuert sind und konnte ihnen damit klar machen, dass sie so eine Scheiße hier nicht mehr spielen sollen. Nach dummen Sprüchen haben sie tatsächlich für den Rest des Festivals damit aufgehört. Der Sexismus ging jedoch auf dem Gelände und bei den Konzerten weiter. In den Songtexten und Bühnenansprachen gab es misogyne Äußerungen, besonders beliebt war es über „bitches“ zu sprechen und die patrilineare Tradition zu feiern, sodass zwei verschiedene Bands explizit einen Song für den Vater spielten und der Frontsänger von Danava damit auf eine vermeintlich revolutionäre Tradition verwies, die in der Generation der Väter begonnen habe und als Teil dessen er sich hypte. Zu diesem Revolutionsverständnis möchte ich mich gar nicht erst äußern. Es war verdammt schwierig sich auf die Musik zu konzentrieren. Dennoch konnten ich mich dann im instrumentellen Space Rock von Monomyth verlieren, eine Band die zudem ohne sexistische Kommentare auskam und einfach ihre extrem eingängigen Guitarrensounds spielte. Ebenso Elder: Unglaublicher Doom Rock, der beeindruckende Riffs mit brachialem Bass und sphärischen Soundscapes kombinierte: No shit, just music. Leider blieb das nicht so.

Mit dem Höhepunkt des Festivals kam auch der der Misogynie, als am letzten Tag der Headliner des Festivals, Electric Wizard aus Großbritannien, spielte. Große Nummer, sehr bekannt, mit Kultstatus und das Aushängeschild für das 15. Jubiläum des Stoned from the Underground in diesem Jahr. Die Band beginnt zu spielen, der Sound ist echt gut. Auf die Leinwand hinter der Band werden Videos projiziert, sie zeigen eine satanistische „Schwarze Messe“. Nackte Frauen*, männliche* „Priester“ und anfangs noch eine Domina. Die Frauen* werden verletzt, gefoltert, sexuell missbraucht und letztlich umgebracht. Details erspare ich euch. Ich schaue zu meinem Kumpel: „Satanistische Jungfrauenopferungen halt“ meint er achselzuckend. Aha. Fuck you.

Im Publikum gab es kaum Reaktionen darauf. Einige Frauen* sind aus der Menge gegangen und der Applaus hielt sich in Grenzen, zumindest bei den Songs, als das Video gezeigt wurde, aber es war kein Skandal – eher Normalität. Scheinbar wird das als Markenzeichen dieser Band schlichtweg akzeptiert und trägt zu ihrem Kultstatus bei[1]. Ach ja und bei den Merchandise-Ständen gab es von dieser Band T-shirts u.a. mit der Aufschrift: „Legalize Murder“. Also dann: Legalize Murder of Women – versteht sich. Inszenierungen der ultimativen Unterdrückung von Frauen* durch Männer*, Darstellungen von extremem Frauen*hass und Bilder, in welchen Gewalt bzw. Mord an Frauen* sexualisiert wird verhelfen einer Rockband also zu ihrem Kultstatus – willkommen in der rape culture.

Eine Diskussion darüber zu führen – wie ich es unnötigerweise mit meinem Kumpel später getan habe – ob dieses Explizieren, Radikalisieren und Verherrlichen von Gewalt an Frauen* einfach Provokation sei, eine übersteigerte Pose zur Abgrenzung von einem kulturellen Mainstream und deshalb nicht ernst zu nehmen sei oder als solches verstanden werden sollte, ist ein scheiß Versuch diese Gewalt zu verharmlosen und zu entschuldigen. Egal aus welchen Gründen solche Videos gezeigt werden oder wie vielfältig die Rezeption sein kann – das ist keine bloße Phantasie losgelöst von sozialen Verhältnissen! Gewalt gegen Frauen* ist eine feste Größe in gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen und eine fucking Alltagsrealität. Solche subkulturellen Veranstaltungen, bei welchen bewusst konventionelle Geschlechterhierarchien radikalisiert werden, sind Extremformen von Vergewaltigungskultur und tragen zur Trivialisierung und Normalisierung von Gewalt an Frauen* bei.

Das nächste Mal bei einem guten Stoner Rock Festival will ich mich tatsächlich nur auf die Musik fokussieren können, weil im Line-up mehr Rockerinnen* aus diverseren Kontexten dabei sind, weil die Typen Sexismus als Problem verstehen, mal was dagegen sagen bzw. tun und weil mit der Macht von visueller sowie auditiver Kultur bewusster umgegangen wird; ihre identitätsstiftende Wirkung, ihr Einfluss auf Wahrnehmungs- bzw. Bewertungsprozesse der Umwelt gerafft wird und sie verdammt nochmal nicht zur krassen Radikalisierung und Idealisierung patriarchaler, misogyner Scheiße genutzt wird.


1
Vgl. http://www.metal-hammer.de/stoned-from-the-underground-festival-bericht-und-fotos-493453/4/ (17.08.15, 20:00)

Leser_innenbriefe

Das Redaktionskollektiv freut sich über die zunehmende Tendenz der eingehenden Leser_innenbriefe – aber auch Pöbeleien und Gezeter beim Bier am Abend oder Mittag stoßen weiterhin mal auf offene, mal geschlossene Ohren. Wir sind ansprechbar – manchmal.

Therese fragt zum Mittelteil von Ausgabe 8 nach:

hallo lirabelle-team,

ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir erklären könntet, dass ich das poster in der aktuellen lirabelle einfach nur nicht verstanden habe. mir fällt nämlich leider im moment keine andere erklärung für „touristen fisten“ ein, als dass es ein aufruf zur vergewaltigung ist. das finde ich nicht lustig. das lässt sich auch nicht damit wegreden, dass irgendwer von touristen genervt sein mag. ehrlich gesagt, habe ich schon keine lust mehr, das heft in die hand zu nehmen, obwohl ich eigentlich manche der themen spannend fände.
vielleicht wollt ihr zum ausgleich mal ein poster mit „nie wieder vergewaltigung!“ machen? vielleicht auch ein kommentar in der nächsten lirabelle? oder eben eine erklärung, dass mit dem spruch etwas völlig anderes gemeint ist, als das, was ich verstanden habe? ich würde mich freuen, wenn sich das missverständinis aus der welt schaffen lässt, damit ich die lirabelle wieder lesen kann!

Auch vom Club Communism erreichte uns ein Leserbrief zu erwähntem Mittelteil:

Liebe Lirabelle-Redaktion,

Wir schätzen Eure Arbeit sehr und deswegen waren wir gelinde gesagt irritiert, als uns die letzte Ausgabe (#8) unterkam. In der habt Ihr als sogenanntes Streetart-Poster im Mittelteil ein Graffito abgebildet, das „Touristen fisten“ lautet. Unerträglich idiotisch.
Kurz haben wir überlegt, ob es ein April-Scherz sein soll, aber dafür kam #8 zu früh heraus. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem  Graffito nicht um eine Aufforderung, sondern um eine Aussage handelt, ist gering.
Die Sexualpraktik des Fisten oder Fisting scheint für deutsche Heteros ein Gewalt-Mythos zu sein. Und so muss dieses Graffito verstanden werden: als Androhung von Gewalt in Form von Penetrationssex. Das Fisten ist scheinbar(!) besonders geeignet als Androhung sexualisierter Gewalt, da es anders als andere Penetrationssex-Praktiken, für notwendig schmerzhaft und nicht ‚natürlichen Sex‘ gehalten wird. Ganz im Sinne der impliziten Unterstellung: niemand kann ernsthaft gefistet werden wollen. Hinter dieser Drohung steht also eine tendenziell homophobe, regressive Sexualmoral und ihre Vorstellung, anhand der Praxis und ihrer vermeintlichen Schmerzhaftigkeit auf sexualisierte Gewalt zu schließen. Als ob die Art und Weise der körperlich erotischen Auseinandersetzung (schmerzhaft oder nicht) entscheidend wäre und nicht das Einverständnis aller Beteiligten darin, um zu sagen, ob Gewalt angewendet wird. Das Graffito zeigt also die Bereitschaft, sexualisierte Gewalt anzudrohen, um Menschen einzuschüchtern – was nicht mehr nur ein bisschen gruselig ist.
Und überhaupt: Touristen Gewalt androhen, sie also einschüchtern, wohl damit sie wegbleiben. Raus mit den Fremden aus der eigenen Stadt. Weg mit denen, die sich komisch kleiden und merkwürdig aufführen. Vertreibt die, die es sich gönnen das Bier im Biergarten zu trinken, statt auf einer dreckigen Treppe hockend. Die nicht nur bizarre Fotomotive ausmachen, sondern auch die anerkannten Territorien missachten, um diese festzuhalten. Jagt sie aus dem Viertel, was letztens noch unseres war und wo sie nun übernachten – eine ekelhafte Mischung aus Neid und Fremdenfeindlichkeit.
So was leistet sich sonst nur die Hauptstadt. Und so wäre Erfurt ja auch gerne. Ein bisschen wie das Paradies Berlin: mit brennenden Autos, einer großen und aktiven linken Szene und eben Scheiß-Touristen-in-ihren-Koffern-aus-der-Stadt-rollen-lassen-Attitüde. Als ob sich eine richtige Großstadt vor allem durch falsche Gentrifizierungskritik auszeichnet. Das eine hat Erfurt nun offiziell, das andere wäre es nur gerne. So hättet ihr euch mit zwei leer gelassenen Seiten im Mittelteil und dem Hinweis „Sorry, Erfurt ist kacke – wir haben nix gefunden“ nicht so blamiert.

Solidarische Grüße,
Euer CC – Sektion Jena/Erfurt

Sorry!

Die Redaktion entschuldigt sich für ein sexistisches Streetart-Poster in der letzten Ausgabe. Der Text spricht explizit über den Zusammenhang von Sexualität und Gewalt.

Im Mittelteil der letzten Lirabelle haben wir ein Poster mit der Aufschrift „Touristen fisten“ abgebildet. „Fisten“ bedeutet in diesem Kontext wohl, dass Touristen mit der Faust anal penetriert werden sollen. Es geht um aggressive Statuskommunikation, die das Ziel formuliert, das Objekt des Fistings zu unterwerfen, wobei die Einvernehmlichkeit nicht vorausgesetzt werden kann.

Nun ist es offensichtlich, dass hier nicht im wortwörtlichen Sinne eine Vergewaltigungsdrohung an Touristen formuliert werden soll. Gleichwohl funktioniert der Slogan, weil Penetration als dominante Geste, die das Objekt der Begierde erniedrigt, als kollektiver Sinngehalt abrufbar ist – man braucht keine Diskursanalyse, um das zu verstehen. Die Penetration überschreitet eine körperliche Grenze, dringt ein, befleckt. Dass derjenige, der penetriert, auch oben liegt und eben nicht schwul ist, weiß jeder Bundeswehrsoldat. Der Gangsterboss bei Tarantino kann sinnhaft fragen: „Sehe ich aus wie eine abwertend bezeichnete Vulva? Nein? Warum willst Du mich dann ficken?“, eine Ressource, die der Gangsterbossin – wie selten sie ist, sieht man daran, dass noch nicht einmal das Wort geläufig ist – nicht offen steht. Meisterhaft auf den Punkt bringt diese homophobe und frauenfeindliche Sinnordnung der Auftragskiller im Spielfilm ‚Snatch‘, der in einem zweiminütigen Monolog die soziale Dynamik eines Raubüberfalls umfassend und überzeugend in sexuellen Begriffen darstellen kann. Weil er die dickere Kanone hat, kann er sich gegen den Schlappschwanz und die Schrumpel-Eier durchsetzen. Ähnlich verhält es sich hier. Wer kann, fordert die Touristen zum Schwanzvergleich.

Dazu kommt, dass eine BDSM-Sexualpraktik als Gewalthandlung angedroht wird. Freunde des Blümchensex können sich beim Lachen über den Slogan gleich an zwei Stellen überlegen fühlen: Den ungeliebten Touristen droht man Erniedrigung und Gewalt an. Den Freund_innen des safe, sane und consensual durchgeführten Faustficks unterstellt man gewaltvolle Sexualität.
Der Einwand, es gehe gar nicht um den sexuellen Sinngehalt, ist sehr dürftig. Er tut so, als ob Bedeutungsproduktion eine Frage eines individuellen Willens wäre. Sprache ist aber keine eineindeutige Abbildung eines individuellen Gedankens, sondern immer ein Rekurs auf widersprüchliche gesellschaftliche Strukturen, die selbst mit der Sprachpraxis vermittelt sind. Oder um es mit den Worten eines in der Antifa beliebten Denkers zu sagen: Der Begriff tut dem Gegenstand Gewalt an, konkret: Der von Gewaltphantasien durchzogene Sinngehalt der sexualisierten Parole trägt dazu bei, die gewaltvolle Ordnung der Geschlechter aufrecht zu erhalten. Der Slogan ist sexistisch, auch wenn die Sprayer_innen das unter Umständen nicht wollen.
Nun ist der Wille der Sprecher_innen nicht belanglos, wenn es um die politische Bewertung eines Sprechakts geht. Wer Sexismus propagieren will, hat in linken Zusammenhängen nichts verloren. Wer es aus mangelnder Reflexion tut, hat die Verantwortung dafür, dazuzulernen. Wir können als Verantwortliche für den Abdruck des „Touristen Fisten“ nur sagen, dass uns der sexistische Gehalt zwar vage durch den Sinn ging, eine oberflächliche Lesart diesen aber in der Hektik des Produktionspozesses ausgeblendet hat. „An der Krämer agitiert jemand pro schwulen Sex und contra Vertreibungspolitik“ – so ungefähr unsere falsche, weil oberflächliche Lesart. Das tut uns leid. Für eine linke Zeitschrift ist der Abdruck eines sexistischen Plakats peinlich. Die Redaktion hat das verstanden und gelobt, zukünftig in dieser Hinsicht mehr nachzudenken und feministische und antisexistische Inhalte deutlicher zu vertreten.


 

PS: Ein Teil der Redaktion meint, man könne fast die selbe Kritik auch gegen die Kampagne „Fuck Sügida“ und den Solid-Aufkleber „Nazis einen Einlauf verpassen“ vorbringen. Aber das ist umstritten.

Halb-düster-deutsche Sozialkritik

Investigativ untersucht K. die Rezeption der ARD-Krimiserie „Tatort“ innerhalb der linken Szene.

„Vergnügen heißt allemal: nicht daran denken müssen, das Leiden vergessen, noch wo es gezeigt wird. Ohnmacht liegt ihm zu Grunde. Es ist in der Tat Flucht, aber nicht wie es behauptet, Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den jene noch übriggelassen hat.“ (Max Horkheimer/Theodor W. Adorno)

Rückblick, Hamburg, 21.12.2013: Demo für die Rote Flora, die Esso-Häuser und nach Lampedusa Geflüchtete. Die Bullen greifen an und verletzen 500 Regimekritiker_innen. Ein Tag später. Sonntag. Es gibt am Abend wieder eine kleine Demo vor der Flora. Es werden mehr und mehr Bullenwannen. Wie es wohl heute ausgehen wird? Ich stehe neben Frauke*1 und Arndt*, die schon seit einer Weile nervös auf ihre Uhren schauen. Schließlich sagen sie, sie müssten unbedingt los. Warum? Um pünktlich zum Tatort zu Hause zu sein! Wie bitte?! Naja, ich kenn‘ das ja schon. Irgendwann im letzten Jahrzehnt wurde der verstaubte Tatort in größeren Teilen der linken, alternativen Szene hip und lässt sie sich vorm Bildschirm versammeln.

Aber wieso eigentlich? Ist es nicht allzu offensichtlich ein Widerspruch, dass sonst der Polizei gegenüber kritisch eingestellte Menschen regelmäßig an deren filmisch adaptierten Handeln Anteil nehmen, daran Unterhaltung finden und alle Kritik über Bord werfen?

Ist das das neueste und letzte Ritual? Liegt das dem Menschen – also mit der Natur – inne, nach Konstanz zu suchen? Ist es eine Erinnerung an die kindliche-jugendliche Phase – Fernsehkrimis-Schauen als etwas, was viele mit ihren Eltern gemacht oder erlebt haben? Handelt es sich um den ohnmächtigen Kampf gegen den Verlust von Tradition, wie dieser auch Ausdruck findet, wenn mensch das eine Mal im Jahr an Weihnachten dann doch zu den Eltern fährt?

Das Angebot ist der Sonntagabend. Ein Anruf in Berlin bei einem Regisseur von IndyMoviea* scheint es zu bestätigen. Der bekennende Linke sagt mir, dass der Tatort eine der besten deutschen Produktionen sei. „Sonntagsabend ist halt auch die Zeit, die man in WGs gemeinsam verbringt. Und das läuft ja, was soll man sonst ansehen?“ Ja, was sonst? Mensch könnte sich ja auch so treffen und etwas anderes machen; zumindest etwas anderes anschauen. Oder sind die Linken dann doch gar nicht so flexibel, wie sie meinen es zu sein?

Im neuen Jahr und zurück in Erfurt, beschließe ich, der Sache auf den Grund zu gehen.

Am Sonntagabend habe ich mich bei meinen Nicht-Szene-Freund_innen angemeldet – sie besitzen einen Fernseher, der um diese Zeit auch immer eingeschaltet ist. Ich frage nach der Krimiserie. Sie sagen, Tatort zu schauen sei spannend. Gesellschaftlich relevante Themen würden angesprochen. Man könne sich mal in eine andere Welt hineinversetzen. Allgemein seien die Motive und Tathergänge sehr realistisch. Dann ist es soweit. 20:15 Uhr. Was ich aber nicht wusste, geschieht jetzt: Es kommt ein Polizeiruf 110. „Liebeswahn“.2 Hm. Ein Klischee-Feuerwerk. Um herauszufinden, wer einem Lehrer die Zunge herausgeschnitten hat, raten die Ermittler_innen zwischen Islamisten, der Russenmafia oder der SM-Szene hin und her – genüsslich ihre Stereotype ausbreitend. Eine liebeskranke Ärztin war es und wird gerade noch rechtzeitig vor „Günther Jauch“ verhaftet. Ob das sehr verschieden von einem Tatort ist?

Eine Woche später klappt es schließlich: Der SWR lädt zum Tatort „Todesspiel“ ein. Laut taz zeigt er „beinahe erholsam“ Routine. Als Täterin – das heißt Mörderin – sieht mensch wieder eine Frau. Der Trend – von einigen Krimis, von denen ich in letzter Zeit erfahren habe – also der Trend geht hin zum Mann als Opfer. Und was das perfide ist, gern als Täterin die Frau, die sexualisierte Gewalt ausübt oder den Mann sexualisiert erpresst. Diesmal stammt sie aus Bosnien und bringt auf ihrem Selbstjustiz-Rache-Feldzug reihenweise deutsche Yuppies um. Liegt es an ihren Genen oder ihrer Kultur? Das wird nicht aufgeklärt, ist aber auch nicht wichtig, um Klischees zu perpetuieren. Ansonsten plätschert der Film in der Tat gemütlich-unterhaltsam dahin, auch wenn die Kamera immer ein bisschen zu tief gehalten wird, die Bullen wirken fast schon sympathisch. Bullen sympathisch? Ich erschrecke.

Viele haben als Kind Bullen gar nicht unsympathisch gefunden:

„Der Volkspolizist, der es gut mit uns meint,

Der bringt mich nach Hause, er ist unser Freund!“

Der Polizist als Freund und Helfer, der die Guten beschützt und die Bösen bestraft. Dieses Gut-Böse-Schema legen die meisten spätestens dann ab, wenn der behelmte Polizist eine_r das Biertrinken auf der Antifa-Demo verbietet. Und Schlimmeres mehr… <= hinter den drei Worten steckt sehr viel!

Seltsam, dass all die negativen Erfahrungen mit der Staatsgewalt verblassen, wenn wir uns am Sonntagabend mit den ach so menschlich dargestellten Bullen identifizieren dürfen. Oder geht es genau darum, dass mensch sich fernab von aller Polittheorie mal wieder einem einfachen Gut-Böse-Schema hingeben kann? Zugegeben, die mit all ihren Ecken und Kanten inszenierten Ermittler lösen dieses Schema hin und wieder auf, wie Ausflüge ins heikle Privatleben der Polizisten zeigen.

Doch liegt hier auch ein weiteres Problem: Polizisten sind Menschen und folgen in ihrem Handeln einer eigenen Moral, die manchmal im Gegensatz zu geltenden Gesetzen steht. Ganz nach dem Motto: Wo Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Sind die Rechtsbrüche ein bloßes realistisches Abbild des Polizeialltags oder werden sie affirmiert, d.h. abgefeiert? Einiges spricht für das letztere. Herausragend in dieser Tendenz war der letztjährige „Tatort der Barbarei“ (so die Blogger_in cosmonautilus) mit dem Sexisten und Folterer Nick Tschiller, gespielt vom – einer Distanz zu der Rolle nicht vermuten lassenden – Til Schweiger. All das wurde hochgejubelt vom stern: „Und natürlich kommt er dem Rechtsempfinden entgegen, schließlich ermitteln Tschiller und seine Kollegen gegen eine Menschenhändler-Mafia, die Mädchen aus dem Osten in die Prostitution prügelt. Das Böse ist so böse wie möglich, der Held so korrekt wie unbedingt nötig.“

Das Ganze übrigens so unerträglich, dass kreative „Tatortverunreiniger_innen“ Schweigers Anwesen mit Farbe modifizierten und einen Luxusschlitten davor abfackelten.3 Eine Freundin sagt mir dazu: „Symbolpolitik ist besser als keine.“

Ich recherchiere weiter zum Tatort bei wikipedia. „Zum Konzept der Reihe gehört das Lokalkolorit“ lese ich da. Richtig, erinnere ich mich, im November wurde ja auch in Erfurt ein Tatort gedreht. Und damit ist Thüringen nun „auf der wichtigsten Landkarte verzeichnet, die die Medienrepublik Deutschland zu bieten hat.“ (Focus) Schließlich gelingt es mir, einen der Drehorte in der Nähe einer linken WG ausfindig zu machen. Ein Mann um die dreißig schleppt gerade Kohleneimer4 hinein. Als ich nach dem Tatort frage, wird er wütend: „Da kannst Du alle anderen hier fragen! Das ist mir Pumpel, ob die das gucken. Wenn sie wenigstens in anderen Bereichen abgehen würden!“ Ich versuche es ein Zimmer weiter. Der junge Bewohner bittet mich herein und erzählt mir bei einer Tasse Kaffee von dem großen Tag. Sogar die Ministerpräsidentin war da. Echte Bullen hätten schon frühmorgens die ganze Straße abgesperrt. Auf seinem Flatscreen schauen wir schließlich rein. Kostprobe gefällig?

Minute 21, Kriminalhauptkommissar Funck zu Kriminaloberkommissar Schaffert: „Hättest dem mal schön das Hirn wegblasen sollen“

Minute 25, Schaffert zu Funk: „Was hältst Du von unserer Praktikantin?“ – Funk: „Hat‘n geilen Arsch.“

Minute 60, Schaffert betreffs einer Zeugin zu Funk: „Was hast‘n mit der gemacht? Fuck and Go?“

Die zwei Macker verhaften die intrigante, eifersüchtige Mörderin, den „kalten Engel“, nachdem sie anderthalb Stunden ihre Praktikantin „wie ein[en] Fußabtreter behandelt“ haben und obendrein von noch einer bösen Frau, nämlich ihrer ständig stänkernden Vorgesetzten gegängelt wurden.5

Die Suche nach Erkenntnis ist manchmal ein schmerzhafter Weg. Also schauen wir uns zusammen auch noch das „Making of“ an. Hier begründet der Produzent die Wahl des Standortes: „Erfurt ist einfach eine sehr intakte schöne Stadt“. Das reichte um die Dreharbeiten durch Politik, Lokalpresse und MDR abzufeiern, hatte man im Wettbewerb der Städte doch auch mal gewonnen – als „wichtiges Signal zur Stärkung Thüringens“ mit „vielfältigen wirtschaftlichen Aspekten“ (Marion Walsmann, CDU). Und wie bei anderen national bedeutenden Ereignissen wurde zum Public Viewing geladen, zu dem die Thüringer Allgemeine titelte: „Erfurt schaute ‚Tatort‘: Szenenapplaus für den Petersberg und die Universität“. Der Standort und sein Inventar werden zum Subjekt, das Volk zur Gemeinschaft.

Auf weiterer Spurensuche begebe ich mich in den Erfurter Süden*. Von einem Bekannten in der Szene habe ich einen Tipp bekommen. Es geht um einen von mehreren linken Haushalten, die Sonntagabends dem Tatort frönen. Um mich unauffällig unter die circa 15 Besucher_innen mischen zu können, habe ich mir einen Bart wachsen lassen und eine schicke Northface-Jacke besorgt. Lange habe ich an kritischen Fragen überlegt, die ich nach dem Film stellen will. Ich fühle mich bestens vorbereitet. Ein bisschen mulmig wird mir dann doch, als ich klingele. Im Hausflur merke ich, dass etwas nicht stimmt. Besonders als das Licht ausgeht. Ein Flashmob kommt von allen Seiten eingestürmt und fällt über mich her. Aus irgend einem Grund ist meine Tarnung aufgeflogen. „Das Private ist privat.“ ruft mir einer hinterher als ich meinen lädierten Körper auf die Straße schleppe.

Im Krankenhaus gibt es, anders als in meiner Jugend, auch Fernseher. Ich sehe die Wiederholung: Diesmal ist es ein Plädoyer für das Gewaltmonopol des Staates, für mehr Kameras und mehr Überwachung des Internets. Ein von einer um Aufmerksamkeit suchenden, eitlen Frau initiierter Haufen gesichtsloser Gewalttäter wird am Schluss von einem anderen Haufen gesichtsloser Gewalttäter, also den Bullen, zur Strecke gebracht und die Ordnung wiederhergestellt. Mit Blendgranaten. So wie damals bei der Räumung des Besetzten Hauses. Die Bilder, die Erinnerungen verschwimmen. Alles dreht sich im Kreis. Scheiß Schmerzmittel.

Apropos Wiederholung: Wieder nüchtern suche ich Aufklärung bei Horki und Adorno. Sie schreiben von der Kulturindustrie, der „Totalität der Kulturindustrie“, in der alles zu einem einzigen großen Müllhaufen verschwimmt: „Sie besteht in Wiederholung.“ Da ist wohl etwas dran – nicht nur, dass sich die Themen der Krimis zu wiederholen scheinen, sie selbst werden auch regelmäßig in den dritten Programmen und im Internet wiederholt.

Weiter schreiben sie: „Das Vergnügen befördert die Resignation, die sich in ihm vergessen will.“ Ob sie damit auf ganz verdrehte Art Recht behalten sollten? Ich jedenfalls resigniere am Vergnügen der anderen. Und bin nicht schlauer als vorher.

Zu viele Fragen bleiben offen.6

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1*
Namen und Orte sind geändert.

2
Circa alle sechs Wochen kommt kein Tatort, sondern ein Polizeiruf 110.

3
vor allem aber auch wegen der Kriegsverherrlichung des Schauspielers z.B. in der BILD in „„Til Schweigers Afghanistan-Tagebuch“, so das Bekenner_innenschreiben bei indymedia: „Krieg beginnt hier, hier wird er kulturell eingebettet und legitimiert“.

4
wir, die dadaistische jugendkoordination krawinkel/internationalistische nichtstuer_innen assoziation, bündnis 90 kommandozentrale flatsch, halten diese fußnote besetzt, bis all unsere forderungen erfüllt sind, die da lauten: weniger fußnoten, weniger text, mehr katzenbilder!

5
Folgerichtig wurde der Erfurter Tatort „Kalter Engel“ von den „Medienfrauen von ARD, ZDF und ORF“ mit dem Negativpreis „Saure Gurke“ für besonders frauenfeindliche Machwerke ausgezeichnet.

6
Ist der Tatort der letzte Strohhalm intellektuellen Genusses, der noch möglich ist? Handelt es sich um die rituell-inszenierte intellektuell-zwanghafte Abgrenzung zum Pöbel, der den ganzen Tag den Fernseher laufen hat, aber gerade während der Tatort selbst läuft, den (Pseudo-)Blockbuster auf Pro7 eingeschaltet hat? Räumt Til Schweiger in einem halben Jahr in der Hamburger Gefahrenzone auf?

Wirkliche Alternativen statt alternativloser Jugendzentren!

von der (ehemaligen) AJZ-Café-Crew

Nachdem uns Ende Oktober und nach langen Auseinandersetzungen die Räumlichkeiten durch das AJZ-Erfurt entzogen wurden, waren wir gezwungen den Schluss des Projekts AJZ-Café zu verkünden. Hiermit soll nun eine Stellungnahme der Menschen erfolgen, welche sich in den letzten Monaten um das Fortbestehen des Cafés bemühten.
Das AJZ-Café, das seit Oktober 2012 im Obergeschoss des AJZ-Erfurt zu finden war, wurde von uns drei Jahre nach der Räumung des besetzen Hauses gegründet, um abseits der normativen Alltagsgesellschaft die Möglichkeit alternativer Freizeitgestaltung zu ermöglichen. Wir wollten dort einen Raum schaffen, in dem eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Hierarchisierungen wie Sexismus, Rassismus, Antiziganismus, Homophobie und Antisemitismus möglich werden sollte.
Mit dem AJZ-Café sollte demnach ein Veranstaltungsort für Partys und Konzerte in Erfurt etabliert werden, neben anderen emanzipatorischen Projekten wie z.B. dem Veto und der L50. Nicht immer gelang es, diesen Ansprüchen wirklich gerecht zu werden.
Nachdem das Café zu Beginn durch circa 20 Aktivist*innen getragen und organisiert wurde, haben sich zuletzt nur wenige Menschen gefunden, die sich nach der anfänglichen Euphorie, auch weiterhin diesem Projekt widmen wollten. Unter anderem deshalb konnten die benannten Ziele nicht realisiert werden. Mangelnde Absprachen untereinander, sowie gegenüber dem AJZ und die daraus resultierenden Konflikte, belasteten die Situation weiter und führten im Verlauf zu tiefen Zerwürfnissen. Die begrenzte Zahl an Mitwirkenden führte letztendlich auch dazu, dass das Aufräumen nach den Konzerten verspätet oder teils gar nicht erledigt wurde.
Der Ausschluss eines Mitglieds aus dem Café-Kollektiv war darüber hinaus ein Punkt, welcher dem Café zu Unrecht vorgeworfen wurde. Daraus erwuchs die Kritik, dass das Projekt keinen wirklichen Freiraum bieten würde. Denn ein Freiraum definiere sich – im Verständnis des AJZ-Anhangs – durch die Toleranz gegenüber jeglichem seelisch und/ oder körperlich verletzenden Verhalten. Dies entspricht jedoch mit Nichten unserem Selbstverständnis und unserer Definition eines Freiraumes. Wir sind keine Sozialarbeiter*innen und wollten diese Position auch niemals einnehmen, weshalb die Balance zwischen Dialog und Rausschmiss nicht immer gewahrt wurde. Doch war Eines in jeder Konfliktsituation klar: Opferschutz ist höher zu gewichten als eine Diskussion mit unreflektierten Mackern.
Deshalb stehen wir auch jetzt noch zu den Entscheidungen, zu denen wir genötigt wurden. Konsequenzen, welche durch das AJZ als „inflationäre Hausverbotspolitik“ diffamiert wurden, ermöglichen im Umkehrschluss vielen Menschen einen Freiraum abseits von den widerlichen „Ismen“, die allzu häufig mehrheitlich von Besuchern, aber auch Besucherinnen des AJZ gelebt werden. Sobald Machos und andere Arschlöcher durch einschüchterndes Verhalten Menschen ausgrenzen und ihnen gegenüber eine Drohkulisse aufbauen, gilt es, diesem Zustand entschlossen entgegenzutreten.
Die permanenten Auseinandersetzungen zur Wahrung unseres Selbstverständnisses, welche stellenweise in unerträglichen Situationen gipfelten, erschwerten alles noch zusätzlich.
Zu verkennen ist jedoch nicht, dass das AJZ von Beginn an eine Hierarchisierungspolitik forcierte; unter anderem wurde dies in mehreren Gesprächen deutlich, in denen die festangestellten Mitarbeiter unmissverständlich zu verstehen gaben, dass das Café dem AJZ unterstellt ist. Dadurch konnten von der Leitung des AJZ’s beispielsweise Bierpreise festgelegt werden, an welche sich beim Ausschank im Café gehalten werden musste. Ein Kasten Sternburg kostete für uns und Euch damit 24€ statt etwa 12€ im Einkaufspreis.
Aus dieser Situation ergab sich die Unmöglichkeit, sowohl für Bandverpflegung aufzukommen, als auch die eigenen Fixkosten durch den Verkauf von Getränken zu begleichen. Bei Konzerten mit wenig Gästen wurde mehr als einmal aus eigenen Taschen draufgezahlt. Zugegebenermaßen war von Anbeginn das Einverständnis mit diesen Konditionen nicht hinreichend reflektiert: zweifelsohne haben wir damit das uns eigentümliche Produktionsmittel (das Bier) aus den Händen gegeben.
Letztendlich müssen wir uns eingestehen, Fehler gemacht zu haben: Dies beginnt mit der unreflektierten euphorischen Zustimmung zu Organisationsbedingungen, die jeder vernünftige Mensch hätte ablehnen müssen, und geht weiter mit der falschen Annahme, es wäre möglich umgeben von autoritären Mackern einen Freiraum zu schaffen. Deshalb ist in aller Deutlichkeit festzustellen, dass viele Besucher, Besucherinnen und der Vorstand des AJZs einen Rahmen schaffen und aufrechterhalten, der den Namen „alternativ“ nicht verdient.
Freiräume, die einen emanzipatorischen Anspruch vertreten wollen, welche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung abseits von den üblichen Zuständen – also einen Raum zum Luftholen – bieten möchten, müssen in Zukunft unbedingt sorgfältiger ausgewählt und organisiert werden. Auch wenn der Verlust des besetzten Hauses sicher schwer wiegt, müssen zur Einrichtung eines Ortes der kritischen Reflexion die Umstände so genau wie möglich geprüft und abgewogen werden. Das AJZ-Erfurt bietet diese Umstände unserer Ansicht nach nicht! „Unpolitische Punks“, die grölend erdrückende Strukturen bejammern, welche sie selbst reproduzieren, können niemals eine Umgebung bieten, in der sich emanzipatorische Kritik entfalten kann.
Abschließend gilt es festzustellen, dass eine bürgerliche Institution, wie sie das AJZ-Erfurt ist, kein Ort zum Relaxen sein kann. Wir benötigen deshalb (immer noch) ein autonomes Zentrum und das nicht nur in Erfurt!
Wir danken an dieser Stelle nochmals ausdrücklich allen Unterstützer*innen und Freund*innen, den Bands die bei uns aufgetreten sind und allen, die sich uns gegenüber während der ganzen Zeit solidarisch verhalten haben.
Was wir fordern ist nicht viel – Selbstverwaltung bleibt das Ziel!