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Fast im Westen, trotzdem Osten

Auf dem Weg durch das Thüringer Provinz machen die Leute von Thüringenpunk Beobachtungen und Erfahrungen, die sie für die Leser*innenschaft der Lirabelle zugänglich machen. Im zweiten Teil der Reihe ‚Punk in der Thüringer Provinz‘ geht es um Eisenach und den Überlebenskampf der subkulturellen antifaschistischen Szene zwischen Perspektivlosigkeit, kleineren Punkrockshows und Nazistress.

Es ist der 4. November 2011. Zwei Männer rauben die lokale Sparkasse aus, erbeuteten knapp 70.000 Euro und flüchten auf ihren Fahrrädern zu einem Wohnmobil. Hierin verstauen sie ihre Fahrräder und flüchten weiter. Ein paar Stunden später finden Polizisten das Wohnmobil in Eisenach-Stregda. Es fallen Schüsse, getroffen wird niemand. Das Wohnmobil gerät in Flammen, kurz darauf werden zwei sterbliche Überreste geborgen. Es sind die Leichname von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

5 Jahre später sind wir auf dem Weg nach Eisenach, wo sich die wohl größte rechte Terrororganisation seit dem Nationalsozialismus, der NSU, selbst enttarnte. Während der Fahrt diskutieren wir über dessen Auffliegen, die Rolle des Staates, aber auch darüber, wie die Stimmung seit dem in der westthüringischen Stadt heute ist und wie es um die antifaschistische und alternative Szene vor Ort bestellt ist. Am Gleis 3 des Eisenacher Bahnhofs steigen wir aus, wo wir bereits von zwei Menschen erwartet werden. Ihre Namen nennen wir aus Sicherheitsgründen nicht. Mit den beiden schauen wir uns die Gegend an und sprechen über Subkultur, Neonazis und den Alltag in der Stadt, die Otto von Bismarck zu ihren Ehrenbürgern zählt.

Von der Vergangenheit ist nicht viel geblieben

Nachdem wir uns ein Getränk geholt haben, beginnt unserer Rundgang durch Eisenach und sofort kommen wir miteinander ins Gespräch. „Irgendwie gab es hier schon immer eine Punk- und Hardcore-Szene, die gar nicht so klein war bzw. ist“, meint einer unserer Begleiter. Hier kommen schon mal 100 bis 150 Menschen zu Konzerten. Eigene selbstverwaltete Anschlaufstellen wie in Gotha oder Weimar gibt es nicht. Vor vielen Jahren sah das jedoch anders aus: „In den 90ern gab es einen Club namens ‚Outsider‘, der in linker Hand war. Aber warum es diesen nicht mehr gibt, kann ich auch nicht sagen“, erklären sie uns. Doch dies war nicht die einzige Location, in der man sich als linker oder alternativer Jugendlicher treffen konnte.„Im ‚Sound & Culture‘ waren vor einigen Jahren auch noch junge Menschen unterwegs, die einer alternativen Subkultur keine Steine in den Weg gelegt haben.“ Dort war es einfach Konzerte oder eigene Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Die KVG-Eisenach, also das Unternehmen des lokalen ÖPNV, machte dem einen Strich durch die Rechnung. Sie ersetzte den Club nämlich durch etwas, was einem typischen Jugendclub in der Provinz sehr nahekommt: zwar keine Bushaltestelle, aber einen Busparkplatz. Immerhin eine gute Möglichkeit um schneller aus Eisenach wegzukommen, doch für diejenigen, die bleiben wollen, bleibt es ein schwerer Einschnitt.

Andere Locations, wie das ‚Gleis 1‘, wurden in der Vergangenheit vom Betreiber vor die Wand gefahren und können somit auch nicht mehr als Anlaufpunkt für alternative Jugendliche gezählt werden. „Auch eine eher alternative Kneipe namens ‚Zero‘ wurde von linken Leuten in der Vergangenheit öfters besucht. Jedoch kamen hier irgendwann mehr und mehr Nazis in den Laden und vom Besitzer hat die linke Szene hier keinen Rückhalt bekommen. Alles frei nach dem Motto: ‚Wer friedlich ist, darf hier trinken‘„, erzählen die beiden mit schmerzverzerrtem Gesicht. Eine Mischung aus Wut und Trauer sind ihnen schon anzumerken, wenn sie über die Vergangenheit sprechen und dies mit den heutigen Chancen und Möglichkeiten für Subkultur vergleichen.
Für Konzerte mit einer klaren politischen Kante ist es in Eisenach schwer geworden einen geeigneten Ort zu finden. Zumindest gibt es für politische Bildung einen mehr oder weniger passenden Raum. Zwar sehen wir keinen Grund davon abzurücken, die Linkspartei weiterhin zu kritisieren, dennoch hat sich mit dem Parteibüro „RosaLuxx“ einiges in Eisenach verbessert. Auf dem Weg dorthin wird uns berichtet, dass hier immer wieder FIlmvorführungen und Vorträge stattfinden. Angekommen vor dem Büro, was eine „gute Anlaufstelle für politisch motivierte Menschen“ darstelle, stehen wir vor verschlossender Tür. Ein Blick durch das Fenster zeigt, viel Fläche steht dort nicht zur Verfügung. Für Eisenach muss es wohl erstmal reichen. „Vermutlich wäre die Szene auch besser aufgestellt, wenn es ein alternatives Jugendzentrum geben würde. Man beobachtet ja schon in Städten, wo es so etwas gibt, dass die Szene konstanter und aktiver ist“, wird uns zugeraunt, doch ein AZ oder alternatives Jugendzentrum gibt es nicht und steht in Zukunft leider nicht in Aussicht.

„Das Problem haben sie doch alle!“

Die Folgen der ausbleibenden Möglichkeiten zum Treffen und zur freien Entfaltung der Subkultur sind, wie es an vielen Orten in der Provinz zu Tage tritt, fatal. Die Jugendlichen versuchen nach dem Schulabschluss der Provinz den Rücken zu kehren und ziehen zumeist in größere Städte wie Göttingen oder Leipzig. „Ich kann die Leute vollkommen verstehen. Was hat denn so eine Stadt wie Eisenach schon zu bieten?“, fragt einer unserer Provinzscouts, der selbst viel außerhalb von Eisenach unterwegs ist. In großen Städten ist das kulturelle, aber auch das politische Angebot bedeutend größer. So kam es auch schon vor, dass ganze Freundeskreise die Stadt hinter sich gelassen haben.
„Das macht es auch so schwierig, konstante Strukturen zu entwickeln. Man merkt dies einfach an einem Kommen und Gehen der Menschen. Die Szene vor Ort ist somit einer hohen Fluktuation unterworfen“, führt er weiter aus.

Die Leute, die noch vor Ort sind, lassen sich glücklicherweise davon nicht aufhalten und machen weiter. Sie organisieren Konzerte und Vorträge, betreiben ein Klamotten-Label im Internet, um die provinzielle Gegend nicht aufzugeben und die Fahne einer alternativen Subkultur aufrecht zu halten. Doch um eine eigene Location zu betreiben, fehlt es vor Ort an vielem. Für aktuelle Konzerte, so wird uns berichtet, gibt es den Schlachthof. Die Location ist uns bereits von einigen Konzerten bekannt. Eine große, ungemütliche Halle, an deren Türen bei früheren Konzerten oft eine Nazisecurity stand. Keine Atmosphäre zum Wohlfühlen, doch mittlerweile hat sich dies in einigen Punkten verbessert. „Natürlich braucht man da sowas wie Security, aber auch da gibt es inzwischen Firmen, mit denen man ohne Bauchschmerzen zusammenarbeiten kann“, wird uns erläutert. Einmieten muss man sich trotzdem für Konzerte, ein Kostenpunkt der bei Provinzkonzerten erst einmal gedeckt werden muss. Am 29. Oktober fand wieder so ein Konzert im Schlachthof statt. Dabei ging es darum, Solidarität mit lokalen Antifaschisten zu zeigen und Geld für Repressionskosten zu sammeln, welche im Nachgang der Proteste gegen einen der unzähligen NPD-Aufmärsche im März 2016 anfielen. Damals bedrängte die Polizei willkürlich Antifaschisten, um sie wegen angeblicher Vermummung belangen. Eine gängige Praxis der Cops und sicherlich eine ätzende Angelegenheit, doch die Solidarität danach war überraschend groß. „Es hat uns sehr gefreut, dass sich Leute gefunden haben, die ein Soli-Konzert organisierten. Antifaschistische Proteste dürfen nicht kriminalisiert werden.“ Ein Lichtblick in der Provinz und eine nötige Aktion, um weiterhin zu ermöglichen, gegen Nazis in Eisenach auf die Straße zu gehen und danach nicht allein auf dem Ärger und den Kosten von Strafbefehlen oder ähnlichem sitzenzubleiben.

Militante Nazi-Szene und Burschentag

Unser Weg führt uns weiter in die Innenstadt von Eisenach. Wir schlendern durch eine Einkaufpassage. An den Laternen fallen uns viele Sticker auf, die zum Großteil abgekratzt sind und doch lässt sich an manchen Stellen erkennen, was hier vormals klebte. „NS-Area“ findet sich nicht nur auf Stickern, sondern auch an diverse Wände gesprüht. Nach dem ein oder anderen schäbigen Nazischeiß, den wir mit unseren edlen Thüringenpunk-Stickern überklebt haben, einer neuen Fuhre Bier und Cola kommen unsere Begleiter auf ein Thema zu sprechen, um das man in Eisenach nicht herum kommt. „Die politische Entwicklung hier ist seit ein paar Jahren, wie in viele ostdeutschen Provinzen, ziemlich gruselig. Es finden in Eisenach regelmäßig Neonazi-Konzerte statt, es wächst eine militante Nachwuchs-Nazi-Szene heran und den ein oder anderen rechten Übergriff gab es auch in der Vergangenheit.“ Im Stadtrat sitzt die NPD in Person des mehrfach vorbestraften Neonazi Patrick Wieschke und zwei weiteren dieser Art. Zwar kommt den Dreien im Stadtrat keine große Bedeutung zu, aber auf der Straße kommt ihre Propaganda an. Für einen bundesweiten Eklat sorgte die Stadtratsfraktion der NPD im vergangenen Jahr, da ihr Antrag auf Abwahl der linken Oberbürgermeisterin von der CDU unterstützt wurde und nur knapp scheiterte.

Auf die Frage, warum in Eisenach solche Strukturen und viele junge Leute bei den Nazis landen, überlegen die beiden kurz und antworten: „Das ist eine schwierige Frage. Man könnte jetzt mit ‚Perspektivlosigkeit‘ antworten, aber das ist sicher zu pauschal gesagt.“ Wir diskutieren über mögliche Gründe wie fehlende Bildung oder Zukunftsängste der Jugend, doch im Endeffekt seien die Gründe, warum junge Menschen sich für rechte Ansichten begeistern in Eisenach keine anderen als in Suhl, Gotha oder Erfurt.

Den alljährlichen Höhepunkt der Ekelhaftigkeit in der Stadt Eisenach bildet der Burschentag der ‚Deutschen Burschenschaft‘. Schon öfter haben wir davon gehört und auch von den Protesten dagegen. Wie die Stimmung in der Stadt ist, wissen die beiden aus Eisenach sehr wohl: „Überall sieht man dann diese elitären, uniformierten Vollidioten. Leider scheinen sie dabei von weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert zu sein und die Gastronomen erfreuen sich an guten Umsätzen“, erklären sie uns und fügen hinzu, „Zu späterer Stunde hört man dann in den Straßen auch mal verbotenes deutsches Liedgut von den Herren, aber das scheint kaum jemanden zu stören.“ Für Anfang nächsten Jahres kündigen die beiden an, es werde in Eisenach Vorträge zur Kritik der Burschenschaft geben. Der antifaschistische Widerstand gegen des Event der elitären, sexistischen, rassistischen und antisemitischen Burschenschaft soll neu belebt werden. Wie sich das im kommenden Jahr entwickelt bleibt für uns sowie die zwei Begleiter eine spannende Angelegenheit. Fest steht, dass der Burschentag nicht unbeantwortet bleiben soll. In diesem Jahr zog es die Burschis auf ein Dorf zwischen Eisenach und Gotha, um ihre Sitzungen abzuhalten. Antifaschistische Interventionen in der dörflichen Provinz zu organisieren, ist noch um einiges schwerer als in Eisenach selbst.

Doch nicht nur in Eisenach kämpft die alternative linke Szene ums Überleben

Ganz scheint das Eisenacher Umland nicht verloren zu sein. Kleine Orte wie Wutha-Farnroda oder Merkers, so wird uns berichtet, sind immer wieder Orte für Punkrockshows. Besonders bekannt dürfte hier das „Rock am Berg“ in Merkers sein. Einmal im Jahr findet an einem Wochenende ein Punkrockfestival statt, auf dem sich auch antifaschistische Infostände finden, Bands mit eindeutigen Statements auftreten und sich die Veranstalter dem Kampf gegen Rechts verschrieben haben. Klar, so mussten auch die Leute vor Ort feststellen, bleibt die allgemeine Situation nach wie vor beschissen. Für ein Wochenende wird der Provinz aber gut eingeheizt. Das wissen auch unsere beiden Begleiter und bringen die Bedeutung des Festivals für die Region auf den Punkt: „Das ist eine super Geschichte. Hier kommen antifaschistisch motivierte Menschen, nicht nur aus der Region zusammen, sondern auch überregional. Solche Veranstaltungen sind einfach wichtig, um Menschen kennenzulernen, sich zu vernetzten oder einfach um mal wieder zu merken, dass man nicht alleine ist.“

In unseren Thüringenpunk-Konzertkalender tragen wir immermal wieder Wutha-Farnroda als Veranstaltungsort ein. Wie wir aber erfahren müssen, hat es sich dort bis auf weiteres mit Punkrockshows erledigt. „In Wutha-Farnroda finden leider keine Konzerte mehr statt, da der Club saniert wurde und für die tägliche Jugendarbeit verwendet wird. Das ist schade, da die Shows da immer echt gut waren“, wird uns erklärt. Wir finden es bedauerlich, dass es von der Jugendarbeit zu Punkrockkonzerten keinen fließenden Übergang geben kann und somit den Konzerten ein Ende gesetzt wurde. Schließlich haben dort seit Jahren die Szenegrößen der Region gespielt. Punkrock made in Eisenach ist für viele spätestens dann ein Begriff, wenn von Bands wie Fucking Faces oder den ESA-Zecken die Rede ist. Doch nicht nur diese Bands sind heute bekannt. Die junge Generation ist mit Gloomster, Abserviert, Fleshhead Attack, Kaspar Hauser usw. nicht gerade schlecht vertreten. Lachend stellt einer unserer Begleiter fest „Eisenach hatte in Richtung Punk schon immer was zu bieten.“ Schon oft konnten wir uns selbst davon überzeugen, dass die Bands aus dieser Ecke Thüringens gut ausgestattet sind und viel miteinander machen. Das führt, wie wir anmerken, zu einem eigenen Eisenacher-Punkrock-Stil. Darüber können die beiden nur lachen und winken ab. „Es gibt ja nicht nur Punkrock in Eisenach“, wird uns entgegenet. „Mit der ‚Straight Outta East Side‘-Konzertgruppe gibt es auch wieder Menschen, die regelmäßig Hardcore-Shows machen. Es geht also doch noch was hier und das freut uns! Natürlich ist das alles überschaubar, aber man arbeitet Hand in Hand zusammen und unterstützt sich gegenseitig, sei es Hardcore oder Punk.“

Reißt die Hütte ab

Der Spuckschluck in unseren Sterniflaschen schmeckt schal und so langsam haben wir es satt, im Schatten der Wartburg durch diese Stadt zu laufen. Es geht zurück zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin berichten wir noch von unserem Gespräch über den NSU auf der Hinfahrt. Es stellt sich schnell die Frage, wie die beiden das Auffliegen der Terrorgruppe im Jahr 2011 empfunden haben. „Die Nachricht hat uns natürlich schockiert“, stimmen beide überein. Nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens wird angefügt: „Es war uns zwar bewusst, dass es da einen militanten rechten Flügel gibt, aber das Ausmaß, was seinerzeit zum Vorschein kam, war schon eine Dimension, die man sich so nicht ausgemalt hatte.“ Über lokale Verstrickungen des NSU‘s nach Eisenach kann nur spekuliert werden. „Verstrickungen zur lokalen Szene gab es da sicher auch. Es ist ja schon unwahrscheinlich, dass es nur ein Zufall war, dass der NSU bei Eisenach aufgeflogen ist und das hier auch zuvor der Banküberfall stattgefunden hat.“ Ob die Ermittlungen dazu neue Erkenntnisse bringen? Die zwei Eisenacher Antifaschisten glauben das eher weniger. Die Hoffnung, es werde eine lückenlose Aufklärung geben, bröckelt eben auch hier.
Kurz bevor wir uns verabschieden schweift unser Blick noch einmal zur Wartburg. Wir fragen die Zwei, ob sie sich denn nicht mal eine fette Punkerparty dort oben auf der Burg vorstellen könnten. Bevor das passiert, müssen noch ein paar Bedingungen erfüllt werden, eröffnen uns die beiden: „Ein Punkkonzert findet auf der Wartburg erst statt, wenn man sich nicht mehr mit den Federn eines Antisemiten wie Martin Luthers schmückt. Da dies unwahrscheinlich ist und der Berg auch viel zu steil erscheint, bleiben wir eher in der Stadt.“

Mit dem Wissen, die kommenden Punkrockkonzerte in Eisenach supporten zu wollen, Martin Luther öffentlich als Antisemiten zu demaskieren, mehr coole Thüringenpunk-Sticker dorthin zu schicken und die Wartburg endlich abzuschleifen, fahren wir mit einem guten Gefühl aus Eisenach ab – ob es an den paar Bieren oder der guten Gesellschaft unserer zwei Freunde aus Eisenach liegt, wissen wir nicht, an der Stadt und ihren Zuständen liegt es aber sicherlich nicht.

Plattenkritiken

Hass – Kacktus (Aggressive Punk Produktionen)

Ok, ok, diese Band kann von mir einfach nicht objektiv-nüchtern betrachtet werden. Daher wird dieses Review auch nicht wirklich kurz. Für alle Eiligen unter euch: Ab dem Wort „Flauschikatze“ fängt das eigentliche Review an.

Die Band Hass gab es zwischen 1978 bis 2001 und sie hat für mich unvergessliche Meilensteine im Deutschpunk in dieser Zeit abgeliefert. Zwar hat sie sich 2007 nochmal zusammen gefunden, aber nur, um auf eine geniale Abschieds-Tournee zu gehen. Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich sowieso spätestens ab dem vierten Bier zu ner Platte von denen greife (meistens die LP „Allesfresser“). Also, warum hype ich Hass so sehr?

Als einer der wenigen Deutschpunk-Bands haben sie ihren eigenen Sound, den man nach 30 Sekunden hören, sofort zuordnen kann. Hinzu kommt ein enormer Mitsing-Faktor, der nicht nur mich immer wieder dazu verleitet, mich bei ihren wenigen Konzerten zum Dance-Deppen zu machen, da ich vor der Bühne wild mit den Armen wedele und lauthals ihre genialen Texte („Des Adlers Antwort ist der Knüppel“) mitgröle. Und sie waren und sind mit ihren schlauen Texten auch immer politisch, kritisch und aneckend gewesen. Was braucht das alte Deutschpunkherz denn mehr? Sorry, aber diese Vorgeschichte musste jetzt sein, damit das jetzt folgende Review nicht als allzu überzogen verstanden werden kann.

Flauschikatze!

Als Ende 2013 (12 Jahre nach ihrer Auflösung!) die Info kam, dass Hass wieder zusammengefunden haben, um eine neue Platte zu machen, da wusste ich nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Welche alte Band kam eigentlich als erstes auf die total geniale Idee, nochmal Kohle zu machen? War es SLIME, TOXOPLASMA, WIZO oder schlussendlich doch BUMS? Dass da nicht immer nur die besten Scheiben raus kommen, ist ja leider kein neues Phänomen. Sei‘s drum – für mich stand ja eh fest, dass die Scheibe gekauft wird (Gründe: siehe oben). Nach nem knappen halben Jahr ist sie jetzt nun endlich da und ich muss sagen, dass die Platte super geworden ist!

Wieder haben sie es geschafft, Hits zu kreieren, die man allesamt sofort im Ohr hat. Angefangen beim Opener „Mit wehenden Fahnen“, in der sie gleich klar machen, dass dies hier eine HASS-Platte ist und nichts anderes. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, war gleich klar, dass meine Befürchtungen völlig umsonst waren und ich hier das volle Brett kriege. Mit dem Song „recht blöde“ wird eine gekonnte Absage an diese ganzen Deutschrock- und „Das wird man ja wohl mal wieder sagen dürfen“-Typen verteilt, dass es eine wahre Freude ist; sehr schön. Der Kapitalismus bekommt mit „Rattengift“ auch noch eine verpasst und dann kommt mein Hit der Platte: „Hungersnot in der BRD“. Der Song macht sowas von alles richtig und drückt den satten, dicken Deutschen wunderschön den Spiegel ins Gesicht, super.

Und dann kommt „Anarchie“. Hier hatte ich anfangs gemischte Gefühle. Musikalisch erinnert der Song an einen Schunkelausflug ins Punkrockland und es würde mich nicht wundern, wenn da nicht doch etliche Feuerzeuge beim Konzert in die Luft gehalten werden. Der Song ist für mich aber so überzogen flennig-kuschlig, dass es beim zweiten Mal hören einfach nur noch zum Lachen war und ich mich seitdem immer trotzdem freue, ihn zu hören.

Fast zum Schluss nun endlich auch mal mit „Komatag“ ein Lied, was einfach nur Saufen zum Thema hat und trotz aller Politik halt auch mal sein muss. Vor 15 Jahren wäre das bei mir im JUZ wohl in Dauerschleife gelaufen, was mich prompt daran erinnert, auch mal wieder Donnerstags in die Johannesstraße 151 hier in Erfurt zu gehen.

Was bleibt zum Fazit der Platte? Wenn man auch nur ansatzweise was mit HASS anfangen kann, dann gehört die auf jeden Fall gekauft, kopiert oder überspielt und ganz oft gehört. HASS ist hier immer noch HASS, jedoch mit noch vielseitigeren Riffs, tollen Texten und einer Top-Aufnahmequalität. Für mich ist es einfach DIE Deutschpunkplatte des Jahres 2014 und daher vergebe ich voller Demut 11 von 10 wilde Zappel-Moves, wenn ich sie mal wieder live sehen kann.

Ichsucht – Tristesse (riot BIKE records)

Und schon wieder Deutschpunk (man könnte eine leichte Affinität meinerseits vermuten). Doch diesmal zum Glück mal wieder was Neues. ICHSUCHT aus Hamburg verstehen es gekonnt, eine Mischung aus Punk und Hardcore hinzulegen. Hier aber mal mit weiblichen Gesang, der bei der Band wie die Faust aufs Auge passt. Nicht falsch verstehen, aber leider gab es bisher nicht wirklich viele Punkbands (vor allem Deutschpunk-Bands), die mit einer weiblichen Gesangsstimme wirklich bei mir punkten konnten, doch Anni als Sängerin hat es ziemlich drauf. Von gefühlvoll bis dreckig hat sie einfach alles im Programm, wovon sich auch nicht wenige männliche Sänger im Punkrock ne dicke Scheibe abschneiden könnten. Hinzu kommen die Chöre der restlichen Band, die ihren Gesang immer passend unterstreichen. Der Sound von ICHSUCHT ist jetzt nicht unbedingt unglaublich neu und anders, aber die Band versteht es auf jeden Fall, ihre Instrumente zu beherrschen und mir als alten Deutschpunker mal wieder in den Arsch zu treten. Zusätzlich wurde die Platte sehr gut abgemischt. Ein Vergleich mit einer anderen Deutschpunk-Kapelle fällt mir hier schwer. Internationaler betrachtet, sehe ich da die meisten Gemeinsamkeiten mit den wunderbaren ELECTRODUENDES aus Spanien (Must have!).

Kennst Du das, wenn Du die A-Seite einer Platte gehört, den Stil der Band erfasst hast und einfach zu faul bist, deinen Hintern zu erheben, um die Platte umzudrehen? Bei dieser Platte wird das wohl nur sehr selten passieren. Das ganze Album ist trotz gleich bleibendem Stil äußerst vielseitig und ist dazu prädestiniert, am Stück durchgehört zu werden, um dann bei der A-Seite wieder anzufangen.

Dies ist wohl eines der größten Komplimente, die man einem Album machen kann und ist hier absolut berechtigt. ICHSUCHT haben in ihren gekonnten Texten einfach was zu sagen und sind weit weg von abgelutschten Deutschpunkparolen-Gedresche. Für mich ist diese LP auf jeden Fall seit langem mal wieder erfrischend, denn böse Zungen munkelten schon, dass Punk tot sei. Ich freu mich über das Gegenteil und vergebe 9 von 10 Winke-Winke aus dem Jenseits.

Panzerband – same (Twisted Chords)

Schimmel auf der Lederjacke, am Schuh hängt noch Hundekacke. Schlecht rasiert, niemals gekämmt, und Kotze klebt am Unterhemd.
Dies sind die ersten Zeilen des Openers „Panzerband“ von der ersten Platte der Band aus Flensburg und beschreibt wohl mehr als zutreffend, was hier geboten wird. Klar ist: Hier gibt’s volle Kanone Punkrock auf die Rübe.

Schön schnell (Platte läuft auf 45), dreckig und konsequent. PANZERBAND waren des Öfteren die Vorband von MÜHLHEIM ASOZIAL (Götter!). Wer bei denen, so wie ich, anfängt zu sabbern, der muss auch diese LP haben. In Titeln wie „Deutschland Du Kackloch“, „Panzerfahr‘n rumballern“ und „Schleppscheisse“ (Tip!), wird hier alles an bürgerlicher Soße in dieser Gesellschaft gekonnt verachtet und nieder gewalzt. Das gefällt wahrscheinlich nicht nur mir und macht einfach nur Spaß.

Der Sound ist nicht zu aalglatt, was er aber hier auch auf keinen Fall sein darf, da das ja keine Einladung zum Elternabend mit anschließendem Sushi-Essen ist. Die Platte kommt mit schickem Booklet und schön gezeichnetem Cover daher, was auch zu gefallen weiß.

Ich bin beeindruckt und verneige mich 8 von 10 Mal vor diesem schönen Stück audiophiler Kunstgeschichte.

Anti-Flag – A document of dissent 1993-2013 (Fat Wreck Chords)

Nach 9 LP‘s, über 30 EP‘s und diversen Splits gibt es nun endlich mal eine Best-Of Scheibe der Punkband aus Pittsburgh, USA. Jede_r, die_der eine Skate-Punk-Phase in ihrem_seinem Leben hatte, kennt diese Band; die meisten Anderen kennen sie wahrscheinlich auch. Mein Problem bei diesen Skate-Punk-Bands aus den Staaten war oft, dass diese meistens so politisch wie fünf Meter Feldweg waren. Oft hörten sie sich auch recht gleich an, was nicht selten dazu führte, dass man diese Phase dann wieder hinter sich ließ. Das lag meines Erachtens daran, dass diese Bands (NOFX, OFFSPRING, PENNYWISE, NO USE FOR A NAME etc.) unwahrscheinlich populär in den Staaten waren und sich in den 90ern schnell ein Markt dafür bildete, der auch recht bald Europa erreichte. Es folgten Verträge mit Major-Labels und mit Fat Wreck Chords, ein Label, was gefühlt einmal pro Tag eine neue Platte raus brachte. ANTI-FLAG ist zwar auch diesen Weg gegangen, doch stachen sie mit ihren politischen Texten immer heraus, was die Band für mich sehr sympathisch machte. Ihre Alben waren nie schlecht, hörten sich jedoch oft sehr ähnlich an, so dass wohl nur die Hardcore-Fans die komplette Discographie besitzen dürften. Für alle anderen gibt es nun diese Best-Of auf einer gut gemachten Doppel-LP, auf der wohl alle wichtigen Songs der Band drauf sein dürften. Natürlich auch „Die for the government“, „This machine kills fascists“ und „Fuck police brutality“, welche für mich Alltime-Hits sind. Die Platte kommt im äußerst schicken Klapp-Cover mit einer coolen Übersicht, zu welcher Zeit und in welchem politischen Zusammenhang ihre Songs entstanden sind. Der Sound ist für diese Richtung naturgemäß brutal glatt gebügelt, was man mögen kann oder auch nicht. Ich freue mich trotzdem drüber und verkaufe für diese Platte 8 von 10 Skatepunk-Alben aus meiner Sammlung.

Hamburger Abschaum – Endlich (Mongo Raunch Productions)

Eine auf 500 Stück limitierte LP im Uffta-Rumpel-Sound der Jungs aus der Hansestadt. 6 der 16 Songs sind live aufgenommen, was mich eigentlich schon vor dem Kauf hätte skeptisch machen sollen. Gut ist, dass die Jungs klar antifaschistisch eingestellt sind und ihr Herz bestimmt am richtigen Fleck haben. Der Song „Nich mein Ding“ lässt erkennen, dass sich bei der Band vielleicht noch was entwickeln könnte. Vielleicht.

Die Bilanz – Rock ‚n‘ Roll Klub Schmöke (Antikörper Export)

Als die BILANZ im Jahr 2005 ihr erstes Album „Ramba Zamba“ rausgebracht haben, haben sie damit nicht nur bei mir für Begeisterungsstürme gesorgt. Mit ihrem völlig eigenen Sound mit cleaner Gitarre und einem super Frontsänger lief diese Platte im Dauerlauf. Ihr zweites Album war zwar auch noch ganz dufte, jedoch zeichnete sich schon ab, dass sie ihr erstes Album wohl nicht
mehr toppen können. Mit „Rock ‚n‘ Roll Klub Schmöke“ bestätigt sich das leider abermals zu meinem Bedauern. Es ist zwar immer noch die BILANZ, nur ohne die Hits aus dem ersten Album.
Was aber cool ist: Bei der LP gibt’s ihr zweites Album als kostenlosen Download mit dazu.

WIZO – Punk gibt’s nicht umsonst (Teil III) (Hulk Räckorz)
Nach gefühlten 100 Jahren mal wieder was Neues von WIZO. Die Platte hört sich leider genauso, wie ihre alten Platten an. Die waren zwar nie schlecht und für mich als damaligen Kiddi-Punker eine Zeit lang das Lebenselexier, aber heute kaufe ich den alten Männern diesen Sound nicht mehr ab. Platte kommt als Doppel-LP auf blauem Vinyl. Ganz schick aber naja.

There is something in the rain

Ein Bericht zum Hausfest in Gotha von Thüringen-Punk.

Seit nun mehr fünf Jahren gibt es das Ju.w.e.l. in der Gothaer Hersdorfstraße. In dieser Zeit konnte ein Raum geschaffen werden, in dem sich Menschen treffen und sich auf verschiedene Art und Weise zusammentun können. Dabei ist so ein Hausprojekt  städtischen Vertreter_innen, Nazis und dem Staat ein Dorn im Auge.
Das fünfjährige Bestehen, in dem es immer wieder Angriffe von Polizei und Nazis auf das Projekt gab, wurde am 23. August gefeiert. Mit dem dritten Hausfest konnten die Menschen aus dem Ju.w.e.l. rund 400 Menschen nach Gotha holen, wobei Menschen extra aus Leipzig und anderen Städten angereist waren.
In Gotha ist sonst nix los…
Schaut man sich die ehemalige Residenzstadt Gotha einmal an und schlendert durch die Straßen, bemerkt man schnell, dass man entweder in der Innenstadt voller Geschäfte, Boutiquen und Museen ist, oder in den Wohngebieten voller grauer Blocks steht. Bis auf das ein oder andere alte Gemäuer ist Gotha genau so beschissen, wie jede andere Stadt. Nun gut, für einige mag es ausreichend sein, sich mit Shopping in der Innenstadt und historischen Gebäuden zu begnügen, jedoch ist es für viele, gerade junge Menschen nicht sehr ergiebig sich in einer solchen Stadt einen Raum für ihre eigenen Ideen zu suchen, zumal diese Stadt genügend Nazis in der Innenstadt aufweisen kann. Zwar hatte Gotha immer irgendwie den Ruf, die Stadt des Punkrock in Ostdeutschland zu sein, jedoch gab es bis auf ein paar vereinzelte Konzerte, nie einen festen Anlaufpunkt.1
Mittlerweile finden mehrmals im Monat Konzerte und Partys statt, werden Vorträge organisiert und eine „Küche für Alle“ auf die Beine gestellt und einmal im Jahr im August wird sich, und in diesem Falle ist es sicherlich auch angebracht, selbst gefeiert. Wie auch schon in den letzten Jahren gab es beim diesjährigen Hausfest verschiedene Angebote. Wer wollte, konnte sich an den Wänden im Garten oder Haus mit Marker und Dose betätigen.
Dabei bietet das Ju.w.e.l. nicht nur beim Hausfest eine Betätigungsmöglichkeit für Sprayer, oder diejenigen die es werden wollen, sondern bietet seit mehreren Monaten, wie wir bereits auf unserem Blog berichteten, einen Graffiti Workshop an. Dort haben Sprayer die Möglichkeit, sich auszutoben und sich in Ruhe zu betätigen, ohne dabei auf städtische Programme angewiesen zu sein, die an einigen Ecken Graffiti in Auftrag geben um z.B. graue Wände bunter zu gestalten. Im Gegensatz dazu geht es den Menschen aus dem Ju.w.e.l. nicht darum „illegales Graffiti“ einzudämmen und vermeintliche Alternativen zu bieten, die letztendlich nur dazu dienen günstig die eigene Stadt zu verschönern und das eigene Image ein wenig aufzupolieren. Viel mehr ist das Ju.w.e.l. ein Ort, an dem man sich ausprobieren kann, um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen.
Neben Graffiti gab es auch verschiedene andere Workshops, wie z.B. einen Siebdruckworkshop von Radical Print, wo sich interessierte Menschen für schlappe zwei Euro einen Jutebeutel mit dem Logo des dritten Hausfestes selbst herstellen konnten. Ebenfalls gab es zwei Vorträge im Programm, einen Vortrag der Soligruppe um Josef und ein andere, der sich mit den Protesten zur Einheitsfeierlichkeit am 3. Oktober in Hannover beschäftigte. Besonders im ländlichen Raum, wie Thüringen, ist es dabei keine Selbstverständlichkeit einen Raum nutzen zu können, der auch Platz für Diskussionen bietet, die sich nicht nur um „Demokratie und Toleranz“ drehen2. Schon von Anfang an gab es verschiedene politische Infoveranstaltungen und Vorträge, die sich mit unterschiedlichsten Themen auseinandersetzten. Sei es eine Mobiveranstaltung zur Antifa Demo gegen den Burschentag oder ein Vortrag zum Thema Postnazismus. An diesem Tag besuchten rund 40 Menschen die beiden Vorträge. Da der Vortrag der Soligruppe von Josef leider etwas später startete und die Bands drin bereits spielten, fiel eine Diskussion im Anschluss leider aus. 
Wie bereits angesprochen, findet in Gotha auch wöchentlich die „Küche für Alle“ statt und dort, wie auch beim Hausfest, gibt es eine vegane Variante und eine Variante mit Fleisch. Genau dies sorgte beim Hausfest für einige Kontroversen, weil einige Menschen entsetzt waren, dass es richtige Bratwürste aus Fleisch gab und andere freudestrahlend am Grill darauf warteten, bedient zu werden. Jedoch ist das wohl eine Sache, wo sich lange darüber streiten lässt und es wohl auch schwer sein würde, einen Konsens zu finden. Jedenfalls musste niemand hungern.
Raus aus dem subkulturellen Sumpf
Neben den zahlreichen Aktivitäten gab es auch ein Line Up, welches Punkrock, Powerviolence, Hip-Hop, Electropunk und noch viel mehr abdeckte, was dazu führte, dass es keine reine Punkveranstaltung war und so gesehen war das Line Up auch repräsentativ für die Breite der musikalischen Veranstaltungen, die den Rest des Jahres im Ju.w.e.l. stattfinden. Es ist eben kein reiner „Punkrockschuppen“, sondern bietet genau so gut Platz für Hip-Hop Jams, Electro-Partys, Hardcoreshows und Metal-Konzerte. Sicherlich gibt es bei allen den genannten Veranstaltungen und Konzerten genug Idioten, die in ihrem eigenen Szenemief bleiben wollen und sich gerne gängiger Klischees bedienen. So kommt es vor, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens oder bevorzugter Musik beschimpft und tätlich angegangen werden. Leider ist auch das Ju.w.e.l. vor solchen Menschen nicht verschont geblieben, jedoch gibt es vor Ort Leute die sich darum kümmern, dass solches Verhalten bestmöglich unterbunden wird und alle einen guten Abend haben können.
Generell, und so spiegelte es sich auch beim Publikum zum Hausfest wieder, ist es vollkommen egal, ob man sich nun irgendeiner Jugend- oder Subkultur zuordnet oder nicht; es ist für alle eine gute Möglichkeit zusammen zu feiern und sich auszutauschen. Was jedoch nicht geduldet wird, ist menschenverachtendes Verhalten, wenn also Menschen aufgrund ihrer Sexualität, Geschlecht, Hautfarbe usw. angemacht werden. Für Menschen, die von den Übergriffen solcher Idioten betroffen sind, wurde extra durch mehrere Schilder verwiesen, dass es genug Leute von der Orga-Crew gibt, die weiterhelfen können und die Idioten von der Veranstaltung schmeißen werden. Schade, dass es so etwas bedarf.
Es ist in Gotha also ein Raum entstanden, in dem es zumindest möglich sein kann, sich auf verschiedene Art und Weise untereinander auszutauschen und auf verschiedene Jugend- und Subkulturen zu treffen um sich zu vernetzen, wobei klar ist, dass sich die Menschen vor Ort klar gegen Nazis und menschenverachtende Ideologien aussprechen.
An diesem Tag spielte leider das Wetter nicht mit, weshalb sich die Besucher mehr im Haus oder unter provisorischen Zelten verschanzten. Das führte dazu, dass der Bereich vor der Bühne im Außenbereich eher weniger zum Tanzen diente. Sogar die ausgelegten Teppiche, die vor dem Schlamm schützen sollten, wurden schnell Eins mit dem schlammigen und rutschigen Rasen. Für einige Punks war es hingegen das perfekte Wetter um sich betrunken in den Schlamm zu schubsen. Später schrieb „Das Flug“, eine Electro-Punkband, über den Auftritt von Kaput Krauts, dass sie das Hausfest gerockt hätten. Dazu ein Bild, wie bei strömenden Regen niemand vor der Bühne steht. Auch wenn das Publikum nicht mit der Situation umgehen konnte und eher durch Passivität glänzte, so hielten Kaput Krauts weiter durch und versuchten das Beste aus der Show zu machen. Während also im Garten das alternative Oktoberfest in Gotha3 unter Zelten und mit Bierzeltgarnitur ablief, zwängten sich um so mehr Menschen in den Konzertraum innerhalb des Hauses. Dort gab es dann Powerviolence vom Feinsten. Besonders Derbe Lebowski, die bereits zur Antifa-Soli-Party im Mai einen guten Abriss m Ju.w.e.l. veranstalteten, lieferten einen guten Auftritt ab. Mit Roni87 gab es für die Hip-Hop Begeisterten den richtigen Act. Mit einer Mischung aus eigenen Liedern und Freestyle, zum Teil gemeinsam mit Leuten aus dem Publikum, politischen sowie persönlichen Texten wurde der Raum brechend voll.  Wie bereits erwähnt spielte „Das Flug“ und schaffte es tatsächlich als Hauptact bei Schlamm und Regen jede Menge Besucher zum Tanzen zu bewegen. Einige nahmen „Allez muss in Flammen stehen!“4 sehr ernst und entzündeten auf dem Dach Bar im Garten mehrere Bengalische Fackeln. Das Ganze natürlich vermummt und mit wehender Antifa-Fahne. Für manche zu dick aufgetragen, war es trotzdem schön anzusehen und ab und zu kann man sich ja auch mal selbst feiern, wenn statt Bullen oder Nazis mal nette Leute vor dem Haus in Gotha stehen.  

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Der Ruf ist wohl hauptsächlich der Band Schleimkeim zu verdanken, jedoch verzichten wir an dieser Stelle auf „In Gotha da gibt’s nen Laden…“ Textstellen, da es mittlerweile einfach nervt, dieses Lied im Bezug auf das Ju.w.e.l. zu singen.   
       
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An dieser Stelle meinen wir, dass es einen Raum gibt, der nicht davon abhängig ist, ob er von „Demokratie und Toleranz“-Staatsvereinen gefördert wird.

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Sorry, aber Zelte, Würste und Bier erinnern schon sehr an ein deutsches Bierfest und dabei dachten wir, die „Antifaschistische Aktion Gotha“ will, laut ihren Aufklebern, „Deutsche Zustände angreifen!“.

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Eine Textstelle aus dem gleichnamigen Lied von „Das Flug“.

„DAS PUNK DAS AUS DEM SUMPF KAM“

Lirabelle trifft Punxboottour: Alles, was Punks wissen müssen, wenn sie auf der PBT dabei sein wollen und es heißt „Erfurt entern!“

zum 14. mal findet nun unsere jährliche PUNXBOOTTOUR statt – mit dem ziel, der konsum- und tourismusorientierten und von ordnungs- und sicherheitskräften streng bewachten erfurter innenstadt wieder einmal zu zeigen, dass wir auf ihre konventionellen veranstaltungen scheißen und sehr wohl spass haben können, wo WIR wollen!

macht euer seepferdchen und kommt nach erfurt.

treffpunkt ist am samstag, 28.06.2014, wie immer der ERFURTER HBF um 11.00 UHR. los geht’s um 12 uhr richtung erfurt-bischleben. nach einem kleinen konzi und geistiger, körperlicher und nautischer vorbereitung paddeln wir ca. 14 uhr gen innenstadt.

die strecke bis zur krämerbrücke dauert ca. drei stunden mit zwei kurzen pausen zwischendurch, wo für bier und warmes V-essen (spendenkasse) gesorgt ist – sowie trockene kleidung. in den versorgungsfahrzeugen ist auch platz für rucksäcke, taschen, portemonnaie – trotzdem: handys, digicams und ähnliche elektronik gehen in‘ arsch, wenn ’se ins wasser fallen.
die gera ist meist nicht gerade tief – wenn nicht gerade hochwasser war, siehe fotos 2013 -, es besteht also nicht die gefahr, dass ihr ertrinkt. allerdings ist sie möglicherweise so flach, dass eure schwimmkonstruktion durch fiese steine eliminiert werden. daher gilt: das schicke designerboot aus vatis garage bleibt zu hause. den gleichen dienst tut auch ein billiges aus dem restpostenmarkt. bei vorherigen touren bewährt: kaputtbare unterseite mit teppich- oder linolium vom sperrmüll stabilisieren. GAANZ WICHTIG: GAFFA (wenn’s sein muss geht auch panzerband). für kurzentschlossene und leute, die per bahn anreisen, stehen auch autoschläuche zur verfügung … ist aber kein freifahrtsschein für faule p!

seid kreativ, schließlich ist DxIxYx unser hauptfach!!!!!!!!!!!!
danach gibt’s noch ’ne schicke party in der johannesstraße 151.
INFOS unter punxboottour@facebook.com

[das kommende bitte layout-technisch absetzen, vielleicht kursiv?]

Weitere Infos zur Geschichte der Punxboottour und vor allem lebhafte Eindrücke gibt’s bei youtube: „10 JAHRE PUNXBOOTTOUR-doku“.

In der nächsten Lirabelle wird es eine Fotodokumentation zur diesjährigen PBT geben – freut euch drauf!

Plattenkritiken

Polyvinylchlorid stellt in dieser Ausgabe der Lirabelle drei Platten vor. Eine kurze Selbsteschreibung des Autos Polyvinylchlorid: Aufgrund der politisch-unangepassten und antifaschistischen Meinung der Jugendsubkultur namens „Punk“, wird es hauptsächlich Musikbesprechungen aus diesem Umfeld geben. Als nicht abgeneigter Gesinnungsbruder dieser hallodrigen Zunft, kann ich voller Stolz behaupten, bereits einen 3×2 Meter großen antifaschistischen Schutzwall aus Schallplatten vorweisen zu können (Tendenz wachsend).

Toxoplasma – Köter LP (Aggressive Punk Produktionen)
20 Jahre nach ihrem, für mich grandiosen „Leben verboten“-Album, folgt nun das Comeback einer der wichtigsten Deutschpunk-Bands, die – wohlgemerkt – nun schon seit 1981 ihr Unwesen treibt. Daran glauben konnte ich schon bald nicht mehr, denn schon vor über einem Jahr wurde das Album angekündigt und kam und kam nicht. Da sich nicht wenige ältere Bands ja seit einiger Zeit wieder zusammen finden und deren Output, meiner Meinung nach, nicht immer glücklich verläuft (Stichwort SLIME – sich fügen heißt lügen), war ich beim ersten Hören erst mal skeptisch. Doch das war nicht nötig! Toxoplasma brettern mit ihrem Opener ZACKZACKZACK sofort los, als ob es die letzten zwei doch sehr ruhigen Jahrzehnte für die Band nicht gegeben hätte und Frontmann Wallys Gesang ist genauso wunderschön angepisst wie damals. Politische Themen und die dazugehörige Kritik werden in so gut wie jedem Lied verarbeitet und sind mit Songs wie
WAFFENSCHRANK auch aktuell und wirken niemals albern. Auf die Lieder CDU und FICKENFICKENFICKEN (das beileibe nicht so schlimm ist, wie der Titel andeuten könnte) hätte ich jetzt aus ganz eigener Sicht verzichten können, sind jetzt aber auch keine Fremdschämer. Meine Favorites sind KÖTER, DER TEUFEL VERDIRBT DIE JUGEND und ORDNUNG MUSS SEIN. Alles in allem liefert Toxoplasma ein solides Album ab, auf dem, wie nicht anders gewohnt, gut gespielt und schön rotzig gesungen wird. So ein wenig vermisse ich allerdings den Überhit, und die LP läuft so einfach durch, ohne dass sich bestimmte Songs gesondert einbrennen wollen. Wer noch keine Toxoplasma-Scheibe besitzt, kann aber beruhigt zugreifen oder versuchen noch eine „Leben verboten“ auf dem Gebrauchtmarkt zu bekommen. Achja: Das Cover-Artwork ist mit zähnefletschendem Hund einfach klasse geworden und die Platte kommt im gelb-schwarz gesprenkeltem Vinyl und nem Download-Code daher. Von mir gibt’s insgesamt 7,5 von 10 Killernieten.

The Pistones – Eyes over the city LP (Combat Rock Industry)
Es gibt so manche Punkrock-Bands, die kurz nach ihrer Gründung meinen, die Menschheit um eine Platte reicher machen zu müssen. Zu meinem Glück erscheinen solche „Schnellschüsse“ oft nur auf CD und fliegen an mir vorbei wie die Nachrichten auf Web.de und werden daher so gut wie immer mit Nichtbeachtung gestraft. Wiederum zu meinem Glück gibt es aber da noch Bands wie die PISTONES aus Helsinki, die sich Jahre Zeit lassen, um sich und ihre Musik reifen zu lassen. Ihr Erstlingswerk „Eyes over the City“ bescheinigt dies auf eindrucksvolle Weise. Hier wird klassischer Punkrock à la CLASH und MEMBERS zu einem gefühlvollen und manchmal ganz leicht melancholischen Drink verrührt, der von Song zu Song mehr zu gefallen weiß. Die Jungs beherrschen einfach ihr Handwerk und kommen trotz dieser oftmals schon sehr musikalisch ausgetretenen Pfade frisch wie einn gezapftes Pils daher. Die durchweg englischen Texte sind oft persönlicher Natur und werden durch die Stimme des Sängers sehr emotional wiedergegeben, aber ohne dass es auch nur ansatzweise übertrieben wirkt. Einen besonderen Hit, der alle anderen übertrumpft, finde ich nicht auf der Platte. Aber das braucht es hier auch nicht, denn die Songs sind trotz gleichbleibenden Stils alle unterschiedlich und lassen die Platte zu einem Gesamtwerk werden. Die Soundqualität weiß durchweg zu überzeugen, was noch mehr dafür spricht, dass man sich mit
der Platte Mühe gegeben hat. Wer auf Bands wie VÅNNA INGET und THE PARTISANS (um nur einige zu nennen) steht, wird von diesem Teil nicht enttäuscht werden. Die Platte ist aus schwarzen Vinyl und befindet sich im schön gemachten Klapp-Cover.
Ich leg sie gleich nochmal auf und vergebe 9 von 10 Gefühlsausbrüche.

The Restarts – A Sickness of the Mind (No Label records)
Das Klingeln an der Tür verheißt mal was Gutes, denn heute kommt der Dealer mit neuem Stoff. Wie ein aufgeregter Junge laufe ich ihm im Treppenhaus entgegen, unterschreibe mit einem aus der Hüfte geschwungenen Strich auf dem Elektrodingens und befinde mich im nächsten Augenblick bereits wieder in der Wohnung, um den Karton wie ein Westpaket aufzuruppen. Der Grund meiner kapitalistischen Hektik: Das neue Restarts-Album ist da!
Wer auf politischen, räudigen und nach vorn gehenden Arschtritt-Streetpunk steht, der ist bei den Jungs aus England genau wie der Postmann bei mir genau an der richtigen Adresse. Die Band gibt ́s seit 1995. Sie kommen selbst aus dem Squatter-Umfeld Londons und haben trotz großer internationaler „Szene-Beachtung“ Punk immer als Ausdruck ihrer eigenen politischen Ansicht verstanden und nie als Marke. Daher treten sie auch eher in besetzen Häusern als bei irgendwelchen Massen-Festivals auf. Alles in Allem, eine äußerst sympathische Band. Kommen wir aber nun zu ihrem neuen Tonträger, der mich als gelb gefärbtes Polyvinylchlorid vom Plattenteller aus anstrahlt. Soviel vorweg: Wie auf ihren Vorgängeralben, auf denen Themen wie Homophobie, Staatsüberwachung, Häuserkampf etc. eine Rolle spielen, werden auch hier wieder politische Inhalte wie bspw. Krieg (DRONE ATTACK), die Lage im Baskenland (INDEPENDENTZIA) und Armut (SHEEP) angesprochen. Die Restarts bleiben dabei stets ihrem Stil mit sich abwechselndem Gesang und dreckigem Bass und Gitarre treu und schaffen es, mich von Album zu Album (Ich hab sie alle!) zu überraschen. Wieder ist es ihnen gelungen, für sich allein stehende Songs zu basteln, die das Album abwechslungsreich machen. „A Sickness of the Mind“ kommt zwar nicht ganz an ihr Über-Killer-Album „System Error“ (Kaufen!) ran, weiß aber durchweg zu gefallen und flatterte mit genial künstlerischem Klapp-Cover und Download-Code bei mir ins Haus.
Ich ziehe meinen Hut und werfe 9 von 10 Pflastersteine für dieses Album. (P.S.: Die Restarts spielen fast jedes Jahr live in Erfurt.)

Im Keller der Ohnmacht

Was manche Punksongs ihm zu sagen haben, versucht Simon Rubaschow auf den Grund zu gehen.

„Zwei Getränke zum Preis von einem / Ach, könnt’ doch jeder Tag ein Sonntag sein / Ich sammele Treuepunkte im Waffenladen / Ich will der Gesellschaft schaden“1
Zeilen, die hängen blieben, zumindest bei mir, auch nachdem ich den Keller, in dem das Konzert stattfand, verlassen hatte, zwei EPs in der Tasche. Kackschlacht, von denen die obigen Zeilen sind, hatten überzeugt – musikalisch und textlich. Und beim erneuten Hören zu Hause die Frage: Was ist es, was die Texte von dem Punk, den ich sonst die letzte Zeit hörte, unterscheidet?

„Ich kenne euch schon ewig / Doch jetzt haben wir ein Problem / Ohne Punkeruniform / Seid ihr einfach nicht mehr schön“2

Die Feindseligkeit gegenüber dem Bestehenden sticht heraus. Aber sie zeichnet Punk, wo er nicht albern oder Kaufhausradio-tauglich wird, insgesamt aus. Bei Kackschlacht wird sie in einem offenen Zynismus geäußert, der selten ist. Die Unversöhnlichkeit trifft nicht nur die scheinbar auf der anderen Seite stehenden, sondern auch das eigene Umfeld, die eigene Szene. Dennoch, der Gestus der Abgrenzung reicht nicht hin, um zu erklären, warum die Songs mir nicht aus dem Kopf gehen, zumal Mordphantasien oder die Ablehnung von Sauberkeit in Szeneläden – beides taucht auf – mich als Verbalradikalität und identitärer Mist eher abschrecken.
Den Schlüssel zur Antwort finde ich im gleichen Keller, einige Wochen zuvor:

„Alle stehen für die gerechte Sache ein / Hut ab vor denen mit diesen albernen Mützen / Die sich nicht zu blöd sind Nazi-Demos zu schützen / Cops United“3

Scheinbar ganz anderes, ins alberne tendierende Ironie, Spaßpunk; und dennoch: Etwas verbindet diese Bands und ihre Texte. Die gemeinsame Grundlage ist die Ohnmacht, die in den Texten beider Bands zum Ausdruck kommt. Das Ausgeliefert-Sein gegenüber der Tatsache, dass die Menschen in dieser Gesellschaft nicht besser sind als die Gesellschaft selbst, auch da nicht, wo sie Nietengürtel tragen; dass es diese Gesellschaft ist, die ihre Insassen Tag für Tag beschädigt und sich dagegen kaum Widerstand regt.

„Dienstag Mittag dann der gleiche Mist / Ich frage mich ob du bescheuert bist / Ich will mit dir nicht über Arbeit reden“4

Feindseligkeit und Ironie, Zynismus und Albernheit, erscheinen als gegenteilige Verarbeitungsformen dieser Ohnmacht, in der sich gegenüber dieser Ohnmacht ermächtigt wird. Beide brechen das Schweigen im Alltag, das Runterschlucken des Widerspruchs, und beide bringen die erbärmliche Realität auf den Punkt. Die eine indem sie anprangert, die andere durch entblößende Perspektivenübernahme. Dadurch imaginieren sich beide auch in eine Machtposition, denn letztlich unterscheidet sich die Gewaltphantasien des einzig wahren Punkers, der wütend erklärt, was alles kein Punk sei, wenig von der des Polizisten, und sie zu äußern, erzeugt in beiden Fällen einen entlastenden Genuss.

„Gib’ mir bitte einen Grund / Hoffentlich baut jemand Mist / Dann wird er meinen Knüppel spüren / Bis er nicht mehr weiß, wer er ist“5

Gerade dieser Genuss, der im Falle ‚Die Bullen’ als spielerisch erotisierter daherkommt, ist es, der mit dem Machtgestus bricht. Letztlich, so lassen die Texte beider Bands durchschimmern, ist das scheinbar ganz Andere, das angeprangert oder ironisiert ist, nicht so weit von einem selbst weg. „Die immer gleiche Punkerjacke“ hängt im eigenen Schrank, die Verkehrungen von Szeneslogans („All criminals are bastards“, „Cops united“) verweist darauf, dass Corpsgeist und Militanzfetisch auch in den eigenen Ketten mitlaufen. Diese Verschränkung macht einen Bruch sichtbar, der sonst gerade im Punk und in explizit linksradikaler Musik verschleiert wird: Der Bruch zwischen Alltag und Konzertsituation und damit die Ventilfunktion der Musik. Die vehemente Kritik, die in den Texten steckt, dient auch dazu, das notwendige Schweigen im Alltag erträglicher zu machen, das Schweigen bei der Polizeikontrolle, auf der Arbeit und im Freund_innenkreis.

„Personalausweiskontrolle / Sind sie nüchtern / Das Winken mit dem Drogentest soll sie nur ein bisschen / Einschüchtern…“6

Die Position der Macht, die sich selbst als scheinbar entblößt, enthüllt eine Ohnmacht, gegen die zwar angesungen wird, aber in dem Wissen, dass das Singen nichts an ihr ändern wird. Gerade in ihrem Gestus der Ermächtigung drückt sich aus, dass die Macht der Sprache darin liegt, die Wirklichkeit zum Ausdruck zu bringen, sich diese Wirklichkeit aber nicht davon beeindruckt zeigt, zum Ausdruck gebracht worden zu sein. Weder interessiert es den Punker im Publikum, dass er gemeint ist, noch die Polizei, dass Samstag Nacht in einem Keller Spottlieder auf sie gesungen werden; oder anders formuliert: Die Wirklichkeit kann durch Sprache zwar interpretiert werden, sie zu verändern, liegt aber nicht in rein sprachlicher Praxis – und damit auch nicht im Punksong. Kackschlacht und Die Bullen bringen so zum Ausdruck, was „Alerta Antifascista“-rufende Antifas im Publikum nicht verstehen und das ist es, was mir an ihnen spontan gefiel: Ihre Musik erlaubt eine Erfahrung der eigenen Ohnmacht, die es erleichtert, mit ihr zu leben, ohne sich von ihr dumm machen zu lassen und zu resignieren.

„1945 sah es hier wirklich besser aus / Alles war kaputt und ich war gut drauf / Alle hatten Hunger es herrschte große Not / Die Frauen hatten Arbeit und die Männer waren tot“7

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1
Kackschlacht: Fußgängerzone

2
Kackschlacht: Dosenbier

3
Die Bullen: Cops United

4
Kackschlacht: Geladen

5
Die Bullen: Political Tendencies

6
Die Bullen: Kumpelhaft

7
Kackschlacht: Weg