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Vom Einmischen – Eine DJ plaudert aus der Plattentasche

Die Autorin Snazzy Grrrlz lässt uns – wie der Titel es bereits beschreibt – teilhaben an ihren Erfahrungen als DJ.

Ich bin inzwischen seit ein paar Jahren als DJ unterwegs. Angefangen hat es mit einem DJ-Workshop, den ich in Jena besuchte und der sich explizit an Frauen* richtete. Zu einem Workshop, der offen für alle ist und dann doch wieder nur die eh schon coolen Jungs anzieht, wäre ich zum damaligen Zeitpunkt wohl auch nicht gegangen – aus Angst, von Anfang an als Fremdkörper wahrgenommen zu werden und unter besonderem Beweisdruck zu stehen.
An zwei Tagen brachte uns die Berliner DJ Lindas Tante die Grundlagen des Auflegens mit Platten bei. Ich hab sofort Feuer gefangen. Weil: Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?! Ich hab mir gebrauchte Turntables besorgt und die nächsten Monate für mich allein in meiner Wohnung geübt. Als ich dann meinen ersten Auftritt vor Publikum haben sollte, war ich so aufgeregt, dass ich schon Tage vorher nichts mehr essen konnte und am Abend selbst anfangs nur mit Mühe überhaupt die Nadel auf der Platte platzieren konnte. Es wurde ein super Abend. Ich war super, und nicht nur „für‘s erste Mal“ und auch nicht nur „für eine Frau“. Ich hab einfach eine richtig gute Party geschmissen. An dem Abend hab ich auch das erste Mal selbst mitbekommen, wie es ist, diesen Macho-Sexismus, über den auch andere weibliche DJs immer mal wieder berichten, zu erleben. Dabei war das Publikum bei diesem ersten Gig sehr nett, mir sehr wohlgesonnen. Mir haben „nur“ zwei Männer unabhängig voneinander ungefragt in meinen Mixer gegriffen. Inzwischen hatte ich schon so viele Abende hinter den Plattentellern, an denen ich dermaßen scheiße behandelt wurde, dass es mir fast harmlos vorkommt. Aber das ist es nicht, nur weil mein Fell über die Zeit etwas dicker geworden ist. Stellt euch das mal vor: Da habe ich einen Auftritt, spiele mein Instrument und jemand aus dem Publikum greift mir währenddessen in die Tasten. Und findet diesen Move völlig okay. Die folgenden Ausführungen dürfen gern als Dos und Don‘ts im Umgang mit DJs verstanden werden.

Frauen und Technik

Es gibt ihn auf fast jeder Party. Ich nenne ihn „den Techniker“. Er ist nicht wirklich ein Tontechniker, er gehört nicht zum Personal des Clubs, oft ist er einfach nur jemand, der hobbymäßig Musik hört (wenn überhaupt). Aber es gibt ihn auf fast jeder Party. Er ist derjenige, der mich vom Arbeiten abhält, um mir zu erzählen, dass sein Eindruck ist, dass die Bässe zu leise sind. Er ist derjenige, der kommentiert, dass ich nicht mit Software XY auflege oder dass mein Mixer zu klein sei. Er ist auch derjenige, der beim Aufbau der Technik seine Hilfe anbietet. Kann sein, dass er es nett meint. Aber was dahinter steht, ist die Annahme, dass ich es nicht weiß und dass er es besser weiß. Und das ist Quatsch. Ich bin DJ. Natürlich kenne ich mich aus mit meinem Werkzeug. Natürlich habe ich ein Ohr für den Klang und wenn ich die Bässe nicht weiter aufdrehe, hat das einen Grund. Ich denke mir etwas bei dem, was ich tue, denn ich weiß, was ich tue. Nur leider ist das etwas, das ich immer wieder erklären und beweisen muss. Und ich denke, dass das daran liegt, dass ich als Frau wahrgenommen werde. Das Ding ist: klar weiß ich nicht alles und ich freue mich auch, wenn jemand mir hilft, sofern ich Hilfe brauche. Aber bitte nehmt nicht einfach an, dass ich Hilfe oder Rat brauche, nur weil ich eine junge Frau bin.

Ich brauche kein Lob

Diese ganze Problematik hört nicht beim Umgang mit Technik auf. „Der Lehrer“, wie ich ihn nenne, steht minutenlang streng dreinblickend neben meinem DJ-Pult und winkt mich hektisch heran, jedes Mal, wenn mein Blick ihn streift. Er hält es kaum aus, dass ich nicht sofort auf ihn reagiere (und weiß offensichtlich nicht, dass Auflegen Arbeit ist und ich diese nicht einfach unterbrechen kann, nur weil er ein Mitteilungsbedürfnis hat). Seine wichtige Botschaft ist: „Deine Musik ist scheiße“. Kann er ja so finden, nicht jede_r mag HipHop, das ist okay. Mir ist zwar nicht klar, warum er mir das an dieser Stelle mitteilen muss, aber ich kann damit leben; es beleidigt mich nicht. Damit hört es aber nicht auf, denn sofort fängt er an, mich darüber aufzuklären, was ich alles machen müsste, damit die Party besser läuft (ungeachtet dessen, dass die Party sehr gut läuft): Dass ich als nächstes Mal was von Artist XY spielen muss. Dass es nicht funktioniert, wenn ich nicht mehr „Hits“ auflege und überhaupt wäre es doch das Beste, wenn ich spontan das Genre wechsle, weil Heavy Metal eh viel besser ist. Völlig absurd., Und, es nervt! Das alles wird nicht immer aggressiv oder abwertend formuliert. Oft ist „der Lehrer“ ein Mensch, der seinen Monolog mit einem Lob beginnt und mit der Beobachtung meiner Lücken abschließt, natürlich nicht, ohne vorher sein Wissen anzubieten. Er war nämlich auch mal DJ oder er hat auch Schallplatten zu Hause oder er hat schon mal eine Youtube-Disko veranstaltet. Dabei kommt er mir oft viel zu nah, quetscht sich auf den engen Raum hinter den Turntables, legt mir seinen Arm um und klopft mir väterlich auf die Schulter. Gut gemacht! Musikexperten sind in der Regel Männer. Frauen sind maximal Fan-Girls oder Groupies, kreischen hysterisch wenn sie ihrem Star nahe kommen und haben ihren Musikgeschmack meistens von ihrem Freund oder Bruder übernommen. Stop, das ist nicht meine Meinung, das sind sexistische Unterstellungen! Aber eben solche, an die viele Leute zu glauben scheinen und auch deswegen weiblichen DJs absprechen, einen eigenen Musikgeschmack oder eine durchdachte Setlist zu haben. Manchmal komm ich mir vor, wie in einer Quizshow. „Weißt du überhaupt, aus welchem Jahr der Song ist?“. Ja, weiß ich, ich bin ein HipHop-Nerd. Überrascht? Aber selbst wenn ich es nicht wüsste: Nicht alle männlichen DJs können die Veröffentlichungsdaten jedes einzelnen gespielten Tracks runterbeten. Müssen sie ja auch nicht. Aber von mir als Frau wird es irgendwie regelmäßig verlangt. Beweis erst mal, dass du doppelt so viel wie die Jungs weißt, dann nehmen wir dich vielleicht ernst.

Doppelt hält besser

Ich habe manchmal den Eindruck, dass es schon als Beleidigung aufgefasst wird, dass ich überhaupt auflege. Müssen Frauen denn wirklich bei allem mitmischen? (Ja, ich bin DJ, also werde ich mitmischen). Aber dann lege ich auch noch HipHop auf! Nicht Indie-Pop, nicht 90er Trash, sondern HipHop! Das ist doch angeblich so eine Jungskultur, was fällt mir ein? Aber ich setz noch einen drauf: Ich lege fast ausschließlich Musik von Rapperinnen auf. Das geht jetzt aber echt zu weit. Gibt es das denn überhaupt? Ja, es gibt sehr viele Rapperinnen, die sehr gute Musik machen und es ist kein Problem, ein sechsstündiges Set mit ausschließlich Frauen zu füllen.
Aber es ist echt unerhört. Nicht nur nehme ich es mir als Frau heraus, DJ zu sein, sondern auch noch HipHop-DJ. Und dann spiele ich nicht mal brav die Rap-Helden rauf und runter, sondern verbringe die ganze Nacht damit, Rapperinnen durch die Boxen dröhnen zu lassen. Und, das ist vielleicht das Allerfrechste: Es funktioniert auch noch. Vielen gefällt es richtig gut. Das ist ja wohl die Höhe!
Ich nehme wahr, dass sich vor allem solche, die sich als HipHopper verstehen, davon angegriffen fühlen, dass ich es schaffe, eine gute Party zu schmeißen, auf der sie kaum einen Song wiedererkennen. Denn das sagt: Du bist zwar ein HipHopper und denkst, dass du dich richtig gut auskennst, aber jetzt bist du auf einer HipHop-Party und kennst gar nichts. Plötzlich werden die Wissenslücken aufgezeigt, die einem sonst nicht aufgezeigt werden. Plötzlich ist man(n) nicht mehr Experte, sondern hat noch viel zu lernen. Aber anstatt sich eben das anzunehmen und vielleicht sogar froh darüber zu sein, mal den Horizont erweitert zu bekommen, ist „der Doppelmoralist“ beleidigt. Er findet nämlich, dass es sexistisch ist, den ganzen Abend nur Frauen aufzulegen. Auf die Frage, wie oft er es bei anderen HipHop-Partys erlebt, dass die ganze Nacht nur Männer aufgelegt werden, reagiert er gar nicht erst. Das fällt ihm auch gar nicht so auf. Das ist halt normal. Oder er sagt, dass ja bei anderen HipHop-DJs Frauen auch mal den Refrain singen dürfen. Okay, ich hab auch kein Problem damit, Schwesta Ewa oder Foxy Brown zu spielen, da dürfen Männer den Refrain singen. Er schmollt jetzt, geht, vielleicht hat er auch noch einen miesen Spruch für mich auf den Lippen. Und ich denk mir, dass doppelt wirklich immer besser hält. Sogar bei der Moral.

Eigenschaft: Frau

Was mich noch mehr ärgert als die Kommentare aus dem Publikum, sind so manche Veranstalter. Es geht los mit der Ansprache als „DJane“. Ich hab mich noch nie selbst als DJane bezeichnet. Es ist ein Kunstwort, dass nichts mit Disc-Jockey (ein geschlechtsneutraler Begriff) zu tun hat, sondern einfach nur das Geschlecht markiert. Es gibt weibliche DJs, die sich als DJane bezeichnen und natürlich können sie das so machen. Ich habe Gründe, warum ich das nicht möchte. Trotzdem werde ich immer wieder so angesprochen, vorgestellt oder angekündigt. Dabei ist es echt kein Geheimnis, dass viele weibliche DJs keinen Bock auf diese Tarzan-Assoziation im Namen haben. Es sollte nicht zu viel verlangt sein, einmal danach zu fragen und sich dann auch an die Ansage der DJ oder DJane, je nachdem, zu halten. Diese Bezeichnungsproblematik ist ein Symptom für das, was sich an vielen anderen Stellen im Umgang mit Veranstaltern zeigt: Du bist eine Frau und das ist deine primäre Eigenschaft. Ich hab das schon in Ankündigungstexten so gelesen. Die Co-DJs des Abends, alles Männer, bekommen bestimmte Sounds, Fähigkeiten oder Inhalte zugeordnet. Sie haben „die fettesten Bässe“, „den realsten Oldschool-Sound“ oder „beeindruckend flinke Finger an den Platten“. Ich habe ein Geschlecht. Denn das ist ja wirklich das Interessanteste, das in dem Kontext über mich zu sagen wäre. Ich wurde auch schon explizit deswegen eingeladen. Da wird sich nicht mal die Mühe gemacht, so zu tun, als gäbe es Interesse an der Musik, die ich auflege. Da wird sich auch nicht die Mühe gemacht, meinen Namen herauszufinden, da werde ich mit „Hallo DJane“ adressiert. „Wir würden gern mal eine Frau einladen“. Ich finde es super, wenn Veranstalter selbst feststellen, dass sie womöglich ein Problem haben, dass ihre Bühne immer nur männlich bespielt wird und dass sie das gern ändern möchten. Ehrlich, ihr kriegt von mir eine fette High Five. Und dann kommt ein dickes Aber. Es fühlt sich nicht gut an, als Frau gebucht zu werden. Und es ist ignorant. Ihr wollt, dass ich auf eurer Veranstaltung auflege? Dann bucht mich doch bitte als DJ, nicht als Frau. Ich will nicht euer Feigenblatt sein, ich will nicht eure Rechtfertigung dafür sein, dass ihr dann den Rest des Abends wieder nur Männer auf die Bühne lasst, weil ihr hattet ja auch schon mal eine Frau dort oben stehen. Wenn ihr wirklich Interesse daran habt, etwas an der Schräglage, die es hinter den Plattenspielern gibt, zu ändern: kündigt die DJ nicht nur als Frau an, sondern beschäftigt euch mit ihrer Musik; gebt ihr nicht den Slot des Abends, an dem es voraussichtlich kaum Publikum gibt; gebt ihr das Gefühl, dass sie wegen ihrer Skills und nicht allein wegen ihres Geschlechts eingeladen wird; schafft Räume in euren Line-Ups, regelmäßig und für mehr als eine Quotenfrau am Abend. Ich erwarte nicht, dass jeder Veranstalter alles weiß oder richtig macht, es gibt so viele Fettnäpfe wie Regler am Mixer. Aber das hier sind nicht nur meine individuellen Erfahrungen. Viele DJs berichten ähnliches und vieles davon ist im Internet zu finden. Fragt doch einfach die Suchmaschine eures Vertrauens. Mit Sookees Worten: Lernen aus den Fehlern anderer ist nicht verboten.

Work it

Es ist scheiße, dass sich Frauen* an den Plattentellern immer noch besonders beweisen müssen und hate ausgesetzt sind, der sexistische Hintergründe hat. Und es ist scheiße, dass DJs insgesamt oft wenig Respekt erfahren, nicht als Musiker_innen angesehen werden, sondern am liebsten einfach eine Jukebox sein sollen. Aber ich will nicht den Eindruck hinterlassen, dass alles nur schlimm und ein Kampf ist. Würde mir das Auflegen keinen Spaß machen, würde ich es ja bleiben lassen. Der Gedanke, den ich schon während meines ersten DJ-Workshops hatte, „Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?!“, ist immer noch da. An einem guten Abend habe ich mega viel Spaß mit dieser Musik, die ich so unendlich feier und es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, wenn ich sehe, dass viele andere Leute sich auch von der Musik anstecken lassen. Die negativen Kommentare, die manchmal einfach nerven und manchmal weh tun, hinterlassen leider oft einen stärkeren Eindruck als die vielen positiven Rückmeldungen, die es auch an jedem einzelnen Abend gibt. Ich habe schon Frauengruppen den sonst männlich dominierten Dancefloor einnehmen und zu Missy Elliott performen sehen. Männer, die mir rückmelden, dass das die beste Party der Stadt ist. Menschen, die wertschätzen, sich HipHop reinziehen zu können ohne sich dabei automatisch auch eine Testosteron-Dröhnung zu holen. Das hab ich gemacht und das fühlt sich gut an. Für die Momente, in denen es anstrengend, frustrierend oder manchmal sogar bedrohlich ist, habe ich meine Grrrl-Gang im Rücken. Dieser Support, auf den ich zu 100 Prozent vertrauen kann, ist ähnlich wichtig wie meine Skills als DJ, auf die ich auch zu 100 Prozent vertrauen kann. Das sind 200 Prozent Superkräfte, bis das Verhältnis hinter den Turntables 50/50 ist.

Mehr zur Autorin unter: https://www.facebook.com/djsnazzygrrrlz/

Von Astronomy Domine zu On Dark Silent Off

Progressive Rock ist Ende der 1960er-Jahre entstanden, als linke Studenten die Einflüsse ihrer bürgerlichen Bildungsbeflissenheit in Konzeptalben mit ewig langen Liedern gegossen haben. Kalle und Markus pflegen auch heute noch durch Download oder Kaufhausklau ihre gut sortieren Diskographien, gehen auf bestuhlte Konzerte und ziehen eine Linie von den frühen Pink Floyd zur aktuellen Avantgarde-Band Radian.

Dieser Text hat zwei Anfänge. Der eine ist: Ich war auf einem großartigen Konzert im alternativen Club ‚Frau Korte‘ in Erfurt. Die Musiker_innen von Radian aus Wien haben 2006 die Asche von Syd Barret geschnupft. Und daraus neue Musik gemacht. Die Linke der 1930 Jahre hatten Brecht. Wir haben Egotronic und Antilopengang. Ist damit nicht alles gesagt? Will meinen: Eine Ästhetik auf der Höhe der Zeit ist ein Motor, affektiv den Wunsch nach Veränderung und dem Besseren am Leben zu erhalten. Radian hat mich so mitgenommen, dass ich den Wunsch nach dem Guten Leben mit nach Hause nehmen konnte. Aber wer zum Teufel ist Syd Barret? Dafür braucht es einen zweiten Textanfang.

Rock und Prog als Klassen-, Race- und Geschlechterfrage

Wer sich in den früher 70er-Jahren irgendwie links gab, mit Palitüchern dekoriert war und sich in Endzeitapokalypsen bekifft durch Atomenergie und Raketen phantasierte, kam am Progressive Rock nicht vorbei. Der Progrock entwickelte sich Ende der 60er Jahre vor allem in Großbritannien, als weiße, männliche Musiker die Rockmusik durch stilistische Merkmale anderer musikalischer Gattungen, vor allem der Klassischen Musik, ergänzten. Genrespezifisches Instrument war das Mellotron mit seinem warmen, melancholischen Klang, oft auch die Steel-Guitar und später der Synthesizer. Die elektronischen Instrumente der frühen Prog-Acts waren oft selbstgebaut, die Lieder lang und oft von experimentellen Teilen durchzogen, und die Musik kam nicht als Song, sondern als Platte, oft als Konzeptalbum, daher.
Zu den klassischen Vertretern des Genre zählten neben Emerson, Lake and Palmer (ELP) vor allem King Crimson, Yes und die frühen Genesis und Pink Floyd zu Zeiten des schon genannten Syd Barret – bevor die Band mit Roger Waters populär wurde.
Die schon angesprochen männliche und weiße Dominanz in der Rockmusik hat von Beginn an mit Rassismus zu tun: Das Erfolgsrezepts von Elvis Presley in den 1950er-Jahren war es, die Musik der afroamerikanischen Bluesbands für eine weiße Jugendbewegung aufzubereiten. Dass die schwarzen Blues-Acts dieser Erfolg verwehrt blieb, ist natürlich im Rassismus begründet: Mit dem überlieferten Satz: „Wenn ich einen Weißen finden könnte, der wie ein Schwarzer singt, würde ich eine Million Dollar machen“ brachte Elvis erster Produzent die Lage auf den Punkt.
Auch die Entstehung des Prog lässt sich vor dem Hintergrund von Machtverhältnissen deuten. Was vorwiegend englische Musiker in der zweiten Hälfte der 1960er gemacht haben, ist, eine proletarische Musik (Rock) mit einer Tradition europäischer Intellektueller – klassische Musik – zu kombinieren. Auch hierdurch wurde ein neues Publikum erschlossen, indem Rock nun auch für den Nachwuchs der weißen Oberklasse interessant wurde – was ein Stückweit erklärt, wieso die genannte Dominanz weißer Männer für Progrock so deutlich ist wie bei kaum einer anderen Musikrichtung.
Diese Erzählung funktioniert ideengeschichtlich, aber auch individuell: Die Ur-Prog-Rock-Band The Nice mit dem Organisten Keith Emerson (später ELP) war zu Beginn die Begleitband der bis heute aktiven schwarzen Sängerin P.P. Arnold. Der Erfolg kam, als sich The Nice von Arnold getrennt hatte. In der klassischen Phase des Genres gab es außer ihr nach unseren Recherchen keine schwarzen Bands oder Musiker_innen, was auch an einer bewussten Orientierung lag: Viele europäische Musiker vermissten nach den erfolgreichen britischen Bands der 1960er-Jahre (Beatles, Rolling Stones, Kinks, Who), die sich am klassischen amerikanischen Rhythm&Blues orientierten, einen originär europäischen Stil der Rockmusik. Hier sei vor allem Jethro Tull benannt, die sich aus einer Bluesband zum progressiven Rock entwickelten. So postulierte deren Mastermind Ian Anderson: „Früher oder später kommt man zu der Erkenntnis, dass man sich mit seiner Hautfarbe abfinden und weiße (sic.) Musik spielen muss“. Das sich daraus eine weiße Hegemonie entwickelte, war eigentlich klar.
Frauen kamen in der klassischen Phase des Prog kaum vor, wenn doch, in spezifischer Rolle wie beim 1972 veröffentlichten Konzeptalbum 666 der Band Aphrodites Child, auf der die Schauspielerin Irene Papas sich laut und unzweideutig zum Orgasmus stöhnt.

Bedeutungsschwangere Musik für Bildungsbürger

Der Prog-Rock der 70er-Jahre gefiel sich vor allem in suitenartigen synphonischen Konzeptstücken mit Überlänge. Dem Publikum wurden Versatzstücke aus gregorianischen Gesängen, Barock, Blues, Rock und anderem geklautem Zeug als eine Erweiterung und Intellektualisierung der herkömmlichen Rockmusik präsentiert. Bildungsbürgerliche Kunstbeflissenheit und selbstherrliche Zurschaustellung von Virituosität waren weitere Merkmale der oft klassisch ausgebildeten Musiker. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Kunstanspruch, den die Musiker für sich beanspruchten. Die komplexere musikalische Form galt stets als höherwertig. Ganz besonders peinlich, weil gezwungen bedeutungsschwanger und avanciert, war wie so oft die deutsche Variante. Zu nennen wären hier Hoelderlin, Novalis, Triumphirat (allein die Namen sprechen Bände), Nektar, Amon Düül, Guru Guru oder Eloy und Grobschnitt. Ihr aufgeblasener Sphären-Rock mit abstrakten Texten war ungemein populär. Der progressive Rock von DDR-Bands wie Karat, Elektra und Stern Combo Meißen war in der Regel weniger bombastisch.
In den 1970er-Jahren sind viele der ehemaligen Untergrund- oder besser: Sparten-Bands groß geworden und konnten mit ihren Verfallsformen Stadien füllen.

Gegen den Prog: Punk und Glamrock

Die Entstehung des Punk ist zu einem Gutteil dadurch zu erklären, dass eine neue Generation Bands und Fans in den 1970er-Jahren die Schnauze vom bedeutungsschwangeren Geleiere der Prog-Bands genauso voll hatten wie von der popularisierten Variante des Bombast-Rocks. Punk war als Gegenbewegung gemeint und wurde auch so verstanden. Von Rick Wakeman, Keyboarder von YES, hieß es, er habe versucht, sein Label dazu zu bewegen, die Sex Pistols nicht unter Vertrag zu nehmen.
Neben dem Punk war auch der sträflich missverstandene und kulturell abgewertete Glamrock eine eigenständige Gegenbewegung. Den patriarchalen Männern des Prog wie Vangelis, Greg Lake oder Ian Anderson wurden androgyne Typen wie David Bowie (in seiner Ziggy-Stardust-Phase), Brian Connolly (Sweet) oder der großartige Marc Bolan (T.Rex) entgegengestellt. Ihre schrillen, glitzernden, oft femininen Kostüme bilden einen Kontrapunkt zur bombastischen und intellektuell überladenen Ästhetik des Prog-Rock. Der Punk war, was Geschlechterdarstellungen angeht, nicht so eindeutig zu bewerten, hatte aber auf jeden Fall großartige Momente da, wo er uneindeutig daherkam.

Fazit

Man könnte angesichts des Dargelegten sagen: Ein Glück, dass Punk dem Progrock ein Ende bereitet hat. Dieses harsche Urteil gilt aber nur zum Teil. Wenn man sich frühe Aufnahmen des Progrock anschaut – sei es das schon erwähnte Frühwerk von Pink Floyd, sei es das teilweise hoch ironische Werk von Jethro Tull oder noch früher „Fire“ von Arthur Brown – hört und sieht man deutlich, wie rotzig und agil Progrock daherkommen kann – auch in der BRD, wo Can und Ton Steine Scherben als sozialistische Avangtgardekollektive eine bekiffte Alternative zum Schlager gespielt haben. Und Geschlechterverwirrung gab es auch schon, als Peter Gabriel in den 1970er-Jahren als Sonnenblume verkleidet auf der Bühne stand. Progrock war eben auch interessant, und zwar genau da, wo er als Gegenbewegung zum braven Strophe-Refrain-Schema des schon vorher in Langeweile erstarrten Rock daherkam.
Und wenn man heute vergleicht, was noch an musikalisch spannenden Impulsen aus dem Prog und aus dem Punk kommt, sieht das alte beschauliche Zeug gar nicht so schlecht aus. Holger Czukay (von Can) und Hellmut Hattler (von Kraan), beides Veteranen des Krautrock, einer westdeutschen Musikrichtung, die sich aus dem Psychedelic – und dem Progrock entwickelte, setzen noch heute Maßstäbe in der elektronischen Musik, z.B. Czukay in den 1990er-Jahren als Breakbeat-DJ.
Ob man der eingangs erwähnten Wiener Band Radian Unrecht tut, wenn man sie in die Tradition des Progrock einreiht, muss die Band selbst entscheiden. Wir meinen, Radian hat aus dem, was 1970 vorlag und in den Jahren danach zu Bombastic Rock verknöchert ist, Musik auf der Höhe der Zeit gemacht.


Radian – On Dark Silent Off (2016), zu beziehen über http://www.thrilljockey.com

Links zu Musik mit singenden Sonnenblumen, experimentellem Krach und kreischbunten Gummihosen:

  • Experimentell und Krachig: Pink Floyd – Astronomy Domine (1967) https://archive.org/details/PinkFloydSydBarrettAstronomyDomineLiveBeatClub67
  • Prä-Prog mit brennendem Hut und Makeup: The Crazy World of Arthur Brown – Fire (1968) https://www.youtube.com/watch?v=ifDSJadJnks
  • 23 Minuten klassischer Prog mit singender Sonnenblume: Genesis – Supper‛s Ready (1972) https://www.youtube.com/watch?v=Gx6S32thDNw
  • Rock oder Kammermusik? The Nice – Hang on to a Dream (1973) https://www.youtube.com/watch?v=7RSRoM_fc9I
  • Bedeutungsschwangeres Geschwurbel mit deutschem Akzent: Eloy – Poseidons Creation (1978) https://www.youtube.com/watch?v=Dz2j96PmbiU
  • Queere Performance zu Playback : The Sweet – Ballroom Blitz (1973) https://www.youtube.com/watch?v=z_jdiU47bFA
  • Rebellisch und androgyn: David Bowie – Rebel (1973) https://www.youtube.com/watch?v=Vy-rvsHsi1o
  • Gymnastikhosen und tiefe Ausschnitte: T. Rex – Children of the Revolution https://www.youtube.com/watch?v=fQ4a-Bu9UoE
  • Das ist keine Kunst. Wir sind eine Gang.

    Viele haben sie schon gesehen, gehört und mit ihnen gefeiert: AbstinenZx lassen es mit „In dieser Heimat kein zuhaus“ ordentlich krachen. Warum sie mit ihrer Musik ins Mark treffen, es dabei nie um Kunst geht, sondern um uns, will Franzie zeigen.

    Es kommt immer mal vor, dass Leute sagen, „Ey, mach mal dieses Geschrei aus!“ – nach der Stille und kurzem Geraschel weil jemand meinen mp3-Player abgestöpselt hat, folgt irgendein Gedudel, das ich echt nicht ertragen will. Dann bleibt der berüchtigte Blick in die Flasche, der Griff zur Betäubung. Dementsprechend sieht mich manch einer nicht gern an der Bedienung von Audiogeräten. Mit AbstinenZx hat sich jedoch eine Band gefunden, die verschiedene Musikgeschmäcke zusammenbringt. Auch wenn ich normaler Weise erstmal die Nase rümpfe, wenn scheinbar plötzlich viele Leute eine Band mögen – die auch noch eingängige Melodien spielt – geht das hier ganz und gar nicht. Meine Erklärung: Die Punkrock-affine linke Szene, die mich umgibt, besteht aus kaputten Menschen und deshalb trifft AbstinenZx nicht nur wenige Herzen.

    Beschissenes Land, beschissenes Leben und außer ein paar Narben ist mir nichts geblieben. (…) So wie es ist, kann es nicht bleiben.“

    Kaltland ist mit dem Willkommens-Singsang auf die „trains of hope“ und Kackstadt mit Initiativen wie „Erfurt lacht“ nicht erträglicher geworden. Unser Alltag besteht nicht im Kampf um Krieg und Elend zu entfliehen, wir kämpfen gegen die Scheiße, die das für andere nötig macht und die Zustände, die das Leben hier unerträglich machen und das ist nicht wenig. Das Gefühl der Ohnmacht und die tatsächliche sind im Alltäglichen wie auch in politischen Kämpfen präsent. Steigt der Zivi vom Fahrrad und holt seine Bullencrew ran, um euch kleinzumachen? Lachen die Bullen dir ins Gesicht, wenn du dich darauf berufst, was der Rechtsstaat dir eigentlich zusichert? Glotzen die Leute dich schief an, weil dein Bier auffloppt oder du ’nen Dübel rauchst? Selbst an der Krämerbrücke fällt man nun mit nicht knöchelfreier Hosenwahl auf.

    Ihr habt Angst um eure Arbeit, ihr habt Angst um euer Geld, ihr habt Angst um eure Zeit, um eure kleine heile Welt.

    Es gibt keine heile Welt, um die wir uns sorgen. Viele von uns kennen keine heile Welt, auch wenn manch eine einzelne Zeitabschnitte wie frühste Kindheit oder die berüchtigte Punkerjugend im Rückblick verklärt und idealisiert. Woran knüpfen wir an, um weiterzumachen, nicht aufzugeben oder uns doch zeitweise dem hinzugeben, keinen Bock mehr auf die Scheiße zu haben? Es ist der Schmerz, das Leiden an dem was ist und was war. Das ist kein blabla, das ist keine Kunst: AbstinenZx machen Musik, die mir vertraut ist, weil in ihr Melancholie und Verzweiflung liegen, die in vielen Momenten von einer tiefgreifenden Wut beflügelt ausschlagen.

    Mit Aggressionen gehen Leute verschieden um, viele richten sie nach außen, viele nach innen. Wie es sich anfühlt, Aggressionen nur schwer nach außen tragen zu können und welche Folgen das für den eigenen Zustand hat, kann man beim Hören von AbstinenZx erahnen. Das verrückte daran ist, dass darin soviel Kraft liegt, dass ich damit nicht allein bleiben kann oder will. Warum die beiden Jungs zusammen Musik machen und eben diese Musik, das weiß ich nicht, aber ich bin echt froh, dass sie es tun. Denn in Einsamkeit kann man eben doch gemeinsam sein. „Ihr seid keine Fans, wir sind eine Gang!“ rappen Zugezogen Maskulin und das ist es, was ich empfinde.

    Ich besaufe mich mit Wut

    Manchmal ertrage ich es nicht, meide die Musik und ein andermal will ich mit meiner Gang zusammen feiern. Ja, so ist es: Wir brauchen Krach, wir brauchen ein Ventil für Wut, Verzweiflung. Manchmal hilft nur Punkrock, um nicht allein zu sein. Wir entwaffnen uns selbst, wenn wir aufgeben, wir allein bleiben – auch wenn das subjektive Moment des Widerstands, das sich destruktiv gegen das eigene Selbst richtet, erstmal befriedigend wirkt.

    Wir sind verschieden, aber kaputt sind wir alle, doch sehen tut man das selten.


    Achtung: Grad gibt’s die Scheibe „In dieser Heimat kein Zuhaus“ wieder auf CD, es wird jedoch gemunkelt, dass auch bald eine Vinyl-Pressung vorgelegt wird. Juhu!

    Mittelmeerromantik

    Karl Meyerbeer hat sich eine Schallplatte der Kellerasseln angehört und angesehen.

    Mittelmerromantik: am Strand liegen, in der Sonne baden, aufs Wasser schauen – sein, nur sein, statt einem Zweck zu folgen. Auf dem Titelbild der gleichnamigen Schallplatte ist vor dem Hintergrund des Meeres grauer Bodenbelag und eine Reling zu sehen. Vielleicht ein Ufer, vielleicht ein Schiff, auf jeden Fall sehr aufgeräumt und gerade. Am Rand stehen drei Gestalten und schauen aufs Wasser. Vor allem die mittlere Gestalt ist kräftig, sie steht breitbeinig da. Ist das Mittelmeerromantik oder hält sie ein Fernglas in der Hand und sucht das Wasser nach feindlichen Schiffen ab? Auf der Rückseite der Platte sehen wir ein überfülltes Schlauchboot im weiten Meer.

    Mittelmeerromantik: „Die einen fahren gemütlich in den Urlaub nach Süden und die anderen ersaufen beim Versuch, ein bisschen Glück im Norden zu erhaschen.“

    Die drei Gestalten auf dem Plattencover sind Uwe, Steppl und Keller von der Punkband Kellerasseln. Als ich zum ersten Mal eine Schallplatte von den Kellerasseln aufgelegt habe, ist mir nicht aufgefallen, dass ich den Plattenspieler hätte auf 45 Umdrehungen pro Minute stellen müssen. Auch mit 33 UpM ist die Musik wahnsinnig schnell, dauern die Lieder nur eine Minute. Live ist das sehr beeindruckend – die Spannung zwischen dem hochkonzentriert um sich schlagenden Schlagzeuger und dem aggressiv schreienden Keller wirkt körperlich auf mich. Weil man die Texte nicht versteht, werden Textblätter ausgeteilt.

    Mittelmeerromantik: Auch in der neuen Schallplatte gibt es Textblätter, Text- und Bildblätter. Die Kellerasseln in einer wilden Küstenlandschaft, vor einer Kathedrale, in einer Burgruine, in einer orientalisch anmutenden Stadt. Wie kommen die drei eigentlich raus aus der privilegierten Lage, gemütlich im Urlaub zu sein? Materiell kommen sie natürlich gar nicht raus. Sie haben alle Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, nicht „im falschen Land geboren“ zu sein. Aber sie legen über die Grundierung ambivalenter Bilder eine Textur aus Wut und Kritik: „Arme Eltern oder im falschen Land geboren? Scheißegal, hier sind wir alle gleich. Los geht’s, in die Hände gespuckt, hier ist jeder sein eigenes Produkt. […] Manche müssen sich eben ein bisschen mehr anstrengen, um so gleich zu sein wie die anderen.“

    Warum klingen Redebeiträge, die Leistungsideologie und Rassismus in einen kapitalismuskritischen Rahmen stellen dagegen so langweilig? Noch ein Beispiel: „Rums – 150 Tote auf einen Schlag und leider auch noch die falschen. […] Dabei war das noch nichtmal die falsche Entscheidung, denn in Deinem Job gibt es keine richtigen.“ So kommentiert eine Punkband die Opfer eines Bundeswehr-Oberst klüger als 100 Politiker_innen. Die Kellerasseln waren eine Art Hausband des ehemals besetzten Topf & Söhne-Gelände in Erfurt, auch das wird auf der Platte verhandelt: „Ein paar Jahrzehnte Verdrängung und jetzt gibt’s Erinnerungsorte, Museen und Guido Knopp. Das reicht dann aber auch für die Rückkehr zur Normalität. Nationalstolz, Exportweltmeister und Weltmacht und mit gutem Gewissen lässt sich‘s auch besser Krieg führen. Aus Auschwitz lernen, heißt moralisch Siegen lernen.“ Wer Hardcore-Punk mag, wird die Musik mögen. Einer, der sich damit auskennt, meinte: „Trümmerpogo fasst es eigentlich ganz gut“. Ich schaue mir die Bilder an, stelle die Platte ins Regal und freue mich beim nächsten Konzert wieder darüber, mit wie viel Reflexion und Kritik die Wut und Aggressivität der Kellerasseln verwoben ist.


    Alle Zitate aus der 7‘‘ „Mittelmeerromantik“ der Kellerasseln, erhältlich über Trümmerpogo oder Sengaja Records.

    „high fives for low lifes“

    Für die Rubrik „Plattenkritiken“ haben wir einen neuen Autor gewinnen können und überschreiten damit auch die bisherigen musikalischen Grenzen der Lirabelle. Nino schreibt sonst für das TrveFrykt-Zine. Aus Liebe zum Krach gibt’s unter dem Motto „high fives for low lifes“ Rezensionen, Interviews, Kolumnen und Terminankündigungen zu Black / Death Metal, Doom, Crust und Noise zu lesen. Viel Spaß und hört mal rein!

    Von Drakus – The Black Gate

    Das Gießener Hardcore Punk-Quartett Von Drakus hat knappe drei Jahre nach ihrem letzten Release einen neuen Tonträger veröffentlicht. Mit „The Black Gate“ haben die Hessen ein hochwertiges und äußerst lohnenswertes Album rausgehauen. Gefüllt mit acht düsteren Songs, wird hier jeder Liebhaber von 80er Jahre Hardcore Punk á la Hammerhead auf seine Kosten kommen. Allein schon der Opener, welcher das einzige, deutschsprachige Lied ist, lässt das Herz des Hörers höher schlagen. Bitterkaltes Riffing, wiedererkennbare Melodien, ein hämmerndes Schlagzeug und finstere, angepisste Vocals, ein beinahe perfektionierter Mix den Von Drakus hier an den Tag legen. Textlich bewegt man sich zwischen Verzweiflung, Selbsthass und Wut auf die Welt und ist sich treu geblieben. Im Vergleich zu den beiden älteren Veröffentlichungen, wird auf „The Black Gate“ mehr Abwechslung und eine deutlich dunklere Atmosphäre geschaffen. Einen physischen Tonträger des Albums gibt es bisher noch nicht, digital kann man sich die Scheibe via Bandcamp gratis downloaden.

    Battra – Asozial seit Tag 1!

    Das Pennerviolence Duo um Battra aus Halle an der Saale hat die von mir sehnlichst erwartete EP „Asozial seit Tag 1!“ released. Die beiden sind bekannt dafür mit einer Menge Humor, grandiosen Samples und klasse Videos daherzukommen. In der Promophase der EP ging es heiß her, denn Battra machten sich über das identitäre Gehabe in der deutschen Black Metal-Szene lustig.
    So entwarf man extra ein neues Logo, welches ganz in Black Metal-Manier unleserlich ist und eher Rotz im Taschentuch ähnelt. In den Videos posieren sie mit Corpsepaint und düsterer Miene – dank super scharfen Pfefferminzkaugummis. Die Lyrics der Band sind wiederum vollgepackt mit Hass auf die Gesellschaft und sich in ihr wohlfühlender Individuen. Doch auch musikalisch sind Battra nicht zu unterschätzen, denn eine überzeugende Mischung aus schnellem, wütenden Powerviolence, gepaart mit Samples und einer kleinen Prise Punkrock macht einiges her.
    Die EP ist auf 100 Stück limitiert und kann über BLSN.WRST Records bestellt werden. Wem die digitale Variante reicht, der kann sich über Bandcamp das Ganze für umsonst laden.