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Kein Problem meiner Brüder

Hilde Teichgräber beschreibt ihre Erfahrungen mit Sexismus. Gemeinsam mit anderen jungen Frauen veröffentlichte sie dazu einen offenen Brief an Jenaer Clubs und berichtet in diesem Artikel über die Beweggründe einen solchen Brief zu formulieren.

Anfang Januar 2017 habe ich einen Vortrag zum Thema „Rape Culture“ der Gruppe „The Future Is Unwritten“ gesehen. Wenige Tage später schlug ich das Thema für eine Arbeitsgruppe im Rahmen einer Schulprojektwoche vor. Es fanden sich sechs Mitschülerinnen, die sich mit mir zusammen mit dem Thema auseinandersetzen wollten.

Einmal sensibilisiert für sexuelle Belästigung und Gewalt, dauerte es nicht mehr lange, bis wir uns in einem Erfahrungsaustausch wiederfanden. Wir sprachen über Begegnungen, die uns zwar unangenehm gewesen waren, aber scheinbar auch so normal, dass keine von uns es jemals für nötig oder angemessen gehalten hatte, das Erlebte auszusprechen. Die Erlebnisse, über die berichtet wurde, waren alle auf ihre eigene Weise erschreckend. Ein Mädchen erzählte, dass sie, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Club feiern war, mit 16 Jahren, von einem jungen Mann dermaßen bedrängt wurde, dass er auch nachdem sie ihn mehrmals weggeschoben hatte nicht von ihr abließ und ihr ohne jede Zustimmungsgeste von ihrer Seite seine Zunge in den Hals steckte. In einer Umfrage, die wir in der Oberstufe unserer Schule durchgeführt haben, gaben die Hälfte der Mädchen an, schon einmal gegen ihren Willen geküsst worden zu sein. Diese Umfrage ist nicht repräsentativ. Und doch hat uns die Zahl erschreckt. Gerade weil sie unser direktes Umfeld repräsentiert. Man bemerke außerdem, dass die Befragten zwischen 16 und 19 Jahre alt sind. Eine andere Mitschülerin berichtete, sie sei ebenfalls nächtens in einem Club bedrängt wurden. Auch nach mehrmaligem „Ich möchte das nicht.“ und „Lass mich los!“ habe der Unbekannte nicht aufgehört sie zu belästigen, sie hochgehoben und einige Meter durch die menschenvollen Veranstaltungsräume getragen.

Ich persönlich erinnerte mich an ein Ereignis des letzten Jahres. Ich war 17 Jahre alt und auf dem Weg von Italien nach Kroatien. Ich fuhr über Nacht allein mit einer Fähre von Ancona nach Split, wo meine Familie mich vom Hafen abholen sollte. Die Schifffahrt begann aufregend, denn ich war davor erst ein paar Mal mit einer Fähre gefahren und das Umfeld war mir neu. Als ich es mir gegen 12 Uhr nachts mit meinem Schlafsack auf einem Sessel bequem gemacht hatte, sprach mich ein junger Mann aus Neapel an. Wir unterhielten uns eine Weile, und es stellte sich heraus, dass er auf dem Schiff arbeitete – genauer gesagt die Verantwortung für den Hoteltrakt der Fähre trug. Er fragte mich, ob ich Lust hätte eine Runde über das Schiff zu drehen. Im Verlauf des weiteren Gesprächs lud er mich auf ein Getränk ein. Ich unterhalte mich auf Reisen oft mit anderen Passagieren. Besonders auf Zugfahrten passiert es mir häufig, dass ich mich in dreistündige Gespräche mit meinen SitznachberInnen verliere. Es ist fast immer eine Bereicherung, so ein flüchtiger Kontakt zweier sich vollkommen fremder Menschen. Wir kommen von verschiedenen Orten, treffen kurz aufeinander, finden vielleicht Gemeinsamkeiten und dann geht einE jedeR wieder seiner oder ihrer Wege. Auch mit diesem Menschen aus Neapel empfand ich den Austausch zunächst als bereichernd. Er bot mir an, dass ich in einer der leeren Passagierkabinen schlafen könnte. Ich jubelte innerlich, da ich so nicht auf einem mäßig bequemen Sessel übernachten musste. Wir brachten meinen Kram in die besagte Kabine. Mir war in diesem Moment sonnenklar: jetzt verabschiedest du dich von ihm, bedankst dich noch einmal und das war´s. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Interesse kommuniziert, ihm näher zu kommen. Wir standen also in dieser Kabine, ich sagte, dass ich jetzt schlafen wollte und auf einmal küsste er mich. Er fasste mir an die Brüste. Und ich brauchte einen Moment, bis ich ihn von mir wegschieben konnte. Danach akzeptierte er zwar, dass ich wirklich in Ruhe gelassen werden wollte und ging weg, doch am nächsten Morgen, etwa eine Stunde, bevor wir anlegten, hielt er es für nötig noch einmal in meine Kabine zu kommen um mich zu wecken. Ich hatte mich in ein oberes Bett der Doppelstockbetten gelegt und schickte ihn, zu diesem Zeitpunkt dann deutlich genervt und nicht mehr freundlich, weg. Erleichtert atmete ich auf, als ich endlich an Land ging. Dieser Mann, dessen Name mir entfallen ist, war um die dreißig Jahre alt und ich war 17. Eine junge Frau, allein unterwegs. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt kommuniziert, dass ich an mehr als einem Gespräch mit ihm interessiert sei. Dennoch schien es für ihn selbstverständlich, dass ich eine Art Gegenleistung dafür, dass er mir eine Kabine überlassen hatte, bringen würde.
Dieses Erlebnis war ein Extrem, welches ich nur einmal so erleben musste. Doch es reiht sich ein in verschiedene Erfahrungen, die ich vielleicht hätte vermeiden können, wäre ich nicht nachts betrunken durch die Straßen von Pistoia in Italien oder bei helllichtem Tage in der Uniform einer katholischen Mädchenschule durch Addis Abeba, Äthiopien, gelaufen. Ja, ich kann darauf achten, dass ich immer aufmerksam bin und mein Umfeld ständig im Blick habe. Das wird mich nicht vor allen negativen Begegnungen schützen können, aber deren Zahl eventuell etwas mindern. Ich kann aufpassen, dass ich, wenn ich feiern gehe immer von meinen FreundInnen umgeben bin und ständig kontrollieren, ob der Typ der hinter, neben, vor mir tanzt irgendwie seltsam oder auch nicht seltsam ist. Ich kann darauf achten – und tatsächlich mache ich das auch. Intuitiv und ständig. Und da ich daran gewöhnt bin, scheint mir das nur verantwortungsvoll und normal.

Der Punkt ist aber: meine beiden kleinen Brüder werden sich Gedanken dieser Art nie machen müssen. Meine großen Cousins werden wohl kaum befürchten, dass sie Betroffene von sexualisierter Gewalt werden, wenn sie das nächste Mal feiern gehen. Auch sie sind nicht sicher vor den Spannungs- und Gefahrensituationen, die sich ergeben können, wenn man sich in den öffentlichen Raum begibt – aber rein statistisch gesehen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich als Frau mit sexueller Belästigung konfrontiert sehe viel höher, als sie für meine männlichen Familienmitglieder, Freunde und Mitschüler ist.
Das ist normal. Das war schon immer so.
Das sind keine Argumente, sondern gute Ansätze, um etwas zu kritisieren.
Der Austausch mit anderen Frauen jeden Alters hat mir gezeigt, dass ich nicht allein mit diesen Erfahrungen bin. Meine individuelle Erfahrung ist vielleicht nicht auf alle Frauen verallgemeinerbar – doch viel zu viele teilen sie.

Als wir anfingen über Momente, in denen unsere Grenzen von anderen nicht respektiert wurden, zu sprechen, fand in unserer Gruppe ein kollektiver Prozess des sich-bewusst-Werdens statt. Aus der Erkenntnis, nicht allein zu sein, entstand die Idee eines offenen Briefes. Dieser sollte insbesondere alternative, linke Clubs dazu auffordern, sich der Problematik bewusst zu werden und praktische Konzepte, sexualisierter Gewalt vorzubeugen und den Betroffenen zu helfen, zu entwickeln. Alina Sonnefeld konnte sich dafür begeistern den besagten Brief zu verfassen. Wir diskutierten ihn in unserer Gruppe und beschlossen, dass auch wir ihn, neben Alina, mitunterzeichnen wollten.

Innerhalb kurzer Zeit nach der Veröffentlichung des Briefes entstand ein Diskurs, der teils konstruktiv, teils schlichtweg beleidigend, hauptsächlich in den sozialen Netzwerken unserer Zeit, ausgelebt wurde. Debatte und Diskussion wurden nicht klar voneinander abgegrenzt und so wurde das sensible Thema der sexualisierten Gewalt von manchen ZeitgenossInnen als Gegenstand der persönlichen Profilierung missbraucht.

Verschiedene Perspektiven wurden an uns herangetragen. Viele Menschen reagierten bestärkend und finden sich selbst in unserem Anliegen wieder. Einige meiner Freundinnen sind zwar schockiert, dass viele von uns regelmäßig belästigt werden, fühlen sich selbst aber nicht als Betroffene. Manche von ihnen solidarisieren sich, auch ohne dass sie persönliche Erfahrungen gemacht haben, mit den Betroffenen.

Es mangelte jedoch auch nicht an konträren Positionen. Auf einmal sahen wir uns mit Nachrichten konfrontiert, in denen uns auf unterstem Niveau nahegelegt wurde, unsere Mitschuld an derlei Vorfällen zu reflektieren. Im Ton von „Wie ihr rumlauft, braucht ihr euch doch nicht wundern, wenn ihr angegrapscht werdet.“. Ich hielt es für angemessen, zumindest mit den Menschen, die ich persönlich kenne und die zu solchen angreifenden Reaktionsweisen neigten, das Gespräch zu suchen. Im Nachhinein muss ich jedoch feststellen, dass Unterhaltungen dieser Art für mich wenige neue Erkenntnisse bereithielten. Meine Vermutung ist deshalb, dass diese Gegenreaktionen immer das Festhalten an bestehenden Missständen und Machtverhältnissen zum Ziel hatten. Eben weil diese Missstände und Machtverhältnisse nicht als solche enttarnt werden sollen.
Manche MitschülerInnen kommunizierten uns, dass sie noch nie sexualisierte Gewalt erleben mussten und bemängelten, der offene Brief stelle die Zustände viel extremer als sie eigentlich sind dar. Zum Glück geht es nicht allen Frauen so wie mir und meinen sechs Mitstreiterinnen. Tatsächlich gelingt es mir ja auch immer wieder durch übertriebene Aufmerksamkeit derlei Situationen vorzubeugen. Wieso der Mangel an eigener Erfahrung jedoch die Solidarisierung mit denjenigen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, ausschließen sollte, ist mir unklar.
Alle Gegenreaktionen zielten darauf ab zum Ausdruck zu bringen, dass unser Anliegen entweder nicht ernst zu nehmen, nicht von gesellschaftlicher Relevanz oder insgesamt viel zu vorwurfsvoll geäußert worden sei.

Wir schickten den Brief an insgesamt 10 Clubs in Jena. Zunächst hatten wir nur die alternativen Häuser im Blick gehabt, nicht, weil das Problem dort besonders stark zu Tage tritt, sondern weil es eben leider auch dort präsent ist. Dann dachten wir jedoch, dass sämtliche VeranstalterInnen den Anspruch haben sollten, dass ihre Häuser frei von sexualisierter Gewalt sind und so schrieben wir auch ihnen.

Es reagierten nur die alternativen, linken Veranstaltungsorte. Doch mit ihnen entwickelte sich dafür ein Austausch, der umso bereichernder war. Heute ist klar:
Im Austausch mit dem größten linken Club Jenas, setzen wir uns gemeinsam mit dessen MitarbeiterInnen dafür ein, dass sich die Atmosphäre dort verbessert. Wir möchten, dass diese Häuser zu einem Ort werden, an dem wir uns alle wohlfühlen können. Ein Ort an dem Frauen und Männer das Gefühl haben, mit ihren Anliegen ernstgenommen zu werden. Patriarchale Strukturen und Verhaltensweisen werden leider selten an der Tür abgewiesen, aber Clubs sind nicht schuld an sexualisierter Gewalt. Sie brauchen effektive Strategien, um diesem gesellschaftlichen Phänomen entgegenzuwirken.

Räume zu schaffen, in denen eine bessere, freiere, gleichberechtigtere Form des Zusammenlebens erprobt wird, sollte im Selbstverständnis linker Veranstaltungshäuser liegen. Die ständige Suche nach Verbesserungsvorschlägen und Handlungsalternativen ist deshalb unabdingbar.
Das ist es, was linke Szene auszeichnen sollte: links sein heißt, zu hinterfragen. Kritik als Chance zu sehen. Sich für ein besseres Miteinander einzusetzen. Diskriminierung nicht zu tolerieren. Sich für Gleichberechtigung einzusetzen. „Das war schon immer so“ als Kritik und nicht als Argument anzubringen. Und vor allem nicht anzuerkennen, dass Dinge unveränderbar seien und es bleiben müssten. Links sein heißt diskutieren, streiten, aushandeln, kämpfen. Und vielleicht auch zu träumen – davon, dass sich die Dinge verbessern können.

Auch wenn es anstrengend ist, in einer Debatte über ein Thema zu diskutieren, welches zugleich privat und politisch ist, bin ich sicher, dass unsere Reaktion die einzige ist, für die ich mich weder vor anderen noch vor mir selbst rechtfertigen muss. Denn das Totschweigen und Kleinreden von sexualisierter Gewalt hat auch in den letzten 2000 Jahren nicht besonders gut funktioniert. Zumindest nicht für die Hälfte der Menschheit.

Auch wenn wir uns in kleinen Schritten fortbewegen, bin ich doch überzeugt, dass es sich lohnt an diesem Thema anzusetzen. So hat sich schon einiges getan. In Jena eine gründete sich eine Gruppe von UnterstützerInnen. Wir konnten verschiedene Personen in der Jugendarbeit auf Konzepte hinweisen, die zum Ziel haben, dass sexualisierte Gewalt gar nicht erst geduldet wird. Im September soll im Kassa ein Vortrag und Workshop mit dem Titel „Feministisch Feiern“ stattfinden. Daraufhin möchten wir ein Angebot schaffen, indem sich insbesondere MitarbeiterInnen von Clubs mit Awareness Konzepten auseinandersetzen können.

Emanzipatorisch beleidigen?! – Die Kunst der Erniedrigung

Lulu Ronja setzt sich damit auseinander wie Schimpfen funktionieren könnte. Dabei enthält dieser Artikel Wörter, die viele Diskriminierungen reproduzieren.

Wir haben Wut. Die ist berechtigt. Wir kritisieren vieles und lehnen einiges mehr ab. Berechtigterweise. Wir finden so viel falsch. Doch wie finden wir Worte, um unserer Kritik aber auch unseren Gefühlen wie Ärger und Wut Ausdruck zu verleihen?

Ob im direkten Gespräch, beim Zuhören in der Straßenbahn, beim Durchstöbern von Facebook-Seiten, bei der Demo gegen die AfD – überall begegnen einem rassistische, antisemitische, heterosexistische und völkisch-nationalistische Sprüche. Das weckt das berechtigte Bedürfnis denjenigen, die sich so äußern, etwas zu entgegen. Was, was rauslässt, was in uns ist.

In diesem kurzen Kommentar geht es nicht darum, argumentativ, klug, dialogisch und wohlwollend mit solchen Äußerungen umzugehen, sondern darum, Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Hier geht es also um Pöbeln und nicht darum ein faires Gespräch zu führen. Es folgt eine Auseinandersetzung darüber, einfach mal Dampf ablassen, rumzumotzen und sich auszukotzen, möglicherweise auch Menschen das Wort abzuschneiden und den Bullshit zu stoppen, den Menschen von sich geben.

Doch in solchen Momenten, in denen ich emotional schon hart ge- und betroffen bin, fallen mir oft nur Worte ein, die auf Kosten von Gruppen gehen, von denen ich sonst behaupte mich mit ihnen zu solidarisieren und gemeinsam für eine emanzipatorische Gesellschaft zu kämpfen.

Auf der Suche nach emanzipatorischen Begriffen, um Wut auszudrücken, bleiben mir mehr Fragen, als ich Antworten gefunden habe.

Warum tut motzen gut?

Welche Funktion erfüllen Schimpfwörter/Kraftausdrücke überhaupt? Ist Schimpfen und beleidigen grundlegend erniedrigend? Ist es nicht eine Selbstermächtigung aus einer sich grundlegend ohnmächtig anfühlenden Position? Liegt im Akt des Beleidigens die Erniedrigung? Offensichtlich funktioniert Erniedrigen gut, in dem der*die Kontrahent*in mit Bezeichnungen für unterdrückte und marginalisierte Gruppen zu übersät wird – alle Beleidigungen, die mir einfallen, diskriminieren entlang gängiger gesellschaftlicher Normen, die ich eigentlich als regressiv entlarvt habe. Viele Schimpfwörter reproduzieren eine Zuweisung von Menschen an eine gesellschaftliche Position, die ihnen Gleichberechtigung abspricht. Sie führen mich der emanzipatorischen Gesellschaft kein Stück weiter. Muss eine Beleidigung das können?

Warum ist es so befreiend Menschen mit Schimpfwörtern zu bezeichnen? Wie oben schon kurz angerissen geht es wohl um das Zurückholen von Handlungsfähigkeit, darüber die Oberhand über den*die Kontrahent*in zu bekommen. Das Beleidigen dient dem Zurückgewinnen von Kontrolle in einer Situation, die emotional und schmerzhaft ist. Solche Gefühle wie Wut, Ärger und absolutes Unterverständnis entstehen, weil ich es aus einer bestimmten Perspektive unsinnig und unvernünftig und schlichtweg falsch finde, was das Gegenüber von sich gibt. Doch ich möchte in manchen Momenten nicht argumentativ entlarven und widersprechen, sondern eben einen Seitenhieb verpassen. Ich möchte provozieren, dass sich der*die Kontrahentin genauso mies fühlt, wie ich mich in den Momenten, in denen ich den abgesonderten Bullshit ertragen muss oder eben nicht mehr kann. Es geht also um Ehrverletzung, Erniedrigung, Macht, um sich der eigenen Ohnmacht zu widersetzen – wenn auch nur ein bisschen, nur für einen kleinen Moment. Ich möchte mein Gegenüber degradieren, deklassieren und herunterstufen. Dabei stehen mir leider und logischerweise Begriffe zur Verfügung, die die Positionen in der Gesellschaft widerspiegeln.

Wer ist wie beteiligt und betroffen?

Es scheint sinnvoll die verschiedenen Beteiligten in einem solchen Pöbel- und Motzprozess zu unterscheiden. Für die Sprecher*innen dient ein Schimpfwort dem Abreagieren, die Adressat*innen sollen deklassiert werden. Oft gibt es jedoch auch Situationen, in denen scheinbar Unbeteiligte bzw. Zuhörende mit dabei sind.

Für die Pöbelnden, also Sprechenden geht es sozusagen beim Schimpfen um die Erniedrigung des Gegenübers. Nichtsdestotrotz ist es eine Selbstoffenbarung, denn durch die Auswahl des Schimpfwortes und des Begriffs tritt zu Tage, welche Annahme der*die Sprecherin über das Gegenüber hat – nämlich mit welchem Wort eine Erniedrigung erreicht wird. Taktisch hieße das, die Norm meines Gegenübers zu antizipieren, an der er*sie am meisten hängt und diese dann bewusst anzugreifen. Doch stecke ich dann nicht mit der Person wertemäßig unter einer Decke? Das könnten die Zuhörenden zumindest denken. Möglicherweise sind diese jedoch direkt betroffen und ich verletze sie. Weiterhin verletze ich alle anderen Betroffenen ohne sie eigentlich zu meinen. Ich könnte wohl in einer eins zu eins Situation ohne schlechtes Gewissen das passende Schimpfwort sagen, doch eben nicht in Situationen, wo es viele Zuhörer*innen gibt.

Doch in meinem Wunsch die Person mit einer Bezeichnung abzuwerten stärke ich eine regressive Norm und somit die Normalisierung der gesellschaftlichen Missverhältnisse wiederum. So geht’s nicht.

Ein Blick ins Schimpfwortrepertoire

Noch einen Schritt zurück gedacht, bedeutet dies, dass Schimpfwörter selbst erst gesellschaftliche Normen offenlegen. So begebe ich mich auf eine Reise durch die Landschaft der Schimpfwörter.

Oft wird in Schimpfworten Männlichkeit diskreditiert: Warmduscher, Weichei, Lappen etc. Gängige Abwertungen beziehen sich auch auf Penetrationssex. Dabei ist ficken gut, doch gefickt werden etwas Erniedrigendes. Die Ansage jemanden zu ficken ist als Drohung gemeint, als Androhung von Gewalt. Es ficken die Mächtigen, die Männer, andere werden gefickt, was ihrer Erniedrigung dient. Deshalb funktionieren auch Begriffe so gut, die homophob bzw. bezugnehmend auf Schwule sind.
Das Wort Hurensohn macht deutlich, dass Mütter von Söhnen keinesfalls gesellschaftlich anerkannt sind, wenn diese sexuell aktiv sind. Doch von einer Hure zu stammen, scheint nur für männliche Kinder schlimm zu sein. Hurentochter erkennt noch nicht mal mein Rechtschreibprogramm.

Weiter geht’s mit Benennungen, die Menschen Intelligenz und Zurechnungsfähigkeit absprechen. Beispielsweise Idiot*in. Diese Bezeichnung entstammt einer krassen Konstruktion von gesund und krank bezogen auf psychische Leistungsfähigkeit. Andere Bezeichnungen wie asozial oder Pack verweisen die so Bezeichneten gar an einen Platz außerhalb der Gesellschaft, möglicherweise sogar bezogen auf die Nichtzugehörigkeit zur Volksgemeinschaft. Doch will ich Menschen mit Worten beleidigen, in dem ich sie mit diesen aus der Volksgemeinschaft ausstoße – da will ich doch selbst nicht dazugehören!

Beleidigende Bezeichnungen beziehen sich auf das Nicht-Entsprechen oder wenn Menschen nicht den mehrheitsgesellschaftlichen körperlichen Normierungen entsprechen. Tiernamen sprechen dem Gegenüber Menschlichkeit komplett ab. Die gehen also eigentlich überhaupt nicht.

Weiterhin wollen alles sein, nur kein*e Opfer – warum ist Täter*n kein Schimpfwort? Es geht auch hier um Macht – wer übt diese über wen aus.

Auf der Suche nach einem Ausweg

In pädagogischen Konzepten für Kids zum fairen und respektvollen Umgang miteinander finde ich scheinbare Alternativen zu diskriminierenden Schimpfwörtern: Bommelglöckchen. Mondblume und Klappspaten. Nunja – so wirklich bin ich nicht überzeugt.

Vielleicht hilft uns aber auch mehr Deutschenfeindlichkeit – mit Kartoffel ist schon ein Anfang gemacht, manchmal funktioniert auch Nazi, doch es gibt ja alles an Bezeichnungen für Nazi: Kochnazi und Ordnungsnazi, doch alles ist doch eher verharmlosend. Leider funktioniert die Bezeichnung nur in der Gruppe, in der Deutsche*r eine Beleidigung ist. Für mich ist es beschämend, doch wohl nicht für viele andere.

Bei meinen Überlegungen finde ich nur eine Form, die ich akzeptabel finde: Die Reinheit einer Person zu verletzen: kotzen, kacken, Scheiße! Für mehr Beschmutzung und Entsakralisierung.

Irgendwie haben das Punkbands bei ihrer Namensgebung scheinbar schon immer gewusst… Ich hätte nie gedacht, dass ich zu dieser Erkenntnis komme: bei allem Regressiven im Punk ist die provokante Selbstbezeichnung, die häufig Fäkalsprache verwendet, emanzipatorisch. Für mehr Pisse und Eiter?!

Was bleibt, ist die Annahme, dass wir eine Person damit treffen, wenn wir ihre Reinheit und Ehre irgendwie beschmutzen, doch vermutlich kommen wir da nicht raus. „Doh!“ – wie Homer Simpson reagieren würde…

Emanzipatorisch und beleidigen schließt sich aus. Doch ich möchte und werde weiter motzen und mich auskotzen, mich ermächtigen wollen, doch möchte dabei andere Begriffe verwenden, als Menschen, die mit der momentanen Gesellschaftsordnung weniger Probleme haben. Deshalb probieren wir es aus – suchen wir befreiende Schimpfwörter ohne aber darüber den notwendigen Kampf gegen die Verhältnisse zu vernachlässigen. Denn die Welt wird nicht besser, wenn ich weniger diskriminierende Beleidigungen nutze…

Sprache und Macht

Lulu Roña schreibt über den Zusammenhang von sprachlichem Ausdruck und Machtverhältnissen.

Vor gar nicht langer Zeit auf einer Tagung „Wenn Rassismus aus Worten spricht“ wurde während eines Vortrags ein Zettel mit Begriffen verteilt, die aus der rassistischen Geschichte heraus nach wie vor präsent sind. Die Worte waren durchnummeriert und wenn sich der*die Referent*in darauf bezog, wurde die Nummer benannt und nicht das Wort. Auf dem Zettel waren 3 Spalten: eine Nummer, der Begriff, der auch durchgestrichen war und die Erklärung zum Wort. Durch Falten des Papiers war es möglich, Nummer und Erklärung zu sehen, aber nicht das Wort. Der*die Referentin meinte, dass dadurch eine Freiwilligkeit gegeben sei, sich mit den Begriffen zu konfrontieren, während das ausgesprochene Wort nicht zurückgenommen werden kann. Im Raum saßen Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, die sichtlich irritiert waren. Eine*r meldete sich und fragte „Darf ich jetzt alle diese Begriffe nicht mehr nutzen?“

Diese Reaktion gehört wohl zu den klassischen und zeigt, dass eine Abwehrhaltung entsteht, sobald sie ein Redeverbot wahrnehmen, auch wenn kein solches ausgesprochen wurde. Vielleicht, weil wir es als Kinder gehasst haben, entmündigt zu werden, indem uns Erwachsene mit einem „Psst“ darauf hinwiesen, dass bestimmte Worte nicht erlaubt sind. Meist wurde ein solches Verbot ausgesprochen ohne dass uns die Erwachsenen, die wohl über richtig und falsch Bescheid wussten, Erklärungen dazu gegeben hätten außer ein, „Das sagt man nicht!“ Gerade deshalb hat es uns viel zu viel Spaß gemacht, genau diese Worte weiter zu sagen und das laut und öffentlich. Vielleicht um zu zeigen, dass wir eine Stimme haben, vielleicht, weil Provokation Aufmerksamkeit auf sich zieht, vielleicht auch, weil wir mit moralischen Zurechtweisungen gar nicht anders können, als zu verweigern, denn wenn wir zugeben, dass wir falsch sprechen, wären wir schlechte Menschen. Eine andere Möglichkeit ist, dass wir das Recht auf Meinungsäußerung als unendlich wichtig erachten und keine Instanz oder Person das Recht hat, uns dieses zu nehmen. Die Meinungsfreiheit, die die Privilegierten sich einfordern und verteidigen, ohne die Stimme, also die Meinung derer, die ganz klar durch diese Worte an eine niedrige Stelle positioniert, also als ungleichwertig, positioniert werden, als gleich bedeutsam anzuerkennen.

Sprache und Begriffe zeigen auf, welche Deutungen von Wahrgenommenem sich durchgesetzt hat. Durch allgemeine Nutzung von Begriffen wird eine Macht deutlich, die wie wir aus der Geschichte wissen, selten im Konsens ausgehandelt wurde, sondern diejenigen ihre Interessen durchsetzen konnten, die Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung nahmen und deren Postion sich widerspiegelt. Damit widerspiegeln Begriffe Herrschaft und Deutungshoheit. Hinter Worten steckt eine Geschichte und ein System an Verwobenheiten von Beziehungen zwischen Menschen und Gruppen untereinander. Durch sprachliche Zuschreibungen positionieren sich Menschen und werden positioniert. Deprevilgierte hatten und haben selten die Möglichkeit, dass ihre Worte und ihre Selbstbzeichnungen sich durchsetzen, sondern oft ist es die Sprache der Unterdrückenden auch heute noch wirkmächtig. Diese Begriffe sind jedoch oft mit uns aufgewachsen, sie sind in uns eingeschrieben. Sie sind ein Erbe, welches wir alle tragen, nicht nur in die Mächtigen, sondern auch die ungleich Gemachten. Es scheint jedoch wichtiger, sich dieses Erbe zu bewahren und Historizität schwerer wiegt, um Identität zu konstruieren, als sich nach kritischer Betrachtung bestimmter Begriffe zu entledigen. Generell berufen sich die Deutschen immer wieder gern auf Goethe, Schiller und wie sie alle heißen, die Dichter und Denker…Die Kinderbuchdebatte zeigt das deutlich. Dort wird auf Unveränderbarkeit der Bücher beharrt, weil sie Zeugnisse ihrer Zeit sind und zudem von Leuten geschrieben wurden, die heute als gute Deutsche den Stolz auf die Leitkultur legitimieren. Es ist jedoch ein Unterschied, ob historische Werke in ihre Geschichte eingebettet und mit dem Wissen weitergegeben werden, dass sie Zeugnisse einer Kolonialgeschichte sind oder ob ich Kinder mit Begriffen aufwachsen lasse, ohne die Geschichte begreiflich zu machen.

Welche Worte ich wann wähle, ist eine bewusste Entscheidung, je nach Situation und den Menschen, mit denen ich Gedankenwelten teilen möchte. Das Ziel und der Wirkungswunsch entscheiden darüber, ob ich verstanden werden , provozieren oder belehren möchte, ob ich bewusst Gruppen ausschließe, die nichts verstehen oder ich sie in den Prozess des Verstehens einbeziehe.

Sprache schafft also Unterschiede und fügt Menschen zu Gruppen zusammen. Um Machtstrukturen zu entwirren, müssen auch Begriffe hinterfragt und verändert werden. Ein Beispiel, welches aufzeigt, wie Sprache verschleiert, ist der Begriff Sklave. Wenn von Sklaven gesprochen wird, so impliziert dies, dass sie eben so seien und nicht zu solchen gemacht wurden – es geht um Versklavte.

Auch wenn Rassismus wie auch Heterosexismus, Klassismus und noch viele weitere in die ganze Gesellschaft eingeschrieben ist,so gibt es Menschen, die die Gleichheit aller anerkennen und keine bewussten Ressentiments gegen…(beliebige Gruppe einfügen) pflegen. Es sind jene, die in ihren Bezeichnungen und Perspektiven auf die Welt Worte finden, die Diskurse anerkennen und nach neuen Begriffen suchen. Im Moment erscheint die „Herrschaftssprache“ als geteilte und als einzige, mit der Verständigung einfach und nicht umständlich möglich ist, weil sie als Sprache gilt, die ja alle nutzen. Doch der Weg zu Begriffen, die sagen, was sie meinen; die aufdecken, was tatsächlich um uns herum passiert und dabei nicht Heterosexismus, Rassismus, Klassismus …. reproduzieren, ist herausfordernd, aber möglich.

Doch ich bin mir unsicher, ob es sinnvoll ist, Begriffe nicht zu benennen, die diskriminieren; sie in Spalten, die ich wegklappen kann, zu verstecken. Es braucht Sprache, um Wörter zu hinterfragen und zu diskutieren. Auch wenn ich sie damit reproduziere. Sicher gibt es auch Gruppen und Kreise, in denen Begriffe besprochen und emanzipatorische Sprachgewohnheiten selbstverständlich scheinen und in denen diskriminierende Begriffe bereits aus lauten verbalen Äußerungen verschwunden sind. Diese Sprache ist jedoch auch gruppengebunden und schließt alle aus, die nicht dazu gehören.

Ich finde die Möglichkeit von N-Wort zu sprechen, statt den Begriff als Ganzes zu nutzen, verständlich. Die Nutzung nimmt die Betroffenen ernst, doch verliert all jene Menschen, die noch keine Beschäftigung mit rassistischen Sprachgewohnheiten und Postkolonialismus hatten.

ACAB – um auszudrücken, dass ich Cops scheiße finde, braucht es dafür einen Begriff aus der Rassenlehre?

Doch führt uns nicht diese ganze Sprachsensibilität dahin, erstmal wirklich ohnmächtig zu sein?

Ich habe auch kein Interesse daran, mich mit political correctness abstrafen zu lassen. Was ich möchte, ist eine klare und präzise Sprache, jedoch auf keinen Fall Brauchtumspflege gestalten. Sprache soll uns ermächtigen mit anderen in Kontakt zu kommen und uns auszutauschen. Ich möchte mich auch nicht zurückziehen und mich ausschließlich mit der Lupe auf die Suche nach den Ursprüngen aller Begriffe machen, doch wenn ich die Gelegenheit habe, auf Begriffe zu stoßen, die nicht tragbar sind, so fordere ich uns alle auf, alte Begriffe abzulegen und nach neuen zu suchen, die eine Gesellschaft ermöglichen, in der alle in einer ähnlichen/gleichen Sprecher*innenposition sind.

Schönreden – Euphemismus

Doch ohne die Verhältnisse zu ändern – ohne gegen Rassismus, Heterosexismus, Antisemitismus, Nationalismus, Klassismus und Kapitalismus als gesellschaftliche Normalitäten zu kämpfen, bleibt die Etablierung neuer Begriffe euphemistisch. Die Euphemismus-Tretmühle beschreibt das Phänomen, dass alle neu geschaffenen Begriffe die Konnotation und Bedeutung des abzulösenden Begriffs aufnehmen, wenn sich die Verhältnisse nicht ändern. Erst die Veränderung der sozialen Wirklichkeit ist emanzipatorisch. Sprache kann also nichts überwinden, doch kann sie helfen, andere Sichtweisen zu etablieren, die langsam durchsickern. Wenn ich nicht bewusst diskriminieren möchte und einen respektvollen Umgang mit den Forderungen der Betroffenen habe, dann kann ich mit meinem individuellen Sprachgebrauch sehr wohl etwas verändern. Sprache entmachtet nicht nur, sie kann auch empowern. Wenn sich Queers und Schwule Fremdbezeichnungen zu eigen machen und kraftvoll nach außen treten, dann ist das ein Zeichen dafür.

Doch allein das Aufdecken von machtvoller und entmächtigender Sprache ändert Gesellschaft noch nicht. Es braucht auch nix schön geredet werden. Doch wenn ich mich mit Rassismus bewusst auseinandersetze, Betroffenheitsperspektiven anerkenne und mich für die Abschaffung der rassistischen Gesetzgebung einsetze, Geflüchtete in ihren Kämpfen unterstütze, dann bleibt es nicht umhin, auch die Sprache zu ändern. Doch wenn bewusste Rassist*innen das N-Wort weglassen, weil sie dafür jetzt von Schwarzen oder von People of Colour sprechen, ohne dass sich die Kategorisierung und Hierarchisierung verändert, dann verschleiert Sprache, was in Euphemismen endet. Nichtsdestotrotz bleibt der Kampf für eine emanzipatorische Gesellschaft alternativlos.

Ich denke nicht, dass Tabuisierungen, Verbote ein Weg zu Emanzipation sind. Sie sind auch kein Weg hin zu Gleichberechtigung, doch ist die Auseinandersetzung und das bewusste Entscheiden für Begriffe wichtig. Verbieten und Moralisieren führen zu sozialer Erwünschtheit und somit zu Verzerrung jeglicher Realität. Dann sage ich die Worte in nicht-reglementierten Kreisen nur um so lauter mit dem Hinweis: „Ich weiß, dass man das nicht sagen darf, ABER…“.

Offene Enden

Ich denke, dass es keinen Sinn ergibt Menschen Begriffe aufzudrücken, die abwertende und entmenschlichende Einstellungen hinter netten Begriffen schmücken. Doch für Menschen, die sich als emanzipatorisch verstehen, ist es notwendig, auch die machtvolle und unterdrückende Sprache abzulegen, um Betroffenen Anerkennung zu zeigen. Da ist es unabdingbar, das Privileg der Täter*innensprache abzulegen und sich verdammt nochmal an ein paar neue Begriffe zu gewöhnen. Doch bevor Begriffe in den Alltagsgebrauch wandern, ist deren Bedeutung noch nicht hergestellt – die „Dönermorde“ hätten mit einer gewissen Hirnleistung von Journalist*innen (ja, wenn sie ihren Rassismus mal hinterfragt hätten) eine ganz andere Begrifflichkeit und damit andere Sichtweise auf die Mordopfer bzw. den Fokus auf die Täter*innen gerichtet.

Das Thema Umgang mit Sprache aus emanzipatorischer Sicht beschäftigt mich schon eine Weile. Doch bevor ich überhaupt zur Sprache komme, wie in diesem Artikel, hat es lange gedauert, weil ich weiß, dass dieses Thema bereits tausendfach beschrieben, analysiert und in normative Appelle abgeleitet in Handlungsleitfäden präsentiert ist. Dieser Text ist auch alles andere als nur analytisch oder theoretisch, doch auch nicht nur erfahrungsorientiert. Er zeigt vielmehr, was in meinem Kopf passiert. Was ich formuliere, soll keine neue moralisierende Schrift werden. Sie kann Anstoß sein für Debatten. Ich freue mich über Reibung! Dieser Text endet mit Fragen und Widersprüchen. Will ich, dass alle gleiche Worte nutzen oder lässt sich nicht verhindern, dass sich innerhalb von Gruppen, Kreisen oder Milieus eigene Sprachmuster entwickeln, die zur inneren Verständigung und Abgrenzung beitragen – so entwickelt sich Sprache immer weiter. Doch in welche Richtung? Es bleiben auch weitere Widersprüche. Fachbegriffe und Akademiker*innensprech vs. Geheimhaltung von Fachbegriffen und Babysprache. Das Erfinden von deutschen Wörtern für sogenannte Fremdwörter kann auch eine Form der Brauchtumspflege sein, auf die ich keine Lust habe…

Macht – Grundlegende Gedanken Michel Foucaults

Von David Stern

Michel Foucault (1926-1984) war sowohl Philosoph, Soziologe, Historiker als auch Psychologe und bewegte sich in seinen Analysen zwischen Strukturalismus und Poststrukturalismus. Er beschäftigte sich u.a. mit den Themen: Macht, Wissen, Subjekt, Gouvernementalität, Diskurs und verhalf anhand seiner Analysen und philosophischen Betrachtungen zu einigen Perspektivwechseln. Einige seiner relevantesten Werke sind: Wahnsinn und Gesellschaft (1962); Die Ordnung der Dinge (1966); Die Archäologie des Wissens (1969); Überwachen und Strafen (1975); Sexualität und Wahrheit (1976); sowie seine Vorlesungen zur Gouvernementalität und sein Aufsatz „Nietzsche, die Genealogie, die Historie.“

„Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.“ [1]
Das klingt jetzt vielleicht für die eine oder den anderen etwas abstrakt oder sehr allgemein gefasst. Festzuhalten ist, dass sowohl dieser Ausspruch als auch die Denkleistungen der Poststrukturalist_innen (u.a. Michel Foucault, Judith Butler, Ernesto Laclau) in ihrem Bezug zur Macht sehr konträr zum üblichen Denken innerhalb linker Perspektiven stehen. Macht ist häufig etwas Voraussetzungsvolles und wird verstanden als etwas, dass man ergreifen bzw. besitzen kann. Sie ist im Kapital verankert, unter (subjektlosen) Mächten aufgeteilt und ist stets danach bestrebt, sich an wenigen Orten zu bündeln (und ggf. zu entladen). Sartre sagte mal, dass die, die (vermeintlich) außerhalb der Macht stehen (Intellektuelle, Oppositionelle etc.) in der Lage seien, die Gesellschaft zu verändern und in sich die Revolution tragen. Im folgenden Beitrag soll darauf eingegangen werden, inwieweit Michel Foucaults Auffassungen dem gegenüberstehen und wie seine Machtkonzeption neue Perspektiven eröffnet.

Macht durchläuft im Verlauf der Moderne einen Wandel. Nicht mehr die repressive Macht, die unterwirft, hemmt und unterdrückt soll die Bevölkerung disziplinieren. An ihre Stelle treten produktivere Formen von Macht (auch wenn Repression und Sanktion immer noch herrschen). Durch ihre positive Bestärkung, indem sie Kräfte hervorbringt, die z.B. den Subjekten suggerieren, sie könnten selbstbestimmt entscheiden, dringt sie bis in die Körper der Individuen ein und macht sie für sich nutzbar. Sie tritt sowohl in Gestalt der Disziplinar- als auch Regulierungsmacht auf. Um das Ganze etwas zu verdeutlichen: Macht findet gerade in ihrer Produktivität vermeintlich auf Augenhöhe statt (oder zumindest niedrigschwellig) und bedarf nicht mehr zwingend einer eindeutigen Autorität, um zu wirken. Wir kontrollieren und disziplinieren uns selbst und andere, sodass es kaum einer strafenden Institution bedarf, damit die Menschen sich anpassen. Natürlich abgesehen von „Freundin und Helfer“, die bei jedem Protest ihre „Präsenz“ zeigen oder Marginalisierten die Leviten lesen. Zugleich entstehen neue (staatliche) Institutionen, die eine Vorstellung von Norm und Normalität vermitteln und sich in ihrer Produktivität auf die Formung der Bevölkerung und deren Rationalisierung beziehen, statt diese offen zu knechten. Diese Form produktiver Macht ist eher eine verborgene, die den Kern ihrer Absichten nicht so eindeutig preisgibt, da dieser genauso uneindeutig ist und sich Konsequenzen einstellen, die fernab vermeintlicher Ziele resultieren. Sie ist zugleich ein Effekt der Individualisierung und Totalisierung ihrer selbst. Individualisierung, weil jede_r Einzelne nun als selbstbestimmtes Subjekt angerufen [2] wird, was die kapitalistischen Ideologien als solche verschleiert. Den Menschen wird suggeriert, sie seien frei in ihrem Wesen und ihren Entscheidungen. Doch geschieht das nicht bloß anhand von Sprache sondern wird in alltäglicher Praxis (Diskursen) verinnerlicht durch ständige Wiederholung. Totalisierung hingegen meint, dass Menschen totaler Kontrolle unterstehen. Sei es durch staatliche Kontrollen, Reglementierungen und Gesetze bis hin zur Selbstregulierung jeder_s Einzelnen, z.B. der Mensch als Unternehmer_in und kreative Schöpfer_in ihres_seines Marktwertes. Die produktive Macht propagiert Freiheit und Autonomie, doch wird durch die subtilen, strukturellen Wirkungsmechanismen das Feld der Möglichkeiten abgesteckt und begrenzt. Freiheit wird nur innerhalb der Ordnung gelebt. Diese Grenzen entscheiden sowohl was normal und was abweichend ist. Wobei man nicht vergessen darf, dass beides zugleich auftritt. Wird von einer Norm gesprochen, geht dies immer (sowohl implizit als auch explizit) mit der Abweichung einher. Sei es der sogenannte gesunde Körper oder der normale Geist; es wird durch statistische Mittel – z.B. in Deutschland die DSM V-Gesundheitsnormen – ermittelt, welches Verhalten und welche körperlichen Ideale in eine gesunden Gesellschaft passen und welche nicht. [3] Nicht nur, dass Menschen mit ihren Problemen innerhalb der Gesellschaft und ihres Wandels als selbstverschuldete Verlierer_innen dastehen. Sie müssen sich dazu der Aufgabe stellen, sich innerhalb einer durch-ökonomisierten Welt zurechtzufinden. Egal, ob in Bildung oder um sich wieder in die Normalität des (Lohn-)Arbeitslebens einzubinden: Investitionen sowohl monetärer als auch geistig-produktiver „Natur“ sind notwendig, um als normal verortet zu werden. Der Mensch wird zur Unternehmer_in ihrer_seiner selbst. Man ist ein Projekt, welches nie abgeschlossen ist, muss sich immer neuen Aufgaben und Projekten stellen, um nicht stehen zu bleiben. Wir sind in Bewegung und dies zu jeder Zeit: Stillstand heißt Rückschritt.
Macht ist, daraus schlussfolgernd, sowohl eine Verortung von Herrschaftszuständen als auch die Verwurzelung funktionaler Machtausübungen, auch im individuellen Zusammensein. Verdeutlicht wird damit zugleich, dass sich Macht in jeglicher zwischenmenschlicher Beziehung befindet und der Wandel vom Fremd- zum Selbstzwang – welcher anhand vorherrschenden Wissens bestimmt ist und gesellschaftliche Wahrheiten konstituiert – trotz seiner Produktivität nicht als etwas positives sondern weiterhin unterwerfendes betrachtet werden muss. Der Primat der Ökonomie (als Beispiel) stutzt tiefe Begehren der Individuen zusammen und bestimmt sowohl individuelles als auch kollektives Verhalten.

Diskurs und Wissen

Zur Beschreibung, wie die individuellen und kollektiven Körper der Bevölkerung zu vereinnahmen und auszuschöpfen sind, bedarf es zwei weiterer Begrifflichkeiten: Diskurs und Wissen. Unter dem Diskurs kann man historisch spezifische Ordnungen des Denkbaren und Sagbaren verstehen. „Es sind die gesellschaftlichen Machtbeziehungen, die den Diskurs in seiner spezifischen Form in die Welt setzen. In diesem Sinne setzt der Diskurs die Macht unmittelbar voraus. Zugleich produziert er aber auch Machtbeziehungen, indem er Gegenstände für soziales Handeln hervorbringt.“ [4] Gerade der Körper spielt für Foucault dabei eine zentrale Rolle für diskursive Praktiken: die Macht ordnet die zu vergesellschafteten Körper an und formt diese. Durch Ansammlungen eines bestimmten Körper- und Macht-Wissens können die Körper nun geformt werden für die Notwendigkeiten gesellschaftlicher Einspeisung. Es geht darum, die Körper und ihre Kräfte zu optimieren, sie zu lehren, was „richtig“ ist und zu unterwerfen, um sie, z.B. für den Arbeitsmarkt, bereitzustellen. Das funktioniert nicht mit einer feudalen, unterdrückenden Macht, die die Körper schädigt, wenn sie nicht gehorsam sind. Viel praktischer ist es, den Körper mittels des Wissens aus verschiedensten Disziplinen (z.B. Psychologie, Soziologie, Biologie) und den damit verbundenen Normalisierungseffekten zu unterwerfen. Zum besseren Verständnis nochmal das Beispiel der Gesundheit: Menschen werden u.a. medial dazu motiviert, sich „gesund“ und „fit“ zu halten, indem ihnen immer wieder aufgezeigt wird, was denn einen gesunden Menschen ausmacht, sowohl körperlich als auch geistig. Die Beobachtungen gesellschaftlicher Regelmäßigkeiten (z.B. des Auftretens von Normalitäts-, oder Gesundheitsdiskursen etc.) stehen damit im Vordergrund zu verwertender Diskursanalysen. Das Wissen spielt für diese machtvollen Prozesse eine tragende Rolle: Es wird nicht nur eingesetzt, um gegen Macht aufzubegehren (wie das doch so gerne im Theorie-Kämmerchen gemacht wird) sondern entfaltet Macht und ist Anschluss an die Macht selbst. Wissen wird verwertet, um weitere Techniken zu finden, um die Bevölkerung zu formen. Und seien es so „triviale“ Techniken wie eine neue Plakatwerbung eines Konzerns, der das bestehende Schönheitsideal aufrechterhält oder eine neue schulische Bildungsmaßnahme, die Jugendlichen dazu verhelfen soll, richtig gute Demokrat_innen zu werden. All diese Ergebnisse sind in einem riesigen Durchlauf psychologischer Tests, Fragebogenauswertungen und qualitativer Umfragen entstanden, die zum Ziel haben, vermeintlich neue Begehren zu schaffen und den Menschen ein Stück Individualität (oder besser noch: Freiheit) zu verkaufen bzw. ihnen die unerwünschte Abweichung in schärfster Polemik zu vermitteln, wie z.B. die Amerikanisierung unserer gesunden deutschen Körper oder was passiert, wenn man auf die schiefe Bahn gerät und „Linksextremist“ wird.

Wirkt alles ein wenig aussichtslos!?

Ich denke nicht, aber man „… muß wohl auch einer Denktradition entsagen, die von der Vorstellung geleitet ist, daß es Wissen nur dort geben kann, wo die Machtverhältnisse suspendiert sind …“. [5] Wissen unterliegt genauso einem Machtverhältnis, wie das Kind sowohl Macht hat als auch unterworfen und abhängig ist. Radikale Positionen stehen nicht außerhalb eines Machtverhältnisses.
Nach Foucault gibt es, meines Erachtens nach, zwei Felder, die potentielle Widerstandsorte sind: Der Bezug auf eine hegemoniale Verschiebung (a); die Umkehrung äußerer Macht als dem entgegen gesetzte Handlungsmacht (b).
(a) Notwendig für den Erhalt kapitalistischer Strukturen ist es, Alternativlosigkeit darzustellen und diese Denkstrukturen zu stabilisieren und immer wieder zu etablieren. Politische und kulturelle Hegemonien [6] geben sich als universell aus. Sie präsentieren verschiedenste Subjektpositionen (z.B. Heteronormativität, mündige Bürger) als vernünftig und setzen damit einen Zielort fest, welcher wiederum das Ausgeschlossene einschließt und latent symbolisiert. Dieses „verfestigte Außen“ (z.B. Homo- oder Transsexualität) führt zwar zur Stabilisierung des Erwünschten, bewirkt allerdings auch eine subtile Etablierung seiner selbst. Auch wenn abweichende Subjektpositionen nicht erwünscht sind, zeigen sie dennoch Alternativen auf, die die Möglichkeit bieten, sich diskursiv in gesellschaftliches Leben und Wandel mit einzubringen, z.B. durch politisch-kulturelle Definitionskämpfe. Anhand von Mikropraktiken versuchen hegemoniale Diskurse sich Schritt für Schritt einzubürgern.
(b) Diese diskursiv ausgeübte Macht ist allerdings den Menschen nicht nur vorgängig, sondern lässt diese sich auch in die Lage versetzen, selbst Macht auszuüben. Diese Aneignung bzw. Einverleibung der vorgängigen Macht kann auch wieder gegen sich gewandt werden. Wenn, z.B. der Prozess der Subjektivation sowohl die Unterordnung als auch die Werdung des Subjekts beinhaltet und ihm damit die Fähigkeit zur Praxis einverleibt, „… dann ist die Subjektivation die Begründung dafür, daß das Subjekt Garant seines Widerstands und seiner Opposition wird.“ [7] Diese Widerstände, die sich z.B. als Kämpfe materialisieren, so Foucault, sind aber nicht nur als Kampf gegen Autoritäten zu verstehen. Zu seiner Zeit machte er drei Arten von Kämpfen aus: 1. die, die sich gegen (soziale, religiöse etc.) Herrschaft richten; 2. die, die sich gegen Ausbeutung richten; und 3. die Kämpfe, die sich dagegen richten, dass einzelne Individuen an sich und ihre Identität gebunden werden und die Unterwerfung gegenüber anderen sicherzustellen versuchen. [8] Auch heute sehen wir diese Formen von Kämpfen global. Seien es Frauenrechtsaktivist_innen in Indien, die sich dem stark patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen entgegenstellen und dabei immer mehr Medienecho erlangen oder Menschen, die sich im Blockupy-Bündnis aktiv vernetzen und sich u.a. gegen die Austeritätspolitik der führenden EU-Länder stellen (allen voran Deutschland) und Graswurzelarbeit leisten. Diese Kämpfe und viele weitere Kämpfe sind es, die tagtäglich Gegenmacht produzieren und sich dem Bestehenden widersetzen.

Im nächsten Artikel soll auf den Prozess der Subjektivation näher eingegangen werden. Dabei wird beleuchtet, wie Menschen zu Subjekten werden; was es bedarf, um den Status des Subjektes aufrechtzuerhalten; was sowohl Vorteil als auch Nachteil ist, dass Subjekt nicht vorauszusetzen.

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[1] Foucault, Michel (1983): Sexualität und Wahrheit. Der Wille zum Wissen. Frankfurt a.M.: 94.
[2] Angerufen im Sinne Althussers. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Ein Polizist ruft auf der Straße „He, Sie da!“. In dem Moment, in dem wir uns umdrehen und somit anerkennen, dass wir gemeint sind, werden wir als Subejekte konstituiert. Vgl. Althusser, Louis: Ideologie, in: Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, Hamburg, 2010.
[3] Menschen, die z.B. länger als zwei Wochen um einen Verstorbenen trauern, werden mittlerweile als krank eingestuft. Vgl. Kriesl, Ilona: Psychisch krank über Nacht, in: http://www.stern.de/gesundheit/neues-standardwerk-der-psychiatrie-dsm-5-psychisch-krank-ueber-nacht-2018295.html letzter Zugriff: 02.06.2013.
[4] Seier, Andrea: Kategorien der Entzifferung: Macht und Diskurs als Analyseraster. In: Bublitz, Hannelore et al: Das Wuchern der Diskurse. Perspektiven der Diskursanalyse Foucaults. Frankfurt/New York, 1999: 75.
[5] Foucault, Michel (1976): Überwachen und Strafen. Frankfurt a.M.: 39.
[6] Nach Gramsci (2012) sind in dieser ’staats‘-kulturellen Hegemonie sowohl die politische Gesellschaft als auch die Zivilgesellschaft eingebunden (die gleichzeitig der Staat selbst sind), die vermeintlich frei von Zwang leben, da die staatliche Hegemonie verschleiert, dass auch diesen den Staat innewohnenden Gesellschaften ihr Bewusstsein nicht durch eine andere Klasse aufoktroyiert wurden (783).
[7] Butler, Judith (2001): Psyche der Macht. Frankfurt a.M.: 19.
[8] Vgl. Foucault, Michel (2005): Analytik der Macht. Frankfurt a.M.: 245f.