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Das ist keine Kunst. Wir sind eine Gang.

Viele haben sie schon gesehen, gehört und mit ihnen gefeiert: AbstinenZx lassen es mit „In dieser Heimat kein zuhaus“ ordentlich krachen. Warum sie mit ihrer Musik ins Mark treffen, es dabei nie um Kunst geht, sondern um uns, will Franzie zeigen.

Es kommt immer mal vor, dass Leute sagen, „Ey, mach mal dieses Geschrei aus!“ – nach der Stille und kurzem Geraschel weil jemand meinen mp3-Player abgestöpselt hat, folgt irgendein Gedudel, das ich echt nicht ertragen will. Dann bleibt der berüchtigte Blick in die Flasche, der Griff zur Betäubung. Dementsprechend sieht mich manch einer nicht gern an der Bedienung von Audiogeräten. Mit AbstinenZx hat sich jedoch eine Band gefunden, die verschiedene Musikgeschmäcke zusammenbringt. Auch wenn ich normaler Weise erstmal die Nase rümpfe, wenn scheinbar plötzlich viele Leute eine Band mögen – die auch noch eingängige Melodien spielt – geht das hier ganz und gar nicht. Meine Erklärung: Die Punkrock-affine linke Szene, die mich umgibt, besteht aus kaputten Menschen und deshalb trifft AbstinenZx nicht nur wenige Herzen.

Beschissenes Land, beschissenes Leben und außer ein paar Narben ist mir nichts geblieben. (…) So wie es ist, kann es nicht bleiben.“

Kaltland ist mit dem Willkommens-Singsang auf die „trains of hope“ und Kackstadt mit Initiativen wie „Erfurt lacht“ nicht erträglicher geworden. Unser Alltag besteht nicht im Kampf um Krieg und Elend zu entfliehen, wir kämpfen gegen die Scheiße, die das für andere nötig macht und die Zustände, die das Leben hier unerträglich machen und das ist nicht wenig. Das Gefühl der Ohnmacht und die tatsächliche sind im Alltäglichen wie auch in politischen Kämpfen präsent. Steigt der Zivi vom Fahrrad und holt seine Bullencrew ran, um euch kleinzumachen? Lachen die Bullen dir ins Gesicht, wenn du dich darauf berufst, was der Rechtsstaat dir eigentlich zusichert? Glotzen die Leute dich schief an, weil dein Bier auffloppt oder du ’nen Dübel rauchst? Selbst an der Krämerbrücke fällt man nun mit nicht knöchelfreier Hosenwahl auf.

Ihr habt Angst um eure Arbeit, ihr habt Angst um euer Geld, ihr habt Angst um eure Zeit, um eure kleine heile Welt.

Es gibt keine heile Welt, um die wir uns sorgen. Viele von uns kennen keine heile Welt, auch wenn manch eine einzelne Zeitabschnitte wie frühste Kindheit oder die berüchtigte Punkerjugend im Rückblick verklärt und idealisiert. Woran knüpfen wir an, um weiterzumachen, nicht aufzugeben oder uns doch zeitweise dem hinzugeben, keinen Bock mehr auf die Scheiße zu haben? Es ist der Schmerz, das Leiden an dem was ist und was war. Das ist kein blabla, das ist keine Kunst: AbstinenZx machen Musik, die mir vertraut ist, weil in ihr Melancholie und Verzweiflung liegen, die in vielen Momenten von einer tiefgreifenden Wut beflügelt ausschlagen.

Mit Aggressionen gehen Leute verschieden um, viele richten sie nach außen, viele nach innen. Wie es sich anfühlt, Aggressionen nur schwer nach außen tragen zu können und welche Folgen das für den eigenen Zustand hat, kann man beim Hören von AbstinenZx erahnen. Das verrückte daran ist, dass darin soviel Kraft liegt, dass ich damit nicht allein bleiben kann oder will. Warum die beiden Jungs zusammen Musik machen und eben diese Musik, das weiß ich nicht, aber ich bin echt froh, dass sie es tun. Denn in Einsamkeit kann man eben doch gemeinsam sein. „Ihr seid keine Fans, wir sind eine Gang!“ rappen Zugezogen Maskulin und das ist es, was ich empfinde.

Ich besaufe mich mit Wut

Manchmal ertrage ich es nicht, meide die Musik und ein andermal will ich mit meiner Gang zusammen feiern. Ja, so ist es: Wir brauchen Krach, wir brauchen ein Ventil für Wut, Verzweiflung. Manchmal hilft nur Punkrock, um nicht allein zu sein. Wir entwaffnen uns selbst, wenn wir aufgeben, wir allein bleiben – auch wenn das subjektive Moment des Widerstands, das sich destruktiv gegen das eigene Selbst richtet, erstmal befriedigend wirkt.

Wir sind verschieden, aber kaputt sind wir alle, doch sehen tut man das selten.


Achtung: Grad gibt’s die Scheibe „In dieser Heimat kein Zuhaus“ wieder auf CD, es wird jedoch gemunkelt, dass auch bald eine Vinyl-Pressung vorgelegt wird. Juhu!

Elemente der Polemik

Der folgende Artikel befasst sich mehr als minder abstrakt mit der Idee einer Kritischen Ästhetik der Polemik. Die streitbare Kunstform ist z.B. bekannt aus den Texten der Zeitschrift Bahamas, aus Schriften Wolfgang Pohrts und geradezu perfektioniert im Werke Karl Kraus‘ zu finden. Auf Grund ihres beleidigenden Impetus‘ erregt sie oftmals bei Leserinnen & Lesern Anstoß und wird daher abgelehnt. Gegen dieses erste Gefühl der Ablehnung, aber mit dem Bewusstsein, dass durch Erklärung etwas von ihrem Zauber verloren geht, soll im Folgenden die Polemik als sachlich angemessene Form der Kritik verteidigt werden. Der Autor ist aktives Mitglied der Sozialistischen Jugend – die Falken. Von Max Unkraut.

I. Präludium

Das Bedürfnis einer Darstellung der Polemik speiste sich u.a. aus den Beobachtungen, dass Leute einer vernünftigen Kritik Absage erteilen, weil sie in ihren Augen unsachgemäß und künstlich daherkommt, wobei sie dabei in einem pejorativen Sinne als Respektlosigkeit stigmatisiert wird: was nicht wissenschaftlich-objektiv, d.i. ganz ohne Zugabe subjektiven Empfindens und Gestaltens, erscheint sowie nicht die größtmögliche Mannigfaltigkeit an Fakten darlegt, halten solche Systemapologeten prinzipiell für falsch. Die Objektivität der Herangehensweise ebendieser ist hingegen die Perpetuierung der isolierten Einzelnen, die der Unterwerfung unter die gesellschaftliche Totalität nicht Rechnung tragen, indem sie diese ihr in einer geeigneten Form präsentieren, sondern sich ihr anpassen. Als einfacher Gegensatz zur sozialen Objektivität – nicht unter dialektischer Vermittlung gedacht – ist das Subjekt ohnmächtig und vermag nicht mehr als festzustellen, dass etwas, aber nicht wie etwas ist, weil verleugnet wird, dass jeder das Ganze in gewissem Grade mitgestaltet und erhält. Der Inhalt solcher Feststellungen ist daher so abstrakt wie ein wild zusammengewürfelter Haufen Atome, die nur richtig betrachtet, eine bestimmte Figur aufweisen. Es ist also geboten, die Einzeldata der Umwelt in einer angemessenen Form darzustellen.

Die Aufmachung der Polemik soll indes ein Versuch einer Verteidigung der Waffe der Kritik sein, wie Adorno sie als „Idiosynkrasie“ des kritischen Subjekts bezeichnete, das den „historischen Takt hat, zu spüren, was geht und was nicht geht« und nur darum »an der Wahrheit selber auch […] Teil“ (Adorno: Über die geschichtliche Angemessenheit des Bewusstseins) hat. Die Idiosynkrasie beschreibt eine Art psychische Disposition, ein Unbehagen, das vom Einzelnen ausgeht und ihn dazu bringt, mit der schlechten Welt Schluss machen zu wollen. Sie betrachtet dabei aber ebenso die Welt, anders als oben genannt, unter Einfluss seiner selbst. Daher geht die kritische Subjektivität aufs Ganze und erkennt sich zugleich als ein potentielles Mehr, das nicht lediglich ein mitgeschleiftes Teilchen im kapitalistischen Alltag ist, weil es von sich aus zu der Entschließung kommt, nicht mehr mitzumachen.

Auf Grund der Kürze bitte ich Kritiker & Kritikerinnen ungenau Ausgedrücktes wohlwollend zu interpretieren. Ich bin mir z.B. im Klaren darüber, dass Idiosynkrasie ein sehr zweideutiger Begriff ist, der ebenso etwas zu kritisierendes impliziert. Leider zwingt die Kürze eines solchen Artikels zu kurzen Erklärungen.

II. »…Wurzelnd dort wo ich hasse/ wachse ich über die Zeit« (Kraus: Der Grund)

Mit Nietzsche wäre das Angesprochene zu spezifizieren: „wenn das Vergangene“ – und alles Gegenwärtige vergeht in dem Moment seines Seins – „überhaupt ohne harte Akzente und ohne den Ausdruck des Hasses erzählt wird“, diene man dabei nur dem »maßvoll-wohlwollenden Beschönigen“ des Geschehenen und zwar „in der klugen Annahme, dass der Unerfahrene es als Tugend der Gerechtigkeit auslege“ (Nietzsche: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben). Eine bestimmte emotionale Stimmung gegen die veraltete Welt liegt nach Nietzsche also einer angemessenen Betrachtung derselben zugrunde. Weil das Gefühl alleine zwar unheimlich laut ist, aber keine Einsicht evoziert, gehört dazu auch „die Fähigkeit und Energie, diese idiosynkratischen oder blinden Reaktionen ins Bewusstsein zu erheben und sogar, sie zur Theorie zu erheben“ (Adorno: Über die geschichtliche Angemessenheit des Bewusstseins). Das Resultat der Kombination aus Hass und Einsicht nenne ich Verachtung und ihr Mittel ist die Polemik. Gleichzeitig soll sie eine künstlerische Antizipation der Revolution sein und zwar als Rache am Bestehenden.

Πόλεμοσ, d.i. der altgriechische Terminus für Krieg (in seiner stärksten Bedeutung). Der Polemik als Kunstform, sofern sie überhaupt als solche anerkannt, wird oft zum Vorwurf gemacht, sie sei parteiisch, gehe beleidigend an gegen eine Person und treffe daher den Sachverhalt nicht. Objektiv sein!, heißt es dann in Opposition zu ihr, meist ohne, dass diejenigen, die dasselbe einfordern, jeweils einen kritisch reflektierten Begriff von Objektivität und daher Subjektivität besitzen, geschweige denn von der Polemik. Schon deshalb bin ich geneigt, das Gegenteil zu behaupten, dass nämlich die Polemik nicht nur ein objektiv-kritisches Moment enthalten kann, sondern dieses sogar notwendigerweise beherbergt. Der angegriffene Einzelne, dessen Integrität man verletzt, ist schon bevor die Polemik ihn trifft so unversehrt wie das gebrochene Heideröslein, das die Liebe des Knaben wenigstens noch als grobe Gewalt kennt. Das Verwehren, die unmittelbare Abscheu gegen jene, ist dagegen der ungebrochene Wille derart gemartert zu bleiben, wie man es eben ist.

Um noch etwas bei der Etymologie von Worten zu verweilen: was bedeutet eigentlich Person? Der Begriff persona, der dem deutschen sehr nahe kommt, und aus dem Lateinischen stammt, bezeichnet die Maske eines Schauspielers im Theater. Eine solche Maske meinte wiederum große Persönlichkeiten des Römischen Reiches, etwa einen Kaiser, der nachgeahmt wurde. Personen sind also Menschenmasken eines Theaters, die etwas Objektives darstellen, indem sie das innere Verhalten durch ein äußeres Bild mittels Mimesis zu ergänzen suchen. Das wiederum bringt mich dazu, den Begriff Person mit Marx zu assoziieren, der nämlich von Charaktermasken sprach, wenn er klar machen wollte, dass die Einzelnen im Kapitalismus lediglich ein „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Marx: Thesen über Feuerbach) sind und dementsprechend handeln (und zuweilen auch aussehen). Den Begriff leitete er folgerichtig aus der italienischen Theatersprache des 18. Jahrhunderts her, deren Grund sicher in dem eben Aufzeigten liegt.

Eine weitere Definition des Begriffs Persönlichkeit, stammt von Kant, dessen Philosophie Adorno als höchste Stufe der Reflexion des bürgerlichen Bewusstseins bezeichnete – und ich würde dazu setzen: des deutschen –, und ähnlich anmutet, wobei sie psychoanalytisch gedeutet werden muss, was durch Ansätze von Triebtheorien darin recht leicht ist. In der Kritik der praktischen Vernunft werden unter Persönlichkeiten jene Leute verstanden, die sich durch ihr am moralischen Gesetze ganz und gar orientiertem Handeln Achtung verschafft haben. Auch heute spricht man im Alltag noch von großen Persönlichkeiten, wenn jemand etwas moralisch Wertvolles getan hat.

Das moralische Gesetz ist dabei schlechterdings als Freuds Über-Ich bzw. Gewissen, zu betrachten, denn auch Kant verlangt, dass die Bedingung der Möglichkeit einer moralischen Handlung das Abschlagen aller subjektiven Neigungen, die Lust erzeugen, ist, wobei Freud davon ausgeht, dass diese sublimiert werden. Deswegen verleugnet Kant auch nicht, dass dieses Befolgen Gehorsam einer Pflicht ist und, dass dies a priori durchaus keine Lust bereitet, nicht einmal bereiten darf, während Freud von einer geminderten Lust durch ihre Ablenkung spricht. Beides, Sublimierung und Abschlagung der Lust, laufen aber letztlich aufs Gleiche hinaus. Da nämlich sowohl auf Kulturelles gelenkte Lust mit lauter schmerzlichen Erfahrungen verbunden ist – die bürgerliche Liebe, ob nun mono- oder polyamor, ist auch hier ein gutes Beispiel: wie sehr schmerzt so häufig eine feste Beziehung; und Treue und Untreue erst! – als auch die achtungswürdige Person durchaus dazu angehalten ist, vernünftige Selbstliebe nach ihrer moralischen Tat zu empfinden, so sind also Sublimierung und Verwerfung gänzlich dasselbe.

Die Person ist in Gänze eine Funktion des Kapitals, zumindest wenn sie unbewusst agiert, weil Über-Ich, Gewissen, Moral erstens Dinge sind, die uns erst zu einer Person werden lassen und zweitens von der Warengesellschaft gesetzt werden. Unbewusst agiert eine Person deshalb, weil sie durch die Gesellschaft (gerne auch heute noch vermittels Ohrfeigen) eingeschlagene Moralvorstellung als ein unmittelbares Gut empfindet und diese dann in Handlungen umsetzt, um sich als Person zu konstituieren. Darum ist die Aktion dieser Handelnden eigentlich nur Reaktion in Bezug auf einen für kapitalistische Wertevorstellungen untragbaren Zustand. Bei Leuten, die ich demgemäß Bauchlinke nenne, ist das häufig zu beobachten. Diese sich revolutionär Imaginierenden machen den Kommunismus nur noch unmöglicher, weil sie sich für eben solche halten,während sie sich genauso bürgerlich verhalten wie etwa le bonhomme saint Rüdiger Bender, der das Symbol der ganzen bourgeoisen Anti-AfD-Misere in Erfurt ist und von dem sich Bauchlinke dann selbstverständlich nur symbolisch distanzieren können. Letztlich sind sie nichts anderes als Rebellen im Sinne Fromms (Studien über Autorität und Familie).

Genau das ist also der Gehorsam gegenüber der Pflicht, den Kant meint und er ist sehr basal und ökonomisch ausgedrückt das Befolgen des Befehls seine Ware Arbeitskraft zu verkaufen, um jegliche Produkte am Markt erwerben zu können, d.i. das System zu erhalten, um sich zu erhalten, aber von jenem auf eine metaphysische Rechtfertigungsebene gehoben – und daher politisch –, die wiederum den realen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit durch Synthesis ausmerzt. Ideologie erzeugt eben auch den Schein, dass man moralisch und selbstständig auf Grund der Evidenz des Guten handelt. Der Befehl wird darin das Vernünftige schlechthin und deswegen hat es natürlich auch Sinn ihm zu folgen – wenn der Befehl vernünftig ist, warum ihn dann verneinen? Eine positive und konkrete Variante hierfür findet man übrigens in der Spanischen Revolution, bei Roten Brigaden, die hierarchisch organisiert waren, freilich weil es eine Notwendigkeit zur Befreiung war und ist, aber daher eine ebenso vernünftige.

Auch das beschreibt Kant, nur nicht kritisch. Man sieht dies falsche Verhältnis heute immer sehr treffend an Jugendlichen, wenn sie uniform und sich individuell denkend Kleidung tragen, auf der „OBEY“ prangert. Da bestätigt also die kulturindustrielle Produktion das Gefühl der Individualität, indem sie Standartprodukte auf den Markt feuert, auf denen zum Hohn des Menschen in großen Lettern der Imperativ „Gehorche“ steht.

Vermittels der Kritik persönlich werden, heißt demnach nicht einfach ein sozial unberührtes und ideelles Individuum anzugreifen, sondern dagegen sehr reelle gesellschaftliche Verhältnisse freizulegen, die deutlich machen, dass eine Person ein unselbstständiges Individuum ist, das lediglich ungeteilt erscheint. Damit das Abstrakte etwas konkreter wird, die Polemik also verständlicher, im Folgenden eine Explikation. Nenne ich eine Person ‚Hurensohn‘, dann steckt darin auf die Spitze getrieben: ‚Du glaubst also die Lüge, dass du ein Individuum seist, obwohl du vom Kapital gesetzt worden bist. Da du also nicht weißt, woher du eigentlich kommst, stehst du tatsächlich da wie das Kind einer Sexarbeiterin, die versehentlich von einem ihrer Kunden geschwängert wurde, wodurch dir, dem Kind, wiederum unklar ist, wer dein Vater ist.‘

Also wird die Kunst zu polemisieren kritisch: der Speer des antik-griechischen Soldaten traf nicht einfach nur irgendeinen Gegner als Individualität, sondern war immer auch ein Angriff auf dessen Herrscher, der das Ganze verkörperte; und ebenso ist heute die Polemik der Krieg gegen die Ideologien des Kapitals, indem sie als solche im Subjekt zum Aufscheinen gezwungen werden, oder mit Marx: „Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie) Die Polemik übertreibt also das subjektive Denken hin zu ihrem Ursprung, den gesellschaftlichen Verhältnissen und macht mithin die Handelnden verantwortlich, wodurch ein „Potential von Freiheit“ aufscheint, „weil dadurch […] den Subjekten der spontane Glauben an die ‚Naturwüchsigkeit‘ ihrer selbst und der von ihnen in Gang gehaltenen gesellschaftlichen Einrichtungen grundsätzlich abhanden“ (Nachtmann: Krisenbewältigung ohne Ende) kommt.

Man muss aber weiter gehen und das Verkrustete in seiner ganzen steinernen Verfestigung darstellen und darf nicht zulassen, dass überhaupt etwas am Subjekt individuell erscheint, solange es durch das Kapital vermittelt wird. Es ist mehr noch Objekt, als die oben genannte Kritik an der Abschlagung der eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten glauben macht; als würde die Enteignung (Aneignung wäre davon vielleicht begrifflich zu trennen) der moralischen Gefühle des Kapitalismus alles gut sein lassen. Die Gefühle sind selbst schon verstümmelt (vgl. einführend in der aktuellen Alerta Südthüringen #6: Ein kritisches Lob des Hedonismus).

Das sein Selbst aktualisierende, handelnde Subjekt ist vielmehr ganz ein Ding, denn es tritt nur durch seine verobjektivierte Tätigkeit, die Arbeit, auf. Und man sieht es wohl sehr deutlich an der mariäischen Liebe und ihrem recht wirklichen Pendant, dem Sexus: die freie Wahl des Partners oder der Partnerin und das Sich-angezogen-fühlen, orientiert sich in den allermeisten Fällen am Lohn und damit am Stande in der Gesellschaft, die der oder die andere vorweisen kann. Das legt Zeugnis davon ab, dass das Individuum für uns nur verdinglicht wahrnehmbar ist und damit eben als eine Sache. Ein Mensch lässt sich – wie das tagtäglich geschieht – darum auch als Gegenstand behandeln und das selbst, wenn er nicht lohnarbeitet; dann wird er nämlich Gegenstand der Arbeitsagentur, weil freilich die primitive Verdinglichung des Individuums über Arbeit teilweise als agens obsolet geworden ist (und sich dieser Zustand krisenhaft zuspitzt). Längst ist unser ganzes Selbst durch die Gesellschaft deformiert, weil unsere Sinneswahrnehmung, mit Kant gesprochen, durch die Verstandesbegriffe determiniert ist. Alles sinnlich Erfassbare, sei es, was es wolle, wird vollständig unter die gegebenen Kategorien des Ich subsumiert. Das aber impliziert die Umformung der Sinne selbst. Als Naturobjekte werden sie von den Eltern bearbeitet wie ein halbes Schwein vom Metzger.

Zur Aufhellung dessen, soll noch einmal Marx herangezogen werden: „Wenn die Ware daher nur als Gebrauchswert werden kann, indem sie sich als Tauschwert verwirklicht, kann sie sich andererseits nur als Tauschwert verwirklichen, indem sie sich in ihrer Entäußerung als Gebrauchswert bewährt.“ (Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie) Das individuelle Material am Menschen ist also nur darum da, weil es gesetzt ist durch sein anderes, das abstrakte Unwesen der Gesellschaft. Wenn der Gebrauchswert (das Individuum) sich nicht bewährt, in Tauschwert (Kapital) transformiert – da würde es Menschen anders als Leuten ergehen – wird das Produkt rigoros vom Markt geworfen, nur: dass eBay besser läuft als Datingseiten, bereits gebrauchte Menschen sich also schlechter verscheuern lassen als anderweitiger Ramsch.

Die Kritik ad hominem ist daher analog eine Kritik ad rem; und das heißt weiter, dass es eine spitzfindige Differenz innerhalb der Kritik des gesellschaftlichen Teils gibt. Es bedeutet nämlich nicht, dass man eine größtmögliche Mannigfaltigkeit von Einzeldingen in der Welt zusammenhamstert und leer dastehen lässt, ohne diese sachgemäß zu verurteilen. Denn ohnehin ist schon jedes Ding nur durch das Kapital gesetzt. Deshalb geht es noch dringender darum, die Kritik an jedem einzelnen Detail entzünden zu können, das Prinzip Kapital darin freizulegen, erscheint es auch so unbefleckt wie die Gottesmutter Maria.

III. Grenzen der Polemik

Ich habe versucht, im Aufgezeigten festzustellen, was Polemik sein kann, indem ich einerseits bemühte, ihren Gegenstand zu definieren. Dies betonte den Einzelnen: „Sie tut zunächst etwas, was sachlich nicht begründet scheint, weil sie kontrafaktisch die Ergebnisse des gesellschaftlichen Prozesses den Individuen als Ausdruck ihres eignen Willens zuordnet. Sie argumentiert ad hominem.“ (Bruhn: Interview mit T-34). Andererseits habe ich dazustellen gesucht, ihre spezifische Form zu verteidigen. Vorerst erwähnte ich hierzu den Begriff Beleidigung, der sicher nicht darin aufgeht, was Polemik inhaltlich ist, aber ein Teil von ihr sein kann. Wie mein Beispiel eines polemischen Angriffs zeigte, gehört zu dieser eine tiefere Erläuterung. In dieser Form versteckt sich allgemeiner gesprochen der Hass gegen den Kapitalismus und diese nur formale Bestimmung wird gleichsam ihr Inhalt. Der Hass ist ein Mittel der Ordnung, er betont in ablehnender Weise dasjenige, was falsch ist, aber eben durch seine eigentümlich Art und Weise des Ausdruckes.

Eine kritische Einsicht in dieses Gefühl ist dabei unerlässlich. Dadurch treibt die Polemik die Kritik auf die Spitze. Diese Übertreibung zerfällt analytisch in die Verwendung besonders passender Worte und inhaltlich auf wenige da seiende Details, wobei beides das zu Grunde liegende Prinzip treffen müssen. Durch die emotionale Bindung an das Objekt, die der Hass impliziert, affirmiert die Polemik ebenso das sie ausführende Subjekt.

Die erste Grenze der Polemik ist daher das Subjekt. Zeigt der oder die Getroffene Einsicht, hat sie ihr Ziel erfolgreich getroffen und wird darum obsolet. Verliert der Polemiker oder die Polemikerin seinen bzw. ihren Unmut über die Verhältnisse, wird sie leer. Ihre erste und unbedingte Grenze ist daher gleichzeitig die Bedingung ihrer Möglichkeit.

Eine zweite Grenze, die aus der ersten abgeleitet werden kann, ist die psychische Konstitution des Subjektes. Nicht jeder und jede hat Freude daran, Wut derart zu artikulieren, was zunächst einmal eine psychische Disposition oder ein Spleen ist. Ebenso verträgt nicht jedes Subjekt den oft harschen Ton einer Polemik. Auf manche Leute muss man sensibler eingehen und Kritik in anderer Form zum Ausdruck bringen. Sie ist also nicht für jedweden ein Mittel zur Kritik.

Die Polemik ist drittens eine Technik (im altgriechischen Sinne wiederum), d.i. sie muss beherrscht werden. Schlechte Polemiken verfehlen ihr Ziel, weil sie ihren Gegenstand nicht treffen. Wenn man auch – bildlich gesprochen – ein Ziel hat, das so groß ist, dass man es kaum verfehlen kann, einen Bogen und Pfeile besitzt, die materiell vollendet sind, aber dennoch nicht in der Lage ist, das alles auszunutzen, ist die Polemik machtlos. Diese Grenze beschreibt also ein subjektives Vermögen oder Talent.

Viertens hat die Polemik ihr Ende an der Überwindung der objektiven Verhältnisse. Ist das Wahre, das Schöne und Gute erst einmal gesetzt, verliert auch sie ihr Recht. Sie ist also nur dann kritisch und revolutionär, wenn sie bereit ist im richtigen Augenblick zu vergehen.

Emanzipatorisch beleidigen?! – Die Kunst der Erniedrigung

Lulu Ronja setzt sich damit auseinander wie Schimpfen funktionieren könnte. Dabei enthält dieser Artikel Wörter, die viele Diskriminierungen reproduzieren.

Wir haben Wut. Die ist berechtigt. Wir kritisieren vieles und lehnen einiges mehr ab. Berechtigterweise. Wir finden so viel falsch. Doch wie finden wir Worte, um unserer Kritik aber auch unseren Gefühlen wie Ärger und Wut Ausdruck zu verleihen?

Ob im direkten Gespräch, beim Zuhören in der Straßenbahn, beim Durchstöbern von Facebook-Seiten, bei der Demo gegen die AfD – überall begegnen einem rassistische, antisemitische, heterosexistische und völkisch-nationalistische Sprüche. Das weckt das berechtigte Bedürfnis denjenigen, die sich so äußern, etwas zu entgegen. Was, was rauslässt, was in uns ist.

In diesem kurzen Kommentar geht es nicht darum, argumentativ, klug, dialogisch und wohlwollend mit solchen Äußerungen umzugehen, sondern darum, Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Hier geht es also um Pöbeln und nicht darum ein faires Gespräch zu führen. Es folgt eine Auseinandersetzung darüber, einfach mal Dampf ablassen, rumzumotzen und sich auszukotzen, möglicherweise auch Menschen das Wort abzuschneiden und den Bullshit zu stoppen, den Menschen von sich geben.

Doch in solchen Momenten, in denen ich emotional schon hart ge- und betroffen bin, fallen mir oft nur Worte ein, die auf Kosten von Gruppen gehen, von denen ich sonst behaupte mich mit ihnen zu solidarisieren und gemeinsam für eine emanzipatorische Gesellschaft zu kämpfen.

Auf der Suche nach emanzipatorischen Begriffen, um Wut auszudrücken, bleiben mir mehr Fragen, als ich Antworten gefunden habe.

Warum tut motzen gut?

Welche Funktion erfüllen Schimpfwörter/Kraftausdrücke überhaupt? Ist Schimpfen und beleidigen grundlegend erniedrigend? Ist es nicht eine Selbstermächtigung aus einer sich grundlegend ohnmächtig anfühlenden Position? Liegt im Akt des Beleidigens die Erniedrigung? Offensichtlich funktioniert Erniedrigen gut, in dem der*die Kontrahent*in mit Bezeichnungen für unterdrückte und marginalisierte Gruppen zu übersät wird – alle Beleidigungen, die mir einfallen, diskriminieren entlang gängiger gesellschaftlicher Normen, die ich eigentlich als regressiv entlarvt habe. Viele Schimpfwörter reproduzieren eine Zuweisung von Menschen an eine gesellschaftliche Position, die ihnen Gleichberechtigung abspricht. Sie führen mich der emanzipatorischen Gesellschaft kein Stück weiter. Muss eine Beleidigung das können?

Warum ist es so befreiend Menschen mit Schimpfwörtern zu bezeichnen? Wie oben schon kurz angerissen geht es wohl um das Zurückholen von Handlungsfähigkeit, darüber die Oberhand über den*die Kontrahent*in zu bekommen. Das Beleidigen dient dem Zurückgewinnen von Kontrolle in einer Situation, die emotional und schmerzhaft ist. Solche Gefühle wie Wut, Ärger und absolutes Unterverständnis entstehen, weil ich es aus einer bestimmten Perspektive unsinnig und unvernünftig und schlichtweg falsch finde, was das Gegenüber von sich gibt. Doch ich möchte in manchen Momenten nicht argumentativ entlarven und widersprechen, sondern eben einen Seitenhieb verpassen. Ich möchte provozieren, dass sich der*die Kontrahentin genauso mies fühlt, wie ich mich in den Momenten, in denen ich den abgesonderten Bullshit ertragen muss oder eben nicht mehr kann. Es geht also um Ehrverletzung, Erniedrigung, Macht, um sich der eigenen Ohnmacht zu widersetzen – wenn auch nur ein bisschen, nur für einen kleinen Moment. Ich möchte mein Gegenüber degradieren, deklassieren und herunterstufen. Dabei stehen mir leider und logischerweise Begriffe zur Verfügung, die die Positionen in der Gesellschaft widerspiegeln.

Wer ist wie beteiligt und betroffen?

Es scheint sinnvoll die verschiedenen Beteiligten in einem solchen Pöbel- und Motzprozess zu unterscheiden. Für die Sprecher*innen dient ein Schimpfwort dem Abreagieren, die Adressat*innen sollen deklassiert werden. Oft gibt es jedoch auch Situationen, in denen scheinbar Unbeteiligte bzw. Zuhörende mit dabei sind.

Für die Pöbelnden, also Sprechenden geht es sozusagen beim Schimpfen um die Erniedrigung des Gegenübers. Nichtsdestotrotz ist es eine Selbstoffenbarung, denn durch die Auswahl des Schimpfwortes und des Begriffs tritt zu Tage, welche Annahme der*die Sprecherin über das Gegenüber hat – nämlich mit welchem Wort eine Erniedrigung erreicht wird. Taktisch hieße das, die Norm meines Gegenübers zu antizipieren, an der er*sie am meisten hängt und diese dann bewusst anzugreifen. Doch stecke ich dann nicht mit der Person wertemäßig unter einer Decke? Das könnten die Zuhörenden zumindest denken. Möglicherweise sind diese jedoch direkt betroffen und ich verletze sie. Weiterhin verletze ich alle anderen Betroffenen ohne sie eigentlich zu meinen. Ich könnte wohl in einer eins zu eins Situation ohne schlechtes Gewissen das passende Schimpfwort sagen, doch eben nicht in Situationen, wo es viele Zuhörer*innen gibt.

Doch in meinem Wunsch die Person mit einer Bezeichnung abzuwerten stärke ich eine regressive Norm und somit die Normalisierung der gesellschaftlichen Missverhältnisse wiederum. So geht’s nicht.

Ein Blick ins Schimpfwortrepertoire

Noch einen Schritt zurück gedacht, bedeutet dies, dass Schimpfwörter selbst erst gesellschaftliche Normen offenlegen. So begebe ich mich auf eine Reise durch die Landschaft der Schimpfwörter.

Oft wird in Schimpfworten Männlichkeit diskreditiert: Warmduscher, Weichei, Lappen etc. Gängige Abwertungen beziehen sich auch auf Penetrationssex. Dabei ist ficken gut, doch gefickt werden etwas Erniedrigendes. Die Ansage jemanden zu ficken ist als Drohung gemeint, als Androhung von Gewalt. Es ficken die Mächtigen, die Männer, andere werden gefickt, was ihrer Erniedrigung dient. Deshalb funktionieren auch Begriffe so gut, die homophob bzw. bezugnehmend auf Schwule sind.
Das Wort Hurensohn macht deutlich, dass Mütter von Söhnen keinesfalls gesellschaftlich anerkannt sind, wenn diese sexuell aktiv sind. Doch von einer Hure zu stammen, scheint nur für männliche Kinder schlimm zu sein. Hurentochter erkennt noch nicht mal mein Rechtschreibprogramm.

Weiter geht’s mit Benennungen, die Menschen Intelligenz und Zurechnungsfähigkeit absprechen. Beispielsweise Idiot*in. Diese Bezeichnung entstammt einer krassen Konstruktion von gesund und krank bezogen auf psychische Leistungsfähigkeit. Andere Bezeichnungen wie asozial oder Pack verweisen die so Bezeichneten gar an einen Platz außerhalb der Gesellschaft, möglicherweise sogar bezogen auf die Nichtzugehörigkeit zur Volksgemeinschaft. Doch will ich Menschen mit Worten beleidigen, in dem ich sie mit diesen aus der Volksgemeinschaft ausstoße – da will ich doch selbst nicht dazugehören!

Beleidigende Bezeichnungen beziehen sich auf das Nicht-Entsprechen oder wenn Menschen nicht den mehrheitsgesellschaftlichen körperlichen Normierungen entsprechen. Tiernamen sprechen dem Gegenüber Menschlichkeit komplett ab. Die gehen also eigentlich überhaupt nicht.

Weiterhin wollen alles sein, nur kein*e Opfer – warum ist Täter*n kein Schimpfwort? Es geht auch hier um Macht – wer übt diese über wen aus.

Auf der Suche nach einem Ausweg

In pädagogischen Konzepten für Kids zum fairen und respektvollen Umgang miteinander finde ich scheinbare Alternativen zu diskriminierenden Schimpfwörtern: Bommelglöckchen. Mondblume und Klappspaten. Nunja – so wirklich bin ich nicht überzeugt.

Vielleicht hilft uns aber auch mehr Deutschenfeindlichkeit – mit Kartoffel ist schon ein Anfang gemacht, manchmal funktioniert auch Nazi, doch es gibt ja alles an Bezeichnungen für Nazi: Kochnazi und Ordnungsnazi, doch alles ist doch eher verharmlosend. Leider funktioniert die Bezeichnung nur in der Gruppe, in der Deutsche*r eine Beleidigung ist. Für mich ist es beschämend, doch wohl nicht für viele andere.

Bei meinen Überlegungen finde ich nur eine Form, die ich akzeptabel finde: Die Reinheit einer Person zu verletzen: kotzen, kacken, Scheiße! Für mehr Beschmutzung und Entsakralisierung.

Irgendwie haben das Punkbands bei ihrer Namensgebung scheinbar schon immer gewusst… Ich hätte nie gedacht, dass ich zu dieser Erkenntnis komme: bei allem Regressiven im Punk ist die provokante Selbstbezeichnung, die häufig Fäkalsprache verwendet, emanzipatorisch. Für mehr Pisse und Eiter?!

Was bleibt, ist die Annahme, dass wir eine Person damit treffen, wenn wir ihre Reinheit und Ehre irgendwie beschmutzen, doch vermutlich kommen wir da nicht raus. „Doh!“ – wie Homer Simpson reagieren würde…

Emanzipatorisch und beleidigen schließt sich aus. Doch ich möchte und werde weiter motzen und mich auskotzen, mich ermächtigen wollen, doch möchte dabei andere Begriffe verwenden, als Menschen, die mit der momentanen Gesellschaftsordnung weniger Probleme haben. Deshalb probieren wir es aus – suchen wir befreiende Schimpfwörter ohne aber darüber den notwendigen Kampf gegen die Verhältnisse zu vernachlässigen. Denn die Welt wird nicht besser, wenn ich weniger diskriminierende Beleidigungen nutze…

Die unendeckte Zeit

Auf der Suche nach einer revolutionären Praxis kuckt sich Simon Rubaschow den Film „Die wilde Zeit“ an.

Mitte Oktober sah ich „Après Mai“ (Nach-Mai, der deutsche Verleihtitel ist „Die wilde Zeit“) im Rahmen einer politischen Veranstaltung zum zweiten Mal, und zum zweiten Mal wühlte er mein Denken und Fühlen auf und um. Dem Film gelingt das (zumindest bei mir), da er gleichzeitig das Bedürfnis nach einem ganz anderen Leben drängend zum Ausdruck bringt als auch in der nötigen Bitternis den Widerspruch der herrschenden Verhältnisse zu diesem Bedürfnis aufzeigt. Er spielt – wie der Originaltitel schon sagt – nach dem Mai 1968 in Frankreich. Die Praxis einer Gruppe Abiturient_innen um die Hauptfigur Gilles wird in ihrem letzten Schuljahr und der Zeit danach portraitiert.
Nach etwa der Hälfte des Films findet sich eine Schlüsselszene: Ein französisches Filmkollektiv diskutiert mit italienischen Arbeiter_innen über einen zuvor gezeigten Film, der vom Kampf der laotischen Volksbefreiungsarmee berichtet. Aus dem Publikum kommt eine „Frage an die französischen Genossen: Eure Filme übernehmen die gleichen Muster, wie sie auch von der Bourgeoise genutzt werden. Sollte das revolutionäre Kino nicht auf eine revolutionäre Syntax verwenden?“ Die Antwort des Filmkollektivs: „So ein Stil wäre wahrscheinlich ein Schock und eine Überforderung für das Proletariat. Wir sind angetreten, um aufzuklären“, und: „Wäre es nicht denkbar, dass die revolutionäre Syntax, von der der Genosse gesprochen hat, in Wahrheit vielleicht eher der individualistische Stil des Kleinbürgertums ist.“
In der anschließenden Party knüpft Gilles, der das Filmkollektiv auf dessen Reise begleitet, an die Diskussion an. Er hat „nicht verstanden, wieso die revolutionäre Syntax der individualistische Stil der Kleinbürger ist.“ Gegen die Antwort, dass es „vor allem darum [gehe], über Konflikte zu informieren“ und er „den Stil“ vergessen solle, weil es „doch nur [gelte] das Volk überzeugen, nicht die Ästheten“ stellt er die programmatische These: „Neue Ideen verlangen nach einer neuen Sprache.“
Das Verhältnis neuer Ideen und ihrer Ausdrucksweise ist das Grundthema des Films. Die Gruppe an Abiturient_innen, die im Zentrum des Films stehen, sind im Nach-Mai, im Herbst der gescheiterten Revolution von 1968, auf der Suche nach revolutionärer Praxis, die sie als untrennbares Projekt der Revolutionierung der Verhältnisse und der Lebensform ansehen. Es geht ihnen gleichermaßen um die Abschaffung der Aufstandsbekämpfungspolizei wie um den Kampf gegen die überkommene herrschende Sexualmoral. Sie suchen gleichermaßen nach Formen gesellschaftlicher Selbstverwaltung wie nach einer neuen Formensprache in Popmusik und abbildender Kunst. Die Bewegungen, an die sie dazu anschließen, haben diese Einheit aber längst aufgegeben. Daher finden sie einerseits trotzkistische und maoistische Gruppen vor, für die die Revolutionierung der Geschlechterverhältnisse im besten Falle nebensächlich, ansonsten aber Schmuddelkram ist, der ihren Kampf delegitimiert und die zu organisierenden Arbeiter abschreckt – und andererseits Hippies, die sich gänzlich aus der Politik zurückgezogen haben, und in Spiritualität und Esoterik ihre Befreiung von der instrumentellen Vernunft suchen.1
Gilles kann oder will die Einheit der Revolution auch in dieser postrevolutionären Situation nicht aufgeben. Und während sich seine Genoss_innen und Freund_innen Stück für Stück verstreuen und ihr gemeinsames Ziel zugunsten berauschender Parties, dem Verteilen von Flugblättern vor den Werktoren oder Anschlägen der Stadtguerilla aufgeben, sucht er weiter nach der verlorenen Revolution. Durch diese Suche steht er notwendig abseits der ihren gemeinsamen Bezug verlierenden Bewegungen, bekommt seine Beschäftigung mit künstlerischen Ausdrucksformen ebenso vorgehalten wie seine Missachtung der eigenen Kunst. Und entsprechend bleibt Gilles auch über das Ende des Films hinaus auf der Suche: In der letzten Sequenz sehen wir ihn, mittlerweile in London als Assistent bei einer B-Movie-Produktion sein Geld verdienend, einen Text der Situationistischen Internationalen (SI) lesen. Ihre Diagnose und ihr Programm scheint die Antwort auf die fragende Suche Gilles zu sein: „Die neue Zeit ist zutiefst revolutionär und sich dessen bewusst. Auf keiner Ebene der Gesellschaft will man weiter machen wie bisher. […] Die Forderung nach Leben ist zum revolutionären Programm geworden.“ Doch diese Antwort täuscht, gedruckt ist sie in die 1972 erschiene Auflösungserklärung „Die wirkliche Spaltung der Situationistischen Internationalen“ und ihre Formulierung ist eher Ausdruck der drängenden Notwendigkeit als der wirklichen Aktualität der Revolution. Die neue Zeit ist (den Möglichkeiten nach) zutiefst revolutionär und zugleich (ihrer Realität nach) so nichtrevolutionär, dass der revolutionären Gruppe, die die SI darstellt, nichts bleibt als ihre Auflösung.
Die Situation, die im Film dargestellt wird, zwingt einen Analogieschluss geradezu auf. Auch heute und hier ist das Umstürzen aller Verhältnisse eine Angelegenheit, die nicht in Reichweite erscheint. Und entsprechend verliert sich die radikale Linke auch hier in lauter Nischen, in denen stets ein Teil des Ganzen bearbeitet wird, während für alles andere alte Formen reproduziert werden. Und während es in den ‚Alternativen Orientierungstagen‘ [Anm.: Veranstaltungsreihe in Jena zu Beginn des Wintersemesters 2014/15]– im Zuge derer der Film gezeigt wurde – Veranstaltungen zu Landwirtschaft, Flüchtlingskämpfen, Feminismus, Nazis, Arbeitskämpfen, Aktionsklettern usw. gab, waren es doch stets thematische Gruppen, die zu ihrem Thema eine Veranstaltung machten und so unabsichtlich die gegenwärtige Realität der radikalen Linken reproduzierten, die sich auf ihr jeweiliges Thema zurückzieht.2 Die Kritik an dieser szenebildenden Linken3 ist aber selbst durch den Film kritisiert: Denn eine Szeneverachtung, der es um „Anschlussfähigkeit“ an die Massen geht, vergisst, das neue Inhalte eine neue Form brauchen und die gescholtenen Szenen oft der einzige Ort sind, wo nach einer solchen Form praktisch gesucht wird. Die Revolutionierung der Verhältnisse kann, soviel ist aus „Après Mai“ zu lernen, nur als Revolutionierung aller gesellschaftlichen Verkehrsformen gelingen, ansonsten schlägt sie in eine konterrevolutionäre Praxis um, die Politik als bloßen Kampf um Herrschaft versteht, sich auf die Organisierung von Hegemonie (ob nun in der Kultur oder auf der Straße) zurückzieht und wie das eingangs erwähnte Filmkollektiv zugunsten von Massenkompatibilität jeden transformatorischen Anspruch aufgibt.
Revolutionäre Praxis in nichtrevolutionären Zeiten ist ebenso notwendig wie unmöglich und lässt sich analog zu Gilles Praxis, nur als andauernde Erkundung realisieren. Sie geht mit wiederkehrenden Enttäuschungen einher, die unserer Ohnmacht geschuldet sind. Das Bewusstsein der eigenen Ohnmacht nicht zu verdrängen und sich an seiner statt Illusionen4 über die Revolution als gegenwärtige Praxis, sondern einen bewussten Umgang mit dieser Ohnmacht und den Enttäuschungen zu finden, ist die Aufgabe, die die Ablehnung der herrschenden Verhältnisse stellt.
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Originaltitel „Après Mai“, dt. „Die wilde Zeit“, (2012)
Regisseur: Assayas, Olivier.

1
Und sich damit grundsätzlich von denen unterscheiden, die heute in politischen Kreisen manchmal verächtlich als ‚Hippies‘ bezeichnet werden. Diese suchen zumeist nicht verzweifelt eine Transzendierung der Spaltung zwischen dem Selbst und der Welt. Den historischen Hippies ging es, weil sie das Subjekt-Sein-Müssen des Kapitalismus ablehnten, darum in der Welt oder dem Nichts aufzugehen; wozu sie Meditation, psychedelisch wirkende Substanzen und esoterische Rituale in Anschlag brachten. Stattdessen geht es heute, weniger verzweifelt als gemütlich, um das Aufgehen in einem Schutzraum, der sich als naturverbundene Gemeinschaft imaginiert wird.

2
Zu betonen ist, dass politischer Kampf, der konkrete Lebensbedingungen verbessern will, hiermit nicht abgelehnt werden soll. Er darf nur darüber nicht vergessen, dass die Zusammenhänge, die zur Bewältigung des je eigenen Themas ausgeklammert werden, trotzdem auf ihn wirken. Problematisch wird er dort, wo die je anderen Themen nicht ebenso als eigene Aufgaben verstanden werden, und etwa die Reflexion auf den eigenen Sexismus oder die Arbeit an einem theoretischen Verständnis der Verhältnisse an andere delegiert wird.

3
Die deswegen keine Mosaiklinke ist, wie gerne behauptet wird, weil ihre einzelnen Steine keine Beziehung zueinander haben, es sich also nicht um ein Mosaik, sondern um einen (kleinen) Trümmerhaufen handelt.

4
Die Illusion revolutionärer Praxis war es auch, zu deren Zerstörung zumindest bei einem Teil der „formlosen Bewegung der heutigen Rebellion“ die SI sich auflöste, um nicht selbst als lebendiger Mythos Kraftquelle dieser Illusion zu sein.

Warum Hitler mit der positiven Umdeutung des Hakenkreuzes scheitern musste

Lukas rezensiert die Kunstzeitschrift „Haar und Fusz“ (Weimar 02/2013)

Ich habe sie lange nicht verstanden. Ich habe mich aber lange darum bemüht. Heute versteh‘ ich sie.

Alberto Vasallo di Torregrossa

Ich habe mir eben die zweite Ausgabe der Weimarer Kunstzeitschrift „Haar&Fusz“ durchgelesen, lege das Heft beiseite und bin ratlos. Zu Beginn wurde ich in einem Gedicht instruiert, dass im weiteren Verlauf alles eine Frage der Perspektive, also „Einstellungssache“ sei: „Wenn du dich aufregen willst, reg dich auf! Wenn du nachdenken willst, denk nach! Wenn du das schöne sehen willst, dann freu dich!“ Das Heft hat mir nicht gefallen, ob ich wollte oder nicht, wenn es mich zum Nachdenken gebracht hat, dann über das Elend heutiger Kunststudenten (oder kommen noch andere auf die Idee, so etwas zu produzieren?), bloß aufregen will ich mich nicht, denn ich will mir nicht auch noch meine Wut von solchen Leuten zugestehen lassen. Auf der letzten Seite des Heftes liest man folgendes Statement: „Mit dem Inhalt dieser Angelegenheit wollen wir niemanden, nichts, gar niemanden verletzen, Menschenwürde nehmen oder gar politische Motivation darstellen. Mit Pornographie und, oder Sexismus haben wir auch nichts zu tun. Kunst ist frei und soll es auch…“, und auf der Rückseite sticht eine Zeile unter den anderen heraus: „Ich übernehme keine Verantwortung, ich bin nur ein Medium.“ Aus solchen Statements spricht, dass das, was hier für 2 Euro („Eulen, Euronen, Tacken, usw.“) als Kunst verkauft wird, nicht für sich selber steht, nicht aus sich heraus gelesen werden soll, sondern kommentiert werden muss – man will niemanden verletzen, keine Grenze übertreten und sich im Vorhinein darüber versichern, dass auch ja keine derartige Wirkung einsetzt. Doch hinter dieser Kunst, die von ihren Produzenten derart kommentiert werden muss, eine Motivation oder gar ein Konzept entdecken zu wollen, läuft ins Leere – denn es gibt offensichtlich nichts (vor allem keine politische Motivation oder gar etwas, für das die Autoren Verantwortung übernehmen würden), das sich darin greifen ließe. Dabei wird nicht einmal eine Erwartung enttäuscht, die mich als Rezipient etwa auf eine falsche Fährte locken würde, mich aufs Glatteis führt und mich dann enttäuscht, um mich eines Besseren zu belehren – denn es wird mir schon vorher gesagt, dass es um nichts geht, das Geltung beanspruchen will, dass alles eine Frage der Perspektive sei, bzw. dessen, was ich wollen würde. Das ist für mich ein Problem, beispielsweise wenn mir einige inhaltliche Aspekte des Heftes aufstoßen, ich sie zum Kotzen finde. Denn es gibt keine Möglichkeit der Kritik daran – die Kritik eines Objekts ist nur möglich, wenn es dem Kritiker einen gewissen Grad an Widerstand entgegenbringt. Jeglicher Widerstand, jede materielle oder ideelle Eigenständigkeit ist im vorliegenden Fall – wir wollen ja nicht, reg‘ dich gern auf – im Vorhinein ausgehebelt. Versuche ich dennoch eine Kritik (auf welche Weise auch immer) zu formulieren, besteht die Gefahr, das Objekt ernster zu nehmen, als es sich selbst nimmt und sich dadurch lächerlich zu machen – die Lächerlichkeit des Objekts fällt auf den Kritiker zurück. Bleibt die Polemik, die den Apfel nicht kostet, sondern ihn zertritt, die das Objekt nicht retten, sondern es zerstören will. Also Gegenangriff: die Autoren (die nicht über die infantile Begeisterung an Pimmeln und Muschis hinweggekommen sind, aber darin so unfrei sind, dass sie noch drunter schreiben müssen, dass es kein Porno, sondern Kunst ist) selbst lächerlich machen. Doch auch dieser Angriff läuft ins Leere, denn die Lächerlichkeit ist zum Programm erhoben, während jegliches Programm verleugnet wird – eine Provokation, die jede mögliche Reaktion vorweg nimmt, also nicht mal Provokation sein will. Überhaupt nichts wird gewollt. Also erzähle ich eine Geschichte.

Ich wollte etwas. Nämlich einen neuen Wäscheständer, mein alter ist kaputt gegangen. Also spazierte ich am ersten sonnigen Tag dieses Jahres zum Hababusch-Hostel in Weimar, wo ein Flohmarkt stattfinden sollte. Gemütlich schlenderte ich durch einen der Räume, in dem vor allem gebrauchte Klamotten angeboten wurden, bis mich in der hinteren Ecke ein fast ungebrauchter, wunderbar weißer Wäscheständer anstrahlte. Leise pirschte ich mich mit Jagdinstinkt heran und ganz versunken beäugte ich das schöne Teil, es lachte mich an und ich sah es schon, wie es mit meinen schönsten, frisch gewaschenen Kleidern im Badezimmer steht und leise die sanfte Frühlingsbrise durch das offene Fenster über Zwirn und Sammet weht. „Willst du mal hineinschauen?“, diese Worte wecken mich aus den süßen Träumen und ich schaue in ein hornbebrilltes Gesicht mit lässigem Seitenscheitel, das auf den Wäscheständer zeigt. Ich bin verwirrt und verstehe nicht was hier Phase ist – wie soll das gemeint sein, wie soll man in einen Wäscheständer hineinschauen, er hat Beine und Stangen? „Wir arbeiten nur analog“ sagt das Gesicht und ich vollziehe den Blick des Kunststudenten nach und entdecke nun, was ich in meinen Träumen von der Freundschaft mit dem neuen Wäscheständer völlig übersehen haben musste: er liegt voll mit kleinen, offensichtlich selbst gedruckten Zeitschriften im A4-Format. „Ach, das ist eine Zeitschrift…“ frage ich unsicher und nehme schüchtern ein Exemplar in die Hand. Auf einmal fühle ich mich vom ganzen Raum beobachtet, so als wäre ich der einzige hier, der nicht wüsste, worum es geht und nun sind alle gespannt, wie ich auf das reagiere, was sich hinter dem Fuß verbirgt, der aus einer konkav zerklüfteten und scheinbar unfassliche Tiefen verbergenden Vagina strampelt. Ich versuche mich hinter der Zeitung zu verstecken und sehe krakelige Kinderzeichnungen, die mit Schnipseln aus Illustrierten ergänzt sind und mit Schrift hinterlegt sind, die nicht gelesen werden will, weil sie nur aus Großbuchstaben besteht und knallrot ins Auge sticht. Ich sehe, wie im Heft einmal mehr eine Frau zur blutenden, klaffenden Wunde gemacht wird (keine Ahnung ob als Fremd- oder Selbstzuschreibung), aus der rote Tropfen in ein rotes Meer fallen, ich sehe einen wütenden Japaner, aus dessen Kopf seltsame Rauchschwaden ziehen, bleibe an einer Zeile von Hakenkreuzen hängen, die sich jeweils mit kleinen Herzen abwechseln und lese, während die Leute in Griechenland von Deutsch-Europa durch den nächsten Sparkurs gehetzt werden, nachdem die Forderung nach Entschädigungszahlungen für von der SS und der Wehrmacht niedergemetzelte griechische Dörfer abgelehnt wurde, während dies (nicht im Heft, sondern in der Wirklichkeit) geschieht, lese ich also von einem Künstler, der gerne Hakenkreuze malt, weil jedes Hakenkreuz in einem liebevollen oder humorvollen Kontext das deutsche Gewissen erleichtern soll, lese den Kommentar eines Freundes dieses Künstlers, der voll subjektiv auf den Anblick eines Hakenkreuzes reagiert und auch nicht weiß, wer diesen bösen Geist des Hakenkreuzes gerufen hat, ich sehe noch mehr Hakenkreuze, halbe Kühe, halbe Frauen, doppelte Pimmel, zwei Textblöcke, die das World Trade Center darstellen und wo ein Krikel-Krakel Flugzeug reinfliegt, ich sehe Ludwig Erhard, eine qualmende Schreibmaschine, immer mehrKrikel-Krakel und dazwischen immer wieder Textfetzen, die ich, aus welchem Grund auch immer, nicht verstehe. Ich bekomme Angst. Alle um mich herum verstehen. Ich bin der einzige, der nicht versteht. Was will der von mir? Ich bekomme Angst. Wie komme ich raus aus dieser Affäre? Ich glaube, die lassen mich hier nicht ohne weiteres wieder gehen, mir bleibt nichts anderes übrig, ich drücke dem Gesicht 2 Euro in die Hand, gehe langsamen Schrittes Richtung Tür und renne nach Hause. Erst, als ich die Tür hinter mir zugeknallt habe, merke ich, dass ich das Magazin tatsächlich noch in der Hand habe. Ich wollte etwas. Ich wollte einen Wäscheständer. Ich habe keinen Wäscheständer bekommen, aber ein Magazin, das mir Angst gemacht hat. So ein Scheiß. Ich habe mich voll zum Ei gemacht. Das ist alles harmlos. Zu was sind diese Studenten eigentlich nütze? Für was haben ihre Eltern die auf eine Kunst Uni geschickt? Fuck them. Kunststudenten in die Produktion1!

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1     Um Missverständnissen vorzubeugen: Es war das Bauhaus, das sich darum bemühte, in der künstlerischen Produktion einen Standard für eine gesamtgesellschaftliche Produktion zu erreichen.