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Dem Morgenrot entgegen?

Schon vor 70 Jahren bestand »die fast unlösbare Aufgabe darin, sich weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen«. Anatol und Jesaja aus der Redaktion sprachen mit drei weiteren Genoss_innen über die Frage, wie man in deprimierenden Zeiten klarkommt, ohne zu resignieren oder zynisch zu werden.

Anatol: Könnt ihr euch kurz vorstellen?

Yukina: Ich bin 35 Jahre alt und würde sagen ich bin politische Sozialarbeiterin, Mutter von zwei Kindern und bin durch die Studierendenproteste 2003/2004 in linken Zusammenhängen gelandet und mehr oder weniger noch aktiv heute.

Toivo: Ich bin 45, komme aus einem Arbeiterhaushalt. Mein Vater war politisch, da habe ich viel von mitgenommen. Ich weiß gar nicht, ob ich zur linken Szene gehöre, aber ich mache seit Schul- und Studienzeiten politischen Kram, den ich wichtig finde. Entscheidend für meine Politisierung war der zweite Golfkrieg.

Ümit: Ich bin Ende 40, aus dem Westen und nicht von Rassismus bedroht – das finde ich für die Frage, wie man mit der derzeitigen Lage umgehen kann, wichtig. Ich habe noch die Auswirkungen der Neuen Sozialen Bewegungen der 1980er-Jahre, also eine linke Allltagsstimmung mitbekommen. Am meisten geprägt haben mich aber private Diskussionen zu Feminismus im Alltag und die rassistischen Pogrome Anfang der 1990er-Jahre. [Alle über 40 nicken.] Ein Gutteil meiner politischen Auseinandersetzungen findet im Job statt: Ich bin Hochschullehrerin, also Bildungsarbeiter_in. Außerdem versuche so gut ich kann mich als Kolleg_in und Beschäftigte mit anderen zu organisieren, um Auseinandersetzungen um die Produktionsbedingungen kritischen Wissens und kritischer Bildung führen zu können. Ein kleiner Teil meines Aktivismus findet auf der Straße statt, wobei die Autonome Bewegung biographisch mein stärkster Bezugspunkt ist.

Jesaja: Ich komme aus einer bildungsbürgerlichen und christlichen Familie und bin da der einzige, der das Studium geschmissen hat. Ich habe fünf Kinder und bin seit 25 Jahren in der linken Szene aktiv. Ich hab mein Leben so eingerichtet, dass ich wenig lohnarbeite und viel Zeit für mein Politikzeug habe. Zur »Wende« war ich noch ein Kind, trotzdem hat mich dieser Umbruch sehr geprägt.

Anatol: Ich bin 45, aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, war als Jugendlicher erst bei den Jusos, später in einem Friedensgrüppchen, ab 2001 in linksradikalen Zusammenhängen. Ökonomisch wurstele ich mich seitdem mit Projekten und Jobs durch. Aber: kommen wir zum Thema »Hoffnung«. Als Linke schauen wir oft distanziert und ratlos von außen auf die Verhältnisse und analysieren ganz richtig, dass die ganze Gesellschaft vor die Hunde geht. Man könnte meinen, in 10 Jahren haben wir hier Faschismus. Seht ihr das auch so? Oder denkt ihr, es gibt noch Hoffnung, dass es irgendwann ganz anders kommt?

Ümit: Ich sehe auch, dass es einen faschistischen Trend gibt. Aber die konkrete Hoffnung, dass es in 10 Jahren grundsätzlich besser sein könnte, ist nicht mein Motiv, mich einzusetzen, sondern vor allem, zu verhindern, dass es noch schlimmer wird. Die ganz große Befreiungshoffnung oder das Frustriertsein angesichts der jüngeren Entwicklungen hier verbunden mit dem Gefühl, dass es für mich nicht fundamental besser wird ist eine sehr egozentrische Perspektive, die dazu tendiert, die alltäglichen Kämpfe aus dem Blick zu verlieren: Überall auf der Welt wehren sich die Leute gegen den existenziellen Angriff auf ihr Leben, auch unter unmöglichen Umständen, da würde ich mich viel stärker drauf beziehen, als auf eine wie auch immer geartete Revolutionshoffnung.

Jesaja: Mir ist die Frage nach der Weltrevolution auch nicht das Hauptmotiv. Vielleicht kommt das aus meinem christlichen Elternhaus, aber ich meine immer eher, man muss doch einfach was machen.

Toivo: Ich fühle auch teilweise eine tiefe Beunruhigung angesichts der Lage. Aber am Ende ist das Szenario eines kommenden Zusammenbruchs auch die derzeitige Meistererzählung der Rechten. Vergleicht man aber die Lage heute mit den 1950er-Jahren, muss man sagen, dass einfach vieles besser geworden ist. Wenn man zu sehr an die Erzählung glaubt, dass alles vor die Hunde geht, bestärkt man die Leute, die dahin zurück wollen und nicht damit leben können, dass in den letzten Jahren die alten weißen Männer schon ein Stückweit entmachtet wurden.

Anatol: Kann man das so zuspitzen, dass eine Revolutionshoffnung lähmt und den Rechten in die Hände spielt und dagegen eine Politik der anlassbezogenen Abwehrkämpfe und das Vergegenwärtigen vergangener Erfolge Motivation erzeugt, ohne dass man dafür ganz große Hoffnungen braucht?

Yukina: Teile der radikalen Linken könnte sich ja mal fragen, ob sie diese großen Ziele vor allem nutzt, um sich immer wieder bestätigen zu können, dass sie mit ihrer fatalistischen Analyse recht hat. Stattdessen könnte man Politik da machen, wo man was erreichen kann. Und außerdem hilft es auch ungemein, wenn man einsieht, persönlich nicht für alles verantwortlich zu sein, was kommt. Mein Eindruck ist, dass das einem bildungsbürgerlichen Selbstverständnis widerspricht, dass in der radikalen Linken verbreitet ist.

Ümit: Klar, dieser typisch bürgerliche Größenwahn, auf der Welt was bewegen zu können, spielt da auf jeden Fall eine Rolle, das würde ich auch für mich selbst so sagen. Deswegen stelle ich mir dauernd bewusst die Frage, was ich ändern kann. Meine Kraft ziehe ich aber eher aus recht kleinen Alltagssituationen, in denen ich sehe, dass Menschen sich solidarisch verhalten. Ich denke, dass die Frage ob man Hoffnung hat ganz viel mit der individuellen Sozialisation zu tun hat und damit offen ist, wie man den Leuten, die da heraus wenig Hoffnung haben, welche geben kann.

Yukina: Mir hilft das Wissen, solidarische Zusammenhänge zu haben, auf die man sich verlassen kann.

Toivo: Dazu finde ich es wichtig, sich die Geschichte solidarischer und kollektiver Erfahrungen zu vergewärtigen. Es gibt großartige Beispiele, wo Menschen sich einfach menschlich verhalten haben – also nicht egoistisch, sondern als soziales, freundliches, zugewandtes Wesen.

Jesaja: Insofern ist es schon wichtig, sich Räume zu schaffen, in denen man sich solidarisch aufeinander beziehen kann, aber 95% der Zeit muss man ja trotzdem in Kontexten leben, in denen das nichts zählt. Deswegen ist es wichtig, die solidarischen »Blasen« zu pflegen, kollektive Räume schaffen, in denen man andere Erfahrungen machen kann als in der Schule oder auf der Arbeit.

Anatol: Man resigniert nicht, wenn man nette Leute und kollektive Strukturen hat? Das klingt gut und plausibel, aber nicht gerade weltbewegend.

Yukina: Es geht ja nicht darum, nett zueinander zu sein, sondern kritisch-solidarisch. Dass man sich nicht in Watte packt, sondern das Gefühl hat, sich auf so eine Grundsolidarität verlassen zu können. Über Hoffnung zu reden, klingt dagegen voll religiös – so als müssten wir durchs finstere Tal, um irgendwann im gelobten Land anzukommen.

Ümit: Ich verstehe »Hoffnung« auch mehr als Frage des Glaubens als der Analyse. Aber ich kann damit trotzdem viel anfangen, für mich ist das ganz tragend. Und mir hilft es auch, mir vergangene Erfolge zu vergewärtigen …

Toivo:
… und zu betonen, dass im Grunde genug für alle da ist, statt auf die Erzählung der Alternativlosigkeit einzusteigen – auch wenn die Lage oft ausweglos scheint. Und man muss auch mal sagen, dass Verdrängen hilft. Wenn man sich in jeder Minute vergegenwärtigt, dass jeden Tag 40.000 Kinder verhungern, ist das Leben nicht mehr erträglich. Aber da muß man natürlich ein Maß finden, um nicht abzustumpfen, aber auch nicht zu verzweifeln.

Jesaja: Daran, was wir gerade in Chemnitz sehen, dass wieder Massen von Nazis auf die Straße gehen und Leute jagen, könnte man schon verzweifeln.

Ümit: Ja, das war ein richtiger Schock, ähnlich wie in den 1990er-Jahren und wie der NSU. Was mich auch tagelang hoffnungslos gemacht hat, war, als ich vor ein paar Jahren auf einer Veranstaltung den Eindruck hatte, dass mein ganzes ehemaliges politisches Umfeld jetzt bei der Staatsantifa ist – und dafür wesentliche Standpunkte aufgegeben hat. Beim näheren Hinsehen waren es nicht alle, das hat mir wieder mehr Halt gegeben.

Anatol: Mir gibt es Hoffnung, wenn mal was klappt. Das kann eine verhinderte Abschiebung sein oder ein Großereignis wie der Protest gegen den G20 in Hamburg. Das muss kein riesen Erfolg sein, aber mitzukriegen, dass man gemeinsam was hingekriegt hat, das sind Momente, die mir Mut machen.

Toivo: Bei mir sind es historische Beispiele – ich habe z. B. über den spanischen Bürgerkrieg gelesen, da gab es Erfahrungen von Solidarität und Kollektivität, die kaum zu überschätzen sind. Auch wenn die Sache am Ende ja gar nicht erfolgreich war, trotzdem kann man da ganz viel Kraft daraus nehmen.

Jesaja: Mein Vater war in Nicaragua in den 1980er-Jahren. Dass da eine Revolution geklappt hat, war für mich damals eine Geschichte, die mir viel Mut gemacht hat. Auch wenn da später nicht viel Gutes bei rausgekommen ist.

Ümit: Rein analytisch gesehen ist jeder Fatalismus gerechtfertigt. Die Verhältnisse legen tatsächlich nahe, dass wir nicht viel ausrichten können, dass der Kapitalismus siegt. Dem kann man sich ergeben. Trotzdem sehe ich, dass Leute, denen es viel schlechter geht als mir, sich nicht ergeben – dass sie dafür kämpfen, dass es für sie selbst und für andere Leute besser wird. Wenn man da immer beharrlich dabei bleibt, dass alles nichts bringt, kann keine kollektive Kraft entstehen, deswegen glaube ich schon, ein Stück Befreiungsmythos und messianische Bilder sind wichtig. Auch, damit ich selbst nicht die Hoffnung verliere.

Unterschiede im Ganzen

In Jena wird über Antisemitismus geredet. Simon Rubaschow versucht dabei, die zugrundeliegenden Vorstellungen von Antisemitismus und seiner Kritik ins Verhältnis zu setzen. Der Autor ist Mitglied im Club Communism.

Im November 2016 wachte die eingeschlafene Debattenkultur der Thüringer Linksradikalen aus ihrem langwährenden Schlaf1 und bezeugte den Stand der theoretischen Auseinandersetzungen hier in dieser Provinz. In Erfurt kritisierten die örtlichen Falken in einem ausführlichen, mit Polemik und Erörterungen gewürztem Redebeitrag2 das Volkstrauertagsbündnis und dessen Demo am Vorabend eben dieses Tages, in der letzten Ausgabe der Lirabelle antworteten Dori und Ox. Y. Moron darauf – Gegenstand war und ist im weitesten Sinne die Frage emanzipatorischer Politik in Deutschland, das Verhältnis von Nationalsozialismus, Postnazismus und dem kapitalistisch-bürgerlichem Staat und die deutsche sogenannte Vergangenheitsbewältigung. Zeitgleich veröffentlichten in Jena drei lokale Gruppen (JURI, JAPS und der Club Communism) einen offenen Brief3, der die Veranstaltung mit dem Titel „Antisemitismus erkennen, eingrenzen und kritisieren“ für ihr Antisemitismus(un)verständnis kritisierte und wollten von den Veranstalter_innen sowie der mit diesen eng verknüpften Gruppe Pekari wissen, wie sie es mit der Kritik des (auch linken) Antisemitismus halten. Hierauf antworteten im Januar dieses Jahres zumindest die Veranstalter_innen, ihrer Antwort liegt ein Schreiben der Referent_innen der Veranstaltung bei.4

Das mühsame Handwerk der Kritik

Dass es gerade diese beiden Themen sind, die Debatten anstoßen, ist sicherlich kein Zufall. Beide Debatten betreffen grundlegend die Frage, wie eine radikale Linke sich in Deutschland politisch verorten und welche praktische Kritik der Verhältnisse sie üben muss. Beide Themenkomplexe fragen auch danach, ob und inwiefern es etwas schlimmeres als die kapitalistische Normalität gibt, inwiefern dieses Schlimmere ursächlich verknüpft mit dieser Normalität ist und somit, wie die Herrschafts- und Ausbeutungskritik einer radikalen Linken konkret werden kann, ohne zu den bestehenden Verhältnissen affirmativ zu werden oder den bloßen Umsturz des Bestehenden schon für die Aufhebung zum Besseren misszuverstehen. Ebenfalls kein Zufall ist es, dass in einer kürzlich erst wieder aufgewachten Debattenkultur kein gemeinsames Verständnis der Form einer solchen Debatte vorhanden ist. Und so wurde neben den angesprochenen Inhalten immer auch die Form der Debatte selbst kritisiert: Die Falken kritisierten den Aufruf des Volkstrauertagsbündnisses als „übliche Phrasen und Parolen“, die einen „Mangel an Kritik“ belegen, während Dori und Ox. Y. Moron den Redebeitrag als „bloße Projektionsleistung“ und „Kurzreferat unter dem Niveau“ der Erfurter Falken bezeichnen. Der Offene Brief in Jena wurde von den Veranstalter_innen als „auf die Brust“ gesetzte „Pistole“ und als „Seitenlinienkommentar mit erhobenen Zeigefinger“ empfunden, die Referent_innen selbst waren „relativ enttäuscht“, sprachen dem Offenen Brief die „Ernsthaftigkeit“ ab und bezeichneten ihn als „Spektakel“ – während andere im Privaten den Brief für den Mangel an scharfer Kritik und Polemik kritisierten. Wir sind vermutlich alle etwas aus der Übung, wie wir notwendige und notwendig in der Sache treffende Kritik formulieren und ebenso, wie wir diese als Teil unserer politischen Bewegung, statt als persönliche Angriffe, verstehen.

In diesem Sinn als Übung soll folgend auf das in der Antwort der Referent_innen5 formulierte Verständnis von Antisemitismus und seiner Kritik eingegangen werden, um die Hoffnung auf „differenzierte Kritik“, die sich auf die „tatsächlichen Standpunkte“ bezieht, die ich mit den Referent_innen teile, ein Stück weit einzulösen.6 Kern meiner Kritik dabei ist, dass es sich im Grunde um ein linksliberales Verständnis, oder exakter: Unverständnis, von Antisemitismus handelt, dass Antisemitismus als individuelles Vorurteil denkt, welchem mit bürgerlicher Aufklärung beizukommen sei.

Antisemitismus ohne Gesellschaftskritik

In der Antwort der Referent_innen ist durchgehend davon die Rede, dass eine Person, ein Mensch, Denkmuster habe und Aussagen treffe. Es wird suggeriert, dass die Differenz zur Position des Offenen Briefs von CC, JAPS und JURI sei, ob diese eine Person aufgrund ihrer Denkmuster oder Aussagen nun Antisemit_in genannt werden könne und solle, oder ob dies falsch sei. Die zugrunde liegende Perspektive der Referent_innen ist, dass diese Bezeichnung in vielen Fällen die aufklärerische Auseinandersetzung mit diesen Denkmustern oder Aussagen eher erschwere oder gar verstelle. Wünschenswert wäre stattdessen, „den […] Vorwurf nur dann anzubringen, wenn der Mensch wider besseren Wissens auf seiner Einstellung beharrt“, wie es etwa bei Nazis der Fall sei. Ansonsten wirke der „unscharfe Gebrauch“ der „Diagnose“ Antisemit_in der „Aufklärung über Antisemitismus“ entgegen, weil er einerseits echten Antisemitismus verharmlose und andererseits das Gespräch mit denen, die unabsichtlich antisemitische Denkmuster haben oder Aussagen treffen, erschwere. Zudem schrecke er insgesamt Personen davon ab, sich mit Antisemitismuskritik auseinanderzusetzen, weil sie Angst hätten, als Antisemit oder Antisemitin zu gelten, wenn sie etwas zum Thema sagen. Dies gehe soweit, dass in Jena „auch Vertreter*innen von Gruppen zugaben, dass sie lieber gar keine Veranstaltung zu Antisemitismus ausrichten, um sich nicht angreifbar zu machen“ – so die Referent_innen.

Letzteres verweist wieder auf den desolaten Zustand linksradikaler (Selbst-)Kritik: Sich unter Genoss_innen „angreifbar“ zu machen ist ja nun etwas Gutes, schließlich kann man aus deren Kritik an den eigenen Positionen nur lernen und so seine eigene theoretische Kritik und die Praxis, die aus ihr resultiert, treffender gestalten. Hier entscheidender ist an der skizzierten Position der Referent_innen aber, dass sie an einem Punkt des Offenen Briefs völlig vorbeigeht: „Um Antisemitismus zu begreifen, ist er nicht als bloße politische Position zu verstehen. […] Um Antisemitismus zu bekämpfen, ist er als gesellschaftliches Verhältnis zu begreifen“, heißt es dort. Antisemitismus ist nicht einfach ein falsches Wissen in den Köpfen Einzelner – und ist auch so nicht zu verstehen, wenn er verstanden werden will. Antisemitismus ist eine Weltanschauung, die eine bestimmbare Funktion für seine Subjekte hat: Die Erfahrung eigener Ohnmacht den Geschehnissen gegenüber wird zur Überzeugung der Macht einer Gruppe (den Jüdinnen und Juden) über die Geschehnisse. Diese Überzeugung beinhaltet das Versprechen, die Ohnmacht bewältigen zu können, indem Macht über die Gruppe ausgeübt wird – die Vernichtung dieser Gruppe, der Jüdinnen und Juden, wird so zum Versprechen der Vernichtung der Ohnmacht. Dies ist der Grund, warum Nationalist_innen die Regierung als ‚Zionist Occupied Government‘ ansehen: Aus ihr spricht die Hoffnung darauf, dass Regierungen ‚eigentlich‘ im Interesse ‚des Volkes‘ handeln, wären da nicht ‚die Juden‘/‘die Zionisten‘. Dies ist der Grund, warum die ‚Ostküste‘ oder ‚Rothschild‘ herhalten müssen, um den Glauben an einen guten Kapitalismus, in dem Fabrikboss und Fabrikarbeiterin Hand in Hand für das Wohl der Gemeinschaft werkeln, zu erhalten. Und dies ist auch der Grund für einen spezifisch linken Antisemitismus, der Israel die Schuld dafür geben muss, dass nicht wenige Unterdrückte sich lieber selbst in die Luft sprengen, als für die Freiheit jeder und jedes Einzelnen einzutreten. Die Grundlagen für diese realitätsblinde Projektion der Schuld für die Ohnmacht an den Verhältnissen bilden dabei die Verhältnisse und ihre Widersprüche ebenso wie die Reflexionsfeindlichkeit, die sie erzeugen, ohne dass der Antisemitismus in dieser Grundlage aufgeht bzw. aus ihr heraus vollständig erklärt ist.

Grenzen der Aufklärung7

Die Rede von „Denkmustern“, „Diskriminierungsformen“ usw. verweist negativ genau auf diesen Punkt. Die Referent_innen beteuern, dass ihnen „die Spezifik des Antisemitismus gegenüber anderen Diskriminierungsformen, besonders durch seine Vernichtungslogik, bewusst“ sei. Was nun diese Spezifik ist und wie aus ihr nicht eine „Vernichtungslogik“, sondern der gerade nicht logische Vernichtungswille und die Vernichtungspraxis des Antisemitismus resultieren, wird nicht gesagt und kann vermutlich auch nicht gesagt werden. Denn würde Antisemitismus wie im Offenen Brief angesprochen „als ‚Leidenschaft‘ (Sartre) und ‚Wahn‘ (Horkheimer/Adorno)“ verstanden werden, müssten Zweifel an der eigenen Position des kümmernden Aufklärens kommen. Antisemitismus ist kein ‚falsches Wissen über die Juden‘, das durch richtiges Wissen ersetzt werden könnte, sondern eine Subjektform selbst. Jemand hat nicht antisemitische Vorstellungen, sondern er denkt und fühlt antisemitisch. Derart ist Antisemitismus auch abgeschottet gegenüber der Realität und der seiner Weltanschauung widersprechenden Fakten. Nicht die empirisch existierenden Jüdinnen und Juden zählen für den Antisemitismus, sondern der Antisemitismus lässt nur dasjenige gelten, was seinem vorgängigen Bild entspricht.8

All dies soll nicht dagegen sprechen, antisemitischen Aussagen ihre Fehler nachzuweisen, und da niemand als Antisemit_in geboren wird, ist die Prävention gegen die Ausbildung eines solchen Wahns zweifelsfrei ein wichtiges Feld auch bürgerlicher Aufklärung.9
Dementsprechend geht es mir auch nicht darum, den Referent_innen ausreden zu wollen, mit Menschen über ihre Aussagen etwa zur Israelischen Sicherheitspolitik oder zu Finanzialisierung zu diskutieren – und tue so etwas auch immer wieder selbst. Mir geht – und auch dem Offenen Brief ging – es um etwas anderes: Eine Antisemitismuskritik die Antisemitismus als individuelles, falsches Wissen versteht und die dementsprechend notwendig bei dem Anspruch stehen bleiben muss, in den bestehenden Verhältnissen Antisemitismusprävention zu betreiben, greift zu kurz und leistet keinen Beitrag zur Abschaffung der Verhältnisse, die die Wiederholung der Shoah in sich tragen. Vielmehr verstellt sie durch ihre Vorstellung von Antisemitismus eher die dafür nötige Kritik.

Kritik als politische Praxis

Nun ist diese Perspektive auf Antisemitismus kein individueller Fehler der Referent_innen – einer der Gründe, warum der Offene Brief an politische Gruppen, und nicht an Einzelpersonen adressiert war. Sie ist vielmehr ein Produkt der Verhältnisse und der radikalen Linken, die in diesen Verhältnissen existiert. Unter anderem darauf sollte der – von den Referent_innen in ihrer Antwort nahezu gänzlich ignorierte – zweite Teil des Offenen Briefs hinweisen, indem von linkem Antisemitismus die Rede ist. Er skizziert eine Analyse, warum Antisemitismus nach 1945 für Teile der Linken eine spezifische Attraktivität gewonnen hat – um ihre unmittelbare Solidarität mit den Unterdrückten aufrechtzuerhalten, um das Versagen der Arbeiterbewegung vor dem Nationalsozialismus zu verdrängen und um im Angesicht der Notwendigkeit Israels (das in diesen Bedingungen nur als bürgerlicher Staat mit Armee existieren kann) ihre abstrakte Staatskritik nicht hinterfragen zu müssen. Ein linksliberales Antisemitismusverständnis (das, wie es hier in Stichpunkten dargestellt wurde, Antisemitismus als individuelle Einstellung, der durch bürgerliche Aufklärung entgegengetreten werden kann, versteht) ermöglicht es, die grundlegende Selbstkritik der radikalen Linken und ihrer Strategie, Hoffnungen und Programme, die seit 1945 weitgehend aufgeschoben bzw. nur bruchstückhaft realisiert wird, weiter aufzuschieben bzw. die vorhandenen Bruchstücke zu ignorieren. Eine solche Selbstkritik müssen wir aber leisten, um unserer Hoffnung willen, ein besseres Leben für jede und jeden zur Grundlage eines besseren Lebens für alle zu machen.


1
Sie schlief nie ganz, sondern verharrte in einem Dämmerzustand, der kontinuierliche Prozesse der wechselseitigen Kritik über den Punkt der bloßen Darstellung von Unterschieden hinaus nur als Ausnahme kannte. Die Debatte um praktische und theoretische Kritik und die Rolle von Emotionalität in der Lirabelle #1-#7 soll hier aber nicht unterschlagen, sondern vielmehr ins Gedächtnis gerufen werden. Auch zu Vor- und Nachteilen der Polemik wurde in ihr einiges gesagt.

2
Nachzulesen unter http://bit.ly/2gze5E7

3
Nachzulesen unter https://clubcommunism.wordpress.com/2016/11/02/offener-brief-an-alota-pekari/

4
Nachzulesen unter http://stillnotlovinfriedolin.blogsport.de/2017/01/19/alota-2016-diskussionsstoff-im-nachgang/, Pekari hingegen antwortete bisher weder öffentlich noch nicht-öffentlich auf den offenen Brief (Stand: 14.03.).

5
Nachzulesen unter http://stillnotlovinfriedolin.blogsport.de/2017/01/19/antwort-der-referentinnen-auf-den-offenen-brief-von-cc-juri-japs/

6
Zu diesem Zweck werden auch alle strategischen Tricks der Delegitimierung des Offenen Briefs ignoriert, zumal jetzt auf der Basis der vorhandenen Texte diskutiert werden kann, statt auf der Basis einer Veranstaltung, von der es keinen Audiomitschnitt gibt. Einzig einer dieser Tricks muss ich noch – ich bitte im Voraus um Entschuldigung dafür – ansprechen: Mehrfach zu behaupten, die einzige Person der drei Gruppen (CC, JAPS, JURI), die bei der Veranstaltung anwesend war, sei „lange vor Ende“ der Veranstaltung gegangen, ist bei einer Veranstaltung, die 18:15 begann und von 18 bis 20 Uhr angekündigt war, fadenscheinig, wenn die Person um 19:45 ging (zu einem Zeitpunkt, wo die Referent_innen gerade eine Gruppenarbeitsphase ankündigten). Manche Leute haben auch noch andere Termine…

7
Zunächst war „Bricks and Baseball Bats“ die Überschrift dieses Artikels, dann wanderte es in die Zwischenüberschrift dieses Abschnittes, und jetzt ist es in die Fußnote verbannt, aus der Sorge, es könnte wie der Offene Brief als bedrohlich verstanden werden, und nicht als Verweis auf Woody Allens knappe Bestimmung der Grenzen der Aufklärung und der Notwendigkeit von Repression in seinem Film „Manhatten“ (siehe https://www.youtube.com/watch?v=ptxkVhDYog8).

8
Die Unterschiede und Zusammenhänge von falschem Bewusstsein, Ideologie und Wahn sind einführend ausführlicher ausgeführt in meinem Artikel ‚Material zur Kritik des Himmels‘ in Lirabelle #8

9
Auch wenn Antisemitismusprävention sich nicht in dieser Form der Aufklärung erschöpfen darf, sondern die Subjektform selbst, etwa in der Erziehung, in Angriff nehmen muss.

Wenn die Nacht am tiefsten ist…

Simon Rubaschow findet beim Schauen eines exiliranischen, feministischen Vamprifilms die Hoffnung auf die Möglichkeit der Revolution.

Die Begegnung der beiden Hauptfiguren in A girl walks home alone at night könnte das Ende des Films sein, und beim Zuschauen hatte ich Angst um Arash. Ein junger Erwachsener, Einwohner von ‚Bad City‘, einer Stadt die offensichtlich in der Islamischen Republik Iran liegt. Sein alleinlebender Vater ist heroinabhängig, Arash kümmert sich um ihn und seine Schulden, wodurch er sein von mühsam erspartem Lohn gekauftes Cabrio an den Dealer seines Vaters verliert. Dennoch hat er sich seine Unschuld bewahrt und träumt vom Glück der individuellen Freiheit, das zu realisieren er sich zu Beginn des Filmes nur als Imitation der Posen von James Dean vorstellen kann. Nach einigen Wendungen landet er nach einer Kostümparty unter Exctasy-Einfluss auf der Straße und wird von ihr aufgegabelt, der namenlosen jungen Vampirfrau. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung und legt eine Platte auf – To lose my life… von den White Lies – und er, allein mit einer Frau in einem Zimmer, nähert sich ihr. Anders als er wissen die Zuschauer_innen schon: Sie ist eine Vampirin, und ihre Opfer sind Männer, die Frauen gegenüber übergriffig geworden sind, kein Einverständnis eingeholt haben oder es ignorierten, und fragen sich, ob er sich beherrschen kann. Er kann, und das Bild verkehrt sich. Die Vampirin ist eine klassische Rachefigur, der Grund, warum der Film in der Rezeption weitgehend als feministischer Vampirfilm interpretiert wurde: Die übergriffigen Männer verbünden sich mit ihren Triebregungen und leben sie, gegen die Frauen, aus – die Vampirin tut ihnen gegenüber das gleiche mit ihren Trieben, die Penetration der Männer rächt sie, indem sie sie, qua Biss, penetriert und sie zum Objekt ihrer Lust macht. „The sky set out like a pathway/but who decides which route we take“ tönt die Stimme von Harry McVeigh, während die Zuschauer_innen beobachten, wie sie sich Arashs Hals nähert, und sich fragen, ob die Rache blind ist, keinen Zweck außer ihrer selbst kennt. Sie gibt ihrem Verlangen jedoch nicht nach, die Begegnung ist kein tödlicher One-Night-Stand, sondern die unmittelbare Triebbefriedigung am anderen als Objekt tritt für beide zurück hinter der Zuneigung zum anderen als Subjekt – „That’s why everything’s gotta be love or death“.

Der Film ist tatsächlich feministisch, nicht bloß wegen der praktizierten feministischen Rache im Film, sondern wegen der Verkehrung klassischer Rollenzuweisung. Er ist die unschuldige Hoffnung, die selbst unfähig ist, ihre Hoffnung unter den Bedingungen des schlechten Ganzen zu realisieren, sie ist die schuldbehaftete weil praktische Rache, selbst wiederum defizitär, weil sie nichts hat, wofür sie kämpft und tötet, nur ein wogegen. Derart sind sie beide aufeinander angewiesen. Eine Angewiesenheit, die ein Grund ist, weshalb die Liebe zur Überwindung der polarisierten Vereinzelung eine positive Perspektive ist. Die zwei anderen Gründe haben mit dem Vampirfilm und dem Iran zutun: Der klassische Vampir – Dracula oder Orlok – ist der verführerische Trieb, der junge bürgerliche Frauen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus ihrem Bett, von ihren Eltern oder ihrem Verlobten und in den Tod reißt. Eine männliche Projektion eigenständiger weiblicher Sexualität, die sich nicht der patriarchal-bürgerlichen Gesellschaft unterwirft, und damit die Frauen der Kontrolle der Männer entzieht.1 Im postfordistischen Kapitalismus und seiner postbürgerlichen Gesellschaft ist dieser Vampir veraltet, die Triebregulierung ist längst auch in das Innere des männlichen wie weiblichen Subjekts verlagert, und Interview mit einem Vampir von 1976 (Buch) bzw. 1994 (Film) zeigt diese Wandlung anschaulich: Der Vampir, Louis, kämpft nunmehr um die Beherrschung der eigenen Triebe und damit um seinen brüchig gewordenen Subjektstatus, den andere Vampire wie Lestat längst verloren haben. Die Aufgabe der Selbstkontrolle ist gleichzeitig verdammenswert und verlockend. Hinzu tritt jedoch ein weiteres Motiv: Die Entfremdung des Individuums von der Gesellschaft, die der Untote zu den Lebenden, zu denen er vormals gehörte, erfährt. In Vampirfilmen2 der letzten Jahre erfährt dieses Motiv eine erneute Verschiebung. Ist Louis noch ausweglos alleine mit seiner Entfremdung und seinen Trieben, gibt es nun Hoffnung, in romantischer Liebe die Vereinzelung zu überwinden. Der schwedische Låt den rätte komma in (2008), benannt nach dem Bob-Dylan-Song Let the right on slip in, Jim Jarmuschs Only lovers left alive (2013) oder eben A girl walks home alone at night (2014), deren Hauptfiguren allesamt weibliche Vampire sind3, gehören zu diesen neuen und allesamt exzellenten Vampirfilmen. Liebe deswegen, weil sie zugleich einen Ausbruch aus der Vereinzelung als auch die Option für eine selbstbestimmte, nicht bloß repressive Triebregulierung bietet. Sie bildet damit die Alternative zu der repressiv-patriarchalen Triebregulierung des Mullah-Regimes, aber auch zu der vereinzelnden Befreiung des westlichen Konsumliberalismus. Er wird in A girl walks home alone at night durch eine Tochter aus reichem Hause repräsentiert, die auf Kostümparties zu Techno feiert und deren Glück in einer Schönheitsoperation besteht, mit der sie ihre Nase an das westliche Schönheitsideal angepasst hat. Zu ihr steht die Schönheit der Vampirin in ebenso deutlichem Kontrast wie eine Szene – in der die Vampirin allein zu Dancing Girl von Farah tanzt, in dessen Refrain es heißt: „Männer stehen, Frauen tanzen, Ich beobachte“ – die Kostümparty und damit die ebenfalls sexistische westliche Alternative kontrastiert.

Eine zweite Szene am Ende des Films bildet einen ähnlichen Entscheidungsmoment. Arashs Vater, dessen sexuelle Lust gänzlich in seiner Heroinsucht sublimiert ist, meint eine Sexarbeiterin ‚beglücken‘ zu müssen. Für ihn tritt an die Stelle der phallischen Penetration die Penetration mit der Nadel, die männliche Allmachtsphantasie wird als Spender des Rauschglücks prozessiert, indem er ihr gegen ihren Willen Heroin injiziert – und wenig später von der Vampirin gebissen und dadurch ermordet wird. Arash findet dies heraus, als er, die Hoffnung, durch seine Liebe zu ihr zur Praxis gefunden, sie zur Flucht aus ‚Bad City‘ und in ein besseres Leben auffordert und bei ihr die Katze seines Vaters entdeckt. Er weiß um die Schuldigkeit seines Vaters, doch die offene Frage ist, ob er mit ihrer Schuldigkeit leben kann. Es spitzt sich letztlich die Frage zu, wie die Hoffnung auf ein besseres Leben zusammengeht mit der Notwendigkeit, dass die Praxis auf dem Weg dorthin notwendig befleckt ist von dem schlechten Ganzen, dem es zu entkommen gilt. Zieht sie sich von aller Praxis zurück, um ihre eigene Unschuld zu bewahren, wirft sie sich in die Praxis, wird selbst schuldig und verliert darüber die Hoffnung oder besteht die Möglichkeit, die Hoffnung und Praxis zueinander zu vermitteln ohne sie aufzulösen. In A girl walks home alone at night besteht diese Möglichkeit – die beiden verlassen in seinem wiedererlangten Cabrio die Stadt – in der Liebe, die damit eine Liebe als Anerkennung der bzw. des Anderen als Anderen ist. Sie ist der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Spannung, die auf ihre Aufhebung drängt, ohne sich einseitig auflösen zu lassen. Die Spannung aufrechtzuerhalten gelingt ihr, weil in ihr dem oder der Anderen mit Zartheit und Verlässlichkeit begegnet wird, die in Opposition sowohl zur bürgerlichen Kälte wie zum Eindringen- und Besitzen-Wollen steht. Und solange diese Spannung aufrechterhalten werden kann, bleibt das Bessere, die Revolution möglich – nicht nur im Iran.


1
Einzig Sheridan Le Fanu bringt es in Carmilla von 1872 diese Angst zum Ausdruck, ohne sie durch die Projektion der Triebe auf einen männlichen Vampir wieder zu maskieren. Bei ihm ist die männliche Angst vor einer eigenständigen weiblichen Sexualität in einer lesbischen Vampirin zugespitzt.

2
Und ich meine damit nicht die Filme, in denen Edwards, Selenes oder Erics, die als Vampire firmieren und die – selbst nach den ästhetischen Maßstäben der kulturindustriellen Produktion bloß miese – Action- oder Liebesfilme sind, sondern Filme, die das Motiv des Vampirs zu ihrem Gegenstand haben.

3
Tim Burtons misslungene Komödie Dark Shadows von 2012 arbeitet mit einem ähnlichen Motiv, hier ist der Vampir jedoch männlich.

Es ist zu spät, um nach Damaskus zu segeln

Simon Rubaschow spürt der Bedeutung von Wut, Angst und Traurigkeit für radikales Denken und revolutionäre Praxis nach. Der Autor ist Mitglied im Club Communism.

Zugegeben, beim ersten Lesen des Textes aus der letzten Lirabelle, der mit ‚L&M’ signiert ist, „Wer nicht wütend ist, kann nicht denken“ wurde ich wütend. Diese Wut nötigte mich, den Text an einem Stück zu lesen, ohne dass sie sich legte. Sie speiste sich aus dem Gefühl, ‚L&M’ übernehmen unredlich Argumente aus den Texten, die sie kritisieren und geben sie als Gegenposition aus, etwa wenn sie mit dem für ihre Argumentation zentralen Position der „Abhängigkeit der Theorie von der Praxis“ auch nicht mehr sagen, als jenes, was ich mit dem Fazit ausdrückte: „Theorie muss, wie schon erwähnt, von der Empirie ausgehen.“1 Ob es sich hierbei wirklich um unredliche Absicht handelte, wie mir meine Wut einflüsterte, wage ich zu bezweifeln – vielleicht ein erster Hinweis darauf, dass sich wütend nicht ganz so gut denken lässt, wie im zitierten Titel des Artikels behauptet.

Die Wut hielt nicht lange, ich las die Lirabelle als Frühstücksliteratur am 21. Dezember und befand mich in Hamburg. Und spätestens nachdem der Kaffee ausgetrunken war und ich mich auf dem Weg zum Auftaktort der Demonstration in der Schanze befand, dominierte ein anderes Empfinden mein Denken: Angst. Am Vorabend noch sachlich mit den Genoss_innen diskutiert, ab welchem Punkt der Demo-Route ein Polizeiangriff zu erwarten ist (ja, wir lagen alle falsch), vermischten sich auf dem Weg zur Demo schlechte Erinnerungen, Sorgen und Anspannung in unangenehmer Weise.

Beide Empfindungen hatten ihren Einfluss auf das Denken, und motivierten mich, der These „Wer nicht wütend ist, kann nicht denken“ zu widersprechen, die Folgen von ängstlichem und traurigem Denken zu betrachten und sie gegen ein wütendes Denkens und die ihm entsprechende Praxis zu stellen.

Zweifellos hat wütendes Denken auch einiges für sich. Gründe zur Wut gibt es in dieser Wirklichkeit mehr als genug, und Wut mag der Antrieb sein, diese schlechte Wirklichkeit abschaffen zu wollen. Auf der Suche nach einem Programm für die anvisierte Abschaffung befeuert die Wut die theoretische Erschließung der Wirklichkeit, ohne aus den Augen zu verlieren, dass es darauf ankommt, die Welt zu verändern, und nicht bloß zu verstehen. Sie treibt dazu, die Wirklichkeit zu durchdenken, bis in den letzten Winkel auszuloten und detailversessen ans Licht zu holen. Und nichts ist schlimmer, als eine gleichgültige Arbeit an der Theorie, wie sie bei akademischen Theoretiker_innen häufig vorhanden ist.2

Die gleiche Wut ist es aber auch, die sich als Antrieb der Theoriearbeit auf ihren Gegenstand ausdehnt, und wo Wut auf die Vernichtung ihres Objekts zielt, zielt es auch die wütende Theorie und ihr Programm der Abschaffungen. Die bestehende Welt wird, wütend betrachtet, zu einer Welt, die weg muss, sie ist die Katastrophe – und damit liegt die Wut richtig. Sie liegt damit aber auch falsch, insofern, als dass sie tendenziell über die Ablehnung des Bestehenden darüber blind wird, dass der Kapitalismus nicht die schlechteste aller möglichen oder auch nur aller historisch vorhandenen Welten ist, genauer: dass er es ist, der die Mittel seiner theoretischen und praktischen Kritik ebenso selbst produziert, wie das Potenzial zu seiner regressiven Abschaffung. Es geht schlechter als im Kapitalismus – dafür ist ein wütendes Programm der Abschaffungen blind.

Diese Blindheit hängt damit zusammen, dass es der Wut mit ihrer praktischen Verwirklichung dringlich ist, das ist ihre Stärke wie Schwäche, denn, so konstatieren L&M zutreffend, unter Eile, wenn „man ständig […] gehetzt wird […] dann kann sich kein richtiger Gedanke entwickeln.“

Eine Schwäche, die die Wut mit der Angst teilt. Auch ängstlich ist das eigene Denken ein gehetztes. Anders als das wütende ist das ängstliche Denken aber ein grundlegend defensives; sie zielt nicht zwingend auf die Vernichtung ihres Objekts, sich ihm zu entziehen, genügt ihr. Ihr Objekt teilt sie sich mit der Wut, die Zumutungen da draußen, aber auch – da das ängstliche Denken, wohl stärker als die Wut, auf eine_n selbst gerichtet ist – als Selbstmisstrauen. Es erschließt in seiner Angst das eigene Denken und Fühlen, auf das die Wut sicher aufbauen muss, um sich auf die Welt zu richten und diese zu zerschlagen als zutiefst von der schlechten gesellschaftlichen Normalität durchdrungen. Wo die Wut den eigenen Subjektstatus affirmiert und seine Kraft nutzen will, hinterfragt die Angst seine Formation (in meinem Fall als weißes, männliches Subjekt) als Teil des Schlechten und die Bedürfnisse dieses Subjekts als gesellschaftlich produzierte, nicht per se zu befreiende. Das ängstliche Denken macht sich auch die eigene Praxis zum Gegenstand des Misstrauens, was nicht nur, aber auch berechtigt ist, da sie als Teil des schlechten Bestehenden eine spezifische Eigenlogik entfaltet. Praxis, die auf die Revolution zielt, zielt auf die Abschaffung aller Macht über Menschen, gleichzeitig weiß sie aber darum, dass die Revolution (und schon die Verteidigung des Bestehenden gegen noch schlechteres) kein Hinüberträumen ist, sondern sich im Kampf um gesellschaftliche Macht konstituiert. Diese notwendig auch machtförmige Praxis tendiert dazu, über ihre Eigenlogik ihr konträres Ziel zu verdrängen, Angst hiervor ist notwendig.

Ängstliches Denken nötigt zum ständigen Hinterfragen der eigenen Praxis, damit wird sie eine schüchterne, vorsichtige Praxis. Dort, wo das wütende Denken voranspringen lässt, ist sie tastend. In dieser Vorsicht liegt die Gefahr, aus dem ängstlichen Denken ein Programm der Abwehr abzuleiten, dass die Angst vor dem Schlechteren zum Ausgangspunkt nimmt. Die Abwehr des Schlechteren ist notwendige Vorbedingung jeder revolutionärer Praxis, und in Zeiten der eigenen Ohnmacht häufig die letzte verbleibende vernünftige Option. Dennoch ist sie selbst kein Mittel, einen Zustand ohne Angst herbeizuführen. Zieht sich die Praxis auf ein Programm der Abwehr zurück, stellt sie die Angst auf Dauer.

Gegenteilig zu diesen beiden gehetzten Empfindungen ist eine dritte zu bestimmen, zu der diese Welt andauernd nötigt: die Traurigkeit.

Traurigkeit über das, was verloren ist und auch immer verloren bleiben wird. Die eigenen Beschädigungen und die von ihnen hinterlassenen leiblichen und seelischen Narben, die einen ungeachtet der eigenen Wünsche und Bedürfnisse bis an das Lebensende begleiten und belasten werden. Traurigkeit über die verlorenen Freund_innen und Genoss_innen, die ihre Beschädigungen nicht bis hierhin überstanden haben, die allzu früh gestorben sind. Traurigkeit über die Beschädigungen derer, die es schlimmer als einen selbst erwischt hat, denen ihr Leben lang ihre Zeit und Energie dabei ausgeht, mit ihren Ängsten, Erinnerungen, den bürokratischen Hürden von Krankenkassen & Betreuungsrecht und dem Psychiatriealltag leben zu müssen. Traurigkeit auch ob der verlorenen Revolutionen, den Revolutionären, von denen hier und dort Spuren zeugen, doch deren revolutionäre Praxis es nicht vermochte, die kapitalistische Totalität zu sprengen, die im Kampf darum erschossen wurden, in Knästen oder arm im Alter starben. Und das die Traurigkeit transzendierende, jenseits ihrer Grenzen liegende, grauenhafte Unverstehen vor Auschwitz.

Aus einem Denken dieser Traurigkeit und dem Denken der Grenzen der Traurigkeit selbst könnte die trügerische Hoffnung eines Programms der Rettungen oder zumindest der Rächungen resultieren. Aber auch die Rache restituiert das Verlorene, restituiert die Verlorenen nicht oder erreicht sie auch nur. Was trauriges Denken stattdessen für die Praxis bedeutet, ist, zu wissen, dass der Verlust in sie unlöschbar eingeschrieben ist. Die Revolution kann nur noch eine beschädigte, verspätete, unzureichende sein. Wir sind schon zu spät. Praxis selbst wird so zu einer traurigen, sie wird zur Trauerarbeit. Derart traurig kann die Praxis in sich aufnehmen, was dem wütenden Programm der Abschaffungen ebenso wie dem ängstlichen Programm der Abwehr tendenziell entgeht: Es so zu lassen, wie es ist, ist Komplizenschaft mit der Gewalt, alles zu zerschlagen, liefert uns aber ebenso an sie aus. Die Trauerarbeit liefert stattdessen die Vorlage für ein Programm der Aufhebung: Sie zielt darauf, die Trauer zu überwinden ohne das Verlorene zu vergessen, umgekehrt gelingt ihr die Überwindung der Trauer nur durch die Bewahrung des Andenkens an die Verlorenen. In revolutionärer Praxis wird diese Aufhebung jedoch immer eine unvollständige bleiben. Hegels versöhnte Synthese ist für immer verloren, die Traurigkeit wird uns auch in einer befreiten Gesellschaft nicht verlassen.

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1
Hier ließe sich eine ganze Liste anschließen, von inhaltlicher Zustimmung, die als Kritik ausgegeben wird, beispielsweise, „dass das Verhältnis von Theorie und Praxis in dem Moment prekär wird, in dem es keine machtvolle Revolutionäre Bewegung gibt“ (L&M), das dem tendenziellen Abstraktwerden von Praxis und Theorie entspricht. Von falschen Behauptungen, etwa die Aussage, ich hätte von „aufhebender“ Theorie geschrieben – was ich absichtlich nicht tat oder tun würde und falschen Unterstellungen, wie der, die von L&M kritisierten seien Praxisfeinde. Aber auch schlichte Wiederholungen von Positionen aus der ersten Lirabelle, etwa dass man, wenn „man Praxisversuche kritisiert […] dabei ein paar Vorschläge machen [sollte], was man stattdessen tun könnte.“ (L&M). Dieser Zwang zur konstruktiven, strategischen Kritik wird nicht richtiger, indem er wiederholt eingefordert wird – und L&M’s Vorschläge, die folgen, beschreiben zwar zutreffend den traurigen Alltag der radikalen Linken, aber keine revolutionäre Perspektive. Wohl dementsprechend ist von Auschwitz und der Bedeutung dieses Bruchs mit jeder einfacher Hoffnung auf Revolution, wie sie die AAI in der zweiten Lirabelle ausführte, bei L&M zügig abgehandelt, damit weiter schlicht postuliert werden kann: „Der Klassenkampf ist zu organisieren.“

2
Deren emotionale Gleichgültigkeit sich wiederum aus der Tatsache speist, dass es sich für sie bei der Theorie um Lohnarbeit, also ihr entfremdetes und entfremdendes Mittel zur individuellen Reproduktion handelt, dessen affektive Besetzung nur die eigene Ausbeutbarkeit ins gesundheitsschädliche steigern würde.

„Solidarität und Selbstorganisation“ – Griechenland in der Krise: Ein Reisebericht.

Von: Caro, Franzie, Kristin und Lisa.

Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, Generalstreiks ohne Ende, anarchistischer Widerstand, Troika, Proteste, Goldene Morgenröte, rassistische Überfälle – die Krise in Griechenland ist seit 2008 in aller Munde. Häufig bedienen sich deutsche Medien bei der Berichterstattung jedoch nationalistischer und rassistischer Klischees, nicht zuletzt um Deutschland als „Zahlmeister Europas“ und eigentliches Opfer zahlreicher Krisenerscheinungen zu inszenieren: Von den „Pleite-Griechen“ ist dann unter anderem die Rede, denen „Bestechung, Korruption und Steuerhinterziehung […] offensichtlich in Fleisch und Blut“ übergegangen sei, so titelte ein großes Wochenmagazin vor ein paar Jahren.
Doch zum Glück gibt’s auch andere Informationsquellen! Mit diesem Reisebericht wollen wir aus unserer Sicht berichten, zum Fragen und Nachdenken anregen sowie den Klischees und Lügen, die vielerorts über die Menschen in Griechenland und ihre Situation verbreitet werden, unsere Solidarität mit ihren, also unseren, Kämpfen in Thessaloniki und Halkidiki entgegensetzen!

Auf nach Griechenland! Oder: Da muss man doch was tun!

Die Anregung zur Reise gaben das DGB-Bildungswerk Thüringen, die DGB-Jugend Thüringen und die Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen. Sie haben vom 28. Oktober bis 3. November 2013 eine Bildungsfahrt nach Thessaloniki organisiert. Ziel ist es, sich vor Ort ein Bild von den Auswirkungen der Krise auf die Arbeits- und Lebensbedingungen in Griechenland zu machen und sich gegenüber den Menschen solidarisch zu zeigen.
Anfang September 2013 steht der Reiseplan vorerst fest: Auf dem Vorbereitungswochenende treffen wir, siebzehn politisch aktive Leute aus Thüringen, zu einem kurzen Kennenlernen zusammen, um uns auf die Reise einzustimmen und uns gegenseitig zu informieren: Was wissen wir schon über Griechenland, seine Geschichte, die aktuelle Lage etc. – oder vielmehr, was wissen wir nicht? Gemeinsam entwerfen wir eine Vorstellung davon, was uns erwarten könnte.
Obwohl wir im Groben ähnliche Erwartungen haben, zeigt sich schnell, dass der jeweilige Fokus ein anderer ist, denn hier treffen Menschen aus verschiedenen politischen Spektren aufeinander, die sich sonst wohl nicht in dieser Form begegnen würden: Gewerkschaftler*innen, Linksradikale, Anarchist*innen, Medienaktivist*innen, Die Linke-Mitglieder usw. Manche äußern bereits jetzt Bedenken: Ob das gut geht?

Eine Woche Thessaloniki…

Am Montag, dem 28. Oktober ist es so weit. Es ist noch sehr früh am Morgen und viele sind müde, aber auch aufgeregt. Nach einigen Stunden im Zug und Flugzeug kommen wir am Nachmittag am Flughafen Thessaloniki an. Kaum dass uns die Sonne entgegen scheint, wird uns klar: All die regenfesten Klamotten werden wir hier doch nicht brauchen – es ist Ende Oktober noch Sommer! Am Flughafen wird die Reisegruppe „Solidarität und Selbstorganisation“ von Ralf abgeholt. Er pendelt seit nun fast 20 Jahren zwischen den anarchistischen Szenen in Thessaloniki und Frankfurt am Main hin und her. Für die nächsten Tage wird er unser idealer Reisebegleiter und vor allem Übersetzer sein. Ob er bei der Ankunft schon ahnt, was da alles auf ihn zukommt?
Per Bus geht es für uns erstmal weiter durch Vororte und verstaubte Industriegebiete, bis wir in der Innenstadt von Thessaloniki ankommen. Die zweitgrößte Stadt Griechenlands hat enorme Ausmaße – mindestens im Vergleich zu Erfurt. Mit dem Gepäck auf dem Rücken laufen wir zu unserer Unterkunft, die uns in gewisser Weise überrascht: Jegliche – durchaus auf Erfahrung beruhende – Klischees über Zustand und Lage besetzter Häuser gelten hier nicht! Wir schlafen im luxuriösesten Squat der uns bislang bekannten Squat-Welt: direkt in der Innenstadt, unweit des Hafens an der Strandpromenade. Nachdem Gepäck und Menschen auf vier Etagen verteilt sind, treffen wir uns auf der Dachterrasse wieder und genießen während des Ankunfts-Plenums den Blick auf Meer und Sonnenuntergang.
Heute ist griechischer Nationalfeiertag und wir erfahren, dass die Militärparade am Vormittag – anders als 2011 – ohne größere Gegenproteste stattfand. Auch die von den Häuserdächern und zahlreichen Balkonen wehenden griechischen Flaggen zeigen leider mehr als deutlich, dass Patriotismus und Nationalismus auch hier weit verbreitet sind.
Dennoch geht’s nochmal vor die Tür. Die Cafés und Bars an der Strandpromenade sind brechend voll mit jungen Menschen. Sie gehören schätzungsweise zu derjenigen Altersgruppe, in welcher die Arbeitslosigkeit mittlerweile bei fast 60% liegt. Wir verbringen den ersten von vielen noch folgenden sehr netten Abenden im selbstverwalteten Zentrum Mikropolis.

Erste Eindrücke

Am nächsten Morgen unternehmen wir mit Ralf nach dem gemeinsamen Frühstück auf der Dachterrasse eine Stadtführung durch Thessaloniki. Die Hafenstadt mit etwa 900.000 Einwohner*innen begeistert uns mit ihrem Charme: Überall schmücken Graffitis, Stencils, Plakate und Sticker die laute und luftverschmutzte Industriemetropole. Viele Menschen sind draußen auf den Straßen – verkaufen bunte Zuckerwatte oder Armbänder, sitzen in den Cafés und genießen das warme, sonnige Wetter. Ebenso haben einige sichtbare Auswirkungen der Krise das Stadtbild verändert: Obdachlose Menschen kreuzen unseren Weg und viele kleine Geschäfte haben die Rollläden für immer geschlossen.
Der Stadtrundgang beginnt am Aristoteles Boulevard, wo wir ungewollt einen großen Schwarm Tauben aufscheuchen und die ersten großen, scheinbar gut integrierten Straßenhunde sichten. Wir befinden uns direkt im ehemaligen jüdischen Viertel, welches 1917 durch einen Großbrand größtenteils zerstört wurde. Von hier ist auch das wohl berühmteste Wahrzeichen Thessalonikis zu sehen – der weiße Turm. Er ist der letzte Überrest einer alten Festung und war im Osmanischen Reich als besonders grausamer Knast berüchtigt. Heute schmückt dieser Turm 95% aller erhältlichen Postkarten.
Weiter geht’s zum Markt, auf dem es laut, wuselig und geruchsintensiv zugeht. Ganze Hallen voller Fleisch, Fisch, Feta, Oliven und Heiligen-Nippes liegen vor uns. Bei den Marktpassagen zeichnet sich bereits ab, dass es in den nächsten Jahren wohl zu einer Veränderung des Stadtteils hin zum Kneipenviertel kommen wird, welches sich vom Hafen her ausdehnt. Beim Zwillen-Kauf um die Ecke wird ein Mitglied der Reisegruppe von einem Straßenhändler beauftragt, Merkel auszurichten, dass sie die Leute in Griechenland in Ruhe lassen soll! Danach wird von einem Beistehenden noch lachend hinterhergeschoben, wir sollten uns von der Politik nicht stressen lassen und unsere Reise genießen.
Auf dem Weg in die auf einem Hügel liegende Altstadt kommen wir an den Ruinen der Markthallen aus altgriechischer Zeit vorbei. Dahinter liegt das „Arbeiterzentrum“ (Gewerkschaftshaus). Riesige Wohnblöcke, die einen Großteil der Architektur Thessalonikis ausmachen, rahmen das Bild. Oberhalb der Straße Olympiados erreichen wir schließlich die Altstadt und das ehemalige türkische Viertel. Im Zuge des griechisch-türkischen Krieges (1919-1922) fand 1920/21 ein Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei statt: Die türkischsprachigen Bewohner*innen des Viertels mussten Griechenland verlassen und griechische Flüchtlinge aus der Türkei wurden hier angesiedelt. Die Geschichte dieses Stadtteils ist nicht zuletzt auch eine Geschichte des Widerstands, wie uns Ralf berichtet. Von dem ehemaligen Arbeiter*innenviertel gingen 1936 wilde Streiks und bewaffnete Aufstände aus. Die Stadt war drei Tage in Arbeiter*innenhand, bevor der Aufstand von Armee und Marine niedergeschlagen wurde.
Auch in jüngster Vergangenheit findet sich Widerstand. In der Altstadt gab es zahlreiche Hausbesetzungen, die oft mit Kämpfen von Stadtteilinitiativen zur Instandhaltung des historischen Viertels verknüpft waren. Ein Beispiel ist die „Schwarze Katze“, heute eine stille Wohnbesetzung. Die meisten Auseinandersetzungen wurden jedoch größtenteils verloren – inzwischen stehen nur noch wenige ältere einstöckige, kleine Häuser zwischen den neuen, großen Mehrfamilienhäusern. Auch hier fehlt es nicht an Graffitis.
Auf dem Hügel angekommen, erreichen wir schließlich die alte Stadtmauer. Seit einigen Jahren werden Häuser, die zu nahe an dieser Mauer stehen, abgerissen: Eine kleine Parkanlage soll die Ruine für Tourist*innen attraktiver machen. Einige der zerfallenden Häuser sind u.a. von Roma individuell besetzt – sie werden sichtbar diskriminiert.
Nach dem anstrengenden Gang durch die Stadt verdauen wir schließlich im Restaurantkollektiv Kazani die ersten Eindrücke sowie Unmengen an köstlichem Fleisch, Feta und Gemüse.

Ein volles Programm!

Die nächsten Tage sind wir fast pausenlos unterwegs. Das ursprüngliche Programm – ein Besuch im jüdischen Museum Thessalonikis, im sozialen Zentrum Mikropolis und in der besetzten „Schule zur Erlernung der Freiheit“, im besetzten Radio- und Fernsehsender ERT 3, in der selbstverwalteten Fabrik Vio.Me, in der sozialen Krankenstation der Solidarität, im Gewerkschaftshaus Thessalonikis und bei Aktivist*innen gegen den geplanten Goldabbau in Halkidiki – wird durch die Initiative einiger Mitreisenden noch um die Teilnahme an einem Gewerkschaftstreffen für Nordgriechenland zur Planung des 36. Generalstreiks am 6. November 2013 und um einen Besuch bei streikenden Arbeiter*innen vor der CocaCola-Fabrik ergänzt. (Entschuldigt bitte den letzten Satz. Dieser erschlägt sicherlich fast ebenso sehr wie unser Reiseprogramm!)
Schließlich nehmen das ständige Koordinieren, die Planung des Tagesablaufs, die Treffpunkt-Vereinbarung, das gemeinsame durch-die-Stadt-Laufen noch einiges an Zeit und Nerven in Anspruch (so zum Beispiel die leidige Frage, ob wir kollektiv oder individuell frühstücken wollen). Dabei ist vor allem ein Zusammenhang zwischen großem Hunger und absolutem Genervt-Sein zu beobachten. Aber ebenso beschäftigt die Gruppe das nette Abendprogramm, das gute Mittagessen, individuelle Stadterkundungen zur Frühstückszeit und ein (hart erkämpfter) freier Nachmittag.

Auswirkungen der Krise und Austeritätspolitik

Im Gewerkschaftshaus (und allgemein in den nächsten Tagen) erfahren wir Näheres über die aktuelle Situation Thessalonikis: Die Arbeitslosigkeit liegt inzwischen bei etwa 30% – die Jugendarbeitslosigkeit ist deutlich höher. Von der Arbeitslosenquote jedoch nicht erfasst sind Menschen, die ebenso prekär leben. Beispielsweise diese, die mindestens zwei Stunden in der Woche arbeiten oder jene, die seit oft vielen Monaten keinen Lohn ausgezahlt bekommen haben. Vor allem Letzteres ist ein Phänomen, das seit Beginn der Krise viel häufiger zu beobachten ist. Neben der steigenden Arbeitslosigkeit tragen u.a. höhere Steuern, höhere Eigenbeteiligung bei Kosten der Gesundheitsversorgung, gestiegene Energiepreise und gesunkene Reallöhne zur Gefährdung der materiellen Existenz vieler Menschen bei. Die meisten Menschen kommen wohl durch die Unterstützung von Familien und sozialen Netzwerken über die Runden, leben von Erspartem oder machen Schulden. Doch diese Arten der prekären Elendsverwaltung können nicht ewig Bestand haben. Nicht nur die materiellen Ressourcen der Menschen kommen an ihre Grenzen – neben der erstmals in dieser Krise auftretenden Obdachlosigkeit hat die Suizidrate deutlich zugenommen.
Auf die alltäglich erfahrene Ohnmacht wird auf unterschiedlichste Weise reagiert: Der Aufstieg der Neonazi-Partei Goldene Morgenröte sowie die Zunahme rassistischer und antisemitischer Ressentiments sind sicherlich ebenso eine Auswirkung der Krise wie einige der von uns besichtigten teilweise neu entstandenen, selbstverwalteten Projekte.

Gewerkschaften in der Krise?

Auch die Gewerkschaften sehen sich in Anbetracht der Krise vor erhöhten Schwierigkeiten, der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung etwas entgegenzusetzen: Arbeitnehmer*innenrechte haben sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert, die Mitgliederzahlen sind im Zuge der Krise gesunken, zudem gibt es keine Organisierung der Arbeitslosen. Bei der Planung des 36. Generalstreiks in Griechenland seit Beginn der Krise wird diskutiert, inwieweit Generalstreiks (noch) eine sinnvolle Aktionsform darstellen (zumal die Zahl der sich am Streik Beteiligenden stetig abnimmt). Als wir streikende Arbeiter vor der CocaCola-Fabrik besuchen, die gegen die Verlegung des Produktionsstandortes nach Bulgarien protestieren, werden wir zwar herzlich mit Bier, Pepsi-Cola, Souvláki und Gewerkschaftgeschenken empfangen, doch auch hier ist die Stimmung gemischt: Man ist kämpferisch, aber es ist unklar, wie lange der Streik noch ausgehalten werden kann und vor allem welche Erfolge realistisch erzielt werden können.

Ansätze und Vernetzung selbstverwalteter Projekte

Anlauf- und Ausgangspunkt unserer Aktivitäten ist immer wieder das soziale Zentrum Mikropolis. Der Name Mikropolis – die “Stadt im Kleinen” – kommt nicht von ungefähr: Unter einem Dach finden sich dort Kneipe, Küche, Kindergarten, Bibliothek, Bioladenkollektiv, Sportraum, Copyshop, Umsonstladen und Plenumsraum. Alle hier versammelten Projekte praktizieren direkte Demokratie durch gemeinsame Basisentscheidungen und Konsensfindung. Vor fünf Jahren aus den Protesten im Dezember 2008 heraus entstanden, ist das selbstverwaltete Zentrum heute in regem Betrieb.
Anarchistische selbstverwaltete Projekte wie das Mikropolis haben im Rahmen der Krise einen kleinen Aufschwung erlebt. Viele Projekte, Kämpfe und Initiativen, wie das soziale Krankenhaus, die besetzte Schule und die massiv von Repression betroffenen Umwelt-Aktivist*innen in Halkidiki, sind über das Mikropolis miteinander vernetzt. Es gibt einige Menschen, die in selbstverwalteten Projekten eine Alternative zur Ohnmacht des Krisenalltags erkennen. Ein weiteres Beispiel sind die Arbeiter und eine Arbeiterin der Vio.Me-Fabrik. Der seit Monaten nicht gezahlte Lohn und die angekündigte Schließung des eigentlich rentablen Unternehmens wurden zum Auslöser einer schrittweisen Aneignung der Fabrik durch die Belegschaft selbst. Inzwischen organisieren etwa 40 Arbeiter*innen gemeinsam die neu entwickelte Produktion von Reinigungsmitteln allerlei Art. Unterstützung haben die Fabrikbesetzer*innen vor allem durch die anarchistische Szene Thessalonikis und die linke Partei Syriza erfahren. Mittlerweile existiert ein griechenlandweites Solidaritätsnetzwerk, das nun auch erste internationale Kontakte für einen möglichen, zukünftigen Vertrieb liefert – aber vor allem Kraft für den täglichen Kampf. Bei der gemeinsamen Besichtigung der Fabrik ist trotz aller Schwierigkeiten der Stolz auf das Erreichte und Abgewehrte nicht zu übersehen: „Willkommen in UNSERER Fabrik“, werden wir anfangs begrüßt.

Was bleibt…

Sechs Tage Thessaloniki – sechs Tage voll mit Eindrücken, Menschen, Geschichten, Schicksalen, Hoffnungen, Wut, Kampf und dem brennenden Wunsch nach Veränderung. So unterschiedlich unsere Reisegruppe auch war – das Gehörte, Gesehene und Gefühlte hat uns alle verändert und in jedem Fall tief berührt. Das Gepäck ist gefüllt mit Seife von Vio.Me, Postern vergangener Aktionen, Schnaps der Streikenden bei Coca-Cola und Gesten der Verbundenheit. Bei unseren Begegnungen haben wir viele bewundernswerte Menschen kennengelernt. Sie alle versuchen auf verschiedene Weise, den Ohnmachtserfahrungen des kapitalistischen Alltags etwas aktiv entgegenzusetzen. Durch die Auswirkungen der Krise und die europäische Austeritätspolitik hat sich dieser von Härte gezeichnete Alltag noch weiter verschlimmert. Wie lange die Genoss*innen durchhalten wissen sie selber nicht, aber sie geben nicht auf. Die Erfahrung, dass Menschen an anderen Orten ähnliche Kämpfe und Auseinandersetzungen führen, aber auch die erlebte Kraft und Solidarität hat bei uns im ersten Moment für Euphorie gesorgt, letztlich aber ebenso für viel Mut zum Weitermachen.
Dabei handelt es sich mit diesem Reisebericht jedoch zunächst um einen ersten Einblick. Ebenso bleiben nach der Reise noch viele Fragen offen – nicht zuletzt, weil während der Reise kaum Raum für Reflexion blieb: Was ist aus den Reaktionen der griechischen Genoss*innen auf die aktuelle Sparpolitik der EU und die Krise insgesamt zu lernen? Was ist das Verhältnis von Krise, Ohnmachtserfahrung und nationalistischem, rassistischem und autoritärem Gedankengut? Wie sieht es in Griechenland mit Antisemitismus und Verschwörungstheorien auch in der Linken aus? Welche Möglichkeiten haben Gewerkschaften in der Krise? Welche Chancen haben – trotz massivem Zuwachs während der Krise – marginale Projekte der Selbstverwaltung und welche Schwierigkeiten gibt es dabei? Wie lassen sich die Projekte auf sinnvolle Weise in Deutschland unterstützen? Und vor allem: welche gesellschaftlichen Alternativen tun sich zum gegenwärtigen Kapitalismus auf?
Wir freuen uns darauf, dies und vieles anderes mit euch (auch in den nächsten Ausgaben der Lirabelle) zu diskutieren! Bis dahin bedanken wir uns nochmal bei den Genoss*innen in Griechenland und Deutschland für die eindrucksvolle Reise.