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Mittelmeerromantik

Karl Meyerbeer hat sich eine Schallplatte der Kellerasseln angehört und angesehen.

Mittelmerromantik: am Strand liegen, in der Sonne baden, aufs Wasser schauen – sein, nur sein, statt einem Zweck zu folgen. Auf dem Titelbild der gleichnamigen Schallplatte ist vor dem Hintergrund des Meeres grauer Bodenbelag und eine Reling zu sehen. Vielleicht ein Ufer, vielleicht ein Schiff, auf jeden Fall sehr aufgeräumt und gerade. Am Rand stehen drei Gestalten und schauen aufs Wasser. Vor allem die mittlere Gestalt ist kräftig, sie steht breitbeinig da. Ist das Mittelmeerromantik oder hält sie ein Fernglas in der Hand und sucht das Wasser nach feindlichen Schiffen ab? Auf der Rückseite der Platte sehen wir ein überfülltes Schlauchboot im weiten Meer.

Mittelmeerromantik: „Die einen fahren gemütlich in den Urlaub nach Süden und die anderen ersaufen beim Versuch, ein bisschen Glück im Norden zu erhaschen.“

Die drei Gestalten auf dem Plattencover sind Uwe, Steppl und Keller von der Punkband Kellerasseln. Als ich zum ersten Mal eine Schallplatte von den Kellerasseln aufgelegt habe, ist mir nicht aufgefallen, dass ich den Plattenspieler hätte auf 45 Umdrehungen pro Minute stellen müssen. Auch mit 33 UpM ist die Musik wahnsinnig schnell, dauern die Lieder nur eine Minute. Live ist das sehr beeindruckend – die Spannung zwischen dem hochkonzentriert um sich schlagenden Schlagzeuger und dem aggressiv schreienden Keller wirkt körperlich auf mich. Weil man die Texte nicht versteht, werden Textblätter ausgeteilt.

Mittelmeerromantik: Auch in der neuen Schallplatte gibt es Textblätter, Text- und Bildblätter. Die Kellerasseln in einer wilden Küstenlandschaft, vor einer Kathedrale, in einer Burgruine, in einer orientalisch anmutenden Stadt. Wie kommen die drei eigentlich raus aus der privilegierten Lage, gemütlich im Urlaub zu sein? Materiell kommen sie natürlich gar nicht raus. Sie haben alle Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, nicht „im falschen Land geboren“ zu sein. Aber sie legen über die Grundierung ambivalenter Bilder eine Textur aus Wut und Kritik: „Arme Eltern oder im falschen Land geboren? Scheißegal, hier sind wir alle gleich. Los geht’s, in die Hände gespuckt, hier ist jeder sein eigenes Produkt. […] Manche müssen sich eben ein bisschen mehr anstrengen, um so gleich zu sein wie die anderen.“

Warum klingen Redebeiträge, die Leistungsideologie und Rassismus in einen kapitalismuskritischen Rahmen stellen dagegen so langweilig? Noch ein Beispiel: „Rums – 150 Tote auf einen Schlag und leider auch noch die falschen. […] Dabei war das noch nichtmal die falsche Entscheidung, denn in Deinem Job gibt es keine richtigen.“ So kommentiert eine Punkband die Opfer eines Bundeswehr-Oberst klüger als 100 Politiker_innen. Die Kellerasseln waren eine Art Hausband des ehemals besetzten Topf & Söhne-Gelände in Erfurt, auch das wird auf der Platte verhandelt: „Ein paar Jahrzehnte Verdrängung und jetzt gibt’s Erinnerungsorte, Museen und Guido Knopp. Das reicht dann aber auch für die Rückkehr zur Normalität. Nationalstolz, Exportweltmeister und Weltmacht und mit gutem Gewissen lässt sich‘s auch besser Krieg führen. Aus Auschwitz lernen, heißt moralisch Siegen lernen.“ Wer Hardcore-Punk mag, wird die Musik mögen. Einer, der sich damit auskennt, meinte: „Trümmerpogo fasst es eigentlich ganz gut“. Ich schaue mir die Bilder an, stelle die Platte ins Regal und freue mich beim nächsten Konzert wieder darüber, mit wie viel Reflexion und Kritik die Wut und Aggressivität der Kellerasseln verwoben ist.


Alle Zitate aus der 7‘‘ „Mittelmeerromantik“ der Kellerasseln, erhältlich über Trümmerpogo oder Sengaja Records.

„high fives for low lifes“

Für die Rubrik „Plattenkritiken“ haben wir einen neuen Autor gewinnen können und überschreiten damit auch die bisherigen musikalischen Grenzen der Lirabelle. Nino schreibt sonst für das TrveFrykt-Zine. Aus Liebe zum Krach gibt’s unter dem Motto „high fives for low lifes“ Rezensionen, Interviews, Kolumnen und Terminankündigungen zu Black / Death Metal, Doom, Crust und Noise zu lesen. Viel Spaß und hört mal rein!

Von Drakus – The Black Gate

Das Gießener Hardcore Punk-Quartett Von Drakus hat knappe drei Jahre nach ihrem letzten Release einen neuen Tonträger veröffentlicht. Mit „The Black Gate“ haben die Hessen ein hochwertiges und äußerst lohnenswertes Album rausgehauen. Gefüllt mit acht düsteren Songs, wird hier jeder Liebhaber von 80er Jahre Hardcore Punk á la Hammerhead auf seine Kosten kommen. Allein schon der Opener, welcher das einzige, deutschsprachige Lied ist, lässt das Herz des Hörers höher schlagen. Bitterkaltes Riffing, wiedererkennbare Melodien, ein hämmerndes Schlagzeug und finstere, angepisste Vocals, ein beinahe perfektionierter Mix den Von Drakus hier an den Tag legen. Textlich bewegt man sich zwischen Verzweiflung, Selbsthass und Wut auf die Welt und ist sich treu geblieben. Im Vergleich zu den beiden älteren Veröffentlichungen, wird auf „The Black Gate“ mehr Abwechslung und eine deutlich dunklere Atmosphäre geschaffen. Einen physischen Tonträger des Albums gibt es bisher noch nicht, digital kann man sich die Scheibe via Bandcamp gratis downloaden.

Battra – Asozial seit Tag 1!

Das Pennerviolence Duo um Battra aus Halle an der Saale hat die von mir sehnlichst erwartete EP „Asozial seit Tag 1!“ released. Die beiden sind bekannt dafür mit einer Menge Humor, grandiosen Samples und klasse Videos daherzukommen. In der Promophase der EP ging es heiß her, denn Battra machten sich über das identitäre Gehabe in der deutschen Black Metal-Szene lustig.
So entwarf man extra ein neues Logo, welches ganz in Black Metal-Manier unleserlich ist und eher Rotz im Taschentuch ähnelt. In den Videos posieren sie mit Corpsepaint und düsterer Miene – dank super scharfen Pfefferminzkaugummis. Die Lyrics der Band sind wiederum vollgepackt mit Hass auf die Gesellschaft und sich in ihr wohlfühlender Individuen. Doch auch musikalisch sind Battra nicht zu unterschätzen, denn eine überzeugende Mischung aus schnellem, wütenden Powerviolence, gepaart mit Samples und einer kleinen Prise Punkrock macht einiges her.
Die EP ist auf 100 Stück limitiert und kann über BLSN.WRST Records bestellt werden. Wem die digitale Variante reicht, der kann sich über Bandcamp das Ganze für umsonst laden.