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Hartmut Balzke – Opfer rechter Gewalt

Wenn überhaupt darüber gesprochen wurde, dann nur ungern und unter vorgehaltener Hand. Der sogenannte Triftstraßen-Mord oder Punker-Mord war lange Zeit eine nicht greifbare Erzählung. Die nun in diesem Jahr zur Erinnerung an den Mord an Hartmut Balzke stattfindende Veranstaltung von ezra (Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen) brachte Aufklärung. Doch warum bekam dieser rechte Mord keine Öffentlichkeit – nicht mal in den engen subkulturellen und linksradikalen Zusammenhängen? Es herrscht ein Schweigen, das durchbrochen werden muss. Wie das zu schaffen ist, müssen sich viele fragen lassen. Eins steht fest, wir dürfen nicht vergessen. Einer von uns wurde schwer verletzt, einer von uns ist tot. Ein Bericht von Eva.

Was geschah am 25. Januar 2003?

Hartmut Balzke besucht im Januar 2003 seinen Sohn in Erfurt. Den Abend des 25. Januar verbringen sie bei einer bekannten Punker-WG im Erfurter Norden. Dirk Q. und ein Begleiter, die der rechtsextremen Szene angehören, kennen diese mutmaßlich. Spätestens als sie bei den Punkern klingeln und angeblich „mitfeiern“ wollen, müssen sie gewusst haben, dass es sich um Angehörige einer Gruppe handelt, die sie in ihrer rechten Ideologie abwerten. Die Punker weisen die Nazis und ihre Aufforderung, sich auf der Straße prügeln zu wollen, ab. Der spätere Täter bewegt sich dann zum „Bierpub“ in der Triftstraße, einer bekannten Kneipe des rechten Hooligan-Spektrums ebenfalls in Ilversgehofen. Eine Gruppe der Punker will sowieso noch ins nahegelegene AJZ und macht sich in zeitlicher Nähe dazu auf den Weg. In der Triftstraße kommt es zu Auseinandersetzungen, in deren Folge Dirk Q. eine leichte Stichverletzung davonträgt. Er kehrt in die Kneipe ein und verlässt sie später erneut. Dann trifft er auf Hartmut und Sebastian, die beide stark alkoholisiert sind. Dennoch schlägt Dirk Q. beide unvermittelt mit voller Wucht nieder. Hartmut als auch Sebastian gehen direkt zu Boden. Der 48-Jährige Hartmut verliert daraufhin das Bewusstsein und stirbt zwei Tage darauf im Krankenhaus an den Verletzungen in Folge des Sturzes. Sebastian überlebt, nachdem noch auf ihn eingetreten wird. Doch erleidet er schwerste Verletzungen, u.a. eine Mittelgesichtstrümmerfraktur und ein Schädelhirntrauma.

Empathielos und unwillig – Rolle der Ermittlungsbehörden und der Justiz

Dirk Q. steht zu diesem Zeitpunkt mit 23 Jahren unter zweifacher Bewährung wegen einer Körperverletzung und dem Zeigen des Hitlergrußes. Untersuchungshaft – wie es in solchen Fällen üblich ist – wird nicht angeordnet. Erst ein Jahr später wird beim Landgericht Erfurt die Anklage eingereicht. Das Gericht erachtet sich, aufgrund des angeklagten geringfügigen Tatbestandes, für nicht zuständig und verweist die Klage 2006 – d.h. drei Jahre später – ans Amtsgericht. Letztlich beginnt der Prozess gegen Dirk Q. doch vorm Erfurter Landgericht im März 2008 – nun bereits fünf Jahre nach der Tat.
Für den hinterbliebenen Sohn von Hartmut und für Sebastian tritt Rechtsanwalt Sebastian Scharmer als Nebenklagevertreter auf. Er charakterisiert die Ermittlungen im Nachhinein als unwillig und empathielos. Bereits die Beweisfeststellung durch die Polizei sei fragwürdig gewesen. Beispielsweise sei erst einen Monat nach der Tat eine Hausdurchsuchung bei Dirk Q. durchgeführt worden. Entsprechende Kleidung kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gefunden werden, hatte dieser doch genug Zeit, sich entsprechend darum zu kümmern. Die Schuhe zu putzen, hatte er wohl aber vergessen, denn das Blut der Betroffenen wird daran festgestellt.
In Richtung der Tatmotivation wird von der Polizei dagegen nicht ermittelt. Dies führen Staatsanwaltschaft und Gericht fort, eine politische Dimension sei für sie nicht erkennbar gewesen, dokumentiert Scharmer. Die Zeugenaussagen von Nachbar*innen lasse jedoch Erahnen, dass es sich nicht um die bloße Reaktion eines nicht erbetenen Partygastes gehandelt haben konnte. Auch fünf Jahre nach dem Angriff ist den Nachbar*innen gegenwärtig, wie Dirk Q. den bewusstlosen Sebastian mit enormer Brutalität immer wieder gegen den Kopf tritt, „wie gegen einen Fußball“.
Das Urteil, welches im Juni 2008 – fünfeinhalb Jahre nach dem Angriff –, gesprochen wird, steht in keinem Verhältnis zur Tat. Dirk Q. wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge an Hartmut und wegen einfacher Körperverletzung an Sebastian zu zwei Jahren Bewährung und 200 Arbeitsstunden verurteilt. Zu Gunsten des Täters wird festgestellt, dass der Angriff ein „heilsamer Schock“ für ihn gewesen wäre, so der Richter in der Urteilsbegründung. Nach dem 25. Januar 2003 sei Dirk Q. nicht mehr „auffällig“ gewesen und verfüge gar durch den geleisteten Wehrdienst und eine feste Beziehung über eine günstige Sozialprognose. Die rechte Tatmotivation wird weder thematisiert, noch anerkannt. Hartmut Balzke ist nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt. Dass ein Nazi einen Menschen tötet, weil er einer aus seinen Augen minderwertigen Gruppe angehört, spielt im Verfahren keine Rolle. Vielmehr reproduzieren auch die Medien in der Berichterstattung das Bild der randständigen Punks, wie Nebenklagevertreter Scharmer auch zur Veranstaltung im Januar 2019 berichtet. Im Gegensatz zu Dirk Q. muss ein Punker, der als Zeuge aussagt, wegen einer nicht beglichenen Geldstrafe eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen, er wird während des Verfahrens inhaftiert. Dies führt zum Gesamteindruck, dass rechte Gewalt gegen Punks weniger problematisch sei. Eine öffentliche Solidarisierung mit den Betroffenen bleibt aus, so wie es auch aktuell in Saalfeld oder Eisenach zu erleben ist.

Die Widersprüchlichkeit zwischen dieser sich bahnbrechenden, ideologisch legitimierten Gewalt und der De-Thematisierung des Kontextes der Tat sowie der Milde des gesprochenen Urteils ist nur eine scheinbare. Vielmehr setzt sich in der Art und Weise der rechtsstaatlichen Bearbeitung fort, was Personen aus marginalisierten Personengruppen – wie eben Punks, aber auch Geflüchtete, … oder Menschen, die ihren jüdischen Glauben nach außen sichtbar machen – potentiell im Alltag erleben. Dies spitzt sich zu, wenn es zu Schuldvorwürfen durch die Ermittlungsbehörden und die Öffentlichkeit kommt, die das Auftreten einer Gruppe schon als Provokation bewerten und den eigentlichen Angriff damit bagatellisieren. Betroffene werden mitunter als Täter dargestellt, die damit Verantwortung für den ihnen zugefügten Schaden zugesprochen bekommen. Und wieder ist ein Grund gefunden, sich von randständigen Gruppen zu distanzieren und Solidarität zu verweigern.

Perspektive einnehmen und Position beziehen

Die Perspektive der (potentiell) Betroffenen ist die, die wir für die erinnerungspolitische Arbeit einnehmen sollten, um damit zugleich die gesellschaftliche Bedingtheit der konkreten Tat nicht außer Acht zu lassen. Unsere Erinnerung kann Kritik an der rechtsstaatlichen Realität sein, welche sich im Konkreten in der juristischen Aufarbeitung ausdrückt. Unsere Erinnerung kann Kampf gegen die De-Thematisierung und Nicht-Anerkennung rechter Gewalt sein. Unsere Erinnerung kann damit auch die Weitergabe von Erfahrungen und Wissen sein. Nur eines soll sie nicht sein: Schweigen und ein Verharren darin.
Für die Geschichte Erfurter subkultureller und linksradikaler Zusammenhänge soll das bedeuten, die Erinnerung aufzubewahren und anknüpfbar zu machen für gegenwärtige Kämpfe und Auseinandersetzungen.
Im Mai 2008 – kurz vor der Urteilsverkündung – gründete sich der Infoladen Sabotnik im Besetzten Haus. Mit einem linken Bewegungsarchiv, einer Bibliothek und dem Angebot, Termine, Ereignisse etc. bekannt zu machen und eine Plattform für Debatten anzubieten, ist er auch heute noch aktiv. Ein Infoladen ist Teil einer Infrastruktur, die von vielen genutzt werden kann – so auch die Lirabelle. Der Infoladen ist Teil des vetos, welches nach der einschneidenden Räumung ein selbstverwalteter Raum in Erfurt seit 2011 ist. Wo findet ihr das Veto und den Infoladen? Im Erfurter Norden – unweit der Triftstraße in Ilversgehofen.

Wie kann ein Gedenken an Hartmut Balzke im Januar 2020 aussehen? Redet darüber, hört auf zu schweigen.

News

Januar, Erfurt: Standortkampagnen (symbolisch) keinen Raum lassen
Auf einem Solikonzert für „watch the med“ am 3.12.2016 im Filler schneidet ein Antira-Aktivist die Logos von „LAP“, „Denkbunt“ und „Stadt Erfurt“ aus einem „Refugees Welcome“-Banner, das an der Bühne hängt. Er verweist auf Abschiebungen, (institutionellen) Rassismus und die Heuchelei, die politisch verantwortliche Kräfte mit der Finanzierung solcher Banner betreiben. Im gleichen Atemzug bewirbt er eine Break Deportation-Veranstaltung, um die Selbstorganisierung von Geflüchteten als politische Praxis zu supporten: „Hört den Geflüchteten zu, lernt aus ihren Kämpfen und von ihrer Solidarität. Selbstorganisation ist keine Alternativlosigkeit der armen nicht-Partei-/Gewerkschaftsmitglieder, sondern eine bewusste Entscheidung, Kämpfe für alle und mit allen zu führen.“ Die politische Erklärung mit deutlichen Abgrenzungs- und Aktionsvorschlägen: http://bit.ly/2oBpaXf

Januar, Erfurt: Neue Antifa-Gruppe tritt in Erscheinung
Mit „Dissens“ gibt es endlich antifaschistischen Nachwuchs für die linksradikale Szene der Kackstadt. Die Gruppe initiiert ein monatlich stattfindendes offenes Antifa-Café im VETO zum Treffen, Vernetzen und Organisieren.

4.1.17, Suhl: Gedenken an antifaschistischen Widerstand
Der Landesverband des VVN/BdA organisiert anlässlich des Jahrestag der Ermordung von Mitgliedern einer Suhler Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime eine Veranstaltung am Gedenkstein für die ermordeten Antifaschisten bei der Friedberg-Siedlung. Ein knappes Dutzend Menschen wohnen dem Gedenken an die am 5. Januar 1945 durch die Nazis im Lichthof des Landesgerichtsgefängnisses Weimar hingerichteten bei.

14.1.17, Meiningen: Brandstiftung in Wohnhaus von Flüchtlingen
Im Wohnhaus eines Viertels, in dem überwiegend Geflüchtete leben, werden zwei Kinderwagen in Brand gesteckt. Das Gebäude wird von der Feuerwehr evakuiert, verletzt wird niemand.

27.-29.1.17, Jena: Refugee Black Box
The Voice  Refugee Forum, Aktivist*nnen der Flüchtlings- / Migrant*nnengemeinschaft in Deutschland diskutieren mit Anti-Abschiebeaktivist*innen eine Agenda zur Planung des Veranstaltungsprojekts “Black Box Solidarity – die ununterdrückbare Stimme und Kraft der Gequälten“. Ziel ist, die Graswurzelkämpfe der Flüchtlingscommunitybewegung zu einer konkreten und ermächtigenden Waffe der politischen Solidarität zu entwickeln.

31.1.17, Ilmenau: Nazisprühereien an arabischem Geschäft
Ein Geschäft für arabische Spezialitäten wird mit Nazisymbolen besprüht. Die Aktion reiht sich ein in seit Ende 2016 vermehrt stattfindende rassistischen Beleidigungen und Angriffen.

Februar/März, Thüringenweit: Veranstaltungen zum Frauen*kampftag 2017
Das seit vier Jahren bestehende Frauen*kampftagsbündnis organisiert 35 Veranstaltung in ganz Thüringen, die großen Zulauf erfahren.

10.2.17, Weimar: Antifademo „Organize“
Die Antifaschistische Koordination Weimar organisiert am Vorabend des kurzfristig abgesagten Naziaufmarsches zur Bombardierung Weimars eine Antifademo durch die Stadt, um sich damit bewusst von anderen am Folgetag geplanten Protesten abzugrenzen. Dem Aufruf folgen ca. 120
Teilnehmer*innen.

11.2.17, Erfurt: Kundgebung gegen Abschiebungen nach Afghanistan
Am Fischmarkt findet eine Kundgebung im Rahmen bundesweiter Protesttage gegen die Abschiebepolitik der BRD statt. Elf Tage später wird konkret gegen eine Sammelabschiebung am gleichen Tag nach Afghanistan protestiert. Ein sofortiger Abschiebestopp in das sogenannte „sichere“ Herkunftsland wird gefordert.

März 2017, Erfurt: „Kammler und Co.“ keine „organisierten Asylkritiker*innen“?
Radio F.R.E.I. hätte einen Interview-O-Ton nicht senden bzw. weiterverbreiten dürfen. Dies bestätigt ein durch Feststellungsklage erwirktes Urteil. Damit behält die Unterlassungsaufforderung des Tobias Kammler, ehemaliger Thüringer NPD-Landesvorsitzender, teilweise ihre Gültigkeit. Doch Radiomachende sollen Rechtssicherheit erlangen, das Verfahren geht nun vor das OLG Jena.

4.3.17, Gotha: Nazis schmeißen Scheibe ein
In der Nacht zu Sonntag greifen Nazis das Wohn- und Kulturprojekt Ju.w.e.L. e.V. an. Eine Scheibe wird eingeworfen, bevor die Angreifer wieder flüchten. Verletzt ist niemand.

14.3.17, Erfurt: Nazi greift Syrer und Punk an
Nachdem im Januar ein Filmteam des MDR-Magazins Exakt im Stadtteil Rieth von Nazis angepöbelt und ein syrischer Journalist über den Platz der Völkerfreundschaft gehetzt wurde, schlägt einer der beteiligten Nazis auf einen schnorrenden Punk auf dem Anger ein.

22.3.17, Marbach: Holzkreuze fallen – Bagger statt SPD/Linksjugend-Fahnen
Neben dem Baugrund für eine geplante Moschee in Erfurt-Marbach stellen Nazis riesige Holzkreuze auf. Die Antifaschistische Koordination Erfurt entdeckt darin Ku-Kux-Klan-Kreuze. Kurz vor der geplanten Demonstration lässt der Eigentümer des Grundstücks die Kreuze entfernen. So zieht am 22.3. nur ein kleines Häufchen Demonstrant_innen, vorwiegend aus dem Partei- und Verbandsspektrum nach Marbach.

6.4.17, Jena: Sponti gegen neues AfD-Büro in der Krautgasse
Am frühen Abend versammeln sich ca. 70 Menschen auf dem Campus, um gegen das neu eröffnete AfD-Büro zu demonstrieren. Die Lage in der Krautgasse ermöglicht es, den Neofaschisten künftig sehr direkt mit Nachwuchs-Rechten wie z.B. Burschis in Kontakt zu treten und bedeutet eine enorme politische Legitimität für sie in Thüringen. Dagegen richtet sich der spontane Protest mit den Slogans „Kein AfD-Büro, nicht in Jena, nirgendwo!“ und „Mutig in die Zukunft schauen, Alternativen zu Deutschland bauen!“

8.4.17, Erfurt: Veto-Neueröffnung, Stattschloß und Radical Print Geburtstage
Mit einem abwechslungsreichen Programm werden drei Anlässe zusammen gefeiert. Während das Veto endlich umgezogen ist und fast alle Baustellen abgeschlossen sind, feiert das Hausprojekt „Stattschloß“ ein Jahr Schlüsselübergabe und Radical Print drei Jahre Bestehen. Prost und Glückwunsch!

Gedanken zu Majdanek

Im Oktober 2014 findet sich eine Reisegruppe von 30 Menschen zusammen, um gemeinsam an einer Bildungsfahrt nach Lublin, Treblinka und Warschau teilzunehmen. Viele der jungen Menschen sind das erste Mal in Ostpolen. Sie wollen an historischen Orten mehr erfahren über die nationalsozialistische „Aktion Reinhardt“ – vielleicht auch ein wenig verstehen – mit dieser Hoffnung werden wohl viele solcher Bildungsfahrten konzipiert – eingelöst werden, kann sie nicht. Eine Teilnehmerin reflektierte etwa „Je mehr ich erfahre, desto weniger Sinn macht es.“ Auch deshalb ist dieser Bericht ein Sammelsurium an brüchigen, unvollständigen Gedanken zum Besuch Lublins und der Gedenkstätte Majdanek. Von Franziska.

Nach einer ewig langen Busfahrt kommen wir in Lublin an und beziehen unsere Zimmer im Hostel Krolewska. Viel gibt es heute nicht mehr zu sagen. Es herrscht eine gewisse Spannung in Erwartung des Bevorstehenden.

Am Morgen begrüßt uns Wieslaw Wysok, unser Begleiter für die nächsten vier Tage in Lublin, zur Stadtführung. Lublin ist alt, Anfang des 14. Jahrhunderts erhielt es das Stadtrecht, heute zeugt davon die mittelalterliche Altstadt. Wir gehen durch das Krakauer Tor, den Eingang in die Altstadt. Stehen dort auf dem Marktplatz bis wir in der Dominikaner Kirche anhand des Gemäldes „Der Stadtbrand von Lublin“ aus dem 16. Jahrhundert mehr über die Stadtgeschichte erfahren. Fokus der Stadtführung ist jedoch nicht das mittelalterliche Lublin oder touristische Attraktionen. Durch die Aussage „Misstraut den Grünanlagen.“ des Schriftstellers Heinz Knobloch eröffnet uns Wieslaw einen Blick auf das Nicht-(mehr)-Sichtbare, das paradoxerweise eigentlich überall in der Stadt anzutreffen ist. Wir folgen den Spuren des jüdischen Lebens, das hier sehr lange gewirkt hat.
Aufgrund der antijüdischen Pogrome im Westen kamen im 14. und 15. Jahrhundert viele Jüd*innen nach Lublin, sodass sich dieses zu einem Zentrum der jüdischen Kultur und Religion wandelte. Zu einigen unserer Stationen: Die 1930 erbaute Talmudschule Jeschiwa Chachmej ist als Gebäude erhalten geblieben, weil dieses von den Deutschen als Lazarett genutzt wurde. Sie war ein Zentrum des „Jüdischen Oxfords“, wie Lublin aufgrund seiner Bedeutung für das Ostjudentum genannt wurde. Von vier jüdischen Friedhöfen ist der älteste erhalten geblieben. Dieser erscheint uns in herbstlich sonniger Atmosphäre. Er beherbergt Gräber berühmter Rabbiner, die ältesten Grabsteine sind etwa 450 Jahre alt. Von den vormals 50.000 Steinen sind nur noch wenige zu sehen – die meisten wurden als Baumaterial auch im KZ Majdanek benutzt.
Heute zeugen Leerstellen, wie Parkplätze davon, wo sich bspw. das jüdische Wohnviertel befand, in welchem ab 1940 Jüd*innen zwangsweise konzentriert wurden. Ab März 1941 entstand ein Ghetto, in dem bis April 1942 etwa 40.000 Jüd*innen leben mussten und von wo aus sie zur Zwangsarbeit oder zur weiteren Deportation in Durchgangslager selektiert wurden. Im März 1942 folgten Transporte gen Osten ins Vernichtungslager Belzec und ins nahegelegene KZ Majdanek. Die „Aktion Reinhardt“ hatte nun begonnen.
Laut Wieslaw leben heute noch etwa 40 Jüd*innen in Lublin – es waren einmal über 40.000.
Es ist Nachmittag, die verschiedenen Eindrücke der Stadt haben uns müde gemacht: Wir besorgen uns Kekse und sitzen in der Sonne – der Tag geht bald zu Ende, morgen besuchen wir das erste Mal die Gedenkstätte Majdanek.

Wir fahren tatsächlich mit einem üblichen Stadtbus zur Gedenkstätte Majdanek. Sie ist nicht weit entfernt vom Zentrum gelegen. Wie Wieslaw uns später erklären wird, ist die Stadt an das ehemalige Gelände des KZs herangewachsen. Doch bereits während des NS war die Stadt Lublin nicht weit vom Konzentrationslager entfernt. Einer größeren Straße folgend, passieren wir ein Wohngebiet bis sich eine grüne Weite auftut, in der schwarze Gebäude, Baracken, stehen. Ein riesiges Monument ragt in den Himmel. Der Bus hält und wir steigen aus – andere Mitfahrende sind bereits ausgestiegen oder folgen ihrem Arbeits- und Schulweg weiter. Hier ist Alltag. Gegenüber scheint ein Gebäude einer der vielen Lubliner Universitäten zu stehen. Unser Blick richtet sich aber auf das Gelände der Gedenkstätte.
Die Gedenkstätte selbst wurde bereits im Oktober 1944 gegründet nach der hastigen Räumung des Lagers durch die Deutschen und das darauffolgende Eintreffen der Roten Armee im Juli 1944. Es wurde quasi nie befreit, sondern aufgelöst. Errichtet wurde das Lager 1941 und hieß offiziell „Konzentrationslager Lublin“. Ab Oktober 1941 fungierte es zunächst als Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten. Bald wurden auch Jüd*innen aus Lublin und Umgebung eingeliefert. Nach Jüd*innen waren Pol*innen die größte Häftlingsgruppe.
Wieslaw empfängt uns. Wir sind die erste Gruppe im neusanierten Museumsgebäude. Er gibt uns Einblick in seine Überlegungen zum vielschichtigen Charakter von Gedenkstätten. Zu verschiedenen Zeiten herrschte eine andere Wahrnehmungen des Lagers vor, womit sich unterschiedliche Perspektiven auf den Ort, seine Bedeutung und daraus entstehende Aufgaben entwickelt haben.
1944 war Majdanek ein Friedhof – die Trauer über die Toten, das tatsächlich Mögliche und Eingetretene herrscht vor. Vielleicht ist Majdanek auch ein Schlachtfeld, das vom Kampf ungleicher Gegner berichtet und Relikte, Beweise hinterließ. Aber es ist auch Museum – mit Ausstellungen, „Originalobjekten“, dargestellten Erinnerungen und Beschreibungen. Majdanek ist ein „traumatischer Ort“, der in sich das Geschehene behält, es aber zugleich in die Gegenwart und Zukunft vermittelt. Damit wir lernen können? Majdanek ist auch Materialisierung des Gedenkens – damit immer auch eine Inszenierung. Es ist auch Baustelle. Diese mag die erwartete Authentizität stören, aber sie bedeutet Wandlung und Bewegung – ein Werden, das die Erinnerung in sich behält und Gedenken immer wieder neugestaltet. Verschiedene Zeiten, verschiedene Wahrnehmungen, verschiedene Funktionen des Ortes.

Stille kehrt ein.

Wir tun die ersten Schritte aufs Gelände. Plötzlich stehen wir vor diesem kolossalen Monument, das den Blick lenkt – das Ehrenmal des Kampfes und Martyriums. Es ist der erste Teil des Mahnmalkomplexes von Majdanek, der von Wiktor Tolkin konzipiert und 1969 enthüllt wurde. Über zwei massive Pfeiler erstreckt sich ein übergroßer Steinblock – die Konstruktion kann als Tor gelesen werden.
Ein kleiner Weg Richtung dieses Tores führt uns abwärts mehrere Stufen hinunter. Spitze Steine ragen uns bedrohlich entgegen. Es ist beklemmend hindurch zu gehen. Seitwärts, bevor man das Tor erreicht, erkennt man einen kleinen, ganz schmalen Gang, der einen Blick nach „draußen“ offenbart. Ein Symbol der Hoffnung. Eine zweifelhafte Hoffnung. Die folgenden Treppen erklommen, baut sich dieses Tor auf – es ist Grenze zwischen zwei Welten: Der Welt des Lagers und der Außenwelt. Sein Korpus ist mächtig, darin kann man gepresste, verzerrte Körper erahnen. Das Tor symbolisiert das stattgefundene, übermächtige Leid sowie auch den historischen Eingang ins Lager.
Wir stehen oben auf, an der symbolischen Grenze. Der Blick auf das Gelände ist nun frei. Die grüne Weite nimmt Struktur an – alles, was hier im Lager geschah, hatte seine Ordnung. Ordnung bedeutete hier mörderische Disziplin. Die Fläche des zu unseren Füßen liegenden Geländes erscheint groß, war früher jedoch noch größer, 270 Hektar. Nach Planung der Deutschen sollte es viermal so groß werden. Dazu ist es nicht gekommen, aber das, was existierte, reichte aus, um dem deutschen Vernichtungswahn umzusetzen.
Das Gelände teilt sich in den ehemaligen Häftlings-, Wirtschafts- und SS-Bereich. Untergebracht waren die Häftlinge in fünf Feldern zu je 22 Baracken. Gesichert war jedes einzelne Feld mit doppeltem unter Hochspannung stehendem Stacheldrahtzaun. Rundherum standen 18 Wachtürme der SS. Im Wirtschaftsbereich waren u.a. Magazine und Werkstätten untergebracht. Die SS hatte zur Versorgung und Verwaltung einen weiteren Bereich. Alle Gebäude waren aus Holz gebaut – auch die Krematorien. Heute sehen wir noch einige schwarze Baracken und Wachtürme, sie wurden rekonstruiert, um die Authentizität zu „wahren“.
Vor uns liegt eine lange Straße, als Teil des Denkmales, wird sie „Weg der Ehre und Erinnerung“ genannt. Dieser führt direkt zum Mausoleum. In diesem Rundbau mit einem sich auf zwei Pfeilern stützenden flachen Kuppeldachs befindet sich die Asche der Ermordeten, Erniedrigten, Gequälten.
Es ist eine überdimensionale, begehbare Urne. Die symbolische Deutung des Mausoleums liegt quasi offen vor uns. Das Steinrelief, das die Kuppel umrundet, trägt eine Aufschrift in polnischer Sprache – „Unser Schicksal eine Mahnung für Euch“.

Die Frage der Authentizität in der Konzeption von Gedenken und Gedenkstätten begleitet uns über das Gelände. Die Struktur des Lagers wurde beibehalten – es ist erkennbar, wo welcher „Arbeitsschritt“ der Deutschen in der Verwertung der Arbeitskraft und Leiber ihrer Gefangenen stattgefunden hat. Da die Baracken und Gebäude jedoch zum großen Teil aus Holz bestanden, sind das, was heute hier zu sehen ist, alles Rekonstruktionen. Ausgenommen davon sind die Steinböden in den Duschbaracken, den Krematorien und Gaskammern. Sie sind begehbar. Wieslaw fragt uns, ob das so sein sollte. Darf man als Besucherin im Jahr 2014, auf demselben Boden stehen, auf dem tausende Menschen vor Angst zitternd um ihr Leben bangten und schließlich starben? Ist es wichtig für unser Verstehen heute, in diesen Räumen zu stehen? Welches Verhalten ist angebracht? Wieslaw berichtet uns von Besuchern, Neonazis, die hier ihre „Späße“ trieben. Ist eine Inszenierung, wie es durch den künstlichen Erhalt und die Rekonstruktion von Lagerteilen oder Relikten geschieht, sinnvoll? Allein der Anblick und das inszenierte Erleben in den Lagern wird niemanden verstehen lassen.
„Man hat nicht die Pflicht sich das konkret vorzustellen, aber zu wissen, was an den Orten passiert ist.“, sagt Wieslaw Wysok.
Das Konzentrationslager Majdanek war zu NS-Zeiten schon dafür bekannt, dass es eines der „härtesten“ war. So eine Einschätzung ist schwierig, warum sollte man Konzentrationslager miteinander vergleichen? In Majdanek waren die Lebensbedingungen, u.a. aufgrund fehlender Kanalisation bis 1943, besonders schlecht – auch der Umgang des SS-Wachpersonals mit Inhaftierten war – laut Aussagen der wenigen Überlebenden – besonders brutal und willkürlich. All dies wirkte sich auf die Lebensdauer der Inhaftierten aus. Die durchschnittliche Überlebensdauer war in Majdanek niedriger als in anderen Lagern. Zwei Drittel starben allein an den Lebensbedingungen, zu welchen auch die schwerste körperliche Zwangsarbeit zählte als auch Hunger und Krankheit. Viele nach Majdanek Deportierte – vor allem Jüd*innen und besonders deren Kinder – wurden jedoch keine Häftlinge, sondern wurden nach den Selektionen im „Rosengarten“ direkt getötet. In Majdanek verband sich Ausbeutung der Arbeitskraft und Massenmord. Ab dem Frühjahr 1943 mit der Ankunft der Deportierten aus dem Warschauer Ghetto muss Majdanek auch als Vernichtungslager betrachtet werden.

Von Lublin aus wurde die nationalsozialistische „Aktion Reinhardt“ geleitet. Sie war Teil der systematischen Ermordung von nahezu allen Jüd*innen und Rrom*nja des Generalgouvernements. Ihren Namen erhielt die Operation wahrscheinlich im nationalsozialistischen Andenken an Reinhardt Heydrich, der im Juni 1942 durch ein Attentat in Prag getötet werden konnte. Als Organisator für die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ war es seine Aufgabe, die Massenvernichtung zu ermöglichen. Odilo Globocnik leitete ab 1941 die Durchführung: Bis zum „Ziel“, dem Tod, war alles zu verwerten, was die Menschen geben konnten – ihr Hab und Gut, ihre Kleidung, ihre Goldzähne, ihre Arbeitskraft, ihr Menschsein.
In den Lagern Sobibor, Belzec und Treblinka wurde ab 1942 nur gemordet – dafür wurden die Vernichtungslager gebaut und reichlich ideenreich und arbeitsteilig organisiert, damit ein hohes Maß an Effizienz erreicht werden konnte. Hier wurde das Wissen aus dem „Euthanasie“-Programm „T4“ weiterentwickelt. Die sogenannte „Umsiedlung“ der im Generalgouvernement lebenden Jüd*innen und Rrom*nja begann.

Im Sommer 1943 ordnete Heinrich Himmler an, die verbliebenen Jüd*innen in den Distrikten Lublin, Galizien und auch Krakau zu ermorden. In einem Brief an den zuständigen SS- und Polizeiführer formulierte er, dass die Überlebenden eine große Gefahr darstellen würden. Der Befehl wurde unter dem Decknamen „Aktion Erntefest“ geplant und schließlich vom 03. auf den 04. November 1943 durchgeführt. Dieser Tag ging als „Blutmittwoch“ in die Geschichte Majdaneks ein.
Hinter den Krematorien am Rande des Lagers mussten in Vorbereitung darauf jüdische Häftlinge drei Gräben mit einer Länge von je einhundert und einer Tiefe bis zu sechs Metern ausheben. Auch Jüd*innen aus Lagern der Umgebung wurden in Majdanek auf Feld V zusammengetrieben. Flucht war nicht möglich, jegliche widerständige Reaktion führte zum Erschießen. Nach Plan mussten die Menschen sich in die Gräben hineinlegen, dann wurde geschossen. Um die Schüsse zu übertönen, wurde laute Tanzmusik gespielt, die auch in der Stadt Lublin zu hören war. So ging es wohl neun Stunden lang ununterbrochen.
Es war eine der umfangreichsten Massenerschießungen an Jüd*innen. Insgesamt wurden an diesem einzigen Tag im Distrikt Lublin 42.000 Menschen erschossen, im Konzentrationslager Majdanek waren es 18.000 jüdische Häftlinge.
Nur wenige überlebten – mit viel Glück und unter besonderen Umständen. Ein besonderer Umstand war die Zuweisung zu einem „Filzkommando“, welches fürs Sortieren der Habseligkeiten der Ermordeten verantwortlich war. Im „Sonderkommando“, für welches in allen Vernichtungslagern eingeteilt wurde, mussten jüdische Häftlinge u.a. für die Verbrennung der Leichenberge sorgen – dies dauerte in Folge des „Blutmittwochs“ etwa zwei Monate.

Zwischen Frühjahr 1942 und Herbst 1943 – während der „Aktion Reinhardt“ – kamen über zwei Millionen Menschen ums Leben. Ermordet in Ghettos, in Lagern, auf der Straße, in der Öffentlichkeit. Ermordet durch Zwangsarbeit, Hunger, Gewalt, Krankheit, Gas, Waffen, bloße Hände – aus Hass, Lust, Sadismus, Langeweile, Pflichtgefühl und Disziplin.

Am Gedenkstein für die Opfer des 03. und 04. Novembers 1943 hinter den Krematorien in Majdanek steht unsere Gruppe. Mit dem Lager im Rücken blicken wir auf die nun grünen Gräben, dahinter verläuft ein Zaun, es folgen Wohnhäuser, Gärten … die Zeit ist trotz allem weitergegangen. Wir gedenken den Toten in Stille.

Ein Ort der Trauer wird Majdanek bleiben.