Schlagwort-Archiv: Feminismus

Ich hab ja nichts gegen Dialekte, aber …

Das Lieblingsfreizeitthema von Beta ist Sexualität und alles was dazu gehört. Bei ihren Dates mit Männern außerhalb ihres Klüngels macht sie so allerlei verwirrende Erfahrungen. In der Lirabelle schreibt sie in loser Folge aus feministischer Perspektive über ihre Erlebnisse.

Neulich war ich mal wieder am Online-Daten. Also nicht face to face, sondern mit dem Smartphone. Ich logge mich in meine Dating-App ein und scrolle die Mitglieder, die mir vorsortiert werden, durch. Diesmal werden recht viele Mann-Frau-Paare angezeigt. Doch auch einzelne Hetero-Männer. Ein Foto eines Mannes fällt auf: Er steht an einem großen Fenster und schaut raus auf ein modernes Hochhaus voller Lichter. Das Haus sieht ein bisschen aus wie das Telekom-Gebäude hinter dem Petersberg. 10 Minuten später schreibt er mich an: „Danke, dass du auf meinem Profil warst. Wie geht’s?“ Es stellt sich heraus, dass das Foto Hamburg und den Hafen zeigt. Gut, dass ich nicht gefragt habe, ob es Erfurt ist. Hamburg ist schön. Ich mag Großstädte. Eine Schublade in meinem Kopf geht auf: wie kosmopolitisch er doch ist. Das macht ihn schon mal sympathisch. Wir schicken Fotos von unseren Gesichtern hin und her. Er lächelt auf seinem, hat einen Standard-Bart und Brille. Ja wirklich sympathisch.
In der Zwischenzeit schreibt mich das Profil eines Hetero-Pärchens an. Auf ihrem Profilbild sind beide Gesichter zu sehen. Ja ganz nett. Sie kommen aus einer Thüringer Kleinstadt mit schlechtem Ruf. Das turnt mich ab, auch wenn ich es nicht wahrhaben möchte. Ein weiteres Foto der beiden ist wirklich ansprechend. Ob das am Sepia-Filter liegt oder an ihren Tattoos oder seinem coolen H&M-Bart kann mein Unterbewusstsein nicht auseinander halten. Ein emanzipatorisches Paar, das sich in der Thüringer Kleinstadt einen kleinen Kreis an alternativen Leuten aufgebaut hat, baut sich vor meinem inneren Auge auf. Schnell fragen sie, ob ich einen Freund habe. Auf ihrem Profil ist zwar angeklickt, dass sie an Frauen und Paaren interessiert sind, im Beschreibungstext erklären sie allerdings, dass sie nur Paare treffen. Ich beschreibe meine Beziehungssituation. Das Paar-Profil antwortet: „Meine Frau hatte eine OP und kann gerade nicht“. Bilder von möglichen OPs, nach denen eine Frau keinen Sex haben kann, schießen mir durch den Kopf. Irgendwas am Gebärmutterhals? Jetzt beim Schreiben fällt mir ein, dass es jede mögliche OP sein kann. Man fühlt sich danach einfach nicht nach poppen. Es ist also gerade nur er, der mit dem Paar-Profil schreibt. Super Anmach-Masche! Er schreibt, dass er jeden Tag in Erfurt auf einer Baustelle arbeitet. Oh cool, ein Bauarbeiter, kennt man ja sonst nicht, denke ich mir. „Wir können uns ja mal treffen“ schreibt er. „Wir zwei oder wir drei?“ frage ich. „Wir zwei“ antwortet er. Meine Frage, ob er sich denn auch alleine mit anderen treffen darf, bejaht er. Ich bin skeptisch, aber nehme die Antwort ernst. Seine nächsten Fragen und Antworten bestehen aus höchstens vier Wörtern, fast immer fehlt das Verb und ich muss raten, ob es Fragen oder Aussagen sind, weil er konsequent das Satzzeichen weglässt. Ich schaue nochmal nach, ob er einen ausländisch klingenden Namen hat oder irgendwie so aussieht, als würde er noch nicht seit langem Deutsch sprechen. Ne. Ich reime mir also weiter seine Aussagen zusammen. Wir überlegen, wann wir uns wo treffen können. Bis wir anfangen etwas erotisches zu schreiben. Ich mag erotisch chatten. Er fragt, ob ich allein bin. Dann fragt er, ob ich Lust habe, das Thema weiter am Telefon zu besprechen. Mein Blutdruck steigt, mega Nervosität macht sich breit, ach du scheiße. An sich eine geile Idee, aber … Um mir Zeit zu verschaffen, schreibe ich erst mal „Ui ähm“. Mit zwei, drei Halbsätzen versucht er mich zu überzeugen. Ich bin nicht abgeneigt, nehme all meinen Mut zusammen, gebe mir einen Ruck und sage zu. Da schreibt er, dass ich ehrlich sein soll. Ich antworte: „Ja, schick mir deine Nummer.“ Nun zögert er, schreibt, dass wir nur über das Thema sprechen und nicht abschweifen. Er gibt Vorschläge zu einer Situation, die wir uns vorstellen könnten: in seinem Bus, wir küssen uns. Fetzt, er hat einen Bus. Aber ein Rollenspiel würde mir noch schwerer fallen. Ich schlage vor, nur darüber zu sprechen, was wir gerade machen, wo wir uns gerade berühren und wo wir gern angefasst werden würden. Er stimmt zu und sendet immer noch nicht seine Nummer. Ich schreibe, dass wir auch einfach weiter texten können. Dann erscheint doch seine Nummer. Bevor ich es mir anders überlege, rufe ich gleich an. Er geht ran.
Tiefster sächsischer Dialekt prallt mir in mein Ohr. Als wäre er ein simpler Typ, mit einem naiven, warmherzigen, aber etwas bemitleidenswerten Charakter. Ich denke Oh Gott, schäme mich dafür und muss gleichzeitig lachen. Ich versuche das Lachen in ein freundliches Zulachen umzuwandeln. Er verfällt sofort entgegen aller unser Vorhaben in einen Smalltalk, worüber ich unendlich froh bin. Wir reden über unsere Wohnorte und unsere Erfahrungen mit der Dating-App. Ich überlege krampfhaft, wie ich aus dieser Geschichte wieder rauskomme oder ob ich nicht doch über den Klang seines Dialektes hinweg hören kann – es geht nicht. Es turnt mich total ab. Das Bild von ihm und seiner Frau und der Klang seiner Stimme passen so gar nicht zueinander. Er sächselt mir zu: „Du kommst aber nicht aus Erfurt? Klingst nicht so.“ Ich erkläre meine außer-thüringische Herkunft und lasse den Teil, dass ich studiert habe und dass man im Studium meistens den eigenen Dialekt ablegt, weg. Es reicht aus, hochnäsig zu denken, ich muss es ihm nicht auch noch auf die Nase binden. Zu seinem Dialekt fällt mir nichts passendes zu sagen ein. Weiter im Smalltalk. Er fragt „Oh. Wenn ich gegen Flüchtlinge bin, bist du dann gegen mich?“ – „Ja“ entgegne ich. Er erzählt, dass er zum Fußball bei Carl-Zeiß-Jena geht und sie da offen für Flüchtlinge und Ausländer sind. Es fällt ihm schwer Worte dafür zu finden, auch seine politische Haltung kann er nur schwer beschreiben. „Früher war ich mal rechts. Aber heute ist das nicht mehr so. Bei uns in der Kurve, da sind auch Ausländer willkommen, wir sind irgendwie links oder wie man das nennen soll“. „Das ist doch gut“, sage ich. Ich lenke das Gespräch darauf, dass ich morgen früh raus muss und nun bald schlafe und dass es doch besser wäre, sich in echt zu sehen anstatt zu telefonieren und bin dabei unglaublich nett und er tut mir unglaublich leid. Immer, wenn er spricht, komme ich mir vor wie in einer Komödie. Er sagt, dass wir uns ja bald sehen und versucht sich zu vergewissern, dass wir das auch wirklich tun. Ich sage „bestimmt“. Ich schaffe es, aufzulegen. Wir chatten noch ein bisschen und schreiben, dass wir beide nervös waren. Meine Stimme sei schön. Was soll ich darauf antworten? Er schreibt, dass er eigentlich am Telefon stöhnen wollte und fragt, ob wir es nochmal versuchen wollen. „Ne. Ich schlafe jetzt. Gute Nacht.“
Gleich danach chatte ich mit einem Motorcrosser. Ich habe schon ab und an mal mit ihm geschrieben. Er kommt aus Südthüringen, da müsste er einen fränkischen Dialekt haben, aber es bleibt beim erotischen Texten. Große Brüste. Einen großen Harten. Na das passt ja gut zusammen. Zumindest nutzt er Verben. Ich mache es mir, er sich auch und ich schlafe ein.

Emanzipation im Neumond? Drei Perspektiven auf Hexen und Hexentum

Hexen sind Pop und cool, und häufig genug auf Bezugspunkt feministischer Identität. Grund genug für die Redaktion der Rost und Motten sich in einem Gastbeitrag aus feministischer und kommunistischer Perspektive mit der Bezugnahme auf Hexerei auseinanderzusetzen. Dabei blicken verschiedene Mitglieder der Redaktion auf Hexerei als irrationalen Rückschritt und Entsolidarisierung mit den Opfern der Hexenverfolgung, als Fokuspunkt um das Verdrängte zu seinem Recht und seiner revolutionären Kraft kommen zu lassen und als Form der Emanzipation von bloß instrumenteller Vernunft.

We are the daughters of the witches that you couldn’t burn (von ⚷)
Auf Instagram wird aktuell unter dem hashtag #WirsindWICCA mobilisiert, zu zeigen „wie echte Schwesternschaft aussieht“. Gesäumt von Spinnen-, Kristallkugel- und Fledermaus-Emojis prangt darüber in großen Lettern der Slogan We are the daughters of the witches that you couldn’t burn. Was hier als Werbespruch für eine neue Netflix-Produktion dient, ist eine Parole, die ursprünglich aus dem lateinamerikanischen Feminismus stammt (dort: „Somos las nietas de las brujas que no pudieron quemar“ – „Wir sind die Enkelinnen…“). Was ich damit anfangen kann, ist: Ihr habt nicht alle erwischt und wir sind der lebende Beweis, dass das, was da ausgelöscht werden sollte, noch da ist. Denn für mich ist eben das, was die Hexenverfolgung zu vernichten versuchte das Weibliche, das der Entfaltung instrumenteller Vernunft entgegenstand, jahrhundertealtes Frauenwissen, die Macht reproduktiver Selbstbestimmung.
Womit ich weniger anfangen kann, ist ein neuer (Pop-)Feminismus, der weg von der Figur der Hexe, die für etwas steht, magische und spirituelle Praktiken wiederaufleben lässt. Das socialmediawirksame Verräuchern von Kräutern lasse ich als Privatmarotte durchgehen, das öffentliche Verfluchen von Trump empfinde ich als rein lächerlich und wo es in handfeste Esoterik und Naturheilkunde umkippt, wird es falsch und gefährlich.
Dass ich als Mensch in dieser Gesellschaft Spiritualität zugunsten männlicher Rationalität ablehne, ist Ausdruck eines Falschen und Resultat von westlicher Aufklärung, die auf jener Verfolgung und Ermordung von ‚Hexen‘ basiert. Dass ich als Kommunistin und Feministin gegen esoterische Ideologien bin, wird nicht davon abgelöst sein, ist aber meine materialistische Überzeugung, die es nicht zulässt, an magische Kräfte und übernatürliche Phänomene zu glauben.
Mit den Opfern und gegen die Täter zu stehen, ist ein richtiger Grundsatz. Ob es das Verfolgte schon immer zu verteidigen gilt, ist schon eine andere Frage. Wobei es natürlich gilt, in diesem Fall das Weibliche gegen das hegemonial-männliche hochzuhalten.
In meinem Verständnis gab und gibt es keine Hexen, so wenig wie es Hexerei gibt, einzig Frauen, die als solche beschuldigt und undenkbar grausam verfolgt und hingerichtet wurden. Mir widerstrebt es daher, die unrechte Anklage ihrer Peiniger zu akzeptieren und anzunehmen. (So sprechen wir doch auch nie von Asozialen, die von den Nationalsozialisten getötet wurden.) Deutlich sinnvoller erscheint mir die Strategie, die Opfer der Hexenverfolgung als emanzipierte, gelehrte, fortschrittliche und selbstbestimmte – oder in jedem Fall ‚unpassende‘ – Frauen zu benennen und sich damit zu solidarisieren (und auch zu identifizieren).
Wenn Fälle aktueller Pogrome gegen Frauen, die als Hexen beschuldigt werden, als antiaufklärerisch verurteilt werden (als haben diese ‚unzivilisierten Völker‘ noch nicht erkannt, dass es ja gar keine Hexen gibt), scheint vergessen zu werden, wie synonym man Hexenverfolgung und Aufklärung setzen kann. Dass wir ‚dank der Aufklärung‘ dazu befähigt sind, uns von jeglichem Aberglauben zu befreien, sollte wir ‚wider die Aufklärung‘, die aus Aberglaube tötet, anbringen.

We are the weirdos, mister (von ☿)
Im zeitgenössischen Bild der Hexe hat sich vor allem die Verfolgungsgeschichte mit ihren Bildern und Vorwürfen abgelagert. Nur mit mühsamer Quellenarbeit, wie sie etwa Carlo Ginzburg versuchte, lassen sich überhaupt Spekulationen über die Praxis historischer ‚Hexen‘, also von Eingeweihten vorchristlicher, vermutlich (post-)schamanistischer Religionen wagen, die – unter ganz anderen Bedingungen des menschlichen Lebens und seiner Reproduktion entstanden – für uns heute kaum mehr als historisches Interesse haben können.
Die Vorwürfe der Hexenverfolgung dagegen, aus denen das zeitgenössische Bild der Hexe abgeleitet ist, sind uns näher, selbst ein Produkt des neuzeitlichen Geistes, der seine neue Wissenschaftlichkeit in der systematischen Verfolgung und der Folter als Experimentalsetting erprobte. Zweifelsohne bestehen sie weitgehend aus Projektionen auf die ‚Hexe‘, aus unterdrückten Anteilen dieses neuzeitlichen Geistes, die den eigenen Opfern zum Vorwurf gemacht wurden. Der Vorwurf an die Verfolgten, zumeist Frauen, ihrerseits Opfer ‚verhext‘ zu haben, zeugt beredt davon: Ein Mann konnte seinen Ehebruch damit rechtfertigen, mit einem Liebeszauber ‚verhext‘ zu werden, anstatt das Ausleben oder auch nur die Existenz seiner gesellschaftlich unlegitimen sexuellen Bedürfnisse einzugestehen. Auch das Bild des Hexensabbats trägt deutliche Zeichen der Projektion: Hexen sammeln sich des Nachts auf ihrem Kultplatz, um dort ausgelassene Feste zu feiern, zu trinken und zu tanzen, und ihre von sozialen Normen befreite Sexualität auszuleben.
Dementsprechend ist es auch kein Zufall, dass das Idealbild der Hexe eine Frau war: Die Projektion der verdrängten Anteile der eigenen Bedürfnisse, insbesondere der sexuellen Bedürfnisse, auf das Objekt der Begierde festigte gleichzeitig das Bild einer selbstbeherrschten Männlichkeit und konnte als Instrument der Unterdrückung einer selbstständigen weiblichen Sexualität und einem Aufbegehren gegenüber dem Patriarchat dienen. Die Idee, im Zentrum des Hexensabbats stünden sexuelle Praktiken mit dem leibhaftigen Teufel ist entsprechend auch bloß die sekundäre Einhegung der Projektion: Wirklich sexuell selbstständige Frauen waren dann doch zu bedrohlich, um ihr Bild auch nur als Anklage zu verwenden.
Sich auf diese Teile, etwa die Teufelsbuhlschaft oder das Kindsopfer, positiv zu beziehen, wäre eine Reproduktion der Gewalt, da sie die Gegenbilder sind, die einen positiven Bezug auf Geburtenkontrolle und eine Sexualität jenseits der patriarchalen Herrschaft verunmöglichen sollten. Die Faszination, dass das Bild der Hexe auch und gerade heute weckt, beruht nicht auf diesen repressiven Einschlüssen, sondern auf dem von ihnen bekämpften, dem Anspruch, gegen die patriarchale Gesellschaft über den eigenen Körper verfügen zu können. Sie beruht darauf, dass in der Projektion auch heute noch ungehöriges und zu befreiendes ausgedrückt ist. Die Vorzeichen der Projektion sind zu verkehren, um es vom Verächtlich-Gemachten zur Vorwegnahme der Befreiung zu wenden, aber als solche fungieren die genießenden, ihre eigenen leiblichen Bedürfnisse verfolgenden und sich nicht gesellschaftlich repressiven Normen unterwerfenden Hexen als bildliche Vorwegnahme der Revolutionärinnen, derer es heute verlangt.

Do no harm, take no shit (von ♄)
Sollten die Menschen, die zum Anfang der Neuzeit unter dem Vorzeichen der Hexerei verbrannt worden sind, sich als Hexe*r verstanden haben, sie hätten vermutlich trotzdem wenig mit den meisten heutigen ‚Hexe*rn‘ zu tun – die oft irgendwo zwischen differenz-feministschem Ökoempowerment und dem identitären Festhalten an den eigenen Tarotkarten und Kristallen gegen die unwirtlichen Objektivierungen des Kapitalismus, des Patriarchats und der Kirche herumeiern und viel zu schnell in Verschwörungstheorien und Modernefeindlichkeit abdriften. Warum also sich überhaupt positiv auf Hexerei beziehen?
Die Re-Invention hexischer Tradition und Geschichte kann durchaus mehr sein als nur eine regressive Bewegung gegen die komplexe Moderne: Sie kann eine eigenen Sprache und Erzählung von dem Potential erschließen, das in Rausch und Traum manchmal zur Ahnung wird und das es als scheinbar Verlorenes zu suchen lohnt. Nicht gegen die Moderne, sondern als Möglichkeit in ihr und über sie hinaus.
Die Erfahrung ein Teil von Natur, von ihr abhängig und geprägt zu sein (nicht zuletzt einen eigenen Körper und Bedürfnisse zu haben und zu sein) ist für das moderne Subjekt etwas, das es durch Disziplinierung abzuspalten gelernt hat. Hexerei als progressiver Ansatz versucht eine sinnvolle Bearbeitung dieser Erfahrung, versucht in einen dialogischen Austausch mit der Natur-Welt zu treten, anstatt sie zu bezwingen – und dadurch Handlungsfähigkeit zu erlangen.
Wer Magie als Macht versteht, die ihn, Harry-Potter-gleich, zur*zum Welt-Beherrscher*in macht, versucht sich bloß als bürgerliche Subjekts zu verwirklichen; wer von Welt, eigener Geschlechterrolle, Tarot und Kristallen nur nimmt, was ihre Regeln ihm*ihr lassen, findet nicht sein*ihr Schicksal, sondern wirft sich auf Selbstoptimierung und weltbezogene Passivität zurück: Es gibt keinen Unterschied zwischen dem, was man sich selbst und dem, was die Karten einem wünschen können.
In der Erzählung von Hexer*n kann es aber auch um die gehen, die sich zugleich durch Lebens- und Naturbedingungen präg- und heilbar, also mit ihrer Umwelt verbunden verstehen, und den Verzicht auf diese Erfahrung als Verlust begreifen. Progressive Hexerei könnte ein Widerstand mit der Natur und zugleich gegen den Tod sein. Hexerei heißt dann: Lebensbedingungen, Geschichte, Natur zu verstehen, anzuerkennen und sich zugleich aktiv zu ihnen verhalten (die ‚Magie‘, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und zu befriedigen).
Der*die Hexe*r sammelt dann den Schatz aus Wissen und Praxen, die er*sie selbst im Sinne der eigenen Lebensrealität nutzen lernen muss: das ‚Alter‘ des Wissens kann traditionalistisch gedeutet werden, sein verschüttetsein erfordert aber, es ähnlich einem Märchen zu erzählen, zu ergänzen und zu teilen – und ist damit notwendig deutungsoffen. Motive müssen angepasst, übersetzt und verstanden werden, sie sind zeitlich und kulturell gebunden, zugleich ist die Naturverbundenheit prinzipiell materialistisch: die Wirkung von Kräutern ist konstant, der Jahreskreis an die Erdbewegung gebunden. Das daran orientierte Ritual wird so zur Praxis, die sowohl die objektive Welt (gesellschaftlich wie natürlich), als auch die eigenständige Abstandnahme zu ihr reflektiert. Die Kontemplation des Wiederkehrenden ist für Hexerei ebenso wichtig wie der Wandel und die Möglichkeit ‚mit ihm zu arbeiten‘. Die Welt ist dabei nicht klar abgegrenzt (weder männlich und weiblich noch Mensch und Natur) und hat zugleich wirklich Wirkung, bleibt real und voller Widerstände. Hexerei ist immer ein Aushandlungsprozess mit den Dingen und Menschen selbst, keine höhere Macht die jenseits von ihnen steht – und Hexe*r sind Individuen, die sich ihrer Beziehung wie ihrem Unterschied zu anderen*m bewusst sind.

Rost und Motten zehren vom Bestehenden und leisten vielleicht ihren Beitrag, dass es vergeht.


Rost und Motten ist eine Fanzine. Sie ist an einschlägigen Orten zu finden und per Mail erreichbar (rostundmotten[at]riseup.net), ihr Programm ist auch bei facebook zu finden (rostundmotten).

News

11.7.18, Erfurt: #keinschlussstrich – die NSU-Urteilsverkündung

Das Urteil im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München ist gesprochen. Beate Zschäpe sitzt lebenslang ein, André Eminger verlässt noch am gleichen Tag den Strafvollzug, Ralf Wohlleben folgt eine Woche später. Die These vom NSU-Trios wird qua Urteil durchgesetzt, glauben tut dies jedoch keine*r. Der NSU-Komplex bleibt unaufgeklärt, die Angehörigen der Opfer, die Überlebenden und Unterstützer*inne bleiben in Fassungslosigkeit und Wut zurück. In Erfurt findet nur eine kleine Kundgebung vor dem Gebäude des Thüringer Verfassungsschutzes statt. Auf die Anbiederungsversuche von Stephan Kramer fallen einige Protestierende herein und diskutieren über (Un-)Sinnhaftigkeit des Behördenhandelns.

Mitte August 2018, Erfurt: Protest gegen Eröffnung des Wahlkreisbüros von Stephan Brandner (AfD)

Die Initiative „Für eine solidarische Krämpfervorstadt“ von Bewohner*innen und Gewerbetreibenden hat sich gegründet, um ihren Unmut gegen die AfD auszudrücken. Es werden Plakate in Schaufenster gehängt. Weitere Protestaktionen folgen bspw. eine Farbumgestaltung der Büro-Schaufensters, Beschriftungen wie „Erfurt nazifrei“ und „Fuck AfD“, aber auch Geschenke wie eine Torte mit der Aufschrift „Migrants make germany great“.

17. – 31.8.18, Erfurt: CSD-Aktionswochen

Rund um den weltweit zelebrierten Christopher-Street-Day finden auch in Erfurt zahlreiche Veranstaltungen unter dem Motto „Akzeptanz schafft Lust“ statt. Öffentlichkeitswirksamer Höhepunkt ist am 25.8. eine bunte Parade durch Erfurt, der sich 1500 Menschen anschließen und ein Straßenfest auf dem Anger.

20.8.18, Erfurt: Verschwörungstheorien nicht unwidersprochen lassen

Der Verschwörungstheoretiker Daniele Ganser stößt auf Protest. „Ganser absagen“ ist ein breiter Zusammenschluss verschiedener Gruppen aus Erfurt, die Öffentlichkeit mit ihrem Protest herstellen. Denn verschwörungstheoretische Welterklärungen sind nicht nur Unsinn, sondern auch gefährlich – Sündenböcke für gesellschaftliche Missstände zu finden, führt „nicht nur zur Verdummung, sondern auch zur Faschisierung der Gesellschaft.“

23.8.18, Erfurt: 250 gegen die mörderische Abschottungspolitik der Festung Europa

Rund 250 Menschen haben unter dem Motto „Seebrücke – Schafft sichere Häfen“ mit Musik- und Redebeiträgen protestiert. Regelmäßig ruft die Gruppe Seebrücke Erfurt auf, gegen die Kriminalisierung von Seenotrettung und die Flüchtlingspolitik Europas auf die Straße zu gehen.

25.8.18, Mattstedt: Nazi–Event–Wochenende trotz Absage

Trotzdem das in Mattsstedt geplante Nazifestval, bei dem mit Besuchenden im vierstelligen Bereich zu rechnen gewesen wäre, kurzfristig von den Behörden verboten und so von den Nazis abgesagt wurde, können Nazis am Wochenende gemeinsam feiern. Neben einer Ersatzveranstaltung in Klosta Veßra mit etwa 400 Teilnehmenden, können die Nazis z.T. auch auf ein Grundstück eines NPD-Mitgliedes nach Sottershausen (Sachsen-Anhalt) ausweichen. Auch in der Erlebnisscheune in Kirchheim sind Nazis an diesem Tag willkommen. Hier tagt die „Gesellschaft für freie Publizistik“.

1.9.18, Leinefelde: Antifademo gegen den „Eichsfeldtag“

Anlässlich des von der NPD zum achten Mal in Folge veranstalteten „Eichfeldtages“ rufen Antifaschist*innen zu einer Gegendemonstration unter dem Motto „Es reicht. Schluss mit dem Neonazi-Festival ‚Eichsfeldtag‘ in Leinefelde“ auf. Sowohl bei dem Nazifestival als auch bei den Gegenprotesten finden sich etwa 150 Teilnehmende ein.

25.9. – 7.12.18, Erfurt: Still loving feminism

Die fünfteilige Veranstaltungsreihe im Veto verhandelt Grundlagen und Aktualität des Feminismus, die Geschichte autonomer Frauenhäuser, stellt ein Buch zur Kritik an Schönheitsnormen und der Abwertung von dicken Frauen vor und analysiert die Sexualmoral im Postnazismus. Wie breit die Debatte im Feminismus ist, wurde in der Veranstaltung um das Buch „Feministisch streiten“ nochmals deutlich.

4. – 7.10.18, Jena: Refugee Black Box-Konferenz

Aktivist*innen aus ganz Deutschland kommen nach Jena, um sich gegen Abschiebungen, Rassismus und koloniales Unrecht zu organisieren. Es finden Workshops, Diskussionen, Performances und eine Demonstration statt.

Herbst 2018, Erfurt: „Nächste Ecke links“ und „Für eine Perspektive globaler Kämpfe“

Zum vierten Mal finden die alternativen Einführungstage statt und zeigen mit zahlreiche Veranstaltungen, dass es in Erfurt mehr als den Dom gibt. Eine weitere Veranstaltungsreihe, organisiert vom Biko, setzt sich in historischer als auch in der Perspektive aktueller Kämpfe in Südkorea, Mittel- und Südamerika mit globalen politökonomischen Macht- und Herrschaftsverhältnissen auseinander, erweitert den linken Blick und regt Diskussionen zur Praxis internationaler Solidarität an.

13.10.18, Eisenach: Coole Beats statt Nazi-Kiez

Neonazistische Angriffe und Graffito überall im Stadtbild und in Eisenach interessiert das keine*n. Dass das nicht hinnehmbar ist, macht die von der Antifaschistischen Linke Eisenach (A.L. ESA) organisierte Tanzdemo „Coole Beats statt Nazi-Kiez“ deutlich.

13.10.18, Erfurt: Hood Not Kiez-Fest

Was der Norden an linken und alternativen Orten zu bieten hat, wird zum Hood Not Kiez-Fest deutlich, welches bereits zum zweiten Mal stattfindet. Menschen lungern auf der Straße rum, Musik ist überall zu hören, es wird gegessen, gelacht, geraucht und getanzt.

2./3.11.18, Eisenach: Antifaschistischer und antirassistischer Ratschlag

Nach einer Warm-Up Veranstaltung im Oktober 2018 in Bad Langensalza findet in Eisenach der 28. antifaschistische und antirassistische Ratschlag statt. Das Abendprogramm am 2. November ist gestaltet durch einen Mahngang und die NSU-Monologe – einem dokumentarischen Theaterstück, das aus der Perspektive der Opfer und Betroffenen über die Morde des NSU berichtet. Am nächsten Tag finden nach einem gemeinsamen Auftaktpodium verschiedene Workshops und Vorträge statt. Im Nachgang werden die Veranstalter mit dem mit Thüringer Demokratiepreis ausgezeichnet. Die mit 1000€ dotierte Auszeichnung nehmen sie an, um sie an Organisationen weiterzugeben, deren antifaschistisches und antirassistischen Engagement nicht staatlich honoriert, sondern sanktioniert wird: an die Rote Hilfe, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und ein Netzwerk der Selbstorganisation von Geflüchteten; sehr zum Ärgernis der Bildzeitung, die mit der Schlagzeile „Demokratiepreis für Chaoten – Finanzhilfe aus Thüringen für Randalierer in Hamburg“ aufwartet.

8.11.18, Erfurt: Demonstration „Erfurt leuchtet“

Trotz des unpassenden Mottos einen Tag vor dem Gedenken an die Reichspogromnacht folgen 800 vorwiegend junge Menschen dem Aufruf, in dem es heißt „Nazis auf der Straße und im Parlament, Vertreibungspolitik in der Innenstadt, Racial Profiling am Hauptbahnhof und so weiter. Aber auch wenn das oft nicht sehr sichtbar ist, gibt es Gruppen und Menschen, die dagegen die Idee einer solidarischen Gesellschaft setzen.“

12.12.18, Thüringen: Razzia gegen Blood and Honour

Am Morgen finden bundesweit Razzien bei Neonazis statt, die Mitglieder der verbotenen Blood&Honour Vereinigung sind. Ziel der Ermittlung sind auch Mitglieder der sogenannten Thüringer Turonen bzw. der Garde 20 Bruderschaft, die auch Plätze auf der Anklagebank beim Ballstädtprozess besetzten. Sie haben Verbindungen zum deutschen Combat 18 Netzwerk, dem militanten Arm von Blood&Honour.

Dezember 2018, Thüringen: fridays for future!

Dem Vorbild der jungen Klima-Aktivistin Greta Thunberg folgend schließen sich in den folgenden Monaten Schüler*innen und Studierende in verschiedenen Thüringer Städten dem Klimastreik an. Teils wöchentlich protestieren sie für eine radikale Wende in der Klimapolitik.

7.1.19, Dessau: Oury Jalloh-Komplex – Das war Mord!

„14 Jahre ohne Aufklärung – 14 Jahre lang haben Polizei-, Justiz- und Politik die Aufklärung der Ermordung von Oury Jalloh im Polizeigewahrsam sowie die Aufklärung von mindestens zwei weiteren Todesfällen im Dessauer Polizeirevier verweigert [Hans-Jürgen Rose 1997, Mario Bichtermann 2002].“ Dem Aufruf der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh folgen Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet. Aus Thüringen reist ein voller Bus nach Dessau. Im Februar wird der Landtag von Sachsen-Anhalt einen Untersuchungsausschuss zum Mord ablehnen. Kein Vergeben – Kein Vergessen!

19.1.19, Weimar: Versammlung der Patrioten für Deutschland

Unter dem Motto „Kritik an der Islamisierung des Abendlandes“, nehmen 40-50 größtenteils ältere Damen und Herren an einer Kundgebung teil. Anmelder ist der bundesweit umtriebige Immobilienbesitzer Hartmut Issmer. Auf der Gegenkundgebung sind rund 400 Menschen. Etwa 20-30 Personen springen über die Polizeigitter, ein paar kommen bis in den doppelt gegitterten Versammlungsraum und können sich hinsetzen. Ein Patriot schlägt einen Gegendemonstranten
mit einer Fahnenstange. Die Polizei nimmt die Personalien von den Aktivist_innen auf.

19.2.19, Erfurt: Demonstration #FreeTheShips

Im Rahmen der Aktionswoche #FreeTheShips ruft die Seebrücke Erfurt zu einer Demonstration auf, um auf die Lage im Mittelmeer hinzuweisen, Solidarität mit den Retter*innen einzufordern und gegen ihre Kriminalisierung zu protestieren.

26.2.19, Erfurt: Demonstration gegen Behördenwillkür „Stop Making Fear“

Der Verein MOVE: Migranten Omid Verein, der Flüchtlingsrat Thüringen, das Sprachcafé Erfurt und die Refugee Law Clinic Jena rufen zu einer Demonstration vor der Ausländerbehörde Erfurt auf und bringen 300 Menschen auf die Straße.

23.2. – 16.3.19, Erfurt und thüringenweit: Frauen*kampftagsreihe

Das Frauen*kampftagsbündnis Thüringen hat wieder ein spannendes Programm auf die Beine gestellt und ruft erstmalig zum Frauen*streik am 8. März auf! Mit 500 Menschen sind am selben Tag mehr Teilnehmende als im Vorjahr zur Demonstration auf der Straße.

23.2.19, Suhl: Zwei Jahre AK40

Vier Bands sind eingeladen, um bei Livemusik den Geburtstag des linken Projekts zu begehen, das einer der wenigen Orte linker Politik und Subkultur in Südthüringen darstellt. Bevor das eigentliche Konzert beginnt, gibt es ein Überraschungsständchen des lokalen Blasmusikorchesters und einen Vortrag zu Repression in Südthüringen. Wir wünschen nachträglich alles Gute!

16.2.19, Arnstadt: Naziangriff auf Punks

Vier Nazis mit Hund attackieren zwei Personen, die sie der Punkszene zuordnen. Die Betroffenen werden teils schwer verletzt und ins Krankenhaus gebracht. Eine Person wird wegen eines Unterkieferbruchs operiert. Die politische Dimension der Tat bleibt im Bericht der Lokalpresse unerwähnt, das gestohlene Handy sei „verloren gegangen“. In Anlehnung an die Pressemitteilung der Polizei übt sich die Thüringer Allgemeine so in bekannter Relativierung des Naziangriffes.

Februar 2019, Brattendorf: Neue Naziimmobilie in Südthüringen

In Brattendorf bei Schleusingen erwerben zwei Männer den Gasthof Haselbach in der Schleusinger Straße 37. Einer von ihnen – Vertreter der GGA Grundstücksgesellschaft Auengrund mbH – fungierte vermutlich als Strohmann, der andere, Benjamin Daum, war der langjährige Koch Tommy Frencks aus Klosta Veßra. Es liegt nahe, dass Frenck und Daumen das Klosta Veßraer Nazi-Erfolgsmodell um eine weitere Gaststätte erweitern wollen.

16.3.19, Eisenach: Wartburgstadt im Wanken!

Die bundesweite Mobilisierung „Irgendwo in Deutschland“ bringt 900 Antifaschist*innen nach Eisenach, um gegen die rechte Hegemonie und alltägliche rechte Gewalt zu demonstrieren. Nach dem Ratschlag im November folgt eine bundesweit unterstützte Intervention, um die lokalen Antifa-Strukturen zu unterstützen. Im Vorfeld wird in zahlreichen Städten über „Eisenacher Zustände“ referiert.

23.3.19, Weimar: Versammlung der Patrioten für Deutschland, schon wieder

Unter dem selben Motto wie schon am 19.1. treffen sich 32 ältere Patrioten, um Reden und Musik von Wagner zu hören. Für sie wird der halbe Goetheplatz abgeriegelt. Erst nachdem das BgR gegen die absurden Auflagen klagt, nimmt die Stadt einen Teil wieder zurück, das Gericht erklärt eine weitere für rechtswidrig. Obwohl sie den Anmeldern der Gegenproteste Steine in den Weg gelegt haben, sind unter den 300 Gegendemonstranden dann trotzdem der OB und der Beigeordnete für Ordnung und Sicherheit, um zu demonstrieren, wie toll sie den Protest finden.

FIT* FOR ACTION – ein Kongressbericht

Am Frauen*kampftagsbündnis kommt seit 2015 keine*r mehr vorbei – von Februar bis März finden in mehreren Thüringer Städten Veranstaltungen verschiedener Formate statt, feministisch Bewegte diskutieren und tauschen Erfahrungen aus. In diesem Jahr organisierte das Bündnis nun erstmals einen eintägigen Kongress in Erfurt, der diese Möglichkeiten intensivieren sollte unter dem Motto FIT* FOR ACTION – Feministischer Kongress Thüringen #1 – Du interessierst dich für Feminismus und linke Politik? – Wir auch!“ Franzie schildert ihre Eindrücke vom Kongress.

Anspannung und Vorfreude liegen in der Luft als die Teilnehmerinnen* am Samstag Morgen das imposante Gebäude in der Brühler Vorstadt betreten, das sonst nur Schüler*innen des besser betuchten Stadtviertels vorbehalten ist. Herzliche Umarmungen und erste Gespräche bereiten den Empfang und den Start in den Tag – viele kennen sich, die Atmosphäre wirkt vertraut. Vorbei an strengen Gesichtern der vormaligen Schulleiter geht es die breiten Steintreppen hinauf in die mit dunklem Holz kunstvoll gestaltete Aula, der Blick durch die schmückenden Bleiglasfenster lässt Kackstadt viel freundlicher erscheinen als sonst. Auf den in Kreisen gestellten Stühlen nehmen etwa 60 bis 70 Fauen*, Inter und Trans Platz. In der Mitte diskutieren alsbald feministische, linke Akteurinnen zur Vergangenheit, Gegenwart und über Anstöße für Perspektiven von feministischen Kämpfen in Thüringen. Platz nehmen unter anderem Akteurinnen aus der autonomen Frauenbewegung der 90er Jahre, der „Frauen für Veränderung“, parteipolitisch Aktive, Gewerkschafter*innen und Antifaschist*innen. In der Fish-Bowl-Diskussion werden aus dem reichen Erfahrungsschatz verschiedenste Themen angesprochen: die Erfahrung des Wirkens in Frauengruppen wie bspw. durch Frauen für den Frieden als Teil einer männlichen Bürgerbewegung in der DDR – Mackertum in der Antifa seit den 90er Jahren mit gegenwärtigem Reflexionspotential – parteipolitische Maßnahmen zur Geschlechtergleichheit und fehlender Mutterschutz für Abgeordnete sowie informeller Männerklüngel im „Postengescharrer“ – durch die Wende-Verhältnisse ins Tun kommen – Räume für Frauen und Mädchen schaffen in selbstverwalteten Strukturen wie Wohnprojekten und besetzten Häusern, im feministischen Mädchenprojekt oder im Radio – Pornographie öffentlich ächten – Frauen im tätigen Widerspruch zu gesellschaftlichen Strukturen und Frauen tätig ohne Widerspruch in gesellschaftlichen Strukturen – Frauen und Existenzängste – feministische Genossen, die dasselbe wollen? – Frauengesundheit und weibliche Erfahrung – Rechtsruck und Zeitfenster für progressive Gesetzgebung – weiblicher Körper im Wandel – Feminismus als späteres Thema in der eigenen politischen Sozialisation – Ausschluss aufgrund individualisierter statt kollektiver Kindererziehung – Kapitalismus, Feminismus und Antifaschismus.

Die Spannbreite der Themen lässt erahnen, was den Frauen* unter den Nägeln brennt und dass vieles hätte vertieft werden wollen. Das Ansinnen einen Erfahrungsaustausch zwischen mehreren Generationen feministisch Aktiver zu fördern, konnte mit der gezielten Einladung zum Kongress angestoßen werden. Die, die sich versammelten waren mehrheitlich weiß, gut ausgebildet, zwischen Anfang 20 und Mitte 30. Erfahrungen und Themen weiter Teile von Frauen waren jedoch nicht vertreten und fanden somit keinen Platz oder Eingang in die Debatte. Welchen Feminismus wollte man hier also diskutieren? Eine formulierte Antwort lautete: „Einen Feminismus für viele Menschen, der auf gesellschaftliche Strukturen zielt und Veränderung des Systems.“

Die Neugier auf die Erfahrung der anderen war groß und ließ sich kaum stillen. Dies zu teilen beförderte die Einsicht in die Gewordenheit der Verhältnisse sowie Erkenntnis der weiblichen Subjektivität. Wie aber kann es gelingen diese Konzentration von Erfahrung vorwärtsweisend politisch zu greifen und in Handlungsfähigkeit gegen patriarchale Verhältnisse zu wenden? Die gemeinsame Suche nach Antworten fand in den nachfolgenden Workshops statt, in denen die jüngeren Bewegten mehrheitlich unter sich blieben und somit Erfahrungen und Strategien ungeteilt blieben. Beim Wendo wurde feministische Selbstbehauptung eingeübt, andere diskutierten über Historie und Gegenwart der Abtreibungsparagrafen und den feministischen Kampf dagegen. Ein Workshop befasste sich mit dem Verhältnis von Frauen* und Theoriearbeit, ein weiterer mit Sexismus in den eigenen politischen Strukturen. So verging der Nachmittag und mündete in eine geschrumpfte Abschlussrunde, die zur Feststellung führte, dass es auch im nächsten Jahr einen solchen Kongress braucht. Wünsche dafür: mit älteren Feminist*innen in Austausch kommen und mehr Vernetzung feministisch Aktiver ermöglichen.

Am frühen Abend wurde der Kongress für all gender zur Lesung mit dem feministischen Magazin „Outside the box“ aus Leipzig geöffnet. Zwei Redakteurinnen stellten ihre Arbeit vor und beleuchteten das Thema Streit der fünften Ausgabe näher. Es wurde teils im Erzählerischen und mittels Interviews das Spannungsverhältnis von Identitätspolitik, weiblicher Subjektivität und einer erfahrungsbasierten Kritik zur Überwindung der Gesellschaft aufgeworfen und „das fiese Dilemma“ zwischen individualisiertem Empowerment, welches Verantwortung einzig dem Individuum auferlegt, und machtkritisch vermitteltem schlauen Empowerment herausgestellt. Im Feminismus der Zeit zeigten sich die Widersprüche, so die Redakteurinnen, und argumentierten mit dem Gelesenen für einen materialistischen Feminismus. So gab es auf diesem ersten feministischen Kongress des F*KT-Bündnisses mehrere Antworten darauf, für welchen Feminismus gestritten werde.



Literaturhinweise:

Ahr, Birgit; Göhler, Katrin, Hildebrandt, Hiltrud u.a.(1993): Das Mädchenprojekt Erfurt. In: Heiliger, Anita; Kuhne, Tina (Hg.innen). Feministische Mädchenpolitik, 59-78.

Grauzone Dokumentationsstelle zur nichtstaatlichen Frauenbewegung in der DDR; Kenawi, Samira (Hrsg.) (1995): Frauengruppen in der DDR der 80er Jahre: Eine Dokumentation.

Haug, Frigga (1991): Erziehung zur Weiblichkeit: Alltagsgeschichten und Entwurf einer Theorie weiblicher Sozialisation.

Outside the box, feministische Zeitschrift bisher 6 Ausgaben erschienen, outside-mag.de.

Viewpoint Magazine, „a militant research collectiv“, viewpointmag.com.

Über die Zeitlichkeit begrenzter Sicht – Liv Strömquists Vulva-Comic „Der Ursprung der Welt”

Jede_r sollte diesen Comic lesen, meint Dora Grün. Sie empfiehlt die von Liv Strömquist gezeichnete Kulturgeschichte der Vulva, die den entfremdeten Blick auf den eigenen Körper in Frage stellt. Das Buch ist ein Angriff auf die begrenzte Sicht.

Eine Comicrezension braucht Bilder. Die verblüffende Vulva-Kulturgeschichte der schwedische Zeichnerin Liv Strömquist erzählt Geschichte(n) wie diese:
Strömquist zeigt Bilder der Vulva, die es zu anderen Zeiten und an anderen Orten einmal gab. Ihr Comic zeigt Bilder, die die Vulva als eines von vielen Körperteilen und als ein geschätztes Körperteil zeigen. Was ja auch die an jeder Wand prangenden Penisbilder tun.
Strömquist gibt Wissenschaftler, die versucht haben, die Herrschaft über andere Körper zu übernehmen der Lächerlichkeit preis. Und sie verblüfft ihre Leser_innen. Sie spielt mit dem, was wir sehen können – und doch nicht sehen, weil sich immer wieder etwas „Vor-Gesehenes“, ein gesellschaftlich geprägter Blick wie ein Bildschirm vor die Wahrnehmung des eigenen Körpers schiebt. Natürlich sehe ich meinen Körper mit eigenen Augen, aber das vor-gesehene Wissen aus Bio-Büchern, Zeitschriften und Internetquellen kann ich kaum abstreifen.
Die feministische Filmwissenschaftlerin Kaja Silverman unterscheidet mit dem Begriff des Vor-Gesehenen, was wir physisch wahrnehmen (look) und was der gesellschaftlich geprägte Blick (gaze) uns nahelegt, zu sehen. Sie spricht von einem Blick-Regime, einer Führung und Herrschaft durch Bilder.

Liv Strömquists Comic zeigt, wie sich Bilder von Scham und Schmutz vor andere Bilder der Vulva geschoben haben. Sie dokumentiert nicht, sie übernimmt die Regie. Sie zeigt, wie die Welt aussehen würde, wenn sie nicht bestimmt hätten und andere gewonnen hätten. Über die veränderte Rückschau arbeitet sie vorausschauend (präfigurativ). Sie gibt besserwisserische Mediziner und Denker der Lächerlichkeit preis und sie schenkt Frauen* und den feministischen Bewegungen, die noch kommen, Zeit, Raum und andere Bilder.

Die Zeichnerin Liv Strömquist, die auch Radiomoderatorin und Aktivistin ist, sagt von sich selbst, sie habe den Comic gezeichnet, um ihre eigene Ahnungslosigkeit zu überwinden. Sie wollte die soziale Unsichtbarkeit, Banalisierung und Dämonisierung „weiblicher Geschlechtsorgane”, die Mythen über die Menstruation und die Story rund um prämenstruelle Hormonschwankungen (PMS) verstehen. Herausgekommen ist ein rasantes, witziges und überraschendes Buch. Immer wenn man denkt, „so sieht es aus”, wartet Strömquist mit noch einer Story auf, die zeigt, wie Männer* sich den Frauen*körper aneigneten, wie der weibliche Orgasmus verzichtbar wurde und wie prämenstruelle hormonelle Schwankungen zwar dazu taugten, Frauen Vernunft und Intellekt abzusprechen, aber nicht dazu, dass man sagte, „dass Frauen zu viel mit ihren Kindern schimpfen, weshalb es besser sei, dass Männer mit den Kindern zuhause blieben und Frauen arbeiten gingen.“

Liv Strömquist, die sich auf auf Punk, Kathleen Hanna und DIY bezieht, erzählt in einem Interview von einem Abend, an dem ein älterer Comic-Zeichner ihr sagte, er möge keine Zeichnerinnen, weil in ihren Arbeiten „nur die Menstruation” vorkomme. 10 Jahre später habe sie dann die Graphic Novel über das Thema gemacht, „weil es niemand getan hat.”
Strömquist findet bei ihrer Arbeit am Comic heraus, dass erst 1998 „nach Jahrtausenden von Jahren wirklich grottenschlechter Forschung“ die australische Medizinerin Helen O’ Connell die Größe der Vulva realistisch abbildete. Und dass obwohl „die Sex-Industrie das bereits seit einiger Zeit weiß. Man muss sich nur das Sexspielzeug auf dem Markt ansehen, um festzustellen, dass es nicht designt ist, um einen kleinen Punkt am oberen Teil der Vagina zu berühren. Es ist dazu gemacht, um einen größeren Bereich zu stimulieren”, so Fiona Patten, die Sprecherin des australischen Sex-Industrie-Dachverbandes Eros Association.

Strömquists Buch zeigt, dass es an anderen Orten und zu anderen Zeiten ein breiteres Bild der Vulva gegeben hat. Sie führt die Irrtümer der Geschichte vor, montiert Text-Bildirritationen, illustre Ahnengalerien mächtiger alter Männer und ihnen entgegentretende trotzige Frauen*.
Der Comic verblüfft, denn er überführt unsere viel zu kleinen Erwartungen. Er spielt mit der „Zeitlichkeit der Unterdrückung“ und transportiert nicht nur alt-neue Geschichten, sondern vergrößert die eingeschränkte Sicht. Er macht so aus Unterdrückung etwas mehr Geschichte. Das Buch ist witzig, es macht klug und es zeigt ein Feuerwerk von Taktiken der Befreiung. Lasst es euch nicht entgehen.

Strömquist, Liv (2014): Der Ursprung der Welt. Avant-Verlag, Berlin, 19,95 Euro.

Für die Akzeptanz verschiedenster nicht-heteronormativer Lebensweisen

Die AG QueErfurt setzt sich für queere Sichtbarkeit und Akzeptanz verschiedenster nicht-heteronormativer Lebensweisen ein. Die Lirabelle sprach mit Siân und Norman von der Gruppe.

Könnt ihr eure Gruppe kurz vorstellen?

Norman: QueErfurt ist eine Hochschulgruppe an der FH und Uni Erfurt. Unsere Mitglieder sind jedoch nicht nur Studierende und wir richten uns auch nicht nur an Studierende. Wir versuchen, das queere Leben in Erfurt durch Veranstaltungen zu bereichern und uns in verschiedenen Kontexten für queere Menschen einzusetzen. Wobei queer bei uns bedeutet, sich gegen geltende gesellschaftliche Normen zu stellen, politisch oder privat.

Wie steht ihr zur Identitätspolitik des älteren Feminismus, der vor allem für Frauen im engeren Sinne eingetreten ist?

Siân: Der Feminismus hat sicherlich seinen alleinigen Fokus auf Frauen, im Sinne von Cis-Bio-Frauen aufgegeben, aber eine andere Art der Identitätspolitik ist diesem gewichen. Ich meine, es geht nun um verschiedene Gruppen, die verschieden von Diskriminierung betroffen sind und auch Privilegien anderen Gruppen gegenüber haben können. Das ist durchaus eine Weiterentwicklung, da Feminismus so auf die diversen Probleme einer diversen Gruppe eingehen kann. Klar, gibt’s da Futter für Spaltung und Uneinigkeit, aber sonst ignorieren wir schlussendlich wieder spezifische Probleme. Am Ende ist das Ziel eine Welt ohne Identitäten, die mit Diskriminierung oder Privilegien aufgeladen sind, in der Menschen einfach Menschen sind. Bis dahin kommen wir um die Benennung von Identitäten nicht herum. All dies kann am Ende wieder unter dem Banner des Feminismus zusammengefasst werden. Deshalb ist queer für uns auch ein politischer Terminus, dem sich alle Menschen unterordnen können, die gegen eine heteronormative Gesellschaft stehen, also auch polyamore, bi-, pan- und asexuelle. Wir wollen nicht ausschließen, während wir gleichzeitig den Unterschieden innerhalb der Gruppe Raum geben.

Also ist Queer für euch die zeitgenössische Form des Feminismus, Alice Schwarzer, Nancy Fraser und Frigga Haug nur noch eine Erinnerung an alte Zeiten?

Siân: Alice Schwarzer ist Geschichte. Dieser Art Feminismus hat in den 1970er-Jahren unglaublich emanzipatorische Sachen geschrieben, aber das interessiert junge Feministinnen heute nicht mehr. Feminismus ohne Queer geht heute einfach nicht mehr. Gleichwohl sind Frauen – auch wenn das eine Konstruktion ist – immer noch benachteiligt, machen die meiste Reproduktionsarbeit, verdienen weniger und sind mehr sexueller Gewalt ausgesetzt. So lange das so ist, muss es auch sichere Orte für Frauen – und dazu zählen auch Trans-Frauen – geben. Und auch für Männer, die Opfer von Gewalt sind.

Queere Sichtbarkeiten in Erfurt sind rar, es sieht oft so aus, als dominiere der Cis-Hetero-Mainstream. Kann man queer in Erfurt gut leben?

Siân: Der Cis-Heteronormative-Mainstream dominiert definitiv in Erfurt.

Norman: Da muss man vielleicht unterscheiden. Du kannst durchaus gut im Sinne von unbehelligt leben, in den meisten Teilen von Erfurt.

Siân: Ja das stimmt. Ich würde schon aufpassen, wo und zu welcher Uhrzeit ich mich wie verhalte, aber es ist nicht so, dass man überall Angst haben muss. Allerdings gibt es wenige Orte und Events, die sich konkret an queere Menschen oder vor allem queere Jugendliche und junge Leute wenden. Gerade deshalb legen wir auch viel Wert auf Kultur- und Wissensveranstaltungen mit queerem Fokus.

A propos Wissensveranstaltungen. Ich war mal auf einem queeren Camp, bei dem wir in der Vorstellungsrunde unsere Pronomen sagen sollten. Ein älterer Mann aus dem Dorf, wo das Camp stattfand, fragte: „Was ist ein Pronomen?“, was mit Augenrollen quittiert wurde. Ist eine gelingende Queer-Performanz eine Klassenfrage?

Siân: Ich würde eher sagen hier geht es um Bildung und nicht um akademische Bildung. Man braucht keinen BA oder Abitur um zu lernen wie durchtränkt unsere Kultur und Gesellschaft mit dem Konzept der Heteronormativität ist. Man muss nicht studiert haben um zu verstehen was trans* oder bisexuell bedeutet. Die Konzepte sind sehr einfach, aber man kann Menschen oft nicht vorwerfen, wenn sie noch nie davon gehört haben oder nur eine sehr verzerrte, durch die Linse der Heteronormativität präsentierte, Version bekommen haben.

Norman: Man muss einfach nur an unsere eigene Uni hier in Erfurt gehen. Da hatten wir selbst erst Debatten darüber, im Stura aber auch in Kursen und mit Professor*innen, ob es wichtig ist, auf verschiedene Geschlechtsidentitäten einzugehen oder auch nur ungegenderte Sprache zu benutzen. Bildung ist definitiv kein Garant für Verständnis queerer Themen oder queerer Performanz.

Aber nochmal andersrum gefragt: Legt die Queer-Szene nicht zu viel Aufmerksamkeit auf symbolische Politiken und zu wenig auf soziale Ungleichheit?

Siân: Ich persönlich habe mich mit sozialer Ungleichheit nicht viel auseinandergesetzt. Aber eigentlich finde ich alle Unterdrückungsformen gleich wichtig und ich finde es super, wenn Leute, die unterschiedlich diskriminiert werden, zusammenarbeiten. Auch wenn das in unserer Praxis im Moment keine allzugroße Rolle spielt.

In den letzten Jahren entwickelt sich im und an den Rändern des Rechtspopulismus ein neuer Antifeminismus, der auf jede Modernisierung von Geschlechterverhältnissen eindrischt. Nehmt Ihr so was auch in Thüringen wahr? Würdet Ihr das Lehrangebot von Andreas Lindner in Studium Fundamentale der Uni Erfurt in diesen Kontext rücken?

Siân: Wir haben durchaus das Gefühl, dass es eine homophobe, antifeministische Stimmung in Thüringen gibt. Das Lehrangebot von Andreas Lindner ist nur ein Indiz dafür. Die AfD und Höckes Reden tragen auch dazu bei. Bodo Ramelow hat bei der Eröffnung der Hirschfeld Tage im November gesagt, dass statistisch kein Bundesland homophober sei, als Thüringen. Das macht uns Sorgen.

Norman: In Dr. Lindners Veranstaltung sind Abtreibungsgegner aufgetreten sowie Männer die ihrem Publikum erzählten, mit dem Feminismus wär‘s nun auch mal genug. Wir wären quasi bei Gleichberechtigung angelangt. Gleichzeitig erkennen Lindner, wie auch seine Frau, die Psychologin ist, trans* Personen nicht als normale Menschen an.

Siân: Es gab definitiv im Seminar kritische Antworten aus der Studierendenschaft. Und es ist auch gelungen, auf verschiedenen Ebenen an der Uni zu thematisieren, wie unausgewogen und antifeministisch das Seminar war. Woran es genau gelegen hat, können wir nicht sagen, aber am Ende steht fest, dass es im kommenden Semester kein Studium Fundamentale mit Andreas Lindner geben wird. Allerdings muss man auch sagen, dass wir viel Gegenwind für unsere Kritik bekommen haben, was definitiv mit einer verbreiteten antifeministischen und antiqueeren Grundstimmung an der Uni zu tun hat.

Wie erreicht man euch, wenn man mitmachen möchte?

Norman: Erreichen kann man uns über per Email oder über unsere Facebook Seite. Wir freuen uns über neue Leute mit neuen Ideen, Plänen und Vorhaben.

Kontakt: queerfurt@fh-erfurt.de

Ein Raumschiff voller Kritik

Science Fiction zeigt die Welt, so wie sie sein könnte. Oder? Pascal Späth und Karl Meyerbeer über ein Genre, das als Kleine-Jungs-Traum von heldenhaften Heldenmännern, glitzernden Superraumschiffen und bösartigen außerirdischen Monstern begann.

Von Pulp, Hollywood und New Wave

Die erste größere Verbreitung fanden Zukunftsgeschichten in den USA in den 1940er-Jahren als Groschenroman in billigem Druck („Pulp Fiction“). Diesen ganzen Bereich deswegen als Schundliteratur abzutun würde aber ignorieren, dass es im Genre schon immer auch Erzählungen gab, die nicht in das Schema „blonder Superheld rettet die Welt vor insektenäugigen Monstern“ passen. Das Nachdenken über neue Ideen, Technik und gesellschaftliche Entwicklungen ohne an die Schranken der momentanen gesellschaftlichen Situation gebunden zu sein, war schon von Anbeginn an Teil dessen was heute als Science Fiction (SF) bezeichnet wird. Ab den 1960er Jahren begann parallel zu den gesellschaftlichen Umbrüchen innerhalb der festgefahrenen Industriegesellschaft mit ihren vorgeschriebenen Lebensläufen und einengenden Familienstrukturen eine Entwicklung, die in anderen literarischen Genres schon stattgefunden hatte: Die sogenannten „New Wave“-Autor_innen brachen mit neuen Themen, wie der Beschäftigung mit Rassismus, Geschlechtsidentität und sozialen Fragen, aber auch mit experimentelleren Erzählstrukturen das traditionelle Genre auf. Bekanntere Autor_innen der US-amerikanischen „New Wave“ waren beispielsweise Ursula K. LeGuin, Samuel R. Delany, Philip K. Dick oder John Brunner. Parallel dazu schrieben im Ostblock Autor_innen wie die Brüder Strugatzki oder Stanisłav Lem an einer phantastischen Verarbeitung des Realsozialismus.
Die Vorzeigewerke der emanzipatorischen SF sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Genre oft eine ideologische Verkleisterung des falschen Ganzen liefert. Eine ältere Ausgabe der Zeitschrift „Radikal“ liefert einen exzellenten Überblick darüber, wie das im SF-Film geschieht (http://radikal.squat.net/155/07.html). Wir wollen hier gar nicht so umfassend argumentieren, sondern nur das Werk zweier zeitgenössischer Autor_innen vorstellen, die wir ausgewählt haben, weil sie aus einer explizit linken oder emanzipatorischen Perspektive alternative Welten entwerfen: Octavia E. Butler und Chiena Mieville.

Von Dampflokomotiven, seelen-fressenden Monstern und Räten

Wenn es gelingt, dass unterschiedliche Stränge radikaler Politik aus Graswurzelbewegungen und Kooperativen, Gewerkschaften, antisexistischen und antirassistischen Gruppen gemeinsam kämpfen, kann die Linke handlungsfähig werden.
Diese Idee ist zumindest ein verbindendes Moment von Chiena Mievilles politischem Engagement in der britischen Kleinstpartei „Left Unity“ und vieler seiner Romane. Aber während andere explizit politische SF-Romane bei aller gesellschaftspolitischen Bedeutung schlichtweg langweilig sind, funktionieren Mievilles Bücher sehr mitreißend.
„Ich liebe Monster mit Hingabe“ – und wer die seelen-fressenden Falter aus dem gleichnamigen Buch oder das monströse Seeungeheuer in „Die Narbe“ kennenlernt, weiß, wieso der Autor das sagt. Mieville bezieht sich damit explizit auf den Unterhaltungswert der Pulp Fiction und verbindet diese in seinen Büchern mit Aussagen von sozialer Sprengkraft. Der Autor ist auch im Pen-and-Paper-Rollenspiel aktiv und wie dort üblich sind die alternativen Welten, in denen seine Romane spielen, mit viel Liebe zum Detail aufgebaut. Ich höre schon den Zwischenruf: „Krasse Monster und eine rollenspielmäßig aufgepeppte Welt, das klingt nun genau nach dem Schund, aus dem die SF kam“. Der Zwischenruf ist angebracht, weil tatsächlich ein Reiz der SF darin besteht, ein konzeptionell ausgearbeitetes Universum von immer neuen Seiten her kennen zu lernen. Dies ist aber nicht ein Alleinstellungsmerkmal von anspruchsloser Serienware a la Perry Rhodan (die wohl bekannteste und langlebigste SF-Heftreihe aus Deutschland). Auch die schon erwähnten Strugatzki-Brüder verstanden es, auf der Folie ihres kontinuierlich ausbuchstabierten Mittags-Universums immer wieder neue Geschichten zu erfinden, ohne den „Ich-lerne-einen-Kontext-Kennen“-Effekt zum Selbstzweck werden zu lassen.
Zurück zu Miville und seinem Bas-Lag Universum: Im Mitteleuropa der Geschichtsbücher hat der Benzinmotor irgendwann die Dampfmaschine abgelöst und sich mit dem Auto tief in jede Pore und Falte der Gesellschaft ausgebreitet. In Mievielles Universum hat der behäbigere Dampf die Oberhand behalten und so treffen wir neben reichlich Lokomotiven auf dampfgetriebene Flugapparate und Computer sowie sogenannte „Remade“ – Menschen, die als Strafmaßnahme in dampfgetriebene Cyborgs verwandelt wurden. Das militärische und kulturelle Zentrum der Welt ist der Stadtstaat New Crobuzon. In einer autoritären Demokratie mit stark ausgeprägter Klassengesellschaft kämpfen dort die ökonomischen und politischen Eliten für den Erhalt ihrer Herrschaft. Die Unterdrückten versuchen immer wieder, sich in kleinen Gruppierungen (unter anderem mit der Untergrundzeitschrift „Das Lauffeuer“) dagegen zu organisieren.
Besonders der Roman „Der eiserne Rat“ rückt widerständige Praxen ins Zentrum der Erzählung: Bei einem monumentalen Eisenbahnlinien-Großprojekt, mit dem New Crobuzon seine militärische Dominanz sichern will, revoltieren die Arbeiter_innen angeführt von einer Sexarbeiterin. Sie organisieren sich basisdemokratisch und beginnen, die Schienen hinter ihrem Bauzug herauszureißen und davor wieder einzubauen, um Stück für Stück dem Einflussbereich der Stadt zu entkommen. Zwischen dem Drang nach Unabhängigkeit und dem Wunsch, die keimende Revolte in der Stadt zu unterstützen, entfaltet sich eine Geschichte, die durchaus als Metaerzählung über mögliche politische Strategien der Linken gelesen werden kann. Die Art und Weise, wie Mieville vor allem im Eisernen Rat soziale Kämpfe thematisiert, erinnert an Autoren wie Upton Sinclair, die in den 1920er-Jahren die Lage des entstehenden Proletariats in den USA beschrieben hat und dabei immer deutlich auf Seiten der Protagonist_innen standen.
Der realpolitische Mievielle hat sich in innerparteilichen Auseinandersetzungen als Antisexist positioniert. Dass die zentralen Frauenfiguren in seinen Romanen in vorhersagbarer Regelmäßigkeit scheitern, ist mir unangenehm aufgefallen. Andererseits scheitern im Grunde die meisten der Protagonisten in Mievilles Büchern am Ende an den übermächtigen Verhältnissen. Was bleibt, ist eine Vision, dass die Welt anders als unmenschlich sein könnte, nicht sie es irgendwann sein muss.

Von Aliens, Menschen und dem Anderen

Octavia E. Butler begann in einer Zeit in den USA zu schreiben, in der es für eine schwarze Frau schwer vorstellbar schien, als Autorin bekannt zu werden, geschweige denn den Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Geboren Ende der 1940er Jahre, prägten die Armut und der Kampf ums Überleben mit vorübergehenden Jobs auch ihre ersten Jahre als Schriftstellerin.
Erfolgreich als Autorin wurde sie erst Anfang der 1980er-Jahre unter anderem mit einigen preisgekrönten Kurzgeschichten. In diese Zeit fällt auch das Erscheinen der Xenogenesis-Trilogie.
Die Ausgangssituation für die Trilogie ist ein für die SF der 1980er-Jahre typischer Plot: Kalter Krieg und Atomwaffen führen zur Verwüstung der Erde, Aliens kommen daher und retten einige wenige Menschen. Da endet es aber auch schon mit den herkömmlichen Zutaten. Zwischen den Oankali und den übriggebliebenen Menschen entwickelt sich eine Beziehung, die von der Fremdartigkeit der Aliens und dem starken Machtgefälle geprägt ist. Die Oankali retten die Menschen nämlich nicht aus altruistischen Gründen, sondern weil sie nur fortbestehen können, indem sie sich im Laufe der Zeit immer wieder mit anderen Lebewesen vermischen und sich dadurch genetisch weiterentwickeln. Die Rettung der Menschen gestaltet sich aus Sicht von Lilith, der Hauptperson des ersten Bandes, auch eher als Entführung und lange grausame Gefangenschaft. Die Oankali ändern ihr Verhalten gegenüber Lilith erst, als diese beginnt mit den Aliens zu kommunizieren und auf ihre, je nach Sichtweise Wünsche oder erpresserischen Forderungen, eingeht. Die Oankali stehen also nur vor der Wahl, sich mit den Menschen zu vermischen oder nicht, während den Menschen andererseits keine Wahl gelassen wird, da die Oankali herausgefunden haben, dass die Menschen allein auf Dauer nicht überlebensfähig sind.
Die Themenfelder, die in den drei Bänden aufgespannt werden, sind vielfältig: Rassismus, Kolonialismus, Macht und hierarchische Strukturen, Sexualität (die Oankali haben drei Geschlechter, die alle zur Fortpflanzung beitragen müssen), der Umgang mit absoluter Fremdartigkeit, die eigene Identität, was es ausmacht ein Mensch zu sein und was daran überhaupt erhaltenswert ist.
Abgesehen von Lebensformen, die so andersartig sind, dass eine Kommunikation oder ein überhaupt gegenseitiges Wahrnehmen als intelligente Wesen überhaupt nicht möglich ist (wie z.B. der „Ozean“ in Stanisław Lems „Solaris“), sind die Oankali eine der fremdartigsten und zugleich plastischsten Alien-Erfindungen über die ich bis jetzt gelesen habe.
Dementsprechend ist natürlich die Frage des Umgangs der übrigen Menschen mit diesen von ihnen ursprünglich als abstoßend empfundenen Wesen ein Hauptthema der Bücher. Die Analogie zum Hier und Jetzt mit den „Anderen“ innerhalb der menschlichen Gesellschaft, denen die „Normalität“ versagt wird ist augenscheinlich und Lilith rät ihrem oankali-menschlichen Kind folgendes: „Die Menschen fürchten Verschiedenheit.[…] Die Menschen verfolgen diejenigen, die anders sind als sie, aber sie brauchen sie, um sich Definition und Status zu geben. Die Oankali suchen Verschiedenheit und sammeln sie. […] Wenn du einen Konflikt fühlst, versuche, den Oankaliweg zu gehen. Umarme Verschiedenheit.“
Die alles überspannende Frage, die in allen Werken von Butler durchscheint, ist jedoch die Frage nach dem Erhalt der eigenen Prinzipien unter dem Druck einer alternativlosen Situation. Ist es besser oder erstrebenswerter, für die eigenen Ideen zu sterben oder sich den Gegebenheiten anzupassen und zu versuchen, unter den momentan nicht änderbaren Zuständen für sich und andere das bestmögliche Weiterleben zu ermöglichen? Butler bezieht sich dabei vor allem auf den Hintergrund der jahrhundertelangen Erfahrung afrikanischer Sklav_innen in Amerika. Im bequemen Lesesessel und in einer relativ sicheren Lebenssituation lässt es sich leicht darüber urteilen, wie sich die Unterdrückten angesichts der Diskriminierungen bitteschön heldenhaft zu verhalten haben. Butlers Figuren bieten ebenjene heldenhaften Lösungen nicht an, sondern stellen die unterschiedlichen möglichen Handlungsweisen angesichts untragbarer gesellschaftlicher Verhältnisse dar, ohne in moralisierender Weise darüber zu urteilen.

Vom Lesen, Denken und Handeln

Trotz aller Unterschiede in Herangehensweise und Blickwinkel der beiden Autor_innen haben wir diese Beispiele ausgewählt, weil ihnen gemeinsam ist, dass sie das SF-Genre nutzen, um gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen und über mögliche Wege zu deren Beseitigung zu reflektieren. Die SF-Genreelemente werden aber nicht als bloßes Vehikel genutzt, um die Message zu verbreiten.
Sowohl Mievielle wie auch Butler erzählen spannende und unterhaltsame Geschichten. Freunde der Space-Opera fragen sich da vielleicht: „Was hat denn auch der blöde Feminismus in unseren Heldengeschichten zu suchen?“. Und Theoretiker_innen mögen der Ansicht sein, dass die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen besser in Form von Sachtexten erfolgen sollte. Beides zeigt das Potential dieser Geschichten: Leute, die sich für Unterhaltungsliteratur interessieren und nie ein theoretisches Buch in die Hand nehmen würden, werden mit Fragen konfrontiert, über die sie sonst eventuell nie nachdenken würden. Und statt in sozialwissenschaftlicher Erbsenzählerei winzige Gesellschaftsfragmente zu beschreiben oder gesellschaftstheoretisch ohne Gegenstand über die Welt zu orakeln bietet SF die Freiheit, unfertig und experimentell die großen Fragen durchzuprobieren: Wie kann eine widerständige Subjektivität zwischen Autonomie und Verbundenheit aussehen? Braucht der Kampf um Befreiung neben einer Transformationsstrategie auch eine revolutionäre Moral? Wie lässt sich das Verhältnis von Einzelinteresse und allgemeinem Interesse in politischen Auseinandersetzungen strategisch bestimmen? Wie hängen diesbezügliche Strategien mit politischen Kräfteverhältnissen zusammen? Mieville und Butler bieten keine fertigen Antworten auf diese Fragen, schon gar keine Anleitung dafür, wie in der heutigen Situation zu verfahren ist. Aber beide illustrieren einen imaginären Raum, der zur Diskussion darüber einlädt, wie ein ganz anderes Ganzes aussehen kann. Und das ist in Zeiten gefühlter Alternativlosigkeit schon eine ganze Menge.

Bericht von den feministischen Radiotagen in Weimar

Anna Wegricht hat die ersten feministischen Radiotage mitorganisiert.

Mit unerhört! waren die ersten feministischen Radiotage Weimar betitelt und lösten ihr Versprechen ein. In einer sexistischen Gesellschaft für manche anstößig und empörend. Auch weil das Festival sowohl auf Publikumsseite als auch auf Seite der Referentinnen*, Künstlerinnen* und Musikerinnen* die Unerhörten hörbar machte. Vom 12. bis 16. Oktober wurden in einer Reihe von Workshops, wie Live-Hörspiel oder Auflegen mit Vinyl, Zugänge zu verschiedenen Bereichen auditiven Schaffens hergestellt. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, an der Stelle wenig feministische Theorie einzubringen und einen Fokus auf die ganz praktische Hörbarmachung verschiedener (weiblicher*) Stimmen zu legen. Der Feminismus lief dabei im Subtext immer mit. Sei es über die Gestaltung der Programmflyer und Poster, die Entscheidung, Frauen* als Workshopleiterinnen verschiedene Arbeitsfelder präsentieren zu lassen oder auch einfach die Verortung im Rahmen der feministischen Radiotage. Das Festivalwochenende am 17. und 18. Oktober setzte die Vernetzung von Radiomacherinnen* und Radiointeressierten als Schwerpunkt, bot mit diversen Vorträgen, einem Audio-Walk über das Gehen im Dunkeln als Frau, der Präsentation von Soundcollagen, Hörspielen und Features aber auch darüber hinaus ein breitgefächertes Programm. Dass Radiomacherinnen* aus Städten wie Dresden, Berlin und Leipzig angereist kamen, um in einen Austausch miteinander zu gehen, zeigt, wie wenige Angebote und Möglichkeiten es für Radiomacherinnen gibt, sich zu vernetzen. Damit das nicht so bleibt, bildet die Vernetzungsrunde in Weimar nur den Anfang. Next stop: Radio Revolten in Halle, 2016. Für das Abschlusskonzert konnten wir die Rapperinnen Yansn (Berlin), Ket (Leipzig) und Reverie (Los Angeles) gewinnen. Das Konzert schaffte nicht nur die gewünschte Zusammenführung von Menschen verschiedener Hintergründe und politischer Einstellungen, es war auch ein Geschenk an uns als Veranstalterinnen*. Und es machte deutlich, was einige von uns ohnehin schon wissen: Feminismus ist wahnsinnig cool. Ohne Feminismus hätte es das beste Rapkonzert in der Geschichte Weimars nicht geben können.


Infos leider nur bei Facebook https://www.facebook.com/unerhoertradiotage

Wenn die Nacht am tiefsten ist…

Simon Rubaschow findet beim Schauen eines exiliranischen, feministischen Vamprifilms die Hoffnung auf die Möglichkeit der Revolution.

Die Begegnung der beiden Hauptfiguren in A girl walks home alone at night könnte das Ende des Films sein, und beim Zuschauen hatte ich Angst um Arash. Ein junger Erwachsener, Einwohner von ‚Bad City‘, einer Stadt die offensichtlich in der Islamischen Republik Iran liegt. Sein alleinlebender Vater ist heroinabhängig, Arash kümmert sich um ihn und seine Schulden, wodurch er sein von mühsam erspartem Lohn gekauftes Cabrio an den Dealer seines Vaters verliert. Dennoch hat er sich seine Unschuld bewahrt und träumt vom Glück der individuellen Freiheit, das zu realisieren er sich zu Beginn des Filmes nur als Imitation der Posen von James Dean vorstellen kann. Nach einigen Wendungen landet er nach einer Kostümparty unter Exctasy-Einfluss auf der Straße und wird von ihr aufgegabelt, der namenlosen jungen Vampirfrau. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung und legt eine Platte auf – To lose my life… von den White Lies – und er, allein mit einer Frau in einem Zimmer, nähert sich ihr. Anders als er wissen die Zuschauer_innen schon: Sie ist eine Vampirin, und ihre Opfer sind Männer, die Frauen gegenüber übergriffig geworden sind, kein Einverständnis eingeholt haben oder es ignorierten, und fragen sich, ob er sich beherrschen kann. Er kann, und das Bild verkehrt sich. Die Vampirin ist eine klassische Rachefigur, der Grund, warum der Film in der Rezeption weitgehend als feministischer Vampirfilm interpretiert wurde: Die übergriffigen Männer verbünden sich mit ihren Triebregungen und leben sie, gegen die Frauen, aus – die Vampirin tut ihnen gegenüber das gleiche mit ihren Trieben, die Penetration der Männer rächt sie, indem sie sie, qua Biss, penetriert und sie zum Objekt ihrer Lust macht. „The sky set out like a pathway/but who decides which route we take“ tönt die Stimme von Harry McVeigh, während die Zuschauer_innen beobachten, wie sie sich Arashs Hals nähert, und sich fragen, ob die Rache blind ist, keinen Zweck außer ihrer selbst kennt. Sie gibt ihrem Verlangen jedoch nicht nach, die Begegnung ist kein tödlicher One-Night-Stand, sondern die unmittelbare Triebbefriedigung am anderen als Objekt tritt für beide zurück hinter der Zuneigung zum anderen als Subjekt – „That’s why everything’s gotta be love or death“.

Der Film ist tatsächlich feministisch, nicht bloß wegen der praktizierten feministischen Rache im Film, sondern wegen der Verkehrung klassischer Rollenzuweisung. Er ist die unschuldige Hoffnung, die selbst unfähig ist, ihre Hoffnung unter den Bedingungen des schlechten Ganzen zu realisieren, sie ist die schuldbehaftete weil praktische Rache, selbst wiederum defizitär, weil sie nichts hat, wofür sie kämpft und tötet, nur ein wogegen. Derart sind sie beide aufeinander angewiesen. Eine Angewiesenheit, die ein Grund ist, weshalb die Liebe zur Überwindung der polarisierten Vereinzelung eine positive Perspektive ist. Die zwei anderen Gründe haben mit dem Vampirfilm und dem Iran zutun: Der klassische Vampir – Dracula oder Orlok – ist der verführerische Trieb, der junge bürgerliche Frauen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus ihrem Bett, von ihren Eltern oder ihrem Verlobten und in den Tod reißt. Eine männliche Projektion eigenständiger weiblicher Sexualität, die sich nicht der patriarchal-bürgerlichen Gesellschaft unterwirft, und damit die Frauen der Kontrolle der Männer entzieht.1 Im postfordistischen Kapitalismus und seiner postbürgerlichen Gesellschaft ist dieser Vampir veraltet, die Triebregulierung ist längst auch in das Innere des männlichen wie weiblichen Subjekts verlagert, und Interview mit einem Vampir von 1976 (Buch) bzw. 1994 (Film) zeigt diese Wandlung anschaulich: Der Vampir, Louis, kämpft nunmehr um die Beherrschung der eigenen Triebe und damit um seinen brüchig gewordenen Subjektstatus, den andere Vampire wie Lestat längst verloren haben. Die Aufgabe der Selbstkontrolle ist gleichzeitig verdammenswert und verlockend. Hinzu tritt jedoch ein weiteres Motiv: Die Entfremdung des Individuums von der Gesellschaft, die der Untote zu den Lebenden, zu denen er vormals gehörte, erfährt. In Vampirfilmen2 der letzten Jahre erfährt dieses Motiv eine erneute Verschiebung. Ist Louis noch ausweglos alleine mit seiner Entfremdung und seinen Trieben, gibt es nun Hoffnung, in romantischer Liebe die Vereinzelung zu überwinden. Der schwedische Låt den rätte komma in (2008), benannt nach dem Bob-Dylan-Song Let the right on slip in, Jim Jarmuschs Only lovers left alive (2013) oder eben A girl walks home alone at night (2014), deren Hauptfiguren allesamt weibliche Vampire sind3, gehören zu diesen neuen und allesamt exzellenten Vampirfilmen. Liebe deswegen, weil sie zugleich einen Ausbruch aus der Vereinzelung als auch die Option für eine selbstbestimmte, nicht bloß repressive Triebregulierung bietet. Sie bildet damit die Alternative zu der repressiv-patriarchalen Triebregulierung des Mullah-Regimes, aber auch zu der vereinzelnden Befreiung des westlichen Konsumliberalismus. Er wird in A girl walks home alone at night durch eine Tochter aus reichem Hause repräsentiert, die auf Kostümparties zu Techno feiert und deren Glück in einer Schönheitsoperation besteht, mit der sie ihre Nase an das westliche Schönheitsideal angepasst hat. Zu ihr steht die Schönheit der Vampirin in ebenso deutlichem Kontrast wie eine Szene – in der die Vampirin allein zu Dancing Girl von Farah tanzt, in dessen Refrain es heißt: „Männer stehen, Frauen tanzen, Ich beobachte“ – die Kostümparty und damit die ebenfalls sexistische westliche Alternative kontrastiert.

Eine zweite Szene am Ende des Films bildet einen ähnlichen Entscheidungsmoment. Arashs Vater, dessen sexuelle Lust gänzlich in seiner Heroinsucht sublimiert ist, meint eine Sexarbeiterin ‚beglücken‘ zu müssen. Für ihn tritt an die Stelle der phallischen Penetration die Penetration mit der Nadel, die männliche Allmachtsphantasie wird als Spender des Rauschglücks prozessiert, indem er ihr gegen ihren Willen Heroin injiziert – und wenig später von der Vampirin gebissen und dadurch ermordet wird. Arash findet dies heraus, als er, die Hoffnung, durch seine Liebe zu ihr zur Praxis gefunden, sie zur Flucht aus ‚Bad City‘ und in ein besseres Leben auffordert und bei ihr die Katze seines Vaters entdeckt. Er weiß um die Schuldigkeit seines Vaters, doch die offene Frage ist, ob er mit ihrer Schuldigkeit leben kann. Es spitzt sich letztlich die Frage zu, wie die Hoffnung auf ein besseres Leben zusammengeht mit der Notwendigkeit, dass die Praxis auf dem Weg dorthin notwendig befleckt ist von dem schlechten Ganzen, dem es zu entkommen gilt. Zieht sie sich von aller Praxis zurück, um ihre eigene Unschuld zu bewahren, wirft sie sich in die Praxis, wird selbst schuldig und verliert darüber die Hoffnung oder besteht die Möglichkeit, die Hoffnung und Praxis zueinander zu vermitteln ohne sie aufzulösen. In A girl walks home alone at night besteht diese Möglichkeit – die beiden verlassen in seinem wiedererlangten Cabrio die Stadt – in der Liebe, die damit eine Liebe als Anerkennung der bzw. des Anderen als Anderen ist. Sie ist der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Spannung, die auf ihre Aufhebung drängt, ohne sich einseitig auflösen zu lassen. Die Spannung aufrechtzuerhalten gelingt ihr, weil in ihr dem oder der Anderen mit Zartheit und Verlässlichkeit begegnet wird, die in Opposition sowohl zur bürgerlichen Kälte wie zum Eindringen- und Besitzen-Wollen steht. Und solange diese Spannung aufrechterhalten werden kann, bleibt das Bessere, die Revolution möglich – nicht nur im Iran.


1
Einzig Sheridan Le Fanu bringt es in Carmilla von 1872 diese Angst zum Ausdruck, ohne sie durch die Projektion der Triebe auf einen männlichen Vampir wieder zu maskieren. Bei ihm ist die männliche Angst vor einer eigenständigen weiblichen Sexualität in einer lesbischen Vampirin zugespitzt.

2
Und ich meine damit nicht die Filme, in denen Edwards, Selenes oder Erics, die als Vampire firmieren und die – selbst nach den ästhetischen Maßstäben der kulturindustriellen Produktion bloß miese – Action- oder Liebesfilme sind, sondern Filme, die das Motiv des Vampirs zu ihrem Gegenstand haben.

3
Tim Burtons misslungene Komödie Dark Shadows von 2012 arbeitet mit einem ähnlichen Motiv, hier ist der Vampir jedoch männlich.