Schlagwort-Archiv: Besetztes Haus

News

13.4.19, Gotha: „No future for Nazis“

In Gotha demonstrieren rund 50 Neonazis gegen „Überfremdung“ und für die Zukunft der eigenen Bälger. Dagegen demonstrieren dutzende Antifaschist*innen vor allem dezentral unter dem Motto „No future for Nazis“.

16.4.19, Erfurt: Zehn Jahre Räumung des Topf Squat

Unser Haus ist nun schon länger geräumt als dass es besetzt war. An der Krämerbrücke kommen etwa 50 Menschen zusammen, feiern, trinken und erklären: „Wir sind immer noch da und unseren Drang nach einem besseren, einem selbstbestimmten Leben lassen wir uns weder von reaktionären Politikern noch schwerbewaffneten Bullen oder anderen Faschisten nehmen!“ Das Bildungskollektiv organisiert eine Veranstaltungsreihe unter der Fragestellung, welche Perspektiven Besetzungen heute haben können: Es wird diskutiert, gelesen, zugehört, gelacht, sich erinnert an „Ratten und Debatten“ sowie gefeiert. Bis heute ist nichts vergessen und nichts vergeben!

30.04., Apolda: Bürgerlicher Protest gegen rechten Aufmarsch

Zu einer Kundgebung mit dem Titel „Unser Land, unsere Kultur – Souveränität der europäischen Nationalstaaten“ kommen 80 Rechte auf dem Apoldaer Marktplatz. Bei dem bürgerlichen Gegenprotest sind etwa 50 Menschen anwesend.

1.5.19, Erfurt: Starke linksradikale Mobilisierung

Nach einer Vorabend-Demo von „Erfurt im NS“ kommt es am darauffolgenden Tag zu bewegten Aktionen. „Nur“ 300 müde AfDler*innen folgen dem großangekündigten Wahlkampfauftakt der Partei, doch etwa 3000 Aktivist*innen aus dem Bundesgebiet nehmen die AfD in die Zange. Das bürgerliche „zusammenstehen“-Bündnis organisiert ein Fest der Vielen. Aus der „Alles muss man selber machen“-Demo geschehen mehrere Ausbrüche, es gelingt eine kurzzeitige Blockade der Aufzugsstrecke. Die Demo wird für längere Zeit gekesselt. „Feministisch, solidarisch, klimagerecht“, verschiedene Spektren zeigen Stärke. Doch am Ende des Tages gibt es etwa 100 verletzte Demonstrierende durch Bullengewalt.

03.05., Weimar: 300 gegen Patriotismus

Mal wieder wird für Hartmut Issmer und 33 Patrioten der gesamten Goetheplatz gesperrt. Dagegen demonstrieren mehr als 300 Menschen.

21.5.19, Jena: Enver-Şimşek-Platz in Winzerla

Der Kulturausschuss des Jenaer Stadtrates entscheidet für die Benennung eines Platzes in Winzerla in „Enver-Şimşek-Platz“. Ein Bürgerbeteiligungsverfahren hat dies seit 2017 gefordert, mehrere Kundgebungen verleihen dem Ansinnen Nachdruck. Dem ersten Mordopfer des NSU soll so in dem Stadtteil gedacht werden, in dem das Kerntrio sozialisiert wurde und akzeptierende Jugendarbeit ihren Teil zur Bildung der rechtsterroristischen Struktur beitrug.

Mai 2019, Meiningen: Neonazi Tommy Frenck wegen Volksverhetzung verurteilt

Weil er ein Video online stellt, das den Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess verherrlicht und das Andenken an die NS-Opfer verhöhnt, verurteilt das Landgericht Meiningen in einem Berufungsprozess den Südthüringer Neonazi Tommy Frenck wegen Volksverhetzung zu 30 Tagessätzen á 40 Euro. Frenck soll das Video Anfang 2012 von Australien aus online gestellt haben. Ob Frenck das Urteil akzeptiert oder in die nächste Instanz geht, ist unklar.

Mai 2019, Arnstadt: Ex-Nazi tritt auf Liste der Linkspartei zur Kommunalwahl an

Am 26. Mai 2019 finden in Thüringen Kommunalwahlen statt. Auf der Liste der Linkspartei für den Arnstädter Stadtrat tritt auch der Ex-Nazi Tony Fiedler an. Fiedler ist bis 2015 führender Funktionär bei Republikanern, DVU und schließlich Pro Köln und Pro NRW. Auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise im Herbst 2015 sucht er, nach eigenen Angaben, Abstand zu den Nazis. In diesem Zeitraum kehrt er aus NRW nach Arnstadt zurück und wendet sich der Partei seines Vaters, Frank Kuschel, zu. Er erhält 40 Stimmen und wird dem Stadtrat nicht angehören.

26.05., Thüringen: AfD triumphiert bei Kommunal- und Europawahlen

Das war zu erwarten: Die AfD erobert bei den Kommunalwahlen hunderte Mandate in den Gemeinde-, Stadt- und Kreisparlamenten. Mancherorts hat sie gar nicht so viele Kandidaten auf ihrer Liste wie ihr das rassistische Wahlvolk Sitze in den Parlamenten sichert. Besonders stark sind die Protofaschisten in ländlichen Regionen, aber auch in failed citys wie Gera, wo sie mit Abstand die stärkste Fraktion stellen. Thüringenweit ist die AfD auf Kreisebene die zweitstärkste Kraft nach der CDU. Dasselbe gilt für das Ergebnis der zeitgleich stattfindenden Wahlen des europäischen Parlaments. Auch hier landete die AfD in Thüringen mit 22,5 Prozent auf Platz zwei, knapp hinter der CDU (24,7 Prozent). Damit hat die Partei ihr Ergebnis von 2014 verdreifacht.

31.5., Weimar: Proteste gegen rassistische Kundgebung

Etwa 40 Patrioten halluzinieren die Islamisierung des Abendlandes in Weimar herbei. Mehrere hundert Menschen gehen dagegen auf die Straße.

20.06., Weimar: Angriff auf Gedenkprojekt

Das Gedenkprojekt „1000 Buchen“ für die Opfer des Konzentrationslagers Buchenwald ist erneut beschädigt worden. Unbekannte sägen von sieben Bäumen die Krone ab. Der Sozialverband Lebenshilfe-Werk Weimar/Apolda will im Herbst neue Bäume pflanzen.

29.06., Weimar: Solidemo für die Seenotrettung

Etwa 100 Menschen finden sich abends spontan zu einer Solidemo für die inhaftierte Kapitänin Carola Rakete zusammen. Die unangemeldete Demonstration zieht an von Touristen bevölkerten Cafes vorbei durch die Innenstadt. Manche Zuschauer klatschen. Zum Abschluss wird noch eine Kreuzung besetzt. Die Besetzung ist schon wieder aufgelöst, als die Polizei eintrifft.

29.6.19, Erfurt: Feministisch – Zusammen – Arbeiten

Das Frauen*Kampftagsbündnis veranstaltet zum zweiten Jahr in Folge einen feministischen Kongress. In der Fish-Bowl Diskussion am Vormittag werden verschiedene Feminismusverständnisse vorgestellt und diskutiert, sowie der Frage von Sinn und Grenzen feministischer Bündnisse nachgegangen. Am Nachmittag beschäftigen sich die teilnehmenden Frauen* in vier parallel stattfindenden Workshops mit feministischer Theorie und Praxis und lassen den Tag beim gemeinsamen Grillen am Abend gemütlich ausklingen.

29.6.19, Erfurt: 30 Jahre Autonomes Jugend Zentrum

Das AJZ wird 30 Jahre, ein Wochenende lang wird gefeiert. Dabei kommt es zu deutlichen Ansagen gegen die Grauzone-Fraktion in den eigenen Reihen: „Punkrock ist Antifaschismus… und Saufen!“ Danke für alle, die eine klare Haltung zeigen und das AJZ den alten weißen Säcken an der Bar entreißen. Dennoch bleibt das A für uns im liebenswerten Sinne ein Ort für Hänger und Abgestürzte – deshalb haben wir mitgefeiert: Glückwunsch!

5./6.7.19, Themar: 800-1.200 Nazis bei Rechtsrockkonzert

800 bis 1.200 Nazis versammeln sich in der Südthüringer Kleinstadt zu einem als „politische Versammlung“ gelabelten Rechtsrockkonzert unter dem Motto „Tage der nationalen Bewegung“. Organisator ist u.a. der Südthüringer Neonazi Tommy Frenck, der das Gelände gepachtet hatte. In diesem Jahr gelingt es der Versammlungsbehörde die Nazis mit Auflagen wie einem weitgehenden Alkoholverbot zu gängeln. In den vergangenen Jahren waren bei vergleichbaren Konzerten mehrere tausend Faschisten aus ganz Europa angereist. Gegen das Konzert demonstrierten 400 Demokrat*innen und Antifaschist*innen.

20.7.19, Eisenach: Kein FLAK-Geburtstag

Nachdem ein Rechtsrock-Konzert im NPD-Haus in Eisenach verboten wird, weil es nicht als Privatveranstaltung, sondern eine anzumeldende öffentliche Versammlung von der Ordnungsbehörde deklariert wird, löst die Polizei das Konzert des Veranstalters Sebastian Schmidtke auf. Der hiesige Dorf-Nazi Wieschke wird nach verbalen Attacken gegen den Einsatzleiter kurzzeitig in Gewahrsam genommen. Das Konzert findet am gleichen Abend dennoch statt.

20./21.7.19, Erfurt: Mann stirbt nach Polizeigewahrsam

Ein 32-jähriger Mann aus Algerien wird am Samstag Abend in Gewahrsam der Bundespolizei am Hauptbahnhof genommen, ihm wird versuchter Diebstahl und Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz vorgeworfen. Er hat eine größere Menge Drogenersatz-Medikamente bei sich, verhält sich auffällig. Die Staatsanwaltschaft Erfurt entscheidet, ihn auf freien Fuß zu setzen, doch die Beamten lassen ihn in der Zelle bis sie feststellen, dass er nicht mehr atmet. Der Mann stirbt im Krankenhaus. Viele Fragen bleiben offen, die Geschichte der Cops ist zweifelhaft. Jetzt ermittelt die Kriminalpolizei gegen ihre Kolleg*innen.

2.8.19, Erfurt: Roma Genocide Remembrance Day

Anlässlich des Gedenktags an die europaweite Ermordung von Sinti*ze und Rom*nja während des Nationalsozialismus lädt die Gruppe Erfurt im Nationalsozialismus zu einem Rundgang auf den wenigen Spuren der damals in der Stadt lebenden Sinti*ze. Im Anschluss wird der Film „Phral mende. Wir über uns“ gezeigt.

10.8.19, Gotha: Kundgebung der nigerianischen Community „Gegen den Abschiebeterror“

Um ihren Forderungen eine Stimme zu geben, rufen Nigerianer*innen, Geflüchtete aus Gotha und Aktivist*innen von The VOICE Refugee Forum zu einer Solidaritäts- und Protestkundgebung auf. Sie machen auf die Situation im Flüchtlingslager in Gotha aufmerksam, aus dem immer wieder nächtliche Abschiebungen stattfinden.

Vorwärts immer – Rückwärts nimmer!

Vor zehn Jahren wurde das besetzte Topf & Söhne Gelände geräumt. Marvin lebte mehrere Jahre im Topf-Squat und schrieb uns seine Erinnerungen.

Sommer 2001, ich hatte gerade mal wieder mit Ach und Krach meine Versetzung an einer Staatlichen Regelschule in der Thüringer Provinz geschafft und es sollten meine letzten, großen Ferien vor den kommenden Abschlussprüfungen werden. Den halbjährigen Gang der Schande zur Zeugnisunterschrift hatte ich gemeistert – meine Eltern hatten das Mahnen schon vor einer Weile aufgegeben – und ich freute mich auf 6 Wochen freie Zeiteinteilung. Freiheit bedeutete für mich damals, mit dem Rad über die Dörfer zu fahren und dabei auf meinem Walkman Falco hoch und runter zu hören. Ich war eher ein Einzelgänger. Das örtliche Schwimmbad mied ich, dort waren nur wieder die Trottel aus der Schule und die lokalen Nazigrößen des sogenannten „Thüringer Heimatschutzes“. Beide waren mir so verhasst, wie die Lehrer*innen, die Polizei, die Eltern, eben all jene Autoritäten, die einem 15-jährigen Dorfpunk das Leben richtig madig machen konnten und dies auch taten. Zum Glück aber gab es selbst in der ländlichen Tristesse Anfang 2000 ein wenig Farbe. Ich war in einer AntiFa-Gruppe, wir stritten gerade um einen Jugendraum und hatten über die lokalen Nazistrukturen unser erstes Interview im AIB (Antifaschistisches Infoblatt). Bei Veranstaltungen und einem Konzert konnten wir auf die Unterstützung anderer Linker aus größeren Städten bauen. Diese war auch mehr als notwendig, denn regelmäßig griffen Faschisten unsere Treffen an. Wir, das waren neben mir noch drei Abiturent*innen, unter ihnen die Tochter des Bürgermeisters.
Politisch waren die Zeiten für mich auch außerhalb des Dorfes aufregend. In Göteborg hatte es am Rande eines EU-Gipfels schwere Ausschreitungen gegeben und die Bullen schossen scharf auf Demonstrant*innen. Ich graste in dieser Zeit jeden Zeitungsladen ab, um an Berichte und Photos zu kommen und wenn wir nachts mal eine Mülltonne am Marktplatz in Brand setzten, war Göteborg sogar ein wenig bei uns. Aber auch zwischen Dorf und Göteborg bewegte sich was. Durch die monatliche Post des Infoladens „Sabotnik“ und ihrer Zeitung „Spunk“ erfuhren wir, dass in Erfurt seit April 2001 ein Haus besetzt sei, es war also nur eine Frage der Zeit bis wir es uns ansehen würden. Am 01. Juli war es so weit. Ich fuhr mit F. in die große Stadt. Sie mit „Ich scheiss drauf Deutsch zu sein“ -Shirt, ich mit Sandalen, Socken, kurzer grüner Hose, schwarzen Shirt und einem umgedrehten Kreuz an einer Halskette. So brachte uns die Regionalbahn in die Landeshauptstadt. Vom Bahnhof in die Rudolstädter Straße 1 war es nicht weit. Einmal über eine große Kreuzung, vorbei an der IHK und einem Autohaus und rechts neben einer Tankstelle, da war es: das Topf Squat. Außen war an die Wand geschrieben: „Seit dem 12.04.2001 besetzt“ daneben ein großes Eisentor mit Stacheldraht drauf und Plakaten dran, ein paar Transparente hingen zerfleddert an der Fassade. Ein paar Autos parkten in der ruhigen Sackgasse. Dazwischen eine Eisentür, die offen stand. Wir gingen rein und betraten einen Betonplatz. Entgegen unserer Erwartungen trafen wir niemanden an und hatten schon ein wenig Sorge zu spät zu sein – meine Mutter war Anfang der 90er viel in Berlin und erzählte auch über die Vergänglichkeit von besetzten Häusern. Alles war bunt angemalt, über dem Hof war ein Tennisnetz gespannt, es standen Feuertonnen rum und nur ein paar Hunde verrieten uns dass die Besetzung wohl immer noch aktuell war. Durch eine große, leere Halle voller Schrott und tonnenweise Taubendreck kamen wir über eine klapprige Leiter auf das Dach. Dort wollten wir uns einen Überblick verschaffen und vor allem in Ruhe einen Joint rauchen. F. drehte gerade die Tüte als R. das Dach betrat. R. arbeitete für die „Thüringer Allgemeine“ und wollte einen Bericht über das Topf und Söhne – Gelände schreiben. (Zu der Zeit war gerade eine Klausurtagung des „Förderkreis Topf und Söhne“ beendet und man stellte die weitere Planung für das Areal vor.) Auch die Besetzer*innen sollten kurze Erwähnung finden. Nur fand R. ,wie wir auch, keine Besetzter*innen. Er fragte stattdessen uns, ob wir für ein Photo kurz stillhalten würden. F. und ich willigten ein. Ich glaube wir waren in dem Moment so fokussiert auf den kommenden Joint, dass wir uns ohne Gegenwehr selbst vom Papst persönlich hätten taufen lassen. Zumindest deute ich heute so das Photo von uns, welches am kommenden Tag in der Lokalzeitung abgedruckt war. Jetzt war ich Besetzer. Zumindest auf dem Papier.
Bis ich in eben jenes Haus einzog, vergingen noch zwei Jahre. Ich war in der Zwischenzeit so gut wie jedes Wochenende da, war es doch diese eine Welt, die ich so sehr suchte. Sie war bunt, laut, sie war all das, was mein Dorf nicht war. Dauernd veränderte sich etwas, es kamen permanent neue Leute dazu, die so klangvolle Namen wie Perle, oder Eidechsen-Lars hatten. Es gab einen Bauwagenplatz und irgendwo schraubte immer jemand an irgendwas rum. Ich war das erste Mal richtig betrunken und verliebt. 2003 zog ich ein. Mittlerweile hatte ich meinen Realschulabschluss mehr ergaunert als verdient und eine Lehre als Verfahrensmechaniker angefangen. Wenn ich morgens gegen 5 Uhr Das Haus verließ, saßen unten noch die letzten Gäste und Bewohner*innen des Wagenplatzes und prosteten mir aufmunternd zu. Die weiteren 9 Stunden verbrachte ich damit vor der Maschine darauf zu warten, dass der fertige Plasteklumpen vorne rausfiel. Oft musste ich mich vom Meister erniedrigen lassen und an den besseren Tagen träumte ich in der Berufsschule in Gotha Ost einfach vor mich hin und kiffte in jeder Pause. Ich glaube, geil war mein Leben zu dem Zeitpunkt nicht, aber ich freute mich jeden Tag darauf, wieder nach Hause zu kommen. Mein Zimmer konnte ich gefühlt schon vom Bahnhof aus sehen und meistens war auch A. oder T. zu Hause, denen ich vom Tag erzählen konnte. S., zu dem ich heute noch Kontakt habe und sehr schätze, kam meistens erst später, weil er auch arbeiten war. Da er im Besitz eines Autos war, galt er als der Wohlhabendste unter uns Gering- bis Garnichtsverdiener*innen. Er war es auch, der die Einkäufe für die WG erledigte und eine ruhige, sachliche Instanz in den vielen Debatten in dieser Zeit darstellte.
Mit S. fuhr ich auch Jahre später noch auf Demonstrationen und viele Konzerte und ihm habe ich es wohl zu verdanken, dass ich heute nicht nur schlechten Deutschrap höre. T. brachte mir bei, wie man Wanderrucksäcke voll Lebensmittel und Zigaretten aus einem nahe gelegenen Supermarkt klaute. A. schätzte ich als Zuhörerin sehr, wir gingen aber schon bald unterschiedliche politische Wege. Wenn ich mit T. nicht gerade klauen war, war er meistens damit beschäftigt, im Fernsehbauwagen rumzuhängen oder er schmiedete große Umbaupläne für die WG, von denen er keinen einzigen verwirklichte. Im Winter 2003, ich war im 2. Lehrjahr, hatte ich dann die Schnauze voll von der Arbeit. Gerade meine Volljährigkeit erreicht, befand ich dass zwei Jahre Lohnarbeit vollkommen ausreichend seien und schmiss, sehr zur Begeisterung meiner Familie, alles hin. Fortan war auch ich damit beschäftigt noch mehr zu kiffen, im Fernsehbauwagen mit dem Sofa eins zu werden, große Pläne zu schmieden und nichts zu verwirklichen. Worin ich aber sehr gut war, war verbissenen Streits anzufangen und mich als belesener darzustellen als ich war. Oft war ich in Argumentationen unterlegen, aber mit viel Polemik + Arroganz fühlte ich mich dennoch meist als Gewinner. Wenn ich heute Texte aus der Zeit lese, die ich damals geschrieben habe, dann schäme ich mich immer ein wenig. Wenn ich an einzelne Personen denke, die ich mit meinem Verhalten verletzt habe, dann habe ich das Bedürfnis mich zu entschuldigen. Für solche Erkenntnisse brauchte es allerdings Zeit. Nach einem harten, kalten Winter zog ich aus dem Besetzten Haus aus, blieb aber auch in den kommenden Jahren dem Projekt verbunden. Meine schönsten Abstürze hatte ich dort und auch in ein paar Schlägereien war ich verwickelt. Meistens mit pöbelnden Nazis vor dem Tor und meistens schwang ich mehr Worte als Fäuste. Manchmal auf mit Besucher*innen. Z.B. wenn diese ein Palituch trugen. Letzteres war mit viel Spannungen im Hausplenum verbunden und um ehrlich zu sein, ja, darauf legten wir es an. Heute erinnere ich mich lieber an die Nachtwachen in den letzten Tagen, die ich auf dem Dacheingekuschelt in alte Transparente mit meiner damaligen Freundin und viel Sternburg Bier verbrachte. Der schwierigste Tag für mich war der Tag der Räumung. Es waren jetzt 8 Jahre vergangen, ich war 24, lebte von Arbeitslosen- und Kindergeld und noch immer war vieles für mich ein Spiel. Was es bedeuten würde, einen Ort wie das Besetzte Haus zu verlieren, war mir nicht bewusst. Es gab große Demonstrationen in Erfurt, bundesweit solidarische Aktionen und selbst Bernd das Brot wurde für kurze Zeit vom Fischmarkt in Erfurt entführt. Aber jenseits der radikalen Linken waren wir alleine. Ich glaube, in den Verhandlungen mit der Stadt gingen wir nicht immer taktisch sinnvoll vor oder wir hatten schlicht keine Linie, was wir eigentlich wollten. Die Linkspartei war ein wankelmütiger Gesprächspartner. Vor allem war es in der Partei nicht klar, wie man zu alternativen Lebensformen stehen sollte. Ich erinnere mich noch gut an Debatten mit alten Parteimitgliedern, die vorwurfsvoll fragten, wie man denn „so“ nur leben kann. Die SPD tat das, was die SPD schon immer tat: Linken in den Rücken fallen. Dass man bei einem Arschloch wie Bausewein aber keinen Blumentopf wird gewinnen können, wussten wir. Es war also ziemlich hoffnungslos. Ich verbrachte die letzten Tage damit, mich auf einen anderen Gegner zu besinnen. Bei den Nachtwachen auf den Dächern des Squats hatte ich viel Freude daran, vorbeifahrende Polizeistreifen zu bewerfen, oder die Aufklärungsflüge der Cops mit dem Einsatz von Pyrotechnik zu sabotieren. Genützt hat das freilich nichts. Am Tag der Räumung war Schluss. Ein Traum war aus, ein Spiel zu Ende. Auf wenige Minuten erbitterte Gegenwehr folgten, noch ehe die Sonne richtig aufgegangen war, Verhaftung durch das SEK, viele Stunden Knast und eine nächtliche Verhandlung mit Nervenzusammenbruch vor einem Haftrichter. Am nächsten Morgen schon war „meine“ Munkebude weg. Was blieb, war ein Schutthaufen aus bunten Steinen und meine Sturmhaube, die ich heulend in den Trümmern fand. Den Schlüssel zum Eingangstor habe ich immer noch.
Heute wohne ich nicht mehr in Thüringen, nicht mehr in Deutschland. Immer wenn ich zu Besuch in der Provinz bin, fährt der Zug an dem Ort meiner Jugend vorbei Ich sehe die neuen Häuser, die Einkaufsmöglichkeiten, versuche mich zu erinnern wie es bis 2009 ausgesehen hat und noch immer kommt kurz Trauer und ein wenig Wut auf. All das schreibe ich 10 Jahre nach der Räumung. Ich sitze an meinem Mac Book, im Hintergrund läuft eine Playlist „Klassik zur Konzentration“, ich bin jetzt 33 Jahre alt. Ich habe irgendwann wieder mit der Lohnarbeit angefangen, rauche und trinke seit Jahren nicht mehr, gehe gerne wandern und pflege meine Zimmerpflanzen. Bin ich ein Spießer? Vielleicht. Vielleicht war ich das auch schon immer. 2003 fegte ich gerne im Treppenhaus des Squats, weil mich die Massen an Hundehaaren störten und heute fege ich gerne meine Mietwohnung, weil ich die Flusen nicht mag. Ich bin immer noch Links, bin immer noch Sozialist und noch immer freut es mich, wenn sich Menschen Freiräume nehmen, erstreiten, oder halt kaufen. Ich würde nicht mehr in einem solchen Projekt wohnen wollen. Neulich fragte ich S., ob er glaubt, dass es das Besetzte Haus ohne Räumung heute noch geben würde. Er meinte „ja“. Ich meinte, dass wir dann vermutlich unsere eigenen Jobs dort geschaffen hätten. Früher soziale Revolution, heute soziale Arbeit. Vielleicht doch gut so, dass es anders gekommen ist. Ich bekomme ja schon bei dem Wort „Plenum“ Stresspickel. Und trotz alledem:
Wenn man mit über 30 noch immer nicht seinen Frieden mit dem Schweinesystem gemacht haben will, dann gab es sicher einen Ort, wo man alles ausprobieren und lernen konnte. Wo man Fehler machen konnte, Pläne, Verwerfungen, Neuanfänge. Wo man stritt, wo man Bündnisse schmiedete, oder verließ und wo man am Ende trotzdem solidarisch zusammen stand. Ich möchte nicht zurück. Ich bin froh, den Wirren der Jugend entkommen zu sein. Ich würde aber auch nichts tauschen wollen. Keinen Winter mit einem Ofen, der fast das ganze Dachgeschoss in Brand gesetzt hätte, keinen Streit um USA-Fahnen in meinem Fenster, kein mieses Konzert, keine Barschicht, nichts von all dem bereue ich.
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich von Leuten höre, die damals aktiv waren und auch heute noch der radikalen Linken verbunden sind. Ich freue mich jedes Mal, wenn Menschen zeigen, dass es jenseits der grauen Stadt ein Leben gibt.
Und was seit 10 Jahren für Erfurt nichts an Gültigkeit verloren hat, sind die Forderungen nach eben diesem Ort. Den verlorenen Dorfpunks, Linken, Künstler*innen, und allen anderen, die in dieser scheiß Welt nicht das Ende der Geschichte sehen -all denen wäre es zu wünschen. Und mir wünsche ich es auch. Dann kann ich als Opa „Geschichten aus dem Krieg“ erzählen und IHR müsst zuhören, danach gibt es warmen Tee an der Bar und wir wärmen uns die Hände an der Feuertonne. Schön wäre das.

PS: Danke an S., der mich in all den Jahren als Freund begleitet hat. Danke an alle Anwält*innen, die uns immer wieder rausgehauen haben, danke an die handvoll parlamentarischer Linker, die sich auch heute noch solidarisch zeigen. Danke an euch, die ihr immer noch aktiv seid. Und zu guter Letzt, danke an den Thüringer Ermittlungsausschuss, auf dass niemand vergessen wird.

News

20.7., Arnstadt: Bundeswehr-Soldaten greifen Heim der Asylbewerber an

In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli attackierten zwei Zeitsoldaten der Bundeswehr das Asylbewerberheim in der Ichtershäuser Straße in Arnstadt. Sie bewarfen das Haus mit Feuerwerkskörpern, grölten fremdenfeindliche Parolen und zeigten den Hitlergruß. Die Polizei nahm die 23- und 25-jährigen Täter kurzzeitig in Gewahrsam.

18.7., Kaufbeuren (Bayern): Meininger Neonazi ermordet Mann aus Kasachstan

Am Rande eines Volksfestes im südbayrischen Kaufbeuren provozierte und attackierte eine Gruppe Südthüringer Bauarbeiter eine Gruppe von Menschen, die die Täter als Nicht-Deutsche ausmachten. Im Zuge der Auseinandersetzung schlug der 36-jährige Falk H. aus Meiningen einen aus Kasachstan eingewanderten Mann tot. Falk H. befindet sich inzwischen in Untersuchungshaft, die Mittäter sind auf freiem Fuß.

16.8., Erfurt: Eröffnung des Food-Projekts in der [L50]

Der s.P.u.K. e.V. hat sein langangestrebtes Food-Projekt im Erdgeschoss der Lassallestraße 50 feierlich eröffnet. Mit wahlweise veganem oder nicht-veganem Gebäck und einem Gläschen Sekt konnten Interessierte den kleinen Lagerraum in Augenschein nehmen, in welchem frische als auch haltbare Lebensmittel von Groß- und Einzelhandel sowie regionalen Erzeuger*innen gelagert werden. Das Projekt organisiert die Abholung von Lebensmitteln, die noch brauchbar sind, aber nicht mehr verkauft werden dürfen und ansonsten im Müll landen würden. Jede und jeder ist eingeladen vorbeizukommen, um sich am „saisonalen“ Angebot zu bedienen – gern auch gegen Spende. Das Food-Projekt öffnet jeden Freitag von 17 bis 19 Uhr seine Türen für Nutzer*innen aber auch neue Mitstreiter*innen. In Zukunft soll es Angebote zur kooperativen Weiterverarbeitung geben. Guten Appetit!

17.8., Erfurt: NPD-Kundgebung, Gegenproteste, Polizeigewalt

In der durch migrantische Kultur geprägten Trommsdorfstraße eröffnete die Thüringer NPD ihren Bundestagswahlkampf, in dem sie vor allem durch ihre Ausländerfeindlichkeit punkten wollte. Mehrere hundert Menschen protestierten lautstark gegen die NPD-Kundgebung und übertönten die Lautsprecheranlage der Nazis. Grund zur Freude bereitete den Nazis sicher der Einsatz der Polizei. Durch brutale Angriffe wurden mehrere Antifaschist_innen verletzt sowie ein Transparent mit Auszügen aus dem Schwur von Buchenwald zerrissen.

27.8., Erfurt: Thüringer Verfassungsschutz unterstützte rechten Brandanschlag auf das besetzte Haus im April 2007

Ende August wurden neue Informationen über die Zusammenarbeit zwischen Kai-Uwe Trinkaus und dem Thüringer Verfassungsschutz bekannt. Der Informant unterrichtete die Behörde offenbar vorab über die Planung eines Brandanschlages auf einen bewohnten Teil des besetzen Hauses auf dem Topf und Söhne-Gelände. In der Nacht vom 20. zum 21. April 2007 kam es zur Umsetzung des Plans – glückliche Umstände verhinderten, dass Menschen zu Schaden oder gar zu Tode kamen. Die Besetzer*innen gingen damals schon von einer Täterschaft der rechten Szene aus, was sich nun bestätigte. In einer Pressemitteilung skandalisierte die ehemalige Besetzer*innengruppe, dass der Verfassungsschutz eine Gefahr für Menschen, die bspw. nicht als „deutsch“ wahrgenommen werden oder sich antifaschistisch engagieren, sei. Weiterhin stellten sie die Forderung nach der sofortigen Auflösung der Behörde, die auch nach dem Bekanntwerden des NSU mit dieser Forderung konfrontiert war.

29.8., Crawinkel, Ballstädt, Erfurt: Waffenfunde bei Neonazis

Am 29. August durchsuchte die Polizei mehrere Wohnungen und Treffpunkte der Naziszene, in Crawinkel und Ballstädt im Landkreis Gotha sowie in Erfurt. Dabei fanden die Beamten mehrere Kriegswaffen russischer und israelischer(!) Fabrikate, dazugehörige Munition sowie andere Schuss-, Stich- und Schlagwaffen. Gegen einen Nazi wurde Haftbefehl erlassen.

29.8., Erfurt: AfD startet Wahlkampf erfolgreich in Erfurter Innenstadt

Seit Ende Juni fanden vermehrt Veranstaltungen und Kundgebungen der neu gegründeten, rechtspopulistischen Partei „Alternative für Deutschland“ in ganz Thüringen statt. Am 29. August eröffnete die Partei mit einem Auftritt ihres Bundessprechers, der einige Tage zuvor in Bremen von der Bühne geschubst wurde, den landesweiten Wahlkampf. In Erfurt hörten auf dem Bahnhofsvorplatz etwa 400 Menschen den Plattitüden wie „Mut zur Wahrheit“ zu. Die spontan stattfindende Protestkundgebung der Falken Erfurt unter dem Motto „Sozialismus – Die Alternative zu Deutschland“ lockte dagegen nur wenige auf den Platz. Leider sind nur wenige kritische Stimmen und Taten gegenüber dem engagierten und häufigen Auftritten der Partei in der Innenstadt zu vernehmen.

30.8., Weimar: Prozess gegen Betroffene von Polizeigewalt

Am Morgen versammelten sich etwa 50 Menschen auf einer Kundgebung vor dem Weimarer Amtsgericht, um sich solidarisch zu zeigen. Dort fand der Prozess gegen eine Betroffene von Polizeigewalt statt. Nach den Geschehnissen im April 2012 organisierten sich die Betroffenen mit Unterstützung der Soli-Gruppe „Weimar im April“. Eine Anzeige gegen die übergriffigen Polizeibeamt*innen wurde von der Staatsanwaltschaft Erfurt abgewiesen, es wurde kein Verfahren eingeleitet. Die Antwort: Eine Gegenanzeige wegen Widerstands gegen eine der Betroffenen. Richter, Staatsanwältin und die vorgeladenen Polzeibeamt*innen spielten sich in die Hände. Die Betroffene wurde verurteilt.