Schlagwort-Archiv: Arbeitskampf

News

1.5., Erfurt: „Wir sind nicht Volk, wir sind Klasse“ und Nazi-Sponti
In der DGB-Demo zum 1. Mai laufen in Erfurt etwa 200 Menschen in einem Jugendblock, der kämpferische Inhalte auf die Straße bringt. Im Anschluss demonstriert besagter Block spontan in Richtung eines großangekündigten Nazi-Events. Aber nur 250 Menschen von Die Rechte, NPD, Europäische Aktion und anderen Gruppen laufen durch leere Straßen. An der Route wird immer wieder Protest laut. Etwa 60 Nazis führen danach in Weimar eine Spontan-Demo durch. Die Polizei begleitet sie 150m und bringt sie dann zurück zum Bahnhof. Angeführt werden sie von Michael Fischer.

5.5., Erfurt: Nazi-Angriff aufs AJZ
Am frühen Nachmittag greifen etwa zehn Nazis – vermutlich aus dem Umkreis „Kollektiv56“ und Jungsturm/KEF – das AJZ an. Bewaffnet mit Quarzhandschuhen, Pfefferspray, Flaschen und Steinen werden vier Menschen unter „Heil Hitler“-Rufen verletzt. Die Angreifer flüchten, der Staatsschutz ermittelt. Am 27.5. durchsucht die Polizei mehrere Wohnungen in Erfurt, im Kreis Saalfeld-Rudolstadt und Hannover.

7./8.5., Hildburghausen: Erlebniswochenende für Neonazis
Zum zweiten Mal findet ein Neonazifestival mit Teilnehmenden aus ganz Europa statt. Im Vorjahr nahmen am maßgeblich durch Tommy Frenck und Patrick Schröder organisierten Festival 1500 Nazis teil, mit über 3500 hat sich diese Zahl nun mehr als verdoppelt. Das in Reaktion am darauffolgenden Wochenende von der Zivilgesellschaft geplante Festival unter dem Motto „Open Air for Open Hearts“ wird von nicht annähernd so vielen Menschen besucht. Die Europäische Aktion, die für den 8. Mai als Jahrestag der Befreiung, einen Trauermarsch in Erfurt geplant hatte, mobilisiert schließlich für diesen Tag nach Hildburghausen. So wird die Stadt für ein Wochenende quasi zur National Befreiten Zone.

11.5., Jena: Büro der Partei „Die Linke“ besetzt
Mit der Besetzung eines PdL-Büros in Jena machen Aktivist*innen auf die Verantwortung der Regierung für Abschiebungen, Lager, Knäste und Repression aufmerksam. Nur wer sich aktiv gegen Abschiebungen einsetze, könne Teil einer antirassistischen Bewegung sein. Nach einer Infoveranstaltung zur Abschiebekultur wird die Besetzung beendet. Die anschließende Spontandemonstration wird durch die Polizei aufgelöst.

13.5. Eisenach: Aktion gegen Burschenschaften
In der Nacht zum 13. Mai wird das Burschenschaftsdenkmal in Eisenach mit pinker Farbe verschönert. Die Aktion richtet sich gegen das jährliche Treffen der Deutschen Burschenschaft in Eisenach, diesmal vom 20. bis 22. Mai. Es findet seit langem kein zentraler Protest statt.

18.5., Erfurt: Peinliche Show – mit Heimat-Rap gegen den Islam
Etwa 400 Menschen protestieren gegen eine erneute Versammlung der AfD auf dem Erfurter Domplatz. Erstmals tritt vor den etwa 700 Rassist*innen ein offizieller Pegida-Vertreter auf. Bestimmendes Thema ist ein geplanter Moschee-Neubau in Marbach. Im Vorprogramm zu Höcke tritt der Nazi-Rapper Chris Ares mit Heimat-Rap auf und sorgt für Belustigung.

28.5., Leinefelde: Polizei schränkt Pressearbeit zum „Eichsfeldtag“ ein
Als ausgewiesene Journalist*innen vom „Eichsfeldtag“ der NPD um Thorsten Heise berichteten wollten, werden sie von der Polizei mittels Platzverweisen daran gehindert, die Nazi-Veranstaltung im öffentlichen Raum zu dokumentieren. Die Polizei schritt auch nicht ein, als die Journalist*innen bedroht und bedrängt wurden. Das Verwaltungsgericht Weimar beschäftigt sich nun auf Klage der Betroffenen mit den polizeilichen Maßnahmen.

Juni, Suhl: Geschichtsrevisionistische Gedenktafel geplant
Der Stadtrat beschließt auf dem Hauptfriedhof eine Gedenktafel anzubringen, die an die vermeintlich unschuldig im Speziallager II in Buchenwald Umgekommenen erinnern soll. Die offensichtlich geschichtsrevisionistischen Motive sind sogar dem Leiter der Gedenkstätte Buchenwald Volkhard Knigge Anlass zur Kritik, der das Ganze allerdings als Uninformiertheit zu bagatellisieren weiß.

4.6., Erfurt: Kultur flaniert und Nazis marschieren
Etwa 150 Neonazis statt der angemeldeten 500 folgen dem Aufruf der Gruppe „Patriotische Europäer sagen Nein“ zur Großdemo. Gegen deren Aufmarsch protestieren etwa gleich viele Antifaschist*innen. Währenddessen flanieren Hunderte zum Programm der Erfurter Kulturszene.

5.6., Arnstadt: Brandanschlag auf vietnamesischen Obst- und Gemüseladen
Am frühen Sonntagmorgen zünden bisher Unbekannte in der Erfurter Straße Gemüsekisten vor einem Laden an, der von Menschen mit vietnamesischen Hintergrund geführt wird. Die Feuerwehr kann den Brand löschen, bevor er auf das Haus übergreift. Die sieben Bewohner des Hauses, ebenfalls mit Migrationshintergrund, bleiben unverletzt.

11.6., Erfurt: Tag der Bundeswehr
Während in anderen Bundesländern die Bundeswehr ihre Feierstunde auf eigenem Gelände begeht, darf sie sich in Thüringen im „Herzen“ der Stadt Erfurt präsentieren, auf dem Domplatz. Unter dem Motto „Panzer statt Riesenrad“ finden sich für die ganze Familie Anknüpfungspunkte: Gerätschaften, Leistungssport, Ausbildungsangebote und Panzerprobesitzen. Die Protestierenden stehen fast unbeachtet mit Transparenten dabei, verteilen Flugblätter und schmeißen sich mit roter Farbe besudelt auf den Boden. Passend zum Rahmen wird ihnen begegnet „Euch sollte man erschießen!“ Schon in den Tagen vor dem Event wurden Ortseingangsschilder mit der Ergänzung „Stadt der Mordlogistik“ versehen.

12.6., Jena: Sponti nach Nazi-Übergriff auf Geflüchtete
In Reaktion auf einen Naziübergriff am 11.6. am Containerlager für Geflüchtete in Jena-Ost werden in derselben Nacht Nazis von einer Gruppe Vermummter angegriffen und verletzt. Am nächsten Tag findet eine antifaschistische Spontandemonstration mit 140 Menschen statt.
16.6., Suhl: Jahrestag der Ermordung Klaus-Peter Kühns durch Neonazis
Der Todestag von Klaus-Peter Kühn jährt sich zum vierten Mal. 2012 wurde er von drei Neonazis in seiner Wohnung auf dem Suhler Nord bis zum Tode gefoltert. Am Jahrestag verteilen Antifaschist*innen Flyer in der Stadt, kleben Plakate und sprühen Graffiti, um an die Tat und den Ermordeten zu erinnern.

17. 6., Erfurt: Biczysko wechselt zu „Die Rechte“
Der Erfurter NPD-Stadtrat Enrico Biczysko wechselt zur Neonazi-Partei „Die Rechte“ und begründet dies mit der Inkompetenz der „Führer“ sowie Lug und Trug im NPD-Landesverband. Bereits im Februar war der Greizer Neonazi David Köckert aus dem Landesvorstand der NPD zurückgetreten.

21.6., Jena: Arbeitskampf im CATI-Labor der Universität Jena
Das gewerkschaftsnahe Institut für Soziologie der FSU Jena betreibt ein Labor für telefonische Umfragen und zwingt die Beschäftigten in Werkverträge, die geltenden Arbeitsgesetzen nicht entsprechen. Gemeinsam mit der FAU Erfurt/Jena treten die organisierten Beschäftigten in einen Arbeitskampf gegen prekäre Arbeitsbedingungen.

Über den Kampf der Arbeiter*innen der Viomichaniki Metalleftiki (VioMe)

Über Arbeitskampf und selbstverwaltete Produktion in Griechenland berichtet Franzie.

Anknüpfend an den Reisebericht „Solidarität und Selbstorganisation. Griechenland in der Krise“ in der Lirabelle #3, der einen allgemeinen Eindruck wiedergab, soll nun eine Fragestellung aufgegriffen werden, die dort schon Anklang fand: Welche Chancen haben Projekte der Selbstverwaltung in Griechenland und auf welche Schwierigkeiten oder Grenzen stoßen diese? Um diese Frage zu konkretisieren richtet sich der Fokus in diesem Artikel auf die besetzte Fabrik Viomichaniki Metalleftiki – kurz VioMe – im Industriegebiet Thessalonikis.

Die Vorgeschichte scheint eine übliche zu sein. Das Unternehmenskonglomerat „Philkeram Johnson“ gerät mit Beginn der Krise unter ökonomischen Druck, sodass Profit aus der Tochtergesellschaft VioMe auf die anderen Teile übertragen wird – es handelt sich um Millionen. Zudem werden erste Lohnkürzungen durchgesetzt, ab Mai 2011 werden gar keine Löhne mehr ausgezahlt. Die erste Phase des Kampfes der Arbeiter*innen von VioMe beginnt, man streitet um die ausstehenden Löhne. Vorerst wird versucht, die Eigentümer unter Druck zu setzen. Diese Entscheidungen werden in einer Vollversammlung getroffen, alle Arbeiter*innen sollen daran beteiligt sein und auch gemeinsam die Verantwortung übernehmen. Der Vorstand der bestehenden Basisgewerkschaft wird daher abgeschafft und durch das Kollektiv der Vollversammlung ersetzt. Einzelne Streiks finden statt, die Konfrontation mit den Eigentümern wird schärfer. Erst lenken diese ein und machen Versprechungen, die Löhne zu zahlen. Einzelne Raten werden daraufhin getilgt, doch bald wird klar, dass sie nicht ihr ganzes Geld bekommen werden und es auch keinen Kompromiss mit der Geschäftsführung zum weiteren Bestehen von VioMe geben wird. Dies führt zur Radikalisierung unter den Arbeiter*innen, die Beteiligung an Aktionen steigt. Gemeinsam mit den ebenso unbezahlten Beschäftigten der Muttergesellschaft auf demselben Betriebsgelände wird im Juli 2011 das Fabriktor vollständig blockiert, sodass keine Waren ausgeliefert werden können. Dennoch werden die Forderungen nach Lohnauszahlung nicht erfüllt. Die geschäftsführende Leitung setzt sich ab, ist nicht mehr erreichbar. Die Arbeiter*innen stehen allein in der Fabrik und wenden sich an den griechischen Wirtschaftsminister, der jedoch im gesetzlichen Rahmen nicht weiterhelfen kann: Die Eigentümer*innen einer Fabrik können den erwirtschafteten Profit transferieren wohin sie wollen und auch unter bestehender Produktivität der Fabrik die Schließung beabsichtigen – so funktioniert Privateigentum. Den Arbeiter*innen leuchtet nicht ein, warum das Unternehmen VioMe, welches in den letzten ökonomisch schweren Jahren noch schwarze Zahlen schrieb, nun dem Bankrott der anderen Teile des Konglomerats nachziehen müsse. Im Oktober 2011 wird offiziell der Bankrott auch für VioMe verkündet. Die Maschinen stehen still, die Angestellten sind entlassen. Doch die Arbeiter*innen von VioMe versuchen vor Gericht ihre Löhne einzuklagen. Sie erreichen Lohnauszahlungen, die der Staat bis 2012 übernimmt. Auf juristischem Weg lassen sich jedoch keine weiteren Ziele verwirklichen. Die Fabrik wird von ihren Eigentümern aufgegeben – die Produktionsmittel liegen brach, obwohl sie für die Arbeiter*innen sinnvoll nutzbar wären – eine alltägliche Szene in den Widersprüchen kapitalistischer Verhältnisse.

Auf dem Weg zur Arbeiter*innenkontrolle.

Von nun an finden täglich Vollversammlungen der Arbeiter*innen von VioMe statt. Gemeinsam besprechen sie ihre Lage und diskutieren über eine Aneignung der Fabrik – sie wird besetzt. Das Gelände wird künftig 24h lang bewacht, die Arbeiter*innen befürchten, dass die Eigentümer die Technik demontieren und die vollen Lagerhallen leeren. Um den Kolleg*innen den ausstehenden Lohn zu verschaffen, wird nicht mehr benötigter Müll vom Fabrikgelände recycelt und verkauft. Die eingerichtete Solidaritätskasse kann dadurch für das Nötigste aufkommen. Jede*r soll irgendwie versorgt werden. Gemeinsam beschließen sie das Unternehmen in eine Kooperative der Arbeiter*innenkontrolle umzuwandeln und perspektivisch die Produktion weiterzuführen. Jedoch teilen nicht alle Arbeiter*innen die Hoffnung aufs Gelingen. Es bleiben 42 Arbeiter – VioMe ist nun „ihre“ Fabrik.

Das Prinzip der Selbstverwaltung ist dabei kein von vornherein angestrebtes Ziel. Die Arbeiter*innen sehen sich vor Beginn ihres Kampfes nicht als politische Menschen und folgen keinem politischen Organisationsansatz. Aber was sollen sie tun? Ihren Hut nehmen und die Erwerbslosigkeit akzeptieren? Lohnarbeit ist derzeit in Griechenland eine rare Sache, wer keine findet, bekommt vom Staat ein Jahr lang „Arbeitslosengeld“ – danach ist Schluss. Meist auch mit der Krankenversicherung, weil diese dann schlicht nicht mehr bezahlt werden kann. Viele Arbeiter*innen bei VioMe haben Familie mit Kindern, sie sorgen sich um ihre Zukunft. In den Fabrikhallen stehen nach wie vor die nötigen Maschinen bereit, das technische Know-how haben sie im Kopf.

Einige Faktoren könnten die Entscheidung für die Selbstverwaltung erklären: Die Menschen in Griechenland leiden unter einer gesamtgesellschaftliche Krise, welche die nationale Wirtschaft in die Rezension treibt und die Legitimität des politischen Systems in Frage stellt. Ein Ausweg ist nicht in Sicht. Abgesandte der europäischen Troika positionieren sich an zentralen Stellen des griechischen Staates, um die erzwungenen Sparmaßnahmen zu überwachen – ein Austeritätsregime etabliert sich gegen die Bedürfnisse der griechischen Bevölkerung. Seit Jahren gibt es keine positive Entwicklung, die Linderung verspräche. Im Erstarken von Rassismus und Nationalismus spiegelt sich der gesellschaftliche Verfall. Das bedrohliche Szenario äußert sich konkret in Erwerbslosigkeit (etwa 33% – bei der Jugend etwa 50%), fehlender Krankenversorgung, Obdachlosigkeit und perspektivisch in Armut. Im gesetzlichen Rahmen finden die Arbeiter*innen von VioMe keine Lösung für ihre Probleme. Vor dem Hintergrund dieser spezifischen Bedingungen treffen sie die mutige Entscheidung zur Übernahme der Fabrik und geben nicht nur in ihrem Fall eine konkrete Antwort auf die Betriebsschließung und die Entlassungen, sondern werden im Laufe der Zeit auch zum Vorbild für andere Belegschaften.

Der mühselige Weg, das Zahnrad in Bewegung zu bringen.

Am Anfang erfragen die Arbeiter*innen Unterstützung bei Parteien und Gewerkschaften. Diese bleibt größtenteils aus. Die sozialdemokratisch orientierte Gewerkschaft GSEE verweist in den gesetzlichen Rahmen. Die etablierte Politik kann diese Form des Arbeitskampfes – den Eingriff in die Grundfeste der kapitalistischen Produktionsverhältnisse – nicht stützen.

Die Pame, Gewerkschaft der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), kommt den Arbeiter*innen bei. Doch mit der Zeit fühlen sich die Arbeiter*innen von der politischen Führung der Pame entmündigt, sie wollen sich keinem ZK unterordnen und wenden sich schließlich ab. Die Arbeiter*innen von VioMe stehen nun u.a. gemeinsam mit Alpha Kappa, einem Zusammenschluss antiautoritärer Gruppen, und den Aktivist*innen gegen den Goldabbau in Chalkidiki. Sie erhalten immer mehr Zuspruch von Menschen aus dem In- und Ausland. Die Solidaritätsbekundungen und -zuwendungen verbessern ihre Lage und geben die nötige Rückversicherung dafür weiterzumachen.

Dass Solidarität nicht nur ein Wort ist, wird immer klarer. Viele Menschen sind durch die Krise aufgerüttelt und unterstützen die konkreten Kämpfe in ihrer Umgebung. Die Arbeiter*innen von VioMe intensivieren die Öffentlichkeitsarbeit. Mit Hilfe von Aktivist*innen aus dem autonomen anarchistischen Spektrum gelingt es, ein breites Solidaritäts-Netzwerk aufzubauen. In Thessaloniki und anderen Städten entstehen offene Solidaritätskomitees und -initiativen, die vor Ort auf den Kampf der VioMe-Arbeiter*innen aufmerksam machen.

Das Motto: „Wenn ihr nicht könnt, wir können!“

Ein Höhepunkt findet im Oktober 2011 statt: Über Larissa und Volos zieht eine Karawane der Solidarität ausgehend von Thessaloniki bis Athen, unterwegs werden Informationsveranstaltungen und Konzerte organisiert, auch vor Universitäten. Der Kampf um VioMe gewinnt Anerkennung und Unterstützung nicht nur bei Arbeiter*innen. Viele Tausend Menschen gehen gemeinsam auf die Straße und fordern die Anerkennung von Arbeitskooperativen.

Es kommt zur Solidarisierung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Kampffeldern. Der Slogan „Von VioMe bis zum Skaramanga – kein Friede mit den Bossen!“ zeigt eine Verbindung zu den Kämpfen um Freiräume. Das Skaramanga war ein besetztes Haus in Athen, dass im Juli 2011 geräumt wurde. Kann das Potential, das sich im Kampf um VioMe und in der Solidarisierung zwischen verschiedenen Gruppen findet, zur Gefahr für die bestehende Verhältnisse in Griechenland werden? Die Entwicklung der staatlichen Repression gegen die Aktivist*innen spricht dafür.

„Wir haben im Kampf alle gemeinsam verstanden, dass alle für alle kämpfen.“

…sagt ein VioMe-Arbeiter und berichtet vom Wandel ihres Miteinanders und ihrer Vorstellungen seit Beginn ihres Kampfes. Zentral ist die gemeinsame Entscheidungsfindung in den Vollversammlungen. Die Übernahme der Fabrik und der Produktion bricht mit dem Prinzip des Privateigentums und der damit verbunden hierarchischen Verfügung über dieses. Jede*r Beschäftigte hat eine Stimme in der Vollversammlung, aus der Solidaritätskasse erhält jede*r den gleichen Lohn – 10 Euro pro Tag. Diese Organisierung ermöglicht ihnen, sich auf eine neue Art und Weise kennenzulernen. Zuvor waren sie Kolleg*innen, jede*r hatte ein isoliertes Leben – nun interessiert man sich füreinander, teilt Ängste und Sorgen. Dies ist elementar dafür, gemeinsame Schritte im Weiterkommen der Fabrik zu diskutieren. Früher sei man auch ignorant und passiv gewesen, doch nun beteilige man sich aktiv. Denn es gehe um eine bessere Zukunft für alle, bekräftigt ein VioMe-Arbeiter.

Im Kontakt mit Aktivist*innen der autonomen Linken und vielen interessierten Menschen vervielfältigen und entwickeln sich die Themen der Diskussion unter den Arbeiter*innen. Das bisher „Ungedachte“ wird nun diskutiert, man lernt voneinander und schafft konkretere Vorstellungen davon, wie die Produktion und Distribution in Zukunft zu organisieren sei. Dabei hilft vor allem der Kontakt zu Arbeiter*innen der selbstverwalteten Fliesenfabrik ZANON in Argentinien – sie haben Ähnliches erlebt. Über die praktischen Erkenntnisse hinaus lernen alle Beteiligten auch etwas über die Funktionsweise des Kapitalismus, die gesellschaftsstrukturierenden Auswirkungen und die Bedeutung der Solidarität.

Ein neues Selbstverständnis.

Die Arbeiter*innen von VioMe veröffentlichen in einer Resolution ihr Selbstverständnis, welches Fundament für die künftige Entwicklung sein soll. Dort heißt es unter Punkt 1: „Grundlegend und zentral für den Betrieb der Fabrik, für die Weiterführung unseres Kampfes und unsere Pläne für die Zukunft ist das Prinzip der Gleichheit in der Teilhabe und der Entscheidungsfindung, das Prinzip horizontaler und direkter Demokratie. Jede Form von Differenzierung, Schlechterbehandlung, Ausgrenzung und Fremdbestimmung ist unvereinbar mit unserem Vorhaben und jede nur erdenkliche Anstrengung muss erfolgen, um ein solches Benehmen und solche Praktiken zu vermeiden, die Hindernisse für unsere Emanzipationsbestrebungen schaffen.“

Dieses Selbstverständnis ist unter Beachtung der sich verbreitenden autoritären, regressiven Reaktionen auf die Krise nicht nur in Griechenland ein beachtlicher Ausdruck positiver Entwicklung. Ob jedoch in dieser Formulierung auch Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Nationalismus inbegriffen sind, ist fraglich. Bspw. besteht die Belegschaft vornehmlich aus Männern. In Videos und Statements der Öffentlichkeitsarbeit von VioMe sprechen ausschließlich Männer. Zwar arbeiteten früher auch Frauen im Betrieb, die jedoch mit beginnendem Kampf VioMe verließen – bis eine Buchhalterin neu eingestellt wurde. Der Beobachtung nach scheinen ebenso keine Migrant*innen vertreten zu sein. Aufgrund der engen Zusammenarbeit mit der anarchistischen Szene ist vorsichtig zu vermuten, dass in Bezug auf die politische Sensibilität der genannten Diskriminierungsformen eine Annäherung stattgefunden hat. Wie es also tatsächlich in den Köpfen der VioMe-Arbeiter*innen und Sympathisant*innen neben und mit der Stilisierung einer neuen bewussten Arbeiterbewegung aussieht, ist nicht klar auszumachen. Dennoch haben sie sich bspw. nicht entschieden unter Flagge der offen neonazistischen Partei „Chrysi Avgi“ nur Griechen*innen arbeiten oder beliefern zu lassen. Sie hetzen auch nicht gegen stigmatisierte Randgruppen, die vielerorts als Sündenböcke für die kapitalistische Krise herhalten müssen. Der Weg bis zur Übernahme in Arbeiterinnenkontrolle zeigt das Vertrauen der Arbeiter*innen in die Fähigkeit Neues zu denken, nicht zu verharren oder zurückzukehren in alte Muster geprägt von Autorität und Hörigkeit. Das Experiment wagen sie mit Beharrlichkeit, Geduld, Enthusiasmus und Militanz.

„Erst durch den Kampf drehen sich die Zahnräder.“

Bis zum Februar 2013 versuchen die Arbeiter*innen auf legalem Weg, eine Genehmigung für die geplante Produktion zu erlangen, was scheitert. Die zuständigen griechischen Ministerien erkennen die Arbeiterkooperative nicht an, die Gewerkschaften leisten keine Unterstützung. Die Arbeiter*innen von VioMe sehen sich selbst an einem Punkt, an dem sie nichts mehr verlieren können, was sie nicht ohnehin schon verloren haben.

In der Einladung zum Protestmarsch durch Thessaloniki und zum folgenden dreitägigen Fest, das den Start der Produktion unter Arbeiter*innenkontrolle einläutet, wird appelliert: „Wir laden Sie ein, am Kampf teilzunehmen und den Kampf zu organisieren, wo immer Sie leben und arbeiten, mit Versammlungen, die direkte Demokratie praktizieren, ohne Bürokraten, um alle, die unser Leben zerstören, mit einem unbefristeten politischen Generalstreik zu stürzen. Damit die Fabriken und die gesamte Produktion in die Hände der ArbeiterInnen übergehen werden und damit wir eine Wirtschaft und Gesellschaft organisieren, die wir wollen: eine Gesellschaft ohne Herren!“

Bio-Reinigungsmittel statt giftigem Fliesenkleber.

Mit den veränderten Produktionsverhältnissen kommt der Produktwechsel. Der alte Absatzmarkt für die vormals produzierten Baumaterialien, der vor allem im Ausland liegt, kann durch den nicht legalisierten Status nicht bedient werden. Hinzu kommt die schlechte Auftragslage der Baubranche in Zeiten der Krise im Inland. Die Neuorientierung der Produktion wird mit den Unterstützer*innen, unter der Intention bedarfs- und bewegungsorientiert zu produzieren, diskutiert. In Kooperation mit sympathisierenden Chemikern der Universität Thessaloniki werden Rezepturen für biologische Reinigungsmittel entwickelt. Über das breite Solidaritätsnetzwerk wird der Vertrieb im Inland bewerkstelligt – vor allem auf informellen Direktmärkten, in Ladenkollektiven und in sozialen Zentren. Der Vertrieb ins Ausland stellt jedoch nach wie vor ein Problem dar, für das aktuell nach Lösungen gesucht wird.

Es zeigt sich, dass in der Zusammenarbeit die Kraft des Projektes liegt. Einerseits wird dadurch die staatliche Illegalisierung des Betriebs ein Stück weit umgangen, andererseits scheinen in der Verflechtung zwischen VioMe, den Unterstützer*innen und der entstehenden linken sozialen Bewegung die notwendigen Bedingungen für einen breiten gesellschaftlichen Kampf um Veränderung zu liegen. Ohne die Zusammenarbeit gäbe es keine Perspektive, weder in Produktion, im Vertrieb, aber vor allem nicht auf gesellschaftlicher Ebene.

An der gesellschaftsverändernden Perspektive festzuhalten, verhindert das Eintreten der mancherorts geäußerten Befürchtungen, dass VioMe sich mit der Zeit ins kapitalistische System reintegrieren könnte. Die Arbeiter*innen sind sich dessen bewusst. Sie setzen auf die Perspektive, dass auch andere Belegschaften sich dazu entschließen, die Produktionsmittel zu übernehmen – nur dann könne der Kampf erfolgreich sein. Dafür bieten sie ihre Hilfe an. Nach ihren Vorstellungen müsse sich eine starke Arbeiter*innenbewegung entwickeln. Ist dies denkbar und wird die anhaltende kapitalistische Krise die Formung einer sich bewussten Arbeiter*innenbewegung in Griechenland begünstigen?

Die Zukunft ist offen, aber festzuhalten gilt: VioMe hat einen schwierigen Start gemeistert, andere Aufgaben, wie bspw. die notwendige Investition in Produktionsmittel, bleiben dagegen bestehen. Unterstützer*innen im Ausland können helfen, indem sie über VioMe informieren und ein verlässliches internationales Vertriebsnetz aufbauen.

Bleibt auch in Thüringen wachsam – VioMe-Produkte kommen!

Weitere Infos:

www. viome.org // www.labournet.de // http://solidaritaet.blogsport.eu – Website zur Bildungs- und Solidaritätsreise nach Griechenland

Der rote Pullover

Karl Meyerbeer über Solidarität zwischen Arbeiter*innen

Mit 16 wollte ich eine Stereoanlage und habe dafür in den Ferien im kommunalen Energie- und Busunternehmen meiner Heimatstadt gearbeitet. Es war gegen Ende der alten BRD; die „Kraftversorgung“ war ein Relikt des Schaufensterkapitalismus: Energie, ÖPNV, Schwimmbäder, eben alles, was vor die Hunde geht oder unbezahlbar wird, wenn man es dem Markt überlässt.

Im Frühjahr habe ich im besagten Unternehmen Busse gereinigt: Die Decke von festgebackenen Diesel-Abgasen befreien, Sitze mit dem Nassstaubsauger reinigen und den Boden wischen. Das dauert, mit reichlich Pausen, wenn man sich nicht allzusehr anstrengt, vier Stunden pro Bus. Man musste den Schwamm vorsichtig in den Eimer mit der Seifenlauge tauchen. War der Schwamm zu nass, rann ein Strom heißes Dreckwasser am Arm herunter und nässte nach und nach den ganzen Körper, denn man arbeitete natürlich über dem Kopf. War der Schwamm zu trocken, bekam man die Decke nicht sauber, außerdem bedeutete weniger Wasser im Schwamm, dass man öfter den Arm vom Eimer zur Decke bewegen musste. Jeweils zwei Minuten schrubben bei acht Stunden Arbeit bedeutet mit Pausen, 180 mal die Hand vom Boden zur Decke zu bewegen – mit einem vollgesogenen Schwamm – was zu quälenden Schmerzen in der rechten Schulter führt. Die Idee, mehr Deckenplatten in kürzerer Zeit zu schrubben, wäre mir nicht gekommen. Die Anweisungen darüber, wie lange ein Reinigungsgang zu dauern hatte, waren sowieso unmissverständlich. Mein direkter Vorgesetzter war Ralf, ein ungelernter Hilfsarbeiter mit Vokuhila, viel Begeisterung für Autos und einer Vorliebe für rote Pullover. Wenn keine Ferienjobber da waren, gehörten die Deckenplatten in seinen Aufgabenbereich und er wäre blöd gewesen, sich von mir die Norm kaputt machen zu lassen. Statt meine Kreativität in die Arbeit zu stecken, habe ich Strategien entwickelt, ihr zu fliehen. Z.B. gab es in der Stunde vor der Mittagspause und auch am Nachmittag Zeiten, bei denen sich kein Mensch in der Bushalle blicken ließ – Zeit für ein Schläfchen auf der Rückbank. Einmal hat Ralf mich erwischt. Ich wachte auf, weil jemand laut mit mir redete: „Wenn das hier einer mitkriegt, gibt’s den größten Ärger!“ „Au weia“, dachte ich. Es hatte ja schon jemand mitgekriegt. Aber der angedrohte Ärger blieb aus.

Beim Essen habe ich gelernt, wie Klassengesellschaft funktioniert. Die Kantine war ein rechteckiger Raum mit 20 langen Tischen in Reih und Glied wie die Busse auf dem Parkplatz oder die Arbeiter_innen in ihren Schließfächern. Rechts saßen die gelernten und ungelernten Arbeiter. Sie trugen blaue Overalls, darunter Synthetik-Pullover in schreienden Farben. Sie kamen mit dem Golf oder mit dem Manta, die Lehrlinge mit dem Bus. Sie aßen Erbsensuppe oder Schnitzel mit Kartoffelsalat. Links saßen die PlanerInnen: Verwaltungsangestellte und Ingenieure. Sie trugen Jeans und Hemden, manche auch sportliche Jacketts, die Frauen Blusen und Strickjacken. Die Männer kamen mit Audis zur Arbeit, die Frauen wurden gebracht. Sie aßen Cordon Bleu oder Salat mit Putenstreifen. Dazwischen saßen die Busfahrer. Die trugen eine Art Uniform aus unglaublich hässlichen hellblauen Hemden, dunkelblauen Strickjacken und grauen Stoffhosen. Was die gegessen haben, weiß ich nicht. Der Direktor – ein dicker, durch langjährige SPD-Mitgliedschaft qualifizierter Mann – fuhr einen schwarzen Mercedes und aß nicht in der Kantine. Die Sitzordnung war nirgends festgelegt, aber es wäre undenkbar gewesen, sich mit rußverschmiertem Blaumann zu den Blusen und Hemden zu setzen. Und so aß ich bei denBlaumännern und hörte mir ihre Gespräche über Fußball, Frauen, Autos, Urlaub und Bier an. Mein erster sozialer Aufstieg bestand darin, dass ich in den Sommerferien durch Vermittlung meiner Eltern in der EDV-Abteilung arbeiten durfte. Ich machte mich zwar nicht mehr schmutzig, dafür war die Arbeit unglaublich langweilig. Im Grunde bestand die Tätigkeit in Suchen und Ersetzen, wie es heute jede Textverarbeitung kann. Der Texteditor der altehrwürdigen Großrechenanlage (schwarze Schrift auf bernsteinfarbenem Grund) hieß »ed« und konnte das nicht. Nach zwei Tagen war ich ob der Sinnlosigkeit meiner Arbeit so frustriert, dass ich in den Kaffeepausen nicht mehr in die Kantine ging, sondern jede freie Minute damit zubrachte, die Maschine zu verstehen. Nach ein paar Tagen hatte ich ein kleines Programm geschrieben, das meine Aufgabe automatisch innerhalb von wenigen Minuten erledigte. Von »neuen Steuerungsmodellen« hatte ich natürlich noch nichts gehört und es war auch weniger, dass man mich gezielt bei der Kreativität gepackt hätte, als dass die Zeit im Büro einfach so geisttötend langweilig gewesen war, dass mir die Steigerung meiner eigenen Produktivität als einziger Ausweg schien, um nicht verrückt zu werden. Niemand war sauer, dass ich die Norm überboten hatte. Der Chef der EDV gab mir ein neues Ziel: ich sollte eine einfache Abrechnungs-Software schreiben, eine Aufgabe, die eigentlich ein externer Dienstleister hätte übernehmen sollen. Dass ich als Ungelernter benutzt wurde, um den Preis des Freelancers zu drücken, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Dabei hatte ich im Vorjahr doch mitbekommen, wie Ralf seine Norm verteidigt hatte. Aber dass das Schläfchen auf der Rückbank mein erster Arbeitskampf gewesen war, hatte ich nicht verstanden.

Ebenso war mir immer noch unklar, wieso ich ohne Probleme wieder eingestellt worden war. Hatte Ralf niemanden von meinem Schläfchen erzählt? Ich habe nicht verstanden, wieso. Bis zu der Sache mit dem roten Pullover.

Weil die Stereoanlage immer noch nicht voll bezahlt war, arbeitete ich in den Herbstferien im Bäderbetrieb, wo ich wieder Ralf unterstellt war. Zu meinem Erstaunen sagte er kein Wort über meine Verfehlung, als wir an meinem ersten Arbeitstag das Betriebsgelände verließen, um im Schwimmbad Müll aufzusammeln. Sichtlich gut gelaunt wies er mich in einen der blauen Kastenwagen und nahm selbst auf dem Fahrersitz Platz. Dann brachte er das altertümliche Gefährt schwungvoll in Gang, und zirkelte es mit quietschenden Reifen knapp durch den Schlagbaum am Werkstor. Was er nicht bemerkt hatte, war der dicke schwarze Mercedes, der gleichzeitig von draußen hinein fuhr. Natürlich kannte der Direktor nicht alle 60 Arbeiter persönlich. Aber er hatte sich gemerkt, dass im Fahrerhäuschen des blauen LKW, der ihn geschnitten hatte, ein roter Pullover gesessen hatte. Morgens um 9 fand der Vorfall statt, um 10 erhielt der Polier die Anweisung, den Verkehrsrowdy ausfindig zu machen, um 11 wussten die Kollegen, dass ein Kollege mit rotem Pullover gesucht wurde. Und um 12, kurz vor der Mittagspause, wechselte Ralf diskret seinen Pullover, weil ihn ein Kollege, kaum dass er vom Außendienst zurückgekommen war, darauf hingewiesen hatte, dass er gesucht wurde. So kam es, dass der Direktor beim Stolzieren durch die Kantine zwar trotzige Gesichter sah, aber keinen roten Pullover.

 

Konformität in der klassenlosen Klassengesellschaft

Ox Y. Moron über den Kampf zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Bosch in Arnstadt

Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist aufgelöst, weil Unternehmer und Arbeiter heute Seite an Seite um das Unternehmen, die Branche oder den Standort kämpfen, wenn dieser in Gefahr gerät – an dieser Einsicht, die Wolfgang Pohrt in seinem neuesten Buch äußert, ist etwas dran. Zwar basiert die Organisation der Hierarchie im Kapitalismus nach wie vor auf der Aneignung fremder Arbeit durch das Kapital – an der objektiv bestehenden Klassenherrschaft hat sich also nichts geändert -, geändert hat sich aber das Bewusstsein bzw. das Wissen vor allem der ausgebeuteten Klasse über diesen Sachverhalt. Wenn ganz aktuell, beispielsweise in Arnstadt, mehrere hundert Arbeitsplätze bei Bosch-Solar zur Debatte stehen, kämpfen die Betroffenen nicht gegen die Klassenherrschaft, unter der sie jahrelang ausgebeutet wurden und dafür nun in der Prekarität landen könnten, sondern sie kämpfen für Fortbestand ihres Ausbeutungsverhältnisses.

Arnstadt erwache

Als wäre das alles nicht schon Tragödie genug, steht die Kampagne der IG Metall auch noch unter der abgewandelten Naziparole „Arnstadt muss leben“. Was hoffentlich unbeabsichtigt war, entbehrt keiner heimlichen Logik. Schließlich waren die Nationalsozialisten die fanatischsten Befürworter eines Arbeitsfetischs, der sauber differenzieren wollte zwischen der guten produktiven deutschen Wertarbeit der einfachen Werktätigen, wie sie auch bei Bosch hochge- halten wird und des spekulativ-gierigen Geschäftemachens des sogenannten raffenden Kapitals, das man heute mit Bänkern, Managern und Aufsichtsräten, früher bzw. in letzter Konsequenz mit den Juden identifizierte.

Und die beispielsweise von Wirtschaftsminister Machnig (SPD) auf der Kundgebung vor dem Werk am 4. April in Arnstadt vorgebrachte Hetze gegen „chinesisches Dumping“, das der guten deutschen Wertarbeit das Wasser abgrabe, geht genau in diese Richtung. Nicht, dass Menschen ausgebeutet werden für einen irrationalen Selbstzweck ist das Problem, sondern dass es andere rentabler tun als die Deutschen.

Vergessene Wahrheiten

Ausbeutung gab es historisch in allen Gesellschaften. Das Besondere der Ausbeutung in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist das Auftreten des Arbeiters als ein über seine Arbeitskraft als Ware verfügendes Subjekt, dessen Ausbeutung juristisch durch die Form eines Vertrages vermittelt wird. Der Arbeiter, formal frei, ist real aber in aller Regel dazu gezwungen, seine Arbeits- kraft beispielsweise an Bosch zu verkaufen, um sein Leben mit all den Bedürfnissen, die man so entwickelt, regeln zu können. Gerne wird dieses Ausbeutungsverhältnis durch allerlei ideologische Kniffe verschleiert, indem man Arbeit als Selbstverwirklichung oder als gemeinsame Anstrengung für einen höheren Zweck überhöht (vor allem Bosch-Solar gibt sich ja gern einen nachhaltig-grünen Anstrich) und sowieso als eine Naturnotwendigkeit fetischisiert. Aber Lohnarbeit ist weder naturnotwendig, noch verwirklicht sie irgendein Selbst und einem höheren Zweck dient sie erst recht nicht. Im Kapitalismus wird nämlich nicht für die menschlichen Bedürfnisse produziert – noch so eine ideologische Falle – sondern um aus Wert mehr Wert zu machen, aus Geld mehr Geld. Der Lohnarbeit kommt hierbei eine ganz bedeutende Rolle zu. Sie ist das Movens aller Wertschöpfung. Der besondere Charakter dieser Ware Arbeitskraft besteht nun darin, dass vereinfacht gesprochen – der Kapitalist die Ware Arbeitskraft für ihren Tauschwert erwirbt, der sich in diesem Fall aus den Reproduktionskosten jener Ware ergibt und sich ihren Gebrauchswert zu nutze macht. Jener Gebrauch – und darin besteht der Unterschied zu anderen Waren und Produktionsmitteln – erschöpft sich in der Regel nicht darin, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft zu erwirtschaften, sondern darüber hinaus einen Mehrwert, den der Kapitalist privat aneignet und in der Regel zu einem großen Teil wieder reinvestiert in neue Arbeitskraft und andere Produktionsmittel (Boden, Maschinen, Rohstoffe, etc.). Dieser Tausch der Ware Arbeitskraft gegen ihren Tauschwert nennt Marx einen gerechten Tausch, weil der Kapitalist nichts gegen die Gesetze des Marktes widriges getan hat. Er hat lediglich, wie jeder Warenkäufer eine Ware für ihren Tauschwert erworben und sich ihren Gebrauchswert zu nutze gemacht.1 Diese Nutzbarmachung der Ware Arbeitskraft bzw. die private Aneignung ihres Mehrwertes bezeichnet die analytische Kategorie der Ausbeutung. Das heißt: Jede Lohnarbeit ist Ausbeutung. Ausbeutung ist somit keine moralische Kategorie, die die Überausnutzung der Arbeitskraft bezeichnet, sondern Ausbeutung meint die Aneignung fremder Arbeit überhaupt.

Die Arbeiter bei Bosch-Solar, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen, kämpfen also in Wahrheit für die Fortführung ihres Ausbeutungsverhältnisses. Sie tun dies nicht mal – zumindest deutet nichts darauf hin – in dem Bewusstsein augenblicklich keine andere Wahl zu haben, um mit dem Arbeitslohn nicht auch ihren Lebensstandard zu riskieren, sondern sie tun dies, weil ihnen die Arbeitsideologie2 wie eine zweite Haut geworden ist, weil ihnen ihre Ausbeutung, genauso wie die gesellschaftliche Entfremdung und Verdinglichung, die damit einhergeht, nicht mehr bewusst als ein Leiden erscheint, sondern als Schicksal, als Naturnotwendigkeit oder als Berufung. In solcher Weise könnte der Widerspruch der Klassengesellschaft zwischen Kapital und Arbeit tatsächlich als aufgelöst betrachtet werden, aufgelöst in totaler Identität der Interessen. Nur noch im objektiven Tatbestand der Ausbeutung und im Leiden jener, denen die Ausbeutung auf verschiedenste Weiseaufstößt, erhält er sich am Leben.

Die klassenlose Klassengesellschaft

Wir leben also heute in einer Gesellschaft, in der der Klassenkonflikt weitgehend niedergelegt wurde, aber das Klassenverhältnis unangetastet fortbesteht; eine Gesellschaft, in der weiter ausgebeutet wird und die Betroffenen ihrer Ausbeutung mit Dankbarkeit nachgehen wollen, weil sie sie gar nicht mehr als solche empfinden – sichtbar beispielsweise bei Bosch in Arnstadt. Adorno hat diese Entwicklung in seinen Reflexionen zur Klassentheorie schon vor über 70 Jahren festgehalten und den Zustand einer solchen befriedeten Klassengesellschaft mit dem Begriff der klassenlosen Klassengesellschaft zugespitzt.

In einer solchen Gesellschaft stehen sich die äußerste Macht der Herrschenden und die äußerste Ohnmacht der Beherrschten unvermittelt gegenüber, was den Klassenunterschied, so Adorno, in Vergessenheit geraten lässt. Der Gedanke daran, dass es jemals anders sein könnte, wird in der Okkupation des Denkens durch die Allgegenwart von Organisation und Technik der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn gesellschaftliche Beziehungen durch eine immer lückenlosere Verwaltung des Lebens nach den Gesetzmäßigkeiten der herrschenden Ordnung modelliert werden. Heute sind solche Gedanken eh die Seltenheit, heute versuchen sich die Massen verzweifelt mit den Kapitalisten, wie im Fall Bosch gemein zu machen, die Identität der Interessen herbei zu betteln, damit die Ausbeutung, von der man ja irgendwie lebt und nicht weiß wie sonst, weitergeht. In solchen Verhältnissen, analysiert Adorno ganz richtig, ist „die Allgegenwart der Repression und ihre Unsichtbarkeit […] dasselbe.“ Die Solidarität unter den Ausgebeuteten nimmt ab mit der Tatsache, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht mehr als Klasse erfahren kann, das Klassenverhältnis nicht mehr durchschaut. Konformität scheint den Arbeitern heute zweckdienlicher, rationaler als der solidarische Kampf um ein anderes Ganzes. In jene Klasse, die man einmal Arbeiterklasse nannte und damit alle durch Lohnarbeit Ausgebeuteten meinte, ist heute gewissermaßen die Herrschaft eingewandert, sie sind zu Produkten einer entmenschlichenden Gesellschaft geworden. Einsicht in diesen Zusammenhang finden nur noch einige wenige, die mit dem Bildungsprivileg (z.B. Studium) etwas anzufangen wussten oder um nochmal Adorno zu zitieren: „Kritik am Privileg wird zum Privileg: so dialektisch ist der Weltlauf.“

No way out?!

In der Analyse der klassenlosen Klassengesellschaft steckt der Tendenz nach eine Dystopie, die möglicherweise schon sehr real geworden ist: Die Dystopie einer Gesellschaft, in der die Menschen die Herrschaft der gesellschaftlichen Verhältnisse derart verinnerlicht haben, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse gänzlich der Totalität jener Verhältnisse entsprechen, in der es des Faschismus als Krisenoption des Kapitalismus nicht mehr bedarf, weil die Menschen sich ohne ein direktes Gewaltverhältnis alles gefallen lassen wollen, was nötig ist, um unterm Kapitalverhältnis weiterzuleben. In einer solchen Gesellschaft wird selbst Ideologie zunehmend überflüssig, weil die desillusionierten Menschen ihrer nicht bedürfen, um sich wehrlos in ihr vermeintliches Schicksal zu fügen und sich jedes noch erfahrene Leiden als naturnotwendig zu rationalisieren. Auf die Menschen bei Bosch trifft das nur bedingt zu. Sie glauben noch an die Segnungen des Kapitalismus, wollen nicht einsehen, dass die Schließung ihres Werks im ökonomischen Kalkül des Unternehmens liegt. Schließlich leisten sie wertvolle Arbeit im Interesse der Energiewende und haben dem Konzern über Jahre satte, freilich staatlich subventionierte, Gewinne eingebracht. An ihnen kann es also nicht liegen und von strukturellen Problemen im entwickelten Kapitalismus will man lieber nichts wissen.

Damit kommt eine andere sich tendenziell anbahnende Möglichkeit der Verarbeitung von ökonomischen Krisen in Frage. Sie ist bereits angedeutet worden: die Projektion der Schuld für die Krisenfolgen auf vermeintliche Verantwortliche, wie sie im strukturellen Antisemitismus zu Tage tritt. Hier soll nun, wie beim Fall Bosch, die Unternehmensführung verantwortlich sein für ein Verhältnis, das Kapitalist und Prolet gleichermaßen am Laufen halten. Bosch ist dabei alles andere als ein Einzelfall. Im krisengeschüttelten Griechenland beispielsweise, wohin die radikalen Linken aus Erfurt ihre Hoffnungen auf Rettung verlagert haben, steigen vor allem die Wahlergebnisse der Populisten und die Selbstmordraten. Im kriseninduzierten Selbstmord schlägt das Subjekt im Stande seiner gesellschaftlich-produzierten Überflüssigkeit nicht nach außen, wie im Rassismus oder Antisemitismus, sondern zieht die falsche Konsequenz gegen sich selbst. „Bleibt kein Ausweg, so wird dem Vernichtungsdrang vollends gleichgültig, worin er nie ganz fest unterschied: ob er gegen andere sich richtet oder gegens eigene Subjekt“, schrieb Adorno bereits 1945.

Was auch immer die zukünftige Entwicklung bringt, die Perspektive, die ich hier aufzeige, ist eine düstere. Kriterium von Wahrheit ist eben auch nicht ihre Gefälligkeit. Einen Plan, der uns rettet, habe ich nicht parat. Worin ich mir aber ziemlich sicher bin, ist, dass Menschen, die die Gesellschaft bewusst und planvoll verändern wollen, sie zunächst verstehen müssen. Zu solchem Verständnis, zur kompromisslosen Aufklärung über die gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen, wäre die Aufgabe der radikalen Linken. In diesem Sinne impliziert radikale Kritik, die die Herrschaft der Verhältnisse bloßstellt, deren Aufhebung und unsere Rettung, indem sie das vielfach verdrängte Leiden an dieser Gesellschaft zunächst wieder beredt werden lässt, es zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung macht und in Konsequenz aufheben will.

Zarte Ansätze einer solchen Intervention bei Bosch in Arnstadt gab es bisher lediglich durch ein Flugblatt der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau. Die sozialdemokratische Linke von der SPD, über die Einheitsgewerkschaft DGB bis zur Linkspartei war damit beschäftigt die potentiellen Mitglieder und Wähler durch Zujubeln in ihrem Kampf für die Fortführung des Ausbeutungsverhältnisses zu unterstützen und erwies sich damit als Teil jener Einheitsfront, die dem Kapitalverhältnis seine Unbesiegbarkeit mit jeder ihrer Regungen beteuert.

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1     Nicht vergessen werden darf dabei freilich, dass in diesem gerechten Tausch ein objektives Unrecht liegt, das schon darin besteht, dass die Möglichkeit wer nun Arbeitskraft-Käufer, also Kapitalist wird und wer Arbeitskraft-Verkäufer, also Arbeiter wird, notwendig ungleich verteilt sind und eine Gesellschaft, die den Gesetzes des Marktes konform wäre niemals denkbar ist, in der alle Kapitalisten sind und fremde Arbeit aneignen. Irgendwer muss schließlich auch arbeiten.
2     Zur Arbeitsideologie siehe den im Flyer der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau dokumentierten Text von Stephan Grigat: http://agst.afaction.info/archiv/576/flyer.pdf