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Und auf einmal bist du ein Prolet…

Eigentlich wollte Minna Takver einen Artikel über innerlinke Debattenkulturen schreiben, aber der Einstieg in das sogenannte Arbeitsleben machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen an dieser Stelle: ein reflektierender Erfahrungsbericht ihrer ersten Zeit als Lohnarbeitende. Die Autorin ist Mitglied des Club Communism.

Ich bin ein Kopf‑Mensch. Keine Arbeiterin, die gerne Dinge erschafft oder Sachen repariert. Ich denke lieber über Sachen nach, rede mit Leuten darüber, gucke was so um mich herum passiert oder lese. Das war mir schon während meiner Schulzeit klar und es war für mich logisch, dass ich studieren würde; eine ‚einfache‘ Ausbildung, so wusste ich, würde mich unterfordern und aus dem Studium an der Universität wollte ich zudem all das mitnehmen, was mir helfen könnte, besser linksradikale Politik zu machen. Meiner Hände Produkt interessierte mich nie. Das Studieren war Erfüllung und Enttäuschung meiner Erwartungen gleichzeitig. Einerseits lernte ich, komplizierte Texte zu verstehen, die mir vorher gar nichts sagten, und damit wurde mir ein Verständnis von Welt aufgeschlossen, das mir hilft, mich mit meiner Ohnmacht auseinanderzusetzen, ohne sie damit jedoch loszuwerden. Andererseits war es frustrierend: dumm saßen die meisten Anderen neben mir. Sie redeten mehr oder weniger schlau daher, ohne den Willen das Elend dieser Welt zu begreifen oder abschaffen zu wollen. Dass Studieren nicht ewig währt, war von vorne herein klar: Ich lebe seit Jahren mit dem Bewusstsein, dass ich werde lohnarbeiten müssen, weil diese Gesellschaft, dieser Staat mich dazu zwingen wird und ich nicht die Kraft habe, in permanenter Auseinandersetzung mit ihm oder am existenziellen Abgrund zu leben.

Unmittelbar nach Ende meines Studiums machte ich mich aus Verzweiflung auf Jobsuche. Ich fürchte das Arbeitsamt und seine Macht, darum will ich ihm so wenig wie möglich ausgeliefert sein. Während ich also Bewerbungen und Anträge schrieb, überlegte ich mir, was ich alles politisches machen könnte während dieser Übergangsphase: mehr für meine Gruppe, mehr für die politischen Strukturen vor Ort, mehr Selbstbildung, mehr Output (z.B. in Form eines Artikels). So sehr ich die Zeit als Arbeitsamt‑Abhängige fürchte(te), so sehr freute ich mich darauf, nebenbei Politik machen zu können. Während meines Studiums hatte ich jahrelang gehört, dass unsereins es schwerer hätte auf dem Arbeitsmarkt und dass es im Schnitt 1,5 Jahre bräuchte, bis man als Uni‑Absolvent einen Job bekäme. Ich dachte also, ich hätte Zeit. Doch es kam anders.
Ein Teil meiner Bewerbung richtete sich auf Jobangebote eines klassischen Ausbildungsberufs aus dem Sozialen Bereich. Meine Chance hielt ich eher für gering, da ich die entsprechende Ausbildung nicht habe, sondern nur einen ähnlichen Studienabschluss. Das war eine grandiose Fehleinschätzung: Innerhalb von einer Woche hatte ich nicht nur zwei Bewerbungsgespräche und eine Einladung zu einem dritten, sondern nach dem zweiten Gespräch auch das Angebot eines Probearbeitstages und (bei erfolgreichem Verlauf) sofortigen Arbeitsbeginn auf einer befristeten Stelle.

Was die Arbeit mit mir macht: körperlich, psychisch, Zeit-technisch, politisch

Als ich nach dem zweiten Bewerbungsgespräch wieder zu Hause war, heulte ich. Das Ganze ging viel zu schnell, ich hatte keine Zeit mehr für nichts. Zum Probearbeitstag musste ich so früh aufstehen wie seit Ewigkeiten nicht mehr und mir ging auf, dass ich nicht wusste was ich dann dort tun sollte. Meine Angst, dabei zu versagen (ohne dass mir die ‚Prüfungsbedingungen‘ klar waren), war groß. Drei Wecker hatte ich mir zur Sicherheit gestellt und war schon vor dem ersten wach. In der Einrichtung angekommen, wurde ich einer Angestellten zugeteilt, die mich freundlich aufnahm, mir alles erklärte und interessiert an meinem bisherigen Werdegang war. Die Tatsache, dass ich von der Uni kam, war für sie eher eine unterhaltsame Kuriosität als Anlass für spitze Bemerkungen. Ich überstand den halben Arbeitstag irgendwie, während die Eindrücke und Informationen auf mich einstürzten. Da ich als Arbeitsfeld den Sozialen Bereich ausgesucht habe, ist die offene Zugewandtheit zu Menschen elementar, um dort zurecht zu kommen. Die konnte ich anscheinend zeigen, obwohl ich kaum wusste, wann wie welche Arbeitsschritte oder zwischenmenschliche Interaktionen angemessen waren. Zur Halbzeit des Arbeitstages versicherte mir meine Kollegin, dass sie meine Anstellung uneingeschränkt empfehlen wird, woraufhin ich den Job bekam. Am Abend dieses fast‑ersten Arbeitstages schlief ich um 23 Uhr über meinem alkoholischen‑zur‑Feier‑des‑Tages‑Getränk ein. Ohne das Gefühl wirklich gearbeitet zu haben, spürte ich die Erschöpfung, die einen danach überkommt.

Die ersten zwei Arbeitstage waren die Hölle. Nicht vor Ort während der Arbeit, sondern danach und davor, als ich begann die vielfältigen Eindrücke zu verarbeiten. Es war und ist okay, dass ich mir die unbekannten Arbeitsabläufe erst aneignen muss und es ist auch für alle Kolleg_innen völlig in Ordnung. Nicht die Neue zu sein machte mich fertig, sondern die Erkenntnis, dass ich eben nicht wie alle anderen dort Tätigen die entsprechende Ausbildung absolviert hatte und mir elementarstes Basiswissen über die Arbeitsobjekte und ‑verläufe zu fehlen schien.1 Zu Beginn des dritten Tages hätte ich die ganze Sache fast hin geschmissen. Die Angst, ungenügend zu sein, war überwältigend groß und wurde noch dadurch verstärkt, dass ich während der ersten zwei Tage in verschiedenen Abteilungen eingesetzt war und mich so kaum mit den Vorgängen in Ruhe vertraut machen konnte. Mit dem dritten und vierten Tag besserte es sich, aber ohne die Hilfe mir nahestehender Menschen hätte ich das nicht geschafft. Im Versuch meiner Angst Herrin zu werden, griff ich zu Büchern und versuchte mir einer Art Crash‑Kurs Wissen anzueignen, das mir helfen sollte zu wissen, was zu tun ist. Letzten Endes habe ich das Wissen aus diesen Büchern (bis jetzt) nicht (bewusst) gebraucht. Ich wies einige meiner Kolleg_innen daraufhin, dass ich Uni‑Absolventin bin und sie es mir bitte nachsehen mögen, wenn ich Sachen nicht wüsste oder ‚dumme‘ Fragen stellen würde. Das fanden sie überhaupt nicht schlimm und halfen mir bereitwillig. Später ging mir auf, dass sie wohl nicht das erste Mal jemanden anlernten (Stichworte: Auszubildende im Betrieb). Am Ende der ersten Arbeitswoche hatte ich die grundlegenden Abläufe halbwegs verinnerlicht (und wenn ich nicht weiter wusste, sah ich in meinen Notizen nach oder fragte). Ich erlebte, dass auch routinierte Kolleg_innen Kleinigkeiten im Arbeitsprozess vergessen, lieber quatschen statt was zu machen und sogar verschlafen. Ich bemerkte verblüfft, dass ich anscheinend doch nicht völlig nutzlos und unwissend bin, und am Ende der ersten Woche konnte ich das erste Mal ohne schmerzenden Magen zur Arbeit fahren. Mittlerweile habe ich gemerkt, dass es bei meiner derzeitigen Position im Arbeitsprozess erst mal nicht weiter auffällt, dass ich bestimmtes Wissen nicht habe und ich es deswegen in Ruhe nachholen kann. Außerdem hat mich die ein oder andere Kollegin gelobt und mir unaufgefordert angeboten, alle meine Fragen gerne zu beantworten. 

Mein Körpergefühl hat sich im Verlaufe der ersten Arbeitswoche krass hin und her geworfen. Vor 6 Uhr aufzustehen, um pünktlich zum Arbeitsbeginn in die nächste größere Stadt gependelt zu sein, halte ich nach wie vor für etwas Normales, das viele Arbeiter_innen müssen. Nur bin ich während meines Studiums selten vor 8 Uhr aufgestanden und diese zwei kleinen Stunden wiegen so schwer wie kaum etwas anderes. Um genügend Schlaf zu bekommen, gehe ich gegen 21 Uhr ins Bett, was mir immer noch so vorkommt, als wäre ich eine sehr alte Seniorin. Die ersten vier Arbeitstage hatte ich jeden Morgen Magenschmerzen. Vielleicht ist das Phänomen von Demonstrationen bekannt, bei denen wir damit rechnen müssen einer argen Repression inklusive körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein (‚Spannungsbauchschmerzen‘ nannte es mal ein Genosse). Die sind ein Scheiß dagegen, wie schlecht ich mich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit fühlte. Es war dunkel, es war kalt, es war viel zu früh. Ich musste trotzdem essen und trinken, um nicht unterwegs aus den Latschen zu kippen. Vor Ort angekommen, merkte ich kaum noch etwas von den Magenschmerzen. Die mir zugeteilten Aufgaben und die Interaktion mit den Arbeitsobjekten beanspruchten mich so sehr, dass ich den Bauch erst wieder auf dem Heimweg merkte. Und vor allen Dingen nachts. Die Geschehnisse des Tages (tatsächlich war diese meine erste Arbeitswoche nach Ansicht der Kolleg_innen eine entspannte und mir passierte auch nichts Schlimmes) wirbelten durch meinen Kopf jede Minute, die ich nicht schlief, und viele Minuten, in denen ich gerne geschlafen hätte. Dies besserte sich erst zum Ende der ersten Arbeitswoche und trotzdem gingen mir auch in der zweiten und dritten Woche immer wieder ungewollt Episoden aus den vergangenen Tagen durch den Kopf. Mein neuer Alltag beinhaltet auch, dass ich meinen Körper anders behandeln muss. Statt morgens zu duschen, um wach zu werden, gehe ich am frühen Abend unter die Dusche, um sauber zu werden, weil der Job eine gewisse hygienische Beanspruchung mit sich bringt und körperlich anstrengt. Außerdem kann ich dann morgens 15 Minuten länger schlafen; jede Minute so kostbar. Ich gestalte meine Kleidung, Frisur und Maniküre nach den Erfordernissen der Arbeit (keine politischen Botschaften, möglichst praktisch und leicht sauber zu halten). Auch die Belastungen meines Körpers sind nun andere: Statt der Rücken‑ und Armschmerzen von einer Schreibtischtätigkeit und ewigen Sitzen (wie während meiner Abschlussarbeit im Studium), bekomme ich nun Rückenschmerzen vom Heben und Bücken sowie müde Füße oder Beine. Und ich merke, wie sich meine Sprache verändert (welche Worte ich benutze und wie), eben weil ich nun über viele Stunden am Tag auf eine bestimmte Art und Weise reden muss. Das ist mir unangenehm, da es sich anfühlt, als würde sich meine Arbeitssprache auch in mein restliches Leben einschleichen. Immerhin gibt es auf Arbeit mehr als genug Essen, sodass ich zwar zu anderen Uhrzeiten als vorher esse, aber nicht ewig hungrig darauf warte. Mein neuer Schlafrhythmus hingegen ist wirklich nervig: an einem Freitag Abend finde ich es angenehm erst(!) um 22:30 Uhr schlafen zu gehen (weil ich müde bin) und stehe am Samstag Morgen voller Tatendrang 7:30 Uhr auf. Es ist ein Elend.

Das führt dazu, dass ich deutlich weniger Energie habe, nach Feierabend noch Politik zu machen. Kommt noch das ein oder andere Hobby (Sport oder Musik) dazu, ist schnell klar, dass viel mehr als einen Abend die Woche nach der Arbeit für Politik zu erübrigen unrealistisch ist. Auch die sonst nebenher laufende politische Selbstbildung (Lesen) fällt an vielen Stellen runter, sodass ich zum einen weniger ‚up to date‘ bin und zum anderen den Wert von Printmedien neu schätzen lerne: Meine Zeitung/Zeitschrift kann ich auf dem Weg von/zur Arbeit lesen und sie braucht keine konstante Internetverbindung. Während meiner ersten Arbeitswoche konnte ich kaum einen Gedanken an Politik denken. Da ich nicht am Schreibtisch lohnarbeite und abends zu müde bin, habe ich während meiner ersten Arbeitswochen weder aktuelle Geschehnisse verfolgt noch anderweitig Texte gelesen, geschweige denn Mails oder Nachrichten. Ich weiß nicht, wann ich mich soweit an den Job gewöhnt haben werde, dass ich abends wieder an politischen Aktivitäten teilnehmen kann. Alles was ich mir vorgenommen hatte, habe ich in den ersten Wochen abgesagt, auf Eis gelegt oder von meiner Wunschliste gestrichen. Die Wochenenden brauchte ich, um noch verbliebene administrative Vorgänge zu erledigen (meint Unterlagen für den neuen Arbeitgeber und das Arbeitsamt zusammenstellen), um Menschen zu treffen, die nicht Kolleg_innen sind und um Bücher auszuleihen über meinen neuen Beruf. Ich glaube, dass ich bald einen funktionierenden Balanceakt hinkriege. Aber wenn ich mir Genoss_innen angucke, die lohnarbeiten und Politik machen, wird mir klar, dass es immer einer bleiben wird und es wesentlich weniger Zeit dafür geben wird. Aufhören werde ich damit aber nicht können.

Beobachtungen über ‚die‘ Arbeiter_innen: speziell in meinem Betrieb und allgemein

Auf Arbeit hat meine Politik bis jetzt kaum einen Platz gefunden. Es ist merkwürdig: da mein (es ist immer noch komisch, das so zu schreiben) Berufsstand ein weiblich dominierter ist, ist es der Personalraum auch. Es gibt Postkarten, auf denen Männer humorvoll verunglimpft werden, einen Kalender mit männlichen Unterwäschemodels, und in der Pause werden (vor allem) von den älteren Kolleginnen sexualisierte Witze gerissen. Wie damit unsere männlichen* Kollegen umgehen, habe ich noch nicht herausgefunden. ‚Meinen‘ Berufsstand bewundere ich in naiver Art schon lange und habe mich stets – nicht nur aus meinem politischen Bewusstsein heraus – mit den dort Tätigen solidarisch gefühlt, wenn sie einen Arbeitskampf ausfochten. Dass es im Endeffekt ebenso (hetero‑)sexistische Arbeiterinnen sind, wie das Klischee des gemeinen Bauarbeiters, schockiert mich. Mir graut ein wenig davor herauszufinden, wie sie sich zu anderen Themen verhalten. Auch wenn ich mich meinen Kolleg_innen – den Arbeiter_innen meiner Vorstellung – nun näher fühle, weil ich mich selbst mehr und mehr als Arbeiterin erfahre, trennt uns immer noch das politische Bewusstsein, was bei ihnen so anders oder gar nicht da ist. Nach den ersten Arbeitswochen fange ich jetzt an zu durchschauen, wer im Team wie tickt (dort wird eine Typenbildung vorgenommen auf Grund derer Verhalten Einzelner eingestuft wird, bspw. als zwar nervig aber noch akzeptabel, weil ‚sie_er halt so ist‘ oder als weniger beachtenswert, weil ‚sie_er immer jammert‘). Ich habe herausgefunden, dass etliche von den älteren Kolleg_innen gewerkschaftlich organisiert sind, aber am Frauentag eine Stripshow besuchen statt einer Kundgebung und ich weiß wer von den jüngeren Kolleg_innen im Betriebsrat ist. Über den Arbeitgeber ist bereits vor mir sehr deutlich gelästert worden, aber meine Einschätzung ist, dass das auch das höchste der Gefühle an Widerstand ist. Bevor nicht eine bestimmte schmerzhafte Grenze überschritten sein wird, wird es keine Proteste geben. Im Alltag ist mir mittlerweile aufgefallen, dass in der Masse der Pendler_innen, derer die zur Arbeit oder zur Schule eilen, es sich weniger schlimm anfühlt zur Arbeit zu müssen, weil ich weiß, dass es den anderen genauso geht. Es gibt keine Gespräche in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln am Morgen (außer zwischen Bekannten), aber ohne Worte ist klar: niemand fährt um 6 Uhr früh aus Vergnügen irgendwohin, sondern weil sie_er muss. Genauso wenig, wie niemand das Kantinenessen isst, weil sie_er das so hammer lecker findet, sondern weil es die einfachste/günstigste/einzige Art ist an gekochtes Essen zu kommen.

Mögliche Schlussfolgerungen für unsere Politik

Jetzt bin ich auf einmal doch Arbeiterin, obwohl ich keine Sachen repariere oder Dinge erschaffe und trotz dessen, dass ich lese, Leute beobachte und mit ihnen rede. Kaum gewusst wie, verdiene ich damit das Geld, was ich brauche. Und statt wenigstens ein bisschen mehr Zeit für Politik zu haben (als Arbeitsamt‑Abhängige) oder sie flexibel in den Alltag einbauen zu müssen (als Studentin), ringe ich nun als Arbeiterin um jede Möglichkeit dafür mit mir selbst. Mit wem kann ich an der Arbeit über was (politisches) reden, wenn schon Lohnerhöhung ein Witz und kein Kampfziel ist? Wie kann ich mein Unbehagen über Sexismus formulieren, wenn die starken Frauen* um mich herum ihn aus einer dominanten Position heraus betreiben? Und außerhalb der Arbeit: Habe ich den Kopf frei für Politik oder bin ich gedanklich noch mit dem Arbeitstag beschäftigt? Wann bin ich zu Hause, und schaffe ich es nochmal los zu gehen (z. B. zu einem Treffen oder Vortrag)? Bin ich überhaupt fit oder wach genug dafür oder plagen mich Müdigkeit und mein Rücken? Der Treppenwitz der Geschichte daran ist doch, dass wir ‚das Proletariat‘ sind; die, die frühmorgens irgendwohin müssen, die genervt sind aber nicht aufmüpfig, die so viel Hirnschmalz in Lohnarbeit (oder Studium) stecken und so wenig in Politik, die sich emanzipiert fühlen und dennoch care-Arbeit machen, die fressen, was es gibt. Und ich mitten drin. So oder so frage ich mich immer wieder selbst: wie ist denn mit so einer Klasse Revolution zu machen?


1
Bei einer Tätigkeit im Sozialen Bereich von Arbeitsobjekten zu sprechen und damit konkrete Menschen zu meinen, für die und mit denen man arbeitet, ist eine arge Objektivierung dieser Individuen (und das ein tautologischer Schluss). Leider weiß ich mir nicht anders zu helfen, um eine nötige Distanz zu dem einzunehmen, was ich als Lohnarbeit tue. Dies geschieht auch, um die ganze Geschichte soweit wie möglich zu anonymisieren und zu verallgemeinern. Nehmt es bitte als Versuch an, eine Sprache zu finden.

Testbericht: Engagement und Karriere

Die außerparlamentarische Linke ist einer der führenden Anbieter zeitgemäß prä- sentierter Inhalte mit Standorten in mehr als 74 Ländern. Als Vorbereitung für das Berufsleben bietet sie attraktive Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen und wichtige Kompetenzen zu erlernen. Der Rat, sich für Karrierezwecke z.B. beim Flüchtlingsrat zu engagieren (Lirabelle 12), ist insofern richtig. Aber Engagement muss wohlüberlegt sein. Wer sich zu früh festlegt, landet schnell auf einer mittelmäßig entlohnten und zudem unsicheren Projektstelle. Außerdem bieten auch die Autonomen, die Antifa oder der marxistische Lesekreis Karrierechancen. Gerade eine Kombination verschiedener Tätigkeiten kann zu einem exzellentes Sprungbrett werden. Ein Testbericht über
autonome Karrierechancen.

Antifa

Hier zählt der Style! Wer wissen will, was die Jugend in zwei Jahren trägt, geht zum Antifa-Kongress. Mit diesem kulturellen Kapital bieten sich zahllose Möglichkeiten in der Werbung und der Mode-Branche. Dass die Antifa was soziale Medien angeht oft ganz vorne mit dabei ist, macht auch in diesem Feld Türen auf. Und wenn das alles nichts wird, kann man sich immer noch in der Projektelandschaft niederlassen: So lange Nazis in Deutschland demonstrieren und Anschläge begehen, wird es Projektstellen in staatlichen Anti-Rechts-Programmen geben. Aber Vorsicht! Wer sich zu deutlich antistaatlich positioniert, hat es am Ende schwer, das politische Kapital zu Geld zu machen.

Kontakte: 4/5
Organisation: 3/5
Strategie: 4/5
Öffentlichkeitsarbeit: 5/5
Argumentative Skills: 2/5
Theorie: 3/5

Autonome Kleingruppe

Der Klassiker der linksradikalen Karriereplanung. Schon Josef Fischer hat in der Frankfurter „Putzgruppe“ gelernt, wie man sich durchsetzt und die eigenen Themen öffentlichkeitswirksam platziert. Klandestine Organisationsformen sowie ein durch und durch zynisches Verhältnis zur Macht qualifizieren bestens zu Tätigkeiten in der politischen Führungsebene. Allzu krasse Aktionen können die Karriere aber auch ins Stocken bringen.

Kontakte: 1/5
Organisation: 5/5
Strategie: 4/5
Öffentlichkeitsarbeit: 2/5
Argumentative Skills: 2/5
Theorie: 1/5

Infoladen

Mit der Offenheit für verschiedene Themenfelder bietet gerade der Infoladen ein grundständiges Halbwissen über verschiedenste Politikfelder, eine solide Grundlage für eine Tätigkeit in linken Verbänden und Parteien. Die selbstverantwortliche Planung und Durchführung von Kampagnen unter Bedingungen ständig knapper Mittel ist als Vorbereitung für eine Tätigkeit in der Projektarbeit nicht zu unterschätzen. Das soziale Kapital der vielfältigen Kontakte zu anderen Spektren der Linken lässt sich gegebenenfalls bei Einstellungsgesprächen nutzen. Kein Wunder, dass die Thüringer Infoläden für mehrere Gewerkschaftssekretäre, den Pressesprecher einer bundesweit tätigen NGO und eine Landespolitikerin die Grundausbildung übernommen haben.

Kontakte: 5/5
Organisation: 5/5
Strategie: 2/5
Öffentlichkeitsarbeit: 4/5
Argumentative Skills: 3/5
Theorie: 2/5

Linke Theoriegruppe oder Lesekreis

Wie stark diese informellen Kreise Schlüsselkompetenzen für die akademische Karriere vermitteln, wird daran deutlich, dass ehemalige Angehörige der Thüringer antideutsche Szene heute mindestens zwei Professuren und zahllose Mitarbeiterstellen an Universitäten in ganz Europa besetzen. Nicht zuletzt die Kompetenz, gegenüber nachfolgenden Generationen allzu radikales Denken authentisch mit der Wendung „Das haben wir doch damals schon diskutiert“ auszutreiben, qualifiziert seit jeher linke Akademiker_innen für Führungspositionen. Was Kontakte angeht, kann die linksradikale Theoriegruppe allein nicht punkten. Profi-Tip: Die Organisation von Konferenzen ergänzt die Theoretischen Skills um Organisationstalent und die Kontakte, die so wertvoll für eine Uni-Karriere sind.

Kontakte: 2/5 (mit Konferenzen: 4/5)
Organisation: 2/5 (mit Konferenzen 5/5)
Strategie: 1/5
Öffentlichkeitsarbeit: 1/5 (mit Konferenzen 3/5)
Argumentative Skills: 5/5
Theorie: 5/5

Untergrundzeitschrift

Für jede Untergrundzeitschrift leistet ein flexibles und motiviertes Team unbezahlte Qualitätsarbeit, beste Voraussetzungen für eine Arbeit im Verlags- und Redaktionswesen. Aber Vorsicht! Bücher und Zeitungen stecken in der Krise, „feste Freie“ arbeiten von Zuhause und bekommen kaum Geld. Sicherlich ist man das von der Arbeit in der Lirabelle gewöhnt, aber will man das wirklich auch machen, wenn man über Promi-Hochzeiten berichtet oder Ratgeberliteratur lektoriert? Im Zweifelsfall lieber mit dem Lesekreis kombinieren. Und: Immer darauf achten, dass Andere für evtl. später peinliche Inhalte verantwortlich zeichnen.

Kontakte: 4/5
Organisation: 4/5
Strategie: 1/5
Öffentlichkeitsarbeit: 5/5
Argumentative Skills: 3/5
Theorie: 3/5

Im Kaninchenbau der Ware

Kapitalismus ist das System der abstrakten Arbeit. Warum die Kritik der Arbeit möglich und notwendig ist. Von Christian Höner.

Warum eine Kapitalismuskritik nur als eine Kritik der Arbeit zu haben ist, soll im folgenden Text skizziert werden. Dafür ist es notwendig, einige grundlegende Gedanken von Marx zu rekapitulieren. Dessen Kapitalismusanalyse beginnt bekanntlich mit der Analyse der Ware, die als etwas in sich Widersprüchliches vorgestellt wird: Sie ist einerseits ein konkretes Gebrauchsding und andererseits ein abstraktes Wertding. Die Gebrauchsseite der Ware ist diejenige Seite an der Ware, auf die sich unsere Bedürfnisse richten; wir fragen, wofür kann ich die Ware gebrauchen, wofür ist sie nützlich. Ist die Gebrauchsseite der Ware sinnenklar, so erschließt sich die Wertseite der Ware nicht so einfach. Diese zu untersuchen und zu verfolgen, was aus der Bestimmung des Werts für Konsequenzen erwachsen, ist die Hauptaufgabe der marxschen Analyse im Kapital.

Dem Wert auf die Spur zu kommen, erschließt sich nicht bei der bloßen Betrachtung einer einzelnen Ware. Wir sehen nur deren Gebrauchsgegenständlichkeit, die Werteigenschaft erscheint nicht. Erst wenn wir eine andere Ware hinzunehmen, können wir den Ariadnefaden im Labyrinth des Werts aufnehmen. Wir können nämlich jetzt die Werteigenschaft als eine Beziehung erahnen, die zwischen den Waren zu bestehen scheint: Eine bestimmte Menge der Ware A ist gleich einer bestimmten Menge der Ware B (X Ware A = Y Ware B). Marx gibt sich mit dieser Bestimmung jedoch nicht zufrieden; er fragt, was diesem Verhältnis eigentlich zugrunde liegt. Was ist gleich an 4 Flaschen Bier und einer Schachtel Zigaretten? Worauf bezieht sich der Ausdruck „ist gleich“? Worin sind Waren mit unterschiedlicher Gebrauchsgegenständlichkeit und unterschiedlicher Mengenrelation identisch? Wenn es eine solche Identität gibt, dann kann diese Identität nur in Absehung (Abstraktion) von der konkreten Gebrauchsgegenständlichkeit der Waren gefunden werden. Wenn wir nun von dieser abstrahieren, so bleibt an den Waren nichts weiter übrig, als dass sie Produkte menschlicher Arbeit sind. Der Wert einer Ware drückt also aus, dass in ihr eine bestimmte Menge von Arbeit vergegenständlicht ist. Da das, was offenbar den Wert der Waren bildet, mit Arbeit zu tun hat, müssen wir im Kaninchenbau des Kapitalismus noch eine Etage tiefer gehen und uns der Arbeit selbst zuwenden.

Im Herzen des Kapitalismus sitzt kein Kapitalist, sondern eine Abstraktion

So wie bei der Gebrauchsseite der Ware gibt es auch am Arbeitsprozess eine konkret-sinnliche Seite, die wir beobachten können. Da werden Tische gebaut oder Autos montiert etc. Marx nennt diese Seite der Arbeit: konkrete Arbeit. Wenn aber im Tausch die Arbeiten gleichgesetzt werden, so kann diese Gleichsetzung nicht auf Basis der konkreten Arbeiten erfolgen. Gleichheit der Arbeiten kann ja nur entstehen, wenn von der konkreten Gestalt der Arbeiten abgesehen wird. Sehen wir von allem Konkreten z.b. der Tischlerarbeit ab, so gelangen wir zu einem Arbeitsbegriff, der nur noch die Verausgabung menschlicher Energie ausdrückt, von Marx bestimmt als abstrakte Arbeit. Die abstrakte Arbeit bildet für Marx die Substanz des Werts.

Nach dieser Wertbestimmung könnte mensch natürlich fragen: Das ist ja alles ganz interessant und theoretisch ungeheuer spannend, aber wo liegt das Problem? Zugegebenmaßen ist auf dieser abstrakten Ebene der Darstellung noch nicht unmittelbar einsichtig a) was das mit Kapitalismus zu tun hat und b) was daran zu kritisieren ist.

Marx erblickte jedoch in der Analyse der Warenform, die vom Doppelcharakter der Ware zum Doppelcharakter der Arbeit führt, den grundlegenden Schlüssel zum Verständnis des kapitalistischen Gesamtzusammenhangs. In Ware und Arbeit sah er nämlich nicht nur die Elementarformen dieses Zusammenhangs, sondern auch die Mutter aller systemischen Widersprüche. Das grundlegende Widerspruchsmoment besteht in der Spannung zwischen konkreter und abstrakter Arbeit, zwischen stofflichem und abstraktem Reichtum, zwischen stofflichem Inhalt und abstrakter Form. Diese Spannung durchzieht die gesamte Architektur der kapitalistischen Vergesellschaftung und sie besteht, weil das Abstrakte von Wert und Arbeit nicht nur eine gedankliche Abstraktion (in Marxens Hirn) darstellt, sondern sich als abstraktes Geltungsverhältnis die konkrete Wirklichkeit unterwirft. Wie diese Unterwerfung unter die Abstraktion von abstrakter Arbeit und Wert sich vollzieht, wird im Weiteren zu klären sein.

Abstrakte Arbeit unvermeidlich?

Doch zunächst müssen wir die abstrakte Arbeit als Verausgabung menschlicher Energie noch einmal genauer betrachten. Denn die Bestimmung von Arbeit als wertbildende Substanz ist alles andere als unproblematisch. Wenn Arbeit per se Wert bilden würde, wie wollte man da das Unterwerfungsverhältnis kritisieren, das von der abstrakten Arbeit angeblich ausgehen soll. Mehr noch: Wie soll auf der Basis einer solchen Analyse eine Kritik der Arbeit auch nur denkmöglich sein? Ist es nicht vielmehr so, dass wir mit Wert und Arbeit zwei Grundbestimmungen des menschlichen Daseins vor uns haben, die zwar nicht aus der ersten Natur, aber doch aus der Natur der menschlichen Gesellschaft entspringen? Und wenn dies so sein sollte, ist dann nicht eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder über Wert und Arbeit integriert, nicht eine der menschlichen Natur gemäße Form der Vergesellschaftung (so sehen es zumindest die bürgerlichen Ökonomen und leider auch die meisten Marxisten)? Sollten wir Wert und Arbeit nicht vielmehr als positive Bestimmungen auffassen, weil sie einen transparenten Maßstab liefern, inwieweit sich die Individuen an der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion beteiligen? Gibt der Wert nicht wieder, was das Arbeitssubjekt geleistet hat? Ist die Arbeit nicht der große Demokratisierer, der die Nutznießer fremder Arbeit (Sklavenhalter, Feudaladel, Kapitalist) von der historischen Bühne gefegt hat bzw. noch fegen soll?

Abstrakte Arbeit als ein historisch-spezifisches Gesellschaftsverhältnis

Wie diese Fragen zu beantworten sind, steht und fällt mit der Bestimmung der abstrakten Arbeit. Wäre Marx einfach dabei stehen geblieben, den Umstand, dass Arbeit Wert bildet, als positive Tatsache zu betrachten, dann wäre freilich eine Kritik der Arbeit im Rahmen seiner Theorie nicht möglich geworden. Doch Marx geht einen entscheidenden Schritt weiter. Er macht nämlich den bürgerlichen Ökonomen zum Vorwurf, „nie danach gefragt zu haben, warum Arbeit Wert bildet“. Offensichtlich war es für Marx keineswegs eine unhintergehbare Tatsache, dass Arbeit Wert bildet, so wie ein Apfelbaum Äpfel trägt. Marx lästert deshalb auch gegen Ökonomen, die den Wert aus der Natur der Dinge ableiten, dass noch kein Chemiker auch nur ein Atom Wert gefunden habe. Wertvoll zu sein kommt weder dem Öl, noch Diamanten oder Gold von Natur aus zu. Die Frage ist also, unter welchen Bedingungen die physiologische Tatsache, dass Menschen Energie verausgaben, für die gesellschaftliche Praxis zur bestimmenden Größe wird. Marx Antwort hierauf lautet: Nur wenn sich die gesellschaftliche Vermittlung in einer bestimmten Form realisiert, wird aus der harmlosen physiologischen Tatsache, eine folgenschwere gesellschaftliche Bestimmung. Erst in einer Gesellschaft, die sich über den Tausch vermittelt, verwandeln sich Produkte in Waren, erst hier wird die Verausgabung menschlicher Energie zu einem die Gesellschaft synthetisierenden Vermittlungsmedium. Dies ist wohlgemerkt nicht zu verwechseln mit dem Umstand, dass durch konkrete Arbeit ein Beitrag zur stofflichen Reproduktion der Gesamtgesellschaft geleistet wird. Dies ist nur ein Nebeneffekt. Relevant für die gesellschaftliche Synthese ist Arbeit nur als abstrakte Arbeit, insofern die konkreten Arbeiten im Tausch aufeinander bezogen werden und sie nur noch als unterschiedslose Arbeitsquanten gelten. Deshalb ist allein die abstrakte Arbeit das zentrale Medium der gesellschaftlichen Vermittlung – sie ist diese Vermittlung.

Indem Marx nun aufgezeigt hat, dass der Zusammenhang von Arbeit und Wert nicht aus der menschlichen Natur erwächst, sondern an eine historisch-spezifische Form der gesellschaftlichen Vermittlung gebunden ist, hat er gleichermaßen die Tür aufgestoßen, die abstrakte Arbeit als eine historische Kategorie begreifen zu können, wodurch zumindest die prinzipielle Möglichkeit ihrer Abschaffung und Überwindung denkbar wird.

Die Notwendigkeit der Kritik

Aber nur weil die Abschaffung der abstrakten Arbeit möglich ist, so könnte gefragt werden, ist doch noch lange nicht die Notwendigkeit einer Kritik der Arbeit angezeigt. Vielleicht ist das System der abstrakten Arbeit zumindest die beste aller möglichen Welten. Was soll an dieser gesellschaftlichen Vermittlungsform schlecht sein?

Es wurde bereits angedeutet, dass das Verhältnis der Warenform nicht nur ein in sich widersprüchliches ist, sondern dass die abstrakte Seite sich gegenüber der konkreten Sphäre zur beherrschenden Macht aufschwingt. Die Art und Weise, wie abstrakte Arbeit und Wert zu allgemeinen, gesellschaftsbeherrschenden Formen werden, ist das Kapital. Um diese Behauptung verständlich zu machen, muss 1.) gezeigt werden, dass das Kapital selbst nur eine Gestalt der abstrakte Arbeit ist und 2.) dass die abstrakte Arbeit in dieser Form eine eigentümliche Form von Herrschaft etabliert.

Kapital ist abstrakte Arbeit – ist abstrakte Arbeit – ist abstrakte Arbeit

Inwieweit ist das Kapital eine Darstellungsform der abstrakten Arbeit? Marx stellt das Kapital vor als eine Bewegung in der berühmten Formel: Geld-Ware-mehr Geld (G-W-G‘). Geld wird gegen Waren, welche wieder gegen Geld getauscht, wobei sich Letzteres auf scheinbar obskure Weise vermehrt hat. Was die Waren in diese Beziehung einbindet, was sie gegen das Geld austauchbar macht, wissen wir schon: Es ist nicht die konkrete Gebrauchsgegenständlichkeit, die die Waren austauschbar macht, sondern dass sie als Verkörperung abstrakter Arbeit gelten.

Was hat es aber mit dem Geld auf sich, in welchem Zusammenhang steht das Geld mit abstrakter Arbeit? Um dies nachvollziehbar zu machen, müssen wir noch einmal zu Ware zurückkehren. Wir hatten gesagt, dass abstrakte Arbeit und Wert die Identität der Waren ausmachen. Über dieses Identität realisiert sich der Tausch. Jede einzelne Ware verkörpert dabei in jeweils besonderer Form Wert und kann so gegen andere Waren getauscht werden. Diese besondere Form der Verkörperung ist aber ein Problem; die besondere Gebrauchsgegenständlichkeit der Ware wird zum Hindernis für die Universalisierung des Tausches, weil für die Tauschenden an der Ware nicht nur der Tauschwert von Belang ist, sondern auch ihr Gebrauchswert. Wenn nun aber ein Tauschender kein Interesse an der Gebrauchsseite der zu tauschenden Ware hätte, fände der Tausch nicht statt. Das Problem löst sich dadurch, dass eine Ware als allgemeines Tauschmedium fungiert. Die Gebrauchsseite dieser Ware steht nun ganz im Dienst der allgemeinen Tauschfunktion, ihre stoffliche Seite muss dieser Funktion genüge tun: Sie muss haltbar sein, darf nicht beliebig reproduzierbar sein, muss in gleich große und homogene Teil teilbar sein; kurzum: Die Edelmetalle und in besonderer Weise das Gold erfüllen diese Bedingungen. So fungierte Gold als Geld. Mit der Aufhebung der Goldbindung der Währung in 1970er Jahren verlor das Geld keineswegs seinen Warencharakter, aber er transformierte sich.

Heute fungiert zur Deckung des Geldes nicht mehr Goldreserven, sondern bei den Notenbanken deponierte Wertpapiere. Diese Wertpapiere sind ein spezifischer Warentypus. Ihr Warencharakter verdankt sich nicht bereits verausgabter menschlicher Energie, sondern der Hoffnung, dass diese Verausgabung in Zukunft erfolgen möge. So oder so ist das Geld aber substanziell auf abstrakte Arbeit verwiesen und kann somit als allgemeine Wertrepräsentanz, als allgemeine Darstellungsform abstrakter Arbeit dechiffriert werden.

Wenn Marx das Kapital als die Bewegung Geld-Ware-mehr Geld vorstellt, dann erschließt sich nun, was sich hinter dieser Bewegung eigentlich verbirgt: Geld als allgemeine Darstellungsform der abstrakten Arbeit tauscht sich gegen Waren als besondere Verkörperung abstrakter Arbeit und diese tauscht sich schließlich wieder gegen mehr Geld, d.h. gegen ein größere Menge der allgemeinen Darstellungsform abstrakter Arbeit.

Geld Ware mehr Geld

abstrakte Arbeit → abstrakte Arbeit → abstrakte Arbeit

(allgemeine Form) (besondere Form) (allgemeine Form)

Das mehr an Wert bzw. an verausgabter abstrakter Arbeit wird übrigens in der Mitte des Prozesses gebildet, wo eine besondere Ware zur Anwendung kommt: Die Ware Arbeitskraft. Sie ist die einzige Wertquelle, weil nur sie menschliche Energie verausgaben kann. Kapital besteht also nicht nur aus unterschiedlichen Aggregatzuständen abstrakter Arbeit, auch ihr Treibstoff fließt ihr in Form verausgabter menschlicher Energie zu. Damit ist die 1. Frage beantwortet, insofern das Kapital als ein selbstbezüglicher Vermittlungsprozess unterschiedlicher Daseinsweisen der abstrakten Arbeit aufzufassen ist.

Abstrakte Arbeit ist eine selbstzweckhafte und abstrakte Form der Herrschaft

Nun können wir auch die 2. Frage beantworten, inwiefern die abstrakte Arbeit eine ihr eigentümliche Form von Herrschaft etabliert. Betrachten wir nämlich die Formel G – W – G‘, so erkennen wir, dass das Ziel dieser Bewegung nicht die Produktion von Gebrauchsgegenständen ist, sondern der Wertverwertung dient, umgangssprachlich ausgedrückt: aus Geld mehr Geld zu machen. Die Produktion stofflichen Reichtums dient im Kapitalismus nur als ein Mittel für den übergeordneten Zweck einer rastlosen Vermehrung von abstrakten Reichtum (Geld). Da wir wissen, dass im Geld die allgemeine Daseinsweise abstrakter Arbeit verkörpert ist, können wir Folgendes festhalten: Im Kapital hat sich die abstrakte Seite der Arbeit über ihre konkrete Seite erhoben; nicht das Produzieren von konkreten Gebrauchsdingen ist das Ziel der Produktion, sondern die rastlose Anhäufung abstrakter Arbeit. Im Kapital ist abstrakte Arbeit auf sich selbst rückgekoppelt, sie ist Ausgangs- und Endpunkt dieser Bewegung. Nicht die Befriedigung von konkreten Bedürfnissen ist ihr Ziel, dieses ist vielmehr herabgesunken auf ein bloßes Mittel, um aus Geld mehr Geld zu machen. Abstrakte Arbeit ist im Kapital zu seinem eigenen Zweck geworden. Marx nennt deshalb die im Kapital auf sich selbst rückgekoppelte abstrakte Arbeit das “automatische Subjekt”. Alle menschlichen Bedürfnisse und die damit verbundenen Interessen können sich nur noch verwirklichen, wenn sie als Mittel für den übergeordneten Selbstzweck der Kapitalbewegung darstellbar sind. Sowohl Kapitalist als auch die Lohnabhängigen sind dem realexistierenden Sachzwang der Verwertung unterworfen. Sie sinken zu Exekutoren der Kapitalbewegung herab. Sie werden zu Funktionsträgern bzw. zu „Charaktermasken“ (Marx) eines sie beherrschenden Automatismus, der nichts weiter ist als ihre eigene verrückte, unbewusste, gesellschaftliche Produktions- und Vermittlungsform. Hierin findet im Übrigen auch der Staat eine absolute Schranke seiner Souveränität. Selbst abhängig vom Geldmedium, da existenziell auf die rastlose Geldvermehrung durch die Kapitalbewegung angewiesen, muss er sich schließlich deren Imperativen beugen. Deshalb ist die Annahme, über den Staat ließe sich das Kapital bändigen, eine Chimäre. So offenbaren sich mit der marxschen Analyse der abstrakten Arbeit alle Ambitionen, die über eine realpolitische Moderation des Krisenkapitalismus emanzipatorisch hinauszugehen gedenken, ohne jedoch die abstrakte Arbeit selbst angreifen zu wollen, als Politikillusion. Wollte man tatsächlich den Kapitalismus überwinden, müsste die abstrakte Arbeit ins Zentrum der Kapitalismuskritik gerückt werden, um mit ihr als destruktiver gesellschaftlicher Vermittlungsform endlich zu brechen.

Der rote Pullover

Karl Meyerbeer über Solidarität zwischen Arbeiter*innen

Mit 16 wollte ich eine Stereoanlage und habe dafür in den Ferien im kommunalen Energie- und Busunternehmen meiner Heimatstadt gearbeitet. Es war gegen Ende der alten BRD; die „Kraftversorgung“ war ein Relikt des Schaufensterkapitalismus: Energie, ÖPNV, Schwimmbäder, eben alles, was vor die Hunde geht oder unbezahlbar wird, wenn man es dem Markt überlässt.

Im Frühjahr habe ich im besagten Unternehmen Busse gereinigt: Die Decke von festgebackenen Diesel-Abgasen befreien, Sitze mit dem Nassstaubsauger reinigen und den Boden wischen. Das dauert, mit reichlich Pausen, wenn man sich nicht allzusehr anstrengt, vier Stunden pro Bus. Man musste den Schwamm vorsichtig in den Eimer mit der Seifenlauge tauchen. War der Schwamm zu nass, rann ein Strom heißes Dreckwasser am Arm herunter und nässte nach und nach den ganzen Körper, denn man arbeitete natürlich über dem Kopf. War der Schwamm zu trocken, bekam man die Decke nicht sauber, außerdem bedeutete weniger Wasser im Schwamm, dass man öfter den Arm vom Eimer zur Decke bewegen musste. Jeweils zwei Minuten schrubben bei acht Stunden Arbeit bedeutet mit Pausen, 180 mal die Hand vom Boden zur Decke zu bewegen – mit einem vollgesogenen Schwamm – was zu quälenden Schmerzen in der rechten Schulter führt. Die Idee, mehr Deckenplatten in kürzerer Zeit zu schrubben, wäre mir nicht gekommen. Die Anweisungen darüber, wie lange ein Reinigungsgang zu dauern hatte, waren sowieso unmissverständlich. Mein direkter Vorgesetzter war Ralf, ein ungelernter Hilfsarbeiter mit Vokuhila, viel Begeisterung für Autos und einer Vorliebe für rote Pullover. Wenn keine Ferienjobber da waren, gehörten die Deckenplatten in seinen Aufgabenbereich und er wäre blöd gewesen, sich von mir die Norm kaputt machen zu lassen. Statt meine Kreativität in die Arbeit zu stecken, habe ich Strategien entwickelt, ihr zu fliehen. Z.B. gab es in der Stunde vor der Mittagspause und auch am Nachmittag Zeiten, bei denen sich kein Mensch in der Bushalle blicken ließ – Zeit für ein Schläfchen auf der Rückbank. Einmal hat Ralf mich erwischt. Ich wachte auf, weil jemand laut mit mir redete: „Wenn das hier einer mitkriegt, gibt’s den größten Ärger!“ „Au weia“, dachte ich. Es hatte ja schon jemand mitgekriegt. Aber der angedrohte Ärger blieb aus.

Beim Essen habe ich gelernt, wie Klassengesellschaft funktioniert. Die Kantine war ein rechteckiger Raum mit 20 langen Tischen in Reih und Glied wie die Busse auf dem Parkplatz oder die Arbeiter_innen in ihren Schließfächern. Rechts saßen die gelernten und ungelernten Arbeiter. Sie trugen blaue Overalls, darunter Synthetik-Pullover in schreienden Farben. Sie kamen mit dem Golf oder mit dem Manta, die Lehrlinge mit dem Bus. Sie aßen Erbsensuppe oder Schnitzel mit Kartoffelsalat. Links saßen die PlanerInnen: Verwaltungsangestellte und Ingenieure. Sie trugen Jeans und Hemden, manche auch sportliche Jacketts, die Frauen Blusen und Strickjacken. Die Männer kamen mit Audis zur Arbeit, die Frauen wurden gebracht. Sie aßen Cordon Bleu oder Salat mit Putenstreifen. Dazwischen saßen die Busfahrer. Die trugen eine Art Uniform aus unglaublich hässlichen hellblauen Hemden, dunkelblauen Strickjacken und grauen Stoffhosen. Was die gegessen haben, weiß ich nicht. Der Direktor – ein dicker, durch langjährige SPD-Mitgliedschaft qualifizierter Mann – fuhr einen schwarzen Mercedes und aß nicht in der Kantine. Die Sitzordnung war nirgends festgelegt, aber es wäre undenkbar gewesen, sich mit rußverschmiertem Blaumann zu den Blusen und Hemden zu setzen. Und so aß ich bei denBlaumännern und hörte mir ihre Gespräche über Fußball, Frauen, Autos, Urlaub und Bier an. Mein erster sozialer Aufstieg bestand darin, dass ich in den Sommerferien durch Vermittlung meiner Eltern in der EDV-Abteilung arbeiten durfte. Ich machte mich zwar nicht mehr schmutzig, dafür war die Arbeit unglaublich langweilig. Im Grunde bestand die Tätigkeit in Suchen und Ersetzen, wie es heute jede Textverarbeitung kann. Der Texteditor der altehrwürdigen Großrechenanlage (schwarze Schrift auf bernsteinfarbenem Grund) hieß »ed« und konnte das nicht. Nach zwei Tagen war ich ob der Sinnlosigkeit meiner Arbeit so frustriert, dass ich in den Kaffeepausen nicht mehr in die Kantine ging, sondern jede freie Minute damit zubrachte, die Maschine zu verstehen. Nach ein paar Tagen hatte ich ein kleines Programm geschrieben, das meine Aufgabe automatisch innerhalb von wenigen Minuten erledigte. Von »neuen Steuerungsmodellen« hatte ich natürlich noch nichts gehört und es war auch weniger, dass man mich gezielt bei der Kreativität gepackt hätte, als dass die Zeit im Büro einfach so geisttötend langweilig gewesen war, dass mir die Steigerung meiner eigenen Produktivität als einziger Ausweg schien, um nicht verrückt zu werden. Niemand war sauer, dass ich die Norm überboten hatte. Der Chef der EDV gab mir ein neues Ziel: ich sollte eine einfache Abrechnungs-Software schreiben, eine Aufgabe, die eigentlich ein externer Dienstleister hätte übernehmen sollen. Dass ich als Ungelernter benutzt wurde, um den Preis des Freelancers zu drücken, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Dabei hatte ich im Vorjahr doch mitbekommen, wie Ralf seine Norm verteidigt hatte. Aber dass das Schläfchen auf der Rückbank mein erster Arbeitskampf gewesen war, hatte ich nicht verstanden.

Ebenso war mir immer noch unklar, wieso ich ohne Probleme wieder eingestellt worden war. Hatte Ralf niemanden von meinem Schläfchen erzählt? Ich habe nicht verstanden, wieso. Bis zu der Sache mit dem roten Pullover.

Weil die Stereoanlage immer noch nicht voll bezahlt war, arbeitete ich in den Herbstferien im Bäderbetrieb, wo ich wieder Ralf unterstellt war. Zu meinem Erstaunen sagte er kein Wort über meine Verfehlung, als wir an meinem ersten Arbeitstag das Betriebsgelände verließen, um im Schwimmbad Müll aufzusammeln. Sichtlich gut gelaunt wies er mich in einen der blauen Kastenwagen und nahm selbst auf dem Fahrersitz Platz. Dann brachte er das altertümliche Gefährt schwungvoll in Gang, und zirkelte es mit quietschenden Reifen knapp durch den Schlagbaum am Werkstor. Was er nicht bemerkt hatte, war der dicke schwarze Mercedes, der gleichzeitig von draußen hinein fuhr. Natürlich kannte der Direktor nicht alle 60 Arbeiter persönlich. Aber er hatte sich gemerkt, dass im Fahrerhäuschen des blauen LKW, der ihn geschnitten hatte, ein roter Pullover gesessen hatte. Morgens um 9 fand der Vorfall statt, um 10 erhielt der Polier die Anweisung, den Verkehrsrowdy ausfindig zu machen, um 11 wussten die Kollegen, dass ein Kollege mit rotem Pullover gesucht wurde. Und um 12, kurz vor der Mittagspause, wechselte Ralf diskret seinen Pullover, weil ihn ein Kollege, kaum dass er vom Außendienst zurückgekommen war, darauf hingewiesen hatte, dass er gesucht wurde. So kam es, dass der Direktor beim Stolzieren durch die Kantine zwar trotzige Gesichter sah, aber keinen roten Pullover.

 

Die Arbeit nieder!

Der Infoladen Sabotnik lädt zur Vorbereitung für einen Aktionstag zur Unterstützung eines europäischen Generalstreik im Herbst oder Winter

Mit der tiefgreifenden Weltwirtschaftskrise, die Ende 2007 ihren Anfang nahm, kamen auch die Krisenproteste. In Griechenland, Spanien und vielen anderen Ländern gehen seitdem immer wieder Tausende auf die Straße, um gegen Verarmungspolitik und die negativen Auswirkung des Kapitalismus zu demonstrieren. In der BRD bleiben Proteste eher verhalten. In Thüringen sind sie quasi nicht vorhanden. Während mit Blockupy der Versuch unternommen wurde, an einem zentralen Ort den kapitalistischen Normalvollzug wenigstens einen Tag lang zu stören, gibt es nun vom m31-Netzwerk den Aufruf, im Rahmen eines europäischen Generalstreiks dezentrale und basisnahe Aktionen zu starten.

Das m31-Netzwerk trat zum ersten Mal mit einem europaweiten antikapitalistischen Aktionstag am 31. Mai 2012 in Erscheinung. Damals fanden in über 30 europäischen Städten Aktionen statt. In Frankfurt demonstrierten über 6000 Leute. Dass es bei einmaligen Aktionen nicht bleiben sollte, war von Anfang an klar. Deswegen veröffentlichte das Netzwerk im Frühjahr 2013 das Diskussionspapier „Europäische Generalstreiks sind auch unsere Sache“. Darin legt das Netzwerk das desaströse Ausmaß der Krise in Spanien, Griechenland und Portugal dar und argumentiert gegen die Ansicht, an Deutschland sei die Krise vorbei gezogen, dass hierzulande bereits vorab für die Krise gezahlt wurden war: Durch die Etablierung eines Niedriglohnsektors und die Einführung von Hartz IV wurden die Krisenkosten nach unten abgwälzt.

Um auch in Deutschland soziale Kämpfe anzustoßen und Solidarität mit den Kämpfenden in Europa zu demonstrieren, ruft das m31-Netzwerk dazu auf, sich an einem in Spanien angestoßenen europäischen Generalstreik im Herbst 2013 oder Frühjahr 2014 zu beteiligen.

Bis dahin ist noch einiges zu tun: Die Zeit bis zum Streik soll genutzt werden, um konkrete Aktionen vorzubereiten, die den Bogen von lokalen Kämpfen über die europäische Ebene bis zur kapitalistischen Krisendynamik überhaupt spannen sollen. Der konkrete Bezugspunkt ist dabei noch zu bestimmen – in lokalen Netzwerken, die gemeinsam entscheiden, welche Form der Krisenprotest annehmen soll.

Auch in Thüringen soll an diesem Tag demonstriert, blockiert oder gestreikt werden – je nach dem, wofür sich die lokalen Akteure entscheiden: das erste Vorbereitungstreffen findet am 22. Juli um 20 Uhr im veto (Papier- mühlenweg 33, Erfurt) statt. Es ist offen für alle, die sich von der Perspektive einer europaweiten Solidarität gegen die Zumutungen des Kapitalismus und der Krise angesprochen fühlen. Das angesprochene Diskussionspapier gibt es online unter strikem31.blogsport.eu.

Konformität in der klassenlosen Klassengesellschaft

Ox Y. Moron über den Kampf zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Bosch in Arnstadt

Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist aufgelöst, weil Unternehmer und Arbeiter heute Seite an Seite um das Unternehmen, die Branche oder den Standort kämpfen, wenn dieser in Gefahr gerät – an dieser Einsicht, die Wolfgang Pohrt in seinem neuesten Buch äußert, ist etwas dran. Zwar basiert die Organisation der Hierarchie im Kapitalismus nach wie vor auf der Aneignung fremder Arbeit durch das Kapital – an der objektiv bestehenden Klassenherrschaft hat sich also nichts geändert -, geändert hat sich aber das Bewusstsein bzw. das Wissen vor allem der ausgebeuteten Klasse über diesen Sachverhalt. Wenn ganz aktuell, beispielsweise in Arnstadt, mehrere hundert Arbeitsplätze bei Bosch-Solar zur Debatte stehen, kämpfen die Betroffenen nicht gegen die Klassenherrschaft, unter der sie jahrelang ausgebeutet wurden und dafür nun in der Prekarität landen könnten, sondern sie kämpfen für Fortbestand ihres Ausbeutungsverhältnisses.

Arnstadt erwache

Als wäre das alles nicht schon Tragödie genug, steht die Kampagne der IG Metall auch noch unter der abgewandelten Naziparole „Arnstadt muss leben“. Was hoffentlich unbeabsichtigt war, entbehrt keiner heimlichen Logik. Schließlich waren die Nationalsozialisten die fanatischsten Befürworter eines Arbeitsfetischs, der sauber differenzieren wollte zwischen der guten produktiven deutschen Wertarbeit der einfachen Werktätigen, wie sie auch bei Bosch hochge- halten wird und des spekulativ-gierigen Geschäftemachens des sogenannten raffenden Kapitals, das man heute mit Bänkern, Managern und Aufsichtsräten, früher bzw. in letzter Konsequenz mit den Juden identifizierte.

Und die beispielsweise von Wirtschaftsminister Machnig (SPD) auf der Kundgebung vor dem Werk am 4. April in Arnstadt vorgebrachte Hetze gegen „chinesisches Dumping“, das der guten deutschen Wertarbeit das Wasser abgrabe, geht genau in diese Richtung. Nicht, dass Menschen ausgebeutet werden für einen irrationalen Selbstzweck ist das Problem, sondern dass es andere rentabler tun als die Deutschen.

Vergessene Wahrheiten

Ausbeutung gab es historisch in allen Gesellschaften. Das Besondere der Ausbeutung in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist das Auftreten des Arbeiters als ein über seine Arbeitskraft als Ware verfügendes Subjekt, dessen Ausbeutung juristisch durch die Form eines Vertrages vermittelt wird. Der Arbeiter, formal frei, ist real aber in aller Regel dazu gezwungen, seine Arbeits- kraft beispielsweise an Bosch zu verkaufen, um sein Leben mit all den Bedürfnissen, die man so entwickelt, regeln zu können. Gerne wird dieses Ausbeutungsverhältnis durch allerlei ideologische Kniffe verschleiert, indem man Arbeit als Selbstverwirklichung oder als gemeinsame Anstrengung für einen höheren Zweck überhöht (vor allem Bosch-Solar gibt sich ja gern einen nachhaltig-grünen Anstrich) und sowieso als eine Naturnotwendigkeit fetischisiert. Aber Lohnarbeit ist weder naturnotwendig, noch verwirklicht sie irgendein Selbst und einem höheren Zweck dient sie erst recht nicht. Im Kapitalismus wird nämlich nicht für die menschlichen Bedürfnisse produziert – noch so eine ideologische Falle – sondern um aus Wert mehr Wert zu machen, aus Geld mehr Geld. Der Lohnarbeit kommt hierbei eine ganz bedeutende Rolle zu. Sie ist das Movens aller Wertschöpfung. Der besondere Charakter dieser Ware Arbeitskraft besteht nun darin, dass vereinfacht gesprochen – der Kapitalist die Ware Arbeitskraft für ihren Tauschwert erwirbt, der sich in diesem Fall aus den Reproduktionskosten jener Ware ergibt und sich ihren Gebrauchswert zu nutze macht. Jener Gebrauch – und darin besteht der Unterschied zu anderen Waren und Produktionsmitteln – erschöpft sich in der Regel nicht darin, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft zu erwirtschaften, sondern darüber hinaus einen Mehrwert, den der Kapitalist privat aneignet und in der Regel zu einem großen Teil wieder reinvestiert in neue Arbeitskraft und andere Produktionsmittel (Boden, Maschinen, Rohstoffe, etc.). Dieser Tausch der Ware Arbeitskraft gegen ihren Tauschwert nennt Marx einen gerechten Tausch, weil der Kapitalist nichts gegen die Gesetze des Marktes widriges getan hat. Er hat lediglich, wie jeder Warenkäufer eine Ware für ihren Tauschwert erworben und sich ihren Gebrauchswert zu nutze gemacht.1 Diese Nutzbarmachung der Ware Arbeitskraft bzw. die private Aneignung ihres Mehrwertes bezeichnet die analytische Kategorie der Ausbeutung. Das heißt: Jede Lohnarbeit ist Ausbeutung. Ausbeutung ist somit keine moralische Kategorie, die die Überausnutzung der Arbeitskraft bezeichnet, sondern Ausbeutung meint die Aneignung fremder Arbeit überhaupt.

Die Arbeiter bei Bosch-Solar, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen, kämpfen also in Wahrheit für die Fortführung ihres Ausbeutungsverhältnisses. Sie tun dies nicht mal – zumindest deutet nichts darauf hin – in dem Bewusstsein augenblicklich keine andere Wahl zu haben, um mit dem Arbeitslohn nicht auch ihren Lebensstandard zu riskieren, sondern sie tun dies, weil ihnen die Arbeitsideologie2 wie eine zweite Haut geworden ist, weil ihnen ihre Ausbeutung, genauso wie die gesellschaftliche Entfremdung und Verdinglichung, die damit einhergeht, nicht mehr bewusst als ein Leiden erscheint, sondern als Schicksal, als Naturnotwendigkeit oder als Berufung. In solcher Weise könnte der Widerspruch der Klassengesellschaft zwischen Kapital und Arbeit tatsächlich als aufgelöst betrachtet werden, aufgelöst in totaler Identität der Interessen. Nur noch im objektiven Tatbestand der Ausbeutung und im Leiden jener, denen die Ausbeutung auf verschiedenste Weiseaufstößt, erhält er sich am Leben.

Die klassenlose Klassengesellschaft

Wir leben also heute in einer Gesellschaft, in der der Klassenkonflikt weitgehend niedergelegt wurde, aber das Klassenverhältnis unangetastet fortbesteht; eine Gesellschaft, in der weiter ausgebeutet wird und die Betroffenen ihrer Ausbeutung mit Dankbarkeit nachgehen wollen, weil sie sie gar nicht mehr als solche empfinden – sichtbar beispielsweise bei Bosch in Arnstadt. Adorno hat diese Entwicklung in seinen Reflexionen zur Klassentheorie schon vor über 70 Jahren festgehalten und den Zustand einer solchen befriedeten Klassengesellschaft mit dem Begriff der klassenlosen Klassengesellschaft zugespitzt.

In einer solchen Gesellschaft stehen sich die äußerste Macht der Herrschenden und die äußerste Ohnmacht der Beherrschten unvermittelt gegenüber, was den Klassenunterschied, so Adorno, in Vergessenheit geraten lässt. Der Gedanke daran, dass es jemals anders sein könnte, wird in der Okkupation des Denkens durch die Allgegenwart von Organisation und Technik der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn gesellschaftliche Beziehungen durch eine immer lückenlosere Verwaltung des Lebens nach den Gesetzmäßigkeiten der herrschenden Ordnung modelliert werden. Heute sind solche Gedanken eh die Seltenheit, heute versuchen sich die Massen verzweifelt mit den Kapitalisten, wie im Fall Bosch gemein zu machen, die Identität der Interessen herbei zu betteln, damit die Ausbeutung, von der man ja irgendwie lebt und nicht weiß wie sonst, weitergeht. In solchen Verhältnissen, analysiert Adorno ganz richtig, ist „die Allgegenwart der Repression und ihre Unsichtbarkeit […] dasselbe.“ Die Solidarität unter den Ausgebeuteten nimmt ab mit der Tatsache, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht mehr als Klasse erfahren kann, das Klassenverhältnis nicht mehr durchschaut. Konformität scheint den Arbeitern heute zweckdienlicher, rationaler als der solidarische Kampf um ein anderes Ganzes. In jene Klasse, die man einmal Arbeiterklasse nannte und damit alle durch Lohnarbeit Ausgebeuteten meinte, ist heute gewissermaßen die Herrschaft eingewandert, sie sind zu Produkten einer entmenschlichenden Gesellschaft geworden. Einsicht in diesen Zusammenhang finden nur noch einige wenige, die mit dem Bildungsprivileg (z.B. Studium) etwas anzufangen wussten oder um nochmal Adorno zu zitieren: „Kritik am Privileg wird zum Privileg: so dialektisch ist der Weltlauf.“

No way out?!

In der Analyse der klassenlosen Klassengesellschaft steckt der Tendenz nach eine Dystopie, die möglicherweise schon sehr real geworden ist: Die Dystopie einer Gesellschaft, in der die Menschen die Herrschaft der gesellschaftlichen Verhältnisse derart verinnerlicht haben, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse gänzlich der Totalität jener Verhältnisse entsprechen, in der es des Faschismus als Krisenoption des Kapitalismus nicht mehr bedarf, weil die Menschen sich ohne ein direktes Gewaltverhältnis alles gefallen lassen wollen, was nötig ist, um unterm Kapitalverhältnis weiterzuleben. In einer solchen Gesellschaft wird selbst Ideologie zunehmend überflüssig, weil die desillusionierten Menschen ihrer nicht bedürfen, um sich wehrlos in ihr vermeintliches Schicksal zu fügen und sich jedes noch erfahrene Leiden als naturnotwendig zu rationalisieren. Auf die Menschen bei Bosch trifft das nur bedingt zu. Sie glauben noch an die Segnungen des Kapitalismus, wollen nicht einsehen, dass die Schließung ihres Werks im ökonomischen Kalkül des Unternehmens liegt. Schließlich leisten sie wertvolle Arbeit im Interesse der Energiewende und haben dem Konzern über Jahre satte, freilich staatlich subventionierte, Gewinne eingebracht. An ihnen kann es also nicht liegen und von strukturellen Problemen im entwickelten Kapitalismus will man lieber nichts wissen.

Damit kommt eine andere sich tendenziell anbahnende Möglichkeit der Verarbeitung von ökonomischen Krisen in Frage. Sie ist bereits angedeutet worden: die Projektion der Schuld für die Krisenfolgen auf vermeintliche Verantwortliche, wie sie im strukturellen Antisemitismus zu Tage tritt. Hier soll nun, wie beim Fall Bosch, die Unternehmensführung verantwortlich sein für ein Verhältnis, das Kapitalist und Prolet gleichermaßen am Laufen halten. Bosch ist dabei alles andere als ein Einzelfall. Im krisengeschüttelten Griechenland beispielsweise, wohin die radikalen Linken aus Erfurt ihre Hoffnungen auf Rettung verlagert haben, steigen vor allem die Wahlergebnisse der Populisten und die Selbstmordraten. Im kriseninduzierten Selbstmord schlägt das Subjekt im Stande seiner gesellschaftlich-produzierten Überflüssigkeit nicht nach außen, wie im Rassismus oder Antisemitismus, sondern zieht die falsche Konsequenz gegen sich selbst. „Bleibt kein Ausweg, so wird dem Vernichtungsdrang vollends gleichgültig, worin er nie ganz fest unterschied: ob er gegen andere sich richtet oder gegens eigene Subjekt“, schrieb Adorno bereits 1945.

Was auch immer die zukünftige Entwicklung bringt, die Perspektive, die ich hier aufzeige, ist eine düstere. Kriterium von Wahrheit ist eben auch nicht ihre Gefälligkeit. Einen Plan, der uns rettet, habe ich nicht parat. Worin ich mir aber ziemlich sicher bin, ist, dass Menschen, die die Gesellschaft bewusst und planvoll verändern wollen, sie zunächst verstehen müssen. Zu solchem Verständnis, zur kompromisslosen Aufklärung über die gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen, wäre die Aufgabe der radikalen Linken. In diesem Sinne impliziert radikale Kritik, die die Herrschaft der Verhältnisse bloßstellt, deren Aufhebung und unsere Rettung, indem sie das vielfach verdrängte Leiden an dieser Gesellschaft zunächst wieder beredt werden lässt, es zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung macht und in Konsequenz aufheben will.

Zarte Ansätze einer solchen Intervention bei Bosch in Arnstadt gab es bisher lediglich durch ein Flugblatt der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau. Die sozialdemokratische Linke von der SPD, über die Einheitsgewerkschaft DGB bis zur Linkspartei war damit beschäftigt die potentiellen Mitglieder und Wähler durch Zujubeln in ihrem Kampf für die Fortführung des Ausbeutungsverhältnisses zu unterstützen und erwies sich damit als Teil jener Einheitsfront, die dem Kapitalverhältnis seine Unbesiegbarkeit mit jeder ihrer Regungen beteuert.

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1     Nicht vergessen werden darf dabei freilich, dass in diesem gerechten Tausch ein objektives Unrecht liegt, das schon darin besteht, dass die Möglichkeit wer nun Arbeitskraft-Käufer, also Kapitalist wird und wer Arbeitskraft-Verkäufer, also Arbeiter wird, notwendig ungleich verteilt sind und eine Gesellschaft, die den Gesetzes des Marktes konform wäre niemals denkbar ist, in der alle Kapitalisten sind und fremde Arbeit aneignen. Irgendwer muss schließlich auch arbeiten.
2     Zur Arbeitsideologie siehe den im Flyer der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau dokumentierten Text von Stephan Grigat: http://agst.afaction.info/archiv/576/flyer.pdf