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Über die Zeitlichkeit begrenzter Sicht – Liv Strömquists Vulva-Comic „Der Ursprung der Welt”

Jede_r sollte diesen Comic lesen, meint Dora Grün. Sie empfiehlt die von Liv Strömquist gezeichnete Kulturgeschichte der Vulva, die den entfremdeten Blick auf den eigenen Körper in Frage stellt. Das Buch ist ein Angriff auf die begrenzte Sicht.

Eine Comicrezension braucht Bilder. Die verblüffende Vulva-Kulturgeschichte der schwedische Zeichnerin Liv Strömquist erzählt Geschichte(n) wie diese:
Strömquist zeigt Bilder der Vulva, die es zu anderen Zeiten und an anderen Orten einmal gab. Ihr Comic zeigt Bilder, die die Vulva als eines von vielen Körperteilen und als ein geschätztes Körperteil zeigen. Was ja auch die an jeder Wand prangenden Penisbilder tun.
Strömquist gibt Wissenschaftler, die versucht haben, die Herrschaft über andere Körper zu übernehmen der Lächerlichkeit preis. Und sie verblüfft ihre Leser_innen. Sie spielt mit dem, was wir sehen können – und doch nicht sehen, weil sich immer wieder etwas „Vor-Gesehenes“, ein gesellschaftlich geprägter Blick wie ein Bildschirm vor die Wahrnehmung des eigenen Körpers schiebt. Natürlich sehe ich meinen Körper mit eigenen Augen, aber das vor-gesehene Wissen aus Bio-Büchern, Zeitschriften und Internetquellen kann ich kaum abstreifen.
Die feministische Filmwissenschaftlerin Kaja Silverman unterscheidet mit dem Begriff des Vor-Gesehenen, was wir physisch wahrnehmen (look) und was der gesellschaftlich geprägte Blick (gaze) uns nahelegt, zu sehen. Sie spricht von einem Blick-Regime, einer Führung und Herrschaft durch Bilder.

Liv Strömquists Comic zeigt, wie sich Bilder von Scham und Schmutz vor andere Bilder der Vulva geschoben haben. Sie dokumentiert nicht, sie übernimmt die Regie. Sie zeigt, wie die Welt aussehen würde, wenn sie nicht bestimmt hätten und andere gewonnen hätten. Über die veränderte Rückschau arbeitet sie vorausschauend (präfigurativ). Sie gibt besserwisserische Mediziner und Denker der Lächerlichkeit preis und sie schenkt Frauen* und den feministischen Bewegungen, die noch kommen, Zeit, Raum und andere Bilder.

Die Zeichnerin Liv Strömquist, die auch Radiomoderatorin und Aktivistin ist, sagt von sich selbst, sie habe den Comic gezeichnet, um ihre eigene Ahnungslosigkeit zu überwinden. Sie wollte die soziale Unsichtbarkeit, Banalisierung und Dämonisierung „weiblicher Geschlechtsorgane”, die Mythen über die Menstruation und die Story rund um prämenstruelle Hormonschwankungen (PMS) verstehen. Herausgekommen ist ein rasantes, witziges und überraschendes Buch. Immer wenn man denkt, „so sieht es aus”, wartet Strömquist mit noch einer Story auf, die zeigt, wie Männer* sich den Frauen*körper aneigneten, wie der weibliche Orgasmus verzichtbar wurde und wie prämenstruelle hormonelle Schwankungen zwar dazu taugten, Frauen Vernunft und Intellekt abzusprechen, aber nicht dazu, dass man sagte, „dass Frauen zu viel mit ihren Kindern schimpfen, weshalb es besser sei, dass Männer mit den Kindern zuhause blieben und Frauen arbeiten gingen.“

Liv Strömquist, die sich auf auf Punk, Kathleen Hanna und DIY bezieht, erzählt in einem Interview von einem Abend, an dem ein älterer Comic-Zeichner ihr sagte, er möge keine Zeichnerinnen, weil in ihren Arbeiten „nur die Menstruation” vorkomme. 10 Jahre später habe sie dann die Graphic Novel über das Thema gemacht, „weil es niemand getan hat.”
Strömquist findet bei ihrer Arbeit am Comic heraus, dass erst 1998 „nach Jahrtausenden von Jahren wirklich grottenschlechter Forschung“ die australische Medizinerin Helen O’ Connell die Größe der Vulva realistisch abbildete. Und dass obwohl „die Sex-Industrie das bereits seit einiger Zeit weiß. Man muss sich nur das Sexspielzeug auf dem Markt ansehen, um festzustellen, dass es nicht designt ist, um einen kleinen Punkt am oberen Teil der Vagina zu berühren. Es ist dazu gemacht, um einen größeren Bereich zu stimulieren”, so Fiona Patten, die Sprecherin des australischen Sex-Industrie-Dachverbandes Eros Association.

Strömquists Buch zeigt, dass es an anderen Orten und zu anderen Zeiten ein breiteres Bild der Vulva gegeben hat. Sie führt die Irrtümer der Geschichte vor, montiert Text-Bildirritationen, illustre Ahnengalerien mächtiger alter Männer und ihnen entgegentretende trotzige Frauen*.
Der Comic verblüfft, denn er überführt unsere viel zu kleinen Erwartungen. Er spielt mit der „Zeitlichkeit der Unterdrückung“ und transportiert nicht nur alt-neue Geschichten, sondern vergrößert die eingeschränkte Sicht. Er macht so aus Unterdrückung etwas mehr Geschichte. Das Buch ist witzig, es macht klug und es zeigt ein Feuerwerk von Taktiken der Befreiung. Lasst es euch nicht entgehen.

Strömquist, Liv (2014): Der Ursprung der Welt. Avant-Verlag, Berlin, 19,95 Euro.

Integrationsverweigerung im Hörsaal

Die Gesellschaft für analytische Philosophie fragt: „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“ Karl Meyerbeer hat den gleichnamigen Sammelband gelesen und ist mit den Antworten nicht zufrieden: Kein einziger Beitrag beantwortet die Frage, wie viele Flüchtlinge die Gesellschaft für analytische Philosophie aufnehmen soll.

Dass Barrieren von Klasse, Sprache und Recht dazu führen, dass die Hörsäle, Institute und Redaktionen der Akademie in Deutschland so weiß, deutsch, männlich und bürgerlich besetzt sind, wie kaum irgendwo anders auf der Welt, wird schlichtweg ignoriert. Statt dessen geht es – auch wenn das Vorwort mehr Möglichkeiten aufzählt – über 150 Seiten in neun Beiträgen vor allem um ein nationales Kollektiv und dessen Probleme: „unser europäisches Selbstverständnis“, „unser Sozialstaat“, letztlich: „unser Land“.

Aber in welchem Land leben die AutorInnen? Matthias Hösch lebt in einer Gesellschaft, in der öffentliche Diskurse und Mehrheitsentscheidungen die Berücksichtigung der Interessen Aller sicherstellen. Marie-Luisa Frick – die einzige Autorin – lebt in Innsbruck unter der unbarmherzigen Knute eines „repressiven Humanismus“, in dessen Namen alle, die nicht bei der „Willkommenskultur“ mitmachen, als Rassist beschimpft werden. Vermutlich ist die FPÖ das letzte Bollwerk gegen diese Diktatur der Gutmenschen. Wo Norbert Paulo lebt, ist die Aufnahme von Flüchtlingen bislang weitgehend gut und menschlich verlaufen. Dass in Laufweite zum Bundestag Flüchtlinge im vergangenen Winter im Freien ausharren mussten, weil das Berliner Landesamt für Soziales und Gesundheit nicht in der Lage war, mehr als vier Sachbearbeiter_innen für die Registrierung zu bestellen, trübt diesen Eindruck nicht. Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, wenn die Philosoph_innen einige Tage im Lager verbracht hätten, wo man jeden Tag Toastbrot mit Käseeckchen bekommt und nachts Angst haben muss, dass der Deutsche Mob die Bude anzündet. Es hätte auch gereicht, diese Zustände zur Kenntnis zu nehmen. Aber Bezüge auf die kritische Migrationsforschung oder anderen Quellen einer Empirie von Flucht und Migration kommen in keinem Beitrag vor. Auch globale Ungerechtigkeit und der Zustand, dass immer mehr Menschen auch im globalen Norden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden, wird nur in wenigen Beiträgen ausreichend gewürdigt. Die Philosoph_innen leben in einem liberalen Wohlfühlland, in dem der bürgerliche Staat dem Kampf aller gegen Alle ein wirksames Regulativ entgegengesetzt hat und alle gemeinsam aushandeln, wie die Gesellschaft aussieht. Dieser Status Quo soll mit Hilfe der Philosophie verteidigt werden.

Was man in der Parallelgesellschaft der analytischen Philosophie nur ganz am Rande mitbekommen hat, ist, dass das „Wir“ der meisten Menschen in Deutschland schon lange eines ist, zu dem Fluchterfahrung dazu gehört. Menschen wie diejenigen, deren Eltern in den 1980er-Jahren vor der Militärdiktatur in der Türkei geflohen sind, gehören in vielen Segmenten der Gesellschaft längst zum „Wir“ dazu – auch wenn sie durch das restriktive Staatsangehörigkeitsrecht oft nicht die Möglichkeit haben, ihre Interessen zu vertreten. In Großstädten hat mittlerweile jedes zweite Kind Eltern oder Großeltern, die nicht in Deutschland geboren sind. Diese banale Tatsache wird nur von einem Beitrag im Sammelband gewürdigt.

Dass ansonsten nicht unbedingt schlechte, aber eben nur scheinbar grundsätzliche Argumente fast ausschließlich in Bezug auf einen national beschränkten Rahmen vorgebracht werden, zeigt, dass die analytische Philosophie vor weiteren gesellschaftspolitischen Publikationen vor allem eins braucht: einen Integrationskurs in eine Gesellschaft, in der echte Kartoffeln zum Glück bald in der Minderheit sein werden.

Rezension: Herzl Reloaded

Jeder & Jede, der oder die sich mit Israel in irgendeiner Form beschäftigt, hat wahrscheinlich seinen Namen schon einmal gehört bzw. gelesen: Theodor Herzl. Das wohl berühmteste politische Manifest zur Gründung Israels, Der Judenstaat, erschien 1896 als Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, wie es im Untertitel auch heißt. Es dauerte indes gut 50 weitere Jahre bis Israel gegründet wurde. Herzl war allerdings nicht genuin Politiker, sondern Literat und so verwundert es nicht, dass sein Roman Altneuland die Vision des Judenstaates versuchte, konkret auszumalen. 2016 ließen Natan Sznaider und Doron Rabinovici nun ihre Reflexion über Herzls vermeintlich verwirklichten Traum beim Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag herausgeben. Max Unkraut, aktives Mitglied der Sozialistischen Jugend – Die Falken, rezensiert in Folgendem den Titel Herzl reloaded.

Auf die angesprochene Vermeintlichkeit des Herzl’schen Traumes verweist schon der Untertitel des Werkes: Kein Märchen. Einerseits, so könnte man deuten, sei der Traum von Jüdinnen und Juden nach nationaler Selbstbestimmung als Schutz vor dem Antisemitismus real geworden – Israel existiert heute. Andererseits wird während des Lesens recht schnell klar, dass Israel für die Autoren nicht das happy end der Leiden der Jüdinnen und Juden ist, so wie Herzl es in Altneuland sich vorstellte. So wie zwischen Idee und Realität, utopischem Roman und politischer Kampfschrift changieren auch Sznaider und Rabinovici im Laufe ihres Gespräches. Während der fiktive Emailverkehr reelle Begebenheiten vermittelt und eigentlich zwischen drei Personen –zusätzlich Herzl – stattfindet, reduziert sich der Dialog auf die Kontrapositionen von Sznaider und Rabinovici. Darin nimmt Ersterer die eher pessimistisch-realistische Position des desillusionierten Tel Avivier Soziologen ein, der er sicher wirklich auch ist. Ebenso real wird auch die Stellung Rabinovicis sein, die ein wenig naiv-idealistisch daherkommt und als klar linke zu bezeichnen ist, was sich auch biographisch an seiner (ehemaligen?) Mitgliedschaft bei Hashomer Hatzair – den israelischen Falken sozusagen – ableiten lässt.
An diesen beiden konträren Sichtweisen arbeitet sich die Reflexion des gegenwärtigen Israels ab und, was hier wichtig zu erwähnen ist: aus jüdischer Sicht. Darum ist gewiss die Diskussion, die der Text bereitstellt, eine Suche nach jüdischer Identität. Es wird freilich auch der arabische Fokus vorgestellt, so, wie es für (proto-)linke jüdische Israelis zum guten Ton gehört: bald ist der arabische Mitbürger oder (wenn man ihn mit gutem Willen und schlechtem Gewissen so zu nennen vermag) Palästinenser unterdrücktes Opfer der rassistischen rechten Regierung, bald ist er schlicht antisemitischer Terrorist. Auf Grundlage dessen wird eine Ein-, Zwei- und sogar Keinstaatenlösung diskutiert, wobei Letztere aber im Geiste ewiger Staatlichkeit und damit nur als Gedankenkonstruktion typisch bürgerlichen Kosmopolitismus verhaftet bleibt, d.i. vom Staate unabhängige Individualität wird hier konstituiert durch einen Vielvölkerstaat, oder zeitgemäßer: eine multikulturelle Gesellschaft, indem sich die durch spezifische Religionen, Ethnien, usf. sozialisierten Einzelnen an ihren Widerständen reiben und so ein authentisches Ich herausbilden. Simmel, der recht früh als Szaiders Lieblingssoziologe erinnert wird, ist hier deutlich herauszulesen.
Ein prinzipielles und sehr konkretes Problem dieser für kapitalistische Gesellschaften noch am erstrebenswertesten Ideologie ist, dass Sznaiders Idee, angeblich übereinstimmend mit Herzls Traum, Israel theoretisch abschafft. Denn hierin gleicht das Bollwerk der Jüdinnen & Juden mehr einer romantischen Idee US-amerikanischer Provenienz, bei der die Besonderheit der antifaschistischen Identität zwischen jüdischem Staate und seiner Gesellschaft eliminiert wird. Sznaider ist zwar nicht so wahnsinnig zu behaupten, diese gründende Funktion Israels sei obsolet. Allerdings ist die Tendenz dorthin frappierend dann, wenn der antisemitische Vernichtungswille der Palästinenser, des Iran usf. schlicht zu religiösen Konflikten bagatellisiert und gar Auschwitz als Legitimationsgrundlage geschickt negiert wird.
Es mag verwundern, dass die Rezension bisher eher Szaiders Argumentation nachging als Rabinovicis. Nicht nur an dem (zumindest gefühlt) höheren Textanteil des Ersteren ist dieser Umstand gebunden, sondern auch daran, dass Rabinovici gegen die kühle Metasicht Sznaiders nicht ankommt. Der gnadenlose Humanismus des Literaten, der noch stärker dem Geiste Herzls und seinem Heimatort Wien mit den Bohème-Kaffehäusern nachhängt und es sich darum so viel eher ausnehmen kann, phantasievoll über Möglichkeiten der israelischen Gesellschaft zu philosophieren als die politischen Überlegungen Sznaiders, scheitert eben an dieser unhaltbaren Wirklichkeit. Obschon Rabinovici seine Gedanken sicher nicht ganz an dieser Realität vorbei bestimmt, sind ihm doch die Lösungsansätze recht einfach zu bestimmen: Menschenrechte für alle zur Geltung bringen, den Arabern einen Staat geben und alles sei geregelt. Gegen diese sachwidrige Reduktion des ganzen Tohuwabohus der besonderen sozialen Verhältnisse legt Sznaider sein Veto ein, was jedoch merkwürdig ist. Schien es doch zuerst so, als sei die Besonderheit des Staates Israel von diesem abgesprochen, so wird sie endlich durch den Verweis auf die Kompliziertheit dieser Gesellschaft wieder hereingeholt.
Das Durcheinander oder Hin und Her des Judenstaates zeichnet sich also im Laufe des Buches selbst ab und könnte eine eigentümliche Dialektik andeuten. Nicht nur ist das Zwiegespräch typisch griechisch im Sinne seiner etymologischen Herkunft: διάλέγειν, sondern auch bemerkenswerte miteinander verwobene Umschwünge kommen hierin zum Vorschein: religiöser Mythos der Erlösung manifestiere sich in der jüdischen Staatlichkeit, aber ein Judenstaat könne gelingend bloß säkular existieren, menschenrechtlicher Universalismus sei der Besonderheit der israelischen Bevölkerungsgruppen unangemessen, dagegen realisiere sich das Individuum in einer liberalistisch-partikularisierten Gesellschaft nicht, usf. Es ist dies Oszillieren einer der interessantesten Aspekte des Werkes.
Diese Bewegung findet auch in der Signifikanz, d.i. der Bezug zwischen Fiktion und Realität ihren Niederschlag. Es werden zwar tagespolitische Themen Israels immer wieder aufgegriffen, doch unklar bleibt, in welchem Verhältnis sie zur künstlerischen Zuspitzung stehen. Einmal wird konstatiert, die rechte Regierung kranke an einer Paranoia und man bekäme dadurch das Gefühl, die israelische Gesellschaft stände mitten in einer Generalmobilisierung. Doch schon einen oder zwei Sätze später stellt man klar und reflektiert, dass man selbst vielleicht übertreibe. Emphatisch müsste man indes zugeben, dass durch die tragische Form, also mittels Übertreibung, das alltägliche Leid seinen adäquaten Ausdruck findet. Dann würde aber auch – wieder ein Umschlag innerhalb der Geschichte! – die Fiktionalität von Rabinovici realitätsgetreu und wiederum Sznaiders Realismus naiv. Die recht klare Intention einer Bestandsaufnahme oder eines Abgleiches zwischen jüdischem Traum und israelischer Wirklichkeit sprengt daher förmlich die Grenze zwischen Phantasie und Sosein vermittels der literarischen Form.
Dementsprechend großräumig gestaltet sich der Inhalt. Es werden viele große jüdische Themen angesprochen: Antisemitismus, BDS, Diaspora, Erlösung, Iran, ISIS, Kibbuzim, Palästinenser, Sozialismus, USA usw. und viele große Autoren erwähnt: Theodor Wiesengrund Adorno, Hannah Arendt, Judith Butler, Moses Hess, Karl, Kraus, Karl Marx usf. Gleichzeitig wird diesen jedoch nur wenig Platz zur Erläuterung eingeräumt, so dass ein bestimmter Gedankenkreis immerhin hervorscheint.
Auf Grund dieser Unbestimmtheit, nämlich zu definieren, was jüdische Identität in und durch Israel heute sei, entspringt ein essayistischer Schreibstil, der flanierend das versucht an Schaufenstern der Geschichte sich zu betrachten, was politisch zu gebrauchen ist und hierin liegt ganz sicher der größte Reiz und Widerspruch des Buches. Sznaiders dementierender Vorwurf an Rabinovici, dieser sehe Israel, wie damals noch Herzl, im Wiener Kaffehausflair, wird so selbst zum politischen Gespräch über die Möglichkeiten und Träume der israelischen Gesellschaft, das bei Café und Konfa gut in einem Bistro am Strand von Tel Aviv hätte stattgefunden haben können.


Rabinovici, Doron/ Sznaider, Natan: Herzl Reloaded. Kein Märchen, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2016, 19,95 Euro, 207 Seiten.

Das ist keine Kunst. Wir sind eine Gang.

Viele haben sie schon gesehen, gehört und mit ihnen gefeiert: AbstinenZx lassen es mit „In dieser Heimat kein zuhaus“ ordentlich krachen. Warum sie mit ihrer Musik ins Mark treffen, es dabei nie um Kunst geht, sondern um uns, will Franzie zeigen.

Es kommt immer mal vor, dass Leute sagen, „Ey, mach mal dieses Geschrei aus!“ – nach der Stille und kurzem Geraschel weil jemand meinen mp3-Player abgestöpselt hat, folgt irgendein Gedudel, das ich echt nicht ertragen will. Dann bleibt der berüchtigte Blick in die Flasche, der Griff zur Betäubung. Dementsprechend sieht mich manch einer nicht gern an der Bedienung von Audiogeräten. Mit AbstinenZx hat sich jedoch eine Band gefunden, die verschiedene Musikgeschmäcke zusammenbringt. Auch wenn ich normaler Weise erstmal die Nase rümpfe, wenn scheinbar plötzlich viele Leute eine Band mögen – die auch noch eingängige Melodien spielt – geht das hier ganz und gar nicht. Meine Erklärung: Die Punkrock-affine linke Szene, die mich umgibt, besteht aus kaputten Menschen und deshalb trifft AbstinenZx nicht nur wenige Herzen.

Beschissenes Land, beschissenes Leben und außer ein paar Narben ist mir nichts geblieben. (…) So wie es ist, kann es nicht bleiben.“

Kaltland ist mit dem Willkommens-Singsang auf die „trains of hope“ und Kackstadt mit Initiativen wie „Erfurt lacht“ nicht erträglicher geworden. Unser Alltag besteht nicht im Kampf um Krieg und Elend zu entfliehen, wir kämpfen gegen die Scheiße, die das für andere nötig macht und die Zustände, die das Leben hier unerträglich machen und das ist nicht wenig. Das Gefühl der Ohnmacht und die tatsächliche sind im Alltäglichen wie auch in politischen Kämpfen präsent. Steigt der Zivi vom Fahrrad und holt seine Bullencrew ran, um euch kleinzumachen? Lachen die Bullen dir ins Gesicht, wenn du dich darauf berufst, was der Rechtsstaat dir eigentlich zusichert? Glotzen die Leute dich schief an, weil dein Bier auffloppt oder du ’nen Dübel rauchst? Selbst an der Krämerbrücke fällt man nun mit nicht knöchelfreier Hosenwahl auf.

Ihr habt Angst um eure Arbeit, ihr habt Angst um euer Geld, ihr habt Angst um eure Zeit, um eure kleine heile Welt.

Es gibt keine heile Welt, um die wir uns sorgen. Viele von uns kennen keine heile Welt, auch wenn manch eine einzelne Zeitabschnitte wie frühste Kindheit oder die berüchtigte Punkerjugend im Rückblick verklärt und idealisiert. Woran knüpfen wir an, um weiterzumachen, nicht aufzugeben oder uns doch zeitweise dem hinzugeben, keinen Bock mehr auf die Scheiße zu haben? Es ist der Schmerz, das Leiden an dem was ist und was war. Das ist kein blabla, das ist keine Kunst: AbstinenZx machen Musik, die mir vertraut ist, weil in ihr Melancholie und Verzweiflung liegen, die in vielen Momenten von einer tiefgreifenden Wut beflügelt ausschlagen.

Mit Aggressionen gehen Leute verschieden um, viele richten sie nach außen, viele nach innen. Wie es sich anfühlt, Aggressionen nur schwer nach außen tragen zu können und welche Folgen das für den eigenen Zustand hat, kann man beim Hören von AbstinenZx erahnen. Das verrückte daran ist, dass darin soviel Kraft liegt, dass ich damit nicht allein bleiben kann oder will. Warum die beiden Jungs zusammen Musik machen und eben diese Musik, das weiß ich nicht, aber ich bin echt froh, dass sie es tun. Denn in Einsamkeit kann man eben doch gemeinsam sein. „Ihr seid keine Fans, wir sind eine Gang!“ rappen Zugezogen Maskulin und das ist es, was ich empfinde.

Ich besaufe mich mit Wut

Manchmal ertrage ich es nicht, meide die Musik und ein andermal will ich mit meiner Gang zusammen feiern. Ja, so ist es: Wir brauchen Krach, wir brauchen ein Ventil für Wut, Verzweiflung. Manchmal hilft nur Punkrock, um nicht allein zu sein. Wir entwaffnen uns selbst, wenn wir aufgeben, wir allein bleiben – auch wenn das subjektive Moment des Widerstands, das sich destruktiv gegen das eigene Selbst richtet, erstmal befriedigend wirkt.

Wir sind verschieden, aber kaputt sind wir alle, doch sehen tut man das selten.


Achtung: Grad gibt’s die Scheibe „In dieser Heimat kein Zuhaus“ wieder auf CD, es wird jedoch gemunkelt, dass auch bald eine Vinyl-Pressung vorgelegt wird. Juhu!

Mittelmeerromantik

Karl Meyerbeer hat sich eine Schallplatte der Kellerasseln angehört und angesehen.

Mittelmerromantik: am Strand liegen, in der Sonne baden, aufs Wasser schauen – sein, nur sein, statt einem Zweck zu folgen. Auf dem Titelbild der gleichnamigen Schallplatte ist vor dem Hintergrund des Meeres grauer Bodenbelag und eine Reling zu sehen. Vielleicht ein Ufer, vielleicht ein Schiff, auf jeden Fall sehr aufgeräumt und gerade. Am Rand stehen drei Gestalten und schauen aufs Wasser. Vor allem die mittlere Gestalt ist kräftig, sie steht breitbeinig da. Ist das Mittelmeerromantik oder hält sie ein Fernglas in der Hand und sucht das Wasser nach feindlichen Schiffen ab? Auf der Rückseite der Platte sehen wir ein überfülltes Schlauchboot im weiten Meer.

Mittelmeerromantik: „Die einen fahren gemütlich in den Urlaub nach Süden und die anderen ersaufen beim Versuch, ein bisschen Glück im Norden zu erhaschen.“

Die drei Gestalten auf dem Plattencover sind Uwe, Steppl und Keller von der Punkband Kellerasseln. Als ich zum ersten Mal eine Schallplatte von den Kellerasseln aufgelegt habe, ist mir nicht aufgefallen, dass ich den Plattenspieler hätte auf 45 Umdrehungen pro Minute stellen müssen. Auch mit 33 UpM ist die Musik wahnsinnig schnell, dauern die Lieder nur eine Minute. Live ist das sehr beeindruckend – die Spannung zwischen dem hochkonzentriert um sich schlagenden Schlagzeuger und dem aggressiv schreienden Keller wirkt körperlich auf mich. Weil man die Texte nicht versteht, werden Textblätter ausgeteilt.

Mittelmeerromantik: Auch in der neuen Schallplatte gibt es Textblätter, Text- und Bildblätter. Die Kellerasseln in einer wilden Küstenlandschaft, vor einer Kathedrale, in einer Burgruine, in einer orientalisch anmutenden Stadt. Wie kommen die drei eigentlich raus aus der privilegierten Lage, gemütlich im Urlaub zu sein? Materiell kommen sie natürlich gar nicht raus. Sie haben alle Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, nicht „im falschen Land geboren“ zu sein. Aber sie legen über die Grundierung ambivalenter Bilder eine Textur aus Wut und Kritik: „Arme Eltern oder im falschen Land geboren? Scheißegal, hier sind wir alle gleich. Los geht’s, in die Hände gespuckt, hier ist jeder sein eigenes Produkt. […] Manche müssen sich eben ein bisschen mehr anstrengen, um so gleich zu sein wie die anderen.“

Warum klingen Redebeiträge, die Leistungsideologie und Rassismus in einen kapitalismuskritischen Rahmen stellen dagegen so langweilig? Noch ein Beispiel: „Rums – 150 Tote auf einen Schlag und leider auch noch die falschen. […] Dabei war das noch nichtmal die falsche Entscheidung, denn in Deinem Job gibt es keine richtigen.“ So kommentiert eine Punkband die Opfer eines Bundeswehr-Oberst klüger als 100 Politiker_innen. Die Kellerasseln waren eine Art Hausband des ehemals besetzten Topf & Söhne-Gelände in Erfurt, auch das wird auf der Platte verhandelt: „Ein paar Jahrzehnte Verdrängung und jetzt gibt’s Erinnerungsorte, Museen und Guido Knopp. Das reicht dann aber auch für die Rückkehr zur Normalität. Nationalstolz, Exportweltmeister und Weltmacht und mit gutem Gewissen lässt sich‘s auch besser Krieg führen. Aus Auschwitz lernen, heißt moralisch Siegen lernen.“ Wer Hardcore-Punk mag, wird die Musik mögen. Einer, der sich damit auskennt, meinte: „Trümmerpogo fasst es eigentlich ganz gut“. Ich schaue mir die Bilder an, stelle die Platte ins Regal und freue mich beim nächsten Konzert wieder darüber, mit wie viel Reflexion und Kritik die Wut und Aggressivität der Kellerasseln verwoben ist.


Alle Zitate aus der 7‘‘ „Mittelmeerromantik“ der Kellerasseln, erhältlich über Trümmerpogo oder Sengaja Records.

Anarchismus mit Fußnoten

Vor Blogsport und Facebook, vor Myspace und Geocities und sogar vor CompuServe und AoL kamen die amtlichen Informationen vom Nachrichtenmann in der Tagesschau und einer überschaubaren Menge von Zeitungen, die das politische Spektrum der im Bundestag vertretenen Parteien abdeckten, dazu die verhasste BILD. Die radikale Linke setzte angesichts dessen auf Gegeninformation. Zeckige Heftchen in kleiner Auflage wurden im Westen über den Kopierer gezogen oder in der Uni-Druckerei gedruckt, im Osten mit Wachsmatritzen hektografiert und unter ungleich schwierigeren Bedingungen hergestellt. Autonome Demos waren behelmt und martialisch und eben eine solche Demo ist auf dem Titelbild des „Anarcho-Infoblatt Jena“ (AIB) abgebildet. Jemand freut sich über ein neues Zeckenheftchen aus Jena.

Die erste Ausgabe des Anarcho-Infoblatt Jena (AIB) stellt einen programmatischen Text zu „Samizdat- und Zine-Kultur, Untergrundpresse und Gegeninformation“ an den Anfang. Gegeninformation ist demnach auch in Zeiten, in denen Nazis aus den falschen Gründen die Presse beschimpfen nötig, weil „die Medien nicht, wie der liberale Mythos uns glauben machen will, dazu da sind, die Menschen interessensfrei zu informieren“. Stattdessen sind sie „den Interessen von Staat und Kapital verpflichtet“ – was nicht unbedingt ein bewusster Prozess sein muss, sondern oft genug daran liegt, dass die Journalist_innen den ideologischen Blick mit ihren Leser_innen teilen. Wenn die Linke sich auf das Spiel einlässt und sich abrackert, um 7 Sekunden Sendezeit zu bekommen, verschafft sie damit einem zentralen Instrument der demokratischen Gewaltenteilung Legitimität – oft noch um den Preis, völlig verkürzt oder entstellt dargestellt zu werden. Die großen linken Medien hingegen haben sich vom Blick auf Basisbewegungen und militanten Kämpfen weitgehend verabschiedet und bewegen sich professionell glatt zwischen Kommerz und Akademismus.

So argumentiert das AIB und stellt dagegen den „Aufbau einer breiten und diversen lokalen Gegeninformationsstruktur“, in der „Selbstorganisierungsprozesse, Kämpfe und Widerstände“ diskutiert und in die Breite getragen werden sollen. Mit diesem Selbstverständnis liegen die Genoss_innen wahrscheinlich nicht weit weg von dem, was auch die Lirabelle will.

Das AIB wird anonym hergestellt und vertrieben. In der gesamten DDR und auch zu bestimmten Zeiten der BRD-Geschichte war die Anonymität der Schreibenden die Voraussetzung dafür, überhaupt radikal kritische Inhalte zu diskutieren, an vielen Orten der Welt ist sie es auch heute. Was in der ersten Ausgabe geschrieben steht, ist für Anarchist_innen interessant, müsste aber nicht anonym veröffentlicht werden: Aufrufe zu Demos und Kundgebungen, Solidaritätsnoten für politische Gefangene, ein Bericht über die anarchistische Szene in Griechenland Ende der 2000er-Jahre, ein Artikel über Anarchafeminismus und eine kurzer Text über Kämpfe von Geflüchteten. Aber es ist gut zu wissen, dass das AIB eine Infrastruktur aufbaut, die nicht so einfach von der Justiz oder einem unzufriedenen Mittelgeber abgestellt werden kann.

Auch was die Gestaltung angeht, erinnert das AIB an die Zeiten, als man den Text in die Schreibmaschine hackte. Im Unterschied zum AIB waren viele der historischen Untergrundheftchen trotz einfachster Produktionsmittel sehr liebevoll gestaltet, mit Zeichnungen, typographischen Spielereien oder einzeln bemaltem Einband. Das bietet das neue Heft nicht, der altertümliche Look besteht nur darin, dass die Schrifttype an Schreibmaschinenlettern erinnert.

Die Abgrenzung zu bürgerlichem und professionellem Getue endet da, wo (wie auch in der Lirabelle) der studentische Habitus durchscheint: Auf 23 Fußnoten bringt es das Heftchen, die letzte ist eine Quellenangebe zu einem Liedtext der Punkband „Pisse“.

Unbenommen davon ist es eine Freude, dass der Geist der anarchistischen Zine-Kultur wieder anonym befeuert durch den Kopierer rattert. Ich bin gespannt auf die nächste Ausgabe.

Wenn die Nacht am tiefsten ist…

Simon Rubaschow findet beim Schauen eines exiliranischen, feministischen Vamprifilms die Hoffnung auf die Möglichkeit der Revolution.

Die Begegnung der beiden Hauptfiguren in A girl walks home alone at night könnte das Ende des Films sein, und beim Zuschauen hatte ich Angst um Arash. Ein junger Erwachsener, Einwohner von ‚Bad City‘, einer Stadt die offensichtlich in der Islamischen Republik Iran liegt. Sein alleinlebender Vater ist heroinabhängig, Arash kümmert sich um ihn und seine Schulden, wodurch er sein von mühsam erspartem Lohn gekauftes Cabrio an den Dealer seines Vaters verliert. Dennoch hat er sich seine Unschuld bewahrt und träumt vom Glück der individuellen Freiheit, das zu realisieren er sich zu Beginn des Filmes nur als Imitation der Posen von James Dean vorstellen kann. Nach einigen Wendungen landet er nach einer Kostümparty unter Exctasy-Einfluss auf der Straße und wird von ihr aufgegabelt, der namenlosen jungen Vampirfrau. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung und legt eine Platte auf – To lose my life… von den White Lies – und er, allein mit einer Frau in einem Zimmer, nähert sich ihr. Anders als er wissen die Zuschauer_innen schon: Sie ist eine Vampirin, und ihre Opfer sind Männer, die Frauen gegenüber übergriffig geworden sind, kein Einverständnis eingeholt haben oder es ignorierten, und fragen sich, ob er sich beherrschen kann. Er kann, und das Bild verkehrt sich. Die Vampirin ist eine klassische Rachefigur, der Grund, warum der Film in der Rezeption weitgehend als feministischer Vampirfilm interpretiert wurde: Die übergriffigen Männer verbünden sich mit ihren Triebregungen und leben sie, gegen die Frauen, aus – die Vampirin tut ihnen gegenüber das gleiche mit ihren Trieben, die Penetration der Männer rächt sie, indem sie sie, qua Biss, penetriert und sie zum Objekt ihrer Lust macht. „The sky set out like a pathway/but who decides which route we take“ tönt die Stimme von Harry McVeigh, während die Zuschauer_innen beobachten, wie sie sich Arashs Hals nähert, und sich fragen, ob die Rache blind ist, keinen Zweck außer ihrer selbst kennt. Sie gibt ihrem Verlangen jedoch nicht nach, die Begegnung ist kein tödlicher One-Night-Stand, sondern die unmittelbare Triebbefriedigung am anderen als Objekt tritt für beide zurück hinter der Zuneigung zum anderen als Subjekt – „That’s why everything’s gotta be love or death“.

Der Film ist tatsächlich feministisch, nicht bloß wegen der praktizierten feministischen Rache im Film, sondern wegen der Verkehrung klassischer Rollenzuweisung. Er ist die unschuldige Hoffnung, die selbst unfähig ist, ihre Hoffnung unter den Bedingungen des schlechten Ganzen zu realisieren, sie ist die schuldbehaftete weil praktische Rache, selbst wiederum defizitär, weil sie nichts hat, wofür sie kämpft und tötet, nur ein wogegen. Derart sind sie beide aufeinander angewiesen. Eine Angewiesenheit, die ein Grund ist, weshalb die Liebe zur Überwindung der polarisierten Vereinzelung eine positive Perspektive ist. Die zwei anderen Gründe haben mit dem Vampirfilm und dem Iran zutun: Der klassische Vampir – Dracula oder Orlok – ist der verführerische Trieb, der junge bürgerliche Frauen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus ihrem Bett, von ihren Eltern oder ihrem Verlobten und in den Tod reißt. Eine männliche Projektion eigenständiger weiblicher Sexualität, die sich nicht der patriarchal-bürgerlichen Gesellschaft unterwirft, und damit die Frauen der Kontrolle der Männer entzieht.1 Im postfordistischen Kapitalismus und seiner postbürgerlichen Gesellschaft ist dieser Vampir veraltet, die Triebregulierung ist längst auch in das Innere des männlichen wie weiblichen Subjekts verlagert, und Interview mit einem Vampir von 1976 (Buch) bzw. 1994 (Film) zeigt diese Wandlung anschaulich: Der Vampir, Louis, kämpft nunmehr um die Beherrschung der eigenen Triebe und damit um seinen brüchig gewordenen Subjektstatus, den andere Vampire wie Lestat längst verloren haben. Die Aufgabe der Selbstkontrolle ist gleichzeitig verdammenswert und verlockend. Hinzu tritt jedoch ein weiteres Motiv: Die Entfremdung des Individuums von der Gesellschaft, die der Untote zu den Lebenden, zu denen er vormals gehörte, erfährt. In Vampirfilmen2 der letzten Jahre erfährt dieses Motiv eine erneute Verschiebung. Ist Louis noch ausweglos alleine mit seiner Entfremdung und seinen Trieben, gibt es nun Hoffnung, in romantischer Liebe die Vereinzelung zu überwinden. Der schwedische Låt den rätte komma in (2008), benannt nach dem Bob-Dylan-Song Let the right on slip in, Jim Jarmuschs Only lovers left alive (2013) oder eben A girl walks home alone at night (2014), deren Hauptfiguren allesamt weibliche Vampire sind3, gehören zu diesen neuen und allesamt exzellenten Vampirfilmen. Liebe deswegen, weil sie zugleich einen Ausbruch aus der Vereinzelung als auch die Option für eine selbstbestimmte, nicht bloß repressive Triebregulierung bietet. Sie bildet damit die Alternative zu der repressiv-patriarchalen Triebregulierung des Mullah-Regimes, aber auch zu der vereinzelnden Befreiung des westlichen Konsumliberalismus. Er wird in A girl walks home alone at night durch eine Tochter aus reichem Hause repräsentiert, die auf Kostümparties zu Techno feiert und deren Glück in einer Schönheitsoperation besteht, mit der sie ihre Nase an das westliche Schönheitsideal angepasst hat. Zu ihr steht die Schönheit der Vampirin in ebenso deutlichem Kontrast wie eine Szene – in der die Vampirin allein zu Dancing Girl von Farah tanzt, in dessen Refrain es heißt: „Männer stehen, Frauen tanzen, Ich beobachte“ – die Kostümparty und damit die ebenfalls sexistische westliche Alternative kontrastiert.

Eine zweite Szene am Ende des Films bildet einen ähnlichen Entscheidungsmoment. Arashs Vater, dessen sexuelle Lust gänzlich in seiner Heroinsucht sublimiert ist, meint eine Sexarbeiterin ‚beglücken‘ zu müssen. Für ihn tritt an die Stelle der phallischen Penetration die Penetration mit der Nadel, die männliche Allmachtsphantasie wird als Spender des Rauschglücks prozessiert, indem er ihr gegen ihren Willen Heroin injiziert – und wenig später von der Vampirin gebissen und dadurch ermordet wird. Arash findet dies heraus, als er, die Hoffnung, durch seine Liebe zu ihr zur Praxis gefunden, sie zur Flucht aus ‚Bad City‘ und in ein besseres Leben auffordert und bei ihr die Katze seines Vaters entdeckt. Er weiß um die Schuldigkeit seines Vaters, doch die offene Frage ist, ob er mit ihrer Schuldigkeit leben kann. Es spitzt sich letztlich die Frage zu, wie die Hoffnung auf ein besseres Leben zusammengeht mit der Notwendigkeit, dass die Praxis auf dem Weg dorthin notwendig befleckt ist von dem schlechten Ganzen, dem es zu entkommen gilt. Zieht sie sich von aller Praxis zurück, um ihre eigene Unschuld zu bewahren, wirft sie sich in die Praxis, wird selbst schuldig und verliert darüber die Hoffnung oder besteht die Möglichkeit, die Hoffnung und Praxis zueinander zu vermitteln ohne sie aufzulösen. In A girl walks home alone at night besteht diese Möglichkeit – die beiden verlassen in seinem wiedererlangten Cabrio die Stadt – in der Liebe, die damit eine Liebe als Anerkennung der bzw. des Anderen als Anderen ist. Sie ist der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Spannung, die auf ihre Aufhebung drängt, ohne sich einseitig auflösen zu lassen. Die Spannung aufrechtzuerhalten gelingt ihr, weil in ihr dem oder der Anderen mit Zartheit und Verlässlichkeit begegnet wird, die in Opposition sowohl zur bürgerlichen Kälte wie zum Eindringen- und Besitzen-Wollen steht. Und solange diese Spannung aufrechterhalten werden kann, bleibt das Bessere, die Revolution möglich – nicht nur im Iran.


1
Einzig Sheridan Le Fanu bringt es in Carmilla von 1872 diese Angst zum Ausdruck, ohne sie durch die Projektion der Triebe auf einen männlichen Vampir wieder zu maskieren. Bei ihm ist die männliche Angst vor einer eigenständigen weiblichen Sexualität in einer lesbischen Vampirin zugespitzt.

2
Und ich meine damit nicht die Filme, in denen Edwards, Selenes oder Erics, die als Vampire firmieren und die – selbst nach den ästhetischen Maßstäben der kulturindustriellen Produktion bloß miese – Action- oder Liebesfilme sind, sondern Filme, die das Motiv des Vampirs zu ihrem Gegenstand haben.

3
Tim Burtons misslungene Komödie Dark Shadows von 2012 arbeitet mit einem ähnlichen Motiv, hier ist der Vampir jedoch männlich.

„high fives for low lifes“

Für die Rubrik „Plattenkritiken“ haben wir einen neuen Autor gewinnen können und überschreiten damit auch die bisherigen musikalischen Grenzen der Lirabelle. Nino schreibt sonst für das TrveFrykt-Zine. Aus Liebe zum Krach gibt’s unter dem Motto „high fives for low lifes“ Rezensionen, Interviews, Kolumnen und Terminankündigungen zu Black / Death Metal, Doom, Crust und Noise zu lesen. Viel Spaß und hört mal rein!

Von Drakus – The Black Gate

Das Gießener Hardcore Punk-Quartett Von Drakus hat knappe drei Jahre nach ihrem letzten Release einen neuen Tonträger veröffentlicht. Mit „The Black Gate“ haben die Hessen ein hochwertiges und äußerst lohnenswertes Album rausgehauen. Gefüllt mit acht düsteren Songs, wird hier jeder Liebhaber von 80er Jahre Hardcore Punk á la Hammerhead auf seine Kosten kommen. Allein schon der Opener, welcher das einzige, deutschsprachige Lied ist, lässt das Herz des Hörers höher schlagen. Bitterkaltes Riffing, wiedererkennbare Melodien, ein hämmerndes Schlagzeug und finstere, angepisste Vocals, ein beinahe perfektionierter Mix den Von Drakus hier an den Tag legen. Textlich bewegt man sich zwischen Verzweiflung, Selbsthass und Wut auf die Welt und ist sich treu geblieben. Im Vergleich zu den beiden älteren Veröffentlichungen, wird auf „The Black Gate“ mehr Abwechslung und eine deutlich dunklere Atmosphäre geschaffen. Einen physischen Tonträger des Albums gibt es bisher noch nicht, digital kann man sich die Scheibe via Bandcamp gratis downloaden.

Battra – Asozial seit Tag 1!

Das Pennerviolence Duo um Battra aus Halle an der Saale hat die von mir sehnlichst erwartete EP „Asozial seit Tag 1!“ released. Die beiden sind bekannt dafür mit einer Menge Humor, grandiosen Samples und klasse Videos daherzukommen. In der Promophase der EP ging es heiß her, denn Battra machten sich über das identitäre Gehabe in der deutschen Black Metal-Szene lustig.
So entwarf man extra ein neues Logo, welches ganz in Black Metal-Manier unleserlich ist und eher Rotz im Taschentuch ähnelt. In den Videos posieren sie mit Corpsepaint und düsterer Miene – dank super scharfen Pfefferminzkaugummis. Die Lyrics der Band sind wiederum vollgepackt mit Hass auf die Gesellschaft und sich in ihr wohlfühlender Individuen. Doch auch musikalisch sind Battra nicht zu unterschätzen, denn eine überzeugende Mischung aus schnellem, wütenden Powerviolence, gepaart mit Samples und einer kleinen Prise Punkrock macht einiges her.
Die EP ist auf 100 Stück limitiert und kann über BLSN.WRST Records bestellt werden. Wem die digitale Variante reicht, der kann sich über Bandcamp das Ganze für umsonst laden.

Plattenkritiken

Hass – Kacktus (Aggressive Punk Produktionen)

Ok, ok, diese Band kann von mir einfach nicht objektiv-nüchtern betrachtet werden. Daher wird dieses Review auch nicht wirklich kurz. Für alle Eiligen unter euch: Ab dem Wort „Flauschikatze“ fängt das eigentliche Review an.

Die Band Hass gab es zwischen 1978 bis 2001 und sie hat für mich unvergessliche Meilensteine im Deutschpunk in dieser Zeit abgeliefert. Zwar hat sie sich 2007 nochmal zusammen gefunden, aber nur, um auf eine geniale Abschieds-Tournee zu gehen. Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich sowieso spätestens ab dem vierten Bier zu ner Platte von denen greife (meistens die LP „Allesfresser“). Also, warum hype ich Hass so sehr?

Als einer der wenigen Deutschpunk-Bands haben sie ihren eigenen Sound, den man nach 30 Sekunden hören, sofort zuordnen kann. Hinzu kommt ein enormer Mitsing-Faktor, der nicht nur mich immer wieder dazu verleitet, mich bei ihren wenigen Konzerten zum Dance-Deppen zu machen, da ich vor der Bühne wild mit den Armen wedele und lauthals ihre genialen Texte („Des Adlers Antwort ist der Knüppel“) mitgröle. Und sie waren und sind mit ihren schlauen Texten auch immer politisch, kritisch und aneckend gewesen. Was braucht das alte Deutschpunkherz denn mehr? Sorry, aber diese Vorgeschichte musste jetzt sein, damit das jetzt folgende Review nicht als allzu überzogen verstanden werden kann.

Flauschikatze!

Als Ende 2013 (12 Jahre nach ihrer Auflösung!) die Info kam, dass Hass wieder zusammengefunden haben, um eine neue Platte zu machen, da wusste ich nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Welche alte Band kam eigentlich als erstes auf die total geniale Idee, nochmal Kohle zu machen? War es SLIME, TOXOPLASMA, WIZO oder schlussendlich doch BUMS? Dass da nicht immer nur die besten Scheiben raus kommen, ist ja leider kein neues Phänomen. Sei‘s drum – für mich stand ja eh fest, dass die Scheibe gekauft wird (Gründe: siehe oben). Nach nem knappen halben Jahr ist sie jetzt nun endlich da und ich muss sagen, dass die Platte super geworden ist!

Wieder haben sie es geschafft, Hits zu kreieren, die man allesamt sofort im Ohr hat. Angefangen beim Opener „Mit wehenden Fahnen“, in der sie gleich klar machen, dass dies hier eine HASS-Platte ist und nichts anderes. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, war gleich klar, dass meine Befürchtungen völlig umsonst waren und ich hier das volle Brett kriege. Mit dem Song „recht blöde“ wird eine gekonnte Absage an diese ganzen Deutschrock- und „Das wird man ja wohl mal wieder sagen dürfen“-Typen verteilt, dass es eine wahre Freude ist; sehr schön. Der Kapitalismus bekommt mit „Rattengift“ auch noch eine verpasst und dann kommt mein Hit der Platte: „Hungersnot in der BRD“. Der Song macht sowas von alles richtig und drückt den satten, dicken Deutschen wunderschön den Spiegel ins Gesicht, super.

Und dann kommt „Anarchie“. Hier hatte ich anfangs gemischte Gefühle. Musikalisch erinnert der Song an einen Schunkelausflug ins Punkrockland und es würde mich nicht wundern, wenn da nicht doch etliche Feuerzeuge beim Konzert in die Luft gehalten werden. Der Song ist für mich aber so überzogen flennig-kuschlig, dass es beim zweiten Mal hören einfach nur noch zum Lachen war und ich mich seitdem immer trotzdem freue, ihn zu hören.

Fast zum Schluss nun endlich auch mal mit „Komatag“ ein Lied, was einfach nur Saufen zum Thema hat und trotz aller Politik halt auch mal sein muss. Vor 15 Jahren wäre das bei mir im JUZ wohl in Dauerschleife gelaufen, was mich prompt daran erinnert, auch mal wieder Donnerstags in die Johannesstraße 151 hier in Erfurt zu gehen.

Was bleibt zum Fazit der Platte? Wenn man auch nur ansatzweise was mit HASS anfangen kann, dann gehört die auf jeden Fall gekauft, kopiert oder überspielt und ganz oft gehört. HASS ist hier immer noch HASS, jedoch mit noch vielseitigeren Riffs, tollen Texten und einer Top-Aufnahmequalität. Für mich ist es einfach DIE Deutschpunkplatte des Jahres 2014 und daher vergebe ich voller Demut 11 von 10 wilde Zappel-Moves, wenn ich sie mal wieder live sehen kann.

Ichsucht – Tristesse (riot BIKE records)

Und schon wieder Deutschpunk (man könnte eine leichte Affinität meinerseits vermuten). Doch diesmal zum Glück mal wieder was Neues. ICHSUCHT aus Hamburg verstehen es gekonnt, eine Mischung aus Punk und Hardcore hinzulegen. Hier aber mal mit weiblichen Gesang, der bei der Band wie die Faust aufs Auge passt. Nicht falsch verstehen, aber leider gab es bisher nicht wirklich viele Punkbands (vor allem Deutschpunk-Bands), die mit einer weiblichen Gesangsstimme wirklich bei mir punkten konnten, doch Anni als Sängerin hat es ziemlich drauf. Von gefühlvoll bis dreckig hat sie einfach alles im Programm, wovon sich auch nicht wenige männliche Sänger im Punkrock ne dicke Scheibe abschneiden könnten. Hinzu kommen die Chöre der restlichen Band, die ihren Gesang immer passend unterstreichen. Der Sound von ICHSUCHT ist jetzt nicht unbedingt unglaublich neu und anders, aber die Band versteht es auf jeden Fall, ihre Instrumente zu beherrschen und mir als alten Deutschpunker mal wieder in den Arsch zu treten. Zusätzlich wurde die Platte sehr gut abgemischt. Ein Vergleich mit einer anderen Deutschpunk-Kapelle fällt mir hier schwer. Internationaler betrachtet, sehe ich da die meisten Gemeinsamkeiten mit den wunderbaren ELECTRODUENDES aus Spanien (Must have!).

Kennst Du das, wenn Du die A-Seite einer Platte gehört, den Stil der Band erfasst hast und einfach zu faul bist, deinen Hintern zu erheben, um die Platte umzudrehen? Bei dieser Platte wird das wohl nur sehr selten passieren. Das ganze Album ist trotz gleich bleibendem Stil äußerst vielseitig und ist dazu prädestiniert, am Stück durchgehört zu werden, um dann bei der A-Seite wieder anzufangen.

Dies ist wohl eines der größten Komplimente, die man einem Album machen kann und ist hier absolut berechtigt. ICHSUCHT haben in ihren gekonnten Texten einfach was zu sagen und sind weit weg von abgelutschten Deutschpunkparolen-Gedresche. Für mich ist diese LP auf jeden Fall seit langem mal wieder erfrischend, denn böse Zungen munkelten schon, dass Punk tot sei. Ich freu mich über das Gegenteil und vergebe 9 von 10 Winke-Winke aus dem Jenseits.

Panzerband – same (Twisted Chords)

Schimmel auf der Lederjacke, am Schuh hängt noch Hundekacke. Schlecht rasiert, niemals gekämmt, und Kotze klebt am Unterhemd.
Dies sind die ersten Zeilen des Openers „Panzerband“ von der ersten Platte der Band aus Flensburg und beschreibt wohl mehr als zutreffend, was hier geboten wird. Klar ist: Hier gibt’s volle Kanone Punkrock auf die Rübe.

Schön schnell (Platte läuft auf 45), dreckig und konsequent. PANZERBAND waren des Öfteren die Vorband von MÜHLHEIM ASOZIAL (Götter!). Wer bei denen, so wie ich, anfängt zu sabbern, der muss auch diese LP haben. In Titeln wie „Deutschland Du Kackloch“, „Panzerfahr‘n rumballern“ und „Schleppscheisse“ (Tip!), wird hier alles an bürgerlicher Soße in dieser Gesellschaft gekonnt verachtet und nieder gewalzt. Das gefällt wahrscheinlich nicht nur mir und macht einfach nur Spaß.

Der Sound ist nicht zu aalglatt, was er aber hier auch auf keinen Fall sein darf, da das ja keine Einladung zum Elternabend mit anschließendem Sushi-Essen ist. Die Platte kommt mit schickem Booklet und schön gezeichnetem Cover daher, was auch zu gefallen weiß.

Ich bin beeindruckt und verneige mich 8 von 10 Mal vor diesem schönen Stück audiophiler Kunstgeschichte.

Anti-Flag – A document of dissent 1993-2013 (Fat Wreck Chords)

Nach 9 LP‘s, über 30 EP‘s und diversen Splits gibt es nun endlich mal eine Best-Of Scheibe der Punkband aus Pittsburgh, USA. Jede_r, die_der eine Skate-Punk-Phase in ihrem_seinem Leben hatte, kennt diese Band; die meisten Anderen kennen sie wahrscheinlich auch. Mein Problem bei diesen Skate-Punk-Bands aus den Staaten war oft, dass diese meistens so politisch wie fünf Meter Feldweg waren. Oft hörten sie sich auch recht gleich an, was nicht selten dazu führte, dass man diese Phase dann wieder hinter sich ließ. Das lag meines Erachtens daran, dass diese Bands (NOFX, OFFSPRING, PENNYWISE, NO USE FOR A NAME etc.) unwahrscheinlich populär in den Staaten waren und sich in den 90ern schnell ein Markt dafür bildete, der auch recht bald Europa erreichte. Es folgten Verträge mit Major-Labels und mit Fat Wreck Chords, ein Label, was gefühlt einmal pro Tag eine neue Platte raus brachte. ANTI-FLAG ist zwar auch diesen Weg gegangen, doch stachen sie mit ihren politischen Texten immer heraus, was die Band für mich sehr sympathisch machte. Ihre Alben waren nie schlecht, hörten sich jedoch oft sehr ähnlich an, so dass wohl nur die Hardcore-Fans die komplette Discographie besitzen dürften. Für alle anderen gibt es nun diese Best-Of auf einer gut gemachten Doppel-LP, auf der wohl alle wichtigen Songs der Band drauf sein dürften. Natürlich auch „Die for the government“, „This machine kills fascists“ und „Fuck police brutality“, welche für mich Alltime-Hits sind. Die Platte kommt im äußerst schicken Klapp-Cover mit einer coolen Übersicht, zu welcher Zeit und in welchem politischen Zusammenhang ihre Songs entstanden sind. Der Sound ist für diese Richtung naturgemäß brutal glatt gebügelt, was man mögen kann oder auch nicht. Ich freue mich trotzdem drüber und verkaufe für diese Platte 8 von 10 Skatepunk-Alben aus meiner Sammlung.

Hamburger Abschaum – Endlich (Mongo Raunch Productions)

Eine auf 500 Stück limitierte LP im Uffta-Rumpel-Sound der Jungs aus der Hansestadt. 6 der 16 Songs sind live aufgenommen, was mich eigentlich schon vor dem Kauf hätte skeptisch machen sollen. Gut ist, dass die Jungs klar antifaschistisch eingestellt sind und ihr Herz bestimmt am richtigen Fleck haben. Der Song „Nich mein Ding“ lässt erkennen, dass sich bei der Band vielleicht noch was entwickeln könnte. Vielleicht.

Die Bilanz – Rock ‚n‘ Roll Klub Schmöke (Antikörper Export)

Als die BILANZ im Jahr 2005 ihr erstes Album „Ramba Zamba“ rausgebracht haben, haben sie damit nicht nur bei mir für Begeisterungsstürme gesorgt. Mit ihrem völlig eigenen Sound mit cleaner Gitarre und einem super Frontsänger lief diese Platte im Dauerlauf. Ihr zweites Album war zwar auch noch ganz dufte, jedoch zeichnete sich schon ab, dass sie ihr erstes Album wohl nicht
mehr toppen können. Mit „Rock ‚n‘ Roll Klub Schmöke“ bestätigt sich das leider abermals zu meinem Bedauern. Es ist zwar immer noch die BILANZ, nur ohne die Hits aus dem ersten Album.
Was aber cool ist: Bei der LP gibt’s ihr zweites Album als kostenlosen Download mit dazu.

WIZO – Punk gibt’s nicht umsonst (Teil III) (Hulk Räckorz)
Nach gefühlten 100 Jahren mal wieder was Neues von WIZO. Die Platte hört sich leider genauso, wie ihre alten Platten an. Die waren zwar nie schlecht und für mich als damaligen Kiddi-Punker eine Zeit lang das Lebenselexier, aber heute kaufe ich den alten Männern diesen Sound nicht mehr ab. Platte kommt als Doppel-LP auf blauem Vinyl. Ganz schick aber naja.

Die unendeckte Zeit

Auf der Suche nach einer revolutionären Praxis kuckt sich Simon Rubaschow den Film „Die wilde Zeit“ an.

Mitte Oktober sah ich „Après Mai“ (Nach-Mai, der deutsche Verleihtitel ist „Die wilde Zeit“) im Rahmen einer politischen Veranstaltung zum zweiten Mal, und zum zweiten Mal wühlte er mein Denken und Fühlen auf und um. Dem Film gelingt das (zumindest bei mir), da er gleichzeitig das Bedürfnis nach einem ganz anderen Leben drängend zum Ausdruck bringt als auch in der nötigen Bitternis den Widerspruch der herrschenden Verhältnisse zu diesem Bedürfnis aufzeigt. Er spielt – wie der Originaltitel schon sagt – nach dem Mai 1968 in Frankreich. Die Praxis einer Gruppe Abiturient_innen um die Hauptfigur Gilles wird in ihrem letzten Schuljahr und der Zeit danach portraitiert.
Nach etwa der Hälfte des Films findet sich eine Schlüsselszene: Ein französisches Filmkollektiv diskutiert mit italienischen Arbeiter_innen über einen zuvor gezeigten Film, der vom Kampf der laotischen Volksbefreiungsarmee berichtet. Aus dem Publikum kommt eine „Frage an die französischen Genossen: Eure Filme übernehmen die gleichen Muster, wie sie auch von der Bourgeoise genutzt werden. Sollte das revolutionäre Kino nicht auf eine revolutionäre Syntax verwenden?“ Die Antwort des Filmkollektivs: „So ein Stil wäre wahrscheinlich ein Schock und eine Überforderung für das Proletariat. Wir sind angetreten, um aufzuklären“, und: „Wäre es nicht denkbar, dass die revolutionäre Syntax, von der der Genosse gesprochen hat, in Wahrheit vielleicht eher der individualistische Stil des Kleinbürgertums ist.“
In der anschließenden Party knüpft Gilles, der das Filmkollektiv auf dessen Reise begleitet, an die Diskussion an. Er hat „nicht verstanden, wieso die revolutionäre Syntax der individualistische Stil der Kleinbürger ist.“ Gegen die Antwort, dass es „vor allem darum [gehe], über Konflikte zu informieren“ und er „den Stil“ vergessen solle, weil es „doch nur [gelte] das Volk überzeugen, nicht die Ästheten“ stellt er die programmatische These: „Neue Ideen verlangen nach einer neuen Sprache.“
Das Verhältnis neuer Ideen und ihrer Ausdrucksweise ist das Grundthema des Films. Die Gruppe an Abiturient_innen, die im Zentrum des Films stehen, sind im Nach-Mai, im Herbst der gescheiterten Revolution von 1968, auf der Suche nach revolutionärer Praxis, die sie als untrennbares Projekt der Revolutionierung der Verhältnisse und der Lebensform ansehen. Es geht ihnen gleichermaßen um die Abschaffung der Aufstandsbekämpfungspolizei wie um den Kampf gegen die überkommene herrschende Sexualmoral. Sie suchen gleichermaßen nach Formen gesellschaftlicher Selbstverwaltung wie nach einer neuen Formensprache in Popmusik und abbildender Kunst. Die Bewegungen, an die sie dazu anschließen, haben diese Einheit aber längst aufgegeben. Daher finden sie einerseits trotzkistische und maoistische Gruppen vor, für die die Revolutionierung der Geschlechterverhältnisse im besten Falle nebensächlich, ansonsten aber Schmuddelkram ist, der ihren Kampf delegitimiert und die zu organisierenden Arbeiter abschreckt – und andererseits Hippies, die sich gänzlich aus der Politik zurückgezogen haben, und in Spiritualität und Esoterik ihre Befreiung von der instrumentellen Vernunft suchen.1
Gilles kann oder will die Einheit der Revolution auch in dieser postrevolutionären Situation nicht aufgeben. Und während sich seine Genoss_innen und Freund_innen Stück für Stück verstreuen und ihr gemeinsames Ziel zugunsten berauschender Parties, dem Verteilen von Flugblättern vor den Werktoren oder Anschlägen der Stadtguerilla aufgeben, sucht er weiter nach der verlorenen Revolution. Durch diese Suche steht er notwendig abseits der ihren gemeinsamen Bezug verlierenden Bewegungen, bekommt seine Beschäftigung mit künstlerischen Ausdrucksformen ebenso vorgehalten wie seine Missachtung der eigenen Kunst. Und entsprechend bleibt Gilles auch über das Ende des Films hinaus auf der Suche: In der letzten Sequenz sehen wir ihn, mittlerweile in London als Assistent bei einer B-Movie-Produktion sein Geld verdienend, einen Text der Situationistischen Internationalen (SI) lesen. Ihre Diagnose und ihr Programm scheint die Antwort auf die fragende Suche Gilles zu sein: „Die neue Zeit ist zutiefst revolutionär und sich dessen bewusst. Auf keiner Ebene der Gesellschaft will man weiter machen wie bisher. […] Die Forderung nach Leben ist zum revolutionären Programm geworden.“ Doch diese Antwort täuscht, gedruckt ist sie in die 1972 erschiene Auflösungserklärung „Die wirkliche Spaltung der Situationistischen Internationalen“ und ihre Formulierung ist eher Ausdruck der drängenden Notwendigkeit als der wirklichen Aktualität der Revolution. Die neue Zeit ist (den Möglichkeiten nach) zutiefst revolutionär und zugleich (ihrer Realität nach) so nichtrevolutionär, dass der revolutionären Gruppe, die die SI darstellt, nichts bleibt als ihre Auflösung.
Die Situation, die im Film dargestellt wird, zwingt einen Analogieschluss geradezu auf. Auch heute und hier ist das Umstürzen aller Verhältnisse eine Angelegenheit, die nicht in Reichweite erscheint. Und entsprechend verliert sich die radikale Linke auch hier in lauter Nischen, in denen stets ein Teil des Ganzen bearbeitet wird, während für alles andere alte Formen reproduziert werden. Und während es in den ‚Alternativen Orientierungstagen‘ [Anm.: Veranstaltungsreihe in Jena zu Beginn des Wintersemesters 2014/15]– im Zuge derer der Film gezeigt wurde – Veranstaltungen zu Landwirtschaft, Flüchtlingskämpfen, Feminismus, Nazis, Arbeitskämpfen, Aktionsklettern usw. gab, waren es doch stets thematische Gruppen, die zu ihrem Thema eine Veranstaltung machten und so unabsichtlich die gegenwärtige Realität der radikalen Linken reproduzierten, die sich auf ihr jeweiliges Thema zurückzieht.2 Die Kritik an dieser szenebildenden Linken3 ist aber selbst durch den Film kritisiert: Denn eine Szeneverachtung, der es um „Anschlussfähigkeit“ an die Massen geht, vergisst, das neue Inhalte eine neue Form brauchen und die gescholtenen Szenen oft der einzige Ort sind, wo nach einer solchen Form praktisch gesucht wird. Die Revolutionierung der Verhältnisse kann, soviel ist aus „Après Mai“ zu lernen, nur als Revolutionierung aller gesellschaftlichen Verkehrsformen gelingen, ansonsten schlägt sie in eine konterrevolutionäre Praxis um, die Politik als bloßen Kampf um Herrschaft versteht, sich auf die Organisierung von Hegemonie (ob nun in der Kultur oder auf der Straße) zurückzieht und wie das eingangs erwähnte Filmkollektiv zugunsten von Massenkompatibilität jeden transformatorischen Anspruch aufgibt.
Revolutionäre Praxis in nichtrevolutionären Zeiten ist ebenso notwendig wie unmöglich und lässt sich analog zu Gilles Praxis, nur als andauernde Erkundung realisieren. Sie geht mit wiederkehrenden Enttäuschungen einher, die unserer Ohnmacht geschuldet sind. Das Bewusstsein der eigenen Ohnmacht nicht zu verdrängen und sich an seiner statt Illusionen4 über die Revolution als gegenwärtige Praxis, sondern einen bewussten Umgang mit dieser Ohnmacht und den Enttäuschungen zu finden, ist die Aufgabe, die die Ablehnung der herrschenden Verhältnisse stellt.
____
Originaltitel „Après Mai“, dt. „Die wilde Zeit“, (2012)
Regisseur: Assayas, Olivier.

1
Und sich damit grundsätzlich von denen unterscheiden, die heute in politischen Kreisen manchmal verächtlich als ‚Hippies‘ bezeichnet werden. Diese suchen zumeist nicht verzweifelt eine Transzendierung der Spaltung zwischen dem Selbst und der Welt. Den historischen Hippies ging es, weil sie das Subjekt-Sein-Müssen des Kapitalismus ablehnten, darum in der Welt oder dem Nichts aufzugehen; wozu sie Meditation, psychedelisch wirkende Substanzen und esoterische Rituale in Anschlag brachten. Stattdessen geht es heute, weniger verzweifelt als gemütlich, um das Aufgehen in einem Schutzraum, der sich als naturverbundene Gemeinschaft imaginiert wird.

2
Zu betonen ist, dass politischer Kampf, der konkrete Lebensbedingungen verbessern will, hiermit nicht abgelehnt werden soll. Er darf nur darüber nicht vergessen, dass die Zusammenhänge, die zur Bewältigung des je eigenen Themas ausgeklammert werden, trotzdem auf ihn wirken. Problematisch wird er dort, wo die je anderen Themen nicht ebenso als eigene Aufgaben verstanden werden, und etwa die Reflexion auf den eigenen Sexismus oder die Arbeit an einem theoretischen Verständnis der Verhältnisse an andere delegiert wird.

3
Die deswegen keine Mosaiklinke ist, wie gerne behauptet wird, weil ihre einzelnen Steine keine Beziehung zueinander haben, es sich also nicht um ein Mosaik, sondern um einen (kleinen) Trümmerhaufen handelt.

4
Die Illusion revolutionärer Praxis war es auch, zu deren Zerstörung zumindest bei einem Teil der „formlosen Bewegung der heutigen Rebellion“ die SI sich auflöste, um nicht selbst als lebendiger Mythos Kraftquelle dieser Illusion zu sein.