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Rezension zu Thomas Mauls: Das Kapital vollenden. Was das Scheitern der Marxschen Werttheorie über die bürgerliche Ökonomie verrät.

Seit geraumer Zeit abonniert Max Unkraut, organisiert bei der SJD – Die Falken (Erfurt), auf Facebook den Agitationskanal von Thomas Maul und kennt daher die Kontroversen um dessen politischen Standpunkt. Maul ist u.a. Autor der früher kommunistischen, heute bloß noch ideologiekritischen Bahamas (vgl. Bahamas 57/2009), aber auch einiger umfangreicherer Arbeiten, die u.a. durch den XS-Verlag publiziert wurden, wie etwa auch sein neustes Werk Das Kapital vollenden, das im vorliegenden Artikel kritisch rezensiert wird.

I.

Mein Abonnement des Kanals von Maul habe ich wohl im zeitlichen Umkreis des berüchtigten Restvernunft-Posts (ist das eigentlich so etwas wie Restmüll?) geschlossen, worin Maul der AfD, angeheimelt durch eine Rede des Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland, unterstellte, „als parlamentarischer Arm materialistischer Ideologiekritik“ (9. Mai 2018) zu agieren. Gauland nämlich betonte noch einmal den historischen Auftrag Deutschlands, die anständigen Soldaten der Antifaarmee namens Bundeswehr müssten im Notfall im Krieg für Israel sterben. So wurde der Rechtsnachfolger der Wehrmacht als billige und folgerichtige Ergänzung der alltäglichen „antifaschistischen Reconquista“ (13. Dezember 2018) auf dem Weihnachtsmarkt gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlands ausgezeichnet.
Es ist deshalb nicht bloß höchst interessant, zu erfahren, welche Vollendung sich ein Interpret des Marxschen Kapitals unter vielen anschickt, errungen zu haben, sondern auch welche Resultate die Lektüre durch einen selbsternannten ‚Trumpisten‘ (24. September 2019) der Zeitschrift Bahamas zeitigt.

II.

Die Thesis Mauls ist denkbar simpel, d.h. geradezu bodenständig, populistisch: Gegen eine akademisierte und daher esoterische Interpretation des Marxschen Kapitals wendet er eine Lesart, die an den Engels zum Vorwurf gemachten Historismus erinnert. Dabei bedient sich Maul zusätzlich der Wert- bzw. Ideologiekritik des erst kürzlich verstorbenen Genossen Joachim Bruhn, insofern dieser sowohl die kategoriale Irrationalität der Gesellschaft des sich verwertenden Wertes sowie seiner marxistischen Apologeten denunzierte, deren Geschäft darin besteht, den Identitätszwang des Kapitals theoretisch zu wiederholen und damit zu verkrusten. (Vgl. ISF: Der Theoretiker ist der Wert, S. 91 et passim)
Jene positivistische Seite entdeckt Maul ebenfalls bei Marx, der sich im zweiten sowie dritten Band des Kapitals auf die Kritik mathematisierende Gesamtrechnungen makroökonomischer Art versteift, die Maul behauptet, auf einen eigentümlichen Bruch zwischen dem ersten und dem zweiten Kapitel des ersten Bandes zurückführen zu können.
Der sich im Übergang vom ersten zum zweiten Kapitel vollziehende Bruch zwischen einfachem und kapitalistischem Warentausch sei dabei nicht durch hegelianisierende Interpretationen formallogisch zu retten, wie Maul anhand des Begriffs der ‚Ware Arbeitskraft‘ ausführlich zeigt. Im Gegenteil dazu bezeichnet jener eine historisch-reale Zäsur, die durch den Abgrund der sog. ursprünglichen Akkumulation, also der gewalttätigen Enteignung von Bauern, Handwerkern usf., vollzogen worden ist und zuerst den doppelt freien Lohnarbeiter – Bedingung der Möglichkeit kapitalistischer Vergesellschaftung – in die Welt setzte.
In diesem Sinne macht Maul zwei gegensätzliche Definitionen des Wertbegriffs aus, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft gleichsam miteinander verweben: einerseits den vorkapitalistischen, der sich auf eine rationale Berechnung von bereits hergestellten Arbeitsprodukten bezieht und schon bei Aristoteles vorfindlich ist; andererseits einen kapitalistischen, der auf der alogischen Fassung des Arbeitskraftvermögens als Ware beruht. Die hieraus entspringende Irrationalität, Wert (eigentlich geronnene oder tote abstrakte Arbeit) fortan bloß noch durch sein Nichtidentisches, lebendige Arbeit und damit Ausbeutung und Zwang, ausdrücken zu können, ist hiernach die sich als Vernunft darstellende Unvernunft des Kapitalismus: „Der Mehrwert affiziert, d.h. irrationalisiert den Wert (und damit auch Ware und Geld) notwendig.“ (S. 97) Der Automatismus der Kapitalakkumulation entwickelt sich daher aus der hieraus entspringenden nichtidentischen Identität des Werts, der nun dazu gezwungen ist, sich via Aneignung von unbezahlter Arbeitszeit auf sich selbst zu beziehen. (ebd.)
Anders als die ISF und Bruhn jedoch postulieren, beharrt Maul deshalb auf einen vormals rationalen Wertbegriff, der zwar als Bedingung der Möglichkeit eines irrationalen fungiert, gleichwohl sich in Gegensatz zu diesem befindet. Wird andernfalls die Geschichte des Wertes zur Historie der Unvernunft verklausuliert, bestehe die Tendenz, den „Irrationalitätsbegriff zu verwässern“ (S. 150) und damit unnötig die vielleicht schärfste Munition der theoretischen Ideologiekritik aus der Hand zu geben.
Die Inhalte der Vollendungsbedarfe markiert Maul daher an zwei wesentlichen Punkten: Erstens soll ein intentionaler, nicht-substantialistischer Begriff des Wertes gewonnen werden, dessen Vorteil darin läge, als vorkapitalistische „Kontrastfolie“ (S. 35) zu dienen. Zweitens muss die ‚Ware Arbeitskraft‘ als genau das desavouiert werden, was sie ist, nämlich ideologisches Schmiermittel einer auf Gewalt und Unvernunft beruhenden Gesellschaft, das sich – wenn auch zunächst in kritischer Absicht – bereits als ‚variables Kapital‘ in die Marxsche Terminologie eingeschlichen hat. (Vgl. S. 84 f.)
Maul zieht dann hieraus auch die „letztmöglich positive Erkenntnis (wenn auch) negativen Gehalts über den Wert“ und diese „ist die Denunziation seines zynisch-irrationalen sowie realparadoxen Charakters, mündend in die praktische Forderung, ihn aus der Welt zu schaffen“ (S. 37) – m.a.W.: die Forderung nach der sozialen Revolution.

III.

Mindestens ein blinder Fleck allerdings findet sich in der sonst glatten Argumentation. Diese zeigen jene Stellen, die den Zusammenhang des vorkapitalistischen Wertbegriffs für den kapitalistischen behandeln und an denen Maul undeutlich wird, wie etwa in Folgendem: „[S]o wird erst der Kapitalismus einer Realverkehrung […] sowie Verrückung der gesellschaftlichen Praxis in sich selbst zu Durchbruch und Vollendung verhelfen, die womöglich von Beginn an in Warentausch und Geld angelegt war“ (S. 64).
Denn was genau am Warentausch rational, was irrational war, wie eine Verwebung des in der Antike auf privater Produktion, aber ebenso auf Ausbeutung beruhendem Werts zustande kam (vgl. Maul, Thomas: Wert und Wahn I, S. 26 ff.), wie sich dadurch die Entfaltung des Geldes in Bewegung setzt und womöglich (oder notwendig?) die Genese eines gesellschaftlichen Bedürfnisses nach sog. ursprünglicher Akkumulation und Profitstreben vorantreibt, bleibt zumindest an diesen Stellen dunkel.
Hinzu kommt, dass die Thesis der Intentionalität des Wertdenkens, liest man die Vollendung vor dem Hintergrund der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer, nicht ganz einleuchten will. Gerade die wesentlichen gedanklichen Bestimmungen der Allgemeinheit und Notwendigkeit, die auch der Wert trägt, sind hiernach zur Reduktion der konkreten Arbeitszeit auf abstrakte schon vorausgesetzt. M.a.W.: Bevor der Wert, auch der vorkapitalistische, gedacht werden kann, muss man überhaupt rational denken können. Entsprechend der Dialektik der Aufklärung sind die dafür konstitutiven Kategorien aber schon ab ovo verdinglichte Strukturen, ausgestattet mit einem gewissen Eigenleben, mithin herrschaftsvermittelt.

IV.

Man kann Mauls explizit politischen Äußerungen (bspw. auf Facebook) deshalb folgendermaßen verstehen: Gegen allerlei tatsächlich vorhandene Irrationalität und Ideologie des linken Mainstreams werden die Ideale und damit Versprechen der sich konstituierenden bürgerlichen Gesellschaft in Anschlag gebracht, da diese nicht lediglich „die reale Unfreiheit, Ungleichheit und Herrschaft“ (S. 92) verschleiern, sondern eben „auch utopisch über das Faktische hinaus[weisen]“ (ebd.).
Dazu muss Maul dem „Geld und Wert“ (S. 45) eine durch den Souverän garantierte „bedingte historisch-reale Rationalität und Positivität zusprechen“ (ebd.). Fortan kann der sich auch im Kapitalismus gedanklich widerspiegelnde einfache Warentausch als ein Refugium der Vernunft gelten, das durch die Souveränität des Staats abgesichert wird. (Vgl. Wert und Wahn I, S. 44) ‚Restvernunft‘ zeichnet demnach all das aus, was dem Verfall des Transzendenten widerspricht.
Es drängt sich allerdings die Frage auf, warum, wenn man schon in Sachen Kommunismus streitet, als Antwort Politik und Souveränität goutiert wird? Schließlich gelte es, die Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft endlich praktisch zu verwirklichen und nicht ewig an ihrer vermeintlichen Aufbewahrung zu tüfteln, oder: um es mit den Worten des Genossen Bruhn zu sagen, die er damals, lange bevor man sich bei der Bahamas vom Wort (oder Begriff?) des Kommunismus verabschiedete, an Wertmüller richtete: „Was es gibt, das sind Kommunisten, die, eben weil sie dies sind, der Nation die Pest an den Hals wünschen. Wenn Justus Wertmüller statt dessen Politik treiben möchte, dann soll er das bitte offen aussprechen.“ (Kritik, Polemik, Dampframme)
Selbst dann noch, wenn zugegeben wird, dass Revolution auf kurze Sicht nicht ansteht, ist gar nicht verständlich, wie es nach der „Charakterveränderung des Werts“ (S. 98) noch möglich sein soll, den Irrsinn vermeintlicher Glücksversprechen von ihrem Transzendierenden zu unterscheiden.
KritikerInnen stehen damit im Verdacht, sich von den Verhältnissen selbst dumm und irre machen zu lassen, die sie bekämpfen wollen.
Weil einerseits das Spannungsfeld zwischen Begriff und Wirklichkeit bürgerlicher Gesellschaft anhand des Kapitals aufgezeigt und andererseits tendenziell zugunsten der die Begriffe erzeugenden Wirklichkeit aufgelöst, d.h. das Tappen in die Falle der Politisierung (Der Theoretiker ist der Wert, S. 97 et passim) und das sich Arrangieren mit dem Dasein als citoyen – Maul ahnt den Vorwurf voraus (vgl. S. 48) – nachvollziehbar wird, ist Das Kapital vollenden eine lesenswerte Lektüre.

Vom gemeinsamen Starren auf die Endgeräte

Pascal / Gefährderpotential: unbekannt / Ethnie: weiß / Interessen: Punk, Science-Fiction, linke Politik / rezensiert hier das neue Buch von Sybille Berg.

…also die Handlung: Don, Karen, Hanna und Peter finden sich als Heranwachsende in einem neoliberalen Großbritannien der nahen Zukunft für kurze Zeit in einer WG zusammen, um in einem verlassenen Gebäude bei London zu leben und dort Dinge zu tun, die ich dann doch hinter einem Spoiler-Tag verbergen müsste. Aber sowas gibt‛s bei diesen Offline-Medien, die auf Papier gedruckt werden ja nicht. Danach trennen sich ihre Wege wieder.
Eigentlich ist es aber nicht besonders fair mit dieser Beschreibung an ein solches Buch heranzugehen. Erstens gibt es neben der Haupt-Storyline diverse Nebenfiguren und Geschichtchen, an die sich die Autorin im Vorbeierzählen heranzoomt, um so einen sezierenden Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu werfen. Und zweitens ist hier offensichtlich nicht die Handlung der Star, sondern die Art und Weise mit der der dystopische Gesellschaftsentwurf dargestellt wird – vor allem auch sprachlich.
„Das ist die Geschichte von / Don / Gefährderpotential: hoch / Ethnie: unklare Schattierung von nicht-weiß / Interessen: Grime, Karate, Süßigkeiten / Sexualität: homosexuell, vermutlich / Soziales Verhalten: unsozial / Familienverhältnisse: 1 Bruder, 1 Mutter, Vater – ab und zu, aber eher nicht / Sie beginnt in Rochdale. / Fucking Rochdale. Ein Ort, den man ausstopfen und als Warnung vor unmotivierter Bautätigkeit in ein Museum stellen müsste.“
Noch die größten Abscheulichkeiten werden trocken, knapp und völlig emotionslos beschrieben. Die Figuren werden im Telegrammstil mit eher zufälligen Attributen eingeordnet, um anschließend in kurzen Abschnitten mit noch kürzeren Sätzen ihre Geschichten weiterzuspinnen. Gerade diese kalte entemotionalisierte Sprache führt aber zu einer sicher beabsichtigten Wahrnehmung: Was den Einzelnen hier widerfährt erscheint nicht wie individuelle, schreckliche Geschehnisse, sondern wie der gesellschaftliche Normalfall. Ein beschissenes Leben am Rande des Unerträglichen ist nicht die Ausnahme und auch nicht selbstverschuldet, sondern die Regel. Lesbar bleibt das Buch durch das trotz aller Aussichtslosigkeit durchscheinende Augenzwinkern. Unter anderem beinhaltet der Text einige versteckte Botschaften in der namensgebenden esoterischen Programmiersprache Brainfuck.
Damit habe ich ein wenig vorgegriffen. Wenn hier vom Unerträglichen im Zukunftsentwurf der Autorin die Rede ist, meint das folgendes: Die ökonomische Nutzlosigkeit von Großteilen der Bevölkerung führt zu einer Einstufung eben dieser Menschen als überflüssig. Das bedeutet permanente Überwachung, Gängelung, Entmündigung, Beschäftigungszwang mit bürokratischem Unsinn unter ständiger Androhung des Entzugs von minimalen Lebensgrundlagen wie Wohnraum und Gesundheitsfürsorge. Dazu kommen offener Rassismus, allgegenwärtige sexuelle Übergriffe, Hass auf Frauen, Minderheiten und grundsätzlich jegliche sich anbietende Andersartigkeit. Selbst die gesellschaftlich Nutzlosen hegen die Hoffnung, noch jemand unterhalb der eigenen gesellschaftlichen Stellung zu finden den man, ohne Sanktionen befürchten zu müssen, beschissen behandeln kann. Klingt furchtbar, kommt aber auch irgendwie seltsam bekannt vor.
Der wohl erschreckendste Aspekt des Zukunftsentwurfs ist die auf die Spitze getriebene Individualisierung. Bis auf wenige Ausnahmen handeln die Menschen, ohne sich für die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen auch nur zu interessieren. Dieses Desinteresse am jeweils Anderen zieht sich bis in die Kleinfamilien und (sexuellen) Beziehungen durch. Der Hauptantrieb sich mit anderen Menschen überhaupt abzugeben ist die Hoffnung daraus irgendeinen Vorteil zu ziehen oder es „zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtseigenschaften“ kommen zu lassen – die Einvernehmlichkeit spielt dabei oft eine untergeordnete Rolle. Das führt zur absoluten Unfähigkeit aller handelnden Personen sich irgendwie sinnvoll über einen längeren Zeitraum zusammenzuschließen, um sich den Widrigkeiten der Gesellschaft gemeinsam zu widersetzen.
…also eine klassische Dystopie? Irgendwie schon, aber: Auf den ersten Blick entspricht das geschilderte Menschenbild dem in vielen Endzeit-Apokalypse-Geschichten populären „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ (siehe z.B. Cormac McCarthy – Die Straße). Anders als in diesen Dystopien, die das konkurrenzorientierte und nur auf Eigeninteresse beruhende Verhalten der Menschen in eine nachzivilisatorische Ära verlagern und damit nahelegen, dass dies das „natürliche“ Verhalten der Menschen ist, findet hier die Handlung aber in einer nahen Zukunft statt, die sich nicht so stark von der Gegenwart unterscheidet. Viele Handlungsfetzen orientieren sich an Ereignissen, die vor kurzem durch die Nachrichten geisterten. Die Stadt Rochdale wurde nicht zufällig als Ausgangsort der Handlung gewählt; die Beschreibungen der Amokläufe junger frustrierter Männer und deren Motivation lassen einem im Angesicht der jüngsten Anschläge in Christchurch oder auch Halle die Haare zu Berge stehen. Die „freiwillige“ Überwachung der Bevölkerung, die Unmöglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe ohne ein „Endgerät“, die Zerstörung der Lebensgrundlagen auf diesem Planeten, um ökonomischen Gewinn zu erwirtschaften, das Beitragen aller gesellschaftlichen Schichten zur Aufrechterhaltung der Unterdrückungsmechanismen.
Damit funktioniert der Zukunftsentwurf einerseits als Warnung vor dem, wozu bestimmte Haltungen und Tendenzen unserer gegenwärtigen Gesellschaft in ihrer Konsequenz führen können. Und in Bezug auf das geschilderte Menschenbild ergibt sich daraus auch ein wichtiger Unterschied zu den oben erwähnten Endzeit-Apokalypsen: Das nur am eigenen Interesse orientierte Verhalten der Handelnden erklärt sich nicht dadurch, dass „Menschen eben so sind“, sondern durch eine Gesellschaft, die ihnen ein solches Verhalten nahelegt oder aufzwingt. Somit ist auch die Stoßrichtung der Warnung der Autorin wohl nicht einfach: „Verhaltet euch doch bitte nicht so schlecht zueinander“, sondern eher: „Sorgt dafür, dass die zukünftige Gesellschaft nicht wie eine Zuspitzung der jetzigen aussieht“.
…also lesen, erschrecken, nachdenken und handeln! Am besten in der richtigen Reihenfolge.

Einblicke in deutsche Verhältnisse – Eine Rezension

Über ‘68, die Rote Armee Fraktion als eine ihrer Folgen und Ulrike Meinhof als zentrale Akteurin wurde viel geschrieben, doch gute Lektüre dazu zu finden, ist nicht leicht. Dori empfiehlt Peter Brückners ‚Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse‘.

Im Jahr 2018 blickte die deutsche Linke auf 50 Jahre ‘68 zurück. ‘68 steht dabei als Chiffre für eine Vielzahl von Entwicklungen, die sich um die Sudierendenproteste dieser Zeit zentrieren und einen Höhepunkt vorangegangener Entwicklung darstellen, sowie sie den Ausgangspunkt für weitere markieren. Während die Auseinandersetzungen dazu vielfältig sind, scheint das sprechen darüber, dass die 60er Jahre auch eine terroristische Variante hervorgebracht haben, etwas schwieriger. Die wohl bekannteste dieser Terrorgruppen war die Rote Armee Fraktion (RAF), eine ihrer zentralen Akteurinnen Ulrike Meinhof.
Meinhof war Journalistin, bevor sie sich 1970 an der Befreiung Andreas Baaders aus dem Knast beteiligte und zusammen mit ihm und anderen in den Untergrund abtauchte. Dies gilt als Geburtsstunde der RAF, als deren Teil sie bis zu ihrer Verhaftung 1972 an mehreren Anschlägen beteiligt war. Will man etwas über ihre Person oder die RAF erfahren, gibt es mittlerweile eine große Auswahl an Publikationen zu diesem Thema. Noch in den 70er Jahren musste jede den Vorwurf der Sympathie und Unterstützung der terroristischen Taten der RAF fürchten, der sich nicht systemkonform dazu äußerte. Zehn Jahre währte das daraus resultierende Schweigen, bis Stefan Aust mit dem Buch ‚Der Baader-Meinhof-Komplex‘ das auch heute noch bekannteste Werk zur RAF verfasste. Damit legte er einen „leicht verdaulichen Abenteuerroman und spannenden Krimi“, vor, so das scharfsinnige Urteil Klaus Bittermanns, der die Ereignisse der damaligen Zeit zum „abendfüllenden Unterhaltungsgegenstand“ machte; „[w]as die Leser nämlich an dem Buch so fasziniert, sind die engen Samthosen Baaders, mit denen er in einem palästinensischen Ausbildungslager rumrobbte.“ Ein weiteres, einige Jahrzehnte später erschienenes Buch dazu, das sich breiter Beliebtheit erfreute, war die Biografie Ulrike Meinhofs von Jutta Ditfurth, welche Joachim Bruhn bei der Vorstellung seines Buches ‚Rote Armee Fiktion‘ treffend als Kolportage, als Terror-Soap bezeichnete, die noch hinter das Niveau bürgerlicher Geschichtswissenschaft zurückfalle. Auch die zahlreiche Lektüre von Bettina Röhl – einer der beiden Töchter Meinhofs – sollte man sich besser ersparen, möchte man nicht in das Geschichtsbild einer Frau eintauchen, die Feminismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. Die Möglichkeiten, sich dem Thema zu nähern sind also schlecht und zahlreich.
Einen anderen als oben genannten Zugang zum Thema wählt Peter Brückner in seinem Buch ‚Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse‘. Mit dem kurz nach Meinhofs Tod veröffentlichten Buch verfasste er keine Biografie Meinhofs, keinen Abenteuerroman über die RAF, sondern – so Ulrich K. Preuß im Vorwort des Buches – „ein[en] Essay darüber wie Ulrike Meinhof in den deutschen Verhältnissen umkam.“ Vom Verlag eigentlich als Zusammenstellung zentraler Texte Meinhofs mit einem Vorwort Brückners angefragt, fungieren die Texte von Meinhof eher als Leitfaden, die, politisch kontextualisiert, ein Bild jener Verhältnisse zeichnen, die die Journalistin schließlich dazu bewegten, in die Illegalität abzutauchen, um den bewaffneten Kampf zu führen. Dies als einer ihrer Umbrüche in ihrem Leben gefasst, hält Brückner fest: „Diese Umbrüche bildeten sich heraus in der Auseinandersetzung mit dem ‚Klassenfeind‘: sie resultieren aus jahrelangem Handgemenge, aus Versuch und Irrtum … Darum wird die Hinwendung zur Biografie eines Menschen aus dem Lager der ‚Historischen Alternative‘ immer etwas dezentrierendes haben müssen.“ So wurde aus dem Buch eine Beschreibung der deutschen Verhältnisse der damaligen Zeit.
Anhand einer Vielzahl von Quellen beschreibt der Autor dabei die innenpolitische Lage der BRD. So hat es bereits in den 50er Jahren eine einsetzende Gleichsetzungstendenz der öffentlichen Meinung gegeben, die sich zur Zeit der großen Koalition in Entpolitisierung artikulierte; und zwar durch

„[d]ie Verdrängung politischer Sachdiskurse zugunsten von Personalfragen (‚neue Köpfe‘), die Unterordnung politischer Meinungsverschiedenheiten unter ein alle Personen ergreifendes Ziel.“
Meinhof,konkret 1966

Aufgezeigt wird eine Verschärfung der innenpolitischen Lage: die Diskussion und Verabschiedung der Notstandsgesetze, der Ausbau des Apparates der inneren Sicherheit und verschärfter Repression gegen Randgruppen und Widerständler; stets begleitet vom Dogma des Antikommunismus, einhergehend mit der Remilitarisierung der BRD: Beitritt zur NATO, Einführung der Wehrpflicht und Bestreben der atomaren Rüstung. Die Neue Restauration mit offener Gewalt, von der der Mord an Benno Ohnesorg den traurigen Höhepunkt darstellt, veranlasste die Linke schließlich dazu, die Verhältnisse der BRD unter Faschismusverdacht zu stellen. Brückner weist dies begründet zurück, hält aber ebenso fest: „Ein Faschismusverdacht entsteht selten ohne Grund. Es ist nützlich, sich wenigstens an einige der Anlässe zu erinnern“. Indem er eben dies tut, vermittelt er einen lebhaften Eindruck der damaligen Situation, der ein Großteil der Linken und auch Ulrike Meinhof, ohnmächtig gegenüber standen. Sie hält fest,

„… daß gegen die Repression, mit der wir es hier zu tun haben, Empörung keine Waffe ist. Sie ist stumpf und so hohl. Wer wirklich empört ist, also betroffen und mobilisiert ist, schreit nicht, sondern überlegt sich, was man machen kann.“
Meinhof, letzte Texte

Ohnmacht kennzeichnete dabei auch die Konfrontation mit den Berichten des Grauens in Vietnam.
Die Frage des ‚Was tun?‘ trieb u.a. die Akteurinnen und Teilnehmer des Vietnamkongresses 1968 in Westberlin um. Die im Buch in Teilen dokumentierte Schlusserklärung des Kongresses fordert auf zur Bildung „eine[r] zweite[n] revolutionäre[n] Front gegen den Imperialismus in dessen Metropolen“. Hier setzt sich – auch das wird mit Quellen aufgezeigt – ein Verständnis der internationalen Lage durch, vor dem u.a. Rudi Dutschke auf dem Kongress gewarnt hatte, nämlich die „abstrakte Negation verschiedener Widerspruchsebenen“, die Verwischung der Unterschiede der Situation in der BRD zu Vietnam zugunsten der Einsicht der Einheit in der Unterdrückung durch Kapitalismus und Imperialismus.
Sowohl im Faschismusverdacht als auch im Urteil Vietnam sei überall, zeigt Brückner eine Abstraktion von konkreten historischen und politischen Bedingungen in der politischen Analyse der Linken und Meinhofs auf. Die Kritik, die diese Bedingungen zum Gegenstand machen sollte, wird dadurch exterritorial, ist den Bedingungen des täglichen Lebens enthoben; sie wird abstrakt, die an ihr orientierte Praxis idealistisch.
Nun hat die RAF die Situation in der BRD nicht fälschlich als revolutionär eingeschätzt, vielmehr wollte sie durch ihr Agieren eben jene revolutionäre Situation herbeiführen.

„Das praktische revolutionäre Beispiel ist der einzige Weg zur Revolutionierung der Massen, die eine geschichtliche Chance zur Verwirklichung des Sozialismus beinhaltet …. Wir müssen also einen Angriff unternehmen, um das revolutionäre Bewußtsein der Massen zu erwecken.“
RAF, 1971

Von totaler Entfremdung umgeben, sei die revolutionäre Bewegung dabei zeit- und ortlos. Sie könne an nichts innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft anknüpfen und müsse sich selbst hervorbringen. Die Selbstkonstruktion sei nicht nur Entstehungsbedingung der revolutionären Bewegung, sondern auch der Akteure als Revolutionärinnen in ihr, die die Komplizenschaft mit dem System nur durch den totalen Bruch mit ihm aufkündigen könnten.

„Wer begriffen hat, was in Vietnam los ist, fängt allmählich an, mit zusammengebissenen Zähnen und einem schlechten Gewissen herumzulaufen; fängt an zu begreifen, daß die eigene Ohnmacht diesen Krieg zu stoppen, zur Komplizenschaft wird mit denen, die ihn führen“.
Meinhof, konkret 1967

So gelangt Brückner letztlich zu dem Schluss: „Die Abstraktionen Ulrike M. Meinhofs enthalten zutreffende Beobachtungen, Ergebnisse einer schmerzhaften Selbstanalyse, richtige Schlußfolgerungen und Theoreme, aber die Weise, wie die Autorin sie zusammenrafft und interpretiert, ein wahrer ‚Amoklauf an Abstraktionen, Analogien, Verkürzungen und Extrapolationen‘, mach sie falsch.“ Ob nicht tatsächlich etwas Falsches schon in der Beobachtung liegt, lässt sich aus den nur fragmentarisch wiedergegebenen Texten schwer nachvollziehen. Damit bleiben auch eventuelle Widersprüche in der Interpretation Meinhofs durch Brückner unaufdeckbar. Es lohnt insofern ihre Texte als Korrektiv heranzuziehen, und auch auf politische Inhalte zu befragen, denn diese bleiben im Werk unbeleuchtet. Dass es dem Autor nicht darum geht, die politische Ausrichtung der RAF zu thematisieren, sondern die deutschen Verhältnisse, die Meinhofs Entscheidungen beeinflussen, mag über diesen blinden Fleck hinwegsehen lassen. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die sich aufdrängende Frage nach dem Antisemitismus der RAF ungestellt bleibt. Wenn Brückner gegen Ende des Buches nicht nur Parallelen im Motiv der Ort- und Zeitlosigkeit zu palästinensischen Terrorgruppen zieht, sondern deren Agieren damit erklärt, legt er dahingehend allerdings eine andere Antwort nahe – nämlich diesen nicht wahrzunehmen oder gar als handlungsanleitend zu begreifen.
Das Buch ist damit nicht dazu geeignet, sich ein Bild der politischen Orientierung der RAF zu verschaffen, ebenso wenig wird man Einblicke in den persönlichen Werdegang Meinhofs erhalten. Es bleibt (nur) das, was es beansprucht zu sein: die Darstellung deutscher Verhältnisse, unter denen Ulrike Meinhof wirkte. Doch gerade als das ist es eine gelungene Zusammenstellung und Kontextualisierung von Zeitdokumenten, die die politische Lage der 50er und 60er Jahre anschaulich vermitteln und so eine gute Möglichkeit, sich dem Thema RAF und Ulrike Meinhof zu nähern.

„Unter Weißen“ und „Rhythm and Blues“

Karl Meyerbeer hat trotz antirassistischer und antideutscher Alltagsorientierung alle Privilegien, die mit einem weiß/deutschen Hintergrund verbunden sind und rezensiert zwei antirassistische Bücher von Autoren, die von Rassismus betroffen sind.

Was passiert, wenn man nicht ganz biodeutsch aussieht und sich im Sommer der Migration an einem Bahnhof aufhält? Helfer_innen stürzen sich auf jemanden, den sie retten können, um sich am Ende selbst auf die Schulter zu klopfen. Mohamed Amjahid ist Sohn marokkanischer Gastarbeiter_innen und arbeitet als Journalist bei der ZEIT. In seinem neu erschienenen Buch „Unter Weißen“ berichtet er darüber, was passiert, wenn man in Deutschland als anders gesehen wird. Denn obwohl er als Journalist am Münchner Hauptbahnhof war, wurde er dazu genötigt, eine mitgebrachte Seife in Empfang zu nehmen, denn „Soap is good“ – so die besagte Helferin, die einfach nicht kapieren wollte, dass Amjahid (wahrscheinlich ebenso wie die meisten ankommenden syrischen Flüchtlinge) etwas anderes wollte als ausgerechnet Seife. In seinem Buch „Unter weißen“ nutzt Amjahid Anekdoten, um Zusammenhänge zu verdeutlichen. Dabei belässt er es nicht dabei, den Paternalismus von Gutmenschen zu illustrieren. In 10 Kapiteln erklärt er verschiedene Aspekte von Rassismus – das schon angesprochene Othering, rassistische Sprache, Diversity als Standortfaktor, den diskursiven Trick der Mehrheitsgesellschaft, sich der Argumente von Roberto Blanco zu bedienen, um Rassismus zu rechtfertigen. Dabei belässt er es nicht bei kulturellen und sprachlichen Formen, sondern bespricht auch Ressourcen, die Deutsche durch ihren Pass besitzen – unkomplizierte Reisefreiheit in 177 Staaten – und spart in einem Kapitel über die Macht weißdeutscher Männer in Redaktionsstuben auch sein journalistisches Umfeld nicht aus. Auch ein Blick auf die Klassenfrage kommt vor, wenn er illustriert, wie Rassismus als Unterklassenproblem thematisiert wird, um den Blick auf die rassistischen, dummen, ALG2-beziehenden Ossis das Selbstbild der vermeintlich nicht rassistischen Eliten aufrecht zu erhalten – die MDR-Berichterstattung über den Rassismus in Erfurt-Nord lässt grüßen. Alles in allem versteht man als Weißer nach der Lektüre besser, wie Rassismus klassenspezifisch unterschiedlich artikuliert wird, dass die rassistische Erfahrung aber nicht aufhört, wenn die mustergültige Integration dank Karriere eigentlich gelungen sein sollte.

Einen gänzlich anderen Blick auf das Thema nimmt Nelson George ein. Sein Buch „R&B“ erzählt laut deutschsprachigem Titel „die Geschichte der schwarzen Musik“. Im US-amerikanischen Original heißt das Buch „Der Tod des Rhythm & Blues“, was besser die immer wieder verschieden ausbuchstabierte Grunderzählung trifft: Ob Blues, Jazz oder Soul, innovative Musik entsteht in armen, schwarzen Subkulturen und wird irgendwann von einer weißen Musikindustrie aufgegriffen, materiell enteignet und kulturell dem Massengeschmack angepasst. Mit dieser zweigleisigen Erzählung hat das Buch das Potential, den Blick auf das im deutschsprachigen Kontext vor allem als Problem der Anerkennung diskutierte Phänomen der Cultural Appropriation zu erweitern. Cultural Appropriation meint die Aneignung von kulturellen Codes durch die Mehrheitsgesellschaft. Um ein Beispiel aus der Lebenswelt der Leser_innen dieses Blattes zu nennen: Wenn ein Iro in der Bank-Werbung Ausdruck von Hipness ist, während die Punks auf dem Anger von Gewerbetreibenden vertrieben werden sollen, ist das zweifellos ungerecht. Andererseits wäre es genauso schlimm, wenn die Punks vertrieben würden, wenn die Bankwerbung nach wie vor mit Seitenscheitel daher käme. Nelson George erzählt die Geschichte der kulturellen Aneignung materialistisch. Nicht die Vermischung von kulturellen Formen ist sein Hauptproblem, sondern die Beobachtung, dass eine weiße Musikindustrie sich die kulturellen Formen, die aus armen und schwarzen Sozialräumen kommt, aneignet und damit jede Menge Kohle macht, während die Erfinder_innen mittellos bleiben. Dass die kulturellen Formen dabei so modifziert werden, dass sie ein weißes Mittelklassepublikum ansprechen konnten, erscheint dabei als Mittel zum Zweck. Das Geschäftsgebaren schwarzer Labels und auch die kulturellen Formen des Hip-Hop (das Bling-Bling, das extrovertierte Darstellen von materiellem Reichtum) hat vor diesem materiellen Hintergrund eine ganz andere Dimension. Es illustriert: „Schaut her, wir haben es auch geschafft“. Aber nochmal zurück zum Buch: George bietet eine Geschichte US-amerikanischer schwarzer Musik von 1900 bis 1987. Neben dem Grundthema der kulturellen Aneignung werden auch verschiedene Strategien schwarzen Überlebens in einer rassistischen Gesellschaft besprochen. In allen historischen Phasen schildert George die Konflikte zwischen den Assimilationisten, die im Business der Mehrheitsgesellschaft mitspielen wollten und denen, die eigene schwarze Strukturen aufbauen. Wo er schildert, wie schwarze Labels sich – teilweise im Schulterschluss mit der Bürgerrechtsbewegung – autonom organisiert haben, um gegen die weiße Dominanz vorzugehen ist „R & B“ teilweise ein Stück Bewegungsgeschichte. Dazu gehören für ihn aber auch erfolgreiche Strategien, selbstbewusste schwarze Musik im Mainstream zu positionieren. George zeigt, dass beide Strategien Erfolge erzielen, aber auch scheitern können. Im Fazit einer 80jährigen Geschichte von Enteignung argumentiert er vorsichtig dafür, eher autonome Strukturen aufzubauen, sich unter Unterdrückten über die eigene Lage klar zu werden und sich gemeinsam „kulturelle Waffen“ anzueignen. Hier liegt auch der Unterschied zu Amjahid, der am Ende auf die Möglichkeit einer Einstellungsänderung bei weiß/deutschen Leser_innen hofft.

Beide Bücher zeigen ein grundlegendes Machtverhältnis der Gegenwartsgesellschaft aus der Perspektive der Betroffenheit. Dabei gehen sie von Erfahrungen materieller und kultureller Ungleichheit aus, die so thematisiert werden, dass sich theoretische Befunde mittlerer Reichweite ergeben. Vor allem sind sie deswegen wichtig, weil sie nicht bei der Beschreibung und moralischen Verurteilung stehen bleiben, sondern auf Veränderung setzen – das aber auf unterschiedliche Arten und Weisen. „R&B“ kann auf einer Metaebene als Diskussion verschiedener antirassistischer Strategien verstanden werden. Amjahid unternimmt (nicht als erste Person of Color) die schwierige und oft undankbare Aufgabe, weiß/deutsche Leser_innen aufzuklären. Wer besser verstehen will, auf welchen Ebenen weiße Privilegien wirken, sollte sein Buch lesen. Wer sich für schwarze Musik interessiert, „R&B“ aber nicht lesen will, kann stattdessen die Serie „The Get Down“ gucken. Die ist u.A. von Nelson George produziert, beginnt zeitlich da, wo „R&B“ endet: sie illustriert die zentrale Message des Buches am Beispiel der Entstehung des Hip-Hop.


Nelson George. R&B. Die Geschichte der schwarzen Musik. 278 S., 15,00€

Mohamed Amjahid. Unter Weißen: Was es heißt, privilegiert zu sein. 188 S., 16,00€

The Get Down. Bei Netflix oder dem Downloadportal deiner Wahl. 11 Folgen von 53-93 min.

Über die Zeitlichkeit begrenzter Sicht – Liv Strömquists Vulva-Comic „Der Ursprung der Welt”

Jede_r sollte diesen Comic lesen, meint Dora Grün. Sie empfiehlt die von Liv Strömquist gezeichnete Kulturgeschichte der Vulva, die den entfremdeten Blick auf den eigenen Körper in Frage stellt. Das Buch ist ein Angriff auf die begrenzte Sicht.

Eine Comicrezension braucht Bilder. Die verblüffende Vulva-Kulturgeschichte der schwedische Zeichnerin Liv Strömquist erzählt Geschichte(n) wie diese:
Strömquist zeigt Bilder der Vulva, die es zu anderen Zeiten und an anderen Orten einmal gab. Ihr Comic zeigt Bilder, die die Vulva als eines von vielen Körperteilen und als ein geschätztes Körperteil zeigen. Was ja auch die an jeder Wand prangenden Penisbilder tun.
Strömquist gibt Wissenschaftler, die versucht haben, die Herrschaft über andere Körper zu übernehmen der Lächerlichkeit preis. Und sie verblüfft ihre Leser_innen. Sie spielt mit dem, was wir sehen können – und doch nicht sehen, weil sich immer wieder etwas „Vor-Gesehenes“, ein gesellschaftlich geprägter Blick wie ein Bildschirm vor die Wahrnehmung des eigenen Körpers schiebt. Natürlich sehe ich meinen Körper mit eigenen Augen, aber das vor-gesehene Wissen aus Bio-Büchern, Zeitschriften und Internetquellen kann ich kaum abstreifen.
Die feministische Filmwissenschaftlerin Kaja Silverman unterscheidet mit dem Begriff des Vor-Gesehenen, was wir physisch wahrnehmen (look) und was der gesellschaftlich geprägte Blick (gaze) uns nahelegt, zu sehen. Sie spricht von einem Blick-Regime, einer Führung und Herrschaft durch Bilder.

Liv Strömquists Comic zeigt, wie sich Bilder von Scham und Schmutz vor andere Bilder der Vulva geschoben haben. Sie dokumentiert nicht, sie übernimmt die Regie. Sie zeigt, wie die Welt aussehen würde, wenn sie nicht bestimmt hätten und andere gewonnen hätten. Über die veränderte Rückschau arbeitet sie vorausschauend (präfigurativ). Sie gibt besserwisserische Mediziner und Denker der Lächerlichkeit preis und sie schenkt Frauen* und den feministischen Bewegungen, die noch kommen, Zeit, Raum und andere Bilder.

Die Zeichnerin Liv Strömquist, die auch Radiomoderatorin und Aktivistin ist, sagt von sich selbst, sie habe den Comic gezeichnet, um ihre eigene Ahnungslosigkeit zu überwinden. Sie wollte die soziale Unsichtbarkeit, Banalisierung und Dämonisierung „weiblicher Geschlechtsorgane”, die Mythen über die Menstruation und die Story rund um prämenstruelle Hormonschwankungen (PMS) verstehen. Herausgekommen ist ein rasantes, witziges und überraschendes Buch. Immer wenn man denkt, „so sieht es aus”, wartet Strömquist mit noch einer Story auf, die zeigt, wie Männer* sich den Frauen*körper aneigneten, wie der weibliche Orgasmus verzichtbar wurde und wie prämenstruelle hormonelle Schwankungen zwar dazu taugten, Frauen Vernunft und Intellekt abzusprechen, aber nicht dazu, dass man sagte, „dass Frauen zu viel mit ihren Kindern schimpfen, weshalb es besser sei, dass Männer mit den Kindern zuhause blieben und Frauen arbeiten gingen.“

Liv Strömquist, die sich auf auf Punk, Kathleen Hanna und DIY bezieht, erzählt in einem Interview von einem Abend, an dem ein älterer Comic-Zeichner ihr sagte, er möge keine Zeichnerinnen, weil in ihren Arbeiten „nur die Menstruation” vorkomme. 10 Jahre später habe sie dann die Graphic Novel über das Thema gemacht, „weil es niemand getan hat.”
Strömquist findet bei ihrer Arbeit am Comic heraus, dass erst 1998 „nach Jahrtausenden von Jahren wirklich grottenschlechter Forschung“ die australische Medizinerin Helen O’ Connell die Größe der Vulva realistisch abbildete. Und dass obwohl „die Sex-Industrie das bereits seit einiger Zeit weiß. Man muss sich nur das Sexspielzeug auf dem Markt ansehen, um festzustellen, dass es nicht designt ist, um einen kleinen Punkt am oberen Teil der Vagina zu berühren. Es ist dazu gemacht, um einen größeren Bereich zu stimulieren”, so Fiona Patten, die Sprecherin des australischen Sex-Industrie-Dachverbandes Eros Association.

Strömquists Buch zeigt, dass es an anderen Orten und zu anderen Zeiten ein breiteres Bild der Vulva gegeben hat. Sie führt die Irrtümer der Geschichte vor, montiert Text-Bildirritationen, illustre Ahnengalerien mächtiger alter Männer und ihnen entgegentretende trotzige Frauen*.
Der Comic verblüfft, denn er überführt unsere viel zu kleinen Erwartungen. Er spielt mit der „Zeitlichkeit der Unterdrückung“ und transportiert nicht nur alt-neue Geschichten, sondern vergrößert die eingeschränkte Sicht. Er macht so aus Unterdrückung etwas mehr Geschichte. Das Buch ist witzig, es macht klug und es zeigt ein Feuerwerk von Taktiken der Befreiung. Lasst es euch nicht entgehen.

Strömquist, Liv (2014): Der Ursprung der Welt. Avant-Verlag, Berlin, 19,95 Euro.

Integrationsverweigerung im Hörsaal

Die Gesellschaft für analytische Philosophie fragt: „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“ Karl Meyerbeer hat den gleichnamigen Sammelband gelesen und ist mit den Antworten nicht zufrieden: Kein einziger Beitrag beantwortet die Frage, wie viele Flüchtlinge die Gesellschaft für analytische Philosophie aufnehmen soll.

Dass Barrieren von Klasse, Sprache und Recht dazu führen, dass die Hörsäle, Institute und Redaktionen der Akademie in Deutschland so weiß, deutsch, männlich und bürgerlich besetzt sind, wie kaum irgendwo anders auf der Welt, wird schlichtweg ignoriert. Statt dessen geht es – auch wenn das Vorwort mehr Möglichkeiten aufzählt – über 150 Seiten in neun Beiträgen vor allem um ein nationales Kollektiv und dessen Probleme: „unser europäisches Selbstverständnis“, „unser Sozialstaat“, letztlich: „unser Land“.

Aber in welchem Land leben die AutorInnen? Matthias Hösch lebt in einer Gesellschaft, in der öffentliche Diskurse und Mehrheitsentscheidungen die Berücksichtigung der Interessen Aller sicherstellen. Marie-Luisa Frick – die einzige Autorin – lebt in Innsbruck unter der unbarmherzigen Knute eines „repressiven Humanismus“, in dessen Namen alle, die nicht bei der „Willkommenskultur“ mitmachen, als Rassist beschimpft werden. Vermutlich ist die FPÖ das letzte Bollwerk gegen diese Diktatur der Gutmenschen. Wo Norbert Paulo lebt, ist die Aufnahme von Flüchtlingen bislang weitgehend gut und menschlich verlaufen. Dass in Laufweite zum Bundestag Flüchtlinge im vergangenen Winter im Freien ausharren mussten, weil das Berliner Landesamt für Soziales und Gesundheit nicht in der Lage war, mehr als vier Sachbearbeiter_innen für die Registrierung zu bestellen, trübt diesen Eindruck nicht. Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, wenn die Philosoph_innen einige Tage im Lager verbracht hätten, wo man jeden Tag Toastbrot mit Käseeckchen bekommt und nachts Angst haben muss, dass der Deutsche Mob die Bude anzündet. Es hätte auch gereicht, diese Zustände zur Kenntnis zu nehmen. Aber Bezüge auf die kritische Migrationsforschung oder anderen Quellen einer Empirie von Flucht und Migration kommen in keinem Beitrag vor. Auch globale Ungerechtigkeit und der Zustand, dass immer mehr Menschen auch im globalen Norden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden, wird nur in wenigen Beiträgen ausreichend gewürdigt. Die Philosoph_innen leben in einem liberalen Wohlfühlland, in dem der bürgerliche Staat dem Kampf aller gegen Alle ein wirksames Regulativ entgegengesetzt hat und alle gemeinsam aushandeln, wie die Gesellschaft aussieht. Dieser Status Quo soll mit Hilfe der Philosophie verteidigt werden.

Was man in der Parallelgesellschaft der analytischen Philosophie nur ganz am Rande mitbekommen hat, ist, dass das „Wir“ der meisten Menschen in Deutschland schon lange eines ist, zu dem Fluchterfahrung dazu gehört. Menschen wie diejenigen, deren Eltern in den 1980er-Jahren vor der Militärdiktatur in der Türkei geflohen sind, gehören in vielen Segmenten der Gesellschaft längst zum „Wir“ dazu – auch wenn sie durch das restriktive Staatsangehörigkeitsrecht oft nicht die Möglichkeit haben, ihre Interessen zu vertreten. In Großstädten hat mittlerweile jedes zweite Kind Eltern oder Großeltern, die nicht in Deutschland geboren sind. Diese banale Tatsache wird nur von einem Beitrag im Sammelband gewürdigt.

Dass ansonsten nicht unbedingt schlechte, aber eben nur scheinbar grundsätzliche Argumente fast ausschließlich in Bezug auf einen national beschränkten Rahmen vorgebracht werden, zeigt, dass die analytische Philosophie vor weiteren gesellschaftspolitischen Publikationen vor allem eins braucht: einen Integrationskurs in eine Gesellschaft, in der echte Kartoffeln zum Glück bald in der Minderheit sein werden.

Rezension: Herzl Reloaded

Jeder & Jede, der oder die sich mit Israel in irgendeiner Form beschäftigt, hat wahrscheinlich seinen Namen schon einmal gehört bzw. gelesen: Theodor Herzl. Das wohl berühmteste politische Manifest zur Gründung Israels, Der Judenstaat, erschien 1896 als Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, wie es im Untertitel auch heißt. Es dauerte indes gut 50 weitere Jahre bis Israel gegründet wurde. Herzl war allerdings nicht genuin Politiker, sondern Literat und so verwundert es nicht, dass sein Roman Altneuland die Vision des Judenstaates versuchte, konkret auszumalen. 2016 ließen Natan Sznaider und Doron Rabinovici nun ihre Reflexion über Herzls vermeintlich verwirklichten Traum beim Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag herausgeben. Max Unkraut, aktives Mitglied der Sozialistischen Jugend – Die Falken, rezensiert in Folgendem den Titel Herzl reloaded.

Auf die angesprochene Vermeintlichkeit des Herzl’schen Traumes verweist schon der Untertitel des Werkes: Kein Märchen. Einerseits, so könnte man deuten, sei der Traum von Jüdinnen und Juden nach nationaler Selbstbestimmung als Schutz vor dem Antisemitismus real geworden – Israel existiert heute. Andererseits wird während des Lesens recht schnell klar, dass Israel für die Autoren nicht das happy end der Leiden der Jüdinnen und Juden ist, so wie Herzl es in Altneuland sich vorstellte. So wie zwischen Idee und Realität, utopischem Roman und politischer Kampfschrift changieren auch Sznaider und Rabinovici im Laufe ihres Gespräches. Während der fiktive Emailverkehr reelle Begebenheiten vermittelt und eigentlich zwischen drei Personen –zusätzlich Herzl – stattfindet, reduziert sich der Dialog auf die Kontrapositionen von Sznaider und Rabinovici. Darin nimmt Ersterer die eher pessimistisch-realistische Position des desillusionierten Tel Avivier Soziologen ein, der er sicher wirklich auch ist. Ebenso real wird auch die Stellung Rabinovicis sein, die ein wenig naiv-idealistisch daherkommt und als klar linke zu bezeichnen ist, was sich auch biographisch an seiner (ehemaligen?) Mitgliedschaft bei Hashomer Hatzair – den israelischen Falken sozusagen – ableiten lässt.
An diesen beiden konträren Sichtweisen arbeitet sich die Reflexion des gegenwärtigen Israels ab und, was hier wichtig zu erwähnen ist: aus jüdischer Sicht. Darum ist gewiss die Diskussion, die der Text bereitstellt, eine Suche nach jüdischer Identität. Es wird freilich auch der arabische Fokus vorgestellt, so, wie es für (proto-)linke jüdische Israelis zum guten Ton gehört: bald ist der arabische Mitbürger oder (wenn man ihn mit gutem Willen und schlechtem Gewissen so zu nennen vermag) Palästinenser unterdrücktes Opfer der rassistischen rechten Regierung, bald ist er schlicht antisemitischer Terrorist. Auf Grundlage dessen wird eine Ein-, Zwei- und sogar Keinstaatenlösung diskutiert, wobei Letztere aber im Geiste ewiger Staatlichkeit und damit nur als Gedankenkonstruktion typisch bürgerlichen Kosmopolitismus verhaftet bleibt, d.i. vom Staate unabhängige Individualität wird hier konstituiert durch einen Vielvölkerstaat, oder zeitgemäßer: eine multikulturelle Gesellschaft, indem sich die durch spezifische Religionen, Ethnien, usf. sozialisierten Einzelnen an ihren Widerständen reiben und so ein authentisches Ich herausbilden. Simmel, der recht früh als Szaiders Lieblingssoziologe erinnert wird, ist hier deutlich herauszulesen.
Ein prinzipielles und sehr konkretes Problem dieser für kapitalistische Gesellschaften noch am erstrebenswertesten Ideologie ist, dass Sznaiders Idee, angeblich übereinstimmend mit Herzls Traum, Israel theoretisch abschafft. Denn hierin gleicht das Bollwerk der Jüdinnen & Juden mehr einer romantischen Idee US-amerikanischer Provenienz, bei der die Besonderheit der antifaschistischen Identität zwischen jüdischem Staate und seiner Gesellschaft eliminiert wird. Sznaider ist zwar nicht so wahnsinnig zu behaupten, diese gründende Funktion Israels sei obsolet. Allerdings ist die Tendenz dorthin frappierend dann, wenn der antisemitische Vernichtungswille der Palästinenser, des Iran usf. schlicht zu religiösen Konflikten bagatellisiert und gar Auschwitz als Legitimationsgrundlage geschickt negiert wird.
Es mag verwundern, dass die Rezension bisher eher Szaiders Argumentation nachging als Rabinovicis. Nicht nur an dem (zumindest gefühlt) höheren Textanteil des Ersteren ist dieser Umstand gebunden, sondern auch daran, dass Rabinovici gegen die kühle Metasicht Sznaiders nicht ankommt. Der gnadenlose Humanismus des Literaten, der noch stärker dem Geiste Herzls und seinem Heimatort Wien mit den Bohème-Kaffehäusern nachhängt und es sich darum so viel eher ausnehmen kann, phantasievoll über Möglichkeiten der israelischen Gesellschaft zu philosophieren als die politischen Überlegungen Sznaiders, scheitert eben an dieser unhaltbaren Wirklichkeit. Obschon Rabinovici seine Gedanken sicher nicht ganz an dieser Realität vorbei bestimmt, sind ihm doch die Lösungsansätze recht einfach zu bestimmen: Menschenrechte für alle zur Geltung bringen, den Arabern einen Staat geben und alles sei geregelt. Gegen diese sachwidrige Reduktion des ganzen Tohuwabohus der besonderen sozialen Verhältnisse legt Sznaider sein Veto ein, was jedoch merkwürdig ist. Schien es doch zuerst so, als sei die Besonderheit des Staates Israel von diesem abgesprochen, so wird sie endlich durch den Verweis auf die Kompliziertheit dieser Gesellschaft wieder hereingeholt.
Das Durcheinander oder Hin und Her des Judenstaates zeichnet sich also im Laufe des Buches selbst ab und könnte eine eigentümliche Dialektik andeuten. Nicht nur ist das Zwiegespräch typisch griechisch im Sinne seiner etymologischen Herkunft: διάλέγειν, sondern auch bemerkenswerte miteinander verwobene Umschwünge kommen hierin zum Vorschein: religiöser Mythos der Erlösung manifestiere sich in der jüdischen Staatlichkeit, aber ein Judenstaat könne gelingend bloß säkular existieren, menschenrechtlicher Universalismus sei der Besonderheit der israelischen Bevölkerungsgruppen unangemessen, dagegen realisiere sich das Individuum in einer liberalistisch-partikularisierten Gesellschaft nicht, usf. Es ist dies Oszillieren einer der interessantesten Aspekte des Werkes.
Diese Bewegung findet auch in der Signifikanz, d.i. der Bezug zwischen Fiktion und Realität ihren Niederschlag. Es werden zwar tagespolitische Themen Israels immer wieder aufgegriffen, doch unklar bleibt, in welchem Verhältnis sie zur künstlerischen Zuspitzung stehen. Einmal wird konstatiert, die rechte Regierung kranke an einer Paranoia und man bekäme dadurch das Gefühl, die israelische Gesellschaft stände mitten in einer Generalmobilisierung. Doch schon einen oder zwei Sätze später stellt man klar und reflektiert, dass man selbst vielleicht übertreibe. Emphatisch müsste man indes zugeben, dass durch die tragische Form, also mittels Übertreibung, das alltägliche Leid seinen adäquaten Ausdruck findet. Dann würde aber auch – wieder ein Umschlag innerhalb der Geschichte! – die Fiktionalität von Rabinovici realitätsgetreu und wiederum Sznaiders Realismus naiv. Die recht klare Intention einer Bestandsaufnahme oder eines Abgleiches zwischen jüdischem Traum und israelischer Wirklichkeit sprengt daher förmlich die Grenze zwischen Phantasie und Sosein vermittels der literarischen Form.
Dementsprechend großräumig gestaltet sich der Inhalt. Es werden viele große jüdische Themen angesprochen: Antisemitismus, BDS, Diaspora, Erlösung, Iran, ISIS, Kibbuzim, Palästinenser, Sozialismus, USA usw. und viele große Autoren erwähnt: Theodor Wiesengrund Adorno, Hannah Arendt, Judith Butler, Moses Hess, Karl, Kraus, Karl Marx usf. Gleichzeitig wird diesen jedoch nur wenig Platz zur Erläuterung eingeräumt, so dass ein bestimmter Gedankenkreis immerhin hervorscheint.
Auf Grund dieser Unbestimmtheit, nämlich zu definieren, was jüdische Identität in und durch Israel heute sei, entspringt ein essayistischer Schreibstil, der flanierend das versucht an Schaufenstern der Geschichte sich zu betrachten, was politisch zu gebrauchen ist und hierin liegt ganz sicher der größte Reiz und Widerspruch des Buches. Sznaiders dementierender Vorwurf an Rabinovici, dieser sehe Israel, wie damals noch Herzl, im Wiener Kaffehausflair, wird so selbst zum politischen Gespräch über die Möglichkeiten und Träume der israelischen Gesellschaft, das bei Café und Konfa gut in einem Bistro am Strand von Tel Aviv hätte stattgefunden haben können.


Rabinovici, Doron/ Sznaider, Natan: Herzl Reloaded. Kein Märchen, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2016, 19,95 Euro, 207 Seiten.

Das ist keine Kunst. Wir sind eine Gang.

Viele haben sie schon gesehen, gehört und mit ihnen gefeiert: AbstinenZx lassen es mit „In dieser Heimat kein zuhaus“ ordentlich krachen. Warum sie mit ihrer Musik ins Mark treffen, es dabei nie um Kunst geht, sondern um uns, will Franzie zeigen.

Es kommt immer mal vor, dass Leute sagen, „Ey, mach mal dieses Geschrei aus!“ – nach der Stille und kurzem Geraschel weil jemand meinen mp3-Player abgestöpselt hat, folgt irgendein Gedudel, das ich echt nicht ertragen will. Dann bleibt der berüchtigte Blick in die Flasche, der Griff zur Betäubung. Dementsprechend sieht mich manch einer nicht gern an der Bedienung von Audiogeräten. Mit AbstinenZx hat sich jedoch eine Band gefunden, die verschiedene Musikgeschmäcke zusammenbringt. Auch wenn ich normaler Weise erstmal die Nase rümpfe, wenn scheinbar plötzlich viele Leute eine Band mögen – die auch noch eingängige Melodien spielt – geht das hier ganz und gar nicht. Meine Erklärung: Die Punkrock-affine linke Szene, die mich umgibt, besteht aus kaputten Menschen und deshalb trifft AbstinenZx nicht nur wenige Herzen.

Beschissenes Land, beschissenes Leben und außer ein paar Narben ist mir nichts geblieben. (…) So wie es ist, kann es nicht bleiben.“

Kaltland ist mit dem Willkommens-Singsang auf die „trains of hope“ und Kackstadt mit Initiativen wie „Erfurt lacht“ nicht erträglicher geworden. Unser Alltag besteht nicht im Kampf um Krieg und Elend zu entfliehen, wir kämpfen gegen die Scheiße, die das für andere nötig macht und die Zustände, die das Leben hier unerträglich machen und das ist nicht wenig. Das Gefühl der Ohnmacht und die tatsächliche sind im Alltäglichen wie auch in politischen Kämpfen präsent. Steigt der Zivi vom Fahrrad und holt seine Bullencrew ran, um euch kleinzumachen? Lachen die Bullen dir ins Gesicht, wenn du dich darauf berufst, was der Rechtsstaat dir eigentlich zusichert? Glotzen die Leute dich schief an, weil dein Bier auffloppt oder du ’nen Dübel rauchst? Selbst an der Krämerbrücke fällt man nun mit nicht knöchelfreier Hosenwahl auf.

Ihr habt Angst um eure Arbeit, ihr habt Angst um euer Geld, ihr habt Angst um eure Zeit, um eure kleine heile Welt.

Es gibt keine heile Welt, um die wir uns sorgen. Viele von uns kennen keine heile Welt, auch wenn manch eine einzelne Zeitabschnitte wie frühste Kindheit oder die berüchtigte Punkerjugend im Rückblick verklärt und idealisiert. Woran knüpfen wir an, um weiterzumachen, nicht aufzugeben oder uns doch zeitweise dem hinzugeben, keinen Bock mehr auf die Scheiße zu haben? Es ist der Schmerz, das Leiden an dem was ist und was war. Das ist kein blabla, das ist keine Kunst: AbstinenZx machen Musik, die mir vertraut ist, weil in ihr Melancholie und Verzweiflung liegen, die in vielen Momenten von einer tiefgreifenden Wut beflügelt ausschlagen.

Mit Aggressionen gehen Leute verschieden um, viele richten sie nach außen, viele nach innen. Wie es sich anfühlt, Aggressionen nur schwer nach außen tragen zu können und welche Folgen das für den eigenen Zustand hat, kann man beim Hören von AbstinenZx erahnen. Das verrückte daran ist, dass darin soviel Kraft liegt, dass ich damit nicht allein bleiben kann oder will. Warum die beiden Jungs zusammen Musik machen und eben diese Musik, das weiß ich nicht, aber ich bin echt froh, dass sie es tun. Denn in Einsamkeit kann man eben doch gemeinsam sein. „Ihr seid keine Fans, wir sind eine Gang!“ rappen Zugezogen Maskulin und das ist es, was ich empfinde.

Ich besaufe mich mit Wut

Manchmal ertrage ich es nicht, meide die Musik und ein andermal will ich mit meiner Gang zusammen feiern. Ja, so ist es: Wir brauchen Krach, wir brauchen ein Ventil für Wut, Verzweiflung. Manchmal hilft nur Punkrock, um nicht allein zu sein. Wir entwaffnen uns selbst, wenn wir aufgeben, wir allein bleiben – auch wenn das subjektive Moment des Widerstands, das sich destruktiv gegen das eigene Selbst richtet, erstmal befriedigend wirkt.

Wir sind verschieden, aber kaputt sind wir alle, doch sehen tut man das selten.


Achtung: Grad gibt’s die Scheibe „In dieser Heimat kein Zuhaus“ wieder auf CD, es wird jedoch gemunkelt, dass auch bald eine Vinyl-Pressung vorgelegt wird. Juhu!

Mittelmeerromantik

Karl Meyerbeer hat sich eine Schallplatte der Kellerasseln angehört und angesehen.

Mittelmerromantik: am Strand liegen, in der Sonne baden, aufs Wasser schauen – sein, nur sein, statt einem Zweck zu folgen. Auf dem Titelbild der gleichnamigen Schallplatte ist vor dem Hintergrund des Meeres grauer Bodenbelag und eine Reling zu sehen. Vielleicht ein Ufer, vielleicht ein Schiff, auf jeden Fall sehr aufgeräumt und gerade. Am Rand stehen drei Gestalten und schauen aufs Wasser. Vor allem die mittlere Gestalt ist kräftig, sie steht breitbeinig da. Ist das Mittelmeerromantik oder hält sie ein Fernglas in der Hand und sucht das Wasser nach feindlichen Schiffen ab? Auf der Rückseite der Platte sehen wir ein überfülltes Schlauchboot im weiten Meer.

Mittelmeerromantik: „Die einen fahren gemütlich in den Urlaub nach Süden und die anderen ersaufen beim Versuch, ein bisschen Glück im Norden zu erhaschen.“

Die drei Gestalten auf dem Plattencover sind Uwe, Steppl und Keller von der Punkband Kellerasseln. Als ich zum ersten Mal eine Schallplatte von den Kellerasseln aufgelegt habe, ist mir nicht aufgefallen, dass ich den Plattenspieler hätte auf 45 Umdrehungen pro Minute stellen müssen. Auch mit 33 UpM ist die Musik wahnsinnig schnell, dauern die Lieder nur eine Minute. Live ist das sehr beeindruckend – die Spannung zwischen dem hochkonzentriert um sich schlagenden Schlagzeuger und dem aggressiv schreienden Keller wirkt körperlich auf mich. Weil man die Texte nicht versteht, werden Textblätter ausgeteilt.

Mittelmeerromantik: Auch in der neuen Schallplatte gibt es Textblätter, Text- und Bildblätter. Die Kellerasseln in einer wilden Küstenlandschaft, vor einer Kathedrale, in einer Burgruine, in einer orientalisch anmutenden Stadt. Wie kommen die drei eigentlich raus aus der privilegierten Lage, gemütlich im Urlaub zu sein? Materiell kommen sie natürlich gar nicht raus. Sie haben alle Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, nicht „im falschen Land geboren“ zu sein. Aber sie legen über die Grundierung ambivalenter Bilder eine Textur aus Wut und Kritik: „Arme Eltern oder im falschen Land geboren? Scheißegal, hier sind wir alle gleich. Los geht’s, in die Hände gespuckt, hier ist jeder sein eigenes Produkt. […] Manche müssen sich eben ein bisschen mehr anstrengen, um so gleich zu sein wie die anderen.“

Warum klingen Redebeiträge, die Leistungsideologie und Rassismus in einen kapitalismuskritischen Rahmen stellen dagegen so langweilig? Noch ein Beispiel: „Rums – 150 Tote auf einen Schlag und leider auch noch die falschen. […] Dabei war das noch nichtmal die falsche Entscheidung, denn in Deinem Job gibt es keine richtigen.“ So kommentiert eine Punkband die Opfer eines Bundeswehr-Oberst klüger als 100 Politiker_innen. Die Kellerasseln waren eine Art Hausband des ehemals besetzten Topf & Söhne-Gelände in Erfurt, auch das wird auf der Platte verhandelt: „Ein paar Jahrzehnte Verdrängung und jetzt gibt’s Erinnerungsorte, Museen und Guido Knopp. Das reicht dann aber auch für die Rückkehr zur Normalität. Nationalstolz, Exportweltmeister und Weltmacht und mit gutem Gewissen lässt sich‘s auch besser Krieg führen. Aus Auschwitz lernen, heißt moralisch Siegen lernen.“ Wer Hardcore-Punk mag, wird die Musik mögen. Einer, der sich damit auskennt, meinte: „Trümmerpogo fasst es eigentlich ganz gut“. Ich schaue mir die Bilder an, stelle die Platte ins Regal und freue mich beim nächsten Konzert wieder darüber, mit wie viel Reflexion und Kritik die Wut und Aggressivität der Kellerasseln verwoben ist.


Alle Zitate aus der 7‘‘ „Mittelmeerromantik“ der Kellerasseln, erhältlich über Trümmerpogo oder Sengaja Records.

Anarchismus mit Fußnoten

Vor Blogsport und Facebook, vor Myspace und Geocities und sogar vor CompuServe und AoL kamen die amtlichen Informationen vom Nachrichtenmann in der Tagesschau und einer überschaubaren Menge von Zeitungen, die das politische Spektrum der im Bundestag vertretenen Parteien abdeckten, dazu die verhasste BILD. Die radikale Linke setzte angesichts dessen auf Gegeninformation. Zeckige Heftchen in kleiner Auflage wurden im Westen über den Kopierer gezogen oder in der Uni-Druckerei gedruckt, im Osten mit Wachsmatritzen hektografiert und unter ungleich schwierigeren Bedingungen hergestellt. Autonome Demos waren behelmt und martialisch und eben eine solche Demo ist auf dem Titelbild des „Anarcho-Infoblatt Jena“ (AIB) abgebildet. Jemand freut sich über ein neues Zeckenheftchen aus Jena.

Die erste Ausgabe des Anarcho-Infoblatt Jena (AIB) stellt einen programmatischen Text zu „Samizdat- und Zine-Kultur, Untergrundpresse und Gegeninformation“ an den Anfang. Gegeninformation ist demnach auch in Zeiten, in denen Nazis aus den falschen Gründen die Presse beschimpfen nötig, weil „die Medien nicht, wie der liberale Mythos uns glauben machen will, dazu da sind, die Menschen interessensfrei zu informieren“. Stattdessen sind sie „den Interessen von Staat und Kapital verpflichtet“ – was nicht unbedingt ein bewusster Prozess sein muss, sondern oft genug daran liegt, dass die Journalist_innen den ideologischen Blick mit ihren Leser_innen teilen. Wenn die Linke sich auf das Spiel einlässt und sich abrackert, um 7 Sekunden Sendezeit zu bekommen, verschafft sie damit einem zentralen Instrument der demokratischen Gewaltenteilung Legitimität – oft noch um den Preis, völlig verkürzt oder entstellt dargestellt zu werden. Die großen linken Medien hingegen haben sich vom Blick auf Basisbewegungen und militanten Kämpfen weitgehend verabschiedet und bewegen sich professionell glatt zwischen Kommerz und Akademismus.

So argumentiert das AIB und stellt dagegen den „Aufbau einer breiten und diversen lokalen Gegeninformationsstruktur“, in der „Selbstorganisierungsprozesse, Kämpfe und Widerstände“ diskutiert und in die Breite getragen werden sollen. Mit diesem Selbstverständnis liegen die Genoss_innen wahrscheinlich nicht weit weg von dem, was auch die Lirabelle will.

Das AIB wird anonym hergestellt und vertrieben. In der gesamten DDR und auch zu bestimmten Zeiten der BRD-Geschichte war die Anonymität der Schreibenden die Voraussetzung dafür, überhaupt radikal kritische Inhalte zu diskutieren, an vielen Orten der Welt ist sie es auch heute. Was in der ersten Ausgabe geschrieben steht, ist für Anarchist_innen interessant, müsste aber nicht anonym veröffentlicht werden: Aufrufe zu Demos und Kundgebungen, Solidaritätsnoten für politische Gefangene, ein Bericht über die anarchistische Szene in Griechenland Ende der 2000er-Jahre, ein Artikel über Anarchafeminismus und eine kurzer Text über Kämpfe von Geflüchteten. Aber es ist gut zu wissen, dass das AIB eine Infrastruktur aufbaut, die nicht so einfach von der Justiz oder einem unzufriedenen Mittelgeber abgestellt werden kann.

Auch was die Gestaltung angeht, erinnert das AIB an die Zeiten, als man den Text in die Schreibmaschine hackte. Im Unterschied zum AIB waren viele der historischen Untergrundheftchen trotz einfachster Produktionsmittel sehr liebevoll gestaltet, mit Zeichnungen, typographischen Spielereien oder einzeln bemaltem Einband. Das bietet das neue Heft nicht, der altertümliche Look besteht nur darin, dass die Schrifttype an Schreibmaschinenlettern erinnert.

Die Abgrenzung zu bürgerlichem und professionellem Getue endet da, wo (wie auch in der Lirabelle) der studentische Habitus durchscheint: Auf 23 Fußnoten bringt es das Heftchen, die letzte ist eine Quellenangebe zu einem Liedtext der Punkband „Pisse“.

Unbenommen davon ist es eine Freude, dass der Geist der anarchistischen Zine-Kultur wieder anonym befeuert durch den Kopierer rattert. Ich bin gespannt auf die nächste Ausgabe.