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Intersektionalität –eine Politik der Sprechakte?

Hermine Danger verwehrt sich einer Politik der Sprechakte, wie sie häufig Vertreter*innen der Intersektionalität praktizieren. Das Benennen bzw. Aussprechen bestimmter Worte wird schon einer Handlung gleichgesetzt. Sie ist nicht gegen eine intersektionale Analyse von Unterdrückungsmechanismen, sondern gegen eine Symbolpolitik, die sich Intersektionalität auf die Fahne schreibt.

Die Online-Kommunikation hat noch nie einer so großen, breiten und kritischen Öffentlichkeit unterstanden, in der die Akteur*innen jedes Wort auf die (Moral-)Waage legen. Je nach Prüfungsstand werden harsche Urteile über die Sprechende*n und auch nach theoretischem Unterbau über den Ort des Sprechens, gefällt. Positiv lässt sich hieraus ein scheinbar größeres öffentliches Interesse am politischen Geschehen ableiten, ermöglicht durch den Zugang zu technische Medien, die uns befähigen 24/7 auf allen Kanälen präsent zu sein und nichts zu verpassen. So weit, so gut.

Rutscht der Finger doch schneller gedacht auf den Absenden-Button und schickt die kurz überlegte Antwort raus in die Welt, erhitzen sich die öffentlichen Gemüter derart, als würde es um ihr eigenes Leben gehen, was da auf dem Prüfstand steht. Ob Beatrix von Storchs geistreichen Einfall, auf Flüchtlinge zu schießen und diesen Gedanken dann auch noch zu veröffentlichen tatsächlich ein Versehen war, wage ich zu bezweifeln. 2017 wurde der Begriff Fake News im DUDEN aufgenommen, alternative Fakten weichen ernsthafte Diskussionen in schwammiges Gerede auf, in dem am Ende jeder friedlich mit seiner eigenen Meinung nach Hause geht und weder eine Diskussion, noch ein Dialog stattgefunden hat. Wenn Berichte über Menschen mit Fluchthintergrund, die angeblich deutsche Kinder aufessen, was allenfalls als Satire gelten kann, (als welche es sich letztendlich auch herausgestellt hat), die Gemüter höher fahren lässt als der jährliche Bericht über den ansteigenden Antisemitismus in Deutschland, dann lässt das tief blicken in die momentane Informations- und Diskussionskultur und ihre Akteur*innen. So weit, so schlecht.

Wie über die Sprechende*n geurteilt wird, hängt von der politischen Einstellung ab. Inhalte von Kommentarspalten, die sich in ihrer Phantastik kaum noch von echter Fantasy-Literatur unterscheiden und ‚gefühlte Wahrheiten‘ sorgen für einen Freispruch von jedem Zweifel und nicht gerade für ein kritisches Hinterfragen von Fakten.

Rassistische Hetze und sexistische Kommentare tummeln sich in den Social Media Foren und werden als naturgegebene Tatsachen verteidigt. Eine Theorie, die momentan sehr beliebt ist und herangezogen wird, um den unterschiedlichen Diskriminierungsformen nachzugehen, ist die Intersektionalität. Doch was hat Intersektionalität mit Sprechen zu tun? Reichlich wenig. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es eine große Schnittmenge gibt zwischen Vertreter*innen der Intersektionalitätstheorie und Anhänger*innen einer Sprechakttheorie, die Worten eine Handlungsmacht zuschreibt. Ganz so, als wenn man für einen Raum ausspricht, dass dieser frei von Diskriminierungen sei und dann erwartet, dass sich die Wirklichkeit danach auszurichten habe. Für das Vermeiden von Worten mag das vielleicht gehen, aber für die bürgerlich-kapitalistische Bildung und Erziehung, wo Kolonialgeschichte, Frauenunterdrückung und Fanatismus nur als Probleme der Anderen erkannt werden, gilt das nicht.

Die eigene Sozialisation und Erfahrung lassen sich weder durch Sprechverbote, noch durch Schutzräume wegleugnen. Wenn Intersektionalität und die Einforderung eines intersektionalen Feminismus nicht über das bloße Aussprechen dieser Begriffe hinausgeht und das Anhänger*innen darunter dennoch eine Praxis verstehen, als wenn das Sprechen zu einem Sprachhandeln wird und somit nicht nur beschreibend etwas zum Ausdruck gebracht wird, sondern gleichzeitig auch intersektional gehandelt wird. Ursprünglich war Intersektionalität kein Thema eines linken akademischen Milieus, sondern schaffte die Möglichkeit, konkrete Ungleichheitslagen zu benennen, aufzuzeigen und zu einem Politikum zu machen.

All the Women Are White, All the Blacks Are Men, But Some of Us Are Brave

Die Juristin Kimberlé Crenshaw führt den Begriff der Intersektionalität in die Rechtswissenschaft ein und bringt das Beispiel von schwarzen Mitarbeiterinnen in einer General Motors Fabrik in den USA an, die 1976 entlassen worden sind: vor 1964 hat General Motors keine schwarzen Frauen angestellt, alle nach 1970 angestellten Frauen wurden sechs Jahre später entlassen. Diese Frauen reichten vor Gericht eine Klage ein, dass ihre Kündigung sowohl rassistischen, als auch sexistischen Ursachen zugrunde liege. Dass Gericht argumentierte, dass schwarze Frauen keine besondere Gruppe darstellten, die in diesem Spezifikum nur gefasst werden könne, da sie einerseits als Frauen Sexismus erfahren können und als Schwarze Rassismus. Somit stellte das Gericht heraus, dass sowohl Schwarze (Männer), als auch (weiße) Frauen nicht von den Kündigungen betroffen gewesen sind und sie keine besondere Benachteiligung erfahren hätten. Ebenso lässt sich daraus schließen, dass schwarzen Frauen keine Repräsentationsebene gegeben wird: weder können sie Frauen, noch eine afro-amerikanische Gemeinschaft repräsentieren. An diesem Beispiel erläutert Crenshaw, dass eine spezifische Ausdrucksweise und Erfassbarkeit von Mehrfachdiskriminierung vonnöten sei, da sonst die bestimmte Unterdrückungsformen unsichtbar gemacht werden würden, wie die der schwarzen Frauen bei General Motors. Besonders häufig wird die Trias race, class and gender hervorgehoben, die in dem US-amerikanischen Diskurs zur Intersektionalität eine gewichtigere Rolle spielt als im deutschen Diskurs.

Was hat Sexismus mit Rassismus zu tun?

Der Intersektionalität liegt die Feststellung zugrunde, dass Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Rassismus oft gemeinsam auftreten, es hierfür aber in der Theorie noch keine adäquate Repräsentationsform gebe, die eine kritische Auseinandersetzung damit ermögliche. Das Neue daran ist, dass Diskriminierungsformen nicht einfach nur addiert werden, sondern einander beeinflussen, neue Unterdrückungsformen hervorbringen und dass dieser Zusammenhang berücksichtigt werden muss. Damit einhergehend wurden Fragen gestellt wie ‚Wie viel Rassismus steckt in meiner Auffassung von Geschlecht‘ oder ‚Wieviel Sexismus steckt womöglich in meiner Auffassung anderer Kulturen‘ und man versprach sich, diese durch die Erkenntnisse der Intersektionalität besser beantworten zu können.

Zurück zum Hauptwiderspruch?

Zugespitzt betrachtet, scheint mir die Zusammenschau der zwei Diskriminierungsformen stellvertretend für innerlinke Auseinandersetzungen zu stehen: der Zusammenhang von Neoliberalismus und dem Erstarken der Neuen Rechten und damit einhergehend auch ein Rechtsruck, der in vielen europäischen Staaten zu beobachten ist wird momentan viel diskutiert. Das geht mit dem Abbau von Sozialleistungen, dem Rückgang von bezahlbaren Wohnungen, stagnierenden Löhnen, sowie einem offenen und verrohten Rassismus und Sexismus und einer ‚das wird man ja wohl noch sagen dürfen‘-Attitude einher. Analysen, warum Arbeiter*innen, die einst links gewählt und sich gar als Kommunist*innen bezeichnet haben, auf einmal rechts wählen, fallen unterschiedlich aus. Wenn immer mehr Leute die soziale Frage von Rechten zufriedenstellender beantwortet sehen als von Linken, tritt sie als nationale Angelegenheit in den Vordergrund und auf Kosten derer, die nicht in ihr völkisch-nationales Weltbild passen. Eine Argumentation zur Abwendung der Arbeiter*innen von der Linken, die sich auf das Verhältnis von Minderheiten und Mehrheiten stützt um den Rechtsruck zu erklären, besagt, dass die Interessen einer Mehrheit an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden und die Interessen und Kämpfe von Minderheiten in den Vordergrund gedrängt werden und hierbei eher die Rede von einem Kulturkampf, als von einem Klassenkampf, ist. Doch erscheint es mir als zu vereinfacht, den neoliberalen Kurs, den viele Länder einschlagen – ob in Argentinien oder der EU, allein auf ein Versagen der Linken und deren Auseinandersetzung mit Diskriminierungsformen zurückzuführen.

Eine Veranstaltung in Thüringen, die neulich stattgefunden hat, hat ein ähnliches Thema aufgegriffen und fragt: ‚Klassenkampf sticht Antirassismus? Zur Gegenüberstellung von Klassen- und Minderheitenanliegen‘. Die Art und Weise, wie die Frage gestellt ist, lässt vermuten, dass sie mit ‚nein‘ zu beantworten ist. Diese Fragestellung erscheint zunächst widersprüchlich, da ein Kampf gegen die kapitalistischen Verhältnisse, die auf Konkurrenz und Ausbeutung basieren, nicht vor Geschlecht oder Herkunft Halt machen sollte. Letztendlich stehen sich doch zwei unterschiedliche Ansichten gegenüber, wie Gesellschaft und Teilhabe verstanden werden. Die eigene Betroffenheit und das Unverständnis darüber, dass so viele People of Colour tagtäglich Rassismus ausgesetzt sind, treten in den Vordergrund und drängen zu Aktionismus gegen sämtliche Diskriminierungsformen, der jedoch häufig im Individuellen verharrt oder konkrete Personen wie Politiker*innen als Feindbilder erklärt, anstatt sich einer Analyse der gesellschaftlichen Verstrickungen zu widmen. Denjenigen, die sich dem Elend der Verhältnisse auf theoretischer Ebene widmen, kann vorgeworfen werden, dass sie in ihrer Lektüre verhaftet und gefangen bleiben und letztendlich nicht aktiv gegen Unrecht vorgehen.

Intersektionale Praxis und Moralvorstellungen

Das bedeutet keinesfalls, dass eine Analyse der Klassenverhältnisse andere Unterdrückungsmechanismus ausblenden oder verdrängen sollte, auch wenn sie nicht ständig aufgezählt und mitgenannt werden. Es reicht eben nicht aus, im eigenen Aktivismus und in politische Forderungen darin zu verharren, sämtliche Diskriminierungsformen zu benennen und sich allein dadurch auf der richtigen Seite zu wähnen. Das Auflisten von Unterdrückungsmechanismen und das ‚Mitdenken‘ Unterdrückte*r ist noch lange kein tatsächliches Angehen der Probleme. Leuten zu unterstellen, dass sie nicht antirassistisch seien, weil sie sich nicht als intersektional bezeichnen, ist nichts anderes als eine identitäre Praxis, um das eigene Standing innerhalb linker Kontexte zu markieren und andere, die in den meisten Fällen ökonomisch ähnlich situiert sind, auf moralischer Ebene abzuwerten. Der Vorwurf, dass man nur weiße Leute mit akademischen Hintergrund adressiert wird häufig von selbst weißen Gruppen gestellt, die sich ebenfalls mit akademischen Themen wie Intersektionalität und Sprachhandeln beschäftigen.