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Kritik aktueller anarchistischer Praxis in Jena. Teil II

Als Hotspot linksradikaler Politik in Thüringen birgt die anarchistische Szene Jenas auch kritikwürdige Aspekte. Minna Takver widmet sich in zwei Teilen der anarchistischen Strategie und ihrer Auswirkungen. Der erste Teil (veröffentlicht in unserer letzten Ausgabe) beleuchtet Anthropologie und Aktionen, dieser zweite Teil Identifikation und Geschichtskonstruktion. Die Autorin ist Mitglied im Club Communism.

„Historische Tradition und Werte des Anarchosyndikalismus“

Auf den Gegenprotesten zu Fascho‑Demos in black block Kluft herum rennen birgt einen Reiz, dem sich weder Autorin noch Jenaer Anarchist_innen entziehen können: dadurch fühlt man sich als Teil von etwas größerem, es gibt einen Zusammenhang zwischen mir und jeder anderen, die so herum rennt (auch wenn es kaum Sinn macht außerhalb eines konkreten black block). Mit dem hoch gezogenen Tuch über Mund und Nase bin ich anders als die anderen Normalos, ich bin ein Vorschein auf die Zukunft. Dazu bleibt nur zu sagen: hoffentlich nicht!
Nicht nur in Demo‑Aktionen schaffen sich Jenaer Anarchist_innen eine gemeinschaftsstiftende Identität. In ihrer Blase werden Menschen Identifikationsangebote gemacht: es gibt diverse kulturelle Aktivitäten, konsumierbare Waren und die Konstruktion einer fast schon mythischen, heroischen anarchistischen/autonomen/antifaschistischen Geschichte durch Entdeckung immer neuer Held_innen in Jena/er Umland/Thüringen. Dabei dient die Auseinandersetzung mit der eigenen linksradikalen Geschichte nicht dazu, sich ihr Scheitern einzugestehen und aus ihren Fehlern und theoretischen Sackgassen zu lernen. Stattdessen wird im anarchistischen Umfeld für Jena eine historische Kontinuität hergestellt, die letztlich als Legitimation für das heutige Wirken dient, statt Legitimität durch die Vertretung der eigenen Politik herzustellen (die dann freilich sich ihrer gesellschaftlich marginalen Position bewusst sein müsste). Auch durch den engen, solidarischen Bezug auf süd/süd-ost/osteuropäische gegenwärtige anarchistische Praxis wird Identität gemacht, wobei die Schwächen der anderen Anarchismen unsichtbar bleiben. Eine kritische Haltung zu revolutionärer Praxis oder Theoriegeschichte und ihre Transformation sind dabei nicht in Sicht. Die Konstruktion von Gefangenen als einer zu befreienden Gruppe von Unterdrückten, mit denen eine kontinuierliche Zusammenarbeit möglich ist, ist ebenfalls Teil anarchistischer Identität. Selbst wenn Gruppen im anarchistischen Spektrum in einem Staatsbetrieb für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, sind sie trotz ihrer staatlich hoch legalistischen Mitteln (Klagen vor Gericht, angemeldete Kundgebungen) keiner Kritik innerhalb der anarchistischen Szene Jenas ausgesetzt. Daran lässt sich wohl am deutlichsten ablesen, dass die gemeinsame Identität wichtiger ist als die konkrete politische Praxis. Gleiches gilt für die immer wiederkehrende Diffamierung einer so genannten „Staatsantifa“, unabhängig davon, ob sie die Lebensbedingungen von Menschen verbessert oder nicht. Die Gegner von Anarchist_innen und „Staatsantifa“ sind die gleichen: FaschistInnen; aber nur erstere agieren wahrhaft authentisch gegen sie, da sich zweitere mit dem anderen Hauptgegner (Staat) verbünden. Und wieder gibt es keine interne Auseinandersetzung mit dieser zweifelhaften Selbstbeweihräucherung. Die anarchistische Blase Jenas neigt wie alle Blasen dazu szene- und/oder subkulturförmig zu werden und sich damit gegen Kritik abzuschließen. An dieser Stelle drängt sich die unbeantwortete Frage auf, wie Solidarität mit noch lebenden und bereits verstorbenen Menschen aussehen kann, die für die Emanzipation streiten/stritten, ohne dass es in Verklärung dieser Menschen abdriftet? Diese Frage betrifft nicht nur Anarchist_innen. Weiter steht die Frage im Raum für wen ein solches Identitätsangebot attraktiv ist: In Jena gibt es eine enge Verknüpfung des größeren anarchistischen Dunstkreises mit der studentischen Lebensrealität, die weitgehend abgekoppelt ist von der Freizeit- und Lohnarbeits-/Schulrealität des Rests der Gesellschaft. Dabei herrscht die bereits erwähnte Mentalität von „GANZ ODER GAR NICHT“ vor, welche sich mit dieser Lebensrealität einfacher vereinbaren lässt. Leider lässt sie sich nach dem Ende des Studiums auch einfach wieder ablegen und so wählt der größere Dunstkreis Option 2, der harte Kern Option 1. Eine politische Betätigung größerer Zusammenhänge über die Zeit des Studiums hinaus wird so nicht realisierbar.

Keine Lösung

Aus der identitätsstiftenden Blase heraus gibt es gelingende Kooperation mit und gegenseitige Unterstützung von verschiedensten nicht‑anarchistischen linksradikalen Menschen und Gruppen in der Kleinstadt Jena. Resigniert lässt sich vermuten, dass das aus der eigenen Schwäche der anarchistischen Blase und einem Mindeststandard linker Politik resultiert. Die Sorge bleibt, dass die Anarchist_innen uns im Stich lassen, wenn sie stark geworden sind, weil wir keine Anarchist_innen sind. Die Stärke der anarchistischen Szene in Jena ist ihre Aktivität. Ihre Schwäche die geringe Selbstkritik. Ihre Gefährlichkeit der kompromisslose Hunger nach Widerspruchslosigkeit. Mit der Kritik daran verbindet sich die Hoffnung, dass doch noch alles für alle gut wird, denn eine andere Lösung hat die Autorin nicht.

Einblicke in deutsche Verhältnisse – Eine Rezension

Über ‘68, die Rote Armee Fraktion als eine ihrer Folgen und Ulrike Meinhof als zentrale Akteurin wurde viel geschrieben, doch gute Lektüre dazu zu finden, ist nicht leicht. Dori empfiehlt Peter Brückners ‚Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse‘.

Im Jahr 2018 blickte die deutsche Linke auf 50 Jahre ‘68 zurück. ‘68 steht dabei als Chiffre für eine Vielzahl von Entwicklungen, die sich um die Sudierendenproteste dieser Zeit zentrieren und einen Höhepunkt vorangegangener Entwicklung darstellen, sowie sie den Ausgangspunkt für weitere markieren. Während die Auseinandersetzungen dazu vielfältig sind, scheint das sprechen darüber, dass die 60er Jahre auch eine terroristische Variante hervorgebracht haben, etwas schwieriger. Die wohl bekannteste dieser Terrorgruppen war die Rote Armee Fraktion (RAF), eine ihrer zentralen Akteurinnen Ulrike Meinhof.
Meinhof war Journalistin, bevor sie sich 1970 an der Befreiung Andreas Baaders aus dem Knast beteiligte und zusammen mit ihm und anderen in den Untergrund abtauchte. Dies gilt als Geburtsstunde der RAF, als deren Teil sie bis zu ihrer Verhaftung 1972 an mehreren Anschlägen beteiligt war. Will man etwas über ihre Person oder die RAF erfahren, gibt es mittlerweile eine große Auswahl an Publikationen zu diesem Thema. Noch in den 70er Jahren musste jede den Vorwurf der Sympathie und Unterstützung der terroristischen Taten der RAF fürchten, der sich nicht systemkonform dazu äußerte. Zehn Jahre währte das daraus resultierende Schweigen, bis Stefan Aust mit dem Buch ‚Der Baader-Meinhof-Komplex‘ das auch heute noch bekannteste Werk zur RAF verfasste. Damit legte er einen „leicht verdaulichen Abenteuerroman und spannenden Krimi“, vor, so das scharfsinnige Urteil Klaus Bittermanns, der die Ereignisse der damaligen Zeit zum „abendfüllenden Unterhaltungsgegenstand“ machte; „[w]as die Leser nämlich an dem Buch so fasziniert, sind die engen Samthosen Baaders, mit denen er in einem palästinensischen Ausbildungslager rumrobbte.“ Ein weiteres, einige Jahrzehnte später erschienenes Buch dazu, das sich breiter Beliebtheit erfreute, war die Biografie Ulrike Meinhofs von Jutta Ditfurth, welche Joachim Bruhn bei der Vorstellung seines Buches ‚Rote Armee Fiktion‘ treffend als Kolportage, als Terror-Soap bezeichnete, die noch hinter das Niveau bürgerlicher Geschichtswissenschaft zurückfalle. Auch die zahlreiche Lektüre von Bettina Röhl – einer der beiden Töchter Meinhofs – sollte man sich besser ersparen, möchte man nicht in das Geschichtsbild einer Frau eintauchen, die Feminismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. Die Möglichkeiten, sich dem Thema zu nähern sind also schlecht und zahlreich.
Einen anderen als oben genannten Zugang zum Thema wählt Peter Brückner in seinem Buch ‚Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse‘. Mit dem kurz nach Meinhofs Tod veröffentlichten Buch verfasste er keine Biografie Meinhofs, keinen Abenteuerroman über die RAF, sondern – so Ulrich K. Preuß im Vorwort des Buches – „ein[en] Essay darüber wie Ulrike Meinhof in den deutschen Verhältnissen umkam.“ Vom Verlag eigentlich als Zusammenstellung zentraler Texte Meinhofs mit einem Vorwort Brückners angefragt, fungieren die Texte von Meinhof eher als Leitfaden, die, politisch kontextualisiert, ein Bild jener Verhältnisse zeichnen, die die Journalistin schließlich dazu bewegten, in die Illegalität abzutauchen, um den bewaffneten Kampf zu führen. Dies als einer ihrer Umbrüche in ihrem Leben gefasst, hält Brückner fest: „Diese Umbrüche bildeten sich heraus in der Auseinandersetzung mit dem ‚Klassenfeind‘: sie resultieren aus jahrelangem Handgemenge, aus Versuch und Irrtum … Darum wird die Hinwendung zur Biografie eines Menschen aus dem Lager der ‚Historischen Alternative‘ immer etwas dezentrierendes haben müssen.“ So wurde aus dem Buch eine Beschreibung der deutschen Verhältnisse der damaligen Zeit.
Anhand einer Vielzahl von Quellen beschreibt der Autor dabei die innenpolitische Lage der BRD. So hat es bereits in den 50er Jahren eine einsetzende Gleichsetzungstendenz der öffentlichen Meinung gegeben, die sich zur Zeit der großen Koalition in Entpolitisierung artikulierte; und zwar durch

„[d]ie Verdrängung politischer Sachdiskurse zugunsten von Personalfragen (‚neue Köpfe‘), die Unterordnung politischer Meinungsverschiedenheiten unter ein alle Personen ergreifendes Ziel.“
Meinhof,konkret 1966

Aufgezeigt wird eine Verschärfung der innenpolitischen Lage: die Diskussion und Verabschiedung der Notstandsgesetze, der Ausbau des Apparates der inneren Sicherheit und verschärfter Repression gegen Randgruppen und Widerständler; stets begleitet vom Dogma des Antikommunismus, einhergehend mit der Remilitarisierung der BRD: Beitritt zur NATO, Einführung der Wehrpflicht und Bestreben der atomaren Rüstung. Die Neue Restauration mit offener Gewalt, von der der Mord an Benno Ohnesorg den traurigen Höhepunkt darstellt, veranlasste die Linke schließlich dazu, die Verhältnisse der BRD unter Faschismusverdacht zu stellen. Brückner weist dies begründet zurück, hält aber ebenso fest: „Ein Faschismusverdacht entsteht selten ohne Grund. Es ist nützlich, sich wenigstens an einige der Anlässe zu erinnern“. Indem er eben dies tut, vermittelt er einen lebhaften Eindruck der damaligen Situation, der ein Großteil der Linken und auch Ulrike Meinhof, ohnmächtig gegenüber standen. Sie hält fest,

„… daß gegen die Repression, mit der wir es hier zu tun haben, Empörung keine Waffe ist. Sie ist stumpf und so hohl. Wer wirklich empört ist, also betroffen und mobilisiert ist, schreit nicht, sondern überlegt sich, was man machen kann.“
Meinhof, letzte Texte

Ohnmacht kennzeichnete dabei auch die Konfrontation mit den Berichten des Grauens in Vietnam.
Die Frage des ‚Was tun?‘ trieb u.a. die Akteurinnen und Teilnehmer des Vietnamkongresses 1968 in Westberlin um. Die im Buch in Teilen dokumentierte Schlusserklärung des Kongresses fordert auf zur Bildung „eine[r] zweite[n] revolutionäre[n] Front gegen den Imperialismus in dessen Metropolen“. Hier setzt sich – auch das wird mit Quellen aufgezeigt – ein Verständnis der internationalen Lage durch, vor dem u.a. Rudi Dutschke auf dem Kongress gewarnt hatte, nämlich die „abstrakte Negation verschiedener Widerspruchsebenen“, die Verwischung der Unterschiede der Situation in der BRD zu Vietnam zugunsten der Einsicht der Einheit in der Unterdrückung durch Kapitalismus und Imperialismus.
Sowohl im Faschismusverdacht als auch im Urteil Vietnam sei überall, zeigt Brückner eine Abstraktion von konkreten historischen und politischen Bedingungen in der politischen Analyse der Linken und Meinhofs auf. Die Kritik, die diese Bedingungen zum Gegenstand machen sollte, wird dadurch exterritorial, ist den Bedingungen des täglichen Lebens enthoben; sie wird abstrakt, die an ihr orientierte Praxis idealistisch.
Nun hat die RAF die Situation in der BRD nicht fälschlich als revolutionär eingeschätzt, vielmehr wollte sie durch ihr Agieren eben jene revolutionäre Situation herbeiführen.

„Das praktische revolutionäre Beispiel ist der einzige Weg zur Revolutionierung der Massen, die eine geschichtliche Chance zur Verwirklichung des Sozialismus beinhaltet …. Wir müssen also einen Angriff unternehmen, um das revolutionäre Bewußtsein der Massen zu erwecken.“
RAF, 1971

Von totaler Entfremdung umgeben, sei die revolutionäre Bewegung dabei zeit- und ortlos. Sie könne an nichts innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft anknüpfen und müsse sich selbst hervorbringen. Die Selbstkonstruktion sei nicht nur Entstehungsbedingung der revolutionären Bewegung, sondern auch der Akteure als Revolutionärinnen in ihr, die die Komplizenschaft mit dem System nur durch den totalen Bruch mit ihm aufkündigen könnten.

„Wer begriffen hat, was in Vietnam los ist, fängt allmählich an, mit zusammengebissenen Zähnen und einem schlechten Gewissen herumzulaufen; fängt an zu begreifen, daß die eigene Ohnmacht diesen Krieg zu stoppen, zur Komplizenschaft wird mit denen, die ihn führen“.
Meinhof, konkret 1967

So gelangt Brückner letztlich zu dem Schluss: „Die Abstraktionen Ulrike M. Meinhofs enthalten zutreffende Beobachtungen, Ergebnisse einer schmerzhaften Selbstanalyse, richtige Schlußfolgerungen und Theoreme, aber die Weise, wie die Autorin sie zusammenrafft und interpretiert, ein wahrer ‚Amoklauf an Abstraktionen, Analogien, Verkürzungen und Extrapolationen‘, mach sie falsch.“ Ob nicht tatsächlich etwas Falsches schon in der Beobachtung liegt, lässt sich aus den nur fragmentarisch wiedergegebenen Texten schwer nachvollziehen. Damit bleiben auch eventuelle Widersprüche in der Interpretation Meinhofs durch Brückner unaufdeckbar. Es lohnt insofern ihre Texte als Korrektiv heranzuziehen, und auch auf politische Inhalte zu befragen, denn diese bleiben im Werk unbeleuchtet. Dass es dem Autor nicht darum geht, die politische Ausrichtung der RAF zu thematisieren, sondern die deutschen Verhältnisse, die Meinhofs Entscheidungen beeinflussen, mag über diesen blinden Fleck hinwegsehen lassen. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die sich aufdrängende Frage nach dem Antisemitismus der RAF ungestellt bleibt. Wenn Brückner gegen Ende des Buches nicht nur Parallelen im Motiv der Ort- und Zeitlosigkeit zu palästinensischen Terrorgruppen zieht, sondern deren Agieren damit erklärt, legt er dahingehend allerdings eine andere Antwort nahe – nämlich diesen nicht wahrzunehmen oder gar als handlungsanleitend zu begreifen.
Das Buch ist damit nicht dazu geeignet, sich ein Bild der politischen Orientierung der RAF zu verschaffen, ebenso wenig wird man Einblicke in den persönlichen Werdegang Meinhofs erhalten. Es bleibt (nur) das, was es beansprucht zu sein: die Darstellung deutscher Verhältnisse, unter denen Ulrike Meinhof wirkte. Doch gerade als das ist es eine gelungene Zusammenstellung und Kontextualisierung von Zeitdokumenten, die die politische Lage der 50er und 60er Jahre anschaulich vermitteln und so eine gute Möglichkeit, sich dem Thema RAF und Ulrike Meinhof zu nähern.

Kritik aktueller anarchistischer Praxis in Jena. Teil I

Als Hotspot linksradikaler Politik in Thüringen birgt die anarchistische Szene Jenas auch kritikwürdige Aspekte. Minna Takver widmet sich in zwei Teilen der anarchistischen Strategie und ihrer Auswirkungen. Dieser erste Teil beleuchtet Anthropologie und Aktionen, der zweite Teil Identifikation und Geschichtskonstruktion. Die Autorin ist Mitglied im Club Communism.

A! In Jena; da ist was los!

So die Antwort auf die Frage, wo denn in Thüringen linksradikal am meisten geht, wenn der Eindruck entsteht, es gibt allerorten nur FaschistInnen und andere Menschenfeinde; die stetige berechtigte Angst vor Übergriffen inklusive. Viele in der Jenaer Szene eint, dass sie sich selbst unter der Bezeichnung anarchistisch verorten lassen oder durch ihre Politik dort zugeordnet werden können. Es gibt dort seit Jahren eine intensive Auseinandersetzung mit anarchistischer Theorie, an der sich jede_r beteiligen kann. Mindestens genau so lange gibt es anarchistisch geprägte Aktionen im öffentlichen Raum, die linken Belangen Sichtbarkeit verschaffen, zum Beispiel, wenn es um die Frage nach Räumen zum Leben für Alle geht. Auch ganz konkret anarchistischen Raum gibt es, der offen ist, durch die Angebote, sowie durch seine hervorragende Lage in der Stadt. Es gibt mehrere anarchistische Medien, sowohl analog als auch digital. Und vor allem gibt es anarchistische Menschen, die solidarisch kochen, die sich in ihrer Betroffenheit als Eltern/-teile austauschen, die bei staatlicher Repression helfen, die sich nicht scheuen mit jüngeren oder neuen Gesichtern ins Gespräch zu kommen, die den Blick auf linksradikale Praxis über die deutschen Grenzen hinaus wagen, die Gefangene unterstützen, die sich mit der (radikalen) linken Geschichte in Jena und Umland auseinandersetzen, die gemeinsam wandern gehen, die unentgeltlich beim Stress mit der Lohnarbeit helfen, die Bücher und Wissen teilen und dabei stets versuchen, für antifaschistische, feministische und antirassistische Belange einzutreten. Dabei begegnet man den Leuten in ihrem Alltag, sei es Lohnarbeit, Familie oder Freizeit, was aller Kritik zum Trotz die dominante Realität ist. Anarchist_innen in Jena schauen Filme, hängen ab, feiern gemeinsam und nehmen sich Zeit für ein Bier/eine Brause in lauschiger Umgebung, politisch interessante Gespräche inklusive. Es werden allgemein Menschen angesprochen, die irgendwie links sind, und mit den Gefangenen Leute unterstützt, die dem Staat in spezieller Weise ausgeliefert sind und auf „die draußen“ angewiesen sind. Durch die Aktionen und Räume tritt mit den Anarchist_innen in Jena linksradikale Politik unbestreitbar und dankenswerterweise aus ihrem Versteck heraus. Gerade weil diese Form der Praxis keine Selbstverständlichkeit unter den gegebenen Bedingungen ist, drängt sich die Frage auf, wie das möglich ist und welche Konsequenzen das hat. Bei näherer Betrachtung lässt sich in der anarchistischen Praxis eine Strategie entdecken, die diese antreibt, und deren Schwächen und Auswirkungen Sorge bereiten.

„Die Keimzelle einer neuen Gesellschaft“

Besagte Strategie möchte ein Umfeld zur politischen Radikalisierung und Betätigung schaffen. Es soll möglichst viele Bereiche menschlichen Lebens abdecken, um alle interessierten Menschen zu erreichen. Dazu wurden und werden Stützpunkte geschaffen, wie sie es schon länger in Jena gibt. Sie zu doppeln kann also nur den Zweck haben, sich vom Rest der radikalen Linken abzusetzen. Dadurch besteht die Gefahr der Schwächung strömungsübergreifender politischer Strukturen. Die besagten Stützpunkte bilden die wesentlichen Eckpfeiler des anarchistischen Zusammenhangs, in dem sich Menschen radikalisieren können sollen, um dann in den Rest der Gesellschaft hinein wirken zu können, mit dem Ziel eine Bewegung aufzubauen, die die Verhältnisse umstürzt. Dabei wird vernachlässigt, dass es auch in sogenannten Freiräumen kein Außen von dieser Gesellschaft gibt und es geht damit eine Vorstellung von Menschen einher, die durch die Gesellschaft verblendet seien und in der richtigen Umgebung zu politischen Bewusstsein kämen.
Hauptgegner der Anarchist_innen sind Staat und Faschismus. Der Umkehrschluss daraus ist, dass jegliche Zusammenarbeit mit dem Staat korrumpiert. Konkrete Verbesserungen mit dem Staat (mit den FaschistInnen auch für die Autorin undenkbar) werden als reformistisch heruntergespielt. Zentral ist der Aufbau der anarchistischen Blase, nicht die Menschen, wodurch konkrete Verbesserungen ihrer Lebensumstände nur erkämpfenswert sind, weil sie gegen den Staat oder FaschistInnen durchgesetzt werden könn(t)en. So ist die Blase nur sehr eingeschränkt offen für Menschen, die für eine progressive Politik eintreten, ohne dass diese revolutionär ist. Auch schließt sich die Blase gegen eine selbstkritische Infragestellung ab, wie sie notwendig sein wird, wenn ihre Stützpunkte nicht mehr der eigenen Gesellschaftsanalyse adäquat oder der eigenen Politik zweckmäßig sind. Es wird auch ausgeblendet, dass Stützpunkte primär von außen bestimmt sind. Anarchistische Stützpunkte in Jena werden vorbehaltlos gefeiert, ohne offen zuzugegeben, wie prekär ihre Existenz im Angesicht staatlicher Repression ist oder dass es sie ohne Bezug szeneexterner Ressourcen schwerlich geben kann. Die anarchistische Blase gibt sich autark gegen alles andere und macht sich damit selbst zu einer leichten Beute staatlicher Repression, da sie weder einen zivilgesellschaftlichen Deckmantel besitzt noch bürgerlichen Rückhalt will: kündigt ihnen die Vermieterin auf medialen oder politischen Druck hin, haben sie nichts in der Hand; werden ihre Vereinsstrukturen als staatsfeindlich verboten, gibt es wenig Gegenargumente vor Gericht.

„Konkrete Kämpfe gegen diese Verhältnisse“

Mit der Vorstellung von Menschen, als durch die richtigen Umstände radikalisierbar, geht auch einher, dass solche Umstände gezielt hergestellt werden könnten. Zentral hierfür ist die Konfrontation mit den beiden Hauptgegnern Staat und FaschistInnen, durch die Menschen ein (im linksradikalen Sinne) positives politisches Bewusstsein entwickeln würden. Staatliche Repression gilt dabei im Zweifelsfall als Bestätigung der eigenen Strategie. Mit dieser Strategie der direkten Konfrontation liegt es nahe, ohne Rücksicht auf Verluste vorzugehen, sei es für die Verhinderung eines Fascho-Aufmarsches oder das Erkämpfen eines selbstverwalteten Hauses. Leider zielte die reale Aktion selten ernsthaft darauf: kein Haus wurde in Jena in den letzten Jahren besetzt, mit der Absicht es hinterher tatsächlich zu behalten. Die existierenden Stützpunkte sind alle auf legalem Weg eingerichtet worden. Und zwar aus gutem Grund: da sie nicht in der Konfrontation erkämpft wurden, sind sie bisher auch nicht so in den Fokus von Staat oder FaschistInnen geraten, dass sie in ihrem Bestehen gefährdet wären. In der Deckung zu agieren, war im Falle der Stützpunkte definitiv erfolgreicher als die direkte Auseinandersetzung mit dem Staat (und anderen Grundeigentümer_innen). Gleiches gilt für Fascho‑Aufmärsche: sich nicht dabei erwischen lassen, wie man einen Kabelbrand verursacht oder vorab anonym Informationen für die bürgerliche Öffentlichkeit zu publizieren, wäre im provinziellen Thüringen wirksamer, als mit ein bis zwei Dutzend Anderen nur unzureichend vermummt den Versuch zu wagen, gegen die Materialübermacht der Bullen anzurennen oder in der direkten Auseinandersetzung Schaden davon zu tragen. Darüber hinaus gibt es keine größeren Aktivitäten Jenaer Anarchist_innen, um FaschistInnen das Leben schwer zu machen. Letztere werden immer erst dann konkret relevant, wenn sie in der Stadt politische Veranstaltungen machen und anlässlich des staatlichen Aufgebots sich der Erfahrungsraum der direkten Gruppen‑Konfrontation eröffnet.1 Eine solidarische Masse in die Auseinandersetzung mit Polizei oder Justiz zu ziehen, indem man die Unterstützung zum Beispiel bei Hausbesetzungen einfordert, nur um eine politische Radikalisierung hervorrufen zu wollen, ist so gefährlich wie kein anderer Teil der anarchistischen Strategie.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen aus solchen Konfrontationen beschädigter heraus kommen als vorher, ist so viel höher als die, dass sie sich entschließen hinterher ihr politischen Engagement auszudehnen. Der deutsche Staat ist leicht dazu in der Lage jede_n von uns zu brechen, geschundene Körper, zerstörte Privatexistenzen und traumatisierte Psychen bleiben. Die Sicherheit jedes einzelnen Menschen aber sollte aufgehoben sein in radikaler Politik und nicht durch sie hinweg gewischt werden. Jede politisch emanzipatorische Aktion muss vorher mit den Risiken, die sie birgt, mit den Bedürfnisse, der an ihr Beteiligten, und ihren Zielen abgewogen werden. Das geht nur im Dialog und sei es dadurch, dass man als Initiator_innen Risiken und Ziele transparent macht. Selbstkritik verhütet womöglich, dass wir noch härter gegen uns selbst und damit noch härter gegen andere werden.


1
Im Zweifelsfall ist man sich nicht einmal zu schade, Ansätze von Solidarität mit Nazis zu zeigen, die endlich mal „auf Grund dünner Beweislage“ in den Knast müssen, wie kürzlich im Szeneblatt der Jenaer Anarchist_innen geschehen.

Politische Wechseljahre: Gedanken zur Einsamkeit der Radikalität

Mit einer Art ungewolltem Moral-Appell versucht Jens Störfried auf seine Situation aufmerksam zu machen. Beschrieben werden dabei Gedanken, Wahrnehmungen, vielleicht auch „nur“ Gefühle, die ihn offenbar in einer ausgedehnten Umbruchphase beschäftigen. Der Beitrag ist auch ein Weiterdenken von einigen Aspekten der Diskussion „Dem Morgenrot entgegen?“ in der letzten Lirabelle.

Ohnehin trieb es mich aus ganz persönlichen Gründen um, über die Thematik des Älterwerdens in linken politischen Zusammenhängen und dem Hadern mit der eigenen Weltanschauung zu schreiben. Dann las ich die Diskussion in der letzten Lirabelle1 und fühlte mich bestärkt, ebenfalls einige Gedanken in diese Richtung zu formulieren.
Denn seitdem ich vor einiger Zeit die magische 30 überschritten habe, spüre ich tatsächlich auch jenen Ticking-Point, an dem viele der verbliebenen Szene-Angehörigen die Entscheidung treffen, diese hinter sich zu lassen – oder ihr Verschwinden aus dieser einfach geschehen lassen. Dazu muss ich schreiben, dass ich (noch) keine Kinder habe, für die ich Verantwortung übernehme und keine alten oder gehandicapten Menschen pflege. Zudem habe ich (noch) die Möglichkeit, mich in einem Umfeld bewegen zu können, wo ich aufgrund meiner Einstellungen, Verhaltensweisen oder Äußerungen nicht direkt ausgegrenzt oder sogar angefeindet werde. Außerdem führten verschiedene Umstände dazu, dass ich bisher wenig lohnarbeiten musste und mich stattdessen ausgiebig und zu einem guten Teil wie es mir beliebte mit Politik, Theorie und Menschen beschäftigen konnte. Anforderungen hatte ich trotzdem auch zu bewältigen, klar… Allerdings weiß ich, dass sich meine Situation mittelfristig ändern wird. Mein bisheriges Leben unterhalb oder am Rande der Armutsgrenze gewährte mir als junger Mensch zweifellos viele Spielräume. Sicherheiten habe ich dagegen bisher keine aufbauen können.
Die Erzählung vom ewigen linken Jammertal und von der angeblich alles durchdringenden „Gesamtscheiße“ lehne ich ab, brandmarke Nihilismus und Zynismus vehement als „bürgerlich“ und bin stattdessen von einer stillen, aber tiefen Hoffnung erfüllt, deren Ursachen ich gar nicht zu ergründen anstrebe. Es gab Zeiten, in denen habe ich alles zerhackt. Das war notwendig, bringt mich jetzt aber nicht mehr weiter. Eine rein negative Kritik ist nichts für mich. Und dennoch erlaube ich mir hier mein Leiden formulieren, welches aus der Diskrepanz zwischen meiner Vorstellungswelt und den mich umgebenden Tatsachen entspringt. Errico Malatesta bringt das an einer Stelle wunderbar auf den Punkt, wenn er schreibt:
„Wir sind alle gezwungen, im Widerspruch zu unseren Ideen zu leben. Ausnahmslos. Wir sind jedoch Anarchisten und Sozialisten, weil wir darunter leiden und versuchen, diesen Widerspruch so weit wie möglich zu minimieren. Wenn wir uns einfach an die gesellschaftlichen Verhältnisse anpassen, geht diese Dimension verloren und wir werden zu ganz normalen Bürgern; zu Bürgern ohne Geld vielleicht, aber nichtsdestotrotz zu Bürgern in unserem Denken und Handeln.“2
Im Artikel „Dem Morgenrot entgegen?“ ist vom wichtigen Thema der Alltags-Solidarität die Rede. Und ich weiß, dass auch Personen in meinem Umfeld sich mit diesem beschäftigen. Aber gibt es auch Gründe, warum es mir schwer fällt, mich auf diese umfangreich einzulassen. Zum einen sind da ganz individuelle Eigenheiten, Eigenbröteleien gewissermaßen, auf die ich nicht tiefer eingehen will. Sie gehen etwa in die Richtung eines hohen Bedarfs an Absprachen, eines Konfliktes zwischen Ruhebedürfnis und Gemeinschaftsorientierung oder der Angst vor gefühlten Erwartungen. Weil die meisten Personen, auf die ich mich beziehe, sehr eigen sind, ist dies nicht unbedingt ein Hindernis, sich verbindlich zusammen zu schließen. Zweitens ist für viele Menschen in meiner Umgebung ihre Lebensperspektive gleich meiner nach wie vor ungeklärt, was es mir selbst erschwert, mich langfristig zu orientieren. Immerhin scheint mir diese, meine, Orientierung an anderen ein Beleg für die Sozialität zu sein, welche Ausgangsbasis für eine stabile Gemeinschaftlichkeit wäre.
Drittens haben sich da Enttäuschungen angehäuft, die ich ebenfalls nur knapp umreißen möchte, da ich davon ausgehe, die meisten Menschen mit weiter Sehnsucht und großen Ansprüchen haben sie erlebt – nicht nur im kapitalistischen Spektakel insgesamt, sondern auch in linken Szenen selber. Da sind gescheiterte Kommunegruppen, sich verlaufende Freundschaften, auf der Stelle tretende politische Gruppen, erkaltete WG-Umfelder oder auch politische Orte, deren Betreten Unwohlsein hervorruft, weil sie mit Assoziationen von Konflikten, Leistungsdruck oder bestimmten Verhaltenserwartungen überlagert sind. Da sind die ganz persönlichen Träume und Bedürfnisse, welche enttäuscht wurden. Manche von ihnen wären vielleicht als jugendliche Schwärmerei oder Tatendrang zu bezeichnen. Damit sind sie jedoch nicht weniger berechtigt und weiterhin unerfüllt, wenn es heißt, dass wir auch – aus Notwendigkeit und Lust – für unsere Leben kämpfen…
Der vierte Grund für meine mangelnde Bereitschaft oder Fähigkeit, mich ernsthaft der Organisierung von Alltags-Solidarität zu widmen, ist anders gelagert und wiegt schwerer. Ich nenne ihn: Die Einsamkeit in der Radikalität.
Diese poetische Phrase klingt zunächst sehr abgehoben. So, als würde ich mich damit brüsten und herausheben wollen, dass ich es mir (aus ganz bestimmten Gründen!) leisten kann, radikale Ansichten zu kultivieren und dann über alle anderen zu urteilen, die meinen Vorstellungen nicht entsprechen können oder wollen. Doch mir geht es damit nicht um eine Inszenierung meiner Selbst oder etwa der Erschaffung einer „linksradikalen“ Figur, mit welcher ich den Maßstab für das aktivistische Soll festlegen möchte, gleich der realsozialistischen Leistungsnorm, die es zu erfüllen gälte. Im Gegenteil behaupte ich sogar, ein ausgeprägtes Gespür dafür zu haben, wo verschiedene Personen jeweils stehen und was ihre jeweils eigenen Möglichkeiten sind.
Die Motivation, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, ist nichts, was vermittelt oder verbreitet werden könnte. Sie ist ungewollte Berufung. Sie entspringt dem intimsten und unbewusstesten subjektiven Leidensdruck und Gerechtigkeitsempfinden und ist daher tatsächlich Segen und Fluch zugleich – Menschen, die sie haben, kommen nicht umhin, mit ihr einen Umgang zu finden, sie abzutöten oder daran zu zerbrechen. Damit möchte ich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es gesellschaftliche Umstände sind, die solches Empfinden hervorrufen. Weil es sich also nicht um ein existenzielles Leiden handelt, weil seine Abschaffung im Bereich des Möglichen liegt, gehört dieses abgeschafft.
Dafür aber brauche ich keine „messianischen Bilder“ wie Ümit im Interview sagt. Was ich hier formuliere, ist die vermeintlich „egozentrische“ Perspektive der „ganz großen Befreiungshoffnung“, ohne, dass ich deswegen an eine „Weltrevolution“ glaube, wie Jesaja vermuten würde. Oder, dass ich – wie Anatol – denke, eine „Revolutionshoffnung“ würde lähmen und letztendlich den Rechten „in die Hände spielen“. Solche marxistischen Vorstellungen nannte Martin Buber „apokalyptische Eschatologie“, welcher er eine „prophetische Eschatologie“ entgegensetzte.3 Letztere möchte ich hiermit ausdrücklich teilen: Die Soziale Revolution ist nichts Abgehobenes, kein großer Knall, sondern ein stetiger und voraussetzungsvoller Prozess, in welchem konkrete Auseinandersetzungen geführt, solidarische Beziehungen geknüpft und neue egalitäre Institutionen aufgebaut werden. Wenn ich sage, dass dieses Ziel nicht nach der Bekämpfung des Faschismus und der Kompensierung der schlimmsten Verwerfungen des kapitalistischen Staates verwirklicht werden kann, sondern genau jenes der Weg dazu ist, formuliere ich damit kein Programm, sondern eine Perspektive. Mit dieser Anschauung ist was mich motiviert doch nicht, dass heute „einfach vieles besser geworden ist“ als in den „1950er-Jahren“, wie Tovio meint – ohne, dass ich deswegen die Erfolge sozialer Bewegungen leugnen will. Eben jene konnten mit solcher Haltung jedoch nicht errungen werden, sondern mit der Hoffnung darauf, dass es für alle nicht nur weniger kalt, sondern warm sein könnte… Wir sollten tatsächlich auf die prozesshafte Überwindung der derzeitigen Gesellschaftsordnung abzielen und gemeinsam eine neue emanzipatorische Großerzählung weben, um die schlimmsten Auswüchse der laufenden Katastrophe zu bekämpfen.
Was hat dies nun aber mit meiner persönlichen Situation, meiner „Einsamkeit in der Radikalität“ zu tun, ist berechtigterweise zu fragen. Ist sie als eine fetischisierte Revolutionsromantik abzutun, wie bei manch einem komischen Kauz Hammer und Sichel, Che Guevara oder die Straßenbarrikade, deren Nachahmung sich manche Insurrektionalist*innen, öfters eher Wutbürger*innen in Frankreich zu errichten erlauben, sicher jedoch niemand in der BRD? Nein, wenn ich von einer gewissen Einsamkeit in der Radikalität spreche, meine ich jene Erfahrung, die schon so manche*n von uns nach Leipzig, Berlin oder Hamburg gezogen hat. Die viele in die post-politischen Feier-Szenen, in die zahnlose Rechthaberei vieler linker Akademiker*innen, in blinden Aktionismus oder das dogmatische Sektierertum getrieben haben, während andere ihren als „jugendlich“ gelabelten Radikalismus einfach ablegten, vergaßen und verwässerten. Und unter „Radikalismus“ verstehe ich hier keine aufrechenbaren Taten, sondern eine Haltung zur Welt, die auf die unbedingte Veränderung des Ganzen abzielt, tief wurzelt und darum einen langen Atmen hat.
Doch wo sind die einstigen Gefährt*innen und Genoss*innen geblieben, mit denen ich solche Einstellung, nein Grundhaltungen, teilte? Oder bildeten und reden wir uns nur ein, dass wir sie geteilt hätten? Ist diese Beschreibung nicht allein schon eine Idealisierung der Vergangenheit, deren Unterschied zum Heute eigentlich nur darin besteht, dass wir mutiger, spontaner und energiegeladener, weil gedankenloser und weniger enttäuscht waren? Andererseits kann ich auch konkret benennen, welche Wege verschiedene Personen meiner Ansicht nach eingeschlagen haben, ohne, dass ich sie darauf festlegen möchte. Manche sind da, die hatten und haben viel mit sich selbst zu kämpfen und sich darin ziemlich verstrickt. Darum wünsche ich mir eine radikale Politik, die zu unserer eigenen Emanzipation beiträgt anstatt uns zu entfremden. Für andere greifen ihre Jobs in Form der Lebenszeit fressenden Lohnarbeit oder jene, in denen vermeintlich Selbstverwirklichung möglich ist. Doch ich finde keinen richtigen Umgang damit, wenn Freund*innen und Bekannte von der NGO-Arbeit, Bildungs- und Unijobs oder in der Politikberatung aufgesogen werden. Denn ich merke – schon ganz ohne selbst zu urteilen -, wie sie eigentlich an ihrer eigenen Zerrissenheit, der Diskrepanz zwischen ihren früheren Vorstellungen und der Realpolitik, für die sie sich verkaufen, leiden. Schließlich gibt es bei ihnen die Sehnsucht danach, raus zu sein, etwas ganz anderes zu tun, nach geteilter Autonomie, kollektiver Selbstbestimmung und echter Verantwortungsübernahme zu streben. Bei manchen aus dem linken politischen Umfeld um mich herum zeigte sich freilich im Zweifelsfall auch, dass sie im wesentlichen nur Fragmente und Rudimente linksradikaler Überzeugungen und Gedanken aufgesogen hatten, ohne sie jemals wirklich verinnerlicht zu haben. Der Wechsel zu einem angepassten, zynischen, pseudo-politischen Lifestyle war all zu schnell vollzogen.
Was ich mir dagegen vorstelle, ist viel und nicht viel zugleich: Ich wünsche mir, dass Leute Plakate, die in den Infoladen geschickt werden, selbstständig verkleben, dass wir uns weiterhin selbstbewusst raus wagen und anlassbezogen Banner an Autobahnen drapieren, dass ein Vortrag nicht danach beurteilt wird, ob die referierende Person die richtigen Szene-Codes beherrschte, sondern, ob ihre Aussagen für die Weiterentwickelung unserer Praxis etwas taugen, dass wir erkennen, dass Demos und Kundgebungen nur ein paar Mittel in einem weiten Spektrum an Handlungsmöglichkeiten sind, dass wir unsere begrenzte Zeit nicht auf zermürbenden Plena verschwenden, sondern uns in verbindlichen Bezugsgruppen organisieren, dass wir trotz aller Vorsicht uns nicht auf ein vermeintlich sicheres Szene-Geklüngel zurückziehen, sondern offen, anschlussfähig und bewegend werden. Und schließlich, dass wir und ich sehen, dass all dies ja auch geschieht.
Damit will ich ein Lob aussprechen – ein Lob des Basisaktivismus‘, welcher Parteipolitik und NGOs fernbleibt; der zugleich aber auch das Checkertum, die Exklusivität und Coolness vieler politischer Gruppen vermeidet, sondern ernsthaft nach Gemeinsamen in der Unterschiedlichkeit sucht. Nur solche Vergeschwisterung ist es, die meine Einsamkeit in der Radikalität zu überwinden ermöglicht und dann von sich aus dahin führt, unmittelbare solidarische Beziehungen im Alltag zu gestalten. So kann ich meinen persönlichen Schwur erneuern: Dass kein Stein auf dem anderen bleiben soll. Inzwischen beginne ich zu verstehen, dass damit gemeint war, mit diesen ein neues Haus zu bauen.


1
http://lirabelle.blogsport.eu/2018/11/21/dem-morgenrot-entgegen/

2
Zitiert in: Kellermann, Philippe (Hrsg.), Errico Malatesta, Anarchistische Interventionen, Einleitung, S. 7.

3
Buber, Martin, Pfade in Utopia, Heidelberg 1950, 24ff.

Repressionsschnipsel

Mai 2018, Eisenach: Mit der roten Fahne in der Hand…

2014 findet die letzte antifaschistische feministische Demonstration gegen das Treffen der Deutschen Burschenschaft in Eisenach statt, weil Bevölkerung und Zivilgesellschaft weiterhin bei einer ablehnenden Haltung gegenüber dem Protest bleiben. Weiterhin wird dieser kriminalisiert, eine Nachwirkung ist die Verhandlung wegen versuchter Körperverletzung. Mittels einer Fahne soll ein Antifaschist versucht haben einen Bullen zu verletzen. Die Verhandlung wird erst eingestellt und dann auf Bestreben eines einzelnen Beamtens wieder aufgenommen. Letztlich wird das Verfahren endgültig gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt.

August 2018, Erfurt: Strafe verschärft, weil menschenverachtend – Unsinn!

Zwei Antifaschisten werden nach vier Verhandlungstagen von Richterin Niethammer am Amtsgericht Erfurt wegen gefährlicher (weil gemeinschaftlich begangener) Körperverletzung verurteilt. Nach dem Mini-Aufmarsch von Die Rechte am 1. Juli 2017 in Erfurt kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Nazi Dirk Liebau. Dieser droht zuvor aus der Ferne mit Quarzhandschuhen und spielt sich auf. Vor Gericht gibt er sich als lammfrommer „Nationaler“. Seine als Zeugin geladene „Kumpeline“ folgt zweimal der Ladung nicht, sodass sie vorgeführt werden muss. Die Kosten dafür tragen die Verurteilten. Weiterhin entscheidet die Richterin, dass die Tat menschenverachtend sei und führt §46 Abs. 2 StGB an, der eigentlich bei fremdenfeindlichen und rassistischen Taten heranzuziehen ist. Wer Nazis wie Nazis behandelt, handelt nicht menschenverachtend, sondern im Sinne handfester Kritik. Beide Antifaschisten erhalten dafür auf Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafen und Geldauflagen. Spendet für die Kosten!

September/Oktober 2018, Erfurt: „Hamburger Gitter“ wird diskutiert

Der Dokumentarfilm zum Sicherheitsapparat und -politik gegen die Proteste zum G20-Gipfel in Hamburg letzten Jahres wird im Kinoklub und anlässlich des Hood-not-Kiez-Festes in der Frau Korte gezeigt. Die Vorführungen im Kinoklub sind ausverkauft. Das Interesse von verschiedenen Seiten groß. In einer Podiumsdiskussion werden Perspektiven von Aktivist*innen verhandelt. Die GdP relativiert und laviert. Trotzdem: Polizeigewalt bleibt Polizeigewalt.

3. November 2018, Eisenach: Rote Hilfe München zum PAG Bayern

Gegen das Bayerische Polizeiaufgabengesetz gehen in Bayern am 3. Oktober 40.000 Menschen auf die Straße. Das beschlossene Gesetz erweitert die Befugnisse der Bullen, schränkt verschiedene Grundrechte ein. Es geht zusammen mit einer autoritären Politik gegen Geflüchtete. Die Genoss*innen aus München haben die Proteste und Diskussionen begleitet und berichten davon zum 28. Ratschlag. Für Thüringen ist (bis zur Landtagswahl 2019) keine Verschärfung des Polizeiaufgabengesetzes geplant.

Dem Morgenrot entgegen?

Schon vor 70 Jahren bestand »die fast unlösbare Aufgabe darin, sich weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen«. Anatol und Jesaja aus der Redaktion sprachen mit drei weiteren Genoss_innen über die Frage, wie man in deprimierenden Zeiten klarkommt, ohne zu resignieren oder zynisch zu werden.

Anatol: Könnt ihr euch kurz vorstellen?

Yukina: Ich bin 35 Jahre alt und würde sagen ich bin politische Sozialarbeiterin, Mutter von zwei Kindern und bin durch die Studierendenproteste 2003/2004 in linken Zusammenhängen gelandet und mehr oder weniger noch aktiv heute.

Toivo: Ich bin 45, komme aus einem Arbeiterhaushalt. Mein Vater war politisch, da habe ich viel von mitgenommen. Ich weiß gar nicht, ob ich zur linken Szene gehöre, aber ich mache seit Schul- und Studienzeiten politischen Kram, den ich wichtig finde. Entscheidend für meine Politisierung war der zweite Golfkrieg.

Ümit: Ich bin Ende 40, aus dem Westen und nicht von Rassismus bedroht – das finde ich für die Frage, wie man mit der derzeitigen Lage umgehen kann, wichtig. Ich habe noch die Auswirkungen der Neuen Sozialen Bewegungen der 1980er-Jahre, also eine linke Allltagsstimmung mitbekommen. Am meisten geprägt haben mich aber private Diskussionen zu Feminismus im Alltag und die rassistischen Pogrome Anfang der 1990er-Jahre. [Alle über 40 nicken.] Ein Gutteil meiner politischen Auseinandersetzungen findet im Job statt: Ich bin Hochschullehrerin, also Bildungsarbeiter_in. Außerdem versuche so gut ich kann mich als Kolleg_in und Beschäftigte mit anderen zu organisieren, um Auseinandersetzungen um die Produktionsbedingungen kritischen Wissens und kritischer Bildung führen zu können. Ein kleiner Teil meines Aktivismus findet auf der Straße statt, wobei die Autonome Bewegung biographisch mein stärkster Bezugspunkt ist.

Jesaja: Ich komme aus einer bildungsbürgerlichen und christlichen Familie und bin da der einzige, der das Studium geschmissen hat. Ich habe fünf Kinder und bin seit 25 Jahren in der linken Szene aktiv. Ich hab mein Leben so eingerichtet, dass ich wenig lohnarbeite und viel Zeit für mein Politikzeug habe. Zur »Wende« war ich noch ein Kind, trotzdem hat mich dieser Umbruch sehr geprägt.

Anatol: Ich bin 45, aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, war als Jugendlicher erst bei den Jusos, später in einem Friedensgrüppchen, ab 2001 in linksradikalen Zusammenhängen. Ökonomisch wurstele ich mich seitdem mit Projekten und Jobs durch. Aber: kommen wir zum Thema »Hoffnung«. Als Linke schauen wir oft distanziert und ratlos von außen auf die Verhältnisse und analysieren ganz richtig, dass die ganze Gesellschaft vor die Hunde geht. Man könnte meinen, in 10 Jahren haben wir hier Faschismus. Seht ihr das auch so? Oder denkt ihr, es gibt noch Hoffnung, dass es irgendwann ganz anders kommt?

Ümit: Ich sehe auch, dass es einen faschistischen Trend gibt. Aber die konkrete Hoffnung, dass es in 10 Jahren grundsätzlich besser sein könnte, ist nicht mein Motiv, mich einzusetzen, sondern vor allem, zu verhindern, dass es noch schlimmer wird. Die ganz große Befreiungshoffnung oder das Frustriertsein angesichts der jüngeren Entwicklungen hier verbunden mit dem Gefühl, dass es für mich nicht fundamental besser wird ist eine sehr egozentrische Perspektive, die dazu tendiert, die alltäglichen Kämpfe aus dem Blick zu verlieren: Überall auf der Welt wehren sich die Leute gegen den existenziellen Angriff auf ihr Leben, auch unter unmöglichen Umständen, da würde ich mich viel stärker drauf beziehen, als auf eine wie auch immer geartete Revolutionshoffnung.

Jesaja: Mir ist die Frage nach der Weltrevolution auch nicht das Hauptmotiv. Vielleicht kommt das aus meinem christlichen Elternhaus, aber ich meine immer eher, man muss doch einfach was machen.

Toivo: Ich fühle auch teilweise eine tiefe Beunruhigung angesichts der Lage. Aber am Ende ist das Szenario eines kommenden Zusammenbruchs auch die derzeitige Meistererzählung der Rechten. Vergleicht man aber die Lage heute mit den 1950er-Jahren, muss man sagen, dass einfach vieles besser geworden ist. Wenn man zu sehr an die Erzählung glaubt, dass alles vor die Hunde geht, bestärkt man die Leute, die dahin zurück wollen und nicht damit leben können, dass in den letzten Jahren die alten weißen Männer schon ein Stückweit entmachtet wurden.

Anatol: Kann man das so zuspitzen, dass eine Revolutionshoffnung lähmt und den Rechten in die Hände spielt und dagegen eine Politik der anlassbezogenen Abwehrkämpfe und das Vergegenwärtigen vergangener Erfolge Motivation erzeugt, ohne dass man dafür ganz große Hoffnungen braucht?

Yukina: Teile der radikalen Linken könnte sich ja mal fragen, ob sie diese großen Ziele vor allem nutzt, um sich immer wieder bestätigen zu können, dass sie mit ihrer fatalistischen Analyse recht hat. Stattdessen könnte man Politik da machen, wo man was erreichen kann. Und außerdem hilft es auch ungemein, wenn man einsieht, persönlich nicht für alles verantwortlich zu sein, was kommt. Mein Eindruck ist, dass das einem bildungsbürgerlichen Selbstverständnis widerspricht, dass in der radikalen Linken verbreitet ist.

Ümit: Klar, dieser typisch bürgerliche Größenwahn, auf der Welt was bewegen zu können, spielt da auf jeden Fall eine Rolle, das würde ich auch für mich selbst so sagen. Deswegen stelle ich mir dauernd bewusst die Frage, was ich ändern kann. Meine Kraft ziehe ich aber eher aus recht kleinen Alltagssituationen, in denen ich sehe, dass Menschen sich solidarisch verhalten. Ich denke, dass die Frage ob man Hoffnung hat ganz viel mit der individuellen Sozialisation zu tun hat und damit offen ist, wie man den Leuten, die da heraus wenig Hoffnung haben, welche geben kann.

Yukina: Mir hilft das Wissen, solidarische Zusammenhänge zu haben, auf die man sich verlassen kann.

Toivo: Dazu finde ich es wichtig, sich die Geschichte solidarischer und kollektiver Erfahrungen zu vergewärtigen. Es gibt großartige Beispiele, wo Menschen sich einfach menschlich verhalten haben – also nicht egoistisch, sondern als soziales, freundliches, zugewandtes Wesen.

Jesaja: Insofern ist es schon wichtig, sich Räume zu schaffen, in denen man sich solidarisch aufeinander beziehen kann, aber 95% der Zeit muss man ja trotzdem in Kontexten leben, in denen das nichts zählt. Deswegen ist es wichtig, die solidarischen »Blasen« zu pflegen, kollektive Räume schaffen, in denen man andere Erfahrungen machen kann als in der Schule oder auf der Arbeit.

Anatol: Man resigniert nicht, wenn man nette Leute und kollektive Strukturen hat? Das klingt gut und plausibel, aber nicht gerade weltbewegend.

Yukina: Es geht ja nicht darum, nett zueinander zu sein, sondern kritisch-solidarisch. Dass man sich nicht in Watte packt, sondern das Gefühl hat, sich auf so eine Grundsolidarität verlassen zu können. Über Hoffnung zu reden, klingt dagegen voll religiös – so als müssten wir durchs finstere Tal, um irgendwann im gelobten Land anzukommen.

Ümit: Ich verstehe »Hoffnung« auch mehr als Frage des Glaubens als der Analyse. Aber ich kann damit trotzdem viel anfangen, für mich ist das ganz tragend. Und mir hilft es auch, mir vergangene Erfolge zu vergewärtigen …

Toivo:
… und zu betonen, dass im Grunde genug für alle da ist, statt auf die Erzählung der Alternativlosigkeit einzusteigen – auch wenn die Lage oft ausweglos scheint. Und man muss auch mal sagen, dass Verdrängen hilft. Wenn man sich in jeder Minute vergegenwärtigt, dass jeden Tag 40.000 Kinder verhungern, ist das Leben nicht mehr erträglich. Aber da muß man natürlich ein Maß finden, um nicht abzustumpfen, aber auch nicht zu verzweifeln.

Jesaja: Daran, was wir gerade in Chemnitz sehen, dass wieder Massen von Nazis auf die Straße gehen und Leute jagen, könnte man schon verzweifeln.

Ümit: Ja, das war ein richtiger Schock, ähnlich wie in den 1990er-Jahren und wie der NSU. Was mich auch tagelang hoffnungslos gemacht hat, war, als ich vor ein paar Jahren auf einer Veranstaltung den Eindruck hatte, dass mein ganzes ehemaliges politisches Umfeld jetzt bei der Staatsantifa ist – und dafür wesentliche Standpunkte aufgegeben hat. Beim näheren Hinsehen waren es nicht alle, das hat mir wieder mehr Halt gegeben.

Anatol: Mir gibt es Hoffnung, wenn mal was klappt. Das kann eine verhinderte Abschiebung sein oder ein Großereignis wie der Protest gegen den G20 in Hamburg. Das muss kein riesen Erfolg sein, aber mitzukriegen, dass man gemeinsam was hingekriegt hat, das sind Momente, die mir Mut machen.

Toivo: Bei mir sind es historische Beispiele – ich habe z. B. über den spanischen Bürgerkrieg gelesen, da gab es Erfahrungen von Solidarität und Kollektivität, die kaum zu überschätzen sind. Auch wenn die Sache am Ende ja gar nicht erfolgreich war, trotzdem kann man da ganz viel Kraft daraus nehmen.

Jesaja: Mein Vater war in Nicaragua in den 1980er-Jahren. Dass da eine Revolution geklappt hat, war für mich damals eine Geschichte, die mir viel Mut gemacht hat. Auch wenn da später nicht viel Gutes bei rausgekommen ist.

Ümit: Rein analytisch gesehen ist jeder Fatalismus gerechtfertigt. Die Verhältnisse legen tatsächlich nahe, dass wir nicht viel ausrichten können, dass der Kapitalismus siegt. Dem kann man sich ergeben. Trotzdem sehe ich, dass Leute, denen es viel schlechter geht als mir, sich nicht ergeben – dass sie dafür kämpfen, dass es für sie selbst und für andere Leute besser wird. Wenn man da immer beharrlich dabei bleibt, dass alles nichts bringt, kann keine kollektive Kraft entstehen, deswegen glaube ich schon, ein Stück Befreiungsmythos und messianische Bilder sind wichtig. Auch, damit ich selbst nicht die Hoffnung verliere.

Linke Fragen an die Klimagerechtigkeitsbewegung oder: „Hilfe, Hippies?!“

„Klima Aktion Thüringen“ ist ein Zusammenschluss von Menschen, die auf lokaler Ebene im Bereich Klimagerechtigkeit aktiv sind und gemeinsam an Aktionen und Klimacamps teilnehmen. Sie plädieren für eine starke Bewegung, die soziale und ökologische Fragen zusammen denkt. Dafür stellen sie den Ursprung der Klimagerechtigkeitsbewegung in den USA vor, umreißen aktuelle Ziele und Strategien und laden zur Beteiligung ein.

Wir leben auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen in Kombination mit einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, welches diese permanent überbeansprucht und zerstört. Die zu stellenden Fragen sind sowohl ökologischer als auch sozialer Art und betreffen alle Lebensbereiche. Soweit ist das Problem klar. Die Folgen für Klima und Menschen sind vielerorts schon offensichtlich und weltweit extrem ungleich verteilt. Die Regionen der Erde, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben – müssen die extremsten Folgen tragen (Überschwemmungen, Dürren, Artensterben, Nahrungsmittelknappheit, …wir gehen davon aus, dass ihr die Liste beliebig ergänzen könnt). Die früh industrialisierten Länder, welche in den letzten 200 Jahren enorme Mengen an CO2 und anderen klimaschädlichen Gasen ausgestoßen haben, halten sich mit der Übernahme von Verantwortung stark zurück. Notwendig für das Einhalten des 1,5 °C-Zieles wäre eine drastische Senkung ihrer eigenen Emissionen und die Leistung von Entschädigungen, damit die Regionen der Erde, die wohl am stärksten unter der Klimaerhitzung leiden, Maßnahmen zur Eingrenzung der Klimafolgen umsetzen können als auch ihre Energie selbstbestimmt, einzig aus erneuerbaren Energien erzeugen können. Die Frage ist, inwieweit „gerechte“ Entschädigungen überhaupt geleistet werden können und in welcher Form und wie diese sinnvoll von neokolonialer Entwicklungshilfe abgegrenzt werden können. Angebracht ist daher aus unserer Sicht eine globale Bewegung für Klimagerechtigkeit. Diese gibt es schon seit den 1960er/1970er-Jahren. Wir werden im folgenden ihre Geschichte kurz umreißen und danach auf die Ziele und Strategien zu sprechen kommen.

Was ist die „Klimagerechtigkeitsbewegung“?

Das Konzept „Klimagerechtigkeit“ versucht ökologische und soziale Fragen gerechter Verteilung lokal und global zusammen zu denken, Kämpfe gemeinsam zu führen und zu Lösungsansätzen zu kommen.

Im Revoltmag gab es vor Kurzem einen Artikel über die Ursprünge der Klimagerechtigkeitsbewegung in den USA (Link auf der Webseite): Dort gab es in den 1960/70er-Jahren eine von weißen, überwiegend der Mittelschicht entstammenden, Umweltschutzaktivist*innen dominierte Bewegung, welche so gesehen wenig mit der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und ihrem Fokus auf soziale Ungerechtigkeit gemeinsam hatte. 1982 kamen diese beiden Strömungen thematisch zusammen, als in Warren County / North Carolina die Pläne für die Platzierung einer Giftmülldeponie zur Entsorgung hochgiftiger Stoffe (polychlorinierte Biphenyle (PCB) etc.) öffentlich wurden. Der geplante Bauort lag im ärmsten Landkreis des Bundesstaates, wo 2/3 der Bevölkerung Afroamerikaner*innen waren. Die Proteste waren zwar öffentlichkeitswirksam – konnten den Bau jedoch nicht verhindern. Dennoch waren sie der Ausgangspunkt für eine neue, soziale Bewegung, welche den Kampfbegriff „Umweltrassismus“ prägte. Umweltrassismus bezeichnet die systematische Diskriminierung von People of Color (PoC) in staatlichen Planungsprozessen, was sich dadurch ausdrückt, dass Gemeinden mit einem hohen Anteil an PoC viel häufiger vom Bau von Giftmüllanlagen oder anderen Anlagen dreckiger Industrien betroffen sind, als überwiegend weiße Kommunen. Daraus entwickelte sich die noch umfassendere Forderung nach Umweltgerechtigkeit (Environmental Justice), welche die gesamte „natürliche“ und gebaute Umgebung von Menschen / ihren Gemeinschaften beinhaltet und Fragen nach Umverteilung erfordert, die im unauflösbaren Widerspruch zu den Profitinteressen des Kapitals steht. Soziale Fragen der Verteilung und der gleichberechtigten Zugänge / Teilhabe an Ressourcen und Möglichkeiten von Gesellschaften haben immer ökologische Konsequenzen und Auswirkungen auf die Ausgestaltung von Mensch-Naturverhältnissen, welche wiederum von den vorherrschenden, gesellschaftlichen Machtverhältnissen abhängen.

In Europa legte die Linke im Zuge der Proteste anlässlich des Klimagipfels in Kopenhagen 2009 wieder einen stärkeren Fokus auf Ökologie. Ein breites Bündnis aus Graswurzel-NGOs, Regierungen aus dem globalen Süden und Aktivist*innen aus dem globalen Norden formierten dort Protestbündnisse, welche den Ausgleich bzw. die Wiedergutmachung der immens gewordenen Klimaungerechtigkeiten (Climate Injustices) forderten. Auch in langfristigen Kämpfen gegen Flughäfen und Atomenergie wurde von vielen linken Akteur*innen die ökologische stets mit der sozialen Frage zusammen gedacht.

Dabei verlaufen die Gräben sozialer und ökologischer Ungerechtigkeit nicht nur „Nord-Süd“ – sondern auch „gesellschaftsintern“ (z.B. hinsichtlich Konsum, Mobilität etc.). Was will die Bewegung für Klimagerechtigkeit? Kurz gesagt: Systemwandel statt Klimawandel.

System Change – not Climate Change!

Wir wollen das gute Leben für Alle – mit Wohlstand ohne Wachtumsideologie. Das geht nur durch eine grundlegende Demokratisierung gesellschaftlicher Verhältnisse – indem wir den imperialen Lebensstil (ja, den kapitalistischen) und damit einhergehende Privilegien hinterfragen, darauf basierend individuelle und kollektive Verantwortung übernehmen, uns mit Betroffenen weltweit solidarisieren und einen Systemwechsel von unten fordern, umsetzen und politisch begleiten.
Im ökologischen Bereich hieße das einen ökologisch verträglichen und konsequenten Umbau der Energieversorgung auf 100% Erneuerbare Energien sowie einen sorgsamen Umgang mit vorhandenen Ressourcen (z. B. Einsparungen, Effizienzsteigerungen, Kraft-Wärme-Kopplung) einzufordern unddie ökologische Landwirtschaft zu stärken (mehr dazu in der Broschüre „Raus aus der Kohle!“, welche vom Graswurzelkollektiv ausgecohlt 2017 herausgegeben wurde).

Was tun wir?

Soweit unsere grob umrissenen Ziele. Was tun wir nun, um diese umzusetzen? Jetzt anfangen und weitermachen, was wir als Einzelpersonen, bei KAT und im Rahmen der globalen Klimabewegung bereits tun. Sei es dafür zu sorgen, dass dreckige Industrien still stehen müssen, weil wir sie blockieren, oder alle Formen der solidarischen Organisation und des Zusammenlebens im alltäglichen Leben ermöglichen.

Im „Ende Gelände“-Bündnis fokussieren wir uns auf das Motto „Kohlebagger stoppen, Klima schützen!“ mit Massenaktionen zivilen Ungehorsams auf und gegen Braunkohle. Wir fordern einen sofortigen Kohleausstieg und stellen uns deshalb seit 2015 1-2x im Jahr Kohle-Baggern und Tagebau-Infrastruktur in den Weg. Zudem bestehen enge Verbindungen zu Bündnissen und Initiativen vor Ort – so z.B. zum seit 2012 besetzten Hambacher Wald, der auch Schauplatz der diesjährigen Aktion vom 25. bis 28. Oktober sein wird. Darüber hinaus ist es aber nicht nur eine Frage der Kohle – langfristig muss ein Großteil der fossilen Rohstoffe weltweit im Boden bleiben; der Energieverbrauch kann auch nicht nur durch vermeintlich „nachhaltigere“ Formen der Energieumwandlung ersetzt werden.

Im Alltag gehen wir von uns selbst aus (Bewusstsein für globale Zustände, individuelle Konsumhaltung etc.) und organisieren unser Leben in Ortsgruppen, wo wir im kleinen Maßstab mit Alternativen wie Gemeinsamer Ökonomie, gemeinnütziger Energieversorgung, selbstbestimmtem Wohnen und Arbeiten (Solidar-Kollektive, Kommunen etc.) experimentieren und versuchen den Wandel umsichtig, sozial und gemeinschaftlich umzusetzen – auch außerhalb unserer politischen „Aktivisti-Blase“. In Klimacamps, welche meist den Sommer über in verschiedenen Bundesländern stattfinden, kommen wir zusammen und tauschen uns überregional-international aus. Im Rahmen von Ende Gelände mobilisierten wir dieses Jahr auch erstmals direkt zu Klimacamps und Massenaktionen zivilen Ungehorsams außerhalb von Deutschland – im Juni nach Tschechien („Limity jsme my“ – gegen Braunkohle) und im August in die Niederlande zu „Code Rood“ gegen Gasförderung.) Zudem zeigen wir uns solidarisch mit anderen Kämpfen – stehen am 1. Mai und auch sonst gegen Nazis, die AfD und andere Rassist*innen auf der Straße, freuen uns sehr, wenn wieder ein queer-feministischer Finger bei der Ende Gelände Aktion dabei sein wird .

PS: Die Frage nach Hippies haben wir jetzt gar nicht beantwortet. Hmm. Wir haben auch einige Fragen an „Hippies“ bzw. sind ratlos. Kann da mal jemensch einen Lirabelle-Diskussions-Beitrag zum Thema schreiben :)? Danke im Voraus!


Die Autor*innen sind erreichbar unter klima_aktion_th@riseup.net und freuen sich über Mitstreiter*innen.

Weitere Texte und Bücher zum Thema:

  • Brand, U. & Wissen, M. (2017): Imperiale Lebensweise – Zur Ausbeutung
    von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus.
  • Foster, J. B., Clark, B., York, R. (2011): The Ecological Rift –
    Capitalism’s War On The Earth.
  • https://revoltmag.org/articles/eine-kurze-geschichte-der-klimagerechtigkeit/
  • http://www.ausgeco2hlt.de/wp-content/uploads/2017/05/kohlebroschu%CC%88re-web.pdf
  • https://www.ende-gelaende.org
  • http://www.ausgeco2hlt.de/wp-content/uploads/2017/08/Wurzeln-Im-Treibsand.pdf
  • https://hambacherforst.org/
  • https://hambacherforst.org/upload/HambacherForstBuch.pdf
  • Antifa für Deutschland

    Im Südthüringischen Themar fanden im Juli dieses Jahres nicht nur die größten Naziaufmärsche in der Geschichte dieses Landes statt, es gab auch den ganz großen Schulterschluss zwischen allen Parteien und Organisationen, die mit dem Protest gegen Nazis irgendein Interesse verbanden. Außer einer: der Antifa. Es berichten Dori und Ox Y. Moron.

    Etwa 6000 Neonazis feierten am 15. Juli ihr „Rock gegen Überfremdung“. Zwei Wochen später kamen nochmal ca. 1000 Nazis und die nächsten Großkonzerte sind bereits angekündigt. Der Landkreis Hildburghausen hat eine riesige Neonaziszene und die wohl finanzstärkste faschistische Infrastruktur des ganzen Bundeslandes, vielleicht bundesweit. Dieses Problem hat sich der Landkreis redlich verdient. Jahrelang hofierte man die Faschisten um Tommy Frenck und macht es ihnen so behaglich wie möglich. Und so fanden die ersten Großaufmärsche der vergangenen Jahre nicht grundlos ohne größere öffentliche Wahrnehmung statt. Im vergangenen Jahr befasste sich Landesvater Bodo Ramelow (Linkspartei), während tausende Faschisten in Südthüringen feierten, lieber mit einer Demonstration von 300 antideutschen Antifaschisten in Bornhagen und twitterte sich des nachts besäuselt von reichlich Rotwein um Sinn und Verstand. In diesem Jahr sollte das anders werden.

    Ein großes zivilgesellschaftliches Bündnis formierte sich, um wahrnehmbaren Protest zu üben und Themar als „bunte Stadt“ hinzulügen.1 Unter den Protestteilnehmern sammelte sich alles, was mit dem Protest gegen Nazis irgendwelche Interessen verband: Vom Heimatschützer, der den Ruf der Gemeinde weiß waschen wollte, über die Sektierer und Eigendarsteller, die Werbung in eigener Sache machen wollten; über die sozialdemokratischen Berufspolitiker, die mit dem Engagement gegen offensichtliche Nazis ihr Nichtstun trotz Möglichkeiten bei der bestens geschmierten Thüringer Abschiebemaschinierie vergessen machen wollten, bis zum linken Jugendlichen der mit größtem Recht diese Aufmärsche als widerlich empfand und dem mangels Alternative nichts blieb, als beim Volksfest gegen Rechts zwischen Kuchen- und Filzstand irgendwie mitzumachen. Jene linken Antifaschisten, denen die jährliche Reisewarnung nicht genügte, bildeten einen antifaschistischen Arbeitskreis (AK Themar) mit dem Ziel, die bürgerlichen Proteste kritisch zu begleiten und zu erweitern. Sie gingen gnadenlos im Meer der Standortschützer, Berufspolitiker und vieler übler Gestalten unter.

    Da war etwa der zukünftige MaKss Damage of Liedermaching, Florian Ernst Kirner („Prinz Chaos II.“), ein Freund des Antisemiten Ken Jebsen, der in Sachen Israel sicher schnell Schnittpunkte mit den feiernden Nazis gefunden hätte. Mindestens ebenso viele Schnittmengen mit Faschisten hatte die an den Protesten teilnehmende MLPD, eine stalinistische Sekte, die offen mit den Judenmördern der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) paktiert. Neben derlei Sekten und den Bauchrednern des Wahnsinns waren natürlich auch die etablierten sozialdemokratischen Parteien der Landesregierung an den Protesten federführend beteiligt. Eine parlamentarische Beobachtergruppe begleitete das Event und postete per Twitter und Facebook die frohe Kunde in die Welt, dass diesmal ein paar Leute mehr ihre moralische Überlegenheit am Abgrund demonstrierten. Ihren Gipfel erreichte dieses Schaulaufen der bürgerlichen Nazigegner in der Anmaßung, das was man hier mache, sei „Antifa“.

    Die linksradikale Antifa hat von dieser Farce ganz bewusst Abstand gehalten. In einem Auswertungsbeitrag2 kritisiert die Antifa Suhl/Zella-Mehlis: „Antifaschistische Kritik, wie sie beim AK Themar zu finden war, ging unter, wurde im bunten Volksmob subsumiert und, als wäre es nicht schon schlimm genug, man ließ sich das Label „Antifa“ sogar noch für die eigene Standortkampagne widerspruchslos entwenden. Von „Antifa“ war keine Gesellschaftskritik, nicht mal mehr Militanz auf der Straße übrig, sondern nur noch ein Haufen junger Leute, die nicht mehr als „Gegen Nazis“ zu sein scheinen und sich in der bunten Suppe von Themar verlieren.“ Die Entwendung des Antifa-Labels diene keiner gut gemeinten Solidarisierung mit antifaschistischer und emanzipatorischer Politik, sondern war nichts als ein strategisches Manöver, um einerseits mehr Schwungmasse für die Pressefotos zu gewinnen und gleichzeitig das zu entpolitisieren, wofür „Antifa“ eben steht. Weiter heißt es: „Das Ganze fand unter Applaus der parlamentarischen Beobachtungsgruppe statt, deren Vertreter seit Jahren nichts anderes machen, als diesen staatstreuen Antifaschismus zu propagieren und Positionen der radikalen Linken zu entkräften. Somit kam es für den Gegenprotest aus unserer Sicht sogar noch schlimmer als befürchtet.“
    Die Zivilgesellschaft in Themar bot sich als die von der Antifa Suhl/Zella-Mehlis zurecht kritisierte „bunte Suppe“, die in einer „inhaltsarmen Einheitsfront für das bessere Deutschland“ trommelte und keinen Beitrag leistete, das Naziproblem ursächlich zu begreifen und damit zu beseitigen. Die Zivilgesellschaft ist blind für die Ursachen gelingender faschistischer Mobilmachung, die in der Grundstruktur dieser Gesellschaft und den falschen Reim, den sich die Betroffenen auf ihre Verheerungen macht, ihren Ausgang nimmt. Sie organisiert den in der postfaschistischen Gesellschaft gebotenen Konsens der gesellschaftlichen Eliten gegen die offenkundigsten Nazis, gegen jene, die von der NS-Nostalgie nicht lassen können, und damit macht sie den notwendigen Protest gegen Naziaufmärsche und -ideologie zur Farce, zum sinn- und konsequenzlosen Gesabbel, zum öffentlichen Schaulaufen für die Presse und zur Werbeveranstaltung für diese ach so tolle Gesellschaft. Als ob der Aufmarsch von 200 Funktionären und ebenso vielen Gutgläubigen für diese Gesellschaft sprechen würde und nicht gerade gegen sie. Die bürgerliche Aufklärung über Nazistrukturen und -ideologie findet nicht in kritischer, sondern in staatstragender Absicht statt.

    Antifaschistische Kritik ist nur noch im Widerspruch zur dargestellten Scharade der Zivilgesellschaft zu haben. Der Antifa geht es darum, das Naziproblem als gesellschaftliches Problem, also als Problem einer Gesellschaft, die potentielle und aktuelle Nazis mit Notwendigkeit hervorbringt, begreiflich zu machen. Ihr ist das Gemeinwesen, die gepriesene Demokratie bzw. eben ihre aktuelle Verfallsform Gegenstand der Kritik statt der Affirmation. Die beengende Heimeligkeit beim Pfeifkonzert gegen Rechts ist ihr zuwider wie die gesellschaftliche Zurichtung, die der Ideologiewahn der Zivilgesellschafter vergessen machen will. Sie weiß, dass nicht fehlende Bildung in Menschenrechtsfragen die Ursache von Rassismus ist, sondern die tendenzielle Überflüssigkeit jedes Einzelnen für das gesellschaftliche Verhältnis und die ideologische Disposition, mit der die Rassisten dieses Verhältnis rechtfertigen und erhalten wollen. Ihre Mittel sind deswegen nicht der durch stete Wiederholung auf dem Rednerpult einzuübende Grundsatz von der Gleichheit und der Menschenwürde, sondern die radikale Aufklärung über eine Gesellschaft, in der die Menschenwürde und die Gleichheit so prekär und scheinhaft sind, dass man sie als Recht fixieren und staatlich garantieren musste. Diese Gesellschaft bringt die Nazis und ihre Ideologie mit Notwendigkeit hervor wie sie die Einzelnen zu austauschbaren Momenten eines irrational-rationalen Molochs erniedrigt und sie um das beraubt, was das Kapitalverhältnis in seinen Anfängen einmal verheißen mochte: Die Freisetzung der geschichtsbildenden Potenzen der menschlichen Arbeit und damit die Ermöglichung des Eintretens des Menschen in seine Geschichte. Weil eben dieses Eintreten und also: die sozialistische Revolution ausblieb, haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse verhärtet, sind für die Einzelnen unhintergehbarer und verhängnisvoller geworden und haben mit den Nazis Kräfte freigesetzt, die etwas Schlimmeres möglich machen, als das Bestehende.

    Bliebe die Frage: Was tun? Auch darauf hat die Antifa Suhl/Zella-Mehlis eine Antwort gefunden. Sie mag nicht zufriedenstellen, vielleicht ist sie auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber angesichts des Kräfteverhältnisses zwischen antifaschistischer Aufklärung und den organisierten faschistischen Strukturen, ist sie politisch richtig. Die Antwort der linksradikalen Antifa lautete: Nicht das falsche, wo das richtige nicht möglich ist. Das ist es, was sie so unzufriedenstellend macht für jene, die sich in der blinden Wut des Machens zwar eingestehen müssten, dass ein Zweck antifaschistischer Praxis hier nicht erreicht wird, aber zumindest das Mittel zum Zweck erheben, um irgendetwas gemacht zu haben. Bliebe die Anwesenheit von Antifaschistinnen beim Protest damit verschwendete Lebenszeit dieser, wäre das schade, wo man die Zeit mit angenehmeren und/oder sinnvolleren Sachen hätte verbringen können, aber eben nur schade. Problematisch wird es da, wo die (hier wohlwollend unterstellte) Intention solcher Aktionen, die man im Sinne des ‚Hauptsache irgendwas‘ fällen lässt, nicht verloren geht, sondern sich in ihr Gegenteil verkehrt.

    Diese Intention ist es nicht immer nur, antifaschistische Inhalte zu verbreiten oder in Abgrenzung zum Demokratiespektakel aufzuzeigen, dass es politische Organisierungsmöglichkeiten fernab dessen gibt, um mit Gleichgesinnten eine gemeinsame Position zu finden oder zu stärken. Denn freilich gibt es gute Grunde, hinter die genannte Intention zurückzufallen, sprich sich dem bürgerlichen Protest anzuschließen, wenn man weiß, dass die politischen Differenzen dabei verschwimmen. Einer wäre es zum Beispiel, linke Räume und Strukturen vor Ort zu schützen. Doch solche gibt es in Themar nicht. Den Menschen, denen das Fehlen solcher Räume ebenso wie das politische Klima vor Ort als eine Ursache für deren Fehlen ein Problem ist, für die die Nazis, die nicht nur an diesen einem Tag im Jahr in Horden anreisen, sondern vereinzelt oder in Gruppen stets präsent sind, eine Gefahr darstellen, kann man aus der Situation der Unterlegenheit zum Schutz nicht verhelfen; ein kurzes Aufschlagen vor Ort, wenn alle Welt auf Themar schaut, stellt indes auch keinen Beitrag zur Selbsthilfe dar. Ihnen entgegen der Sachlage in paternalistischer Manier nahezulegen, ‚Gesicht zu zeigen‘ ist ein Hohn all jener, die sich den Rest des Jahres ohne Angriffe befürchten zu müssen, durch die Stadt bewegen können. Darüber hinaus ist es immer auch eine gute Sache, den reibungslosen Ablauf des Nazifestivals zu stören oder die Außenwirkung der Nazis einzudämmen. Ersteres aber stand nie in Aussicht und auch zweiteres kann keine erklärbares Ziel sein, wo ein Nazifestival ausschließlich nach innen wirkt und wirken soll. Dieses musste auch von niemanden mehr als das enttarnt werden, was es ist, weil sich noch die letzte Dorfbewohnerin über den Charakter der Veranstaltung im Klaren war.

    Angesichts dieser Aussichtslosigkeit für erfolgreichen Protest und des Gefahrenpotentials, das von hunderten und tausenden betrunkenen Nazis ausgeht, entschied sich auch die Association Progrès im Vorfeld des in diesem Jahr zum fünften Mal stattgefundenen Eichfeldtages der NPD eine Reisewarnung zu veröffentlichen, in der sie zur Vorsicht mahnt und von einem Besuch in Leinefelde abriet.3 Sie mussten sich dafür von der Redical M eine fatale Fehleinschätzung attestieren lassen.4 Nicht nämlich sei das Gefahrenpotential an anderen Tagen nicht auch da, man spiele mit so etwas den Nazis in die Hände. Dass an solchen Tagen ein qualitativer Unterschied der Gefahr, von Nazis angegriffen zu werden zum Rest des Jahres besteht, steht ohne Zweifel und nicht im Widerspruch zur Anerkennung der alltäglichen Scheiße, die sich ohne Augenmerk der Öffentlichkeit in der Provinz abspielt. Darauf machte auch die Assoziation Progrès in ihrer Reaktion aufmerksam.5 Und freilich ist eine Reisewarnung gewissermaßen ein Eingeständnis von Unterlegenheit und die Redical M hat recht, wenn sie konstatiert, dass das den Nazis in die Hände spielt. Das Veranstalten einer Aktion aber hätte an der Unterlegenheit nichts geändert. Der Ohnmacht als Antifaschist tausenden von gewaltbereiten Nazis in der Gemeinschaft der Demokraten gegenüber zu stehen, ist nicht beizukommen durch einen – im besten Fall – von der Polizei abgeriegelten kleinen Aufzug. Nur hinwegtäuschen kann man sich über diese. Andere Reaktionen á la ‚Ihr habt wohl nicht den Arsch in der Hose?‘ schlagen in eine ähnliche Kerbe und strotzen darüber hinaus vor ekelhaftem Mackertum, mit dem sich zumindest die Autoren dieser Zeilen nicht gemein machen wollen.

    All das Geraune übergeht einen gewichtigen Punkt, auf den sowohl die Antifa Suhl/ Zella-Mehlis als auch die Assoziation Progrès dezidiert aufmerksam machen; nämlich dass es ein Anliegen ist, sich vom bürgerlichen Protest zu distanzieren, da man droht in ein Spektakel eingehegt zu werden, dem man aus oben genannten Gründen feindlich gegenüber steht. Es ist dabei stets schwierig zu antizipieren, wie weit es gelingen kann, eigene Positionen und eine Kritik in einem solchen Rahmen hörbar zu machen. Die Abwägung um die Möglichkeit des Erfolgs fielen bei dem AK Themar anders aus, als bei der Antifa Suhl/ Zella-Mehlis. Die Abwägungen des AK Themar lassen sich retrospektiv als falsch beurteilen. Schon im Voraus wurde deutlich, dass es den zusammengekommenen Themaranern, Südthüringerinnen und ihren Unterstützern aus der Landespolitik nicht um das Entgegentreten gegen menschenfeindliche Ideologien ging, sondern darum dass man die eigene Dorfidylle durch anreisende Fremde (hier eben Nazis) in Gefahr sah und die schlechte Presse fürchtete. Die Bilder der sich in Turnhallen versammelnden Anwohner, die besorgt und erregt in die Kameras der Presse schauen und dabei „Wir wollen die hier nicht haben“ verlautbaren, rufen nicht nur unliebsame Assoziationen hervor, sondern befördern die Erkenntnis um die Mechanismen, die da am Werk sind ebenso wie sie die Bedingungen der Möglichkeit für die Beförderung einer Kritik der menschenfeindlichen Ideologie bei den Anwesenden aufzeigen.

    Im Vordergrund des bürgerlichen Protestes steht die Sicherung des Gemeinwesens, der „Demokratie“, des geregelten gesellschaftlichen Miteinanders, dieser öden, verhängnisvollen Immergleichheit am Abgrund, aus der es endlich auszubrechen gälte. Wer sich, statt sich im Widerspruch zu den Nazis und entsprechend konsequent im Widerspruch zu den Apologeten der Gesellschaft und ihrer Ordnung, die diese notwendig hervorbringt auf deren Seite schlägt, um zumindest etwas gemacht zu haben, dessen Etwas ist die Verteidigung des schlechten Ganzen. Wem das kein Anliegen war und ist, für den ist in Themar kein Ziel zu erreichen. Das ist ein trauriges Fazit, dessen Wahrheitswert sich nicht durch die Verdrehung der Realität ändern lässt, sondern durch die Veränderung der Bedingungen der Möglichkeit von erfolgreichen antifaschistischen Protest.


    1
    In der bunten Stadt Themar hat übrigens zur Bundestagswahl am 24. September 2017 die AfD das beste Ergebnis eingefahren, vor der CDU und den sozialdemokratischen Standortschützern.

    2
    Die ganze Stellungnahme findet sich online: http://bit.ly/2yIvRi0

    3
    Reisewarnung der Assoziation Progrès: http://bit.ly/2yKQGXU

    4
    Kritik der Redical M: http://bit.ly/2yLYrg6

    5
    Reaktion der Assoziation Progrès: http://bit.ly/2yHIOsD

    Repressionsschnipsel

    Frühjahr 2017, Saalfeld: Anquatschversuch und Repression nach Protesten gegen Thügida
    Bei den Protesten gegen den Thügida-Aufmarsch am 9. Januar wird ein Antifaschist in Gewahrsam genommen und der Körperverletzung an einem Nazi beschuldigt. Seine Wohnung wird durchsucht, Handy und Rechner beschlagnahmt. Im Zuge der Ermittlungen gegen ihn drangsaliert das LKA immer wieder jugendliche Antifaschisten aus Saalfeld. Mittels Anrufen auf deren privaten Handys und Besuchen am Arbeitsplatz, sollen sie zu Zeugenaussagen bewegt werden. Außerdem wird von einem Anquatschversuch durch zwei Personen berichtet, die der Angesprochene dem VS zuordnet. Um wen genau es sich handelt, kann mit Sicherheit aber nicht gesagt werden, da er diese ohne Kommentar stehen ließ.

    11.1.17, Gotha: Antifaschist vom Vowruf der Körperverletzung freigesprochen
    Am Amtsgericht in Gotha fand ein Prozess gegen einen Antifaschisten statt, der vom Nazikader Marco Zint der schweren Körperverletzung bezichtigt wurde. Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, dass Zint diejenigen, die ihm im Oktober 2016 zusammen schlugen, nicht identifizieren könne und er den Angeklagten nur beschuldigte, um seine Adresse heraus zu bekommen. Einen weiteren Skandal des Tages birgt die Tatsache, dass er und die anderen beiden Zeugen im Laufe der Vernehmung Einblick in die Staatsschutzunterlagen zur ‚politisch motivierten Kriminalität links‘ in Gotha und Umgebung hatten.

    18.1.17, Apolda: Verfahren gegen Flüchtlingsaktivist eingestellt
    Das Verfahren wegen Missbrauch von Ausweispapieren gegen TheVoice-Aktivst Dr. Aghayev Magsud wird vom Amtsgericht Apolda eingestellt. Warum die Staatsanwaltschaft Erfurt das zuvor bereits eingestellte Verfahren auf Drängen der Ausländerbehörde Apolda wiederaufnahm und es zur mündlichen Verhandlung kam, bleibt unklar. In Begleitung von etwa 20 Unterstützer*innen wird Öffentlichkeit hergestellt und auf Willkür und Schikanen im Agieren der Ausländerbehörde aufmerksam gemacht. Break Deportation!

    26.1.17, Gotha: Prozess wegen politisch motivierter Sachbeschädigung
    Erneut findet sich ein Antifaschist aus Gotha wegen des freizügigen Umgangs der Ermittlungsbehörden mit ihren Akten auf der Anklagebank wieder. Zwei Zeugen wollen auf Grundlage der Lichtbilder in den Staatsschutzunterlagen zur ‚politisch motivierten Kriminalität links‘ jemanden identifiziert haben, der den Schriftzug „Antifa“ auf eine Natursteinmauer in Gotha angebracht habe. Den Angeklagten konnten sie vor Gericht allerdings nicht wiedererkennen. Auch dieses Verfahren endet mit einem Freispruch.

    3.2.17, Jena: Wolja – Repression gegen Hausbesetzer offensiv begegnet
    Anlässlich der Besetzung der Carl-Zeiss-Straße 11 im Juli 2014 kommt es zur Verhandlung vor dem Amtsgericht Jena wegen Hausfriedensbruch gegen einen der Besetzer*innen. Bei einer Gerichtsverhandlung mit erwartbar geringen Strafmaß (20 Tagessätze) entscheidet sich der Angeklagte, sich mit Unterstützer*innen in juristischer Selbstverteidigung zu üben. In der vierstündigen Verhandlung verpassen Richter Kleßen und Staatsanwalt Wörmann – durch die offensive Prozessführung ausgelöst – wenig Gelegenheiten, sich zu blamieren und ihre Macht und ihren politischen Verurteilungswillen offen zur Schau zu stellen. Der verurteilte Angeklagte und seine Laienverteidiger*innen gehen in Revision, der Staatsanwalt in Berufung. Sich selbst zu verteidigen, ist für den Angeklagten ermächtigender als stumm neben einer professionellen Verteidiger*in zu sitzen.
    Hinweis: Dieser Umgang mit Repression ist voraussetzungsreich und nicht
    in jedem Fall und für jede*n Betroffene*n die passende Entscheidung!
    Sprecht mit Antirepressionsstrukturen vor Ort, bspw. der Roten Hilfe.

    23.3.17, Erfurt: Out of Action – Umgang mit Folgen von Gewalt und Repression im Kontext linker Kämpfe
    Anlässlich des 18. März, dem Tag der politischen Gefangenen, wird über Auswirkungen von Repression diskutiert: Emotionaler Stress, gar psychische Traumata sind gewollte Folgen, die oft im Privaten verhandelt werden bzw. tabuisiert sind, obwohl auch diesen solidarisch begegnet werden kann. Die Gruppe Out of Action bietet Infomationen und Hilfe auch auf konkrete Anfrage.

    Und auf einmal bist du ein Prolet…

    Eigentlich wollte Minna Takver einen Artikel über innerlinke Debattenkulturen schreiben, aber der Einstieg in das sogenannte Arbeitsleben machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen an dieser Stelle: ein reflektierender Erfahrungsbericht ihrer ersten Zeit als Lohnarbeitende. Die Autorin ist Mitglied des Club Communism.

    Ich bin ein Kopf‑Mensch. Keine Arbeiterin, die gerne Dinge erschafft oder Sachen repariert. Ich denke lieber über Sachen nach, rede mit Leuten darüber, gucke was so um mich herum passiert oder lese. Das war mir schon während meiner Schulzeit klar und es war für mich logisch, dass ich studieren würde; eine ‚einfache‘ Ausbildung, so wusste ich, würde mich unterfordern und aus dem Studium an der Universität wollte ich zudem all das mitnehmen, was mir helfen könnte, besser linksradikale Politik zu machen. Meiner Hände Produkt interessierte mich nie. Das Studieren war Erfüllung und Enttäuschung meiner Erwartungen gleichzeitig. Einerseits lernte ich, komplizierte Texte zu verstehen, die mir vorher gar nichts sagten, und damit wurde mir ein Verständnis von Welt aufgeschlossen, das mir hilft, mich mit meiner Ohnmacht auseinanderzusetzen, ohne sie damit jedoch loszuwerden. Andererseits war es frustrierend: dumm saßen die meisten Anderen neben mir. Sie redeten mehr oder weniger schlau daher, ohne den Willen das Elend dieser Welt zu begreifen oder abschaffen zu wollen. Dass Studieren nicht ewig währt, war von vorne herein klar: Ich lebe seit Jahren mit dem Bewusstsein, dass ich werde lohnarbeiten müssen, weil diese Gesellschaft, dieser Staat mich dazu zwingen wird und ich nicht die Kraft habe, in permanenter Auseinandersetzung mit ihm oder am existenziellen Abgrund zu leben.

    Unmittelbar nach Ende meines Studiums machte ich mich aus Verzweiflung auf Jobsuche. Ich fürchte das Arbeitsamt und seine Macht, darum will ich ihm so wenig wie möglich ausgeliefert sein. Während ich also Bewerbungen und Anträge schrieb, überlegte ich mir, was ich alles politisches machen könnte während dieser Übergangsphase: mehr für meine Gruppe, mehr für die politischen Strukturen vor Ort, mehr Selbstbildung, mehr Output (z.B. in Form eines Artikels). So sehr ich die Zeit als Arbeitsamt‑Abhängige fürchte(te), so sehr freute ich mich darauf, nebenbei Politik machen zu können. Während meines Studiums hatte ich jahrelang gehört, dass unsereins es schwerer hätte auf dem Arbeitsmarkt und dass es im Schnitt 1,5 Jahre bräuchte, bis man als Uni‑Absolvent einen Job bekäme. Ich dachte also, ich hätte Zeit. Doch es kam anders.
    Ein Teil meiner Bewerbung richtete sich auf Jobangebote eines klassischen Ausbildungsberufs aus dem Sozialen Bereich. Meine Chance hielt ich eher für gering, da ich die entsprechende Ausbildung nicht habe, sondern nur einen ähnlichen Studienabschluss. Das war eine grandiose Fehleinschätzung: Innerhalb von einer Woche hatte ich nicht nur zwei Bewerbungsgespräche und eine Einladung zu einem dritten, sondern nach dem zweiten Gespräch auch das Angebot eines Probearbeitstages und (bei erfolgreichem Verlauf) sofortigen Arbeitsbeginn auf einer befristeten Stelle.

    Was die Arbeit mit mir macht: körperlich, psychisch, Zeit-technisch, politisch

    Als ich nach dem zweiten Bewerbungsgespräch wieder zu Hause war, heulte ich. Das Ganze ging viel zu schnell, ich hatte keine Zeit mehr für nichts. Zum Probearbeitstag musste ich so früh aufstehen wie seit Ewigkeiten nicht mehr und mir ging auf, dass ich nicht wusste was ich dann dort tun sollte. Meine Angst, dabei zu versagen (ohne dass mir die ‚Prüfungsbedingungen‘ klar waren), war groß. Drei Wecker hatte ich mir zur Sicherheit gestellt und war schon vor dem ersten wach. In der Einrichtung angekommen, wurde ich einer Angestellten zugeteilt, die mich freundlich aufnahm, mir alles erklärte und interessiert an meinem bisherigen Werdegang war. Die Tatsache, dass ich von der Uni kam, war für sie eher eine unterhaltsame Kuriosität als Anlass für spitze Bemerkungen. Ich überstand den halben Arbeitstag irgendwie, während die Eindrücke und Informationen auf mich einstürzten. Da ich als Arbeitsfeld den Sozialen Bereich ausgesucht habe, ist die offene Zugewandtheit zu Menschen elementar, um dort zurecht zu kommen. Die konnte ich anscheinend zeigen, obwohl ich kaum wusste, wann wie welche Arbeitsschritte oder zwischenmenschliche Interaktionen angemessen waren. Zur Halbzeit des Arbeitstages versicherte mir meine Kollegin, dass sie meine Anstellung uneingeschränkt empfehlen wird, woraufhin ich den Job bekam. Am Abend dieses fast‑ersten Arbeitstages schlief ich um 23 Uhr über meinem alkoholischen‑zur‑Feier‑des‑Tages‑Getränk ein. Ohne das Gefühl wirklich gearbeitet zu haben, spürte ich die Erschöpfung, die einen danach überkommt.

    Die ersten zwei Arbeitstage waren die Hölle. Nicht vor Ort während der Arbeit, sondern danach und davor, als ich begann die vielfältigen Eindrücke zu verarbeiten. Es war und ist okay, dass ich mir die unbekannten Arbeitsabläufe erst aneignen muss und es ist auch für alle Kolleg_innen völlig in Ordnung. Nicht die Neue zu sein machte mich fertig, sondern die Erkenntnis, dass ich eben nicht wie alle anderen dort Tätigen die entsprechende Ausbildung absolviert hatte und mir elementarstes Basiswissen über die Arbeitsobjekte und ‑verläufe zu fehlen schien.1 Zu Beginn des dritten Tages hätte ich die ganze Sache fast hin geschmissen. Die Angst, ungenügend zu sein, war überwältigend groß und wurde noch dadurch verstärkt, dass ich während der ersten zwei Tage in verschiedenen Abteilungen eingesetzt war und mich so kaum mit den Vorgängen in Ruhe vertraut machen konnte. Mit dem dritten und vierten Tag besserte es sich, aber ohne die Hilfe mir nahestehender Menschen hätte ich das nicht geschafft. Im Versuch meiner Angst Herrin zu werden, griff ich zu Büchern und versuchte mir einer Art Crash‑Kurs Wissen anzueignen, das mir helfen sollte zu wissen, was zu tun ist. Letzten Endes habe ich das Wissen aus diesen Büchern (bis jetzt) nicht (bewusst) gebraucht. Ich wies einige meiner Kolleg_innen daraufhin, dass ich Uni‑Absolventin bin und sie es mir bitte nachsehen mögen, wenn ich Sachen nicht wüsste oder ‚dumme‘ Fragen stellen würde. Das fanden sie überhaupt nicht schlimm und halfen mir bereitwillig. Später ging mir auf, dass sie wohl nicht das erste Mal jemanden anlernten (Stichworte: Auszubildende im Betrieb). Am Ende der ersten Arbeitswoche hatte ich die grundlegenden Abläufe halbwegs verinnerlicht (und wenn ich nicht weiter wusste, sah ich in meinen Notizen nach oder fragte). Ich erlebte, dass auch routinierte Kolleg_innen Kleinigkeiten im Arbeitsprozess vergessen, lieber quatschen statt was zu machen und sogar verschlafen. Ich bemerkte verblüfft, dass ich anscheinend doch nicht völlig nutzlos und unwissend bin, und am Ende der ersten Woche konnte ich das erste Mal ohne schmerzenden Magen zur Arbeit fahren. Mittlerweile habe ich gemerkt, dass es bei meiner derzeitigen Position im Arbeitsprozess erst mal nicht weiter auffällt, dass ich bestimmtes Wissen nicht habe und ich es deswegen in Ruhe nachholen kann. Außerdem hat mich die ein oder andere Kollegin gelobt und mir unaufgefordert angeboten, alle meine Fragen gerne zu beantworten. 

    Mein Körpergefühl hat sich im Verlaufe der ersten Arbeitswoche krass hin und her geworfen. Vor 6 Uhr aufzustehen, um pünktlich zum Arbeitsbeginn in die nächste größere Stadt gependelt zu sein, halte ich nach wie vor für etwas Normales, das viele Arbeiter_innen müssen. Nur bin ich während meines Studiums selten vor 8 Uhr aufgestanden und diese zwei kleinen Stunden wiegen so schwer wie kaum etwas anderes. Um genügend Schlaf zu bekommen, gehe ich gegen 21 Uhr ins Bett, was mir immer noch so vorkommt, als wäre ich eine sehr alte Seniorin. Die ersten vier Arbeitstage hatte ich jeden Morgen Magenschmerzen. Vielleicht ist das Phänomen von Demonstrationen bekannt, bei denen wir damit rechnen müssen einer argen Repression inklusive körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein (‚Spannungsbauchschmerzen‘ nannte es mal ein Genosse). Die sind ein Scheiß dagegen, wie schlecht ich mich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit fühlte. Es war dunkel, es war kalt, es war viel zu früh. Ich musste trotzdem essen und trinken, um nicht unterwegs aus den Latschen zu kippen. Vor Ort angekommen, merkte ich kaum noch etwas von den Magenschmerzen. Die mir zugeteilten Aufgaben und die Interaktion mit den Arbeitsobjekten beanspruchten mich so sehr, dass ich den Bauch erst wieder auf dem Heimweg merkte. Und vor allen Dingen nachts. Die Geschehnisse des Tages (tatsächlich war diese meine erste Arbeitswoche nach Ansicht der Kolleg_innen eine entspannte und mir passierte auch nichts Schlimmes) wirbelten durch meinen Kopf jede Minute, die ich nicht schlief, und viele Minuten, in denen ich gerne geschlafen hätte. Dies besserte sich erst zum Ende der ersten Arbeitswoche und trotzdem gingen mir auch in der zweiten und dritten Woche immer wieder ungewollt Episoden aus den vergangenen Tagen durch den Kopf. Mein neuer Alltag beinhaltet auch, dass ich meinen Körper anders behandeln muss. Statt morgens zu duschen, um wach zu werden, gehe ich am frühen Abend unter die Dusche, um sauber zu werden, weil der Job eine gewisse hygienische Beanspruchung mit sich bringt und körperlich anstrengt. Außerdem kann ich dann morgens 15 Minuten länger schlafen; jede Minute so kostbar. Ich gestalte meine Kleidung, Frisur und Maniküre nach den Erfordernissen der Arbeit (keine politischen Botschaften, möglichst praktisch und leicht sauber zu halten). Auch die Belastungen meines Körpers sind nun andere: Statt der Rücken‑ und Armschmerzen von einer Schreibtischtätigkeit und ewigen Sitzen (wie während meiner Abschlussarbeit im Studium), bekomme ich nun Rückenschmerzen vom Heben und Bücken sowie müde Füße oder Beine. Und ich merke, wie sich meine Sprache verändert (welche Worte ich benutze und wie), eben weil ich nun über viele Stunden am Tag auf eine bestimmte Art und Weise reden muss. Das ist mir unangenehm, da es sich anfühlt, als würde sich meine Arbeitssprache auch in mein restliches Leben einschleichen. Immerhin gibt es auf Arbeit mehr als genug Essen, sodass ich zwar zu anderen Uhrzeiten als vorher esse, aber nicht ewig hungrig darauf warte. Mein neuer Schlafrhythmus hingegen ist wirklich nervig: an einem Freitag Abend finde ich es angenehm erst(!) um 22:30 Uhr schlafen zu gehen (weil ich müde bin) und stehe am Samstag Morgen voller Tatendrang 7:30 Uhr auf. Es ist ein Elend.

    Das führt dazu, dass ich deutlich weniger Energie habe, nach Feierabend noch Politik zu machen. Kommt noch das ein oder andere Hobby (Sport oder Musik) dazu, ist schnell klar, dass viel mehr als einen Abend die Woche nach der Arbeit für Politik zu erübrigen unrealistisch ist. Auch die sonst nebenher laufende politische Selbstbildung (Lesen) fällt an vielen Stellen runter, sodass ich zum einen weniger ‚up to date‘ bin und zum anderen den Wert von Printmedien neu schätzen lerne: Meine Zeitung/Zeitschrift kann ich auf dem Weg von/zur Arbeit lesen und sie braucht keine konstante Internetverbindung. Während meiner ersten Arbeitswoche konnte ich kaum einen Gedanken an Politik denken. Da ich nicht am Schreibtisch lohnarbeite und abends zu müde bin, habe ich während meiner ersten Arbeitswochen weder aktuelle Geschehnisse verfolgt noch anderweitig Texte gelesen, geschweige denn Mails oder Nachrichten. Ich weiß nicht, wann ich mich soweit an den Job gewöhnt haben werde, dass ich abends wieder an politischen Aktivitäten teilnehmen kann. Alles was ich mir vorgenommen hatte, habe ich in den ersten Wochen abgesagt, auf Eis gelegt oder von meiner Wunschliste gestrichen. Die Wochenenden brauchte ich, um noch verbliebene administrative Vorgänge zu erledigen (meint Unterlagen für den neuen Arbeitgeber und das Arbeitsamt zusammenstellen), um Menschen zu treffen, die nicht Kolleg_innen sind und um Bücher auszuleihen über meinen neuen Beruf. Ich glaube, dass ich bald einen funktionierenden Balanceakt hinkriege. Aber wenn ich mir Genoss_innen angucke, die lohnarbeiten und Politik machen, wird mir klar, dass es immer einer bleiben wird und es wesentlich weniger Zeit dafür geben wird. Aufhören werde ich damit aber nicht können.

    Beobachtungen über ‚die‘ Arbeiter_innen: speziell in meinem Betrieb und allgemein

    Auf Arbeit hat meine Politik bis jetzt kaum einen Platz gefunden. Es ist merkwürdig: da mein (es ist immer noch komisch, das so zu schreiben) Berufsstand ein weiblich dominierter ist, ist es der Personalraum auch. Es gibt Postkarten, auf denen Männer humorvoll verunglimpft werden, einen Kalender mit männlichen Unterwäschemodels, und in der Pause werden (vor allem) von den älteren Kolleginnen sexualisierte Witze gerissen. Wie damit unsere männlichen* Kollegen umgehen, habe ich noch nicht herausgefunden. ‚Meinen‘ Berufsstand bewundere ich in naiver Art schon lange und habe mich stets – nicht nur aus meinem politischen Bewusstsein heraus – mit den dort Tätigen solidarisch gefühlt, wenn sie einen Arbeitskampf ausfochten. Dass es im Endeffekt ebenso (hetero‑)sexistische Arbeiterinnen sind, wie das Klischee des gemeinen Bauarbeiters, schockiert mich. Mir graut ein wenig davor herauszufinden, wie sie sich zu anderen Themen verhalten. Auch wenn ich mich meinen Kolleg_innen – den Arbeiter_innen meiner Vorstellung – nun näher fühle, weil ich mich selbst mehr und mehr als Arbeiterin erfahre, trennt uns immer noch das politische Bewusstsein, was bei ihnen so anders oder gar nicht da ist. Nach den ersten Arbeitswochen fange ich jetzt an zu durchschauen, wer im Team wie tickt (dort wird eine Typenbildung vorgenommen auf Grund derer Verhalten Einzelner eingestuft wird, bspw. als zwar nervig aber noch akzeptabel, weil ‚sie_er halt so ist‘ oder als weniger beachtenswert, weil ‚sie_er immer jammert‘). Ich habe herausgefunden, dass etliche von den älteren Kolleg_innen gewerkschaftlich organisiert sind, aber am Frauentag eine Stripshow besuchen statt einer Kundgebung und ich weiß wer von den jüngeren Kolleg_innen im Betriebsrat ist. Über den Arbeitgeber ist bereits vor mir sehr deutlich gelästert worden, aber meine Einschätzung ist, dass das auch das höchste der Gefühle an Widerstand ist. Bevor nicht eine bestimmte schmerzhafte Grenze überschritten sein wird, wird es keine Proteste geben. Im Alltag ist mir mittlerweile aufgefallen, dass in der Masse der Pendler_innen, derer die zur Arbeit oder zur Schule eilen, es sich weniger schlimm anfühlt zur Arbeit zu müssen, weil ich weiß, dass es den anderen genauso geht. Es gibt keine Gespräche in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln am Morgen (außer zwischen Bekannten), aber ohne Worte ist klar: niemand fährt um 6 Uhr früh aus Vergnügen irgendwohin, sondern weil sie_er muss. Genauso wenig, wie niemand das Kantinenessen isst, weil sie_er das so hammer lecker findet, sondern weil es die einfachste/günstigste/einzige Art ist an gekochtes Essen zu kommen.

    Mögliche Schlussfolgerungen für unsere Politik

    Jetzt bin ich auf einmal doch Arbeiterin, obwohl ich keine Sachen repariere oder Dinge erschaffe und trotz dessen, dass ich lese, Leute beobachte und mit ihnen rede. Kaum gewusst wie, verdiene ich damit das Geld, was ich brauche. Und statt wenigstens ein bisschen mehr Zeit für Politik zu haben (als Arbeitsamt‑Abhängige) oder sie flexibel in den Alltag einbauen zu müssen (als Studentin), ringe ich nun als Arbeiterin um jede Möglichkeit dafür mit mir selbst. Mit wem kann ich an der Arbeit über was (politisches) reden, wenn schon Lohnerhöhung ein Witz und kein Kampfziel ist? Wie kann ich mein Unbehagen über Sexismus formulieren, wenn die starken Frauen* um mich herum ihn aus einer dominanten Position heraus betreiben? Und außerhalb der Arbeit: Habe ich den Kopf frei für Politik oder bin ich gedanklich noch mit dem Arbeitstag beschäftigt? Wann bin ich zu Hause, und schaffe ich es nochmal los zu gehen (z. B. zu einem Treffen oder Vortrag)? Bin ich überhaupt fit oder wach genug dafür oder plagen mich Müdigkeit und mein Rücken? Der Treppenwitz der Geschichte daran ist doch, dass wir ‚das Proletariat‘ sind; die, die frühmorgens irgendwohin müssen, die genervt sind aber nicht aufmüpfig, die so viel Hirnschmalz in Lohnarbeit (oder Studium) stecken und so wenig in Politik, die sich emanzipiert fühlen und dennoch care-Arbeit machen, die fressen, was es gibt. Und ich mitten drin. So oder so frage ich mich immer wieder selbst: wie ist denn mit so einer Klasse Revolution zu machen?


    1
    Bei einer Tätigkeit im Sozialen Bereich von Arbeitsobjekten zu sprechen und damit konkrete Menschen zu meinen, für die und mit denen man arbeitet, ist eine arge Objektivierung dieser Individuen (und das ein tautologischer Schluss). Leider weiß ich mir nicht anders zu helfen, um eine nötige Distanz zu dem einzunehmen, was ich als Lohnarbeit tue. Dies geschieht auch, um die ganze Geschichte soweit wie möglich zu anonymisieren und zu verallgemeinern. Nehmt es bitte als Versuch an, eine Sprache zu finden.