Kategorie-Archiv: Praxis

Repressionsschnipsel

Frühjahr 2017, Saalfeld: Anquatschversuch und Repression nach Protesten gegen Thügida
Bei den Protesten gegen den Thügida-Aufmarsch am 9. Januar wird ein Antifaschist in Gewahrsam genommen und der Körperverletzung an einem Nazi beschuldigt. Seine Wohnung wird durchsucht, Handy und Rechner beschlagnahmt. Im Zuge der Ermittlungen gegen ihn drangsaliert das LKA immer wieder jugendliche Antifaschisten aus Saalfeld. Mittels Anrufen auf deren privaten Handys und Besuchen am Arbeitsplatz, sollen sie zu Zeugenaussagen bewegt werden. Außerdem wird von einem Anquatschversuch durch zwei Personen berichtet, die der Angesprochene dem VS zuordnet. Um wen genau es sich handelt, kann mit Sicherheit aber nicht gesagt werden, da er diese ohne Kommentar stehen ließ.

11.1.17, Gotha: Antifaschist vom Vowruf der Körperverletzung freigesprochen
Am Amtsgericht in Gotha fand ein Prozess gegen einen Antifaschisten statt, der vom Nazikader Marco Zint der schweren Körperverletzung bezichtigt wurde. Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, dass Zint diejenigen, die ihm im Oktober 2016 zusammen schlugen, nicht identifizieren könne und er den Angeklagten nur beschuldigte, um seine Adresse heraus zu bekommen. Einen weiteren Skandal des Tages birgt die Tatsache, dass er und die anderen beiden Zeugen im Laufe der Vernehmung Einblick in die Staatsschutzunterlagen zur ‚politisch motivierten Kriminalität links‘ in Gotha und Umgebung hatten.

18.1.17, Apolda: Verfahren gegen Flüchtlingsaktivist eingestellt
Das Verfahren wegen Missbrauch von Ausweispapieren gegen TheVoice-Aktivst Dr. Aghayev Magsud wird vom Amtsgericht Apolda eingestellt. Warum die Staatsanwaltschaft Erfurt das zuvor bereits eingestellte Verfahren auf Drängen der Ausländerbehörde Apolda wiederaufnahm und es zur mündlichen Verhandlung kam, bleibt unklar. In Begleitung von etwa 20 Unterstützer*innen wird Öffentlichkeit hergestellt und auf Willkür und Schikanen im Agieren der Ausländerbehörde aufmerksam gemacht. Break Deportation!

26.1.17, Gotha: Prozess wegen politisch motivierter Sachbeschädigung
Erneut findet sich ein Antifaschist aus Gotha wegen des freizügigen Umgangs der Ermittlungsbehörden mit ihren Akten auf der Anklagebank wieder. Zwei Zeugen wollen auf Grundlage der Lichtbilder in den Staatsschutzunterlagen zur ‚politisch motivierten Kriminalität links‘ jemanden identifiziert haben, der den Schriftzug „Antifa“ auf eine Natursteinmauer in Gotha angebracht habe. Den Angeklagten konnten sie vor Gericht allerdings nicht wiedererkennen. Auch dieses Verfahren endet mit einem Freispruch.

3.2.17, Jena: Wolja – Repression gegen Hausbesetzer offensiv begegnet
Anlässlich der Besetzung der Carl-Zeiss-Straße 11 im Juli 2014 kommt es zur Verhandlung vor dem Amtsgericht Jena wegen Hausfriedensbruch gegen einen der Besetzer*innen. Bei einer Gerichtsverhandlung mit erwartbar geringen Strafmaß (20 Tagessätze) entscheidet sich der Angeklagte, sich mit Unterstützer*innen in juristischer Selbstverteidigung zu üben. In der vierstündigen Verhandlung verpassen Richter Kleßen und Staatsanwalt Wörmann – durch die offensive Prozessführung ausgelöst – wenig Gelegenheiten, sich zu blamieren und ihre Macht und ihren politischen Verurteilungswillen offen zur Schau zu stellen. Der verurteilte Angeklagte und seine Laienverteidiger*innen gehen in Revision, der Staatsanwalt in Berufung. Sich selbst zu verteidigen, ist für den Angeklagten ermächtigender als stumm neben einer professionellen Verteidiger*in zu sitzen.
Hinweis: Dieser Umgang mit Repression ist voraussetzungsreich und nicht
in jedem Fall und für jede*n Betroffene*n die passende Entscheidung!
Sprecht mit Antirepressionsstrukturen vor Ort, bspw. der Roten Hilfe.

23.3.17, Erfurt: Out of Action – Umgang mit Folgen von Gewalt und Repression im Kontext linker Kämpfe
Anlässlich des 18. März, dem Tag der politischen Gefangenen, wird über Auswirkungen von Repression diskutiert: Emotionaler Stress, gar psychische Traumata sind gewollte Folgen, die oft im Privaten verhandelt werden bzw. tabuisiert sind, obwohl auch diesen solidarisch begegnet werden kann. Die Gruppe Out of Action bietet Infomationen und Hilfe auch auf konkrete Anfrage.

Und auf einmal bist du ein Prolet…

Eigentlich wollte Minna Takver einen Artikel über innerlinke Debattenkulturen schreiben, aber der Einstieg in das sogenannte Arbeitsleben machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen an dieser Stelle: ein reflektierender Erfahrungsbericht ihrer ersten Zeit als Lohnarbeitende. Die Autorin ist Mitglied des Club Communism.

Ich bin ein Kopf‑Mensch. Keine Arbeiterin, die gerne Dinge erschafft oder Sachen repariert. Ich denke lieber über Sachen nach, rede mit Leuten darüber, gucke was so um mich herum passiert oder lese. Das war mir schon während meiner Schulzeit klar und es war für mich logisch, dass ich studieren würde; eine ‚einfache‘ Ausbildung, so wusste ich, würde mich unterfordern und aus dem Studium an der Universität wollte ich zudem all das mitnehmen, was mir helfen könnte, besser linksradikale Politik zu machen. Meiner Hände Produkt interessierte mich nie. Das Studieren war Erfüllung und Enttäuschung meiner Erwartungen gleichzeitig. Einerseits lernte ich, komplizierte Texte zu verstehen, die mir vorher gar nichts sagten, und damit wurde mir ein Verständnis von Welt aufgeschlossen, das mir hilft, mich mit meiner Ohnmacht auseinanderzusetzen, ohne sie damit jedoch loszuwerden. Andererseits war es frustrierend: dumm saßen die meisten Anderen neben mir. Sie redeten mehr oder weniger schlau daher, ohne den Willen das Elend dieser Welt zu begreifen oder abschaffen zu wollen. Dass Studieren nicht ewig währt, war von vorne herein klar: Ich lebe seit Jahren mit dem Bewusstsein, dass ich werde lohnarbeiten müssen, weil diese Gesellschaft, dieser Staat mich dazu zwingen wird und ich nicht die Kraft habe, in permanenter Auseinandersetzung mit ihm oder am existenziellen Abgrund zu leben.

Unmittelbar nach Ende meines Studiums machte ich mich aus Verzweiflung auf Jobsuche. Ich fürchte das Arbeitsamt und seine Macht, darum will ich ihm so wenig wie möglich ausgeliefert sein. Während ich also Bewerbungen und Anträge schrieb, überlegte ich mir, was ich alles politisches machen könnte während dieser Übergangsphase: mehr für meine Gruppe, mehr für die politischen Strukturen vor Ort, mehr Selbstbildung, mehr Output (z.B. in Form eines Artikels). So sehr ich die Zeit als Arbeitsamt‑Abhängige fürchte(te), so sehr freute ich mich darauf, nebenbei Politik machen zu können. Während meines Studiums hatte ich jahrelang gehört, dass unsereins es schwerer hätte auf dem Arbeitsmarkt und dass es im Schnitt 1,5 Jahre bräuchte, bis man als Uni‑Absolvent einen Job bekäme. Ich dachte also, ich hätte Zeit. Doch es kam anders.
Ein Teil meiner Bewerbung richtete sich auf Jobangebote eines klassischen Ausbildungsberufs aus dem Sozialen Bereich. Meine Chance hielt ich eher für gering, da ich die entsprechende Ausbildung nicht habe, sondern nur einen ähnlichen Studienabschluss. Das war eine grandiose Fehleinschätzung: Innerhalb von einer Woche hatte ich nicht nur zwei Bewerbungsgespräche und eine Einladung zu einem dritten, sondern nach dem zweiten Gespräch auch das Angebot eines Probearbeitstages und (bei erfolgreichem Verlauf) sofortigen Arbeitsbeginn auf einer befristeten Stelle.

Was die Arbeit mit mir macht: körperlich, psychisch, Zeit-technisch, politisch

Als ich nach dem zweiten Bewerbungsgespräch wieder zu Hause war, heulte ich. Das Ganze ging viel zu schnell, ich hatte keine Zeit mehr für nichts. Zum Probearbeitstag musste ich so früh aufstehen wie seit Ewigkeiten nicht mehr und mir ging auf, dass ich nicht wusste was ich dann dort tun sollte. Meine Angst, dabei zu versagen (ohne dass mir die ‚Prüfungsbedingungen‘ klar waren), war groß. Drei Wecker hatte ich mir zur Sicherheit gestellt und war schon vor dem ersten wach. In der Einrichtung angekommen, wurde ich einer Angestellten zugeteilt, die mich freundlich aufnahm, mir alles erklärte und interessiert an meinem bisherigen Werdegang war. Die Tatsache, dass ich von der Uni kam, war für sie eher eine unterhaltsame Kuriosität als Anlass für spitze Bemerkungen. Ich überstand den halben Arbeitstag irgendwie, während die Eindrücke und Informationen auf mich einstürzten. Da ich als Arbeitsfeld den Sozialen Bereich ausgesucht habe, ist die offene Zugewandtheit zu Menschen elementar, um dort zurecht zu kommen. Die konnte ich anscheinend zeigen, obwohl ich kaum wusste, wann wie welche Arbeitsschritte oder zwischenmenschliche Interaktionen angemessen waren. Zur Halbzeit des Arbeitstages versicherte mir meine Kollegin, dass sie meine Anstellung uneingeschränkt empfehlen wird, woraufhin ich den Job bekam. Am Abend dieses fast‑ersten Arbeitstages schlief ich um 23 Uhr über meinem alkoholischen‑zur‑Feier‑des‑Tages‑Getränk ein. Ohne das Gefühl wirklich gearbeitet zu haben, spürte ich die Erschöpfung, die einen danach überkommt.

Die ersten zwei Arbeitstage waren die Hölle. Nicht vor Ort während der Arbeit, sondern danach und davor, als ich begann die vielfältigen Eindrücke zu verarbeiten. Es war und ist okay, dass ich mir die unbekannten Arbeitsabläufe erst aneignen muss und es ist auch für alle Kolleg_innen völlig in Ordnung. Nicht die Neue zu sein machte mich fertig, sondern die Erkenntnis, dass ich eben nicht wie alle anderen dort Tätigen die entsprechende Ausbildung absolviert hatte und mir elementarstes Basiswissen über die Arbeitsobjekte und ‑verläufe zu fehlen schien.1 Zu Beginn des dritten Tages hätte ich die ganze Sache fast hin geschmissen. Die Angst, ungenügend zu sein, war überwältigend groß und wurde noch dadurch verstärkt, dass ich während der ersten zwei Tage in verschiedenen Abteilungen eingesetzt war und mich so kaum mit den Vorgängen in Ruhe vertraut machen konnte. Mit dem dritten und vierten Tag besserte es sich, aber ohne die Hilfe mir nahestehender Menschen hätte ich das nicht geschafft. Im Versuch meiner Angst Herrin zu werden, griff ich zu Büchern und versuchte mir einer Art Crash‑Kurs Wissen anzueignen, das mir helfen sollte zu wissen, was zu tun ist. Letzten Endes habe ich das Wissen aus diesen Büchern (bis jetzt) nicht (bewusst) gebraucht. Ich wies einige meiner Kolleg_innen daraufhin, dass ich Uni‑Absolventin bin und sie es mir bitte nachsehen mögen, wenn ich Sachen nicht wüsste oder ‚dumme‘ Fragen stellen würde. Das fanden sie überhaupt nicht schlimm und halfen mir bereitwillig. Später ging mir auf, dass sie wohl nicht das erste Mal jemanden anlernten (Stichworte: Auszubildende im Betrieb). Am Ende der ersten Arbeitswoche hatte ich die grundlegenden Abläufe halbwegs verinnerlicht (und wenn ich nicht weiter wusste, sah ich in meinen Notizen nach oder fragte). Ich erlebte, dass auch routinierte Kolleg_innen Kleinigkeiten im Arbeitsprozess vergessen, lieber quatschen statt was zu machen und sogar verschlafen. Ich bemerkte verblüfft, dass ich anscheinend doch nicht völlig nutzlos und unwissend bin, und am Ende der ersten Woche konnte ich das erste Mal ohne schmerzenden Magen zur Arbeit fahren. Mittlerweile habe ich gemerkt, dass es bei meiner derzeitigen Position im Arbeitsprozess erst mal nicht weiter auffällt, dass ich bestimmtes Wissen nicht habe und ich es deswegen in Ruhe nachholen kann. Außerdem hat mich die ein oder andere Kollegin gelobt und mir unaufgefordert angeboten, alle meine Fragen gerne zu beantworten. 

Mein Körpergefühl hat sich im Verlaufe der ersten Arbeitswoche krass hin und her geworfen. Vor 6 Uhr aufzustehen, um pünktlich zum Arbeitsbeginn in die nächste größere Stadt gependelt zu sein, halte ich nach wie vor für etwas Normales, das viele Arbeiter_innen müssen. Nur bin ich während meines Studiums selten vor 8 Uhr aufgestanden und diese zwei kleinen Stunden wiegen so schwer wie kaum etwas anderes. Um genügend Schlaf zu bekommen, gehe ich gegen 21 Uhr ins Bett, was mir immer noch so vorkommt, als wäre ich eine sehr alte Seniorin. Die ersten vier Arbeitstage hatte ich jeden Morgen Magenschmerzen. Vielleicht ist das Phänomen von Demonstrationen bekannt, bei denen wir damit rechnen müssen einer argen Repression inklusive körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein (‚Spannungsbauchschmerzen‘ nannte es mal ein Genosse). Die sind ein Scheiß dagegen, wie schlecht ich mich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit fühlte. Es war dunkel, es war kalt, es war viel zu früh. Ich musste trotzdem essen und trinken, um nicht unterwegs aus den Latschen zu kippen. Vor Ort angekommen, merkte ich kaum noch etwas von den Magenschmerzen. Die mir zugeteilten Aufgaben und die Interaktion mit den Arbeitsobjekten beanspruchten mich so sehr, dass ich den Bauch erst wieder auf dem Heimweg merkte. Und vor allen Dingen nachts. Die Geschehnisse des Tages (tatsächlich war diese meine erste Arbeitswoche nach Ansicht der Kolleg_innen eine entspannte und mir passierte auch nichts Schlimmes) wirbelten durch meinen Kopf jede Minute, die ich nicht schlief, und viele Minuten, in denen ich gerne geschlafen hätte. Dies besserte sich erst zum Ende der ersten Arbeitswoche und trotzdem gingen mir auch in der zweiten und dritten Woche immer wieder ungewollt Episoden aus den vergangenen Tagen durch den Kopf. Mein neuer Alltag beinhaltet auch, dass ich meinen Körper anders behandeln muss. Statt morgens zu duschen, um wach zu werden, gehe ich am frühen Abend unter die Dusche, um sauber zu werden, weil der Job eine gewisse hygienische Beanspruchung mit sich bringt und körperlich anstrengt. Außerdem kann ich dann morgens 15 Minuten länger schlafen; jede Minute so kostbar. Ich gestalte meine Kleidung, Frisur und Maniküre nach den Erfordernissen der Arbeit (keine politischen Botschaften, möglichst praktisch und leicht sauber zu halten). Auch die Belastungen meines Körpers sind nun andere: Statt der Rücken‑ und Armschmerzen von einer Schreibtischtätigkeit und ewigen Sitzen (wie während meiner Abschlussarbeit im Studium), bekomme ich nun Rückenschmerzen vom Heben und Bücken sowie müde Füße oder Beine. Und ich merke, wie sich meine Sprache verändert (welche Worte ich benutze und wie), eben weil ich nun über viele Stunden am Tag auf eine bestimmte Art und Weise reden muss. Das ist mir unangenehm, da es sich anfühlt, als würde sich meine Arbeitssprache auch in mein restliches Leben einschleichen. Immerhin gibt es auf Arbeit mehr als genug Essen, sodass ich zwar zu anderen Uhrzeiten als vorher esse, aber nicht ewig hungrig darauf warte. Mein neuer Schlafrhythmus hingegen ist wirklich nervig: an einem Freitag Abend finde ich es angenehm erst(!) um 22:30 Uhr schlafen zu gehen (weil ich müde bin) und stehe am Samstag Morgen voller Tatendrang 7:30 Uhr auf. Es ist ein Elend.

Das führt dazu, dass ich deutlich weniger Energie habe, nach Feierabend noch Politik zu machen. Kommt noch das ein oder andere Hobby (Sport oder Musik) dazu, ist schnell klar, dass viel mehr als einen Abend die Woche nach der Arbeit für Politik zu erübrigen unrealistisch ist. Auch die sonst nebenher laufende politische Selbstbildung (Lesen) fällt an vielen Stellen runter, sodass ich zum einen weniger ‚up to date‘ bin und zum anderen den Wert von Printmedien neu schätzen lerne: Meine Zeitung/Zeitschrift kann ich auf dem Weg von/zur Arbeit lesen und sie braucht keine konstante Internetverbindung. Während meiner ersten Arbeitswoche konnte ich kaum einen Gedanken an Politik denken. Da ich nicht am Schreibtisch lohnarbeite und abends zu müde bin, habe ich während meiner ersten Arbeitswochen weder aktuelle Geschehnisse verfolgt noch anderweitig Texte gelesen, geschweige denn Mails oder Nachrichten. Ich weiß nicht, wann ich mich soweit an den Job gewöhnt haben werde, dass ich abends wieder an politischen Aktivitäten teilnehmen kann. Alles was ich mir vorgenommen hatte, habe ich in den ersten Wochen abgesagt, auf Eis gelegt oder von meiner Wunschliste gestrichen. Die Wochenenden brauchte ich, um noch verbliebene administrative Vorgänge zu erledigen (meint Unterlagen für den neuen Arbeitgeber und das Arbeitsamt zusammenstellen), um Menschen zu treffen, die nicht Kolleg_innen sind und um Bücher auszuleihen über meinen neuen Beruf. Ich glaube, dass ich bald einen funktionierenden Balanceakt hinkriege. Aber wenn ich mir Genoss_innen angucke, die lohnarbeiten und Politik machen, wird mir klar, dass es immer einer bleiben wird und es wesentlich weniger Zeit dafür geben wird. Aufhören werde ich damit aber nicht können.

Beobachtungen über ‚die‘ Arbeiter_innen: speziell in meinem Betrieb und allgemein

Auf Arbeit hat meine Politik bis jetzt kaum einen Platz gefunden. Es ist merkwürdig: da mein (es ist immer noch komisch, das so zu schreiben) Berufsstand ein weiblich dominierter ist, ist es der Personalraum auch. Es gibt Postkarten, auf denen Männer humorvoll verunglimpft werden, einen Kalender mit männlichen Unterwäschemodels, und in der Pause werden (vor allem) von den älteren Kolleginnen sexualisierte Witze gerissen. Wie damit unsere männlichen* Kollegen umgehen, habe ich noch nicht herausgefunden. ‚Meinen‘ Berufsstand bewundere ich in naiver Art schon lange und habe mich stets – nicht nur aus meinem politischen Bewusstsein heraus – mit den dort Tätigen solidarisch gefühlt, wenn sie einen Arbeitskampf ausfochten. Dass es im Endeffekt ebenso (hetero‑)sexistische Arbeiterinnen sind, wie das Klischee des gemeinen Bauarbeiters, schockiert mich. Mir graut ein wenig davor herauszufinden, wie sie sich zu anderen Themen verhalten. Auch wenn ich mich meinen Kolleg_innen – den Arbeiter_innen meiner Vorstellung – nun näher fühle, weil ich mich selbst mehr und mehr als Arbeiterin erfahre, trennt uns immer noch das politische Bewusstsein, was bei ihnen so anders oder gar nicht da ist. Nach den ersten Arbeitswochen fange ich jetzt an zu durchschauen, wer im Team wie tickt (dort wird eine Typenbildung vorgenommen auf Grund derer Verhalten Einzelner eingestuft wird, bspw. als zwar nervig aber noch akzeptabel, weil ‚sie_er halt so ist‘ oder als weniger beachtenswert, weil ‚sie_er immer jammert‘). Ich habe herausgefunden, dass etliche von den älteren Kolleg_innen gewerkschaftlich organisiert sind, aber am Frauentag eine Stripshow besuchen statt einer Kundgebung und ich weiß wer von den jüngeren Kolleg_innen im Betriebsrat ist. Über den Arbeitgeber ist bereits vor mir sehr deutlich gelästert worden, aber meine Einschätzung ist, dass das auch das höchste der Gefühle an Widerstand ist. Bevor nicht eine bestimmte schmerzhafte Grenze überschritten sein wird, wird es keine Proteste geben. Im Alltag ist mir mittlerweile aufgefallen, dass in der Masse der Pendler_innen, derer die zur Arbeit oder zur Schule eilen, es sich weniger schlimm anfühlt zur Arbeit zu müssen, weil ich weiß, dass es den anderen genauso geht. Es gibt keine Gespräche in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln am Morgen (außer zwischen Bekannten), aber ohne Worte ist klar: niemand fährt um 6 Uhr früh aus Vergnügen irgendwohin, sondern weil sie_er muss. Genauso wenig, wie niemand das Kantinenessen isst, weil sie_er das so hammer lecker findet, sondern weil es die einfachste/günstigste/einzige Art ist an gekochtes Essen zu kommen.

Mögliche Schlussfolgerungen für unsere Politik

Jetzt bin ich auf einmal doch Arbeiterin, obwohl ich keine Sachen repariere oder Dinge erschaffe und trotz dessen, dass ich lese, Leute beobachte und mit ihnen rede. Kaum gewusst wie, verdiene ich damit das Geld, was ich brauche. Und statt wenigstens ein bisschen mehr Zeit für Politik zu haben (als Arbeitsamt‑Abhängige) oder sie flexibel in den Alltag einbauen zu müssen (als Studentin), ringe ich nun als Arbeiterin um jede Möglichkeit dafür mit mir selbst. Mit wem kann ich an der Arbeit über was (politisches) reden, wenn schon Lohnerhöhung ein Witz und kein Kampfziel ist? Wie kann ich mein Unbehagen über Sexismus formulieren, wenn die starken Frauen* um mich herum ihn aus einer dominanten Position heraus betreiben? Und außerhalb der Arbeit: Habe ich den Kopf frei für Politik oder bin ich gedanklich noch mit dem Arbeitstag beschäftigt? Wann bin ich zu Hause, und schaffe ich es nochmal los zu gehen (z. B. zu einem Treffen oder Vortrag)? Bin ich überhaupt fit oder wach genug dafür oder plagen mich Müdigkeit und mein Rücken? Der Treppenwitz der Geschichte daran ist doch, dass wir ‚das Proletariat‘ sind; die, die frühmorgens irgendwohin müssen, die genervt sind aber nicht aufmüpfig, die so viel Hirnschmalz in Lohnarbeit (oder Studium) stecken und so wenig in Politik, die sich emanzipiert fühlen und dennoch care-Arbeit machen, die fressen, was es gibt. Und ich mitten drin. So oder so frage ich mich immer wieder selbst: wie ist denn mit so einer Klasse Revolution zu machen?


1
Bei einer Tätigkeit im Sozialen Bereich von Arbeitsobjekten zu sprechen und damit konkrete Menschen zu meinen, für die und mit denen man arbeitet, ist eine arge Objektivierung dieser Individuen (und das ein tautologischer Schluss). Leider weiß ich mir nicht anders zu helfen, um eine nötige Distanz zu dem einzunehmen, was ich als Lohnarbeit tue. Dies geschieht auch, um die ganze Geschichte soweit wie möglich zu anonymisieren und zu verallgemeinern. Nehmt es bitte als Versuch an, eine Sprache zu finden.

Unterschiede im Ganzen

In Jena wird über Antisemitismus geredet. Simon Rubaschow versucht dabei, die zugrundeliegenden Vorstellungen von Antisemitismus und seiner Kritik ins Verhältnis zu setzen. Der Autor ist Mitglied im Club Communism.

Im November 2016 wachte die eingeschlafene Debattenkultur der Thüringer Linksradikalen aus ihrem langwährenden Schlaf1 und bezeugte den Stand der theoretischen Auseinandersetzungen hier in dieser Provinz. In Erfurt kritisierten die örtlichen Falken in einem ausführlichen, mit Polemik und Erörterungen gewürztem Redebeitrag2 das Volkstrauertagsbündnis und dessen Demo am Vorabend eben dieses Tages, in der letzten Ausgabe der Lirabelle antworteten Dori und Ox. Y. Moron darauf – Gegenstand war und ist im weitesten Sinne die Frage emanzipatorischer Politik in Deutschland, das Verhältnis von Nationalsozialismus, Postnazismus und dem kapitalistisch-bürgerlichem Staat und die deutsche sogenannte Vergangenheitsbewältigung. Zeitgleich veröffentlichten in Jena drei lokale Gruppen (JURI, JAPS und der Club Communism) einen offenen Brief3, der die Veranstaltung mit dem Titel „Antisemitismus erkennen, eingrenzen und kritisieren“ für ihr Antisemitismus(un)verständnis kritisierte und wollten von den Veranstalter_innen sowie der mit diesen eng verknüpften Gruppe Pekari wissen, wie sie es mit der Kritik des (auch linken) Antisemitismus halten. Hierauf antworteten im Januar dieses Jahres zumindest die Veranstalter_innen, ihrer Antwort liegt ein Schreiben der Referent_innen der Veranstaltung bei.4

Das mühsame Handwerk der Kritik

Dass es gerade diese beiden Themen sind, die Debatten anstoßen, ist sicherlich kein Zufall. Beide Debatten betreffen grundlegend die Frage, wie eine radikale Linke sich in Deutschland politisch verorten und welche praktische Kritik der Verhältnisse sie üben muss. Beide Themenkomplexe fragen auch danach, ob und inwiefern es etwas schlimmeres als die kapitalistische Normalität gibt, inwiefern dieses Schlimmere ursächlich verknüpft mit dieser Normalität ist und somit, wie die Herrschafts- und Ausbeutungskritik einer radikalen Linken konkret werden kann, ohne zu den bestehenden Verhältnissen affirmativ zu werden oder den bloßen Umsturz des Bestehenden schon für die Aufhebung zum Besseren misszuverstehen. Ebenfalls kein Zufall ist es, dass in einer kürzlich erst wieder aufgewachten Debattenkultur kein gemeinsames Verständnis der Form einer solchen Debatte vorhanden ist. Und so wurde neben den angesprochenen Inhalten immer auch die Form der Debatte selbst kritisiert: Die Falken kritisierten den Aufruf des Volkstrauertagsbündnisses als „übliche Phrasen und Parolen“, die einen „Mangel an Kritik“ belegen, während Dori und Ox. Y. Moron den Redebeitrag als „bloße Projektionsleistung“ und „Kurzreferat unter dem Niveau“ der Erfurter Falken bezeichnen. Der Offene Brief in Jena wurde von den Veranstalter_innen als „auf die Brust“ gesetzte „Pistole“ und als „Seitenlinienkommentar mit erhobenen Zeigefinger“ empfunden, die Referent_innen selbst waren „relativ enttäuscht“, sprachen dem Offenen Brief die „Ernsthaftigkeit“ ab und bezeichneten ihn als „Spektakel“ – während andere im Privaten den Brief für den Mangel an scharfer Kritik und Polemik kritisierten. Wir sind vermutlich alle etwas aus der Übung, wie wir notwendige und notwendig in der Sache treffende Kritik formulieren und ebenso, wie wir diese als Teil unserer politischen Bewegung, statt als persönliche Angriffe, verstehen.

In diesem Sinn als Übung soll folgend auf das in der Antwort der Referent_innen5 formulierte Verständnis von Antisemitismus und seiner Kritik eingegangen werden, um die Hoffnung auf „differenzierte Kritik“, die sich auf die „tatsächlichen Standpunkte“ bezieht, die ich mit den Referent_innen teile, ein Stück weit einzulösen.6 Kern meiner Kritik dabei ist, dass es sich im Grunde um ein linksliberales Verständnis, oder exakter: Unverständnis, von Antisemitismus handelt, dass Antisemitismus als individuelles Vorurteil denkt, welchem mit bürgerlicher Aufklärung beizukommen sei.

Antisemitismus ohne Gesellschaftskritik

In der Antwort der Referent_innen ist durchgehend davon die Rede, dass eine Person, ein Mensch, Denkmuster habe und Aussagen treffe. Es wird suggeriert, dass die Differenz zur Position des Offenen Briefs von CC, JAPS und JURI sei, ob diese eine Person aufgrund ihrer Denkmuster oder Aussagen nun Antisemit_in genannt werden könne und solle, oder ob dies falsch sei. Die zugrunde liegende Perspektive der Referent_innen ist, dass diese Bezeichnung in vielen Fällen die aufklärerische Auseinandersetzung mit diesen Denkmustern oder Aussagen eher erschwere oder gar verstelle. Wünschenswert wäre stattdessen, „den […] Vorwurf nur dann anzubringen, wenn der Mensch wider besseren Wissens auf seiner Einstellung beharrt“, wie es etwa bei Nazis der Fall sei. Ansonsten wirke der „unscharfe Gebrauch“ der „Diagnose“ Antisemit_in der „Aufklärung über Antisemitismus“ entgegen, weil er einerseits echten Antisemitismus verharmlose und andererseits das Gespräch mit denen, die unabsichtlich antisemitische Denkmuster haben oder Aussagen treffen, erschwere. Zudem schrecke er insgesamt Personen davon ab, sich mit Antisemitismuskritik auseinanderzusetzen, weil sie Angst hätten, als Antisemit oder Antisemitin zu gelten, wenn sie etwas zum Thema sagen. Dies gehe soweit, dass in Jena „auch Vertreter*innen von Gruppen zugaben, dass sie lieber gar keine Veranstaltung zu Antisemitismus ausrichten, um sich nicht angreifbar zu machen“ – so die Referent_innen.

Letzteres verweist wieder auf den desolaten Zustand linksradikaler (Selbst-)Kritik: Sich unter Genoss_innen „angreifbar“ zu machen ist ja nun etwas Gutes, schließlich kann man aus deren Kritik an den eigenen Positionen nur lernen und so seine eigene theoretische Kritik und die Praxis, die aus ihr resultiert, treffender gestalten. Hier entscheidender ist an der skizzierten Position der Referent_innen aber, dass sie an einem Punkt des Offenen Briefs völlig vorbeigeht: „Um Antisemitismus zu begreifen, ist er nicht als bloße politische Position zu verstehen. […] Um Antisemitismus zu bekämpfen, ist er als gesellschaftliches Verhältnis zu begreifen“, heißt es dort. Antisemitismus ist nicht einfach ein falsches Wissen in den Köpfen Einzelner – und ist auch so nicht zu verstehen, wenn er verstanden werden will. Antisemitismus ist eine Weltanschauung, die eine bestimmbare Funktion für seine Subjekte hat: Die Erfahrung eigener Ohnmacht den Geschehnissen gegenüber wird zur Überzeugung der Macht einer Gruppe (den Jüdinnen und Juden) über die Geschehnisse. Diese Überzeugung beinhaltet das Versprechen, die Ohnmacht bewältigen zu können, indem Macht über die Gruppe ausgeübt wird – die Vernichtung dieser Gruppe, der Jüdinnen und Juden, wird so zum Versprechen der Vernichtung der Ohnmacht. Dies ist der Grund, warum Nationalist_innen die Regierung als ‚Zionist Occupied Government‘ ansehen: Aus ihr spricht die Hoffnung darauf, dass Regierungen ‚eigentlich‘ im Interesse ‚des Volkes‘ handeln, wären da nicht ‚die Juden‘/‘die Zionisten‘. Dies ist der Grund, warum die ‚Ostküste‘ oder ‚Rothschild‘ herhalten müssen, um den Glauben an einen guten Kapitalismus, in dem Fabrikboss und Fabrikarbeiterin Hand in Hand für das Wohl der Gemeinschaft werkeln, zu erhalten. Und dies ist auch der Grund für einen spezifisch linken Antisemitismus, der Israel die Schuld dafür geben muss, dass nicht wenige Unterdrückte sich lieber selbst in die Luft sprengen, als für die Freiheit jeder und jedes Einzelnen einzutreten. Die Grundlagen für diese realitätsblinde Projektion der Schuld für die Ohnmacht an den Verhältnissen bilden dabei die Verhältnisse und ihre Widersprüche ebenso wie die Reflexionsfeindlichkeit, die sie erzeugen, ohne dass der Antisemitismus in dieser Grundlage aufgeht bzw. aus ihr heraus vollständig erklärt ist.

Grenzen der Aufklärung7

Die Rede von „Denkmustern“, „Diskriminierungsformen“ usw. verweist negativ genau auf diesen Punkt. Die Referent_innen beteuern, dass ihnen „die Spezifik des Antisemitismus gegenüber anderen Diskriminierungsformen, besonders durch seine Vernichtungslogik, bewusst“ sei. Was nun diese Spezifik ist und wie aus ihr nicht eine „Vernichtungslogik“, sondern der gerade nicht logische Vernichtungswille und die Vernichtungspraxis des Antisemitismus resultieren, wird nicht gesagt und kann vermutlich auch nicht gesagt werden. Denn würde Antisemitismus wie im Offenen Brief angesprochen „als ‚Leidenschaft‘ (Sartre) und ‚Wahn‘ (Horkheimer/Adorno)“ verstanden werden, müssten Zweifel an der eigenen Position des kümmernden Aufklärens kommen. Antisemitismus ist kein ‚falsches Wissen über die Juden‘, das durch richtiges Wissen ersetzt werden könnte, sondern eine Subjektform selbst. Jemand hat nicht antisemitische Vorstellungen, sondern er denkt und fühlt antisemitisch. Derart ist Antisemitismus auch abgeschottet gegenüber der Realität und der seiner Weltanschauung widersprechenden Fakten. Nicht die empirisch existierenden Jüdinnen und Juden zählen für den Antisemitismus, sondern der Antisemitismus lässt nur dasjenige gelten, was seinem vorgängigen Bild entspricht.8

All dies soll nicht dagegen sprechen, antisemitischen Aussagen ihre Fehler nachzuweisen, und da niemand als Antisemit_in geboren wird, ist die Prävention gegen die Ausbildung eines solchen Wahns zweifelsfrei ein wichtiges Feld auch bürgerlicher Aufklärung.9
Dementsprechend geht es mir auch nicht darum, den Referent_innen ausreden zu wollen, mit Menschen über ihre Aussagen etwa zur Israelischen Sicherheitspolitik oder zu Finanzialisierung zu diskutieren – und tue so etwas auch immer wieder selbst. Mir geht – und auch dem Offenen Brief ging – es um etwas anderes: Eine Antisemitismuskritik die Antisemitismus als individuelles, falsches Wissen versteht und die dementsprechend notwendig bei dem Anspruch stehen bleiben muss, in den bestehenden Verhältnissen Antisemitismusprävention zu betreiben, greift zu kurz und leistet keinen Beitrag zur Abschaffung der Verhältnisse, die die Wiederholung der Shoah in sich tragen. Vielmehr verstellt sie durch ihre Vorstellung von Antisemitismus eher die dafür nötige Kritik.

Kritik als politische Praxis

Nun ist diese Perspektive auf Antisemitismus kein individueller Fehler der Referent_innen – einer der Gründe, warum der Offene Brief an politische Gruppen, und nicht an Einzelpersonen adressiert war. Sie ist vielmehr ein Produkt der Verhältnisse und der radikalen Linken, die in diesen Verhältnissen existiert. Unter anderem darauf sollte der – von den Referent_innen in ihrer Antwort nahezu gänzlich ignorierte – zweite Teil des Offenen Briefs hinweisen, indem von linkem Antisemitismus die Rede ist. Er skizziert eine Analyse, warum Antisemitismus nach 1945 für Teile der Linken eine spezifische Attraktivität gewonnen hat – um ihre unmittelbare Solidarität mit den Unterdrückten aufrechtzuerhalten, um das Versagen der Arbeiterbewegung vor dem Nationalsozialismus zu verdrängen und um im Angesicht der Notwendigkeit Israels (das in diesen Bedingungen nur als bürgerlicher Staat mit Armee existieren kann) ihre abstrakte Staatskritik nicht hinterfragen zu müssen. Ein linksliberales Antisemitismusverständnis (das, wie es hier in Stichpunkten dargestellt wurde, Antisemitismus als individuelle Einstellung, der durch bürgerliche Aufklärung entgegengetreten werden kann, versteht) ermöglicht es, die grundlegende Selbstkritik der radikalen Linken und ihrer Strategie, Hoffnungen und Programme, die seit 1945 weitgehend aufgeschoben bzw. nur bruchstückhaft realisiert wird, weiter aufzuschieben bzw. die vorhandenen Bruchstücke zu ignorieren. Eine solche Selbstkritik müssen wir aber leisten, um unserer Hoffnung willen, ein besseres Leben für jede und jeden zur Grundlage eines besseren Lebens für alle zu machen.


1
Sie schlief nie ganz, sondern verharrte in einem Dämmerzustand, der kontinuierliche Prozesse der wechselseitigen Kritik über den Punkt der bloßen Darstellung von Unterschieden hinaus nur als Ausnahme kannte. Die Debatte um praktische und theoretische Kritik und die Rolle von Emotionalität in der Lirabelle #1-#7 soll hier aber nicht unterschlagen, sondern vielmehr ins Gedächtnis gerufen werden. Auch zu Vor- und Nachteilen der Polemik wurde in ihr einiges gesagt.

2
Nachzulesen unter http://bit.ly/2gze5E7

3
Nachzulesen unter https://clubcommunism.wordpress.com/2016/11/02/offener-brief-an-alota-pekari/

4
Nachzulesen unter http://stillnotlovinfriedolin.blogsport.de/2017/01/19/alota-2016-diskussionsstoff-im-nachgang/, Pekari hingegen antwortete bisher weder öffentlich noch nicht-öffentlich auf den offenen Brief (Stand: 14.03.).

5
Nachzulesen unter http://stillnotlovinfriedolin.blogsport.de/2017/01/19/antwort-der-referentinnen-auf-den-offenen-brief-von-cc-juri-japs/

6
Zu diesem Zweck werden auch alle strategischen Tricks der Delegitimierung des Offenen Briefs ignoriert, zumal jetzt auf der Basis der vorhandenen Texte diskutiert werden kann, statt auf der Basis einer Veranstaltung, von der es keinen Audiomitschnitt gibt. Einzig einer dieser Tricks muss ich noch – ich bitte im Voraus um Entschuldigung dafür – ansprechen: Mehrfach zu behaupten, die einzige Person der drei Gruppen (CC, JAPS, JURI), die bei der Veranstaltung anwesend war, sei „lange vor Ende“ der Veranstaltung gegangen, ist bei einer Veranstaltung, die 18:15 begann und von 18 bis 20 Uhr angekündigt war, fadenscheinig, wenn die Person um 19:45 ging (zu einem Zeitpunkt, wo die Referent_innen gerade eine Gruppenarbeitsphase ankündigten). Manche Leute haben auch noch andere Termine…

7
Zunächst war „Bricks and Baseball Bats“ die Überschrift dieses Artikels, dann wanderte es in die Zwischenüberschrift dieses Abschnittes, und jetzt ist es in die Fußnote verbannt, aus der Sorge, es könnte wie der Offene Brief als bedrohlich verstanden werden, und nicht als Verweis auf Woody Allens knappe Bestimmung der Grenzen der Aufklärung und der Notwendigkeit von Repression in seinem Film „Manhatten“ (siehe https://www.youtube.com/watch?v=ptxkVhDYog8).

8
Die Unterschiede und Zusammenhänge von falschem Bewusstsein, Ideologie und Wahn sind einführend ausführlicher ausgeführt in meinem Artikel ‚Material zur Kritik des Himmels‘ in Lirabelle #8

9
Auch wenn Antisemitismusprävention sich nicht in dieser Form der Aufklärung erschöpfen darf, sondern die Subjektform selbst, etwa in der Erziehung, in Angriff nehmen muss.

„next level“ – Eine kritische Veranstaltungsreihe

Das „next level“-Orga Team schreibt über politische Umgebung und die Organisierung einer Veranstaltungsreihe in Weimar als Gegenkonzept.

Die politische Umgebung

Weimar – die Stadt der „Hochkultur“, in der Proteste gegen Naziaufmärsche wie Thügida und den jährlichen Trauermarsch ritualisiert werden und das Problem nicht ansatzweise tiefer betrachtet wird; in der die Polizei als politischer Akteur große Akzeptanz genießt; in deren Randbezirken Nazis unbehelligt und sorgenfrei leben können und in der ein Anstieg rassistischer Übergriffe in den vergangenen Jahren von Mobit verzeichnet wird. Deswegen und auf Grund der allgemeinen politischen Lage wollten wir, das Orga-Team von „Next-Level“, uns an der Mobi-Kampagne gegen den Trauermarsch beteiligen aber auch außerhalb davon eigene Themen besetzen und eine Diskussionsgrundlage schaffen.

next level von A bis Z

Bevor wir uns wagen, weiter in die Zukunft zu blicken, wollen wir erstmal ein Resümee der Veranstaltungen im Januar 2017 ziehen. Denn so erfreulich „Next Level“ auch war, wir haben Fehler gemacht. Es war für das Orga-Team ein hoher Aufwand – insgesamt wurden drei Monate in Planung, Finanzierung und Promo gesteckt. Die Gruppe musste mit ihrem Unterstützer*innenkreis dynamisch und spontan zusammenarbeiten. Trotz Hektik, anfänglichen Fehlern und den kleinen Verspätungen zu Beginn der Veranstaltungen denken wir, dass die emanzipatorischen, linksradikalen Ideen und Anstöße auf Interesse stießen.

Den Auftakt von NL bildete die Kurzfilmreihe „Keinen Meter deutschen Boden“, die im Lichthaus gezeigt wurde. Überraschenderweise erschienen um die 80 Personen, die die Raumkapazitäten ausschöpften. Erfreulich war auch das breite Spektrum der Interessierten, welches sich aus Studierenden und Schüler*innen, Menschen unterschiedlichen Alters, sozialer Milieus zusammensetzte. Mittels der Filmreihe von Mobit wurde ein Einstieg zu Thüringer rechtsextremen Strukturen gegeben. Dabei ging es um deren Mobilisierung, Immobilien, Neo-Nazi-Bands, sowie aktuellen Antisemitismus. Für nicht-szenekundige Menschen war sicher viel Neues dabei und hat grundlegend Aufklärungsarbeit geleistet. Die im Anschluss folgende Podiumsdiskussion vertiefte die Inhalte und gab linksradikalen Inhalten Raum. Es beteiligten sich Vertreter*innen von Next Level, Pekari, Mobit und der Antifa Suhl/ Zella-Mehlis. Konfliktpunkte waren dabei die Unterschiede von Provinz zu Stadt; woran radikale linke Politik in Thüringen scheitert und wie sie besser funktionieren könnte. Auch wurde versucht, anhand der letzten rechten Demonstrationen sowohl Tendenzen in rassistischen Mobilisierung auszumachen, als auch abzuschätzen, wie effektiv ein Gegenprotest jeweils war.

Die zweite Veranstaltung mit Sören Kohlhuber befasste sich mit neonazistischer Demokultur. Seit einigen Jahren begleitet er als Fotograf Neo-Naziaufmärsche in Europa und liefert damit eine wichtige Voraussetzung für die Recherchearbeit lokaler Antinazi-Strukturen. Nach der Lesung seines Buches „Retrofieber“ sprach er über seine Einschätzung von linken Demoritualen, Polizeistrategien und effektiveren Maßnahmen gegen Neo-Naziaufmärsche. Seiner Meinung nach mangelt es besonders an der Vor- und Nachbereitung von Demonstrationen. Alles in allem traf die Veranstaltung auf eine recht hohe Resonanz bei den Gäste, welche erneut aus vielen Ecken Weimars kamen.

„Soziale Kämpfe in Gefängnissen“ war der Titel der dritten Veranstaltung von der GG/BO (Gefangenen-Gewerkschaft/Bundesweite Organisation), welche in der Gerber 1 stattfand. Der Vortrag befasste sich mit der geschichtlichen Entstehung von Gefängnissen und zeigte deren Entwicklung bis hin zur aktuellen sozial-politischen Lebensrealität in Knästen. Im Nachhinein wurde uns berichtet, dass der Vortrag das Thema Gefängnis und dessen gesellschaftliche Relevanz für viele anwesende Zuschauer*innen zum ersten Mal in den politischen Fokus rückte. Ein wesentlicher Punkt war beispielsweise die indirekte Zwangsarbeit von Gefangenen oder der sogenannte „Haftschaden“, der bei ehemaligen Inhaftierten noch Jahre nach der Haftstrafe als psychische Erkrankung nachweisbar ist. Am Ende der Veranstaltung wurden Briefe an kämpfende Gefangene geschrieben.

Den Abschluss bildete der Vortrag/ Workshop „Jugend organisieren – Wie? Warum? Mit wem?“ von Pekari aus Jena, in dem es um die Politisierung der Jugend ging. In der Zukunft ist dies für emanzipatorische Bewegungen von größter Relevanz und für next level eines der Hauptziele. Der Vortrag setze sich kritisch mit der Organisierung linker Nachwuchsarbeit auseinander, bei der häufig Probleme wie autoritäres Gehabe und Mackertum auftreten und zeigte gleichzeitig Lösungsvorschläge. Dominante Redeanteile in Plena und kleine Absprachen unter Cis-Männern in Politgruppen sind leider keine Seltenheit. Auch wir als Organisator*innen wurden angeregt eigene Strukturen kritisch zu hinterfragen.

Back to the future

Unsere Absicht ist es emanzipatorische, linksradikale Inhalte in die Öffentlichkeit zu transportieren, für verschiedene Altersgruppen zugänglich zu machen und sie eben nicht nur bei Szeneevents und Demos anzusprechen. Natürlich ist diese Idee nicht komplett neu in Weimar, im Sommer 2016 gab es die Veranstaltungsreihe „Unter schwarzer Fahne“ und 2015 war der „Antifaschistischen Antirassistische Ratschlag“ in Weimar. Bei letzteren war die politische Anregung allerdings nicht von langer Dauer, was unserer Meinung nach ein großes Problem ist. Kontinuität ist gerade bei politischer Arbeit gefragt, vor allem, wenn es um die Vermittlung theoretischer Inhalte geht. Wenn zu Beginn Fragen aufkommen und diese in der Folge keine Beantwortung finden, bleiben Nachfragen in der Regel erst recht aus. Der Grundsatz „bildet euch, bildet andere“ sollte nicht nur als Grundsatz für die nächsten Tage oder Wochen gelten, sondern ein längerfristiges Anliegen darstellen. Wir befinden uns in einer allgemeinpolitischen Situation, in der emanzipatorische Standpunkte notwendig sind. Vor allem wenn Diskriminierungen aus der Mitte der Gesellschaft kommen! Eine Politisierung von Jugendlichen über Azubis/ Studierende etc. bis hin zu Menschen unterschiedlicher Milieus wäre ein Anfang. Beispiel für den Beginn einer möglichen Politisierung in Weimar ist der Konflikt um die M18, ein von Studierenden größtenteils selbst verwaltetes Haus. Der zugehörige Garten soll zu Gunsten des Bauhaus-Jubiläums 2019 bebaut und damit den Studierenden entzogen werden, welche dies verhindern wollen. Dabei ist es wichtig, festgefahrene Begrifflichkeiten den Lebensrealitäten anzupassen. So wählten wir als Beschreibung der Reihe eben nicht „antifaschistisch“ oder „linksradikal“, wobei diese Inhalte dennoch den Rahmen darstellten.

Was bleibt?

Die Werbung über Flyer, Plakate hat gut funktioniert, obwohl unserer Meinung nach das Werben über Facebook am effektivsten war. Trotz des Aufwandes, der durch Planung usw. entstanden ist, haben wir festgestellt, dass Räume für Veranstaltungen ohne größere Probleme bereitgestellt wurden. Es haben oft doch mehr Leute Lust daran, Projekte zu unterstützen als mensch am Anfang denken mag. Ein großer Dank geht an das „Lichthaus Weimar“ und die Gerberstraße 1 und 3. Es war schön, diese Räume nutzen zu können und sie mit unseren politischem Inhalt zu füllen. Auch konnten wir sowohl durch die Wahl verschiedener Lokalitäten, als auch durch ein bewusstes Werben ohne szene-spezifische Symbole ein größeres Publikum erreichen. Außerdem sind wir dankbar für jegliche Resonanz von Gruppen, Vorträger*innen und Besucher*innen.

Level Up

Im Moment laufen die Planungen für eine Fortsetzung von NL. Wir wollen mehr Menschen erreichen und für eine kritische Perspektive gewinnen. Dafür sollen die thematischen Schwerpunkte u.a. Konflikte im direkten Umfeld, aber auch regional-spezifische Themen sein. Wir sind offen für neue Ideen und Vorschläge. Falls ihr welche habt, schickt sie gerne an unsere Mail-Adresse:
nextlevel-orga@riseup.net

Die Falken auf Feldforschung bei der Antifa

Am 12. November fand, organisiert vom Antifa-Bündnis Gotha unter dem Motto „Volkstrauertag abschaffen“, eine Demonstration in Erfurt statt, bei der mittels Redebeiträgen am Beispiel des Volkstrauertages eine Kritik der deutschen Gedenkpolitik geleistet wurde. Die Falken aus Erfurt, die eingeladen wurden einen Redebeitrag zu halten, stellten in ihrem etwa 20minütigen Kurzreferat nicht nur unzweifelhaft klar, wer „den Längsten“ hat, sondern erhoben auch eine Reihe von mit Verachtung vorgebrachte Vorwürfe, mit denen sich Dori und Ox Y. Moron an dieser Stelle in angemessen pöbelig polemischer Art auseinandersetzen werden.

Die Kritik deutscher Gedenkpolitik, wie sie vom Antifa-Bündnis Gotha betrieben wird, tut dies auf Grundlage der These, dass „[d]ie Gedenkpolitik nach 1945 in diesem Land [] stets Ausdruck des Versuches [war], die unaufgearbeitete Vergangenheit des Nationalsozialismus zu bewältigen.“1 Ganz im Ausdruck dieses Bestrebens steht der Volkstrauertag. An diesem Tag wird der Unterschied zwischen Tätern und Opfern des Nationalsozialismus relativiert, in dem nicht nur von Nazis, sondern auch offiziellen Vertretern der Bundespolitik den einstigen Tätern als Opfern gedacht wird. Das aber sei, so der Vorwurf der Falken2, „schlichtweg falsch“, wie es zum Beispiel an der Rede, die Joachim Gauck im Jahr 2015 zum Volkstrauertag gehalten hatte, zeige. Seine Rede nämlich strotze vor „Eingeständnis in Bezug auf die deutsche Schuld am Nationalsozialismus… Er nivelliert die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern also keinesfalls, sondern unterstreicht diese geradezu, aber: um dann eben doch auch der deutschen Opfer wenigstens individuell Gedenken zu können.“ Dass das Halten einer Rede bei einem offiziellen Gedenkakt von dem Vertreter der Bundesrepublik in seiner Funktion als Bundespräsident eben kein rein individuelles Gedenken sein kann, sei einmal dahingestellt. Folgt man der Argumentation der Falken weiter, ist eigentlich kein identifizierbares Problem an deutscher Gedenkpolitik erkennbar. Keiner wolle den Unterschied zwischen Tätern und Opfern nivellieren, die deutschen Verbrechen dadurch relativieren, dass die Deutschen ebenso mit einem Opferstatus versehen werden und ergo nicht nur Täter waren und Vergessen machen will die Vergangenheit sowieso niemand. So heißt es im Redebeitrag: „Die Erkenntnis, dass heute i.d.R. der Nationalsozialismus und die Taten der Deutschen gerade nicht vergessen gemacht werden sollen, hat der Genosse Eike Geisel schon vor Jahrzehnten formuliert… Gerade ‚die offenherzige Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus‘, bemerkte Geisel, ‚ging reibungslos konform mit wachsendem Ausländerhass und parteiübergreifendem Patriotismus‘.“

Eike Geisel wird hier herangezogen, um die These zu stützen, dass eine deutsche Erinnerungspolitik nicht mehr im Dienste des Vergessens stehe – etwas das nicht nur falsch ist, sondern den zitierten Geisel unrecht tut, wenn man ihm diese Position unterschieben will. Wenn dieser nämlich auf die ‚offenherzige Beschäftigung mit dem Nationalsozialmus‘ hinweist, dann ist bei und mit ihm mitnichten die Konsequenz daraus zu ziehen, einem Vergessen werde hier nicht Vorschub geleistet. Hätte man, statt Satzfragmente aus Klaus Bittermanns Vorwort zu zitieren, einmal einen Blick in Eike Geisels Texte geworfen, käme man um diese Erkenntnis nicht herum. Dort kritisiert er eine Erinnerungswut als Entsorgung der deutschen Vergangenheit scharf und klar, wenn er schreibt: „Daß die Deutschen mit der nämlichen Betriebsamkeit, die sie einst beim Vernichten und danach beim Vergessen an den Tag gelegt hatten, sich nun an die eigene Vergangenheit machen, diesem Umstand haftet etwas Groteskes an…Nicht mehr verdrücktes Schweigen stiftet Gemeinschaft wie vordem, sondern die hemmungslose Redseligkeit aller.“ Worauf Geisel dabei aufmerksam macht, ist ein Wandel, den die deutsche Gedenkpolitik und also die Beschäftigung mit dem Nationalsozialmus erfahren hat. Im Zuge dieses Wandels vom Verschweigen hin zu einer redseligen Beschäftigung mit der Vergangenheit hat sich auch der Umgang mit der Schuld am Nationalsozialismus geändert. Zur Schuldabwehr- und relativierung gesellen sich Momente der Schuldneutralisierung. Der Nationalsozialmus wird nun akzeptiert als Teil der deutschen Vergangenheit und somit als Teil der deutschen Identität. Im Sinne eines „aus der Vergangenheit gelernt habens“ ist sie Teil eines neuen deutschen Selbstbewusstseins.
Die Formen der Vergangenheitsbewältigung eines „die Schuld bzw. Verbrechen des Nationalsozialmus relativeren“ einerseits und dem „aus der Geschichte gelernt haben“ andererseits gegeneinander auszuspielen aber ist falsch, denn auch das nur diffuse Erinnern an den Nationalsozialmus dient dem Vergessen, ist der Stiftung eines Kollektivs deutscher Nationen dienlich. Es steht im Dienste eines Deutschlands, das es abzuschaffen gälte, wollte man mit der Aufarbeitung der Vergangenheit als die Beseitigung der Bedingungen die nach Auschwitz führten ernst machen. Es steht auch nicht im Widerspruch zum am Volkstrauertag stattfindenden allgemeinen Relativieren der eigenen Schuld, sondern dient in geänderter Form den gleichen Interessen, nämlich dem Bewältigen der Vergangenheit im Sinne eines Erledigens und sich Entledigens. Dass es sich bei beiden Modi der Gedenkpolitik nur um Scheinwidersprüche handelt und das Vergessen im Erinnern fortexistiert, hätte nicht nur dem klar sein müssen, der sich auch an dieser Stelle nicht mit einer oberflächlichen Beschäftigung begnügt hätte und mit dem Ziel einer – nennen wir es wohlwollend – Kritik der Position des Bündnisses, einen Blick in deren Broschüre geworfen hätte3, in dem die Argumentation ausgeführt ist. Der als Beispiel herangezogene Joachim Gauck verdeutlicht besser wie kein anderer, wie diese beiden Modi der Gedenkpolitik zusammenpassen und zusammengehören. In der von ihm angeführten Rede heißt es: „Heute ist sich Deutschland seiner Verantwortung bewusst, ganz besonders für den Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Regimes… Heute können wir der deutschen Opfer gedenken, weil wir auch der Opfer der Deutschen gedenken.“ Im Gedenken an die Opfer von Krieg, Gewalt und Terror stehen bei Gauck die Deutschen in der Reihe mit vielen anderen Opfern; er schließt mit der Einforderung der Versöhnung über den Gräbern. Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt, möge man sie endlich Ruhen lassen. Es ist dies – um nocheinmal Eike Geisel zu bemühen – ein „eigentümliche[r] Prozeß, in welchem sich Erinnern und Vergessen wechselseitig durchdringen“.

Dass nun die Verbrechen des Nationalsozialmus am Volkstrauertag relativiert werden, in dem man – sei es nun ausschließlich oder unter anderem – die einstigen Täter ehrt, ihnen gedenkt, stellt einen Anachronismus in einem Gedenkdiskurs dar, in dem man sich durch die Beschäftigung mit dem Nationalsozialmus im Gewand der Büßer präsentiert.4 Dass beidem aber dieselben Interessen zugrunde liegen, zeigt auch die Tatsache, dass beides miteinander koexistiert und lässt sich an kaum einem anderen Beispiel besser vorführen, als am Volkstrauertag.

Vom Ritualhopping bis zum Proletariatskitsch – Unterstellungen aller Art

Neben einer falschen und als überflüssig dargestellten Kritik deutscher Gedenkpolitik attestieren die Erfurter Falken dem Antifa-Bündnis Gotha, ihr Protest habe bloß rituellen Charakter. Jedes Jahr versammle sich die gleiche Gemeinde zum, in vorgegebenen Bahnen verlaufenden, Stelldichein, business as usual statt revolutionärem Aufbruch. Es gehe jedes Jahr um die Versicherung moralischer Erhabenheit und Identitätsstiftung, Neues werde nicht mehr gesagt. Neues wussten die Falken selbst dann ebenso nicht zu erzählen – wie man eingestand – und auch sonst ist der Praxis der Falken nicht die emanzipatorische Aufklärung und schließlich revolutionäre Aufwiegelung der Massen gutzuschreiben, ihre Rituale laufen bloß anders ab. Am Ende kommen dabei Leute wie Sigmar Gabriel heraus, um den abwegigen Vorwurf des „Karrieresprungbrettes Antifa“ zurückzugeben – eine Projektionsleistung, wie so vieles im Text. Was die Falken im konkreten Fall nun wissentlich unterschlagen, ist, dass es das Antifa-Bündnis Gotha nicht bei Nachttanzdemonstrationen belässt. In den vergangen Jahren organisierte das Bündnis vielfältige Protestformen und ganze Vortragsreihen zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand ihrer Kritik. Erwähnt seien an dieser Stelle die öffentlichkeitswirksame Verleihung des goldenen Scheißhaufens an die Stadt Friedrichroda 2013, das gefakte Nazidankesschreiben an die schweigenden Bürgerinnen und Bürger der Stadt von 2013, die Störung einer Veranstaltung des Verfassungsschutzes in Friedrichroda 2014 und die Gründung einer satirischen Bürgerinitiative zum Abriss des Vaterlanddenkmals zu Gunsten einer Fastfoodfiliale 2014 – alles Protestformen, die nicht der von den Falken beschriebenen Ritualität folgten. Im vergangenen Jahr veröffentlichte das Bündnis eine oben schon erwähnte Broschüre, die nicht nur die Geschichte dieses Protestes festhielt, sondern auch den Stand der Auseinandersetzung mit der Kritik der deutschen Gedenkpolitik im Allgemeinen und der Kritik des Volkstrauertages im Besonderen. Diese und andere Veröffentlichungen muss ausblenden, wer einem Bündnis anhand eines Zweiseitenaufrufes allerlei Verkürzungen und Unfähigkeit zur Kritik vorwerfen will und das in einem fast 20-minütigen als „Redebeitrag“ vorgestellten Kurzreferat. Über Sinn und Zweck bestimmter Text- und Vortragsformen herrscht bei den Falken großes Unwissen.

Richtig albern wird es dann, wenn den Organisatoren – das sind, wie die Falken anmerkten: antideutsche Kommunisten – unterstellt wird, eine einfache Unterteilung der gesellschaftlichen Kräfte in Gut und Böse zu betreiben und dabei den Begriff des Proletariats retten zu wollen. Wie das geht? Die Falken machen‘s möglich. Sie nehmen dafür an einem Satz aus dem Aufruf Anstoß, der konstatiert, dass das nivellierende, also zwischen Opfern und Tätern nicht mehr unterscheiden wollende, Volkstrauertagsgedenken im Land der Täter „für die politische Linke und für alle Menschen problematisch [ist], die dafür eintreten, dass die Bedingungen der deutschen Barbarei, die Bedingungen des eliminatorischen Antisemitismus in diesem Land und weltweit beseitigt werden.“ Ein Satz, der besagt, dass eine politische Linke, die diesem Anspruch (eine progressive Kraft zu sein) gerecht wird, gegen die Verklärung der Vergangenheit zu intervenieren hat. Statt wie in der Unterstellung der Falken, die den normativen Anspruch des Bündnisses an eine politische Linke als eine Zustandsbeschreibung lesen wollen, wonach es diese Linke schon gebe und mit ihr ein in diesem Bewusstsein zu aktivierendes Proletariat, nimmt das Bündnis nichts weniger ernst als den kategorischen Imperativ Adornos, wonach die Forderung, dass Auschwitz sich nie – in welcher Form auch immer – wiederhole, erster Anspruch an die politische Bildung von Menschen sein müsse. Wer dafür kämpft, dass sich Auschwitz nicht wiederholt, muss aber dafür eintreten, dass die Vergangenheit aufgearbeitet wird und das heißt zum einen, „daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein“ (Adorno) und zum anderen, dass man die Ursachen des Vergangenen und damit das Fortbestehen seiner Möglichkeit als Option der Gegenwart beseitigt, kurz: die kapitalistische Vergesellschaftungsweise überwindet. Das hat nichts mit Proletariatskitsch (wohl eher ein Steckenpferd der Falken) oder der Verklärung einer Frontstellung in Gut und Böse zu tun; schon gar nicht bei antideutschen Kommunisten, die sich bewusst sind, dass die Anforderungen und Zwänge dieser Vergesellschaftung sich in die Einzelnen einfressen und festsetzen so sehr sie sich auch subjektiv dagegen zu wehren vermögen.

Dass die Falken jenen kategorischen Imperativ Adornos, auf den das Bündnis in normativer Weise als zu verankerndes Selbstverständnis einer wirklichen politischen Linken indirekt anspielt, hämisch wegwischen, zeigt der im Fortgang dem Bündnis verhöhnend unterstellte Alarmismus, wonach das Bündnis suggeriere, es stehe alles auf dem Spiel. Tatsächlich aber hängt an der Aufarbeitung des Nationalsozialismus einiges. Die außenpolitische Rehabilitation Deutschlands sowie das Ablegen innenpolitischer Skrupel etwa im Umgang mit Minderheiten (Abschiebung von Roma, mindestens temporäres Außerkraftsetzen des Rechtsstaates gegen die Opposition, etc.) hingen nicht zuletzt an der glaubhaft gemachten Läuterung des demokratischen Deutschlands. Dass diese Läuterung in einer Weise vonstatten ging, die weder mit hellem Bewusstsein das Vergangene aufarbeitete noch die fortbestehenden Möglichkeitsbedingungen einer Wiederholung des Vergangenen beseitigten, ist ein Missstand, der tatsächlich bedeutend ist und auf den das Bündnis mit Recht immer wieder insistiert. Das Ganze hat nichts mit der Gleichsetzung von Nationalsozialismus und demokratischem Deutschland zu tun, wo auch immer die Falken diese neuerliche Unterstellung ableiten wollen. Sie widerspricht schon der Grundbedingung der Politik des Bündnisses. Wären Nazideutschland und BRD im Verständnis des Antifa-Bündnis Gotha identisch, so wäre die Anklage einer fadenscheinigen Läuterung der BRD, der Verharmlosung des Nationalsozialismus und das Insistieren auf einer „Kontinuität jener Bedingungen, die nach Auschwitz führten und die bis in die Gegenwart fortdauern“ (Bündnisaufruf) obsolet. Warum sollten Bedingungen fortdauern, wenn der Zustand, den sie bedingen könnten, längst erreicht ist?

Zum Ende des Redebeitrages erklärt man den „unzähligen Studenten“, dass sie es sind, die sich bloß „klassistisch“ von den Nazis abgrenzen, um schließlich „dem Kapital über seine endgültige Krisis zu verhelfen“. Was das Ganze mit der Demo, dem Aufruf und der Wirklichkeit zu tun hat? Wer weiß das schon. Studentische Massen waren auf der Nachttanzdemo in Erfurt jedenfalls nicht zugegen und wie das Kapital eine Krise überlebt, die diesmal die – wie die Falken wissen – wirklich ultimativ endgültige sein wird, erfahren wir dann beim nächsten Kurzreferat sozialdemokratischer Nachwuchskader.

Fazit

Der Vorwurf der Unfähigkeit zu Kritik zu Gunsten bloßer verbaler Radikalität erweist sich am Ende wie so vieles aus dem „Redebeitrag“ als bloße Projektionsleistung paternalisierender Berufsjugendlicher, die mit einer Mischung aus obsessiver Abscheu und Konkurrenzdenken auf die Antifas sowie auf Studierende – warum auch immer – herabschauen. Aus gutem Grund ist dieser „Redebeitrag“ auf der Homepage der Falken quasi versteckt worden, tauchte weder im Newswire noch auf den Social Media Accounts auf. Insgeheim wussten die Autoren, dass dieses Kurzreferat unter dem Niveau einer Ortsgruppe ist, die sich ihrem eigenen theoretischen Anspruch nach und in ihrer Bildungsarbeit auf die Kritische Theorie Adornos beruft.


1
Das Zitat stammt aus einem Flugblatt, das die Antifa Arnstadt-Ilmenau als Teil des Antifa-Bündnis Gotha im Jahr 2012 auf der antifaschistischen Demonstration zum Volkstrauertag in Friedrichroda verteilte und das in der 2015 erschienen Kampagnen-Broschüre dokumentiert ist (S. 4ff): http://bit.ly/2gsGc9I

2
Das ganze Pamphlet gibt es online auf der Homepage der Falken: http://bit.ly/2gze5E7

3
Mit genauerem Hinschauen hätte sich auch der Vorwurf erledigt, das Antifa-Bündnis unterscheide nicht zwischen bundesrepublikanischem Volkstrauertag und nationalsozialistischem Heldengedenken.

4
Ähnlich wie übrigens auch der Bund der Vertriebenen es darstellt, bei deren Tag der Heimat Bundespräsident Joachim Gauck in diesem Jahr eine Festrede hielt.

Testbericht: Engagement und Karriere

Die außerparlamentarische Linke ist einer der führenden Anbieter zeitgemäß prä- sentierter Inhalte mit Standorten in mehr als 74 Ländern. Als Vorbereitung für das Berufsleben bietet sie attraktive Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen und wichtige Kompetenzen zu erlernen. Der Rat, sich für Karrierezwecke z.B. beim Flüchtlingsrat zu engagieren (Lirabelle 12), ist insofern richtig. Aber Engagement muss wohlüberlegt sein. Wer sich zu früh festlegt, landet schnell auf einer mittelmäßig entlohnten und zudem unsicheren Projektstelle. Außerdem bieten auch die Autonomen, die Antifa oder der marxistische Lesekreis Karrierechancen. Gerade eine Kombination verschiedener Tätigkeiten kann zu einem exzellentes Sprungbrett werden. Ein Testbericht über
autonome Karrierechancen.

Antifa

Hier zählt der Style! Wer wissen will, was die Jugend in zwei Jahren trägt, geht zum Antifa-Kongress. Mit diesem kulturellen Kapital bieten sich zahllose Möglichkeiten in der Werbung und der Mode-Branche. Dass die Antifa was soziale Medien angeht oft ganz vorne mit dabei ist, macht auch in diesem Feld Türen auf. Und wenn das alles nichts wird, kann man sich immer noch in der Projektelandschaft niederlassen: So lange Nazis in Deutschland demonstrieren und Anschläge begehen, wird es Projektstellen in staatlichen Anti-Rechts-Programmen geben. Aber Vorsicht! Wer sich zu deutlich antistaatlich positioniert, hat es am Ende schwer, das politische Kapital zu Geld zu machen.

Kontakte: 4/5
Organisation: 3/5
Strategie: 4/5
Öffentlichkeitsarbeit: 5/5
Argumentative Skills: 2/5
Theorie: 3/5

Autonome Kleingruppe

Der Klassiker der linksradikalen Karriereplanung. Schon Josef Fischer hat in der Frankfurter „Putzgruppe“ gelernt, wie man sich durchsetzt und die eigenen Themen öffentlichkeitswirksam platziert. Klandestine Organisationsformen sowie ein durch und durch zynisches Verhältnis zur Macht qualifizieren bestens zu Tätigkeiten in der politischen Führungsebene. Allzu krasse Aktionen können die Karriere aber auch ins Stocken bringen.

Kontakte: 1/5
Organisation: 5/5
Strategie: 4/5
Öffentlichkeitsarbeit: 2/5
Argumentative Skills: 2/5
Theorie: 1/5

Infoladen

Mit der Offenheit für verschiedene Themenfelder bietet gerade der Infoladen ein grundständiges Halbwissen über verschiedenste Politikfelder, eine solide Grundlage für eine Tätigkeit in linken Verbänden und Parteien. Die selbstverantwortliche Planung und Durchführung von Kampagnen unter Bedingungen ständig knapper Mittel ist als Vorbereitung für eine Tätigkeit in der Projektarbeit nicht zu unterschätzen. Das soziale Kapital der vielfältigen Kontakte zu anderen Spektren der Linken lässt sich gegebenenfalls bei Einstellungsgesprächen nutzen. Kein Wunder, dass die Thüringer Infoläden für mehrere Gewerkschaftssekretäre, den Pressesprecher einer bundesweit tätigen NGO und eine Landespolitikerin die Grundausbildung übernommen haben.

Kontakte: 5/5
Organisation: 5/5
Strategie: 2/5
Öffentlichkeitsarbeit: 4/5
Argumentative Skills: 3/5
Theorie: 2/5

Linke Theoriegruppe oder Lesekreis

Wie stark diese informellen Kreise Schlüsselkompetenzen für die akademische Karriere vermitteln, wird daran deutlich, dass ehemalige Angehörige der Thüringer antideutsche Szene heute mindestens zwei Professuren und zahllose Mitarbeiterstellen an Universitäten in ganz Europa besetzen. Nicht zuletzt die Kompetenz, gegenüber nachfolgenden Generationen allzu radikales Denken authentisch mit der Wendung „Das haben wir doch damals schon diskutiert“ auszutreiben, qualifiziert seit jeher linke Akademiker_innen für Führungspositionen. Was Kontakte angeht, kann die linksradikale Theoriegruppe allein nicht punkten. Profi-Tip: Die Organisation von Konferenzen ergänzt die Theoretischen Skills um Organisationstalent und die Kontakte, die so wertvoll für eine Uni-Karriere sind.

Kontakte: 2/5 (mit Konferenzen: 4/5)
Organisation: 2/5 (mit Konferenzen 5/5)
Strategie: 1/5
Öffentlichkeitsarbeit: 1/5 (mit Konferenzen 3/5)
Argumentative Skills: 5/5
Theorie: 5/5

Untergrundzeitschrift

Für jede Untergrundzeitschrift leistet ein flexibles und motiviertes Team unbezahlte Qualitätsarbeit, beste Voraussetzungen für eine Arbeit im Verlags- und Redaktionswesen. Aber Vorsicht! Bücher und Zeitungen stecken in der Krise, „feste Freie“ arbeiten von Zuhause und bekommen kaum Geld. Sicherlich ist man das von der Arbeit in der Lirabelle gewöhnt, aber will man das wirklich auch machen, wenn man über Promi-Hochzeiten berichtet oder Ratgeberliteratur lektoriert? Im Zweifelsfall lieber mit dem Lesekreis kombinieren. Und: Immer darauf achten, dass Andere für evtl. später peinliche Inhalte verantwortlich zeichnen.

Kontakte: 4/5
Organisation: 4/5
Strategie: 1/5
Öffentlichkeitsarbeit: 5/5
Argumentative Skills: 3/5
Theorie: 3/5

„Gut organisiert war nur die Registrierung“

Die Lage von Geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften zeigt auf besonders erschreckende Weise die Krise der Reproduktion: Gegessen wird, was vom Amt kommt. Bei Krankheit muss man darauf hoffen, dass ein Arzt im Lager ist. Privatsphäre gibt es keine. Im Lager werden selbst die grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse nicht erfüllt und die Menschen darüber hinaus von den Möglichkeiten der Selbstsorge abgeschnitten. Karl Meyerbeer hat für das Thüringer Netzwerk Care-Revolution mit Katrin gesprochen, die als Flüchtlingssozialarbeiterin arbeitet.

Du hast in einem Lager, dass von einem großen Wohlfahrtsverband betrieben wurde, gearbeitet. Wie waren die Leute dort untergebracht?

Katrin: Die Geflüchteten waren in Doppelstockbetten untergebracht, die meisten in 8er-Zimmern, teilweise aber auch bis zu 36 in einem Raum, 750 in der ganzen Einrichtung. Es gab pro Stockwerk 8 Toiletten und 5 Duschen für jeweils etwa 75 Leute. Die Verhältnisse waren also beengt. Ärztliche Versorgung gab es nur, wenn gerade ein Arzt in der Einrichtung war. Für alles, was die Leute wollten, mussten sie Schlange stehen. Mit dem Essen waren alle sehr unzufrieden. Mittags eingeschweißte Assietten, morgens und abends ungetoastetes Toastbrot mit einer Dose Fisch, Käseeckchen oder abgepackter Marmelade. Erst nachdem die Lokalpresse über die schlechte Qualität des Essens berichtet hat, wurde die Cateringfirma gewechselt und das Essen wurde ein bisschen besser. Alle zwei Wochen haben die Bewohner_innen eine Garnitur Bettbezüge bekommen. Viele haben damit in den Räumen ihre Betten abgehangen, um wenigstens ein bisschen Privatsphäre zu haben. Zusätzliche Laken durften wir aber nicht rausgeben. Der Grund dafür war mir nicht klar. Es durfte nur im Essenszelt gegessen werden. Die Leute durften sich noch nichtmal einen Tee mit auf ihr Zimmer nehmen. Und obwohl die Kleiderkammer voll war, durften wir lange nichts davon ausgeben. Das führte wirklich zu der Situation, dass Leute wochenlang keine Schuhe hatten, obwohl es Massen von gespendeten Schuhen gab. Das einzige, was gut organisiert war, war die Registrierung. Dazu kam zwei Wochen lang die Bundespolizei ins Haus und hat bei allen Einwohner_innen geprüft, ob sie schon erfasst sind. Erst danach durften die Leute wieder das Gelände der Einrichtung verlassen.

Ein Journalist aus Syrien hat gesagt, dass sich Sozialarbeiter im Lager meistens wie Gefängniswärter benehmen. Was man am schnellsten in Deutschland lerne, wäre, dass man Anweisungen befolgen muss. Kannst Du Dir vorstellen, wie es zu dieser Wahrnehmung kommt?

Katrin: Ja, klar. Die Leute müssen sich dauernd mit unsinnigen Vorschriften auseinandersetzen. Damit die Regeln befolgt werden, gibt es eine Security. Beim Betreten und Verlassen des Lagers werden die Taschen kontrolliert. Und es gibt auch Zimmerkontrollen von der Security und von den Sozialarbeiter_innen. Einmal haben sie jemanden dabei erwischt, wie er sich auf einer Kochplatte ein Spiegelei in seinem Zimmer braten wollte. Acht Securitys rückten an und konfiszierten die Kochplatte . Der Mann hat dann vor Wut die restlichen rohen Eier in seiner Hand zerdrückt und traf damit auch die Security. Deshalb wurde zur Strafe noch am selben Tag die komplette Familie in ein noch schlechteres Lager umverteilt.

Du hast vor Deiner Anstellung selbstorganisiert mit Geflüchteten zusammen gearbeitet. Konntest Du die Erfahrungen aus dieser Zeit im Lager einbringen?

Katrin: Ich habe mehrmals angeregt, dass die Leute mehr einbezogen werden. Aber das war von der Leitung aus nicht gewollt. Wenn man die ganze Einrichtung offener und partizipativer gemacht hätte, wäre es für alle sehr viel besser gewesen. Die Leute hätten dann wenigstens die Möglichkeit gehabt, ihre Lage zu besprechen und gemeinsam für Verbesserungen einzutreten. Aber solche Gestaltungsmöglichkeiten waren von der Leitung her größtenteils nicht gewollt. Um die Lage wenigstens etwas zu verbessern, haben wir Sozialarbeiter_innen versucht, einen Sozialbereich einzurichten, wo man sich auch mal aufhalten kann. Dazu wollten wir einen leerstehenden Raum im Keller mit ein paar Sofas zurecht machen. Aber selbst das ließ sich nicht durchsetzen. Es gab also selbst für die Sozialarbeiter_innen, die für die Geflüchteten Möglichkeiten eröffnen wollten, keine Spielräume, in denen man hätte was gestalten können.

Woran lag das?

Katrin: Die Einrichtungsleitung kam aus dem Katastrophenschutz und war paramilitärisch geschult. So ist sie auch an die Arbeit herangegangen. Da wurden klipp und klar von oben nach unten kleinteilig Aufgaben verteilt. Ohne Rücksprache durfte ich im Grunde nichts tun, die Bewohner_innen noch viel weniger.

Die Geflüchteten vom Oranienplatz fordern die Abschaffung der Lager- und Residenzpflicht, den Stopp aller Abschiebungen, ein dauerhaftes Bleiberecht, das Recht auf Arbeit, Bildung und selbstbestimmtes Wohnen, sowie das Recht auf Bewegungsfreiheit. Was kann Sozialarbeit tun, um das zu unterstützen?

Katrin: Eigentlich müssten sie sich dafür einsetzen, sich selbst abzuschaffen und das Geld, das dann frei würde, direkt den Geflüchteten zur Verfügung zu stellen, damit sie sich geeigneten Wohnraum beschaffen können und genug zum Leben haben. Leider sind die Sozialarbeiter_innen einem riesigen Bürokratieüberbau und den Zwängen ihrer Arbeitgeber ausgesetzt. Da ist es leider wichtiger, irgendwelche Qualitätsmanagementunterlagen zu verwalten und seinen/ihren Arbeitsplatz zu erhalten, als wirklich die Lage der Geflüchteten zu verbessern. Und es gibt natürlich auch die, die sich in ihren Rassismen bestätigt sehen, wenn die Geflüchteten sich nicht unendlich dankbar zeigen, sondern sich wehren.

Der Fachdiskurs fordert umfangreiche Standards für Soziale Arbeit in Gemeinschaftsunterkünften. Wie waren eure Arbeitsbedingungen?

Katrin: Was die Bezahlung angeht waren wir als Sozialassistent_innen eingruppiert, obwohl wir den Job von Sozialarbeiter_innen gemacht haben. Und die Leitung hat bewusst damit gearbeitet, dass viele der Beschäftigten Angst hatten, ihren Job zu verlieren und deswegen nicht aufgemuckt haben. Es gab so gut wie keine Supervision oder Fort- und Weiterbildungen. Wenige der Beschäftigten kannten sich im Asylrecht aus, wir konnten den Leuten diesbezüglich gar nicht helfen.

Als wir beim Thüringer Netzwerk Care-Revolution über Deinen Bericht diskutiert haben, kamen wir zu dem Schluss, dass die geschilderten Zustände nicht alleine dadurch zu erklären sind, dass ein Träger Mist baut, sondern die Misere System hat. Wir haben uns gefragt, ob Geflüchtete nicht von Anfang bis Ende schlecht behandelt werden, um Menschen abzuschrecken?

Katrin: Ich glaube nicht, dass das „System“ vorsätzlich so handelt. Es steht sich nur selbst im Weg, da es vor einen Berg Verordnungen und Gesetzen gelähmt ist und alle so weiter machen, weil sie z.B. Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Ich denke auch nicht, dass sich Menschen aus den Krisenregionen wirklich abschrecken lassen. Alles ist besser als im Bombenhagel zu sterben, zu verhungern oder gefoltert zu werden.

Kannst Du ein Fazit zu Deiner Arbeit im Lager ziehen?

Katrin: Mein Gesamteindruck der Lage im Lager war, dass die Leute dort immer noch auf der Flucht sind. Sie haben keine Intimsphäre. Sie haben nichts zu tun. Das monate- oder jahrelange Warten und Gegängel macht viele Leute psychisch kaputt. Sie werden nach intransparenten Kriterien ungleich behandelt und ihnen wird nicht erklärt, wie lange sie in dieser Lage sein werden. Ihr Leben ist einem bürokratischen Koloss mit unverständlichen Regeln unterworfen. Und dann werden sie noch nach nationalen Kriterien ungleich behandelt. Für den Träger steht im Mittelpunkt, Geld zu verdienen. Mir war relativ schnell klar, dass man unter diesen Bedingungen keine gute Arbeit machen kann. Deswegen habe ich diesen Job auch gekündigt.


Das Netzwerk Care Revolution ist ein bundesweiter Zusammenschluss von über 70 Gruppen und Einzelpersonen, die nach einer Gesellschaft streben, in der nicht Profitmaximierung, sondern menschliche Bedürfnisse im Zentrum stehen und Care-Ressourcen nicht nach rassistischen, sexistischen oder klassenbezogenen Kriterien erbracht und verteilt werden.

Solidarität geht nur gemeinsam – über den Sinn und Zweck von Antirepressionsarbeit und Soligruppen

In der Lirabelle wird häufig über Repression berichtet. Wichtig ist das Thema allemal, leider nicht so wahnsinnig beliebt und bekannt. Viel zu oft bleiben die Betroffenen von Repression damit allein. Das wollen wir als Rote Hilfe Ortsgruppe Erfurt ändern und haben hier einen kleinen Einblick zum Sinn und zur Notwendigkeit von Antirepressionsarbeit und im Speziellen von Soli- oder Unterstützungsgruppen zusammengestellt, teilweise findet ihr in diesem Text Statements von Soligruppen, die bereits in der Lirabelle zu lesen waren.

Grundsätzlich ist Widerstand gegen staatliche Repression auch dazu da, um zu zeigen, dass es notwendig ist, auf allen Ebenen zu kämpfen. Auch in Gerichtsprozessen kann ein politisches Statement platziert werden ohne das Aussageverweigerungsrecht zu missachten. Weiterhin ist hilft die organisierte Antirepressionsarbeit dabei, Solidarität zu zeigen, auch wenn die eigentlichen Aktionen schon vorbei sind – wir lassen Betroffene nicht allein. Das ist ein wichtiges Zeichen. Vom konkreten Zusammenhang und auch von Repressionsarbeit einmal abgesehen ist Solidarität einer der wichtigsten Antriebe und ein mit Inhalt zu füllender Begriff einer linken emanzipatorischen Bewegung. Ohne Solidarität kann der Kampf gegen das kapitalistische System, gegen Rassismus, Heterosexismus, Antisemitismus und Neonazismus nicht gelingen.

Warum Antirepressionsarbeit?

Wer an Demonstrationen oder Veranstaltungen teilnimmt, läuft immer auch Gefahr mit Polizei und Justiz konfrontiert zu werden. Beispielszenario 1: Du folgst einem Aufruf zur Haus- oder Platzbesetzung, zum Protest gegen sog. „Asylgegner*innen“, gegen einen Naziaufmarsch. Im besten Fall sind viele Leute unterwegs, du mit Freund*innen in einer Bezugsgruppe (um gut vorbereitet zu sein, gibt’s Tipps im Bezugsgruppenreader, online verfügbar). Doch dann:Du bist dabei, eine Polizeikette zu durchfließen und zack haben sie dich am Wickel.

Anderes Szenario: Du trägst ein Transparent mit der Aufschrift „Auch Polizist*innen sind Rassist*innen“ und schwups fühlen die sich beleidigt und erstatten Anzeige gegen dich.

Weiteres Szenario: im Gerangel, um näher an die Nazis zu kommen, die man blockieren will, packen dich mehrere Bullen von hinten und du hast ein Verfahren wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Alles schon in Erfurt geschehen – nachzulesen auf http://rotehilfeerfurt.blogsport.de.

Wochen später kommt der Brief von der Polizei, später dann der von der Staatsanwaltschaft und nun? Mist. Sobald der erste Brief dich erreicht, die kurz aufkommende Panik runterschlucken, durchatmen, vor allem – sprich mit anderen darüber, auch auf jeden Fall mit der Roten Hilfe. Die Rote Hilfe stellt eine Struktur, die dich nicht allein lässt und konkret unterstützt, um gemeinsam Handlungsmöglichkeiten und Verfahrensweisen zu finden mit dieser Form der Repression umzugehen. Dabei ist die Rote Hilfe kein Dienstleistungsunternehmen und bei der konkreten Soliarbeit auf die Unterstützung durch dich, deine Freund*innen und Genoss*innen angewiesen.

Bei Demonstrationen und in Gerichtsverhandlungen wird oft deutlich, dass die Polizei kein Freund und Helfer ist, sondern dass sie zu einer sich selbst und ihre Taten legitimierenden Haltung neigen, die den eigenen Glauben an Gerechtigkeit eines Rechtsstaates und das Vertrauen in die eigenen Erlebnisse und Taten anzweifeln lassen.
Ihre Erfahrungen mit der Polizei schildert die Soligruppe „Weimar im April“ folgendermaßen: „In den allermeisten Fällen, in denen Betroffene von Polizeigewalt sich trauen, eine Anzeige zu erstatten, ist bereits eine Anzeige wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte (§113 StGB) von Seiten der Polizei erstattet worden. Das ist üblich, um als Polizist*in nicht als Täter*in, sondern als Opfer vor Gericht zu gelten. Nach dem Motto „Ich musste mich ja wehren, die Maßnahme durchsetzen usw.. Mein Handeln war also gerechtfertigt“. Außerdem macht es die Opfer von Polizeibrutalität unglaubwürdig, weil „sie sich ja nicht hätten widersetzen müssen, dann wäre auch nichts passiert“.

Wenn eine solche Anzeige noch nicht erstattet worden ist, folgt auf die Anzeige wegen ‚Körperverletzung im Amt‘ meist eine Gegenanzeige wegen „Vortäuschen einer Straftat“ oder „falscher Verdächtigung“. Da die Betroffenen und die Soligruppe das wussten, hat das niemanden besonders überrascht. Mit dieser Gegenwehr muss man rechnen, wenn man gegen Polizeibrutalität vorgehen will. Wir gehen einfach Schritt für Schritt vor und sehen, was in der jeweiligen Situation das Beste für alle Beteiligten ist.“ Lirabelle 2

Was beinhaltet Antirepressionsarbeit?

Du hast Kontakt mit der Roten Hilfe aufgenommen, sobald dich der Brief von den Bullen erreicht. Wichtig ist, bei Bullenvorladungen – NICHT hingehen, also der Einladung zur Anhörung nicht folgen. Eine Anhörung ist dein Recht als Beschuldigte*r etwas zum Sachverhalt zu sagen. Im Fall von politisch motivierten Taten gilt bei der Roten Hilfe zu deinem und zum Schutz deiner Genoss*innen jedoch: KEINE AUSSAGE! Rechtlich bist du NICHT dazu verpflichtet, bei so einer polizeilichen Anhörung zu erscheinen – das heißt, dass dir das nicht negativ angelastet werden kann. Wenn du also einen Brief von den Bullen mit einem Termin zur Anhörung bekommst, bleib ruhig und geh nicht hin. Dieser Brief bedeutet, dass Ermittlungen gegen dich eingeleitet wurden.

Später kommt eine Vorladung oder ein Strafbefehl von der Staatsanwaltschaft. Dann meldest du dich wieder bei der Roten Hilfe. In einem gemeinsamen Gespräch wird Deine Situation besprochen, falls notwendig, werden entsprechende Rechtsanwält*innen gesucht. Gemeinsam mit dir als Betroffene*n machen wir als Rote Hilfe uns Gedanken über die Prozessführung und die Solidaritäts- und Öffentlichkeitsarbeit zu deinem Fall.

Warum eine Soli- oder Unterstützer*innengruppe?

All diese Schritte und Aufgaben gehen leichter in einer Soli- oder Unterstützungsgruppe, vor allem, wenn mehrere Leute betroffen sind, bspw. weil sie dem gleichen Aufruf zu einer Demo gefolgt sind oder wenn es sich um eine Form der Repression handelt, die nochmal eine neue erschreckende Dimension darstellt.

Gemeinsam mit der Roten Hilfe überlegen die Betroffenen, wen sie gern als Vertraute und Genoss*innen an ihrer Seite haben möchten, um eine Soligruppe zu gründen. Eine solche Gruppe von Unterstützer*innen ist in vielerlei Hinsicht wichtig.

Denn auch wenn es Unterstützung von Anwält*innen und der Roten Hilfe gibt, bleiben noch 50% der Kosten und meist auch ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgelaugtseins und vielleicht auch die Fragen, warum es einen selbst getroffen hat. Möglicherweise kommen Gedanken hoch, ob der eigene Aktivismus richtig ist, möglicherweise entsteht ein Bedürfnis nach Rückzug aus den politischen Aktivitäten – aus Resignation, Angst, Enttäuschung oder Überforderung. Genau das soll das Schaffen von Solidarität verhindern. Das Ziel ist diese Gefühle zu teilen und gemeinsam, sich in einer Bewegung befindend und verortend, handlungsfähig und kämpferisch zu bleiben. Repression möchte Aktivist*innen klein machen, doch das soll sie nicht schaffen. In einer Gruppe mit Menschen, denen du vertraust, könnt ihr darüber sprechen, wie es dir geht, was du brauchst und wie du mit der Repression umgehen möchtest. Dadurch, dass du dich mitteilst, spürst, dass andere ähnliche Kämpfe führen und mit dir gemeinsam diese Zeit der Repression durchstehen, kann auch das Gefühl individuell betroffen zu sein, überwunden werden. Denn wir alle sind gemeint! Wichtig ist auch, an die Öffentlichkeit zu gehen mit Kundgebungen,Flyern, Pressemitteilungen undBlogs. Denn je mehr Menschen wissen, wie Repressionsmechanismen funktionieren, desto mehr Unterstützung und Widerstand ist vorhanden.

Was macht Unterstützungs- und Solidaritätsarbeit aus?

Eine Soligruppe besteht bestenfalls aus vielen Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und Strukturen. Die neue Soligruppe sollte kontinuierlich anhand der Bedürfnisse der Betroffenen arbeiten und über die rein formale Unterstützung mit den Repressionsbehörden hinaus gehen.

Je nach Situation gestaltet sich die Arbeit unterschiedlich:
Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit aus Jena sei hier genannt. Der Genosse Josef, der sich an Protesten gegen den Wiener Akademikerball 2014 beteiligte, wurde u.a. des Landfriedensbruchs in Rädelsführerschaft und schwerer Körperverletzung beschuldigt. Die Soligruppe um Josef „Unsere Solidarität, die könnt ihr haben!“ beschreibt sich und ihre Tätigkeiten so:
„Wir kommen aus verschiedenen Organisationen und Zusammenhängen; uns eint die Solidarität mit Josef, der unser Genosse und teilweise auch Freund ist. Wir haben zu den Haftprüfungsterminen Kundgebungen organisiert und so Öffentlichkeit für den Fall geschaffen, verteilen Flyer und Sticker, sammeln Geld für die Prozesskosten, organisieren Soli-Parties und Info-Veranstaltungen, unterstützen Soli-Veranstaltungen Anderer, schreiben Briefe und Postkarten an Josef und animieren auch Andere dazu, halten Kontakt zu weiteren Gruppen, die sich um Josef bemühen, kümmern uns um viele andere kleine Alltagsaufgaben und werden den Prozess kritisch mitverfolgen.“ Lirabelle 5

Die Soligruppe 1708 schreibt: „In Zusammenarbeit mit der Roten Hilfe Ortsgruppe Erfurt begleiteten wir die Betroffenen zu ihren Anwält*innen, riefen zur Prozessbeobachtung auf und standen gemeinsam die Verfahren vorm Amtsgericht Erfurt durch. Wir schrieben Pressemitteilungen, Aufrufe und Prozessberichte. Außerdem organisierten wir Aktionen, um die finanzielle Belastung der Betroffenen durch die Verfahren auf vielen Schultern zu verteilen.“ Lirabelle 10

So ein Prozess kann sich über Jahre hinziehen und somit auch sehr nervenaufreibend sein. Alleine machen sie dich ein – doch gemeinsam können wir dich und euch immer wieder auffangen! In einer Soligruppe fallen unzählige Aufgaben an die nur von vielen Schultern getragen werden können: Texte zur aktuellen Situation schreiben, Pressemitteilungen verfassen, Soliparties organisieren etc.. Falls ihr eine Demo oder Kundgebung anmelden wollt, braucht es auch einiges an Infrastruktur – von der Anmeldung über das Besorgen der Anlage, die Auswahl der Playlist übers Vorlesen der Redebeiträge bis hin zum Malen der Transparente braucht es viele!

„Soli-Arbeit darf nicht immer ausgegliedert und über Parallel-Strukturen funktionieren, sondern muss mehr von existierenden Strukturen mitgetragen, mitgedacht und in die eigene, alltägliche politische Praxis integriert werden.“ So fasst es die Soligruppe um Josef treffend zusammen. Lirabelle 5

Deshalb unterstützt eure Genoss*innen!
Lust bei der Roten Hilfe mitzumachen?! Nimm Kontakt mit uns auf!
http://rotehilfeerfurt.blogsport.de

Parsley, sage, rosemary and thyme*

Die Frage von Geburtenkontrolle und Abtreibung war für die Feminist_innen der 60er und 70er ein wichtiges Thema. Obgleich viele Gesetzgebungen und Regelungen im Gesundheitssystem immer noch sexistisch sind und einkommensschwache Menschen benachteiligen, ist das Thema für viele – aus verschiedensten Gründen – in den Hintergrund getreten. Weshalb es für eine kommunistische und anti-sexistische Praxis weiterhin wichtig sein kann und muss, über die technisch-medizinische Seite der Körper-Aneigung zu sprechen, versucht Maxi N. Conrady am Beispiel der Anti-Baby-Pille zu entfalten. Die Autorin ist Mitglied im Club Communism.

Alle Menschen haben nicht nur einen Körper, sie sind auch einer. Wir alle empfinden Hunger, Durst, werden müde oder fühlen uns nicht gut. Und können mal mehr, mal weniger etwas dagegen tun, was Menschen sehen, wenn sie uns ansehen. Doch alles, was andere von uns erfahren können, ist etwas, was durch oder mit unsere Körper für sie wahrnehmbar wird. Deswegen ist es wichtig, was mit diesen Körpern geschieht, wie wir sie verändern oder eben nicht verändern können, was es bedeutet, dass wir unsere scheinbar natürlichen Körper mit Techniken wie Elektronik, Make-Up und Medizin verändern können.
Deswegen ist sich mit der Pille zu beschäftigen nicht nur ein spannendes Thema für Hetero-Cis1-Frauen, deren Körper gebärfähig sind und die penetrativen Sex haben.1

Die Pille soll hier synonym für Verhütungsmittel die am und im weiblichen Körper angewendet werden stehen, da sie besonders beliebt und zugleich wegen ihres Gesundheitsrisikos umstritten ist.

Der weibliche Körper im Patriarchat

In einer patriarchalen Gesellschaft gelten Heterosexualität, Cis-Geschlechtlichkeit und nicht zuletzt penetrativer Sex als Norm, die strukturell bestimmt Herrschaftsverhältnisse absichern. Das bestätigt sich spätestens, wenn mal wieder jemand droht seine Feinde zu „ficken“. Egal welches Geschlecht: der_die `Gefickte`, also Penetrierte, ist unterlegen.

DDie Fortpflanzungsfähigkeit und auch -willigkeit spielt dabei in diesen Herrschaftsverhältnissen eine besondere Rolle. Im Europa seit dem Mittelalter gab es wenig bis kein Bewusstsein von nicht-männlicher Sexualität. Eine allgemeine Norm, wie sie etwa die Kirche propagierte, bestimmte dabei nicht-produktiven Sex als Sünde oder Perversion. Doch für Frauen* ergab sich aus dieser Perspektive eine schärfere Repression. Frauen* waren, wenn sie eine eigene Lust oder gar eine eigenständige sexuelle Praxis hatten vom Teufel besessen, verdorbene ‚Schlampen‘, ‚Huren‘, die Männer bösartig manipulierten oder galten später als ‚verrückt‘, krank oder genauer pervers.

Gesunde, ‚normale‘ Frauen hatten dagegen zentral Sex, um ihren Gatten zu erfreuen und um Erben zu bekommen.Sex war im Normalfall auf die Bedürfnisse des Mannes* ausgerichtet: für ihn eine Freude, für sie vor allem eine Freude, ihn zu erfreuen. Sie hat Spaß, wenn er Spaß hat.

Deswegen werden kondomloser, penetrativer Sex ebenso wie ‚Entjungferungen‘, bis heute bei einigen Männern als schäbige Trophäe gehandelt: erst dann hat sie sich ganz hingegeben und ist ganz erobert. Die vielen Risiken solcher Praxen werden dabei ausgeblendet.
Denn Sex ist auseiner solchen Perspektive für ihn ein Ort der Reproduktion im Sinne von Erholung, Spaß, Freiheit und Selbstverwirklichung als Liebhaber, für sie eine Ort der Beziehungsarbeit, der Selbstverwirklichung als Fürsorgende und Gebende.Der Druck, ein solche Rolle zu erfüllen, ist dabei auf beiden Seiten groß und potentiell leidproduzierend. Doch alles was an Sex sorgenvoll, dunkel, unästhetisch oder gefährlich ist, soll ihn nicht betreffen. Die ‚Entsorgung‘ und ‚Vermeidung‘ unerwünschter Schwangerschaften ist, genau wie die Menstruation, aus solchen Gründen seither eine weibliche Aufgabe; aber eine, die diskret und ohne großes Aufhebens geschehen muss.

Das Tabu der ´unreinen´ Menstruation etwa hat eine Jahrhunderte und viele Kulturen betreffende Geschichte und ist bis auch heute ein wichtiges Verkaufsargument für Hygienartikel.

Das eigene Bedürfnis steht in einer solchen Sexualität für Frauen* erst einmal hinten an. Was „toller/schöner Sex“ ist, bestimmt der konkrete Mann* zunächst für die konkrete Frau*. In den mehrheitsgesellschaftlichen Bildern stehen dabei sein Urteil und seine Leistung in einer solchen Situation im Mittelpunkt.
Dort, wo Andere diese Bedürfnisse für uns als Einzelne definieren und bestimmen, also wo andere besser als wir selbst zu wissen meinen, was wir wollen, reduziert dieser Prozess den Menschen auf seine äußere Hülle, der dann am glücklichsten zu sein hat, wenn er tut, was er soll. Aus einem Mensch, der auch Körper ist, wird ein Körper mit menschlichen Eigenschaften.

Den Körper zu Markte tragen

Mit dem Kapitalismus entstand zudem eine neue Rolle für Frauen*: die der Marktteilnehmerin. Damit erschlossen sich auch mehr Möglichkeiten, ökonomische Mittel zur Verfügung zu haben und somit das eigene, körperliche Überleben zu sichern – auch ohne das Wirtschafts- und Überlebenskollektiv Familie. Doch die sexistische Rolle des Körper-Seins für andere bleibt dabei erhalten, verformt sich jedoch durch die kapitalistischen Bedingungen.

Der Markt setzt seine Teilnehmer_innen zunächst gleich, auch bei verfügbarer Arbeitskraft und Zeit. Mutterschaft wird zum selbst-verschuldeten Wettbewerbsnachteil oder zur Doppelbelastung.
Die Pille ist in einer patriarchalen Gesellschaft ein wesentlicher Rettungsanker, eine Technik für Frauen, mit der sie Geliebte für ihren Liebhaber sein können und dabei ihre Rolle als Marktteilnehmerin behalten können. Der eigene, mögliche Lebensentwurf, der scheinbar durch Zugriff auf das Machtmittel Geld erweitert schien, wird durch den doppelten Anspruch von kapitalistischem Zwang und sexistischen Geschlechterrollen wieder eingeschränkt.

Dazu kommt die kapitalistisch bedingte Instrumentalisierung des eigenen Körpers, der auf dem Markt mit seiner Kraft und Lebenszeit angeboten werden muss. Durch die Pille werden Frauen potentiell besser zum Objekt im kapitalistischen Wettbewerb und im Objekt-Sein für andere Menschen. Frauen* leben damit nicht nur in Entfremdung zu ihrem marktförmigen Körper, sondern selbst der Rückzug ins Private ist eine Erfahrung der Objektivierung.

Scheinbare und mögliche Befreiungen

Dass man selbst Körper ist, der fühlt, empfindet, leidet und das dieses Empfinden ein Teil des Selbst und der Welt ist, diese Versöhnung lässt sich nicht aus einer Praxis ableiten, in der die eigene körperliche Verfügbarkeit ‚an‘ oder ‚aus geschaltet‘ werden kann. Der Körper, der nur über seine objektive Wirkung in der Welt definiert wird, etwa aufgrund seiner ‚objektiven‘ Attraktivität oder des wirtschaftlichem Erfolgs, verlangt Disziplin und Kontrolle. Mieder und strenge Diät sind sich letztendlich in ihrem Zweck gar nicht so unähnlich, wenn auch unterschiedliche Rollen unterschiedlich disziplinierte Körper verlangen.

So instrumentalisiert, bedeutet die ‚befreite Sexualität‘ durch die Pille nur eine Befreiung eines Objektes vom Zwang der Natur, nicht aber von seiner Stellung als Objekt. Lust und Begehren als Teil einer Person spielen dabei keine Rolle.2 Die Pille ist immer noch ein Verhütungsmittel für ‚eigentlich‘ penetrativen Sex. Seine Form ist immer noch reproduktive Form, nur ohne Reproduktion. Sex selbst bleibt weiter auf ein Handlungsgefüge reduziert, das über die ‚natürliche‘, ‚gesunde‘ Nutzung des eigenen Körpers definiert wird. Die Technik Pille scheint einfach den Körper nur weiter zu instrumentalisieren.

Dabei könnte sie den eigenen Körper eigentlich zu etwas machen, was genau seine Instrumentfunktion überwinden kann: hin zu etwas, das die eigene Bedürfnisse erst erkunden lässt, indem bestimmte Abhängigkeiten und Zwänge, die gesellschaftlich durch seine Form als weiblich begründet werden, für eine Zeit ausgesetzt werden. Indem Sex-haben zunächst gleichgesetzt wird mit penetrativen Sex haben und damit auch mit eben beschriebener Funktion des eigenen Körpers, braucht es einen Bruch mit der Konvention ‚Fortpflanzung‘, der noch keine positive Antwort auf die Frage ‚was ist Sex ?‘ beinhaltet. In einer offenen Situation können und müssen wir Gefühle, Handlungen, was sich ´richtig´ anfühlt neu bestimmen.

An diesem Punkt erst kann sich ein Mensch, der lernt, dass die Reduktion auf den eigenen Körper keine Notwendigkeit hat, neu – als Mensch mit einem Körper – kennen lernen und zugleich Körper und das eigene Denken auf Möglichkeiten hin erkunden. Bedürfnisse können als eigene entdeckt werden, wo der Körper schon ein eigener ist – und zwar auch im Guten. Neue Bedürfnisse können nur unter bestimmten Umständen realistisch werden. Wenn uns Sachzwänge absolut und unumgänglich erscheinen, wird die Idee, dass es anders sein könnte, zur Träumerei.

Und zugleich ist es wichtig, genau hier zu unterscheiden, wo körperliche Erfahrungen und Erfahrungen mit dem Körper ins eigene Denken und Handeln übersetzt werden.

Nicht jede Technik ist automatisch befreiend, nicht jeder Widerstand ist automatisch einer, der zur Befreiung führt und nicht jede neue, auch gute Erfahrung und Aneignung des Selbst eröffnet auch eine neue Perspektive auf die eigenen Möglichkeiten.

Technik wird im Kapitalismus von und für kapitalistische Bedürfnisse geschaffen, wir selbst müssen neue Ideen entwickeln, um sie zu nutzen. Sie um-nutzen, fehl-nutzen, ihre Funktionen neu entdecken. Die Pille kann die Grundlage sein, festzustellen, dass penetrativer Sex keine Notwenigkeit hat, wenn wir ohnehin Sex zum Vergnügen haben und dass Sextoys wie Auflagevibratoren und Strap-Ons nicht ein Ausgleich für ‚echten‘ Sex sind, sondern Technik um – gleichwertig aber anders – Sex zu wollen und zu haben. Den Schluss können wir jedoch nur ziehen, wenn wir über die Funktion der Pille nachdenken, über die unseres Körpers in der Sexualität – und über unser eigenes Vergnügen. Die Pille kann die Schwelle senken, dies auszuprobieren.

Statt der Pille bliebe uns nur der Verzicht auf penetrativen Hetero-Sex, Sex mit anderen Frauen* oder das Risiko davon schwanger zu werden, wenn (wie anfangs beschrieben) das Kondom immer wieder zu etwas wird, um das mit Männern gehandelt und gefeilscht werden muss. Die weibliche Sozialisation, die viele dazu bringt den Konflikt zu meiden, wird dabei zum Risiko für die Einzelne.

Das Zölibat oder Schwangerschaften, grade als die Option ‚natürlichen Lebens‘, können uns genau diese sexuellen Versuchsfelder nicht ermöglichen, weil sie uns in zwei Hälften denken, wo sowohl Kopf als auch Körper gleichermaßen, als Einheit teilhaben. Eine kommunistische Praxis kann nicht wollen, dass wir hinter unsere Möglichkeiten gut zu leben zurückfallen. Die eigenen Bedürfnisse, in Form des Begehrens an Männern*, mag nicht die einzig mögliche Form des Begehrens für die einzelne Frau* sein, dieses Begehren aber anzuerkennen ist wichtig, um es eben nicht wieder einem objektiven Maß von Nützlichkeit oder Rationalität zu unterwerfen und um jegliches Begehren, egal wie es sich im Leben der_des Einzelnen entwickelt, auch ohne die Idee der Natürlichkeit zunächst als legitim zu denken.3

Die Pille kann nicht perfektes Instrument der Befreiung sein, aber sie weist auf die Erweiterung von körperlicher Selbstbestimmung. Sie deshalb abzulehnen, bedeutet auch aktuelles Leid für höhere Ziele zu schnell anzuerkennen. Gemeinsame Debatten, eine gemeinsame politische Thematisierung und solidarischer Austausch, oder auch die Möglichkeit sich genau nicht auf Gemeinschaften verpflichten zu müssen, können hier Möglichkeiten zu einer progressiven Praxis bedeuten.

Und bevor diese Aneignung des Selbst nichts ist als das Fitmachen für den Wettbewerb, das am Ende in nichts endet, als in Hungern für den Markt oder die spirituelle Befreiung vom eigenen Körper, gilt es zu verstehen, dass auch der Hunger ein Recht hat gesättigt zu werden, den er gehört zu uns, wie es unser Körper tut. Nicht unsere Bedürfnisse, unser aktuelles Begehren sind das unmittelbare Problem – und die Pille als ihre Erfüllungshelfer eben so wenig. Diese Bedürfnisse nicht kennen zu lernen, sie sich nicht zu eigen zu machen und sie dadurch nicht zu entwickeln und zu verändern, ist das Problem.

Eine solche Aneignung und Weiterentwicklung kann eben nur passieren, wenn Raum und Zeit dazu besteht, die wir selbstbestimmt nutzen können. Doch um eine neue Sicht der Dinge zu bekommen, brauchen wir Spielplätze, die sicher sind und uns zugleich die Welt erleben lassen. Diese Erfahrungen zu reflektieren und im Bewusstsein über eine gesellschaftliche Totalität einzubetten, ist dann in Folge wichtig. Menschen lernen mit und durch ihre Körper hindurch die Welt kennen, trennen, was real möglich ist und was nicht, und bekommen so mehr Ideen von dem, was Sexualität und Leben sein kann. Diesem Körper mehr Handlungsmöglichkeiten zu erlauben, kann auch heißen, ihm etwas mehr von dieser Zeit und diesem Raum zu schaffen. Die Pille kann eine Hilfe sein, solche Orte für sich selbst zu finden. Mit den Techniken und Formen spielen, Bedürfnisse kennen lernen und danach politisch um sie kämpfen, müssen wir selbst – als ganze Menschen mit Kopf und Körper.


*
vgl. „Scarborough Fair“, engl Traditional, 16./17. Jhd. Im 16./17. Jhd. wurde in Liedern wie „Scarborough Fair“ Methoden der Abtreibung diskret und doch weit verbreitet.

1
Cis bedeutet, dass man sich mit dem bei der Geburt festgestellten Geschlecht identifizieren kann.

2
Ich werde im weiteren einige Trennungen machen müssen, da diese Bestimmung bei weitem nicht alle Menschen erfasst die Frauen* sind. Wenn ich Frauen ohne * benutzt ist das der Versuch – aus der Not heraus – jene Gruppe zu erfassen, die ein weibliche Cis-Identität hat und dielängste Zeit der Geschichte ungefragt als hetero verstanden wurde. Manchmal ist diese Unterscheidung nicht leicht zumachen und ich werde * nur dort weglassen, wo explizit zugeordnete Geschlechtsorgane relevant werden, wo Gender, Einlesung, Performance im Vordergrund stehen, werde ich das * beibehalten.

3
Die ‚befreite‘ Sexualität der 70er wurde später von vielen Feministin_innen als zwanghaft und an ihrer Lust desinteressiert referiert. Frei war sie für jene, die ihre Interessen ohnehin gelernt hatten durchzusetzen.

Großevents – der Linken liebstes Kind

Mona Alona widmet sich in ihrem Text der Frage nach der Motivation an linken Großevents teilzunehmen, indem sie versucht, ihre eigenen Beweggründen an ausgewählten Aktionen teilzunehmen, zu ergründen.

Frankfurt 18. März, Garmisch-Partenkirchen 3.-7. Juni, Berlin 21. Juni – hatte ich nichts anderes, sinnvolleres zu tun, als mir diese und andere antikapitalistischen Events anzuschauen? Wusste ich nicht zuvor schon, was mich jeweils erwarten würde und das es „realistisch“ betrachtet im Grunde genommen keinen Unterschied macht, ob ich mich als einzelne Person beziehungsweise mit einer Bezugsgruppe in routinierte Protestmodi hineinbegebe, die mit verschiedenen Argumenten kritisiert werden können und sollten? Gelegentlich scheint es, als würden Linke, wenn ihnen nichts besseres einfällt um ihre Ohnmachtsgefühle zu kompensieren, das tun, was sie eben gefühlt am besten können: eine Demo organisieren, damit sich im Zweifelsfall immerhin alle Aktivist*innen mal wieder treffen und durchzählen können, wie viele es von ihnen denn noch gibt.

Inhaltliche und strategische Überlegungen zum Sinn linker Großevents finde ich sehr wichtig und will sie im Folgenden mitdenken. Dennoch soll es in diesem Text darum gehen, aus einer subjektiven Perspektive darüber nachzudenken, was eigentlich meine eigene Motivation war, durch die Welt zu fahren und in der demokratischen Masse aufzugehen. Die teilweise sehr professionellen Mobi-Videos waren dafür sicherlich ein zusätzlicher teaser, keineswegs aber auslösendes Moment. Sie lohnen sich, um über linke Mythenbildung zu sinnieren und in Momenten der Unsicherheit die eigenen Ansichten zu bestärken.1

Über die eigene Teilnahme an Protestereignissen zu reflektieren ist wichtig – sei es jeweils für sich alleine, besser noch in eigenen Affinitätsbeziehungen und auch bei öffentlichen Veranstaltungen, um Diskussionen anzuregen und Bewusstseinsbildung zu ermöglichen. Von den eigenen Erlebnissen und Überlegungen ausgehend kann weiter gedacht und reflektierter gehandelt werden. Das ist notwendigerweise ein stets unabgeschlossener Prozess, da sich die Rahmenbedingungen für Protestartikulation (und auch ihre Inhalte) fortwährend verändern. Worum es nicht gehen soll, ist eine simple oder anspruchsvolle Rechtfertigung für die eigenen Aktivitäten. Rechtfertigungen sind fehl am Platz, wo Selbstreflexion einsetzen soll. Diese verlangt Distanzierung zu sich selbst, dem persönlichen politischen Umfeld und die Annahme der Möglichkeit, dass das eigene Denken, Fühlen, Handeln auch grundsätzlich falsch, nicht angemessen oder zielführend sein könnte. Selbstreflexion ist tatsächlich oft nicht einfach, wenn sie an der Substanz eigener Überzeugungen nagt…

Naives Fragen

Um der Frage nachzugehen, was meine Motivation war, an den genannten linken Events teilzunehmen, hilft es zunächst scheinbar „naive“ weitere Fragen aufzuwerfen. Diese sind als Anregung zu verstehen. Beispielsweise: Was sind meine Ängste? Was sind meine Hoffnungen und Sehnsüchte? Welche Erfahrungen will ich machen? Auf welche Wirkungen spekuliere ich? Ganz klar, in der politischen Sozialisation und der Herausbildung eines individuellen Weltbildes spielen sich viele Dinge auf der Gefühlsebene ab. So steht auch für mich am Anfang dieser Geschichte das diffuse Lebensgefühl, das „etwas“ in der Welt nicht stimmt. Leider erwies sich das Etwas als zu groß und zu kompliziert, als dass ich es verdrängen oder einfach hätte lösen können. Bei mir erzeugen Proteste teilweise den Effekt, eine Verbundenheit zur „Bewegung“ auszulösen, sodass ich mich mit ihr identifiziere. Dieses Gefühl hat sich verfestigt und mit zunehmender Ernüchterung über die Wirkmächtigkeit linker Versammlungen, suche ich es wohl immer noch und fuhr routinemäßig nach Frankfurt, Garmisch und Berlin, weil ich auch „gefühlt“ länger nicht mehr an sowas teilgenommen habe. Insofern ist es bei mir auch schlichtweg die Neugier gewesen, welche Akteure sich jeweils versammeln, was sie tun und was eben noch so „spontan“ geschehen mag.

Was ist aber politisch?

Die meisten Menschen interessieren sich für irgendetwas. Logischerweise sollten politische Aktivitäten weit über den Aspekt des Hobby hinausgehen, wenn sie als einigermaßen sinnvoll und wirkungsvoll gelten sollen. Zumal, wenn damit der Anspruch erhoben wird, bestimmte Deutungen zu verbreiten und Entwicklungen voranzubringen (bzw. einzudämmen).

Wenn bestimmte Interpretationen gesellschaftlicher Vorgänge gesetzt, Adressaten des Protests und Anlässe definiert werden, kann es sich um politische Ereignisse handeln. Diese sprengen den Rahmen der persönlichen Interessen auf und gewinnen einen anderen Charakter als Fankultur oder der Besuch eines Festivals. Politischer Protest gewinnt auf der subjektiven Ebene Bedeutung, wo er eine Verbundenheit mit einer Thematik und Bewegung zum Ausdruck bringt und Menschen motiviert längerfristig für grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel aktiv zu werde. Dies geschieht durch die Verknüpfung von persönlichem und allgemeineren Interessen, wodurch sich politische Subjekte herausbilden.

Dies geschieht unter anderem auch durch die eigene Ortsbestimmung und die direkte Konfrontation mit jenen Autoritäten, welche sich gegen die eigenen Bestrebungen stellen. Die Begegnung mit dem Gewaltapparat (welcher die ökonomische Herrschaft schützt), erscheint daher als ein Moment der „Wahrheit“. Dieser bringt Menschen nicht automatisch weiter, kann aber bei Menschen das Denken und die Beziehung beispielsweise zum Staat verändern.

Herkunft, Umfeld und Verstricktheit

Was bei Linken oft eine Rolle spielt, ist das tief verwurzelte Gefühl, irgendwie irgendwem aus irgendwelchen Gründen helfen zu wollen oder gar zu müssen, um das eigene schlechte Gewissen zu kompensieren. Ein vergleichsweise hohes Maß an Sensibilität und Empathie sind in meiner eigenen peergroup angesagt, was ebenfalls damit zu tun hat. Die Welt ist in miserablem Zustand und dann kommen diese weltschmerzbehafteten Leute und zeigen mit ihrem „Engagement“, dass sich doch was ändern lässt innerhalb dieser Verhältnisse. Dieses kleinbürgerliche Engagement kann aufgesprengt werden, wofür es aber wichtig ist, sich der – durch Familie und soziales Milieu – geprägten Reflexgefühlen und -handlungen bewusst zu werden. Über die eigene Prägung ist kaum jemals vollständig hinaus zu kommen. Aber durch das Nachdenken darüber kann eine kritische Beziehung dazu gewonnen werden. Das Thema der „Werte“ spielt hierbei eine große Rolle und bewusst darüber zu sprechen, wäre auch in linken Kreisen öfters sinnvoll auch wenn es zugegebenermaßen schwerer ist, als die Selbstversicherung eigener Standpunkte.

Was zu ergründen ist…

Die eigene Lebenswelt, schlichtes Interesse, Teilhabe an einem politischen Subjekt, dem – etwas überspitzt gesagt – „Wahrheitsmoment“ zur Verortung des eigenen Standpunktes und das Bedürfnis nach „Engagement“ sind also wesentliche Aspekte der Motivation an politischen Ereignissen zu partizipieren. Darüber spielt aber auch der Glaube eine Rolle, dass sich sozialer Fortschritt durch Aktivismus erkämpfen lässt.2 Blicke in die Geschichte scheinen mich – trotz all dem Scheitern emanzipatorischer Bewegungen – darin zu bestätigen, dass wir eben nicht am Ende der Geschichte oder dem aller Zeiten leben, das unweigerlich und schicksalhaft über uns hereinbricht. Deswegen sollten wir keinem naiven Fortschrittsoptimismus anhängen – dazu ist die die Wirklichkeit der (politischen) Verhältnisse doch allzu grauenhaft und deutlich. Deswegen vermute ich, dass sich starke Antriebsmomente der letzten Begründbarkeit entziehen. Beziehungsweise dass sich diese, wie dargelegt, emotional begründet und schwierig zu fassen sind.

Anregungen zu ihrem Bewusstwerden können auf verschiedenen Wegen gesucht werden. Einer davon ist die Teilnahme an linken Großevents.

Ist politischer Aktivismus deswegen also irrationaler Selbstzweck oder das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung in entfremdeten Verhältnissen? Zumindest teilweise immer auch. Worum es gehen sollte, ist, die Verhältnisse zu überwinden, welche meinen Antrieb sie zu überwinden erst hervorbringen. Darum ist den Menschen nicht zu trauen, die gerne Politik machen – und sei es mit linksradikalem Ausdruck und Inhalt. Sie tendieren zum Bürokratismus und vereinnahmen wiederum andere Menschen für ihr Bedürfnis, die chaotische Welt zu strukturieren.3 Beziehungsweise im Parlamentarismus um Herrschaft zu vermitteln und Interessen durchzusetzen, welche nicht meine sind – wenn das „Engagement“ zum Beruf wird.

Wenn das Ziel linksradikaler Politik und Aktivismus die befreite Gesellschaft ist, bedeutet das auch die Überwindung ersterer. Trotzdem können Menschen natürlich Spaß daran haben, Dinge zu organisieren, in andere Städte zu fahren, gemeinsam durch Straßen zu demonstrieren oder Katz und Maus mit Bullen zu spielen. Es besteht jedoch die Gefahr eines Protestfetischismus, welcher davon zehrt, dass es allein das (eigene) individuelle und dann gemeinsame Handeln sei, welches Veränderungen bewirkt, während „objektiv“ betrachtet, der Lauf der Welt doch nicht von uns abhängt. Und doch hängt er paradoxerweise auch von uns ab, weswegen ich mir als entscheidenden Effekt linker Großevents erhoffe, dass „Aktivist_innen“ motiviert nach Hause fahren, um dort etwas anzufangen.4 Das berührt dann aber wieder eher strategische und Organisationsfragen, denen ich hier nicht weiter nachgehen kann.

Einige Konkretisierungen

Welche emotionalen Momente spielen bei mir bei den drei erwähnten politischen Ereignissen eine Rolle?

Interesse an der Masse: Bei Blockupy konnte die Masse – mit ihren faszinierenden, abstoßenden, bewegenden und lähmenden Aspekten gut beobachtet werden. Die Großdemo war schon groß und das verdeutlichte den linken Eventcharakter. Es ist einfach interessant, einen Überblick darüber zu kommen, wer aktuell alles so auf die Straße geht. Dadurch gewann ich also auch Einblicke, wie die linke Mischpoke derzeit aufgestellt ist – unabhängig davon, wer mir von ihr gefällt und wer nicht.

Teilhabe an Mythen und Tradition: Auch wenn von den Organisator_innen versucht wurde, Zusammenhänge zu Blockupy herzustellen, handelte es sich beim Protest gegen den G7-Gipfel um etwas ganz anderes. Dieser zehrte vom Mythos von Heiligendamm.5 Die top-down organisierte Großdemo in München musste ich mir nicht geben. Stattdessen war das Camp spannend und ermöglichte einen guten Austausch mit Anarchist_innen. Deren Broschüre6 hatte mich von Stil und Inhalt her überzeugt, dass es sinnvoll ist, nach Garmisch-Partenkirchen Protest zu tragen, auch wenn das bedeutete, es mit irgendwelche kruden Russlandfreundinnen und Rote-Fahnen-Schwenkern auszuhalten. Außerdem hatte ich vor Jahren eine starken Bezug zur globalisierungskritischen Bewegung und wollte diesem für mich politisierenden Prozess nachspüren und an dem, was daraus wurde teilhaben.

Ausdrucksdrucksformen für die eigene Betroffenheit: Die Aktion des Zentrums für politische Schönheit brachte dagegen wirklich etwas Neuartiges. Tags zuvor fand eine Großdemo zur Verlängerung von Blockupy statt, welche unter dem Motto „Europa. Anders. Machen.“ eher den anfangs erwähnten Charakter des „Leute zählens“ hatte. Ganz im Gegensatz dazu durchbrach die Inszenierung der kommenden Toten gewohnte Denk- und Handlungsmuster und ermöglichte es, der Ohnmacht und Fassungslosigkeit über das Ertrinkenlassen im Mittelmeer und die Verschärfung des Asylrechtes, aber auch alternativen Vorstellungen eines grenzenlosen Europas Ausdruck zu verleihen. Selbstverständlich darf es nicht bei spektakulären Inszenierungen und der oft zurecht angeprangerten Symbolpolitik bleiben. Umso mehr genoss ich das Mitwirken an einer Aktion, welche nicht behauptet, „die Verhältnisse grundlegend zu verändern“, sondern die Schlussfolgerungen und Initiative7 bei den Einzelnen zu belassen, die in ihrem alltäglichen Tun ja tatsächlich auch die antirassistische Bewegung sind.

Schlussgedanken

In diesem Beitrag habe ich versucht einige Gedankengänge offenzulegen, von denen ich vermute, dass sie schon viele andere Menschen in ähnlichen Situationen gehabt haben oder haben werden. Das Nachdenken über das eigene Handeln und das Nachspüren der Motivation dazu, halte ich für wesentlich um emanzipatorische Positionen zu entwickeln und mit diesen handlungsfähig zu werden. „Handlungsfähigkeit“ zu erlangen ist an sich schon eine riesige Aufgabe, welche ich mit dem Begriff der „Selbstermächtigung“ assoziiere, die immer ein Faktor von Protesten etc. darstellen sollte. Wie angedeutet ist dabei zu fragen, wozu, wohin, für und mit wem gehandelt werden soll, was mit den (Protest-)Formen auch verknüpft ist.


1
Bewegungs-intellektuell, für die antiautoritäre Strömung bei Blockupy von …umsGanze: https://www.youtube.com/watch?v=oksg5EYI1lw, kindlich-anarchistisch für die G7-Proteste: https://www.youtube.com/watch?v=kjpLOzUROmg, martialisch-pathetisch von „Perspektive Kommunismus“: https://www.youtube.com/watch?v=j44AAHKvFGM, künsterlich-humanistisch vom Zentrum für politische Schönheit zur Aktion „Die Toten kommen“: https://www.youtube.com/watch?v=9hXoIm6M_IM.

2
Um es runterzubrechen und die Diskussion anzuheizen würde ich sogar auf einen aktuellen Text von umsGanze verweisen. In diesem rechtfertigen sie ihre Teilnahme an Blockupy und schreiben: „Von Nichts kommt nichts“. Der Text eignet sich meiner Meinung nach gut zur Diskussion über linke und linksradikale Bewegung und Perspektiven. http://umsganze.org/nicht-zynisch-werden/

3
Blinder Aktivismus wäre eine andere Ausprägung: Auf „Aktiventreffen“ kann bspw. gut beobachtet werden, wie professionelle Polit-Aktivist_innen routinemäßig die zu mobilisierende Masse zum „Objekt“ degradieren. Wiederum ist der Rückzug in die reine Theoriearbeit eine andere Strategie den Unannehmlichkeiten und Herausforderungen konkreter Politik zu entfliehen.

4
Ehrlicherweise muss gesagt werden, dass aber auch das genaue Gegenteil eintreten kann, wenn die politische Betätigung sich auf Demofahrten beschränkt oder Menschen durch Repression desillusioniert und eingeschüchtert werden.

5
Siehe http://www.rosalux.de/news/41588/widerstand-unter-schwierigen-bedingungen.html

6
Siehe http://fda-ifa.org/g7/ → runterscrollen, online lesen oder downloaden.

7
Tatsächlich wurden offenbar auch einige Leute in Thüringen durch diese Aktion inspiriert und brachten im Juli Kreuze nach Erfurt: http://lirabelle.blogsport.eu/2015/10/05/news-10/; http://www.jenapolis.de/2015/07/10/die-toten-kommen-auch-nach-jena/