Kategorie-Archiv: Kritik

„Heimat ist bloß da wo man sich aufhängt“ – Franz Dobler

Am 2.Oktober 2019 veranstalteten die Falken Erfurt und das Biko einen „Kritik der Heimat-Abend“ mit Thomas Ebermann und Thorsten Mense in Erfurt, von dem das Orgateam einige Impressionen zusammengetragen hat.

Heimatwerbung aus Thüringen

Stimmen aus dem Antiheimatabend

„Dass Heimat der Kampfbegriff der Nazis ist, ist den anderen peinlich: Sie wollen ihre Heimat retten, vorm angeblichen Missbrauch schützen, aus dem braunen Sumpf ziehen.“

Thorsten Mense im Vorwort zu Thomas Ebermanns Buch: Linke Heimatliebe – Eine Entwurzelung.

„Heimat ist die falsche Antwort auf die falschen Verhältnisse. Dabei ist die Entfremdung, der Kontrollverlust und die soziale Deintegration, aus dem sich dieses Bedürfnis speist, eine reale Erfahrung. Wer sich aber in die Heimat flüchtet, will die Welt nicht ändern, sondern die Menschen mit den Verhältnissen versöhnen.“

Thorsten Mense

„Bei der Heimatdebatte geht es nicht darum, wie ‚Wir‘ zusammenleben wollen, sondern wer hier leben darf und welchen Sítten und Ritualen er oder sie sich dafür unterwerfen muss. Diese sind nicht verhandelbar, sondern Teil der Heimat, angeblich verwurzelt im Boden, auf dem man sich bewegt: ‚Weil es schon immer so war‘. Jedem Wunsch nach Veränderung, jedem Willen zur Emanzipation, ja schon der kritischen Refelxion an sich wird hiermit eine Absage erteilt. Heimat ist im Kern eine völkische Idee, denn sie verwechselt Menschen mit Bäumen und spricht ihnen einen natürlichen und angestammten Platz in der Welt zu. Aber wer Menschen verwurzelt, entmündigt sie und ordnet sie der Natur und dem Kollektiv unter, macht sie zu SklavInnen der Gerüche und Geschmäcker ihrer Kindheit.“

Thorsten Mense

„Für Heimat gilt eigentlich nur eine Regel, ein Gesetz, ein Satz: Das macht man hier so. Ob das die Lederhose oder das Dirndl in Bayern ist, oder was anderes sonstwo, das Berliner Gequatsche oder weiß der Teufel, kann man Heimat nennen. Aber das schließt ein, wenn wir ein bisschen Sprünge machen, in den Südamerikanischen Staaten bis 1963, da gehörte zur Heimat, dass man Schwarze aufhängt. Heimat ist Lynchjustiz. Das macht man hier so. Heimat ist prinzipiell Erlaubnis zum Mord. Hier gehören welch nicht hin. Und wenn hier welche nicht hingehören, heißt das, die sollen weg.“

Klaus Theweleit auf der Konferenz „Heimatphantasien“, die im August 2018 in Haburg stattfand.

„Das Menschwerden besteht doch gerade darin, dass man nicht Teil der Gesellschaft werden will, die um einen herum ist, weil die meisten von denen mörderisch sind, oder potentiell mörderisch sind. Es kommt doch auf die Differenz an. Mensch wird man doch, indem man anders wird. Es geht um die Differenz und nicht um Heimat. Zum Teufel mit diesem Wort.“

Klaus Theweleit

Asoziale: Aus der Gesellschaft ausgestoßen und von Nazis mit dem Leben bedroht

Am 18. Oktober 2019 fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe zu Ideologien der Menschenfeindlichkeit im AK40 in Suhl ein Vortrag zum Thema „Asozialität – Geschichte und Aktualität eines Stigmas“ statt. Die Gefahr, die von einer solchen Stigmatisierung ausgeht, machte in Suhl vor allem der Nazimord an Klaus Peter Kühn im Jahr 2012 deutlich. Lula und Antifa Suhl/ Zella-Mehlis in einer Nachbetrachtung.

Am Abend des 16. Juni 2012 bedrängten drei Neonazis den damals 59-jährigen Arbeitslosen Klaus Peter Kühn vor der Tür seiner Plattenbauwohnung im Suhler Norden. Er solle ihnen Geld geben, damit sie sich davon Schnaps kaufen können. Kühn gab den drei 17 bis 23-jährigen zwei Euro, sagte, mehr habe er nicht. Unzufrieden mit der Ausbeute kehrten sie wenige Stunden später zu dessen Wohnung zurück und verschafften sich gewaltsam Zutritt zu dieser. Dort schlugen sie mit Fäusten, Füßen, einer Tischplatte, einem Stuhl und Fernseher gewaltsam auf Kühn ein. Mit weiteren 25 Euro, die die drei in der Wohnung fanden, verlassen sie das Gebäude, um Alkohol zu kaufen. Nebst Portemonnaie und Mobiltelefon nahmen sie außerdem den Schlüssel des Opfers mit, womit sie wenig später erneut in die Wohnung zurückkehrten. Sie setzten ihre Misshandlungen fort, schlugen erneut auf Kühn ein, stecken ihm eine Zigarette ins Nasenloch und urinieren auf das am Boden liegende Opfer, um herauszufinden, ob er noch lebte. Nach Stunden der Folter ließen sie Kühn hilflos und alleine in seiner Wohnung zurück, wo er am darauffolgenden Vormittag seinen Verletzungen erlag. Er wurde vier Tage später von seinem gesetzlichen Betreuer gefunden, der sich drüber sorgte, Kühn nicht erreichen zu können.

Eine Woche nach dem Mord werden die drei von der Polizei verhaftet. Sie sind bereits vorbestraft wegen Diebstählen, schwerer Körperverletzung, der Jüngste von ihnen auch wegen des Sprühens eines Hakenkreuzes. Während der Vernehmung nannten die jungen Erwachsenen Kühn einen Penner und zeigten keinerlei Empathie für ihr Opfer. Im Januar 2013 wurde ihnen vor dem Meininger Landgericht der Prozess gemacht. Dort äußerten die Angeklagten, bei der Tat gelacht zu haben und sich belustigt gefühlt zu haben. Mitleid empfänden sie „eigentlich nicht“. Das Gericht verurteilte die Angeklagten wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter besonders schwerer Erpressung zu neun bis elf Jahren Haft. Die Richterin begründete ihr Urteil u.a. damit, die Angeklagten hätten „ihr Opfer nicht mehr als Mensch wahrgenommen“, während die Staatsanwaltschaft als Motiv der Tat die Habgier der jungen Männer benannte, da diese von ihrem Opfer Geld verlangten. Den eklatanten Widerspruch dazu, dass es sich bei dem Opfer ebenso wie bei den Tätern um einen sozial Abgehangenen, Mittellose handelte, von dem man hätte wissen können, dass da nicht viel zu holen ist, sah die Staatsanwaltschaft scheinbar nicht; auch die Tatsache, dass die Täter auch, nachdem sie das wenig vorgefundene Bargeld ausgegeben hatten, nicht von ihren Opfer abließen, sogar noch einmal wiederkehrten, um ihre Misshandlungen fortzusetzen, kann durch das Motiv der Habgier mindestens nicht hinreichend erklärt werden.

In deutscher Tradition

Der menschenunwürdige und entmenschlichte Umgang mit Menschen, die als asozial bezeichnet werden, hat eine lange Tradition in der zu Grunde liegenden Idee von Arbeit, die verwoben ist mit der Entstehung der deutschen Nation. Das Wesen des Deutschseins liegt darin, in der ehrlichen und sittlichen Arbeit Erfüllung zu finden. Wie sich die Arbeitsverhältnisse mit der Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts verändern, muss sich auch der Mensch ändern. Wer keine Leistung bringt, hat keinen Wert. Doch Arbeit dient nicht allein zum Bestreiten des eigenen Lebensunterhalts, sondern ebenso der Formung zu einer sittlichen Person. Zudem grenzt sich die deutsche Arbeit vom vermeintlich jüdisch-materialistischen Geschäftsgeist ab. Der Kulturhistoriker Wolhelm-Heinrich Riehl schrieb dazu in seinem Buch Die deutsche Arbeit: „Die sittliche Kraft der Arbeit steht den Deutschen höher als ihr Erfolg und Gewinn“.
Arbeit verrichtet man nicht nur zu individuellen Zwecken, sondern die nationale Arbeit dient als Basis eines neuen politischen und kulturellen Bewusstseins als Deutsche. Damit einhergehend gelten Arme, Kranke, Menschen mit Behinderung, Menschen, die nicht „anerkannten“ Berufen nachgehen und Menschen ohne festen Wohnsitz als abweichend, unnütz und als Gefahr für die herrschende Ordnung. Die Ursache für die Verelendung wurde in den Menschen selbst gesehen – diese galt es loszuwerden oder umzuformen. Mit „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ Mitte des 19. Jahrhunderts um Vererbung entwickelte der Staat selbst Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der „Erbgesundheit seines Volkes“. Verschärft wurde diese Strategie nach dem ersten Weltkrieg, in dem viele Schwerverletzte und Traumatisierte aus dem Krieg zurückkehrten und so vermeintlich die Volksgesundheit gefährdeten, was sich in Publikationen dieser Zeit, wie dem 1920 erschienen Buch mit dem Titel Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form verdeutlicht.

Im Nationalsozialismus wurden die Ideen zur „Säuberung“ der Bevölkerung konsequent umgesetzt. Alle Institutionen wie Fürsorgeeinrichtungen, Polizei und Justiz arbeiteten zusammen, um „Berufsverbrecher“, „sexuell Verwahrloste“ (diese Zuschreibung gab es nur für Frauen), „Ballastexistenzen“, geistig und körperlich Behinderte auszusortieren. Die Folgen für die Betroffenen im Nationalsozialismus sind bekannt – sie reichen von der Inhaftierung über Zwangssterilisation zu Ermordung. Drei zentrale Ereignisse seien hier nur schlaglichtartig beleuchtet:                                
1938, Aktion Arbeitsscheu Reich: mehr als 20 000 Menschen wurden durch die Gestapo und die Polizei in Konzentrationslager verschleppt. Es kamen zunehmend mehr „Asoziale“ mit schwarzem Winkel und „Berufsverbrecher“ mit grünem Winkel in Konzentrationslager gebracht. Dort waren sie die Häftlingsgruppen mit den schlechtesten Lebensbedingungen und ihnen wurde mit fehlender Solidarität begegnet.
1939 – 1945, Euthanasie-Aktion: Ermordung von über 200 000 Menschen, die als „lebensunwerte Ballastexistenzen“ oder „geistige Tote“ kategorisiert wurden, unter anderem behinderte Kinder, Psychiatriepatient*innen, Alte, Arme, Asoziale wurden vergiftet, erschossen, ins Gas geschickt oder dem Hungertod ausgeliefert.
1939, Aktion T4: 5000 Patient*innen aus Heil- und Pflegeanstalten und Kinder aus Privathaushalten wurden umgebracht.

Leider war jedoch mit dem Ende des Nationalsozialismus das Leid für die Überlebenden, die mit grünem oder schwarzem Winkel in den Konzentrationslagern waren, in vielen Fällen nicht beendet. Viele verblieben weiterhin jahrelang in Haft – ohne vorangegangene Verfahren oder Neuaufarbeitung ihrer Fälle oder verblieben in staatlichen Fürsorgeeinrichtungen und wurden durch die gleichen Menschen weitergegängelt, die ihnen bereits zur Zeit des NS das Leben zur Hölle machten. Einige Gesetze bestanden lange fort wie z.B. der sog. Asozialenparagraf in der DDR (Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten) und die Fürsorgerichtlinien von 1924, die erst 1962 durch das Bundessozialhilfegesetz abgelöst wurde.
Teilweise wurden die Folgen ihrer Unwertmachung im NS als Gründe für eine soziale Ächtung – bspw. wurden Frauen, die zwangssterilisiert wurden, als sozial unwert stigmatisiert.
Während sich NS-Täter auf ihre Arbeit Rentenansprüche erarbeiteten, bleibt das den Opfern, die zwangsarbeiteten, verwehrt. Sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher haben bis heute kein Anrecht auf Entschädigungszahlungen. 

Stigmatisierung und Gewalt an Asozialen

Doch nicht nur im Mangel des Anrechts auf Entschädigungszahlungen setzt sich die Stigmatisierung von sogenannten Asozialen fort. Sie ist das Resultat bürgerlicher Vergesellschaftung als Reaktion auf die eigene gesellschaftliche Überflüssigkeit. Selbst für ihre Lage verantwortlich gemacht, verdeutlichen sogenannte Asoziale die unangenehme Ahnung der eigenen Überflüssigkeit und die Folgen, die die Niederlage in der gegenseitigen Konkurrenz mit sich bringt. Die Einsicht darum soll abgewehrt werden durch den Ausstoß derer, die daran erinnern. Dabei bleibt es nicht bei der Stigmatisierung, sondern es kommt auch immer wieder zu Gewalthandlung gegen Erwerbs- und Obdachlose oder andere als asozial betrachtete Menschen. Unter den Todesopfern von Neonazis finden sich auffällig viele Menschen, die obdachlos oder erwerbslos waren. Die Statistik der Amadeu-Antonio-Stiftung zu Todesopfern rechter Gewalt seit 1990 zählt mindestens 26 Obdachlose unter den von Rechten Ermordeten. Die noch recht junge Statistik zur Gewalt gegen Obdachlose des BKA verzeichnet seit 2011 einen Anstieg von Gewalt gegen Obdachlose um mehr als das doppelte; über die Hälfte davon ging von Menschen aus, die das BKA als rechts einstuft.

Im Fall der Mörder von Kühn waren die drei Täter selber sozial Abhängte und mit dem Stigma des nutzlosen und nicht kapitalproduktiven Essers belegt. Die ums eigene Glück Geprellten schoben auf ihn ab, was sie an sich selber nicht ertragen oder dulden konnten und bekämpften es stellvertretend an ihm. Ihre Aggressionen waren dabei weder von persönlichen Motiven – etwa einer Abneigung gegen Kühn als Person – noch von individuellen Nutzen geleitet, sondern Ausdruck einer Wut, die sich ausagierte gegen jemanden, der auffiel ohne Schutz. Enthemmt schlugen sie nicht nur mit allem, was zu finden war, auf ihr Opfer ein, sondern urinierten auch auf den verletzt am Boden Liegenden. In der Erniedrigung des anderen vollzogen sie ihre eigene Aufwertung durch dessen Abwertung und in der Ausübung der Macht vermochten sie es, sich dabei gleichsam über ihre eigene gesellschaftliche Ohnmacht hinwegzutäuschen.

Habgier als Grund für die Misshandlungen und den Mord anzuführen – wie von der Staatsanwaltschaft im Prozess gegen Kühns Peiniger und Mörder – vollzieht einerseits eine falsche Rationalisierung der Gewalt. Andererseits ist Habgier als Charaktereigenschaft der Täter zu qualifizieren, worin in der Individualisierung des Grunds von den gesellschaftlichen Ursachen der Tat abgesehen wird. Gleichwohl besteht zwischen der gesellschaftlich fortbestehenden und verbreiteten Stigmatiserung und Abwertung vermeintlich Asozialer und derer Ermordung – nicht zufällig vorwiegend durch Rechte – eine Differenz. Die drei Nazimörder aus Suhl entscheiden sich für letzteres: für die Entmenschlichung, Gewalt und den Mord an einem gesellschaftlich Ausgestoßenem, statt gegen die Ursachen ihrer Ohnmacht und Überflüssigkeit anzugehen und zusammen mit anderen in Solidarität für einen Zustand ohnmächtigen Glücks einzutreten.

Disko

Mit der MLPD wird komisch umgegangen, darin sind sich Lisa Herbst und Karl Meyerbeer einig. Eigentlich sollte es ein gemeinsamer, fertiger Text werden aber dann kamen ein furchtbarer Kater und Zeitmangel bei der gemeinsamen Diskussion dazwischen und nun folgen zwei unfertige Texte.

Hilfe, jemand hat eine verkürzte Theorie

Karl Meyerbeer findet es völlig legitim, die Thüringer MLPD aufgrund ihres sektenhaften Auftretens auszuschließen und Parteifahnen nicht auf Demos zu dulden. Trotzdem ist er genervt von einer allzu billigen Abgrenzung.

Geht es um eine theoretische Abgrenzung von der MLPD, wird in der Regel deren platte Faschismustheorie bemüht: Die Kleinstpartei bezieht sich auf Georgi Dimitroff, demzufolge der Kapitalismus die Herrschaft der reaktionärsten Akteure des Finanzkapitals sei. Deutlich wird dadurch die Ansicht, faschistische Herrschaft sei kein Klassenkompromiss zwischen Mob und Elite, sondern eine Herrschaftsform, die gegen das Proletariat durchgesetzt worden sei. Gerade in Deutschland – wo in jeder historischen Phase ein Gutteil der Arbeiteklasse bei den Nazis mitgemischt hat – ist das natürlich wenig überzeugend. Es stellt sich die Frage, wieso man eine so platte Theorie heute vertritt. Ein Punkt dabei könnte sein, die einfache Erzählung „Wir da unten“ (gut) gegen „Die da oben“ (schlecht) stark zu machen und damit zum Klassenkampf anzuheizen. Es könnte auch darum gehen, das Proletariat von seiner Beteiligung an der NS-Volksgemeinschaft rein zu waschen. Wie auch immer: Die Theorie ist platt, die Motivation, sie zu vertreten, zweifelhaft. So weit, so schlecht, es gibt also Leute, die eine falsche Theorie vertreten. Aber ist das ein hinreichender Grund, für immer das Tischtuch zu zerschneiden? Gibt es in der Linken nicht jede Menge vereinfachte Theorieansätze? Die Postcolonial/Intersektionalitäts-Fraktion vereinfacht, indem sie alles zu einem Problem individueller Positionierung (den oftgenannten „Privilegien“) erklärt, die antideutsche Antifa vereinfacht mit einem strukturdeterministischen Weltbild („Es gibt keine Akteur*innen, nur eine strukturelle Logik“), die Wertkritiker*innen vereinfachen, indem sie alles aus den ersten drei Kapiteln des Kapitals heraus erklären… so what? Theoretisieren ist abstrahieren und damit auch immer Komplexitätsreduktion, also in gewisser Weise: Vereinfachen. Das schlagende Argument bei denjenigen, die die MLPD zum kleinen Satan erklären, der exorziert werden muss, ist, dass diese Vereinfachung eine antisemitische sei. Was dann damit unterlegt wird, dass die MLPD mit Antisemiten zusammenarbeitet. Dies geschieht beispielsweise im Artikel „Stalinisten in der Defensive“ in der Lirabelle #18, wo die Nähe der MLPD zu Thälmann, Stalin, Mao, die PFLP, Die Bandbreite und Prinz Chaos II aufgezählt wird. Aber findet man eine Nähe zu zweifelhaften Gestalten bzw. antiemanzipatorischen Positionen nur bei der MLPD? Die Partei DIE LINKE hat Annette Groth, Inge Höger und Norman Paech – antizionistische Linke, die geradezu besessen davon sind, Israel zu kritisieren. Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat Roger Halam (Vordenker von Extinction Rebellion), der den Holocaust relativiert. Gothaer Antifas haben vor wenigen Jahren antisemitischen Verschwörungstheoretikern ein Forum geboten (siehe Lirabelle #5). Im Veto wird naiver Veganismus mit menschenfeindliche Zügen (man beachte den Artikel zu Sea Shepherd in der Konkret 11/2019) genauso toleriert wie Veranstaltungen mit einer Nähe zu antimuslimischem Rassismus und Transphobie. Aber gibt es deswegen Unvereinbarkeitsbeschlüsse mit Extinction Rebellion, Dissens, den GRÜNEN und der PDL? Nein, die gibt es nicht. Warum? Ich befürchte, es liegt vor allem daran, dass die MLPD ein so einfacher Gegner ist. Die Splitterpartei hat in Thüringen schlicht und einfach nichts zu melden. Wer sich hier distanziert, hat auf billige und einfache Weise klar gemacht, dass er/sie auf der richtigen Seite steht.

Wer die Macht hat, braucht keine Argumente

Anstelle eines Textes zum Umgang der Thüringer Linken mit der MLPD formuliert Lisa Herbst einige unfertige Gedanken zu Autoritarismus in der Linksradikalen.

Mao, Lenin und Stalin sind in der autonomen Linken (zum Glück) out, man will nix zu tun haben mit Überresten stalinistischer Kleinstparteien wie die MLPD oder neuen Polit-Sekten wie dem Jugendwiderstand. Aber immer wieder stößt man auch in der basisdemokratisch-organisierten Linksradikalen im Umgang mit innerlinken Dissens auf Elemente eines autoritären Politik-Stils. In dem Falle verkommt politische Praxis zur symbolischen Abgrenzung und Kritik zur Positionierung. Beobachten lässt sich das in verschiedensten linken Strömungen. Linke Gruppen vertreten einen bestimmten Standpunkt (Antideutsch; Queerfeministisch; Radikalfeministisch, Anti-Imp; Anarchistisch, etc.) aus denen sich ein bestimmter Werte-Kanon und inhaltliche Positionen ableiten. Dieser wird gegen andere Standpunkte verteidigt und durchgesetzt – dogmatische Glaubenssätze ersetzen Erfahrungsoffenheit, Fähigkeit zum Überprüfen eigener Urteile und das Austragen von Dissens. Auf Vorträgen wird zusammengezuckt, empört geraunt, gezetert, die Augen verdreht, wenn mal eine*r dabei ist, der*die nicht eh schon das Gleiche denkt. Das eigene politische Urteil festigt sich nicht durch die Diskussion und Auseinandersetzung mit Anders-Denkenden sondern durch das Fernhalten dieser. Kritik wird ersetzt durch Diffamierung – während klassische Stalino-Gruppierungen wie die MLPD ihre linken Gegner als Verräter oder Spalter der Arbeiterklasse abstempeln, kommt es bei anderen linken Gruppierungen auf das jeweilige Werte-System an. Jede Kritik kann zum Label verkommen – Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Heteronormativität, etc. Wird der Begriff zum Label, dient er der Denunziation nicht der Kritik – er wird herangezogen um zu zeigen: Die sind so schlimm – mit denen müssen wir uns nicht herumärgern. Denen sollte man gar nicht zuhören. Die haben kein Recht darauf, ihre Meinung im Plenum zu äußern oder ihre Veranstaltungen bei uns durchzuführen oder auf unserer Demo mitzulaufen. Die wollen wir hier nicht.
Wo inhaltliche Kritik formuliert wird, um den Ausschluss zu legitimieren, dient diese nicht dem Streit sondern um Anklage zu erheben oder das eigene Vorgehen zu rechtfertigen gegen die jeweilige Unmut hervorbringende linke Gruppierung. Alternativ wird die Nähe der jeweiligen Gruppierung zu bereits als politischen Gegenern identifizierten Personen oder Gruppierungen aufgelistet. So wird das unliebsame Objekt verurteilt, ohne dass ein inhaltliches Urteil über sie gefällt werden musste. Diese Methode lässt sich beliebig gegen alle unliebsamen linken Gruppierungen und Strömungen einsetzen (siehe die Beispiele in Karl Meyerbeers Text). Es stellt sich die Frage, was der praktische Erfolg eines solchen Politikstils ist. Ist die Demo erfolgreicher, weil bestimmte Leute fehlen? Haben die an dem Ausschluss Beteiligten inhaltlich etwas über ein Thema gelernt? Wurden eventuell sogar Vertreter*innen der gegnerischen Position vom Gegenteil überzeugt? Nein, aber wer die Macht hat (und sei es nur im eigenen Szene-Klüngel), braucht keine Argumente. Und damit ist doch eine wichtige Lektion für die befreite Gesellschaft gelernt. Und so weit weg vom Verständnis der MLPD, wie mit linkem Dissens umzugehen ist, ist man damit auch nicht mehr.
Autoritär ist diese Art der politischen Auseinandersetzung, weil sie auf Nicht-Beteiligung derer, die da unerwünscht sind, zielt. Es handelt sich um Macht-Politik – die zur Verfügung stehenden Ressourcen werden eingesetzt, um die als „untragbar“ identifizierten linken Gruppierungen aus dem eigenen Szene-Klüngel rauszuhalten. In dieser Form der politischen Auseinandersetzung wird eigentlich nur darüber gestritten, welche Positionen politisch legitim und illegitim sind – wer dazugehören darf und wer nicht. Da es kein ZK mehr gibt, welche über diese Frage entscheidet, tobt der Streit auf Blogs, in Zeitschriften, in linken Räumen und Bündnissen. Problematisch ist diese Form innerlinker Auseinandersetzung nur dann, wenn man mehr von linker Organisierung will, als die eigene Subkultur rein zu halten. Subjekte, welche sich autoritär gegeneinander verhalten und machtpolitisch gegeneinander durchsetzen können, befördert diese Form der Auseinandersetzung zuhaufe. Das Gegenteil müsste Ziel linker Emanzipationsbestrebungen sein, welche auf eine befreite Gesellschaft zielen.

Kritik aktueller anarchistischer Praxis in Jena. Teil II

Als Hotspot linksradikaler Politik in Thüringen birgt die anarchistische Szene Jenas auch kritikwürdige Aspekte. Minna Takver widmet sich in zwei Teilen der anarchistischen Strategie und ihrer Auswirkungen. Der erste Teil (veröffentlicht in unserer letzten Ausgabe) beleuchtet Anthropologie und Aktionen, dieser zweite Teil Identifikation und Geschichtskonstruktion. Die Autorin ist Mitglied im Club Communism.

„Historische Tradition und Werte des Anarchosyndikalismus“

Auf den Gegenprotesten zu Fascho‑Demos in black block Kluft herum rennen birgt einen Reiz, dem sich weder Autorin noch Jenaer Anarchist_innen entziehen können: dadurch fühlt man sich als Teil von etwas größerem, es gibt einen Zusammenhang zwischen mir und jeder anderen, die so herum rennt (auch wenn es kaum Sinn macht außerhalb eines konkreten black block). Mit dem hoch gezogenen Tuch über Mund und Nase bin ich anders als die anderen Normalos, ich bin ein Vorschein auf die Zukunft. Dazu bleibt nur zu sagen: hoffentlich nicht!
Nicht nur in Demo‑Aktionen schaffen sich Jenaer Anarchist_innen eine gemeinschaftsstiftende Identität. In ihrer Blase werden Menschen Identifikationsangebote gemacht: es gibt diverse kulturelle Aktivitäten, konsumierbare Waren und die Konstruktion einer fast schon mythischen, heroischen anarchistischen/autonomen/antifaschistischen Geschichte durch Entdeckung immer neuer Held_innen in Jena/er Umland/Thüringen. Dabei dient die Auseinandersetzung mit der eigenen linksradikalen Geschichte nicht dazu, sich ihr Scheitern einzugestehen und aus ihren Fehlern und theoretischen Sackgassen zu lernen. Stattdessen wird im anarchistischen Umfeld für Jena eine historische Kontinuität hergestellt, die letztlich als Legitimation für das heutige Wirken dient, statt Legitimität durch die Vertretung der eigenen Politik herzustellen (die dann freilich sich ihrer gesellschaftlich marginalen Position bewusst sein müsste). Auch durch den engen, solidarischen Bezug auf süd/süd-ost/osteuropäische gegenwärtige anarchistische Praxis wird Identität gemacht, wobei die Schwächen der anderen Anarchismen unsichtbar bleiben. Eine kritische Haltung zu revolutionärer Praxis oder Theoriegeschichte und ihre Transformation sind dabei nicht in Sicht. Die Konstruktion von Gefangenen als einer zu befreienden Gruppe von Unterdrückten, mit denen eine kontinuierliche Zusammenarbeit möglich ist, ist ebenfalls Teil anarchistischer Identität. Selbst wenn Gruppen im anarchistischen Spektrum in einem Staatsbetrieb für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, sind sie trotz ihrer staatlich hoch legalistischen Mitteln (Klagen vor Gericht, angemeldete Kundgebungen) keiner Kritik innerhalb der anarchistischen Szene Jenas ausgesetzt. Daran lässt sich wohl am deutlichsten ablesen, dass die gemeinsame Identität wichtiger ist als die konkrete politische Praxis. Gleiches gilt für die immer wiederkehrende Diffamierung einer so genannten „Staatsantifa“, unabhängig davon, ob sie die Lebensbedingungen von Menschen verbessert oder nicht. Die Gegner von Anarchist_innen und „Staatsantifa“ sind die gleichen: FaschistInnen; aber nur erstere agieren wahrhaft authentisch gegen sie, da sich zweitere mit dem anderen Hauptgegner (Staat) verbünden. Und wieder gibt es keine interne Auseinandersetzung mit dieser zweifelhaften Selbstbeweihräucherung. Die anarchistische Blase Jenas neigt wie alle Blasen dazu szene- und/oder subkulturförmig zu werden und sich damit gegen Kritik abzuschließen. An dieser Stelle drängt sich die unbeantwortete Frage auf, wie Solidarität mit noch lebenden und bereits verstorbenen Menschen aussehen kann, die für die Emanzipation streiten/stritten, ohne dass es in Verklärung dieser Menschen abdriftet? Diese Frage betrifft nicht nur Anarchist_innen. Weiter steht die Frage im Raum für wen ein solches Identitätsangebot attraktiv ist: In Jena gibt es eine enge Verknüpfung des größeren anarchistischen Dunstkreises mit der studentischen Lebensrealität, die weitgehend abgekoppelt ist von der Freizeit- und Lohnarbeits-/Schulrealität des Rests der Gesellschaft. Dabei herrscht die bereits erwähnte Mentalität von „GANZ ODER GAR NICHT“ vor, welche sich mit dieser Lebensrealität einfacher vereinbaren lässt. Leider lässt sie sich nach dem Ende des Studiums auch einfach wieder ablegen und so wählt der größere Dunstkreis Option 2, der harte Kern Option 1. Eine politische Betätigung größerer Zusammenhänge über die Zeit des Studiums hinaus wird so nicht realisierbar.

Keine Lösung

Aus der identitätsstiftenden Blase heraus gibt es gelingende Kooperation mit und gegenseitige Unterstützung von verschiedensten nicht‑anarchistischen linksradikalen Menschen und Gruppen in der Kleinstadt Jena. Resigniert lässt sich vermuten, dass das aus der eigenen Schwäche der anarchistischen Blase und einem Mindeststandard linker Politik resultiert. Die Sorge bleibt, dass die Anarchist_innen uns im Stich lassen, wenn sie stark geworden sind, weil wir keine Anarchist_innen sind. Die Stärke der anarchistischen Szene in Jena ist ihre Aktivität. Ihre Schwäche die geringe Selbstkritik. Ihre Gefährlichkeit der kompromisslose Hunger nach Widerspruchslosigkeit. Mit der Kritik daran verbindet sich die Hoffnung, dass doch noch alles für alle gut wird, denn eine andere Lösung hat die Autorin nicht.

Kontinuität der Frauenverachtung – Zur Aktualität von Hexenverfolgungen

Bezogen auf die „Perspektiven auf Hexen und Hexentum“ aus der letzten Lirabelle, legt Paul seine Perspektive zum Thema der Hexenverfolgung dar und beschreibt warum historisch und aktuell es vor allem Frauen sind, die als Hexen verfolgt wurden und werden, wie die Imagination des Hexenbildes entstehen konnte und warum es auch heute noch relevant ist, sich damit auseinander zusetzen.

Ich war positiv überrascht, als ich in der letzten Ausgabe der Lirabelle einen Text der Rost und Motten Redaktion über ihre Perspektiven auf Hexen und Hexentum las. Sie stechen heraus im Gegensatz zu manch anderen Auseinandersetzungen mit dem Thema. Es wird beispielsweise von selbsternannte Hexen berichtet, die Tarot Karten legen oder vermeintlich geheime Rituale durchführen im Glauben, dass sich dadurch etwas ändern ließe. Im Missy Magazine schrieb Hengameh Yaghoobifarah, dass sie ernsthaft solch eine Spiritualität und Esoterik für feministisch und widerständig hält. Vergessen wird dabei einerseits, dass auch heute noch Menschen verfolgt und ermordet werden, weil ihnen Hexerei vorgeworfen wird1 und andererseits, dass die Verfolgten sich nicht selbst als Hexen, Zauberer_innen etc. sahen oder sehen, sondern sie erst durch die Verfolger_innen zu diesen gemacht wurden oder werden. Da die meisten der Verfolgten Frauen waren und sind, hatte und hat die Anklage und Ermordung als Hexen vor allem mit einer patriarchalen misogynen Gesellschaftsordnung zu.

Hexen und Natur

In der frühen Neuzeit, als die Hexenverfolgung entstand und ihren Höhepunkt erreichte, herrschte ein ambivalentes Bild der Natur vor, einerseits als ein chaotisches und gesetzloses Reich, welches der Kontrolle und Zähmung bedurfte und andererseits als nahrungsspendende Mutter. In ähnlicher Weise sah man die Frauen, auf der einen Seite als jungfräuliche Nymphe und auf der anderen Seite als böse Hexe. Die auf dem Scheiterhaufen zu verbrennende Hexe galt als Symbol für die gewalttätige Natur: Sie vernichtete die Ernte, verursachte Krankheiten, verhinderte die Zeugung oder tötete kleine Kinder bzw. Säuglinge. Die Frau, als Verkörperung der chaotischen Natur, musste genau wie die Natur selbst, unter Kontrolle gebracht werden. Frauen wurden mit der Natur identifiziert, vor allem aufgrund ihrer Sexualität. Sie wurden deshalb für Magierinnen gehalten, weil sie in Bezug auf Männer qualitativ andersartig wahrgenommen wurden und spezielle Kräfte inne hatten: geheimnisvolle sexuelle Vorgänge, die Regelblutung und Schwangerschaft. Diese Zuschreibung entstand, da die Menschen noch kein umfängliches Wissen um dem weiblichen Menstruationszyklus hatte.
Bevor sich die Hexenverfolgung Bahn brach, waren die Frauen, die für zauberkundig gehalten wurden, oder sich als Heilerin und Hebamme betätigten noch nicht negativ besetzt. Die sogenannten weisen Frauen und Hebammen nutzten schon bei den Germanen bestimmte schmerzlindernde und wehenfördernde Kräuter. Die Heilkunde lag in weiblicher Hand. Ebenso wurden Abtreibungen oder Geburtshilfen von ihnen vorgenommen. Dadurch waren sie sehr hoch angesehen. Allerdings trugen die entstehenden neuen Wissenschaften der damaligen Zeit dazu bei, dass es immer anrüchiger wurde, in Verbindung mit Natur und Magie zu stehen, gerade weil man der chaotischen Natur gegenüber stand und ihr Herr werden musste. Im Zuge der Aufklärung also, als man die Welt entzaubern und somit auch die magischen Kräfte im allgemeinen und im speziellen der Frauen bannen wollte, ging die Nutzbarmachung und Beherrschung der Natur immer auch mit der Herrschaft der Menschen über die Menschen einher.
Die Zeitperiode der Hexenverfolgung war zusätzlich geprägt durch schwere Krisen und gesellschaftliche Umbrüche. Es gab religiöse Kriege, die Reformation, der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, Hungerkatastrophen, zunehmende Geldwirtschaft, Ausbruch der Pest etc., die Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreiteten. „Panik, Wut und Angst waren der Nährboden, auf dem solch ein massenpsychologisches Phänomen wie der Hexenwahn gedeihen konnte“ (Renate Göllner) . Mit der Hexenverfolgung kamen an die Stelle von Dämonen, welche nicht greifbar waren, bestimmbare Personen bzw. Personengruppen, die man für ihr vermeintliches Handeln, also die Beeinflussung von Mensch und Natur, verantwortlich machen konnte. Die Schuld an Naturkatastrophen, Epidemien oder gesellschaftlichen Missständen wurde in den Hexen als Feindbilder personalisiert. Die Bestrafung oder auch nur die Schuldzuschreibung an diesen Frauen konnte eine entlastende Wirkung für die Verfolger_innen und Beschuldigenden mit sich bringen.

Unangepasste Frauen

Ein Grund, warum sich heute auch noch in feministischen Kreisen mit Hexen identifiziert wird, ist, dass die Frauen, die als Hexen gebrandmarkt wurden, als unangepasst und widerständig galten. Zur Zeit der Hexenverfolgungen wurde davon ausgegangen, dass die magischen Fähigkeiten die Macht der Autoritäten langsam zerstören könnte, da es den armen und einfachen Menschen ein gewisses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gab, die gesellschaftliche und natürliche Ordnung zu manipulieren oder sogar umzustürzen. Der Hexensabbat2 wurde einerseits als große sexuelle Orgie dargestellt, aber andererseits von manchen auch als eine politisch-subversive Versammlung, die darin gipfelte, dass die Teilnehmerinnen ihre begangenen Verbrechen schilderten und der Teufel sie anwies, gegen die Autoritäten aufzubegehren. Silvia Federici weist darauf hin, dass die Vorstellung des Hexensabbats, welcher nur nachts stattgefunden haben soll, „einen Verstoß gegen die kapitalistische Regulierung der Arbeitszeit darstellte“, sowie die sexuelle Orthodoxie und das Privateigentum infrage stellte, „denn die nächtliche Dunkelheit verwischte die Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern sowie zwischen ‚mein und dein‘“ (Silvia Federici). Es ist also auch ein Verstoß gegen die frühkapitalistische Arbeitsdisziplin und ein anderer Gebrauch von Zeit und Raum, welcher nicht in die Rationalisierung und Triebunterdrückung passte und deswegen als Wunschvorstellung derer, die dies für real hielten, abgelehnt werden musste.
Die großen Verfolgungswellen der Hexen fand zu einer Zeit statt, als sich der Kapitalismus als Gesellschaftsordnung langsam begann durchzusetzen. Ähnlich wie die damit einhergehende Enteignung des Landes, wurde gewissermaßen der Körper der Frau durch die Hexenjagden enteignet. Auf den Scheiterhaufen brannten nicht nur Frauen, die früher Hebammen waren, sondern genauso Frauen, die vermieden Mütter zu werden; Arme, die sich versuchten ein wenig Geld zu verdienen oder ihren Nachbarn Essen und Gegenstände klauten. Ebenso traf es Frauen, die als locker oder promiskuitiv gebrandmarkt wurden, also Prostituierte, Ehebrecherinnen und allgemein Frauen, die ihre Sexualität selbstbestimmt und außerhalb der Reproduktion ausleben wollten. Die Frau musste sich der neuen Arbeitsorganisation und den kapitalistischen Verhältnissen unterordnen. Die Hexenverfolgungen waren ein Prozess der Vernichtung und Enteignung von Natur- und Heilwissen bzw. Kenntnissen über die Sexualität, Schwangerschaftsabbruch, Geburt und Verhütung. An die Stelle der Hebammen kamen – auch mit der Herausbildung der neuen Wissenschaften – männliche Ärzte, mit einer mangelhaften Ausbildung in diesen Bereichen, zu denen Frauen dann nicht mehr zugelassen wurden.
Nicht nur das Wissen der Frauen über die Natur galt als Bedrohung des Mannes, sondern die weiblichen Eigenschaften überhaupt, vor allem für den Trieb- und Affekthaushalt des Mannes. Die Kontrolle der Triebe und Affekte war im Mittelalter nicht sonderlich stark ausgeprägt. Man trank und aß tatsächlich bis zum Umfallen und entleerte sich in aller Öffentlichkeit an jedem Ort. Mit dem aufkommenden Kapitalismus änderten sich nicht nur die Tischsitten. „Die Selbstkontrolle des Individuums ist auch Voraussetzung eines wissenschaftlich-rationalen Natur- und Gesellschaftsverständnisses überhaupt; denn dabei muß von den Objekten des Interesses Abstand genommen werden, was eine Gefühlskontrolle mit einschließt“, wie Roswitha Scholz feststellt. Ebenso erforderten Arbeitsteilung, Geldwirtschaft, Handel und die Begegnung mit Fremden ein höheres Maß an Triebkontrolle und Affektaufschub. „Es waren also bei der Hexenverfolgung offensichtlich Projektionen am Werk: die Angst vor den eigenen Trieben und Affekten äußerte sich in der Denunziation der Frau“ (ebd.). Es wurde dementsprechend der Widerspruch zwischen kapitalistischer Norm und Triebanspruch auf die Geschlechter projiziert. Der Mann stand und steht auch noch immer für Leistung, Anstrengung und Produktivität. Demgegenüber wurde und wird die Frau mit Sexualität und Lust identifiziert, was dem zweckgerichteten männlichen Charakter als verhängnisvoll sich darstellen muss. Es ist dementsprechend die Unterwerfung unter die Leistungsnormen bzw. das Leistungsprinzip, welche zu der Zeit hauptsächlich die Männer betrifft. Das führt dazu, dass das Andere, was außerhalb steht, die Frau, die sich mit ihrer vermeintlich ausschweifenden Sexualität nicht den passenden Normen und Rationalisierungen anpassen will, mit dem Lustprinzip identifiziert wird, was jedoch ausgelöscht werden soll. Dem Konformitätsdruck, der Repression der Bedürfnisse und der Sexualfeindlichkeit, denen die Individuen ausgesetzt sind, ist es geschuldet, dass sich die Aggressionen gegen die Frauen richten und dass allgemein die Imagination der Hexe entsteht.

Hexen und Sexualität

Wie oben erwähnt, wurden Frauen als Hexen einerseits aufgrund der Imagination, die Frau repräsentiere die Natur und andererseits wegen der weiblichen Sexualität verfolgt. Die Gefahr, die von der Frau bzw. der Hexe ausgehe, läge in ihrer destruktiven Sexualität begründet. Dies jedenfalls beschreibt der Hexenhammer3. Die Hexen könnten nicht nur Hass und Liebe mithilfe des Teufels erzeugen, sondern auch das männliche Genital verzaubern, sodass es „gleichsam gänzlich aus dem Leib herausgerissen ist“ (Hexenhammer). Dies wurde auf den unersättlichen „Schlund der Gebärmutter“ (ebd.) zurückgeführt. Diese Annahme bezeugt das männliche Angstsyndrom: die Kastrationsangst. Um ihre angeblich unbändige Lust zu stillen, hätten sie mit den Dämonen zu schaffen und diese würden ihnen die Kraft verleihen, die Zeugungskraft der Männer zu hemmen, genauso den Penis zu entfernen. Die Sterilität, nicht nur beim Mann, machte den Geschlechtsakt zusätzlich zu etwas verpöntem, denn dieser würde unter den Bedingungen nicht mehr dem Sinn oder göttlichen Auftrag folgen, Nachwuchs zu schaffen, sondern wäre einzig und allein daran ausgerichtet, ein Lustakt zu sein. Durch einen moralischen Vorwand der Bestrafung der Frauen bzw. Hexen, der Abweichung von den autoritären Normen und der kapitalistischen Leistungsideologie können die Hexenjäger in den Vorstellungen schwelgen, die ihnen eigentlich verboten oder verhasst sind.
Durch die schon benannte ambivalente Weiblichkeitsvorstellung als Jungfrau und Hexe herrschte gewissermaßen eine magische Verehrung aber auch Angst gegenüber den Frauen vor. Die Jungfrau Maria war die entsexualisierte Geistesfrau, das Idealbild der Reinheit, die das Kunststück der unbefleckten Empfängnis vollbrachte. Dieses konnte von der empirischen Frau selbstverständlich nicht vollbracht werden, da sie doch per Geburt die Reproduktion der Gattung sichern musste, sodass sie eigentlich nie zu einer Maria aufsteigen und sie jederzeit als eine Hexe denunziert werden konnte. So war die Hexe „die Inkarnation der leiblichen Sünde, der weiblichen Geschlechtsfunktionen […]. Der sündige Mann konnte in diesen sinnen- und lustfeindlichen Zeiten heuchlerisch seine Sexualität – die Ansprüche der ‚inneren Natur‘ – verleugnen und nach außen hin verdammen.“ (Silvia Bovenschen) Es wurden also nicht nur Aggressionswünsche auf die Frauen projiziert, sondern auch unerlaubte und unerfüllbare Sehnsüchte. Die Hexen bzw. Frauen hatten also eine Doppelfunktion für die Männer inne. Sie waren ein Symbol einerseits für entstellte Triebansprüche und andererseits für eine vermeintlich ungezügelte Lust, die sich der männliche Charakter nicht zubilligen kann, da es unter dem Diktat der frühkapitalistischen Produktionsordnung nicht erlaubt ist bzw. dazu führen könnte, sich nicht erfolgreich zu verwerten.
Warum aber sollte man sich noch heute mit der historischen Hexenverfolgung auseinandersetzen? Einerseits, weil es noch immer Hexenverfolgungen gibt. Andererseits herrscht noch immer eine geschlechtsspezifische Unterdrückung mit ähnlichen Inhalten und Motiven vor, auch wenn keine Scheiterhaufen mehr brennen. Die Regelblutung wird zwar nicht mehr als unverstandene magische Fähigkeit angesehen, allerdings noch immer tabuisiert. Frauen wird auch noch immer ihr Recht auf ihren eigenen Körper abgesprochen, einerseits durch sogenannte Lebensschützer_innen, die meinen, Abtreibung sei Mord und andererseits u.a. durch den deutschen Staat, der verhindern will, dass über Abtreibungen öffentlich informiert wird. Noch immer werden Frauen als Sexobjekte aber ohne eigenes sexuelles Begehren angesehen. Es gibt also eine gewisse Kontinuität in der Frauenverachtung, die es gilt zu durchbrechen. Und dazu braucht es das Wissen um die spezifischen und allgemeinen Bedingungen ihrer Entstehung und Fortführung bis heute.


1
Laut der Hilfe für Hexenjagdflüchtlinge wurden in den letzten 100 Jahren mehr Menschen durch Hexenjagden ermordet, als bei den historischen Hexenjagden (vgl. http://hexenjagden.de/). Die historischen Hexenverfolgungen fanden vor allem in der Frühen Neuzeit im 15. bis ins 18 Jahrhundert hinein, hauptsächlich in Europa, statt. Die Zahlen der ermordeten Frauen schwanken sehr in der Forschung. Jedoch ist davon auszugehen, dass es mehrere Zehntausende waren, die ermordet und noch eine Vielzahl, die zwar der Hexerei angeklagt, jedoch nicht getötet wurden.

2
Hexensabbat bezeichnete die Vorstellung von nächtlichen und geheimen Treffen von Hexen miteinander oder mit dem Teufel.

3
Der Hexenhammer war ein frauenfeindliches Buch, welches 1489 erstmals erschien und zur Legitimation der Hexenverfolgung diente.

Zum Weiterlesen:

  • Silvia Bovenschen: Die aktuelle Hexe und der Hexenmythos. Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung. In: Gabriele Becker, u.a. (Hrsg.): Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt a.M., 4. Auflage, 1981.
  • Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien, 2012.
  • Renate Göllner: Hexenwahn und Feminismus. Über die Dialektik feministischer Aufklärung am Beispiel von Silvia Bovenschens Kritik. In: Sans Phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, 7/2015.
  • Roswitha Scholz: Der Wert ist der Mann. Thesen zu Wertvergesellschaftung und Geschlechterverhältnis, 1992. Online abrufbar: https://bit.ly/2eUyL7g
  • „Der ist eigentlich ganz nett…“

    Elvira Sanolas darüber, dass Frauen häufig Teil des Problems sind, wenn es gegen Macker geht.

    Jede aufgeweckte Frau kennt das Problem. Immer wieder kommt es zu Situationen, wo einer angesichts bestimmter männlicher Verhaltensweisen mal die Hutschnur platzt. Sei es das Bedrängen und Anfassen, das penetrante Verbessern, das ungefragte Erklären. So einige Würstchen haben es offensichtlich und regelmäßig verdammt nötig, sich ständig auf Kosten ihres weiblichen Gegenübers eine Portion Selbstbewusstsein zu verabreichen. Irgendwann kann frau einfach nicht mehr – und „rastet aus“. Heißt: Merkt eigentlich nur etwas bestimmter an, dass es langsam zu viel wird.
    Häufig frage ich mich, wieso Frauen das eigentlich nicht viel öfter tun, wieso auch ich nicht häufiger durchgreife. Stattdessen lasse ich Unliebsames geschehen und ärgere mich hinterher darüber, nichts getan zu haben und so manchen Trottel habe unbedarft weitermachen lassen. Damit bin ich nicht alleine, meinen Freundinnen und Genossinnen geht es ebenso.
    Dabei wäre das Problem nur halb so groß, wenn Frauen solidarisch miteinander wären. Denn tatsächlich bekommt man in den seltenen Fällen, in denen man doch einmal deutlich sein Unbehagen verbalisiert, es mit „Der-Freundin-von“ zu tun. „Die-Freundin-von“ meint es gut, will die Wogen glätten und schlichten. Sie mag die schlechte Stimmung nicht. Vor allem aber tut ihr ihr Freund oder Bekannter leid, der angesichts der direkten Ansage (aber er ist doch Feminist!!) verdattert bis völlig zerstört ist. Schuld an dem Szenario ist natürlich: die Frau, hat sie doch die aggressive Aufladung der Situation zu verantworten.
    Egal, wie kacke sich der Typ benommen hat – „die-Freundin-von“ hat immer Verständnis. „Er meinte es nicht so, ich kenne ihn,“ und: „Der ist eigentlich voll nett!“ Lieber sollte sich die Frau in gewaltloser Kommunikation schulen, „mal nachfragen“ statt was zu sagen. Und sowieso war alles ganz anders: „Ich kann mir das nicht vorstellen, dass er das gemacht/gesagt hat.“ Der Typ, dem es (pädagogisch betrachtet) eigentlich mal ganz gutgetan hätte, seine Grenzen aufgezeigt zu bekommen, kann dann dabei zuschauen, wie der Grund unter dem Boden seiner Kritikerin nachgibt. Die Stimmung kippt, plötzlich steht sie alleine da. Der Typ muss währenddessen meist überhaupt nichts mehr sagen und nur dasitzen und traurig gucken, sein Kampf wird schließlich ohne ihn ausgefochten. Diese Haltung erhöht außerdem den Opferstatus, von dem er zehrt.
    Zusammengefasst heißt die bittere Wahrheit: Andere Frauen sind einer der Gründe, wieso man sich nicht wehrt, wieso so wenige Frauen sich verteidigen. Das klingt zunächst paradox, ist aber so. Die eigene, weibliche Aggression ist derart tabuisiert (nichts, was nicht mit einem Lächeln präsentiert wird, darf den Frauenmund verlassen), dass man lieber diejenige zum Schweigen bringt, die sie äußert, als sie in actu zu erleben.
    Dazu kommt aber etwas Weiteres. Ich glaube, die „Freundinnen-von“ fühlen sich in solchen Situationen – endlich – mächtig, endlich sprachfähig. Sie können für ihren Freund einspringen, die Lage klären, für ihn aggressiv sein (denn nichts anderes sind sie), ihn beschützen. Sie können endlich mal die Situation umdrehen und den Macker spielen. Dass sie damit Macker schützen, ist ihnen nicht bewusst. Besonders pervers ist die Situation dann, wenn „die-Freundin-von“ auch noch Feministin ist.
    Die Kritikerin hat es damit doppelt schwer, es drohen Anerkennungsverlust und Ausschluss, zusätzlich zur anstrengenden Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem, dem Sexisten. Daher, liebe Geschlechtsgenossinnen, eine Bitte: Wenn ihr nichts gegen euren Freund oder Bekannten sagen möchtet, aus welchem Grund auch immer, lasst es bleiben. Aber lehnt euch doch wenigstens zurück und lasst ihn selbst den Konflikt ausbaden, anstatt euch an der Frau abzuarbeiten, die sich wehrt.

    Kritik aktueller anarchistischer Praxis in Jena. Teil I

    Als Hotspot linksradikaler Politik in Thüringen birgt die anarchistische Szene Jenas auch kritikwürdige Aspekte. Minna Takver widmet sich in zwei Teilen der anarchistischen Strategie und ihrer Auswirkungen. Dieser erste Teil beleuchtet Anthropologie und Aktionen, der zweite Teil Identifikation und Geschichtskonstruktion. Die Autorin ist Mitglied im Club Communism.

    A! In Jena; da ist was los!

    So die Antwort auf die Frage, wo denn in Thüringen linksradikal am meisten geht, wenn der Eindruck entsteht, es gibt allerorten nur FaschistInnen und andere Menschenfeinde; die stetige berechtigte Angst vor Übergriffen inklusive. Viele in der Jenaer Szene eint, dass sie sich selbst unter der Bezeichnung anarchistisch verorten lassen oder durch ihre Politik dort zugeordnet werden können. Es gibt dort seit Jahren eine intensive Auseinandersetzung mit anarchistischer Theorie, an der sich jede_r beteiligen kann. Mindestens genau so lange gibt es anarchistisch geprägte Aktionen im öffentlichen Raum, die linken Belangen Sichtbarkeit verschaffen, zum Beispiel, wenn es um die Frage nach Räumen zum Leben für Alle geht. Auch ganz konkret anarchistischen Raum gibt es, der offen ist, durch die Angebote, sowie durch seine hervorragende Lage in der Stadt. Es gibt mehrere anarchistische Medien, sowohl analog als auch digital. Und vor allem gibt es anarchistische Menschen, die solidarisch kochen, die sich in ihrer Betroffenheit als Eltern/-teile austauschen, die bei staatlicher Repression helfen, die sich nicht scheuen mit jüngeren oder neuen Gesichtern ins Gespräch zu kommen, die den Blick auf linksradikale Praxis über die deutschen Grenzen hinaus wagen, die Gefangene unterstützen, die sich mit der (radikalen) linken Geschichte in Jena und Umland auseinandersetzen, die gemeinsam wandern gehen, die unentgeltlich beim Stress mit der Lohnarbeit helfen, die Bücher und Wissen teilen und dabei stets versuchen, für antifaschistische, feministische und antirassistische Belange einzutreten. Dabei begegnet man den Leuten in ihrem Alltag, sei es Lohnarbeit, Familie oder Freizeit, was aller Kritik zum Trotz die dominante Realität ist. Anarchist_innen in Jena schauen Filme, hängen ab, feiern gemeinsam und nehmen sich Zeit für ein Bier/eine Brause in lauschiger Umgebung, politisch interessante Gespräche inklusive. Es werden allgemein Menschen angesprochen, die irgendwie links sind, und mit den Gefangenen Leute unterstützt, die dem Staat in spezieller Weise ausgeliefert sind und auf „die draußen“ angewiesen sind. Durch die Aktionen und Räume tritt mit den Anarchist_innen in Jena linksradikale Politik unbestreitbar und dankenswerterweise aus ihrem Versteck heraus. Gerade weil diese Form der Praxis keine Selbstverständlichkeit unter den gegebenen Bedingungen ist, drängt sich die Frage auf, wie das möglich ist und welche Konsequenzen das hat. Bei näherer Betrachtung lässt sich in der anarchistischen Praxis eine Strategie entdecken, die diese antreibt, und deren Schwächen und Auswirkungen Sorge bereiten.

    „Die Keimzelle einer neuen Gesellschaft“

    Besagte Strategie möchte ein Umfeld zur politischen Radikalisierung und Betätigung schaffen. Es soll möglichst viele Bereiche menschlichen Lebens abdecken, um alle interessierten Menschen zu erreichen. Dazu wurden und werden Stützpunkte geschaffen, wie sie es schon länger in Jena gibt. Sie zu doppeln kann also nur den Zweck haben, sich vom Rest der radikalen Linken abzusetzen. Dadurch besteht die Gefahr der Schwächung strömungsübergreifender politischer Strukturen. Die besagten Stützpunkte bilden die wesentlichen Eckpfeiler des anarchistischen Zusammenhangs, in dem sich Menschen radikalisieren können sollen, um dann in den Rest der Gesellschaft hinein wirken zu können, mit dem Ziel eine Bewegung aufzubauen, die die Verhältnisse umstürzt. Dabei wird vernachlässigt, dass es auch in sogenannten Freiräumen kein Außen von dieser Gesellschaft gibt und es geht damit eine Vorstellung von Menschen einher, die durch die Gesellschaft verblendet seien und in der richtigen Umgebung zu politischen Bewusstsein kämen.
    Hauptgegner der Anarchist_innen sind Staat und Faschismus. Der Umkehrschluss daraus ist, dass jegliche Zusammenarbeit mit dem Staat korrumpiert. Konkrete Verbesserungen mit dem Staat (mit den FaschistInnen auch für die Autorin undenkbar) werden als reformistisch heruntergespielt. Zentral ist der Aufbau der anarchistischen Blase, nicht die Menschen, wodurch konkrete Verbesserungen ihrer Lebensumstände nur erkämpfenswert sind, weil sie gegen den Staat oder FaschistInnen durchgesetzt werden könn(t)en. So ist die Blase nur sehr eingeschränkt offen für Menschen, die für eine progressive Politik eintreten, ohne dass diese revolutionär ist. Auch schließt sich die Blase gegen eine selbstkritische Infragestellung ab, wie sie notwendig sein wird, wenn ihre Stützpunkte nicht mehr der eigenen Gesellschaftsanalyse adäquat oder der eigenen Politik zweckmäßig sind. Es wird auch ausgeblendet, dass Stützpunkte primär von außen bestimmt sind. Anarchistische Stützpunkte in Jena werden vorbehaltlos gefeiert, ohne offen zuzugegeben, wie prekär ihre Existenz im Angesicht staatlicher Repression ist oder dass es sie ohne Bezug szeneexterner Ressourcen schwerlich geben kann. Die anarchistische Blase gibt sich autark gegen alles andere und macht sich damit selbst zu einer leichten Beute staatlicher Repression, da sie weder einen zivilgesellschaftlichen Deckmantel besitzt noch bürgerlichen Rückhalt will: kündigt ihnen die Vermieterin auf medialen oder politischen Druck hin, haben sie nichts in der Hand; werden ihre Vereinsstrukturen als staatsfeindlich verboten, gibt es wenig Gegenargumente vor Gericht.

    „Konkrete Kämpfe gegen diese Verhältnisse“

    Mit der Vorstellung von Menschen, als durch die richtigen Umstände radikalisierbar, geht auch einher, dass solche Umstände gezielt hergestellt werden könnten. Zentral hierfür ist die Konfrontation mit den beiden Hauptgegnern Staat und FaschistInnen, durch die Menschen ein (im linksradikalen Sinne) positives politisches Bewusstsein entwickeln würden. Staatliche Repression gilt dabei im Zweifelsfall als Bestätigung der eigenen Strategie. Mit dieser Strategie der direkten Konfrontation liegt es nahe, ohne Rücksicht auf Verluste vorzugehen, sei es für die Verhinderung eines Fascho-Aufmarsches oder das Erkämpfen eines selbstverwalteten Hauses. Leider zielte die reale Aktion selten ernsthaft darauf: kein Haus wurde in Jena in den letzten Jahren besetzt, mit der Absicht es hinterher tatsächlich zu behalten. Die existierenden Stützpunkte sind alle auf legalem Weg eingerichtet worden. Und zwar aus gutem Grund: da sie nicht in der Konfrontation erkämpft wurden, sind sie bisher auch nicht so in den Fokus von Staat oder FaschistInnen geraten, dass sie in ihrem Bestehen gefährdet wären. In der Deckung zu agieren, war im Falle der Stützpunkte definitiv erfolgreicher als die direkte Auseinandersetzung mit dem Staat (und anderen Grundeigentümer_innen). Gleiches gilt für Fascho‑Aufmärsche: sich nicht dabei erwischen lassen, wie man einen Kabelbrand verursacht oder vorab anonym Informationen für die bürgerliche Öffentlichkeit zu publizieren, wäre im provinziellen Thüringen wirksamer, als mit ein bis zwei Dutzend Anderen nur unzureichend vermummt den Versuch zu wagen, gegen die Materialübermacht der Bullen anzurennen oder in der direkten Auseinandersetzung Schaden davon zu tragen. Darüber hinaus gibt es keine größeren Aktivitäten Jenaer Anarchist_innen, um FaschistInnen das Leben schwer zu machen. Letztere werden immer erst dann konkret relevant, wenn sie in der Stadt politische Veranstaltungen machen und anlässlich des staatlichen Aufgebots sich der Erfahrungsraum der direkten Gruppen‑Konfrontation eröffnet.1 Eine solidarische Masse in die Auseinandersetzung mit Polizei oder Justiz zu ziehen, indem man die Unterstützung zum Beispiel bei Hausbesetzungen einfordert, nur um eine politische Radikalisierung hervorrufen zu wollen, ist so gefährlich wie kein anderer Teil der anarchistischen Strategie.
    Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen aus solchen Konfrontationen beschädigter heraus kommen als vorher, ist so viel höher als die, dass sie sich entschließen hinterher ihr politischen Engagement auszudehnen. Der deutsche Staat ist leicht dazu in der Lage jede_n von uns zu brechen, geschundene Körper, zerstörte Privatexistenzen und traumatisierte Psychen bleiben. Die Sicherheit jedes einzelnen Menschen aber sollte aufgehoben sein in radikaler Politik und nicht durch sie hinweg gewischt werden. Jede politisch emanzipatorische Aktion muss vorher mit den Risiken, die sie birgt, mit den Bedürfnisse, der an ihr Beteiligten, und ihren Zielen abgewogen werden. Das geht nur im Dialog und sei es dadurch, dass man als Initiator_innen Risiken und Ziele transparent macht. Selbstkritik verhütet womöglich, dass wir noch härter gegen uns selbst und damit noch härter gegen andere werden.


    1
    Im Zweifelsfall ist man sich nicht einmal zu schade, Ansätze von Solidarität mit Nazis zu zeigen, die endlich mal „auf Grund dünner Beweislage“ in den Knast müssen, wie kürzlich im Szeneblatt der Jenaer Anarchist_innen geschehen.

    Allein im Kampf gegen Umgänglichkeit

    Am 21. Dezember 2018 starb Wolfgang Pohrt. Mit Pohrt ging einer der wichtigsten Theoretiker der antideutschen Linken, ein Ideologiekritiker, der sich niemals in den Dienst irgendwelcher Bewegungen stellte, sondern sich bis zuletzt als linker Intellektueller nur einer Sache verpflichtet fühlte, der Wahrheit über diese Gesellschaft. Ein Nachruf von Ox Y. Moron.

    In seiner Minima Moralia beschreibt Adorno 1942 einen Sachverhalt, dessen Konsequenz sich der Adorno-Schüler Pohrt zum Leitfaden seines politischen Handelns machen sollte. Adorno notiert darin, das Verhängnis von Umgänglichkeit, einer Einverständnis signalisierenden Höflichkeit, in einer Gesellschaft, die gerade dem industriellen Massenmord in Europa zuschaut und die gegen solche Barbarei scheinbar keinerlei wirksame Immunisierung oder Gegenwehr entwickelt hat. Er schreibt über Umgänglichkeit in einer Gesellschaft, in der wie Max Horkheimer bemerkte, Hunger kein Grund zur Produktion ist, wo Menschen verrecken, obwohl der Stand der Produktivkräfte ohne Weiteres alle Erdenbürger mit dem Nötigsten versorgen könnte.

    „Das Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn, dem man, damit es nicht zu einem Streit kommt, auf ein paar Sätze zustimmt, von denen man weiß, daß sie schließlich auf den Mord hinauslaufen müssen, ist schon ein Stück Verrat; kein Gedanke ist immun gegen seine Kommunikation, und es genügt bereits, ihn an falscher Stelle und in falschem Einverständnis zu sagen, um seine Wahrheit zu unterhöhlen. […] Umgänglichkeit selber ist Teilhabe am Unrecht, indem sie die erkaltete Welt als eine vorspiegelt, in der man noch miteinander reden kann, und das lose, gesellige Wort trägt bei, das Schweigen zu perpetuieren, indem durch die Konzessionen an den Angeredeten dieser im Redenden nochmals erniedrigt wird. […] Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. […] Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen.“

    Für den Intellektuellen Wolfgang Pohrt wurde die Absage an jede Form von Umgänglichkeit sowie zur Teilhabe an kopflosen Organisationsversuchen der Linken zu einer Triebfeder seines Schaffens. Und dieses Schaffen lässt sich grob in drei Phasen einteilen.

    1. Der marxistische Theoretiker

    Im Jahr 1976 promovierte Pohrt mit seiner Studie „Theorie des Gebrauchswerts“. Er ging darin einer Tendenz nach, die zuerst Hans-Jürgen Krahl und später auch Stefan Breuer beschrieben; dem Verdacht, dass der Kapitalismus systematisch durch eine potenzierende Verdinglichung die Bedingungen und Möglichkeiten, die seine Aufhebung oder Veränderung in grundsätzlicher Weise denkbar machen könnten, zerstört. Konkreter: Er zerstört die Erfahrung der Gegenstände, der Gebrauchswerte, an der sich helles, waches Bewusstsein aufrichten und an der sich aufhebende Kritik entzünden könnte und er zerstört die Bedingungen, die eine Umwälzung in fortschrittlicher Absicht möglich machen könnten: Die Entwicklung der Produktivkräfte bis zur Grenze der Belastbarkeit für das Produktionsverhältnis und die Möglichkeit der Einsicht in die historische Chance, sich von notwendiger, bloß den Leib reproduzierender Arbeit zu befreien.
    Pohrts Studie zum Verfall des Gebrauchswerts in modernen Gesellschaften nimmt, ausgehend von Marx Analyse der Ware als Tausch- und Gebrauchswert zugleich, eine Unterscheidung des Gebrauchswerts in trivialen Gebrauchswert (Gegenstände des unmittelbaren Gebrauchs) und den durchs Kapital gesetzten Gebrauchswert im emphatischeren Sinne vor: Die Abschaffung von notwendiger Arbeit, von Not, Unterdrückung und Ausbeutung überhaupt. Der Gebrauchswert der durch das Kapital gesetzten (Mehr-)Arbeit ist ihr Einsatz für ihre Abschaffung, also die Abschaffung der Arbeit durch Arbeit. Darin nur kann ihr gesellschaftlicher und historischer Zweck bestehen.
    Pohrt bestimmt also mit Marx den Gebrauchswert nicht bloß als Oberbegriff handfester Gebrauchsgegenstände, sondern als ein der Arbeit innewohnendes Potential, sich selbst sukzessiv abzuschaffen. Doch das Gegenteil findet statt: Je klarer man ihren Untergang angesichts von Maschinisierung, Rationalisierung, neuer Produktionsmethoden, etc. erkennen müsste, umso lauter wird die Arbeit zum Maß aller Dinge erklärt. Solches Verhalten ist aber keineswegs bloß irrational, sondern es ist auch rational in der Weise, dass eben Arbeit immer noch die (unhinterfragte) Bedingung der Reproduktion des Einzelnen ist. Dass sich aber keine entscheidende politische Bewegung findet, die diese metaphysische Verheißung einlöst, ist das Verhängnis. So schreibt Pohrt: „Weil die Arbeit ihren durchs Kapitalverhältnis gesetzten Zweck [ihre eigene Abschaffung] unter eben diesem Kapitalverhältnis nicht erreichen kann – es setzt die Arbeit nur als Befreiung von kreatürlicher Not, indem es den Arbeiter als bedürftige Kreatur setzt –, wird die Realisierung ihres Gebrauchswerts zur politischen Frage, ob die sozialistische Revolution gemacht wird oder nicht.“ Jene Revolution, von deren Eintreten Marx überzeugt schien, blieb aus. Die Folgen für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und ihrer Gebrauchswerte sind verheerend.
    Jene Folgen, die Pohrt konstatiert, sind knapp umrissen und mit einem Wort von Marx: die „Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise selbst“ und der Zerfall der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise in ein System von Banden. Damit greift Pohrt die in den 1940er Jahren von Horkheimer entwickelte Rackettheorie auf. Das Racket beschreibt eine neue Form von Herrschaftsausübung durch eine durch vorkapitalistische Ehrbegriffe zusammengehaltene Gruppe, die ein ihr prinzipiell widersprechendes, immer noch durch den Markt vermitteltes Außen zu steuern sucht. In seinem Aufsatz „Die Juden und Europa“ schreibt Horkheimer dazu: „Die Ausbeutung reproduziert sich nicht mehr planlos über den Markt, sondern in der bewußten Ausübung der Herrschaft. Die Kategorien der politischen Ökonomie: Äquivalententausch, Konzentration, Zentralisation, sinkende Profitrate haben heute noch reale Gültigkeit, nur ist ihre Konsequenz, das Ende der politischen Ökonomie, erreicht. […] Sie [die monopolistische Ökonomie] ist jedoch in die Praxis planmäßiger Gewalt eingegangen, die die sozialen Gegensätze unmittelbar zu meistern sucht.“ Das Racket als einen neuen, die alten Formen auflösenden Zusammenhang von Gewalt, Ausbeutung und Herrschaft analysiert Pohrt an konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen in seinem 2000 erschienen Buch „Brothers in Crime“.

    2. Der Essayist – Einer gegen alle

    Eine akademische Karriere eröffnete sich für Pohrt nicht, auch wenn er mehrere Jahre an der Universität Lüneburg als wissenschaftlicher Angestellter tätig war. Er betätigte sich in der Folge als Schriftsteller bzw. Essayist. Pohrt publizierte vor allem in der Konkret, aber auch in linksliberalen Zeitschriften wie der taz, dem Spiegel, der Zeit oder der Frankfurter Rundschau. Bereits in seiner Zeit an der Uni Lüneburg schrieb Pohrt erste Texte, die dann 1980 in seinem beim Rotbuch-Verlag herausgegebenen Buch „Ausverkauf“ erschienen. Darin befinden sich u.a. äußerst lesenswerte Texte zur Aktualität des deutschen Faschismus. In „Nationalsozialismus und KZ-System“ widmet sich Pohrt der vergeblichen Suche nach dem Grund für die Vernichtung der Juden im Holocaust und in einer Rezension über das Buch der KZ-Überlebenden Hanna Lévy-Hass der Frage, was das Leben in den Konzentrationslagern für die Welt nach Auschwitz bedeutet.
    Drei Jahre später erschien mit „Endstation“ das zweite und letzte Buch Pohrts im Rotbuch-Verlag, mit dem sich Pohrt überwarf. Darin befanden sich, wie auch in den folgenden Büchern, die im Tiamat-Verlag erschienen, erste Aufsätze zur Kritik der neuen Friedensbewegung, darunter Pohrts vielleicht bekanntester Text „Ein Volk, ein Reich, ein Frieden“, den nach Ablehnung von Konkret zuerst die Zeit 1981 veröffentlichte. Von da an war Pohrt für knapp zehn Jahre als publizistischer Einzelkämpfer und gnadenloser Polemiker gegen rechte Ideologie innerhalb der politischen Linken aktiv.
    Dem Satz Adornos folgend, dass nur in der Übertreibung des Düsteren, in der Polemik sich die Wahrheit über einen Gegenstand einerseits retten und andererseits sichtbar machen lasse, wurden Pohrts Analysen und Kritiken geliebt und gehasst. Geliebt von jenen, denen die Harmonie und Borniertheit im linken, grünen oder friedensbewegten Milieu zuwider war. Gehasst von jenen, die nicht begreifen wollten oder konnten, dass ihr häufig linkes Selbstverständnis nur Maskerade für die Tatsache war, dass sie ihr Deutschtum, die Gegenwart der deutschen Vergangenheit niemals abschütteln konnten, dass sich das Nachleben des Nationalsozialismus einen festen Platz in jenen Milieus sicherte, die glaubten besseres zu wollen. Und so reagierten die von Pohrts Kritik Betroffenen zumeist mit Abwehr.
    Und er verscherzte es sich mit allen. Die deutsche Friedensbewegung kritisierte er als deutschnationale Erweckungsbewegung, die Ökologiebewegung als völkische Heimatschützer und die antiimperialistische deutsche Linke als Vorposten jener Antisemiten, die die von den deutschen begonnene totale Vernichtung der Juden mit einem Atomschlag gegen Israel vollenden wollten. Niemand vermochte es wie Wolfgang Pohrt in den 80er-Jahren so sehr, die nationalistischen, antisemitischen und geschichtsrevisionistischen Untertöne der Friedensbewegung, die völkisch unterlegte „Zurück-zur-Natur“-Ideologie der Grünen und die antizionistisch motivierte Palästinasolidarität der deutschen Linken zu sezieren und gegen diese Bewegungen in Stellung zu bringen.
    Im Jahr 1990 wurde Wolfgang Pohrt von Jan Philipp Reemtsma mit einer Langzeitstudie zum Massenbewusstsein der (Ost-)Deutschen zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung beauftragt. Und Pohrts Analyse bot auch in den Folgejahren das Kontrastprogramm zur herrschenden Geschichtsschreibung der sogenannten friedlichen Revolution. In seinem Buch „Das Jahr danach“ von 1992 resümiert Pohrt:

    „Als wüßten alle, daß die spektakulären Umwälzungen eine ziemlich scheußliche Welt perpetuieren, kam über das Erreichte nirgends Jubel auf. Der abermalige Sieg dessen, was immer war, hieß nur, daß die Menschheit auf keine Entwicklung mehr hoffen durfte, die sich wesentlich von der bisherigen Geschichte unterscheiden würde. Es war ein resignativer Triumph, ein Triumph der Trostlosigkeit, der zwei Jahre lang teils mit zusammengebissenen Zähnen, teils mit kindischer Zerstörungslust gefeiert wurde, denn kein neues Zeitalter brach an, sondern die nächste Runde im ewigen alten Spiel, wer wen hauen, und wer das Mehrprodukt aufessen darf. Auch deshalb war die Vorstellung, die Menschen als vernunftbegabte Wesen nähmen ihr Geschick in die eigenen Hände, noch nie so tot wie in der Zeit, wo angeblich vom Verlangen nach Demokratie beseelte Massen dauernd Geschichte machten.“

    Neben der Analyse der wirklichen Rolle des vermeintlich revolutionären Subjekts in Ostdeutschland, das angeblich die herrschenden Eliten weg fegte und das Pohrt als antikommunistische Propagandalüge bloßstellte, ging es Pohrt vor allem auch um die Einstellungen in der deutschen Gesellschaft zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung. Schon in den ersten Wendejahren warfen die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda ihre Schatten voraus und kaum einer vermochte es wie Wolfgang Pohrt, die gesellschaftlichen Bedingungen der rassistischen Terrorwelle der kommenden Jahre zu analysieren.
    In diesem Zusammenhang legendär geworden, ist Pohrts Auftritt auf dem Konkret-Kongress 1993, in der er den Rassismus der ostdeutschen Gesellschaft als schweren Webfehler der gesellschaftlichen Konstitution analysiert, d.h. den Rassismus der brandschatzenden Ostdeutschen materialistisch herleitet aus den sozioökonomischen Entwicklungsbedingungen dieser Gesellschaft. Angegangen wurde Pohrt dafür in legendärer Weise von dem sich in Rausch redenden Marxologen Karl Held, der Pohrt vorwarf, er negiere Wille und Bewusstsein der Handelnden und reduziere die Ostdeutschen auf konditionierte Vollstrecker, deren Handeln völlig überhöht werde. Schließlich sei die ostdeutsche „Ausländeranzünderei“ nur eine Fußnote des Imperialismus, der von dieser Nation ausgehe. Überhaupt sei Pohrts pointierte Polemik nichts als abgehobene Dichterei von einem, der lieber mal die Preisfrage bei Marx studieren sollte. Wer sich zum Zwecke bewegungsgeschichtlicher Bildung oder zur abendlichen Unterhaltung die noch erhaltenen Videoausschnitte dieser Konferenz ansehen will, findet sie mit wenigen Klicks auf Youtube.

    3. Rückzug

    Mitte der 1990er Jahre hörte Pohrt auf zu schreiben und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Zur Exkommunikation Pohrts aus der antideutschen/antinationalen Linken, die ihn einst feierte, diente ein Podiumsbeitrag und die anschließende Veröffentlichung und Verteidigung in seinem Buch „FAQ“ von 2003, in dem Pohrt behauptete, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland kein großes Problem mehr seien, weil sich die alternde deutsche Gesellschaft heute eher um Rente und Zahnersatz kümmere. Der große Wurf waren Pohrts Pöbeleien aus dem Off sicher nicht. Aber sie animierten dazu, lieb gewonnene Gewissheiten einmal zu hinterfragen.
    Den Grund für seinen – hin und wieder unterbrochenen – Rückzug verriet Pohrt Jahre zuvor. Während der Ideologiekritiker Pohrt es als seine Aufgabe sah, das falsche Bewusstsein, das die öffentliche Debatte prägte – konkret etwa: die rechte Ideologie innerhalb sich als links verstehender Bewegungen – zu kritisieren, sei dieses falsche Bewusstsein längst zugunsten der Absenz jeden Bewusstseins überhaupt verschwunden – eine Tendenz, die Adorno schon in den 1960er-Jahren konstatierte. Das Wesen von Ideologie, nämlich wahr und zugleich unwahr zu sein, verändere sich analog zur Ware. Wie die Ware ihren Gebrauchswert abstreift, so wirft Ideologie ihr Wahrheitsmoment ab. Sie wird zu totaler Ideologie, zu einem Denken, das nicht mehr geglaubt, sondern befolgt werden soll. An die Stelle der ideologischen Vermittlung der Wirklichkeit treten direkte Herrschaftsdirektiven und ohnmächtige Gefolgschaft. Im eigentlichen Sinne von notwendig falschem Bewusstsein gibt es dann keine Ideologie mehr, sondern „bloß noch die Reklame für die Welt durch deren Verdopplung, und die provokatorische Lüge, die nicht geglaubt werden will, sondern Schweigen gebietet“ (Adorno).
    Ob es das vermeintliche Ende von Ideologiekritik war, das Pohrt zum Schweigen brachte oder die fehlende Motivation immer die gleichen Muster innerhalb der kapitalisierten Gesellschaft und ihrer Linken zu kritisieren oder die Resignation darüber, es vielleicht besser zu wissen, aber mit diesem Wissen nichts dagegen auszurichten, dass es einfach immer so weiter geht mit der Zurichtung der Welt und ihrer Insassen? So genau weiß das vermutlich niemand. Die Äußerungen seines Verlegers Klaus Bittermann hinsichtlich seiner Bemühungen, Pohrt wieder zum Schreiben zu bringen, lassen auf Letzteres schließen. Und auch Pohrts letzte beiden Bücher legen den Verdacht nahe, dass da jemand resigniert haben könnte.
    Schließlich rechnet Pohrt nochmal mit allem ab, was auch sein eigenes Schaffen motiviert hat: Die Marxlektüre sei sinnlos gewesen, denn, wenn alle erst, wie er, jahrelang Marx studieren müssten, um den Kapitalismus zu beenden, werde das nichts mehr. Und überhaupt, vielleicht, so Pohrt, repräsentiere der Kapitalismus auch so etwas wie die Natur des Menschen. Vielleicht sei der Mensch „einfach so gebaut, dass er seine Erfüllung im Kapitalismus findet“, schreibt Pohrt 2013 in „Kapitalismus forever“. Auch hier bricht Pohrt wieder mal mit früher gewonnenen Erkenntnissen; etwa der, dass der Mensch im Kapitalismus nicht zu seiner Natur gefunden hat, sondern höchstens dass er aus seiner „zweiten“, nämlich gesellschaftlichen, Natur ein Gefängnis gemacht hat, in dem er nun zu leben meint.
    Und trotzdem will ich diese Veröffentlichungen nicht als Abgesang auf die eigene Vergangenheit oder gar als Bruch mit ihr lesen. Schließlich nahm Pohrt nie Rücksicht auf einmal gewonnene Erkenntnisse, hatte wenig Interesse an der eigenen Sakralisierung als Symbolfigur antideutscher Einzelkämpfer und blieb dem Theorem Adornos treu, wonach die Absage an Umgänglichkeit im universellen Unrecht der bestehenden Gesellschaft, nicht Resignation bedeutet, sondern eine Voraussetzung ihr im Denken zu widerstehen.


    Aktuell erscheint im Tiamat-Verlag eine Werkausgabe Wolfgang Pohrts, herausgegeben durch Pohrts langjährigen Verlege Klaus Bittermann. Jedes des hier verlegten Bücher sei hiermit zur Lektüre empfohlen.

    Intersektionalität –eine Politik der Sprechakte?

    Hermine Danger verwehrt sich einer Politik der Sprechakte, wie sie häufig Vertreter*innen der Intersektionalität praktizieren. Das Benennen bzw. Aussprechen bestimmter Worte wird schon einer Handlung gleichgesetzt. Sie ist nicht gegen eine intersektionale Analyse von Unterdrückungsmechanismen, sondern gegen eine Symbolpolitik, die sich Intersektionalität auf die Fahne schreibt.

    Die Online-Kommunikation hat noch nie einer so großen, breiten und kritischen Öffentlichkeit unterstanden, in der die Akteur*innen jedes Wort auf die (Moral-)Waage legen. Je nach Prüfungsstand werden harsche Urteile über die Sprechende*n und auch nach theoretischem Unterbau über den Ort des Sprechens, gefällt. Positiv lässt sich hieraus ein scheinbar größeres öffentliches Interesse am politischen Geschehen ableiten, ermöglicht durch den Zugang zu technische Medien, die uns befähigen 24/7 auf allen Kanälen präsent zu sein und nichts zu verpassen. So weit, so gut.

    Rutscht der Finger doch schneller gedacht auf den Absenden-Button und schickt die kurz überlegte Antwort raus in die Welt, erhitzen sich die öffentlichen Gemüter derart, als würde es um ihr eigenes Leben gehen, was da auf dem Prüfstand steht. Ob Beatrix von Storchs geistreichen Einfall, auf Flüchtlinge zu schießen und diesen Gedanken dann auch noch zu veröffentlichen tatsächlich ein Versehen war, wage ich zu bezweifeln. 2017 wurde der Begriff Fake News im DUDEN aufgenommen, alternative Fakten weichen ernsthafte Diskussionen in schwammiges Gerede auf, in dem am Ende jeder friedlich mit seiner eigenen Meinung nach Hause geht und weder eine Diskussion, noch ein Dialog stattgefunden hat. Wenn Berichte über Menschen mit Fluchthintergrund, die angeblich deutsche Kinder aufessen, was allenfalls als Satire gelten kann, (als welche es sich letztendlich auch herausgestellt hat), die Gemüter höher fahren lässt als der jährliche Bericht über den ansteigenden Antisemitismus in Deutschland, dann lässt das tief blicken in die momentane Informations- und Diskussionskultur und ihre Akteur*innen. So weit, so schlecht.

    Wie über die Sprechende*n geurteilt wird, hängt von der politischen Einstellung ab. Inhalte von Kommentarspalten, die sich in ihrer Phantastik kaum noch von echter Fantasy-Literatur unterscheiden und ‚gefühlte Wahrheiten‘ sorgen für einen Freispruch von jedem Zweifel und nicht gerade für ein kritisches Hinterfragen von Fakten.

    Rassistische Hetze und sexistische Kommentare tummeln sich in den Social Media Foren und werden als naturgegebene Tatsachen verteidigt. Eine Theorie, die momentan sehr beliebt ist und herangezogen wird, um den unterschiedlichen Diskriminierungsformen nachzugehen, ist die Intersektionalität. Doch was hat Intersektionalität mit Sprechen zu tun? Reichlich wenig. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es eine große Schnittmenge gibt zwischen Vertreter*innen der Intersektionalitätstheorie und Anhänger*innen einer Sprechakttheorie, die Worten eine Handlungsmacht zuschreibt. Ganz so, als wenn man für einen Raum ausspricht, dass dieser frei von Diskriminierungen sei und dann erwartet, dass sich die Wirklichkeit danach auszurichten habe. Für das Vermeiden von Worten mag das vielleicht gehen, aber für die bürgerlich-kapitalistische Bildung und Erziehung, wo Kolonialgeschichte, Frauenunterdrückung und Fanatismus nur als Probleme der Anderen erkannt werden, gilt das nicht.

    Die eigene Sozialisation und Erfahrung lassen sich weder durch Sprechverbote, noch durch Schutzräume wegleugnen. Wenn Intersektionalität und die Einforderung eines intersektionalen Feminismus nicht über das bloße Aussprechen dieser Begriffe hinausgeht und das Anhänger*innen darunter dennoch eine Praxis verstehen, als wenn das Sprechen zu einem Sprachhandeln wird und somit nicht nur beschreibend etwas zum Ausdruck gebracht wird, sondern gleichzeitig auch intersektional gehandelt wird. Ursprünglich war Intersektionalität kein Thema eines linken akademischen Milieus, sondern schaffte die Möglichkeit, konkrete Ungleichheitslagen zu benennen, aufzuzeigen und zu einem Politikum zu machen.

    All the Women Are White, All the Blacks Are Men, But Some of Us Are Brave

    Die Juristin Kimberlé Crenshaw führt den Begriff der Intersektionalität in die Rechtswissenschaft ein und bringt das Beispiel von schwarzen Mitarbeiterinnen in einer General Motors Fabrik in den USA an, die 1976 entlassen worden sind: vor 1964 hat General Motors keine schwarzen Frauen angestellt, alle nach 1970 angestellten Frauen wurden sechs Jahre später entlassen. Diese Frauen reichten vor Gericht eine Klage ein, dass ihre Kündigung sowohl rassistischen, als auch sexistischen Ursachen zugrunde liege. Dass Gericht argumentierte, dass schwarze Frauen keine besondere Gruppe darstellten, die in diesem Spezifikum nur gefasst werden könne, da sie einerseits als Frauen Sexismus erfahren können und als Schwarze Rassismus. Somit stellte das Gericht heraus, dass sowohl Schwarze (Männer), als auch (weiße) Frauen nicht von den Kündigungen betroffen gewesen sind und sie keine besondere Benachteiligung erfahren hätten. Ebenso lässt sich daraus schließen, dass schwarzen Frauen keine Repräsentationsebene gegeben wird: weder können sie Frauen, noch eine afro-amerikanische Gemeinschaft repräsentieren. An diesem Beispiel erläutert Crenshaw, dass eine spezifische Ausdrucksweise und Erfassbarkeit von Mehrfachdiskriminierung vonnöten sei, da sonst die bestimmte Unterdrückungsformen unsichtbar gemacht werden würden, wie die der schwarzen Frauen bei General Motors. Besonders häufig wird die Trias race, class and gender hervorgehoben, die in dem US-amerikanischen Diskurs zur Intersektionalität eine gewichtigere Rolle spielt als im deutschen Diskurs.

    Was hat Sexismus mit Rassismus zu tun?

    Der Intersektionalität liegt die Feststellung zugrunde, dass Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Rassismus oft gemeinsam auftreten, es hierfür aber in der Theorie noch keine adäquate Repräsentationsform gebe, die eine kritische Auseinandersetzung damit ermögliche. Das Neue daran ist, dass Diskriminierungsformen nicht einfach nur addiert werden, sondern einander beeinflussen, neue Unterdrückungsformen hervorbringen und dass dieser Zusammenhang berücksichtigt werden muss. Damit einhergehend wurden Fragen gestellt wie ‚Wie viel Rassismus steckt in meiner Auffassung von Geschlecht‘ oder ‚Wieviel Sexismus steckt womöglich in meiner Auffassung anderer Kulturen‘ und man versprach sich, diese durch die Erkenntnisse der Intersektionalität besser beantworten zu können.

    Zurück zum Hauptwiderspruch?

    Zugespitzt betrachtet, scheint mir die Zusammenschau der zwei Diskriminierungsformen stellvertretend für innerlinke Auseinandersetzungen zu stehen: der Zusammenhang von Neoliberalismus und dem Erstarken der Neuen Rechten und damit einhergehend auch ein Rechtsruck, der in vielen europäischen Staaten zu beobachten ist wird momentan viel diskutiert. Das geht mit dem Abbau von Sozialleistungen, dem Rückgang von bezahlbaren Wohnungen, stagnierenden Löhnen, sowie einem offenen und verrohten Rassismus und Sexismus und einer ‚das wird man ja wohl noch sagen dürfen‘-Attitude einher. Analysen, warum Arbeiter*innen, die einst links gewählt und sich gar als Kommunist*innen bezeichnet haben, auf einmal rechts wählen, fallen unterschiedlich aus. Wenn immer mehr Leute die soziale Frage von Rechten zufriedenstellender beantwortet sehen als von Linken, tritt sie als nationale Angelegenheit in den Vordergrund und auf Kosten derer, die nicht in ihr völkisch-nationales Weltbild passen. Eine Argumentation zur Abwendung der Arbeiter*innen von der Linken, die sich auf das Verhältnis von Minderheiten und Mehrheiten stützt um den Rechtsruck zu erklären, besagt, dass die Interessen einer Mehrheit an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden und die Interessen und Kämpfe von Minderheiten in den Vordergrund gedrängt werden und hierbei eher die Rede von einem Kulturkampf, als von einem Klassenkampf, ist. Doch erscheint es mir als zu vereinfacht, den neoliberalen Kurs, den viele Länder einschlagen – ob in Argentinien oder der EU, allein auf ein Versagen der Linken und deren Auseinandersetzung mit Diskriminierungsformen zurückzuführen.

    Eine Veranstaltung in Thüringen, die neulich stattgefunden hat, hat ein ähnliches Thema aufgegriffen und fragt: ‚Klassenkampf sticht Antirassismus? Zur Gegenüberstellung von Klassen- und Minderheitenanliegen‘. Die Art und Weise, wie die Frage gestellt ist, lässt vermuten, dass sie mit ‚nein‘ zu beantworten ist. Diese Fragestellung erscheint zunächst widersprüchlich, da ein Kampf gegen die kapitalistischen Verhältnisse, die auf Konkurrenz und Ausbeutung basieren, nicht vor Geschlecht oder Herkunft Halt machen sollte. Letztendlich stehen sich doch zwei unterschiedliche Ansichten gegenüber, wie Gesellschaft und Teilhabe verstanden werden. Die eigene Betroffenheit und das Unverständnis darüber, dass so viele People of Colour tagtäglich Rassismus ausgesetzt sind, treten in den Vordergrund und drängen zu Aktionismus gegen sämtliche Diskriminierungsformen, der jedoch häufig im Individuellen verharrt oder konkrete Personen wie Politiker*innen als Feindbilder erklärt, anstatt sich einer Analyse der gesellschaftlichen Verstrickungen zu widmen. Denjenigen, die sich dem Elend der Verhältnisse auf theoretischer Ebene widmen, kann vorgeworfen werden, dass sie in ihrer Lektüre verhaftet und gefangen bleiben und letztendlich nicht aktiv gegen Unrecht vorgehen.

    Intersektionale Praxis und Moralvorstellungen

    Das bedeutet keinesfalls, dass eine Analyse der Klassenverhältnisse andere Unterdrückungsmechanismus ausblenden oder verdrängen sollte, auch wenn sie nicht ständig aufgezählt und mitgenannt werden. Es reicht eben nicht aus, im eigenen Aktivismus und in politische Forderungen darin zu verharren, sämtliche Diskriminierungsformen zu benennen und sich allein dadurch auf der richtigen Seite zu wähnen. Das Auflisten von Unterdrückungsmechanismen und das ‚Mitdenken‘ Unterdrückte*r ist noch lange kein tatsächliches Angehen der Probleme. Leuten zu unterstellen, dass sie nicht antirassistisch seien, weil sie sich nicht als intersektional bezeichnen, ist nichts anderes als eine identitäre Praxis, um das eigene Standing innerhalb linker Kontexte zu markieren und andere, die in den meisten Fällen ökonomisch ähnlich situiert sind, auf moralischer Ebene abzuwerten. Der Vorwurf, dass man nur weiße Leute mit akademischen Hintergrund adressiert wird häufig von selbst weißen Gruppen gestellt, die sich ebenfalls mit akademischen Themen wie Intersektionalität und Sprachhandeln beschäftigen.

    Stalinisten in der Defensive

    In den vergangenen Monaten wollte sich die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) in den Vorbereitungskreis des diesjährigen Thüringer antifaschistischen & antirassistischen Ratschlages einbringen, der in Eisenach stattfindet. Auf Drängen u.a. der involvierten Antifa-Gruppen aus Südthüringen, der Jusos und von ezra ist das nicht gelungen – wofür die MLPD sich mit einem auf Hochglanz gedruckten und an alle möglichen linken Organisationen verschickten Flugblatt bedankte. Eine Leichenschau von Ox Y. Moron.

    Ein vermodernder Anachronismus

    Die MLPD ist ein bereits mehr seit 35 Jahre modernder Anachronismus, hängen geblieben in einer Zeit, in der nach Identifikation suchende „Linke“ sich verzweifelt an die alten Polit-Führer Thälmann, Stalin und Mao klammerten in der Hoffnung, deren verbrecherische Politik[1] offenbare ihre politische Notwendigkeit schon noch irgendwann. Heute leugnen nur noch die im stalinistisch-maoistischen Sektenwesen festhängenden Funktionäre, dass es sich bei den gesellschaftlichen Ordnungen, denen Stalin und Mao auf Ewigkeit ihre Namen gaben, um verbrecherische Systeme unfassbaren Ausmaßes handelte, die dem wichtigsten Projekt der politischen Linken, eine Alternative zum Kapitalismus zu entwickeln, nachhaltig Schaden zufügten und so dazu beitrugen, dieser Linken eine Niederlage bereiteten aus der sie sich nie erholte.

    Die MLPD ist eine Organisation, die, hätte sie irgendeine gesellschaftliche Relevanz, politisch bekämpft werden müsste. In ihrer aktuellen Verfassung ist die MLPD nur ein dankbarer Gegenstand des Verfassungsschutzes, der dem Geheimdienst nicht viel Arbeit macht, aber einige Planstellen in der ganzen Republik sichert.

    Dass eine Splitterpartei, die programmatisch irgendwo zwischen Stalins Terrorregime und kaltem Krieg hängen geblieben ist, sonst keine progressiven Ansätze für linke Politik bereit hält, versteht sich eigentlich von selbst. Das Programm der Partei liefert keine Analyse der gegenwärtigen Zustände, sondern die immer gleichen Glaubenssätze des linken Antiimperialismus. Zur Bundestagswahl 2017 trat die MLPD mit einer „Internationalen Liste“ an, die die vermeintliche Breite der Organisation repräsentieren sollte. Teil dieser Internationalen Liste war auch die „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP). Die PFLP kämpft u.a. mit Selbstmordattentaten gegen den israelischen Staat und seine Bevölkerung. Ihr Ziel ist ein Palästina auf dem heutigen Staatsgebiet Israels und damit die Vernichtung des jüdischen Staates.

    Für die Aktiven des antifaschistischen und antirassistischen Ratschlags stellte sich also die Frage: Sollte eine Organisation, die die Verbrechen des Stalin- und Maoterrors rechtfertigt und verharmlost und die mit antisemitischen Mörderbanden paktiert, ein Bündnispartner jener antifaschistischen und antirassistischen Organisationen sein, die den jährlichen Thüringer Ratschlag vorbereiten?

    Die MLPD in Thüringen

    Auch die MLPD in Thüringen ist einer Sekte ähnlicher als einer politischen Organisation. Sie ist eine politische Glaubensgemeinschaft mit Ortsgruppen in Eisenach und im Niemandsland zwischen Sonneberg und Suhl. In der politischen Öffentlichkeit in Thüringen tritt sie nur selten in Erscheinung, ihr fehlt es an Strukturen und Personal. Allerdings hat die MLPD in den vergangenen Jahren im genannten Niemandsland eine Ferien- und Freizeitanlage erworben, die sie einerseits kommerziell vermarktet und andererseits auch für politische Aktivitäten nutzt. Alle zwei Jahre findet dort ein Musikfestival des MLPD-Jugendverbands „Rebell“ statt. Im Jahr 2014 hatten sich die Nachwuchsstalinisten als Musikact die antisemitische Band „Die Bandbreite“ eingeladen, die mit Verschwörungstheorien im rotbraunen Milieu der damaligen Montagsmahnwachen punktete und immer wieder den alten antisemitischen Kalauer aufbereitet, wonach eine weitgehend im Verborgenen waltende, amerikanisch-zionistische Weltregierung die Menschheit ins Verderben stürzt.

    Die Organisatoren des Festivals strichen den Act „Die Bandbreite“ schließlich aus dem Line-up. Allerdings nicht weil die Band antisemitische Ideologie verbreitet. Im Gegenteil. Vor solchen „ungerechtfertigte[n] Angriffe[n] aus dem antideutschen Spektrum“ nahmen die Organisatoren die Band sogar ausdrücklich in Schutz, hieß es in der Erklärung des Rebell. Scheinbar ist die Kritik des Antisemitismus inzwischen ein Privileg des antideutschen Spektrums. Der Grund, warum die Organisatoren vom Rebell-Festival „Die Bandbreite“ zur Stellungnahme aufforderten, war deren Beteiligung an der damals grassierenden Montagsquerfront. Der Frontmann der Band Marcel Wojnarowicz sprach auf diversen Montagsdemos, trat u.a. in Erfurt musikalisch auf und ließ sich von den Verschwörungsantisemiten dort gebührend feiern. Und da der MLPD überraschenderweise nicht an einer Neuauflage eines Hitler-Stalin-Paktes in Form einer Querfrontbewegung gelegen war, forderte man Distanzierungen ein. Die Bandbreite wollte sich aber nicht distanzieren und ließ sich, um keinen Ärger zu machen, vom Line-up streichen. Das Bemerkenswerte daran: Die Stalinisten, die mit antisemitischen Weltverschwörungstheorien, antizionistischem Antisemitismus, Antiamerikanismus und anderen Zumutungen keine Probleme haben, lehnen die Querfront ab, in der solche Ansichten zu Hause sind. Dass man es aber am Ende doch nicht so ernst nahm mit der Distanzierung von der Montagsquerfront zeigte die kurz darauf bekannt gewordene Erweiterung des Line-ups um „Prinz Chaos II.“. „Prinz Chaos II.“, bürgerlich: Florian Ernst Kirner, ist eifriger Befürworter der rot-braunen Querfront und Freund von Antisemit und Montagsmahnwachenguru Ken Jebsen. Er trat ebenfalls bereits als Redner auf Montagsaufmärschen auf und ist neuerdings „Aufstehen“-Aktivist der Wagnenknecht-Volksfront.

    Daraus wird ersichtlich, die MLPD ist kein Grüppchen latent-problematischer Wirrköpfe, deren Äußerung man im Vorbereitungskreis weglächeln oder überhören kann, sondern eine Organisation, die zum Ratschlag objektiv in Gegnerschaft steht und deren geringen Einfluss in Thüringen man nicht unnötig dadurch erhöhen muss, dass man ihnen auf linken Bündnisveranstaltungen ein Podium bietet.

    Die MLPD im Ratschlag-Vorbereitungskreis

    Einmal jährlich um den 9. November, den Jahrestag der Reichspogromnacht 1938, herum findet an wechselnden Orten in Thüringen der antifaschistische und antirassistische Ratschlag statt, eine Bündnisveranstaltung sozialdemokratischer, grüner, gewerkschaftlicher, zivilgesellschaftlicher, antirassistischer und linksradikaler Organisationen, die der inhaltlichen Debatte und der Vernetzung dient. Im Jahr 2018 soll der Ratschlag in Eisenach stattfinden und in diesem Jahr wollte auch die MLPD Teil des Vorbereitungskreises werden. Erst auf Drängen antifaschistischer Gruppen wurde die Teilnahme der MLPD zur Disposition gestellt und schließlich der Ausschluss beschlossen.

    Die MLPD reagierte mit einem an unzählige Organisationen im Umfeld des Ratschlags verschickten Pamphlet, das den Skandal etwa auf die Formel reduzierte: Eine Verschwörung aus antideutschen Antifa-Gruppen (namentlich der Antifa Suhl/Zella-Mehlis), antikommunistischen Strippenziehern der Amadeu-Antonio-Stiftung und des Verfassungsschutzes wolle die antifaschistische Einheitsfront in Thüringen zerstören. Später gab es dieses Pamphlet noch als Hochglanzflyer. Von einer Spaltung der antifaschistischen Bewegung ist die Rede. Mal davon abgesehen, dass das Bündnis genannter Gruppen zum Zwecke einer Veranstaltungsorganisation keine Bewegung ist, hat lediglich die MLPD, die vorher kein wirklicher Teil der Vorbereitungen war, diesen Vorbereitungskreis wieder verlassen. Die Rede von der Spaltung dient einzig dem Zweck, den Ausschluss der MLPD als Prozess der innerlinken Zersetzung zu überhöhen, gesteuert durch „‚Antideutsche‘ – von Israel bezahlte Spaltpilze der linken Bewegung“ (MLPD) und Geheimdienste. Doch so wenig wie die antideutschen Linken vom Mossad ihr Gehalt beziehen, so wenig Interesse hat der Verfassungsschutz an einer stalinistischen Sekte, die in Deutschland 2018 etwa so staatsgefährdend ist wie Hundewelpen.

    Antisemitismus

    Pauschal bestreitet die MLPD in ihrem Pamphlet alle im Raum stehenden Vorwürfe. So verteidigt sich die Partei mit einer Anerkennung des Existenzrechts Israels (welch Erleichterung für Tel Aviv und Jerusalem das zu hören, auf den Segen der MLPD hat man dort noch gewartet) gegen den Vorwurf des Antisemitismus, von dem man das Deutschenrecht auf Israelkritik, den Antizionismus, abgrenzen möchte. An diesem Punkt wird die ganze Schizophrenie wie unter einem Brennglas sichtbar: Mit den Judenmördern der PFLP paktieren, die nach der Vernichtung Israel trachten, aber von eigenem Antisemitismus nichts wissen wollen.

    Die Diskussion mit solchen Leuten, in welchem Vorbereitungskreis auch immer, erübrigt sich tatsächlich und es ist ein Irrweg in der Auseinandersetzung mit einem überzeugten Antisemiten, ob er sich nun als ein solcher bezeichnet oder nicht – in der Regel wird er es nicht tun –, dessen Vorurteile als Irrtum oder Unwissen widerlegen zu wollen, weil das antisemitische Ressentiment in der Regel nicht aus Unwissen resultiert, sondern, wie Wolfgang Pohrt das zutreffend gesagt hat, als „ein Produkt der Anstrengung das bessere Wissen niederzukämpfen“. Das Ressentiment des Antisemiten ist zu verstehen, als ein Kampf gegen die Vernunft, gegen besseres Wissen. Deswegen macht es wenig Sinn den Antisemitismus widerlegen zu wollen und die Unschuld der Juden oder auch des Judenstaates Israel begründen zu wollen und so in die Rolle des Anpreisers zu verfallen, vielmehr gilt es den Ursprung des Antisemitismus aufzuklären. Das ist die Aufgabe, die sich der Ratschlag zu stellen hat und das funktioniert tatsächlich nicht mit den Antisemiten, sondern nur gegen sie.


    [1] Dass Ernst Thälmann nie zum verbrecherischen Staatsmann wurde, ist sicher nicht seiner fortschrittlichen politischen Haltung, sondern seiner Ermordung durch noch größere Verbrecher geschuldet. Allerdings ist es durchaus kein Geheimnis, dass der Moskau-treue Thälmann die Säuberung der KPD von Querdenkern mit großer Rücksichtslosigkeit betrieb.