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„Keine Solidarität mit ‚Lebensschützer*innen‘ und Sexist*innen“

Im April haben ehemalige Bewohner*innen des Haus- und Wohnprojekts „Insel“ in Jena einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie fordern, sich nicht mit der „Insel“ zu solidarisieren, solange einer ihrer Sprecher*innen antifeministische Positionen vertritt. Die Lirabelle sprach mit den Verfasser*innen.

Eure Forderung an Gruppen und Einzelpersonen lautet, sich mit der Problematik kritisch auseinanderzusetzen und Position zu beziehen. Unterstützt werdet ihr dabei von einer Handvoll Thüringer Gruppen, nur eine davon kommt aus Jena. Man muss wohl feststellen, dass es in dieser Szene immer noch viel Mut erfordert, auf solche Themen hinzuweisen – vor allem weil nun ein Spannungsfeld entsteht in der Jenaer linken Szene. Danke, dass ihr nicht schweigt und uns wissen lasst, was hinter den Türen der „Insel“ los war bzw. ist. Wie kommt es dazu, dass ihr die Problematik zu diesem Zeitpunkt thematisiert?

Eigentlich thematisieren wir diese Problematik seit zehn Jahren, natürlich nicht die ganze Zeit mit der gleichen Intensität. Aber nicht nur wir, sondern auch andere Menschen und Gruppen haben immer wieder versucht über die Vorfälle mit Menschen in Jena, aber eben auch mit der „Insel“ selbst ins Gespräch zu kommen. Wiederholt wurde die „Insel“ dazu aufgefordert Stellung zu beziehen; mit dem Ergebnis, dass nichts passiert ist. Die letzten neun Jahre ist die „Insel“ gut damit gefahren, solche Versuche einfach zu ignorieren und nichts zu machen. Aus unserer Sicht ist es nicht auszuhalten und hinzunehmen, dass ein solches Verhalten keine Konsequenzen hat.
Dabei ist uns bewusst, dass sich die Bewohner*innenschaft auf der „Insel“ in den letzten zehn Jahren immer wieder geändert hat und es durchaus sein kann, dass dort Menschen leben bzw. gelebt haben, denen die Vorfälle nicht bekannt waren. Und dennoch fordern wir eine Auseinandersetzung der „Insel“ als Projekt ein.
Das wir nun mit unserem Aufruf verstärkt in die Öffentlichkeit gegangen sind, mag für einige Menschen überraschend sein. Für uns ist es nur ein logischer nächster Schritt, nachdem wir mit unserem Anliegen lange ignoriert wurden. Und oft ist in der an uns gerichteten Kritik am Veröffentlichungszeitpunkt auch der Wunsch versteckt, sich nicht inhaltlich mit der Thematik beschäftigen zu müssen.
Zudem wollen wir die Menschen unterstützen, die sich in der ganzen Zeit für unser Anliegen engagiert haben. Denn wir wissen aus eigener Erfahrung wie nervenaufreibend, frustrierend und demotivierend diese Arbeit sein kann. Wer offen über die Vorfälle in Jena geredet hat, hat sich lange Zeit keine Freund*innen gemacht. Dass unsere Unterstützer*innen aber nicht allein sind und keine Einzelmeinung vertreten, wird nun nach unserem Aufruf deutlich. Und diese Unterstützung war längst überfällig.

Bis zur Veröffentlichung eures Aufrufes haben wohl die meisten politisch Aktiven aus Erfurt von den Zuständen in der „Insel“ wenig bis gar nichts gewusst. Viel mehr wurde über die beschlossene Räumung des Projekts gesprochen. Fehlt es an Erfahrungsweitergabe auch in feministischen Zusammenhängen in Thüringen?

Zuerst einmal, uns geht es nicht darum, dass die „Insel“ als möglicher „Freiraum“ oder bezahlbarer Wohnraum grundsätzlich keine Solidarität erfahren sollte. Wir fordern keine generelle Entsolidarisierung und das steht auch nicht in unserem Aufruf. Vielmehr sehen wir es als hoch problematisch an, wenn die „Insel“ unter den gegebenen Umständen Solidarität erfährt. Und diese gegebenen Umstände sind, dass sich die „Insel“ seit zehn Jahren weigert, sich mit den Vorwürfen auseinander zu setzen und statt dessen den Täter zum Pressesprecher und zur zentralen Figur des „Wohnprojektes“ gemacht hat und an ihm festhält.
Was die Erfahrungsweitergabe angeht, ist zu sagen, dass wir natürlich schon damals einen ähnlichen Aufruf wie den jetzigen hätten schreiben können. Wir haben aber in den ersten Jahren nach dem Vorfall versucht das Thema vor Ort in Jena zu bearbeiten. Die Reaktionen auf uns waren damals bis auf wenige Ausnahmen ähnlich: Die Vorfälle wurden zwar als schlimm und erschreckend angesehen, meist wurden ihnen aber die politische Dimension abgesprochen und es wurde kein Anlass gesehen, daraus eine Konsequenz für die eigene Praxis abzuleiten. Hinter dieser Stimmung konnte sich der Täter lange verstecken.
Zum Anderen denken wir, dass es ratsam ist gerade feministische Themen mehr und vertiefter zu diskutieren und die dazugehörigen Strukturen in Thüringen zu reflektieren. Sexistische Kackscheiße passiert überall und regelmäßiger als es vielleicht einigen bewusst ist. Das selbst ein solch krasser Fall so lange unthematisiert bleiben konnte, ist erschreckend. Das ist eine Situation und eine Struktur, nicht nur in Thüringen, die aus unserer Sicht nicht hinnehmbar ist.
Die jetzige Diskussion zeigt aber, dass es eine Erfahrungsweitergabe gibt, die funktioniert. Um jedoch dahin zu kommen, braucht es viel Kraft und Anstrengungen – gerade auch, wenn Betroffene nicht gleich von Anfang an wissen, wo sie sich hinwenden können und wo sie Unterstützung finden. Darüber hinaus wird in der aktuellen Diskussion klar, dass es mit dem damaligen Täter auch noch heute ein grundlegendes Problem gibt, dass lange unthematisiert blieb.

Gerade sexistische und frauenfeindliche Positionen sind oftmals Anlass für Auseinandersetzungen in linken Projekten, hat sich seit eurem Auszug etwas in der Wahrnehmung und an der Bereitschaft zur Auseinandersetzung verändert?

Ehrlich gesagt, ist das schwer bis gar nicht zu beantworten. Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung hängt leider oftmals auch stark davon ab, wie sehr mensch davon selbst betroffen ist und welche Konsequenzen für das eigene Leben erwartet werden. Zudem ist das Thema „sexistische Übergriffe“ nach wie vor ein eher unbeliebtes Thema, vom Thema „Schwangerschaftsabbruch“ gar nicht erst zu reden. Und das gerade dann, wenn es zu konkreten Vorfällen kommt. Da ist immer noch der Druck sich als Betroffene*r zu rechtfertigen, zu beweisen und zu thematisieren.
Die jetzigen Unterstützer* innen hätten wohl schon damals die Bereitschaft gehabt, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Ihnen und den Einzelpersonen, die uns auch schon früher unterstützt haben, können wir an dieser Stelle nur danken. Andererseits ist es auch heute noch in kleineren Auseinandersetzungen mit Einzelpersonen immer wieder überraschend, wer welche Meinung vertritt, auch in der „linken Szene“. Das ist erschreckend, aber ob die Bereitschaft zur Auseinandersetzung nun mehr oder weniger geworden ist, dafür fehlt uns der Überblick.

Was wünscht ihr euch von solidarischen Menschen speziell in Jena und darüber hinaus?

Letztendlich liegt es jetzt an den Jenaer Gruppen und Einzelpersonen klar Stellung gegen Sexismus und Antifeminismus zu beziehen. Ein erster Schritt wäre durch eine Auseinandersetzung mit dem Täter und den Vorfällen, aber auch mit der Thematik im allgemeinen gemacht. Darüber hinaus fordern wir eine konsequente Umsetzung dieser Überlegungen in die Praxis und ein Diskussion darüber, wie mit solchen und ähnlichen Fällen zukünftig umgegangen werden kann.
Wir sind bereit, diesen Prozess im Rahmen unserer psychischen und zeitlichen Möglichkeiten zu unterstützen und machen dies bereits auch.

Vielen Dank für das Gespräch! Passt auf euch auf und behaltet euren Mut.

Dem Morgenrot entgegen?

Schon vor 70 Jahren bestand »die fast unlösbare Aufgabe darin, sich weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen«. Anatol und Jesaja aus der Redaktion sprachen mit drei weiteren Genoss_innen über die Frage, wie man in deprimierenden Zeiten klarkommt, ohne zu resignieren oder zynisch zu werden.

Anatol: Könnt ihr euch kurz vorstellen?

Yukina: Ich bin 35 Jahre alt und würde sagen ich bin politische Sozialarbeiterin, Mutter von zwei Kindern und bin durch die Studierendenproteste 2003/2004 in linken Zusammenhängen gelandet und mehr oder weniger noch aktiv heute.

Toivo: Ich bin 45, komme aus einem Arbeiterhaushalt. Mein Vater war politisch, da habe ich viel von mitgenommen. Ich weiß gar nicht, ob ich zur linken Szene gehöre, aber ich mache seit Schul- und Studienzeiten politischen Kram, den ich wichtig finde. Entscheidend für meine Politisierung war der zweite Golfkrieg.

Ümit: Ich bin Ende 40, aus dem Westen und nicht von Rassismus bedroht – das finde ich für die Frage, wie man mit der derzeitigen Lage umgehen kann, wichtig. Ich habe noch die Auswirkungen der Neuen Sozialen Bewegungen der 1980er-Jahre, also eine linke Allltagsstimmung mitbekommen. Am meisten geprägt haben mich aber private Diskussionen zu Feminismus im Alltag und die rassistischen Pogrome Anfang der 1990er-Jahre. [Alle über 40 nicken.] Ein Gutteil meiner politischen Auseinandersetzungen findet im Job statt: Ich bin Hochschullehrerin, also Bildungsarbeiter_in. Außerdem versuche so gut ich kann mich als Kolleg_in und Beschäftigte mit anderen zu organisieren, um Auseinandersetzungen um die Produktionsbedingungen kritischen Wissens und kritischer Bildung führen zu können. Ein kleiner Teil meines Aktivismus findet auf der Straße statt, wobei die Autonome Bewegung biographisch mein stärkster Bezugspunkt ist.

Jesaja: Ich komme aus einer bildungsbürgerlichen und christlichen Familie und bin da der einzige, der das Studium geschmissen hat. Ich habe fünf Kinder und bin seit 25 Jahren in der linken Szene aktiv. Ich hab mein Leben so eingerichtet, dass ich wenig lohnarbeite und viel Zeit für mein Politikzeug habe. Zur »Wende« war ich noch ein Kind, trotzdem hat mich dieser Umbruch sehr geprägt.

Anatol: Ich bin 45, aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, war als Jugendlicher erst bei den Jusos, später in einem Friedensgrüppchen, ab 2001 in linksradikalen Zusammenhängen. Ökonomisch wurstele ich mich seitdem mit Projekten und Jobs durch. Aber: kommen wir zum Thema »Hoffnung«. Als Linke schauen wir oft distanziert und ratlos von außen auf die Verhältnisse und analysieren ganz richtig, dass die ganze Gesellschaft vor die Hunde geht. Man könnte meinen, in 10 Jahren haben wir hier Faschismus. Seht ihr das auch so? Oder denkt ihr, es gibt noch Hoffnung, dass es irgendwann ganz anders kommt?

Ümit: Ich sehe auch, dass es einen faschistischen Trend gibt. Aber die konkrete Hoffnung, dass es in 10 Jahren grundsätzlich besser sein könnte, ist nicht mein Motiv, mich einzusetzen, sondern vor allem, zu verhindern, dass es noch schlimmer wird. Die ganz große Befreiungshoffnung oder das Frustriertsein angesichts der jüngeren Entwicklungen hier verbunden mit dem Gefühl, dass es für mich nicht fundamental besser wird ist eine sehr egozentrische Perspektive, die dazu tendiert, die alltäglichen Kämpfe aus dem Blick zu verlieren: Überall auf der Welt wehren sich die Leute gegen den existenziellen Angriff auf ihr Leben, auch unter unmöglichen Umständen, da würde ich mich viel stärker drauf beziehen, als auf eine wie auch immer geartete Revolutionshoffnung.

Jesaja: Mir ist die Frage nach der Weltrevolution auch nicht das Hauptmotiv. Vielleicht kommt das aus meinem christlichen Elternhaus, aber ich meine immer eher, man muss doch einfach was machen.

Toivo: Ich fühle auch teilweise eine tiefe Beunruhigung angesichts der Lage. Aber am Ende ist das Szenario eines kommenden Zusammenbruchs auch die derzeitige Meistererzählung der Rechten. Vergleicht man aber die Lage heute mit den 1950er-Jahren, muss man sagen, dass einfach vieles besser geworden ist. Wenn man zu sehr an die Erzählung glaubt, dass alles vor die Hunde geht, bestärkt man die Leute, die dahin zurück wollen und nicht damit leben können, dass in den letzten Jahren die alten weißen Männer schon ein Stückweit entmachtet wurden.

Anatol: Kann man das so zuspitzen, dass eine Revolutionshoffnung lähmt und den Rechten in die Hände spielt und dagegen eine Politik der anlassbezogenen Abwehrkämpfe und das Vergegenwärtigen vergangener Erfolge Motivation erzeugt, ohne dass man dafür ganz große Hoffnungen braucht?

Yukina: Teile der radikalen Linken könnte sich ja mal fragen, ob sie diese großen Ziele vor allem nutzt, um sich immer wieder bestätigen zu können, dass sie mit ihrer fatalistischen Analyse recht hat. Stattdessen könnte man Politik da machen, wo man was erreichen kann. Und außerdem hilft es auch ungemein, wenn man einsieht, persönlich nicht für alles verantwortlich zu sein, was kommt. Mein Eindruck ist, dass das einem bildungsbürgerlichen Selbstverständnis widerspricht, dass in der radikalen Linken verbreitet ist.

Ümit: Klar, dieser typisch bürgerliche Größenwahn, auf der Welt was bewegen zu können, spielt da auf jeden Fall eine Rolle, das würde ich auch für mich selbst so sagen. Deswegen stelle ich mir dauernd bewusst die Frage, was ich ändern kann. Meine Kraft ziehe ich aber eher aus recht kleinen Alltagssituationen, in denen ich sehe, dass Menschen sich solidarisch verhalten. Ich denke, dass die Frage ob man Hoffnung hat ganz viel mit der individuellen Sozialisation zu tun hat und damit offen ist, wie man den Leuten, die da heraus wenig Hoffnung haben, welche geben kann.

Yukina: Mir hilft das Wissen, solidarische Zusammenhänge zu haben, auf die man sich verlassen kann.

Toivo: Dazu finde ich es wichtig, sich die Geschichte solidarischer und kollektiver Erfahrungen zu vergewärtigen. Es gibt großartige Beispiele, wo Menschen sich einfach menschlich verhalten haben – also nicht egoistisch, sondern als soziales, freundliches, zugewandtes Wesen.

Jesaja: Insofern ist es schon wichtig, sich Räume zu schaffen, in denen man sich solidarisch aufeinander beziehen kann, aber 95% der Zeit muss man ja trotzdem in Kontexten leben, in denen das nichts zählt. Deswegen ist es wichtig, die solidarischen »Blasen« zu pflegen, kollektive Räume schaffen, in denen man andere Erfahrungen machen kann als in der Schule oder auf der Arbeit.

Anatol: Man resigniert nicht, wenn man nette Leute und kollektive Strukturen hat? Das klingt gut und plausibel, aber nicht gerade weltbewegend.

Yukina: Es geht ja nicht darum, nett zueinander zu sein, sondern kritisch-solidarisch. Dass man sich nicht in Watte packt, sondern das Gefühl hat, sich auf so eine Grundsolidarität verlassen zu können. Über Hoffnung zu reden, klingt dagegen voll religiös – so als müssten wir durchs finstere Tal, um irgendwann im gelobten Land anzukommen.

Ümit: Ich verstehe »Hoffnung« auch mehr als Frage des Glaubens als der Analyse. Aber ich kann damit trotzdem viel anfangen, für mich ist das ganz tragend. Und mir hilft es auch, mir vergangene Erfolge zu vergewärtigen …

Toivo:
… und zu betonen, dass im Grunde genug für alle da ist, statt auf die Erzählung der Alternativlosigkeit einzusteigen – auch wenn die Lage oft ausweglos scheint. Und man muss auch mal sagen, dass Verdrängen hilft. Wenn man sich in jeder Minute vergegenwärtigt, dass jeden Tag 40.000 Kinder verhungern, ist das Leben nicht mehr erträglich. Aber da muß man natürlich ein Maß finden, um nicht abzustumpfen, aber auch nicht zu verzweifeln.

Jesaja: Daran, was wir gerade in Chemnitz sehen, dass wieder Massen von Nazis auf die Straße gehen und Leute jagen, könnte man schon verzweifeln.

Ümit: Ja, das war ein richtiger Schock, ähnlich wie in den 1990er-Jahren und wie der NSU. Was mich auch tagelang hoffnungslos gemacht hat, war, als ich vor ein paar Jahren auf einer Veranstaltung den Eindruck hatte, dass mein ganzes ehemaliges politisches Umfeld jetzt bei der Staatsantifa ist – und dafür wesentliche Standpunkte aufgegeben hat. Beim näheren Hinsehen waren es nicht alle, das hat mir wieder mehr Halt gegeben.

Anatol: Mir gibt es Hoffnung, wenn mal was klappt. Das kann eine verhinderte Abschiebung sein oder ein Großereignis wie der Protest gegen den G20 in Hamburg. Das muss kein riesen Erfolg sein, aber mitzukriegen, dass man gemeinsam was hingekriegt hat, das sind Momente, die mir Mut machen.

Toivo: Bei mir sind es historische Beispiele – ich habe z. B. über den spanischen Bürgerkrieg gelesen, da gab es Erfahrungen von Solidarität und Kollektivität, die kaum zu überschätzen sind. Auch wenn die Sache am Ende ja gar nicht erfolgreich war, trotzdem kann man da ganz viel Kraft daraus nehmen.

Jesaja: Mein Vater war in Nicaragua in den 1980er-Jahren. Dass da eine Revolution geklappt hat, war für mich damals eine Geschichte, die mir viel Mut gemacht hat. Auch wenn da später nicht viel Gutes bei rausgekommen ist.

Ümit: Rein analytisch gesehen ist jeder Fatalismus gerechtfertigt. Die Verhältnisse legen tatsächlich nahe, dass wir nicht viel ausrichten können, dass der Kapitalismus siegt. Dem kann man sich ergeben. Trotzdem sehe ich, dass Leute, denen es viel schlechter geht als mir, sich nicht ergeben – dass sie dafür kämpfen, dass es für sie selbst und für andere Leute besser wird. Wenn man da immer beharrlich dabei bleibt, dass alles nichts bringt, kann keine kollektive Kraft entstehen, deswegen glaube ich schon, ein Stück Befreiungsmythos und messianische Bilder sind wichtig. Auch, damit ich selbst nicht die Hoffnung verliere.

Kaputtstreiken, den Laden übernehmen oder irritieren – Linksradikale im Betriebsrat

Nicht nur ist man auf einmal Proletarier_in, manchmal sind Linksradikale auch so angefressen vom Arbeitsalltag, dass sie einen Betriebsrat gründen, obwohl man eigentlich ja den Kapitalismus abschaffen statt regulieren möchte. Die Lirabelle sprach mit zwei aktiven und einem ehemaligem Betriebsrat über die Grenzen und Möglichkeiten betrieblicher Kämpfe.

Könnt ihr euch und euren Betrieb kurz vorstellen?

Rostbratwurst: Ich habe elf Jahre bei einem Bio-Großhandel gearbeitet. Der Laden war früher eher von wenigen Bioidealisten getragen. Irgendwann ist der Betrieb sehr stark gewachsen, damit haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert und es kam die Idee auf, einen Betriebsrat zu gründen. Ich hatte eigentlich keinen Bock auf ver.di, weil ich auch immer mal was mit der FAU gemacht habe. Trotzdem habe ich mich am Betriebsrat beteiligt, damit der Laden cool bleibt. Daran habe ich mir die letzten Jahre die Zähne ausgebissen. Es hat sich nichts verbessert, es wurden Nazis eingestellt und letztlich sogar einer in den Betriebsrat gewählt. Deswegen bin ich zurückgetreten und habe wegen der ganzen Situation letztlich auch gekündigt. Ich habe mich viele Jahre in linksradikalen Zusammenhängen bewegt, bin aber derzeit etwas resigniert und koche eher mein eigenes Süppchen.

Brätel: Ich arbeite in einer gemeinnützigen GmbH mit ca. 500 Angestellten. Die Firma bietet jede soziale Dienstleistung an, für die sie einen Kostenträger findet. Es gibt keinen Tarifvertrag, sondern ausschließlich einzelvertragliche Verhandlungen, sodass es üblich ist, dass Angestellte das Doppelte verdienen wie andere, die dieselbe Tätigkeit machen. Ich bin dort als Betriebsrat teilweise freigestellt. Außerdem bin ich seit etwa 15 Jahren Teilnehmer und Mitveranstalter von Lesekreisen, Theoriezirkeln und Agitationsveranstaltungen, die sich dem Inhalt und der Form nach weitgehend am GegenStandpunkt orientieren.

Senf: Ich arbeite bei einem europaweit agierenden E-Commerce-Unternehmen, das über das Internet Waren verkauft. Ich bin dort im Betriebsrat eines vergleichsweise kleinen Standorts, wo wir mit einigen Dutzend Leuten die Webseite bestücken. Ich ordne mich als Linksradikalen ein und komme aus der ideologiekritischen antideutschen Antifaszene.

Wie ist es dazu gekommen, dass ihr in die betriebliche Mitbestimmung eingestiegen seit?

Brätel: Der Betriebsrat ist vor etwa sechs Jahren als Initiative von Kollegen eines einzelnen Standorts in die Welt gekommen. Denen war damals gar nicht klar, wie viele Einrichtungen zu der GmbH gehören. Zu Beginn war es dann auch nur der Betriebsrat eines Standorts. Mittlerweile ist es uns gelungen, die Vertretung auf weitere Standorte auszudehnen. Mit einem zweiten Teilbetriebsrat zusammen vertraten wir bis vor Kurzem ca. 2/3 der Gesamtbelegschaft. Mein eigenes Engagement für einen Betriebsrat war vor allem meinem Interesse geschuldet, beobachten zu können, wie Betriebsratsarbeit funktioniert. Als es fraglich wurde, ob sich überhaupt ausreichend Leute für einen Betriebsrat aufstellen lassen, sollte das Zustandekommen nicht an mir scheitern und ich ließ mich selbst wählen. Nach wie vor ist meine Hauptmotivation zu verstehen, wie die Interaktion von Belegschaft, Betriebsrat und Geschäftsleitung funktioniert. Zudem habe ich als Betriebsrat besonderen Kündigungsschutz, die Möglichkeit an Schulungen teilzunehmen und eine zeitweilige Freistellung, die mir für das Haushalten mit den eigenen Kräften ganz gut tut. Darüber hinaus bedeutet die Existenz des Betriebsrates auf Grund der Freistellungen zusätzlichen Personalbedarf der Firma, der Leuten zugute kommt, die mir am Herzen liegen.

Senf: Für mich stand zuerst die Gehaltsfrage im Zentrum, auch wenn dies nur mittelbar ein Thema des Betriebsrates ist. Dazu kamen viele Detailfragen: Urlaubsgrundsätze, die Überwachung im Betrieb, die ständigen Versuche, das Arbeitstempo zu steigern, der nervige Umgang mit Überstunden. Viele solcher Detailfragen haben sich summiert und unsere Einschätzung war, dass wir mit der Betriebsratsarbeit etwas bewirken können, deswegen sind wir aktiv geworden.

Rostbratwurst: Ich fand die Vorstellung, als Arbeitnehmer Einfluss zu haben, grandios und habe deswegen bei der Gründung des Betriebsrats vor einigen Jahren mitgemacht. U.a. auch, weil es eine Schwesterfirma in Westdeutschland gibt, die einen Haustarifvertrag haben und übertariflich bezahlen. Mit denen sind wir damals in Kontakt getreten und waren schnell auf dem Stand, dass wir hier auch eine Mitarbeitervertretung brauchen.

Hat der Betriebsrat was verändert?

Rostbratwurst: Eher hat sich die Situation verschärft, je mehr man versucht hat, etwas zu erreichen. Z.B. hatten wir die Situation, dass Leute rausgeworfen werden sollten, weil sie zu oft krank waren – das wurde früher sehr informell gehandhabt. Wir haben dann eine Betriebsvereinbarung zu Krankschreibungen erstritten. Dann wurden auf Grundlage dieser Vereinbarung Abmahnungen verteilt, die am Ende auch auf Entlassungen hinausliefen.

Brätel: Marginale Veränderungen hat es bei uns gegeben. Es gibt jetzt Transparenz bei der Verteilung von Stellen. Es wurden ein paar Abmahnungen verhindert. Und wir versuchen dem Arbeitgeber Kündigungen so schwer wie möglich zu machen. Bei Sonderzahlungen achten wir darauf, dass keine Leute unter den Tisch fallen. Wenn Arbeitsplätze verändert werden, versuchen wir, dass es für die Mitarbeiter möglichst wenig unangenehm wird usw. Aber was man substantiell rausholt, ist trotzdem wenig.

Senf: Zum Teil ändern sich die Sachen ab dem Zeitpunkt, ab dem es einen Betriebsrat gibt. Es ändern sich die Kündigungsbedingungen, die Rücksicht des Arbeitgebers gegen die Belegschaft, Personen können zu Personalgesprächen begleitet werden durch den Betriebsrat, und und und. Das ist ein ganz anderes Gefühl, wenn du dort mit jemandem vom Betriebsrat sitzt und nicht allein gegenüber von zwei, drei Vorgesetzten. Trotzdem ist es im Moment schwer abzusehen, wieviel wir erreichen können. Wir sind mit einem harten Thema eingestiegen: Es gibt ein neues Entgeltmodell, das stärker an der Leistung des Einzelnen orientierte Bezahlung möchte. Dadurch wird der Druck auf die Beschäftigten noch weiter erhöht und es benachteiligt Menschen, die aus bestimmten Gründen eben weniger leisten können als andere. Das wollen wir als Betriebsrat nicht. In der Frage steht aber ein Teil der Belegschaft und der Arbeitgeber gegen uns.

Wie ist denn euer Verhältnis zur Belegschaft?

Senf: Man kämpft zum Teil gegen seine eigene Belegschaft, weil sie ihre eigenen unmittelbar-individuellen Interessen sehen, sich als etwas Besseres wähnen und vielleicht verstehen sie auch den Gegensatz der Interessen, der zwischen dem Unternehmen und ihnen selber liegt, nicht. Die glauben dem Unternehmensnarrativ, dass sie Teil eines aufstrebenden Unternehmens sind, dass sie selbst davon profitieren. Dass die Löhne nicht wirklich steigen, sehen sie nicht.

Brätel: Im sozialen Bereich findet man oft Mitarbeiter, die aus Verantwortungsgefühl gegenüber dem Klientel Verschlechterungen oder Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Das ist sehr stark moralisch verinnerlicht, teilweise auch im Betriebsrat selbst. Daher werden dann Auseinandersetzungen von vielen stark gescheut. Und der Arbeitgeber verlässt sich natürlich darauf, dass die Mitarbeiter ein Herz für ihre Klienten haben. Wenn z.B. Mitarbeiter ausfallen, lässt man sich bei Stellennachbesetzung Zeit, in dem festen Bewusstsein, dass die Arbeit schon nicht liegen bleibt.

Rostbratwurst: Das gab es zu früheren Zeiten durch diesen Bio-Idealismus auch im Großhandel. Später aber eher nicht mehr. Da fanden schon mehr Leute blöd, wie das lief.

Brätel: Die Mehrzahl der Mitarbeiter ist unzufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen und ihrem Entgelt, kommt aber über das Mosern nicht hinaus. Bei der Frage, wie der Betriebsrat in die Auseinandersetzung geht, orientiert er sich an der Belegschaft, beraumt Betriebsversammlungen an und stellt vor, welche Möglichkeiten es gäbe. Wenn aber z.B. die Gewerkschaftsvertretung dem Arbeitgeber das Bekenntnis entlockt, dass er Jedem individuell den geringstmöglichen Lohn zahlt, sorgt das in der Versammlung zwar für Empörung, zu einem wie auch immer gearteten Vorgehen dagegen lässt sich allerdings nahezu niemand bewegen. Ohne die Belegschaft im Rücken fasst dann auch der Betriebsrat die wenigen materiellen Kampfmittel, die es möglicherweise gäbe – z.B. langwierige juristische Auseinandersetzungen – nicht an.

Rostbratwurst: Bei Betriebsversammlungen hat es bei uns auch manchmal geknallt. Die Biobranche argumentiert gerne damit, dass sie so fair zu den Produzenten ist, da ist es ein bisschen komisch, dass man davon im Betrieb nichts merkt. Das wird als schlimm empfunden. Aber trotzdem war die Belegschaft gespalten zwischen denen, die vom Betriebsrat erwarten, dass er ihre Interessen vertritt und denen, die denken, dass sie individuell besser durchkommen.

Senf: Im E-Commerce-Bereich ist das sehr stark. Du duzt deinen Chef und dir wird vorgemacht, dass du auf Augenhöhe stehst, doch die Hierarchien bestehen fort. Die Leute hinterfragen nicht, warum sie so wenig verdienen und ihr Chef wesentlich mehr – wobei sie das vermutlich nicht wissen. Dahinter steht eine Ideologie der totalen Identifikation, eine Einheit der Interessen – der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist nicht wahrnehmbar für die Leute. Von der Logistikabteilung – das ist ein wesentlich größerer Standort als unserer – werden Geschichten erzählt, wie sich die Leute zur morgendlichen Teambesprechung zusammenfinden und rufen „Wir sind ein Team!“ Das hat schon fast Sektencharakter. Bei uns ist das nicht so platt, aber die Leitung versucht gezielt, den zentralen Interessengegensatz des Arbeitsverhältnisses zuzuschütten. Die Idee der einfachen Beschäftigten, sich für gemeinsame Interessen zu organisieren, gibt es daher kaum. Es gibt eher die Tendenz, sich für was Besseres zu halten als die unqualifizierten Leute im Lager. Aber die Leute im Lager verdienen mittlerweile besser, weil sie viel eher geschnallt haben, dass sie eine Interessenvertretung, einen Betriebsrat, brauchen.

Es gibt eine ideologiekritische Position, in der eine gewisse Verachtung für Umverteilungsfragen mitschwingt. Ist es konterrevolutionär, für mehr Lohn einzutreten?

Senf: Ich teile das nicht und halte das nicht für eine ideologiekritische Position. Betriebsratsarbeit ist eine Selbstverteidigung auf sozialer Ebene. Man kämpft für sein eigenes Auskommen – das muss auch einem Ideologiekritiker gelegen sein. Die Frage ist, was ist der Umkehrschluss? Bedeutet das, wenn man die Leute von der Forderung zur Umverteilung abbringt, dass sie automatisch das Wesen der Produktionsordnung erkennen und dagegen aufbegehren? Machen die Verelendeten dann die soziale Revolution und erkennen, dass die Produktion anders organisiert werden muss? Das sehe ich nicht. Darauf kommen die Leute nicht ohne Weiteres. Was den Leuten viel näher liegt, ist die Suche nach schuldigen Personen statt nach dem anonymen gesellschaftlichen Verhältnis, das die Schuld trägt, und das ist ganz problematisch. Dann kommt man schnell dazu, im Logistikzentrum das Problem in „den Polen“ auszumachen, die angeblich mehr rumstehen und das gleiche verdienen oder in geheimen Mächten, die „uns“ klein halten. Dann lieber mit klarsehenden Augen für die Umverteilung eintreten und darüber hinaus klarmachen, dass das nicht alles ist.
Seht ihr Möglichkeiten, wie eine linksradikale Bewegung betriebliche Kämpfe unterstützen kann?

Brätel: Ich habe kein politisches Interesse an der Unterstützung betrieblicher Kämpfe; sehe das radikal Linke nicht an Kämpfen, deren Ziel innerhalb des Lohnsystems liegt.
Rostbratwurst: Ich sehe Potential da, wo man an die Kunden geht. Mit der Bio-Banane kauft man sich ja ein bisschen ein gutes Gewissen, das kann man schon etwas stören, wenn man deutlich macht, wie mies die Arbeitsbedingungen in dem Bereich sind.
Senf: Ich sehe da Möglichkeiten. In Leipzig gibt es beispielsweise den Amazon-Logistik-Standort. Dort streiken die Arbeitnehmer für die Aufnahme von Tarifverhandlungen, wogegen sich der Arbeitgeber weigert. Dort gibt es ein Streikbündnis, das die Belegschaft unterstützt. Die Frage ist, was bringt das aus einer linksradikalen, ideologiekritischen Sichtweise? Das müsste man sich mal genauer anschauen. Ich denke, dass eher die Umverteilungsfrage behandelt wird und die Unterstützung von Arbeitern durch ein studentisch geprägtes Bündnis. Eine Kooperation von Studenten und Arbeitern – das ist nicht der Beginn der Barbarei, aber auch nicht der Kommunismus.

Wir haben bis jetzt eher darüber gesprochen, welche Möglichkeiten euch eure Funktion in der betrieblichen Interessensvertretung gibt. Wie seht ihr denn als radikal Linke oder Marxist_innen die Möglichkeiten betrieblicher Kämpfe?

Rostbratwurst: Da gibt es sicher Möglichkeiten, aber garantiert nicht über den Betriebsrat und das Betriebsverfassungsgesetz. Um wirklich was zu erreichen, bräuchte es ganz andere Strukturen.

Brätel: Meine politische Arbeit zielt darauf, Menschen darin zu irritieren, die Lebensbedingungen, die ihnen von Staat und Kapital beschert werden, für selbstverständlich zu halten. Es geht darum, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, über die schädlichen gesellschaftlichen Zwecke aufzuklären, im Setzen darauf, dass die Menschen sich die begriffenen Zustände nicht mehr bieten lassen wollen und sich letztlich ein sozialistisches Miteinander erkämpfen. Kämpfe im und um den Betrieb sind daher vor allem erst einmal zu kapieren und den darin materiell und nur allzu oft geistig Befangenen zu erklären. Das Aufgreifen konkreter Unzufriedenheiten z.B. im Betrieb, zu deren Rückführung auf das Privateigentum als ihren Grund ist dafür zwar unerlässlich, aber im Rahmen der (Betriebsrats-)Arbeit praktisch nicht zu leisten. Zu haben sind bei Kollegen inner- und außerhalb des Betriebsrates manchmal kleine Irritationen, mit denen man zum Themenwechsel einlädt. Im beabsichtigten Sinne politisch produktiv werden diese nahezu nie.

Senf: Für eine emanzipatorische linksradikale Praxis kann man als Betriebsrat relativ wenig tun. In Gesprächen kann man versuchen klarzumachen, dass Arbeit ein Ausbeutungsverhältnis ist und man ein anderes Interesse hat als das Unternehmen, das einen ausbeutet. Weiter, was Ausbeutung ist und dass das keine Selbstverwirklichung ist, dass man sich vieles ein- bzw. schönredet. Man ist aber schnell ein Rufer in der Wüste. Trotzdem habe ich viele Kollegen schätzen gelernt, was ich als Student nicht gedacht hätte. Menschen, die sich nicht als Linke verstehen und sich doch offen zeigen für Einsicht, Aufklärung, Argumente und Kritik. Aber auch das Gegenteil: Leute, die total verbohrt und verschlagen sind und nur ihr Eigeninteresse sehen – quasi die eigenen Kollegen, die bereit sind, die eigene Großmutter für 20 Euro mehr Brutto zu verkaufen. Trotz alledem bleibt Solidarität wichtig. Wenn sich die Belegschaft weiter auseinanderdividieren lässt, kämpft am Ende jeder noch für sein Einzelinteresse, sein individuelles Fortkommen – mehr als das jetzt schon der Fall ist. Denen ist dann egal, ob jemand seine Leistung nicht bringt, weil er krank ist oder dessen Kind und deshalb Nachteile zu befürchten hat. Sich nicht darum zu scheren, was mit dem Nächsten ist – das ist die Grundhaltung eines potentiellen Faschisten. Das ist eine gefährliche Situation, wo man mit Arbeitnehmern in Verbindung kommt, die eigentlich keine Nazis sind, aber von denen man wüsste, dass sie in einem noch autoritäreren System klasse funktionieren würden. Dagegen hilft Solidarität, die gleichzeitig hoffentlich Offenheit für widerständiges Denken fördert.
Und was ist mit der Perspektive, die Betriebe irgendwann zu übernehmen oder kaputt zu streiken?

Rostbratwurst: Ich wäre dabei gewesen, den Laden kaputt zu streiken, wenn sich nichts ändert. Aber das war umstritten.

Senf: Das ist so ähnlich bei einem Standort von meinem Unternehmen passiert. Die haben berechtigt die Zähne gezeigt und wurden platt gemacht. Ein paar Kilometer weiter wurde für diesen ein neuer Betrieb aufgemacht, wo es auch einen hartnäckigen Betriebsrat gibt, aber die wissen, was auf dem Spiel steht. Der Konzern ist so flexibel, wenn die heute in Erfurt zumachen, machen die morgen in Weimar wieder auf. Und was die Perspektive, den Betrieb zu übernehmen angeht: Sicherlich muss man irgendwann überlegen, wie man Produktion in einer anderen Gesellschaftsordnung sicherstellt. Ich sehe aber nicht, dass wir aktuell als Belegschaft die Betriebe übernehmen und organisieren. Zumal ich denke, dass der Betrieb, in dem ich arbeite, in einer vernünftigen Gesellschaft ziemlich überflüssig wäre. Wir produzieren Bedürfnisse nach Massenprodukten, die dann meist in irgendwelchen Schränken verstauben, weil das Zeug und in Massen erst recht kein vernünftiger Mensch gebrauchen kann.

Für die Akzeptanz verschiedenster nicht-heteronormativer Lebensweisen

Die AG QueErfurt setzt sich für queere Sichtbarkeit und Akzeptanz verschiedenster nicht-heteronormativer Lebensweisen ein. Die Lirabelle sprach mit Siân und Norman von der Gruppe.

Könnt ihr eure Gruppe kurz vorstellen?

Norman: QueErfurt ist eine Hochschulgruppe an der FH und Uni Erfurt. Unsere Mitglieder sind jedoch nicht nur Studierende und wir richten uns auch nicht nur an Studierende. Wir versuchen, das queere Leben in Erfurt durch Veranstaltungen zu bereichern und uns in verschiedenen Kontexten für queere Menschen einzusetzen. Wobei queer bei uns bedeutet, sich gegen geltende gesellschaftliche Normen zu stellen, politisch oder privat.

Wie steht ihr zur Identitätspolitik des älteren Feminismus, der vor allem für Frauen im engeren Sinne eingetreten ist?

Siân: Der Feminismus hat sicherlich seinen alleinigen Fokus auf Frauen, im Sinne von Cis-Bio-Frauen aufgegeben, aber eine andere Art der Identitätspolitik ist diesem gewichen. Ich meine, es geht nun um verschiedene Gruppen, die verschieden von Diskriminierung betroffen sind und auch Privilegien anderen Gruppen gegenüber haben können. Das ist durchaus eine Weiterentwicklung, da Feminismus so auf die diversen Probleme einer diversen Gruppe eingehen kann. Klar, gibt’s da Futter für Spaltung und Uneinigkeit, aber sonst ignorieren wir schlussendlich wieder spezifische Probleme. Am Ende ist das Ziel eine Welt ohne Identitäten, die mit Diskriminierung oder Privilegien aufgeladen sind, in der Menschen einfach Menschen sind. Bis dahin kommen wir um die Benennung von Identitäten nicht herum. All dies kann am Ende wieder unter dem Banner des Feminismus zusammengefasst werden. Deshalb ist queer für uns auch ein politischer Terminus, dem sich alle Menschen unterordnen können, die gegen eine heteronormative Gesellschaft stehen, also auch polyamore, bi-, pan- und asexuelle. Wir wollen nicht ausschließen, während wir gleichzeitig den Unterschieden innerhalb der Gruppe Raum geben.

Also ist Queer für euch die zeitgenössische Form des Feminismus, Alice Schwarzer, Nancy Fraser und Frigga Haug nur noch eine Erinnerung an alte Zeiten?

Siân: Alice Schwarzer ist Geschichte. Dieser Art Feminismus hat in den 1970er-Jahren unglaublich emanzipatorische Sachen geschrieben, aber das interessiert junge Feministinnen heute nicht mehr. Feminismus ohne Queer geht heute einfach nicht mehr. Gleichwohl sind Frauen – auch wenn das eine Konstruktion ist – immer noch benachteiligt, machen die meiste Reproduktionsarbeit, verdienen weniger und sind mehr sexueller Gewalt ausgesetzt. So lange das so ist, muss es auch sichere Orte für Frauen – und dazu zählen auch Trans-Frauen – geben. Und auch für Männer, die Opfer von Gewalt sind.

Queere Sichtbarkeiten in Erfurt sind rar, es sieht oft so aus, als dominiere der Cis-Hetero-Mainstream. Kann man queer in Erfurt gut leben?

Siân: Der Cis-Heteronormative-Mainstream dominiert definitiv in Erfurt.

Norman: Da muss man vielleicht unterscheiden. Du kannst durchaus gut im Sinne von unbehelligt leben, in den meisten Teilen von Erfurt.

Siân: Ja das stimmt. Ich würde schon aufpassen, wo und zu welcher Uhrzeit ich mich wie verhalte, aber es ist nicht so, dass man überall Angst haben muss. Allerdings gibt es wenige Orte und Events, die sich konkret an queere Menschen oder vor allem queere Jugendliche und junge Leute wenden. Gerade deshalb legen wir auch viel Wert auf Kultur- und Wissensveranstaltungen mit queerem Fokus.

A propos Wissensveranstaltungen. Ich war mal auf einem queeren Camp, bei dem wir in der Vorstellungsrunde unsere Pronomen sagen sollten. Ein älterer Mann aus dem Dorf, wo das Camp stattfand, fragte: „Was ist ein Pronomen?“, was mit Augenrollen quittiert wurde. Ist eine gelingende Queer-Performanz eine Klassenfrage?

Siân: Ich würde eher sagen hier geht es um Bildung und nicht um akademische Bildung. Man braucht keinen BA oder Abitur um zu lernen wie durchtränkt unsere Kultur und Gesellschaft mit dem Konzept der Heteronormativität ist. Man muss nicht studiert haben um zu verstehen was trans* oder bisexuell bedeutet. Die Konzepte sind sehr einfach, aber man kann Menschen oft nicht vorwerfen, wenn sie noch nie davon gehört haben oder nur eine sehr verzerrte, durch die Linse der Heteronormativität präsentierte, Version bekommen haben.

Norman: Man muss einfach nur an unsere eigene Uni hier in Erfurt gehen. Da hatten wir selbst erst Debatten darüber, im Stura aber auch in Kursen und mit Professor*innen, ob es wichtig ist, auf verschiedene Geschlechtsidentitäten einzugehen oder auch nur ungegenderte Sprache zu benutzen. Bildung ist definitiv kein Garant für Verständnis queerer Themen oder queerer Performanz.

Aber nochmal andersrum gefragt: Legt die Queer-Szene nicht zu viel Aufmerksamkeit auf symbolische Politiken und zu wenig auf soziale Ungleichheit?

Siân: Ich persönlich habe mich mit sozialer Ungleichheit nicht viel auseinandergesetzt. Aber eigentlich finde ich alle Unterdrückungsformen gleich wichtig und ich finde es super, wenn Leute, die unterschiedlich diskriminiert werden, zusammenarbeiten. Auch wenn das in unserer Praxis im Moment keine allzugroße Rolle spielt.

In den letzten Jahren entwickelt sich im und an den Rändern des Rechtspopulismus ein neuer Antifeminismus, der auf jede Modernisierung von Geschlechterverhältnissen eindrischt. Nehmt Ihr so was auch in Thüringen wahr? Würdet Ihr das Lehrangebot von Andreas Lindner in Studium Fundamentale der Uni Erfurt in diesen Kontext rücken?

Siân: Wir haben durchaus das Gefühl, dass es eine homophobe, antifeministische Stimmung in Thüringen gibt. Das Lehrangebot von Andreas Lindner ist nur ein Indiz dafür. Die AfD und Höckes Reden tragen auch dazu bei. Bodo Ramelow hat bei der Eröffnung der Hirschfeld Tage im November gesagt, dass statistisch kein Bundesland homophober sei, als Thüringen. Das macht uns Sorgen.

Norman: In Dr. Lindners Veranstaltung sind Abtreibungsgegner aufgetreten sowie Männer die ihrem Publikum erzählten, mit dem Feminismus wär‘s nun auch mal genug. Wir wären quasi bei Gleichberechtigung angelangt. Gleichzeitig erkennen Lindner, wie auch seine Frau, die Psychologin ist, trans* Personen nicht als normale Menschen an.

Siân: Es gab definitiv im Seminar kritische Antworten aus der Studierendenschaft. Und es ist auch gelungen, auf verschiedenen Ebenen an der Uni zu thematisieren, wie unausgewogen und antifeministisch das Seminar war. Woran es genau gelegen hat, können wir nicht sagen, aber am Ende steht fest, dass es im kommenden Semester kein Studium Fundamentale mit Andreas Lindner geben wird. Allerdings muss man auch sagen, dass wir viel Gegenwind für unsere Kritik bekommen haben, was definitiv mit einer verbreiteten antifeministischen und antiqueeren Grundstimmung an der Uni zu tun hat.

Wie erreicht man euch, wenn man mitmachen möchte?

Norman: Erreichen kann man uns über per Email oder über unsere Facebook Seite. Wir freuen uns über neue Leute mit neuen Ideen, Plänen und Vorhaben.

Kontakt: queerfurt@fh-erfurt.de

„… eine Gesellschaft ohne Rassismus und Ausgrenzung“

Von Mitte September bis Mitte Dezember fand in Erfurt die Veranstaltungsreihe „Willkommen in Kanakistan“ statt. Dabei waren İdil Baydar mit ihrer Bühnenfigur Jilet Ayşe, die Ingeborg-Bachman-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo, Mutlu Ergün-Hamaz und viele weitere Künstler*innen und Intellektuelle. Die Lirabelle sprach mit Herrn T. und Frau T., die als VeranstalterInnen der Reihe eine (post-)migrantische Perspektive sichtbar machen wollen.

Im Veranstaltungsprogramm heißt es, Herr T. und Frau T. wollen neue Mitstreiter*innen gewinnen. Habt Ihr den Eindruck, dass euch das gelungen ist?

Frau T.: Ich denke schon, dass wir neue Mitstreiter*innen gewinnen konnten. Das ist ja total interessant eigentlich, wie viele Menschen unsere einzelnen Veranstaltungen besuchen. Vor jeder Veranstaltung bange ich mit Herrn T. gemeinsam, dass wir weniger als 10 Teilnehmer*innen zu Gast in Kanakistan haben. Und bis jetzt wurden unsere Erwartungen bei jedem Mal um ein vielfaches übertroffen. Das Publikum ist auch sehr gemischt. Neben (Post-)Migrantinnenn und (Post-)Migranten kommen viele junge Menschen, aber auch Menschen, die wir von unserem Alter heraus als „Ältere“ bezeichnen würden. Neben den „üblichen Verdächtigen“, die sich mit (post-)migrantischen Perspektiven bereits beschäftigt haben, kommen auch Menschen, für die das Thema neu ist.

Herr T.: Wir haben mit unserer Veranstaltungsreihe einen Nerv der Menschen getroffen…und das wir das geschafft haben, beflügelt uns sehr… Den Menschen, die mit (post-)migrantischen Perspektiven nichts anfangen können, versuchen wir unsere Themen näher zu bringen, wir versuchen unsere Themen in das Herz Thüringens reinzutragen. Wir wollen aber auch (Post-)Migrant*innen, die in Thüringen leben, zumindest für paar Stunden in einem belebten Ort einen geschützten Raum bieten.

Wollt ihr kurz erläutern, was „(post-)migrantisch“ bedeutet?

Herr T.: Es gibt verschiedene Begriffe, die Menschen oder Menschen, deren Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern etc. nach Deutschland migrierten, bezeichnet. Das statistische Bundesamt etablierte die Bezeichnung „Mensch mit Migrationshintergrund“. Aber es gibt viele Bezeichnungen, die diese Gesellschaftsgruppe beschreiben: Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit Migrationserfahrung, P.O.C., Schwarze, Jüdinnen und Juden, Kurdinnen und Kurden, Muslima und Muslime u.v.m. Es geht bei dieser Bezeichnung um Ausgrenzungs- und Rassismuserfahrung.

Frau T.: Uns ging es bei der Verwendung des Begriffes „(post-)migrantisch“ darum, dass es sehr weit gefasst sein soll, damit so viele Menschen sich davon angesprochen fühlen wie möglich. In dem Begriff steckt also einerseits die Bezeichnung von einer Gruppe, aber parallel stellt er diesen auch in Frage. Also wann ist „nach der Migration“? Wann beginnt man z.B. den Menschen, den Migrationshintergrund abzusprechen bzw. wann ist er nicht mehr relevant? So bezieht sich in unseren Augen diese Bezeichnung auf die Menschen, die durch andere als „fremd“, als „Ausländer“ bezeichnet werden.

Wir machen uns bei der Reihe auf den Weg nach Kanakistan. Wo liegt dieses Kanakistan?

Frau T.: Kanakistan ist unsere Sehnsucht nach Gleichberechtigung. Kanakistan ist ein Ort, das keine physische Grenzen und nicht an Boden gebunden ist. Kanakistan ist eine Kunstfigur. Gleichzeitig transkodieren wir den Begriff „Kanake“, indem wir „Kanakistan“ verwenden. Wir reißen das Wort aus seiner pejorativen, beleidigenden Konnotation und eignen uns ihn an. Wir besetzen ihn wie die zentralen Orte unserer Veranstaltungsreihe. Unsere Veranstaltungen sind keine Wohlfühlveranstaltungen…sie sind zwar auch lustig und unterhaltsam, aber uns geht es um viel mehr als ein paar nette Lesungen in Erfurt zu organisieren.

Herr T.: Zudem wollen wir mit dem Titel „Willkommen in Kanakistan“ uns an die ganzen Diskussionen zur Willkommenskultur anschließen. Es ist nicht getan mit Spenden sammeln und freundlich die Hand geben und streicheln. Damit will ich nicht die Arbeit der Hilfsbereiten Menschen schlecht reden. Sie haben die humanistische Seite dieser Gesellschaft gezeigt. Diese Arbeit ist auch wichtig. Nun ist aber auch die Zeit gekommen bzw. wir haben auch damit schon zu lange gewartet, den Kuchen aufzuteilen. Migrantinnen und Migranten leben nicht seit wenigen Jahren hier. Die (Post-)Migrant*innen haben dieses Land mit aufgebaut zu einem sehr großen Preis. (Post-)Migrant*innen haben jede Krise in diesem Land mit verfolgt, Sie haben die Ölpreiskrise, das Oktoberfestattentat und Naturkatastrophen miterlebt. Wir wollen, dass den Menschen, die hier leben oder nach Deutschland migrieren müssen, die gleichen Rechte gegeben werden. Wir wollen, dass eine wahrhafte Diskussion über Rassismus, Alltagsrassismus, institutionellen Rassismus geführt wird. Wir wollen, dass eine wahrhafte Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte stattfindet. Wir sind keine Bittsteller. Wir bereichern dieses Land, alleine schon dass wir hier leben. (Post-)Migrant*innen müssen nicht ein Kunststück beherrschen oder einen Mehrwert erbringen, damit sie als vollwertige Bürgerinnen und Bürger in dieser Gesellschaft und von diesem staatlichen System anerkannt werden. Wir nehmen in den verschiedenen (post-)migrantischen Perspektiven eine emanzipierte Position ein. Wir fordern und wir besetzen, symbolisch zentrale Orte in der Stadt. Mit jeder Veranstaltung kommen unsere Teilnehmereinnen und Teilnehmer zu uns nach Kanakistan.

Nun unterscheidet sich Erfurt oft noch sehr von Kanakistan. Herr T. und Frau T. werden angestarrt, Jugendliche tuscheln an der Straßenbahnhaltestelle. Wollt Ihr etwas dazu sagen, wie das Leben in Erfurt für euch ist?

Frau T.: Erfurt ist auch wie jeder andere Ort, wo Rassismus und Ausgrenzung spürbar ist. Zwei Unterschiede gibt es allerdings schon zu beispielsweise größeren Städten in Deutschland. Zum einen ist es das fehlende Bewusstsein eines großen Teils der Bevölkerung, dass es in der Gesellschaft eine kulturelle, ethnische oder religiöse Heterogenität gibt und zum anderen gibt es hier nicht im ausreichenden Maße geschützte Räume für (Post-)Migrant*innen, POCs oder Schwarze Menschen. In anderen größeren Städten findet man viele homogene transkulturelle Räume, wie beispielsweise die Keupstraße oder Mühlheim in Köln oder Kreuzberg in Berlin, wo man sich als (Post-)Migrant*in zurückziehen kann. In Erfurt gibt es solche Räume nicht. Es gibt diese Räume nur durch soziale Beziehungen. Bei jedem Treffen bilden Herr T. und ich solch einen geschützten Raum. Und mit den Veranstaltungen von Kanakistan versuchen wir auch für wenige Stunden solch einen Raum zu schaffen.

Ist die radikale Linke, z.B. das Bündnis „Grenzen abschaffen“, eine potentielle Reisegefährtin auf dem Weg nach Kanakistan? Können Veranstaltungen wie der antifaschistische/antirassistische Ratschlag Zwischenhalte sein?

Frau T.: Generell verfolgen wir ja die selben/ähnliche Ziele, eine Gesellschaft in der alle akzeptiert sind so wie sie sind. Daher ist eine Reisebegleitung durchaus vorstellbar. Allerdings ist auch die Reisebegleitung mit manchen Bündnissen, Initiaitiven, Akteuren oder Gruppierungen nicht so ohne weiteres möglich. Wir sehen noch einige Mängel. Wir sehen, dass die Bündnisse weiß-deutsch dominiert sind. Meist werden Positionen vertreten, die aus einer privilegierten Ausgangssituation heraus formuliert werden. Hier fehlen die (post-)migrantischen Perspektiven.

Herr T.: Wir wollen beispielsweise eine politische und gesellschaftliche Teilhabe in allen Bereichen, in allen Ebenen in diesem System. In vielen linken Kontexten wird das System oder verschiedene Institutionen negiert. (Post-)Migrant*innen haben meistens nicht den Luxus das System zu negieren, weil sie schon bei ihrer Anerkennung von der Gesellschaft oder durch den Staat scheitern. Deswegen fällt es uns sehr oft auch schwer manche Positionen zu vertreten bzw. linken Gruppen fällt es schwer unseren Ansichten zuzustimmen oder zu unterstützen. Zudem werden von manchen linken Gruppen auf Flyer oder Demobeiträgen antimuslimischer Rassismus vertreten bzw. reproduziert. Solche Gruppen können wir selbstverständlich nicht als Begleiterin im Sinne unserer Anliegen anerkennen.

Ihr bereitet die Veranstaltungsreihe in einer (post-)migrantischen Gruppe vor? Wieso?

Frau T.: Die Tatsache, dass es noch keine Gruppe oder ähnliches in Erfurt gibt, die sich in dieser Art mit (post-)migrantischen Themen beschäftigt und auch so offensiv in die Öffentlichkeit geht, ist ein Grund. Es ist wichtig Themen wie Diskriminierung, Rassismus und Empowerment als Themen der Gesellschaft anzuerkennen und sie auch dort zu diskutieren.

Herr T.: Also die Gruppe ist derzeit ein Duo, also Frau T. und ich, die die Reihe konzipiert hat, organisiert und plant. Wir haben auch Freundinnen und Freunde, die uns bei der Umsetzung der Reihe helfen. Ohne sie wäre die Umsetzung nur schwierig möglich. An dieser Stelle danken wir ihnen auch. Wir sehen die Früchte unserer Arbeit und deswegen können wir uns auch perspektivisch gut vorstellen, dass Kanakistan fortbesteht. Wenn sich Interessierte finden, die eine emanzipierte Sicht auf eine postmigrantische Gesellschaft haben und auch die eigene Stellung in der Gesellschaft reflektieren, dann kann unsere Arbeit in verschiedenen Formaten fortgesetzt werden. Denn wir wollen auch weiterhin unsere geistigen Molotowcocktails werfen, um Denkanstöße zu bewirken. Wir wollen eine postmigrantische Gesellschaft ohne Rassismus und Ausgrenzung. Uns ist bewusst, dass wir diese Gesellschaft nicht sofort ändern können, es ist ein langer Weg bis dahin. Mit Impulsen können wir Samen streuen, die vielleicht auch keimen.

Wir wünschen euch viel Erfolg dabei.

Bildet Banden!

Kollektivbetriebe versuchen, innerhalb des kapitalistischen Rahmens anders zu wirtschaften. Die Lirabelle sprach mit Mitgliedern des Baustellenkollektiv Contrust, des sogenannten Bildungskollektivs und des Datenkollektivs darüber, wie das funktionieren kann und an welche Grenzen die Kollektivist@s stoßen.

Bau-, Daten-, Bildungskollektiv – wie sehen denn eure privaten Rechner, Bildungserfahrungen und Häuser aus?

Dattel Datenkollektiv: Privat nutzen wir das, was wir sonst auch empfehlen: Solide, gebrauchte Hardware zumeist mit Debian Linux als Betriebssystem. Daneben gibt’s in unseren Reihen auch eine Spielernatur, die sozusagen auch immer mal auf der dunklen Seite – also im Microsoft-Universum – unterwegs ist. Daneben gilt unser Interesse auch Kleinrechnern: dem Raspberry Pi als Multimediaplayer, dem WLAN Router mit alternativer Firmware als Freifunk-Knoten, dem mit Rockbox getunten MP3-Spieler.

Conifere Contrust: Unterschiedlich. Tendenziell Thinkpad mit Linux und Verschlüsselung.

Birne Biko: Gibt‘s bei uns auch. Und was Bildung angeht, haben alle jüngeren bei uns studiert und sind auch teilweise noch an der Uni. Einen bildungsbürgerlichen Familienhintergrund haben aber nur wenige von uns.

Conifere: Bei uns sind Studierte dabei, die aber auch mit den Händen arbeiten möchten. Die optimale Form wäre, beides zu kombinieren, aber im Moment beschränkt sich die geistige Arbeit bei uns auf Buchhaltung und anderen Bürokram. Und wir wohnen ganz verschieden. Einige leben zusammen in einem Hausprojekt, andere sind gerade auf der Suche nach einem Haus, dass man kollektivieren kann, manche leben auf dem Wagenplatz oder in einer normalen Mietswohnung.

Die Lirabelle arbeitet mit einer halboffenen Redaktion, die im Konsens entscheidet. Wie seit Ihr organisiert?

Conifere: Wir sind ca. 20 Aktive und nochmal soviele Interessierte. Wir organisieren uns bei regelmäßigen Treffen und über ein Internetforum. Wir entscheiden auch im Konsens. Auf einen klassischen Betrieb mit einem hierarchischen Aufbau von oben nach unten haben wir keinen Bock.

Birne: Wir haben einen eingetragenen Verein, weil man den braucht, um bestimmte Anträge stellen zu können. In der Satzung steht, dass wir im Konsens entscheiden. Aber wichtiger als die Rechtsform ist das Biko als Gruppe. Wir treffen uns alle zwei Wochen zum Plenum. Dort entscheiden wir, welche Veranstaltungen und Aktionen wir planen, wer Inhalte erarbeitet, Anträge schreibt, Abrechnungen macht usw. Wir sind in der Kerngruppe momentan sieben Menschen, dazu ein Umfeld. Auch wir entscheiden im Konsens. Grundsätzlich wollen wir gerne vieles kollektiv machen, oft gelingt es uns aber nur, dass wir im Plenum rücksprechen, was die einzelnen gerade machen. Zwei von uns haben gerade eine unsichere und schlecht bezahlte Stelle beim Verein.

Dattel: Wir haben lange über die Frage der Rechtsform nachgedacht und haben dann vorerst eine simple Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet. An mancher Stelle hat sich das als suboptimal herausgestellt – aber andererseits haben wir auf diese Weise auch allerhand geschafft. Entscheidungen treffen wir bei unseren wöchentlichen Zusammenkünften oder auf Zuruf. Da wir im Moment nur zu dritt sind ist das auch ok so.

Conifere: Jede Rechtsform hat Vor- und Nachteile. Ein Verein ist aufgrund der einfachen Auflösbarkeit wenig angesehen bei Banken. Eine GbR hat keine Haftungsbeschränkung. Eine Genossenschaft kommt unserer Vorstellung am nächsten. Allerdings erfordert das einen hohen Verwaltungsaufwand. Nach unseren Recherchen gibt es in Deutschland keine Rechtsform in der mensch sich ohne großen Verwaltungsapparat gleichberechtigt und frei organisieren kann.

Ist so ein Kollektiv auch über die Arbeit hinaus ein sozialer Zusammenhang?

Conifere: Na klar. Einige von uns kennen sich schon sehr lange, wohnen zusammen und fahren auch zusammen in Urlaub oder auf Anti-Nazi-Proteste.

Dattel: Wir feiern zusammen und sind teils auch noch in anderen Zusammenhängen gemeinsam aktiv. Urlaub machen wir nicht zusammen, auch weil immer wer schauen muss, dass die Systeme rund laufen, Sicherheitsupdates eingespielt und zumindest die dringendsten Anliegen bearbeitet werden.

Birne: Wir gehen in unregelmäßigen Abständen zusammen essen und machen ein oder zweimal im Jahr eine längere Klausur, die wir mit einem gemeinsamen Ausflug verbinden.

Wie geht ihr damit um, dass Leute unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen oder Kenntnisse haben? Gibt es dann am Ende doch die Leute, die den Ton angeben oder zumindest mehr zu sagen haben als andere?

Birne: Unsere Gründungsgeschichte ist zum Teil, dass wir uns selbst gegenseitig bilden wollten. Aus einem Bewegungshintergrund. Insofern haben wir einen starken Anspruch, Wissen untereinander zu teilen. Praktiziert wird das, indem wir z. B. Veranstaltungskonzepte weitergegeben und überarbeiten, uns gegenseitig bei der Planung und Antragstellung unterstützen, den Praktikant_innen immer zwei Leute zur Seite stellen, die inhaltlich und sozial helfen sollen, im Kollektiv klar zu kommen. Es ist aber nicht immer leicht, den Anspruch zu erfüllen.

Conifere: Wissenshierarchien wird es immer geben. Wir versuchen voneinander zu lernen, indem wir Workshops machen und Aufgaben rotieren lassen.

Dattel: Was das angeht, ist gerade IT ein schwieriges Feld, weil es voraussetzungsreich ist und die Bereiche so vielfältig sind, dass nicht alles Wissen leicht geteilt werden kann. Wir arbeiten mit unterschiedlicher Intensität an verschiedenen Projekten, entsprechend unterschiedlich ist der Einfluss aufs Ganze. Konflikte gibt’s eher um Arbeitsweisen als um die inhaltliche Ausrichtung unserer Arbeit.

Birne: Wer beim Plenum Dinge entscheiden kann, ist schon eine heikle Frage. Da gibt es bestimmt informelle Hierarchien und sei es nur darüber, wer wie hartnäckig argumentiert. Gerade für neue Mitstreiter_innen sind die Plena oft schwer zu durchschauen, auch weil wir oft eine lange Tagesordnung und eingespielte Routinen haben. Aber wir versuchen da wie gesagt aktiv gegenzusteuern.

Hat das auch mit Geschlechterverhältnissen zu tun?

Birne: Sicherlich. Obwohl wir inhaltlich klar feministisch ausgerichtet sind, ist es leider so, dass diejenigen, die nach einem Praktikum oder Projekt auf Dauer beim Biko geblieben sind, fast immer Männer waren. Da hätten wir besser von Anfang an aktiv gegengesteuert.

Conifere: Wir sind sehr gut aufgestellt, was die Geschlechterverteilung anbelangt. Bei der aktuellen Baustelle arbeiten von 13 Leuten 8 Frauen und LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender). Es wurde beim Anwachsen des Kollektivs immer darauf geachtet, dass möglichst viele Frauen eingeladen werden, da im handwerklichen Bereich schnell ein extremes Ungleichgewicht entstehen kann.

Ihr organisiert euch rund um eine wirtschaftliche Tätigkeit. Was bedeutet das für eure Arbeit und für die Leute, die bei euch arbeiten?

Birne: Wir haben einen Honorarsatz für Veranstaltungen, den wir regelmäßig diskutieren. Diejenigen von uns, die über genügend Einkommen verfügen, spenden an den Verein, was uns in geringem Maße erlaubt, umzuverteilen. Das passiert aber anlassbezogen und ohne langfristige Planung. Viel organisatorische Arbeit im Hintergrund findet unentlohnt statt und man darf nicht vergessen, dass die meisten von uns nicht vom Biko leben.

Conifere: Wir wollen sowohl Bauarbeit als auch Planung bezahlen. Fahrtkosten legen wir um. Die Diskussion über eine interne Umverteilung nach individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen ist noch im Gange. Auf lange Sicht wollen zumindest einige von uns vom Bauen leben.

Birne: Darüber diskutieren wir oft. Einerseits wäre es schön, von der Bildung leben zu können, andererseits schätzen wir das Biko gerade als Struktur, wo man eben nicht die Inhalte dem anpassen muss, was gerade gefördert wird.

Dattel: Wir können und wollen nicht alles, was wir tun, monetär bewerten. Das ist ja gerade der Freiheitsgrad gegenüber vielen anderen Jobs. Wir haben jahrelang digitale Infrastruktur in unserer Freizeit gepflegt, sind da an Grenzen gestoßen und haben uns bewusst für Professionalisierung entschieden. Unser erklärtes Ziel ist es, von unseren Einnahmen leben zu können. Dazu verteilen wir intern um und orientieren uns dabei daran, wer wie stark auf das Geld angewiesen ist. Vom „davon leben“ sind wir leider noch ziemlich weit entfernt. Das liegt aber nicht nur an unserer „Kundschaft“ sondern auch an uns. Scheinbar ist unsere Beziehung zum Geld einfach nicht eng genug.

Conifere: Man muss andersherum auch sagen, dass die Arbeit in hierarchischen und profitorientierten Strukturen auch den Spaß an der Tätigkeit verdirbt. Manche von uns wollen gar nicht groß Geld machen und arbeiten von Vornherein nur, wenn ihnen die Umstände und die Tätigkeiten zusagen. Das ist natürlich nur möglich, wenn man sich die Jobs aussuchen kann. Das können längst nicht alle von uns. Am liebsten wollen wir möglichst viel für tolle und politische Projekte bauen, gerne auch ökologisch und vor allem ohne Hierarchien, Macker und Sexisten.

Und was würdet ihr nicht machen?

Birne: Wir wurden mal direkt angefragt, ob wir uns an einem großen Förderprogramm gegen Extremismus beteiligen. Das haben wir aus inhaltlichen Gründen abgelehnt. Wir haben mal eine Weile Schulsozialarbeit gemacht, das haben wir irgendwann eingestellt, weil wir fanden, dass man in einem derart durch Zwang geprägten Rahmen keine emanzipatorische Bildung machen kann. Aber diese Entscheidungen hatten insofern ihren Preis, als dass Leute, die ihren Lebensunterhalt mit Bildung bestreiten wollen, nicht beim Biko bleiben konnten.

Dattel: Richtig scheiße Sachen machen wir nicht. Über die Grenzen unseres Treibens haben wir auch gesprochen. Allerdings sind wir grade schon am Schauen, wo Geld zu verdienen ist – und das ist leider eher selten bei den Projekten der Fall, die uns echte Herzensanliegen sind.

Und was ist euer Beitrag zur Weltrevolution?

Birne: Wir hoffen, in unserer Position zwischen Bildung und Bewegung einen kleinen Beitrag zur Stärkung sozialer Bewegungen zu leisten. Indem wir uns selbst als Akteure in diesen Bewegungen verstehen und vielleicht irgendwann gemeinsam handlungsfähig werden.

Dattel: Wir sind eher skeptisch, ob kollektiv organisierte Betriebe das kapitalistische Prinzip außer Kraft setzen können. Im besten Fall können sie durch ihre Praxis kleine Inseln bilden, in denen sich eine ökonomisch andere Denkweise vorbereiten und einüben kann. Was das inhaltliche betrifft: Abgesehen von der Frage ob eine emanzipatoriche nicht-kapitalistische Transformation mit einer Weltrevolution einhergehen muss, ist die dezentrale, autonome und freie Kommunikation ein zwingender Grundstein einer jeden emanzipatorischen Bewegung. Dazu zählt unsere Arbeit mit quelloffener Software genauso wie die Aufklärung unserer Nutzerinnen oder die interne Arbeitsweise ohne hierarchische Strukturen.

Conifere: Unsere Utopie ist, dass immer mehr miteinander vernetzte Kollektive eine alternative Infrastruktur bilden, die unser aller Bedürfnisse erfüllt und letztlich kapitalistische Strukturen überflüssig werden läßt. Gleichzeitig ist natürlich klar, dass wir von diesem Kacksystem profitieren und zu den Profiteuren gehören und darin agieren – es also mit jedem Tag der Lohnarbeit und des Konsums stützen. Mist!

„Gut organisiert war nur die Registrierung“

Die Lage von Geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften zeigt auf besonders erschreckende Weise die Krise der Reproduktion: Gegessen wird, was vom Amt kommt. Bei Krankheit muss man darauf hoffen, dass ein Arzt im Lager ist. Privatsphäre gibt es keine. Im Lager werden selbst die grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse nicht erfüllt und die Menschen darüber hinaus von den Möglichkeiten der Selbstsorge abgeschnitten. Karl Meyerbeer hat für das Thüringer Netzwerk Care-Revolution mit Katrin gesprochen, die als Flüchtlingssozialarbeiterin arbeitet.

Du hast in einem Lager, dass von einem großen Wohlfahrtsverband betrieben wurde, gearbeitet. Wie waren die Leute dort untergebracht?

Katrin: Die Geflüchteten waren in Doppelstockbetten untergebracht, die meisten in 8er-Zimmern, teilweise aber auch bis zu 36 in einem Raum, 750 in der ganzen Einrichtung. Es gab pro Stockwerk 8 Toiletten und 5 Duschen für jeweils etwa 75 Leute. Die Verhältnisse waren also beengt. Ärztliche Versorgung gab es nur, wenn gerade ein Arzt in der Einrichtung war. Für alles, was die Leute wollten, mussten sie Schlange stehen. Mit dem Essen waren alle sehr unzufrieden. Mittags eingeschweißte Assietten, morgens und abends ungetoastetes Toastbrot mit einer Dose Fisch, Käseeckchen oder abgepackter Marmelade. Erst nachdem die Lokalpresse über die schlechte Qualität des Essens berichtet hat, wurde die Cateringfirma gewechselt und das Essen wurde ein bisschen besser. Alle zwei Wochen haben die Bewohner_innen eine Garnitur Bettbezüge bekommen. Viele haben damit in den Räumen ihre Betten abgehangen, um wenigstens ein bisschen Privatsphäre zu haben. Zusätzliche Laken durften wir aber nicht rausgeben. Der Grund dafür war mir nicht klar. Es durfte nur im Essenszelt gegessen werden. Die Leute durften sich noch nichtmal einen Tee mit auf ihr Zimmer nehmen. Und obwohl die Kleiderkammer voll war, durften wir lange nichts davon ausgeben. Das führte wirklich zu der Situation, dass Leute wochenlang keine Schuhe hatten, obwohl es Massen von gespendeten Schuhen gab. Das einzige, was gut organisiert war, war die Registrierung. Dazu kam zwei Wochen lang die Bundespolizei ins Haus und hat bei allen Einwohner_innen geprüft, ob sie schon erfasst sind. Erst danach durften die Leute wieder das Gelände der Einrichtung verlassen.

Ein Journalist aus Syrien hat gesagt, dass sich Sozialarbeiter im Lager meistens wie Gefängniswärter benehmen. Was man am schnellsten in Deutschland lerne, wäre, dass man Anweisungen befolgen muss. Kannst Du Dir vorstellen, wie es zu dieser Wahrnehmung kommt?

Katrin: Ja, klar. Die Leute müssen sich dauernd mit unsinnigen Vorschriften auseinandersetzen. Damit die Regeln befolgt werden, gibt es eine Security. Beim Betreten und Verlassen des Lagers werden die Taschen kontrolliert. Und es gibt auch Zimmerkontrollen von der Security und von den Sozialarbeiter_innen. Einmal haben sie jemanden dabei erwischt, wie er sich auf einer Kochplatte ein Spiegelei in seinem Zimmer braten wollte. Acht Securitys rückten an und konfiszierten die Kochplatte . Der Mann hat dann vor Wut die restlichen rohen Eier in seiner Hand zerdrückt und traf damit auch die Security. Deshalb wurde zur Strafe noch am selben Tag die komplette Familie in ein noch schlechteres Lager umverteilt.

Du hast vor Deiner Anstellung selbstorganisiert mit Geflüchteten zusammen gearbeitet. Konntest Du die Erfahrungen aus dieser Zeit im Lager einbringen?

Katrin: Ich habe mehrmals angeregt, dass die Leute mehr einbezogen werden. Aber das war von der Leitung aus nicht gewollt. Wenn man die ganze Einrichtung offener und partizipativer gemacht hätte, wäre es für alle sehr viel besser gewesen. Die Leute hätten dann wenigstens die Möglichkeit gehabt, ihre Lage zu besprechen und gemeinsam für Verbesserungen einzutreten. Aber solche Gestaltungsmöglichkeiten waren von der Leitung her größtenteils nicht gewollt. Um die Lage wenigstens etwas zu verbessern, haben wir Sozialarbeiter_innen versucht, einen Sozialbereich einzurichten, wo man sich auch mal aufhalten kann. Dazu wollten wir einen leerstehenden Raum im Keller mit ein paar Sofas zurecht machen. Aber selbst das ließ sich nicht durchsetzen. Es gab also selbst für die Sozialarbeiter_innen, die für die Geflüchteten Möglichkeiten eröffnen wollten, keine Spielräume, in denen man hätte was gestalten können.

Woran lag das?

Katrin: Die Einrichtungsleitung kam aus dem Katastrophenschutz und war paramilitärisch geschult. So ist sie auch an die Arbeit herangegangen. Da wurden klipp und klar von oben nach unten kleinteilig Aufgaben verteilt. Ohne Rücksprache durfte ich im Grunde nichts tun, die Bewohner_innen noch viel weniger.

Die Geflüchteten vom Oranienplatz fordern die Abschaffung der Lager- und Residenzpflicht, den Stopp aller Abschiebungen, ein dauerhaftes Bleiberecht, das Recht auf Arbeit, Bildung und selbstbestimmtes Wohnen, sowie das Recht auf Bewegungsfreiheit. Was kann Sozialarbeit tun, um das zu unterstützen?

Katrin: Eigentlich müssten sie sich dafür einsetzen, sich selbst abzuschaffen und das Geld, das dann frei würde, direkt den Geflüchteten zur Verfügung zu stellen, damit sie sich geeigneten Wohnraum beschaffen können und genug zum Leben haben. Leider sind die Sozialarbeiter_innen einem riesigen Bürokratieüberbau und den Zwängen ihrer Arbeitgeber ausgesetzt. Da ist es leider wichtiger, irgendwelche Qualitätsmanagementunterlagen zu verwalten und seinen/ihren Arbeitsplatz zu erhalten, als wirklich die Lage der Geflüchteten zu verbessern. Und es gibt natürlich auch die, die sich in ihren Rassismen bestätigt sehen, wenn die Geflüchteten sich nicht unendlich dankbar zeigen, sondern sich wehren.

Der Fachdiskurs fordert umfangreiche Standards für Soziale Arbeit in Gemeinschaftsunterkünften. Wie waren eure Arbeitsbedingungen?

Katrin: Was die Bezahlung angeht waren wir als Sozialassistent_innen eingruppiert, obwohl wir den Job von Sozialarbeiter_innen gemacht haben. Und die Leitung hat bewusst damit gearbeitet, dass viele der Beschäftigten Angst hatten, ihren Job zu verlieren und deswegen nicht aufgemuckt haben. Es gab so gut wie keine Supervision oder Fort- und Weiterbildungen. Wenige der Beschäftigten kannten sich im Asylrecht aus, wir konnten den Leuten diesbezüglich gar nicht helfen.

Als wir beim Thüringer Netzwerk Care-Revolution über Deinen Bericht diskutiert haben, kamen wir zu dem Schluss, dass die geschilderten Zustände nicht alleine dadurch zu erklären sind, dass ein Träger Mist baut, sondern die Misere System hat. Wir haben uns gefragt, ob Geflüchtete nicht von Anfang bis Ende schlecht behandelt werden, um Menschen abzuschrecken?

Katrin: Ich glaube nicht, dass das „System“ vorsätzlich so handelt. Es steht sich nur selbst im Weg, da es vor einen Berg Verordnungen und Gesetzen gelähmt ist und alle so weiter machen, weil sie z.B. Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Ich denke auch nicht, dass sich Menschen aus den Krisenregionen wirklich abschrecken lassen. Alles ist besser als im Bombenhagel zu sterben, zu verhungern oder gefoltert zu werden.

Kannst Du ein Fazit zu Deiner Arbeit im Lager ziehen?

Katrin: Mein Gesamteindruck der Lage im Lager war, dass die Leute dort immer noch auf der Flucht sind. Sie haben keine Intimsphäre. Sie haben nichts zu tun. Das monate- oder jahrelange Warten und Gegängel macht viele Leute psychisch kaputt. Sie werden nach intransparenten Kriterien ungleich behandelt und ihnen wird nicht erklärt, wie lange sie in dieser Lage sein werden. Ihr Leben ist einem bürokratischen Koloss mit unverständlichen Regeln unterworfen. Und dann werden sie noch nach nationalen Kriterien ungleich behandelt. Für den Träger steht im Mittelpunkt, Geld zu verdienen. Mir war relativ schnell klar, dass man unter diesen Bedingungen keine gute Arbeit machen kann. Deswegen habe ich diesen Job auch gekündigt.


Das Netzwerk Care Revolution ist ein bundesweiter Zusammenschluss von über 70 Gruppen und Einzelpersonen, die nach einer Gesellschaft streben, in der nicht Profitmaximierung, sondern menschliche Bedürfnisse im Zentrum stehen und Care-Ressourcen nicht nach rassistischen, sexistischen oder klassenbezogenen Kriterien erbracht und verteilt werden.

Irgendwas mit Nichtmonogam …

Seit fast zwei Jahren gibt es in Erfurt das Poly-Palaver-Picknick, bei dem sich Frauen und Transpersonen, die nichtmonogam leben oder sich dafür interessieren, in lockerer Atmosphäre über ihre Liebes- und Lebensweise austauschen können. Kalle hat mit den Organisatorinnen Krista und Ayşe gesprochen.

Kalle: In fast allen größeren Städten gibt es einen Poly-Stammtisch. Wieso habt Ihr in Erfurt das Poly-Palaver-Picknick organisiert?

Ayşe: Meine Motivation war, andere Geschichten zu hören. Pärchengeschichten kennen wir ja ganz viele, da braucht man nur ins Kino zu gehen. Aber Polygeschichten kannte ich halt nur so eine oder zwei und ich wollte mehr hören. Aus diesen Geschichten kann ich Sachen übernehmen, Ideen und Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann, wenn die eigene Geschichte nicht so gut läuft. Im Polykreis kann man das offen besprechen …

Krista: … und muss nicht erst klären, ob das überhaupt eine denkbare Alternative ist – was sonst oft anstrengend ist. Es ist ein bisschen wie mit Veganismus: Es nervt einfach, wenn man immer wieder erklären muss, dass man veganes Essen möchte. Wenn man sich zusammentut, kann man über Rezepte reden, ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Kalle: Was heute positiv als Polyamory gefasst wird, lief in Erfurt früher unter „Kritik an Romantischen Zweierbeziehungen“ und hieß noch früher „Freie Liebe“. Was genau meint Ihr mit „Poly“?

Ayşe: Irgendwas mit Nichtmonogam. Also schon, dass man mehrere Beziehungen pflegt oder pflegen könnte und das offen sagt. Und dass die anderen Personen das wissen und zugestimmt haben. Und wenn grundsätzlich abgesprochen ist, dass das in Ordnung ist, kann das auch heißen, dass man im Einzelfall gar nicht immer über alles redet. So lange es eben kein heimliches Fremdgehen ist.

Krista: Und dass diese Beziehungen auch auf verschiedenen Ebenen stattfinden können und verschieden tief gehen können.

Kalle: Wir haben ja alle drei schon Erfahrungen mit Nichtmonogamie. Wie seid Ihr dazu gekommen?

Ayşe: Ich hatte früher zwei längere monogame Beziehungen und dann war immer irgendwann Trennung und Schluss und man hörte nie wieder was von der anderen Person. Also erst sieht man sich jeden Tag und dann, zack, vorbei. Und das fand ich komisch und auch schlimm, dass man sich dann gar nicht mehr kennt. Ich dachte, irgendwie muss das doch auch anders gehen. Denn einerseits bin ich ein Beziehungsmensch, setze mich gerne mit Leuten auseinander und bin mit ihnen zusammen, auch über längere Zeit. Aber ich lerne auch gerne neue Leute kennen. Die Zweifel kamen also aus den Trennungen. Und auch daraus, dass manchen Menschen ihre Beziehungen wichtiger sind als ihre Freude. Mir sind meine Freundinnen sehr wichtig, aber es gibt Menschen, die man kaum noch sieht, wenn sie eine monogame Beziehung haben. Das finde ich bei Poly-Beziehungen nicht so krass. Es ist da nicht so „Wir sind vollkommen füreinander da und die anderen sind nur Nebensache“, sondern „Wir sind zusammen, aber es gibt auch noch andere Menschen.“

Krista: Ich konnte mir noch nie vorstellen, so richtig auf Dauer nur mit einer Person zusammen zu sein und hatte dann immer so kleine Liebschaften, bei denen klar war, das ist nicht die Person fürs Leben. Als ich dann von der Idee gehört habe, fand ich es total erleichternd, so ein entspanntes Modell zu haben, wo man vielleicht eine oder zwei Personen hat, mit der man so eine ganz tiefe, innige Verbindung hat und es aber trotzdem möglich ist, auch Beziehungen zu anderen einzugehen. Denn mit manchen Menschen kann man halt gut Musik machen, mit anderen gut tanzen, mit den nächsten schön küssen oder wie auch immer ohne dass dadurch jetzt eine eigentliche Beziehung, die schon lange besteht gefährdet wird.

Kalle: Das klingt ein bisschen wie das Ideal, dass auch früher in der RZB-Kritik vertreten wurde: Menschen tun sich entlang von Interessen und Bedürfnissen zusammen, statt sich mit Haut und Haar aufeinander einzulassen. Aber eine Qualität von konventionellen Liebesbeziehungen soll sein, dass dabei der ganze Mensch gemeint ist. Läuft man nicht mit einem Modell, dass das aufgibt, Gefahr, sich am Ende instrumentell aufeinander zu beziehen?

Krista: Es ist natürlich sehr schön, wenn die ganze Person zum Tragen kommt. In meiner Wahrnehmung widerspricht sich das nicht unbedingt. Für mich ist es möglich, mich ganz auf eine Person einzulassen. Dennoch habe ich ja auch Kontakt zu anderen, warum dann nicht körperlich intimen Kontakt? Wenn das für alle Beteiligten okay ist, finde ich die Option nicht verwerflich.

Ayşe : Es gibt ja auch Freundschaftsbeziehungen, wo es um die ganze Person geht und welche, die man eher nur fürs Musikmachen oder fürs gemeinsame Wohnen pflegt.

Kalle: Euer Picknick wendet sich explizit an Frauen und Transpersonen. Wieso habt Ihr euch dazu entschieden?

Ayşe: Das werde ich auch immer von den anderen Frauen gefragt . Es sind mehrere Gründe: Zum einen soll das ein privater Schutzraum sein. Ich traue mich da eher, Sachen zu erzählen und vertraue den Frauen, dass sie es nicht weiter erzählen. Dann will ich mich mit Frauen austauschen, weil sie in einer ähnlichen Situation sind. Und was auch manchmal nervt, ist so Mackertum und dominanteres Redeverhalten. Das trifft natürlich nicht bei jedem Mann zu, aber ich hatte halt keine Lust, dabei zu sitzen, wenn Männer die ganze Zeit reden. Und dann wollte ich auch nicht, dass das so ein Flirtkreis wird. Das kann zwischen Frauen natürlich auch passieren, aber da stört es mich nicht so. Und letztlich ist es auch identitätsstiftend, sich mit anderen Frauen auszutauschen, die poly sind. Ich fänd’s gut, wenn das ein bisschen mehr in eine feministische Richtung gehen würde. Vielleicht könnten wir auch mal als Gruppe eine Veranstaltung machen, zusammen was lesen oder schreiben. Aber das ist von heute aus gesehen sicher erst der fünfte Schritt und auch eine Zeitfrage.

Krista: Wir haben das neulich auch nochmal diskutiert und festgestellt, dass es doch ein anderes Vertrauensverhältnis schafft, wenn nur Frauen dabei sind. Gerade wenn es um Sexualität geht, gibt es da eine andere Offenheit, sich auszutauschen und Unsicherheiten auszusprechen.

Ayşe: Das ist ja schon ein Thema: wer beim Sex den aktiven Part übernimmt . Wenn man mit Männern zu tun hat, mit denen man über so was gar nicht sprechen kann, weil die gar nicht checken, was das Problem daran sein könnte, ist das sehr anstrengend. Beim Picknick kann ich mich in Ruhe mit Frauen austauschen und dann danach mit meinen Partnern darüber sprechen.

Kalle: Bedeutet es für Frauen etwas anderes, Poly zu sein, als für Männer?

Ayşe: Frauen müssen stärker befürchten als „Schlampe“ abgestempelt zu werden als Männer, wenn sie nicht monogam leben. Ich kenne ein Paar, wo er immer mal was mit anderen Frauen hatte. Sie das aber nicht tut, weil sie nicht will, dass schlecht über sie geredet wird.

Krista: Ich habe außerdem den Eindruck, daß Frauen mit Nichtmonogamie besser klarkommen und auch besser mit Eifersucht umgehen können. In den konkreten Konstellationen, die ich kenne, kommt es mir deswegen so vor, dass es für die Frauen leichter ist als für die Männer. Aber ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann. Ein anderes großes Thema ist die Schwangerschaft. Wenn Du von einer Beziehung, die nicht Deine Hauptbeziehung ist, aus Versehen schwanger wirst, was passiert denn dann? Das ist ehrlich gesagt die Sache, die mich etwas hemmt, mich mit mehreren Männern einzulassen. Bei Frauen bin ich da offener.

Ayşe: Also angenommen, Du weißt nicht, vom wem es ist. Das ist blöd. Ich weiß gar nicht, ob man das vor der Geburt feststellen lassen kann. Das wäre ein Problem, weil mit wem soll man sich jetzt auf das Kind einstellen. Wenn das Kind ungewollt ist, verkompliziert es die Sache auch nochmal. Überhaupt ist das für Frauen doch anders. Der Mann kann ja immer verschwinden. Machen ja ganz viele Väter, auch heute noch.Die Gründe dafür können natürlich ganz verschieden sein.
Kalle: Könnte man statt zu versuchen, rauszufinden, von wem es ist, nicht einfach fragen, wer gerne ein Kind aufziehen möchte?

Ayşe: Man müsste total viel miteinander klären und absprechen. Und ich vermute, dass es total schwierig ist, gleichwertige Beziehungen zu führen, weil ein Kind ja erstmal zusammen schweißt. Ich hatte schon die Idee, mit zwei Männern je ein Kind zu haben und dann zwischen den beiden Haushalten zu pendeln (lachen). Viele Männer machen das ja so. Aber das fand einer meiner Partner ganz schrecklich.

Kalle: Man könnte ja auch gemeinsam ein Kind aufziehen. Es ist doch sowieso total viel Aufwand, sich um ein Kind zu kümmern, würde es sich da nicht anbieten, das mit mehreren zu machen?

Krista: Ich fände das nicht schlimm.

Ayşe: Klar, das wäre natürlich cool. Es gibt auch Leute, die das so machen. Da müsste man aber so ein Poly-Konzept haben, wo alle auch miteinander zu tun haben. Bei uns ist das ja z.B. gar nicht so, wir trennen die verschiedenen Beziehungen ziemlich stark.

Kalle: Wie ist das denn mit Hausarbeit in Poly-Beziehungen? Eine Studie aus Wuppertal sagt, dass in heterosexuellen Partnerschaften Frauen immer noch ¾ der Hausarbeit erledigen und sich das tägliche Zeitbudget der Männer auf diesem Gebiet in den vergangenen 20 Jahren um 10 Minuten erhöht hat.

Krista: Also 10 Minuten statt Null ? .

Ayşe: Das ist ja allgemein Thema in Beziehungen. Ich habe nicht immer Lust, Essen zu machen oder den Tisch zu decken, da bin ich manchmal empfindlich. Aber ich achte auch darauf, dass ich im Restaurant öfters zahle.

Krista: Wobei wir darüber im Polykreis nicht so viel reden. Ich habe bei meinen Beziehungen auch den Eindruck, dass es relativ ausgeglichen ist. Natürlich nicht immer.

Ayşe: Na, ich kenne das schon. Es gibt so typische Sachen, die Männer und Frauen machen, das ist in unseren Kreisen auch nicht anders als bei Leuten, die mono leben. Also wer repariert was, wer fährt Auto, wer beschäftigt sich eher mit Technik, wer mit Menschen. Das sind schon auch Sachen, die dann und wann Anlass für harte Diskussionen bieten. Denn die Ungleichheit kommt ja daher, dass Männer und Frauen ja tatsächlich durch ihre Sozialisation oder ihre Ausbildung bestimmte Sachen besser und andere schlechter können. Da ist halt die Frage, ob man Lust hat, bewusst gegenzusteuern, auch um den Preis, dass dann manche Sachen länger dauern oder ein schlechteres Ergebnis erzielt wird.

Kalle: Denkt Ihr, dass Poly das Potential hat, die Gesellschaft zu verändern?

Krista: Was ich daran wichtig finde, ist, daß generell erst mal überlegt wird: „Wie möchte ich denn in Beziehungen zu anderen leben?“ Ich glaube nicht, dass es gesellschaftlich wichtig ist, dass immer mehr Leute poly leben, sondern dass es viel entscheidender ist, dass Offenheit für andere Lebensformen entsteht. Und diese offene und sensible Kommunikation, die in Poly-Beziehungen offensichtlich wichtig ist, würde ich allen Beziehungen wünschen. Und das kann dann Gesellschaft verändern, wenn wir so offen und sensibel miteinander umgehen.

Ayşe: Was es noch ändern könnte, wäre, dass sich die Menschen nicht mehr mit 30 in ihre Partnerschaften zurückziehen, sondern sich vielleicht öfter und länger gegenseitig unterstützen, vielleicht auch im Zusammenhang mit Wohngemeinschaften oder Gemeinschaftsprojekten, in denen man nicht alles für sich alleine regelt.

Kalle: Vielen Dank für das Interview. Ich wünsche euch noch viel Erfolg mit dem Poly-Palaver-Picknick. Wie können euch Interessierte erreichen?

Krista: Ebenso vielen Dank. Wer Interesse am Poly-Palaver-Picknick hat oder Fragen und Anmerkungen loswerden möchte, kann sich gern hier bei uns melden: polypalaver@posteo.de. Unser nächstes Poly-Plauder-Picknick ist übri- gens am 26.4., 20 Uhr und 25.5., 20 Uhr, Ort ist per Mail erfragbar. Wer kommen möchte, kann uns gern schreiben.

Alternative Studieneinführungstage

In Jena und in Erfurt haben linke Gruppen eine Veranstaltungsreihe zum Semesterbeginn organisiert. Die Lirabelle-Redaktion sprach mit Aktivist_innen von Pekari (Jena) und dem Infoladen Sabotnik (Erfurt).

Lirabelle: Stellt eure Gruppen doch mal bitte kurz vor.

Pekari: Unsere Linke Basisgruppe ist ein weitgehend offenes Organisierungsprojekt in Jena. Mit dem Ziel, undogmatisch linksradikale Politik zu machen, arbeiten wir seit gut zwei Jahren in den Bereichen Antifaschismus/Antirassismus, Antikapitalismus, Feminismus und Bildungskritik. Wir versuchen, immer wieder die in unseren Augen verkrusteten Szene-Strukturen aufzubrechen und Zugänge zu linker Kritik und Praxis zu öffnen.

Sabotnik: Der Infoladen Sabotnik ist auf der einen Seite ein klassischer Infoladen, wo man aktuelle Zeitungen, Flyer und Broschüren findet. Wir pflegen auch – mal mehr und mal weniger gut – eine Bibliothek und ein Archiv. Darüber hinaus verstehen wir uns als linksradikale Gruppe. Wir sind im provinziellen Erfurt aktiv, beispielsweise findet ihr auf unserem Blog aktuelle Berichte über Zumutungen hier, aber auch Veranstaltungshinweise. Immer wieder sind wir in antifaschistischen, antirassistischen Zusammenhängen bzw. Kampagnen aktiv und diskutieren unsere Gesellschaftskritik in verschiedenen Konstellationen. Mit anderen Gruppen organisieren wir das Ladenprojekt „veto“.

Lirabelle: Ihr habt in Erfurt bzw. Jena alternative Studieneinführungstage organisiert. Wieso?

Sabotnik: Als ich vor ein paar Jahren zum Studium nach Erfurt gezogen bin, hätte ich mich über so ein Angebot gefreut. Stattdessen hat es ziemlich lange gedauert, bis ich von der alternativen linken Szene in Erfurt überhaupt etwas mitbekommen habe. Deswegen fand ich persönlich den Vorschlag gut, so etwas zu organisieren. Wir wollten Studierenden die Möglichkeit geben, sich mit den Facetten Erfurts auseinanderzusetzen, die wir – abseits von drögem Uni-Alltag und verstaubtem Altstadt-Flair – als interessant erachten und die einen kritischen Zugang zu Uni und Stadt ermöglichen. Außerdem wollten wir linken Gruppen die Möglichkeit geben, sich und ihre Arbeit vorzustellen.

Pekari: Erstsemestler_innen (sic), die in Jena an der Uni landen, bekommen in der Regel ein sehr einseitiges Begrüßungsprogramm: Sie bekommen Musterstudienpläne vorgelegt, die Prüfungsordnung erklärt und alles beigebracht, was ihnen ein reibungsloses und effizientes Studieren in dem vorgeschriebenen Rahmen ermöglichen soll. So werden sie gleich in den ersten Tagen auf das „Hamsterrad Hochschule“ und den auf Leistung und Verwertbarkeit getrimmten Unialltag vorbereitet. Dagegen verstehen wir die „Alternativen Orientierungstage“ (ALOTA) als klare Absage an diese Vorstellung vom „Lebensabschnitt Studium“. Wir haben keinen Bock auf die Perspektive, jahrelang gestresst Leistungspunkten hinterherzujagen. Das wollen wir den Erstsemestler_innen (sic) am Anfang ihres Studiums mit auf den Weg geben. Studieren heißt nicht gleich Vorbereitung für den Arbeitsmarkt, sondern Eintreten in eine Lebensphase mit viel Potential: Für Selbstorganisierung, für kritische Auseinandersetzung mit der Uni, der Welt, sich selbst, für emanzipatorische politische Praxis. Die ALOTA sind für alle Erstis, aber auch über diese Zielgruppe hinaus, eine Möglichkeit sich umzuschauen, wie, mit wem und warum all das in Jena anzugehen wäre. Sie öffnen einmal im Jahr einen zusammenhängenden Raum für all die Themen, die im durchökonomisierten Hochschul-Trott systematisch zu kurz kommen. Die vielen Veranstaltungen zum Semesterbeginn bringen einen Haufen Leute zusammen, stellen politische Gruppen und Projekte vor und bieten für Neuangekommene gleich zu Beginn des Studiums eine Perspektive über den Mensa-Tellerrand hinaus. Im Zentrum der ALOTA steht damit nicht der Universitätsbetrieb, sondern das widerspenstige Jena als Ganzes.

Lirabelle: Was habt Ihr in den Tagen konkret gemacht?

Pekari: Vom 12.-24.10. fanden an verschiedenen Orten in Jena – vor allem an der Uni – über 50 Veranstaltungen statt. Die Themen Antirassismus, Antifaschismus, Feminismus, Antisexismus, Antimilitarismus, Arbeitskampf, Geschichtspolitik (und vieles mehr) fanden in Workshops, Vorträgen und Stadtrundgängen ihren Raum. Darüber hinaus waren Barabende, Filmvorführungen, Gruppenvorstellungen und z.B. eine Exkursion nach Buchenwald Teil des Programms. Ein Haufen verschiedener Leute aus zahlreichen (hochschul-)politischen Gruppen, Vereinen und anderen Zusammenhängen sowie Einzelpersonen beteiligten sich an der Ausrichtung der verschiedenen Events. Als Anlaufpunkt haben wir in der ersten Woche der ALOTA das sogenannte „Couchcafé“ im Uni-Foyer als eine Art Infopunkt aufgebaut. Dort gab es vegane Snacks, haufenweise Propaganda, Broschüren, alle möglichen linken Zeitschriften, Sofas und stets eine gesellige Runde alteingesessener Zecken zum Quatschen.

Sabotnik: Das ist deutlich mehr, als wir in Erfurt gemacht haben. Bei uns gab es drei inhaltliche Veranstaltungen, zwei eher lockere Treff-Abende und eine Stadtführung zum Thema Erfurt im Nationalsozialismus. Dazu haben wir eine Broschüre rausgegeben, in der sich verschiedene linke kulturelle und politische Projekte vorstellen. Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden. Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass die Veranstaltungen gut besucht waren. Wir haben viele neue Gesichter gesehen. Ob das Interesse der Leute an linker Politik und selbstverwalteten Räumen bestehen bleibt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

Pekari: Wir sind insgesamt super zufrieden, besonders natürlich wegen der hohen Beteiligung, die uns nun das zweite Jahr in Folge ziemlich überwältigt hat. Unsere Mobilisierung hatte offensichtlich einen Großteil der „Erstis“ und auch darüber hinaus viele Studierende erreicht. Viele der Workshops zu bspw. Bildungskritik oder Feminismus wurden mit bis zu 50 Teilnehmenden geradezu überrannt. Unser Rundgang zum Thema „Recht auf Stadt“ war mit 80 Leuten quasi eine kleine Abenddemo. Das war für uns alle natürlich eine tolle Erfahrung. Was das Programm angeht, denken wir, dass wir es geschafft haben, viele unterschiedliche linke Themen in den zwei Wochen anzuschneiden und Austausch, Wissenstransfer und Diskussionen zwischen sehr durchmischten Leuten zu ermöglichen. Das Ziel, möglichst vielen Leuten die überschaubare linke Infrastruktur der Stadt näherzubringen, sollten wir mit den ALOTA auch erreicht haben. Allerdings denken wir, dass das Thema Uni-Alltag, was ja eigentlich unser Aufhänger ist, zu kurz gekommen ist. Zu diskutieren wäre, ob wir in Zukunft den Fokus stärker auf lebenspraktische Workshops legen sollten. Ergänzend zu den linken „Klassikern“ wie bspw. Antifa in Thüringen oder Marx-Einführungen, könnten wir dann das Lebensumfeld Uni stärker thematisieren und eben den Alltag politisieren, der uns alle als Studis umgibt und täglich einschränkt und stresst.

Sabotnik: Das wurde bei uns im Workshop „Kaputt im Kapitalismus“ eigentlich ganz gut diskutiert. Ob es aber am Ende wirklich bedeutet, dass Leute sich zusammentun, um besser mit den Zumutungen der Uni umzugehen oder sie sogar zu ändern, wissen wir auch nicht.

Lirabelle: Wieso habt ihr euch bei den Veranstaltungen ausgerechnet an Studierende gewandt?

Sabotnik: Ausgangspunkt dafür war die Beobachtung, dass aus den Hochschulen, vor allem von der FH, früher deutlich mehr linke Impulse kamen. Heute macht es den Eindruck, als ob Studierende nicht viel von den Auseinandersetzungen in der Stadt mitbekommen. Ich denke da gerade an die „gute Stube“ der Stadt, in die Punks, Biertrinkende und Arme nicht reingehören sollen, Nazis und Rassisten dagegen in verschiedenen Erscheinungen auftauchen. Die piefigen, selbstbezogenen Strukturen an den Hochschulen mischen sich da selten ein. Das nervt uns. Uns nervt aber auch, dass die linke Szene es nicht hinbekommt, „Neue“ – ob sie nun studieren oder nicht – anzusprechen. Die Veranstaltungen haben wir in verschiedenen Räumen organisiert, sodass sich auch verschiedene Leute begegnen können. Die parallel erschienene Broschüre „Nächste Ecke links“ haben wir nicht nur an den Hochschulen verteilt. Ausschließlich an Studierende haben wir uns mit den Veranstaltungen nicht gewandt, es ist für uns EINE neue Form, die wir ausprobieren wollten.

Pekari: Zunächst einmal finden wir, dass wir als Linke um eine Auseinandersetzung in und um die Uni als zentralen Punkt gesellschaftlicher Auseinandersetzung in der Stadt nicht herumkommen. Jena ist eine Stadt mit einem erheblichen Anteil an Studierenden im Stadtbild. Über 5000 Menschen schreiben sich jedes Wintersemester an der Friedrich-Schiller-Universität ein. Die Uni ist ein immenser sozialer Knotenpunkt und ein wichtiges politisches „Kampffeld“ zugleich. Dann ist es so, dass Studierende natürlich auch einen großen und aktiven Teil der politischen Landschaft in Jena darstellen. Durch das studienbedingte Kommen und Gehen unterliegt dieser Teil der politisch Aktiven allerdings einer erheblichen Fluktuation. Jena ist für viele so eine Art Durchlauferhitzer, was kontinuierliche politische Arbeit ziemlich erschwert. Viele wollen sich für die verhältnismäßig kurze Zeit nicht wirklich festsetzten und schon gar nicht in langfristig angelegte politische Arbeit einsteigen. Die Bologna-Reformen im Bildungsbereich haben dieses Problem nochmals verstärkt. Die Verkürzung der Studienzeit erschwert das Aktivwerden erheblich: Kaum hat mensch sich in dem ganzen Stress ein bisschen orientiert, Zeit und ein Projekt oder eine Gruppe gefunden, steht schon die Bachelor-Arbeit vor der Tür und die Zeit in Jena ist so gut wie abgelaufen. Wir sehen daher erheblichen Bedarf, den Leuten möglichst frühzeitig Wege aufzuzeigen, sich in der Zeit ihres Studiums mit selbstgewählten und kritischen Inhalten zu beschäftigen sowie auch an vorhandene linke Projekte anzuknüpfen oder eigene zu verwirklichen. Gerade bei „Erstis“ nehmen wir bezüglich solcher „Umwege“ auch ziemlich viel Motivation, Ideen und Bereitschaft wahr. Mit den ALOTA wollen wir das auffangen und dem Problem, dass es eben oft ewig dauert, bis Studierende überhaupt mitbekommen, was in der Stadt so geht, entgegenwirken. Das wohl entscheidende Argument, warum wir uns explizit an Studis richten, ist aber wohl, dass wir selbst mehrheitlich durch das studentische Milieu geprägt und Teil dessen sind.

Lirabelle: Ist das nicht auch ein Problem?

Pekari: Mit dem Schwerpunkt auf Projekte wie den ALOTA laufen wir natürlich Gefahr, das elitäre Projekt der durchakademisierten Mittelstandslinken weiter zu reproduzieren. Aber seien wir mal ehrlich: Das ist ein bundesweites Problem der (radikalen) Linken, was eigentlich noch ganz andere grundlegende Auseinandersetzungen mit dem eigenen Politik-Modus und all den eingefleischten Szenegewohnheiten erfordert. Dessen sind wir uns durchaus bewusst, wirklich angehen tun wir es zurzeit aber auch nicht. Es sollte oberste Priorität haben für die Strategiediskussion der radikalen Linken des 21. Jahrhunderts, Wege zu finden, auch außerhalb der eigenen beschränkten (Studi-)Szene Politik zu machen. Nichtsdestotrotz erscheint es uns aber sinnvoll und notwendig, in dem Kontext der Hochschule aktiv zu werden. Zum einen ist dies nun einmal das Feld, in dem wir mehrheitlich stehen und zum anderen ist auch die Uni längst nicht mehr der linke Hort, den Achtundsechziger-Romantiker_innen vielleicht noch im Sinn haben. Auch hier sind wir als Linke momentan wenig sichtbar und eher in der Defensive.

Lirabelle: Und wie kommen wir in die Offensive?

Sabotnik: Das ist die Kernfrage. Mehr werden und handlungsfähig werden ist eine Antwort. Aber wie wir das schaffen? Die Studieneinführungsveranstaltungen waren ja ein Versuch, unsere Themen in die Breite zu tragen und damit mehr Menschen zu erreichen als unser übliches Umfeld. Was es braucht ist kontinuierliche Aufbauarbeit, aber auch die Motivation sich gegen die vielfältigen Zumutungen verbindlicher zu organisieren. Eine gute Voraussetzung dafür sind mehr selbstverwaltete Räume, in denen wir uns kennenlernen und gemeinsam politisieren können.

Pekari: Die gute alte Strategiediskussion der Linken hat bisher noch keine Wundermittel herbeigezaubert. Die Frage können wir nur in der Praxis, im Ausprobieren neuer Wege beantworten. Unsere Gruppe ist ein Organisierungsexperiment, was sich dahingehend auf die Suche gemacht hat. Fertige Antworten können wir aber nicht liefern. „Fragend schreiten wir voran“, wie es die Zapatistas ausdrücken. Wir finden aber, dass wir mit den ALOTA einen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben. Nämlich einen Schritt aus der Deckung des gemütlichen Szene-Daseins hinaus. Das war durchaus als eine Offensive gedacht, auch wenn natürlich nur im begrenzten universitären Rahmen. Aus der Defensive kommen heißt unter anderem, verstärkt eigene Akzente zu setzen, linke Alternativen aufzuzeigen und sich durch vehementes Einbringen von einer exotischen Randgruppe zu einem wahrgenommenen Teil gesellschaftlicher Diskurse zu wandeln. Für Linksradikale sind alternative oder kritische Orientierungstage an der Uni da ein Erfolgsmodell und eine Chance, umso mehr, je stärker wir uns mit den Gruppen anderer Unis vernetzen. Aus der Erfahrung mit diesem Konzept politischer Praxis sollten wir lernen und versuchen den dahinterstehenden Ansatz auch endlich stärker auf andere gesellschaftliche Bereiche zu übertragen. Schaffen wir eine, zwei, viele ALOTAs!

Schwierigkeiten und Widersprüche antirassistischer Arbeit und bei der Unterstützung Geflüchteter am Beispiel der Gruppe yalla-connect bei der Landeserstaufnahmestelle in Eisenberg/Jena

Der Artikel wurde aus einem gekürzten Interview mit Abdo und Gerd von Jens Störfried in Textform übertragen.

Vor mittlerweile einem halben Jahr hat sich eine Gruppe von Studierenden zusammengefunden, um sich mit der Situation in der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LAST) in Eisenberg auseinander zu setzen und die Geflüchteten praktisch zu unterstützen. Gemeinsam mit organisierten Geflüchteten aus Eisenberg wurde das Projekt yalla-connect ins Leben gerufen, welches zum Ziel hat, die Situation in der LAST öffentlich zu thematisieren und die unmenschlichen Zustände dort grundlegend zu verändern. An dieser Stelle sollen nicht die Veröffentlichungen der Initiative vorgestellt werden, doch seien diese als Hintergrund empfohlen.1
Als Interessierter treffe mich mit zwei Aktiven. Vor dem Gespräch vereinbaren wir, dass sie jeweils nur für sich selbst sprechen und keine generellen Aussagen im Sinne der Gruppe getroffen werden sollen. Das Projekt besteht erst seit November und entwickelt seine eigenen Standpunkte in der konkreten Arbeit noch weiter. Aus diesem Grund soll auch eine selbstkritische Perspektive eingenommen werden, um die eigene Tätigkeit und die jeweils individuelle Motivation dafür zu reflektieren.

Organisierungsversuche unter Bedingungen permanenter Unsicherheit

Nach längerer Vorgeschichte organisierten einige Herkunftsdeutsche einen Workshop in Eisenberg, zu dem Refugees eingeladen wurden. Der Inhalt eines eventuell gemeinsamen Projektes sollte dabei nicht vorbestimmt werden, sondern zunächst galt es, überhaupt mit Geflüchteten in Kontakt zu kommen, um ihre Situation zu begreifen. Es ging darum, eigene Ressourcen zur Verfügung zu stellen und die Bedürfnisse der Menschen im Lager zu erfragen. Gerd beschreibt das so: „Wir sind hier aus einem solidarischen Gedanken, um unsere Ressourcen zu teilen: ja, also Zugang zu Räumen des Sprechens (also damit meine ich zu Medien, zu Zeitungen) aber auch Zugang zu finanziellen Mitteln […] – das war wirklich sehr offen. Hintergrund war natürlich schon das Wissen, dass es in Eisenberg Probleme gibt.“

„Wie wurde aus ihnen und den Refugees eine Gruppe und vor welche Schwierigkeiten sah sich diese bisher gestellt?“, wollte ich weiter wissen. Durch ein zweites Treffen hatte sich ein Kern herauskristallisiert. Die persönlichen Kontakte und Freundschaften, welche zwischen der herkunftsdeutschen Teilgruppe und Geflüchteten entstanden sind, spielten dabei eine wesentliche Rolle, denn diese Verbundenheit ist überhaupt die Voraussetzung, mit der Situation der permanenten Unsicherheit umzugehen. Abdo sagt dazu: „The difficulty […] is instability. Because most of refugees in this project are not stable in one position. Some of them are there just a few days or a few weeks in Eisenberg. After that they will be transfered to other places.“ Dies bedeutet, dass die Geflüchteten oft verunsichert sind und es deswegen für sie keineswegs einfach ist, sich politisch zu organisieren. Die Sprachbarriere erschwert logischerweise die Kommunikation und verlängert auch die Prozesse zur eigenen Bewusstseinsbildung und Organisierung. Dabei wird ersichtlich, dass eine Gruppe nur dann Bestand haben kann, wenn ihre Inhalte näher bestimmt werden.

Thüringische und deutsche Zustände

Dazu ist unter anderem auch ein Wissen über die Situation von Refugees in Thüringen allgemein erforderlich. In der Erfahrung von Abdo ist die „situation for a refugee as a human being […] totally weird. But also I should mention that is somehow good concerning the fact that the […] procedure for asylum its more quickly than […] in other states in Germany.“ Insbesondere für Menschen, die aus Syrien flohen, wurde das Asylverfahren beschleunigt – Beschluss der Innenministerkonferenz am 17.10.2014. Viele der Geflüchteten äußern sich positiv zur BRD und danken sogar teilweise der deutschen Regierung dafür, zeitweise Aufnahme zu finden und zumindest die Chance für ein Bleiberecht zu erhalten – während sich draußen der deutsche rassistische Mob formiert.2

In Bezug auf das Lager in Eisenberg hingegen werden die Kritikpunkte deutlich formuliert: „Its a very bad treatment. If you gonna ask any question they [das Personal der LAST] just do it because they have to do this work. There is no anything. There is no money provided […] for refugees who come, who escaped from war. There is no psychologic treatment at all. Really unwelcome.“, sagt Abdo. Gerd spricht von einer völligen Überforderung der Sachbearbeiter_innen und dass die Thüringer Behörden händeringend nach neuen Unterbringungsmöglichkeiten suchen.3 Weiter denkt er „das liegt nicht unbedingt daran, dass jetzt so viel mehr Geflüchtete ankommen, sondern weil sobald ne Zahl rückläufig ist, auch Stellen abgebaut werden. Die Strukturen sind ständig unterbesetzt, egal wieviele Leute kommen.“ Weil die Zustände von Willkür, Unterdrückung und Mangelversorgung geprägt sind, bezeichnet er persönlich die Erstaufnahmestelle inzwischen als Lager.

Daneben behandeln insbesondere die Sicherheitsdienste die Geflüchteten oft miserabel; auch die medizinische Versorgung ist katastrophal. Und klar ist, dass kein_e Deutsche_r, das Essen herunter würgen würde, welches den Refugees vorgesetzt wird. Insofern diese Behandlung sich am Nichtbesitz eines deutschen Passes festmacht, ist sie als rassistisch anzusehen. Dass yalla-connect aber selbst ein antirassistisches Projekt ist, verneint Abdo. Auch wenn es gewisse antirassistische Effekte hätte, wäre dies nicht der Fokus der Gruppe. Die Motivation von Gerd war es, antirassistische Arbeit zu machen, wobei die antirassistische Praxis des Projektes darin bestehe, Menschen, denen die Stimme genommen wird und die zu Objekten des Diskurses gemacht werden, einen Zugang zu Räumen des Sprechens zu ermöglichen: „Wir reden den Leuten nicht rein und schaffen dadurch ne Struktur, die den […] institutionell rassistischen Strukturen, was entgegensetzt, auch wenn das sehr klein ist.“ In diesem Sinne hofft er auf ein Umdenken und eine Verschiebung der Perspektive in weiteren Kreisen der Bevölkerung, wenn Geflüchtete als für sich selbst sprechende Individuen wahrgenommen werden. Dies beschreibt er als seine Hoffnung. Wo er sicher sagen kann, das antirassistische Wirkungen erzielt werden, ist, „dass wir die Zugänge schaffen, die verwehrt werden. Es bekämpft insofern den Rassismus, den Individuen erleben – dass wir diese Trennung aufheben. Ich glaube aber nicht, das es an institutionellem Rassismus etwas ändert, weil wir nicht an den Strukturen rütteln.“ Dies wäre eine andere Ebene, die (bisher) nicht im Fokus des Projektes liegt.

Fallstricke in der Öffentlichkeitsarbeit und der Umgang mit Medien

Geschichten geflüchteter Menschen und deren Lebensrealitäten in die Öffentlichkeit zu bringen war – neben der Vernetzung, Hilfeleistungen und Freundschaft – bisher das wesentliche Anliegen von yalla-connect, wie es auch in der Selbstbeschreibung auf der Homepage formuliert ist. Dort heißt es: „Diese Geschichten zu verstehen bedeutet nämlich, eine menschliche Verbindung unabhängig unserer jeweiligen Herkunft einzugehen. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der sich Menschen mit Respekt begegnen und ohne Vorurteile, Stereotype oder andere diskriminierende Verhaltensweisen miteinander leben.“ Da die Gründe von Unterdrückung und Ausgrenzung nicht in der Unwissenheit der Bevölkerung liegen, sondern ihre Ausgestaltung von institutionellen Machtverhältnissen und dem Druck politischer Bewegungen (auch der rassistischen) abhängig sind, kann die alleinige Aufklärung über die unsäglichen Zustände sicherlich keine Besserung, geschweige denn ihre Abschaffung, herbeiführen.

„Was erhoffen sich die Menschen der Gruppe in diesem Zusammenhang von der Veröffentlichung diverser Materialien und wie waren ihre Erfahrungen im Umgang mit Medien bisher?“, will ich wissen. Abdo betont, dass es yalla-connect darum geht, die Situation in Eisenberg zu verändern, was nicht damit gelingt, Medienbeiträge zu generieren. Dafür aber soll jede_r wissen, was vor sich geht. „But I think most of the people know about the situation in Eisenberg and we try to explain it really clearly, really honestly and we are going to change the situation not only by publishing stories. […] We want everybody to get a full understanding of the situation. Because in our way to change everything we should make everybody to know what’s going on – before changing it.“ Ihm geht es letztendlich darum, die Verantwortlichen dazu zu bewegen, grundsätzliche Veränderungen im Sinne politischer Entscheidungen herbei zu führen.

Gerd meint, er hätte sich zunächst Aufmerksamkeit erhofft – für Veränderungen bräuchte es natürlich andere Mittel. Beispielsweise hätte sich auch auf einen kritischen Bericht von JenaTV im Jahr 2013 rein gar nichts geändert. Er sei da optimistischer hineingegangen als er im Moment ist und sie hätten keinen Masterplan anvisiert, sondern einfach angefangen, sich mit der Situation und den Geflüchteten zu beschäftigen. Dabei sei die Öffentlicheitsarbeit als eine niederschwellige Form ein erster Schritt, um dann zu schauen, wie sie weitermachen könnten. Das Ganze macht unheimlich viel Arbeit, versichert Gerd, doch immerhin hätten sie es geschafft, das Thema in einem gewissen Umkreis und mit einer bestimmten Perspektive wieder in die Öffentlichkeit zu bringen.

Nun gab die Gruppe allerdings der OTZ ein Interview, die ihre Perspektive und Absichten äußerst verzerrt wiedergab. Der Titel lautet „Zuständig für die, die weniger Glück haben“.4 Während Abdo meint, dass man die Medien nicht so ernst nehmen solle, hat Gerd Probleme damit und wägt einen kritischeren Umgang mit den Medien ab. Wobei die Verzerrung vor allem dadurch zu Stande gekommen sei, dass sie ihre eigenen Prinzipien nicht verfolgt hätten, weil einer der Refugees den Termin kurzfristig nich wahrnehmen konnte, das Interview nur durch eine herkunftsdeutsche Person gegeben wurde.

Beim Umgang mit Medien gibt es für yalla-connect also noch einiges zu lernen und – wie in allen Bereichen – ist es etwas anderes die bürgerliche Presse pauschal zu verurteilen oder sich mit dem eigenen Projekt mit ihnen auseinander zu setzen und sich in den Widersprüchen zu bewegen. Dies würde dann aber auch bedeuten, sich in dieser Bewegung gegen die Widersprüche zu wenden. Was das angeht, scheint die Gruppe doch von einiger Naivität geprägt zu sein. Zunächst erforderlich wäre, das Spannungsfeld auszuloten, welches unter anderem darin besteht, einerseits Geflüchtete konkret zu unterstützen und auf ihre Situation aufmerksam zu machen, andererseits aber auch die Bedingungen in den Blick zu nehmen und anzugreifen, durch welche Unterdrückung und Ausgrenzung hervorgebracht werden. Gerd meint dazu, seine Tätigkeit soll „bitte nicht in diese Gutmenschenrichtung gehen. Wir machen diese Arbeit aus einem solidarischen Gedanken heraus, wir unterstützen zwar schon die Menschen praktisch, versuchen aber, keine Ersatz-Sozialarbeiter_innen zu sein, keine Aufgaben zu übernehmen, die der Staat übernehmen sollte. Unsere Arbeit soll sich nicht darauf fokussieren, die negativen Auswirkungen, der Ursachen zu lindern, sondern wir wollen eigentlich schon auch an den Ursachen selbst arbeiten.“

Wiederum bezogen auf den Umgang mit Pressevertreter_innen, mit denen sie bei der einen oder anderen Gelegenheit doch wieder in Kontakt kommen werden, stellt sich für ihn aber pragmatisch die Frage, inwiefern kritischere Perspektiven auf Rassismus, Kapitalismus, Konkurrenzgesellschaft, Grenzen und so weiter in Medienberichten plaziert werden können. In den meisten Fällen wird dies nur schwer zu erreichen sein – jedenfalls keineswegs in der gewünschten Tiefe, die aus einer systemkritischen Haltung entspringt. Hier stellt sich weniger das Problem der Unwissenheit als jenes der Perspektive, welche auch ohne ein ausgefeiltes Hintergrundwissen zum Thema Migration zu verschieben ist. Der Ansatz von yalla-connect, Geflüchtete selbst zu Wort kommen zu lassen, kann deswegen auch von vielen Menschen verstanden werden, welche nicht in der antirassistischen Thematik beheimatet sind.

Entwicklung tiefergehender Auseinandersetzungen in der praktischen Arbeit von und mit Refugees

So strahlt auch das Motto der Gruppe „The refugee is a human“ in seiner Schlichtheit eine gewisse allgemeine Sympathie aus, denn wer außer den Nazis kann sich schon ernsthaft gegen ‚Menschenrechte‘ stellen? Ebenfalls auf den Punkt gebracht ist aber auch der Slogan aus den Kämpfen selbstorganisierter Refugees „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört“. Ließe sich damit auch in Eisenberg etwas anfangen? Nein, nicht wirklich, meint Abdo und betont, dass er aus eigener Entscheidung in die BRD gekommen sei, um ein neues Leben aufzubauen. Für ihn ist die Angelegenheit keine Frage von Regierungen, wobei er auch von politischen Entscheidungsträgern spricht, die ihm aber als zu komplex erscheinen, als dass beispielsweise die Bundesregierung abstrakt – durch Waffenexporte und postkoloniale Entwicklungspolitik etc. – für den Bürgerkrieg in Syrien angeprangert werden könnte. Gerd begreift den Slogan als einen wesentlichen Teil seiner politischen Perspektive. Deswegen trägt er diese aber nicht offensiv vor, sondern meint, dass erst ein vertrauteres Verhältnis entstehen muss, um – über die Sprachbarrieren hinweg – Diskussionen über weitergehende politische Inhalte führen zu können. Sein persönlicher Wunsch wäre es, das Projekt in diesem Sinne weiterzuentwickeln, aber deswegen wird er nicht gegen den Fokus und den Konsens der Gruppe oder unabhängig von ihnen handeln.

Eine kritische Distanz zu den Herrschaftsinstitutionen ist dabei unabdingbar. Der von yalla-connect produzierte Film wirft dabei allerdings einige Fragen auf.5 Auch wenn er dem Anliegen gerecht wird, Geflüchtete zu Wort kommen zu lassen, gelingt es in ihm nicht, den Bogen weiter zu spannen und eine kritische Perspektive auf die Ursachen von Migration und die Situation von Geflüchteten zu entwickeln. Die Zustände in der LAST werden angeprangert und lediglich darauf insistiert, dass ‚die Verantwortlichen‘ sie abschaffen sollen. Und wahrscheinlich auch würden, wenn bei ihnen der politische Wille dazu bestünde. Dass die miserable Behandlung von Geflüchteten strukturell bedingt ist und notwendigerweise durch die deutsche und europäische Migrationspolitik in dieser Gestalt hervorgebracht wird, kann damit nicht begriffen werden. Allerdings betont Gerd, dass alle, die kritischere Haltungen einfordern sich zunächst bewusst machen sollten, in welcher beschissenen Situation die Refugees sind.

Um die inhaltliche Grundlage weiter auszubauen, bräuchte es einen kollektiven Politisierungsprozess, welcher eine ganz andere Aufgabe wäre, als jene, der sie sich bisher gewidmet hätten. Entscheidend ist, gerade mit eine links-emanzipatorischen Ansatz, niemanden für seine eigenen politischen Ziele und Vorstellungen zu instrumentalisieren, aber auch nicht instrumentalisiert zu werden und letztendlich doch für die Bedürfnisse konkreter Menschen einen politischen Kampf zu führen. Diesen Widerspruch im Gruppenprozess heraus zu arbeiten, ist dabei sehr schwierig. Gerd meint auch, dass nicht alle Menschen, die das Grenzregime und auch jene unwürdige Behandlung hier zu Lande erfahren, sich politisieren und kritische Ansichten entwickeln. Seine Erfahrungen würden sich aber auf die Kontakte zu männlich sozialisierten, mehrheitlich der akademischen Mittelschicht angehörigen Geflüchteten beschränken.

Ausblicke

Als Vision für das Projekt wünscht sich Gerd, dass die Tätigkeit gelegentlich widerspruchsfreier verlaufen und weniger anstrengend sein sollte. Er drängt auf grundsätzlichere Veränderungen und will, dass eine solche Behandlung von Menschen im Lager von Eisenberg gesellschaftlich einfach nicht mehr möglich sind. Für Abdo stehen die Ziele des Projektes ziemlich fest: „To change the situation in Eisenberg. To make it to be a genuin german humanitarian camp. We don’t need to change all the world in this project but to change the situation there. […]. It’s really not fine for any human being. Just change the situation to become somehow better. I don’t need a perfect situation in Eisenberg. Just to be really okay.“ Und abschließend sagt er: „We will stay and continue till we get our aim.“ Bei allen Anstrengungen wünsche ich dabei viel Erfolg und bin gespannt, wie lange die Gruppe bestehen wird.


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https://web.archive.org/web/20161023140153/http://yalla-connect.de/

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Und das auch in Eisenberg. Erinnert sei an die „Thügida“-Demo zum Hitlergeburtstag: http://www.w.jenatv.de/mediathek/27851/Demonstration_Hunderte_gingen_in_Eisenberg_gegen_die_Thuegida_Bewegung_auf_die_Strasse.html; http://jg-stadtmitte.de/2015/04/15/20-april-nach-eisenberg-thuegida-den-aufmarsch-vermiesen/
Zudem hatte es im Vorfeld einen Angriff auf Refugees gegeben: http://www.jenatv.de/mediathek/27624/Asylbewerber_in_Eisenberg_angegriffen.html

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Worüber auch die regionalen Medien berichten, so der MDR: http://www.mdr.de/thueringen/nord-thueringen/fluechtlinge_erstaufnahmestelle_thueringen100_zc-b4620e16_zs-aaca1eaf.html.
Inzwischen ist die Entscheidung für eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung auf eine ehemaligen Kaserne in Mühlhausen gefallen: http://www.jenapolis.de/2015/04/21/ehemalige-kaserne-in-muehlhausen-wird-erstaufnahmestelle-fuer-fluechtlinge/

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http://www.otz.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Yalla-Connect-will-in-Eisenberg-Fluechtlingen-eine-Stimme-geben-1148397106

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http://yalla-connect.de/en/video/ (Link entfernt, da nich mehr aktiv).