Kategorie-Archiv: Intervention

Disko

Mit der MLPD wird komisch umgegangen, darin sind sich Lisa Herbst und Karl Meyerbeer einig. Eigentlich sollte es ein gemeinsamer, fertiger Text werden aber dann kamen ein furchtbarer Kater und Zeitmangel bei der gemeinsamen Diskussion dazwischen und nun folgen zwei unfertige Texte.

Hilfe, jemand hat eine verkürzte Theorie

Karl Meyerbeer findet es völlig legitim, die Thüringer MLPD aufgrund ihres sektenhaften Auftretens auszuschließen und Parteifahnen nicht auf Demos zu dulden. Trotzdem ist er genervt von einer allzu billigen Abgrenzung.

Geht es um eine theoretische Abgrenzung von der MLPD, wird in der Regel deren platte Faschismustheorie bemüht: Die Kleinstpartei bezieht sich auf Georgi Dimitroff, demzufolge der Kapitalismus die Herrschaft der reaktionärsten Akteure des Finanzkapitals sei. Deutlich wird dadurch die Ansicht, faschistische Herrschaft sei kein Klassenkompromiss zwischen Mob und Elite, sondern eine Herrschaftsform, die gegen das Proletariat durchgesetzt worden sei. Gerade in Deutschland – wo in jeder historischen Phase ein Gutteil der Arbeiteklasse bei den Nazis mitgemischt hat – ist das natürlich wenig überzeugend. Es stellt sich die Frage, wieso man eine so platte Theorie heute vertritt. Ein Punkt dabei könnte sein, die einfache Erzählung „Wir da unten“ (gut) gegen „Die da oben“ (schlecht) stark zu machen und damit zum Klassenkampf anzuheizen. Es könnte auch darum gehen, das Proletariat von seiner Beteiligung an der NS-Volksgemeinschaft rein zu waschen. Wie auch immer: Die Theorie ist platt, die Motivation, sie zu vertreten, zweifelhaft. So weit, so schlecht, es gibt also Leute, die eine falsche Theorie vertreten. Aber ist das ein hinreichender Grund, für immer das Tischtuch zu zerschneiden? Gibt es in der Linken nicht jede Menge vereinfachte Theorieansätze? Die Postcolonial/Intersektionalitäts-Fraktion vereinfacht, indem sie alles zu einem Problem individueller Positionierung (den oftgenannten „Privilegien“) erklärt, die antideutsche Antifa vereinfacht mit einem strukturdeterministischen Weltbild („Es gibt keine Akteur*innen, nur eine strukturelle Logik“), die Wertkritiker*innen vereinfachen, indem sie alles aus den ersten drei Kapiteln des Kapitals heraus erklären… so what? Theoretisieren ist abstrahieren und damit auch immer Komplexitätsreduktion, also in gewisser Weise: Vereinfachen. Das schlagende Argument bei denjenigen, die die MLPD zum kleinen Satan erklären, der exorziert werden muss, ist, dass diese Vereinfachung eine antisemitische sei. Was dann damit unterlegt wird, dass die MLPD mit Antisemiten zusammenarbeitet. Dies geschieht beispielsweise im Artikel „Stalinisten in der Defensive“ in der Lirabelle #18, wo die Nähe der MLPD zu Thälmann, Stalin, Mao, die PFLP, Die Bandbreite und Prinz Chaos II aufgezählt wird. Aber findet man eine Nähe zu zweifelhaften Gestalten bzw. antiemanzipatorischen Positionen nur bei der MLPD? Die Partei DIE LINKE hat Annette Groth, Inge Höger und Norman Paech – antizionistische Linke, die geradezu besessen davon sind, Israel zu kritisieren. Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat Roger Halam (Vordenker von Extinction Rebellion), der den Holocaust relativiert. Gothaer Antifas haben vor wenigen Jahren antisemitischen Verschwörungstheoretikern ein Forum geboten (siehe Lirabelle #5). Im Veto wird naiver Veganismus mit menschenfeindliche Zügen (man beachte den Artikel zu Sea Shepherd in der Konkret 11/2019) genauso toleriert wie Veranstaltungen mit einer Nähe zu antimuslimischem Rassismus und Transphobie. Aber gibt es deswegen Unvereinbarkeitsbeschlüsse mit Extinction Rebellion, Dissens, den GRÜNEN und der PDL? Nein, die gibt es nicht. Warum? Ich befürchte, es liegt vor allem daran, dass die MLPD ein so einfacher Gegner ist. Die Splitterpartei hat in Thüringen schlicht und einfach nichts zu melden. Wer sich hier distanziert, hat auf billige und einfache Weise klar gemacht, dass er/sie auf der richtigen Seite steht.

Wer die Macht hat, braucht keine Argumente

Anstelle eines Textes zum Umgang der Thüringer Linken mit der MLPD formuliert Lisa Herbst einige unfertige Gedanken zu Autoritarismus in der Linksradikalen.

Mao, Lenin und Stalin sind in der autonomen Linken (zum Glück) out, man will nix zu tun haben mit Überresten stalinistischer Kleinstparteien wie die MLPD oder neuen Polit-Sekten wie dem Jugendwiderstand. Aber immer wieder stößt man auch in der basisdemokratisch-organisierten Linksradikalen im Umgang mit innerlinken Dissens auf Elemente eines autoritären Politik-Stils. In dem Falle verkommt politische Praxis zur symbolischen Abgrenzung und Kritik zur Positionierung. Beobachten lässt sich das in verschiedensten linken Strömungen. Linke Gruppen vertreten einen bestimmten Standpunkt (Antideutsch; Queerfeministisch; Radikalfeministisch, Anti-Imp; Anarchistisch, etc.) aus denen sich ein bestimmter Werte-Kanon und inhaltliche Positionen ableiten. Dieser wird gegen andere Standpunkte verteidigt und durchgesetzt – dogmatische Glaubenssätze ersetzen Erfahrungsoffenheit, Fähigkeit zum Überprüfen eigener Urteile und das Austragen von Dissens. Auf Vorträgen wird zusammengezuckt, empört geraunt, gezetert, die Augen verdreht, wenn mal eine*r dabei ist, der*die nicht eh schon das Gleiche denkt. Das eigene politische Urteil festigt sich nicht durch die Diskussion und Auseinandersetzung mit Anders-Denkenden sondern durch das Fernhalten dieser. Kritik wird ersetzt durch Diffamierung – während klassische Stalino-Gruppierungen wie die MLPD ihre linken Gegner als Verräter oder Spalter der Arbeiterklasse abstempeln, kommt es bei anderen linken Gruppierungen auf das jeweilige Werte-System an. Jede Kritik kann zum Label verkommen – Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Heteronormativität, etc. Wird der Begriff zum Label, dient er der Denunziation nicht der Kritik – er wird herangezogen um zu zeigen: Die sind so schlimm – mit denen müssen wir uns nicht herumärgern. Denen sollte man gar nicht zuhören. Die haben kein Recht darauf, ihre Meinung im Plenum zu äußern oder ihre Veranstaltungen bei uns durchzuführen oder auf unserer Demo mitzulaufen. Die wollen wir hier nicht.
Wo inhaltliche Kritik formuliert wird, um den Ausschluss zu legitimieren, dient diese nicht dem Streit sondern um Anklage zu erheben oder das eigene Vorgehen zu rechtfertigen gegen die jeweilige Unmut hervorbringende linke Gruppierung. Alternativ wird die Nähe der jeweiligen Gruppierung zu bereits als politischen Gegenern identifizierten Personen oder Gruppierungen aufgelistet. So wird das unliebsame Objekt verurteilt, ohne dass ein inhaltliches Urteil über sie gefällt werden musste. Diese Methode lässt sich beliebig gegen alle unliebsamen linken Gruppierungen und Strömungen einsetzen (siehe die Beispiele in Karl Meyerbeers Text). Es stellt sich die Frage, was der praktische Erfolg eines solchen Politikstils ist. Ist die Demo erfolgreicher, weil bestimmte Leute fehlen? Haben die an dem Ausschluss Beteiligten inhaltlich etwas über ein Thema gelernt? Wurden eventuell sogar Vertreter*innen der gegnerischen Position vom Gegenteil überzeugt? Nein, aber wer die Macht hat (und sei es nur im eigenen Szene-Klüngel), braucht keine Argumente. Und damit ist doch eine wichtige Lektion für die befreite Gesellschaft gelernt. Und so weit weg vom Verständnis der MLPD, wie mit linkem Dissens umzugehen ist, ist man damit auch nicht mehr.
Autoritär ist diese Art der politischen Auseinandersetzung, weil sie auf Nicht-Beteiligung derer, die da unerwünscht sind, zielt. Es handelt sich um Macht-Politik – die zur Verfügung stehenden Ressourcen werden eingesetzt, um die als „untragbar“ identifizierten linken Gruppierungen aus dem eigenen Szene-Klüngel rauszuhalten. In dieser Form der politischen Auseinandersetzung wird eigentlich nur darüber gestritten, welche Positionen politisch legitim und illegitim sind – wer dazugehören darf und wer nicht. Da es kein ZK mehr gibt, welche über diese Frage entscheidet, tobt der Streit auf Blogs, in Zeitschriften, in linken Räumen und Bündnissen. Problematisch ist diese Form innerlinker Auseinandersetzung nur dann, wenn man mehr von linker Organisierung will, als die eigene Subkultur rein zu halten. Subjekte, welche sich autoritär gegeneinander verhalten und machtpolitisch gegeneinander durchsetzen können, befördert diese Form der Auseinandersetzung zuhaufe. Das Gegenteil müsste Ziel linker Emanzipationsbestrebungen sein, welche auf eine befreite Gesellschaft zielen.

Gibst Du mir Deins, geb‘ ich Dir meins

Etwas wegzugeben ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, ist im Neoliberalismus schon fast ein subversiver Akt. Karl Meyerbeer über den Tausch, die gegenseitige Hilfe und darüber, dass in Erfurt im Durchschnitt alle 1,6 Jahre ein Tauschring auftaucht.

Rechte Tauschringe

Als ich Ende der 1990er-Jahre das erste Mal von Tauschringen hörte, ging es um den TOSTA, einen Tauschring aus Stade, bei dem Nazi-Artikel vertauscht worden waren. Die damalige Berichterstattung war sich im Tenor einig darin, dass das kein Zufall gewesen sei: Der theoretische Hintergrund vieler Tauschringe kommt von Silvio Gesell (1862-1930), einem Kaufmann, der nach der Pleite seines Ladengeschäfts als zinskritischer Autor arbeitete. Dass angelegtes Geld mit der Zeit mehr wurde, Äpfel und Kartoffeln aber verfaulten, gefiel ihm nicht. Um Abhilfe zu schaffen, entwarf Gesell eine „natürliche Wirtschaftsordnung“, in der auch Geld mit der Zeit Wert verlieren sollte. Damit wollte er den Umlauf sichern, mit anderen Worten, die Konsument_innen in den Laden zwingen. Weil sich Gesell mit Arbeit und Produktion kaum beschäftigte, kam er dem einfachen Zusammenhang, dass produktiv angelegtes Geld durch die Wertsteigerung der Investition – also z.B. dem Profit der Fabrik, die sich Geld geliehen hat – Zinsen abwirft, nicht auf die Spur. Stattdessen blieb er sein Leben lang dabei, den Kapitalismus als „Geldsystem“ zu kritisieren und Zinsen als „müheloses Einkommen“ zu verteufeln. Das gefiel der völkischen Bewegung: Der Nationalrevolutionär Ernst Niekisch holte Gesell in die Regierung der Münchner Räterepublik und die Strasser-Brüder vom sozialrevolutionären Flügel der NSDAP trafen sich in den 1920er-Jahren mit dem Zinskritiker, um über die angemessene nationalsozialistische Wirtschaftspolitik zu debattieren. Auch wenn Gesell kein glühender Antisemit war, geschah die Zusammenarbeit nicht zufällig: Die NS-Größen und Gesell trafen sich inhaltlich in einem der ältesten antisemitischen Stereotype, darin, dass den Juden eine besondere Verantwortung für Geldgeschäfte zuzuweisen sei und dass eben dies – der Geld und der Zins – das Grundübel am Kapitalismus seien.

Linke Tauschbegeisterte

Als ich persönlich zum ersten Mal mit Gesell-Anhängern zu tun hatte, passten sie so gar nicht ins Bild der völkischen Horden, an die ich bei den kritischen Texten über den TOSTA gedacht hatte. Die meisten waren Linke. Leute aus Kommunen oder aus dem Umfeld der Offenen Arbeit Erfurt. Sogar einer, der die legendären bundesweiten Antifa-Demos in Saalfeld 1997/1998 mit organisiert hatte, war (und ist so weit ich weiß bis heute) Gesell-Anhänger. Dass die Anhänger_innen einer Theorie mit einer bedenklichen Nähe zum Antisemitismus also selbst automatisch Antisemit_innen und Nazis sind, ist also nicht der Fall. Trotzdem bleibt die offene Flanke. Der Kapitalismus ist eben kein „Geldsystem“, sondern ein Gesellschaftssystem. Die Konzentration auf die Zirkulationssphäre – ja sogar aufs Zirkulationsmittel – tut so, als ließen sich Produktion, Distribution und Zirkulation auseinanderreißen und von einer Seite her in Ordnung bringen. Die theoretische Anstrengung, den Kapitalismus als Gesellschaftssystem, das auf Äquivalententausch – dem Tausch gleicher Werte – beruht, zu analysieren, wurde schon geleistet, sie jetzt hier in drei Sätzen darzustellen, geht über meine Fähigkeiten hinaus und ist an dieser Stelle auch gar nicht nötig. Deswegen möchte ich dazu nur auf den Text „Im Kaninchenbau der Ware“ von Christian Höner in der Lirabelle Nr. 2 verweisen und stattdessen auf alltagspraktischer Ebene gegen Tauschringe argumentieren.

Der Tausch im Alltag

Was suchen Menschen im Tauschring? Man kann dort Arbeitszeit gegen eine vom Tauschring verwaltete Ersatzwährung – in Erfurt z.B. Radgulden – tauschen. Aber oft dürfte die Motivation eher darin bestehen, Menschen kennen zu lernen: „Suche nette Menschen zu spontanen Freizeittreffen, Quatschen, Sporteln, gemeinsamen Kochen, für das Kino, … Einfach zum Kennenlernen und Freunde werden. Gerne auch in Gruppen. Die Beziehungen bleiben freundschaftlich“ – so auf der Seite des Tauschring Erfurt. Das Anliegen ist klar formuliert, es geht um Gemeinschaft. Aber in einer gemeinschaftlichen Logik helfen und unterstützen sich Menschen, weil der/die andere etwas braucht und nicht weil man eine Gegenleistung erwartet. Es widerspricht dem Prinzip von Zuneigung, eine freundschaftliche Geste als Tauschakt zu vollziehen. Die konkrete Gemeinschaft, die sich die zitierte Person wünscht, ließe sich viel besser in einem Kreis herstellen, bei dem konkrete Tätigkeiten im Mittelpunkt stünden, anders gesagt: Wer gemeinsam kochen möchte, braucht einen Kochkreis und keinen Tauschring. Ein Tauschring stellt konkreten Gemeinsamkeiten genau wie der Kapitalismus vermittelt über eine abstrakte Allgemeinheit – das Tauschmittel – her und steht dem gemeinschaftlichen Ziel vieler Tauschring-Mitglieder damit eher im Wege. Gerade dieses Merkmal des Tausches – dass er eine abstrakte Gleichheit zwischen ungleichen Menschen und ungleichen Gegenständen schafft – ist sogar dazu geeignet, nicht-ökonomisch strukturiertes Hin und Her von Hilfeleistungen zu sabotieren. Konkret: Dass Babykleidung, gelesene Bücher und Hilfe beim Umzug unter Freunden und Bekannten zirkuliert, ist völlig normal. Ob dabei jeweils eine Gegenleistung fällig wird, machen die Leute unter sich aus. Selbst wenn dem Tauschring positiv zuzurechnen ist, dass er nun Menschen, die sich vorher nicht kannten, zusammenbringt, so wirkt er doch auf den zuletzt geschilderten Sozialzusammenhang nicht positiv. Eine Qualität des Privaten, nämlich die, dass man nicht abrechnet, sondern sich gegenseitig hilft, weil es eben schön ist, sich gegenseitig zu helfen, wird durch die Überführung in ein Tauschsystem abgeschafft. So passen die Tauschringe perfekt in die neoliberale Projektlogik, die jeden Hauch menschlichen Lebens zu einer abrechenbaren Größe degradiert und damit das ganze Leben ökomisiert, diese neu entstehende Ökonomie aber nicht mit den Garantien und Sicherheiten absichert, die in der klassischen ökonomischen Sphäre gelten. So ist der Warenverkehr über den Tauschring am Ende für die meisten ein schlechter Deal. Die, die sich sonst ohne Abrechnung helfen würden, etablieren Tauschbeziehungen zwischen sich. Die, die sonst arbeiten würden und dafür zumindest den Mindestlohn verlangen könnten, vergeben ihre Lebenszeit für einen Hungerlohn. Dass das vor allem Reproduktionstätigkeiten sind, ist kein Wunder.

Tauschringe und die Krise der Reprodution

Nicht alle Menschen suchen Gemeinschaft im Tauschring. Vor allem auf Bieterseite ist viel günstige Arbeitskraft im Angebot. Wer als Kapitalist die Arbeitskraft von anderen kaufen kann, um damit Mehrwert zu schaffen, hat Glück. Wer nur die Arbeitskraft hat, ist dazu gezwungen, sie zu Markte zu tragen, was gegenüber den Kapitalisten eine stukturelle Benachteiligung darstellt. Die Arbeiter_innen haben das früh erkannt und sich deswegen zusammengetan, um Mindeststandards für den Handel mit Arbeitskraft zu erkämpfen. Arbeitsschutzgesetze, Tarifverträge und zuletzt der Mindestlohn sollen dafür sorgen, dass die Arbeitskraft nicht über Gebühr beansprucht wird. Aber um Arbeitskraft zu verausgaben, muss sie erst mal hergestellt werden. Die dafür nötige Reproduktionsarbeit wird in der Regel schlecht bezahlt oder kostenlos im Haushalt geleistet. Die Feministin Gabriele Winker beschreibt als Krise der Reproduktion eine Entwicklung, in der gesellschaftlich eine immer aufwändigere Reproduktionsarbeit erwartet wird, diese aber unter zunehmend schlechteren Bedingungen stattfindet. Die Gründe dafür sind vielfältig, der Umgang damit ist wie so vieles im Kapitalismus eine Klassenfrage. Wer es sich leisten kann, stellt eine schlecht bezahlte Haushaltshilfe an. In Doppelverdienerhaushalten des „paarzentrierten Reproduktionsmodells“ erledigen Frauen den Haushalt in Doppelbelastung. Im „prekären“ und im „subsistenzorientierten Reproduktionsmodell“ reicht das Geld nicht, um im Alltag über die Runden zu kommen, die Menschen sind täglich gezwungen, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie ihren Haushalt am Laufen halten. Es ist nicht weit hergeholt, dass gerade in dieser Lage der Tauschring eine Möglichkeit ist, die eigene entwertete Arbeitskraft doch noch los zu werden. So findet man beim Tauschring Erfurt auf der Angebotsseite neben esoterischen Dienstleistungen vor allem Care-Tätigkeiten: Kinderbetreuung, Hausaufgabenhilfe, Unterstützung im Alltag. Reproduktive Tätigkeiten, die gesellschaftlich ungemein wichtig sind, die aber im Vergleich zum direkt wertschöpfenden Sektor der Ökonomie unterbewertet sind, finden in der Schattenökonomie des Tauschrings einen Ort, wo schlechte Bezahlung und fehlende Absicherung kein Skandal, sondern am Ende ein Qualitätsmerkmal sind. Dass das SPD-geführte Thüringer Wirtschaftsministerium das als „Nachbarschaftshilfe und Bürgerengagement“ schönredet und daher 2011 sogar 4500 Euro aus Lottomitteln für die Verwaltung eines Tauschrings ausgeschüttet hat, ist ein weiterer Beleg dafür, dass hier der neoliberale Ruf nach Aktivierung regiert.

Gemeinsam die eigene Lage verbessern

Es ist großartig, wenn Menschen sich unter schwierigen Bedingungen zusammen tun, um selbstorganisiert und gemeinsam ihre Lage zu verbessern. Die Erfahrung zeigt, dass Tauschringe dafür nicht geeignet sind. Schaut man die Angebote an, so wird schnell klar: Einem riesigen Angebot von unterbewerteten Care-Tätigkeiten steht eine Nachfrage nach höher bewerteten Tätigkeiten gegenüber. Ökonomisch gesehen ist das kein Wunder: Niemand vertauscht ohne triftigen Grund die eigene Arbeitskraft unter Marktwert. Wer sich doch als Schreinerin oder Elektriker in einen Tauschring begibt, hat in kürzester Zeit ein Vermögen an Radgulden, Talenten oder Zeitgutscheinen in der Schublade. Was bleibt, ist dann die Einsicht, am Ende doch kostenlos gearbeitet zu haben, was ja auch ohne Tauschprinzip – also unter Freund_innen – völlig okay wäre. Und so enden die Tauschringe dann auch in der Regel nach spätestens zwei Jahren, weil sie zwei dem Wesen nach nicht kompatible Dinge zusammen bringen wollen: den ökonomischen Vorgang des Tausches und die gemeinschaftliche Logik gegenseitiger Hilfe.

Attraktiv ist das Ganze eigentlich nur für Leute, die sowieso ein einigermaßen gesichertes ökonomisches Auskommen haben. Und genau die gründen dann regelmäßig neue Tauschringe: Studierende jeden Alters, die linksalternative Kommuneszene, Projektheimer_innen, für die mehr Kontakte zusätzlich als soziales Kapital zu Buche schlagen.

Dem gegenüber wäre vieles einfacher, wenn man nur auf den Tausch verzichten würde. Gegenseitige Hilfe ist eine wundervolle Sache und man kann die Abrechnung ganz ohne Währung erledigen. „Wer-Hat-Was-Listen“ können bekannt machen, wo man sich eine Schlagbohrmaschine leihen kann. Im Umsonstladen kann man Sachen, die zu schade zum Wegwerfen sind, abstellen. Menschen, die es gerne verbindlicher haben, können ihr Geld in einer gemeinsamen Ökonomie zusammen schmeißen und sich damit mehr Handlungsspielräume schaffen. Es gibt viele Möglichkeiten, der kapitalistischen Tauschgesellschaft entgegen zu treten, statt sie im Kleinen nachzubauen.


2005
In der Vernetzung der Thüringer Anti-Hartz-IV-Initiativen tauchen zwei Männer auf, die mit viel Sendungsbewusstsein erklären, dass Geld und Zins das Problem am Kapitalismus seien. Zumindest einer von beiden ist in der Erfurter Regionalgruppe von ATTAC aktiv und gründet alsbald einen Gesell-Stammtisch – von dem man spätestens 2006 nichts mehr hört.

2007
Eine Einzelperson aus einem Thüringer Kommunezusammenhang will eine bestehende Kommunevernetzung auf Basis gegenseitiger Hilfe in einen Tauschring überführen. Begründet wird das Ganze spirituell. Er beantragt bei der EU Mittel für eine fälschungssichere Regionalwährung. Nachdem drei Kommunen sich von der Idee distanzieren, schläft das Projekt ein.

2009
Ein verschwörungstheoretisch argumentierender Imker aus Hessen erfindet den „Minuto“, ein System von Zeitgutscheinen, bei dem qualifiziertere Tätigkeiten mehr „Qualitätszeit“ abwerfen als Hilfstätigkeiten. Im Präsentations-Video wird sozialchauvinistisch gegen ALG2-EmpfängerInnen argumentiert. In Erfurt findet sich ein Kreis, der damit handeln will, die als Kontakt angegeben Telefonnummer ist nicht zu erreichen.

2010
Ein esoterisch angehauchter Gemüsehändler aus Erfurt will im tiefsten Winter Salz als Regionalwährung einführen. Weiter ist von dem Projekt nichts zu hören. Vielleicht hat der starke Streusalzeinsatz zu einer derartigen Inflation geführt, dass die Währung schon bei der Einführung nichts mehr wert war.

2011
Mit 4500€ Lottomitteln vom Wirtschaftsministerium eröffnet ein großer Erfurter Träger Sozialer Arbeit einen Tauschring. In der Antwort auf eine kleine Anfrage betont die Landesregierung die Bedeutung von Nachbarschaftshilfe und bürgerschaftliches Engagement, verneint aber die Frage, ob sich mit den dort gehandelten Radgulden auch Steuern und Abgaben bezahlen lassen. Die letzte erkennbare Aktivität auf der Webseite findet 2013 statt.

2011
Das stark esoterisch ausgerichtete „Engelgeld“ taucht in Erfurt auf. Später wird klar, dass es sich um das Zahlungsmittel des Königreich NeuDeutschland, einer kruden esoterischen Vereinigung, die sich ein Deutschland in den Grenzen von 1937 wünscht, handelt.