Kategorie-Archiv: Geschichte

Sentieri Partigiani – April 2015

Uwe schildert seine Erfahrungen und Eindrücke, als er auf den Spuren der italienischen Partisan*innen um Reggio Emilia wanderte. Er nahm an einer Bildungsfahrt im April diesen Jahres teil.

Eine alte, aber rüstige Frau auf einem Stuhl in einem kleinen Park; im Halbkreis um sie herum knapp 70 Menschen, die gespannt ihren Erzählungen lauschen. Im Hintergrund sieben Reliefs mit verschiedenen Darstellungen, die an Entbehrung, Verzweiflung und Schmerz erinnern. Die Frau berichtet, wie sie in die Mussolini-Diktatur hineingeboren wurde, in der die Militarisierung der Köpfe und der Straße als psychologische Kriegsvorbereitung vorangetrieben wurde; wie sie als Abweichlerin aus einer antifaschistischen Familie bereits in der Grundschule ausgegrenzt wurde und wie Frauen nach dem italienischen Kriegseintritt 1940 die komplette Verantwortung sowohl in den Familien, als auch der Industrie übernahmen, da die jungen Männer alle weg waren. Sie beschreibt, wie die Frauen eigentlich die ersten Partisan*innen waren, indem sie den heimkehrenden Männern nach dem Waffenstillstand vom 8.9.1943 auch ohne politisches Bewusstsein halfen, z.B. mit Zivilkleidung und Lebensmitteln. Später kämpften die Frauen auch bewaffnet, wobei sie GEGEN den Krieg kämpften, nicht für ihn, und natürlich auch gegen den Faschismus! Ihre Hauptaufgaben blieben aber die Besorgung von Waffen und Lebensmitteln, sowie die Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen den einzelnen Partisan*innengruppen als sog. ‚Stafetten‘.

Wir befinden uns in Castelnovo ne´ Monti, die Frau ist Giacomina Castagnetti und die Reliefs sind ein Denkmal für die Frauen der Resistenza (italienischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg).

Auch wenn Giacomina durch Krieg und Partisaninnenkampf die „Jugendjahre geraubt“ wurden, so haben die gemachten Erfahrungen doch auch genutzt. Das Wissen darum, dass ohne die Frauen der Widerstand nicht möglich gewesen wäre, bestärkte das Selbstbewusstsein der Frauen bis hin zur Frauenbewegung in den 70-er Jahren. Giacominas „Vermächtnis“ lautet: „nicht die Augen verschließen und daran denken, dass Leben in Frieden und Demokratie nicht selbstverständlich sind.“

Ein Dorf in den Bergen mit vielleicht noch 50, teils kaputten, verfallenen Häusern, von denen genau noch eins ganzjährig bewohnt wird. Auf einen Stock gestützt und untergehakt bei einem Begleiter, wird ein alter Mann zu einem Stuhl im Schatten einer Mauer geführt. Mit leiser, brüchiger Stimme stellt er sich als Francesco, genannt ‚Volpe‘ (Fuchs), vor. Er berichtet, wie er mit einem Freund mehr zufällig und aus Neugierde in die Berge ging, um „Rebellen“ zu suchen. Ihre erste Rebellengruppe ist bei einem wohlhabenden ‚Dorfschützer‘. Mehr aus Übermut, Langeweile und weil „nichts los ist“, sagt Volpes Begleiter, dass sie eigentlich zu kommunistischen Partisan*innen wollten, obwohl sie bis dahin politisch eigentlich völlig unentschieden waren. Sie werden weggeschickt und suchen mehrere Tage, ohne Essen und ohne Idee wohin, ‚die richtigen Partisan*innen‘. Auf Grund eines Tipps gehen sie nach Succiso, wo sich erstmal alle verstecken und sie weggeschickt werden. Aus Verzweiflung und Wut zerreißt Volpe seinen Pass, setzt sich unter einen Baum und heult. So vergeht der gesamte Tag und erst am Abend kommt ein Mann aus dem Wald auf sie zu. Es ist ein Bekannter von Volpe, der sie mit nimmt und so in die Reihen der Partisan*innen der kommunistischen Garibaldi Brigade einführt. Inzwischen ist Volpes Stimme kräftig und betont, man merkt, wie belebend das Erzählen für den alten Mann wirkt. Im Folgenden berichtet er, weshalb die Faschisten für ihn schlechte Menschen waren und wie er die Befreiung erlebt hat. Am Ende seines ca. 1-stündigen Berichtes geht er aufrecht und ohne Stütze zum Auto. In den folgenden Tagen hat Volpe uns noch öfter begleitet und es war deutlich zu erkennen, wie gut es ihm tat und die Last von 89 Lebensjahren leichter wurde.

Diesmal ist der Ort für das Zeitzeug*innengespräch mit Giacomo Notari, Kampfname ‚Willi‘, das Dorfgemeinschaftshaus von Talada. Bevor Willi seine Erzählung beginnt, hält der Vizebürgermeister von Busana (zu dem Talada gehört) ein Grußwort. Dieses ist jedoch nicht – wie wir es in Deutschland hören würden – mit wulstigen Phrasen und wärmelnden Dankesworten gefüllt, sondern eine ausführliche, gut hergeleitete Argumentation, weshalb heutiger Antifaschismus eine Pflicht ist und welche Grundlage der Kampf der Partisan*innen dafür gelegt hat. Für Willi war seine Beteiligung am Widerstand aus familiären Gründen quasi selbstverständlich und zwangsläufig. Eine seiner ersten Aktionen war es, sich freiwillig als ‚Undercover-Partisan‘ für die faschistische Miliz der neuen sozialen Republik Italien, die Mussolini mit Duldung und Unterstützung der Deutschen nach dem Waffenstillstand des Königreiches in Norditalien gegründet hatte, zu melden. Dort sollte er junge, frische Milizionäre, die oft zum Dienst in der faschistischen Miliz gezwungen wurden, ermutigen samt Waffen zu desertieren, was auch nicht wenige taten. Danach war er noch an verschiedenen bewaffneten Aktionen und Sabotageakten beteiligt und kämpfte in der letzten großen Schlacht zur Verteidigung des Wasserkraftwerkes von Ligonchio, das die Deutschen zerstören wollten.

Nach dem Krieg trat Willi in die kommunistische Partei ein und wurde u.a. Bürgermeister von Ligonchio. Er hat den Wiederaufbau des Landes unterstützt, denn die „Errungenschaften der Neuzeit sind nicht selbstverständlich und Gott gegeben.“ Er hat seine Erinnerungen mittlerweile in einem Buch niedergeschrieben, welches auch auf deutsch erhältlich ist, „weil irgendwann niemand mehr da ist, der weiß, wie es war.“

So reihen sich Treffen und Gespräche mit Zeitzeug*innnen des Widerstandes wie Perlen auf einer Kette aneinander. Verbunden sind sie mit Wanderungen von 2 – 5 Stunden durch den Reggianer Apennin südlich der Po-Ebene, getreu dem Motto ‚Geschichte muss zu Fuß erlebt werden‘. Wir sind unterwegs auf den Sentieri Partigiani, den Partisan*innenwegen, anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung Italiens vom Faschismus. Wir, das ist eine Gruppe von ca. 70 Menschen aus Deutschland, die einer Einladung des Institutes Istoreco Reggio Emilia gefolgt sind. Darunter eine Gruppe von 12 Personen, denen die Rosa-Luxemburg-Stfitung Thüringen die Teilnahme ermöglicht hat. Das Istoreco organisiert seit inzwischen 23 Jahren diese Wanderungen entlang der Orte des Widerstandes in der Provinz Reggio Emilia. Normalerweise findet die Wanderung im Herbst statt, wurde in diesem Jahr auf Grund des Jahrestages auch im April durchgeführt und mit Aspekten der italienischen Erinnerungskultur verknüpft.

Die Wege durch die Berge sind teilweise steil und beschwerlich, es ist bereits frühlingswarm und einige der Teilnehmenden stöhnen unter Schweiß und schmerzenden Beinen. Entschädigend ist die tolle Aussicht von einem Bergkamm, von dem auf der einen Seite Reggio und Parma zu sehen sind und auf der anderen Seite Busana. Getrübt wird die Aussicht und die Schmerzen etwas anders peinlich, als der Alpin-Guide erzählt, dass zwischen Reggio und Busana ca. 65 km liegen und der Reisebegleiter ergänzt, dass die Stafetten diese Strecken im Krieg 2-3 mal pro Woche hin und zurück gelaufen sind. „Ohne Wanderstiefel und Funktionsunterwäsche!“ Eine Zeitzeugin, die selbst als Stafette unterwegs war, erzählte: „Die einzige Kommunikation, die die Widerstandsgruppen miteinander hatten, lief über unsere Beine“. Sie berichtet außerdem, dass sie nach solch einem Marsch oftmals hinauf in ihre Kammer getragen werden musste, so erschöpft war sie.

Im Hof einer alten vornehmen Villa treffen wir eine weitere Zeitzeugin, Giovanna Quadreri. Die Villa diente den Deutschen als Kommandozentrale und sollte von den ‚Gufu nero‘ (Schwarze Eule), einer Spezialeinheit aus Partisanen und britischen Fallschirmjägern, die mittlerweile in der Region abgesetzt worden waren, angegriffen werden. Für die erste Aktion gab es Kontakte und Unterstützung zu fünf deutschen Soldaten innerhalb der Kommandantur, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Die Aktion schlug fehl, die fünf Deutschen wurden enttarnt und als Deserteure erschossen. Am zweiten Angriff war Giovanna beteiligt. Sie bekam eine Pistole und bildet quasi die Nachhut. Ihre Aufgabe bestand darin Verletzte zu bergen oder ihnen den ‚Gnadenschuss‘ zu geben, wenn die Verletzungen zu schwer waren, damit sie nicht dem Feind in die Hände fallen konnten. Wie stark die psychische Belastung für die damals 17-jährige war, ist für uns heute wohl kaum vorstellbar. Sie ist noch heute froh, dass sie nie zu diesem Mittel greifen musste…

An der Spitze eines Zuges von vielleicht 70 – 80 Menschen geht seit mehreren Stunden ein älterer Mann mit einer italienischen Tricolore, der ihre Historie anzusehen ist. Abseits befestigter Straßen und Wege geht es auf Pfaden in Flussnähe nur im Gänsemarsch voran. Beim Durchqueren von kleineren Orten wird der Zug freudig begrüßt und wächst stetig auf ca. 100 Personen. Als der Pfad auf die Hauptstraße trifft, wartet bereits eine größere Gruppe der lokalen Sektion der Partisan*innenorganisation. Es soll zweier Kameraden gedacht werden, die noch am letzten Tag des Krieges ihr Leben verloren. Das Programm sieht eigentlich nur ein kurzes Gedenken und das Ablegen von Blumen vor. Doch ein Mann tritt ans Mikrophon mit einem Bild in der Hand, auf dem eine Partisan*inneneinheit zu sehen ist und er erzählt die Geschichte seines Großvaters. Der dem hier gefallenen MG-Schützen die Munition gereicht hat und neben ihm war, als er durch einen Schuss in den Mund starb. Mir läuft es kalt den Rücken herunter, ich kann mir die Situation in meiner Phantasie gut vorstellen und fühle die Traurigkeit, Wut und den Schmerz, wenn einer die Befreiung vor Augen noch getroffen wird. Gleichzeitig klingt in der Stimme des Mannes der Stolz über den Großvater, der sich mutig den Gefahren und Entbehrungen gestellt hat. Ein ähnlich bedrückendes Gefühl greift an der nächsten Station um sich. Dort wird an Mimma erinnert, die sich als Krankenschwester um alle gekümmert hat, den Deutschen bei Behandlungen aber noch Informationen ‚entlockte‘, die sie an die Partisan*innen weitergegeben hat. Sie hat außerdem Medikamente geschmuggelt und nichts sehnlicher erwartet als deren Ankunft in der Stadt. Wie tragisch, hinterhältig und wütend macht es da, zu hören, dass sie von einem Scharfschützen hinterrücks erschossen wurde, als sie den ankommenden Partisanen entgegenlief.

Auf dem Weg in die Stadt werden an mehreren Stationen ähnliche solcher bewegenden Geschichten erzählt. Die Gruppe sorgt so nicht nur für Verkehrsstau, sondern erregt auch Aufmerksamkeit und wird größer. Beim Einzug in die Altstadt laufen bereits knapp 200 Menschen mit. In den schmalen Gassen wird wiederholt Bella Ciao angestimmt. Und hier passiert etwas für deutsche Antifaschist*innen überraschendes, ganz im Kontrast zu den traurig stimmenden Geschichten der vorherigen Stationen: Fenster werden geöffnet, äußerlich durchschnittliche Menschen treten aus Geschäften heraus, alle stimmen ein und am Ende erklingt ein kräftig-vielstimmiges „morto per la libertá“ und treibt mir Tränen der Rührung in die Augen. Weiter ziehen wir bis zum Denkmal der Partisan*innen, welches zum Gedanken an die Opfer mit roten Nelken geschmückt wird. Am Abend gibt es noch eine feierliche Filmvorführung und ein weiterer eindrucksvoller Tag der Befreiung von Reggio Emilia (24. April), geht zu Ende.

Am folgenden Tag dann die offizielle Feierlichkeit mit Bürgermeister, Regionalfernsehen und Ehrengast (die letzte Frau von Nelson Mandela) sorgt nach den berührenden Momenten des Vortages wieder für einige Ernüchterung: Neben offiziösen Phrasen sehe ich viele Leute, die teilnahmslos und sichtlich desinteressiert ihren Besorgungen nachgehen. Lichtblick der Veranstaltung ist die Enkelin des Präsidenten der regionalen A.N.P.I. (Associazione Nazionale Partigiani D´Italia) Sektion, welche das Fortbestehen der antifaschistischen Traditionen propagierte und symbolisierte.

Als ich von der Möglichkeit, an dieser Reise teilzunehmen, erfuhr, hab ich mich gefragt, was es bringt durch die Berge zu kraxeln und alte Geschichten zu hören. Nachdem ich auf der Hinfahrt ziemlich viel über die Geschichte Italiens unter Mussolini und im Krieg gelesen hatte, wurde mir bei den Begegnungen recht schnell klar: Es ist einfach, etwas anderes jemanden zu sehen und zu hören, der oder die dabei war, als nur einen Text zu lesen oder auch ein Videointerview zu sehen. Außerdem werden an den Orten der Geschehnisse die Erzählungen und Berichte viel plastischer.

Als Fazit bleibt außerdem, dass ein Land Faschismus und Krieg nicht machtlos ausgeliefert war, sondern durchaus Widerstand möglich war. Die ‚Ausrede‘ vieler deutscher Großeltern, dass es ja keine Möglichkeit gab, wird hier ad absurdum geführt.

Ich kann daher eigentlich nur empfehlen, zu versuchen an solch einer Wanderung teilzunehmen so lange noch Zeitzeug*innen leben, auch weil Organisation und Betreuung durch die Veranstalter sehr gut ist.


Infos:
istoreco.re.it
partigiani.de
sentieripartigiani.it/de
resistance-archive.org

Literatur:
Notari, Giacomo: Ihr Partisanen, nehmt mich mit euch!
Staron, Joachim: Fosse Adreatine und Marzabotto: Deutsche Kriegsverbrechen und Resistenza.
Weber, Jürgen: Eimal Partisan – immer Partisan.
Woller, Hans: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert.

Schlussstrich von Links

Ox Y. Moron kritisiert das in Erfurt und anderswo betriebene Nationbuilding von Links anlässlich des 8. Mai.

Der 70. Jahrestag der Niederschlagung NS-Deutschlands durch die Anti-Hitler-Koalition ist auch an der Erfurter Linken nicht vorbeigegangen. So organisierte etwa die Gruppe Antira-Campus, früher versessen darauf bedacht, bloß nicht mit den Extremisten von der Antifa verwechselt zu werden, eine antifaschistische(!) Nachttanzdemo zur Feier des Tages „an dem Deutschland 1945 durch die Alliierten von der Nazidiktatur befreit wurde“ – so heißt es im Ankündigungstext. Und da sage einer, linke Aufrufe seien langweilig. Man lernt doch immer noch etwas dazu. Meine bisherige Geschichtsauffassung ging nämlich nicht davon aus, dass Deutschland von der Nazidiktatur befreit wurde, sondern dass Deutschland und seine Volksgemeinschaft die Nazidiktatur war. Befreit wurde demnach nicht Deutschland vom Faschismus, sondern die Welt vom faschistischen Deutschland. Hat der Antira-Campus nur unglücklich formuliert? Lege ich wieder jedes Wort auf die Goldwaage und betreibe eine „Hermeneutik des Verdachts“, wie mir ein geschätzter Genosse gelegentlich vorhält? Vielleicht.

Klarer liegt der Fall bei einer anderen 8. Mai-Veranstaltung, zu der die Erfurter Linksjugend, die JUSOS und traurigerweise auch der VVN-BdA am 7. Mai vor dem Thüringer Landtag aufgerufen hatten. Sie nahmen die Einladung des Landtagspräsidenten Christian Carius (CDU) sowie einige antikommunistische Aussagen des Mannes zum Anlass einer Kundgebung. Warum?

Befreite Täter?

Carius weigerte sich in der Einladung zur Veranstaltung, den 8. Mai als Tag der Befreiung zu labeln. Er spricht lieber vom 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs – historisch stimmt das nichtmal, der zweite Weltkrieg endete erst im September 1945 durch die Kapitulation Japans. Warum nun empören sich Linksjugend, JUSOS und VVN-BdA darüber? Die Vorgängerparteien von Carius‘ CDU (Zentrum & DNVP), wenn man nicht wegen erheblicher personeller Schnittmengen gleich die NSDAP als Vorgängerorganisation der CDU benennen sollte, haben 1933 für Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt. Dagegen waren nur die Sozialdemokraten und (in Abwesenheit, weil in „Schutzhaft“) die Kommunisten. Dass die CDU – und auch als Landtagspräsident bleibt Carius CDU-Mann – den Tag der Befreiung nicht als solchen begeht, ist nicht nur deshalb folgerichtig. Die Deutschen wurden am 8. Mai nicht befreit, sondern besiegt. Die deutsche Volksgemeinschaft hat Hitler, die Vernichtung und den Krieg gewählt und bis zum sprichwörtlich letzten Blutstropfen dafür gekämpft. Als Nachkomme dieser Bevölkerungsmehrheit begeht Carius den 8. Mai völlig folgerichtig nicht als Tag der Befreiung. Warum versuchen nun genannte Organisationen der politischen Linken der CDU einzureden, der Rechtsnachfolger des Dritten Reiches sei 1945 befreit statt besiegt worden oder die CDU bzw. Carius dürfe im Namen der Verfolgten und Ermordeten sprechen? Ich denke, weil hier eine Geschichtsbewältigung von Links stattfindet. Das deutsche Nationbuilding soll nicht den Rechten überlassen werden. Und diese deutsche Vergangenheitsbewältigung von Links hat seit den 60er Jahren eine gewisse Tradition in Deutschland, die ich kurz skizzieren will.

Kritik der deutschen Vergangenheitsbewältigung von Links

Der Bezug auf den Nationalsozialismus ist in der Bundesrepublik Deutschland, also jenem Land, das aus den Resultaten der Massenvernichtung an den europäischen Juden hervorgegangen ist, ein zentraler Bestandteil der nationalen Identitätsstiftung. Das galt im Grunde für jede Phase und jeden Versuch der deutschen Vergangenheitsbewältigung und bis heute. Nun lief der Umgang mit der eigenen Geschichte in der BRD ganz anders ab als in der früheren DDR. Der Grund, warum ich mich auf die Vergangenheitsbewältigung der BRD beziehe, besteht ganz einfach darin, dass die heutigen gedenkpolitischen Bezüge im Osten, jenseits DDR-nostalgischer Zirkel ihre Rechtfertigung aus der Ideologie beziehen, die im Westen geschöpft wurde.

Die ersten Jahre der (west-)deutschen Nachkriegspolitik waren geprägt von Verdrängung, Leugnung und verschiedenen Formen der Verharmlosung der deutschen Verbrechen gegen die Menschheit. Das reichte vom Aufrechnen der Opferzahlen über die Verklärung des NS-Terrors („Es war ja nicht alles schlecht“) bis hin zu bloßer Gleichgültigkeit und dem Bestreben, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ihren Höhepunkt erreichte diese Politik 1985 bei einem symbolischen Treffen des damaligen Bundeskanzlers Kohl mit dem US-Präsidenten Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg. Das symbolische Händehalten der beiden Staatsmänner auf einem Friedhof, auf dem auch Gefallene der Waffen-SS lagen, sollte den von Kohl gewünschten Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit setzen. Wolfgang Pohrt schrieb damals: „Bezweckt war die moralische Gleichstellung von Mitgliedern einer kriminellen Vereinigung, als welche die deutsche Wehrmacht sich durch ihre Taten erwiesen hat, mit den Soldaten, welche dem verbrecherischen Treiben jener Bande ein Ende machten und die Opfer befreiten.“

Seit den späten 60er Jahren gab es zu dieser von der deutschen Rechten betriebenen Schlussstrichpolitik eine Alternative, die die damaligen Sozialdemokraten vorantrieben. Sie läuteten die, mit einem zynischen Begriff von Eike Geisel, „Wiedergutwerdung der Deutschen“ ein, einen Prozess der Umfunktionalisierung deutscher Vergangenheitspolitik von einem Ballast, aus dem kein Kapital zu schlagen ist (deswegen wollte Kohl sie abhaken), zu einem Potential, das der Rechtfertigung neuer Untaten dienlich sein kann. Dieser Prozess begreift einen Wandel von einer Politik des Beschweigens und des Schönredens der faschistischen Vergangenheit hin zur offensiven Auseinandersetzung mit den eigenen Verbrechen im Dienste und zum Wohle des neuen Souveräns. Die Identifikation der Deutschen mit ihrer Nation sollte nicht mehr durch Verleugnung der Vergangenheit geleistet werden, sondern durch die Integration des Erbes, die Nachkommen von Verbrechern zu sein. Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz, wollten die Deutschen wieder zu sich selbst finden. Freilich hatte diese Form der Aufarbeitung der Vergangenheit nicht zur Folge, sich die fortbestehenden Bedingungen für faschistische Krisenbewältigung bewusst zu machen und einen radikalen Bewusstseinswandel, einen Bruch im Selbstverhältnis der Einzelnen zur Gesellschaft zu erwirken, sondern ganz im Gegenteil: Die Auseinandersetzung bleibt an der Oberfläche.

Wenn nun die Erfurter Linksjugend und andere von einem Repräsentanten des Staates in dieser Funktion fordern, sich zur Befreiung der Deutschen zu bekennen, dann blendet das nicht bloß die Täterschaft der Deutschen aus und unterlässt die Kritik des Nachlebens des Nationalsozialismus, sondern fordert implizit diese Umfunktionalisierung des verbrecherischen Erbes ein: Der Freistaat Thüringen als geläuterter, wiedergutgewordener soll sich auf die Seite der Sieger schlagen, weil das Erbe keine Last mehr ist, sondern Potential wieder nach vorn zu schauen.

Jürgen Habermas, linksliberaler Intellektueller, gern gesehener Gast und Stichwortgeber der SPD und fälschlicherweise im Ruf die Kritische Theorie Adornos und Horkheimers weiterentwickelt zu haben, bringt diese geschichtspolitische Disposition auf den Punkt: „Nach Auschwitz können wir nationales Selbstbewußtsein allein aus den besseren Traditionen unserer nicht unbesehenen, sondern kritisch angeeigneten Geschichte schöpfen.“ Während also die Konservativen und Reaktionären zumindest eine Einsicht bewahrt haben, nämlich, dass man aus der nationalsozialistischen Vergangenheit kein brauchbares nationales Selbstbewusstsein schöpfen kann, ist es die Perfidie von Habermas, der bloß Vordenker dieser sozialdemokratischen Version der Vergangenheitsbewältigung ist, dass „noch unverfrorener als die Verharmlosung der Vergangenheit [durch die Konservativen] nur der Wille ist, aus einer nicht verharmlosten Vergangenheit nationales Selbstbewusstsein zu schöpfen“, schreibt Wolfgang Pohrt.

Gerhard Scheit unterscheidet zwischen primärem und sekundärem postnazistischen Bewusstsein. Während das primäre postnazistische Bewusstsein in der Gestalt des gekränkten Revisionisten auftritt und die Resultate des Nationalsozialismus zwar bejaht, die Forderung nach politischer Umkehr jener die Gewaltverhältnisse verstetigenden Praxis aber vergessen machen will, kehren beim sekundären postnazistischen Bewusstsein die ursprünglichen Motive in gewandelter Form wieder. Das sekundäre postnazistische Bewusstsein bejaht die Resultate des Nationalsozialismus in abgeleiteter Weise im Gewand des Büßers, der aus der Erfahrung der Vernichtung gelernt zu haben vorgibt und es besser machen will. Als solches ist das sekundäre postnazistische Bewusstsein heute wirkungsvoller als das primäre und hat in bußfertigen Schwätzern wie dem Bundespräsidenten Joachim Gauck, den Christian Carius in Erfurt lieber nicht geben will, seine aktuellste Form gefunden. Gauck tingelt im Interesse der Wiedergutwerdung Deutschlands und mit dem moralischen Effort eines durch eigene Verfolgungserfahrung schlau gewordenen Pfarrers durch die Stätten der nationalsozialistischen Verfolgung. Wolfgang Pohrt schrieb ohne Gauck zu kennen im Jahre 2000 über die Bemühungen solcher Leute:
„Mit Sicherheit hatten die Opfer sich keine Mausoleen gewünscht. Ihre Mahnung ‚Auschwitz nicht vergessen‘ hieß nicht, zum Vorteil sich selbst beweihräuchernder Machthaber den staatstragenden Totenkult zu zelebrieren, die Feierstunde mit Grünzeug, Klassik und dem bußfertigen Geschwätz selbstgefälliger Festredner. Die Mahnung befolgen, hätte bedeutet, eine ganz andere Welt zu errichten, eine, in der Auschwitz unmöglich ist. Wenn das mißlingt – und es ist mißlungen –, wird auch Auschwitz Geschichte: Ein Buch, das man in die Hand nimmt oder nicht. Wer es tut, hat dafür seine Gründe, seine eigennützigen eigenen. Denn Auschwitz selbst beweist ein halbes Jahrhundert danach nur die Wahrheit des Satzes [von Balzac]: ‚Das Leben funktioniert nicht ohne großes Vergessen.‘“

Geschichtspolitik als Prüfstein deutscher Wiedergutwerdung

Nun wird freilich von den linken Vergangenheitsbewältigern in Erfurt nicht das bloße Abhaken der Geschichte betrieben, wie es mein provokant gewählter Titel nahelegt. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte wird sogar eingefordert. Nur steht das gar nicht im Widerspruch zum bisher dargestellten. Denn dort, wo die Auseinandersetzung mit der Geschichte gar nicht mehr dem Begreifen dient, dass diese Geschichte bis in die Gegenwart reicht, dass die Verhältnisse, die nach Auschwitz führten in ihren Formbestimmungen bloß restauriert worden, dort dient die Befassung mit Geschichte bloß noch der Vergewisserung des moralisch richtigen Standpunktes. Oder ganz kurz mit Eike Geisel: ‚Man leugnet die Verbrechen nicht, akzeptiert aber ihre Voraussetzungen.‘ So geht Vergangenheitsbewältigung mit Links: Statt Leugnung, Verharmlosung und Relativierung haben wir es mit Einbekennen, Läuterung und Wiedergutwerdung zu tun. Beide Formen der Auseinandersetzung streichen elementare Erkenntnisse und Hoffnungen einer Kritischen Theorie nach Auschwitz durch. Beide suchen wieder den positiven Bezugspunkt beim Staat und der Nation. Das mag die Erfurter Linksjugend leugnen. Ihr fast schon bettelnder Appell an die Obrigkeit, Carius als Repräsentanten des Freistaates, ist verräterisch genug, um diese Behauptung aufrecht zu erhalten. Auch der Veranstaltungsort (Thüringer Landtag) zielte weniger auf die dort nicht existente Öffentlichkeit, sondern offenbarte den appellativen Charakter der ganzen Veranstaltung.

Überhaupt, erklärt mir einer der Initiatoren auf Facebook, ziele der Protest auf die Formulierung von Carius, darin verborgene „ideologische Ansätze“ und die mangelnde Aufarbeitung der CDU-Parteigeschichte. Von Ideologiekritik finde ich zwar im Aufruf kaum eine Spur, dafür leuchtet das Anliegen, eine Formulierung zu kritisieren durchaus ein. Es geht wiedermal darum, wie bei Sprachpolitik allzu häufig, einen Sprachgebrauch zu verändern, die dahinter waltenden Verhältnisse aber unangetastet zu lassen. So eingesetzte Sprache beschönigt bloß die Verhältnisse, die nicht zu beschönigen sind. Für die Deutschen, und kein anderer Begriff eignet sich für die Beschreibung des Täterkollektivs besser, gab es keine Befreiung, sondern die Niederlage und solange in diesem Land sich nichts grundlegendes ändert, ist man gut damit beraten, auch den Nachkommen nicht einzureden, sie stünden heute auf der Seite der Sieger und da Carius zu einer Gedenkveranstaltung im Sinne der Mehrheitsgesellschaft aufruft, ist es nur konsequent, nicht den Terminus der Befreiung zu verwenden, der ihm gar nicht zusteht.

Überhaupt sollte man aller 8. Mai-Euphorie zum Trotze mal darüber nachdenken, was wir hier eigentlich feiern. Wer nach der Zerstörung der Idee einer freien Menschheit durch die Deutschen, nach Millionen in den Vernichtungslagern und während des Vernichtungskrieges ermordeten Menschen mit „Wer nicht feiert, hat verloren“ reüssieren will, der ist bestenfalls nur zynisch. Mit Walter Benjamin wäre Geschichte als Trümmerhaufen zu begreifen, der solange weiterwächst, solange die kapitalistische Entmenschlichung, Ausbeutung und Zerstörung der Welt und ihrer Insassen weitergeht. Und weil die faschistische Barbarei der Deutschen zwar überwunden, Hunger aber nach wie vor kein Grund für Produktion ist (sondern kaufkräftige Nachfrage), und weil die Barbarei an anderer Stelle in anderen Formen real und/oder Möglichkeit ist, deswegen war die Befreiung nur „eine halbe“ (Geisel) und deswegen muss sich eine radikale Linke fragen lassen, was es in dieser Welt eigentlich überhaupt zu feiern gibt, auch am 8. Mai. Der Aufbruch in eine neue solidarische Welt oder, mit Marx, das Ende der Vorgeschichte der Menschheit, ist es jedenfalls nicht.

Was sollte eine linke Geschichtspolitik leisten?

Linke Geschichtspolitik hätte dagegen auf den mit Deutschland unversöhnlichen Bruch mit den Verhältnissen zu drängen, die Auschwitz möglich machten und die sich nicht grundlegend verändert haben; auf die Umsetzung des unerfüllten Buchenwaldschwures, den Nazismus samt seiner Wurzeln zu zerstören. Sie hätte also statt Auschwitz zu einem integralen Bestandteil des deutschen Selbstbewusstseins zu machen, statt oberflächlicher Symbol-, Sprach- und Deutungspolitik, die die Deutschen und ihr Verhältnis zur Vergangenheit ins Reine bringen soll, radikale Aufklärung zu betreiben; Aufklärung über die krisenhafte kapitalistische Vergesellschaftung und die Kontinuitäten im postnazistischen Deutschland sowie die postnazistische geopolitische Reproduktion des Vernichtungsantisemitismus im Antizionismus, der im iranischen Atomprogramm auf die Vernichtung des Staates der Holocaustüberlebenden zielt. All das wäre Aufgabe von Organisationen, die das objektive Interesse der geschichtlichen und potentiellen Betroffenen von faschistischer Gewalt vertreten wollen.

Und statt, krampfhaft und historisch höchst zweifelhaft, Leuten, deren ideologische und biologische Vorgänger in ihrer überwältigenden Mehrheit nie befreit werden wollten, einzureden, der 8. Mai sei der Tag der Befreiung, könnte man, sollte man verzweifelt nach Feiertagen suchen, den 8. Mai auch einfach als Tag der deutschen Niederlage feiern. Das wäre doch Grund genug.

Gedanken zu Majdanek

Im Oktober 2014 findet sich eine Reisegruppe von 30 Menschen zusammen, um gemeinsam an einer Bildungsfahrt nach Lublin, Treblinka und Warschau teilzunehmen. Viele der jungen Menschen sind das erste Mal in Ostpolen. Sie wollen an historischen Orten mehr erfahren über die nationalsozialistische „Aktion Reinhardt“ – vielleicht auch ein wenig verstehen – mit dieser Hoffnung werden wohl viele solcher Bildungsfahrten konzipiert – eingelöst werden, kann sie nicht. Eine Teilnehmerin reflektierte etwa „Je mehr ich erfahre, desto weniger Sinn macht es.“ Auch deshalb ist dieser Bericht ein Sammelsurium an brüchigen, unvollständigen Gedanken zum Besuch Lublins und der Gedenkstätte Majdanek. Von Franziska.

Nach einer ewig langen Busfahrt kommen wir in Lublin an und beziehen unsere Zimmer im Hostel Krolewska. Viel gibt es heute nicht mehr zu sagen. Es herrscht eine gewisse Spannung in Erwartung des Bevorstehenden.

Am Morgen begrüßt uns Wieslaw Wysok, unser Begleiter für die nächsten vier Tage in Lublin, zur Stadtführung. Lublin ist alt, Anfang des 14. Jahrhunderts erhielt es das Stadtrecht, heute zeugt davon die mittelalterliche Altstadt. Wir gehen durch das Krakauer Tor, den Eingang in die Altstadt. Stehen dort auf dem Marktplatz bis wir in der Dominikaner Kirche anhand des Gemäldes „Der Stadtbrand von Lublin“ aus dem 16. Jahrhundert mehr über die Stadtgeschichte erfahren. Fokus der Stadtführung ist jedoch nicht das mittelalterliche Lublin oder touristische Attraktionen. Durch die Aussage „Misstraut den Grünanlagen.“ des Schriftstellers Heinz Knobloch eröffnet uns Wieslaw einen Blick auf das Nicht-(mehr)-Sichtbare, das paradoxerweise eigentlich überall in der Stadt anzutreffen ist. Wir folgen den Spuren des jüdischen Lebens, das hier sehr lange gewirkt hat.
Aufgrund der antijüdischen Pogrome im Westen kamen im 14. und 15. Jahrhundert viele Jüd*innen nach Lublin, sodass sich dieses zu einem Zentrum der jüdischen Kultur und Religion wandelte. Zu einigen unserer Stationen: Die 1930 erbaute Talmudschule Jeschiwa Chachmej ist als Gebäude erhalten geblieben, weil dieses von den Deutschen als Lazarett genutzt wurde. Sie war ein Zentrum des „Jüdischen Oxfords“, wie Lublin aufgrund seiner Bedeutung für das Ostjudentum genannt wurde. Von vier jüdischen Friedhöfen ist der älteste erhalten geblieben. Dieser erscheint uns in herbstlich sonniger Atmosphäre. Er beherbergt Gräber berühmter Rabbiner, die ältesten Grabsteine sind etwa 450 Jahre alt. Von den vormals 50.000 Steinen sind nur noch wenige zu sehen – die meisten wurden als Baumaterial auch im KZ Majdanek benutzt.
Heute zeugen Leerstellen, wie Parkplätze davon, wo sich bspw. das jüdische Wohnviertel befand, in welchem ab 1940 Jüd*innen zwangsweise konzentriert wurden. Ab März 1941 entstand ein Ghetto, in dem bis April 1942 etwa 40.000 Jüd*innen leben mussten und von wo aus sie zur Zwangsarbeit oder zur weiteren Deportation in Durchgangslager selektiert wurden. Im März 1942 folgten Transporte gen Osten ins Vernichtungslager Belzec und ins nahegelegene KZ Majdanek. Die „Aktion Reinhardt“ hatte nun begonnen.
Laut Wieslaw leben heute noch etwa 40 Jüd*innen in Lublin – es waren einmal über 40.000.
Es ist Nachmittag, die verschiedenen Eindrücke der Stadt haben uns müde gemacht: Wir besorgen uns Kekse und sitzen in der Sonne – der Tag geht bald zu Ende, morgen besuchen wir das erste Mal die Gedenkstätte Majdanek.

Wir fahren tatsächlich mit einem üblichen Stadtbus zur Gedenkstätte Majdanek. Sie ist nicht weit entfernt vom Zentrum gelegen. Wie Wieslaw uns später erklären wird, ist die Stadt an das ehemalige Gelände des KZs herangewachsen. Doch bereits während des NS war die Stadt Lublin nicht weit vom Konzentrationslager entfernt. Einer größeren Straße folgend, passieren wir ein Wohngebiet bis sich eine grüne Weite auftut, in der schwarze Gebäude, Baracken, stehen. Ein riesiges Monument ragt in den Himmel. Der Bus hält und wir steigen aus – andere Mitfahrende sind bereits ausgestiegen oder folgen ihrem Arbeits- und Schulweg weiter. Hier ist Alltag. Gegenüber scheint ein Gebäude einer der vielen Lubliner Universitäten zu stehen. Unser Blick richtet sich aber auf das Gelände der Gedenkstätte.
Die Gedenkstätte selbst wurde bereits im Oktober 1944 gegründet nach der hastigen Räumung des Lagers durch die Deutschen und das darauffolgende Eintreffen der Roten Armee im Juli 1944. Es wurde quasi nie befreit, sondern aufgelöst. Errichtet wurde das Lager 1941 und hieß offiziell „Konzentrationslager Lublin“. Ab Oktober 1941 fungierte es zunächst als Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten. Bald wurden auch Jüd*innen aus Lublin und Umgebung eingeliefert. Nach Jüd*innen waren Pol*innen die größte Häftlingsgruppe.
Wieslaw empfängt uns. Wir sind die erste Gruppe im neusanierten Museumsgebäude. Er gibt uns Einblick in seine Überlegungen zum vielschichtigen Charakter von Gedenkstätten. Zu verschiedenen Zeiten herrschte eine andere Wahrnehmungen des Lagers vor, womit sich unterschiedliche Perspektiven auf den Ort, seine Bedeutung und daraus entstehende Aufgaben entwickelt haben.
1944 war Majdanek ein Friedhof – die Trauer über die Toten, das tatsächlich Mögliche und Eingetretene herrscht vor. Vielleicht ist Majdanek auch ein Schlachtfeld, das vom Kampf ungleicher Gegner berichtet und Relikte, Beweise hinterließ. Aber es ist auch Museum – mit Ausstellungen, „Originalobjekten“, dargestellten Erinnerungen und Beschreibungen. Majdanek ist ein „traumatischer Ort“, der in sich das Geschehene behält, es aber zugleich in die Gegenwart und Zukunft vermittelt. Damit wir lernen können? Majdanek ist auch Materialisierung des Gedenkens – damit immer auch eine Inszenierung. Es ist auch Baustelle. Diese mag die erwartete Authentizität stören, aber sie bedeutet Wandlung und Bewegung – ein Werden, das die Erinnerung in sich behält und Gedenken immer wieder neugestaltet. Verschiedene Zeiten, verschiedene Wahrnehmungen, verschiedene Funktionen des Ortes.

Stille kehrt ein.

Wir tun die ersten Schritte aufs Gelände. Plötzlich stehen wir vor diesem kolossalen Monument, das den Blick lenkt – das Ehrenmal des Kampfes und Martyriums. Es ist der erste Teil des Mahnmalkomplexes von Majdanek, der von Wiktor Tolkin konzipiert und 1969 enthüllt wurde. Über zwei massive Pfeiler erstreckt sich ein übergroßer Steinblock – die Konstruktion kann als Tor gelesen werden.
Ein kleiner Weg Richtung dieses Tores führt uns abwärts mehrere Stufen hinunter. Spitze Steine ragen uns bedrohlich entgegen. Es ist beklemmend hindurch zu gehen. Seitwärts, bevor man das Tor erreicht, erkennt man einen kleinen, ganz schmalen Gang, der einen Blick nach „draußen“ offenbart. Ein Symbol der Hoffnung. Eine zweifelhafte Hoffnung. Die folgenden Treppen erklommen, baut sich dieses Tor auf – es ist Grenze zwischen zwei Welten: Der Welt des Lagers und der Außenwelt. Sein Korpus ist mächtig, darin kann man gepresste, verzerrte Körper erahnen. Das Tor symbolisiert das stattgefundene, übermächtige Leid sowie auch den historischen Eingang ins Lager.
Wir stehen oben auf, an der symbolischen Grenze. Der Blick auf das Gelände ist nun frei. Die grüne Weite nimmt Struktur an – alles, was hier im Lager geschah, hatte seine Ordnung. Ordnung bedeutete hier mörderische Disziplin. Die Fläche des zu unseren Füßen liegenden Geländes erscheint groß, war früher jedoch noch größer, 270 Hektar. Nach Planung der Deutschen sollte es viermal so groß werden. Dazu ist es nicht gekommen, aber das, was existierte, reichte aus, um dem deutschen Vernichtungswahn umzusetzen.
Das Gelände teilt sich in den ehemaligen Häftlings-, Wirtschafts- und SS-Bereich. Untergebracht waren die Häftlinge in fünf Feldern zu je 22 Baracken. Gesichert war jedes einzelne Feld mit doppeltem unter Hochspannung stehendem Stacheldrahtzaun. Rundherum standen 18 Wachtürme der SS. Im Wirtschaftsbereich waren u.a. Magazine und Werkstätten untergebracht. Die SS hatte zur Versorgung und Verwaltung einen weiteren Bereich. Alle Gebäude waren aus Holz gebaut – auch die Krematorien. Heute sehen wir noch einige schwarze Baracken und Wachtürme, sie wurden rekonstruiert, um die Authentizität zu „wahren“.
Vor uns liegt eine lange Straße, als Teil des Denkmales, wird sie „Weg der Ehre und Erinnerung“ genannt. Dieser führt direkt zum Mausoleum. In diesem Rundbau mit einem sich auf zwei Pfeilern stützenden flachen Kuppeldachs befindet sich die Asche der Ermordeten, Erniedrigten, Gequälten.
Es ist eine überdimensionale, begehbare Urne. Die symbolische Deutung des Mausoleums liegt quasi offen vor uns. Das Steinrelief, das die Kuppel umrundet, trägt eine Aufschrift in polnischer Sprache – „Unser Schicksal eine Mahnung für Euch“.

Die Frage der Authentizität in der Konzeption von Gedenken und Gedenkstätten begleitet uns über das Gelände. Die Struktur des Lagers wurde beibehalten – es ist erkennbar, wo welcher „Arbeitsschritt“ der Deutschen in der Verwertung der Arbeitskraft und Leiber ihrer Gefangenen stattgefunden hat. Da die Baracken und Gebäude jedoch zum großen Teil aus Holz bestanden, sind das, was heute hier zu sehen ist, alles Rekonstruktionen. Ausgenommen davon sind die Steinböden in den Duschbaracken, den Krematorien und Gaskammern. Sie sind begehbar. Wieslaw fragt uns, ob das so sein sollte. Darf man als Besucherin im Jahr 2014, auf demselben Boden stehen, auf dem tausende Menschen vor Angst zitternd um ihr Leben bangten und schließlich starben? Ist es wichtig für unser Verstehen heute, in diesen Räumen zu stehen? Welches Verhalten ist angebracht? Wieslaw berichtet uns von Besuchern, Neonazis, die hier ihre „Späße“ trieben. Ist eine Inszenierung, wie es durch den künstlichen Erhalt und die Rekonstruktion von Lagerteilen oder Relikten geschieht, sinnvoll? Allein der Anblick und das inszenierte Erleben in den Lagern wird niemanden verstehen lassen.
„Man hat nicht die Pflicht sich das konkret vorzustellen, aber zu wissen, was an den Orten passiert ist.“, sagt Wieslaw Wysok.
Das Konzentrationslager Majdanek war zu NS-Zeiten schon dafür bekannt, dass es eines der „härtesten“ war. So eine Einschätzung ist schwierig, warum sollte man Konzentrationslager miteinander vergleichen? In Majdanek waren die Lebensbedingungen, u.a. aufgrund fehlender Kanalisation bis 1943, besonders schlecht – auch der Umgang des SS-Wachpersonals mit Inhaftierten war – laut Aussagen der wenigen Überlebenden – besonders brutal und willkürlich. All dies wirkte sich auf die Lebensdauer der Inhaftierten aus. Die durchschnittliche Überlebensdauer war in Majdanek niedriger als in anderen Lagern. Zwei Drittel starben allein an den Lebensbedingungen, zu welchen auch die schwerste körperliche Zwangsarbeit zählte als auch Hunger und Krankheit. Viele nach Majdanek Deportierte – vor allem Jüd*innen und besonders deren Kinder – wurden jedoch keine Häftlinge, sondern wurden nach den Selektionen im „Rosengarten“ direkt getötet. In Majdanek verband sich Ausbeutung der Arbeitskraft und Massenmord. Ab dem Frühjahr 1943 mit der Ankunft der Deportierten aus dem Warschauer Ghetto muss Majdanek auch als Vernichtungslager betrachtet werden.

Von Lublin aus wurde die nationalsozialistische „Aktion Reinhardt“ geleitet. Sie war Teil der systematischen Ermordung von nahezu allen Jüd*innen und Rrom*nja des Generalgouvernements. Ihren Namen erhielt die Operation wahrscheinlich im nationalsozialistischen Andenken an Reinhardt Heydrich, der im Juni 1942 durch ein Attentat in Prag getötet werden konnte. Als Organisator für die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ war es seine Aufgabe, die Massenvernichtung zu ermöglichen. Odilo Globocnik leitete ab 1941 die Durchführung: Bis zum „Ziel“, dem Tod, war alles zu verwerten, was die Menschen geben konnten – ihr Hab und Gut, ihre Kleidung, ihre Goldzähne, ihre Arbeitskraft, ihr Menschsein.
In den Lagern Sobibor, Belzec und Treblinka wurde ab 1942 nur gemordet – dafür wurden die Vernichtungslager gebaut und reichlich ideenreich und arbeitsteilig organisiert, damit ein hohes Maß an Effizienz erreicht werden konnte. Hier wurde das Wissen aus dem „Euthanasie“-Programm „T4“ weiterentwickelt. Die sogenannte „Umsiedlung“ der im Generalgouvernement lebenden Jüd*innen und Rrom*nja begann.

Im Sommer 1943 ordnete Heinrich Himmler an, die verbliebenen Jüd*innen in den Distrikten Lublin, Galizien und auch Krakau zu ermorden. In einem Brief an den zuständigen SS- und Polizeiführer formulierte er, dass die Überlebenden eine große Gefahr darstellen würden. Der Befehl wurde unter dem Decknamen „Aktion Erntefest“ geplant und schließlich vom 03. auf den 04. November 1943 durchgeführt. Dieser Tag ging als „Blutmittwoch“ in die Geschichte Majdaneks ein.
Hinter den Krematorien am Rande des Lagers mussten in Vorbereitung darauf jüdische Häftlinge drei Gräben mit einer Länge von je einhundert und einer Tiefe bis zu sechs Metern ausheben. Auch Jüd*innen aus Lagern der Umgebung wurden in Majdanek auf Feld V zusammengetrieben. Flucht war nicht möglich, jegliche widerständige Reaktion führte zum Erschießen. Nach Plan mussten die Menschen sich in die Gräben hineinlegen, dann wurde geschossen. Um die Schüsse zu übertönen, wurde laute Tanzmusik gespielt, die auch in der Stadt Lublin zu hören war. So ging es wohl neun Stunden lang ununterbrochen.
Es war eine der umfangreichsten Massenerschießungen an Jüd*innen. Insgesamt wurden an diesem einzigen Tag im Distrikt Lublin 42.000 Menschen erschossen, im Konzentrationslager Majdanek waren es 18.000 jüdische Häftlinge.
Nur wenige überlebten – mit viel Glück und unter besonderen Umständen. Ein besonderer Umstand war die Zuweisung zu einem „Filzkommando“, welches fürs Sortieren der Habseligkeiten der Ermordeten verantwortlich war. Im „Sonderkommando“, für welches in allen Vernichtungslagern eingeteilt wurde, mussten jüdische Häftlinge u.a. für die Verbrennung der Leichenberge sorgen – dies dauerte in Folge des „Blutmittwochs“ etwa zwei Monate.

Zwischen Frühjahr 1942 und Herbst 1943 – während der „Aktion Reinhardt“ – kamen über zwei Millionen Menschen ums Leben. Ermordet in Ghettos, in Lagern, auf der Straße, in der Öffentlichkeit. Ermordet durch Zwangsarbeit, Hunger, Gewalt, Krankheit, Gas, Waffen, bloße Hände – aus Hass, Lust, Sadismus, Langeweile, Pflichtgefühl und Disziplin.

Am Gedenkstein für die Opfer des 03. und 04. Novembers 1943 hinter den Krematorien in Majdanek steht unsere Gruppe. Mit dem Lager im Rücken blicken wir auf die nun grünen Gräben, dahinter verläuft ein Zaun, es folgen Wohnhäuser, Gärten … die Zeit ist trotz allem weitergegangen. Wir gedenken den Toten in Stille.

Ein Ort der Trauer wird Majdanek bleiben.

Blutige Geopolitik in Osteuropa

Ein Thema, das Medien und viele Menschen in den letzten Wochen bewegte, ist der Ukrainekonflikt. Das Töten geht auch nach der Präsidentenwahl weiter. Weshalb die Ukraine solch ein Zankapfel ist, analysiert Volker Henriette Swesda.

Die Situation in der Ukraine ist bekannt. Es herrscht Bürgerkrieg. Ukrainische Armee, die neue Nationalgarde (beachtlich aufgestockt durch Faschisten und Nationalisten) und ein paar ehemalige Blackwater-söldner kämpfen gegen Separatisten und militante prorussische Patrioten.

Die Bösen sind, wie immer in solchen Situationen in den letzten Jahren, Putin und Russland. Allenfalls am Rande bemerkt wurde: Der größte Flächenstaat hat, wie alle Staaten, nicht Freunde sondern Interessen (nach Bismarck). Diese ergeben sich im Spätkapitalismus durch das Zusammenspiel mit anderen Interessensphären. Die Ukraine steht dabei, historisch gewachsen und seit den 1990ern „umkämpft“, im Fokus von geopolitischen Erwägungen des Kreml. Auch der Westen hat schon lange nicht mehr nur seine Fühler ausgestreckt. Aber zuerst zu den Interessen Russlands.

Russland ist der zentrale Nachlassverwalter der 1991 untergegangenen Sowjetunion. Es verlor in Folge der liberalen Auslegung der föderalen Verfassung der SU (Artikel 72) unter Gorbatschow und Jelzins Erlass, die KPdSU zu verbieten nicht nur weite Teile seines Einfußgebietes, Bevölkerung und Ressourcen. Nach der Kapitalisierung wurden auch riesige Bereiche der Infrastruktur stillgelegt und Produktionsanlagen, die nicht nach dem kapitalistischen Effizienz-Primat wirtschafteten, zu SU-Zeiten aber durchaus Vorteile für die Landbevölkerung hatte, dem Verrotten übergeben. Eine Weile sah es so aus, als ob ein Arrangement mit dem ehemaligen Systemfeind möglich ist und die Rolle als Tankstelle des Westens Konflikte befriedet. Seit dem Putin aber an der Spitze der Nation steht und nationale Interessen verficht, ist das Verhältnis doch eher getrübt.

Die ehemalige Weltmacht, die noch vor 25 Jahren das Gleichgewicht des Schreckens aufrecht hielt und sich dann aber finanziell nicht mehr dazu im Stande sah, wollte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Ukraine zumindest als Pufferstaat zum expandierenden Westen in ihrer „Umlaufbahn“ halten. Schon Gorbatschow bestand auf einer Nichteinflussnahme der NATO auf die ehemaligen Satelliten und Sowjetrepubliken. Der ehemalige deutsche Außenminister Genscher sicherte 1990 mit anderen europäischen Amtskollegen Gorbatschow und Schewardnadse zu, eine NATO-Osterweiterung käme nicht in Frage. Die dann folgenden Entwicklungen werden auf russischer Seite zurecht als Vertragsbruch des Westens wahrgenommen. Nach den Ernüchterungen (siehe unten) der 1990er Jahre sieht Russland seine strategischen Interessen am ehesten in einer multipolaren Weltordnung gesichert. Dazu gibt es chinesische-russische Partnerschaften und sogar gemeinsame Militärmanöver (vor 25 Jahren unvorstellbar) – zuletzt im Ostchinesischem Meer.
Russlands Außenpolitik forciert eine eurasischen Union, die seit 2001 in einer „Shanghaier Vertragsorganisation“ institutionalisiert wird und Iran einen Beobachterstatus einräumt. Eine Gas-OPEC, die Ressourcen durchaus machtpolitisch einsetzten möchte, wurde 2008 gegründet. Und eine Art Gegen-NATO scheint geplant.
Beim außenpolitischen Ränkespiel um die Ukraine, dass vor allem vom Westen genutzt wurde um Russland seine Rolle als Geschichtsverlierer deutlich zu machen, geht es auch ums Schwarze Meer. Der Kreml wollte offensichtlich nicht warten bis es seinen militärischen Hafen der Schwarzmeerflotte an die NATO freiwillig, im Rahmen des Rechts hätte abgeben müssen. Russland ist Aufgrund der geographischen Besonderheiten fast ein Binnenstaat. Der Zugriff aufs Schwarze Meer garantiert das ganze Jahr Eisfreiheit, der für den Welthandel wichtigen Häfen. Dazu kommt, dass es auf der Krim tatsächlich große Bestrebungen gab an die Traditionen der Weltmacht SU anzuknüpfen.

Die Ukraine ist ein junger Staat. In der Neuzeit gehörten Gebiete der heutigen Ukraine Khanen, zum Osmanischen Reich, dem Königreich Litauen-Polen, zum Zarenreich (in blutigen Gemetzeln erstritten, um einen Hafen zu haben), zum Gebiet der Habsburger oder war halbautonomes Kosakengebiet und hatte kurzfristig sogar anarchistische Gebiete bis es in die SU eingegliedert wurde. Die Krim wurde 1954 von Chruschtschow an die Ukraine angegliedert.

Die Nationalstaatsidee der Ukraine kam vor allem unter dem Judenschlächter Petljura und den Nazikollaborateuren um Bandera auf.

Der junge Staat der Ukraine, dem es wie allen ehemaligen Ostblockstaaten an einer Zivilgesellschaft fehlt, versucht seit Jahren das Produktionsniveau von 1991 wieder zu erreichen. Es gibt eine gewaltige soziale Schieflage und große Armut. Die Hauptstadt Kiew hat im Vergleich mit anderen europäischen Hauptstädten den niedrigsten Durchschnittsstundenlohn. Strategisch versuchten die ukrainischen Regierungen mehrgleisig zu fahren. Einerseits ist der wichtigste Handelspartner Russland, andererseits wird die Nähe zum Westen gesucht. Zum Versuch teilweise blockfrei zu wirken, ist auch das Assoziierungsabkommen mit der EU zu betrachten (abgesehen vom innenpolitischen Druck der „Orangenen Revolution“). Zum Einfrieren dieses Abkommens im November 2013, seitens des nun verjagten ehemaligen Präsidenten der Ukraine Janukowytsch und das zum Straßenkampf auf dem Euromaidan führte, gibt es unterschiedliche Lesarten.
Die eine ist die, der meisten deutschen Politiker und ihrer Medien-Schoßhündchen, die Gewehr bei Fuß stehen, wenn es um deutsche Interessen geht. Demnach hat Janukowytsch das Abkommen nicht unterzeichnet, weil Putin die fossilen Brennstoffe für die Ukraine noch teurer gemacht hätte. Schurke und Superschurke vereint.
Eine andere Lesart besagt, die ukrainischen Oligarchen lehnten das Abkommen ab, um nicht nach europäischen Spielregeln gegen ausländisches Kapital konkurrieren zu müssen. Die Selben müssen natürlich auch den Zugriff durch die russische Politik verhindern – das Beispiel des Chodorkowski schwebt wie ein Damoklesschwert über ambitionierten Superreichen. Aber das ist eine andere Geschichte. Das erklärt aber auch das rührige Engagement, das die Gewinner der Kapitalisierung zeigen, wenn es darum geht die Fahnen in den Wind zu hängen und politische Macht zu erhalten.
Eine mit beiden Seiten vereinbare Interpretation erklärt den Maidan zum Oligarchen-Konflikt in der Ukraine.
Die Hoffnung der ukrainischen Bevölkerung auf europäischen Wohlstand und vielleicht auch westliche Demokratie, die durch die ausgesetzten EU-Verhandlungen enttäuscht wurden, führten zum nun weltbekannten Euromaidan. Wochenlange Besetzung explodierte schließlich in einer Orgie der Gewalt bei der manchmal unklar ist, wer wen umbrachte – einig ist man sich aber, dass die Maidan-Schüsse der Katalysator für den Umsturz waren. Nicht vergessen werden sollte jedoch, wie die Masse der Maidanisten, die vielleicht nur ein besseres Leben wollten, sich zur Schwungmasse der Faschisten von „Swoboda“ und den nationalsozialistischen Kriegern vom „Prawyj Sektor“ machen ließen. Die unüberhörbar aus tausenden Kehlen gebrüllten Rufe, die „Ruhm der Ukraine“ forderten und der vielfach gezeigte Hitlergruß auch im Beisein des Polit-Boxers Klitschko, sprechen Bände. 2012 wurde die Werchowna Rada (Parlament) in Kiew gewählt und die Partei „Swoboda“ (Freiheit) zog mit 10,4 Prozent ins Parlament ein. Sie schlossen gemeinsam mit Klitschkos „Udar“ und Timoschenkos „Batkiwschtschyna“ ein Oppositionsbündnis, die dann auch schon mal gemeinsam Schlägereien in der Versammlung anzettelten. Legitimation erhielten die Parteien auch von Merkel, welche die Ukraine am 8.Mai (!) 2012 als Diktatur bezeichnete. Und damit waren eben nicht die Faschisten von „Swoboda“ gemeint, sondern dass 2010 ein Verfahren gegen Timoschenko wegen Amtsmissbrauchs und 2012 wegen Untreue anstrengt wurde. Die „Swoboda“ ist vor allem im Westen des Landes stark. In Lwiw, in der auch eine Statue des Nazi-Kollaborateurs Bandera steht, erhielten die Faschisten mit 38 Prozent die meisten Stimmen.
Bevor die Faschisten und Nazis von „Swoboda“ und „Prawyj Sektor“ den Euromaidan als Resonanzboden für ihren braunen Spuk nutzen konnten und so die Proteste von vornherein disqualifizierten, ermöglichten also die liberalen und liberal-konservativen Parteien erst den parlamentarischen Erfolg der Ultranationalisten. Die Administration von Juschtschenko und Timoschenko erklärten die antipolnischen, antisemitischen und antisowjetischen Mörder der 1930er und 40er zu „Helden der Ukraine“. Der gemeinsame Gegnerschaft, zur Partei der Regionen und den „Kommunisten“, führten dazu, dass die Faschisten salonfähig wurden. Im Februar 2014 wurde das Kabinett Jazenjuk durch zwei der bisherigen Oppositionsparteien („Vaterland“ und „Swoboda“) als Übergangsregierung bestimmt. Dieses Kabinett beschloss einen Militäreinsatz in der Ostukraine, um diese von „Terroristen“ zu „säubern“. Der neue Präsident (am 25.05 gewählt), der als Hoffnungsträger „der freien Welt“ gilt, ist ein Oligarch, der mit Schokolade innerhalb zweier Jahrzehnte Milliardär geworden ist, intensiviert den Militäreinsatz mit schwerem Gerät und Faschotruppen noch ein mal.

Interessenkonflikt ums Schwarzes Meer: Das Schwarze Meer als 3. größtes Meer der EU, ist eine Drehscheibe für den Öl- und Gashandel zwischen Asien und Europa. Die ehemaligen Teile der SU Kasachstan und Aserbaidschan aber auch Russland bringen den Schmierstoff der kapitalistischen Ökonomie über dieses Meer in die Türkei und nach Europa bis an den Atlantik. Es ist damit eine Schnittstelle zwischen Vorderasien, Südrussland und Südosteuropa. Flüsse fließen als Handelsrouten zum Schwarzen Meer. Und zu alle dem werden im Energietransitkorridor vor der Küste der Ukraine/ Krim große Öl- und Gasvorkommen ausgemacht.

Die NATO war schon immer der militärische Arm der westlichen ökonomischen Interessen. Das „Verteidigungsbündnis“ vollzog nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes eine strategische Neuausrichtung. Kurz: Wachsen, weltweit Intervenieren um Ressourcen und Ressourcenströme zu sichern, Migration zu einem Gefährdungsszenario zu machen also Grenzregime ünterstützen.
Die Interessen der NATO im Ukraineränkespiel sind vorrangig auf das schwarze Meer gerichtet (einige Gründe siehe Kasten) – im Gleichschritt mit offensivem Zurückdrängen der russischen strategischen Interessen. Besonders fallen hier die militärischen Anlagen vor Russlands Haustür in den NATO-Staaten Polen (Radaranlagen und Raketen) und der tschechischen Republik (Radar) auf (Beitritt 12.03.1999). Diese Systeme gehören zu einem Raketenschild, der gegen den Iran gerichtet sein soll. Von dieser Beteuerung lässt sich die russische Politik (nicht ganz wider erwarten) nicht beruhigen. Mit der Ostexpansion war natürlich noch lange nicht Schluss. Seit dem 29. März 2004 kamen ehemalige Warschauer Pakt-Staaten (Bulgarien, Rumänien, Slowakei, Slowenien) und sogar ehemalige Sowjetrepubliken (Estland, Lettland, Litauen) zum Atlantikpakt hinzu. 2009 folgten Albanien und Kroatien. Und 2008 wurde schon, Dank deutscher Interessen erfolgreichlos, über den Beitritt von Georgien und der Ukraine verhandelt. Zumindest sind diese Staaten aber, wie andere Ex-Sowjetrepubliken in der Vorfeldorganisation der „Partnership for Peace“. Es geht um die NATO, um Vormacht und Brückenköpfe nach Eurasien im neuen imperialistischen „Great Game“ gegen China und Russland. Die NATO-Politik, die von den USA ausgeht und einer weiteren Begrenzung von nuklear bestückbaren Interkontinentalraketen aufweicht, spricht eine deutliche Sprache: es geht nicht um Friedenssicherung, sondern um globale Machtpolitik.

Europa EU

Die Interessen der EU sind teilweise deckungsgleich zu denen der NATO und manchmal aber auch gegenläufig. Einige EU-Staaten möchten ja durchaus aus dem Schatten der Hegemonialmacht USA heraustreten und der einflussreichste Akteur in der Nato ist nun mal die USA. Auch wünscht sich die EU wohl eher eine Multipolare Welt, in der sie natürlich gewaltig mitzureden hätte, ohne immer nur Juniorpartner zu sein. Eine Militarisierung der Diplomatie ist aber offensichtlich auch im Interessen von Deutsch-Europa. Der Raketenschild der NATO zum Beispiel rief eher wenig Gegenrede in der herrschenden (Europa-)Politik hervor.
Was der Friedensnobelpreisträger (2012) EU für die Ukraine sozioökonomisch bereit hält, kann an den Beispielen der Andern osteuropäischen Partnern nachvollzogen werden. „Modernisierung“ und „Demokratisierung“ der osteuropäischen Staaten bedeutet auch Verarmung breiter Bevölkerungsschichten.
Die Interessen vieler EU-Staaten sind bestimmt durch den Energiehunger. Außerdem soll die EU als Ganzes weiter wachsen. Investitionsmöglichkeiten für westeuropäische Firmen sollen noch besser werden. Osteuropäische Fabriken werden zum Teil als Antwort auf Billigproduktion in China verstanden. Gleichzeitig hofft man auf wichtige Absatzmärkte für (deutschen) Export. Dafür muss nach deutsch-europäischem Interesse rationalisiert und privatisiert werden. Austeritätspolitik wird (natürlich auch vom IWF gefordert) angemahnt, was sinkende Sozialausgaben und plump gesagt teure Mieten bedeutet. Das Elitenprojekt (Deutsch-)EU ist, wie wir alle wissen, auch für das Kapital systemisch nicht ungefährlich. Absatzmärkte und nicht vorhandene Kaufkraft gehen eben nicht immer problemlos zusammen.
Tragend für die wirtschaftlichen Interessen erweisen sich aber vor allem die zahlreichen Energiepartnerschaften in Südosteuropa. Während Wintershall und Gazprom unter russischer Führung eng verflochten sind und durch die Nordstream-Pipeline in der Ostsee ¼ des Gasbedarfs Europas pumpen wollen, sind allerorten Bemühungen zu sehen, die Versorgung auf mehr Säulen zu verteilen. Besonders der Lieferstopp Russlands gegenüber der Ukraine 2009, wegen nicht bezahlter Gasrechnungen in Milliardenhöhe, war ein willkommener Weckruf in europäischen Medien. Es sind mehrere Pipelines ohne (aber auch mit) russischer Beteiligung fertiggestellt und geplant. Die Ukraine wird dabei zum Teil umgangen, hat aber immer noch das dichteste Pipelinenetz Europas mit 35.000 Kilometern und weckt damit auch besondere Begehrlichkeiten.
Die Politik der EU (genannt seien hier nur die Lieblings-„PolitikerInnen“ Klitschko, Timoschenko, Poroschenko) versucht durch gezielte Einflussnahme Eliten-Interessen zu wahren und auszugleichen, die den Wenigsten der Demokratieliebhabern in der Westukraine helfen dürfte.

Fazit

Wenn eine radikale Linke anhand dieser holzschnittartig aufgezeigten Realitäten nur sagt, “Wir stellen uns auf keine Seite!“, blenden sie die gefährlichen imperialistischen Entwicklungen nach dem Motto „nichts sehen, nichts hören“ aus. Im Herzen der Bestie muss es auch weiterhin heißen: Der Hauptfeind steht im eigenen Land!
Dass sie sich dabei nicht zum Erfüllungsgehilfen für Homophopie, russischen Nationalismus, religiösem Rollback, Autoritarismus jeglicher Couleur, identitären Bewegungen und neurechten Spinnereien eines deutsch-russischen Gegenpols zur „amerikanischen Weltherrschaft“ machen sollte, versteht sich von selbst. Die Gefahr für Journalisten aber auch für die tatarische Bevölkerung auf der Krim dürfen nicht aus dem Blick geraten. Die Machtblöcke und deren Interessen sollten aber bei der Bewertung von medial gespiegelten historischen Ereignissen auch für Linke eine Rolle spielen.

Wer war Werner Uhlworm?

fragt die Projektgruppe Erfurt im Nationalsozialismus beim DGB-Bildungswerk Thüringen e.V.

Am Abend des 19. Februars 1933 wurde der Erfurter Arbeitersportler Werner Uhlworm in der heutigen Breitscheidstraße von einem SA-Mann erschossen. Einen Tag später, am 20. Februar 1933, berichtete die sozialdemokratische Tageszeitung „Die Tribüne“ über die Ermordung. Der Artikel trug die Überschrift „Wie lange noch Nazi-Terror?“. Aus heutiger Perspektive ist die Ermordung Werner Uhlworms nicht das Ende, sondern der Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die in der Geschichte ohne Beispiel ist. Heute wissen wir um die mörderische Dynamik des Nationalsozialismus, um die systematische Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden in der Shoa, um den Vernichtungskrieg gegen die Menschen Osteuropas.

In der Wahrnehmung vieler kritischer Zeitgenossinnen und -genossen hatte die Brutalität der nationalsozialistischen Gewalt sowie deren gesellschaftliche und juristische Folgenlosigkeit jedoch bereits im Februar 1933 ein Maß erreicht, das viele Antifaschistinnen und Antifaschisten rat- und hilflos machte. Und in der Tat berichtet die Titelseite der gleichen Ausgabe der Erfurter Tribüne gleich von mehreren Toten und Schwerverletzten: In Chemnitz wurde ein Angehöriger des Reichsbanners – eine 1924 gegründete, sozialdemokratisch dominierte Selbstschutzorganisation gegen die Gewalt von Rechts – von einem Nationalsozialisten erstochen. In Bad Doberan fielen 30 Schüsse, als SA-Leute und Sozialdemokraten aufeinander trafen – zwei Reichsbannerleute starben. In Hamborn bei Duisburg wurden fünf kommunistische Arbeitersportler in einem Bootshaus überfallen, drei konnten schwerverletzt in ein Krankenhaus eingeliefert werden, einer erlag jedoch noch am Tatort den Schüssen seiner Mörder.

Erinnern – Vergessen

Unmittelbar nach der Befreiung vom Nationalsozialismus war die Erinnerung an die ersten Ermordeten noch präsent. Bereits im September 1945 wurden unter Leitung des damaligen Oberbürgermeisters Hermann Jahn mehrere Straßen in Erfurt umbenannt, darunter auch je eine nach Kurt Beate und Werner Uhlworm. Ein Jahr später wurde auf dem Erfurter Hauptfriedhof ein vom Architekt Max Brockert entworfener Ehrenhain für die Opfer des Faschismus, kurz ODF, eingeweiht. Auch hier wurde an Werner Uhlworm und Kurt Beate, der in der gleichen Nacht wie Werner Uhlworm ebenfalls angeschossen wurde und wenige Tage später an den Verletzungen starb, gedacht: zwei der stilisierten Urnen tragen ihre Namen. Im Unterschied zur BRD, wo die Würdigung des Widerstands von Arbeiterinnen und Arbeitern jahrzehntelang marginalisiert wurde, war die Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand insbesondere kommunistischer Arbeiter in der DDR wesentlicher Bestandteil staatlicher Erinnerungspolitik und -praxis.

Mit dem Ende der DDR hat sich auch die Erinnerungskultur in Erfurt stark verändert. Auf der einen Seite gab es zivilgesellschaftliche Bündnisse, die die Erinnerung an Opfer- und Akteursgruppen, die in der DDR eine geringere Rolle spielten, ins Zentrum stellten. Das am 1. September 1995 gegen viele Widerstände durchgesetzte Denkmal für den unbekannten Wehrmachtsdeserteur auf dem Petersberg bezeugt dies genauso wie das bürgerschaftliche Projekt „Erfurter GeDenken“, das seit 2009 das Schicksal einzelner deportierter Jüdinnen und Juden mit sog. Denknadeln an konkreten Orten im Stadtraum markiert.1 Und auch die Auseinandersetzung mit der lokalen Tätergeschichte im Zusammenhang der Diskussion um einen angemessenen Umgang mit dem Gelände der ehemaligen Firma Topf & Söhne war Teil dieser Veränderung der Erinnerungskultur vor Ort.

Auf der anderen Seite fanden auch in Erfurt die Debatten um „deutsche Opfer“ – sei es im „Bombenkrieg“ oder als „Heimatvertriebene“ – ihren Niederschlag. So erfolgte in den 1990er Jahren eine Umwidmung des erwähnten Ehrenhaines, der dessen ursprüngliche Intention auf den Kopf stellte: Die Inschrift „Opfer des Faschismus“ wurde ersetzt durch „Auch diese Opfer des I. und II. Weltkriegs fanden hier ihre Ruhe“, darunter setzte man kurzerhand auf drei neuen Schrifttafeln die Namen von 116 gefallenen Wehrmachtssoldaten. Die gebotene Differenzierung zwischen Opfern und Tätern wurde damit verwischt und so verwunder es nicht, dass das Spektrum der Organisationen, die hier ährlich zum Volkstrauertag Kränze niederlegen, vom Erfurter Oberbürgermeister über den Verteidigungsminister und der Russischen Botschaft bis hin zur rechtsextremen Splittergruppe Pro Erfurt reicht.

Vergessen – Erinnern

Beide Entwicklungen führten dazu, dass die Erinnerung in Erfurt an die Durchsetzungsphase nationalsozialistischer Herrschaft vor Ort, aber auch an den antifaschistischen Widerstand dagegen verblasste. Namen wie Werner Uhlworm oder Kurt Beate sagen nur noch wenigen etwas. Um dem etwas entgegen zu setzen, organisierte die Projektgruppe Erfurt im Nationalsozialismus beim DGB-Bildungswerk Thüringen für den 19. Februar 2013 einen Stadtrundgang unter dem Titel: „Vor 80 Jahren: die ersten Toten des NS-Terrors“. Der Rundgang verfolgte dabei grundsätzlich drei Ziele: Erstens sollte an die konkreten Ereignisse und handelnden Personen in Erfurt im Jahr 1933 erinnert werden und diese damit ins lokale Gedächtnis zurückgeholt werden. Zweitens sollte die Machterlangung der Nationalsozialisten sowie der Widerstand dagegen im Viertel zwischen heutiger Magdeburger Allee und Friedrich-Engels-Straße konkret verortet und somit räumlich erfahrbar gemacht werden. Der Blick sollte damit ganz bewußt auf einen Teil der Stadt gelegt, der bei konventionellen Stadtrundgängen keine Beachtung findet.2 Und Drittens ging es darum, Menschen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch-solidarisch auf die Ermordeten beziehen, eine Auseinandersetzung mit einem Teil der eigenen Bewegungsgeschichte zu ermöglichen.

Der Einladung zur Spurensuche waren trotz des kalten Wetters rund 30 Menschen gefolgt, darunter Menschen mit gewerkschaftlichem Hintergrund, Antifas und Bewohner_innen des Viertels.

Zurück ins Blechbüchsenviertel

Der Stadtrundgang startete vor dem ehemaligen Arbeiterkulturhaus Tivoli in der Bebelstraße. Die Bebelstraße hieß in den Dreißiger Jahren Udestedter Straße, das Karree zwischen Magdeburger Allee, Breitscheidstraße und Friedrich-Engels-Straße war Teil des sogenannten Blechbüchsenviertels. Die heutige Johannesvorstadt war mit der zunehmenden Industrialisierung seit den 1880er Jahren entstanden, Ilversgehofen wurde erst 1911 nach Erfurt eingemeindet. In den zwanziger Jahren lebten hier vor allem ArbeiterInnenfamilien und kleine Angestellte, Selbständige und zunehmend auch Arbeitslose. Hier prägte sich das typische Milieu der ArbeiterInnenbewegung in all seinen Schattierungen heraus. Sozialdemokraten wohnten mit Kommunistinnen in einem Haus, gemeinsam arbeitete man im gleichen Betrieb oder wanderte ins Grüne, Kinder aus sozialdemokratischen Familien gingen hier im Kultur- und Gewerkschaftshaus Tivoli zur Vorführung sowjetischer Filme. Bei allen parteipolitischen Auseinandersetzungen zwischen SPD, KPD und den vielen kleineren Gruppen blieb ein gemeinsamer Alltag im Viertel.

Der zweite Halt des Rundgangs erfolgte gegenüber dem Gelände der ehemaligen Schuhfabrik Heinz Cerf & Fritz Bielschowsky in der Magdeburger Allee. Beispielhaft für jenen oppositionellen Teil der ArbeiterInnenbewegung jenseits von KPD und SPD wurde hier an Ernst Hosenfeldt erinnert, der in der Erfurter Ortsgruppe des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds, kurz ISK, aktiv war. Der ISK war 1925 als eine Art Plattform gegründet worden, seine Mitglieder engagierten sich in allen Teilen der ArbeiterInnenbewegung. Dabei griff der ISK auch in die Lebensweise seiner Mitglieder ein. Überzeugt davon, dass Suchtmittel den Vernunftgebrauch einschränken, waren die Mitglieder aufgefordert, auf Alkohol und Zigaretten zu verzichtet. In Achtung vor dem Lebensrecht der Tiere aßen ISK-Aktiven kein Fleisch, sondern betrieben in Berlin und Köln mehrere vegetarische Restaurants. Ernst Hosenfeld war nicht nur im ISK aktiv und schrieb für dessen Tageszeitung „Der Funke“ Artikel, er war auch Vorsitzender des Angestellten-Betriebsrates der Schuhfabrik Hoffmann und Stenger. 1933 stuften Ihn die Nazis als „linksradikal“ ein und setzten ihn als Betriebsrat ab, am 18. April 1935 wurde Ernst Hosenfeldt von der Gestapo verhaftet, da er seine Aufgabe als Ortsgruppenleiter des ISK auch nach 1933 illegal weitergeführt hatte. Angeklagt wegen Vorbereitung zum Hochverrat wurde Hosenfeldt am 23. August 1935 zu 4 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust3 verurteilt.

Eine weitere Station des Rundgangs war der Johannesplatz, wo der Rot-Sport-Verein „Vorwärts“ seinen Sportplatz hatte. Insbesondere in der Weimarer Republik nahm der ArbeiterInnensport, der sich bewußt von den deutschnationalen bürgerlichen Turnvereinen absetzte, eine wichtige Funktion innerhalb der ArbeiterInnenbewegung ein. Von der Polizei misstrauisch beäugt, waren die ArbeiterInnensportvereine trotz eines klar politischen Selbstverständnisses Orte der Geselligkeit und des Austauschs, insbesondere auch für die zunehmende Zahl der Arbeitslosen. Dass hier nicht nur Parteimitglieder aktiv waren, zeigt Werner Uhlworm, der selbst kein Mitglied einer Partei war, aber zum Umfeld der KPD gehörte.

Nächster Haltepunkt war die Straßenkreuzung Breitscheidstraße – Josef-Ries-Straße, an der Werner Uhlworm am 19. Februar 1933 erschossen und Kurt Beate tödlich verletzt wurde. Obwohl die Polizei noch ermittelte, war bereits am 21. Februar in der nationalkonservativen Mitteldeutschen Zeitung zu lesen: „Wie wir noch erfahren, ist der Kommunist Uhlworm ein Provokateur. Der Streit wurde von den Kommunisten begonnen, so dass die Angegriffenen ohne Zweifel in Notwehr gehandelt haben.“ Der Versuch, Opfer zu Tätern zu machen, fruchtete zumindest bei den Menschen im Viertel augenscheinlich nicht. Trotz des Verbots aller Kundgebungen gingen zur Beerdigung von Werner Uhlworm am 24. Februar 1933 tausende Menschen auf die Straße. Über die letzte antifaschistische Massenartikulation in Erfurt schrieb die sozialdemokratische Tageszeitung „Tribüne“: „Zahlreich waren die Kränze, die die Organisationen der Arbeiterschaft und die Belegschaften der Betriebe am Grabe des Toten niederlegten. Die Kranzdelegationen der Eisernen Front, der proletarischen Parteien, der Gewerkschaften und Belegschaften wurden von den an der Straße stehenden Werktätigen mit Freiheitsrufen und dem kommunistischen Parteigruß begrüßt.“

Die vorletzte Station des Rundgangs war in der heutigen Lassallestraße 16, wo Werner Uhlworm ein kleines Frisörgeschäft betrieb. Um die Erinnerung an die Ereignisse vor 80 Jahren auch nach außen sichtbar zu machen, wurden am Haus die Portraits der beiden Ermordeten zusammen mit einer temporären Erinnerungstafel angebracht.

Letzter Haltepunkt war wiederum die Bebelstraße (damals Udestedter Straße), wo daran erinnert wurde, dass der Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Viertel trotz Terror und Indoktrination nicht 1933 endete. Zum Teil aus ehemaligen Hitlerjungen rekrutierte sich der Fahrradclique der „wilden Udestedter“, die den NS-Staat und seine Jugendorganisationen im September 1938 sichtbar herausforderten. Sie trafen sich hinter der Krämerbrücke oder in der Udestedter Straße, hatten blau angestrichene Fahrräder, an denen ein Wimpel mit weißem Totenkopf angebracht war, und prügelten sich mit HJlern. Dem Anspruch des NS-Staats auf totalitären Zugriff auf die Jugend widersetzten sie sichwahrnehmbar.

Was folgt?

Das spezifische Milieu, aus dem sich der Widerstand gegen die Machterlangung der Nationalsozialisten 1933 wesentlich formte, existiert heute nicht mehr, die Johannesvorstadt ist keine antifaschistische Hochburg mehr. Dass das Thema des Rundgangs dennoch keine bloße Vergangenheit ist, zeigte sich nicht zuletzt daran, dass die während des Rundgangs für Werner Uhlworm und Kurt Beate aufgehängten provisorischen Erinnerungstafeln bereits am Folgetag verschwunden waren, ein in die Fassade des gleichen Hauses eingeritztes Hakenkreuz hingegen weniger zu stören scheint. Dies macht sinnbildlich deutlich, wie dringend es geraten ist, dass sich auch Linke an der „Produktion“ von Vergangenheit beteiligen, die die Verbindungen zur Gegenwart herstellt. Die lokale Geschichte zum Nationalsozialismus bietet dafür unseres Erachtens nach einen guten Rahmen. Sie ermöglicht es, konkret handelnde Menschen ins Zentrum zu stellen und allgemeine und abstrakte gesellschaftliche Entwicklungen räumlich verortbar und dadurch nachvollziehbarer zu machen. Eindimensionale Erzählungen, die ausschließlich auf Identitätsstiftung abzielen, sollten dabei genauso vermieden werden wie einfache Parallelisierungen mit dem Hier und jetzt. Irritationen, wie etwa der auch in der antifaschistischen Arbeiterbewegung der Weimarer Republik weit verbreitete Antisemitismus, oder eigene Ratlosigkeit, wie etwa angesichts der Beteiligung widerständiger Arbeiter der Firma Topf&Söhne an der Installation der Krematoriumsöfen in Auschwitz, sollten nicht verschwiegen, sondern als Reflexionpotenzial wahrgenommen werden. Der Versuch, die Geschichte der Besiegten zu schreiben, muss zwangsläufig bruchstückhaft und unvollständig bleiben. Dennoch halten wir die Beschäftigung mit der eingangs gestellten Frage, wer Werner Uhlworm und all die anderen eigentlich war, für sinnvoll.

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1 Andere Opfer- und Akteursgruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle oder Zeugen Jehovas haben weiterhin kaum einen Platz im lokalen Gedächtnis der Stadt Erfurt.

2 In den letzten Jahren lässt sich eine zunehmende touristische Vermarktung von Geschichte in Erfurt beobachten, die ihren Fokus auf die Inszenierung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Geschichte als wichtigem Bestandteil einer touristischen Marketingstrategie legt. Wer in den Sommermonaten durch die Innenstadt geht, kann beobachten, wie in unzähligen Stadtführungen die Stadt zur Kulisse und StadtführerInnen zu kostümierten SchauspielerInnen werden. Geschichte außerhalb dieses innerstädtischen „Freilichtmuseums“ findet hingegen kaum statt.

3 Die bürgerlichen Ehrenrechte umfassen das aktive und passive Wahlrecht sowie das Bekleiden öffentlicher Ämter.