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Fast im Westen, trotzdem Osten

Auf dem Weg durch das Thüringer Provinz machen die Leute von Thüringenpunk Beobachtungen und Erfahrungen, die sie für die Leser*innenschaft der Lirabelle zugänglich machen. Im zweiten Teil der Reihe ‚Punk in der Thüringer Provinz‘ geht es um Eisenach und den Überlebenskampf der subkulturellen antifaschistischen Szene zwischen Perspektivlosigkeit, kleineren Punkrockshows und Nazistress.

Es ist der 4. November 2011. Zwei Männer rauben die lokale Sparkasse aus, erbeuteten knapp 70.000 Euro und flüchten auf ihren Fahrrädern zu einem Wohnmobil. Hierin verstauen sie ihre Fahrräder und flüchten weiter. Ein paar Stunden später finden Polizisten das Wohnmobil in Eisenach-Stregda. Es fallen Schüsse, getroffen wird niemand. Das Wohnmobil gerät in Flammen, kurz darauf werden zwei sterbliche Überreste geborgen. Es sind die Leichname von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

5 Jahre später sind wir auf dem Weg nach Eisenach, wo sich die wohl größte rechte Terrororganisation seit dem Nationalsozialismus, der NSU, selbst enttarnte. Während der Fahrt diskutieren wir über dessen Auffliegen, die Rolle des Staates, aber auch darüber, wie die Stimmung seit dem in der westthüringischen Stadt heute ist und wie es um die antifaschistische und alternative Szene vor Ort bestellt ist. Am Gleis 3 des Eisenacher Bahnhofs steigen wir aus, wo wir bereits von zwei Menschen erwartet werden. Ihre Namen nennen wir aus Sicherheitsgründen nicht. Mit den beiden schauen wir uns die Gegend an und sprechen über Subkultur, Neonazis und den Alltag in der Stadt, die Otto von Bismarck zu ihren Ehrenbürgern zählt.

Von der Vergangenheit ist nicht viel geblieben

Nachdem wir uns ein Getränk geholt haben, beginnt unserer Rundgang durch Eisenach und sofort kommen wir miteinander ins Gespräch. „Irgendwie gab es hier schon immer eine Punk- und Hardcore-Szene, die gar nicht so klein war bzw. ist“, meint einer unserer Begleiter. Hier kommen schon mal 100 bis 150 Menschen zu Konzerten. Eigene selbstverwaltete Anschlaufstellen wie in Gotha oder Weimar gibt es nicht. Vor vielen Jahren sah das jedoch anders aus: „In den 90ern gab es einen Club namens ‚Outsider‘, der in linker Hand war. Aber warum es diesen nicht mehr gibt, kann ich auch nicht sagen“, erklären sie uns. Doch dies war nicht die einzige Location, in der man sich als linker oder alternativer Jugendlicher treffen konnte.„Im ‚Sound & Culture‘ waren vor einigen Jahren auch noch junge Menschen unterwegs, die einer alternativen Subkultur keine Steine in den Weg gelegt haben.“ Dort war es einfach Konzerte oder eigene Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Die KVG-Eisenach, also das Unternehmen des lokalen ÖPNV, machte dem einen Strich durch die Rechnung. Sie ersetzte den Club nämlich durch etwas, was einem typischen Jugendclub in der Provinz sehr nahekommt: zwar keine Bushaltestelle, aber einen Busparkplatz. Immerhin eine gute Möglichkeit um schneller aus Eisenach wegzukommen, doch für diejenigen, die bleiben wollen, bleibt es ein schwerer Einschnitt.

Andere Locations, wie das ‚Gleis 1‘, wurden in der Vergangenheit vom Betreiber vor die Wand gefahren und können somit auch nicht mehr als Anlaufpunkt für alternative Jugendliche gezählt werden. „Auch eine eher alternative Kneipe namens ‚Zero‘ wurde von linken Leuten in der Vergangenheit öfters besucht. Jedoch kamen hier irgendwann mehr und mehr Nazis in den Laden und vom Besitzer hat die linke Szene hier keinen Rückhalt bekommen. Alles frei nach dem Motto: ‚Wer friedlich ist, darf hier trinken‘„, erzählen die beiden mit schmerzverzerrtem Gesicht. Eine Mischung aus Wut und Trauer sind ihnen schon anzumerken, wenn sie über die Vergangenheit sprechen und dies mit den heutigen Chancen und Möglichkeiten für Subkultur vergleichen.
Für Konzerte mit einer klaren politischen Kante ist es in Eisenach schwer geworden einen geeigneten Ort zu finden. Zumindest gibt es für politische Bildung einen mehr oder weniger passenden Raum. Zwar sehen wir keinen Grund davon abzurücken, die Linkspartei weiterhin zu kritisieren, dennoch hat sich mit dem Parteibüro „RosaLuxx“ einiges in Eisenach verbessert. Auf dem Weg dorthin wird uns berichtet, dass hier immer wieder FIlmvorführungen und Vorträge stattfinden. Angekommen vor dem Büro, was eine „gute Anlaufstelle für politisch motivierte Menschen“ darstelle, stehen wir vor verschlossender Tür. Ein Blick durch das Fenster zeigt, viel Fläche steht dort nicht zur Verfügung. Für Eisenach muss es wohl erstmal reichen. „Vermutlich wäre die Szene auch besser aufgestellt, wenn es ein alternatives Jugendzentrum geben würde. Man beobachtet ja schon in Städten, wo es so etwas gibt, dass die Szene konstanter und aktiver ist“, wird uns zugeraunt, doch ein AZ oder alternatives Jugendzentrum gibt es nicht und steht in Zukunft leider nicht in Aussicht.

„Das Problem haben sie doch alle!“

Die Folgen der ausbleibenden Möglichkeiten zum Treffen und zur freien Entfaltung der Subkultur sind, wie es an vielen Orten in der Provinz zu Tage tritt, fatal. Die Jugendlichen versuchen nach dem Schulabschluss der Provinz den Rücken zu kehren und ziehen zumeist in größere Städte wie Göttingen oder Leipzig. „Ich kann die Leute vollkommen verstehen. Was hat denn so eine Stadt wie Eisenach schon zu bieten?“, fragt einer unserer Provinzscouts, der selbst viel außerhalb von Eisenach unterwegs ist. In großen Städten ist das kulturelle, aber auch das politische Angebot bedeutend größer. So kam es auch schon vor, dass ganze Freundeskreise die Stadt hinter sich gelassen haben.
„Das macht es auch so schwierig, konstante Strukturen zu entwickeln. Man merkt dies einfach an einem Kommen und Gehen der Menschen. Die Szene vor Ort ist somit einer hohen Fluktuation unterworfen“, führt er weiter aus.

Die Leute, die noch vor Ort sind, lassen sich glücklicherweise davon nicht aufhalten und machen weiter. Sie organisieren Konzerte und Vorträge, betreiben ein Klamotten-Label im Internet, um die provinzielle Gegend nicht aufzugeben und die Fahne einer alternativen Subkultur aufrecht zu halten. Doch um eine eigene Location zu betreiben, fehlt es vor Ort an vielem. Für aktuelle Konzerte, so wird uns berichtet, gibt es den Schlachthof. Die Location ist uns bereits von einigen Konzerten bekannt. Eine große, ungemütliche Halle, an deren Türen bei früheren Konzerten oft eine Nazisecurity stand. Keine Atmosphäre zum Wohlfühlen, doch mittlerweile hat sich dies in einigen Punkten verbessert. „Natürlich braucht man da sowas wie Security, aber auch da gibt es inzwischen Firmen, mit denen man ohne Bauchschmerzen zusammenarbeiten kann“, wird uns erläutert. Einmieten muss man sich trotzdem für Konzerte, ein Kostenpunkt der bei Provinzkonzerten erst einmal gedeckt werden muss. Am 29. Oktober fand wieder so ein Konzert im Schlachthof statt. Dabei ging es darum, Solidarität mit lokalen Antifaschisten zu zeigen und Geld für Repressionskosten zu sammeln, welche im Nachgang der Proteste gegen einen der unzähligen NPD-Aufmärsche im März 2016 anfielen. Damals bedrängte die Polizei willkürlich Antifaschisten, um sie wegen angeblicher Vermummung belangen. Eine gängige Praxis der Cops und sicherlich eine ätzende Angelegenheit, doch die Solidarität danach war überraschend groß. „Es hat uns sehr gefreut, dass sich Leute gefunden haben, die ein Soli-Konzert organisierten. Antifaschistische Proteste dürfen nicht kriminalisiert werden.“ Ein Lichtblick in der Provinz und eine nötige Aktion, um weiterhin zu ermöglichen, gegen Nazis in Eisenach auf die Straße zu gehen und danach nicht allein auf dem Ärger und den Kosten von Strafbefehlen oder ähnlichem sitzenzubleiben.

Militante Nazi-Szene und Burschentag

Unser Weg führt uns weiter in die Innenstadt von Eisenach. Wir schlendern durch eine Einkaufpassage. An den Laternen fallen uns viele Sticker auf, die zum Großteil abgekratzt sind und doch lässt sich an manchen Stellen erkennen, was hier vormals klebte. „NS-Area“ findet sich nicht nur auf Stickern, sondern auch an diverse Wände gesprüht. Nach dem ein oder anderen schäbigen Nazischeiß, den wir mit unseren edlen Thüringenpunk-Stickern überklebt haben, einer neuen Fuhre Bier und Cola kommen unsere Begleiter auf ein Thema zu sprechen, um das man in Eisenach nicht herum kommt. „Die politische Entwicklung hier ist seit ein paar Jahren, wie in viele ostdeutschen Provinzen, ziemlich gruselig. Es finden in Eisenach regelmäßig Neonazi-Konzerte statt, es wächst eine militante Nachwuchs-Nazi-Szene heran und den ein oder anderen rechten Übergriff gab es auch in der Vergangenheit.“ Im Stadtrat sitzt die NPD in Person des mehrfach vorbestraften Neonazi Patrick Wieschke und zwei weiteren dieser Art. Zwar kommt den Dreien im Stadtrat keine große Bedeutung zu, aber auf der Straße kommt ihre Propaganda an. Für einen bundesweiten Eklat sorgte die Stadtratsfraktion der NPD im vergangenen Jahr, da ihr Antrag auf Abwahl der linken Oberbürgermeisterin von der CDU unterstützt wurde und nur knapp scheiterte.

Auf die Frage, warum in Eisenach solche Strukturen und viele junge Leute bei den Nazis landen, überlegen die beiden kurz und antworten: „Das ist eine schwierige Frage. Man könnte jetzt mit ‚Perspektivlosigkeit‘ antworten, aber das ist sicher zu pauschal gesagt.“ Wir diskutieren über mögliche Gründe wie fehlende Bildung oder Zukunftsängste der Jugend, doch im Endeffekt seien die Gründe, warum junge Menschen sich für rechte Ansichten begeistern in Eisenach keine anderen als in Suhl, Gotha oder Erfurt.

Den alljährlichen Höhepunkt der Ekelhaftigkeit in der Stadt Eisenach bildet der Burschentag der ‚Deutschen Burschenschaft‘. Schon öfter haben wir davon gehört und auch von den Protesten dagegen. Wie die Stimmung in der Stadt ist, wissen die beiden aus Eisenach sehr wohl: „Überall sieht man dann diese elitären, uniformierten Vollidioten. Leider scheinen sie dabei von weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert zu sein und die Gastronomen erfreuen sich an guten Umsätzen“, erklären sie uns und fügen hinzu, „Zu späterer Stunde hört man dann in den Straßen auch mal verbotenes deutsches Liedgut von den Herren, aber das scheint kaum jemanden zu stören.“ Für Anfang nächsten Jahres kündigen die beiden an, es werde in Eisenach Vorträge zur Kritik der Burschenschaft geben. Der antifaschistische Widerstand gegen des Event der elitären, sexistischen, rassistischen und antisemitischen Burschenschaft soll neu belebt werden. Wie sich das im kommenden Jahr entwickelt bleibt für uns sowie die zwei Begleiter eine spannende Angelegenheit. Fest steht, dass der Burschentag nicht unbeantwortet bleiben soll. In diesem Jahr zog es die Burschis auf ein Dorf zwischen Eisenach und Gotha, um ihre Sitzungen abzuhalten. Antifaschistische Interventionen in der dörflichen Provinz zu organisieren, ist noch um einiges schwerer als in Eisenach selbst.

Doch nicht nur in Eisenach kämpft die alternative linke Szene ums Überleben

Ganz scheint das Eisenacher Umland nicht verloren zu sein. Kleine Orte wie Wutha-Farnroda oder Merkers, so wird uns berichtet, sind immer wieder Orte für Punkrockshows. Besonders bekannt dürfte hier das „Rock am Berg“ in Merkers sein. Einmal im Jahr findet an einem Wochenende ein Punkrockfestival statt, auf dem sich auch antifaschistische Infostände finden, Bands mit eindeutigen Statements auftreten und sich die Veranstalter dem Kampf gegen Rechts verschrieben haben. Klar, so mussten auch die Leute vor Ort feststellen, bleibt die allgemeine Situation nach wie vor beschissen. Für ein Wochenende wird der Provinz aber gut eingeheizt. Das wissen auch unsere beiden Begleiter und bringen die Bedeutung des Festivals für die Region auf den Punkt: „Das ist eine super Geschichte. Hier kommen antifaschistisch motivierte Menschen, nicht nur aus der Region zusammen, sondern auch überregional. Solche Veranstaltungen sind einfach wichtig, um Menschen kennenzulernen, sich zu vernetzten oder einfach um mal wieder zu merken, dass man nicht alleine ist.“

In unseren Thüringenpunk-Konzertkalender tragen wir immermal wieder Wutha-Farnroda als Veranstaltungsort ein. Wie wir aber erfahren müssen, hat es sich dort bis auf weiteres mit Punkrockshows erledigt. „In Wutha-Farnroda finden leider keine Konzerte mehr statt, da der Club saniert wurde und für die tägliche Jugendarbeit verwendet wird. Das ist schade, da die Shows da immer echt gut waren“, wird uns erklärt. Wir finden es bedauerlich, dass es von der Jugendarbeit zu Punkrockkonzerten keinen fließenden Übergang geben kann und somit den Konzerten ein Ende gesetzt wurde. Schließlich haben dort seit Jahren die Szenegrößen der Region gespielt. Punkrock made in Eisenach ist für viele spätestens dann ein Begriff, wenn von Bands wie Fucking Faces oder den ESA-Zecken die Rede ist. Doch nicht nur diese Bands sind heute bekannt. Die junge Generation ist mit Gloomster, Abserviert, Fleshhead Attack, Kaspar Hauser usw. nicht gerade schlecht vertreten. Lachend stellt einer unserer Begleiter fest „Eisenach hatte in Richtung Punk schon immer was zu bieten.“ Schon oft konnten wir uns selbst davon überzeugen, dass die Bands aus dieser Ecke Thüringens gut ausgestattet sind und viel miteinander machen. Das führt, wie wir anmerken, zu einem eigenen Eisenacher-Punkrock-Stil. Darüber können die beiden nur lachen und winken ab. „Es gibt ja nicht nur Punkrock in Eisenach“, wird uns entgegenet. „Mit der ‚Straight Outta East Side‘-Konzertgruppe gibt es auch wieder Menschen, die regelmäßig Hardcore-Shows machen. Es geht also doch noch was hier und das freut uns! Natürlich ist das alles überschaubar, aber man arbeitet Hand in Hand zusammen und unterstützt sich gegenseitig, sei es Hardcore oder Punk.“

Reißt die Hütte ab

Der Spuckschluck in unseren Sterniflaschen schmeckt schal und so langsam haben wir es satt, im Schatten der Wartburg durch diese Stadt zu laufen. Es geht zurück zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin berichten wir noch von unserem Gespräch über den NSU auf der Hinfahrt. Es stellt sich schnell die Frage, wie die beiden das Auffliegen der Terrorgruppe im Jahr 2011 empfunden haben. „Die Nachricht hat uns natürlich schockiert“, stimmen beide überein. Nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens wird angefügt: „Es war uns zwar bewusst, dass es da einen militanten rechten Flügel gibt, aber das Ausmaß, was seinerzeit zum Vorschein kam, war schon eine Dimension, die man sich so nicht ausgemalt hatte.“ Über lokale Verstrickungen des NSU‘s nach Eisenach kann nur spekuliert werden. „Verstrickungen zur lokalen Szene gab es da sicher auch. Es ist ja schon unwahrscheinlich, dass es nur ein Zufall war, dass der NSU bei Eisenach aufgeflogen ist und das hier auch zuvor der Banküberfall stattgefunden hat.“ Ob die Ermittlungen dazu neue Erkenntnisse bringen? Die zwei Eisenacher Antifaschisten glauben das eher weniger. Die Hoffnung, es werde eine lückenlose Aufklärung geben, bröckelt eben auch hier.
Kurz bevor wir uns verabschieden schweift unser Blick noch einmal zur Wartburg. Wir fragen die Zwei, ob sie sich denn nicht mal eine fette Punkerparty dort oben auf der Burg vorstellen könnten. Bevor das passiert, müssen noch ein paar Bedingungen erfüllt werden, eröffnen uns die beiden: „Ein Punkkonzert findet auf der Wartburg erst statt, wenn man sich nicht mehr mit den Federn eines Antisemiten wie Martin Luthers schmückt. Da dies unwahrscheinlich ist und der Berg auch viel zu steil erscheint, bleiben wir eher in der Stadt.“

Mit dem Wissen, die kommenden Punkrockkonzerte in Eisenach supporten zu wollen, Martin Luther öffentlich als Antisemiten zu demaskieren, mehr coole Thüringenpunk-Sticker dorthin zu schicken und die Wartburg endlich abzuschleifen, fahren wir mit einem guten Gefühl aus Eisenach ab – ob es an den paar Bieren oder der guten Gesellschaft unserer zwei Freunde aus Eisenach liegt, wissen wir nicht, an der Stadt und ihren Zuständen liegt es aber sicherlich nicht.

Die ex-linken Gast-Rechten aus Arnstadt

Als im Juni 2015 die CDU in Eisenach gemeinsam mit der NPD – und auf deren Antrag – für die Abwahl der linken Bürgermeisterin stimmte, war der mediale Aufschrei angesichts der Zusammenarbeit von „Demokraten“ mit Faschisten groß. Was in Arnstadt seit dem Jahr 2012 passiert, ist vielfach dramatischer und findet ohne jegliche überregional-öffentliche Wahrnehmung statt. Aus Arnstadt berichtet Nikolai Bucharin.

In den vergangenen Jahren war Arnstadt immer wieder Aufmarschort sowie organisatorisches Drehkreuz von Neonazis. Die Kleinstadt, einige Kilometer südlich der Landeshauptstadt Erfurt, wurde von 1994 bis 2012 von Hans-Christian Köllmer, einem lupenreinen Protofaschisten, regiert und in ihr hat sich eine Öffentlichkeit breit gemacht, die frei ist von humanistischer oder emanzipatorischer Bildung und fortschrittlichem Denken. In diesem Klima der Dummheit, heimatduseliger Enge und der Aufklärungsfeindschaft hatte die örtliche Linkspartei lange Zeit ihren Platz in der Gegenöffentlichkeit, im Widerstand gegen die Seilschaften der Protofaschisten mit den Kader- und Stiefelnazis auf der Straße. Die Linkspartei organisierte Aufklärung gegen die Machenschaften von Hans-Christian Köllmer, seiner Wählergemeinschaft „Pro Arnstadt“, deren Sprachrohr, dem „Arnstädter Stadtecho“ sowie gegen andere Menschenfeinde auch über den Stadtrat hinaus. Erinnert sei an den Widerstand der Linkspartei gegen das antikommunistische Denkmal in der Rosenstraße oder an die Öffentlichkeitsarbeit zur Aufklärung über die ungezählten rassistischen, antisemitischen und allgemein-menschenfeindlichen Ausfälle des Arnstädter Bürgermeisters. Die Arnstädter Linkspartei, das kann man in aller Kürze sagen, stand nicht nur auf der Seite der Antifa. Sie war selber Antifa. Freilich eine andere Antifa als die linksradikal-antideutschen Antifa-Gruppen aus Arnstadt und Südthüringen, aber ein verlässlicher Partner und immer straight gegen die (proto-)faschistischen Exzesse des lokalen Menschenfeindemilieus.

Seit einigen Jahren hat sich das grundlegend geändert. Datieren lässt sich dieser Wandel ausgerechnet mit einem Ereignis, das eigentlich durch alle linken Parteien und Gruppen hindurch als Signal des Wandels im positiven Sinne gedeutet wurde: Der Verbannung der Protofaschisten aus dem Arnstädter Rathaus. Zur Bürgermeisterwahl 2012 schied der Amtsinhaber Köllmer altersbedingt aus dem Amt. Sein designierter Nachfolger, der Pro Arnstadt-Fraktionschef im Stadtrat Georg Bräutigam, verfehlte um 12 Stimmen die Stichwahl. In dieser Stichwahl unterlag der Kandidat der CDU – wohlgemerkt in einer Stadt, die seit der Wiedervereinigung immer rechts gewählt hat – dem linksliberalen Bewerber Alexander Dill, der nun seit 2012 amtiert. Die Wahl Dills ist der Wendepunkt einer konsequenten antifaschistischen Ausrichtung der Arnstädter Linkspartei und Ausgangspunkt ihrer Selbstaufgabe in einem rot-braunen Querfrontsumpf. Doch der Reihe nach. Klären wir zunächst Grundsätzliches.

Wer sind die Protofaschisten aus Arnstadt?

Im Jahr 1994 gründete der von seiner Partei zurückgestellte und in seinem Narzissmus gekränkte Antikommunist Hans-Christian Köllmer mit der freien Wählergemeinschaft „Pro Arnstadt“ eine Rechtsabspaltung der CDU, die auch heute, nach der Regentschaft Köllmers, noch die größte Fraktion im Arnstädter Stadtrat stellt. In jenem Jahr 1994 eroberte der genannte Köllmer in einer Stichwahl gegen den CDU-Bewerber das Amt des Arnstädter Bürgermeisters, das er bis zum Jahr 2012 verteidigen konnte. In dieser Zeit entwickelte sich Arnstadt zur Hochburg des Protofaschismus in Thüringen. Nirgendwo sonst im Bundesland ist heute die AfD so stark wie im nördlichen Ilm-Kreis, wo sie die besten Wahlergebnisse landesweit einfährt und nahezu jeden Landesparteitag ausrichtet. Sie ist hier deswegen eine Macht, weil „Pro Arnstadt“ und ihr Bürgermeister Jahrzehnte der Vorarbeit leisteten. Köllmer galt als Freund des Österreichischen Rechtsaußen Jörg Haider. Aus Köllmers Amtszeit resultieren enge Verbindungen, auch in Form einer aktiven Städtepartnerschaft, von Pro Arnstadt zur FPÖ und nach Kärnten. Und last but not least entwickelte sich im Schatten dieses Milieus ein Zeitungsprojekt, das bundesweit seinesgleichen sucht, ein monatlich kostenlos in alle Haushalte geliefertes Hetzblatt der Neuen Rechten: das Arnstädter Stadtecho. Maßgeblich verantwortlich für dieses Organ des Arnstädter Protofaschismus sind zwei Männer, die sogar den rechten Ex-Bürgermeister noch in den Schatten stellen: Stadtecho-Gründer Hans-Joachim König und der aktuelle Chefredakteur und Pro Arnstadt-Fraktionsvize im Stadtrat Stefan Buchtzik. Beide geben ein durch und durch geschichtsrevisionistisches, rassistisches und antisemitisches Monatsblatt heraus, das die lokale Unternehmerschaft wissentlich1 durch ihre Anzeigen finanziert. In diesem Blatt wird die deutsche Kriegsschuld relativiert, eine jüdische Weltverschwörung herbei halluziniert, über „alliierte Kriegsverbrechen“ in Dresden schwadroniert, die nationalsozialistische Rassenlehre mit pseudowissenschaftlichen Studien über vermeintliche jüdische Gene tradiert, es werden die Zusammenkünfte von Holocaustleugnern beworben, und ganz allgemein Gegenaufklärung im großen Stil und unter dem Deckmantel einer unverfänglichen „Stadt- und Heimatzeitschrift“ (Selbstbezeichnung) betrieben. Wer für diese Behauptungen Belege braucht, findet sie in Massen auf der Homepage und den Veröffentlichungen der Antifa aus Arnstadt und jener Linkspartei aus alten Tagen.2 Dass sich die Zusammenarbeit mit Antisemiten und Rassisten verbietet, war daher auch das Selbstverständnis der lokalen Linkspartei. Bis zum Jahr 2012.

Rein in die rot-braune Querfront: Die Anti-Dill-Kampagne

Im Jahr 2012 gewann der parteilose, durch ein linksliberales Milieu unterstützte Alexander Dill die Wahl zum Arnstädter Bürgermeister. Er löste den Nazifreund Hans-Christian Köllmer im Arnstädter Rathaus ab. Damit war die offensichtliche Kumpanei der Arnstädter Stadtführung mit organisierten Neonazis zu Ende. Von nun an stand der Bürgermeister, statt als stiller Unterstützer hinter den Faschisten, auf der anderen Seite der Hamburger Gitter. Im Stadtrat dagegen machte Dill, glaubt man den Schilderungen der Linkspartei, keine gute Figur. Die Partei und ihr voran der Fraktionschef Frank Kuschel, der auch um das Jahr 2012 herum Steffen Dittes ablöste, wirft Dill vor, selbstherrlich zu regieren, sich der Zusammenarbeit mit dem Stadtrat zu entziehen, unwirtschaftlich und undemokratisch zu agieren und die soziale und kulturelle Struktur der Stadt zu zerstören. Die SPD und die Bürgermeisterfraktion „Bürger Projekt Arnstadt“ sehen das ganz anders und verstehen den Aufstand der Linken und vor allem die Zusammenarbeit mit „Pro Arnstadt“ nicht. Jene Linkspartei schmiedete nämlich unter der Führung Kuschels ab 2013/14 ein Bündnis der anderen Art, mit Konservativen und Protofaschisten. Dieses Bündnis organisierte gegen Dill, was die Linke, trotz des jahrelangen Widerstandes gegen Köllmer, bisher nie vermochte: eine riesige Kampagne für die Abwahl des Bürgermeisters mit ungezählten Veranstaltungen, einer eigenen Zeitschrift und einem Kampagnenblog. Die Berührungsängste gegen die Protofaschisten von „Pro Arnstadt“ schmolzen vollständig dahin. Am 19. Januar 2016 bewarb das Dreierbündnis von Linke, „Pro Arnstadt“ und CDU eine Bürgerversammlung auf der, wie auf dem Plakat beworben, neben anderen Stadträten auch Stefan Buchtzik, Chefredakteur des völkischen Monatsblattes, als Mitinitiator zu Wort kam und sich auf einer Art Podium neben Jens Petermann, Stadtratsmitglied und ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, platzierte. Bedarf es weiterer Belege für die rot-braune Querfront? Im Herbst 2015 führte dieses Bündnis dann letztendlich ein Abwahlverfahren gegen den Bürgermeister herbei, welches zwar eine Mehrheit in der Stadt fand aber am nötigen Quorum bzw. der fehlenden Wahlbeteiligung scheiterte. Gegen dieses Bündnis und seine Machenschaften protestierte neben der Bürgermeisterfraktion einzig noch die Arnstädter SPD.

Konsequent: Sahra Wagenknecht kommt nach Arnstadt

Das neue Bündnis mit dem AfD-Vorläufer „Pro Arnstadt“ hätte durch keine Maßnahme stärker unterstrichen werden können als durch die Einladung der „heiligen Johanna der neuen deutschen Nationalbewegung“1, Sahra Wagenknecht. Wagenknecht sprach am 28. September 2016 auf Einladung des Stadtverbands der Linkspartei dort, wo auch die AfD, das Arnstädter Stadtecho und der Bund der Vertriebenen (BdV) tagen, im Kloßhaus „Goldene Henne“ auf dem Arnstädter Riedplatz. In der Vergangenheit machte die Nationalbolschewistin Wagenknecht vor allem dadurch Schlagzeilen, dass sie als Fraktionschefin der Linken im deutschen Bundestag in flüchtlingspolitischen Fragen der AfD den Rang ablief und der eh schon gebeutelten Flüchtlingssolidarität in Deutschland einen Tiefschlag nach dem anderen versetzte. Unvergessen ist ihr einträchtiges, Gemeinsamkeiten signalisierendes Interview mit der AfD-Chefin Frauke Petry am 2. Oktober 2016 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und ihre Äußerung, Flüchtlinge, die in Deutschland straffällig würden, hätten ihr „Gastrecht“ verwirkt. Das Menschenrecht auf Asyl, in Deutschland verankert im bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlten Grundrecht auf Asyl (Art. 16a), zu einem „Gastrecht“ zu degradieren, das man durch Ladendiebstahl verwirken sollte; auf solche widerlich-rassistischen Dummdreistigkeiten kam man bisher nur im Umfeld von AfD, Pegida und Konsorten. In einem Kommentar aus dem Spiegel, an dessen Titelgebung sich mein Text bediente, sprach man folgerichtig von der Gast-Rechten Wagenknecht. Dass es sich bei Wagenknecht allerdings lediglich um eine Gast-Rechte handelt, dieser Aussage widerspreche ich. In Arnstadt sprach die Frau über „Reichtum ohne Gier“. Hier wären wir bei einem weiteren Einschlag Wagenknecht‘scher Rechtslastigkeit. Die Frau, die viele als ganz linke Linke, als Kritikerin des Kapitalismus missverstehen, gehört zu jenen, die am Kapitalismus die Gier der Kapitalisten, das Gewinnstreben und die vermeintliche Amoralität der Bänker und Spekulanten kritisiert, statt den Kapitalismus wie Marx als ein System zu kritisieren bei dem die Personen lediglich „Personifikationen ökonomischer Kategorien“ sind – was Marx, das Elend der Deutschlinken antizipierend, weitsichtig im Vorwort zum ersten Band des Kapitals festhielt. Marx kritisiert nicht die Akteure der Kapitalfraktion für angebliches Fehlverhalten und fordert Besserung, sondern er analysiert eine kapitalistische Handlungsrationalität, der die Akteure folgen, die Logik der Verwertung über die die Einzelnen nichts vermögen. Wer nun für die Negativfolgen kapitalistischer Verwertung (Krisen) einzelne Akteure verantwortlich macht, bedient sich einer strukturell antisemitischen Argumentation, die in den Juden die Verantwortlichen für die Verheerungen kapitalistischer Verwertung ausmacht und in letzter Konsequenz zu exekutieren sucht. Die Wagenknecht-Linke und die AfD teilen also mehr als grundlegende Auffassungen in den Abgründen flüchtlingspolitischer Menschenfeindschaft, sie teilen eine Weltanschauung, die auf die Krise des Kapitals mit rassistischer und antisemitischer Mobilmachung reagiert statt mit Aufklärung und Solidarität.

Appeasement mit dem „Arnstädter Stadtecho“

Schon im Wahlkampf 2012 machte der damalige Bürgermeisterkandidat Alexander Dill unmissverständlich klar, dass er mit Publikationen wie dem völkischen „Arnstädter Stadtecho“ nichts zu schaffen haben will. An der Stelle, wo ein Interview mit dem Bürgermeisterkandidat vorgesehen war, fanden sich im Hetzblatt weiße Seiten – übrigens auch da, wo die Interviews mit den Kandidaten von Linkspartei und SPD stehen sollten. Im Jahr 2012 war man sich links der CDU einig, dass dieses Hetzblatt weg muss. Schon im Vorfeld gab es einen von der Antifa und einen vom Bündnis gegen Rechts organisierten Boykottaufruf gegen das Stadtecho. Beide wurden an die Finanziers, dutzende Arnstädter Gewerbetreibende, verschickt. Und tatsächlich stand das Stadtecho in den folgenden Monaten und Jahren vor großen Problemen, die darin gipfelten, dass Anfang des Jahres 2015 die flächendeckende Verteilung durch den Allgemeinen Anzeiger und dessen Verteilersystem gekündigt wurde. Das Stadtecho stand vor dem Aus. Die Möglichkeit nachzutreten und dem Hetzblatt jetzt weitere Finanziers abspenstig zu machen, ließ man seitens der Linkspartei ungenutzt. Ganz im Gegenteil. Die Zeichen stehen auf Appeasement. In der Ausgabe vom September 2016 holte Frank Kuschel nach, was für ihn als Bürgermeisterkandidat von 2012 nicht denkbar war. Er gab dem Stadtecho ein Interview. Seine Stadtratskollegin und Genossin Judith Rüber ließ in selbiger Ausgabe eine persönliche Erklärung gegen die Politik Alexander Dills abdrucken. Warum geht heute, was 2012 nicht ging? An der Läuterung der Protofaschisten des Stadtechos liegt es sicher nicht, die betreiben heute die selbe Blattpolitik wie früher bzw. gelingt es den Machern hier und da noch eins drauf zu setzen. Vielmehr scheinen die Gründe in der Zusammensetzung der Arnstädter Linken zu liegen. Im Bürgermeisterwahlkampf 2012 waren zwei Linke für die Partei aktiv, die es heute in andere Gemeinden verschlagen hat und die die heutige Politik des Stadtverbands, so schätze ich, mit Krämpfen zur Kenntnis nehmen müssen: Sabine Berninger und Steffen Dittes. Nachdem beide den Stadtrat bzw. den Stadtverband verließen, begann die Zusammenarbeit mit den Protofaschisten, insbesondere die mit dem völkischen Monatsblatt und seinen Herausgebern – ein Affront gegen frühere Einsichten und die letzte Gewissheit darüber, dass aus dem Tauwetter, das 2012 seinen Anfang nahm und das in der Anti-Dill-Kampagne in einem Sommer rot-brauner Kumpanei mündete, eine feste Zusammenarbeit von Linken und Protofaschisten wurde. Ein Fall für die Arnstädter Antifa von der man in Sachen Kritik dieser rot-braunen Querfront in den vergangenen Monaten zu wenig mitbekam.


1
Wer nach zwei Boykottaufrufen mit Aufklärung über die Machenschaften und Inhalte des Stadtechos die Menschenfeinde immer noch durch bezahlte Inserate unterstützt, unterstützt sie wissentlich.

2
Vgl. www.agst.afaction.info (Einfach in die Suchleiste „Stadtecho“ eingeben)

3
Vgl. Rainer Trampert: Sahra Wagenknecht und die völkische Selektion. In: Konkret, September 2016. http://bit.ly/2bxs2me

Wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen

Auf dem Weg durch die Thüringer Provinz machen die Leute von Thüringenpunk Beobachtungen und Erfahrungen, die sie für die Leser*innenschaft der Lirabelle erstmalig zugänglich machen. Ihr findet hier eine gekürzte Version des Berichts über Altenburg und die Rote Zora. Punk in der Thüringer Provinz – Teil 1. Eine ausführlichere Version des Textes gibt es auf thueringenpunk.blogsport.de

Es ist Winter 2015 in einer Ostthüringer Kleinstadt mit rund 33.000 Einwohnern. Zwischen einem alten Schloss und den Häusern, aus einer Zeit in der die Stadt Altenburg einmal von überregionaler Bedeutung war, ist es kalt und nass. Die Stadt wirkt nachts ausgestorben und alles andere als freundlich. In einer dieser kalten Altenburger Nächte im Dezember treffen sich zwei Männer aus der Stadt und ziehen grölend vor eine Flüchtlingsunterkunft und rufen rassistische Parolen. Einer der beiden geht in den Hauseingang und zündet zwei Kinderwagen an. Bei dem Brandanschlag werden neun Bewohner der Flüchtlingsunterkunft verletzt. Einige Tage zuvor demonstrierte ThüGIDA mit mehreren hundert Teilnehmern durch die Ostthüringische Stadt. Wenn Altenburg heute überregional in den Schlagzeilen ist, dann durch solche Ereignisse. Über Jahre hinweg entwickelte sich in Altenburg eine Neonazisszene, die von diversen Rechtsrock- und NS-Hardcorebands, über rassistische Massenmobilisierung bis hin zu bürgerlich-faschistischen Vereinen zur Geschichtsumdeutung reicht. Doch neben dieser hat sich eine kleine, außerhalb der Stadt wenig wahrgenommene, antifaschistische Subkultur entwickelt. Wir wollten sie kennenlernen und brachen auf.

Zwischen Punkrock, DIY und „Rassistenflut“

Es ist nicht leicht Menschen in und um Altenburg zu finden, die die Lage vor Ort beschreiben können. Denn, wie auch in vielen anderen Teilen Thüringens, zieht es viele junge Antifaschisten in die größeren Städte und Szenekieze. Wer Altenburg mal besucht hat, wird wissen, wie sehr einem die Perspektivlosigkeit in der kleinstädtischen Ödnis entgegenschlägt. Dennoch gibt es sie, die paar Leute vor Ort, die immer wieder subkulturelle und antifaschistische Akzente setzen. Die ‚True Hearted Crew‘ aus Altenburg und mittlerweile Leipzig organisiert in der Roten Zora Altenburg Hardcore- und Punkrock-Shows. Wir haben uns mit Markus unterhalten. Er ist Teil der Gruppe, die sich aus drei jungen Leuten zusammensetzt und die, wie er erzählt, über Punk und Hardcore sozialisiert und politisiert worden sind. Aufgrund des provinziellen Mangels an guten Konzerten, entstand der Wunsch, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Doch wie es zum Kleinstadtpunkdasein gehört, weiß keiner so genau wo und wie. Echte Alternativen zum Karnevalsverein und Kirchenchor gibt es kaum. „Darum wollten wir für alle aus der Gegend einen Raum schaffen, in dem sie sich wohlfühlen und eine gute Zeit haben können. Solch‘ einen alternativen Freiraum hat die Region leider überhaupt nicht zu bieten, weshalb die Jugend hauptsächlich in lokale Diskos rennt“, erklärt Markus in Hinblick auf die Situation der letzten Jahre und auch, dass es ihnen wichtig war „einen Ort für Antifaschist*innen [zu] schaffen, in dem Unterdrückungsstrukturen wie Sexismus, Trans*phobie und Homophobie keinen Platz haben, in dem jede*r sich so ausleben kann, wie sie*er sich wohlfühlt.“ Keine leichte Nummer, wenn man sich die Lage vor Ort ansieht. Die Subkultur ist hier nicht wie in vielen anderen Städten größtenteils ‚links-alternativ‘, sondern völkisch-nationalistisch. Die Stadt Altenburg gilt schon seit Jahren als Hochburg des NS-Hardcore mit eigenem Label und Vertrieb und diversen international beliebten Szenegrößen. Bands wie ‚Moshpit‘ oder ‚Brainwash‘ sind dort jedem ein Begriff, der sich mit Hardcore oder Punk auseinandersetzt. Umso wichtiger ist es für Markus und die lokalen Antifaschisten, eine Alternative zu ermöglichen.

Aber hier leben? Nein, danke.

Doch genau da beginnen die ersten Probleme. Der Großteil der Konzertgruppe lebt mittlerweile in den nächsten größeren Städten, zu denen auch Leipzig mit seinem Szenekiez Connewitz gehört. Während in Leipzig kleine Shows mit unbekannten Bands meist eine volle Hütte bescheren, stehen die Bands in der Provinz meist denselben 15 – 20 Punks gegenüber, die im lokalen Jugendclub schon zum Inventar gehören. „Es ist egal, wie geil – natürlich ist das subjektiv – die Band ist oder wie politisch engagiert die Mitglieder sind, du brauchst immer einen ‚Headliner‘. Vor diesem Problem standen wir auch immer öfter, da unser Anspruch ist, lieber kleine unbekannte und/oder tourende Bands zu unterstützen, die häufig wesentlich mehr Message haben, als bekanntere Bands.“ Oftmals muss aus eigener Tasche draufgezahlt werden, damit die Bands versorgt und etwas Spritgeld bekommen, denn für ein paar unbekannte Bands bewegt sich kaum noch jemand in die Provinz und schon gar nicht nach Altenburg. So kam es dann auch, dass neben den Shows in der Roten Zora, auch in Leipzig Konzerte organisiert wurden, um z.B. Flüchtlinge in der Region um Altenburg zu supporten. Da Städte wie Jena oder Leipzig nicht weit entfernt sind, liegt eine Unterstützung von dort Richtung Provinz nahe, doch dem ist nicht so: „Gerade auf Demos sieht mensch eigentlich bloß Menschen, die auch in der Stadt wohnen. Eine überregionale Unterstützung von Antifa-Gruppen bleibt dabei leider völlig aus. Darum sind die Demos immer sehr bürgerlich und schlecht besucht, ich denke mit gegenseitiger Unterstützung wäre auf der ein oder anderen Demo mehr drin“, sagt Markus mit dem Verweis auf die Gegenproteste zu ThüGIDA und rassistische Bürgerinitiativen, die in der Stadt mehrere Hundert bis 2000 Menschen auf die Straße bringen konnten. Auch für eine kontinuierliche antifaschistische Arbeit sieht es vor Ort schlecht aus und bedarf einer weiteren Zusammenarbeit. Selbst in Städten wie Gera und Glauchau, wie er uns erklärt, gibt es linke Räume, die aber nur regional Akzente setzen können und selbst mit Problemen zu kämpfen haben. Angriffe gegen Antifaschisten und ihre Strukturen von Nazis und Staat sind dabei in Gera, Glauchau und Altenburg genauso ein Thema wie in anderen Städten, nur bekommt es außerhalb kaum jemand mit. Die Leute fühlen sich irgendwann allein gelassen und sind frustriert. Um der rassistischen Stimmung in der Gesellschaft und konkret in der Region entgegenzuwirken, sieht auch Markus erstmal nur den Schritt zum Aufbau lokaler und regionaler Strukturen und deren Vernetzung. Die Stimmung während des Gesprächs ist etwas niedergeschlagen.

Frust und Einsamkeit in der Provinz

Beim Blick durch die aufpolierte Altenburger Innenstadt fallen hier und da Nazisticker auf. Wir gönnen uns eine kleine Pause und gehen in einen Supermarkt. Davor sitzen fünf bis sechs Jugendliche. Vielleicht zwischen 13 und 16 Jahre alt im Thor Steinar-Look und trinken Bier. Ein kurzer irritierter Blick von uns; doch sowas scheint hier Alltag zu sein.
ThüGIDA heizt mit Ablegern in Form von Bürgerinitiativen in jeder kleinen Stadt im Altenburger Land mit rassistischer Hetze die Stimmung an. Das ‚Bürgerforum Altenburger Land‘ organisiert eine Ausstellung zur 2000jährigen Leidensgeschichte des deutschen Volkes, in der die Deutschen als Opfer diverser Großmächte und Katastrophen dargestellt werden, während die lokale Neonaziszene vor einigen Jahren den Sampler „Altenburg rockt das Reich“ veröffentlichte, auf dem nur Bands aus der Region vertreten waren. In jüngster Vergangenheit folgten Übergriffe und Anschläge auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte.
Wer jetzt empört in seiner Studistadt oder seinem Szenekiez nach antifaschistischer Gegenwehr fragt, wird enttäuscht. Markus antwortet mit einem Kopfschütteln und stellt nüchtern fest „Momentan betreiben wir vor Ort lediglich Feuerwehrpolitik.“ Dennoch gibt es eine positive Entwicklung in Form kleiner Schritte in die richtige Richtung. „Im Zuge der ThüGIDA Demos in der Region sind hier in der Gegend Menschen aus sehr unterschiedlichen Spektren zusammengekommen, um dem etwas entgegenzusetzen und auch für längerer Zeit politische Arbeit zu betreiben. Da wir uns als Teil der radikalen Linken sehen, ist es teilweise schwierig in größeren Bündnissen zusammenzukommen und vor allem einen Konsens zu finden, der dem eigenem politischen Profil gerecht wird, ist meiner Meinung nach sehr schwierig.“

Die Rote Zora und ihre Bande – Blick zurück

Einige Tage nach dem Besuch in der Region erhalten wir Kontakt zu Rico aus Altenburg. Die Empfehlung für ein Gespräch haben wir von Markus, der uns für Fragen über die Rote Zora an den Sozialarbeiter verwiesen hat. Beim ersten Anruf schien dem Streetworker noch nicht ganz klar, wer da Fragen zur Roten Zora hat und warum. Doch der seit 1999 in der Zora Aktive bleibt der Sache aufgeschlossen und wenig später beginnt ein kleines Interview am Telefon. Auf die Frage, wie es denn aktuell in der Zora aussieht, erklärt Rico ohne Umschweife: „Die Rote Zora gibt es nicht mehr.“ Von 1991 existierte der Jugendclub unter dem Namen ‚Rote Zora‘ bis 2014. Dann war unter diesem Label Schluss, weil die Besucherzahlen unter den Jugendlichen zurückgegangen waren. Das Gebäude existiert noch, es beherbergt nun eine ‚Kontaktstelle mobile Jugendarbeit‘. Im Allgemeinen ist das Projekt seitdem geschrumpft. Das Jugendcafé sowie Bandproberäume existieren noch, Ricos Arbeitsstelle als Streetworker ebenfalls. Noch im Jahr 2013 hatten die Aktiven aus der Zora die Kampagne ‚Rote Zora bleibt‘ mit einer Website, Petition und diversen Aktionen ins Leben gerufen. Genützt hat es für den Erhalt des Projekts in gewünschter Form nicht. Noch etwas irritiert darüber wollten wir wissen, ob die Stadt diese Entwicklung aufgrund von Sparmaßnahmen erzwingen wollte. Er sieht in der Maßnahme eher eine ‚Neuorientierung‘ der Stadt. Schließlich gab es 24 Jahre lang die ‚Rote Zora‘, die seitdem ein Anlaufpunkt für Punks und antifaschistische Jugendliche war. Am Anfang erstreckte sich das Projekt nur über eine Etage, deshalb der erste Name ‚Sozialetage‘. Wie Rico erklärt, wurde der Name schon Anfang der 90er Jahre als langweilig empfunden. Die damals aktiven Punks waren wohl von Kurt Helds Roman „Die rote Zora und ihre Bande“ begeistert und der Name setzte sich durch. „Schließlich haben die im Buch ja auch immer Gutes getan, dass hat zu unserem Anspruch ganz gut gepasst“, erinnert sich Rico. Über viele Jahre haben lokale Vereine und Gruppen Konzerte organisiert und unbekannte wie bekannte Punk-, Crust- oder Hardcore-Bands spielten in den 2000er Jahren nicht gerade selten in der Roten Zora.

Die 90er sind vorbei – die Situation heute

Wie wir alle wissen, sind die fetten Jahre des Punk schon etwas länger vorbei, in der Zora finden nur noch punktuell Konzerte statt. „Wenn es sich ergibt und es passt, laufen noch Konzerte“, sagt Rico. Der „harte Kern“ besteht aus jungen und älteren Leuten, erklärt er. Das seien auch die, die sich antifaschistisch und antirassistisch engagieren, z.B. Nazipropaganda entfernen oder auch mal Sitzblockaden bei Naziaufmärschen versuchen. Er selbst hält sich bei so etwas zurück und ist in einem anderweitigen Auftrag auf der Straße unterwegs. Drogensucht und Obdachlosigkeit gerade unter jungen Leuten sind in Altenburg Thema. Anfang 2015 hat ein Graffiti-Writer an die ehemalige Zora „Altenburg Crystel City“ gesprüht. Dieses Bild machte im Internet die Runde und sorgte für einen kleinen Skandal, aber auch zu einer öffentlichen Thematisierung des Problems. „Viele, mit denen ich auf der Straße zu tun habe, sind mit anderen Problemen beschäftigt. Die interessieren sich nicht für Politik oder die fremdenfeindlichen Aufmärsche in der Stadt. Da geht es um Sucht, Drogen und Alkohol oder darum keine Wohnung zu haben.“ Doch für Rico und die Leute in der ehemaligen Zora ist und bleibt die Auseinandersetzung mit Neonazis Thema. „Bei uns findet hauptsächlich Aufklärung statt, auch in Bezug auf aktuelle Anlässe“, erklärt er auf die Frage, wie es mit der Neonaziproblematik in Altenburg ausschaut. An der Zora, so die Erinnerungen, gab es nur selten Stress mit Neonazis. „Ab und zu einer, der mit komischen Klamotten auf ein Konzert wollte oder gepöbelt hat, aber das war in der Masse nie das Problem.“ Mit größerer Sorge betrachtet er, wie auch Markus, die Entwicklungen um das ‚Bürgerforum Altenburger Land‘: „Erst heute Abend machen die in Altenburg-Kosma eine Veranstaltung mit dem Titel ‚Freiheit für Deutschland! Stoppt die türkische Kanzlerin‘.“ Dazu schickte uns Rico ein Bild der Veranstaltungsanzeige im lokalen Wochenblatt. Organisiert wird diese von der rechten Zeitschrift ‚Compact‘, als Redner tritt u.a. deren Chefredakteur Jürgen Elsässer auf. Über das Bürgerforum weiß Rico zu berichten, dass sie sich nicht offen als Rechte oder Faschisten zu erkennen geben. Sie treten bürgerlich auf, „verstecken sich“, erzählt er. Weiterhin macht ihm, wie auch Markus berichtete, die Entwicklung um ThüGIDA Sorge. Rico selbst organisierte einen der Gegenproteste im vergangenen Jahr. Rund 600 Menschen sind an dem Abend gegen die Rassisten auf die Straße gegangen. „Das haben wir selbst geschafft, ohne große Hilfe von außen“, berichtet er stolz und fügt hinzu, „Diese ganze Geschichte mit Bussen in die Provinz, dass ist ja schön und gut, aber bringt nur punktuell etwas.“ Er selbst möchte sich zwar nicht in ein breites Bündnis einfügen, fand es aber gut, dass sich vom Theater über Kulturvereine und Lokalpolitik viele Menschen gegen ThüGIDA zusammenschlossen. Auch ist er stolz auf den aktuellen Support für Flüchtlinge in der Region und sieht nicht ganz so schwarz, wie unser Eindruck ist. Dennoch gibt es zu viele, die an den Rechtspopulismus glauben und bei den Rassisten mitlaufen. Dazu resümiert er kurz und knapp: „Das nervt.“

Zurück in die Zukunft – ein Ausblick

Auf die Frage, wie der Blick in die Zukunft aussieht, antwortet Rico trocken: „Besorgniserregend… und das in jedweder Richtung. In Sachen Rassismus gehen die Leute wie vom Bürgerforum hier sehr geschickt vor und zur Zeit ist es verdächtig ruhig.“ Die Nachwuchsarbeit auf der antifaschistischen Seite sieht er nur mit kleinen Erfolgen bedacht, denn auch hier sei das Problem, dass weg geht, wer es sich leisten kann. Außerdem sieht er die Lokalpolitik in der Verantwortung, sie solle sich zeigen und gegen die rassistischen Aufmärsche und das Bürgerforum positionieren. Das Verantwortungsbewusstsein in der Region fehle, denn es ginge eher um Parteiengerangel, was den aktiven Leuten den Mut nähme. Die Ehrenamtlichen und Aktiven fühlen sich alleingelassen. Es kommt Frust auf. Genau da sieht Rico Handlungsbedarf.
Zuletzt empfiehlt er uns das „Paul Gustavo“-Haus, ein Kulturprojekt in der Innenstadt von Altenburg. Dort finden Lesungen, Theaterstücke oder auch Jazzkonzerte statt. Nun gut, nicht gerade das, was jetzt ‚Punkrock‘ ist, aber was ist das schon? Vielleicht ist in einer Stadt wie Altenburg schon jede Kulturveranstaltung Punkrock. Wir wissen es nicht.
Dass es Leute wie Rico, die Menschen um die ehemalige Rote Zora und die ‚True Hearted Crew‘ in Altenburg gibt, ist gerade für die wenigen Leute vor Ort wichtig. Nicht nur weil es einen Anlaufpunkt gibt, Aufklärung über Neonazis und ihre Strukturen sowie gute Konzerte, sondern auch damit sich diejenigen nicht alleine fühlen, die nichts mit dem Bürgerforum, Crystel Meth oder der Naziszene anfangen können. Wir hoffen auf weiteres Durchhaltevermögen der Leute in Altenburg trotz einer Umgebung voller Irrer und Menschenfeinden.
Auf in die Provinz am 10. September 2016, DEMO in GERA. (landarbeit.blogsport.de)

Einen Titel hab‘ ich noch nicht

Sicherlich haben viele Unentschlossene bereits einmal mit dem Gedanken gespielt, einen Text in der Lirabelle oder etwaigen anderen Publikationen zu veröffentlichen und sich letztlich doch dagegen entschieden, weil man sich das nicht zutraut, nicht weiß, worüber man schreiben soll oder schlichtweg gerade keine Zeit dafür hat. Doch auch wenn man ein Thema, den nötigen Mut und ein bisschen Zeit hat, fällt der Anfang oft schwer. T.b.a. zeigt aus eigener Perspektive, wie das aussehen kann.

Als ich gestern Abend zu Bett ging, da wusste ich: morgen habe ich den ganzen Tag Zeit, um endlich einmal mit meinem Text anzufangen. Anzufangen heißt anzufangen zu Schreiben. Ich habe schon einiges dazu gelesen, manch unwichtiges, manch spannendes, was nicht immer wirklich etwas mit dem Thema zu tun hatte – wie das eben so ist. Lange hat sich das Literatur Wälzen hingezogen. Morgen aber, so wusste ich, als ich zu Bett ging, fange ich nun endlich an. Ich stelle mir den Wecker auf um sechs.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, zeigt der Wecker neun Uhr an. Ich habe ihn wohl ausgedrückt, ohne mich überhaupt daran erinnern zu können. Macht nichts, denke ich mir, ich hab ja den ganzen Tag Zeit.

Erst einmal Kaffee trinken. Wie steht‘s mit Frühstück? Eigentlich habe ich keinen großen Hunger, aber – ach – ein Brötchen zum Kaffee. Und danach nochmal ins Internet schauen, Nachrichten lesen. Ich will ja wissen, was in der Welt so los ist. Noch schnell Mails checken. Ach Mist – schon wieder eine Menge dieser nicht so dringlichen kleineren Aufgaben. Die erledige ich noch schnell, damit ich freien Kopfes dann meinen Text schreiben kann.

Jetzt ist‘s schon nach elf, der Kaffee leer getrunken und noch keine Zeile geschrieben. Es ist ja auch nicht so einfach. Immerhin braucht es noch einen Funken, irgendeine zündende Idee, die eine Art Scheibflow auslöst. So funktioniert das in der Regel am Besten. Aber wo bekomme ich den jetzt her?
Darüber muss ich nachdenken. Dafür muss ich aber nicht am Rechner sitzen. Also: lege ich mich ins Bett und denke nach. Nicht lange, bis ich mich entscheide einen kurzen Powernap einzulegen. Eine halbe Stunde – Wecker stellen.

Mist! Ich schlafe nicht ein. Kein Wunder, bin ich ja auch erst seit drei Stunden wach und habe in der Zeit schon zwei Kaffee getrunken. Wenn ich jetzt einschlafe ist‘s aber scheiße. Dann sind es nur zehn Minuten, danach bin ich mehr müde als zuvor. Also Wecker nach hinten Stellen. Eine halbe Stunde, wenigstens 20 Minuten sollten es schon sein.

Dann auch tatsächlich eingeschlafen. Wecker klingelt. Phu – jetzt aber! Mhh, erst einmal einen Kaffee kochen.

Mit einer Tasse Kaffee und dem guten Gefühl, dass die Küche nun endlich mal wieder sauber ist, sitze ich eine knappe Stunde später wieder am Rechner.
Einstweilen wird es Mittag. Ich habe gar nichts zu Essen zu Hause. Da müsste ich jetzt erst einmal einkaufen gehen. Vielleicht sollte ich doch besser direkt mit meinen Text anfangen. Aber ob ich jetzt einkaufen gehe oder später, macht zeitlich keinen Unterschied, also ab in den Supermarkt.

Danach habe ich Hunger und koche mir erst einmal etwas. Mit leerem Magen lässt es sich schließlich nicht gut Arbeiten.
…Mit vollen Magen aber auch nicht! Vielleicht ruhe ich mich noch ein bisschen aus. Nur eine halbe Stunde. Dann ist es zwar schon recht spät, aber zur Not arbeite ich bis in die Nacht hinein. Da kann ich sowieso besser arbeiten.

Nach dem zweiten Powernap des Tages gehe ich zurück zum Rechner und überlege erneut, wie ich jetzt am Besten anfange. Da fällt mir ein, es gab da noch diesen einen Text, den ich dazu lesen könnte.
Eigentlich hat er nur im entferntesten, wenn überhaupt, etwas mit dem Thema zu tun, über das ich schreiben will, aber vielleicht löst der das Flowerlebnis aus, das ich jetzt gut gebrauchen könnte, um meinen Text zu formulieren. Gut, dass ich das Buch da habe, da kann ich direkt rein schauen.

Nach etwa eineinhalb Stunden Lesen bin ich durch mit dem Text. Um die eine und nur die eine Erkenntnis reicher, dass der Text tatsächlich nichts mit meinem Thema zu tun hat, lege ich das Buch beiseite und ziehe mir den Laptop heran, um mich in Schreibposition zu begeben.
Ich greife zur Maus und beginne in meinem Textdokument, das bereits eine Überschrift mit dem Arbeitstitel „Überschrift“ ziert, auf und ab zu scrollen. Ich könnte ja erst einmal eine grobe Textstruktur machen, das strukturiert auch meine Gedanken. Gute Idee!
So füge ich eine Leerzeile unter (der) Überschrift ein und beginne in kursiven Lettern zu tippen: T e a s e r.
Ich scrolle erneut auf und ab.
Jetzt ist es schon 17 Uhr. Ob heute Abend noch was geht? Ein Bier mit Freunden wäre schon nett. Aber allzu lange will ich nicht machen, ich muss ja morgen früh raus, um an meinem Text weiter zu arbeiten. Also schlage ich vor, wir treffen uns im Park, schon halb acht. „Lange bleibe ich aber nicht“, stelle ich noch einmal unmissverständlich klar, als wir uns verabreden.
Halb acht also, da habe ich jetzt noch etwa zwei Stunden Zeit. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es, noch eine Runde Rad zu fahren.

Bereits im Aufstehen begriffen, sagt mein vom Es bedrängtes Ich zum Über-Ich: Komm, wir fahren.
Das Über-Ich aber wendet ein: Wir können nicht.
Ich: Wieso?
Über-Ich: Wir warten auf den Flow.
Ich: Ach ja.

Zehn Minuten später sitze ich auf dem Rad und fahre dem Sonnenuntergang entgegen. Ein bisschen kalt ist es bei dem Fahrtwind. Wäre ich nur nachmittags gefahren; aber da hatte ich ja keine Zeit. Beziehungsweise dachte ich, ich hätte keine Zeit. Trotzdem angenehm, mal den Kopf frei zu bekommen, nach so einem anstrengenden Tag.

Das Radfahren hat länger gedauert, als gedacht. Der starke Gegenwind hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich beeile mich beim Duschen, bin aber doch etwas zu spät. „Sorry, ich hatte noch etwas zu tun“, lautet meine Entschuldigung.

Nach einem Radler, einem Bier und unzähligen Zigaretten, die immer als die Letzte, bevor ich dann los mache, angekündigt waren, gehe ich tatsächlich nicht allzu spät nach Hause.
Noch schnell Zähne putzen, und als ich abends zu Bett gehe, da weiß ich: morgen habe ich den ganzen Tag Zeit, um endlich einmal mit meinem Text anzufangen. Anzufangen heißt anzufangen zu Schreiben. Ich habe schon einiges dazu gelesen, manch unwichtiges, manch spannendes, was nicht immer wirklich etwas mit dem Thema zu tun hatte – wie das eben so ist. Lange hat sich das Literatur Wälzen hingezogen. Morgen aber, so wusste ich, als ich zu Bett ging, fange ich nun endlich an. Ich stelle mir den Wecker auf um sechs.

Querfront gegen die Antifa

In Thüringen bildete sich in Auseinandersetzung um eine antifaschistische Demonstration eine so nie dagewesene Querfront von „Linken“ und Protofaschisten gegen die Antifa. Der Anführer dieser unheiligen Allianz? Bodo Ramelow. Ein Bericht von Ox Y. Moron.

Für den Himmelfahrtstag am 5. Mai dieses Jahres mobilisierte ein antifaschistisches Bündnis antideutscher Gruppen aus Berlin, Halle und dem Eichsfeld nach Bornhagen, dem Wohnort des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke. Nicht, wie Bodo Ramelow das herbeireden wollte, um Höckes Wohnhaus zu belagern und die Kinder zu erschrecken, sondern weil Bornhagen eben ein beispielhaftes braunes Scheißkaff ist, in dem schon vor dem Aufstieg der AfD zur ostdeutschen Volkspartei der parlamentarische Arm des deutschen Wutbürgertums im Jahr 2014 ganze 36,5 Prozent der Wählerstimmen zur Landtagswahl gewann. Es ging bei der Demonstration also um eine typische antifaschistische Strafexpedition in den braunen Sumpf. Die Frage, ob solche Praxis sinnvoll sein mag oder nicht, wird hier nicht diskutiert. Sie spielte für das obsessive Verhalten der von Ramelow angeführten Querfront ohnehin keine Rolle.
Der Aufruf des Bündnisses setzte sich mit der ostdeutschen Spezifik auseinander, ordnete die Rolle der Linkspartei im ostdeutschen Braunzonesumpf ein – nicht zuletzt wohl einer der Gründe, warum Ramelow an die Decke ging – und ist in Gänze durchaus lesenswert.1 Normalerweise zieht so eine Aktion einige dutzend Antifas ins Hinterland. Dass das diesmal anders werden sollte und mehr als 300 Antifaschisten den beschwerlichen Weg in die ostdeutsche Pampa auf sich nahmen, hatte vor allem einen Grund: die Reaktion des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Der twitterte, eine Demonstration in Höckes Wohnort gehöre sich nicht und sei schließlich methodisch mit dem Vorgehen der NSDAP in den 30er Jahren vergleichbar. Die direkte Ansprache an einen rassistischen Scharfmacher wie Höcke durch eine antifaschistische Demonstration, die kein Lynchzug war oder werden sollte, sondern die jenes Umfeld und die Hintergründe thematisierte, die den Aufstieg der AfD in Ostdeutschland ermöglichten, sei, so der „linke“ Ministerpräsident, nicht statthaft. Schlimmer noch: Die Antifas bedienten sich der selben Methoden wie die NSDAP. Höcke als Politiker unterstehe, so Ramelows Denken, einem Schutz vor Kritik, der für andere nicht gelte. Schließlich ist nicht bekannt, dass Ramelow Demonstrationen von rechten Wutbürgern an all jenen Orten untersagen wollte, wo potentielle und reale Betroffene ihrer Gewalt wohnen und damit durch die Demonstrationen direkt betroffen sind. Dann wären nämlich Nazidemos fast unmöglich, denn Migranten oder Linke gibt es selbst in Thüringen in jedem größeren Ort.

Dämonisierung und Wiedergutwerdung

Die Absurdität von Ramelows Vergleich bloßzustellen, scheint mir an dieser Stelle als Verschwendung von Lebenszeit und Druckerschwärze. Denn die Tatsache, dass es Menschen gibt, denen man erklären muss, warum sich ein Vergleich zwischen einer harmlosen Demonstration von in der Sache streitbaren, aber völlig gewaltfrei agierenden Antifaschisten in einem braunen Scheißkaff mit der mörderischen Verfolgung von Juden im Dritten Reich verbietet, ist auch schon ein Teil des Problems. Wer den Unterschied nicht begreift, denen ist nur noch mit dem Hinweis einer sympathischen Rapcrew zu entgegnen, die dem Verfahrensvorschlag „Erinner‘ sie an ihre Worte“ ein „Manchmal helfen Schellen“ anfügt.
Viel interessanter also als der hilflose Versuch der Aufklärung von aufklärungsresistenten Wutbürgern scheint mir ein Blick auf das ideologische Bedürfnis, das sich hinter Ramelows Vergleich verbirgt. Hier scheinen mir zunächst zwei Argumentationsstränge relevant. Erstens geht es Ramelow, der in Thüringen eine linke parlamentarische Einheitsfront gebildet hat (deren Politik sich von der der Vorgängerregierung nur in Nuancen unterscheidet2), um die Dämonisierung von politischen Kräften, die sich links seiner Einheitsfront behaupten und die es sich erdreisten andere Positionierungen und Erkenntnisse zu vertreten als der Ramelow-Block und noch dazu auch noch solche, die an der ideologischen Formierung linksdeutscher Ideologie rütteln – die also gegen jene gehen, die mit Deutschland, seiner scheinbar unsterblichen Ideologie und der sie exekutierenden Menschenfeindschaft ihren Frieden gemacht haben. Zweitens – und das gehört nunmal zum Grundrepertoire deutscher Ideologie nach Auschwitz – geht es Ramelow, auch wenn er es leugnet, unbewusst ganz sicher um die Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen, die einer Wiedergutwerdung der Deutschen, wie Ramelow sie behauptet und verkörpert, zu Pass kommt. Nach dem Motto: Wenn die Judenverfolgung im Dritten Reich mit einer harmlosen Demonstration einiger Dutzend junger Leute in einem rechten Bumskaff zu vergleichen ist, kann das alles nicht so schlimm gewesen sein. Ramelow mag sich als „Linken“ labeln. In den Fragen deutscher Identitätsstiftung ist er ein gewöhnlicher deutscher Sozialdemokrat.

Querfront gegen die Antideutschen

Ramelows verbaler Angriff auf die Antifa in Thüringen blieb nicht folgenlos. Ein ganzer Shitstorm der Zustimmung übergoss sich über Ramelows Social Media Accounts. Die ganze Thüringer Rechte, von Junge Union bis AfD, bejubelte Ramelows Vorstoß. Innerhalb von Tagen bildete sich eine, wenn auch bloß im Internet aktive, Querfront gegen die Antifa. Nicht nur die Thüringer Rechte jubelte, auch jene Pseudolinken applaudierten, denen die Antifa – und zumal die antideutsche Antifa – schon immer zu weit ging. Sei es, weil sie den Finger in die Wunden unaufgearbeiteter deutscher Vergangenheit legt oder eben weil sie dem enthemmten Partypatriotismus der wieder gut gewordenen Deutschen alle Jahre wieder kompromisslos eine Abfuhr erteilte. All jene also von den Bauchlinken bis zu den rechten Hardlinern schienen selig vereint, als ein Mann gegen die Antifa wetterte, den die strunzdumme deutsche Rechte für den Vordenker oder gar Finanzier jener Antifa hielt. Freilich war Ramelows Linkspartei – von einzelnen Abgeordneten und Mitgliedern der Partei mal abgesehen – weder finanzieller noch ideeller Unterstützer der heute angefeindeten Antifa-Gruppen. Die Finanzierung und sonstige Behütung der Antifa durch die Linkspartei gehört genauso ins Reich der Mythen wie der ewige Gag mit dem Antifa e.V., der angeblich Demogelder verteilt und in rechten Kreisen längst fester Bestandteil dessen ist, was diese Leute „Wahrheit“ nennen. Und wenn ich jetzt also von einer Querfront gegen „die Antifa“ spreche, hat das durchaus seine Berechtigung. Alle maßgeblichen Thüringer Antifa-Gruppen aus Erfurt, Gotha, dem Eichsfeld und Südthüringen unterstützten Aufruf und Intention dieser Aktion. Die meisten dieser Gruppen, wenn nicht alle, verstehen sich als Teil jener antideutschen Linken, von der weder Ramelow noch seine rechten Fans und Querfrontkameraden etwas verstehen.
Unter der Strömungsbezeichnung „antideutsch“ versteht Ramelow, im Einklang mit den (Proto-)Faschisten von AfD bis NPD übrigens, soviel wie eine Interessengemeinschaft zur Auslöschung aller Menschen mit deutschem Pass. Das intellektuelle Niveau dieser Verstandesleistung dürfte irgendwo zwischen Festerling und Jebsen liegen. Schon jeder Lehramtsstudent, der sein Hauptnachschlagewerk Wikipedia richtig beherrscht, weiß über die Antideutschen mehr und richtigeres zu berichten als Ramelow, Höcke und die Ihren. Dort weiß man über die Antideutschen schonmal, dass es sich um eine Strömung der radikalen Linken handelt, die sich gegen einen spezifisch deutschen Nationalismus, Antizionismus und regressiven Antikapitalismus wendet. Generell gibt es freilich bessere Medien, um sich über die Antideutschen oder generell schlau zu machen. Ramelow und den Seinen ging es aber bloß nachrangig, um nicht zu sagen: gar nicht, um Erkenntnis, sondern um ein Ventil fürs Ressentiment.

Wer sind die Antideutschen?

Vor allem in Ostdeutschland verorten sich viele, wenn nicht die meisten Antifa-Gruppen innerhalb der antideutschen Strömung. Sie entstand um die Jahre 1989/90 herum mit dem Zusammenbruch der DDR. Die Befürchtung hegend, dass man nach der Wiedervereinigung in Deutschland wieder mit dem Schlimmsten zu rechnen habe, schloss sich die radikale Linke in Westdeutschland zum „Nie wieder Deutschland“-Bündnis zusammen. Später zerbrach das Bündnis im Rahmen der linksradikalen Weichenstellung während des Irak-Krieges 1991 und nach den Terrorangriffen auf die USA am 11. September 2001. Generell zeichnete sich bereits Anfang der 90er Jahre eine gänzlich unterschiedliche strategische Ausrichtung der Antifa in Ost- und Westdeutschland ab. Während man – und dieser rote Faden zieht sich bis in die Gegenwart – im Westen eher dazu bereit war breite Bündnisse für sozialrevolutionäre Projekte einzugehen, hatte man im Osten seit jeher andere Probleme als Überlegungen zur Revolutionierung der kapitalistischen Verhältnisse. Hier formierte sich im Volk – das man hier und da innerhalb der Linken als historisches Subjekt nicht missen will, weil man zwischen Volk und Klasse nicht mehr unterscheiden kann – ein rassistischer Mob, der eine bis heute so nicht wieder da gewesene Straßengewalt bzw. rassistische Pogrome entfesselte, für die Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda als Symbole stehen. Antifa in Ostdeutschland, das war Abwehrkampf als unmittelbare Notwendigkeit und ging mit einer begründeten Skepsis gegen die Mehrheitsgesellschaft einher, mit der man alles andere machen wollte als Revolution – eine Einsicht, die sich nach und nach entwickelte. Es waren nicht geringe Teile der alten Ostlinken, die mit den Brandstiftern sympathisierte oder zumindest Verständnis für die Wendeverlierer aus dem Osten hegte und noch heute kommt es nicht von ungefähr, dass sich die Wählerschaft der Linkspartei im Osten zu einem nicht unbedeutenden Teil aus offensichtlichen Rassisten speist, die neuerdings statt der Linken einfach wieder das Original wählen, die AfD.
Was nun die antideutsche Linke3 u.a. auszeichnet, das ist, von der pro-israelischen Positionierung abgesehen, jene Skepsis gegen die (ost-)deutsche Mehrheitsgesellschaft und ihre Ideologie, zu der ein tief wurzelnder Rassismus ebenso gehört wie der den Deutschen nicht auszutreibende Antisemitismus.4 Diese Skepsis gegen bzw. Kritik der (ost-)deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrer Ideologie ist auch heute fester Bestandteil antideutscher Positionen, weil sich das Auftreten und die Formen deutscher Hegemonieproduktion geändert haben mögen, das Wesen der herrschenden Gesellschaftsordnung und die deutsche Spezifik ihrer Bearbeitung aber mitnichten.

Twitter und Facebook

Nun weiß Bodo Ramelow von dieser Entwicklung und ihrem Niederschlag im theoretischen Rüstzeug und den praktischen Rücksichtnahmen der antifaschistischen Linken im Osten freilich nichts. Nicht weil Ramelow aus dem Westen in die Zone kam, sondern weil er als gewöhnlicher deutscher Sozialdemokrat mit den Verhältnissen seinen Frieden gemacht hat, die antideutsche Kritik nach wie vor abschaffen möchte. Und wer Kritik nicht zugänglich ist, dafür aber umso rücksichtsloser bereit ist, die eigenen Überzeugungen und Ressentiments vorzutragen, der poltert umso lauter drauf los.
In den Tagen um den 5. Mai herum wurde Ramelow mehrfach auf Twitter und Facebook gegen die Antifa aktiv und es wurde mit späterer Tageszeit immer skurriler, etwa als Ramelow der Antifa vorwarf von Eichsfelder Wurst nichts zu wissen und deswegen empfahl zum Leben im Eichsfeld besser zu schweigen oder als er wie ein szenekundiger Beamtendepp auf irgendeinem Stromhäuschen oder Dixiklo in Weimar den Graffiti-Schriftzug „Antifa“ entdeckte und seine investigativen Recherchen zu den Übeltätern gleich mal mit der Welt teilte. Ramelow wusste zwar von einem „antideutschen Männertag“ in Bornhagen zu berichten, über den Angriff deutscher Männer (Nazis) auf das AJZ in Erfurt am 5. Mai schwieg der Ministerpräsident – nicht erwähnenswert. Ebenso wie das Konzert von 3.500 Neonazis in Hildburghausen zwei Tage später. Ramelow, der zu diesem Zeitpunkt immer noch auf Twitter gegen die Antifa wetterte, wurde erst durch Parteifreunde auf seine skurrile Themensetzung angesichts solcher Zustände im Süden des Bundeslandes aufmerksam gemacht. Es bedarf nicht viel Vorstellungskraft, sich den cholerischen, von reichlich Rotwein angesäuselten Ramelow vorzustellen, wie er wutentbrannt einen Twitter- und Facebook-Kommentar nach dem anderen gegen die verhassten Antideutschen rausposaunt und sich damit am Ende vollends zum Deppen machte oder wie ein erstaunter Facebook-User sinnhaft schrieb: ‚Wie konnte eigentlich ein Mann mit einer solchen Orthografie Ministerpräsident eines Bundeslandes werden?‘ Ja, wie eigentlich? Ramelow hat sich entlarvt als cholerischer, autoritärer Dummkopf und zwar nicht als die Art Idiot, die die eigene Bildungsferne ostentativ zur Schau stellt um Nähe zum Pöbel zu beweisen, sondern es handelt sich um eine Art erlernter Dummheit, die jahrelanger Verblödung in der linksdeutschen Idiotie zwischen Junge Welt und DGB bedarf. Solche mit Rücksichtlosigkeit vorgetragene Dummheit wäre für diejenigen in der Linkspartei, die noch einen Hauch von Restvernunft in sich tragen, Grund genug, den Mann mal in die Kritik zu nehmen. Doch die Sprecherin für Antifaschismus bei der Linksfraktion in Thüringen schwieg. Eine andere Linkspartei-Abgeordnete, die sich als eine von Wenigen immer wieder öffentlich mit radikal-linken Antifaschisten solidarisiert und die bei der Demonstration am 5. Mai in Bornhagen mitlief, ist Johanna Scheringer-Wright. Auf die Frage eines MDR-Journalisten, warum sie hier teilnehme, antwortete sie wie ein Missetäter, den man auf frischer Tat ertappt hat, dass die Landschaft hier so schön sei und sie nur mal nach dem Rechten schauen wolle. Mit dem großen Vorsitzenden legt man sich schließlich nicht an, sonst heißt es vor der nächsten Landtagswahl, wenn die sicheren Listenplätze vergeben werden: Hinten anstellen. Ramelow hat seine Partei im Griff, so viel hat sich seit 1990 scheinbar nicht geändert.

Verständnis für den Mob

Dass es Ramelow als autoritärer Linker, der sich in der Ostpartei bestens integriert hat, an einer ordentlichen Portion Verständnis für den rassistischen Mob, der seit Monaten demonstriert und zündelt, nicht mangelt, habe ich in meinem Text für die letzte Lirabelle bereits anhand eines Interviews, das die TLZ am 9. April mit Ramelow führte, gezeigt.5 Dort warnte Ramelow davor, die Tonlage der AfD zu imitieren, um Momente später schamlos genau dies zu tun, indem er forderte, die rassistischen Ängste der Wutbürger doch ernst zu nehmen, statt sie zu bekämpfen. Schon die Aufrufenden zur Bornhagendemo haben genau dieses Verhalten, die In-Schutz-Nahme der Ostrassisten durch den etablierten Politbetrieb, beschrieben und kritisiert. Das gilt für die Gesamtpartei wie für den neuen „Landesvater“. Dabei steht Ramelow in Thüringen für genau das Gegenmodell zum rassistischen Scharfmacher. Er war und ist einer, der ohne Unterlass um Verständnis für Fluchtgründe und die Notwendigkeit der Flüchtlingsaufnahme wirbt – so wie neuerdings eben auch um Verständnis für die Ängste der Rassisten. Ein Widerspruch ist das freilich nur auf den ersten Blick. Schon auf dem Höhepunkt der Willkommensbewegung in Thüringen habe ich mit Eva Felidae gemutmaßt, dass der Tag kommen wird, an dem sich Willkommenswut (Ramelow) und Fremdenhass (Höcke) als zwei Seiten derselben Medaille herausstellen werden.6 In der im Kern aufklärungs- und menschenfeindlichen Querfront gegen die Antifa haben sich zwei autoritäre Charaktere und deren Anhang schonmal auf einen gemeinsamen Feind verständigt. Bekanntlich eint ja nichts mehr als ein solcher. Und dass sich Teile der Linkspartei und die AfD gar nicht so fern sind wie das beide gerne hätten, ist auch keine neue Erkenntnis. Ein paar Wochen ist es her, dass sich eine Initiative namens „Tortenwerfer gegen Menschenfeinde“ erst Beatrix von Storch (AfD) und dann Sahra Wagenknecht (Linkspartei) vorknöpften, weil beide auf ihre Art gegen Flüchtlinge bzw. deren Aufnahme durch die Bundesrepublik zu Felde ziehen. Sollten diese Aktivisten neue Ziele suchen: Ich nominiere Bodo Ramelow.


1
Vgl. http://bit.ly/1SCNbof

2
Unterschiedslos grausam regiert Rot-rot-grün dort, wo es um Leben und Tod geht: in der Abschiebepolitik. Vgl. Lirabelle #12, Mai 2016: S. 17-22.

3
Grundlegenderes über die (anti-)politische Weichenstellung der antideutschen Antifa ist in einem Flugblatt der Antifa Suhl/Zella-Mehlis zu erfahren, das im Frühjahr 2015 in Suhl verteilt wurde und in der Alerta Südthüringen #4 nachgedruckt wurde. Vgl. http://bit.ly/28JNvW0

4
Zur Kritik des Antisemitismus und Rassismus als notwendigen gesellschaftlichen Verhältnissen verweise ich immer gern auf einen Redebeitrag der Antifa Arnstadt-Ilmenau aus dem Jahr 2012, der mit ein paar Missverständnissen aufräumt. Vgl. http://bit.ly/28K9idV

5
Vgl. Lirabelle #12, Mai 2016: S. 17-22.

6
Vgl. Lirabelle #10, September 2015, S. 17-21.

Dümmer geht’s immer – Bullen vs. Nazis

Die ersten Verhandlungstage des Ballstädt-Prozesses seit dessen Beginn im Dezember 2015 sind gelaufen. 15 Neonazis müssen sich nach einem brutalen Überfall auf die Kirmesgesellschaft in Ballstädt im Februar 2014 verantworten. Wir, Kleingartenverein Tristesse e.V., geben euch einen kleinen Einblick in diesen doch sehr speziellen Gerichtsprozess. Sowohl unsere Erwartungen an Entertainment wurden erfüllt, wie auch unsere Befürchtungen die Verteidigung betreffend sind weitestgehend eingetreten. Wir empfehlen euch aber ausdrücklich einen eigenen Besuch.

Der Prozess findet nahezu jeden Mittwoch ab 09:30 Uhr am Erfurter Landgericht statt, bis September dauert der Prozess aller Voraussicht nach. Und auch wenn die polizeiliche Einlassprozedur abschrecken mag, alle Prozessbesucher_innen werden vor dem Betreten des Gerichtssaals peinlich genau durchsucht. Auch die direkte Nähe zu den 15 angeklagten Neonazis sollte euch nicht abhalten, den Prozess vor Ort beizuwohnen. Solltet ihr wegen Auslandssemester, Lohnarbeit oder dem Wunsch auszuschlafen verhindert sein, gibt es eine recht gute Zusammenfassung auf dem ezra-Blog „ballstaedt2014“. Neben den Protokollen zu den einzelnen Prozesstagen finden sich dort auch einige Hintergrundinfos (“Gelbes Haus”, was sind Befangenheitsanträge?). Von daher sparen wir uns eine detaillierte Faktenaufzählung, werden uns hier auf die “Highlights” beschränken und versuchen uns in einigen ersten Einschätzungen.

Für diejenigen die jedoch nicht wissen was das “Gelbe Haus” ist und noch nie von Ballstädt gehört haben, folgt eine knappe Einleitung. Alle anderen können diesen Absatz überspringen.
Ballstädt ist ein 700-Einwohner Dorf nördlich von Gotha und verfügt seit 2013 über eine Naziimmobilie. Das “Gelbe Haus” ist das Nachfolgeprojekt der “Hausgemeinschaft Jonastal” aus Crawinkel. Die Bewohner sind teilweise seit Jahrzehnten in der militanten rechten Szene aktiv und europaweit vernetzt. Thomas Wagner, Frontmann der Rechtsrockband „Sonderkommando Dirlewanger“ kurz SKD, verfügt über gute Kontakte in die braune Musikszene. Steffen Richter ist maßgeblich an der “Solidaritätsarbeit” für den im NSU-Prozess angeklagten Neonazi Ralf Wohlleben beteiligt. Steffen Mäder ist frisch aus dem Österreichischen Knast raus. Dort verbüßte er eine Haftstrafe im Zusammenhang mit dem “Objekt 21”. Das “Objekt 21” war eine als Kulturverein getarnte Mischung aus Kameradschaft und Mafia, und ist wohl eher mit der US-amerikanischen Knast-/Straßengang “Aryan Brotherhood” zu vergleichen als mit einer klassischen deutschen Kameradschaft. Die Szene rund ums “Gelbe Haus” ist also kein isolierter regionaler Personenkreis, sondern vielmehr Teil eines vielschichtigen europaweitem Netzwerks militanter Neonazis.

Im Zuge der ersten Zeugenaussagen und einer Erklärung des Angeklagten Johannes Baudler lässt sich der grobe Ablauf des Tat-Abends vom 8. auf den 9. Februar 2014 wie folgt zusammenfassen:
In einer Suhler Garage findet eine Geburtstagsfeier mit 40 bis 50 Nazis statt. Neben zahlreichen Südthüringer Nazis wie Ricky Nixdorf (Sonneberg, Mitglied mehrerer Rechtsrockbands, Blood&Honour Umfeld), Ariane Scholl (wohnt in Stadtilm und bewegt sich in der Arnstädter Naziszene) und Marcus Russwurm (Model für Ansgar Aryan) sind auch Thomas Wagner und Andre Keller aus dem “Gelben Haus” auf der Feier. Wagner bekommt im Laufe des Abends einen Anruf von Tony Steinau aus Ballstädt, dieser teilt ihm mit, dass eine Scheibe am “Gelben Haus” eingeworfen wurde. Wagner trommelt daraufhin ein paar Leute auf der Feier zusammen, um gemeinsam nach Ballstädt zu fahren und „den Schaden zu begutachten”. In der Zwischenzeit macht sich Tony Steinau auf die Suche nach den Übeltätern und bemerkt eine Party im Gemeindezentrum des Dorfes. Mittlerweile trifft der aus mehreren PKW bestehende Konvoi aus Suhl in Ballstädt ein und nachdem alle mal durch das Loch im Fenster geguckt haben, laufen die Nazis zum nahegelegenen Gemeindezentrum. Die Feier der Kirmesgesellschaft findet im kleinen Saal im Obergeschoss statt. Als erstes betritt Wagner, mit einem Totenkopftuch vermummt, den Saal. Er fragt die Partygäste, ob sie das mit der Scheibe waren und boxt die ersten drei Leute um (zum Teil erhebliche Verletzungen). Die übrigen Gäste drängen Wagner in Richtung Ausgang, im Vorraum warten jedoch schon die restlichen vermummten Nazis. Der Saal wird gestürmt und für zwei Minuten tobt sich das Überfallkommando aus. Nach zwei Minuten kommt das Kommando zum Abzug und als Krankenwagen und Bullen in Ballstädt ankommen, sind die Nazis schon auf dem Weg ins „Einsiedel“ nach Zella-Mehlis oder nach Hause. Das Ergebnis des Überfalls sind zehn Verletzte, viel Blut, Scherben und zerstörtes Inventar.

Sprüche klopfen ist im Grunde das Gleiche wie Muskeln zeigen“ (NMZS & Danger Dan – Lebensmotto Tarnkappe) – die Nazianwälte

Während die Jungs und Mädels fürs Grobe ihre Arbeit bereits getan haben, dient der Gerichtsprozess als Bühne für die braune Anwaltschaft. Mindestens die Hälfte der Verteidiger haben gute Erfahrungen mit dieser Klientel, und sind zum Teil selbst in der rechten Szene aktiv.

Eine gute Übersicht zu den Anwälten findet sich auf dem Blog „Thüringen rechtsaussen“. Auf der Verteidigerbank sammelt sich der juristische Erfahrungsschatz zahlreicher großer Gerichtsprozesse gegen die militante rechte Szene: “Skinheads Sächsische Schweiz”, „Blood & Honour Division Deutschland”, die Hetzjagd von Guben, der Überfall auf ein Zeltlager von solid 2008, „Aktionsbüro Mittelrhein”. Parallel zum Ballstädt-Verfahren sind außerdem mehrere Anwälte an der Verteidigung von Ralf Wohlleben und André Kapke in Münchener NSU-Prozess beteiligt.

Wortführer der Verteidigung ist der „Bonehead“ Olaf Klemke. Er scheint weniger die Unschuld seines Mandanten Matthias Pommer beweisen zu wollen, als vielmehr mittels Provokationen, heftigen und lautstarken Wortgefechten mit dem Richter, Befangenheitsanträgen und erzwungenen Gerichtsbeschlüssen den Prozess als ganzen zum Platzen zu bringen. Das hat einen ausgesprochen hohen Unterhaltungswert. Da kommt keine Nachmittags-Gerichtsshow mit, von einem derart skurrilem Drehbuch würde wohl selbst RTL2 die Finger lassen.

An den Tagen, an denen Klempke in München ist, übernimmt der Rechtsanwalt und NPD-Politiker Dirk Waldschmidt die Führungsrolle. Seine Fragen zielen vor allem auf Aktivitäten und Zusammensetzung des örtlichen Bürgerbündnisses (Allianz gegen Rechts) oder die Antifa aus Gotha. Sein persönliches Highlight war die Feststellung, dass es seit dem Überfall auf die Kirmesgesellschaft keine weiteren Angriffe auf das „Gelbe Haus“ gegeben hat. Dies stellt eine klare Rechtfertigung des Überfalls dar und ist als politische Aussage des Verteidigers zu werten. Waldschmidt ist also der Meinung, dass die eingeworfene Scheibe als unmittelbarer Auslöser für den Überfall diente, und das darauffolgende Ausbleiben weiterer „Angriffe“ auf das „Gelbe Haus“ das „harte Durchgreifen“ der Angeklagten gegen die Kirmesgesellschaft – die mutmaßlich mit Bürgerbündnis und Antifa in Zusammenhang steht – rechtfertigt.

Täter-Opfer-Umkehr und die rote Serviette

Neben anhaltenden Versuchen der Torpedierung des Verfahrens betreiben Klemke und Waldschmidt Recherchearbeit. Ihre Fragen zielen nicht so sehr auf das Geschehen am Tat-Abend an sich ab, ihr Interesse gilt dem Bürgerbündnis gegen Rechts, ob „Leute von der Antifa“ auf den Kundgebungen in Ballstädt waren, wer die Facebook-Seite des Bürgerbündnisses betreibt, wer alles in irgendwelchen WhatsApp-Gruppen ist, wer bei ezra die Beratungsgespräche gemacht hat und was auf ihren T-Shirts stand, warum es zwar eine LKA-Abteilung gegen rechts, aber nicht gegen links gibt, usw.

Vor allem interessiert sie aber, wer den, in eine rote Serviette eingewickelten, Stein durch das Fenster des Gelben Hauses geworfen hat. Klempke spricht oft von „Anschlägen“ auf das „Gelbe Haus“, gemeint sind dabei einige Aufkleber, Graffitis und zwei kaputte Scheiben – geht es jedoch um die Erstürmung des Bürgersaals bevorzugt er den Ausdruck „Vorfall“. Mehrmals versucht die Verteidigung mit ihren Fragen das Gothaer Hausprojekt Ju.w.e.L. e.V. und die Antifa Gotha zu thematisieren, Staatsanwaltschaft und Nebenklage verhinderten durch Einsprüche aber ein allzu weites Abschweifen vom eigentlichen Prozessinhalt. Es kann festgestellt werden, dass die Strategie der Verteidigung darauf abzielt, den Opfern eine gewisse Mitschuld an dem Überfall zu geben. Schließlich haben sie schon Proteste organisiert, und vermutlich auch die Angriffe auf das „Gelbe Haus“ verübt, bevor sie verprügelt wurden.

Weiterhin wird versucht den Angeklagten eine Opferrolle zuzuschreiben, was jedoch nur schwer zu vermitteln ist im Angesicht der großflächig tätowierten und aufgepumpten Typen auf der Anklagebank, die sich für kein Feixen über befragte Zeugen zu schade sind.

Ob Klempkes offensive Prozessstrategie bei der Verteidigung hilfreich ist, bleibt abzuwarten, was ihm definitiv gelingt, ist das bürgerliche Gegen-Rechts-Spektrum zu durchleuchten: Zeugen (in dem Fall die Geschädigten) werden gefragt, ob sie an Demos oder einem Konzert gegen Rechts teilgenommen haben, die Identität von Leuten aus der Opferberatung und dem Bürgerbündnis ist bekannt geworden, was mit diesen Infos passiert, ist unklar. Im schlimmsten Fall landen die Leute in irgendeiner Anti-Antifa-Datenbank.

Dümmer als die Polizei erlaubt

Weiterhin gewährt der Prozess ein paar Einblicke in die verborgene Welt des LKAs, genauer gesagt in die Besondere Aufbauorganisation Zentrale Ermittlungen und Strukturaufklärung – Rechts, kurz BAO Zesar. Was nach den Zeugenaussagen mehrerer Kripobeamter festgestellt werden kann: Das LKA kocht auch nur mit Wasser, und im Gegensatz zum gewieften Tatort-Kommissar sind das alles ganz durchschnittliche Typen – weder besonders schlau, noch besonders engagiert und teilweise erschreckend unvorbereitet. Leute, die eben ihren Job machen und dabei auch den ein oder anderen Fehler begehen. Da wurden beispielsweise Angeklagte erst im Laufe einer Zeugenvernehmung zu Beschuldigten umdeklariert, das entsprechende polizeiliche Prozedere (Belehrung) aber entweder nicht protokolliert oder eben ausgelassen. Somit sind diese Aussagen eventuell vor Gericht nicht mehr verwertbar – die Verteidiger stellten entsprechende Anträge. Inwieweit diese handwerkliche Schlampigkeit des LKAs den Prozess beeinflusst, lässt sich noch nicht sagen. Auch im Zeugenstand machen einige LKA-Beamte keine gute Figur, Klempke ist den meisten Cops rhetorisch überlegen, und besonders ein Beamter ließ sich auf die Spielchen Klemkes ein und tätigt im Zeugenstand ein paar fatale Aussagen. So ist von einer „chaotischen Situation in der PI Gotha” die Rede, und anstatt zu sagen, er erinnere sich nicht mehr, stellt der LKAler aus eigenem Antrieb Mutmaßungen an, wie es gewesen sein könnte. Dies gipfelt letztlich darin, dass Klemke verlangt, man möge den sichtlich erschöpften Hauptkommissar vereidigen, was das Gericht nach einer kurzen Beratung jedoch ablehnt. Glücklicherweise haben sich die Angeklagten aber noch dümmer angestellt, und somit besteht noch die Chance auf eine Verurteilung.

Die folgende Aufzählung von Dummheiten dient ausschließlich dazu, sich über Nazis lustig zu machen, und soll nicht als Anleitung zur Begehung von Straftaten missverstanden werden:

  • Auf der Fahrt nach Ballstädt wurden mindestens zwei Autos geblitzt.
  • Nach der Tat wurden über WhatsApp Zeitungsartikel zum Überfall geteilt und kommentiert.
  • Obwohl die Hausdurchsuchung von Wagner erst eine Woche später stattfand, wurde die Hose die er während des Angriffs trug gefunden.
  • Auch bei anderen Hausdurchsuchungen sind blutige Kleidungsstücke gefunden worden.
  • Wagner war mit einer leicht wiederzuerkennenden Maske vermummt, die bei einer vorherigen Hausdurchsuchung bereits von der Polizei fotografiert wurde.
  • Einige der Angeklagten haben freiwillig einer polizeilichen Vernehmung zugestimmt und Aussagen gemacht.
  • Tony Steinau hat mit dem Hinweis auf „verfassungswidrige Bilder” sein Handy den Cops freiwillig ausgehändigt.

Wir sind keine Juristen, können von daher auch den Ausgang des Prozesses nicht wirklich einschätzen. Thomas Wagner hat, um aus der U-Haft entlassen zu werden, ein Teilgeständnis abgelegt, seine Aussage belastet die Mitangeklagten aber kaum. Einige Zeugen sprechen von sieben bis acht Angreifern im Saal, ein weiterer Zeuge sagte aus, dass über zehn Leute vom Saal in Richtung „Gelbes Haus“ geflüchtet sind. Die Beweisaufnahme läuft noch eine ganze Zeit, die Nebenklage ist zuversichtlich, dass eine Verurteilung gelingt, die Angeklagten selbst schwanken zwischen guter Laune und Müdigkeit. Das kann aber auch daran liegen, dass sie einer Gefängnisstrafe recht gelassen entgegensehen, trotz oder wegen bereits vorhandener Hafterfahrung.

Sicherlich ist der Gedanke an Wagner, Russwurm, Blasche und Co. hinter Gefängnismauern ganz angenehm. Diese fünfzehn Nazis stellen dann für eine gewisse Zeit keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben mehr dar. Und wenn beispielsweise Stefan Fahrenbach mit Verweis darauf, dass er ja eh bald ins Gefängnis geht, in Suhl eine Antifaschistin angreift, dann würde eine Verurteilung nicht nur der „Genugtuung“ dienen, sondern möglicherweise einzelnen Menschen die Erfahrung eines körperlichen Angriffs ersparen.

Die Situation in Ballstädt oder Südthüringen wird es aber kaum verändern. Das „Gelbe Haus“ wird weiterhin seine Funktion erfüllen und einen Stützpunkt für die militante rechte Szene bieten: Ein Ort, an dem sich Neonazis ungestört treffen und vernetzen können. Eine Zwangspause für die Angeklagten bedeutet für Südthüringen eventuell, dass sich „Ansgar Aryan“ ein neues Model suchen muss, an der vorherrschenden Situation wird sich aber nichts ändern. Die lokalen Antifaschist_innen werden es weiterhin mit einer gewaltaffinen rechten Übermacht zu tun haben. Begleitet von den dunkeldeutschen Zuständen: einer Polizei, die das Compact-Magazin liest und einer Justiz, die auch schon mal zwei bis drei Jahre braucht, um Naziangriffe zur Verhandlung zu bringen, und es zulässt, dass anstatt der Nazischläger (Täter) alle anderen (Opfer und Ermittler) über lokale Strukturen von Anti-Nazi-Bündnissen und Antifa ausgefragt werden, außerdem ein Gericht, welches es nicht schafft, was in den meisten popeligen Fußballstadien durchgesetzt wird: Naziklamotten bleiben draußen.

Als Zwischenfazit bleibt nur festzuhalten: Antifa bleibt Handarbeit! Wie das zu machen ist, aus einer marginalen und unterlegenen Position heraus, müssen wir gemeinsam herausfinden. Fakt ist, auf Selbstschutz zu verzichten, bedeutet dem Staat zu vertrauen und zuzusehen, was dabei herauskommt.


Dokumentation und Hintergründe zum Ballstädt-Verfahren:
https://ballstaedt2014.org

Infos zu Nazianwälten:
https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com/2015/12/08/neonazis-vertreten-neonazis-die-anwalte-im-ballstadt-verfahren/

Bericht von den feministischen Radiotagen in Weimar

Anna Wegricht hat die ersten feministischen Radiotage mitorganisiert.

Mit unerhört! waren die ersten feministischen Radiotage Weimar betitelt und lösten ihr Versprechen ein. In einer sexistischen Gesellschaft für manche anstößig und empörend. Auch weil das Festival sowohl auf Publikumsseite als auch auf Seite der Referentinnen*, Künstlerinnen* und Musikerinnen* die Unerhörten hörbar machte. Vom 12. bis 16. Oktober wurden in einer Reihe von Workshops, wie Live-Hörspiel oder Auflegen mit Vinyl, Zugänge zu verschiedenen Bereichen auditiven Schaffens hergestellt. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, an der Stelle wenig feministische Theorie einzubringen und einen Fokus auf die ganz praktische Hörbarmachung verschiedener (weiblicher*) Stimmen zu legen. Der Feminismus lief dabei im Subtext immer mit. Sei es über die Gestaltung der Programmflyer und Poster, die Entscheidung, Frauen* als Workshopleiterinnen verschiedene Arbeitsfelder präsentieren zu lassen oder auch einfach die Verortung im Rahmen der feministischen Radiotage. Das Festivalwochenende am 17. und 18. Oktober setzte die Vernetzung von Radiomacherinnen* und Radiointeressierten als Schwerpunkt, bot mit diversen Vorträgen, einem Audio-Walk über das Gehen im Dunkeln als Frau, der Präsentation von Soundcollagen, Hörspielen und Features aber auch darüber hinaus ein breitgefächertes Programm. Dass Radiomacherinnen* aus Städten wie Dresden, Berlin und Leipzig angereist kamen, um in einen Austausch miteinander zu gehen, zeigt, wie wenige Angebote und Möglichkeiten es für Radiomacherinnen gibt, sich zu vernetzen. Damit das nicht so bleibt, bildet die Vernetzungsrunde in Weimar nur den Anfang. Next stop: Radio Revolten in Halle, 2016. Für das Abschlusskonzert konnten wir die Rapperinnen Yansn (Berlin), Ket (Leipzig) und Reverie (Los Angeles) gewinnen. Das Konzert schaffte nicht nur die gewünschte Zusammenführung von Menschen verschiedener Hintergründe und politischer Einstellungen, es war auch ein Geschenk an uns als Veranstalterinnen*. Und es machte deutlich, was einige von uns ohnehin schon wissen: Feminismus ist wahnsinnig cool. Ohne Feminismus hätte es das beste Rapkonzert in der Geschichte Weimars nicht geben können.


Infos leider nur bei Facebook https://www.facebook.com/unerhoertradiotage

Vorhang zu

So, nun ist’s vorbei, das schöne Tischlerinnentreffen – für Leser*Innen, die das Wort das erste Mal hören: wir sind gestandene Handwerksfrauen, egal, ob nun seit Geburt oder später durch eigene Entscheidung zur Frau geworden, die sich seit einem Vierteljahrhundert treffen, um sich über Berufsalltag auszutauschen, sich gegenseitig zu stärken, zu vernetzen, eine gute Zeit zu haben – eine Auswertung der Organisatorinnen.

Ein Jahr mal lustige, mal anstrengende Orgaarbeit hat sich gelohnt: wir haben uns in Lützensömmern zum „TT“ zusammengefunden – und sind nun wieder in alle Winde verstreut. Zeit, noch einmal kurz Revue passieren zu lassen, wie wir das Wochenende empfanden, bevor das neue Orgateam aus Berlin in die Startlöcher geht:
Ich hoffe, ich spreche für alle Teilnehmer*Innen, wenn ich sage, dass wir ein paar schöne, gemütliche Tage hatten. Der Regen hat uns weitestgehend verschont und Workshops, die für draussen geplant waren (Holzbildhauen, Erlebnispädagogik, Baumklettern…) konnten stattfinden, puh!
Ich finde es total gut, dass es wieder eine Mischung aus Handwerksthemen gab – Zimmereiverbindungen, Elektroworkshop, Betonworkshop, Holzbildhauerei … – und Fachfremdem: So konnte frau sich im Gitarrenworkshop oder bei „Stimme und Körper“ oder eben Erlebnispädagogik mal mit anderen Sachen neben dem Handwerk beschäftigen.
Sehr erwähnenswert sehe ich die Diskussion, die von einigen Frauen zur Idee und Motivation des Tischlerinnentreffens ins Leben gerufen wurde. Sehen wir uns als politisch relevantes Frauentreffen, sind wir Teil der Frauen-Lesben-Trans*-community? Wird das TT kommerzieller (frau denke an die Präsentation einer Maschinenmarke)? Wie wollen wir weitermachen? Die Antworten sind so vielfältig, wie wir Frauen es auch wieder auf diesem Treffen waren: Junge Frauen auf der Suche nach der passenden Ausbildung, Azubinen, Gesellinnen – frisch gebacken oder schon länger am werkeln, Selbstständige und Meisterinnen.
Wir hatten eine Menge Spaß bei der Tombola: ich bin sicher nicht die Einzige, die stolz mit Einhandzwingen und Qualitätshammer aus dem Raum ging. Spaß hatten wir auch auf der offenen Bühne, danke an alle Frauen und ihren Mut, uns Lieder, Gedichte, Geschichten zu pr%

Tapferer kleiner Paule

Lasse Hirsch darüber, dass die Anderen die Hölle sind, vor allem, wenn man durch Abstammung dazu verdammt ist, sie zu ertragen. Der Text thematisiert familiäre Gewalt und kindliche Ohnmachtserfahrungen.

Ein kleiner Campingplatz irgendwo im Nichts, in Brandenburg, wo es eigentlich keine Menschen mehr gibt. Der Kapitalismus hat sich zurückgezogen, eine Rezeption gibt es nicht mehr. Mit ihm verschwunden sind funktionierende sanitäre Anlagen. Die Dauercamper sind noch da, sie sitzen zwischen wuchernden Gebüsch in einer wunderschönen Landschaft an einem See. „Ihr könnt bleiben, wenn Ihr nicht so einen Lärm macht.“ Machen wir gerne. Wir freuen uns, dass der Platz in Selbstorganisation weiterbetrieben wird. Wir stellen die Fahrräder ab und bauen unser Zelt gleich am Strand auf. Der Blick aus dem Zelt ist wunderschön: Zwischen dem aufragenden Schilf führt ein kurzer, sandiger Pfad leicht abschüssig zum Wasser, das in der niedrig stehenden Sonne ganz ruhig daliegt. Außer uns gibt es noch ein paar Camper. Wir sehen drei Zelte. Ein Jugendlicher geht schwimmen und ignoriert uns. Als ich auf dem Spirituskocher das Abendessen zubereite, kommt ein zweiter aus einem der Zelte. Er ist jünger als der Schwimmer, vielleicht zehn oder zwölf, eigentlich noch ein Kind. Er bleibt kurz bei uns stehen. Leise sagt er „Hallo“ und guckt uns schüchtern an. Wir erwidern seinen Gruß freundlich. Er zögert einen Moment und geht weiter zu einem Wohnwagen.

Nach dem Essen gehen auch wir schwimmen, nackt, wie es sich im Osten gehört. Da wir erst spät angekommen sind, wird es bald dunkel. Um den Stechmücken zu entgehen, ziehen wir uns ins Zelt zurück und dösen schon bald in der abendlichen Sommerhitze vor uns hin. Dann kommen Menschen.
Es gibt ja Leute, die sagen, Brandenburg wäre schön, wenn man von den Menschen absieht. Die Leute, die kamen, waren aus Berlin, zwei Männer und eine Frau. Man hörte schon von weitem, dass sie einiges getankt hatten und sich nur noch mit Mühe über den Platz schleppten. Als ihr Lallen deutlicher wurde und wir hörten, dass sie unser Zelt zur Kenntnis nahmen, hielten wir die Luft an. „Hoffentlich vergessen die uns schnell wieder.“ flüsterte meine Begleitung, einen Wunsch, den ich nur teilen konnte, weil das Grüppchen inzwischen angefangen hatte, sich lauthals zu streiten. Der Eine war auf dem Rückweg von der Kneipe vom Fahrrad gefallen und hatte sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen. Das fanden der Andere und Sie nicht gut und wollten ihn dazu überreden, sich verarzten zu lassen. Trotzdem auch Sie ordentlich abgefüllt war, traute sie sich zu, die Wunde zu säubern und zu verbinden. Anlass des Streits war, dass der Eine das partout nicht wollte. Obwohl der Andere blumig schilderte, wie viel Blut der Eine schon verloren hatte und Sie sich über die Gefahren nicht gereinigter Wunden ausließ, wollte der Eine lieber schlafen. Schon an dieser Stelle dachte ich, obwohl ich Atheist bin: „Oh Gott, lass es vorüber gehen.“ Aber es kam noch schlimmer. Um dem Einen klarzumachen, dass er sich unbedingt verarzten lassen müsse, brachte der Andere ein neues Argument in die Diskussion ein: „Denk doch an Deinen Sohn!“

Der schüchterne 10-12jährige hieß Paul. „Paule, sag‘ Deinem Vater,er muss sich verarzten lassen.“ „Paule hilfst Du uns, Deinen Vater vom Zelt in den Wohnwagen zu holen?“ „Paule, halt doch mal hier fest.“ Paule hilft. Auch wenn er zwischendurch leise weint und wir seine Angst und Verzweiflung aus der Stimme heraushören, hilft er tapfer bei jedem Schritt, beruhigt, wo es sein muss, schreitet ein, wenn der Andere zu aggressiv auf den Einen einredet und bringt seinen Vater letzten Endes dazu, sich verarzten zu lassen. Endlich. Für Paule ist der Abend damit noch nicht vorbei. Der Andere fragt ihn: „Paule. Alles Okay?“ Wahrscheinlich hat er trotz seiner erheblichen Intoxikation mitbekommen, dass mitnichten alles okay ist, wenn man einen 10-12jährigen nachts aufweckt, damit er sich um drei sturzbetrunkene Erwachsene, darunter sein Vater, kümmert. Natürlich weiß auch Paule, dass nichts okay ist, dass die drei besoffenen Riesenarschlöcher sich eigentlich um ihn kümmern müssten und nicht umgekehrt. Ich kenne das aus meiner Kindheit: Wenn sich Erwachsene abgeschossen haben und die Situation sowieso schon völlig außer Kontrolle ist, hat man Angst, dass es noch komplizierter wird, wenn man die eigenen Bedürfnisse ins Spiel bringt. Also antwortet Paule „Ja.“ Nicht nur einmal. Vielleicht ist der Andere zu blau, um sich zu erinnern, dass er schonmal gefragt hat, vielleicht weiß er, dass die Antwort gelogen ist. Er fängt immer wieder an. „Alles okay?“ „Ja. Ich bin nur müde.“ Auch das kenne ich. Die Hoffnung, dass es vorbeigehen möge. Die Hoffnung, dass sie jetzt endlich aufhören, sich und mich zu quälen. Das Hochschrecken davon, dass die Scheiße doch wieder losgeht. Ich döse ein und schrecke hoch, das Herz rasend. Aber es ist nur „Alles okay?“ „Ja. Ich bin nur müde.“ Ob der Andere es kapiert hat oder einfach so eingeschlafen ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall kehrt Ruhe ein.

Ich lag noch stundenlang wach und habe darüber nachgedacht, was ich Paule gerne sagen würde. Ich hab’s irgendwann geschafft, der Scheiße zu fliehen. Irgendwann wusste ich: Meine Eltern haben den Generationenvertrag gebrochen, als sie mich im Suff vollgelallt haben, mein Spielzeug zerbrochen und mir panikerfüllte und schlaflose Nächte bereitet haben. Irgendwann konnte ich mir klarmachen, dass ich mich nicht um sie kümmern muss. Ich habe die Anlage bis zum Anschlag aufgedreht und „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ gehört, ich bin ausgezogen, weggegangen, habe mir über mich und die Welt Gedanken gemacht und kann heute durchschlafen. Wenn ich nachts von einem Geräusch aufwache, rast mein Herz nicht mehr. Normalerweise. Ich habe Leute um mich, die sich um mich kümmern und um die ich mich kümmere – weil wir uns mögen. Das gibt es. Es muss nicht so sein, dass man Leute um sich herum hat, die einen quälen, weil man durch Abstammung dazu verdammt ist, sie zu ertragen. Das hätte ich Paule gerne erzählt. Aber es gab keine Gelegenheit. Als wir am nächsten Tag aufgestanden sind, waren die Anderen schon weg.

Sentieri Partigiani – April 2015

Uwe schildert seine Erfahrungen und Eindrücke, als er auf den Spuren der italienischen Partisan*innen um Reggio Emilia wanderte. Er nahm an einer Bildungsfahrt im April diesen Jahres teil.

Eine alte, aber rüstige Frau auf einem Stuhl in einem kleinen Park; im Halbkreis um sie herum knapp 70 Menschen, die gespannt ihren Erzählungen lauschen. Im Hintergrund sieben Reliefs mit verschiedenen Darstellungen, die an Entbehrung, Verzweiflung und Schmerz erinnern. Die Frau berichtet, wie sie in die Mussolini-Diktatur hineingeboren wurde, in der die Militarisierung der Köpfe und der Straße als psychologische Kriegsvorbereitung vorangetrieben wurde; wie sie als Abweichlerin aus einer antifaschistischen Familie bereits in der Grundschule ausgegrenzt wurde und wie Frauen nach dem italienischen Kriegseintritt 1940 die komplette Verantwortung sowohl in den Familien, als auch der Industrie übernahmen, da die jungen Männer alle weg waren. Sie beschreibt, wie die Frauen eigentlich die ersten Partisan*innen waren, indem sie den heimkehrenden Männern nach dem Waffenstillstand vom 8.9.1943 auch ohne politisches Bewusstsein halfen, z.B. mit Zivilkleidung und Lebensmitteln. Später kämpften die Frauen auch bewaffnet, wobei sie GEGEN den Krieg kämpften, nicht für ihn, und natürlich auch gegen den Faschismus! Ihre Hauptaufgaben blieben aber die Besorgung von Waffen und Lebensmitteln, sowie die Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen den einzelnen Partisan*innengruppen als sog. ‚Stafetten‘.

Wir befinden uns in Castelnovo ne´ Monti, die Frau ist Giacomina Castagnetti und die Reliefs sind ein Denkmal für die Frauen der Resistenza (italienischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg).

Auch wenn Giacomina durch Krieg und Partisaninnenkampf die „Jugendjahre geraubt“ wurden, so haben die gemachten Erfahrungen doch auch genutzt. Das Wissen darum, dass ohne die Frauen der Widerstand nicht möglich gewesen wäre, bestärkte das Selbstbewusstsein der Frauen bis hin zur Frauenbewegung in den 70-er Jahren. Giacominas „Vermächtnis“ lautet: „nicht die Augen verschließen und daran denken, dass Leben in Frieden und Demokratie nicht selbstverständlich sind.“

Ein Dorf in den Bergen mit vielleicht noch 50, teils kaputten, verfallenen Häusern, von denen genau noch eins ganzjährig bewohnt wird. Auf einen Stock gestützt und untergehakt bei einem Begleiter, wird ein alter Mann zu einem Stuhl im Schatten einer Mauer geführt. Mit leiser, brüchiger Stimme stellt er sich als Francesco, genannt ‚Volpe‘ (Fuchs), vor. Er berichtet, wie er mit einem Freund mehr zufällig und aus Neugierde in die Berge ging, um „Rebellen“ zu suchen. Ihre erste Rebellengruppe ist bei einem wohlhabenden ‚Dorfschützer‘. Mehr aus Übermut, Langeweile und weil „nichts los ist“, sagt Volpes Begleiter, dass sie eigentlich zu kommunistischen Partisan*innen wollten, obwohl sie bis dahin politisch eigentlich völlig unentschieden waren. Sie werden weggeschickt und suchen mehrere Tage, ohne Essen und ohne Idee wohin, ‚die richtigen Partisan*innen‘. Auf Grund eines Tipps gehen sie nach Succiso, wo sich erstmal alle verstecken und sie weggeschickt werden. Aus Verzweiflung und Wut zerreißt Volpe seinen Pass, setzt sich unter einen Baum und heult. So vergeht der gesamte Tag und erst am Abend kommt ein Mann aus dem Wald auf sie zu. Es ist ein Bekannter von Volpe, der sie mit nimmt und so in die Reihen der Partisan*innen der kommunistischen Garibaldi Brigade einführt. Inzwischen ist Volpes Stimme kräftig und betont, man merkt, wie belebend das Erzählen für den alten Mann wirkt. Im Folgenden berichtet er, weshalb die Faschisten für ihn schlechte Menschen waren und wie er die Befreiung erlebt hat. Am Ende seines ca. 1-stündigen Berichtes geht er aufrecht und ohne Stütze zum Auto. In den folgenden Tagen hat Volpe uns noch öfter begleitet und es war deutlich zu erkennen, wie gut es ihm tat und die Last von 89 Lebensjahren leichter wurde.

Diesmal ist der Ort für das Zeitzeug*innengespräch mit Giacomo Notari, Kampfname ‚Willi‘, das Dorfgemeinschaftshaus von Talada. Bevor Willi seine Erzählung beginnt, hält der Vizebürgermeister von Busana (zu dem Talada gehört) ein Grußwort. Dieses ist jedoch nicht – wie wir es in Deutschland hören würden – mit wulstigen Phrasen und wärmelnden Dankesworten gefüllt, sondern eine ausführliche, gut hergeleitete Argumentation, weshalb heutiger Antifaschismus eine Pflicht ist und welche Grundlage der Kampf der Partisan*innen dafür gelegt hat. Für Willi war seine Beteiligung am Widerstand aus familiären Gründen quasi selbstverständlich und zwangsläufig. Eine seiner ersten Aktionen war es, sich freiwillig als ‚Undercover-Partisan‘ für die faschistische Miliz der neuen sozialen Republik Italien, die Mussolini mit Duldung und Unterstützung der Deutschen nach dem Waffenstillstand des Königreiches in Norditalien gegründet hatte, zu melden. Dort sollte er junge, frische Milizionäre, die oft zum Dienst in der faschistischen Miliz gezwungen wurden, ermutigen samt Waffen zu desertieren, was auch nicht wenige taten. Danach war er noch an verschiedenen bewaffneten Aktionen und Sabotageakten beteiligt und kämpfte in der letzten großen Schlacht zur Verteidigung des Wasserkraftwerkes von Ligonchio, das die Deutschen zerstören wollten.

Nach dem Krieg trat Willi in die kommunistische Partei ein und wurde u.a. Bürgermeister von Ligonchio. Er hat den Wiederaufbau des Landes unterstützt, denn die „Errungenschaften der Neuzeit sind nicht selbstverständlich und Gott gegeben.“ Er hat seine Erinnerungen mittlerweile in einem Buch niedergeschrieben, welches auch auf deutsch erhältlich ist, „weil irgendwann niemand mehr da ist, der weiß, wie es war.“

So reihen sich Treffen und Gespräche mit Zeitzeug*innnen des Widerstandes wie Perlen auf einer Kette aneinander. Verbunden sind sie mit Wanderungen von 2 – 5 Stunden durch den Reggianer Apennin südlich der Po-Ebene, getreu dem Motto ‚Geschichte muss zu Fuß erlebt werden‘. Wir sind unterwegs auf den Sentieri Partigiani, den Partisan*innenwegen, anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung Italiens vom Faschismus. Wir, das ist eine Gruppe von ca. 70 Menschen aus Deutschland, die einer Einladung des Institutes Istoreco Reggio Emilia gefolgt sind. Darunter eine Gruppe von 12 Personen, denen die Rosa-Luxemburg-Stfitung Thüringen die Teilnahme ermöglicht hat. Das Istoreco organisiert seit inzwischen 23 Jahren diese Wanderungen entlang der Orte des Widerstandes in der Provinz Reggio Emilia. Normalerweise findet die Wanderung im Herbst statt, wurde in diesem Jahr auf Grund des Jahrestages auch im April durchgeführt und mit Aspekten der italienischen Erinnerungskultur verknüpft.

Die Wege durch die Berge sind teilweise steil und beschwerlich, es ist bereits frühlingswarm und einige der Teilnehmenden stöhnen unter Schweiß und schmerzenden Beinen. Entschädigend ist die tolle Aussicht von einem Bergkamm, von dem auf der einen Seite Reggio und Parma zu sehen sind und auf der anderen Seite Busana. Getrübt wird die Aussicht und die Schmerzen etwas anders peinlich, als der Alpin-Guide erzählt, dass zwischen Reggio und Busana ca. 65 km liegen und der Reisebegleiter ergänzt, dass die Stafetten diese Strecken im Krieg 2-3 mal pro Woche hin und zurück gelaufen sind. „Ohne Wanderstiefel und Funktionsunterwäsche!“ Eine Zeitzeugin, die selbst als Stafette unterwegs war, erzählte: „Die einzige Kommunikation, die die Widerstandsgruppen miteinander hatten, lief über unsere Beine“. Sie berichtet außerdem, dass sie nach solch einem Marsch oftmals hinauf in ihre Kammer getragen werden musste, so erschöpft war sie.

Im Hof einer alten vornehmen Villa treffen wir eine weitere Zeitzeugin, Giovanna Quadreri. Die Villa diente den Deutschen als Kommandozentrale und sollte von den ‚Gufu nero‘ (Schwarze Eule), einer Spezialeinheit aus Partisanen und britischen Fallschirmjägern, die mittlerweile in der Region abgesetzt worden waren, angegriffen werden. Für die erste Aktion gab es Kontakte und Unterstützung zu fünf deutschen Soldaten innerhalb der Kommandantur, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Die Aktion schlug fehl, die fünf Deutschen wurden enttarnt und als Deserteure erschossen. Am zweiten Angriff war Giovanna beteiligt. Sie bekam eine Pistole und bildet quasi die Nachhut. Ihre Aufgabe bestand darin Verletzte zu bergen oder ihnen den ‚Gnadenschuss‘ zu geben, wenn die Verletzungen zu schwer waren, damit sie nicht dem Feind in die Hände fallen konnten. Wie stark die psychische Belastung für die damals 17-jährige war, ist für uns heute wohl kaum vorstellbar. Sie ist noch heute froh, dass sie nie zu diesem Mittel greifen musste…

An der Spitze eines Zuges von vielleicht 70 – 80 Menschen geht seit mehreren Stunden ein älterer Mann mit einer italienischen Tricolore, der ihre Historie anzusehen ist. Abseits befestigter Straßen und Wege geht es auf Pfaden in Flussnähe nur im Gänsemarsch voran. Beim Durchqueren von kleineren Orten wird der Zug freudig begrüßt und wächst stetig auf ca. 100 Personen. Als der Pfad auf die Hauptstraße trifft, wartet bereits eine größere Gruppe der lokalen Sektion der Partisan*innenorganisation. Es soll zweier Kameraden gedacht werden, die noch am letzten Tag des Krieges ihr Leben verloren. Das Programm sieht eigentlich nur ein kurzes Gedenken und das Ablegen von Blumen vor. Doch ein Mann tritt ans Mikrophon mit einem Bild in der Hand, auf dem eine Partisan*inneneinheit zu sehen ist und er erzählt die Geschichte seines Großvaters. Der dem hier gefallenen MG-Schützen die Munition gereicht hat und neben ihm war, als er durch einen Schuss in den Mund starb. Mir läuft es kalt den Rücken herunter, ich kann mir die Situation in meiner Phantasie gut vorstellen und fühle die Traurigkeit, Wut und den Schmerz, wenn einer die Befreiung vor Augen noch getroffen wird. Gleichzeitig klingt in der Stimme des Mannes der Stolz über den Großvater, der sich mutig den Gefahren und Entbehrungen gestellt hat. Ein ähnlich bedrückendes Gefühl greift an der nächsten Station um sich. Dort wird an Mimma erinnert, die sich als Krankenschwester um alle gekümmert hat, den Deutschen bei Behandlungen aber noch Informationen ‚entlockte‘, die sie an die Partisan*innen weitergegeben hat. Sie hat außerdem Medikamente geschmuggelt und nichts sehnlicher erwartet als deren Ankunft in der Stadt. Wie tragisch, hinterhältig und wütend macht es da, zu hören, dass sie von einem Scharfschützen hinterrücks erschossen wurde, als sie den ankommenden Partisanen entgegenlief.

Auf dem Weg in die Stadt werden an mehreren Stationen ähnliche solcher bewegenden Geschichten erzählt. Die Gruppe sorgt so nicht nur für Verkehrsstau, sondern erregt auch Aufmerksamkeit und wird größer. Beim Einzug in die Altstadt laufen bereits knapp 200 Menschen mit. In den schmalen Gassen wird wiederholt Bella Ciao angestimmt. Und hier passiert etwas für deutsche Antifaschist*innen überraschendes, ganz im Kontrast zu den traurig stimmenden Geschichten der vorherigen Stationen: Fenster werden geöffnet, äußerlich durchschnittliche Menschen treten aus Geschäften heraus, alle stimmen ein und am Ende erklingt ein kräftig-vielstimmiges „morto per la libertá“ und treibt mir Tränen der Rührung in die Augen. Weiter ziehen wir bis zum Denkmal der Partisan*innen, welches zum Gedanken an die Opfer mit roten Nelken geschmückt wird. Am Abend gibt es noch eine feierliche Filmvorführung und ein weiterer eindrucksvoller Tag der Befreiung von Reggio Emilia (24. April), geht zu Ende.

Am folgenden Tag dann die offizielle Feierlichkeit mit Bürgermeister, Regionalfernsehen und Ehrengast (die letzte Frau von Nelson Mandela) sorgt nach den berührenden Momenten des Vortages wieder für einige Ernüchterung: Neben offiziösen Phrasen sehe ich viele Leute, die teilnahmslos und sichtlich desinteressiert ihren Besorgungen nachgehen. Lichtblick der Veranstaltung ist die Enkelin des Präsidenten der regionalen A.N.P.I. (Associazione Nazionale Partigiani D´Italia) Sektion, welche das Fortbestehen der antifaschistischen Traditionen propagierte und symbolisierte.

Als ich von der Möglichkeit, an dieser Reise teilzunehmen, erfuhr, hab ich mich gefragt, was es bringt durch die Berge zu kraxeln und alte Geschichten zu hören. Nachdem ich auf der Hinfahrt ziemlich viel über die Geschichte Italiens unter Mussolini und im Krieg gelesen hatte, wurde mir bei den Begegnungen recht schnell klar: Es ist einfach, etwas anderes jemanden zu sehen und zu hören, der oder die dabei war, als nur einen Text zu lesen oder auch ein Videointerview zu sehen. Außerdem werden an den Orten der Geschehnisse die Erzählungen und Berichte viel plastischer.

Als Fazit bleibt außerdem, dass ein Land Faschismus und Krieg nicht machtlos ausgeliefert war, sondern durchaus Widerstand möglich war. Die ‚Ausrede‘ vieler deutscher Großeltern, dass es ja keine Möglichkeit gab, wird hier ad absurdum geführt.

Ich kann daher eigentlich nur empfehlen, zu versuchen an solch einer Wanderung teilzunehmen so lange noch Zeitzeug*innen leben, auch weil Organisation und Betreuung durch die Veranstalter sehr gut ist.


Infos:
istoreco.re.it
partigiani.de
sentieripartigiani.it/de
resistance-archive.org

Literatur:
Notari, Giacomo: Ihr Partisanen, nehmt mich mit euch!
Staron, Joachim: Fosse Adreatine und Marzabotto: Deutsche Kriegsverbrechen und Resistenza.
Weber, Jürgen: Eimal Partisan – immer Partisan.
Woller, Hans: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert.