Kategorie-Archiv: Bericht

„Heimat ist bloß da wo man sich aufhängt“ – Franz Dobler

Am 2.Oktober 2019 veranstalteten die Falken Erfurt und das Biko einen „Kritik der Heimat-Abend“ mit Thomas Ebermann und Thorsten Mense in Erfurt, von dem das Orgateam einige Impressionen zusammengetragen hat.

Heimatwerbung aus Thüringen

Stimmen aus dem Antiheimatabend

„Dass Heimat der Kampfbegriff der Nazis ist, ist den anderen peinlich: Sie wollen ihre Heimat retten, vorm angeblichen Missbrauch schützen, aus dem braunen Sumpf ziehen.“

Thorsten Mense im Vorwort zu Thomas Ebermanns Buch: Linke Heimatliebe – Eine Entwurzelung.

„Heimat ist die falsche Antwort auf die falschen Verhältnisse. Dabei ist die Entfremdung, der Kontrollverlust und die soziale Deintegration, aus dem sich dieses Bedürfnis speist, eine reale Erfahrung. Wer sich aber in die Heimat flüchtet, will die Welt nicht ändern, sondern die Menschen mit den Verhältnissen versöhnen.“

Thorsten Mense

„Bei der Heimatdebatte geht es nicht darum, wie ‚Wir‘ zusammenleben wollen, sondern wer hier leben darf und welchen Sítten und Ritualen er oder sie sich dafür unterwerfen muss. Diese sind nicht verhandelbar, sondern Teil der Heimat, angeblich verwurzelt im Boden, auf dem man sich bewegt: ‚Weil es schon immer so war‘. Jedem Wunsch nach Veränderung, jedem Willen zur Emanzipation, ja schon der kritischen Refelxion an sich wird hiermit eine Absage erteilt. Heimat ist im Kern eine völkische Idee, denn sie verwechselt Menschen mit Bäumen und spricht ihnen einen natürlichen und angestammten Platz in der Welt zu. Aber wer Menschen verwurzelt, entmündigt sie und ordnet sie der Natur und dem Kollektiv unter, macht sie zu SklavInnen der Gerüche und Geschmäcker ihrer Kindheit.“

Thorsten Mense

„Für Heimat gilt eigentlich nur eine Regel, ein Gesetz, ein Satz: Das macht man hier so. Ob das die Lederhose oder das Dirndl in Bayern ist, oder was anderes sonstwo, das Berliner Gequatsche oder weiß der Teufel, kann man Heimat nennen. Aber das schließt ein, wenn wir ein bisschen Sprünge machen, in den Südamerikanischen Staaten bis 1963, da gehörte zur Heimat, dass man Schwarze aufhängt. Heimat ist Lynchjustiz. Das macht man hier so. Heimat ist prinzipiell Erlaubnis zum Mord. Hier gehören welch nicht hin. Und wenn hier welche nicht hingehören, heißt das, die sollen weg.“

Klaus Theweleit auf der Konferenz „Heimatphantasien“, die im August 2018 in Haburg stattfand.

„Das Menschwerden besteht doch gerade darin, dass man nicht Teil der Gesellschaft werden will, die um einen herum ist, weil die meisten von denen mörderisch sind, oder potentiell mörderisch sind. Es kommt doch auf die Differenz an. Mensch wird man doch, indem man anders wird. Es geht um die Differenz und nicht um Heimat. Zum Teufel mit diesem Wort.“

Klaus Theweleit

Tauschst du Sex gegen Thermen-Tickets?

Das Lieblingsfreizeitthema von Beta ist Sexualität und alles was dazu gehört. Bei ihren Dates mit Männern außerhalb ihres Klüngels macht sie so allerlei verwirrende Erfahrungen. In der Lirabelle schreibt sie in loser folge aus feministischer Perspektive über ihr Erlebnisse.

Aus Langeweile sage ich ihm zu. Ich erinner‘ mich, dass der Sex vor einem Jahr nicht überragend war, etwas mechanisch. Und ich dachte mir damals, dass ich es mir so auch selbst machen kann. Aber er mag Raumschiff Enterprise und kennt sich damit aus. Großer Pluspunkt. Da hat man immer ein Gesprächsthema und ich kann ihn darüber ausfragen. Da ich zu neugierig und zu schlecht im Verzichten bin, verabrede ich mich mit ihm. Kurz vor dem Treffen schreibt er, dass es ja so warm sei und er deswegen nichts anhabe und ob mich das störe, wenn er mir nackt die Tür aufmache. Mir fällt ein, dass er mir die gleiche Frage schon letztes Jahr gestellt hat und ich damals schon überfordert war. Ich konnte noch nicht einschätzen, ob ich gleich an der Türschwelle geil bin und über ihn herfallen kann, nur weil er mir nackt die Tür aufmacht. Wie damals sende ich ein Smily zurück – ich will ja nicht prüde wirken – und antworte, wie damals auch schon, dass er sich lieber was anziehen soll.
Ich klingle, er ist angezogen und lässt mich ohne jegliche Anzüglichkeiten in seine Wohnung. Erst groß per Nachricht ankündigen und dann null Annäherungen? Poser! Die Möbel seiner Exfreundin machen die Wohnung viel gemütlicher als vorher. Wir trinken ein Bier und quatschen wirklich nett. Sein Job ist ganz anders als meiner. Die Fahrtkostenabrechnungen laufen anders ab. Er arbeitet in einem „Eigentümer geführten Betrieb“. Das sei immer gut. Ich nehme die Vokabel in meinen Wortschatz auf. Spannend. Wir schauen eine Folge TNG, Staffel 5. Die Folge, bei der die ganze Besatzung ihre Erinnerungen und ihre Persönlichkeit vergisst und Worf peinlicherweise davon ausgeht, er sei der Captain, weil er besonders hoch dekoriert sei (ihr erinnert euch an seine metallene Schärpe). Picard bleibt gechillt. Als klar wird, dass Picard der Captain ist, kommandiert er, ein Schiff mit einer 53-köpfigen Besatzung ohne vorherige Kontaktaufnahme abzuschießen. Das ist ein herber Schlag. Unerwartet. Die Folge ist großartig. Ich bin begeistert. Ich erkläre meinem Date die Zusammenhänge zu anderen Folgen. Anscheinend weiß ich doch mehr über TNG als er.
Zurück zum Thema. Nach der Folge quatschen wir noch ein bisschen. Er erzählt, dass er letztes Jahr 15 Tickets zum Sonderpreis für eine FKK-Thermenlandschaft gekauft hat und fragt, ob ich da mal mitkommen möchte. Da er nicht mehr mit seiner Freundin zusammen ist, weiß er nicht, mit wem er sonst gehen soll. Ich stehe total auf Thermen und Saunieren und bin nicht abgeneigt. Er mache unglaublich gern FKK und läuft gern nackt in seiner Wohnung rum. Plötzlich verstehe ich, dass die zwei Anfragen, ob er mir nackt die Tür öffnen darf, tatsächlich gar nicht anzüglich gemeint waren. Er lacht über meine Erkenntnis. Er sagt, dass er ganz schön durch und müde ist. Ich frage: „Soll ich lieber nach Hause gehen?“, „Nein nein wir können ja ins Bett gehen“. Ich habe weder Zahnbürste noch Schlafzeug mit und lege mich einfach nur mit meinem T-Shirt ins Bett. Wir haben Sex. Ich mache es mir wie immer selbst. Es ist ganz ok. Ich würde gern wissen, wie er den Sex fand.

Zwei Tage später habe ich total Lust auf Entspannung in einer FKK-Thermenlandschaft. Ich überlege hin und her, ob es doof ist, ihn zu fragen, ob wir da hin fahren wollen, ohne zu wissen, ob ich weiter mit ihm Sex haben möchte. Muss ich für das Ticket mit Sex bezahlen? Und wenn ich keine Lust auf Sex habe, wecke ich dann falsche Erwartungen und bin total fies? Da ich neugierig, schlecht im Verzichten und gut im Nein-Sagen bin, wenn ich keine Lust auf Sex habe, schreibe ich ihm. Ist gebongt. Er schreibt, dass er mich mit seinem Auto abholen wird. Am nächsten Tag stehe ich vor meinem Haus und halte Ausschau nach einem großen grauen gepflegten VW-Kombi – so stelle ich mit sein Auto vor – und übersehe ihn fast, also er mit einer rostigen Karre einer unbekannten Marke vorfährt. Das Auto ist auch von innen dreckig. Pluspunkt für ihn.
Der Tag in der Therme verläuft wunderbar und ohne jegliche Anzüglichkeiten. Ich hatte da keine Lust drauf und er anscheinend auch null. Wir haben uns angeregt über Politik und unsere Hobbys unterhalten und uns dabei in den Solebecken entspannt. Es war schön beieinander zu sein. So als würde eine Freundschaft beginnen.
Am Ende des Tages war ich stolz auf mich, dass ich nach der „Nackt-die-Tür-öffnen“-Nachricht nicht ausgestiegen bin und meinem Urvertrauen folgend trotzdem mit ihm in die Therme gefahren bin. Es zeigt sich doch immer wieder, dass es gut ist, offen zu bleiben und Situationen nicht vorzuverurteilen. Er wollte weder auf der Türschwelle Sex haben, noch mich mit Thermen-Tickets in eine sexuelle Abhängigkeit bringen. Ich hab Lust mich mit ihm anzufreunden. Ohne Sex.

Asoziale: Aus der Gesellschaft ausgestoßen und von Nazis mit dem Leben bedroht

Am 18. Oktober 2019 fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe zu Ideologien der Menschenfeindlichkeit im AK40 in Suhl ein Vortrag zum Thema „Asozialität – Geschichte und Aktualität eines Stigmas“ statt. Die Gefahr, die von einer solchen Stigmatisierung ausgeht, machte in Suhl vor allem der Nazimord an Klaus Peter Kühn im Jahr 2012 deutlich. Lula und Antifa Suhl/ Zella-Mehlis in einer Nachbetrachtung.

Am Abend des 16. Juni 2012 bedrängten drei Neonazis den damals 59-jährigen Arbeitslosen Klaus Peter Kühn vor der Tür seiner Plattenbauwohnung im Suhler Norden. Er solle ihnen Geld geben, damit sie sich davon Schnaps kaufen können. Kühn gab den drei 17 bis 23-jährigen zwei Euro, sagte, mehr habe er nicht. Unzufrieden mit der Ausbeute kehrten sie wenige Stunden später zu dessen Wohnung zurück und verschafften sich gewaltsam Zutritt zu dieser. Dort schlugen sie mit Fäusten, Füßen, einer Tischplatte, einem Stuhl und Fernseher gewaltsam auf Kühn ein. Mit weiteren 25 Euro, die die drei in der Wohnung fanden, verlassen sie das Gebäude, um Alkohol zu kaufen. Nebst Portemonnaie und Mobiltelefon nahmen sie außerdem den Schlüssel des Opfers mit, womit sie wenig später erneut in die Wohnung zurückkehrten. Sie setzten ihre Misshandlungen fort, schlugen erneut auf Kühn ein, stecken ihm eine Zigarette ins Nasenloch und urinieren auf das am Boden liegende Opfer, um herauszufinden, ob er noch lebte. Nach Stunden der Folter ließen sie Kühn hilflos und alleine in seiner Wohnung zurück, wo er am darauffolgenden Vormittag seinen Verletzungen erlag. Er wurde vier Tage später von seinem gesetzlichen Betreuer gefunden, der sich drüber sorgte, Kühn nicht erreichen zu können.

Eine Woche nach dem Mord werden die drei von der Polizei verhaftet. Sie sind bereits vorbestraft wegen Diebstählen, schwerer Körperverletzung, der Jüngste von ihnen auch wegen des Sprühens eines Hakenkreuzes. Während der Vernehmung nannten die jungen Erwachsenen Kühn einen Penner und zeigten keinerlei Empathie für ihr Opfer. Im Januar 2013 wurde ihnen vor dem Meininger Landgericht der Prozess gemacht. Dort äußerten die Angeklagten, bei der Tat gelacht zu haben und sich belustigt gefühlt zu haben. Mitleid empfänden sie „eigentlich nicht“. Das Gericht verurteilte die Angeklagten wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter besonders schwerer Erpressung zu neun bis elf Jahren Haft. Die Richterin begründete ihr Urteil u.a. damit, die Angeklagten hätten „ihr Opfer nicht mehr als Mensch wahrgenommen“, während die Staatsanwaltschaft als Motiv der Tat die Habgier der jungen Männer benannte, da diese von ihrem Opfer Geld verlangten. Den eklatanten Widerspruch dazu, dass es sich bei dem Opfer ebenso wie bei den Tätern um einen sozial Abgehangenen, Mittellose handelte, von dem man hätte wissen können, dass da nicht viel zu holen ist, sah die Staatsanwaltschaft scheinbar nicht; auch die Tatsache, dass die Täter auch, nachdem sie das wenig vorgefundene Bargeld ausgegeben hatten, nicht von ihren Opfer abließen, sogar noch einmal wiederkehrten, um ihre Misshandlungen fortzusetzen, kann durch das Motiv der Habgier mindestens nicht hinreichend erklärt werden.

In deutscher Tradition

Der menschenunwürdige und entmenschlichte Umgang mit Menschen, die als asozial bezeichnet werden, hat eine lange Tradition in der zu Grunde liegenden Idee von Arbeit, die verwoben ist mit der Entstehung der deutschen Nation. Das Wesen des Deutschseins liegt darin, in der ehrlichen und sittlichen Arbeit Erfüllung zu finden. Wie sich die Arbeitsverhältnisse mit der Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts verändern, muss sich auch der Mensch ändern. Wer keine Leistung bringt, hat keinen Wert. Doch Arbeit dient nicht allein zum Bestreiten des eigenen Lebensunterhalts, sondern ebenso der Formung zu einer sittlichen Person. Zudem grenzt sich die deutsche Arbeit vom vermeintlich jüdisch-materialistischen Geschäftsgeist ab. Der Kulturhistoriker Wolhelm-Heinrich Riehl schrieb dazu in seinem Buch Die deutsche Arbeit: „Die sittliche Kraft der Arbeit steht den Deutschen höher als ihr Erfolg und Gewinn“.
Arbeit verrichtet man nicht nur zu individuellen Zwecken, sondern die nationale Arbeit dient als Basis eines neuen politischen und kulturellen Bewusstseins als Deutsche. Damit einhergehend gelten Arme, Kranke, Menschen mit Behinderung, Menschen, die nicht „anerkannten“ Berufen nachgehen und Menschen ohne festen Wohnsitz als abweichend, unnütz und als Gefahr für die herrschende Ordnung. Die Ursache für die Verelendung wurde in den Menschen selbst gesehen – diese galt es loszuwerden oder umzuformen. Mit „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ Mitte des 19. Jahrhunderts um Vererbung entwickelte der Staat selbst Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der „Erbgesundheit seines Volkes“. Verschärft wurde diese Strategie nach dem ersten Weltkrieg, in dem viele Schwerverletzte und Traumatisierte aus dem Krieg zurückkehrten und so vermeintlich die Volksgesundheit gefährdeten, was sich in Publikationen dieser Zeit, wie dem 1920 erschienen Buch mit dem Titel Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form verdeutlicht.

Im Nationalsozialismus wurden die Ideen zur „Säuberung“ der Bevölkerung konsequent umgesetzt. Alle Institutionen wie Fürsorgeeinrichtungen, Polizei und Justiz arbeiteten zusammen, um „Berufsverbrecher“, „sexuell Verwahrloste“ (diese Zuschreibung gab es nur für Frauen), „Ballastexistenzen“, geistig und körperlich Behinderte auszusortieren. Die Folgen für die Betroffenen im Nationalsozialismus sind bekannt – sie reichen von der Inhaftierung über Zwangssterilisation zu Ermordung. Drei zentrale Ereignisse seien hier nur schlaglichtartig beleuchtet:                                
1938, Aktion Arbeitsscheu Reich: mehr als 20 000 Menschen wurden durch die Gestapo und die Polizei in Konzentrationslager verschleppt. Es kamen zunehmend mehr „Asoziale“ mit schwarzem Winkel und „Berufsverbrecher“ mit grünem Winkel in Konzentrationslager gebracht. Dort waren sie die Häftlingsgruppen mit den schlechtesten Lebensbedingungen und ihnen wurde mit fehlender Solidarität begegnet.
1939 – 1945, Euthanasie-Aktion: Ermordung von über 200 000 Menschen, die als „lebensunwerte Ballastexistenzen“ oder „geistige Tote“ kategorisiert wurden, unter anderem behinderte Kinder, Psychiatriepatient*innen, Alte, Arme, Asoziale wurden vergiftet, erschossen, ins Gas geschickt oder dem Hungertod ausgeliefert.
1939, Aktion T4: 5000 Patient*innen aus Heil- und Pflegeanstalten und Kinder aus Privathaushalten wurden umgebracht.

Leider war jedoch mit dem Ende des Nationalsozialismus das Leid für die Überlebenden, die mit grünem oder schwarzem Winkel in den Konzentrationslagern waren, in vielen Fällen nicht beendet. Viele verblieben weiterhin jahrelang in Haft – ohne vorangegangene Verfahren oder Neuaufarbeitung ihrer Fälle oder verblieben in staatlichen Fürsorgeeinrichtungen und wurden durch die gleichen Menschen weitergegängelt, die ihnen bereits zur Zeit des NS das Leben zur Hölle machten. Einige Gesetze bestanden lange fort wie z.B. der sog. Asozialenparagraf in der DDR (Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten) und die Fürsorgerichtlinien von 1924, die erst 1962 durch das Bundessozialhilfegesetz abgelöst wurde.
Teilweise wurden die Folgen ihrer Unwertmachung im NS als Gründe für eine soziale Ächtung – bspw. wurden Frauen, die zwangssterilisiert wurden, als sozial unwert stigmatisiert.
Während sich NS-Täter auf ihre Arbeit Rentenansprüche erarbeiteten, bleibt das den Opfern, die zwangsarbeiteten, verwehrt. Sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher haben bis heute kein Anrecht auf Entschädigungszahlungen. 

Stigmatisierung und Gewalt an Asozialen

Doch nicht nur im Mangel des Anrechts auf Entschädigungszahlungen setzt sich die Stigmatisierung von sogenannten Asozialen fort. Sie ist das Resultat bürgerlicher Vergesellschaftung als Reaktion auf die eigene gesellschaftliche Überflüssigkeit. Selbst für ihre Lage verantwortlich gemacht, verdeutlichen sogenannte Asoziale die unangenehme Ahnung der eigenen Überflüssigkeit und die Folgen, die die Niederlage in der gegenseitigen Konkurrenz mit sich bringt. Die Einsicht darum soll abgewehrt werden durch den Ausstoß derer, die daran erinnern. Dabei bleibt es nicht bei der Stigmatisierung, sondern es kommt auch immer wieder zu Gewalthandlung gegen Erwerbs- und Obdachlose oder andere als asozial betrachtete Menschen. Unter den Todesopfern von Neonazis finden sich auffällig viele Menschen, die obdachlos oder erwerbslos waren. Die Statistik der Amadeu-Antonio-Stiftung zu Todesopfern rechter Gewalt seit 1990 zählt mindestens 26 Obdachlose unter den von Rechten Ermordeten. Die noch recht junge Statistik zur Gewalt gegen Obdachlose des BKA verzeichnet seit 2011 einen Anstieg von Gewalt gegen Obdachlose um mehr als das doppelte; über die Hälfte davon ging von Menschen aus, die das BKA als rechts einstuft.

Im Fall der Mörder von Kühn waren die drei Täter selber sozial Abhängte und mit dem Stigma des nutzlosen und nicht kapitalproduktiven Essers belegt. Die ums eigene Glück Geprellten schoben auf ihn ab, was sie an sich selber nicht ertragen oder dulden konnten und bekämpften es stellvertretend an ihm. Ihre Aggressionen waren dabei weder von persönlichen Motiven – etwa einer Abneigung gegen Kühn als Person – noch von individuellen Nutzen geleitet, sondern Ausdruck einer Wut, die sich ausagierte gegen jemanden, der auffiel ohne Schutz. Enthemmt schlugen sie nicht nur mit allem, was zu finden war, auf ihr Opfer ein, sondern urinierten auch auf den verletzt am Boden Liegenden. In der Erniedrigung des anderen vollzogen sie ihre eigene Aufwertung durch dessen Abwertung und in der Ausübung der Macht vermochten sie es, sich dabei gleichsam über ihre eigene gesellschaftliche Ohnmacht hinwegzutäuschen.

Habgier als Grund für die Misshandlungen und den Mord anzuführen – wie von der Staatsanwaltschaft im Prozess gegen Kühns Peiniger und Mörder – vollzieht einerseits eine falsche Rationalisierung der Gewalt. Andererseits ist Habgier als Charaktereigenschaft der Täter zu qualifizieren, worin in der Individualisierung des Grunds von den gesellschaftlichen Ursachen der Tat abgesehen wird. Gleichwohl besteht zwischen der gesellschaftlich fortbestehenden und verbreiteten Stigmatiserung und Abwertung vermeintlich Asozialer und derer Ermordung – nicht zufällig vorwiegend durch Rechte – eine Differenz. Die drei Nazimörder aus Suhl entscheiden sich für letzteres: für die Entmenschlichung, Gewalt und den Mord an einem gesellschaftlich Ausgestoßenem, statt gegen die Ursachen ihrer Ohnmacht und Überflüssigkeit anzugehen und zusammen mit anderen in Solidarität für einen Zustand ohnmächtigen Glücks einzutreten.

Ich hab ja nichts gegen Dialekte, aber …

Das Lieblingsfreizeitthema von Beta ist Sexualität und alles was dazu gehört. Bei ihren Dates mit Männern außerhalb ihres Klüngels macht sie so allerlei verwirrende Erfahrungen. In der Lirabelle schreibt sie in loser Folge aus feministischer Perspektive über ihre Erlebnisse.

Neulich war ich mal wieder am Online-Daten. Also nicht face to face, sondern mit dem Smartphone. Ich logge mich in meine Dating-App ein und scrolle die Mitglieder, die mir vorsortiert werden, durch. Diesmal werden recht viele Mann-Frau-Paare angezeigt. Doch auch einzelne Hetero-Männer. Ein Foto eines Mannes fällt auf: Er steht an einem großen Fenster und schaut raus auf ein modernes Hochhaus voller Lichter. Das Haus sieht ein bisschen aus wie das Telekom-Gebäude hinter dem Petersberg. 10 Minuten später schreibt er mich an: „Danke, dass du auf meinem Profil warst. Wie geht’s?“ Es stellt sich heraus, dass das Foto Hamburg und den Hafen zeigt. Gut, dass ich nicht gefragt habe, ob es Erfurt ist. Hamburg ist schön. Ich mag Großstädte. Eine Schublade in meinem Kopf geht auf: wie kosmopolitisch er doch ist. Das macht ihn schon mal sympathisch. Wir schicken Fotos von unseren Gesichtern hin und her. Er lächelt auf seinem, hat einen Standard-Bart und Brille. Ja wirklich sympathisch.
In der Zwischenzeit schreibt mich das Profil eines Hetero-Pärchens an. Auf ihrem Profilbild sind beide Gesichter zu sehen. Ja ganz nett. Sie kommen aus einer Thüringer Kleinstadt mit schlechtem Ruf. Das turnt mich ab, auch wenn ich es nicht wahrhaben möchte. Ein weiteres Foto der beiden ist wirklich ansprechend. Ob das am Sepia-Filter liegt oder an ihren Tattoos oder seinem coolen H&M-Bart kann mein Unterbewusstsein nicht auseinander halten. Ein emanzipatorisches Paar, das sich in der Thüringer Kleinstadt einen kleinen Kreis an alternativen Leuten aufgebaut hat, baut sich vor meinem inneren Auge auf. Schnell fragen sie, ob ich einen Freund habe. Auf ihrem Profil ist zwar angeklickt, dass sie an Frauen und Paaren interessiert sind, im Beschreibungstext erklären sie allerdings, dass sie nur Paare treffen. Ich beschreibe meine Beziehungssituation. Das Paar-Profil antwortet: „Meine Frau hatte eine OP und kann gerade nicht“. Bilder von möglichen OPs, nach denen eine Frau keinen Sex haben kann, schießen mir durch den Kopf. Irgendwas am Gebärmutterhals? Jetzt beim Schreiben fällt mir ein, dass es jede mögliche OP sein kann. Man fühlt sich danach einfach nicht nach poppen. Es ist also gerade nur er, der mit dem Paar-Profil schreibt. Super Anmach-Masche! Er schreibt, dass er jeden Tag in Erfurt auf einer Baustelle arbeitet. Oh cool, ein Bauarbeiter, kennt man ja sonst nicht, denke ich mir. „Wir können uns ja mal treffen“ schreibt er. „Wir zwei oder wir drei?“ frage ich. „Wir zwei“ antwortet er. Meine Frage, ob er sich denn auch alleine mit anderen treffen darf, bejaht er. Ich bin skeptisch, aber nehme die Antwort ernst. Seine nächsten Fragen und Antworten bestehen aus höchstens vier Wörtern, fast immer fehlt das Verb und ich muss raten, ob es Fragen oder Aussagen sind, weil er konsequent das Satzzeichen weglässt. Ich schaue nochmal nach, ob er einen ausländisch klingenden Namen hat oder irgendwie so aussieht, als würde er noch nicht seit langem Deutsch sprechen. Ne. Ich reime mir also weiter seine Aussagen zusammen. Wir überlegen, wann wir uns wo treffen können. Bis wir anfangen etwas erotisches zu schreiben. Ich mag erotisch chatten. Er fragt, ob ich allein bin. Dann fragt er, ob ich Lust habe, das Thema weiter am Telefon zu besprechen. Mein Blutdruck steigt, mega Nervosität macht sich breit, ach du scheiße. An sich eine geile Idee, aber … Um mir Zeit zu verschaffen, schreibe ich erst mal „Ui ähm“. Mit zwei, drei Halbsätzen versucht er mich zu überzeugen. Ich bin nicht abgeneigt, nehme all meinen Mut zusammen, gebe mir einen Ruck und sage zu. Da schreibt er, dass ich ehrlich sein soll. Ich antworte: „Ja, schick mir deine Nummer.“ Nun zögert er, schreibt, dass wir nur über das Thema sprechen und nicht abschweifen. Er gibt Vorschläge zu einer Situation, die wir uns vorstellen könnten: in seinem Bus, wir küssen uns. Fetzt, er hat einen Bus. Aber ein Rollenspiel würde mir noch schwerer fallen. Ich schlage vor, nur darüber zu sprechen, was wir gerade machen, wo wir uns gerade berühren und wo wir gern angefasst werden würden. Er stimmt zu und sendet immer noch nicht seine Nummer. Ich schreibe, dass wir auch einfach weiter texten können. Dann erscheint doch seine Nummer. Bevor ich es mir anders überlege, rufe ich gleich an. Er geht ran.
Tiefster sächsischer Dialekt prallt mir in mein Ohr. Als wäre er ein simpler Typ, mit einem naiven, warmherzigen, aber etwas bemitleidenswerten Charakter. Ich denke Oh Gott, schäme mich dafür und muss gleichzeitig lachen. Ich versuche das Lachen in ein freundliches Zulachen umzuwandeln. Er verfällt sofort entgegen aller unser Vorhaben in einen Smalltalk, worüber ich unendlich froh bin. Wir reden über unsere Wohnorte und unsere Erfahrungen mit der Dating-App. Ich überlege krampfhaft, wie ich aus dieser Geschichte wieder rauskomme oder ob ich nicht doch über den Klang seines Dialektes hinweg hören kann – es geht nicht. Es turnt mich total ab. Das Bild von ihm und seiner Frau und der Klang seiner Stimme passen so gar nicht zueinander. Er sächselt mir zu: „Du kommst aber nicht aus Erfurt? Klingst nicht so.“ Ich erkläre meine außer-thüringische Herkunft und lasse den Teil, dass ich studiert habe und dass man im Studium meistens den eigenen Dialekt ablegt, weg. Es reicht aus, hochnäsig zu denken, ich muss es ihm nicht auch noch auf die Nase binden. Zu seinem Dialekt fällt mir nichts passendes zu sagen ein. Weiter im Smalltalk. Er fragt „Oh. Wenn ich gegen Flüchtlinge bin, bist du dann gegen mich?“ – „Ja“ entgegne ich. Er erzählt, dass er zum Fußball bei Carl-Zeiß-Jena geht und sie da offen für Flüchtlinge und Ausländer sind. Es fällt ihm schwer Worte dafür zu finden, auch seine politische Haltung kann er nur schwer beschreiben. „Früher war ich mal rechts. Aber heute ist das nicht mehr so. Bei uns in der Kurve, da sind auch Ausländer willkommen, wir sind irgendwie links oder wie man das nennen soll“. „Das ist doch gut“, sage ich. Ich lenke das Gespräch darauf, dass ich morgen früh raus muss und nun bald schlafe und dass es doch besser wäre, sich in echt zu sehen anstatt zu telefonieren und bin dabei unglaublich nett und er tut mir unglaublich leid. Immer, wenn er spricht, komme ich mir vor wie in einer Komödie. Er sagt, dass wir uns ja bald sehen und versucht sich zu vergewissern, dass wir das auch wirklich tun. Ich sage „bestimmt“. Ich schaffe es, aufzulegen. Wir chatten noch ein bisschen und schreiben, dass wir beide nervös waren. Meine Stimme sei schön. Was soll ich darauf antworten? Er schreibt, dass er eigentlich am Telefon stöhnen wollte und fragt, ob wir es nochmal versuchen wollen. „Ne. Ich schlafe jetzt. Gute Nacht.“
Gleich danach chatte ich mit einem Motorcrosser. Ich habe schon ab und an mal mit ihm geschrieben. Er kommt aus Südthüringen, da müsste er einen fränkischen Dialekt haben, aber es bleibt beim erotischen Texten. Große Brüste. Einen großen Harten. Na das passt ja gut zusammen. Zumindest nutzt er Verben. Ich mache es mir, er sich auch und ich schlafe ein.

Tote auf Urlaub – Eine Spurensuche

Vom 12. bis 14. April 2019 veranstaltete das BiKo in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Wochenendbildungsreise nach München, um sich dort auf Spurensuche der Akteur_innen der Münchner Räterepublik zu begeben. Das Datum war nicht zufällig gewählt, denn im April 2019 jährte sich der Versuch des Aufbaus einer Räterepublik in München zum 100. Mal.

Turbulente Anreise und erster Abend in München

Bereits die Anreise gestaltet sich turbulent. Wir waren für 10Uhr am Erfurter Hauptbahnhof verabredet, um gemeinsam mit einem Bus nach München zu fahren. Nach wenigen Minuten warten in der Kälte an diesem Aprilmorgen, an dem es zur Überraschung aller Anwesenden schneit, ruft der Fahrer an: Der Bus ist eingeparkt. So fahren wir nach einem Kaffee im Wiener Feinbäcker, dessen Preise uns auf das teure München einstimmten, letztlich mit dem Zug. 6,5 Stunden Fahrt sind es mit dem Regionalverkehr der Bahn nach München. Wir kommen also gerade rechtzeitig an, um – unser Gepäck im Schlepptau – pünktlich zur ersten Veranstaltung des Abends da zu sein. In der Revolutionswerkstatt in der Sendlinger Kulturschmiede referiert Riccardo Altieri zum Thema „Die Rolle von Paul Frölich und Rosi Wolfenstein in den Räterepubliken 1919“. Die Sendlinger Kulturschmiede besteht seit 1978 als Kulturraum im Stadtteil Sendling. Sie ist eines von den sogenannten Bildungslokalen, welche Vereinen von der Stadt München zur Verfügung gestellt werden. Das Plenum R organisierte hier in seiner zweiten Revolutionswerkstatt von November 2018 bis Mai 2019 eine Veranstaltungsreihe zur bairischen Revolution und Räterepublik.
Nachdem wir, in den überschaubar großen Räumlichkeiten durch unser Gepäck für etwas Chaos sorgen und uns, wie wir später erfuhren, am eigentlich für einen gemütlichen Ausklang des Abends nach dem Vortrag gedachten Wein bedienen, beginnt Altieri mit seinen Ausführungen zur Doppelbiografie von Rosi Wolfenstein und Paul Frölich. Während Frölich an der Münchner Räterepublik beteiligt war, wirkte Wolfenstein im Ruhrgebiet. Beide waren seit 1920 liiert, also erst nach den Ereignissen in München. Dennoch seien – so die These Altieris – auch vorher bereits Parallelen in deren Biografien zu finden. So waren beide bereits vor bzw. zu Beginn des Ersten Weltkrieges überzeugte Kriegsgegner. Wolfenstein sprach sich gegen die Burgfriedenpolitik aus und verurteilte die Zustimmung zu den Kriegskrediten durch die SPD, deren Mitglied sie bis zur Gründung der USPD war. Frölich wurde während des Krieges zweimal eingezogen. Das erste Mal wurde er wegen einer Verletzung als untauglich ausgemustert. Das zweite Mal wurde er 1916 eingezogen. Nachdem er sich antimilitaristisch äußerte, was als Anlass diente, ihm Geisteskrankheit zu attestieren, wurde er in eine Klinik eingewiesen. Auch Wolfenstein wurde während des Ersten Weltkrieges mehrfach inhaftiert. Kennengelernt haben sich beide in der KPD, deren Gründungsmitglieder sie waren. Heute sind sie aber bekannter als Verwalterinnen des Nachlasses und Herausgeber der Werke von Rosa Luxemburg.
Der Vortrag lässt uns viel über den Werdegang Beider erfahren, wenn auch die Darstellung leider wenig Politisches beleuchten. Nach einer Diskussion ist der Gegenstand der meisten Gespräche, der noch zum Wein Gebliebenen etwas anderes. Für den nächsten Tag hatte man sich für einen Vortrag in das Hofbräuhaus eingemietet. Dort wurde vor 100 Jahren die zweite Münchner Räterepublik gegründet. Heutzutage wirbt das Hofbräuhaus damit, das berühmteste Wirtshaus der Welt zu sein. Es ist ein beliebter Austragungsort für Großveranstaltungen und bietet mit den 1300 Plätzen in seiner sogenannten Schwemme viel Raum für Biertourismus. Die Betreiber des in Stadtbesitz befindlichen Wirtshauses cancelten in der Woche, in der die Veranstaltung stattfinden sollte, die seit einem Jahr bestehende Reservierung mit der Begründung keine politischen Veranstaltungen beherbergen zu wollen. Das Plenum R ging dagegen gerichtlich vor und gewann. So würde die Veranstaltung am nächsten Tag wie geplant stattfinden. Bevor auch wir diese besuchen wollten, war für uns am Vormittag eine Stadtführung durch München mit Rudolf Stumberger geplant.

Stadtführung durch die Münchener Innenstadt

Am nächsten Tag, dem Samstag, treffen wir uns nach dem Frühstück mit Rudolf Stumberger am Sendlinger-Tor-Platz. In den folgenden Stunden begleitet er uns zu Orten der Revolution und Räterepublik 1919 durch die Münchner Innenstadt. Unser Treffpunkt ist sogleich die erste Station: Das Hotel Reichshof am Sendlinger-Tor-Platz ist der Ort an dem Kurt Eisner am Abend des 31. Januar 1918 verhaftet wurde. Wegen der Organisation eines Streiks der Münchner Munitionsarbeiter wurde er wegen versuchten Landesverrats angeklagt und blieb bis zum 14. Oktober 1918 in Haft, bevor er durch die Ausrufung der Republik in Bayern durch den Arbeiter- und Soldatenrat am 8. November für die USPD zum ersten Ministerpräsidenten des Freistaates wurde. Bei denen im Februar 1919 stattgefundenen Wahlen zum Landtag unterlag die USPD jedoch der BVP und der SPD. Am 21. Februar 1919 wurde Eisner auf dem Weg zum Landtag, in dem er seinen Rücktritt verkünden wollte, von dem Rechten Anton Graf von Arco erschossen. Neben der leicht überseh- bzw. übergehbaren Silhouette seiner Leiche auf dem Gehweg der Kardinal-Faulhaber-Straße, erinnert in München heute das Kurt–Eisner–Denkmal am Oberanger an ihn und seine Rolle bei der Gründung des Freistaates Bayern. Das Denkmal ist aus Glas und repräsentiert so ganz passend, die Unsichtbarmachung der Ereignisse um seinen Tod und die Folgemonate. Es ist gestiftet von der seit Jahrzehnten SPD-regierten Stadt München.
In der bereits benannten Sitzung des Landtages des 21. Februar 1919 fielen damals ein weiteres Mal Schüsse. Alois Lindner schoss auf den Innenminister Erhard Auer. Daraufhin trat der Landtag auseinander. Bei der darauffolgenden Sitzung am 17. März wählt der Landtag eine SPD-geführte Minderheitsregierung unter dem Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann, der vom Zentralrat und dem Revolutionären Arbeiterrat am 7. April abgesetzt wurde, als diese die Räterepublik Baiern ausriefen. Hoffmann und das Kabinett flüchten nach Bamberg. Keine Woche währte die Räterepublik um die Anarchisten Toller, Mühsam und Landauer, bis sie am 13. April beim sogenannten Palmsonntagsputsch von einer Abteilung der Hoffmanntreuen Republikanischen Schutztruppe gestürzt wurde. Die Republikanische Schutztruppe konnte letztlich von den Arbeitern und Soldaten zurückgeschlagen werden. Am selben Tag riefen die im Hofbräuhaus tagenden Betriebs- und Soldatenräte die zweite Räteprepublik unter dem Vorsitz des Kommunisten Eugen Leviné aus.
Weil wir später hierher zurück kommen wollen, halten wir uns am Hofbräuhaus nicht lange auf. Es geht weiter in die Müllerstaße. Dort befand sich damals das Luipold–Gymnasium, indem die VI. Abteilung der Roten Armee Münchens stationiert war. Am Abend des 30. April 1919, drei Tage nachdem München von Regierungstruppen und Freikorpsverbänden eingeschlossen wurde, wurden hier zehn Gefangene erschossen, von denen sieben der konterrevolutionären Thule-Gesellschaft angehörten. Die Thule-Gesellschaft war ein völkisch-antisemitischer Geheimbund, der viele spätere NSDAP-Mitglieder beherbegte. Ihr Hauptquartier hatten sie in der Maximilianstraße, dem Hotel Vier Jahreszeiten. Neben der Planung von Sabotageakten, gaben sie Informationen nach Bamberg weiter, die sie durch die Unterwanderung der Roten Armee und der Kommunistischen Partei erhielten. Dirket gegenüber vom Hotel Vier Jahreszeiten befand sich die Praxis der Ärztin Hildegard Menzi. Sie war Mitglied der KPD und Ärztin der Roten Armee. Als am 1. und 2. Mai die Regierungstruppen aus Bamberg vorrückten und die Rote Armee fiel, versteckte sie Rudolf Engelhofer, Kommandant der Roten Armee. Beide wurden von den weißen Truppen verhaftet und im Keller der Feldherrnhalle in der Residenzstraße eingesperrt. Engelhof wurde am nächsten Morgen, dem 3. April, ohne Gerichtsurteil erschossen. Die Presse berichtete, er sei auf der Flucht erschossen wurden.
In der Ludwigstraße endet unsere Führung durch die Stadt München und die Geschichte der Münchner Räterepublik. Die verbleibende Zeit bis zum Vortrag am Nachmittag im Hofbräuhaus nutzen wir, um etwas zu essen und uns die Stadt anzusehen. Zurück in die Innenstadt, durch die gut gekleidete Menschen schlendern, um sich vielleicht spontan eine der Sonnenbrillen für mehrere Hundert Euro oder ein paar Designersocken zu kaufen, zieht es uns nicht. Ohne versierte Stadtführung lässt sich den Orten heute kaum noch ihre Geschichte entlocken. Wir gehen also in Richtung Studentenviertel und landeten u.a. in einer super hippen Bar, in der wir teure Suppe essen. Neben dem englischen Garten besuchten wir außerdem das Georg-Elser Denkmal: Eine Uhr an einem Turm, die zum Zeitpunkt des Attentats auf Hitler – gegen 22Uhr – für eine Minute aufleuchtet. Unser Weg ins Hofbräuhaus führte uns ein zweites Mal durch die Drückerbergergasse, eine kleine Strasse, die es ermöglichte, nicht an der Feldherrenhalle vorbei laufen zu müssen, an der während des Nationalsozialismus stets SS-Ehrenwachen postiert waren, die von den Vorbeigehenden erwarteten, dass sie zur Ehrbekundung den Hiltergruß zeigen. In der Straße hängt zur Erklärung eine Plakette – sie soll wohl daran erinnern, dass es ihn scheinbar auch in München gab, den breiten inneren Widerstand.

Spektakel im Hofbräuhaus

Am Hofbräuhaus angekommen, überforderte uns zunächst die Suche nach den richtigen Räumlichkeiten, denn einen Hinweis auf die Veranstaltung gibt es nicht. Der erste Weg führt in die Schwemme, in der selbst für Punkkonzert-Erprobte ein unerträglicher Lautstärkepegel herrscht und vorwiegend Männer rythmisch ihre Nase in 1l-Bierkrüge versenken. Ein paar Etagen höher finden wir den richtigen Raum und nehmen einen Platz an den langen nebeneinander aufreihten Tafeln ein. Unten vor der Tür halten inzwischen zwei mit Plakaten von der KPD – Aufbauorganisation behangene Transporter, um die herum Flyer an die umstehenden Betrunkene verteilt werden, die zu einer Zigarette oder für frische Luft die Schwemme des Hauses verlassen haben. Eine völlig absurde Situation. Auch oben werden fleißig Flyer und Broschüren verteilt. Zu dem Vortrag kamen mehrere Hundert Leute – diese Öffentlichkeit will genutzt werden. Das Gewusel im Raum, das u.a. entsteht, weil es noch mehr Stühle für die zahlreichen Zuhörerinnen bedarf, lässt erahnen, dass sich der Beginn verzögert. Wer sich mit der Lektüre der DKP–Broschüren nicht die Zeit vertreiben und Laune vermiesen lassen will, kann sich ein Maß Bier für fast 10 Euro bei den völlig überlasteten Kellnern bestellen. Als es so scheint, als solle es endlich los gehen, werden noch Grußworte gehalten. Mit über einer Stunde Verspätung beginnt der Historiker und Vorstand der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal Hermann Kopp mit seinem Vortrag unter dem Titel „100 Jahre Versammlung der Betriebs-und Soldatenräte“. Angekündigt war, dass er dabei vor Allem die Rolle der KPD in der Münchner Rärerepublik beleuchten würde. Tatsächlich hat er eher den historischen Verlauf dieser nachgezeichnet. Nach der Stadtführung mit Stumberger ist für uns nicht viel neues dabei. Aber darum geht es wohl auch nicht. Die gesamte Veranstaltung ist ein einziges Spektakel. Außerdem ist es warm und stickig in dem überfüllten Raum, das Bier teuer, die Aufmerksamkeit der Kellnerin sowieso nur schwer auf sich zu lenken. Spätestens als Kopp nach einem Zwischenruf darauf aufmerksam gemacht wird, dass es auch Frauen in der Partei gab, es daraufhin mit dummen Kommentaren zu rechtfertigen versucht, warum er nicht glaubt, dass diese eine wesentliche Rolle spielten und einfach nicht aufhörte, immer wieder darauf zurück zu kommen, wird es unangenehm. Ein Genosse schlägt irgendwann vor, einfach zu klatschen, um dem Ganzen ein Ende zu setzen. Der Vorschlag hat sich nicht durchgesetzt. Um so erleichterter sind einige von uns, als der Vortrag vorbei ist und nutzten die kurze Pause vor der Diskussion als Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen, während andere von uns noch bleiben.

„Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub“ (Eugen Leviné)

An unserem letzten Vormittag in München treffen wir Cornelia Naumann am Neuen Israelitischen Friedhof. Dort besuchten wir das Grab von Eisner, dessen Urne 1933 neben die von Gustav Landauer umgebettet wurde. Landauer wurde nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik am 2. Mai von Freikorps ermordet. Auf dem Friedhof befindet sich außerdem das Grab von Leviné, der Anfang Mai untertauchte, am 13. Mai verhaftet und Anfang Juni 1919 vor Gericht gestellt wurde. Seiner berühmten Verteidungsrede entstammt der oben zitierte Satz. Er wurde wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und am 3. Juni im Gefängnis Stadelheim erschossen.
Naumann zeigte uns auch das Grab von Sonja Lerch, die die kulturhistorische Frauenforscherin in ihrem Roman „Der Abend kommt so schnell“ im Untertitel als die vergessene Revolutionärin bezeichnet. Sarah Sonja Lerch, geborene Rabinowitz, war eine russische Jüdin, die in Deutschland studierte, 1905 nach Rußland zurückkehrte, sich 1912 der Politik abwandte, bevor sie 1918 an der Seite Eisners wieder auftauchte. Dort agitierte sie für den Generalstreik zur Beendigung des Krieges, wurde daraufhin wegen Landesverrats verhaftet und wenige Wochen später im Gefängnis Stadelheim erhängt aufgefunden. Während Hermann Kopp es mit kruden Argumenten sicher zu rechtfertigen wüsste, dass sie der Geschichtsschreibung unbekannt und wenig über sie überliefert ist, hat Naumann dem entgegen gewirkt. Unter anderem mit dem von ihr veröffentlichten Sachbuch „Steckbriefe“, in welchem bisher unbekannte Akteurinnen und Akteuren der Münchner Räterepublik – unter ihnen Lerch – beleuchtet werden. Derzeit ist Naumann mit der Wiederherrichtung des Grabs von Lerch befasst, das die Restaurierung des umgefallenen und zerbrochenen Grabsteins beinhaltet.
Am Neuen Israelistischen Friedhof endet unserer Wochenende in München und wir treten die 6,5 stündige Rückfahrt an.

„Der 8. März war erst der Anfang.“

Im folgenden Text berichtet Anne Kaffeekanne von der Podiumsdiskussion „Warum Frauen*Streik?“, die am 1.3.19 in Erfurt stattfand. Organisiert wurde diese im Rahmen der diesjährigen Frauen*Kampftage von der SJD Die Falken- Erfurt. Vier Referentinnen berichteten in einem Raum der Universität Erfurt von unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven des Frauen*Streiks.

Podiumsdiskussion „Warum Frauen*Streik?“

Die Frauen*Streik-Bewegung hat ihre Wurzeln in der proletarischen Frauenbewegung. Als Frauen* während der Industrialisierung begannen, in Fabriken zu arbeiten, kristallisierten sich daraus die ersten Frauen*Streiks. Diese Entwicklung hing damit zusammen, dass Frauen* aus den Arbeitskämpfen der Männer* ausgeschlossen wurden. Ein Grund dafür war unter anderem die Angst der Männer*, dass die kämpferische Zusammenarbeit mit Frauen* die Löhne drücken würde, da Frauen* in der Fabrikarbeit weniger verdienten als Männer.
Das Thema Frauen*Streik hat seit dem diesjährigen Frauen*Kampftag wieder zunehmend als Möglichkeit der politischen Praxis an Bedeutung gewonnen. Um sich nun näher mit der aktuellen Streikbewegung auseinanderzusetzen, fand am 1. März 2019 eine Podiumsdiskussion zu verschiedenen Perspektiven auf den Frauen*Streik statt, bei der unterschiedliche Akteurinnen von feministischen Kämpfen berichtet haben. Themen waren: Der Frauen*Streik in Spanien, in Argentinien und die feministische Streikbewegung in Erfurt Anfang der 1990er. Außerdem wurde über die gewerkschaftliche Sichtweise bezüglich der rechtlichen Grundlagen und der Möglichkeiten des Streiks berichtet.

Erfahrungen der Akteurinnen im Frauen*Streik

Die erste Frage, die an die Gäste auf dem Podium gestellt wurde, thematisierte die Erfahrungen, die die verschiedenen Akteurinnen in der feministischen Streikbewegung bereits gemacht haben. Als erstes berichtete eine Aktivistin über den Streik zum Frauen*Kampftag 1994 in Erfurt. Beflügelt durch die neuen Strukturen der Nachwendezeit bildete sich 1994 ein bundesweites feministisches Bündnis. Thematischer Aufhänger war damals der §218 im Strafgesetzbuch, welcher den Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellt. Aus diesem Bündnis entwickelte sich die Idee, einen Frauen*Streik durchzuführen. Die Idee fand schnell bei vielen Frauen Anklang, sodass sich auch in Erfurt eins der lokalen Streitkomitees gründete. Unter dem Motto „Kündigung des patriarchalen Konsens“ gingen am Internationalen Frauen*Kampftag 1994 in Deutschland über 1 Millionen Frauen auf die Straße. In Erfurt waren es 100 – 150 Frauen, welche den Tag des Streikes unter dem Motto „laut, frech, wunderbar“ durchführten. Die Frauen aus Erfurt, die sich dem autonomen anarcho- feministischen Umfeld zuordneten, organisierten ein buntes Tagesprogramm, dem sich andere Frauen anschlossen. Der Tag startete um 10.00 Uhr mit einem Frauen-Frühstück auf dem Fischmarkt. Eine der wohl wirksamsten Aktionen war die Besetzung des Schmidtstädter Knotens, welche tatsächlich für einige Zeit den Verkehr stoppte. Ähnlich wie im diesjährigen Frauen*Streik wurde die thematische Aufmerksamkeit auf Frauendiskriminierung, Gewalt gegen Frauen, Rechte von Migrantinnen, vielfältige Lebensformen, Selbstbestimmung und die Aufwertung und gleichwertige Verteilung von Sorgearbeit gelegt.1
Nach den Erfahrungen des Streiks 1994 erzählte die Aktivistin aus Spanien von ihren Erlebnissen, wobei sie ihren Fokus hauptsächlich auf den Erfolg des großen Streiks im Jahr 2018 legte. In den letzten Jahren fanden in Spanien verschiedene große Streiks statt, wie beispielsweise 2014 der Care- und Konsum-Streik. Dadurch sind feste Strukturen von politischen Netzwerken vorhanden, die die Planung von Demonstrationen und Streiks erleichterten. Erste Planungen zum Frauen*Streik fanden in den genannten Netzwerken statt. Erst als die Idee auf dieser Ebene ausreifte, wurden die Gewerkschaften für die Planung mit an Bord geholt. Eine Schwierigkeit bei der Planung im Jahr 2018 war es, feministische Gruppen mit verschiedenen Ausrichtungen zusammenzubringen. Dieses Problem verringerte sich aber in der Planung für den Streik 2019, da der Frauen*Kampftag 2018 als ein großer Erfolg angesehen wurde. Die Schlagkraft, welche dem spanischen Frauen*Streik zugesprochen wird, erklärt sich die Aktivistin durch die vielen Ortsgruppen, die bei der Streikplanung beteiligt waren. Auch der Mediensupport trug ihrer Meinung nach dazu bei, dass der Streik 2018 ein solcher Erfolg werden konnte.
Auch Argentinien kann zur Planung von Massenstreiks auf eine vorhandene Vernetzung zurückgreifen, welche teilweise seit 30 Jahren besteht. Wie die Aktivistin berichtete, die zeitweise an politischer Organisation in Argentinien beteiligt war, kamen 2016 70.000 Frauen auf das Encuentro Nacional de Mujeres (dem nationalen bzw. internationalen Frauentreffen in Rosario). Beim Frauen*Streik 2017, welcher in Buenos Aires stattfand, haben fast 500.000 Frauen gemeinsam gestreikt. Die Themen unterschieden sich hierbei teilweise zu denen, die in Deutschland oder Spanien im Vordergrund standen. Der Fokus liegt in Argentinien eher auf Femiziden (also der Tötung von Frauen aufgrund ihres Frauseins) und auf der Einforderung von dem Recht auf Abtreibung. Bis auf wenige Ausnahmefälle ist Abtreibung in Argentinien aufgrund der katholischen Prägung nämlich illegal, weshalb die Abtreibungen unter prekären Bedingungen von den betroffenen Frauen selbst durchgeführt werden. Dies muss heimlich und ohne ärztliche Betreuung stattfinden. Dadurch kommt es immer wieder zu Krankheiten oder sogar zum Tod der Frauen, die abtreiben. Hinzu kommt eine Haftstrafe, die die Frauen erwartet, wenn sie abgetrieben haben. Ein Zeichen für den Kampf um das Recht auf Abtreibung sind in Argentinien die grünen Halstücher.2
Nach den Berichten aus verschiedenen Zeiten und Ländern berichtete eine Genossin, welche im Gewerkschaftskontext organisiert ist. Sie sprach dabei hauptsächlich über die rechtlichen Grundlagen des Streikbegriffes. Das Frauen*Streik-Bündnis in Deutschland bezieht sich auf verschiedene zu bestreikende Sphären – die Sphäre der Lohnarbeit, und die Sphäre der Reproduktionsarbeit (also Haus- und Sorgearbeit). Der Streik wird dabei als ein Mittel der Radikalisierung gesehen, mit dem Druck auf Politik und Gesellschaft ausgeübt werden soll. Laut der Aktivistin stellt sich nun die Frage, wie dies in Deutschland umgesetzt werden kann. Das Recht besagt nämlich, dass politische Streiks verboten sind. In der Konkretisierung des Streikbegriffes, wie er von gewerkschaftlicher Seite genutzt wird, wird deutlich, dass sich die angestrebten Ziele stets auf einen konkreten Tarifvertrag konzentrieren. Beim Frauen*Streik-Bündnis ist dies allerdings schwierig umzusetzen, da dieser aufgrund der Thematisierung von Sorgearbeit nur zu einem kleinen Teil auf den Lohnstreik ausgerichtet ist. Da der Frauen*Streik sich also nicht so einfach an die gewerkschaftliche Streikdefinition anschließt, tun sich die Gewerkschaften schwer damit, zum Frauen*Streik auszurufen. Dies gefährdet wiederum die Arbeitnehmerinnen, da diese gekündigt werden können, wenn sie ohne eine gewerkschaftliche Ausrufung streiken. Am 8.3.19 wird mit dem Streikbegriff, bis auf wenige Ausnahmefälle, eher symbolisch umgegangen.

Perspektiven auf den Frauen*Streik am 8.3.2019

Nachdem die Teilnehmerinnen* auf dem Podium über ihre eigenen Erfahrungen in der Planung vom Frauen*Streik berichtet haben, unterhielten wir uns konkret über den 8.3.19. Auf gewerkschaftlicher Ebene stellte sich die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Frauen*Streik-Bündnissen eher schwierig dar, da die Bündnisse einen gewerkschaftlichen Aufruf zum Streik verlangten. Die Themen des Streiks waren die Lohnerhöhung für Berufe, in denen eher Frauen tätig sind, die Entlastung im Reproduktionssektor und die Arbeitszeitverkürzung. Da diese Themen nicht komplett zur Definition des Streikes aus gewerkschaftlicher Perspektive passen, riefen die Gewerkschaften nicht zum Streik auf. Weiterhin wird das Streiken in den sozialen Berufen von verschiedenen Schwierigkeiten für die Arbeitenden begleitet. So liegt beispielsweise mehr Druck auf den Arbeitenden, da andere Menschen durch eine Niederlegung der Arbeit konkret leiden würden. Vor allem im Pflegebereich wären die Folgen fatal, wenn die Pflege für bedürftige Menschen einen Tag unterbrochen werden würde. Außerdem kann Sorgearbeit, im Gegensatz zur Arbeit in der Produktion, nur beschränkt rationalisiert werden. Kleine Kinder können nicht schneller erzogen werden, alte Menschen können nicht schneller versorgt werden. Das Ziel einer höheren Effizienz geht also im Bereich der Sorgearbeit nicht auf. Nun liegt der Anteil weiblicher Pflegekräfte in der Altenpflege bei 84%, in der Krankenpflege bei 80% und in der Kinderpflege bei über 90%.3 Die genannten Dilemmata betreffen also zum großen Teil die Arbeitskämpfe von Frauen. Ein weiteres Problem ist die Wirksamkeit eines Streiks im sozialen Bereich. Wenn Menschen im produzierenden Sektor streiken, so geht ein konkreter Gewinn verloren, da weniger Waren produziert wurden. Wenn Menschen im sozialen Sektor streiken, spart die Kommune, da sie weniger Erziehungspersonal auszahlen muss. Da Frauen zu einem großen Teil im Sektor der Reproduktions- und Sorgearbeit lohnarbeiten, müssen in Zukunft Mittel gefunden werden, wie dennoch wirksam streiken können. Auch über eine Erweiterung des Streikbegriffes sollte auf gewerkschaftlicher Seite diskutiert werden. Die Aktivistin aus Spanien begann ihren Beitrag zum diesjährigen Frauen*Streik mit dem Reden über den Umgang mit Differenzen in verschiedenen Feminismen. Sie führte aus, dass diese im spanischen Frauen*Streik mittlerweile eine untergeordnete Rolle spielen, da der Streik mit dem Fokus auf die ökonomische Basis organisiert wurde. Der Fokus der Themen liegt rein auf gewerkschaftlichen Themen. Dieses Phänomen hängt unter anderem damit zusammen, dass in Spanien fortgeschrittener Sozialstaatsabbau zu beobachten ist, welcher Sorgearbeiten wieder zunehmend ins Private und somit in die „Arbeitsbereich der Frauen“ schiebt. Da auch in Spanien nicht alle Frauen am Streik teilnehmen können, planten die Bündnisse verschiedene Solidaritätsaktionen für diejenigen, die aufgrund ihrer Tätigkeiten in der Lohn- oder Sorgearbeit nicht teilnehmen konnten.

Rückblick auf den Frauen*Streik 2019

Der 8. März folgte nun eine Woche, nachdem die Podiumsdiskussion in Erfurt stattfand. Gespannt wurden die verschiedenen Aktionen des Tages und deren Resonanz erwartet. Am Ende des Tages kursierte durch die Medien, dass in Deutschland insgesamt 70 000 Menschen auf der Straße waren, um für Feminismus und Frauenrechte zu kämpfen. In über 20 deutschen Städten wurden Aktionen im Namen des Frauen*Streiks durchgeführt. Auch wenn die Zahlen nicht mit denen aus Spanien zu vergleichen sind, so ist doch ein deutlicher Zuwachs an politischen Aktivitäten an diesem Tag erkennbar. In einigen wenigen Städten und Institutionen kam es am 8. März sogar zur Niederlegung der Lohnarbeit. Verschiedene Frauen und Queers kamen an diesem Tag zusammen, um ihre Rechte einzufordern und die Utopie einer anderen Gesellschaft auf die Straße zu tragen. Die politischen Aktionen waren von dem Bewusstsein geprägt, dass viele verschiedene Unterdrückungsmechanismen auf komplexe Weise zusammenhängen – und dass all diese Mechanismen aufgelöst werden sollen. Weltweit gingen an diesem Tag Millionen von Frauen demonstrieren. Wie wir diese Schlagkraft noch weiter verstärken können, wie das vorhandene Potenzial genutzt werden kann und ob eine stärkere internationale Vernetzung sinnvoll ist… Das gilt es nun herauszufinden.
Zu hoffen ist, dass Kerstin Wolter, Aktivistin des bundesweiten Frauen*Streiks, Recht behält, wenn sie in der globalen feministischen Bewegung ein Potenzial zum Umsturz der momentanen Verhältnisse sieht, und daran festhält: „Der 8. März 2019 war erst der Anfang.“4


1
https://lmy.de/0mayN

2
https://lmy.de/hzykS

3
Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt. Arbeitsmarkt im Pflegebereich. Mai 2019.

4
https://lmy.de/xTdDi

Literaturempfehlung zur Geschichte der Frauen*Streik-Bewegung:
Andrea d’Arti: Geschlecht und Klasse im Kapitalismus.

Thüringer Sozialdemokraten mit Rotkraut und Rouladen

Ein Besuch des Rassisten Thilo Sarrazin brachte die alten Freunde Sandro Witt, Gewerkschaftsfunktionär, und Suleman Malik, Ahmadiyya-Gemeindevorsteher, aneinander. Die antifaschistische Gruppe Dissens schaut sich an, was die Einladung Sarrazins durch den Ex-AfD-Mann und SPD-Genossen Oskar Helmerich für politische Einsichten zeitigt.

Innerhalb der Thüringer Zivilgesellschaft brodelt es, speziell in der Thüringer SPD. Während die Sozialdemokraten sich bei sämtlichen Umfragen und Wahlen im freien Fall befinden, zeichnete sich anhand einer Auseinandersetzung um eine Lesung mit Thilo Sarrazin am 22. Mai 2019 in Erfurt ein gutes Bild über den Zustand der Thüringer SPD und der sozialdemokratischen Zivilgesellschaft in Thüringen ab. Die Lesung, welche vor 550 Zuschauern im Erfurter Steigerwaldstadion stattfand, wurde nicht nur vom SPD Landtagsabgeordneten Oskar Helmerich organisiert, sondern es fand sich mit Suleman Malik auch einen Vertreter der Ahmadiyya Muslim Jamaat auf der anschließenden Podiumsdiskussion wieder. Dass die Veranstaltung kurz vor Europa- und Kommunalwahl stattfand, war dabei Kalkül des Organisator Helmerich.
Im Zuge dieser Auseinandersetzungen bildeten öffentliche Distanzierungen und Aufforderungen die Veranstaltung abzusagen, wie sie beispielsweise vom frisch gewählten SPD-Spitzenkandidaten für die Thüringer Landtagswahl, Wolfgang Tiefensee, kamen, dabei nur die Spitze des Eisberges. Es zog sich eine Auseinandersetzung bis einen Monat danach hin. Denn Helmerich erstattete im Juni 2019 Anzeige gegen den Vorsitzenden des DGB Thüringen, Sandro Witt. Dieser soll Helmerich auf seiner Facebook-Seite beleidigt haben und ihn, in einem Chat mit dem Vorsitzenden der Ahmadiyya Muslim Jamaat, als ‚Nazi‘ bezeichnet haben. Nur kurze Zeit später nutzte Suleman Malik die Gelegenheit aus um gegenüber der Thüringer Allgemeine seine Sicht auf die Vorgänge zu schildern.
Er spricht gegenüber der Lokalpresse von „massivem Druck“ der auf ihn ausgeübt worden sei, seinen guten Freund Oskar Helmerich öffentlich als ‚Nazi‘ zu betiteln.

Oskar Helmerich – ein konsequenter Sozialdemokrat

Es klingt nach dem ersten Lesen des Zeitungsberichtes absurd. Malik beschreibt Helmerich als seinen privaten Freund, welcher sich in der Vergangenheit immer wieder für den Neubau der Moschee in Erfurt-Marbach eingesetzt habe. Von Grußworten Helmerichs zur Jahresversammlung der Gemeinde sowie Begleitung von Gemeindemitgliedern zu Ämtern ist konkret die Rede. Im Zuge dessen fragt Helmerich die Gemeinde an, ob diese denn nicht helfen könne, für ihn mit Wahlkampfplakate aufzuhängen. Die Mitglieder der Gemeinde erklären sich bereit und Malik selbst geht mit Helmerich auf Plakatierungstour durch Erfurt. Mit dabei auch die Plakate mit der Aufschrift „Kein Bleiberecht für Gefährder“, auch wenn sich Malik von der Aussage in der Zeitung distanziert. An der Anbringung der Plakate hat er sich trotzdem beteiligt.
Als weiteres Resultat der längeren Freundschaft zwischen Helmerich und Malik kam auch der Sitz Maliks auf dem Podium der Sarrazin-Veranstaltung zustande.
Helmerich selbst handelt bewusst mit dem Ziel, mittels seiner populistischen Forderungen Wähler des AfD-Klientels anzusprechen. Saß Helmerich zunächst noch bis Mai 2015 in der AfD-Landtagsfraktion, wechselte er schließlich zur SPD über. Ein Schritt den die SPD und letztlich auch der Rest von rot-rot-grün gerne annahm, schließlich wurde durch Helmerichs Fraktionswechsel die Regierungsmehrheit im Landtag mit diesem zusätzlichen Sitz stabiler. Gegenüber der Thüringer Allgemeine berichtete Helmerich, er sehe in seiner Kampagne einen „Akt zur Rettung der SPD“. Die SPD-Spitze in Thüringen ging bei der absehbaren Provokation von Helmerich auf Distanz und forderte hier und da mal kurz einen Parteiausschluss, damit sich auch die letzten „linken Wähler“ der ehemaligen Volkspartei wieder beruhigen können.
Dabei ist Helmerich zur restlichen Thüringer Empörungssozialdemokratie, der SPD-Mann schlechthin. Mit der Forderung „Kein Bleiberecht für Gefährder“ und der Einladung von Thilo Sarrazins hält Helmerich den konsequenten SPD-Kurs den die Partei bundesweit bereits seit Jahren in Regierungsverantwortung fährt. Schließlich waren es genau diese Sozialdemokraten, welche seit den 90er Jahren jede Asylrechtsverschärfung mitgetragen haben, während der Neonazimob in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda usw. tobte. Es war genau so die Partei, die mit den Hartz-Reformen einen weiteren Schritt in Richtung Abbau des Sozialstaates machte. Die Liste an sozialdemokratischen Unzumutbarkeiten ließe sich hier über eine ganze Ausgabe dieser Zeitschrift ziehen und da braucht es nicht mal einen Blick ins letzte Jahrhundert, um an Luxemburg und Liebknecht zu erinnern. Ein Blick in die aktuelle Innen- und Außenpolitik der Sozialdemokraten reicht vollkommen aus.
Helmerich ist also auf SPD-Linie, da verwundert sein Engagement für die muslimische Gemeinde in Marbach nun auch nicht mehr. Denn wenn Helmerich so viel preisgibt, dass er öffentlich gesteht, mit seiner offensichtlich populistischen Kampagne Wählergewinn im Blick zu haben, so kann ihm genau so gut ein funktionelles Verhältnis zur Ahmadiyya unterstellt werden. Schließlich setzt sich auch die deutsche Volksweisheit „Einer meiner besten Freunde ist Ausländer, ich kann kein Rassist sein“ immer noch durch und rundet Helmerichs öffentliche Selbstdarstellung ab. Des Weiteren ist die Anbiederung, speziell an islamische Gemeinschaften ebenfalls eine konsequente SPD-Linie. Erst vor wenigen Wochen zeigte sich das im Hofieren der Islamischen Republik Iran durch SPD-Außenminister Heiko Maaß, wenn auch freilich die Ahmadiyya nur schwer mit dem islamischen Regime der Mullahs in Teheran zu vergleichen ist. Der Parteilinie bleibt Helmerich somit trotzdem treu.

Die Zivilgesellschaft ist beleidigt

Doch auch ein weiterer Sozialdemokrat hat sich konsequent gezeigt. Thüringens Vorzeige-Antifaschist, mit dem äußeren Auftreten eines 16-Jährigen Punks, versuchte laut Aussagen Maliks, weiter Druck aufzubauen um die Veranstaltung abzubrechen. Mehrmals soll Sandro Witt Helmerich als ‚Nazi‘ bezeichnet haben und, nachdem er dabei auf keine offenen Ohren seitens des Vorsitzenden der muslimischen Gemeinde stieß, ihn schließlich mit Sandro Witts persönlicher Höchststrafe belegt haben. Er entfreundete ihn bei Facebook und löschte die Bilder, wo er noch Arm in Arm mit den Muslimen der Ahmadiyya öffentlichkeitswirksam posierte. Zwar bleiben Malik nun die zum Teil peinlichen Social-Media Auftritte des Gewerkschafters erspart, dafür verwehrt ihm der bockige Irokesenschnitt den Zugang zur Sitzung des Landesprogramms für Demokratie und Toleranz, schließlich sei Malik ein Freund eines ‚Nazis‘. Dass Witt, nicht nur notorischer Besserwisser in Sachen Neonazis, sondern auch Vorsitzender der Mobilen Beratung gegen Rechts (MOBIT) in Thüringen ist, hindert ihn nicht daran Helmerich als ‚Nazi‘ zu betiteln. Es spricht eher für einen nicht vorhandenen Begriff von Faschismus bzw. Nationalsozialismus seitens Witts, als von einem erkennbaren Willen, sich dem Problemfeld anzunehmen.
Mit seiner Reaktion ist er der Taktik von Helmerich auf den Leim gegangen. Dieser bediente sich, ohne großen Aufwand zu betreiben, einer alt gedienten Strategie, welche man von Populisten und der ‚Neuen Rechten‘ nur all zu gut kennt. Die Empörung der Zivilgesellschaft war dabei Kalkül, welches dazu beitrug, der Veranstaltung und letztlich Helmerich als Person im Wahlkampf mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Letztlich somit auch den Positionen von Sarrazin, denn für diese wurde in mehreren Presseartikeln nicht nur ordentlich die Werbetrommel gerührt, auch im Bericht von der Veranstaltung waren Sarrazins Äußerungen genügend Platz eingeräumt. Der Plan von Witt, über Malik Druck auszuüben und die Veranstaltung zum Platzen zu bringen, ist kläglich gescheitert. Letztlich hat Helmerich noch das Sahnehäubchen bekommen, Witt im Nachgang anzeigen zu können und Malik hat ihm mit seiner Story in der TA weiter in die Hände gespielt. Dass sich Witt nicht nur mit seiner Äußerung, Helmerich sei ein ‚Nazi‘ lächerlich machte, sondern auch im Nachgang auf peinliche Art und Weise alles leugnete, während seine Gegenseite der Presse Screenshots von betreffenden Beleidigungen vorlegen konnte, ist eine andere Geschichte.

Die Rolle der Ahmadiyya

Die Presseartikel im Nachgang der Veranstaltung lassen vor allem ein Bild zurück: die Ahmadiyya als Spielball zwischen den Akteuren Helmerich und Witt. Doch ganz so einfach ist es dann beim genaueren Hinsehen nicht. Dieses Bild verkennt vor allem die eigene Entscheidungsfreiheit der Gemeinde und ihres Vorsitzenden. Schließlich entschied sich Malik aus freien Stücken mit Oskar Helmerich zusammen Plakate aufzuhängen, die eine konsequente Abschiebung von Gefährdern forderten. Ebenso war es seine eigene Entscheidung auf das Podium mit Sarrazin zu treten. Zu behaupten, Malik sei zu irgendetwas gedrängt worden, erscheint als eine zu verkürzte Sichtweise, denn die Ahmadiyya verfolgt hier ihre Interessen genau so.
Es ist eine bekannte Strategie der Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde. Malik selbst redet dabei offen in der Presse von seiner „theologischen Verpflichtung“ zur Auseinandersetzung, auch mit Sarrazin. Eine andere Beschreibung für diese „Verpflichtung“ ist eine Missionierung bzw. eine Verbreitung der islamischen Ideologie. Denn auf nichts anderes zielt die Gemeinde ebenso in ihrem „Djihad“, den sie mit Wort und Tat führt. Gerade hier wissen sich Malik und seine Gemeinde zu verkaufen, die Presse springt darauf an. Freilich ist zu bezweifeln, ob es gelingt einen Besucher der Sarrazin-Lesung zu missionieren oder von seinen rassistischen Positionen hin in die Arme der Ahmadiyya zu treiben. Dennoch bringt es der Gemeinde vor allem genug Platz in der Presse und den nötigen politischen Prestige-Gewinn. Die Konsequenz aus einer solchen Strategie ist nicht nur ein breiterer Medienrummel für Sarrazin und Helmerich und die damit einhergehende öffentliche Akzeptanz gegenüber solcher Veranstaltungen, sondern wirkt auf die selbe Weise für die Ahmadiyya.
Die Ahmadiyya hat auf diese Art und Weise eine gute Möglichkeit gefunden, in einer großen Breite ihre Positionen und ihr Auftreten zur Debatte zu stellen. Die Ahmadiyya, gegründet als eine politische Bewegung, verbreitet jedoch keine politischen Ansichten oder die Vorstellung einer privaten religiösen Marotte, sondern eine Ideologie. Malik bekommt Raum, das Kopftuch der Frau in der Zeitung zu verteidigen und es als reines religiöse Symbol zu „Ehren Allahs“ zu verharmlosen, wie es der Presse zu entnehmen war. Gefolgt wurde das Ganze von einer Äußerung zu einem patriarchalen und autoritären Familienmodell, für das sich Malik ausspricht. Dass in der Gemeinde, die u. a. von Necla Kelek als „islamische Sekte“ bezeichnet wird, patriarchale Familienstrukturen vorherrschen, findet dabei keine Erwähnung in der Presse – lieber wird unkritisch und ohne nachzufragen niedergeschrieben. Gerade hier müsste eine Auseinandersetzung ansetzen, denn letztlich sind es gerade die Frauen in der Gemeinde, die hauptsächlich unter der Gängelung des Familienclans, der Beschneidung der sexuellen Selbstbestimmung und dem Ausschluss aus Teilen des gesellschaftlichen Lebens leiden. All das findet für die Ahmadiyya nicht etwa im luftleeren Raum statt, sondern findet seine „theologische Verpflichtung“ im Islam.
Hier kommen auch die zu kurz, die eine Veranstaltung mit Sarrazin verhindern wollten. Sie sahen Malik und die Gemeinde als Bündnispartner, aber das nur so lange sie für sich selbst von Nutzen waren. Das Ganze funktionierte bis zu dem Zeitpunkt, als Malik sich auf die Seite von Helmerich schlug. Eine öffentliche Anbiederung funktioniert für die sozialdemokratischen Akteure der Zivilgesellschaft eben nur so lange, wie sie der eigenen politischen Agenda gerade nutzt, wie es noch bei der öffentlich wirksamen Grundsteinlegung der Moschee Ende 2018 der Fall war.

Was bleibt nach dem Theater

Die Zivilgesellschaft hat gezeigt, dass sie sich hier von Akteuren wie Helmerich treiben lässt. Ihr Verhältnis zu Ahmadiyya war, zumindest von den hier Genannten, ein rein instrumentelles. Anhand der emotionalen Reaktionen Witts hat sich deutlich gezeigt, wie viel den Gutmenschen noch an ihrer eigenen Predigt von ‚Toleranz‘ liegt, wenn der ‚Ausländer‘ mal nicht nach der eigenen Pfeife tanzt.
Für Helmerich gab es die gewollte Aufmerksamkeit, welcher gleichzeitig dem sogenannten ‚linken Flügel‘ der SPD geschadet hat und diesen bloßstellte. Sein selbst genanntes Ziel, die SPD wieder wählbar zu machen, hat Helmerich nicht erreicht. Die SPD-Mehrheit wird sich Helmerichs offener Linie verweigern und konsequente sozialdemokratische Politik weiter unter dem Deckmantel der ‚Toleranz und Mitmenschlichkeit‘ fortsetzen. Die Erfolgschancen für Helmerich, sich durchzusetzen stehen eher schlecht, doch bleibt der Landtagswahlkampf in Thüringen abzuwarten.
Die Ahamadiyya braucht auch weiterhin keine breite kritische Auseinandersetzung zu fürchten, die über das Blöken von „Islamisierung“ oder „Freunde von Nazis“ hinausgeht. Denn sowohl der Vorwurf Witts, Helmerich sei ein Nazi, ist nicht haltbar, wie es auch nicht haltbar ist, Sarrazins Thesen als Kritik des Islams zu verkaufen. Letztlich ist es auch hier nichts weiter als die Reproduktion rassistischer Ressentiments.
Es bedarf daher einer Kritik des Islam, die rechte Projektionen auf Muslime erkennt und kritisiert und plumpen Populismus á la „Kein Bleiberecht für Gefährder“ fundiert zurückweist, genau so wie es von Nöten ist, mittels Ideologiekritik den Islam und letztlich die Ahmadiyya-Gemeinde in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung zu bringen. Es besteht die Gefahr, dass die Akzeptanz der Gemeinde öffentlich gestärkt wird, wenn diese ihre Ansichten über Frauen verharmlosend, unkommentiert präsentieren kann und ihnen für die Verbreitung ihrer Ideologie ein Podium geboten wird. Genau hier muss die emanzipatorische Antifa ansetzen, da sich hier einmal mehr gezeigt hat, dass von der Zivilgesellschaft nichts zu erwarten ist, außer Islam-Appeasement auf der einen Seite und Problemabwehr auf der anderen, wenn ihnen das Auftreten der Gemeinde widerspricht.

Hartmut Balzke – Opfer rechter Gewalt

Wenn überhaupt darüber gesprochen wurde, dann nur ungern und unter vorgehaltener Hand. Der sogenannte Triftstraßen-Mord oder Punker-Mord war lange Zeit eine nicht greifbare Erzählung. Die nun in diesem Jahr zur Erinnerung an den Mord an Hartmut Balzke stattfindende Veranstaltung von ezra (Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen) brachte Aufklärung. Doch warum bekam dieser rechte Mord keine Öffentlichkeit – nicht mal in den engen subkulturellen und linksradikalen Zusammenhängen? Es herrscht ein Schweigen, das durchbrochen werden muss. Wie das zu schaffen ist, müssen sich viele fragen lassen. Eins steht fest, wir dürfen nicht vergessen. Einer von uns wurde schwer verletzt, einer von uns ist tot. Ein Bericht von Eva.

Was geschah am 25. Januar 2003?

Hartmut Balzke besucht im Januar 2003 seinen Sohn in Erfurt. Den Abend des 25. Januar verbringen sie bei einer bekannten Punker-WG im Erfurter Norden. Dirk Q. und ein Begleiter, die der rechtsextremen Szene angehören, kennen diese mutmaßlich. Spätestens als sie bei den Punkern klingeln und angeblich „mitfeiern“ wollen, müssen sie gewusst haben, dass es sich um Angehörige einer Gruppe handelt, die sie in ihrer rechten Ideologie abwerten. Die Punker weisen die Nazis und ihre Aufforderung, sich auf der Straße prügeln zu wollen, ab. Der spätere Täter bewegt sich dann zum „Bierpub“ in der Triftstraße, einer bekannten Kneipe des rechten Hooligan-Spektrums ebenfalls in Ilversgehofen. Eine Gruppe der Punker will sowieso noch ins nahegelegene AJZ und macht sich in zeitlicher Nähe dazu auf den Weg. In der Triftstraße kommt es zu Auseinandersetzungen, in deren Folge Dirk Q. eine leichte Stichverletzung davonträgt. Er kehrt in die Kneipe ein und verlässt sie später erneut. Dann trifft er auf Hartmut und Sebastian, die beide stark alkoholisiert sind. Dennoch schlägt Dirk Q. beide unvermittelt mit voller Wucht nieder. Hartmut als auch Sebastian gehen direkt zu Boden. Der 48-Jährige Hartmut verliert daraufhin das Bewusstsein und stirbt zwei Tage darauf im Krankenhaus an den Verletzungen in Folge des Sturzes. Sebastian überlebt, nachdem noch auf ihn eingetreten wird. Doch erleidet er schwerste Verletzungen, u.a. eine Mittelgesichtstrümmerfraktur und ein Schädelhirntrauma.

Empathielos und unwillig – Rolle der Ermittlungsbehörden und der Justiz

Dirk Q. steht zu diesem Zeitpunkt mit 23 Jahren unter zweifacher Bewährung wegen einer Körperverletzung und dem Zeigen des Hitlergrußes. Untersuchungshaft – wie es in solchen Fällen üblich ist – wird nicht angeordnet. Erst ein Jahr später wird beim Landgericht Erfurt die Anklage eingereicht. Das Gericht erachtet sich, aufgrund des angeklagten geringfügigen Tatbestandes, für nicht zuständig und verweist die Klage 2006 – d.h. drei Jahre später – ans Amtsgericht. Letztlich beginnt der Prozess gegen Dirk Q. doch vorm Erfurter Landgericht im März 2008 – nun bereits fünf Jahre nach der Tat.
Für den hinterbliebenen Sohn von Hartmut und für Sebastian tritt Rechtsanwalt Sebastian Scharmer als Nebenklagevertreter auf. Er charakterisiert die Ermittlungen im Nachhinein als unwillig und empathielos. Bereits die Beweisfeststellung durch die Polizei sei fragwürdig gewesen. Beispielsweise sei erst einen Monat nach der Tat eine Hausdurchsuchung bei Dirk Q. durchgeführt worden. Entsprechende Kleidung kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gefunden werden, hatte dieser doch genug Zeit, sich entsprechend darum zu kümmern. Die Schuhe zu putzen, hatte er wohl aber vergessen, denn das Blut der Betroffenen wird daran festgestellt.
In Richtung der Tatmotivation wird von der Polizei dagegen nicht ermittelt. Dies führen Staatsanwaltschaft und Gericht fort, eine politische Dimension sei für sie nicht erkennbar gewesen, dokumentiert Scharmer. Die Zeugenaussagen von Nachbar*innen lasse jedoch Erahnen, dass es sich nicht um die bloße Reaktion eines nicht erbetenen Partygastes gehandelt haben konnte. Auch fünf Jahre nach dem Angriff ist den Nachbar*innen gegenwärtig, wie Dirk Q. den bewusstlosen Sebastian mit enormer Brutalität immer wieder gegen den Kopf tritt, „wie gegen einen Fußball“.
Das Urteil, welches im Juni 2008 – fünfeinhalb Jahre nach dem Angriff –, gesprochen wird, steht in keinem Verhältnis zur Tat. Dirk Q. wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge an Hartmut und wegen einfacher Körperverletzung an Sebastian zu zwei Jahren Bewährung und 200 Arbeitsstunden verurteilt. Zu Gunsten des Täters wird festgestellt, dass der Angriff ein „heilsamer Schock“ für ihn gewesen wäre, so der Richter in der Urteilsbegründung. Nach dem 25. Januar 2003 sei Dirk Q. nicht mehr „auffällig“ gewesen und verfüge gar durch den geleisteten Wehrdienst und eine feste Beziehung über eine günstige Sozialprognose. Die rechte Tatmotivation wird weder thematisiert, noch anerkannt. Hartmut Balzke ist nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt. Dass ein Nazi einen Menschen tötet, weil er einer aus seinen Augen minderwertigen Gruppe angehört, spielt im Verfahren keine Rolle. Vielmehr reproduzieren auch die Medien in der Berichterstattung das Bild der randständigen Punks, wie Nebenklagevertreter Scharmer auch zur Veranstaltung im Januar 2019 berichtet. Im Gegensatz zu Dirk Q. muss ein Punker, der als Zeuge aussagt, wegen einer nicht beglichenen Geldstrafe eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen, er wird während des Verfahrens inhaftiert. Dies führt zum Gesamteindruck, dass rechte Gewalt gegen Punks weniger problematisch sei. Eine öffentliche Solidarisierung mit den Betroffenen bleibt aus, so wie es auch aktuell in Saalfeld oder Eisenach zu erleben ist.

Die Widersprüchlichkeit zwischen dieser sich bahnbrechenden, ideologisch legitimierten Gewalt und der De-Thematisierung des Kontextes der Tat sowie der Milde des gesprochenen Urteils ist nur eine scheinbare. Vielmehr setzt sich in der Art und Weise der rechtsstaatlichen Bearbeitung fort, was Personen aus marginalisierten Personengruppen – wie eben Punks, aber auch Geflüchtete, … oder Menschen, die ihren jüdischen Glauben nach außen sichtbar machen – potentiell im Alltag erleben. Dies spitzt sich zu, wenn es zu Schuldvorwürfen durch die Ermittlungsbehörden und die Öffentlichkeit kommt, die das Auftreten einer Gruppe schon als Provokation bewerten und den eigentlichen Angriff damit bagatellisieren. Betroffene werden mitunter als Täter dargestellt, die damit Verantwortung für den ihnen zugefügten Schaden zugesprochen bekommen. Und wieder ist ein Grund gefunden, sich von randständigen Gruppen zu distanzieren und Solidarität zu verweigern.

Perspektive einnehmen und Position beziehen

Die Perspektive der (potentiell) Betroffenen ist die, die wir für die erinnerungspolitische Arbeit einnehmen sollten, um damit zugleich die gesellschaftliche Bedingtheit der konkreten Tat nicht außer Acht zu lassen. Unsere Erinnerung kann Kritik an der rechtsstaatlichen Realität sein, welche sich im Konkreten in der juristischen Aufarbeitung ausdrückt. Unsere Erinnerung kann Kampf gegen die De-Thematisierung und Nicht-Anerkennung rechter Gewalt sein. Unsere Erinnerung kann damit auch die Weitergabe von Erfahrungen und Wissen sein. Nur eines soll sie nicht sein: Schweigen und ein Verharren darin.
Für die Geschichte Erfurter subkultureller und linksradikaler Zusammenhänge soll das bedeuten, die Erinnerung aufzubewahren und anknüpfbar zu machen für gegenwärtige Kämpfe und Auseinandersetzungen.
Im Mai 2008 – kurz vor der Urteilsverkündung – gründete sich der Infoladen Sabotnik im Besetzten Haus. Mit einem linken Bewegungsarchiv, einer Bibliothek und dem Angebot, Termine, Ereignisse etc. bekannt zu machen und eine Plattform für Debatten anzubieten, ist er auch heute noch aktiv. Ein Infoladen ist Teil einer Infrastruktur, die von vielen genutzt werden kann – so auch die Lirabelle. Der Infoladen ist Teil des vetos, welches nach der einschneidenden Räumung ein selbstverwalteter Raum in Erfurt seit 2011 ist. Wo findet ihr das Veto und den Infoladen? Im Erfurter Norden – unweit der Triftstraße in Ilversgehofen.

Wie kann ein Gedenken an Hartmut Balzke im Januar 2020 aussehen? Redet darüber, hört auf zu schweigen.

Vorwärts immer – Rückwärts nimmer!

Vor zehn Jahren wurde das besetzte Topf & Söhne Gelände geräumt. Marvin lebte mehrere Jahre im Topf-Squat und schrieb uns seine Erinnerungen.

Sommer 2001, ich hatte gerade mal wieder mit Ach und Krach meine Versetzung an einer Staatlichen Regelschule in der Thüringer Provinz geschafft und es sollten meine letzten, großen Ferien vor den kommenden Abschlussprüfungen werden. Den halbjährigen Gang der Schande zur Zeugnisunterschrift hatte ich gemeistert – meine Eltern hatten das Mahnen schon vor einer Weile aufgegeben – und ich freute mich auf 6 Wochen freie Zeiteinteilung. Freiheit bedeutete für mich damals, mit dem Rad über die Dörfer zu fahren und dabei auf meinem Walkman Falco hoch und runter zu hören. Ich war eher ein Einzelgänger. Das örtliche Schwimmbad mied ich, dort waren nur wieder die Trottel aus der Schule und die lokalen Nazigrößen des sogenannten „Thüringer Heimatschutzes“. Beide waren mir so verhasst, wie die Lehrer*innen, die Polizei, die Eltern, eben all jene Autoritäten, die einem 15-jährigen Dorfpunk das Leben richtig madig machen konnten und dies auch taten. Zum Glück aber gab es selbst in der ländlichen Tristesse Anfang 2000 ein wenig Farbe. Ich war in einer AntiFa-Gruppe, wir stritten gerade um einen Jugendraum und hatten über die lokalen Nazistrukturen unser erstes Interview im AIB (Antifaschistisches Infoblatt). Bei Veranstaltungen und einem Konzert konnten wir auf die Unterstützung anderer Linker aus größeren Städten bauen. Diese war auch mehr als notwendig, denn regelmäßig griffen Faschisten unsere Treffen an. Wir, das waren neben mir noch drei Abiturent*innen, unter ihnen die Tochter des Bürgermeisters.
Politisch waren die Zeiten für mich auch außerhalb des Dorfes aufregend. In Göteborg hatte es am Rande eines EU-Gipfels schwere Ausschreitungen gegeben und die Bullen schossen scharf auf Demonstrant*innen. Ich graste in dieser Zeit jeden Zeitungsladen ab, um an Berichte und Photos zu kommen und wenn wir nachts mal eine Mülltonne am Marktplatz in Brand setzten, war Göteborg sogar ein wenig bei uns. Aber auch zwischen Dorf und Göteborg bewegte sich was. Durch die monatliche Post des Infoladens „Sabotnik“ und ihrer Zeitung „Spunk“ erfuhren wir, dass in Erfurt seit April 2001 ein Haus besetzt sei, es war also nur eine Frage der Zeit bis wir es uns ansehen würden. Am 01. Juli war es so weit. Ich fuhr mit F. in die große Stadt. Sie mit „Ich scheiss drauf Deutsch zu sein“ -Shirt, ich mit Sandalen, Socken, kurzer grüner Hose, schwarzen Shirt und einem umgedrehten Kreuz an einer Halskette. So brachte uns die Regionalbahn in die Landeshauptstadt. Vom Bahnhof in die Rudolstädter Straße 1 war es nicht weit. Einmal über eine große Kreuzung, vorbei an der IHK und einem Autohaus und rechts neben einer Tankstelle, da war es: das Topf Squat. Außen war an die Wand geschrieben: „Seit dem 12.04.2001 besetzt“ daneben ein großes Eisentor mit Stacheldraht drauf und Plakaten dran, ein paar Transparente hingen zerfleddert an der Fassade. Ein paar Autos parkten in der ruhigen Sackgasse. Dazwischen eine Eisentür, die offen stand. Wir gingen rein und betraten einen Betonplatz. Entgegen unserer Erwartungen trafen wir niemanden an und hatten schon ein wenig Sorge zu spät zu sein – meine Mutter war Anfang der 90er viel in Berlin und erzählte auch über die Vergänglichkeit von besetzten Häusern. Alles war bunt angemalt, über dem Hof war ein Tennisnetz gespannt, es standen Feuertonnen rum und nur ein paar Hunde verrieten uns dass die Besetzung wohl immer noch aktuell war. Durch eine große, leere Halle voller Schrott und tonnenweise Taubendreck kamen wir über eine klapprige Leiter auf das Dach. Dort wollten wir uns einen Überblick verschaffen und vor allem in Ruhe einen Joint rauchen. F. drehte gerade die Tüte als R. das Dach betrat. R. arbeitete für die „Thüringer Allgemeine“ und wollte einen Bericht über das Topf und Söhne – Gelände schreiben. (Zu der Zeit war gerade eine Klausurtagung des „Förderkreis Topf und Söhne“ beendet und man stellte die weitere Planung für das Areal vor.) Auch die Besetzer*innen sollten kurze Erwähnung finden. Nur fand R. ,wie wir auch, keine Besetzter*innen. Er fragte stattdessen uns, ob wir für ein Photo kurz stillhalten würden. F. und ich willigten ein. Ich glaube wir waren in dem Moment so fokussiert auf den kommenden Joint, dass wir uns ohne Gegenwehr selbst vom Papst persönlich hätten taufen lassen. Zumindest deute ich heute so das Photo von uns, welches am kommenden Tag in der Lokalzeitung abgedruckt war. Jetzt war ich Besetzer. Zumindest auf dem Papier.
Bis ich in eben jenes Haus einzog, vergingen noch zwei Jahre. Ich war in der Zwischenzeit so gut wie jedes Wochenende da, war es doch diese eine Welt, die ich so sehr suchte. Sie war bunt, laut, sie war all das, was mein Dorf nicht war. Dauernd veränderte sich etwas, es kamen permanent neue Leute dazu, die so klangvolle Namen wie Perle, oder Eidechsen-Lars hatten. Es gab einen Bauwagenplatz und irgendwo schraubte immer jemand an irgendwas rum. Ich war das erste Mal richtig betrunken und verliebt. 2003 zog ich ein. Mittlerweile hatte ich meinen Realschulabschluss mehr ergaunert als verdient und eine Lehre als Verfahrensmechaniker angefangen. Wenn ich morgens gegen 5 Uhr Das Haus verließ, saßen unten noch die letzten Gäste und Bewohner*innen des Wagenplatzes und prosteten mir aufmunternd zu. Die weiteren 9 Stunden verbrachte ich damit vor der Maschine darauf zu warten, dass der fertige Plasteklumpen vorne rausfiel. Oft musste ich mich vom Meister erniedrigen lassen und an den besseren Tagen träumte ich in der Berufsschule in Gotha Ost einfach vor mich hin und kiffte in jeder Pause. Ich glaube, geil war mein Leben zu dem Zeitpunkt nicht, aber ich freute mich jeden Tag darauf, wieder nach Hause zu kommen. Mein Zimmer konnte ich gefühlt schon vom Bahnhof aus sehen und meistens war auch A. oder T. zu Hause, denen ich vom Tag erzählen konnte. S., zu dem ich heute noch Kontakt habe und sehr schätze, kam meistens erst später, weil er auch arbeiten war. Da er im Besitz eines Autos war, galt er als der Wohlhabendste unter uns Gering- bis Garnichtsverdiener*innen. Er war es auch, der die Einkäufe für die WG erledigte und eine ruhige, sachliche Instanz in den vielen Debatten in dieser Zeit darstellte.
Mit S. fuhr ich auch Jahre später noch auf Demonstrationen und viele Konzerte und ihm habe ich es wohl zu verdanken, dass ich heute nicht nur schlechten Deutschrap höre. T. brachte mir bei, wie man Wanderrucksäcke voll Lebensmittel und Zigaretten aus einem nahe gelegenen Supermarkt klaute. A. schätzte ich als Zuhörerin sehr, wir gingen aber schon bald unterschiedliche politische Wege. Wenn ich mit T. nicht gerade klauen war, war er meistens damit beschäftigt, im Fernsehbauwagen rumzuhängen oder er schmiedete große Umbaupläne für die WG, von denen er keinen einzigen verwirklichte. Im Winter 2003, ich war im 2. Lehrjahr, hatte ich dann die Schnauze voll von der Arbeit. Gerade meine Volljährigkeit erreicht, befand ich dass zwei Jahre Lohnarbeit vollkommen ausreichend seien und schmiss, sehr zur Begeisterung meiner Familie, alles hin. Fortan war auch ich damit beschäftigt noch mehr zu kiffen, im Fernsehbauwagen mit dem Sofa eins zu werden, große Pläne zu schmieden und nichts zu verwirklichen. Worin ich aber sehr gut war, war verbissenen Streits anzufangen und mich als belesener darzustellen als ich war. Oft war ich in Argumentationen unterlegen, aber mit viel Polemik + Arroganz fühlte ich mich dennoch meist als Gewinner. Wenn ich heute Texte aus der Zeit lese, die ich damals geschrieben habe, dann schäme ich mich immer ein wenig. Wenn ich an einzelne Personen denke, die ich mit meinem Verhalten verletzt habe, dann habe ich das Bedürfnis mich zu entschuldigen. Für solche Erkenntnisse brauchte es allerdings Zeit. Nach einem harten, kalten Winter zog ich aus dem Besetzten Haus aus, blieb aber auch in den kommenden Jahren dem Projekt verbunden. Meine schönsten Abstürze hatte ich dort und auch in ein paar Schlägereien war ich verwickelt. Meistens mit pöbelnden Nazis vor dem Tor und meistens schwang ich mehr Worte als Fäuste. Manchmal auf mit Besucher*innen. Z.B. wenn diese ein Palituch trugen. Letzteres war mit viel Spannungen im Hausplenum verbunden und um ehrlich zu sein, ja, darauf legten wir es an. Heute erinnere ich mich lieber an die Nachtwachen in den letzten Tagen, die ich auf dem Dacheingekuschelt in alte Transparente mit meiner damaligen Freundin und viel Sternburg Bier verbrachte. Der schwierigste Tag für mich war der Tag der Räumung. Es waren jetzt 8 Jahre vergangen, ich war 24, lebte von Arbeitslosen- und Kindergeld und noch immer war vieles für mich ein Spiel. Was es bedeuten würde, einen Ort wie das Besetzte Haus zu verlieren, war mir nicht bewusst. Es gab große Demonstrationen in Erfurt, bundesweit solidarische Aktionen und selbst Bernd das Brot wurde für kurze Zeit vom Fischmarkt in Erfurt entführt. Aber jenseits der radikalen Linken waren wir alleine. Ich glaube, in den Verhandlungen mit der Stadt gingen wir nicht immer taktisch sinnvoll vor oder wir hatten schlicht keine Linie, was wir eigentlich wollten. Die Linkspartei war ein wankelmütiger Gesprächspartner. Vor allem war es in der Partei nicht klar, wie man zu alternativen Lebensformen stehen sollte. Ich erinnere mich noch gut an Debatten mit alten Parteimitgliedern, die vorwurfsvoll fragten, wie man denn „so“ nur leben kann. Die SPD tat das, was die SPD schon immer tat: Linken in den Rücken fallen. Dass man bei einem Arschloch wie Bausewein aber keinen Blumentopf wird gewinnen können, wussten wir. Es war also ziemlich hoffnungslos. Ich verbrachte die letzten Tage damit, mich auf einen anderen Gegner zu besinnen. Bei den Nachtwachen auf den Dächern des Squats hatte ich viel Freude daran, vorbeifahrende Polizeistreifen zu bewerfen, oder die Aufklärungsflüge der Cops mit dem Einsatz von Pyrotechnik zu sabotieren. Genützt hat das freilich nichts. Am Tag der Räumung war Schluss. Ein Traum war aus, ein Spiel zu Ende. Auf wenige Minuten erbitterte Gegenwehr folgten, noch ehe die Sonne richtig aufgegangen war, Verhaftung durch das SEK, viele Stunden Knast und eine nächtliche Verhandlung mit Nervenzusammenbruch vor einem Haftrichter. Am nächsten Morgen schon war „meine“ Munkebude weg. Was blieb, war ein Schutthaufen aus bunten Steinen und meine Sturmhaube, die ich heulend in den Trümmern fand. Den Schlüssel zum Eingangstor habe ich immer noch.
Heute wohne ich nicht mehr in Thüringen, nicht mehr in Deutschland. Immer wenn ich zu Besuch in der Provinz bin, fährt der Zug an dem Ort meiner Jugend vorbei Ich sehe die neuen Häuser, die Einkaufsmöglichkeiten, versuche mich zu erinnern wie es bis 2009 ausgesehen hat und noch immer kommt kurz Trauer und ein wenig Wut auf. All das schreibe ich 10 Jahre nach der Räumung. Ich sitze an meinem Mac Book, im Hintergrund läuft eine Playlist „Klassik zur Konzentration“, ich bin jetzt 33 Jahre alt. Ich habe irgendwann wieder mit der Lohnarbeit angefangen, rauche und trinke seit Jahren nicht mehr, gehe gerne wandern und pflege meine Zimmerpflanzen. Bin ich ein Spießer? Vielleicht. Vielleicht war ich das auch schon immer. 2003 fegte ich gerne im Treppenhaus des Squats, weil mich die Massen an Hundehaaren störten und heute fege ich gerne meine Mietwohnung, weil ich die Flusen nicht mag. Ich bin immer noch Links, bin immer noch Sozialist und noch immer freut es mich, wenn sich Menschen Freiräume nehmen, erstreiten, oder halt kaufen. Ich würde nicht mehr in einem solchen Projekt wohnen wollen. Neulich fragte ich S., ob er glaubt, dass es das Besetzte Haus ohne Räumung heute noch geben würde. Er meinte „ja“. Ich meinte, dass wir dann vermutlich unsere eigenen Jobs dort geschaffen hätten. Früher soziale Revolution, heute soziale Arbeit. Vielleicht doch gut so, dass es anders gekommen ist. Ich bekomme ja schon bei dem Wort „Plenum“ Stresspickel. Und trotz alledem:
Wenn man mit über 30 noch immer nicht seinen Frieden mit dem Schweinesystem gemacht haben will, dann gab es sicher einen Ort, wo man alles ausprobieren und lernen konnte. Wo man Fehler machen konnte, Pläne, Verwerfungen, Neuanfänge. Wo man stritt, wo man Bündnisse schmiedete, oder verließ und wo man am Ende trotzdem solidarisch zusammen stand. Ich möchte nicht zurück. Ich bin froh, den Wirren der Jugend entkommen zu sein. Ich würde aber auch nichts tauschen wollen. Keinen Winter mit einem Ofen, der fast das ganze Dachgeschoss in Brand gesetzt hätte, keinen Streit um USA-Fahnen in meinem Fenster, kein mieses Konzert, keine Barschicht, nichts von all dem bereue ich.
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich von Leuten höre, die damals aktiv waren und auch heute noch der radikalen Linken verbunden sind. Ich freue mich jedes Mal, wenn Menschen zeigen, dass es jenseits der grauen Stadt ein Leben gibt.
Und was seit 10 Jahren für Erfurt nichts an Gültigkeit verloren hat, sind die Forderungen nach eben diesem Ort. Den verlorenen Dorfpunks, Linken, Künstler*innen, und allen anderen, die in dieser scheiß Welt nicht das Ende der Geschichte sehen -all denen wäre es zu wünschen. Und mir wünsche ich es auch. Dann kann ich als Opa „Geschichten aus dem Krieg“ erzählen und IHR müsst zuhören, danach gibt es warmen Tee an der Bar und wir wärmen uns die Hände an der Feuertonne. Schön wäre das.

PS: Danke an S., der mich in all den Jahren als Freund begleitet hat. Danke an alle Anwält*innen, die uns immer wieder rausgehauen haben, danke an die handvoll parlamentarischer Linker, die sich auch heute noch solidarisch zeigen. Danke an euch, die ihr immer noch aktiv seid. Und zu guter Letzt, danke an den Thüringer Ermittlungsausschuss, auf dass niemand vergessen wird.

Repressionsschnipsel

Mai 2018, Eisenach: Mit der roten Fahne in der Hand…

2014 findet die letzte antifaschistische feministische Demonstration gegen das Treffen der Deutschen Burschenschaft in Eisenach statt, weil Bevölkerung und Zivilgesellschaft weiterhin bei einer ablehnenden Haltung gegenüber dem Protest bleiben. Weiterhin wird dieser kriminalisiert, eine Nachwirkung ist die Verhandlung wegen versuchter Körperverletzung. Mittels einer Fahne soll ein Antifaschist versucht haben einen Bullen zu verletzen. Die Verhandlung wird erst eingestellt und dann auf Bestreben eines einzelnen Beamtens wieder aufgenommen. Letztlich wird das Verfahren endgültig gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt.

August 2018, Erfurt: Strafe verschärft, weil menschenverachtend – Unsinn!

Zwei Antifaschisten werden nach vier Verhandlungstagen von Richterin Niethammer am Amtsgericht Erfurt wegen gefährlicher (weil gemeinschaftlich begangener) Körperverletzung verurteilt. Nach dem Mini-Aufmarsch von Die Rechte am 1. Juli 2017 in Erfurt kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Nazi Dirk Liebau. Dieser droht zuvor aus der Ferne mit Quarzhandschuhen und spielt sich auf. Vor Gericht gibt er sich als lammfrommer „Nationaler“. Seine als Zeugin geladene „Kumpeline“ folgt zweimal der Ladung nicht, sodass sie vorgeführt werden muss. Die Kosten dafür tragen die Verurteilten. Weiterhin entscheidet die Richterin, dass die Tat menschenverachtend sei und führt §46 Abs. 2 StGB an, der eigentlich bei fremdenfeindlichen und rassistischen Taten heranzuziehen ist. Wer Nazis wie Nazis behandelt, handelt nicht menschenverachtend, sondern im Sinne handfester Kritik. Beide Antifaschisten erhalten dafür auf Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafen und Geldauflagen. Spendet für die Kosten!

September/Oktober 2018, Erfurt: „Hamburger Gitter“ wird diskutiert

Der Dokumentarfilm zum Sicherheitsapparat und -politik gegen die Proteste zum G20-Gipfel in Hamburg letzten Jahres wird im Kinoklub und anlässlich des Hood-not-Kiez-Festes in der Frau Korte gezeigt. Die Vorführungen im Kinoklub sind ausverkauft. Das Interesse von verschiedenen Seiten groß. In einer Podiumsdiskussion werden Perspektiven von Aktivist*innen verhandelt. Die GdP relativiert und laviert. Trotzdem: Polizeigewalt bleibt Polizeigewalt.

3. November 2018, Eisenach: Rote Hilfe München zum PAG Bayern

Gegen das Bayerische Polizeiaufgabengesetz gehen in Bayern am 3. Oktober 40.000 Menschen auf die Straße. Das beschlossene Gesetz erweitert die Befugnisse der Bullen, schränkt verschiedene Grundrechte ein. Es geht zusammen mit einer autoritären Politik gegen Geflüchtete. Die Genoss*innen aus München haben die Proteste und Diskussionen begleitet und berichten davon zum 28. Ratschlag. Für Thüringen ist (bis zur Landtagswahl 2019) keine Verschärfung des Polizeiaufgabengesetzes geplant.