Kategorie-Archiv: Antisexismus

Kontinuität der Frauenverachtung – Zur Aktualität von Hexenverfolgungen

Bezogen auf die „Perspektiven auf Hexen und Hexentum“ aus der letzten Lirabelle, legt Paul seine Perspektive zum Thema der Hexenverfolgung dar und beschreibt warum historisch und aktuell es vor allem Frauen sind, die als Hexen verfolgt wurden und werden, wie die Imagination des Hexenbildes entstehen konnte und warum es auch heute noch relevant ist, sich damit auseinander zusetzen.

Ich war positiv überrascht, als ich in der letzten Ausgabe der Lirabelle einen Text der Rost und Motten Redaktion über ihre Perspektiven auf Hexen und Hexentum las. Sie stechen heraus im Gegensatz zu manch anderen Auseinandersetzungen mit dem Thema. Es wird beispielsweise von selbsternannte Hexen berichtet, die Tarot Karten legen oder vermeintlich geheime Rituale durchführen im Glauben, dass sich dadurch etwas ändern ließe. Im Missy Magazine schrieb Hengameh Yaghoobifarah, dass sie ernsthaft solch eine Spiritualität und Esoterik für feministisch und widerständig hält. Vergessen wird dabei einerseits, dass auch heute noch Menschen verfolgt und ermordet werden, weil ihnen Hexerei vorgeworfen wird1 und andererseits, dass die Verfolgten sich nicht selbst als Hexen, Zauberer_innen etc. sahen oder sehen, sondern sie erst durch die Verfolger_innen zu diesen gemacht wurden oder werden. Da die meisten der Verfolgten Frauen waren und sind, hatte und hat die Anklage und Ermordung als Hexen vor allem mit einer patriarchalen misogynen Gesellschaftsordnung zu.

Hexen und Natur

In der frühen Neuzeit, als die Hexenverfolgung entstand und ihren Höhepunkt erreichte, herrschte ein ambivalentes Bild der Natur vor, einerseits als ein chaotisches und gesetzloses Reich, welches der Kontrolle und Zähmung bedurfte und andererseits als nahrungsspendende Mutter. In ähnlicher Weise sah man die Frauen, auf der einen Seite als jungfräuliche Nymphe und auf der anderen Seite als böse Hexe. Die auf dem Scheiterhaufen zu verbrennende Hexe galt als Symbol für die gewalttätige Natur: Sie vernichtete die Ernte, verursachte Krankheiten, verhinderte die Zeugung oder tötete kleine Kinder bzw. Säuglinge. Die Frau, als Verkörperung der chaotischen Natur, musste genau wie die Natur selbst, unter Kontrolle gebracht werden. Frauen wurden mit der Natur identifiziert, vor allem aufgrund ihrer Sexualität. Sie wurden deshalb für Magierinnen gehalten, weil sie in Bezug auf Männer qualitativ andersartig wahrgenommen wurden und spezielle Kräfte inne hatten: geheimnisvolle sexuelle Vorgänge, die Regelblutung und Schwangerschaft. Diese Zuschreibung entstand, da die Menschen noch kein umfängliches Wissen um dem weiblichen Menstruationszyklus hatte.
Bevor sich die Hexenverfolgung Bahn brach, waren die Frauen, die für zauberkundig gehalten wurden, oder sich als Heilerin und Hebamme betätigten noch nicht negativ besetzt. Die sogenannten weisen Frauen und Hebammen nutzten schon bei den Germanen bestimmte schmerzlindernde und wehenfördernde Kräuter. Die Heilkunde lag in weiblicher Hand. Ebenso wurden Abtreibungen oder Geburtshilfen von ihnen vorgenommen. Dadurch waren sie sehr hoch angesehen. Allerdings trugen die entstehenden neuen Wissenschaften der damaligen Zeit dazu bei, dass es immer anrüchiger wurde, in Verbindung mit Natur und Magie zu stehen, gerade weil man der chaotischen Natur gegenüber stand und ihr Herr werden musste. Im Zuge der Aufklärung also, als man die Welt entzaubern und somit auch die magischen Kräfte im allgemeinen und im speziellen der Frauen bannen wollte, ging die Nutzbarmachung und Beherrschung der Natur immer auch mit der Herrschaft der Menschen über die Menschen einher.
Die Zeitperiode der Hexenverfolgung war zusätzlich geprägt durch schwere Krisen und gesellschaftliche Umbrüche. Es gab religiöse Kriege, die Reformation, der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, Hungerkatastrophen, zunehmende Geldwirtschaft, Ausbruch der Pest etc., die Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreiteten. „Panik, Wut und Angst waren der Nährboden, auf dem solch ein massenpsychologisches Phänomen wie der Hexenwahn gedeihen konnte“ (Renate Göllner) . Mit der Hexenverfolgung kamen an die Stelle von Dämonen, welche nicht greifbar waren, bestimmbare Personen bzw. Personengruppen, die man für ihr vermeintliches Handeln, also die Beeinflussung von Mensch und Natur, verantwortlich machen konnte. Die Schuld an Naturkatastrophen, Epidemien oder gesellschaftlichen Missständen wurde in den Hexen als Feindbilder personalisiert. Die Bestrafung oder auch nur die Schuldzuschreibung an diesen Frauen konnte eine entlastende Wirkung für die Verfolger_innen und Beschuldigenden mit sich bringen.

Unangepasste Frauen

Ein Grund, warum sich heute auch noch in feministischen Kreisen mit Hexen identifiziert wird, ist, dass die Frauen, die als Hexen gebrandmarkt wurden, als unangepasst und widerständig galten. Zur Zeit der Hexenverfolgungen wurde davon ausgegangen, dass die magischen Fähigkeiten die Macht der Autoritäten langsam zerstören könnte, da es den armen und einfachen Menschen ein gewisses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gab, die gesellschaftliche und natürliche Ordnung zu manipulieren oder sogar umzustürzen. Der Hexensabbat2 wurde einerseits als große sexuelle Orgie dargestellt, aber andererseits von manchen auch als eine politisch-subversive Versammlung, die darin gipfelte, dass die Teilnehmerinnen ihre begangenen Verbrechen schilderten und der Teufel sie anwies, gegen die Autoritäten aufzubegehren. Silvia Federici weist darauf hin, dass die Vorstellung des Hexensabbats, welcher nur nachts stattgefunden haben soll, „einen Verstoß gegen die kapitalistische Regulierung der Arbeitszeit darstellte“, sowie die sexuelle Orthodoxie und das Privateigentum infrage stellte, „denn die nächtliche Dunkelheit verwischte die Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern sowie zwischen ‚mein und dein‘“ (Silvia Federici). Es ist also auch ein Verstoß gegen die frühkapitalistische Arbeitsdisziplin und ein anderer Gebrauch von Zeit und Raum, welcher nicht in die Rationalisierung und Triebunterdrückung passte und deswegen als Wunschvorstellung derer, die dies für real hielten, abgelehnt werden musste.
Die großen Verfolgungswellen der Hexen fand zu einer Zeit statt, als sich der Kapitalismus als Gesellschaftsordnung langsam begann durchzusetzen. Ähnlich wie die damit einhergehende Enteignung des Landes, wurde gewissermaßen der Körper der Frau durch die Hexenjagden enteignet. Auf den Scheiterhaufen brannten nicht nur Frauen, die früher Hebammen waren, sondern genauso Frauen, die vermieden Mütter zu werden; Arme, die sich versuchten ein wenig Geld zu verdienen oder ihren Nachbarn Essen und Gegenstände klauten. Ebenso traf es Frauen, die als locker oder promiskuitiv gebrandmarkt wurden, also Prostituierte, Ehebrecherinnen und allgemein Frauen, die ihre Sexualität selbstbestimmt und außerhalb der Reproduktion ausleben wollten. Die Frau musste sich der neuen Arbeitsorganisation und den kapitalistischen Verhältnissen unterordnen. Die Hexenverfolgungen waren ein Prozess der Vernichtung und Enteignung von Natur- und Heilwissen bzw. Kenntnissen über die Sexualität, Schwangerschaftsabbruch, Geburt und Verhütung. An die Stelle der Hebammen kamen – auch mit der Herausbildung der neuen Wissenschaften – männliche Ärzte, mit einer mangelhaften Ausbildung in diesen Bereichen, zu denen Frauen dann nicht mehr zugelassen wurden.
Nicht nur das Wissen der Frauen über die Natur galt als Bedrohung des Mannes, sondern die weiblichen Eigenschaften überhaupt, vor allem für den Trieb- und Affekthaushalt des Mannes. Die Kontrolle der Triebe und Affekte war im Mittelalter nicht sonderlich stark ausgeprägt. Man trank und aß tatsächlich bis zum Umfallen und entleerte sich in aller Öffentlichkeit an jedem Ort. Mit dem aufkommenden Kapitalismus änderten sich nicht nur die Tischsitten. „Die Selbstkontrolle des Individuums ist auch Voraussetzung eines wissenschaftlich-rationalen Natur- und Gesellschaftsverständnisses überhaupt; denn dabei muß von den Objekten des Interesses Abstand genommen werden, was eine Gefühlskontrolle mit einschließt“, wie Roswitha Scholz feststellt. Ebenso erforderten Arbeitsteilung, Geldwirtschaft, Handel und die Begegnung mit Fremden ein höheres Maß an Triebkontrolle und Affektaufschub. „Es waren also bei der Hexenverfolgung offensichtlich Projektionen am Werk: die Angst vor den eigenen Trieben und Affekten äußerte sich in der Denunziation der Frau“ (ebd.). Es wurde dementsprechend der Widerspruch zwischen kapitalistischer Norm und Triebanspruch auf die Geschlechter projiziert. Der Mann stand und steht auch noch immer für Leistung, Anstrengung und Produktivität. Demgegenüber wurde und wird die Frau mit Sexualität und Lust identifiziert, was dem zweckgerichteten männlichen Charakter als verhängnisvoll sich darstellen muss. Es ist dementsprechend die Unterwerfung unter die Leistungsnormen bzw. das Leistungsprinzip, welche zu der Zeit hauptsächlich die Männer betrifft. Das führt dazu, dass das Andere, was außerhalb steht, die Frau, die sich mit ihrer vermeintlich ausschweifenden Sexualität nicht den passenden Normen und Rationalisierungen anpassen will, mit dem Lustprinzip identifiziert wird, was jedoch ausgelöscht werden soll. Dem Konformitätsdruck, der Repression der Bedürfnisse und der Sexualfeindlichkeit, denen die Individuen ausgesetzt sind, ist es geschuldet, dass sich die Aggressionen gegen die Frauen richten und dass allgemein die Imagination der Hexe entsteht.

Hexen und Sexualität

Wie oben erwähnt, wurden Frauen als Hexen einerseits aufgrund der Imagination, die Frau repräsentiere die Natur und andererseits wegen der weiblichen Sexualität verfolgt. Die Gefahr, die von der Frau bzw. der Hexe ausgehe, läge in ihrer destruktiven Sexualität begründet. Dies jedenfalls beschreibt der Hexenhammer3. Die Hexen könnten nicht nur Hass und Liebe mithilfe des Teufels erzeugen, sondern auch das männliche Genital verzaubern, sodass es „gleichsam gänzlich aus dem Leib herausgerissen ist“ (Hexenhammer). Dies wurde auf den unersättlichen „Schlund der Gebärmutter“ (ebd.) zurückgeführt. Diese Annahme bezeugt das männliche Angstsyndrom: die Kastrationsangst. Um ihre angeblich unbändige Lust zu stillen, hätten sie mit den Dämonen zu schaffen und diese würden ihnen die Kraft verleihen, die Zeugungskraft der Männer zu hemmen, genauso den Penis zu entfernen. Die Sterilität, nicht nur beim Mann, machte den Geschlechtsakt zusätzlich zu etwas verpöntem, denn dieser würde unter den Bedingungen nicht mehr dem Sinn oder göttlichen Auftrag folgen, Nachwuchs zu schaffen, sondern wäre einzig und allein daran ausgerichtet, ein Lustakt zu sein. Durch einen moralischen Vorwand der Bestrafung der Frauen bzw. Hexen, der Abweichung von den autoritären Normen und der kapitalistischen Leistungsideologie können die Hexenjäger in den Vorstellungen schwelgen, die ihnen eigentlich verboten oder verhasst sind.
Durch die schon benannte ambivalente Weiblichkeitsvorstellung als Jungfrau und Hexe herrschte gewissermaßen eine magische Verehrung aber auch Angst gegenüber den Frauen vor. Die Jungfrau Maria war die entsexualisierte Geistesfrau, das Idealbild der Reinheit, die das Kunststück der unbefleckten Empfängnis vollbrachte. Dieses konnte von der empirischen Frau selbstverständlich nicht vollbracht werden, da sie doch per Geburt die Reproduktion der Gattung sichern musste, sodass sie eigentlich nie zu einer Maria aufsteigen und sie jederzeit als eine Hexe denunziert werden konnte. So war die Hexe „die Inkarnation der leiblichen Sünde, der weiblichen Geschlechtsfunktionen […]. Der sündige Mann konnte in diesen sinnen- und lustfeindlichen Zeiten heuchlerisch seine Sexualität – die Ansprüche der ‚inneren Natur‘ – verleugnen und nach außen hin verdammen.“ (Silvia Bovenschen) Es wurden also nicht nur Aggressionswünsche auf die Frauen projiziert, sondern auch unerlaubte und unerfüllbare Sehnsüchte. Die Hexen bzw. Frauen hatten also eine Doppelfunktion für die Männer inne. Sie waren ein Symbol einerseits für entstellte Triebansprüche und andererseits für eine vermeintlich ungezügelte Lust, die sich der männliche Charakter nicht zubilligen kann, da es unter dem Diktat der frühkapitalistischen Produktionsordnung nicht erlaubt ist bzw. dazu führen könnte, sich nicht erfolgreich zu verwerten.
Warum aber sollte man sich noch heute mit der historischen Hexenverfolgung auseinandersetzen? Einerseits, weil es noch immer Hexenverfolgungen gibt. Andererseits herrscht noch immer eine geschlechtsspezifische Unterdrückung mit ähnlichen Inhalten und Motiven vor, auch wenn keine Scheiterhaufen mehr brennen. Die Regelblutung wird zwar nicht mehr als unverstandene magische Fähigkeit angesehen, allerdings noch immer tabuisiert. Frauen wird auch noch immer ihr Recht auf ihren eigenen Körper abgesprochen, einerseits durch sogenannte Lebensschützer_innen, die meinen, Abtreibung sei Mord und andererseits u.a. durch den deutschen Staat, der verhindern will, dass über Abtreibungen öffentlich informiert wird. Noch immer werden Frauen als Sexobjekte aber ohne eigenes sexuelles Begehren angesehen. Es gibt also eine gewisse Kontinuität in der Frauenverachtung, die es gilt zu durchbrechen. Und dazu braucht es das Wissen um die spezifischen und allgemeinen Bedingungen ihrer Entstehung und Fortführung bis heute.


1
Laut der Hilfe für Hexenjagdflüchtlinge wurden in den letzten 100 Jahren mehr Menschen durch Hexenjagden ermordet, als bei den historischen Hexenjagden (vgl. http://hexenjagden.de/). Die historischen Hexenverfolgungen fanden vor allem in der Frühen Neuzeit im 15. bis ins 18 Jahrhundert hinein, hauptsächlich in Europa, statt. Die Zahlen der ermordeten Frauen schwanken sehr in der Forschung. Jedoch ist davon auszugehen, dass es mehrere Zehntausende waren, die ermordet und noch eine Vielzahl, die zwar der Hexerei angeklagt, jedoch nicht getötet wurden.

2
Hexensabbat bezeichnete die Vorstellung von nächtlichen und geheimen Treffen von Hexen miteinander oder mit dem Teufel.

3
Der Hexenhammer war ein frauenfeindliches Buch, welches 1489 erstmals erschien und zur Legitimation der Hexenverfolgung diente.

Zum Weiterlesen:

  • Silvia Bovenschen: Die aktuelle Hexe und der Hexenmythos. Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung. In: Gabriele Becker, u.a. (Hrsg.): Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt a.M., 4. Auflage, 1981.
  • Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien, 2012.
  • Renate Göllner: Hexenwahn und Feminismus. Über die Dialektik feministischer Aufklärung am Beispiel von Silvia Bovenschens Kritik. In: Sans Phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, 7/2015.
  • Roswitha Scholz: Der Wert ist der Mann. Thesen zu Wertvergesellschaftung und Geschlechterverhältnis, 1992. Online abrufbar: https://bit.ly/2eUyL7g
  • „Keine Solidarität mit ‚Lebensschützer*innen‘ und Sexist*innen“

    Im April haben ehemalige Bewohner*innen des Haus- und Wohnprojekts „Insel“ in Jena einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie fordern, sich nicht mit der „Insel“ zu solidarisieren, solange einer ihrer Sprecher*innen antifeministische Positionen vertritt. Die Lirabelle sprach mit den Verfasser*innen.

    Eure Forderung an Gruppen und Einzelpersonen lautet, sich mit der Problematik kritisch auseinanderzusetzen und Position zu beziehen. Unterstützt werdet ihr dabei von einer Handvoll Thüringer Gruppen, nur eine davon kommt aus Jena. Man muss wohl feststellen, dass es in dieser Szene immer noch viel Mut erfordert, auf solche Themen hinzuweisen – vor allem weil nun ein Spannungsfeld entsteht in der Jenaer linken Szene. Danke, dass ihr nicht schweigt und uns wissen lasst, was hinter den Türen der „Insel“ los war bzw. ist. Wie kommt es dazu, dass ihr die Problematik zu diesem Zeitpunkt thematisiert?

    Eigentlich thematisieren wir diese Problematik seit zehn Jahren, natürlich nicht die ganze Zeit mit der gleichen Intensität. Aber nicht nur wir, sondern auch andere Menschen und Gruppen haben immer wieder versucht über die Vorfälle mit Menschen in Jena, aber eben auch mit der „Insel“ selbst ins Gespräch zu kommen. Wiederholt wurde die „Insel“ dazu aufgefordert Stellung zu beziehen; mit dem Ergebnis, dass nichts passiert ist. Die letzten neun Jahre ist die „Insel“ gut damit gefahren, solche Versuche einfach zu ignorieren und nichts zu machen. Aus unserer Sicht ist es nicht auszuhalten und hinzunehmen, dass ein solches Verhalten keine Konsequenzen hat.
    Dabei ist uns bewusst, dass sich die Bewohner*innenschaft auf der „Insel“ in den letzten zehn Jahren immer wieder geändert hat und es durchaus sein kann, dass dort Menschen leben bzw. gelebt haben, denen die Vorfälle nicht bekannt waren. Und dennoch fordern wir eine Auseinandersetzung der „Insel“ als Projekt ein.
    Das wir nun mit unserem Aufruf verstärkt in die Öffentlichkeit gegangen sind, mag für einige Menschen überraschend sein. Für uns ist es nur ein logischer nächster Schritt, nachdem wir mit unserem Anliegen lange ignoriert wurden. Und oft ist in der an uns gerichteten Kritik am Veröffentlichungszeitpunkt auch der Wunsch versteckt, sich nicht inhaltlich mit der Thematik beschäftigen zu müssen.
    Zudem wollen wir die Menschen unterstützen, die sich in der ganzen Zeit für unser Anliegen engagiert haben. Denn wir wissen aus eigener Erfahrung wie nervenaufreibend, frustrierend und demotivierend diese Arbeit sein kann. Wer offen über die Vorfälle in Jena geredet hat, hat sich lange Zeit keine Freund*innen gemacht. Dass unsere Unterstützer*innen aber nicht allein sind und keine Einzelmeinung vertreten, wird nun nach unserem Aufruf deutlich. Und diese Unterstützung war längst überfällig.

    Bis zur Veröffentlichung eures Aufrufes haben wohl die meisten politisch Aktiven aus Erfurt von den Zuständen in der „Insel“ wenig bis gar nichts gewusst. Viel mehr wurde über die beschlossene Räumung des Projekts gesprochen. Fehlt es an Erfahrungsweitergabe auch in feministischen Zusammenhängen in Thüringen?

    Zuerst einmal, uns geht es nicht darum, dass die „Insel“ als möglicher „Freiraum“ oder bezahlbarer Wohnraum grundsätzlich keine Solidarität erfahren sollte. Wir fordern keine generelle Entsolidarisierung und das steht auch nicht in unserem Aufruf. Vielmehr sehen wir es als hoch problematisch an, wenn die „Insel“ unter den gegebenen Umständen Solidarität erfährt. Und diese gegebenen Umstände sind, dass sich die „Insel“ seit zehn Jahren weigert, sich mit den Vorwürfen auseinander zu setzen und statt dessen den Täter zum Pressesprecher und zur zentralen Figur des „Wohnprojektes“ gemacht hat und an ihm festhält.
    Was die Erfahrungsweitergabe angeht, ist zu sagen, dass wir natürlich schon damals einen ähnlichen Aufruf wie den jetzigen hätten schreiben können. Wir haben aber in den ersten Jahren nach dem Vorfall versucht das Thema vor Ort in Jena zu bearbeiten. Die Reaktionen auf uns waren damals bis auf wenige Ausnahmen ähnlich: Die Vorfälle wurden zwar als schlimm und erschreckend angesehen, meist wurden ihnen aber die politische Dimension abgesprochen und es wurde kein Anlass gesehen, daraus eine Konsequenz für die eigene Praxis abzuleiten. Hinter dieser Stimmung konnte sich der Täter lange verstecken.
    Zum Anderen denken wir, dass es ratsam ist gerade feministische Themen mehr und vertiefter zu diskutieren und die dazugehörigen Strukturen in Thüringen zu reflektieren. Sexistische Kackscheiße passiert überall und regelmäßiger als es vielleicht einigen bewusst ist. Das selbst ein solch krasser Fall so lange unthematisiert bleiben konnte, ist erschreckend. Das ist eine Situation und eine Struktur, nicht nur in Thüringen, die aus unserer Sicht nicht hinnehmbar ist.
    Die jetzige Diskussion zeigt aber, dass es eine Erfahrungsweitergabe gibt, die funktioniert. Um jedoch dahin zu kommen, braucht es viel Kraft und Anstrengungen – gerade auch, wenn Betroffene nicht gleich von Anfang an wissen, wo sie sich hinwenden können und wo sie Unterstützung finden. Darüber hinaus wird in der aktuellen Diskussion klar, dass es mit dem damaligen Täter auch noch heute ein grundlegendes Problem gibt, dass lange unthematisiert blieb.

    Gerade sexistische und frauenfeindliche Positionen sind oftmals Anlass für Auseinandersetzungen in linken Projekten, hat sich seit eurem Auszug etwas in der Wahrnehmung und an der Bereitschaft zur Auseinandersetzung verändert?

    Ehrlich gesagt, ist das schwer bis gar nicht zu beantworten. Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung hängt leider oftmals auch stark davon ab, wie sehr mensch davon selbst betroffen ist und welche Konsequenzen für das eigene Leben erwartet werden. Zudem ist das Thema „sexistische Übergriffe“ nach wie vor ein eher unbeliebtes Thema, vom Thema „Schwangerschaftsabbruch“ gar nicht erst zu reden. Und das gerade dann, wenn es zu konkreten Vorfällen kommt. Da ist immer noch der Druck sich als Betroffene*r zu rechtfertigen, zu beweisen und zu thematisieren.
    Die jetzigen Unterstützer* innen hätten wohl schon damals die Bereitschaft gehabt, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Ihnen und den Einzelpersonen, die uns auch schon früher unterstützt haben, können wir an dieser Stelle nur danken. Andererseits ist es auch heute noch in kleineren Auseinandersetzungen mit Einzelpersonen immer wieder überraschend, wer welche Meinung vertritt, auch in der „linken Szene“. Das ist erschreckend, aber ob die Bereitschaft zur Auseinandersetzung nun mehr oder weniger geworden ist, dafür fehlt uns der Überblick.

    Was wünscht ihr euch von solidarischen Menschen speziell in Jena und darüber hinaus?

    Letztendlich liegt es jetzt an den Jenaer Gruppen und Einzelpersonen klar Stellung gegen Sexismus und Antifeminismus zu beziehen. Ein erster Schritt wäre durch eine Auseinandersetzung mit dem Täter und den Vorfällen, aber auch mit der Thematik im allgemeinen gemacht. Darüber hinaus fordern wir eine konsequente Umsetzung dieser Überlegungen in die Praxis und ein Diskussion darüber, wie mit solchen und ähnlichen Fällen zukünftig umgegangen werden kann.
    Wir sind bereit, diesen Prozess im Rahmen unserer psychischen und zeitlichen Möglichkeiten zu unterstützen und machen dies bereits auch.

    Vielen Dank für das Gespräch! Passt auf euch auf und behaltet euren Mut.

    „Der 8. März war erst der Anfang.“

    Im folgenden Text berichtet Anne Kaffeekanne von der Podiumsdiskussion „Warum Frauen*Streik?“, die am 1.3.19 in Erfurt stattfand. Organisiert wurde diese im Rahmen der diesjährigen Frauen*Kampftage von der SJD Die Falken- Erfurt. Vier Referentinnen berichteten in einem Raum der Universität Erfurt von unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven des Frauen*Streiks.

    Podiumsdiskussion „Warum Frauen*Streik?“

    Die Frauen*Streik-Bewegung hat ihre Wurzeln in der proletarischen Frauenbewegung. Als Frauen* während der Industrialisierung begannen, in Fabriken zu arbeiten, kristallisierten sich daraus die ersten Frauen*Streiks. Diese Entwicklung hing damit zusammen, dass Frauen* aus den Arbeitskämpfen der Männer* ausgeschlossen wurden. Ein Grund dafür war unter anderem die Angst der Männer*, dass die kämpferische Zusammenarbeit mit Frauen* die Löhne drücken würde, da Frauen* in der Fabrikarbeit weniger verdienten als Männer.
    Das Thema Frauen*Streik hat seit dem diesjährigen Frauen*Kampftag wieder zunehmend als Möglichkeit der politischen Praxis an Bedeutung gewonnen. Um sich nun näher mit der aktuellen Streikbewegung auseinanderzusetzen, fand am 1. März 2019 eine Podiumsdiskussion zu verschiedenen Perspektiven auf den Frauen*Streik statt, bei der unterschiedliche Akteurinnen von feministischen Kämpfen berichtet haben. Themen waren: Der Frauen*Streik in Spanien, in Argentinien und die feministische Streikbewegung in Erfurt Anfang der 1990er. Außerdem wurde über die gewerkschaftliche Sichtweise bezüglich der rechtlichen Grundlagen und der Möglichkeiten des Streiks berichtet.

    Erfahrungen der Akteurinnen im Frauen*Streik

    Die erste Frage, die an die Gäste auf dem Podium gestellt wurde, thematisierte die Erfahrungen, die die verschiedenen Akteurinnen in der feministischen Streikbewegung bereits gemacht haben. Als erstes berichtete eine Aktivistin über den Streik zum Frauen*Kampftag 1994 in Erfurt. Beflügelt durch die neuen Strukturen der Nachwendezeit bildete sich 1994 ein bundesweites feministisches Bündnis. Thematischer Aufhänger war damals der §218 im Strafgesetzbuch, welcher den Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellt. Aus diesem Bündnis entwickelte sich die Idee, einen Frauen*Streik durchzuführen. Die Idee fand schnell bei vielen Frauen Anklang, sodass sich auch in Erfurt eins der lokalen Streitkomitees gründete. Unter dem Motto „Kündigung des patriarchalen Konsens“ gingen am Internationalen Frauen*Kampftag 1994 in Deutschland über 1 Millionen Frauen auf die Straße. In Erfurt waren es 100 – 150 Frauen, welche den Tag des Streikes unter dem Motto „laut, frech, wunderbar“ durchführten. Die Frauen aus Erfurt, die sich dem autonomen anarcho- feministischen Umfeld zuordneten, organisierten ein buntes Tagesprogramm, dem sich andere Frauen anschlossen. Der Tag startete um 10.00 Uhr mit einem Frauen-Frühstück auf dem Fischmarkt. Eine der wohl wirksamsten Aktionen war die Besetzung des Schmidtstädter Knotens, welche tatsächlich für einige Zeit den Verkehr stoppte. Ähnlich wie im diesjährigen Frauen*Streik wurde die thematische Aufmerksamkeit auf Frauendiskriminierung, Gewalt gegen Frauen, Rechte von Migrantinnen, vielfältige Lebensformen, Selbstbestimmung und die Aufwertung und gleichwertige Verteilung von Sorgearbeit gelegt.1
    Nach den Erfahrungen des Streiks 1994 erzählte die Aktivistin aus Spanien von ihren Erlebnissen, wobei sie ihren Fokus hauptsächlich auf den Erfolg des großen Streiks im Jahr 2018 legte. In den letzten Jahren fanden in Spanien verschiedene große Streiks statt, wie beispielsweise 2014 der Care- und Konsum-Streik. Dadurch sind feste Strukturen von politischen Netzwerken vorhanden, die die Planung von Demonstrationen und Streiks erleichterten. Erste Planungen zum Frauen*Streik fanden in den genannten Netzwerken statt. Erst als die Idee auf dieser Ebene ausreifte, wurden die Gewerkschaften für die Planung mit an Bord geholt. Eine Schwierigkeit bei der Planung im Jahr 2018 war es, feministische Gruppen mit verschiedenen Ausrichtungen zusammenzubringen. Dieses Problem verringerte sich aber in der Planung für den Streik 2019, da der Frauen*Kampftag 2018 als ein großer Erfolg angesehen wurde. Die Schlagkraft, welche dem spanischen Frauen*Streik zugesprochen wird, erklärt sich die Aktivistin durch die vielen Ortsgruppen, die bei der Streikplanung beteiligt waren. Auch der Mediensupport trug ihrer Meinung nach dazu bei, dass der Streik 2018 ein solcher Erfolg werden konnte.
    Auch Argentinien kann zur Planung von Massenstreiks auf eine vorhandene Vernetzung zurückgreifen, welche teilweise seit 30 Jahren besteht. Wie die Aktivistin berichtete, die zeitweise an politischer Organisation in Argentinien beteiligt war, kamen 2016 70.000 Frauen auf das Encuentro Nacional de Mujeres (dem nationalen bzw. internationalen Frauentreffen in Rosario). Beim Frauen*Streik 2017, welcher in Buenos Aires stattfand, haben fast 500.000 Frauen gemeinsam gestreikt. Die Themen unterschieden sich hierbei teilweise zu denen, die in Deutschland oder Spanien im Vordergrund standen. Der Fokus liegt in Argentinien eher auf Femiziden (also der Tötung von Frauen aufgrund ihres Frauseins) und auf der Einforderung von dem Recht auf Abtreibung. Bis auf wenige Ausnahmefälle ist Abtreibung in Argentinien aufgrund der katholischen Prägung nämlich illegal, weshalb die Abtreibungen unter prekären Bedingungen von den betroffenen Frauen selbst durchgeführt werden. Dies muss heimlich und ohne ärztliche Betreuung stattfinden. Dadurch kommt es immer wieder zu Krankheiten oder sogar zum Tod der Frauen, die abtreiben. Hinzu kommt eine Haftstrafe, die die Frauen erwartet, wenn sie abgetrieben haben. Ein Zeichen für den Kampf um das Recht auf Abtreibung sind in Argentinien die grünen Halstücher.2
    Nach den Berichten aus verschiedenen Zeiten und Ländern berichtete eine Genossin, welche im Gewerkschaftskontext organisiert ist. Sie sprach dabei hauptsächlich über die rechtlichen Grundlagen des Streikbegriffes. Das Frauen*Streik-Bündnis in Deutschland bezieht sich auf verschiedene zu bestreikende Sphären – die Sphäre der Lohnarbeit, und die Sphäre der Reproduktionsarbeit (also Haus- und Sorgearbeit). Der Streik wird dabei als ein Mittel der Radikalisierung gesehen, mit dem Druck auf Politik und Gesellschaft ausgeübt werden soll. Laut der Aktivistin stellt sich nun die Frage, wie dies in Deutschland umgesetzt werden kann. Das Recht besagt nämlich, dass politische Streiks verboten sind. In der Konkretisierung des Streikbegriffes, wie er von gewerkschaftlicher Seite genutzt wird, wird deutlich, dass sich die angestrebten Ziele stets auf einen konkreten Tarifvertrag konzentrieren. Beim Frauen*Streik-Bündnis ist dies allerdings schwierig umzusetzen, da dieser aufgrund der Thematisierung von Sorgearbeit nur zu einem kleinen Teil auf den Lohnstreik ausgerichtet ist. Da der Frauen*Streik sich also nicht so einfach an die gewerkschaftliche Streikdefinition anschließt, tun sich die Gewerkschaften schwer damit, zum Frauen*Streik auszurufen. Dies gefährdet wiederum die Arbeitnehmerinnen, da diese gekündigt werden können, wenn sie ohne eine gewerkschaftliche Ausrufung streiken. Am 8.3.19 wird mit dem Streikbegriff, bis auf wenige Ausnahmefälle, eher symbolisch umgegangen.

    Perspektiven auf den Frauen*Streik am 8.3.2019

    Nachdem die Teilnehmerinnen* auf dem Podium über ihre eigenen Erfahrungen in der Planung vom Frauen*Streik berichtet haben, unterhielten wir uns konkret über den 8.3.19. Auf gewerkschaftlicher Ebene stellte sich die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Frauen*Streik-Bündnissen eher schwierig dar, da die Bündnisse einen gewerkschaftlichen Aufruf zum Streik verlangten. Die Themen des Streiks waren die Lohnerhöhung für Berufe, in denen eher Frauen tätig sind, die Entlastung im Reproduktionssektor und die Arbeitszeitverkürzung. Da diese Themen nicht komplett zur Definition des Streikes aus gewerkschaftlicher Perspektive passen, riefen die Gewerkschaften nicht zum Streik auf. Weiterhin wird das Streiken in den sozialen Berufen von verschiedenen Schwierigkeiten für die Arbeitenden begleitet. So liegt beispielsweise mehr Druck auf den Arbeitenden, da andere Menschen durch eine Niederlegung der Arbeit konkret leiden würden. Vor allem im Pflegebereich wären die Folgen fatal, wenn die Pflege für bedürftige Menschen einen Tag unterbrochen werden würde. Außerdem kann Sorgearbeit, im Gegensatz zur Arbeit in der Produktion, nur beschränkt rationalisiert werden. Kleine Kinder können nicht schneller erzogen werden, alte Menschen können nicht schneller versorgt werden. Das Ziel einer höheren Effizienz geht also im Bereich der Sorgearbeit nicht auf. Nun liegt der Anteil weiblicher Pflegekräfte in der Altenpflege bei 84%, in der Krankenpflege bei 80% und in der Kinderpflege bei über 90%.3 Die genannten Dilemmata betreffen also zum großen Teil die Arbeitskämpfe von Frauen. Ein weiteres Problem ist die Wirksamkeit eines Streiks im sozialen Bereich. Wenn Menschen im produzierenden Sektor streiken, so geht ein konkreter Gewinn verloren, da weniger Waren produziert wurden. Wenn Menschen im sozialen Sektor streiken, spart die Kommune, da sie weniger Erziehungspersonal auszahlen muss. Da Frauen zu einem großen Teil im Sektor der Reproduktions- und Sorgearbeit lohnarbeiten, müssen in Zukunft Mittel gefunden werden, wie dennoch wirksam streiken können. Auch über eine Erweiterung des Streikbegriffes sollte auf gewerkschaftlicher Seite diskutiert werden. Die Aktivistin aus Spanien begann ihren Beitrag zum diesjährigen Frauen*Streik mit dem Reden über den Umgang mit Differenzen in verschiedenen Feminismen. Sie führte aus, dass diese im spanischen Frauen*Streik mittlerweile eine untergeordnete Rolle spielen, da der Streik mit dem Fokus auf die ökonomische Basis organisiert wurde. Der Fokus der Themen liegt rein auf gewerkschaftlichen Themen. Dieses Phänomen hängt unter anderem damit zusammen, dass in Spanien fortgeschrittener Sozialstaatsabbau zu beobachten ist, welcher Sorgearbeiten wieder zunehmend ins Private und somit in die „Arbeitsbereich der Frauen“ schiebt. Da auch in Spanien nicht alle Frauen am Streik teilnehmen können, planten die Bündnisse verschiedene Solidaritätsaktionen für diejenigen, die aufgrund ihrer Tätigkeiten in der Lohn- oder Sorgearbeit nicht teilnehmen konnten.

    Rückblick auf den Frauen*Streik 2019

    Der 8. März folgte nun eine Woche, nachdem die Podiumsdiskussion in Erfurt stattfand. Gespannt wurden die verschiedenen Aktionen des Tages und deren Resonanz erwartet. Am Ende des Tages kursierte durch die Medien, dass in Deutschland insgesamt 70 000 Menschen auf der Straße waren, um für Feminismus und Frauenrechte zu kämpfen. In über 20 deutschen Städten wurden Aktionen im Namen des Frauen*Streiks durchgeführt. Auch wenn die Zahlen nicht mit denen aus Spanien zu vergleichen sind, so ist doch ein deutlicher Zuwachs an politischen Aktivitäten an diesem Tag erkennbar. In einigen wenigen Städten und Institutionen kam es am 8. März sogar zur Niederlegung der Lohnarbeit. Verschiedene Frauen und Queers kamen an diesem Tag zusammen, um ihre Rechte einzufordern und die Utopie einer anderen Gesellschaft auf die Straße zu tragen. Die politischen Aktionen waren von dem Bewusstsein geprägt, dass viele verschiedene Unterdrückungsmechanismen auf komplexe Weise zusammenhängen – und dass all diese Mechanismen aufgelöst werden sollen. Weltweit gingen an diesem Tag Millionen von Frauen demonstrieren. Wie wir diese Schlagkraft noch weiter verstärken können, wie das vorhandene Potenzial genutzt werden kann und ob eine stärkere internationale Vernetzung sinnvoll ist… Das gilt es nun herauszufinden.
    Zu hoffen ist, dass Kerstin Wolter, Aktivistin des bundesweiten Frauen*Streiks, Recht behält, wenn sie in der globalen feministischen Bewegung ein Potenzial zum Umsturz der momentanen Verhältnisse sieht, und daran festhält: „Der 8. März 2019 war erst der Anfang.“4


    1
    https://lmy.de/0mayN

    2
    https://lmy.de/hzykS

    3
    Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt. Arbeitsmarkt im Pflegebereich. Mai 2019.

    4
    https://lmy.de/xTdDi

    Literaturempfehlung zur Geschichte der Frauen*Streik-Bewegung:
    Andrea d’Arti: Geschlecht und Klasse im Kapitalismus.

    „Der ist eigentlich ganz nett…“

    Elvira Sanolas darüber, dass Frauen häufig Teil des Problems sind, wenn es gegen Macker geht.

    Jede aufgeweckte Frau kennt das Problem. Immer wieder kommt es zu Situationen, wo einer angesichts bestimmter männlicher Verhaltensweisen mal die Hutschnur platzt. Sei es das Bedrängen und Anfassen, das penetrante Verbessern, das ungefragte Erklären. So einige Würstchen haben es offensichtlich und regelmäßig verdammt nötig, sich ständig auf Kosten ihres weiblichen Gegenübers eine Portion Selbstbewusstsein zu verabreichen. Irgendwann kann frau einfach nicht mehr – und „rastet aus“. Heißt: Merkt eigentlich nur etwas bestimmter an, dass es langsam zu viel wird.
    Häufig frage ich mich, wieso Frauen das eigentlich nicht viel öfter tun, wieso auch ich nicht häufiger durchgreife. Stattdessen lasse ich Unliebsames geschehen und ärgere mich hinterher darüber, nichts getan zu haben und so manchen Trottel habe unbedarft weitermachen lassen. Damit bin ich nicht alleine, meinen Freundinnen und Genossinnen geht es ebenso.
    Dabei wäre das Problem nur halb so groß, wenn Frauen solidarisch miteinander wären. Denn tatsächlich bekommt man in den seltenen Fällen, in denen man doch einmal deutlich sein Unbehagen verbalisiert, es mit „Der-Freundin-von“ zu tun. „Die-Freundin-von“ meint es gut, will die Wogen glätten und schlichten. Sie mag die schlechte Stimmung nicht. Vor allem aber tut ihr ihr Freund oder Bekannter leid, der angesichts der direkten Ansage (aber er ist doch Feminist!!) verdattert bis völlig zerstört ist. Schuld an dem Szenario ist natürlich: die Frau, hat sie doch die aggressive Aufladung der Situation zu verantworten.
    Egal, wie kacke sich der Typ benommen hat – „die-Freundin-von“ hat immer Verständnis. „Er meinte es nicht so, ich kenne ihn,“ und: „Der ist eigentlich voll nett!“ Lieber sollte sich die Frau in gewaltloser Kommunikation schulen, „mal nachfragen“ statt was zu sagen. Und sowieso war alles ganz anders: „Ich kann mir das nicht vorstellen, dass er das gemacht/gesagt hat.“ Der Typ, dem es (pädagogisch betrachtet) eigentlich mal ganz gutgetan hätte, seine Grenzen aufgezeigt zu bekommen, kann dann dabei zuschauen, wie der Grund unter dem Boden seiner Kritikerin nachgibt. Die Stimmung kippt, plötzlich steht sie alleine da. Der Typ muss währenddessen meist überhaupt nichts mehr sagen und nur dasitzen und traurig gucken, sein Kampf wird schließlich ohne ihn ausgefochten. Diese Haltung erhöht außerdem den Opferstatus, von dem er zehrt.
    Zusammengefasst heißt die bittere Wahrheit: Andere Frauen sind einer der Gründe, wieso man sich nicht wehrt, wieso so wenige Frauen sich verteidigen. Das klingt zunächst paradox, ist aber so. Die eigene, weibliche Aggression ist derart tabuisiert (nichts, was nicht mit einem Lächeln präsentiert wird, darf den Frauenmund verlassen), dass man lieber diejenige zum Schweigen bringt, die sie äußert, als sie in actu zu erleben.
    Dazu kommt aber etwas Weiteres. Ich glaube, die „Freundinnen-von“ fühlen sich in solchen Situationen – endlich – mächtig, endlich sprachfähig. Sie können für ihren Freund einspringen, die Lage klären, für ihn aggressiv sein (denn nichts anderes sind sie), ihn beschützen. Sie können endlich mal die Situation umdrehen und den Macker spielen. Dass sie damit Macker schützen, ist ihnen nicht bewusst. Besonders pervers ist die Situation dann, wenn „die-Freundin-von“ auch noch Feministin ist.
    Die Kritikerin hat es damit doppelt schwer, es drohen Anerkennungsverlust und Ausschluss, zusätzlich zur anstrengenden Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem, dem Sexisten. Daher, liebe Geschlechtsgenossinnen, eine Bitte: Wenn ihr nichts gegen euren Freund oder Bekannten sagen möchtet, aus welchem Grund auch immer, lasst es bleiben. Aber lehnt euch doch wenigstens zurück und lasst ihn selbst den Konflikt ausbaden, anstatt euch an der Frau abzuarbeiten, die sich wehrt.

    Emanzipation im Neumond? Drei Perspektiven auf Hexen und Hexentum

    Hexen sind Pop und cool, und häufig genug auf Bezugspunkt feministischer Identität. Grund genug für die Redaktion der Rost und Motten sich in einem Gastbeitrag aus feministischer und kommunistischer Perspektive mit der Bezugnahme auf Hexerei auseinanderzusetzen. Dabei blicken verschiedene Mitglieder der Redaktion auf Hexerei als irrationalen Rückschritt und Entsolidarisierung mit den Opfern der Hexenverfolgung, als Fokuspunkt um das Verdrängte zu seinem Recht und seiner revolutionären Kraft kommen zu lassen und als Form der Emanzipation von bloß instrumenteller Vernunft.

    We are the daughters of the witches that you couldn’t burn (von ⚷)
    Auf Instagram wird aktuell unter dem hashtag #WirsindWICCA mobilisiert, zu zeigen „wie echte Schwesternschaft aussieht“. Gesäumt von Spinnen-, Kristallkugel- und Fledermaus-Emojis prangt darüber in großen Lettern der Slogan We are the daughters of the witches that you couldn’t burn. Was hier als Werbespruch für eine neue Netflix-Produktion dient, ist eine Parole, die ursprünglich aus dem lateinamerikanischen Feminismus stammt (dort: „Somos las nietas de las brujas que no pudieron quemar“ – „Wir sind die Enkelinnen…“). Was ich damit anfangen kann, ist: Ihr habt nicht alle erwischt und wir sind der lebende Beweis, dass das, was da ausgelöscht werden sollte, noch da ist. Denn für mich ist eben das, was die Hexenverfolgung zu vernichten versuchte das Weibliche, das der Entfaltung instrumenteller Vernunft entgegenstand, jahrhundertealtes Frauenwissen, die Macht reproduktiver Selbstbestimmung.
    Womit ich weniger anfangen kann, ist ein neuer (Pop-)Feminismus, der weg von der Figur der Hexe, die für etwas steht, magische und spirituelle Praktiken wiederaufleben lässt. Das socialmediawirksame Verräuchern von Kräutern lasse ich als Privatmarotte durchgehen, das öffentliche Verfluchen von Trump empfinde ich als rein lächerlich und wo es in handfeste Esoterik und Naturheilkunde umkippt, wird es falsch und gefährlich.
    Dass ich als Mensch in dieser Gesellschaft Spiritualität zugunsten männlicher Rationalität ablehne, ist Ausdruck eines Falschen und Resultat von westlicher Aufklärung, die auf jener Verfolgung und Ermordung von ‚Hexen‘ basiert. Dass ich als Kommunistin und Feministin gegen esoterische Ideologien bin, wird nicht davon abgelöst sein, ist aber meine materialistische Überzeugung, die es nicht zulässt, an magische Kräfte und übernatürliche Phänomene zu glauben.
    Mit den Opfern und gegen die Täter zu stehen, ist ein richtiger Grundsatz. Ob es das Verfolgte schon immer zu verteidigen gilt, ist schon eine andere Frage. Wobei es natürlich gilt, in diesem Fall das Weibliche gegen das hegemonial-männliche hochzuhalten.
    In meinem Verständnis gab und gibt es keine Hexen, so wenig wie es Hexerei gibt, einzig Frauen, die als solche beschuldigt und undenkbar grausam verfolgt und hingerichtet wurden. Mir widerstrebt es daher, die unrechte Anklage ihrer Peiniger zu akzeptieren und anzunehmen. (So sprechen wir doch auch nie von Asozialen, die von den Nationalsozialisten getötet wurden.) Deutlich sinnvoller erscheint mir die Strategie, die Opfer der Hexenverfolgung als emanzipierte, gelehrte, fortschrittliche und selbstbestimmte – oder in jedem Fall ‚unpassende‘ – Frauen zu benennen und sich damit zu solidarisieren (und auch zu identifizieren).
    Wenn Fälle aktueller Pogrome gegen Frauen, die als Hexen beschuldigt werden, als antiaufklärerisch verurteilt werden (als haben diese ‚unzivilisierten Völker‘ noch nicht erkannt, dass es ja gar keine Hexen gibt), scheint vergessen zu werden, wie synonym man Hexenverfolgung und Aufklärung setzen kann. Dass wir ‚dank der Aufklärung‘ dazu befähigt sind, uns von jeglichem Aberglauben zu befreien, sollte wir ‚wider die Aufklärung‘, die aus Aberglaube tötet, anbringen.

    We are the weirdos, mister (von ☿)
    Im zeitgenössischen Bild der Hexe hat sich vor allem die Verfolgungsgeschichte mit ihren Bildern und Vorwürfen abgelagert. Nur mit mühsamer Quellenarbeit, wie sie etwa Carlo Ginzburg versuchte, lassen sich überhaupt Spekulationen über die Praxis historischer ‚Hexen‘, also von Eingeweihten vorchristlicher, vermutlich (post-)schamanistischer Religionen wagen, die – unter ganz anderen Bedingungen des menschlichen Lebens und seiner Reproduktion entstanden – für uns heute kaum mehr als historisches Interesse haben können.
    Die Vorwürfe der Hexenverfolgung dagegen, aus denen das zeitgenössische Bild der Hexe abgeleitet ist, sind uns näher, selbst ein Produkt des neuzeitlichen Geistes, der seine neue Wissenschaftlichkeit in der systematischen Verfolgung und der Folter als Experimentalsetting erprobte. Zweifelsohne bestehen sie weitgehend aus Projektionen auf die ‚Hexe‘, aus unterdrückten Anteilen dieses neuzeitlichen Geistes, die den eigenen Opfern zum Vorwurf gemacht wurden. Der Vorwurf an die Verfolgten, zumeist Frauen, ihrerseits Opfer ‚verhext‘ zu haben, zeugt beredt davon: Ein Mann konnte seinen Ehebruch damit rechtfertigen, mit einem Liebeszauber ‚verhext‘ zu werden, anstatt das Ausleben oder auch nur die Existenz seiner gesellschaftlich unlegitimen sexuellen Bedürfnisse einzugestehen. Auch das Bild des Hexensabbats trägt deutliche Zeichen der Projektion: Hexen sammeln sich des Nachts auf ihrem Kultplatz, um dort ausgelassene Feste zu feiern, zu trinken und zu tanzen, und ihre von sozialen Normen befreite Sexualität auszuleben.
    Dementsprechend ist es auch kein Zufall, dass das Idealbild der Hexe eine Frau war: Die Projektion der verdrängten Anteile der eigenen Bedürfnisse, insbesondere der sexuellen Bedürfnisse, auf das Objekt der Begierde festigte gleichzeitig das Bild einer selbstbeherrschten Männlichkeit und konnte als Instrument der Unterdrückung einer selbstständigen weiblichen Sexualität und einem Aufbegehren gegenüber dem Patriarchat dienen. Die Idee, im Zentrum des Hexensabbats stünden sexuelle Praktiken mit dem leibhaftigen Teufel ist entsprechend auch bloß die sekundäre Einhegung der Projektion: Wirklich sexuell selbstständige Frauen waren dann doch zu bedrohlich, um ihr Bild auch nur als Anklage zu verwenden.
    Sich auf diese Teile, etwa die Teufelsbuhlschaft oder das Kindsopfer, positiv zu beziehen, wäre eine Reproduktion der Gewalt, da sie die Gegenbilder sind, die einen positiven Bezug auf Geburtenkontrolle und eine Sexualität jenseits der patriarchalen Herrschaft verunmöglichen sollten. Die Faszination, dass das Bild der Hexe auch und gerade heute weckt, beruht nicht auf diesen repressiven Einschlüssen, sondern auf dem von ihnen bekämpften, dem Anspruch, gegen die patriarchale Gesellschaft über den eigenen Körper verfügen zu können. Sie beruht darauf, dass in der Projektion auch heute noch ungehöriges und zu befreiendes ausgedrückt ist. Die Vorzeichen der Projektion sind zu verkehren, um es vom Verächtlich-Gemachten zur Vorwegnahme der Befreiung zu wenden, aber als solche fungieren die genießenden, ihre eigenen leiblichen Bedürfnisse verfolgenden und sich nicht gesellschaftlich repressiven Normen unterwerfenden Hexen als bildliche Vorwegnahme der Revolutionärinnen, derer es heute verlangt.

    Do no harm, take no shit (von ♄)
    Sollten die Menschen, die zum Anfang der Neuzeit unter dem Vorzeichen der Hexerei verbrannt worden sind, sich als Hexe*r verstanden haben, sie hätten vermutlich trotzdem wenig mit den meisten heutigen ‚Hexe*rn‘ zu tun – die oft irgendwo zwischen differenz-feministschem Ökoempowerment und dem identitären Festhalten an den eigenen Tarotkarten und Kristallen gegen die unwirtlichen Objektivierungen des Kapitalismus, des Patriarchats und der Kirche herumeiern und viel zu schnell in Verschwörungstheorien und Modernefeindlichkeit abdriften. Warum also sich überhaupt positiv auf Hexerei beziehen?
    Die Re-Invention hexischer Tradition und Geschichte kann durchaus mehr sein als nur eine regressive Bewegung gegen die komplexe Moderne: Sie kann eine eigenen Sprache und Erzählung von dem Potential erschließen, das in Rausch und Traum manchmal zur Ahnung wird und das es als scheinbar Verlorenes zu suchen lohnt. Nicht gegen die Moderne, sondern als Möglichkeit in ihr und über sie hinaus.
    Die Erfahrung ein Teil von Natur, von ihr abhängig und geprägt zu sein (nicht zuletzt einen eigenen Körper und Bedürfnisse zu haben und zu sein) ist für das moderne Subjekt etwas, das es durch Disziplinierung abzuspalten gelernt hat. Hexerei als progressiver Ansatz versucht eine sinnvolle Bearbeitung dieser Erfahrung, versucht in einen dialogischen Austausch mit der Natur-Welt zu treten, anstatt sie zu bezwingen – und dadurch Handlungsfähigkeit zu erlangen.
    Wer Magie als Macht versteht, die ihn, Harry-Potter-gleich, zur*zum Welt-Beherrscher*in macht, versucht sich bloß als bürgerliche Subjekts zu verwirklichen; wer von Welt, eigener Geschlechterrolle, Tarot und Kristallen nur nimmt, was ihre Regeln ihm*ihr lassen, findet nicht sein*ihr Schicksal, sondern wirft sich auf Selbstoptimierung und weltbezogene Passivität zurück: Es gibt keinen Unterschied zwischen dem, was man sich selbst und dem, was die Karten einem wünschen können.
    In der Erzählung von Hexer*n kann es aber auch um die gehen, die sich zugleich durch Lebens- und Naturbedingungen präg- und heilbar, also mit ihrer Umwelt verbunden verstehen, und den Verzicht auf diese Erfahrung als Verlust begreifen. Progressive Hexerei könnte ein Widerstand mit der Natur und zugleich gegen den Tod sein. Hexerei heißt dann: Lebensbedingungen, Geschichte, Natur zu verstehen, anzuerkennen und sich zugleich aktiv zu ihnen verhalten (die ‚Magie‘, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und zu befriedigen).
    Der*die Hexe*r sammelt dann den Schatz aus Wissen und Praxen, die er*sie selbst im Sinne der eigenen Lebensrealität nutzen lernen muss: das ‚Alter‘ des Wissens kann traditionalistisch gedeutet werden, sein verschüttetsein erfordert aber, es ähnlich einem Märchen zu erzählen, zu ergänzen und zu teilen – und ist damit notwendig deutungsoffen. Motive müssen angepasst, übersetzt und verstanden werden, sie sind zeitlich und kulturell gebunden, zugleich ist die Naturverbundenheit prinzipiell materialistisch: die Wirkung von Kräutern ist konstant, der Jahreskreis an die Erdbewegung gebunden. Das daran orientierte Ritual wird so zur Praxis, die sowohl die objektive Welt (gesellschaftlich wie natürlich), als auch die eigenständige Abstandnahme zu ihr reflektiert. Die Kontemplation des Wiederkehrenden ist für Hexerei ebenso wichtig wie der Wandel und die Möglichkeit ‚mit ihm zu arbeiten‘. Die Welt ist dabei nicht klar abgegrenzt (weder männlich und weiblich noch Mensch und Natur) und hat zugleich wirklich Wirkung, bleibt real und voller Widerstände. Hexerei ist immer ein Aushandlungsprozess mit den Dingen und Menschen selbst, keine höhere Macht die jenseits von ihnen steht – und Hexe*r sind Individuen, die sich ihrer Beziehung wie ihrem Unterschied zu anderen*m bewusst sind.

    Rost und Motten zehren vom Bestehenden und leisten vielleicht ihren Beitrag, dass es vergeht.


    Rost und Motten ist eine Fanzine. Sie ist an einschlägigen Orten zu finden und per Mail erreichbar (rostundmotten[at]riseup.net), ihr Programm ist auch bei facebook zu finden (rostundmotten).

    Intersektionalität –eine Politik der Sprechakte?

    Hermine Danger verwehrt sich einer Politik der Sprechakte, wie sie häufig Vertreter*innen der Intersektionalität praktizieren. Das Benennen bzw. Aussprechen bestimmter Worte wird schon einer Handlung gleichgesetzt. Sie ist nicht gegen eine intersektionale Analyse von Unterdrückungsmechanismen, sondern gegen eine Symbolpolitik, die sich Intersektionalität auf die Fahne schreibt.

    Die Online-Kommunikation hat noch nie einer so großen, breiten und kritischen Öffentlichkeit unterstanden, in der die Akteur*innen jedes Wort auf die (Moral-)Waage legen. Je nach Prüfungsstand werden harsche Urteile über die Sprechende*n und auch nach theoretischem Unterbau über den Ort des Sprechens, gefällt. Positiv lässt sich hieraus ein scheinbar größeres öffentliches Interesse am politischen Geschehen ableiten, ermöglicht durch den Zugang zu technische Medien, die uns befähigen 24/7 auf allen Kanälen präsent zu sein und nichts zu verpassen. So weit, so gut.

    Rutscht der Finger doch schneller gedacht auf den Absenden-Button und schickt die kurz überlegte Antwort raus in die Welt, erhitzen sich die öffentlichen Gemüter derart, als würde es um ihr eigenes Leben gehen, was da auf dem Prüfstand steht. Ob Beatrix von Storchs geistreichen Einfall, auf Flüchtlinge zu schießen und diesen Gedanken dann auch noch zu veröffentlichen tatsächlich ein Versehen war, wage ich zu bezweifeln. 2017 wurde der Begriff Fake News im DUDEN aufgenommen, alternative Fakten weichen ernsthafte Diskussionen in schwammiges Gerede auf, in dem am Ende jeder friedlich mit seiner eigenen Meinung nach Hause geht und weder eine Diskussion, noch ein Dialog stattgefunden hat. Wenn Berichte über Menschen mit Fluchthintergrund, die angeblich deutsche Kinder aufessen, was allenfalls als Satire gelten kann, (als welche es sich letztendlich auch herausgestellt hat), die Gemüter höher fahren lässt als der jährliche Bericht über den ansteigenden Antisemitismus in Deutschland, dann lässt das tief blicken in die momentane Informations- und Diskussionskultur und ihre Akteur*innen. So weit, so schlecht.

    Wie über die Sprechende*n geurteilt wird, hängt von der politischen Einstellung ab. Inhalte von Kommentarspalten, die sich in ihrer Phantastik kaum noch von echter Fantasy-Literatur unterscheiden und ‚gefühlte Wahrheiten‘ sorgen für einen Freispruch von jedem Zweifel und nicht gerade für ein kritisches Hinterfragen von Fakten.

    Rassistische Hetze und sexistische Kommentare tummeln sich in den Social Media Foren und werden als naturgegebene Tatsachen verteidigt. Eine Theorie, die momentan sehr beliebt ist und herangezogen wird, um den unterschiedlichen Diskriminierungsformen nachzugehen, ist die Intersektionalität. Doch was hat Intersektionalität mit Sprechen zu tun? Reichlich wenig. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es eine große Schnittmenge gibt zwischen Vertreter*innen der Intersektionalitätstheorie und Anhänger*innen einer Sprechakttheorie, die Worten eine Handlungsmacht zuschreibt. Ganz so, als wenn man für einen Raum ausspricht, dass dieser frei von Diskriminierungen sei und dann erwartet, dass sich die Wirklichkeit danach auszurichten habe. Für das Vermeiden von Worten mag das vielleicht gehen, aber für die bürgerlich-kapitalistische Bildung und Erziehung, wo Kolonialgeschichte, Frauenunterdrückung und Fanatismus nur als Probleme der Anderen erkannt werden, gilt das nicht.

    Die eigene Sozialisation und Erfahrung lassen sich weder durch Sprechverbote, noch durch Schutzräume wegleugnen. Wenn Intersektionalität und die Einforderung eines intersektionalen Feminismus nicht über das bloße Aussprechen dieser Begriffe hinausgeht und das Anhänger*innen darunter dennoch eine Praxis verstehen, als wenn das Sprechen zu einem Sprachhandeln wird und somit nicht nur beschreibend etwas zum Ausdruck gebracht wird, sondern gleichzeitig auch intersektional gehandelt wird. Ursprünglich war Intersektionalität kein Thema eines linken akademischen Milieus, sondern schaffte die Möglichkeit, konkrete Ungleichheitslagen zu benennen, aufzuzeigen und zu einem Politikum zu machen.

    All the Women Are White, All the Blacks Are Men, But Some of Us Are Brave

    Die Juristin Kimberlé Crenshaw führt den Begriff der Intersektionalität in die Rechtswissenschaft ein und bringt das Beispiel von schwarzen Mitarbeiterinnen in einer General Motors Fabrik in den USA an, die 1976 entlassen worden sind: vor 1964 hat General Motors keine schwarzen Frauen angestellt, alle nach 1970 angestellten Frauen wurden sechs Jahre später entlassen. Diese Frauen reichten vor Gericht eine Klage ein, dass ihre Kündigung sowohl rassistischen, als auch sexistischen Ursachen zugrunde liege. Dass Gericht argumentierte, dass schwarze Frauen keine besondere Gruppe darstellten, die in diesem Spezifikum nur gefasst werden könne, da sie einerseits als Frauen Sexismus erfahren können und als Schwarze Rassismus. Somit stellte das Gericht heraus, dass sowohl Schwarze (Männer), als auch (weiße) Frauen nicht von den Kündigungen betroffen gewesen sind und sie keine besondere Benachteiligung erfahren hätten. Ebenso lässt sich daraus schließen, dass schwarzen Frauen keine Repräsentationsebene gegeben wird: weder können sie Frauen, noch eine afro-amerikanische Gemeinschaft repräsentieren. An diesem Beispiel erläutert Crenshaw, dass eine spezifische Ausdrucksweise und Erfassbarkeit von Mehrfachdiskriminierung vonnöten sei, da sonst die bestimmte Unterdrückungsformen unsichtbar gemacht werden würden, wie die der schwarzen Frauen bei General Motors. Besonders häufig wird die Trias race, class and gender hervorgehoben, die in dem US-amerikanischen Diskurs zur Intersektionalität eine gewichtigere Rolle spielt als im deutschen Diskurs.

    Was hat Sexismus mit Rassismus zu tun?

    Der Intersektionalität liegt die Feststellung zugrunde, dass Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Rassismus oft gemeinsam auftreten, es hierfür aber in der Theorie noch keine adäquate Repräsentationsform gebe, die eine kritische Auseinandersetzung damit ermögliche. Das Neue daran ist, dass Diskriminierungsformen nicht einfach nur addiert werden, sondern einander beeinflussen, neue Unterdrückungsformen hervorbringen und dass dieser Zusammenhang berücksichtigt werden muss. Damit einhergehend wurden Fragen gestellt wie ‚Wie viel Rassismus steckt in meiner Auffassung von Geschlecht‘ oder ‚Wieviel Sexismus steckt womöglich in meiner Auffassung anderer Kulturen‘ und man versprach sich, diese durch die Erkenntnisse der Intersektionalität besser beantworten zu können.

    Zurück zum Hauptwiderspruch?

    Zugespitzt betrachtet, scheint mir die Zusammenschau der zwei Diskriminierungsformen stellvertretend für innerlinke Auseinandersetzungen zu stehen: der Zusammenhang von Neoliberalismus und dem Erstarken der Neuen Rechten und damit einhergehend auch ein Rechtsruck, der in vielen europäischen Staaten zu beobachten ist wird momentan viel diskutiert. Das geht mit dem Abbau von Sozialleistungen, dem Rückgang von bezahlbaren Wohnungen, stagnierenden Löhnen, sowie einem offenen und verrohten Rassismus und Sexismus und einer ‚das wird man ja wohl noch sagen dürfen‘-Attitude einher. Analysen, warum Arbeiter*innen, die einst links gewählt und sich gar als Kommunist*innen bezeichnet haben, auf einmal rechts wählen, fallen unterschiedlich aus. Wenn immer mehr Leute die soziale Frage von Rechten zufriedenstellender beantwortet sehen als von Linken, tritt sie als nationale Angelegenheit in den Vordergrund und auf Kosten derer, die nicht in ihr völkisch-nationales Weltbild passen. Eine Argumentation zur Abwendung der Arbeiter*innen von der Linken, die sich auf das Verhältnis von Minderheiten und Mehrheiten stützt um den Rechtsruck zu erklären, besagt, dass die Interessen einer Mehrheit an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden und die Interessen und Kämpfe von Minderheiten in den Vordergrund gedrängt werden und hierbei eher die Rede von einem Kulturkampf, als von einem Klassenkampf, ist. Doch erscheint es mir als zu vereinfacht, den neoliberalen Kurs, den viele Länder einschlagen – ob in Argentinien oder der EU, allein auf ein Versagen der Linken und deren Auseinandersetzung mit Diskriminierungsformen zurückzuführen.

    Eine Veranstaltung in Thüringen, die neulich stattgefunden hat, hat ein ähnliches Thema aufgegriffen und fragt: ‚Klassenkampf sticht Antirassismus? Zur Gegenüberstellung von Klassen- und Minderheitenanliegen‘. Die Art und Weise, wie die Frage gestellt ist, lässt vermuten, dass sie mit ‚nein‘ zu beantworten ist. Diese Fragestellung erscheint zunächst widersprüchlich, da ein Kampf gegen die kapitalistischen Verhältnisse, die auf Konkurrenz und Ausbeutung basieren, nicht vor Geschlecht oder Herkunft Halt machen sollte. Letztendlich stehen sich doch zwei unterschiedliche Ansichten gegenüber, wie Gesellschaft und Teilhabe verstanden werden. Die eigene Betroffenheit und das Unverständnis darüber, dass so viele People of Colour tagtäglich Rassismus ausgesetzt sind, treten in den Vordergrund und drängen zu Aktionismus gegen sämtliche Diskriminierungsformen, der jedoch häufig im Individuellen verharrt oder konkrete Personen wie Politiker*innen als Feindbilder erklärt, anstatt sich einer Analyse der gesellschaftlichen Verstrickungen zu widmen. Denjenigen, die sich dem Elend der Verhältnisse auf theoretischer Ebene widmen, kann vorgeworfen werden, dass sie in ihrer Lektüre verhaftet und gefangen bleiben und letztendlich nicht aktiv gegen Unrecht vorgehen.

    Intersektionale Praxis und Moralvorstellungen

    Das bedeutet keinesfalls, dass eine Analyse der Klassenverhältnisse andere Unterdrückungsmechanismus ausblenden oder verdrängen sollte, auch wenn sie nicht ständig aufgezählt und mitgenannt werden. Es reicht eben nicht aus, im eigenen Aktivismus und in politische Forderungen darin zu verharren, sämtliche Diskriminierungsformen zu benennen und sich allein dadurch auf der richtigen Seite zu wähnen. Das Auflisten von Unterdrückungsmechanismen und das ‚Mitdenken‘ Unterdrückte*r ist noch lange kein tatsächliches Angehen der Probleme. Leuten zu unterstellen, dass sie nicht antirassistisch seien, weil sie sich nicht als intersektional bezeichnen, ist nichts anderes als eine identitäre Praxis, um das eigene Standing innerhalb linker Kontexte zu markieren und andere, die in den meisten Fällen ökonomisch ähnlich situiert sind, auf moralischer Ebene abzuwerten. Der Vorwurf, dass man nur weiße Leute mit akademischen Hintergrund adressiert wird häufig von selbst weißen Gruppen gestellt, die sich ebenfalls mit akademischen Themen wie Intersektionalität und Sprachhandeln beschäftigen.

    FIT* FOR ACTION – ein Kongressbericht

    Am Frauen*kampftagsbündnis kommt seit 2015 keine*r mehr vorbei – von Februar bis März finden in mehreren Thüringer Städten Veranstaltungen verschiedener Formate statt, feministisch Bewegte diskutieren und tauschen Erfahrungen aus. In diesem Jahr organisierte das Bündnis nun erstmals einen eintägigen Kongress in Erfurt, der diese Möglichkeiten intensivieren sollte unter dem Motto FIT* FOR ACTION – Feministischer Kongress Thüringen #1 – Du interessierst dich für Feminismus und linke Politik? – Wir auch!“ Franzie schildert ihre Eindrücke vom Kongress.

    Anspannung und Vorfreude liegen in der Luft als die Teilnehmerinnen* am Samstag Morgen das imposante Gebäude in der Brühler Vorstadt betreten, das sonst nur Schüler*innen des besser betuchten Stadtviertels vorbehalten ist. Herzliche Umarmungen und erste Gespräche bereiten den Empfang und den Start in den Tag – viele kennen sich, die Atmosphäre wirkt vertraut. Vorbei an strengen Gesichtern der vormaligen Schulleiter geht es die breiten Steintreppen hinauf in die mit dunklem Holz kunstvoll gestaltete Aula, der Blick durch die schmückenden Bleiglasfenster lässt Kackstadt viel freundlicher erscheinen als sonst. Auf den in Kreisen gestellten Stühlen nehmen etwa 60 bis 70 Fauen*, Inter und Trans Platz. In der Mitte diskutieren alsbald feministische, linke Akteurinnen zur Vergangenheit, Gegenwart und über Anstöße für Perspektiven von feministischen Kämpfen in Thüringen. Platz nehmen unter anderem Akteurinnen aus der autonomen Frauenbewegung der 90er Jahre, der „Frauen für Veränderung“, parteipolitisch Aktive, Gewerkschafter*innen und Antifaschist*innen. In der Fish-Bowl-Diskussion werden aus dem reichen Erfahrungsschatz verschiedenste Themen angesprochen: die Erfahrung des Wirkens in Frauengruppen wie bspw. durch Frauen für den Frieden als Teil einer männlichen Bürgerbewegung in der DDR – Mackertum in der Antifa seit den 90er Jahren mit gegenwärtigem Reflexionspotential – parteipolitische Maßnahmen zur Geschlechtergleichheit und fehlender Mutterschutz für Abgeordnete sowie informeller Männerklüngel im „Postengescharrer“ – durch die Wende-Verhältnisse ins Tun kommen – Räume für Frauen und Mädchen schaffen in selbstverwalteten Strukturen wie Wohnprojekten und besetzten Häusern, im feministischen Mädchenprojekt oder im Radio – Pornographie öffentlich ächten – Frauen im tätigen Widerspruch zu gesellschaftlichen Strukturen und Frauen tätig ohne Widerspruch in gesellschaftlichen Strukturen – Frauen und Existenzängste – feministische Genossen, die dasselbe wollen? – Frauengesundheit und weibliche Erfahrung – Rechtsruck und Zeitfenster für progressive Gesetzgebung – weiblicher Körper im Wandel – Feminismus als späteres Thema in der eigenen politischen Sozialisation – Ausschluss aufgrund individualisierter statt kollektiver Kindererziehung – Kapitalismus, Feminismus und Antifaschismus.

    Die Spannbreite der Themen lässt erahnen, was den Frauen* unter den Nägeln brennt und dass vieles hätte vertieft werden wollen. Das Ansinnen einen Erfahrungsaustausch zwischen mehreren Generationen feministisch Aktiver zu fördern, konnte mit der gezielten Einladung zum Kongress angestoßen werden. Die, die sich versammelten waren mehrheitlich weiß, gut ausgebildet, zwischen Anfang 20 und Mitte 30. Erfahrungen und Themen weiter Teile von Frauen waren jedoch nicht vertreten und fanden somit keinen Platz oder Eingang in die Debatte. Welchen Feminismus wollte man hier also diskutieren? Eine formulierte Antwort lautete: „Einen Feminismus für viele Menschen, der auf gesellschaftliche Strukturen zielt und Veränderung des Systems.“

    Die Neugier auf die Erfahrung der anderen war groß und ließ sich kaum stillen. Dies zu teilen beförderte die Einsicht in die Gewordenheit der Verhältnisse sowie Erkenntnis der weiblichen Subjektivität. Wie aber kann es gelingen diese Konzentration von Erfahrung vorwärtsweisend politisch zu greifen und in Handlungsfähigkeit gegen patriarchale Verhältnisse zu wenden? Die gemeinsame Suche nach Antworten fand in den nachfolgenden Workshops statt, in denen die jüngeren Bewegten mehrheitlich unter sich blieben und somit Erfahrungen und Strategien ungeteilt blieben. Beim Wendo wurde feministische Selbstbehauptung eingeübt, andere diskutierten über Historie und Gegenwart der Abtreibungsparagrafen und den feministischen Kampf dagegen. Ein Workshop befasste sich mit dem Verhältnis von Frauen* und Theoriearbeit, ein weiterer mit Sexismus in den eigenen politischen Strukturen. So verging der Nachmittag und mündete in eine geschrumpfte Abschlussrunde, die zur Feststellung führte, dass es auch im nächsten Jahr einen solchen Kongress braucht. Wünsche dafür: mit älteren Feminist*innen in Austausch kommen und mehr Vernetzung feministisch Aktiver ermöglichen.

    Am frühen Abend wurde der Kongress für all gender zur Lesung mit dem feministischen Magazin „Outside the box“ aus Leipzig geöffnet. Zwei Redakteurinnen stellten ihre Arbeit vor und beleuchteten das Thema Streit der fünften Ausgabe näher. Es wurde teils im Erzählerischen und mittels Interviews das Spannungsverhältnis von Identitätspolitik, weiblicher Subjektivität und einer erfahrungsbasierten Kritik zur Überwindung der Gesellschaft aufgeworfen und „das fiese Dilemma“ zwischen individualisiertem Empowerment, welches Verantwortung einzig dem Individuum auferlegt, und machtkritisch vermitteltem schlauen Empowerment herausgestellt. Im Feminismus der Zeit zeigten sich die Widersprüche, so die Redakteurinnen, und argumentierten mit dem Gelesenen für einen materialistischen Feminismus. So gab es auf diesem ersten feministischen Kongress des F*KT-Bündnisses mehrere Antworten darauf, für welchen Feminismus gestritten werde.



    Literaturhinweise:

    Ahr, Birgit; Göhler, Katrin, Hildebrandt, Hiltrud u.a.(1993): Das Mädchenprojekt Erfurt. In: Heiliger, Anita; Kuhne, Tina (Hg.innen). Feministische Mädchenpolitik, 59-78.

    Grauzone Dokumentationsstelle zur nichtstaatlichen Frauenbewegung in der DDR; Kenawi, Samira (Hrsg.) (1995): Frauengruppen in der DDR der 80er Jahre: Eine Dokumentation.

    Haug, Frigga (1991): Erziehung zur Weiblichkeit: Alltagsgeschichten und Entwurf einer Theorie weiblicher Sozialisation.

    Outside the box, feministische Zeitschrift bisher 6 Ausgaben erschienen, outside-mag.de.

    Viewpoint Magazine, „a militant research collectiv“, viewpointmag.com.

    Mal nicht davon absehen: Sexismus liegt in der Luft

    Tiezah erzählt von ihrem Abend bei der Veto-Eröffnungparty, weil sie über Sexismus nicht hinweg sehen will und es ihr scheiße damit geht, dass sie am nächsten Morgen schon wieder allein in den Trümmern der Gefühle von Angst und Wut aufgewacht ist. Das zu benennen ist ein offensiver Akt, der Mut (und Zeit und Nerven…) erfordert.

    „Mal abgesehen davon war doch die Party schön, oder?“ fragte mich ein Freund auf dem Nachhause-Weg von der Party von Veto, Stattsschloss und Radical Print im April. Ja, vor allem der Nachmittag war auch für mich sehr schön und ich bin dankbar für die vielen Menschen, die den Tag möglich gemacht haben. Trotzdem war es auch mal wieder scheiße.

    Was ist denn eigentlich los gewesen?

    Die Party ist in vollem Gange, die Stimmung gut. Der erste DJ nach den Bands legt auf. Der kleine Raum füllt sich, die Leute tanzen. Berührungen sind fast unvermeidlich. „Ui, ist das dunkel hier!“, denke ich, weil ich die Menschen um mich herum nicht sehen kann. Auf der einzigen Lichtquelle neben dem DJ liegt eine dicke Jacke. Was tun? Mit einer Freundin nehmen wir die Jacke runter und ernten böse Blicke. Wir entscheiden uns einen dünneren Stoff aus dem Umsonstladen zu holen. Dann würde es hell genug sein, um den hier nötigen Ausruf „Ich will Eure Hände sehen“ (und wissen zu wem sie gehören und was sie in meiner unmittelbaren Nähe machen) nicht von Seiten der Bühne zu rufen, sondern um uns zu schützen. Gleichzeitig würde es dunkel genug sein, um es den Feiernden trotzdem zu ermöglichen ausgelassen zu tanzen – ohne das grelle Stehlampenlicht und die damit verbundenen potentiell bewertenden Blicke anderer. Kaum mit dem Umbau angefangen, werden wir angemotzt und/ oder in Rechtfertigungsdruck gebracht. Ok. Das eigene Tanzen breche ich ab, die Mission zur Gestaltung der Party ist aber zunächst erledigt. Ich gehe erstmal was trinken.

    Später schaue ich erneut zur Tanzfläche. Der Weg in den Keller ist stockduster und verstellt mit Glasflaschen, die Gäste trotz Selbstorganisations-Anspruch – mal wieder – nicht selbst zurück gebracht haben. Ein bisschen gefährlich und mehr Arbeit für die Leute, die morgen die Flaschen und Glassplitter aufräumen. Da diese Arbeit oft von Frauen* gemacht wird, ist es „normal“, dass sie übersehen wird und keine Aufmerksamkeit bzw. vorsorgliche Beteiligung erhält.

    Und der bereits vorhin von uns verstärkte Lampenschirm ist wieder von einer lichtundurchlässigen Jacke überlagert. Shit. Der cis-männliche DJ bekommt eine Menge Applaus. (Bei sieben Musik-Acts standen nur bei einer Band auch Frauen* auf der Bühne.) Aber kein Platz zum Entspannen für mich! Der Gedanke an Übergriffe kann von manchen ausgeblendet werden, von anderen nicht.

    Naja, meine Cola ist eh leer. Vor mir an der Bar bestellt ein Typ*. Dass es ein Typ ist merke ich daran, dass er diese sexistische Ansprache benutzt und sich männlich konnotiert bewegt und verhält. Die Begrüßung: „Hallo, schöne Frauen“. Ok. Es war nicht an mich gerichtet, deshalb will ich nicht aggressiv werden. Ein verständnisvolles Erklär-Bär-Spielen für den Typ, der nicht versteht, warum das sexistisch ist, schaff ich nach der Panzerfahrt von eben nicht mehr. Auf meine kurze Konfrontation hin stößt sein erster Einwand „Das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen…“ schnell auf meine Überforderung.

    Eine in der Nähe stehende Person, die ich anspreche, reagiert verwirrt statt parteiisch. Zum Glück bin ich hier nicht fremd, sondern kenne einige Leute gut genug, um nicht vollkommen verloren zu sein. Von einer Freundin weiß ich, dass es ein Awareness-Team gibt. Eigentlich sollte Awareness eine Aufgabe von Allen sein. Aber die Erfahrung zeigt, dass Bier mit einer „Kasse des Vertrauens“ keine Soli-Kohle rein bringt und es auch im Awareness-Bereich gut ist, wenn es zusätzlich Verantwortliche gibt, die nüchtern bleiben, um sich für solcherlei Situationen bereit zu halten. Die von mir angesprochene Person empfängt mich einerseits mit offenen Ohren, andererseits mit Zuständigkeitsfragen und verweist auf ihre Kollegin*. Hm, das scheint nachvollziehbar vor dem Hintergrund, dass sich für eine für 14 Stunden plus X geplante Party nur zwei Personen ohne Schichtwechsel für Awareness eingetragen haben. Auch Barschichten von vier Stunden sind für eine möglichst gleichverteilte Beteiligung an der Arbeit für die Party mit Selbstorganisationsanspruch zu viel. Aber für ein (so kleines) Awareness-Team ist das ein No-Go, weil die Aufmerksamkeit und Handlungsfähigkeit wahrscheinlich nicht oder nur mit großer Anstrengung gewährleistet sein können.

    Und dann auch das noch: der Awareness-Beauftragte erklärt mir, dass er die Diskussion mit dem Typen leider nicht führen könne, weil er nicht wisse, was daran sexistisch sei und er diese Begrüßung gelegentlich selbst verwende und zwar gender-unabhängig. Schließlich kenne er die Selbst-Identifikation aller seiner Bekannten und könne damit passgenau einschätzen, ob er „schöne Männer“ oder „schöne Frauen“ sage. Wieder ein sinngemäßes „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“, nur mit anderem Wortlaut und gleichzeitig ein unausgesprochenes „Ich als Mann habe die Möglichkeit, das Problem ganz allgemein zu formulieren“ und damit zu entkräften.
    Außerdem sei die Diskussion betroffenheitsbedingt lieber von einer Frau* zu führen oder zumindest bräuchte er vorher den Auftrag einer der direkt mit der plumpen Begrüßung adressierten Barkeeper*innen, die aber gerade sichtlich mit Bierausschank beschäftigt sind. Dass auch ich, als nicht unmittelbar adressierte Person, die sexistischen Äußerungen anhören musste, reicht ihm nicht als Auftrag. Wenn jemand andere diskriminierende (z.B. rassistische oder homophobe) Äußerungen macht, wäre bei den gleichen linken Aktivist*innen eine Intervention selbstverständlicher. Bei Misogynie, also Frauenhass, gibt es diesen genauso wichtigen Beißreflex leider nicht.
    Also erkläre ich hier mal, warum ich solche Ansprachen politisch falsch finde:

    1. „Hallo“:

    Dagegen ist nichts einzuwenden.

    2. „Schön“:

    Schön zu sein in Gesichts- und Körperform, sowie Style, ist eine beschissene lookistische Norm, die auf der Auf- bzw. Abwertung von Personen wegen ihres Aussehens (engl. Look) beruht. Dies wirkt sich in der Dominanzgesellschaft zum Beispiel auf die Wahrnehmung von sexueller Attraktivität und sonstiger „Beliebtheit“, auf die Bezahlung der eigenen Arbeitskraft oder auf die Höhe von Geld- oder Gefängnisstrafen aus.

    Seit meinem Teenager-Dasein kämpfte ich unbewusst vor allem mit mir selbst darum, mir möglichst wenig Gedanken um mein Aussehen zu machen und möglichst wenig Energie da rein zu stecken. In diesem Rahmen habe ich unter anderem über Jahre darauf verzichtet Ohrringe zu tragen, jegliche Art von Schminke zu nutzen oder irgendwelche T-Shirts mit Aufschrift anzuziehen. Später wurde daraus eine bewusst in Kauf genommene Anstrengung, mir den eigenen lookistischen Blick abzugewöhnen.

    Sowohl in der „Außenwelt der normalen Gesellschaft“ als auch in linken Räumen findet diese Beurteilung statt. Die Zahl an Menschen aller Geschlechter* mit diagnostizierten Essstörungen oder dem Wunsch nach Schönheits-OPs steigt statistisch im Kapitalismus.

    Aber „schön Sein“ ist dabei traditionell vor allem Aufgabe von Frauen*. Wer sich schick macht, sei oberflächlich und „leicht zu haben“. Wer es nicht tut, sei hässlich (auch zu wenig weiblich) und unbeliebt.

    Die so selten erfahrene Wertschätzung von FLITs bzgl. unserer wirklich persönlichen Eigenschaften (und damit meine ich nicht unseren Haarschnitt) oder unseres konkreten Tuns wäre eine für mich erfreulichere Anerkennung. Dies würde vielleicht dazu führen, dass sich mehr FLITs in gemischten Zusammenhängen engagieren, statt sich zurück zu ziehen oder oder es als pure Anstrengung zu empfinden, in gemischten und somit zumeist von cis-männlichen Leuten dominierten Zusammenhängen unterwegs zu sein. Sich als FLITs zu organisieren, scheitert öfter an der politischen Schwäche innerhalb der ohnehin politisch kaum wahrnehmbaren linken Zusammenhänge.

    Sollte sich das „schön“ auf nicht-äußerliche Aspekte bezogen haben, dann ist der Zeitpunkt verpasst, es zu konkretisieren. Denn, dass Du es schön findest an der Bar bedient zu werden, sagt (erst bei genauerem Überlegen) mehr über Dich aus, als über die adressierten Personen, die Du kommentiert hast.

    3. „Frauen“:

    Ich = Frau? Ich weiß nicht genau. Auf die Frage welches Pronomen ich bevorzuge, stimme ich mangels guter (und einfach verwendbarer) Alternativen dem „sie“ zu. Vielleicht auch um mich vom „er“ abzugrenzen, denn mit Männlichkeit will ich so wenig wie möglich zu tun haben. Zu Männlichkeit zählt für mich zum Beispiel sexistisches Verhalten, wie das von dem o.g. Typ an der Bar oder männliche Verbündelung. Auch wenn das mal mehr, mal weniger schwer zu fassen und irgendwie doch situationsabhängig ist und gewiss auch von anderen Gendern manchmal gemacht wird (es bleibt trotzdem der Rahmen von hegemonialer Männlichkeit), zählt darunter auch dominantes Verhalten, die Abgrenzung von Emotionalität und Stärke als Anspruch an sich und an die Welt usw. usw..
    Was mich sicherlich zur Frau macht, ist nicht in erster Linie meine Vulva, sondern vor allem, die gemeinsame Erfahrung als solche unterdrückt zu werden. Dabei grenze ich mich nicht so stark wie nötig von der zweidimensionalen Geschlechternorm (die abgeschafft gehört) ab. Die Unterdrückungserfahrung zu benennen und sichtbar zu machen, meine ich trotzdem als Akt von queerfeministischer Solidariät.

    Deshalb möchte ich hier klar stellen, dass dies kein Freibrief für meine cis-männlichen Genossen ist, mich als „Frau“ anzusprechen – auch wenn ich ständig typische Frauenarbeiten übernehme. Fast immer erfülle ich meine revolutionäre Pflicht als als aktivistische „Service-Kraft“ bzw. Care-Workerin hinter den Kulissen an der Theke, im Antirepressionsbüro, als (überproportional häufige) Protokollant*in oder Moderator*in im Plenum, emotionale Beratungs- und Unterstützungsstelle meiner Mitaktivist*innen, Infrastruktur-Organisator*in oder dergleichen.

    4. „Das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen…“

    Dieser Satz hatte in den letzten Jahren Hochkonjunktur bei der Rechtfertigung von rassistischer und nationalistischer Scheiße und ich habe ihn eindeutig zu oft gehört. Sowohl dieser Satz als auch die inhaltliche Resistenz mit Abperl-Effekt bzgl. Misogynie lösen bei mir Gewaltphantasien aus, die über respektlose Begrüßungsformulierungen hinaus gehen.

    2.+3.=5. „schöne Frauen“:

    Diesen und ähnliche Ausdrücke höre ich überproportional häufig im Kontext von „Anmachen“ durch Männer oder in ähnlichen vergleichbar unangenehmen Situationen. Unsere Körper sind dem permanenten Zugriff der Öffentlichkeit ausgesetzt – durch Kommentierungen, durch Anforderungen oder auch durch direkte (fast immer ungefragte) Berührungen.

    Vergewaltigungskultur liegt in der Luft, die wir atmen und macht auch an der Veto-Tür keinen Halt.

    Zum Einen bringe auch ich meine Erfahrungen und Ängste untrennbar von meiner Person mit. Von klein auf habe ich gelernt nicht zu widersprechen, wenn der überall präsente, freundliche Sexist sagen darf, was er für nett hält. Höflich ist es, nichts daran in Frage stellen. Dankbar lächeln soll ich für das Kompliment. Eine kurz gefasster Bericht über alle konkreten körperlich sexistischen Übergriffe (verschiedener Qualitäten), die ich erfahren habe, wäre länger als dieser Artikel.

    Zum Anderen stellen sich Verhaltensweisen und Strukturen auch im Veto immer wieder in sexistischer und bedrohlicher Weise her, die hier versucht werden zu bekämpfen. Als Norm und damit verbundene Alltagspraxen bestehen sie trotzdem in einer Kultur, in der die Objektifizierung von nicht-männlichen Körpern akzeptiert wird. Folgende Bilder sind bereits in allen Köpfen der Gesellschaft mehr oder weniger drin: Schön seien Frauen vor Allem dann, wenn sie passiv sind, d.h. sich dem Schicksal als sexueller Gegenstand ergeben. Verführerisch (also zur Nutzung als Sexobjekt einladend) seien ihre nackte Haut und ihre Blicke; auch wenn Bikini-Modells, im Gegensatz zu mythologischen Malereien von Frauenkörpern, heutzutage sogar direkt in die Kamera schauen dürfen. Körperliche Nähe und Sex ohne expliziten Konsens sei „das normalste der Welt“.

    Insofern scheint es mir nicht übertrieben (auch bei rationaler Prüfung meines schlechten Gefühls) beim Hören von Zuschreibungen und Kommentierungen, Angst zu bekommen.

    Wir haben uns daran gewöhnt – haben die anstrengende Wahl zwischen Rückzug, Verdrängung und Abwehr. Ich habe mich für Abwehr entschieden. Dies hatte ewige Diskussionen mit dem Typen von der Theke zur Folge, die zu meiner Entlastungen von der oben erwähnten Freundin aus dem Awareness-Team geführt werden musste, während ich mich mit dem anderen Typ aus dem Awareness-Team abmühte.

    Was ich mir wünsche:

    A. Dass die ignoranten Typen die Fresse halten! Zum Einen meine ich dies generell auf sexistische (und anderen Scheiß-) Äußerungen bezogen. Und zum Anderen, wenn Ihr auf beschissene Äußerungen hingewiesen werdet, kann es hilfreich sein nicht als erstes zu widersprechen oder sich zu rechtfertigen. Macht Platz auf der Tanzfläche und in Euren sozialen Positionen für linke FLITNQ*.
    Wer die bessere Welt befürwortet, könnte ja auch dankbar für die Konfrontationen und Reflexionsanstöße sein und sich belesen, erklär- und diskussionsbereite Mitmenschen fragen oder auch bei feministischen Workshops mitmachen. Wem das eh egal ist, hat meines Erachtens im Veto nichts zu suchen.
    B. Dass meine Freund*innen wissen, wie dankbar und wertschätzend ich bin für die gemeinsame schöne oder harte Zeit und die gegenseitige Unterstützung und das viele Lernen durch einander. Heute vor allem die eine, die so oft – wie auch an diesem Abend – die äußerst anstrengende Awarenessarbeit macht – sowohl auf Zecken-Parties, als auch jeden Morgen spätestens sobald sie ihr Haus verlässt.

    … und dass wir uns gegenseitig darin bestärken, genauer hin zu schauen, wie Sexismus funktioniert, den Blick für unsere Bedürfnisse zu schärfen und zu analysieren, wie unsere Erfahrungen uns hier beeinflussen. Das ist die Grundlage, um gemeinsam zu überlegen, wie wir damit kollektiv umgehen können.


    „Awareness“:
    engl.: to be aware = bewusst/ aufmerksam sein.
    Ein Awareness-Team beschäftigt sich aktiv mit der Vermeidung oder Bekämpfung von diskriminierenden Bedingungen und Verhaltensweisen wie z.B. rassistischen, sexistischen (d.h. misogynen, patriarchalen, transphoben und homophoben) sowie ableistischen usw. Übergriffen und unterstützt die Betroffenen.
    Sie sind bis unter die Zähne mit Argumenten gegen die strukturell besonders häufig vorkommenden Herrschaftsmechanismen (wie Rassismen, Sexismen usw.) bewaffnet und intervenieren bei besonders auffälligen Äußerungen.
    Ihre Wirksamkeit für herrschaftsärmere Räume kann und muss unterstützt werden durch vorherige Überlegungen bei der Veranstaltungsplanung: zum Beispiel zu Inhalt und Repräsentationsfragen von Bands und Referent*innen (indem nicht nur weiße cis-Männer auf der Bühne stehen, die ihre exklusive Sicht auf die Welt kundgeben), zu Raumgestaltung (z.B. Lichtverhältnisse, Toilettensituation …) oder zu Kommunikationsverhalten, Entscheidungsfindung und Arbeitsteilung sowie zur Einladungspolitik.

    Kein Problem meiner Brüder

    Hilde Teichgräber beschreibt ihre Erfahrungen mit Sexismus. Gemeinsam mit anderen jungen Frauen veröffentlichte sie dazu einen offenen Brief an Jenaer Clubs und berichtet in diesem Artikel über die Beweggründe einen solchen Brief zu formulieren.

    Anfang Januar 2017 habe ich einen Vortrag zum Thema „Rape Culture“ der Gruppe „The Future Is Unwritten“ gesehen. Wenige Tage später schlug ich das Thema für eine Arbeitsgruppe im Rahmen einer Schulprojektwoche vor. Es fanden sich sechs Mitschülerinnen, die sich mit mir zusammen mit dem Thema auseinandersetzen wollten.

    Einmal sensibilisiert für sexuelle Belästigung und Gewalt, dauerte es nicht mehr lange, bis wir uns in einem Erfahrungsaustausch wiederfanden. Wir sprachen über Begegnungen, die uns zwar unangenehm gewesen waren, aber scheinbar auch so normal, dass keine von uns es jemals für nötig oder angemessen gehalten hatte, das Erlebte auszusprechen. Die Erlebnisse, über die berichtet wurde, waren alle auf ihre eigene Weise erschreckend. Ein Mädchen erzählte, dass sie, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Club feiern war, mit 16 Jahren, von einem jungen Mann dermaßen bedrängt wurde, dass er auch nachdem sie ihn mehrmals weggeschoben hatte nicht von ihr abließ und ihr ohne jede Zustimmungsgeste von ihrer Seite seine Zunge in den Hals steckte. In einer Umfrage, die wir in der Oberstufe unserer Schule durchgeführt haben, gaben die Hälfte der Mädchen an, schon einmal gegen ihren Willen geküsst worden zu sein. Diese Umfrage ist nicht repräsentativ. Und doch hat uns die Zahl erschreckt. Gerade weil sie unser direktes Umfeld repräsentiert. Man bemerke außerdem, dass die Befragten zwischen 16 und 19 Jahre alt sind. Eine andere Mitschülerin berichtete, sie sei ebenfalls nächtens in einem Club bedrängt wurden. Auch nach mehrmaligem „Ich möchte das nicht.“ und „Lass mich los!“ habe der Unbekannte nicht aufgehört sie zu belästigen, sie hochgehoben und einige Meter durch die menschenvollen Veranstaltungsräume getragen.

    Ich persönlich erinnerte mich an ein Ereignis des letzten Jahres. Ich war 17 Jahre alt und auf dem Weg von Italien nach Kroatien. Ich fuhr über Nacht allein mit einer Fähre von Ancona nach Split, wo meine Familie mich vom Hafen abholen sollte. Die Schifffahrt begann aufregend, denn ich war davor erst ein paar Mal mit einer Fähre gefahren und das Umfeld war mir neu. Als ich es mir gegen 12 Uhr nachts mit meinem Schlafsack auf einem Sessel bequem gemacht hatte, sprach mich ein junger Mann aus Neapel an. Wir unterhielten uns eine Weile, und es stellte sich heraus, dass er auf dem Schiff arbeitete – genauer gesagt die Verantwortung für den Hoteltrakt der Fähre trug. Er fragte mich, ob ich Lust hätte eine Runde über das Schiff zu drehen. Im Verlauf des weiteren Gesprächs lud er mich auf ein Getränk ein. Ich unterhalte mich auf Reisen oft mit anderen Passagieren. Besonders auf Zugfahrten passiert es mir häufig, dass ich mich in dreistündige Gespräche mit meinen SitznachberInnen verliere. Es ist fast immer eine Bereicherung, so ein flüchtiger Kontakt zweier sich vollkommen fremder Menschen. Wir kommen von verschiedenen Orten, treffen kurz aufeinander, finden vielleicht Gemeinsamkeiten und dann geht einE jedeR wieder seiner oder ihrer Wege. Auch mit diesem Menschen aus Neapel empfand ich den Austausch zunächst als bereichernd. Er bot mir an, dass ich in einer der leeren Passagierkabinen schlafen könnte. Ich jubelte innerlich, da ich so nicht auf einem mäßig bequemen Sessel übernachten musste. Wir brachten meinen Kram in die besagte Kabine. Mir war in diesem Moment sonnenklar: jetzt verabschiedest du dich von ihm, bedankst dich noch einmal und das war´s. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Interesse kommuniziert, ihm näher zu kommen. Wir standen also in dieser Kabine, ich sagte, dass ich jetzt schlafen wollte und auf einmal küsste er mich. Er fasste mir an die Brüste. Und ich brauchte einen Moment, bis ich ihn von mir wegschieben konnte. Danach akzeptierte er zwar, dass ich wirklich in Ruhe gelassen werden wollte und ging weg, doch am nächsten Morgen, etwa eine Stunde, bevor wir anlegten, hielt er es für nötig noch einmal in meine Kabine zu kommen um mich zu wecken. Ich hatte mich in ein oberes Bett der Doppelstockbetten gelegt und schickte ihn, zu diesem Zeitpunkt dann deutlich genervt und nicht mehr freundlich, weg. Erleichtert atmete ich auf, als ich endlich an Land ging. Dieser Mann, dessen Name mir entfallen ist, war um die dreißig Jahre alt und ich war 17. Eine junge Frau, allein unterwegs. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt kommuniziert, dass ich an mehr als einem Gespräch mit ihm interessiert sei. Dennoch schien es für ihn selbstverständlich, dass ich eine Art Gegenleistung dafür, dass er mir eine Kabine überlassen hatte, bringen würde.
    Dieses Erlebnis war ein Extrem, welches ich nur einmal so erleben musste. Doch es reiht sich ein in verschiedene Erfahrungen, die ich vielleicht hätte vermeiden können, wäre ich nicht nachts betrunken durch die Straßen von Pistoia in Italien oder bei helllichtem Tage in der Uniform einer katholischen Mädchenschule durch Addis Abeba, Äthiopien, gelaufen. Ja, ich kann darauf achten, dass ich immer aufmerksam bin und mein Umfeld ständig im Blick habe. Das wird mich nicht vor allen negativen Begegnungen schützen können, aber deren Zahl eventuell etwas mindern. Ich kann aufpassen, dass ich, wenn ich feiern gehe immer von meinen FreundInnen umgeben bin und ständig kontrollieren, ob der Typ der hinter, neben, vor mir tanzt irgendwie seltsam oder auch nicht seltsam ist. Ich kann darauf achten – und tatsächlich mache ich das auch. Intuitiv und ständig. Und da ich daran gewöhnt bin, scheint mir das nur verantwortungsvoll und normal.

    Der Punkt ist aber: meine beiden kleinen Brüder werden sich Gedanken dieser Art nie machen müssen. Meine großen Cousins werden wohl kaum befürchten, dass sie Betroffene von sexualisierter Gewalt werden, wenn sie das nächste Mal feiern gehen. Auch sie sind nicht sicher vor den Spannungs- und Gefahrensituationen, die sich ergeben können, wenn man sich in den öffentlichen Raum begibt – aber rein statistisch gesehen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich als Frau mit sexueller Belästigung konfrontiert sehe viel höher, als sie für meine männlichen Familienmitglieder, Freunde und Mitschüler ist.
    Das ist normal. Das war schon immer so.
    Das sind keine Argumente, sondern gute Ansätze, um etwas zu kritisieren.
    Der Austausch mit anderen Frauen jeden Alters hat mir gezeigt, dass ich nicht allein mit diesen Erfahrungen bin. Meine individuelle Erfahrung ist vielleicht nicht auf alle Frauen verallgemeinerbar – doch viel zu viele teilen sie.

    Als wir anfingen über Momente, in denen unsere Grenzen von anderen nicht respektiert wurden, zu sprechen, fand in unserer Gruppe ein kollektiver Prozess des sich-bewusst-Werdens statt. Aus der Erkenntnis, nicht allein zu sein, entstand die Idee eines offenen Briefes. Dieser sollte insbesondere alternative, linke Clubs dazu auffordern, sich der Problematik bewusst zu werden und praktische Konzepte, sexualisierter Gewalt vorzubeugen und den Betroffenen zu helfen, zu entwickeln. Alina Sonnefeld konnte sich dafür begeistern den besagten Brief zu verfassen. Wir diskutierten ihn in unserer Gruppe und beschlossen, dass auch wir ihn, neben Alina, mitunterzeichnen wollten.

    Innerhalb kurzer Zeit nach der Veröffentlichung des Briefes entstand ein Diskurs, der teils konstruktiv, teils schlichtweg beleidigend, hauptsächlich in den sozialen Netzwerken unserer Zeit, ausgelebt wurde. Debatte und Diskussion wurden nicht klar voneinander abgegrenzt und so wurde das sensible Thema der sexualisierten Gewalt von manchen ZeitgenossInnen als Gegenstand der persönlichen Profilierung missbraucht.

    Verschiedene Perspektiven wurden an uns herangetragen. Viele Menschen reagierten bestärkend und finden sich selbst in unserem Anliegen wieder. Einige meiner Freundinnen sind zwar schockiert, dass viele von uns regelmäßig belästigt werden, fühlen sich selbst aber nicht als Betroffene. Manche von ihnen solidarisieren sich, auch ohne dass sie persönliche Erfahrungen gemacht haben, mit den Betroffenen.

    Es mangelte jedoch auch nicht an konträren Positionen. Auf einmal sahen wir uns mit Nachrichten konfrontiert, in denen uns auf unterstem Niveau nahegelegt wurde, unsere Mitschuld an derlei Vorfällen zu reflektieren. Im Ton von „Wie ihr rumlauft, braucht ihr euch doch nicht wundern, wenn ihr angegrapscht werdet.“. Ich hielt es für angemessen, zumindest mit den Menschen, die ich persönlich kenne und die zu solchen angreifenden Reaktionsweisen neigten, das Gespräch zu suchen. Im Nachhinein muss ich jedoch feststellen, dass Unterhaltungen dieser Art für mich wenige neue Erkenntnisse bereithielten. Meine Vermutung ist deshalb, dass diese Gegenreaktionen immer das Festhalten an bestehenden Missständen und Machtverhältnissen zum Ziel hatten. Eben weil diese Missstände und Machtverhältnisse nicht als solche enttarnt werden sollen.
    Manche MitschülerInnen kommunizierten uns, dass sie noch nie sexualisierte Gewalt erleben mussten und bemängelten, der offene Brief stelle die Zustände viel extremer als sie eigentlich sind dar. Zum Glück geht es nicht allen Frauen so wie mir und meinen sechs Mitstreiterinnen. Tatsächlich gelingt es mir ja auch immer wieder durch übertriebene Aufmerksamkeit derlei Situationen vorzubeugen. Wieso der Mangel an eigener Erfahrung jedoch die Solidarisierung mit denjenigen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, ausschließen sollte, ist mir unklar.
    Alle Gegenreaktionen zielten darauf ab zum Ausdruck zu bringen, dass unser Anliegen entweder nicht ernst zu nehmen, nicht von gesellschaftlicher Relevanz oder insgesamt viel zu vorwurfsvoll geäußert worden sei.

    Wir schickten den Brief an insgesamt 10 Clubs in Jena. Zunächst hatten wir nur die alternativen Häuser im Blick gehabt, nicht, weil das Problem dort besonders stark zu Tage tritt, sondern weil es eben leider auch dort präsent ist. Dann dachten wir jedoch, dass sämtliche VeranstalterInnen den Anspruch haben sollten, dass ihre Häuser frei von sexualisierter Gewalt sind und so schrieben wir auch ihnen.

    Es reagierten nur die alternativen, linken Veranstaltungsorte. Doch mit ihnen entwickelte sich dafür ein Austausch, der umso bereichernder war. Heute ist klar:
    Im Austausch mit dem größten linken Club Jenas, setzen wir uns gemeinsam mit dessen MitarbeiterInnen dafür ein, dass sich die Atmosphäre dort verbessert. Wir möchten, dass diese Häuser zu einem Ort werden, an dem wir uns alle wohlfühlen können. Ein Ort an dem Frauen und Männer das Gefühl haben, mit ihren Anliegen ernstgenommen zu werden. Patriarchale Strukturen und Verhaltensweisen werden leider selten an der Tür abgewiesen, aber Clubs sind nicht schuld an sexualisierter Gewalt. Sie brauchen effektive Strategien, um diesem gesellschaftlichen Phänomen entgegenzuwirken.

    Räume zu schaffen, in denen eine bessere, freiere, gleichberechtigtere Form des Zusammenlebens erprobt wird, sollte im Selbstverständnis linker Veranstaltungshäuser liegen. Die ständige Suche nach Verbesserungsvorschlägen und Handlungsalternativen ist deshalb unabdingbar.
    Das ist es, was linke Szene auszeichnen sollte: links sein heißt, zu hinterfragen. Kritik als Chance zu sehen. Sich für ein besseres Miteinander einzusetzen. Diskriminierung nicht zu tolerieren. Sich für Gleichberechtigung einzusetzen. „Das war schon immer so“ als Kritik und nicht als Argument anzubringen. Und vor allem nicht anzuerkennen, dass Dinge unveränderbar seien und es bleiben müssten. Links sein heißt diskutieren, streiten, aushandeln, kämpfen. Und vielleicht auch zu träumen – davon, dass sich die Dinge verbessern können.

    Auch wenn es anstrengend ist, in einer Debatte über ein Thema zu diskutieren, welches zugleich privat und politisch ist, bin ich sicher, dass unsere Reaktion die einzige ist, für die ich mich weder vor anderen noch vor mir selbst rechtfertigen muss. Denn das Totschweigen und Kleinreden von sexualisierter Gewalt hat auch in den letzten 2000 Jahren nicht besonders gut funktioniert. Zumindest nicht für die Hälfte der Menschheit.

    Auch wenn wir uns in kleinen Schritten fortbewegen, bin ich doch überzeugt, dass es sich lohnt an diesem Thema anzusetzen. So hat sich schon einiges getan. In Jena eine gründete sich eine Gruppe von UnterstützerInnen. Wir konnten verschiedene Personen in der Jugendarbeit auf Konzepte hinweisen, die zum Ziel haben, dass sexualisierte Gewalt gar nicht erst geduldet wird. Im September soll im Kassa ein Vortrag und Workshop mit dem Titel „Feministisch Feiern“ stattfinden. Daraufhin möchten wir ein Angebot schaffen, indem sich insbesondere MitarbeiterInnen von Clubs mit Awareness Konzepten auseinandersetzen können.

    Für die Akzeptanz verschiedenster nicht-heteronormativer Lebensweisen

    Die AG QueErfurt setzt sich für queere Sichtbarkeit und Akzeptanz verschiedenster nicht-heteronormativer Lebensweisen ein. Die Lirabelle sprach mit Siân und Norman von der Gruppe.

    Könnt ihr eure Gruppe kurz vorstellen?

    Norman: QueErfurt ist eine Hochschulgruppe an der FH und Uni Erfurt. Unsere Mitglieder sind jedoch nicht nur Studierende und wir richten uns auch nicht nur an Studierende. Wir versuchen, das queere Leben in Erfurt durch Veranstaltungen zu bereichern und uns in verschiedenen Kontexten für queere Menschen einzusetzen. Wobei queer bei uns bedeutet, sich gegen geltende gesellschaftliche Normen zu stellen, politisch oder privat.

    Wie steht ihr zur Identitätspolitik des älteren Feminismus, der vor allem für Frauen im engeren Sinne eingetreten ist?

    Siân: Der Feminismus hat sicherlich seinen alleinigen Fokus auf Frauen, im Sinne von Cis-Bio-Frauen aufgegeben, aber eine andere Art der Identitätspolitik ist diesem gewichen. Ich meine, es geht nun um verschiedene Gruppen, die verschieden von Diskriminierung betroffen sind und auch Privilegien anderen Gruppen gegenüber haben können. Das ist durchaus eine Weiterentwicklung, da Feminismus so auf die diversen Probleme einer diversen Gruppe eingehen kann. Klar, gibt’s da Futter für Spaltung und Uneinigkeit, aber sonst ignorieren wir schlussendlich wieder spezifische Probleme. Am Ende ist das Ziel eine Welt ohne Identitäten, die mit Diskriminierung oder Privilegien aufgeladen sind, in der Menschen einfach Menschen sind. Bis dahin kommen wir um die Benennung von Identitäten nicht herum. All dies kann am Ende wieder unter dem Banner des Feminismus zusammengefasst werden. Deshalb ist queer für uns auch ein politischer Terminus, dem sich alle Menschen unterordnen können, die gegen eine heteronormative Gesellschaft stehen, also auch polyamore, bi-, pan- und asexuelle. Wir wollen nicht ausschließen, während wir gleichzeitig den Unterschieden innerhalb der Gruppe Raum geben.

    Also ist Queer für euch die zeitgenössische Form des Feminismus, Alice Schwarzer, Nancy Fraser und Frigga Haug nur noch eine Erinnerung an alte Zeiten?

    Siân: Alice Schwarzer ist Geschichte. Dieser Art Feminismus hat in den 1970er-Jahren unglaublich emanzipatorische Sachen geschrieben, aber das interessiert junge Feministinnen heute nicht mehr. Feminismus ohne Queer geht heute einfach nicht mehr. Gleichwohl sind Frauen – auch wenn das eine Konstruktion ist – immer noch benachteiligt, machen die meiste Reproduktionsarbeit, verdienen weniger und sind mehr sexueller Gewalt ausgesetzt. So lange das so ist, muss es auch sichere Orte für Frauen – und dazu zählen auch Trans-Frauen – geben. Und auch für Männer, die Opfer von Gewalt sind.

    Queere Sichtbarkeiten in Erfurt sind rar, es sieht oft so aus, als dominiere der Cis-Hetero-Mainstream. Kann man queer in Erfurt gut leben?

    Siân: Der Cis-Heteronormative-Mainstream dominiert definitiv in Erfurt.

    Norman: Da muss man vielleicht unterscheiden. Du kannst durchaus gut im Sinne von unbehelligt leben, in den meisten Teilen von Erfurt.

    Siân: Ja das stimmt. Ich würde schon aufpassen, wo und zu welcher Uhrzeit ich mich wie verhalte, aber es ist nicht so, dass man überall Angst haben muss. Allerdings gibt es wenige Orte und Events, die sich konkret an queere Menschen oder vor allem queere Jugendliche und junge Leute wenden. Gerade deshalb legen wir auch viel Wert auf Kultur- und Wissensveranstaltungen mit queerem Fokus.

    A propos Wissensveranstaltungen. Ich war mal auf einem queeren Camp, bei dem wir in der Vorstellungsrunde unsere Pronomen sagen sollten. Ein älterer Mann aus dem Dorf, wo das Camp stattfand, fragte: „Was ist ein Pronomen?“, was mit Augenrollen quittiert wurde. Ist eine gelingende Queer-Performanz eine Klassenfrage?

    Siân: Ich würde eher sagen hier geht es um Bildung und nicht um akademische Bildung. Man braucht keinen BA oder Abitur um zu lernen wie durchtränkt unsere Kultur und Gesellschaft mit dem Konzept der Heteronormativität ist. Man muss nicht studiert haben um zu verstehen was trans* oder bisexuell bedeutet. Die Konzepte sind sehr einfach, aber man kann Menschen oft nicht vorwerfen, wenn sie noch nie davon gehört haben oder nur eine sehr verzerrte, durch die Linse der Heteronormativität präsentierte, Version bekommen haben.

    Norman: Man muss einfach nur an unsere eigene Uni hier in Erfurt gehen. Da hatten wir selbst erst Debatten darüber, im Stura aber auch in Kursen und mit Professor*innen, ob es wichtig ist, auf verschiedene Geschlechtsidentitäten einzugehen oder auch nur ungegenderte Sprache zu benutzen. Bildung ist definitiv kein Garant für Verständnis queerer Themen oder queerer Performanz.

    Aber nochmal andersrum gefragt: Legt die Queer-Szene nicht zu viel Aufmerksamkeit auf symbolische Politiken und zu wenig auf soziale Ungleichheit?

    Siân: Ich persönlich habe mich mit sozialer Ungleichheit nicht viel auseinandergesetzt. Aber eigentlich finde ich alle Unterdrückungsformen gleich wichtig und ich finde es super, wenn Leute, die unterschiedlich diskriminiert werden, zusammenarbeiten. Auch wenn das in unserer Praxis im Moment keine allzugroße Rolle spielt.

    In den letzten Jahren entwickelt sich im und an den Rändern des Rechtspopulismus ein neuer Antifeminismus, der auf jede Modernisierung von Geschlechterverhältnissen eindrischt. Nehmt Ihr so was auch in Thüringen wahr? Würdet Ihr das Lehrangebot von Andreas Lindner in Studium Fundamentale der Uni Erfurt in diesen Kontext rücken?

    Siân: Wir haben durchaus das Gefühl, dass es eine homophobe, antifeministische Stimmung in Thüringen gibt. Das Lehrangebot von Andreas Lindner ist nur ein Indiz dafür. Die AfD und Höckes Reden tragen auch dazu bei. Bodo Ramelow hat bei der Eröffnung der Hirschfeld Tage im November gesagt, dass statistisch kein Bundesland homophober sei, als Thüringen. Das macht uns Sorgen.

    Norman: In Dr. Lindners Veranstaltung sind Abtreibungsgegner aufgetreten sowie Männer die ihrem Publikum erzählten, mit dem Feminismus wär‘s nun auch mal genug. Wir wären quasi bei Gleichberechtigung angelangt. Gleichzeitig erkennen Lindner, wie auch seine Frau, die Psychologin ist, trans* Personen nicht als normale Menschen an.

    Siân: Es gab definitiv im Seminar kritische Antworten aus der Studierendenschaft. Und es ist auch gelungen, auf verschiedenen Ebenen an der Uni zu thematisieren, wie unausgewogen und antifeministisch das Seminar war. Woran es genau gelegen hat, können wir nicht sagen, aber am Ende steht fest, dass es im kommenden Semester kein Studium Fundamentale mit Andreas Lindner geben wird. Allerdings muss man auch sagen, dass wir viel Gegenwind für unsere Kritik bekommen haben, was definitiv mit einer verbreiteten antifeministischen und antiqueeren Grundstimmung an der Uni zu tun hat.

    Wie erreicht man euch, wenn man mitmachen möchte?

    Norman: Erreichen kann man uns über per Email oder über unsere Facebook Seite. Wir freuen uns über neue Leute mit neuen Ideen, Plänen und Vorhaben.

    Kontakt: queerfurt@fh-erfurt.de