Kategorie-Archiv: Aluhut-Chroniken

Schlafen mit Aluhut

Wie ihr in unserem Editorial schon vernehmen musstet, sind die staatlichen Geldquellen für die Lirabelle unter Mithilfe der AfD sowie weiterer Kräfte ausgetrocknet worden. Bis die Kohle vom Mossad eintrifft, schlagen wir einfach zurück und finanzieren uns über Werbebanner, die potentielle AfD-Wähler ansprechen sollten und die, wie das im Aluhut-Milieu häufig so ist, widersprüchlicher kaum sein könnten.

Wunderheilmittel

Dir schmerzt es im Rücken? MMS! Du bist zu dumm? Black Goo! Dir juckts in der Nase? MMS! Du hast kein Kollektivbewußtsein? Black Goo! Eine Ärztin diagnostiziert bei dir HIV? MMS! Du willst telepathische Verbindungen zu Tieren und Pflanzen? Black Goo!

Wer sich schon einmal in die bunte Welt der Alternativmedizin verirrt hat, wird es kennen: Globulis helfen gegen alles. Eigenbluttherapien siegen, wo hochtechnologisierte Schulmedizin versagt und die unbeschreibliche Wirkmächtigkeit von Schüßler-Salz muss hier nicht extra erwähnt werden. An dieses Zeug kann geglaubt werden oder nicht, der Schaden bei Einnahme hält sich jedoch in Grenzen. Doch gegen die „dunkle“ Seite der Alternativmedizin, sind diese homöopathischen Mittelchen wahre Schmusekätzchen: wirkungslos aber wenigstens nicht schädlich. Doch wenn das „Miracle Mineral Supplement“ (auch „Vitamin O2“ kurz MMS) oder das „intelligente Öl“ (auch „fühlendes Öl“ oder „schwarzer Glibber“, meist jedoch „Black Goo“) in Spiel kommen, dann ist der Giftschrank der sogenannten Alternativmedizin ganz weit offen. Dann bekommt meist nicht nur der Geldbeutel ein großes Loch, sondern bald auch wichtige Organe im eigenen Körper.

Für Uneingeweihte ist MMS lediglich ein Gebräu oder eine Pille auf Basis eines Desinfektionsmittels, welches wiederum toxische und umweltschädliche Chlordioxide unter bestimmten Bedingungen freisetzt. Für „Eingeweihte“ soll MMS gegen „böse“ Viren und Bakterien vorgehen (Malaria, oder der HI-Virus) die „guten“ Bakterien aber verschonen. Wissenschaftlich ist das natürlich nicht haltbar. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die sich Einläufe mit dieser Brühe machen. Auch wenn der Einsatz von Chlordioxiden tatsächlich zur Desinfektion von Trinkwasser genutzt wird, ist die dortige Dosierung viel geringer, als bei einer Einnahme von MMS-Präparaten.

In Form von Globulis soll Black Goo die erfundene Krankheit „Morgellonen“ heilen, telepathische Verbindungen zu Pflanzen und Tieren ermöglichen und die Intelligenz des Konsumierenden erhöhen. Nach Meinung von David Griffin ist Black Goo auch für den Falklandkrieg verantwortlich. Seine „Recherchen“ „belegen“, dass es südlich der Falklandinseln eine „Thule-Insel“ gibt, auf der das intelligente Öl durch Argentinien abgebaut wurde. Das nach Großbritannien exportierte Black Goo soll Mitarbeitende einer Rüstungsfirma getötet haben und daraus sei dann der Falklandkrieg erwachsen. So behauptet es jedenfalls Griffin und seine Gruppe „Exopolitics UK“, die sich eigentlich der Bekanntmachung außerirdischen Lebens auf der Erde widmet. Bleibt am Ende nur die Frage, ob die Verbesserung der Intelligenz durch Black Goo auch wirklich von Dauer ist. Sollte die Dummheit durch das „intelligente Öl“ irgendwann ausgerottet sein, gibt es ja dann auch keine Konsument_innen mehr.

Terror unterm Aluhut

Die Attentatsserie in Paris am 13. November 2015 ist kaum ein paar Stunden alt, da tauchen schon die ersten Verschwörungsideen im Internet auf. Eine der ersten dürfte die „Menschenrechtsaktivistin“ Mary Hughes-Thompson gewesen sein. In einem Tweet schreibt sie: „Ich sage nicht, dass Israel dafür verantwortlich ist. Aber Bibi [Spitzname von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu] ist sauer wegen des europäischen Siedlungs-Boykotts.“ Und dann kommt der Klassiker aller Verschwörungsideolog*innen, die rhetorische und so viel mehr beantwortende als fragende Frage aller Frage: „So who knows?“. Tja, wer weiß es? Mit Sicherheit wissen es zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rettungs- und Sicherheitskräfte, die versuchen im Chaos der verschiedenen Anschlagsorte den Überblick zu bewahren, und auch die meisten Politiker*innen hielten sich in den ersten Stunden mit Vermutungen stark zurück. Aber Mary Hughes-Thompson, eine Initiatorin der „Free Gaza“-Bewegung, konnte dem Impuls einfach nicht widerstehen das aktuelle Weltgeschehen ihren verkorksten Wahnvorstellungen anzupassen. Ihr sollten in den nächsten Stunden noch viele berühmt-berüchtigte Kolleg*innen aus dem Aluhutkollektiv folgen. Doch bleiben wir erst einmal bei Hughes-Thompsons Theorie, dass der israelische Staat (oder verkürzt: „die Juden“) hinter den Terrorattacken steckt. Eine Theorie, die bei Terror unter eigentlich allen Terroranschlägen früher oder später von jemanden geäu- ßert wird. Dass dies bei den aktuellen Anschlägen noch größerer Bullshit ist als sonst, kann man schon an der Wahl des Bataclan-Clubs als Terrorziel sehen. Der Club hat immer wieder pro-israelische Veranstaltungen durchgeführt und die Band, die an diesem Abend im Bataclan spielte, die Eagles of Death Metal, hatte sich in der Vergangenheit immer wieder pro-israelisch geäußert. So schmetterten sie dem „Boycott Israel“-Aktivisten und Pink Floyd-Sänger Roger Waters ein deftiges „Fuck you“ entgegen, als dieser die Band dazu aufforderte ihre Auftritte in Israel abzusagen. Welches Interesse hat also der israelische Staat daran, zwei ausgewiesene pro-israelische Institutionen wie die Eagles of Death Metal und das Bataclan mit Terror zu überziehen? Die Antwort ist gleichzeitig ein wahres Zauberwort der Szene seit dem 11. September 2001: „false flag“: Jemand führt unter „falscher Flagge“ einen Anschlag durch, um den wahren Hintergrund zu verschleiern und andere zu belasten. „False flag“ erfreut sich so großer Beliebtheit in der Szene, weil auch nach dem Ende der Beweisaufnahme immer genügend Zweifel bleiben um alles und jeden als „möglichen Drahtzieher“ an den Pranger zu stellen. So macht es auch der Antisemit, Reichsbürger und Esoteriker Jo Conrad. Er hat auf Facebook schnell die Neue Weltordnung (NWO) als „Hintergrundmacht“ hinter den Anschlägen in Parisausgemacht. Natürlich nicht ohne die obligatorischen Fragezeichen und Konjunktiv-Formulierungen, denn „Ordo ab chao, Ordnung aus dem Chaos ist ihr Motto. Chaos können sie erzeugen. Ihre „Ordnung“ soll die totale Kontrolle sein, […]“ Natürlich stecken in solchen Posts auch ein paar Wahrheiten. Durch die neuen Terrorangriffe werden die Stimmen nach dem Ausbau des Überwachungsstaates wieder lauter werden. Die CSU in Person von „Kronprinz“ Markus Söder hat schon angefangen zu poltern. Und deswegen soll auch er in dieser Kolumne nicht fehlen. Macht Söder doch die „offenen Grenzen“ und Merkels Asylpolitik für die Attentate zumindest indirekt mitverantwortlich für die Anschläge. Dass die meisten Geflüchteten gerade vor diesem „alltäglichen“ Terror in ihren Ländern fliehen, blendet der bayrische Aluhutträger Söder einfach aus.
ABER bei all diesen Dummheiten, die die Verschwörungsdeppen an solchen Tagen von sich geben, gibt es auch immer wieder einen Typus, der uns schmunzeln lässt: Die Mathematiker*in unter den Aluhutträger*innen. Denn die hat das Ganze mal durchgerechnet und kommt auf folgendes Ergebnis:
11.09.2001: 1+1+9+2+1 = 14
13.11.2015: 1+3+1+1+2+1+5 = 14
Da bleibt uns also nur, an Tagen, die in der Quersumme 14 ergeben, den Aluhut aufzusetzen und in die Betonbunker zu fliehen. Das ist doch mal einwirklich guter Tipp in diesen unsicheren Zeiten.

Die Protokolle der Weisen von Zion

Die Protokolle der Weisen von Zion sind die vielleicht wirkmächtigste Verschwörungsideologie weltweit. Sie füllen die ansonsten hohlen Schädel der Knetbirnen nun schon über 100 Jahre und Versatzstücke und Motive aus den Protokollen sind in vielen anderen Verschwörungsideologien zu finden.

Das die Protokolle der Weisen eine Zusammenstellung mehrerer fiktionaler Texte ist, ist wissenschaftlich inzwischen gut belegt. Dass die Entstehungszeit Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts liegt ebenso. Doch alles weitere verschwimmt im Nebel aus Geschichte, Geheimdiensten und eben den guten alten Aluhüten. Die derzeit von der Wissenschaft bevorzugte Version sieht die Autor*innenschaft beim russischen Geheimdienst des Zaren. Anfang des 20. Jahrhunderts, als es im immer noch feudalen Russland schon ordentlich krachte, suchte das Regime des Zaren Verantwortliche, die dem Volk als Grund für ihr schlechtes Leben präsentiert werden sollten. So entstanden in Frankreich, Deutschland und Polen die Protokolle der Weisen von Zion. Gleichzeitig nutzte der Geheimdienst des Zaren, die Ochrana, die Protokolle aber auch um die Adligen und den Zaren vor „zu viel Liberalismus“ zu warnen.

Wie es sich für eine richtige Verschwörungsideologie gehört, gibt es verschiedene Versionen des Textes. Verbindendes Element bei allen ist das nächtliche Treffen der „jüdischen Führer“, die sich in den Reden ihre Pläne zur Weltherrschaft erläutern. Die Wege zur jüdischen Weltherrschaft sind aber von Version zu Version ein wenig verschieden. Häufig sind es jedoch das demokratische System, die Kulturindustrie und die Staatsverschuldung, die als Werkzeug zur Machtergreifung herhalten müssen.

Seit 1903 werden die Protokolle in Russland gedruckt und haben von dort aus einen zweifelhaften Siegeszug um die Welt angetreten. In den 1920er Jahren erlangte eine Version in den USA Ruhm und großer Verbreitung, die der Autofabrikant Henry Ford herausbrachte. Und auch die Deutschen waren nur zu gerne bereit, mit dieser Fälschung ihren glühenden Antisemitismus zu unterlegen. Obwohl der Text eine wilde Fälschung war, was schon bald nach seiner Entstehung gerichtsfest belegt wurde. 1933 bis 1935 verhandelte das Obergericht des Kanton Bern nach einer Klage des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds und der Israelitischen Kultusgemeinde Bern wegen Verstoßes gegen das bernische Gesetz über das Lichtspielwesen und Massnahmen gegen die Schundliteratur. Nach Anhörung zahlreicher Zeug*innen und Gutachter*innen war das Urteil eindeutig: Die Protokolle der Weisen von Zion seien „ein übles Machwerk, ein Plagiat und eine Fälschung.“

Allein dieses Urteil hat nichts gebracht. Noch heute werden die Protokolle in vielen Ländern reproduziert und rezipiert. Und es sind bei weitem nicht nur rechte Wirrköpfe, die die Lüge der jüdischen Weltverschwörung am Leben erhalten. Versatzstücke und Anleihen an das antisemitische Machwerk finden sich noch heute in Texten von linken Rapgruppen wie „Die Bandbreite“ über Bücher des (rechts-)esoterischen Koppverlags bis hin zu Neonazigruppierungen. Die Protokolle der Weisen von Zion sind in gewisser Weise eine gruselige Blaupause einer der ältesten Verschwörungsideologien die immer wieder modernisiert wurde. Heute ist sie die Grundlage vieler anderer Verschwörungsidologien, wie z.B. der FED-Verschwörung, der Ostküstenconnection, USrael und und und. Oder wie es Stefan Lauer einmal in Vice ausdrückte: „Alte Bauernregel: Verschwörungstheorien ohne Zionismus, jüdische Weltverschwörung oder Rassismus sind keine richtigen Verschwörungstheorien.“

Die Aluhut-Chroniken V: Der Aluhut im engeren Sinne

Wieso heißt diese Kolumne eigentlich Aluhut-Chroniken? Zum einen, weil es immer schön ist, sagen zu können „In Amerika gibt es das schon“. In den USA werden Verschwörungstheoretiker schon lange Tinfoilheads gennant – nach einer Science-Fiction-Kurzgeschichte von 1927, in der das schicke Hütchen vor Gedankenkontrolle schützt. Dazu kursieren im Internet Bilder von doof aussehenden Männern mit Aluhüten auf dem Kopf. Ob es die Abgebildeten so wirklich gibt oder hier eine ebenso fiese wie besserwisserische Internetcommunity ihr Resentiment pflegt, ist mir unklar.

Wo es die Aluhüte wirklich gibt, ist in Thüringen. Dort arbeitet eine kleine Gruppe unerschrockener Kämpfer_innen daran, über nichtletale Strahlenwaffen aufzuklären, zuletzt schön zu sehen im MDR-Boulevard-Magazin „Unter uns“ und dauerhaft präsent im Internet, wo man derzeit versucht, die Kräfte zu bündeln, um eine internationale Konferenz von Strahlenwaffen-Opfern zu organisieren.

Strahlenwaffen gibt es in jeder Größe. Für den Hausgebrauch löst die transportable Strahlenkanone Herzrasen und Unwohlsein bei der Zielperson aus. Fest zu installieren sind antennenartige Emitter, mit denen man dauerhaft die Nachbarn drangsalieren kann. Großkonzerne installieren die Waffen getarnt als Mikrowellenherd dezentral und direkt im Haus. Auf globaler Ebene betreiben Geheimdienste und Regierungen ein weltumspannendes Satellitennetz und die Funkwellen-Forschungsstation HAARP in Alaska. Ziel dieser großflächigen Strahlenwaffen ist globale Gedankenkontrolle.

Als Schutz gegen die Strahlen bietet sich ein faradayscher Käfig an, eine Hülle aus leitfähigem Metall, die elektromagnetische Wellen abschirmt. Ein Auto ist ein faradayscher Käfig. Für zuhause gibt es Gardinen mit eingewebten Metallfäden. Die Luxus-Variante ist der Orgon-Akkumulator (siehe „Striche des Teufels“ Lirabelle #8) nach Wilhelm Reich – ein mit Alufolie verkleideter Holzkasten für 1200€, der positive Energie bündeln und Strahlenwaffen abwehren kann. Wer sich das nicht leisten kann, greift zum selbstgebauten Aluhut. Aber wer an der falschen Stelle spart, ist unter Umständen nicht gut geschützt: Zum einen muss die Abschirmung eine gewisse Dicke aufweisen. Es sollte also schon die extradicke Folie sein und die am besten in mindestens fünf Lagen. Beim Falten gilt es zu berücksichtigen, dass der ideale faradaysche Käfig rundum geschlossen ist. Besser als der klassische Malerhut dürfte also das Modell „Sturmhaube“ schützen, dass zudem den Vorteil der Anonymität bietet. Je nach Form kann ein Aluhut auch so wirken, dass er EM-Wellen verstärkt, statt sie abzuschirmen – weswegen Magneto ja auch nicht irgendeinen Hut trägt. Schutz vor Gedankenmanipulation ist also Vertrauenssache und kann schnell schief gehen. Vermutlich liegt es daran, dass die wenigen Aufrechten, die sich gegen die allumfassende Manipulation wehren, von zahllosen Schafen umgeben sind, die glauben, Strahlenkanonen und globale Gedankenkontrolle seien Science-Fiction.

Aluhut-Chroniken IV: Die Striche des Teufels

Jeden Tag treten wir in Kontakt mit dem Teufel. Nein, damit ist nicht das abendliche Tischerücken oder das malen von Pentagrammen mit Ziegenblut gemeint. Schon viel früher am Tag geht es los. Dann wenn wir, die geneigten Satansanhänger_innen, uns voller Unschuld ein Glas industrieller Milch einschenken (oder Orangensaft, oder einen Tee), preisen wir den Fürsten der Dunkelheit. Wir huldigen Satan auch, wenn wir Augentropfen nehmen oder Klopapier benutzen. Denn all diese Sachen besitzen Barcodes. Das sind die Striche, die an der Supermarktkasse so einen hübschen PIEPS verursachen. Jeder Piep ist ein Piep für Satan und jeder Strichcode zerstört unser Karma.

Doch vielleicht erst mal der Reihe nach. Für alle ohne Aluhut ist der Strichcode eine sogenannte optoelektronisch lesbare Schrift. Mit dieser Schrift werden Daten durch Striche unterschiedlicher Breite sowie Lücken ersetzt, die dann durch entsprechende Geräte wieder ausgelesen werden können. Der Begriff „Code“ in Strichcode bezeichnet dabei jedoch keine Verschlüsselung im kryptografischen Sinn, sondern lediglich die Umwandlung von Daten in binäre Symbole. Erfunden wurde es in den 50er Jahren des vergangen Jahrhunderts, aber erst durch den Druck der Supermarktkette Wal-Mart in den 70ern hat sich das System durchgesetzt. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Formen des Strichcodes. In Europa gilt beispielsweise der sogenannte EAN-Code, in den USA der UPC. Dann wird noch in 1D-, 2D, 3D und seit 2007 auch in 4D-Codes unterschieden, aber das führt hier zu weit. Fakt ist, der Strichcode ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der westlichen Konsumgesellschaft.

Für die Aluhut-Fraktion begann die Aufklärung über die böse Macht der Streifen wahrscheinlich im Jahr 1982 mit dem Buch „The New Money System 666“ von Mary Stewart Relfe. Die Autorin behauptet darin, dass alle Strichcodes die Zahl 666 beinhalten. Die 666 gilt schon in der Bibel als „Number of the beast“ und wurde nicht zuletzt durch den Okkultisten Aleister Crowley Teil der Popkultur. Relfe sah in den Strichcodes den Beweis, dass die Satanist_innen die Wirtschaft übernehmen.
Eine weitere Lesart der Strichcodeverschörung ist, dass der Strichcode unser Karma, wahlweise auch unsere Energie, am fließen hindert. Nachweisbar ist das Ganze natürlich auch. Einfach mal das eigene Energiefeld mit einer Wünschelrute abtasten. Wenn sich ein Strichcode in der Nähe eures Körpers befindet, wird euer Energiefeld um die Hälfte kleiner sein. Auch die gute Energie der industriell hergestellten Lebensmittel wird durch die Strichcodes (=Gefängnisstäbe) massiv blockiert.

Doch Hilfe ist unterwegs. Zum einen durch den Hildegard Orgonakkumulator von Jentschura. Dieses Brett, mit aufgemalten geometrischen Formen, „energetisiert Ihre Lebensmittel, Wasser, Pflanzen und Haustiere“ mit Hilfe der „Bionstrahlung“ (= Orgonenergie). Es kostet zwar 1.250 €, dafür ist es aber in „liebevoller Handarbeit gefertigt“ und lädt die Anwender_in mit „kraftvoller Bioenergie“ auf. Es geht jedoch auch billiger. Im Internet kursieren diverse Tricks und Kniffe um die teuflische Macht der Barcodes zu brechen. Da gibt es vom Aufkleber in Kreuzform bis hin zum speziellen Stift zum Durchstreichen alle möglichen Gadgets um die Energie im Fluss und Satan draußen zu halten. Die Angst vorm Strichcode hat inzwischen auch einige Hersteller zum Umdenken angeregt. So hat beispielsweise der Hersteller Rabenhorst bei seinen „Rotbäckchen“-Flaschen und auch Voelkel bei der „BioZisch“-Linie reagiert. Bei beiden wird der Barcode durch einen feinen Strich gekreuzt. So können die Energien wieder fließen und die Kassen machen trotzdem noch PIEPS. Ob dadurch auch die Machtergreifung Satans durchkreuzt wurde, steht auf einem anderen Blatt. Kommt wahrscheinlich darauf an, ob Satan morgens Rotbäckchen trinkt.

Aluhut-Chroniken III: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo …

Niemand hat jemals Christian Anders nach einer politischen Analyse gefragt. Mit Stücken wie „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ oder „Der letzte Tanz“ hat er in den 1970ern eine bescheidene Karriere als Schlagersänger hingelegt und wäre wohl danach von der Welt vergessen worden, wenn er nicht in den 1990er-Jahren medial als Lanoo wiedergeboren worden wäre. Lanoo macht sich nun keine Sorgen mehr über „Das schönste Mädchen, das es gibt“ oder „Das Schiff der Illusionen“, sondern über Politik im Großen. Und weil es heute die ZDF-Hitparade nicht mehr gibt, dafür aber das Internet, tritt Lanoo dort auf. „Meine lieben Freunde“ – so beginnen die grotesken Tiraden des „Lanoo Learning Channel“ auf Youtube. Dort kann man erfahren, dass Michelle Obama ein Mann, Ebola und HIV Erfindungen der Pharma-Industrie und Kaffee und Milch tödliche Gifte sind. „Das kann man sich gar nicht vorstellen, aber die Beweise sind eindeutig – es gibt sogar einen Arzt, der es bestätigt“. Dass die eindeutigen Beweise außerhalb der Truther-Szene nur für Heiterkeit sorgen, liegt laut Lanoo vor allem daran, dass Politiker und die Medien von den Bilderbergern beherrscht werden, die in einer Art kollektiver Gehirnwäsche den Menschen jegliche Vernunft ausgetrieben haben. Wo Verschwörungstheorien sind, ist meist der Antsemitismus nicht fern, deswegen wundert es nicht, dass sich Lanoo 2005 in einem Liedtext auf den antisemitischen Klassiker „Die Protokolle der Weisen von Zion“ berief, jüdische Familien als Herren der Welt bezeichnete und George Bush mit Adolf Hitler verglich. Das war dann selbst den Boulevardmedien zu viel: Pro Sieben sagte einen geplanten Auftritt bei einer Benefiz-Gala ab. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass Lanoo sich seitdem mit offen antisemitischen Aussagen zurückhält. Aber der nächste Aufreger ist schon veröffentlicht. Zur Melodie seines größten Hits trällert Anders „Es fährt ein Zug nach Ebola“, dazu kursiert ein menschenverachtendes Video im Internet. Truther und Infokrieger freuen sich, aber die gewünschte große Aufmerksamkeit bringt auch das nicht. So tingelt der ehemalige Schlagerstar nun durch Altenheime, um sein Auskommen zu bestreiten. Ob gemeinsame Auftritte mit Xavier Naidoo – neuerdings bei den Reichsbürgern – und Nina Hagen – schon lange mit dem UFO unterwegs – geplant sind, ist noch unklar. Es würde neue Dimensionen des Unfugs eröffnen.

Aluhut-Chroniken II: König von NeuDeutschland

In Wittenberg gibt es seit September 2012 das Königreich Deutschland. Es ist momentan nur 9 Hektar groß und auf dem Gelände einer ehemaligen Klinik, aber es hat schon einen König. Dessen bürgerlicher Name ist Peter Fitzek und dieser gehört zu den obskursten Personen die die hiesige Verschwörungs- und Esoterikszene zu bieten hat. Ursprünglich hat er nach eigenen Angaben im Hotelgewerbe gelernt, sich durch einige Selbstständigkeiten gekämpft, bis er schließlich vor 14 Jahren eine Esoterikbuchhandlung eröffnete. Mit ihr schien er seine Berufung gefunden zu haben. Bald ergänzte er den Buchbestand durch Seminare aus dem Umfeld der Germanischen Neuen Medizin und von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zu den Verschwörungstheorien der kommissarischen Reichsregierung.
„kommissarische Reichsregierungen“ glauben, dass das Deutsche Reich noch immer bestehe und die Bundesrepublik nach 1945 kein richtiger Staat sei. Die meist deutsch-nationalen bzw. nazistischen Ansichten der auch „Exilregierungen des Deutschen Reichs“ genannten Gruppen sind geschichtsrevisionistisch und haben einen Weltverschwörungsansatz. Anhänger_innen der Reichsregierungen sprechen auch von der „BRD GmbH“ bzw. dem „noch immer besetzten Deutschland“ und verkaufen selbstgebastelte Ausweise, Nummernschilder etc. von ihren Fantasiestaaten. Die einzelnen „Staaten“ bzw. Gruppen liegen jedoch häufig miteinander im Streit, da jede „die einzig Richtige“ zu sein glaubt.
Während andere Reichsregierungen, wie das Fürstentum Germania oder Terra Germania, scheiterten bzw. nur im Internet existierten, hat NeuDeutschland, seit der Krönung Fitzek I. im September 2012, das Königreich Deutschland – Nägeln mit Köpfen gemacht. Statt ein paar Fantasiedokumente baut Fitzek gleich ein eigene NeuDeutsche Gesundheitskasse auf. Statt nachhaltiger Landwirtschaft mit ein paar Schafen und Hühnern, entsteht in einer Halle mit Spendengeldern ein Freie Energie-Kraftwerk [siehe Lirabelle #5]. Und statt der sonst üblichen Tauschökonomie der anderen Reichsregierungen, erschafft Fitzek mal eben eine eigene Königliche Reichsbank. Diese kommt zwar ohne Zinsen aus – denn Zinsen sind böse! – aber dafür kann man dort die – bald wertlosen – Euro noch schnell in ENGEL bzw. E-Mark umtauschen, welche in Erfurt bspw. auch im Lebensladen in der Allerheiligenstraße angenommen wurden. Der Rücktausch in Euro ist dann zwar nicht so leicht, aber wer will das denn schon?
Ganz zufrieden sind die Untertan*innen mit ihrem König aber doch nicht. Im Internet kursieren Videos die NeuDeutsche zeigen, die das Klinikgebäude verlassen wollen. König Fitzek möchte jedoch den Schlüssel nicht rausrücken. Stattdessen fordert er ein Verfahren wegen Landesverrat. Erst die Drohung die Staatsmacht der– von den NeuDeutschen ach so geschmähten — Bundesrepublik einzuschalten, lässt Fitzek einlenken. Denn mit Polizei und Justiz hat er schon mehrfach schlechte Erfahrungen gemacht. Wegen der Ausstellung königlichen Dokumente und Nummernschilder und weil er eine Sachbearbeiterin im Wittenberger Rathaus „festnehmen“ wollte, wurde Fitzek schon mehrfach zu Haftstrafen verurteilt.
Größter Gegner des ehemaligen Bundestagskandidaten und heutigen Königs ist jedoch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin). Die ist nach wie vor der Meinung, dass Fitzek und sein Trugbild von einer Bank gegen zahlreiche Gesetze verstoßen. Deswegen gab es 2013 und 2014 Razzien und Hausdurchsuchungen. Inzwischen hat sich da ein Zwangsgeld in Höhe von 3 Millionen Euro angesammelt.
Geld, welches tatsächlich in der Schatzkammer des NeuDeutschen Königs vorhanden sein könnte. Denn schließlich müssen neue Untertanen ihren Grundbesitz an das Königreich überschreiben. Und so fraglich die Bank oder die Gesundheitskasse nach deutschem Recht sind, der Verein, der das Geld einsammelt, steht auf rechtlich sicheren Füßen. Über das, inzwischen vermutlich recht staatliche Kapital des Königs, gibt es einige Vermutungen aber nur wenig Belastbares. Fakt ist, dass der dahinterstehende Verein, Ganzheitliche Wege e.V., als stimmberechtigte Mitglieder nur Fitzek, dessen Tochter und eine Stiftung NeuDeutschland führt. Der König sichert also seine Herrschaftslinie.
Doch so absurd und spaßig das ganze klingt: Die NeuDeutschen und Königstreuen des Peter Fitzek sind knallharte Revanchisten, die Deutschland in den Grenzen von 1933 wieder haben wollen und ein sehr rechtsesoterisches Weltbild frönen. Und sie haben eine Mission. Auch in Erfurt sind schon Königstreue, oder zumindest Fans, in verschiedenen kulturellen Vereinen vorstellig geworden und haben für die Idee des Königs geworben. Und die sahen nicht aus wie die üblichen Aluhut-Spinner.

Die Aluhut–Chroniken I

Nachdem sich jüngst auch wieder in Thüringen Verschwörungstheorien steigender Popularität erfreuen, präsentieren wir euch in der Lirabelle nun eine neue Rubrik: die Aluhut-Chroniken. Hier wollen wir euch alle drei Monate einen neuen Versuch vorstellen, wie Verschwörungstheoretiker die Welt erklären. Diese Woche wenden wir uns den Reptiloiden zu.

Was haben die englische Königin, der verstorbene Entertainer Bob Hope, Kanzlerin Merkel und Georg W. Bush gemeinsam? Nun, ganz einfach. Laut David Icke sind/waren sie alle „reptiloide Formwandler“. Davon ist der ehemalige Fußballer und kurzzeitigen Pressesprecher der englischen Grünen überzeugt. Mit dieser Theorie tingelt er seit einigen Jahren um die Welt und spricht ein immer breiteres Publikum an.
Doch ein drei Meter großes Echsenalien passt natürlich nicht so einfach in einen kleinen menschlichen Körper. Damit die reptiloiden Formwandler weiterhin menschlich aussehen, müssen sie regelmäßig menschliches Fleisch essen und menschliches Blut trinken. Gut, bei den bekennenden Christen Merkel, Bush und der englischen Königin ist das (metaphorischer) Kannibalismus durchaus Teil des religiösen Glaubens und des liturgischen Ritus, aber beim bekennenden Atheist Bob Hope ist das nun wirklich schwer vorstellbar.
David Icke glaubt – nein, falsch – er weiß, dass die wichtigen Menschen auf diesem Planeten eigentlich Aliens sind, die wie übergroße Reptilien aussehen. Diese regieren die Menschen und haben einen fiesen Welteroberungsplan. Wie genau der aussieht, ist auch David Icke nicht so ganz klar, aber er hat natürlich Zeugen und Quellen. O.k. Jetzt könnte man sagen: Was soll der Blödsinn, warum sollten mich die spinnerten Prophezeiungen eines Buchautoren interessieren, der vielleicht einmal zu viel an einem giftigen Frosch geleckt hat? Nun es wird dann spannend, wenn inzwischen sogar der Neuseeländische Premierminister – ernsthaft! – erklären muss: „I`m not a reptile“.So geschehen Ende 2013 in Auckland, Neuseeland. Dort hatte ein Einwohner mit Hilfe des Official Information Act (einer Art Bürgerauskunft) die Antwort des Premiers erzwungen.
Aber auch das ist im Entertainmentzirkus der momentanen Politik kaum noch eine Schlagzeile wert. Schließlich kopieren die Politikclowns der Berliner Piratenpartei ihre kanadischen Kolleg_innen und fragten die Berliner Verwaltung – ernsthaft! – ob und wie Berlin auf eine Zombieapokalypse vorbereitet ist.
Nein, wirklich gruselig wird David Icke erst dann, wenn der Rest seiner Weltsicht unter die Lupe genommen wird. Und da gibt es dann einen bunten Strauß alter und neuer Verschwörungsideologien zu bewundern. Zentraler Bestandteil: die wirtschaftliche und psychologische Manipulation der Weltbevölkerung durch Politik und Wirtschaft, beispielsweise durch die Familie Rothschild. David Icke bestreitet – natürlich – dass diese Aussagen antisemitisch sein und begründet es mit der ihm eigenen Logik: Die Familie Rothschild hat das Leben tausender Juden auf dem Gewissen, während sie an den Kriegen Geld verdienten. Diese Aussagen seien aber nicht antisemitisch, da die Rothschilds keine Juden sondern Echsenaliens sind. Die Kritik an ihnen ist also nicht antisemitisch! Fall geschlossen.

In der nächsten Ausgabe: Das Königreich NeuDeutschland