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Integrationsverweigerung im Hörsaal

Die Gesellschaft für analytische Philosophie fragt: „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“ Karl Meyerbeer hat den gleichnamigen Sammelband gelesen und ist mit den Antworten nicht zufrieden: Kein einziger Beitrag beantwortet die Frage, wie viele Flüchtlinge die Gesellschaft für analytische Philosophie aufnehmen soll.

Dass Barrieren von Klasse, Sprache und Recht dazu führen, dass die Hörsäle, Institute und Redaktionen der Akademie in Deutschland so weiß, deutsch, männlich und bürgerlich besetzt sind, wie kaum irgendwo anders auf der Welt, wird schlichtweg ignoriert. Statt dessen geht es – auch wenn das Vorwort mehr Möglichkeiten aufzählt – über 150 Seiten in neun Beiträgen vor allem um ein nationales Kollektiv und dessen Probleme: „unser europäisches Selbstverständnis“, „unser Sozialstaat“, letztlich: „unser Land“.

Aber in welchem Land leben die AutorInnen? Matthias Hösch lebt in einer Gesellschaft, in der öffentliche Diskurse und Mehrheitsentscheidungen die Berücksichtigung der Interessen Aller sicherstellen. Marie-Luisa Frick – die einzige Autorin – lebt in Innsbruck unter der unbarmherzigen Knute eines „repressiven Humanismus“, in dessen Namen alle, die nicht bei der „Willkommenskultur“ mitmachen, als Rassist beschimpft werden. Vermutlich ist die FPÖ das letzte Bollwerk gegen diese Diktatur der Gutmenschen. Wo Norbert Paulo lebt, ist die Aufnahme von Flüchtlingen bislang weitgehend gut und menschlich verlaufen. Dass in Laufweite zum Bundestag Flüchtlinge im vergangenen Winter im Freien ausharren mussten, weil das Berliner Landesamt für Soziales und Gesundheit nicht in der Lage war, mehr als vier Sachbearbeiter_innen für die Registrierung zu bestellen, trübt diesen Eindruck nicht. Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, wenn die Philosoph_innen einige Tage im Lager verbracht hätten, wo man jeden Tag Toastbrot mit Käseeckchen bekommt und nachts Angst haben muss, dass der Deutsche Mob die Bude anzündet. Es hätte auch gereicht, diese Zustände zur Kenntnis zu nehmen. Aber Bezüge auf die kritische Migrationsforschung oder anderen Quellen einer Empirie von Flucht und Migration kommen in keinem Beitrag vor. Auch globale Ungerechtigkeit und der Zustand, dass immer mehr Menschen auch im globalen Norden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden, wird nur in wenigen Beiträgen ausreichend gewürdigt. Die Philosoph_innen leben in einem liberalen Wohlfühlland, in dem der bürgerliche Staat dem Kampf aller gegen Alle ein wirksames Regulativ entgegengesetzt hat und alle gemeinsam aushandeln, wie die Gesellschaft aussieht. Dieser Status Quo soll mit Hilfe der Philosophie verteidigt werden.

Was man in der Parallelgesellschaft der analytischen Philosophie nur ganz am Rande mitbekommen hat, ist, dass das „Wir“ der meisten Menschen in Deutschland schon lange eines ist, zu dem Fluchterfahrung dazu gehört. Menschen wie diejenigen, deren Eltern in den 1980er-Jahren vor der Militärdiktatur in der Türkei geflohen sind, gehören in vielen Segmenten der Gesellschaft längst zum „Wir“ dazu – auch wenn sie durch das restriktive Staatsangehörigkeitsrecht oft nicht die Möglichkeit haben, ihre Interessen zu vertreten. In Großstädten hat mittlerweile jedes zweite Kind Eltern oder Großeltern, die nicht in Deutschland geboren sind. Diese banale Tatsache wird nur von einem Beitrag im Sammelband gewürdigt.

Dass ansonsten nicht unbedingt schlechte, aber eben nur scheinbar grundsätzliche Argumente fast ausschließlich in Bezug auf einen national beschränkten Rahmen vorgebracht werden, zeigt, dass die analytische Philosophie vor weiteren gesellschaftspolitischen Publikationen vor allem eins braucht: einen Integrationskurs in eine Gesellschaft, in der echte Kartoffeln zum Glück bald in der Minderheit sein werden.

Fast im Westen, trotzdem Osten

Auf dem Weg durch das Thüringer Provinz machen die Leute von Thüringenpunk Beobachtungen und Erfahrungen, die sie für die Leser*innenschaft der Lirabelle zugänglich machen. Im zweiten Teil der Reihe ‚Punk in der Thüringer Provinz‘ geht es um Eisenach und den Überlebenskampf der subkulturellen antifaschistischen Szene zwischen Perspektivlosigkeit, kleineren Punkrockshows und Nazistress.

Es ist der 4. November 2011. Zwei Männer rauben die lokale Sparkasse aus, erbeuteten knapp 70.000 Euro und flüchten auf ihren Fahrrädern zu einem Wohnmobil. Hierin verstauen sie ihre Fahrräder und flüchten weiter. Ein paar Stunden später finden Polizisten das Wohnmobil in Eisenach-Stregda. Es fallen Schüsse, getroffen wird niemand. Das Wohnmobil gerät in Flammen, kurz darauf werden zwei sterbliche Überreste geborgen. Es sind die Leichname von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

5 Jahre später sind wir auf dem Weg nach Eisenach, wo sich die wohl größte rechte Terrororganisation seit dem Nationalsozialismus, der NSU, selbst enttarnte. Während der Fahrt diskutieren wir über dessen Auffliegen, die Rolle des Staates, aber auch darüber, wie die Stimmung seit dem in der westthüringischen Stadt heute ist und wie es um die antifaschistische und alternative Szene vor Ort bestellt ist. Am Gleis 3 des Eisenacher Bahnhofs steigen wir aus, wo wir bereits von zwei Menschen erwartet werden. Ihre Namen nennen wir aus Sicherheitsgründen nicht. Mit den beiden schauen wir uns die Gegend an und sprechen über Subkultur, Neonazis und den Alltag in der Stadt, die Otto von Bismarck zu ihren Ehrenbürgern zählt.

Von der Vergangenheit ist nicht viel geblieben

Nachdem wir uns ein Getränk geholt haben, beginnt unserer Rundgang durch Eisenach und sofort kommen wir miteinander ins Gespräch. „Irgendwie gab es hier schon immer eine Punk- und Hardcore-Szene, die gar nicht so klein war bzw. ist“, meint einer unserer Begleiter. Hier kommen schon mal 100 bis 150 Menschen zu Konzerten. Eigene selbstverwaltete Anschlaufstellen wie in Gotha oder Weimar gibt es nicht. Vor vielen Jahren sah das jedoch anders aus: „In den 90ern gab es einen Club namens ‚Outsider‘, der in linker Hand war. Aber warum es diesen nicht mehr gibt, kann ich auch nicht sagen“, erklären sie uns. Doch dies war nicht die einzige Location, in der man sich als linker oder alternativer Jugendlicher treffen konnte.„Im ‚Sound & Culture‘ waren vor einigen Jahren auch noch junge Menschen unterwegs, die einer alternativen Subkultur keine Steine in den Weg gelegt haben.“ Dort war es einfach Konzerte oder eigene Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Die KVG-Eisenach, also das Unternehmen des lokalen ÖPNV, machte dem einen Strich durch die Rechnung. Sie ersetzte den Club nämlich durch etwas, was einem typischen Jugendclub in der Provinz sehr nahekommt: zwar keine Bushaltestelle, aber einen Busparkplatz. Immerhin eine gute Möglichkeit um schneller aus Eisenach wegzukommen, doch für diejenigen, die bleiben wollen, bleibt es ein schwerer Einschnitt.

Andere Locations, wie das ‚Gleis 1‘, wurden in der Vergangenheit vom Betreiber vor die Wand gefahren und können somit auch nicht mehr als Anlaufpunkt für alternative Jugendliche gezählt werden. „Auch eine eher alternative Kneipe namens ‚Zero‘ wurde von linken Leuten in der Vergangenheit öfters besucht. Jedoch kamen hier irgendwann mehr und mehr Nazis in den Laden und vom Besitzer hat die linke Szene hier keinen Rückhalt bekommen. Alles frei nach dem Motto: ‚Wer friedlich ist, darf hier trinken‘„, erzählen die beiden mit schmerzverzerrtem Gesicht. Eine Mischung aus Wut und Trauer sind ihnen schon anzumerken, wenn sie über die Vergangenheit sprechen und dies mit den heutigen Chancen und Möglichkeiten für Subkultur vergleichen.
Für Konzerte mit einer klaren politischen Kante ist es in Eisenach schwer geworden einen geeigneten Ort zu finden. Zumindest gibt es für politische Bildung einen mehr oder weniger passenden Raum. Zwar sehen wir keinen Grund davon abzurücken, die Linkspartei weiterhin zu kritisieren, dennoch hat sich mit dem Parteibüro „RosaLuxx“ einiges in Eisenach verbessert. Auf dem Weg dorthin wird uns berichtet, dass hier immer wieder FIlmvorführungen und Vorträge stattfinden. Angekommen vor dem Büro, was eine „gute Anlaufstelle für politisch motivierte Menschen“ darstelle, stehen wir vor verschlossender Tür. Ein Blick durch das Fenster zeigt, viel Fläche steht dort nicht zur Verfügung. Für Eisenach muss es wohl erstmal reichen. „Vermutlich wäre die Szene auch besser aufgestellt, wenn es ein alternatives Jugendzentrum geben würde. Man beobachtet ja schon in Städten, wo es so etwas gibt, dass die Szene konstanter und aktiver ist“, wird uns zugeraunt, doch ein AZ oder alternatives Jugendzentrum gibt es nicht und steht in Zukunft leider nicht in Aussicht.

„Das Problem haben sie doch alle!“

Die Folgen der ausbleibenden Möglichkeiten zum Treffen und zur freien Entfaltung der Subkultur sind, wie es an vielen Orten in der Provinz zu Tage tritt, fatal. Die Jugendlichen versuchen nach dem Schulabschluss der Provinz den Rücken zu kehren und ziehen zumeist in größere Städte wie Göttingen oder Leipzig. „Ich kann die Leute vollkommen verstehen. Was hat denn so eine Stadt wie Eisenach schon zu bieten?“, fragt einer unserer Provinzscouts, der selbst viel außerhalb von Eisenach unterwegs ist. In großen Städten ist das kulturelle, aber auch das politische Angebot bedeutend größer. So kam es auch schon vor, dass ganze Freundeskreise die Stadt hinter sich gelassen haben.
„Das macht es auch so schwierig, konstante Strukturen zu entwickeln. Man merkt dies einfach an einem Kommen und Gehen der Menschen. Die Szene vor Ort ist somit einer hohen Fluktuation unterworfen“, führt er weiter aus.

Die Leute, die noch vor Ort sind, lassen sich glücklicherweise davon nicht aufhalten und machen weiter. Sie organisieren Konzerte und Vorträge, betreiben ein Klamotten-Label im Internet, um die provinzielle Gegend nicht aufzugeben und die Fahne einer alternativen Subkultur aufrecht zu halten. Doch um eine eigene Location zu betreiben, fehlt es vor Ort an vielem. Für aktuelle Konzerte, so wird uns berichtet, gibt es den Schlachthof. Die Location ist uns bereits von einigen Konzerten bekannt. Eine große, ungemütliche Halle, an deren Türen bei früheren Konzerten oft eine Nazisecurity stand. Keine Atmosphäre zum Wohlfühlen, doch mittlerweile hat sich dies in einigen Punkten verbessert. „Natürlich braucht man da sowas wie Security, aber auch da gibt es inzwischen Firmen, mit denen man ohne Bauchschmerzen zusammenarbeiten kann“, wird uns erläutert. Einmieten muss man sich trotzdem für Konzerte, ein Kostenpunkt der bei Provinzkonzerten erst einmal gedeckt werden muss. Am 29. Oktober fand wieder so ein Konzert im Schlachthof statt. Dabei ging es darum, Solidarität mit lokalen Antifaschisten zu zeigen und Geld für Repressionskosten zu sammeln, welche im Nachgang der Proteste gegen einen der unzähligen NPD-Aufmärsche im März 2016 anfielen. Damals bedrängte die Polizei willkürlich Antifaschisten, um sie wegen angeblicher Vermummung belangen. Eine gängige Praxis der Cops und sicherlich eine ätzende Angelegenheit, doch die Solidarität danach war überraschend groß. „Es hat uns sehr gefreut, dass sich Leute gefunden haben, die ein Soli-Konzert organisierten. Antifaschistische Proteste dürfen nicht kriminalisiert werden.“ Ein Lichtblick in der Provinz und eine nötige Aktion, um weiterhin zu ermöglichen, gegen Nazis in Eisenach auf die Straße zu gehen und danach nicht allein auf dem Ärger und den Kosten von Strafbefehlen oder ähnlichem sitzenzubleiben.

Militante Nazi-Szene und Burschentag

Unser Weg führt uns weiter in die Innenstadt von Eisenach. Wir schlendern durch eine Einkaufpassage. An den Laternen fallen uns viele Sticker auf, die zum Großteil abgekratzt sind und doch lässt sich an manchen Stellen erkennen, was hier vormals klebte. „NS-Area“ findet sich nicht nur auf Stickern, sondern auch an diverse Wände gesprüht. Nach dem ein oder anderen schäbigen Nazischeiß, den wir mit unseren edlen Thüringenpunk-Stickern überklebt haben, einer neuen Fuhre Bier und Cola kommen unsere Begleiter auf ein Thema zu sprechen, um das man in Eisenach nicht herum kommt. „Die politische Entwicklung hier ist seit ein paar Jahren, wie in viele ostdeutschen Provinzen, ziemlich gruselig. Es finden in Eisenach regelmäßig Neonazi-Konzerte statt, es wächst eine militante Nachwuchs-Nazi-Szene heran und den ein oder anderen rechten Übergriff gab es auch in der Vergangenheit.“ Im Stadtrat sitzt die NPD in Person des mehrfach vorbestraften Neonazi Patrick Wieschke und zwei weiteren dieser Art. Zwar kommt den Dreien im Stadtrat keine große Bedeutung zu, aber auf der Straße kommt ihre Propaganda an. Für einen bundesweiten Eklat sorgte die Stadtratsfraktion der NPD im vergangenen Jahr, da ihr Antrag auf Abwahl der linken Oberbürgermeisterin von der CDU unterstützt wurde und nur knapp scheiterte.

Auf die Frage, warum in Eisenach solche Strukturen und viele junge Leute bei den Nazis landen, überlegen die beiden kurz und antworten: „Das ist eine schwierige Frage. Man könnte jetzt mit ‚Perspektivlosigkeit‘ antworten, aber das ist sicher zu pauschal gesagt.“ Wir diskutieren über mögliche Gründe wie fehlende Bildung oder Zukunftsängste der Jugend, doch im Endeffekt seien die Gründe, warum junge Menschen sich für rechte Ansichten begeistern in Eisenach keine anderen als in Suhl, Gotha oder Erfurt.

Den alljährlichen Höhepunkt der Ekelhaftigkeit in der Stadt Eisenach bildet der Burschentag der ‚Deutschen Burschenschaft‘. Schon öfter haben wir davon gehört und auch von den Protesten dagegen. Wie die Stimmung in der Stadt ist, wissen die beiden aus Eisenach sehr wohl: „Überall sieht man dann diese elitären, uniformierten Vollidioten. Leider scheinen sie dabei von weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert zu sein und die Gastronomen erfreuen sich an guten Umsätzen“, erklären sie uns und fügen hinzu, „Zu späterer Stunde hört man dann in den Straßen auch mal verbotenes deutsches Liedgut von den Herren, aber das scheint kaum jemanden zu stören.“ Für Anfang nächsten Jahres kündigen die beiden an, es werde in Eisenach Vorträge zur Kritik der Burschenschaft geben. Der antifaschistische Widerstand gegen des Event der elitären, sexistischen, rassistischen und antisemitischen Burschenschaft soll neu belebt werden. Wie sich das im kommenden Jahr entwickelt bleibt für uns sowie die zwei Begleiter eine spannende Angelegenheit. Fest steht, dass der Burschentag nicht unbeantwortet bleiben soll. In diesem Jahr zog es die Burschis auf ein Dorf zwischen Eisenach und Gotha, um ihre Sitzungen abzuhalten. Antifaschistische Interventionen in der dörflichen Provinz zu organisieren, ist noch um einiges schwerer als in Eisenach selbst.

Doch nicht nur in Eisenach kämpft die alternative linke Szene ums Überleben

Ganz scheint das Eisenacher Umland nicht verloren zu sein. Kleine Orte wie Wutha-Farnroda oder Merkers, so wird uns berichtet, sind immer wieder Orte für Punkrockshows. Besonders bekannt dürfte hier das „Rock am Berg“ in Merkers sein. Einmal im Jahr findet an einem Wochenende ein Punkrockfestival statt, auf dem sich auch antifaschistische Infostände finden, Bands mit eindeutigen Statements auftreten und sich die Veranstalter dem Kampf gegen Rechts verschrieben haben. Klar, so mussten auch die Leute vor Ort feststellen, bleibt die allgemeine Situation nach wie vor beschissen. Für ein Wochenende wird der Provinz aber gut eingeheizt. Das wissen auch unsere beiden Begleiter und bringen die Bedeutung des Festivals für die Region auf den Punkt: „Das ist eine super Geschichte. Hier kommen antifaschistisch motivierte Menschen, nicht nur aus der Region zusammen, sondern auch überregional. Solche Veranstaltungen sind einfach wichtig, um Menschen kennenzulernen, sich zu vernetzten oder einfach um mal wieder zu merken, dass man nicht alleine ist.“

In unseren Thüringenpunk-Konzertkalender tragen wir immermal wieder Wutha-Farnroda als Veranstaltungsort ein. Wie wir aber erfahren müssen, hat es sich dort bis auf weiteres mit Punkrockshows erledigt. „In Wutha-Farnroda finden leider keine Konzerte mehr statt, da der Club saniert wurde und für die tägliche Jugendarbeit verwendet wird. Das ist schade, da die Shows da immer echt gut waren“, wird uns erklärt. Wir finden es bedauerlich, dass es von der Jugendarbeit zu Punkrockkonzerten keinen fließenden Übergang geben kann und somit den Konzerten ein Ende gesetzt wurde. Schließlich haben dort seit Jahren die Szenegrößen der Region gespielt. Punkrock made in Eisenach ist für viele spätestens dann ein Begriff, wenn von Bands wie Fucking Faces oder den ESA-Zecken die Rede ist. Doch nicht nur diese Bands sind heute bekannt. Die junge Generation ist mit Gloomster, Abserviert, Fleshhead Attack, Kaspar Hauser usw. nicht gerade schlecht vertreten. Lachend stellt einer unserer Begleiter fest „Eisenach hatte in Richtung Punk schon immer was zu bieten.“ Schon oft konnten wir uns selbst davon überzeugen, dass die Bands aus dieser Ecke Thüringens gut ausgestattet sind und viel miteinander machen. Das führt, wie wir anmerken, zu einem eigenen Eisenacher-Punkrock-Stil. Darüber können die beiden nur lachen und winken ab. „Es gibt ja nicht nur Punkrock in Eisenach“, wird uns entgegenet. „Mit der ‚Straight Outta East Side‘-Konzertgruppe gibt es auch wieder Menschen, die regelmäßig Hardcore-Shows machen. Es geht also doch noch was hier und das freut uns! Natürlich ist das alles überschaubar, aber man arbeitet Hand in Hand zusammen und unterstützt sich gegenseitig, sei es Hardcore oder Punk.“

Reißt die Hütte ab

Der Spuckschluck in unseren Sterniflaschen schmeckt schal und so langsam haben wir es satt, im Schatten der Wartburg durch diese Stadt zu laufen. Es geht zurück zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin berichten wir noch von unserem Gespräch über den NSU auf der Hinfahrt. Es stellt sich schnell die Frage, wie die beiden das Auffliegen der Terrorgruppe im Jahr 2011 empfunden haben. „Die Nachricht hat uns natürlich schockiert“, stimmen beide überein. Nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens wird angefügt: „Es war uns zwar bewusst, dass es da einen militanten rechten Flügel gibt, aber das Ausmaß, was seinerzeit zum Vorschein kam, war schon eine Dimension, die man sich so nicht ausgemalt hatte.“ Über lokale Verstrickungen des NSU‘s nach Eisenach kann nur spekuliert werden. „Verstrickungen zur lokalen Szene gab es da sicher auch. Es ist ja schon unwahrscheinlich, dass es nur ein Zufall war, dass der NSU bei Eisenach aufgeflogen ist und das hier auch zuvor der Banküberfall stattgefunden hat.“ Ob die Ermittlungen dazu neue Erkenntnisse bringen? Die zwei Eisenacher Antifaschisten glauben das eher weniger. Die Hoffnung, es werde eine lückenlose Aufklärung geben, bröckelt eben auch hier.
Kurz bevor wir uns verabschieden schweift unser Blick noch einmal zur Wartburg. Wir fragen die Zwei, ob sie sich denn nicht mal eine fette Punkerparty dort oben auf der Burg vorstellen könnten. Bevor das passiert, müssen noch ein paar Bedingungen erfüllt werden, eröffnen uns die beiden: „Ein Punkkonzert findet auf der Wartburg erst statt, wenn man sich nicht mehr mit den Federn eines Antisemiten wie Martin Luthers schmückt. Da dies unwahrscheinlich ist und der Berg auch viel zu steil erscheint, bleiben wir eher in der Stadt.“

Mit dem Wissen, die kommenden Punkrockkonzerte in Eisenach supporten zu wollen, Martin Luther öffentlich als Antisemiten zu demaskieren, mehr coole Thüringenpunk-Sticker dorthin zu schicken und die Wartburg endlich abzuschleifen, fahren wir mit einem guten Gefühl aus Eisenach ab – ob es an den paar Bieren oder der guten Gesellschaft unserer zwei Freunde aus Eisenach liegt, wissen wir nicht, an der Stadt und ihren Zuständen liegt es aber sicherlich nicht.

Elemente der Polemik

Der folgende Artikel befasst sich mehr als minder abstrakt mit der Idee einer Kritischen Ästhetik der Polemik. Die streitbare Kunstform ist z.B. bekannt aus den Texten der Zeitschrift Bahamas, aus Schriften Wolfgang Pohrts und geradezu perfektioniert im Werke Karl Kraus‘ zu finden. Auf Grund ihres beleidigenden Impetus‘ erregt sie oftmals bei Leserinnen & Lesern Anstoß und wird daher abgelehnt. Gegen dieses erste Gefühl der Ablehnung, aber mit dem Bewusstsein, dass durch Erklärung etwas von ihrem Zauber verloren geht, soll im Folgenden die Polemik als sachlich angemessene Form der Kritik verteidigt werden. Der Autor ist aktives Mitglied der Sozialistischen Jugend – die Falken. Von Max Unkraut.

I. Präludium

Das Bedürfnis einer Darstellung der Polemik speiste sich u.a. aus den Beobachtungen, dass Leute einer vernünftigen Kritik Absage erteilen, weil sie in ihren Augen unsachgemäß und künstlich daherkommt, wobei sie dabei in einem pejorativen Sinne als Respektlosigkeit stigmatisiert wird: was nicht wissenschaftlich-objektiv, d.i. ganz ohne Zugabe subjektiven Empfindens und Gestaltens, erscheint sowie nicht die größtmögliche Mannigfaltigkeit an Fakten darlegt, halten solche Systemapologeten prinzipiell für falsch. Die Objektivität der Herangehensweise ebendieser ist hingegen die Perpetuierung der isolierten Einzelnen, die der Unterwerfung unter die gesellschaftliche Totalität nicht Rechnung tragen, indem sie diese ihr in einer geeigneten Form präsentieren, sondern sich ihr anpassen. Als einfacher Gegensatz zur sozialen Objektivität – nicht unter dialektischer Vermittlung gedacht – ist das Subjekt ohnmächtig und vermag nicht mehr als festzustellen, dass etwas, aber nicht wie etwas ist, weil verleugnet wird, dass jeder das Ganze in gewissem Grade mitgestaltet und erhält. Der Inhalt solcher Feststellungen ist daher so abstrakt wie ein wild zusammengewürfelter Haufen Atome, die nur richtig betrachtet, eine bestimmte Figur aufweisen. Es ist also geboten, die Einzeldata der Umwelt in einer angemessenen Form darzustellen.

Die Aufmachung der Polemik soll indes ein Versuch einer Verteidigung der Waffe der Kritik sein, wie Adorno sie als „Idiosynkrasie“ des kritischen Subjekts bezeichnete, das den „historischen Takt hat, zu spüren, was geht und was nicht geht« und nur darum »an der Wahrheit selber auch […] Teil“ (Adorno: Über die geschichtliche Angemessenheit des Bewusstseins) hat. Die Idiosynkrasie beschreibt eine Art psychische Disposition, ein Unbehagen, das vom Einzelnen ausgeht und ihn dazu bringt, mit der schlechten Welt Schluss machen zu wollen. Sie betrachtet dabei aber ebenso die Welt, anders als oben genannt, unter Einfluss seiner selbst. Daher geht die kritische Subjektivität aufs Ganze und erkennt sich zugleich als ein potentielles Mehr, das nicht lediglich ein mitgeschleiftes Teilchen im kapitalistischen Alltag ist, weil es von sich aus zu der Entschließung kommt, nicht mehr mitzumachen.

Auf Grund der Kürze bitte ich Kritiker & Kritikerinnen ungenau Ausgedrücktes wohlwollend zu interpretieren. Ich bin mir z.B. im Klaren darüber, dass Idiosynkrasie ein sehr zweideutiger Begriff ist, der ebenso etwas zu kritisierendes impliziert. Leider zwingt die Kürze eines solchen Artikels zu kurzen Erklärungen.

II. »…Wurzelnd dort wo ich hasse/ wachse ich über die Zeit« (Kraus: Der Grund)

Mit Nietzsche wäre das Angesprochene zu spezifizieren: „wenn das Vergangene“ – und alles Gegenwärtige vergeht in dem Moment seines Seins – „überhaupt ohne harte Akzente und ohne den Ausdruck des Hasses erzählt wird“, diene man dabei nur dem »maßvoll-wohlwollenden Beschönigen“ des Geschehenen und zwar „in der klugen Annahme, dass der Unerfahrene es als Tugend der Gerechtigkeit auslege“ (Nietzsche: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben). Eine bestimmte emotionale Stimmung gegen die veraltete Welt liegt nach Nietzsche also einer angemessenen Betrachtung derselben zugrunde. Weil das Gefühl alleine zwar unheimlich laut ist, aber keine Einsicht evoziert, gehört dazu auch „die Fähigkeit und Energie, diese idiosynkratischen oder blinden Reaktionen ins Bewusstsein zu erheben und sogar, sie zur Theorie zu erheben“ (Adorno: Über die geschichtliche Angemessenheit des Bewusstseins). Das Resultat der Kombination aus Hass und Einsicht nenne ich Verachtung und ihr Mittel ist die Polemik. Gleichzeitig soll sie eine künstlerische Antizipation der Revolution sein und zwar als Rache am Bestehenden.

Πόλεμοσ, d.i. der altgriechische Terminus für Krieg (in seiner stärksten Bedeutung). Der Polemik als Kunstform, sofern sie überhaupt als solche anerkannt, wird oft zum Vorwurf gemacht, sie sei parteiisch, gehe beleidigend an gegen eine Person und treffe daher den Sachverhalt nicht. Objektiv sein!, heißt es dann in Opposition zu ihr, meist ohne, dass diejenigen, die dasselbe einfordern, jeweils einen kritisch reflektierten Begriff von Objektivität und daher Subjektivität besitzen, geschweige denn von der Polemik. Schon deshalb bin ich geneigt, das Gegenteil zu behaupten, dass nämlich die Polemik nicht nur ein objektiv-kritisches Moment enthalten kann, sondern dieses sogar notwendigerweise beherbergt. Der angegriffene Einzelne, dessen Integrität man verletzt, ist schon bevor die Polemik ihn trifft so unversehrt wie das gebrochene Heideröslein, das die Liebe des Knaben wenigstens noch als grobe Gewalt kennt. Das Verwehren, die unmittelbare Abscheu gegen jene, ist dagegen der ungebrochene Wille derart gemartert zu bleiben, wie man es eben ist.

Um noch etwas bei der Etymologie von Worten zu verweilen: was bedeutet eigentlich Person? Der Begriff persona, der dem deutschen sehr nahe kommt, und aus dem Lateinischen stammt, bezeichnet die Maske eines Schauspielers im Theater. Eine solche Maske meinte wiederum große Persönlichkeiten des Römischen Reiches, etwa einen Kaiser, der nachgeahmt wurde. Personen sind also Menschenmasken eines Theaters, die etwas Objektives darstellen, indem sie das innere Verhalten durch ein äußeres Bild mittels Mimesis zu ergänzen suchen. Das wiederum bringt mich dazu, den Begriff Person mit Marx zu assoziieren, der nämlich von Charaktermasken sprach, wenn er klar machen wollte, dass die Einzelnen im Kapitalismus lediglich ein „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Marx: Thesen über Feuerbach) sind und dementsprechend handeln (und zuweilen auch aussehen). Den Begriff leitete er folgerichtig aus der italienischen Theatersprache des 18. Jahrhunderts her, deren Grund sicher in dem eben Aufzeigten liegt.

Eine weitere Definition des Begriffs Persönlichkeit, stammt von Kant, dessen Philosophie Adorno als höchste Stufe der Reflexion des bürgerlichen Bewusstseins bezeichnete – und ich würde dazu setzen: des deutschen –, und ähnlich anmutet, wobei sie psychoanalytisch gedeutet werden muss, was durch Ansätze von Triebtheorien darin recht leicht ist. In der Kritik der praktischen Vernunft werden unter Persönlichkeiten jene Leute verstanden, die sich durch ihr am moralischen Gesetze ganz und gar orientiertem Handeln Achtung verschafft haben. Auch heute spricht man im Alltag noch von großen Persönlichkeiten, wenn jemand etwas moralisch Wertvolles getan hat.

Das moralische Gesetz ist dabei schlechterdings als Freuds Über-Ich bzw. Gewissen, zu betrachten, denn auch Kant verlangt, dass die Bedingung der Möglichkeit einer moralischen Handlung das Abschlagen aller subjektiven Neigungen, die Lust erzeugen, ist, wobei Freud davon ausgeht, dass diese sublimiert werden. Deswegen verleugnet Kant auch nicht, dass dieses Befolgen Gehorsam einer Pflicht ist und, dass dies a priori durchaus keine Lust bereitet, nicht einmal bereiten darf, während Freud von einer geminderten Lust durch ihre Ablenkung spricht. Beides, Sublimierung und Abschlagung der Lust, laufen aber letztlich aufs Gleiche hinaus. Da nämlich sowohl auf Kulturelles gelenkte Lust mit lauter schmerzlichen Erfahrungen verbunden ist – die bürgerliche Liebe, ob nun mono- oder polyamor, ist auch hier ein gutes Beispiel: wie sehr schmerzt so häufig eine feste Beziehung; und Treue und Untreue erst! – als auch die achtungswürdige Person durchaus dazu angehalten ist, vernünftige Selbstliebe nach ihrer moralischen Tat zu empfinden, so sind also Sublimierung und Verwerfung gänzlich dasselbe.

Die Person ist in Gänze eine Funktion des Kapitals, zumindest wenn sie unbewusst agiert, weil Über-Ich, Gewissen, Moral erstens Dinge sind, die uns erst zu einer Person werden lassen und zweitens von der Warengesellschaft gesetzt werden. Unbewusst agiert eine Person deshalb, weil sie durch die Gesellschaft (gerne auch heute noch vermittels Ohrfeigen) eingeschlagene Moralvorstellung als ein unmittelbares Gut empfindet und diese dann in Handlungen umsetzt, um sich als Person zu konstituieren. Darum ist die Aktion dieser Handelnden eigentlich nur Reaktion in Bezug auf einen für kapitalistische Wertevorstellungen untragbaren Zustand. Bei Leuten, die ich demgemäß Bauchlinke nenne, ist das häufig zu beobachten. Diese sich revolutionär Imaginierenden machen den Kommunismus nur noch unmöglicher, weil sie sich für eben solche halten,während sie sich genauso bürgerlich verhalten wie etwa le bonhomme saint Rüdiger Bender, der das Symbol der ganzen bourgeoisen Anti-AfD-Misere in Erfurt ist und von dem sich Bauchlinke dann selbstverständlich nur symbolisch distanzieren können. Letztlich sind sie nichts anderes als Rebellen im Sinne Fromms (Studien über Autorität und Familie).

Genau das ist also der Gehorsam gegenüber der Pflicht, den Kant meint und er ist sehr basal und ökonomisch ausgedrückt das Befolgen des Befehls seine Ware Arbeitskraft zu verkaufen, um jegliche Produkte am Markt erwerben zu können, d.i. das System zu erhalten, um sich zu erhalten, aber von jenem auf eine metaphysische Rechtfertigungsebene gehoben – und daher politisch –, die wiederum den realen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit durch Synthesis ausmerzt. Ideologie erzeugt eben auch den Schein, dass man moralisch und selbstständig auf Grund der Evidenz des Guten handelt. Der Befehl wird darin das Vernünftige schlechthin und deswegen hat es natürlich auch Sinn ihm zu folgen – wenn der Befehl vernünftig ist, warum ihn dann verneinen? Eine positive und konkrete Variante hierfür findet man übrigens in der Spanischen Revolution, bei Roten Brigaden, die hierarchisch organisiert waren, freilich weil es eine Notwendigkeit zur Befreiung war und ist, aber daher eine ebenso vernünftige.

Auch das beschreibt Kant, nur nicht kritisch. Man sieht dies falsche Verhältnis heute immer sehr treffend an Jugendlichen, wenn sie uniform und sich individuell denkend Kleidung tragen, auf der „OBEY“ prangert. Da bestätigt also die kulturindustrielle Produktion das Gefühl der Individualität, indem sie Standartprodukte auf den Markt feuert, auf denen zum Hohn des Menschen in großen Lettern der Imperativ „Gehorche“ steht.

Vermittels der Kritik persönlich werden, heißt demnach nicht einfach ein sozial unberührtes und ideelles Individuum anzugreifen, sondern dagegen sehr reelle gesellschaftliche Verhältnisse freizulegen, die deutlich machen, dass eine Person ein unselbstständiges Individuum ist, das lediglich ungeteilt erscheint. Damit das Abstrakte etwas konkreter wird, die Polemik also verständlicher, im Folgenden eine Explikation. Nenne ich eine Person ‚Hurensohn‘, dann steckt darin auf die Spitze getrieben: ‚Du glaubst also die Lüge, dass du ein Individuum seist, obwohl du vom Kapital gesetzt worden bist. Da du also nicht weißt, woher du eigentlich kommst, stehst du tatsächlich da wie das Kind einer Sexarbeiterin, die versehentlich von einem ihrer Kunden geschwängert wurde, wodurch dir, dem Kind, wiederum unklar ist, wer dein Vater ist.‘

Also wird die Kunst zu polemisieren kritisch: der Speer des antik-griechischen Soldaten traf nicht einfach nur irgendeinen Gegner als Individualität, sondern war immer auch ein Angriff auf dessen Herrscher, der das Ganze verkörperte; und ebenso ist heute die Polemik der Krieg gegen die Ideologien des Kapitals, indem sie als solche im Subjekt zum Aufscheinen gezwungen werden, oder mit Marx: „Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie) Die Polemik übertreibt also das subjektive Denken hin zu ihrem Ursprung, den gesellschaftlichen Verhältnissen und macht mithin die Handelnden verantwortlich, wodurch ein „Potential von Freiheit“ aufscheint, „weil dadurch […] den Subjekten der spontane Glauben an die ‚Naturwüchsigkeit‘ ihrer selbst und der von ihnen in Gang gehaltenen gesellschaftlichen Einrichtungen grundsätzlich abhanden“ (Nachtmann: Krisenbewältigung ohne Ende) kommt.

Man muss aber weiter gehen und das Verkrustete in seiner ganzen steinernen Verfestigung darstellen und darf nicht zulassen, dass überhaupt etwas am Subjekt individuell erscheint, solange es durch das Kapital vermittelt wird. Es ist mehr noch Objekt, als die oben genannte Kritik an der Abschlagung der eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten glauben macht; als würde die Enteignung (Aneignung wäre davon vielleicht begrifflich zu trennen) der moralischen Gefühle des Kapitalismus alles gut sein lassen. Die Gefühle sind selbst schon verstümmelt (vgl. einführend in der aktuellen Alerta Südthüringen #6: Ein kritisches Lob des Hedonismus).

Das sein Selbst aktualisierende, handelnde Subjekt ist vielmehr ganz ein Ding, denn es tritt nur durch seine verobjektivierte Tätigkeit, die Arbeit, auf. Und man sieht es wohl sehr deutlich an der mariäischen Liebe und ihrem recht wirklichen Pendant, dem Sexus: die freie Wahl des Partners oder der Partnerin und das Sich-angezogen-fühlen, orientiert sich in den allermeisten Fällen am Lohn und damit am Stande in der Gesellschaft, die der oder die andere vorweisen kann. Das legt Zeugnis davon ab, dass das Individuum für uns nur verdinglicht wahrnehmbar ist und damit eben als eine Sache. Ein Mensch lässt sich – wie das tagtäglich geschieht – darum auch als Gegenstand behandeln und das selbst, wenn er nicht lohnarbeitet; dann wird er nämlich Gegenstand der Arbeitsagentur, weil freilich die primitive Verdinglichung des Individuums über Arbeit teilweise als agens obsolet geworden ist (und sich dieser Zustand krisenhaft zuspitzt). Längst ist unser ganzes Selbst durch die Gesellschaft deformiert, weil unsere Sinneswahrnehmung, mit Kant gesprochen, durch die Verstandesbegriffe determiniert ist. Alles sinnlich Erfassbare, sei es, was es wolle, wird vollständig unter die gegebenen Kategorien des Ich subsumiert. Das aber impliziert die Umformung der Sinne selbst. Als Naturobjekte werden sie von den Eltern bearbeitet wie ein halbes Schwein vom Metzger.

Zur Aufhellung dessen, soll noch einmal Marx herangezogen werden: „Wenn die Ware daher nur als Gebrauchswert werden kann, indem sie sich als Tauschwert verwirklicht, kann sie sich andererseits nur als Tauschwert verwirklichen, indem sie sich in ihrer Entäußerung als Gebrauchswert bewährt.“ (Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie) Das individuelle Material am Menschen ist also nur darum da, weil es gesetzt ist durch sein anderes, das abstrakte Unwesen der Gesellschaft. Wenn der Gebrauchswert (das Individuum) sich nicht bewährt, in Tauschwert (Kapital) transformiert – da würde es Menschen anders als Leuten ergehen – wird das Produkt rigoros vom Markt geworfen, nur: dass eBay besser läuft als Datingseiten, bereits gebrauchte Menschen sich also schlechter verscheuern lassen als anderweitiger Ramsch.

Die Kritik ad hominem ist daher analog eine Kritik ad rem; und das heißt weiter, dass es eine spitzfindige Differenz innerhalb der Kritik des gesellschaftlichen Teils gibt. Es bedeutet nämlich nicht, dass man eine größtmögliche Mannigfaltigkeit von Einzeldingen in der Welt zusammenhamstert und leer dastehen lässt, ohne diese sachgemäß zu verurteilen. Denn ohnehin ist schon jedes Ding nur durch das Kapital gesetzt. Deshalb geht es noch dringender darum, die Kritik an jedem einzelnen Detail entzünden zu können, das Prinzip Kapital darin freizulegen, erscheint es auch so unbefleckt wie die Gottesmutter Maria.

III. Grenzen der Polemik

Ich habe versucht, im Aufgezeigten festzustellen, was Polemik sein kann, indem ich einerseits bemühte, ihren Gegenstand zu definieren. Dies betonte den Einzelnen: „Sie tut zunächst etwas, was sachlich nicht begründet scheint, weil sie kontrafaktisch die Ergebnisse des gesellschaftlichen Prozesses den Individuen als Ausdruck ihres eignen Willens zuordnet. Sie argumentiert ad hominem.“ (Bruhn: Interview mit T-34). Andererseits habe ich dazustellen gesucht, ihre spezifische Form zu verteidigen. Vorerst erwähnte ich hierzu den Begriff Beleidigung, der sicher nicht darin aufgeht, was Polemik inhaltlich ist, aber ein Teil von ihr sein kann. Wie mein Beispiel eines polemischen Angriffs zeigte, gehört zu dieser eine tiefere Erläuterung. In dieser Form versteckt sich allgemeiner gesprochen der Hass gegen den Kapitalismus und diese nur formale Bestimmung wird gleichsam ihr Inhalt. Der Hass ist ein Mittel der Ordnung, er betont in ablehnender Weise dasjenige, was falsch ist, aber eben durch seine eigentümlich Art und Weise des Ausdruckes.

Eine kritische Einsicht in dieses Gefühl ist dabei unerlässlich. Dadurch treibt die Polemik die Kritik auf die Spitze. Diese Übertreibung zerfällt analytisch in die Verwendung besonders passender Worte und inhaltlich auf wenige da seiende Details, wobei beides das zu Grunde liegende Prinzip treffen müssen. Durch die emotionale Bindung an das Objekt, die der Hass impliziert, affirmiert die Polemik ebenso das sie ausführende Subjekt.

Die erste Grenze der Polemik ist daher das Subjekt. Zeigt der oder die Getroffene Einsicht, hat sie ihr Ziel erfolgreich getroffen und wird darum obsolet. Verliert der Polemiker oder die Polemikerin seinen bzw. ihren Unmut über die Verhältnisse, wird sie leer. Ihre erste und unbedingte Grenze ist daher gleichzeitig die Bedingung ihrer Möglichkeit.

Eine zweite Grenze, die aus der ersten abgeleitet werden kann, ist die psychische Konstitution des Subjektes. Nicht jeder und jede hat Freude daran, Wut derart zu artikulieren, was zunächst einmal eine psychische Disposition oder ein Spleen ist. Ebenso verträgt nicht jedes Subjekt den oft harschen Ton einer Polemik. Auf manche Leute muss man sensibler eingehen und Kritik in anderer Form zum Ausdruck bringen. Sie ist also nicht für jedweden ein Mittel zur Kritik.

Die Polemik ist drittens eine Technik (im altgriechischen Sinne wiederum), d.i. sie muss beherrscht werden. Schlechte Polemiken verfehlen ihr Ziel, weil sie ihren Gegenstand nicht treffen. Wenn man auch – bildlich gesprochen – ein Ziel hat, das so groß ist, dass man es kaum verfehlen kann, einen Bogen und Pfeile besitzt, die materiell vollendet sind, aber dennoch nicht in der Lage ist, das alles auszunutzen, ist die Polemik machtlos. Diese Grenze beschreibt also ein subjektives Vermögen oder Talent.

Viertens hat die Polemik ihr Ende an der Überwindung der objektiven Verhältnisse. Ist das Wahre, das Schöne und Gute erst einmal gesetzt, verliert auch sie ihr Recht. Sie ist also nur dann kritisch und revolutionär, wenn sie bereit ist im richtigen Augenblick zu vergehen.

Emanzipatorisch beleidigen?! – Die Kunst der Erniedrigung

Lulu Ronja setzt sich damit auseinander wie Schimpfen funktionieren könnte. Dabei enthält dieser Artikel Wörter, die viele Diskriminierungen reproduzieren.

Wir haben Wut. Die ist berechtigt. Wir kritisieren vieles und lehnen einiges mehr ab. Berechtigterweise. Wir finden so viel falsch. Doch wie finden wir Worte, um unserer Kritik aber auch unseren Gefühlen wie Ärger und Wut Ausdruck zu verleihen?

Ob im direkten Gespräch, beim Zuhören in der Straßenbahn, beim Durchstöbern von Facebook-Seiten, bei der Demo gegen die AfD – überall begegnen einem rassistische, antisemitische, heterosexistische und völkisch-nationalistische Sprüche. Das weckt das berechtigte Bedürfnis denjenigen, die sich so äußern, etwas zu entgegen. Was, was rauslässt, was in uns ist.

In diesem kurzen Kommentar geht es nicht darum, argumentativ, klug, dialogisch und wohlwollend mit solchen Äußerungen umzugehen, sondern darum, Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Hier geht es also um Pöbeln und nicht darum ein faires Gespräch zu führen. Es folgt eine Auseinandersetzung darüber, einfach mal Dampf ablassen, rumzumotzen und sich auszukotzen, möglicherweise auch Menschen das Wort abzuschneiden und den Bullshit zu stoppen, den Menschen von sich geben.

Doch in solchen Momenten, in denen ich emotional schon hart ge- und betroffen bin, fallen mir oft nur Worte ein, die auf Kosten von Gruppen gehen, von denen ich sonst behaupte mich mit ihnen zu solidarisieren und gemeinsam für eine emanzipatorische Gesellschaft zu kämpfen.

Auf der Suche nach emanzipatorischen Begriffen, um Wut auszudrücken, bleiben mir mehr Fragen, als ich Antworten gefunden habe.

Warum tut motzen gut?

Welche Funktion erfüllen Schimpfwörter/Kraftausdrücke überhaupt? Ist Schimpfen und beleidigen grundlegend erniedrigend? Ist es nicht eine Selbstermächtigung aus einer sich grundlegend ohnmächtig anfühlenden Position? Liegt im Akt des Beleidigens die Erniedrigung? Offensichtlich funktioniert Erniedrigen gut, in dem der*die Kontrahent*in mit Bezeichnungen für unterdrückte und marginalisierte Gruppen zu übersät wird – alle Beleidigungen, die mir einfallen, diskriminieren entlang gängiger gesellschaftlicher Normen, die ich eigentlich als regressiv entlarvt habe. Viele Schimpfwörter reproduzieren eine Zuweisung von Menschen an eine gesellschaftliche Position, die ihnen Gleichberechtigung abspricht. Sie führen mich der emanzipatorischen Gesellschaft kein Stück weiter. Muss eine Beleidigung das können?

Warum ist es so befreiend Menschen mit Schimpfwörtern zu bezeichnen? Wie oben schon kurz angerissen geht es wohl um das Zurückholen von Handlungsfähigkeit, darüber die Oberhand über den*die Kontrahent*in zu bekommen. Das Beleidigen dient dem Zurückgewinnen von Kontrolle in einer Situation, die emotional und schmerzhaft ist. Solche Gefühle wie Wut, Ärger und absolutes Unterverständnis entstehen, weil ich es aus einer bestimmten Perspektive unsinnig und unvernünftig und schlichtweg falsch finde, was das Gegenüber von sich gibt. Doch ich möchte in manchen Momenten nicht argumentativ entlarven und widersprechen, sondern eben einen Seitenhieb verpassen. Ich möchte provozieren, dass sich der*die Kontrahentin genauso mies fühlt, wie ich mich in den Momenten, in denen ich den abgesonderten Bullshit ertragen muss oder eben nicht mehr kann. Es geht also um Ehrverletzung, Erniedrigung, Macht, um sich der eigenen Ohnmacht zu widersetzen – wenn auch nur ein bisschen, nur für einen kleinen Moment. Ich möchte mein Gegenüber degradieren, deklassieren und herunterstufen. Dabei stehen mir leider und logischerweise Begriffe zur Verfügung, die die Positionen in der Gesellschaft widerspiegeln.

Wer ist wie beteiligt und betroffen?

Es scheint sinnvoll die verschiedenen Beteiligten in einem solchen Pöbel- und Motzprozess zu unterscheiden. Für die Sprecher*innen dient ein Schimpfwort dem Abreagieren, die Adressat*innen sollen deklassiert werden. Oft gibt es jedoch auch Situationen, in denen scheinbar Unbeteiligte bzw. Zuhörende mit dabei sind.

Für die Pöbelnden, also Sprechenden geht es sozusagen beim Schimpfen um die Erniedrigung des Gegenübers. Nichtsdestotrotz ist es eine Selbstoffenbarung, denn durch die Auswahl des Schimpfwortes und des Begriffs tritt zu Tage, welche Annahme der*die Sprecherin über das Gegenüber hat – nämlich mit welchem Wort eine Erniedrigung erreicht wird. Taktisch hieße das, die Norm meines Gegenübers zu antizipieren, an der er*sie am meisten hängt und diese dann bewusst anzugreifen. Doch stecke ich dann nicht mit der Person wertemäßig unter einer Decke? Das könnten die Zuhörenden zumindest denken. Möglicherweise sind diese jedoch direkt betroffen und ich verletze sie. Weiterhin verletze ich alle anderen Betroffenen ohne sie eigentlich zu meinen. Ich könnte wohl in einer eins zu eins Situation ohne schlechtes Gewissen das passende Schimpfwort sagen, doch eben nicht in Situationen, wo es viele Zuhörer*innen gibt.

Doch in meinem Wunsch die Person mit einer Bezeichnung abzuwerten stärke ich eine regressive Norm und somit die Normalisierung der gesellschaftlichen Missverhältnisse wiederum. So geht’s nicht.

Ein Blick ins Schimpfwortrepertoire

Noch einen Schritt zurück gedacht, bedeutet dies, dass Schimpfwörter selbst erst gesellschaftliche Normen offenlegen. So begebe ich mich auf eine Reise durch die Landschaft der Schimpfwörter.

Oft wird in Schimpfworten Männlichkeit diskreditiert: Warmduscher, Weichei, Lappen etc. Gängige Abwertungen beziehen sich auch auf Penetrationssex. Dabei ist ficken gut, doch gefickt werden etwas Erniedrigendes. Die Ansage jemanden zu ficken ist als Drohung gemeint, als Androhung von Gewalt. Es ficken die Mächtigen, die Männer, andere werden gefickt, was ihrer Erniedrigung dient. Deshalb funktionieren auch Begriffe so gut, die homophob bzw. bezugnehmend auf Schwule sind.
Das Wort Hurensohn macht deutlich, dass Mütter von Söhnen keinesfalls gesellschaftlich anerkannt sind, wenn diese sexuell aktiv sind. Doch von einer Hure zu stammen, scheint nur für männliche Kinder schlimm zu sein. Hurentochter erkennt noch nicht mal mein Rechtschreibprogramm.

Weiter geht’s mit Benennungen, die Menschen Intelligenz und Zurechnungsfähigkeit absprechen. Beispielsweise Idiot*in. Diese Bezeichnung entstammt einer krassen Konstruktion von gesund und krank bezogen auf psychische Leistungsfähigkeit. Andere Bezeichnungen wie asozial oder Pack verweisen die so Bezeichneten gar an einen Platz außerhalb der Gesellschaft, möglicherweise sogar bezogen auf die Nichtzugehörigkeit zur Volksgemeinschaft. Doch will ich Menschen mit Worten beleidigen, in dem ich sie mit diesen aus der Volksgemeinschaft ausstoße – da will ich doch selbst nicht dazugehören!

Beleidigende Bezeichnungen beziehen sich auf das Nicht-Entsprechen oder wenn Menschen nicht den mehrheitsgesellschaftlichen körperlichen Normierungen entsprechen. Tiernamen sprechen dem Gegenüber Menschlichkeit komplett ab. Die gehen also eigentlich überhaupt nicht.

Weiterhin wollen alles sein, nur kein*e Opfer – warum ist Täter*n kein Schimpfwort? Es geht auch hier um Macht – wer übt diese über wen aus.

Auf der Suche nach einem Ausweg

In pädagogischen Konzepten für Kids zum fairen und respektvollen Umgang miteinander finde ich scheinbare Alternativen zu diskriminierenden Schimpfwörtern: Bommelglöckchen. Mondblume und Klappspaten. Nunja – so wirklich bin ich nicht überzeugt.

Vielleicht hilft uns aber auch mehr Deutschenfeindlichkeit – mit Kartoffel ist schon ein Anfang gemacht, manchmal funktioniert auch Nazi, doch es gibt ja alles an Bezeichnungen für Nazi: Kochnazi und Ordnungsnazi, doch alles ist doch eher verharmlosend. Leider funktioniert die Bezeichnung nur in der Gruppe, in der Deutsche*r eine Beleidigung ist. Für mich ist es beschämend, doch wohl nicht für viele andere.

Bei meinen Überlegungen finde ich nur eine Form, die ich akzeptabel finde: Die Reinheit einer Person zu verletzen: kotzen, kacken, Scheiße! Für mehr Beschmutzung und Entsakralisierung.

Irgendwie haben das Punkbands bei ihrer Namensgebung scheinbar schon immer gewusst… Ich hätte nie gedacht, dass ich zu dieser Erkenntnis komme: bei allem Regressiven im Punk ist die provokante Selbstbezeichnung, die häufig Fäkalsprache verwendet, emanzipatorisch. Für mehr Pisse und Eiter?!

Was bleibt, ist die Annahme, dass wir eine Person damit treffen, wenn wir ihre Reinheit und Ehre irgendwie beschmutzen, doch vermutlich kommen wir da nicht raus. „Doh!“ – wie Homer Simpson reagieren würde…

Emanzipatorisch und beleidigen schließt sich aus. Doch ich möchte und werde weiter motzen und mich auskotzen, mich ermächtigen wollen, doch möchte dabei andere Begriffe verwenden, als Menschen, die mit der momentanen Gesellschaftsordnung weniger Probleme haben. Deshalb probieren wir es aus – suchen wir befreiende Schimpfwörter ohne aber darüber den notwendigen Kampf gegen die Verhältnisse zu vernachlässigen. Denn die Welt wird nicht besser, wenn ich weniger diskriminierende Beleidigungen nutze…

Aber ich habe mich nicht.

Die Hoffnung auf Räume solidarischer Kritik und gemeinsamem Hinterfragens hat Simon Rubaschow noch nicht aufgegeben. Daher wirft er einen kritischen Blick auf das Konzept des ‚Empowerments’. Der Autor ist Mitglied im Club Communism.

Insbesondere in (queer-)feministischen und anarchistischen Kontexten (aber auch anderswo in der linken bzw. linksradikalen Szene) erfährt das Konzept ‚Empowerment‘ eine anhaltende Beliebtheit. Ob mit dem Begriff ‚empowern‘ oder ohne ihn, sich gegenseitig in seinen Bedürfnissen bestärken und gemeinsam gesellschaftliche Handlungsanforderungen, die sich nicht gut anfühlen, abwehren ist populär. Handlungspotenziale aufzubauen, indem die eigene Macht erlebbar gemacht wird – in Praxis-Workshops, der Selbstorganisierung von Veranstaltungen oder darin, die Risse im System durch Massenproteste spürbar zu machen – sind vom Syndikalismus Georges Sorels über die Riot-Grrl-Bewegung bis zu den Mobilisierungsaufrufen der IL Bestandteil radikaler Praxis. Aber auch der positive Bezug auf Role-Models, sei es aus den fiktionalen Kulturprodukten, lebende oder tote Personen oder auf Handlungsformen, sei es aus der Vergangenheit (Stichwort: 80er-Jahre Autonome mit Helm), sei es aus anderen Weltregionen (Stichwort: Griechische Autonome mit Helm) dient dazu, sichtbar und nachvollziehbar zu machen, dass man hier und jetzt anders handeln könne.

Bemerkenswert ist dabei, dass gerade queerfeministische, anarchistische oder am Postmarxismus orientierte Zusammenhänge sich für Empowerment begeistern, wo doch gerade sie ob ihrer Nähe zu poststrukturalistischen Theorien die Probleme dieses Ansatzes vor Augen haben müssten.

Individualisierte Ohnmacht

Das erste Problem mit Empowerment bringt Ulrich Bröckling, der ehemalige Autor der anarchistischen Zeitschrift Der Schwarze Faden in seinem Hauptwerk Das unternehmerische Selbst auf den Punkt. Es ist an deutschen Soziologie-Instituten so populär, dass kaum eine anarchistische, postmarxistische oder queerfeministische Szene ohne jemanden auskommt, der einmal eine Hausarbeit dazu geschrieben oder zumindest ein Seminar dazu besucht hat.

Schon die Geschichte des Begriffs müsste die Genoss_innen stutzig machen, liegen die „Wurzeln des Empowerment[, der] in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts [als] Begriff geprägt wurde“ keineswegs ausschließlich bei an Emanzipation Interessierten: Neben „Bryant S. Solomons aus dem Geist der Bürgerrechts- und Black-Consciousness-Bewegung geschriebenen Handbuch Black Empowerment. Sozial Workers in Oppressed Communities tauchte er 1976 zum ersten Mal als ein Buchtitel auf; ein Jahr später erschien Peter L. Bergers und John Neuhaus‘ Manifest To Empower People, ein konservativ-kommunitaristisches Plädoyer für die Stärkung von Nachbarschaft, Familie und anderen intermediären Instanzen, die den überstrapazierten Wohlfahrtstaat entlasten“ (185). Linken wie rechten Empowerment-Konzepten ist dabei, so Bröckling, gemeinsam, dass im „Vordergrund nicht die Machtverhältnisse selbst [stehen], sondern das Gefühl der Ohnmacht, das sie bei den Machtlosen erzeugen.“ (192)

Die zwei Grundlagen von Empowerment-Politik fasst Bröckling dabei wie folgt zusammen: „Erstens wird es möglich, disparate Problemlagen unter einer gemeinsamen Definition zusammenzufassen. [] Aus der einheitlichen Diagnose folgt zweitens eine ebenso universelle Therapie: Empowerment. [] Die zugrunde liegende Rechnung ist simpel: Je mächtiger sie sich fühlen, desto weniger Probleme werden sie haben – und verursachen.“ (192)

„Es gibt in dieser Perspektive keine Schwächen, sondern nur in die Latenz abgedrängte oder unterentwickelte Stärken, die darauf warten, bewusst gemacht und zur Geltung gebracht zu werden. Die Empowermentprogramme konstruieren also nicht nur eine homogene Gruppe von Ohnmächtigen, sondern erklären auch im gleichen Zuge, dass diese sich nur deshalb ohnmächtig fühlen, weil sie ihre eigene Macht noch nicht erkannt und in actu [=in Wirklichkeit, S.R.] erfahren haben.“ (196)

Empowermentstrategien von links und rechts verbindet also, dass sie Ohnmacht als gesellschaftliches Verhältnis verleugnen, indem diese Ohnmacht individualisiert wird. Ohnmacht wird so – und das ist das Attraktive an Empowerment – zu einem innerhalb der derzeitigen Verhältnisse überwindbaren Zustand. Die Ohnmacht zu analysieren und festzustellen, dass ihre Abschaffung derzeit nicht absehbar ist und gewiss nicht kurzfristig zu realisieren ist, man sich also mit der Ohnmacht praktisch arrangieren muss und somit das Unglück Bestandteil des eigenen Lebens ist und sein wird, ist bitter. Wird stattdessen die Ohnmacht zu einem individuellen Phänomen, kann es auch individuell weg-empowert werden. Gesellschaftliche Verhältnisse geraten so aus dem Blick, selbstverständlich ohne dabei zu verschwinden. Mächtig-Sein liegt in der Möglichkeit und damit auch der Verantwortung der_des Einzelnen, wer schwach bleibt, ist selbst schuld, und so ist das Fazit Bröcklings zugespitzt: Empowerment=Neoliberalismus. Das lässt Empowerment regelmäßig gegen eine Wand rennen, sofern es nicht in eine Szene, die sich zunehmend von der Alltagswirklichkeit abkapselt, eingebettet wird.

Authentische Bedürfnisse

Zudem muss das empowerte Subjekt nicht nur die äußere Ohnmacht, sondern auch die eigene Ohnmacht an sich selbst verdrängen. Die gesellschaftliche Herrschaft tritt dem Individuum nicht nur äußerlich gegenüber, sondern es ist grundlegend durch sie geformt und beschädigt. Genau diese Beschädigungen müssen, damit es ein Subjekt gibt, dass gegen die äußere Herrschaft empowert werden kann, zu Stärken umgedeutet werden. Die herrschaftliche Macht kommt von außen, ihr entgegentreten soll ein empowertes, also mit Gegen-Macht ausgestattetes, auf seine innere Stärke vertrauendes Subjekt.

Die herrschende Macht erscheint in der Logik des Empowerments rein repressiv. Sie ist ein die Fähigkeiten und Bedürfnisse des Individuums einengender Panzer, der aufgesprengt werden muss. So fällt die politische Praxis des Empowerments hinter Michel Foucaults Machttheorie zurück, einem – wenn nicht dem – zentralen poststrukturalistischem Stichwortgeber linksradikaler Politik. Foucault begreift Macht nicht nur als repressiv, sondern auch als produktiv; ein Subjekt, das vor der Macht da war und von ihr einfach unterdrückt wird, gibt es nicht. Stattdessen entsteht das Subjekt erst in und durch die Formung durch die Macht.1 Das bedeutet, dass die scheinbar eigenen, authentischen Bedürfnisse selbst Produkte der gesellschaftlichen Verhältnisse sind.

Diese Feststellung ist nicht falsch zu verstehen: Die eigenen Bedürfnisse realisieren zu können ist für das eigene Wohlbefinden zentral und daher das Ziel linksradikaler Politik. Und das Empfinden subjektiver Ohnmacht gegenüber gesellschaftlichen Zwängen ist ein relevanter Hindernisgrund daran, neben etwa objektiver Ohnmacht, d.h. beispielsweise zu wenig Geld, sich das zu kaufen, was man gerne hätte.

Nur: Die eigenen Bedürfnisse zu realisieren bedeutet zunächst einmal nur, sich selbst als das, was man ist, anzuerkennen, als Produkt und Teil dieser Gesellschaft. Und es gehört nicht nur vernünftigerweise zu emanzipatorischer Praxis, die Realisierung der Bedürfnisse von Nazis zu unterbinden, sondern auch die eigenen Bedürfnisse daraufhin abzuklopfen, ob sie sexistisch, rassistisch usw. sind, bevor man sie realisiert – und gegebenenfalls diese Bedürfnisse eben unrealisiert zu lassen.

Der Einwand gegen diesen Punkt, dass diese Erkenntnis banal ist und in linksradikale Empowerment-Konzepte eingedacht ist, mag stimmen. Aus diesem Eingedenken folgt die Strategie, genau das zu empowern, was die Macht scheinbar oder tatsächlich unterdrückt und das daher Widerstandspotenzial birgt. Dies ist die Strategie des Satanismus: Weil die Kirche und der von ihr propagierte Glaube eine repressive Macht ist, die dem individuellen Glück entgegensteht, braucht es die Umkehrung aller Werte und Normen. Eine Gegen-Kirche wird entworfen, in der die Symbole und Rituale der herrschenden Kirche umgekehrt sind und all das, was laut ihrer Moral gut ist, schlecht – und umgekehrt. Diese Strategie bleibt in der Logik des Bestehenden und häufig auch in dessen Kategorien. Sie schafft ebenso wie die herrschende Norm einen Raum, in welchem der Ausdruck bestimmter Bedürfnisse illegitim wird – sei es das Bedürfnis nach modischer Kleidung in der Hipster-Verachtung szenelinker Milieus oder die Marginalisierung femininer Identitäten und Ausdrucksformen in lesbisch-feministischen Kontexten.

Diese Strategie hat zudem noch einen weiteren Haken: Nicht alles Unterdrückte, Verachtete und Pathologisierte etc. wird zu Unrecht unterdrückt oder pathologisiert, auch die unvernünftigen herrschenden Verhältnisse enthalten Spuren der Vernunft. Man muss hierfür nicht an den erwähnten Satanismus denken und auch nicht an Internetforen, in denen sich an Anorexie Erkrankte gegenseitig zum Weiterhungern empowern. Schon der bürgerliche Anspruch auf argumentative Begründungen von Positionen und Höflichkeit in Diskussionen sind keine bloße Repression eines freien Umgangs miteinander, sondern Möglichkeitsbedingung eines Austausches, der über das bloße Sichtbarmachen der je eigenen Meinung hinausgeht.

Schließlich ist Empowerment letztlich der Nachvollzug der Logik der herrschenden Macht selbst. Das Problem, das Empowermentstrategien bearbeiten wollen, ist die eigene Schwäche, die durch Selbststärkung überwunden werden muss. Das über sich selbst bestimmende, seine eigenen Bedürfnisse durchsetzende Individuum, mithin also das bürgerliche, männliche, weiße Subjekt der herrschenden Verhältnisse ist es, das hierfür das Modell und angestrebte Ideal bildet. Ein Recht auf Schwäche kennt Empowerment-Politik nicht bzw. nur dann, wenn die Schwäche zum Ausdruck gebracht und als Mittel der eigenen Zugehörigkeit zur Gruppe der Sich-Empowernden in Funktion gesetzt werden kann. Dabei ist das Recht auf stumme „Momente der Schwäche und Nichtfunktionieren [] nicht etwas, das für die Revolution mal beiseite getan werden kann []. Schwäche ist die Negation einer Welt der Stärke, Härte und Kälte. Und eine solche Härte kann sich auch in einem Lächeln ausdrücken.“2

Ausgangspunkte der Erkundung

Sich auf der Basis gemeinsamer Ablehnung des Bestehenden und des geteilten Wunsches, sich trotz und gegen dieses Bestehende zu verwirklichen, zusammenzutun, soll mit den Ausführungen nicht kritisiert werden. Und Szenen können gerade dafür einen Schutzraum liefern, in denen eine solidarische, wechselseitige Unterstützung möglich ist.3 Diese wechselseitige Solidarität zum Empowerment zu nutzen, also der wechselseitigen Selbstbestätigung und Ausbildung einer gemeinsamen Identität, bedeutet jedoch, letztlich vor den Verhältnissen zu kapitulieren. An Identifizierungsangeboten in all ihren Facetten besteht dank Kultur- und Werbeindustrie, die noch jede subkulturelle Innovation und jede irgendwie als stark oder glücklich vermarktbaren Selbstentwurf früher oder später in einen Abenteuerurlaub, eine Modelinie, eine Zeitschrift oder ein Makeup verwandelt, kein Mangel. Woran ein Mangel besteht, sind Räume, in denen die eigenen Bedürfnisse solidarisch hinterfragt und kritisiert werden können. Räume, in denen die eigenen Beschädigungen, die hinter dem alltäglichen Funktionieren unsichtbar bleiben müssen, nicht verdrängt werden. Diese Beschädigungen anzuerkennen heißt jedoch nicht, sie in Stärken oder authentische Charakterzüge umzudeuten, sondern zu begreifen, dass die eigene Authentizität à-venir (also immer erst eine Kommende, noch nicht realisierte Authentizität) ist. In diesen Verhältnissen in sich selbst zu Hause zu sein ist nicht möglich,4 das ist der objektive Gehalt von ‚Entfremdung‘, und gegen diese Entfremdung hilft nicht die Besinnung auf vermeintlich repressiv unterdrückte Bedürfnisse, sondern die Suche nach dem noch Fremden, das das Gegengift gegen Entfremdung ist.

Diese Suche, diese Erkundungen werden durch das Hinterfragen der eigenen Bedürfnisse5 in einem solidarischen Kontext möglich, der diese Form der Selbstverunsicherung in einer Welt, die von einem fordert, immer sicher zu sein, erst erlaubt. Judith Butler – die Hausphilosophin des Queerfeminismus, sich selbst auf Foucault beziehend – formuliert dies am Ende ihres Werks Das Unbehagen der Geschlechter wie folgt: „Die Aufgabe ist nicht, alle und jede neue Möglichkeit qua Möglichkeit zu feiern, sondern jene Möglichkeiten zu reformulieren, die bereits existieren [] Würden die Identitäten nicht länger als Prämissen eines politischen Syllogismus [=logischer Schluss, S.R.] fixiert und die Politik nicht mehr als Satz von Verfahren verstanden, die aus den angeblichen Interessen vorgefertigter Subjekte abgeleitet werden, so könnte aus dem Niedergang der alten eine neue Konfiguration der Politik entstehen.“ (218)

Dieses Reformulieren braucht dreierlei. Zum einen den solidarischen Kontext, in dem es möglich ist, seine eigenen Beschädigungen und Schwächen offen zu thematisieren, ohne dass sie als positive Identitätsbestandteile referiert werden. Es braucht einen Ort der solidarischen, wechselseitigen Kritik auch der Bedürfnisse. Zudem braucht es zweitens eine Sprache, in der diese Reformulierung möglich wird. Judith Butler geht etwas leichtfertig davon aus, dass dies mit der bestehenden Sprache möglich ist. Ob es für das, was im Zuge der Erkundungen gefunden wird, jedoch schon Ausdrucksformen gibt, ist ungewiss.6 Über die Solidarität und die Sprache hinaus darf jedoch drittens nicht vergessen werden: Ohnmacht ist objektiv und liegt außerhalb des Individuums. Es braucht zum Erkunden und zur Realisierung der beim Erkunden entdeckten Möglichkeiten materielle Ressourcen und praktische Handlungsfreiheit, auch außerhalb etwaiger Szenen und ihrer Gegenwelten. Und diese materiellen Ressourcen und praktischen Freiheiten verweisen darauf, dass auch eine anarchistische und queerfeministische Praxis nicht ohne einen Begriff von Gesellschaft und von der Produktionsweise dieser Gesellschaft auskommen kann – es also immer noch lohnt, de Beauvoir und Marx zu lesen.


1
Ein Gedanke, der sich etwa auch bei Marx im Begriff der ‚objektiven Denkformen‘ und insb. im berühmt-berüchtigtem Fetisch-Kapitel des Kapitals oder in Freuds Theorie der Triebstrukturierung und der Entwicklung der Psyche findet.

2
Ausführlich dazu die Genossin Maxi N. Conrady: Selbstmitleidig, weinerlich, peinlich, irgendwie egal in der Lirabelle #7.

3
Siehe dazu auch: Simon Rubaschow: Die unentdeckte Zeit, in Lirabelle #7.

4
Ein Gedanke, den Ernst Bloch fasst, wenn er schreibt: „Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen []so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“.

5
Und die Lirabelle bot schon einen Ort, für Versuche solcher Hinterfragung statt des Empowerments und ist dementsprechend auch ein Ort der Erkundungen. Vgl. Mona Alonas Beitrag ‚Großevents – der Linken liebstes Kind‘ in Lirabelle #10 & Max Unkraut: Annäherungen an das Unfassbare, Lirabelle #9.

6
Ein Problem, auf das Luce Irigaray, eine psychoanalytisch orientierte Feministin der 70er Jahre, in ihrem sehr lesenswerten Buch Das Geschlecht, das nicht eins ist ebenso hingewiesen hat wie die Situationistische Internationale (vgl. dazu der Aufsatz Proletarität – Kunst – Sprache von dem Autor_innenkollektiv BBZN unter http://www.studienbibliothek.org/bbzn/BBZN_beitrag_2.pdf). Ein aktuelles Beispiel die Ergebnisse solcher Erkundungen findet sich unter http://www.akweb.de/ak_s/ak614/04.htm.

Parsley, sage, rosemary and thyme*

Die Frage von Geburtenkontrolle und Abtreibung war für die Feminist_innen der 60er und 70er ein wichtiges Thema. Obgleich viele Gesetzgebungen und Regelungen im Gesundheitssystem immer noch sexistisch sind und einkommensschwache Menschen benachteiligen, ist das Thema für viele – aus verschiedensten Gründen – in den Hintergrund getreten. Weshalb es für eine kommunistische und anti-sexistische Praxis weiterhin wichtig sein kann und muss, über die technisch-medizinische Seite der Körper-Aneigung zu sprechen, versucht Maxi N. Conrady am Beispiel der Anti-Baby-Pille zu entfalten. Die Autorin ist Mitglied im Club Communism.

Alle Menschen haben nicht nur einen Körper, sie sind auch einer. Wir alle empfinden Hunger, Durst, werden müde oder fühlen uns nicht gut. Und können mal mehr, mal weniger etwas dagegen tun, was Menschen sehen, wenn sie uns ansehen. Doch alles, was andere von uns erfahren können, ist etwas, was durch oder mit unsere Körper für sie wahrnehmbar wird. Deswegen ist es wichtig, was mit diesen Körpern geschieht, wie wir sie verändern oder eben nicht verändern können, was es bedeutet, dass wir unsere scheinbar natürlichen Körper mit Techniken wie Elektronik, Make-Up und Medizin verändern können.
Deswegen ist sich mit der Pille zu beschäftigen nicht nur ein spannendes Thema für Hetero-Cis1-Frauen, deren Körper gebärfähig sind und die penetrativen Sex haben.1

Die Pille soll hier synonym für Verhütungsmittel die am und im weiblichen Körper angewendet werden stehen, da sie besonders beliebt und zugleich wegen ihres Gesundheitsrisikos umstritten ist.

Der weibliche Körper im Patriarchat

In einer patriarchalen Gesellschaft gelten Heterosexualität, Cis-Geschlechtlichkeit und nicht zuletzt penetrativer Sex als Norm, die strukturell bestimmt Herrschaftsverhältnisse absichern. Das bestätigt sich spätestens, wenn mal wieder jemand droht seine Feinde zu „ficken“. Egal welches Geschlecht: der_die `Gefickte`, also Penetrierte, ist unterlegen.

DDie Fortpflanzungsfähigkeit und auch -willigkeit spielt dabei in diesen Herrschaftsverhältnissen eine besondere Rolle. Im Europa seit dem Mittelalter gab es wenig bis kein Bewusstsein von nicht-männlicher Sexualität. Eine allgemeine Norm, wie sie etwa die Kirche propagierte, bestimmte dabei nicht-produktiven Sex als Sünde oder Perversion. Doch für Frauen* ergab sich aus dieser Perspektive eine schärfere Repression. Frauen* waren, wenn sie eine eigene Lust oder gar eine eigenständige sexuelle Praxis hatten vom Teufel besessen, verdorbene ‚Schlampen‘, ‚Huren‘, die Männer bösartig manipulierten oder galten später als ‚verrückt‘, krank oder genauer pervers.

Gesunde, ‚normale‘ Frauen hatten dagegen zentral Sex, um ihren Gatten zu erfreuen und um Erben zu bekommen.Sex war im Normalfall auf die Bedürfnisse des Mannes* ausgerichtet: für ihn eine Freude, für sie vor allem eine Freude, ihn zu erfreuen. Sie hat Spaß, wenn er Spaß hat.

Deswegen werden kondomloser, penetrativer Sex ebenso wie ‚Entjungferungen‘, bis heute bei einigen Männern als schäbige Trophäe gehandelt: erst dann hat sie sich ganz hingegeben und ist ganz erobert. Die vielen Risiken solcher Praxen werden dabei ausgeblendet.
Denn Sex ist auseiner solchen Perspektive für ihn ein Ort der Reproduktion im Sinne von Erholung, Spaß, Freiheit und Selbstverwirklichung als Liebhaber, für sie eine Ort der Beziehungsarbeit, der Selbstverwirklichung als Fürsorgende und Gebende.Der Druck, ein solche Rolle zu erfüllen, ist dabei auf beiden Seiten groß und potentiell leidproduzierend. Doch alles was an Sex sorgenvoll, dunkel, unästhetisch oder gefährlich ist, soll ihn nicht betreffen. Die ‚Entsorgung‘ und ‚Vermeidung‘ unerwünschter Schwangerschaften ist, genau wie die Menstruation, aus solchen Gründen seither eine weibliche Aufgabe; aber eine, die diskret und ohne großes Aufhebens geschehen muss.

Das Tabu der ´unreinen´ Menstruation etwa hat eine Jahrhunderte und viele Kulturen betreffende Geschichte und ist bis auch heute ein wichtiges Verkaufsargument für Hygienartikel.

Das eigene Bedürfnis steht in einer solchen Sexualität für Frauen* erst einmal hinten an. Was „toller/schöner Sex“ ist, bestimmt der konkrete Mann* zunächst für die konkrete Frau*. In den mehrheitsgesellschaftlichen Bildern stehen dabei sein Urteil und seine Leistung in einer solchen Situation im Mittelpunkt.
Dort, wo Andere diese Bedürfnisse für uns als Einzelne definieren und bestimmen, also wo andere besser als wir selbst zu wissen meinen, was wir wollen, reduziert dieser Prozess den Menschen auf seine äußere Hülle, der dann am glücklichsten zu sein hat, wenn er tut, was er soll. Aus einem Mensch, der auch Körper ist, wird ein Körper mit menschlichen Eigenschaften.

Den Körper zu Markte tragen

Mit dem Kapitalismus entstand zudem eine neue Rolle für Frauen*: die der Marktteilnehmerin. Damit erschlossen sich auch mehr Möglichkeiten, ökonomische Mittel zur Verfügung zu haben und somit das eigene, körperliche Überleben zu sichern – auch ohne das Wirtschafts- und Überlebenskollektiv Familie. Doch die sexistische Rolle des Körper-Seins für andere bleibt dabei erhalten, verformt sich jedoch durch die kapitalistischen Bedingungen.

Der Markt setzt seine Teilnehmer_innen zunächst gleich, auch bei verfügbarer Arbeitskraft und Zeit. Mutterschaft wird zum selbst-verschuldeten Wettbewerbsnachteil oder zur Doppelbelastung.
Die Pille ist in einer patriarchalen Gesellschaft ein wesentlicher Rettungsanker, eine Technik für Frauen, mit der sie Geliebte für ihren Liebhaber sein können und dabei ihre Rolle als Marktteilnehmerin behalten können. Der eigene, mögliche Lebensentwurf, der scheinbar durch Zugriff auf das Machtmittel Geld erweitert schien, wird durch den doppelten Anspruch von kapitalistischem Zwang und sexistischen Geschlechterrollen wieder eingeschränkt.

Dazu kommt die kapitalistisch bedingte Instrumentalisierung des eigenen Körpers, der auf dem Markt mit seiner Kraft und Lebenszeit angeboten werden muss. Durch die Pille werden Frauen potentiell besser zum Objekt im kapitalistischen Wettbewerb und im Objekt-Sein für andere Menschen. Frauen* leben damit nicht nur in Entfremdung zu ihrem marktförmigen Körper, sondern selbst der Rückzug ins Private ist eine Erfahrung der Objektivierung.

Scheinbare und mögliche Befreiungen

Dass man selbst Körper ist, der fühlt, empfindet, leidet und das dieses Empfinden ein Teil des Selbst und der Welt ist, diese Versöhnung lässt sich nicht aus einer Praxis ableiten, in der die eigene körperliche Verfügbarkeit ‚an‘ oder ‚aus geschaltet‘ werden kann. Der Körper, der nur über seine objektive Wirkung in der Welt definiert wird, etwa aufgrund seiner ‚objektiven‘ Attraktivität oder des wirtschaftlichem Erfolgs, verlangt Disziplin und Kontrolle. Mieder und strenge Diät sind sich letztendlich in ihrem Zweck gar nicht so unähnlich, wenn auch unterschiedliche Rollen unterschiedlich disziplinierte Körper verlangen.

So instrumentalisiert, bedeutet die ‚befreite Sexualität‘ durch die Pille nur eine Befreiung eines Objektes vom Zwang der Natur, nicht aber von seiner Stellung als Objekt. Lust und Begehren als Teil einer Person spielen dabei keine Rolle.2 Die Pille ist immer noch ein Verhütungsmittel für ‚eigentlich‘ penetrativen Sex. Seine Form ist immer noch reproduktive Form, nur ohne Reproduktion. Sex selbst bleibt weiter auf ein Handlungsgefüge reduziert, das über die ‚natürliche‘, ‚gesunde‘ Nutzung des eigenen Körpers definiert wird. Die Technik Pille scheint einfach den Körper nur weiter zu instrumentalisieren.

Dabei könnte sie den eigenen Körper eigentlich zu etwas machen, was genau seine Instrumentfunktion überwinden kann: hin zu etwas, das die eigene Bedürfnisse erst erkunden lässt, indem bestimmte Abhängigkeiten und Zwänge, die gesellschaftlich durch seine Form als weiblich begründet werden, für eine Zeit ausgesetzt werden. Indem Sex-haben zunächst gleichgesetzt wird mit penetrativen Sex haben und damit auch mit eben beschriebener Funktion des eigenen Körpers, braucht es einen Bruch mit der Konvention ‚Fortpflanzung‘, der noch keine positive Antwort auf die Frage ‚was ist Sex ?‘ beinhaltet. In einer offenen Situation können und müssen wir Gefühle, Handlungen, was sich ´richtig´ anfühlt neu bestimmen.

An diesem Punkt erst kann sich ein Mensch, der lernt, dass die Reduktion auf den eigenen Körper keine Notwendigkeit hat, neu – als Mensch mit einem Körper – kennen lernen und zugleich Körper und das eigene Denken auf Möglichkeiten hin erkunden. Bedürfnisse können als eigene entdeckt werden, wo der Körper schon ein eigener ist – und zwar auch im Guten. Neue Bedürfnisse können nur unter bestimmten Umständen realistisch werden. Wenn uns Sachzwänge absolut und unumgänglich erscheinen, wird die Idee, dass es anders sein könnte, zur Träumerei.

Und zugleich ist es wichtig, genau hier zu unterscheiden, wo körperliche Erfahrungen und Erfahrungen mit dem Körper ins eigene Denken und Handeln übersetzt werden.

Nicht jede Technik ist automatisch befreiend, nicht jeder Widerstand ist automatisch einer, der zur Befreiung führt und nicht jede neue, auch gute Erfahrung und Aneignung des Selbst eröffnet auch eine neue Perspektive auf die eigenen Möglichkeiten.

Technik wird im Kapitalismus von und für kapitalistische Bedürfnisse geschaffen, wir selbst müssen neue Ideen entwickeln, um sie zu nutzen. Sie um-nutzen, fehl-nutzen, ihre Funktionen neu entdecken. Die Pille kann die Grundlage sein, festzustellen, dass penetrativer Sex keine Notwenigkeit hat, wenn wir ohnehin Sex zum Vergnügen haben und dass Sextoys wie Auflagevibratoren und Strap-Ons nicht ein Ausgleich für ‚echten‘ Sex sind, sondern Technik um – gleichwertig aber anders – Sex zu wollen und zu haben. Den Schluss können wir jedoch nur ziehen, wenn wir über die Funktion der Pille nachdenken, über die unseres Körpers in der Sexualität – und über unser eigenes Vergnügen. Die Pille kann die Schwelle senken, dies auszuprobieren.

Statt der Pille bliebe uns nur der Verzicht auf penetrativen Hetero-Sex, Sex mit anderen Frauen* oder das Risiko davon schwanger zu werden, wenn (wie anfangs beschrieben) das Kondom immer wieder zu etwas wird, um das mit Männern gehandelt und gefeilscht werden muss. Die weibliche Sozialisation, die viele dazu bringt den Konflikt zu meiden, wird dabei zum Risiko für die Einzelne.

Das Zölibat oder Schwangerschaften, grade als die Option ‚natürlichen Lebens‘, können uns genau diese sexuellen Versuchsfelder nicht ermöglichen, weil sie uns in zwei Hälften denken, wo sowohl Kopf als auch Körper gleichermaßen, als Einheit teilhaben. Eine kommunistische Praxis kann nicht wollen, dass wir hinter unsere Möglichkeiten gut zu leben zurückfallen. Die eigenen Bedürfnisse, in Form des Begehrens an Männern*, mag nicht die einzig mögliche Form des Begehrens für die einzelne Frau* sein, dieses Begehren aber anzuerkennen ist wichtig, um es eben nicht wieder einem objektiven Maß von Nützlichkeit oder Rationalität zu unterwerfen und um jegliches Begehren, egal wie es sich im Leben der_des Einzelnen entwickelt, auch ohne die Idee der Natürlichkeit zunächst als legitim zu denken.3

Die Pille kann nicht perfektes Instrument der Befreiung sein, aber sie weist auf die Erweiterung von körperlicher Selbstbestimmung. Sie deshalb abzulehnen, bedeutet auch aktuelles Leid für höhere Ziele zu schnell anzuerkennen. Gemeinsame Debatten, eine gemeinsame politische Thematisierung und solidarischer Austausch, oder auch die Möglichkeit sich genau nicht auf Gemeinschaften verpflichten zu müssen, können hier Möglichkeiten zu einer progressiven Praxis bedeuten.

Und bevor diese Aneignung des Selbst nichts ist als das Fitmachen für den Wettbewerb, das am Ende in nichts endet, als in Hungern für den Markt oder die spirituelle Befreiung vom eigenen Körper, gilt es zu verstehen, dass auch der Hunger ein Recht hat gesättigt zu werden, den er gehört zu uns, wie es unser Körper tut. Nicht unsere Bedürfnisse, unser aktuelles Begehren sind das unmittelbare Problem – und die Pille als ihre Erfüllungshelfer eben so wenig. Diese Bedürfnisse nicht kennen zu lernen, sie sich nicht zu eigen zu machen und sie dadurch nicht zu entwickeln und zu verändern, ist das Problem.

Eine solche Aneignung und Weiterentwicklung kann eben nur passieren, wenn Raum und Zeit dazu besteht, die wir selbstbestimmt nutzen können. Doch um eine neue Sicht der Dinge zu bekommen, brauchen wir Spielplätze, die sicher sind und uns zugleich die Welt erleben lassen. Diese Erfahrungen zu reflektieren und im Bewusstsein über eine gesellschaftliche Totalität einzubetten, ist dann in Folge wichtig. Menschen lernen mit und durch ihre Körper hindurch die Welt kennen, trennen, was real möglich ist und was nicht, und bekommen so mehr Ideen von dem, was Sexualität und Leben sein kann. Diesem Körper mehr Handlungsmöglichkeiten zu erlauben, kann auch heißen, ihm etwas mehr von dieser Zeit und diesem Raum zu schaffen. Die Pille kann eine Hilfe sein, solche Orte für sich selbst zu finden. Mit den Techniken und Formen spielen, Bedürfnisse kennen lernen und danach politisch um sie kämpfen, müssen wir selbst – als ganze Menschen mit Kopf und Körper.


*
vgl. „Scarborough Fair“, engl Traditional, 16./17. Jhd. Im 16./17. Jhd. wurde in Liedern wie „Scarborough Fair“ Methoden der Abtreibung diskret und doch weit verbreitet.

1
Cis bedeutet, dass man sich mit dem bei der Geburt festgestellten Geschlecht identifizieren kann.

2
Ich werde im weiteren einige Trennungen machen müssen, da diese Bestimmung bei weitem nicht alle Menschen erfasst die Frauen* sind. Wenn ich Frauen ohne * benutzt ist das der Versuch – aus der Not heraus – jene Gruppe zu erfassen, die ein weibliche Cis-Identität hat und dielängste Zeit der Geschichte ungefragt als hetero verstanden wurde. Manchmal ist diese Unterscheidung nicht leicht zumachen und ich werde * nur dort weglassen, wo explizit zugeordnete Geschlechtsorgane relevant werden, wo Gender, Einlesung, Performance im Vordergrund stehen, werde ich das * beibehalten.

3
Die ‚befreite‘ Sexualität der 70er wurde später von vielen Feministin_innen als zwanghaft und an ihrer Lust desinteressiert referiert. Frei war sie für jene, die ihre Interessen ohnehin gelernt hatten durchzusetzen.

Anarchismus mit Fußnoten

Vor Blogsport und Facebook, vor Myspace und Geocities und sogar vor CompuServe und AoL kamen die amtlichen Informationen vom Nachrichtenmann in der Tagesschau und einer überschaubaren Menge von Zeitungen, die das politische Spektrum der im Bundestag vertretenen Parteien abdeckten, dazu die verhasste BILD. Die radikale Linke setzte angesichts dessen auf Gegeninformation. Zeckige Heftchen in kleiner Auflage wurden im Westen über den Kopierer gezogen oder in der Uni-Druckerei gedruckt, im Osten mit Wachsmatritzen hektografiert und unter ungleich schwierigeren Bedingungen hergestellt. Autonome Demos waren behelmt und martialisch und eben eine solche Demo ist auf dem Titelbild des „Anarcho-Infoblatt Jena“ (AIB) abgebildet. Jemand freut sich über ein neues Zeckenheftchen aus Jena.

Die erste Ausgabe des Anarcho-Infoblatt Jena (AIB) stellt einen programmatischen Text zu „Samizdat- und Zine-Kultur, Untergrundpresse und Gegeninformation“ an den Anfang. Gegeninformation ist demnach auch in Zeiten, in denen Nazis aus den falschen Gründen die Presse beschimpfen nötig, weil „die Medien nicht, wie der liberale Mythos uns glauben machen will, dazu da sind, die Menschen interessensfrei zu informieren“. Stattdessen sind sie „den Interessen von Staat und Kapital verpflichtet“ – was nicht unbedingt ein bewusster Prozess sein muss, sondern oft genug daran liegt, dass die Journalist_innen den ideologischen Blick mit ihren Leser_innen teilen. Wenn die Linke sich auf das Spiel einlässt und sich abrackert, um 7 Sekunden Sendezeit zu bekommen, verschafft sie damit einem zentralen Instrument der demokratischen Gewaltenteilung Legitimität – oft noch um den Preis, völlig verkürzt oder entstellt dargestellt zu werden. Die großen linken Medien hingegen haben sich vom Blick auf Basisbewegungen und militanten Kämpfen weitgehend verabschiedet und bewegen sich professionell glatt zwischen Kommerz und Akademismus.

So argumentiert das AIB und stellt dagegen den „Aufbau einer breiten und diversen lokalen Gegeninformationsstruktur“, in der „Selbstorganisierungsprozesse, Kämpfe und Widerstände“ diskutiert und in die Breite getragen werden sollen. Mit diesem Selbstverständnis liegen die Genoss_innen wahrscheinlich nicht weit weg von dem, was auch die Lirabelle will.

Das AIB wird anonym hergestellt und vertrieben. In der gesamten DDR und auch zu bestimmten Zeiten der BRD-Geschichte war die Anonymität der Schreibenden die Voraussetzung dafür, überhaupt radikal kritische Inhalte zu diskutieren, an vielen Orten der Welt ist sie es auch heute. Was in der ersten Ausgabe geschrieben steht, ist für Anarchist_innen interessant, müsste aber nicht anonym veröffentlicht werden: Aufrufe zu Demos und Kundgebungen, Solidaritätsnoten für politische Gefangene, ein Bericht über die anarchistische Szene in Griechenland Ende der 2000er-Jahre, ein Artikel über Anarchafeminismus und eine kurzer Text über Kämpfe von Geflüchteten. Aber es ist gut zu wissen, dass das AIB eine Infrastruktur aufbaut, die nicht so einfach von der Justiz oder einem unzufriedenen Mittelgeber abgestellt werden kann.

Auch was die Gestaltung angeht, erinnert das AIB an die Zeiten, als man den Text in die Schreibmaschine hackte. Im Unterschied zum AIB waren viele der historischen Untergrundheftchen trotz einfachster Produktionsmittel sehr liebevoll gestaltet, mit Zeichnungen, typographischen Spielereien oder einzeln bemaltem Einband. Das bietet das neue Heft nicht, der altertümliche Look besteht nur darin, dass die Schrifttype an Schreibmaschinenlettern erinnert.

Die Abgrenzung zu bürgerlichem und professionellem Getue endet da, wo (wie auch in der Lirabelle) der studentische Habitus durchscheint: Auf 23 Fußnoten bringt es das Heftchen, die letzte ist eine Quellenangebe zu einem Liedtext der Punkband „Pisse“.

Unbenommen davon ist es eine Freude, dass der Geist der anarchistischen Zine-Kultur wieder anonym befeuert durch den Kopierer rattert. Ich bin gespannt auf die nächste Ausgabe.

Tapferer kleiner Paule

Lasse Hirsch darüber, dass die Anderen die Hölle sind, vor allem, wenn man durch Abstammung dazu verdammt ist, sie zu ertragen. Der Text thematisiert familiäre Gewalt und kindliche Ohnmachtserfahrungen.

Ein kleiner Campingplatz irgendwo im Nichts, in Brandenburg, wo es eigentlich keine Menschen mehr gibt. Der Kapitalismus hat sich zurückgezogen, eine Rezeption gibt es nicht mehr. Mit ihm verschwunden sind funktionierende sanitäre Anlagen. Die Dauercamper sind noch da, sie sitzen zwischen wuchernden Gebüsch in einer wunderschönen Landschaft an einem See. „Ihr könnt bleiben, wenn Ihr nicht so einen Lärm macht.“ Machen wir gerne. Wir freuen uns, dass der Platz in Selbstorganisation weiterbetrieben wird. Wir stellen die Fahrräder ab und bauen unser Zelt gleich am Strand auf. Der Blick aus dem Zelt ist wunderschön: Zwischen dem aufragenden Schilf führt ein kurzer, sandiger Pfad leicht abschüssig zum Wasser, das in der niedrig stehenden Sonne ganz ruhig daliegt. Außer uns gibt es noch ein paar Camper. Wir sehen drei Zelte. Ein Jugendlicher geht schwimmen und ignoriert uns. Als ich auf dem Spirituskocher das Abendessen zubereite, kommt ein zweiter aus einem der Zelte. Er ist jünger als der Schwimmer, vielleicht zehn oder zwölf, eigentlich noch ein Kind. Er bleibt kurz bei uns stehen. Leise sagt er „Hallo“ und guckt uns schüchtern an. Wir erwidern seinen Gruß freundlich. Er zögert einen Moment und geht weiter zu einem Wohnwagen.

Nach dem Essen gehen auch wir schwimmen, nackt, wie es sich im Osten gehört. Da wir erst spät angekommen sind, wird es bald dunkel. Um den Stechmücken zu entgehen, ziehen wir uns ins Zelt zurück und dösen schon bald in der abendlichen Sommerhitze vor uns hin. Dann kommen Menschen.
Es gibt ja Leute, die sagen, Brandenburg wäre schön, wenn man von den Menschen absieht. Die Leute, die kamen, waren aus Berlin, zwei Männer und eine Frau. Man hörte schon von weitem, dass sie einiges getankt hatten und sich nur noch mit Mühe über den Platz schleppten. Als ihr Lallen deutlicher wurde und wir hörten, dass sie unser Zelt zur Kenntnis nahmen, hielten wir die Luft an. „Hoffentlich vergessen die uns schnell wieder.“ flüsterte meine Begleitung, einen Wunsch, den ich nur teilen konnte, weil das Grüppchen inzwischen angefangen hatte, sich lauthals zu streiten. Der Eine war auf dem Rückweg von der Kneipe vom Fahrrad gefallen und hatte sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen. Das fanden der Andere und Sie nicht gut und wollten ihn dazu überreden, sich verarzten zu lassen. Trotzdem auch Sie ordentlich abgefüllt war, traute sie sich zu, die Wunde zu säubern und zu verbinden. Anlass des Streits war, dass der Eine das partout nicht wollte. Obwohl der Andere blumig schilderte, wie viel Blut der Eine schon verloren hatte und Sie sich über die Gefahren nicht gereinigter Wunden ausließ, wollte der Eine lieber schlafen. Schon an dieser Stelle dachte ich, obwohl ich Atheist bin: „Oh Gott, lass es vorüber gehen.“ Aber es kam noch schlimmer. Um dem Einen klarzumachen, dass er sich unbedingt verarzten lassen müsse, brachte der Andere ein neues Argument in die Diskussion ein: „Denk doch an Deinen Sohn!“

Der schüchterne 10-12jährige hieß Paul. „Paule, sag‘ Deinem Vater,er muss sich verarzten lassen.“ „Paule hilfst Du uns, Deinen Vater vom Zelt in den Wohnwagen zu holen?“ „Paule, halt doch mal hier fest.“ Paule hilft. Auch wenn er zwischendurch leise weint und wir seine Angst und Verzweiflung aus der Stimme heraushören, hilft er tapfer bei jedem Schritt, beruhigt, wo es sein muss, schreitet ein, wenn der Andere zu aggressiv auf den Einen einredet und bringt seinen Vater letzten Endes dazu, sich verarzten zu lassen. Endlich. Für Paule ist der Abend damit noch nicht vorbei. Der Andere fragt ihn: „Paule. Alles Okay?“ Wahrscheinlich hat er trotz seiner erheblichen Intoxikation mitbekommen, dass mitnichten alles okay ist, wenn man einen 10-12jährigen nachts aufweckt, damit er sich um drei sturzbetrunkene Erwachsene, darunter sein Vater, kümmert. Natürlich weiß auch Paule, dass nichts okay ist, dass die drei besoffenen Riesenarschlöcher sich eigentlich um ihn kümmern müssten und nicht umgekehrt. Ich kenne das aus meiner Kindheit: Wenn sich Erwachsene abgeschossen haben und die Situation sowieso schon völlig außer Kontrolle ist, hat man Angst, dass es noch komplizierter wird, wenn man die eigenen Bedürfnisse ins Spiel bringt. Also antwortet Paule „Ja.“ Nicht nur einmal. Vielleicht ist der Andere zu blau, um sich zu erinnern, dass er schonmal gefragt hat, vielleicht weiß er, dass die Antwort gelogen ist. Er fängt immer wieder an. „Alles okay?“ „Ja. Ich bin nur müde.“ Auch das kenne ich. Die Hoffnung, dass es vorbeigehen möge. Die Hoffnung, dass sie jetzt endlich aufhören, sich und mich zu quälen. Das Hochschrecken davon, dass die Scheiße doch wieder losgeht. Ich döse ein und schrecke hoch, das Herz rasend. Aber es ist nur „Alles okay?“ „Ja. Ich bin nur müde.“ Ob der Andere es kapiert hat oder einfach so eingeschlafen ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall kehrt Ruhe ein.

Ich lag noch stundenlang wach und habe darüber nachgedacht, was ich Paule gerne sagen würde. Ich hab’s irgendwann geschafft, der Scheiße zu fliehen. Irgendwann wusste ich: Meine Eltern haben den Generationenvertrag gebrochen, als sie mich im Suff vollgelallt haben, mein Spielzeug zerbrochen und mir panikerfüllte und schlaflose Nächte bereitet haben. Irgendwann konnte ich mir klarmachen, dass ich mich nicht um sie kümmern muss. Ich habe die Anlage bis zum Anschlag aufgedreht und „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ gehört, ich bin ausgezogen, weggegangen, habe mir über mich und die Welt Gedanken gemacht und kann heute durchschlafen. Wenn ich nachts von einem Geräusch aufwache, rast mein Herz nicht mehr. Normalerweise. Ich habe Leute um mich, die sich um mich kümmern und um die ich mich kümmere – weil wir uns mögen. Das gibt es. Es muss nicht so sein, dass man Leute um sich herum hat, die einen quälen, weil man durch Abstammung dazu verdammt ist, sie zu ertragen. Das hätte ich Paule gerne erzählt. Aber es gab keine Gelegenheit. Als wir am nächsten Tag aufgestanden sind, waren die Anderen schon weg.

Wenn die Nacht am tiefsten ist…

Simon Rubaschow findet beim Schauen eines exiliranischen, feministischen Vamprifilms die Hoffnung auf die Möglichkeit der Revolution.

Die Begegnung der beiden Hauptfiguren in A girl walks home alone at night könnte das Ende des Films sein, und beim Zuschauen hatte ich Angst um Arash. Ein junger Erwachsener, Einwohner von ‚Bad City‘, einer Stadt die offensichtlich in der Islamischen Republik Iran liegt. Sein alleinlebender Vater ist heroinabhängig, Arash kümmert sich um ihn und seine Schulden, wodurch er sein von mühsam erspartem Lohn gekauftes Cabrio an den Dealer seines Vaters verliert. Dennoch hat er sich seine Unschuld bewahrt und träumt vom Glück der individuellen Freiheit, das zu realisieren er sich zu Beginn des Filmes nur als Imitation der Posen von James Dean vorstellen kann. Nach einigen Wendungen landet er nach einer Kostümparty unter Exctasy-Einfluss auf der Straße und wird von ihr aufgegabelt, der namenlosen jungen Vampirfrau. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung und legt eine Platte auf – To lose my life… von den White Lies – und er, allein mit einer Frau in einem Zimmer, nähert sich ihr. Anders als er wissen die Zuschauer_innen schon: Sie ist eine Vampirin, und ihre Opfer sind Männer, die Frauen gegenüber übergriffig geworden sind, kein Einverständnis eingeholt haben oder es ignorierten, und fragen sich, ob er sich beherrschen kann. Er kann, und das Bild verkehrt sich. Die Vampirin ist eine klassische Rachefigur, der Grund, warum der Film in der Rezeption weitgehend als feministischer Vampirfilm interpretiert wurde: Die übergriffigen Männer verbünden sich mit ihren Triebregungen und leben sie, gegen die Frauen, aus – die Vampirin tut ihnen gegenüber das gleiche mit ihren Trieben, die Penetration der Männer rächt sie, indem sie sie, qua Biss, penetriert und sie zum Objekt ihrer Lust macht. „The sky set out like a pathway/but who decides which route we take“ tönt die Stimme von Harry McVeigh, während die Zuschauer_innen beobachten, wie sie sich Arashs Hals nähert, und sich fragen, ob die Rache blind ist, keinen Zweck außer ihrer selbst kennt. Sie gibt ihrem Verlangen jedoch nicht nach, die Begegnung ist kein tödlicher One-Night-Stand, sondern die unmittelbare Triebbefriedigung am anderen als Objekt tritt für beide zurück hinter der Zuneigung zum anderen als Subjekt – „That’s why everything’s gotta be love or death“.

Der Film ist tatsächlich feministisch, nicht bloß wegen der praktizierten feministischen Rache im Film, sondern wegen der Verkehrung klassischer Rollenzuweisung. Er ist die unschuldige Hoffnung, die selbst unfähig ist, ihre Hoffnung unter den Bedingungen des schlechten Ganzen zu realisieren, sie ist die schuldbehaftete weil praktische Rache, selbst wiederum defizitär, weil sie nichts hat, wofür sie kämpft und tötet, nur ein wogegen. Derart sind sie beide aufeinander angewiesen. Eine Angewiesenheit, die ein Grund ist, weshalb die Liebe zur Überwindung der polarisierten Vereinzelung eine positive Perspektive ist. Die zwei anderen Gründe haben mit dem Vampirfilm und dem Iran zutun: Der klassische Vampir – Dracula oder Orlok – ist der verführerische Trieb, der junge bürgerliche Frauen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus ihrem Bett, von ihren Eltern oder ihrem Verlobten und in den Tod reißt. Eine männliche Projektion eigenständiger weiblicher Sexualität, die sich nicht der patriarchal-bürgerlichen Gesellschaft unterwirft, und damit die Frauen der Kontrolle der Männer entzieht.1 Im postfordistischen Kapitalismus und seiner postbürgerlichen Gesellschaft ist dieser Vampir veraltet, die Triebregulierung ist längst auch in das Innere des männlichen wie weiblichen Subjekts verlagert, und Interview mit einem Vampir von 1976 (Buch) bzw. 1994 (Film) zeigt diese Wandlung anschaulich: Der Vampir, Louis, kämpft nunmehr um die Beherrschung der eigenen Triebe und damit um seinen brüchig gewordenen Subjektstatus, den andere Vampire wie Lestat längst verloren haben. Die Aufgabe der Selbstkontrolle ist gleichzeitig verdammenswert und verlockend. Hinzu tritt jedoch ein weiteres Motiv: Die Entfremdung des Individuums von der Gesellschaft, die der Untote zu den Lebenden, zu denen er vormals gehörte, erfährt. In Vampirfilmen2 der letzten Jahre erfährt dieses Motiv eine erneute Verschiebung. Ist Louis noch ausweglos alleine mit seiner Entfremdung und seinen Trieben, gibt es nun Hoffnung, in romantischer Liebe die Vereinzelung zu überwinden. Der schwedische Låt den rätte komma in (2008), benannt nach dem Bob-Dylan-Song Let the right on slip in, Jim Jarmuschs Only lovers left alive (2013) oder eben A girl walks home alone at night (2014), deren Hauptfiguren allesamt weibliche Vampire sind3, gehören zu diesen neuen und allesamt exzellenten Vampirfilmen. Liebe deswegen, weil sie zugleich einen Ausbruch aus der Vereinzelung als auch die Option für eine selbstbestimmte, nicht bloß repressive Triebregulierung bietet. Sie bildet damit die Alternative zu der repressiv-patriarchalen Triebregulierung des Mullah-Regimes, aber auch zu der vereinzelnden Befreiung des westlichen Konsumliberalismus. Er wird in A girl walks home alone at night durch eine Tochter aus reichem Hause repräsentiert, die auf Kostümparties zu Techno feiert und deren Glück in einer Schönheitsoperation besteht, mit der sie ihre Nase an das westliche Schönheitsideal angepasst hat. Zu ihr steht die Schönheit der Vampirin in ebenso deutlichem Kontrast wie eine Szene – in der die Vampirin allein zu Dancing Girl von Farah tanzt, in dessen Refrain es heißt: „Männer stehen, Frauen tanzen, Ich beobachte“ – die Kostümparty und damit die ebenfalls sexistische westliche Alternative kontrastiert.

Eine zweite Szene am Ende des Films bildet einen ähnlichen Entscheidungsmoment. Arashs Vater, dessen sexuelle Lust gänzlich in seiner Heroinsucht sublimiert ist, meint eine Sexarbeiterin ‚beglücken‘ zu müssen. Für ihn tritt an die Stelle der phallischen Penetration die Penetration mit der Nadel, die männliche Allmachtsphantasie wird als Spender des Rauschglücks prozessiert, indem er ihr gegen ihren Willen Heroin injiziert – und wenig später von der Vampirin gebissen und dadurch ermordet wird. Arash findet dies heraus, als er, die Hoffnung, durch seine Liebe zu ihr zur Praxis gefunden, sie zur Flucht aus ‚Bad City‘ und in ein besseres Leben auffordert und bei ihr die Katze seines Vaters entdeckt. Er weiß um die Schuldigkeit seines Vaters, doch die offene Frage ist, ob er mit ihrer Schuldigkeit leben kann. Es spitzt sich letztlich die Frage zu, wie die Hoffnung auf ein besseres Leben zusammengeht mit der Notwendigkeit, dass die Praxis auf dem Weg dorthin notwendig befleckt ist von dem schlechten Ganzen, dem es zu entkommen gilt. Zieht sie sich von aller Praxis zurück, um ihre eigene Unschuld zu bewahren, wirft sie sich in die Praxis, wird selbst schuldig und verliert darüber die Hoffnung oder besteht die Möglichkeit, die Hoffnung und Praxis zueinander zu vermitteln ohne sie aufzulösen. In A girl walks home alone at night besteht diese Möglichkeit – die beiden verlassen in seinem wiedererlangten Cabrio die Stadt – in der Liebe, die damit eine Liebe als Anerkennung der bzw. des Anderen als Anderen ist. Sie ist der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Spannung, die auf ihre Aufhebung drängt, ohne sich einseitig auflösen zu lassen. Die Spannung aufrechtzuerhalten gelingt ihr, weil in ihr dem oder der Anderen mit Zartheit und Verlässlichkeit begegnet wird, die in Opposition sowohl zur bürgerlichen Kälte wie zum Eindringen- und Besitzen-Wollen steht. Und solange diese Spannung aufrechterhalten werden kann, bleibt das Bessere, die Revolution möglich – nicht nur im Iran.


1
Einzig Sheridan Le Fanu bringt es in Carmilla von 1872 diese Angst zum Ausdruck, ohne sie durch die Projektion der Triebe auf einen männlichen Vampir wieder zu maskieren. Bei ihm ist die männliche Angst vor einer eigenständigen weiblichen Sexualität in einer lesbischen Vampirin zugespitzt.

2
Und ich meine damit nicht die Filme, in denen Edwards, Selenes oder Erics, die als Vampire firmieren und die – selbst nach den ästhetischen Maßstäben der kulturindustriellen Produktion bloß miese – Action- oder Liebesfilme sind, sondern Filme, die das Motiv des Vampirs zu ihrem Gegenstand haben.

3
Tim Burtons misslungene Komödie Dark Shadows von 2012 arbeitet mit einem ähnlichen Motiv, hier ist der Vampir jedoch männlich.

Rückrunde für THÜGIDA

Die Sommerpause ist vorbei. Die Aufmärsche gegen die Aufnahme von Geflüchteten in Thüringen gehen weiter und selbst während der Sommerpause waren die Nazis nicht untätig. Ox Y. Moron berichtet über die ersten Aufmärsche, Propaganda & Routinen.

Am 3. Juli verkündete Thüringens PEGIDA-Ableger THÜGIDA, dass man sich in die Sommerpause zurückziehen werde. Am 5. Juli gab es dann noch ein Treffen der Organisatoren beim Südthüringer Nazi Tommy Frenck, der im Frühjahr in Kloster Veßra, einem Dorf zwischen Themar und Hildburghausen im Landkreis Hildburghausen, eine Gaststätte erworben hatte. Danach war einige Wochen Ruhe, zumindest was die Aufmärsche fast jeden Montag in Thüringer Städten betraf. Tommy Frenck beschäftigte sich derweil damit, die Schließung seiner Gaststätte abzuwenden, der der Landkreis wegen einer veralteten Sickergrube den Hahn abdrehen wollte. Inzwischen kam es vor Gericht zum Vergleich. Bis zum Bau einer neuen Sickergrube darf Frenck weitermachen, solange die Nutzung des Saales unterbleibt.1 David Köckert, THÜGIDA-Antreiber aus Greiz, hatte derweil allerlei mit der Insolvenz seines Unternehmens zu tun.2 Beiden kam die Unterbrechung der Dauermobilmachung erstmal recht.

Projektionsleistung „Lügenpresse“

Während ihrer Sommerpause blieben die Nazis nicht untätig. Vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook arbeiteten sie an der Verbreiterung ihrer Basis, nachdem diese auf der Straße bei den letzten THÜGIDA-Aufmärschen vor der Sommerpause ihre Gefolgschaft zunehmend verweigerte. Um die Laune beim Klientel hochzuhalten veröffentlichten die Nazis im digitalen Sperrfeuer Schauergeschichten über Zustände in Flüchtlingsheimen, Undankbarkeit und über Auseinandersetzungen zwischen Geflüchteten und Eingeborenen. Das Ziel ist simpel: einfache Botschaften (die Ausländer kriegen alles und benehmen sich nicht ordentlich) durch Anhänger, die die Beiträge teilen und liken, möglichst breit in der Gesellschaft streuen und hoffen, dass die Saat eines Tages auf geht. In den Kommentaren dürfen sich derweil „besorgte Bürger“ austoben und zu Brandstiftung, Lynchmord und ähnlichem aufrufen. Mit der Wahrheit nehmen es die Nazis da nicht ganz so genau. Ihnen geht es schließlich nicht um Aufklärung in der Sache, sondern um die Manipulation möglichst vieler Deutscher mit dem Ziel, die eigene selektive Wahrnehmung der Welt zu verallgemeinern und so praktisch wirksam zu machen. Die Parole und das Gerede von der „Lügenpresse“ erweist sich dabei als bloße Projektionsleistung, die im Gegenüber (in Thüringen: der bürgerlich-konservativen bis -liberalen Mainstreammedien) den eigenen Wunsch bzw. das eigene Bedürfnis nach Manipulation verfolgt.

Zwei Beispiele. Erstens. Am 27. Juli kam es in Sömmerda zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe von Eritreern und Kosovo-Albanern, die erst durch einen Polizeieinsatz geschlichtet wurde. Wenige Stunde später vermeldete THÜGIDA in einer „!!!!!!!EILMELDUNG!!!!!!!“ auf Facebook die Erstürmung eines Sömmerdaer Jugendclubs durch Asylbewerber bei der ein Anwohner namens „Jens“ verletzt wurde. Dazu veröffentlichten die Nazis verschiedene Bilder von „Jens“. Dummerweise zeigten sie „Jens“, der tatsächlich erheblich verletzt war, in verschiedenen Heilungsphasen. Recherchen ergaben, dass „Jens“ weder von Asylbewerbern noch an genanntem Tag verletzt wurde, sondern während einer Auseinandersetzung einige Tage zuvor, die er selber begann und dabei den Kürzeren zog. Auf Facebook kommentierte sogar ein Freund von „Jens“: „du Dummbiddel, das Foto habe ich persönlich gemacht auf der PI in Sömmerda, letzte Woche Dienstag!!!!!“ Die Nazis hinderte das nicht, einen Protestmarsch durch Sömmerda zu veranstalten, bei der auch „Jens“ zu Wort kam und sich – wenige Stunden nach der angeblich schweren Verletzung – schon auf bestem Wege zur Genesung befand. In Wahrheit kam in Sömmerda am 27. Juli also weder ein biodeutscher Anwohner noch das biodeutsche Mobiliar eines Jugendclubs zu Schaden. Seinen Zweck hatte die Meldung aber längst erreicht. Sie wurde tausende Male geteilt und erreichte die Timeline von mehr als einer Million Menschen.

Zweitens. Weit weniger Fame als die Eilmeldung zum vermeintlich gestürmten Jugendclub brachte THÜGIDA am 5. August die Publikation von Bildern, die angeblich im Suhler Erstaufnahmelager auf dem Friedberg entstanden. Sie zeigen verdreckte sanitäre Anlagen und Gemeinschaftsküchen. In der dazugehörigen Meldung, die mit Satzzeichen wieder nicht geizt, streuten die Nazis gezielt Falschmeldungen, wie die, dass die Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl nun schließen müsse und riefen dazu auf, sich endlich zu bewegen. Darin besteht der Zweck jeder Meldung. Die Nazis wollen möglichst viele aufgehetzte Menschen und möglichst sichtbar auf der Straße hinter sich versammeln, und sich so an die Spitze einer Massenbewegung, ähnlich wie PEGIDA in Dresden, setzen. Die publizierten Bilder allerdings stammten weder aus Suhl, noch sind sie neu. Sie entstanden bereits im Mai 2014 in Burbach, Ansbach und Oberhausen-Sterkrade.

Es geht weiter

Am Todestag des Hitlerstellvertreters Rudolf Hess (17. August) endete die Sommerpause offiziell. Mit gleich vier Aufmärschen in verschiedenen Städten wollte THÜGIDA einen Paukenschlag zum Auftakt der Rückrunde 2015 setzen. Es blieb eher ein Rohrkrepierer. Etwa 500 Nazis und „besorgte Bürger“ kamen zu den Aufmärschen in Suhl, Eisenberg, Erfurt und Nordhausen. Die Hälfte davon war es allein in Suhl. Die Stimmung war trotz der Slapstickeinlagen von Holocaustleugner Axel Schlimper, der den Flüchtlingen bei der Antifa-Kundgebung auf englisch zusächselte „Deir is no moaney. De hohl Kantri is insolvent“, auf dem Tiefpunkt. Nichtmal die üblichen „Volksverräter“- und „Lügenpresse“-Parolen kamen unter den 250 Teilnehmern auf. Dabei durften die Nazis, angeführt durch Tommy Frenck und nach gerichtlicher Auseinandersetzung, auf dem Friedberg aufmarschieren, in unmittelbarer Nähe zur Landeserstaufnahmestelle für Geflüchtete. Dort herrschen derzeit katastrophale Zustände. Die Einrichtung ist zu diesem Zeitpunkt mit ca. 1800 Menschen und 1200 vorgesehenen Plätzen maßlos überfüllt. Flüchtlinge müssen auf Fluren schlafen. Die sanitären Einrichtungen sind für diese Belastung nicht ausgelegt, es gibt Engpässe bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln und es kommt immer wieder zu Konflikten zwischen Flüchtlingsgruppen, die in dieser Ausnahmesituation aneinander geraten. Hinzu tritt der Plan der Stadt, um das Lager einen Zaun zu bauen und den Flüchtlingen Zugang über eine Schleuse zu gewähren, an der diese willkürlichen Kontrollen unterzogen werden, wenn aus der Innenstadt ein Ladendiebstahl gemeldet wird.3

In dieser Situation muss den Menschen im Lager der Aufmarsch der Nazis wie ein weiterer Nackenschlag vorgekommen sein. Grund genug für Antifaschistinnen und Antifaschisten am Friedberg ihre Solidarität mit den Flüchtlingen zu demonstrieren. Der Plan der Polizei sah dies bloß nicht vor. Sie platzierte die Gegenkundgebung in einigen hundert Meter Entfernung, sodass es zur skurrilen Situation gekommen wäre, dass die Nazis bei ihrer Kundgebung zwischen Flüchtlingsheim und Gegenprotest gestanden hätten. Einen Strich machten den Bullen Antifas aus Suhl und der Region durch die Rechnung. Sie weigerten sich, den von der Polizei gewünschten Kundgebungsort aufzusuchen und drängten darauf, an der Seite der Geflüchteten zu demonstrieren. Nachdem man sich auch durch die anrückende BFE (das Todesschwadron der Thüringer Polizei) nicht beirren ließ, überlegten es sich Polizeiführung und herangeeilte Ordnungsbehörde noch einmal. Sie duldeten den Antifa-Protest vor dem Zugang zur Erstaufnahmeeinrichtung und am Kundgebungsort der Nazis. Im Laufe des Protestes kamen dutzende Flüchtlinge aus dem Lager und stellten sich zu den Antifas. Beim gemeinsamen Protest versammelten sich also zeitweise bis zu 200 Antifas, linke Zivilgesellschafter und Geflüchtete. Die Kundgebung blieb bis die Nazis den Friedberg verließen. Viele Geflüchtete bedankten sich im Anschluss bei den Antifas.

Auch in den anderen Aufmarschorten organisierten Nazigegner Protesten gegen THÜGIDA. In Erfurt und Eisenberg kam es zu Blockaden, was die Aufmarschstrecke der Nazis in Eisenberg verkürzte. In Erfurt machte die Polizei wie üblich für die Nazis Platz.

„Allahu akbar“ in Suhl

Nur zwei Tage nach dem Aufmarsch der Südthüringer Nazis auf dem Friedberg am Todestag von Rudolf Heß eskalierte die Situation im Flüchtlingslager. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gab es schwere Ausschreitungen unter den Flüchtlingen und mit der Polizei. 15 Menschen sind dabei verletzt worden, darunter 4 Polizeibeamte und mehrere Flüchtlinge, die zusammen mit dem Wachschutz die Situation schlichten wollten. Auslöser der Krawalle war neben der katastrophalen Unterbringungssituation und der ständigen Bedrohung durch Nazis, die an den Flüchtlingen nicht vorüber geht, die reaktionäre Ideologie nicht weniger Bewohner des Lagers. Ein Flüchtling aus Afghanistan zerriss auf der Toilette einen Koran, was anderen Geflüchteten, die es weiter mit dem politischen Islam halten wollen, nicht entging. In der Folge formierte sich ein „Allahu akbar“ schreiender Lynchmob und verfolgte den Afghanen bis ins Büro des Wachschutzes, das beim Übergriff verwüstet wurde. Dieser Mob wütete mehr als zwei Stunden bis die Polizei genug Kräfte zusammenziehen konnte, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. Am nächsten Morgen lagen die Sachschäden im sechsstelligen Bereich, Teile der Einrichtungen waren verwüstet, Polizeiautos entglast und auch einige geifernde Anwohner, die mit ihren Autos Patrouille fuhren, hatte es erwischt, auch wenn die Ausschreitungen nicht aufs Wohngebiet übergriffen. Der politische Schaden kann nicht beziffert werden. Er wird sichtbar in der steigenden Zustimmung immer größerer Bevölkerungsteile, die die Nazis um THÜGIDA verzeichnen können und in der Ohnmacht der Zivilgesellschaft, die nicht begreifen will, dass die katastrophale Unterbringungssituation im Lager nicht der einzige Auslöser der Ausschreitungen war. Von islamistischer Ideologie als (Teil-)Ursache des Problems, will der Thüringer Flüchtlingsrat nichts wissen. In seiner Pressemitteilung kommen die Worte Islam, Islamismus oder Koran kein einziges mal vor. Zu groß war möglicherweise die Angst, in den Chor vermeintlicher „Islamkritiker“ von THÜGIDA einzustimmen oder eben doch die Scheuklappen, die naive Menschenfreunde nicht begreifen lassen, dass die Geflüchteten keine besseren Menschen sind, sondern in Teilen ebenso reaktionären Ideologien zusprechen, wie die Einheimischen.

Leichtes Spiel hatten in dieser Situation die feixenden Nazis. Tommy Frenck wartete in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag mit Live-Berichterstattung aus Suhl auf Facebook auf und verdoppelte seine durch „Likes“ quantifizierbare Gefolgschaft in einer Nacht. Am folgenden Abend marschierten wieder zwischen 400 und 500 Nazis auf dem Platz der deutschen Einheit auf. Es war der zweite Aufmarsch in dieser Woche. Ein dritter folgte am Sonnabend, als ca. 30 westdeutsche Nazis mit wenig lokalem Support eine Mahnwache auf dem Marktplatz veranstalteten. Auf der Gegenkundgebung am Donnerstagabend verlas die Antifa Suhl/Zella-Mehlis einen Redebeitrag, der sich dem Auslöser der Krawalle und dem von der Zivilgesellschaft beschwiegenen Problem islamistischer Ideologie unter Geflüchteten stellte.4

Die Ausschreitungen in Suhl waren tagelang eines der Topthemen, das bis in die bundesweite Medienberichterstattung reichte. Trotzdem gelang den Nazis um Tommy Frenck nicht, bedeutende Mobilisierungserfolge zu verzeichnen. Die virtuelle Zunahme der Zustimmung in sozialen Netzwerken mündete nicht in die befürchtete Explosion der Teilnehmerzahlen. So war auch der Aufmarsch am Donnerstagabend nach den Ausschreitungen nicht mehr als ein mal wieder etwas größerer Routineausflug der Südthüringer Interessengemeinschaft fürs nächste Pogrom.

Routinen

So routiniert, wie die THÜGIDA-Aufmärsche, läuft inzwischen auch der zivilgesellschaftliche und antifaschistische Protest ab. Einzig die Thüringer Polizei scheint mit den Nerven regelmäßig am Ende zu sein. Sie schickt alles auf die Straße, was laufen kann, von den Schlägertrupps, die sich in der einsatzfreien Zeit die Arme auf- und den Verstand abpumpen bis zum behäbigen Dorfbullen mit Plautze, der seinen letzten Dauerlauf noch bei der NVA absolvierte. Meistens ist dieses Aufgebot unnötig, da man keine Hundertschaften braucht um ein Häufchen THÜGIDA-Nazis von einem anderen Häufchen Gegendemonstranten zu trennen. Vielleicht ist es der Versuch mittels Überstundenaufbau die Landespolitik vom Personalabbau bei der Bullerei abzubringen. Das würde auch erklären, warum die Thüringer Polizei zumindest in Suhl dauerhaft die Teilnehmerzahlen der SÜGIDA/THÜGIDA-Aufmärsche beschönigte. Als bräuchte es noch höhere Teilnehmerzahlen, um eine aktuell akute Bedrohung durch Neonazis zu konstatieren. Mit der Protestteilnahme der autonomen Antifa ist das Aufgebot der Polizei schwerlich zu begründen. Von Thüringens Linksautonomen dürfte der Polizei inzwischen fast jeder namentlich bekannt sein und vom Tross der rot-rot-grünen Landesprominenz und ihrer Zivilgesellschaft geht weniger Gefahr für die öffentliche Ordnung aus als von den durchschnittlich-bratzigen Jungesell(inn)enabschiedsfeiern, die, mit Bollerwägen aus ihren Dörfern kommend, regelmäßig die Landeshauptstadt terrorisieren – ohne Polizeibegleitung! Waren früher Naziaufmärsche Ausnahmesituationen in Thüringen, denen oft monatelange Mobilisierungen voran gingen, so sind sie inzwischen vielerorts Teil des Alltags. Die Info, dass in Suhl mal wieder Nazis demonstrieren, dürfte die schweigende Mehrheit höchstens noch zu einem Schulterzucken animieren.

Die Frage, wie man mit Aufmärschen von Neonazis umgehen sollte und wie besser nicht, habe ich in den vergangenen Beiträgen für die Lirabelle zur Genüge dargelegt. An den Fehlern, die dabei durch die Zivilgesellschaft aus meiner Sicht begangen wurden, hat sich heute nichts geändert. Mit welchem Ziel sollte ich mir also die Mühe machen, das Ganze nochmal auszubuchstabieren? Wen es interessiert, der oder die schaut in die vergangenen Ausgaben.5 Wer den Standort Thüringen verteidigen, das bessere Thüringen sein oder rassistische Ideologie mit der Einübung des Grundsatzes der Gleichheit aller Menschen kurieren will, sollte vielleicht lieber zu den Veröffentlichungen der Landesregierung statt zur Lirabelle greifen.

Wer die Chance nutzen und über einen vernünftigen Umgang mit der Zunahme rassistischer Gewalt und Propaganda bzw. über deren reale Ursachen diskutieren möchte, dem kann man die Teilnahme am 25. antifaschistischen/antirassistischen Ratschlag am 6./7. November nahe legen. Dieser wird 2015 in Weimar stattfinden und mit einem Podium zum Thema „Faschistische Dauermobilmachung, rassistische Basisbewegungen und antifaschistischer Widerstand“ starten.


1
Vgl. Alerta Südthüringen #5, Spätsommer 2015, S. 24ff.

2
Vgl. thüringen-rechtsaussen.net, 28. Juli 2015, http://bit.ly/1EzWE8T

3
Vgl. Alerta Südthüringen #5, Spätsommer 2015, S. 22f.

4
Vgl. Antifa Suhl/Zella-Mehlis, Redebeitrag vom 20. August 2015, http://bit.ly/1JtVfmG

5
Vgl. Lirabelle #8, März 2015, S. 13ff & Lirabelle #9, Juni 2015, S. 11ff.