Kategorie-Archiv: Allgemein

Repressionsschnipsel

Erfurt: Alte Bandshirts gegen Repression
Die Rote Hilfe Ortsgruppe Erfurt nimmt die Initiative des Vereins Second Bandshirt (www.secondbandshirt.com) auf und sammelt für diese alte Bandshirts, welche vom Verein sortiert und für den „guten Zweck“ verkauft werden. Die Rote Hilfe ist eines der Projekte, die aktuell unterstützt werden und damit Betroffene von Repression. Trennt euch von den geliebten Schrankhütern und unterstützt den politischen Kampf! Eine Spendenbox für die alten Bandshirts findet sich im Veto.

Erfurt: Kreideblümchen gegen Nazis sind erlaubt
Um ihrem Unmut über eine bevorstehende AfD-Kundgebung in Erfurt Ausdruck zu verleihen, verschönerten Mitglieder von Jugendverbänden in einer nächtlichen Aktion mit Kreide Gehweg und Fahrbahn des Kundgebungsortes mit Slogans wie „Herz statt Hetze“. Trotz Wasserlöslichkeit der Kreide stelle dies eine „erlaubnispflichtige Sondernutzung“ einer öffentlichen Verkehrsfläche dar: Die Stadt nutzt ihren Handlungsspielraum und spricht mehrere Verwarngelder in Höhe von 50 Euro aus. Kinderzeichnungen hätten nichts gekostet.

Erfurt: „No Way“ – long way till the end
Das Wochenende vom 1. und 2. Mai 2015 ist mit zwei angemeldeten Naziaufmärschen vielleicht einigen noch im Gedächtnis oder schon längst vergessen. Ein Genosse kann mit dem endgültigen Abschluss des Verfahrens nun endlich ein Häkchen an das Datum machen. Das Rütteln an einem Hamburger Gitter, um auf die Naziroute zu gelangen und somit dem Aufruf „No Way“ Taten folgen zu lassen, ergab den Vorwurf „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung“ einer Polizeibeamtin, was ihm einen Strafbefehl von 1800 € einbrachte. Gegen diesen hatte der Genosse Einspruch eingelegt. Verhandelt wurde erst nur der Widerstand, also der Akt des Rüttelns. Schließlich kam ein Urteil zu Stande, welches dem Staatsanwalt nicht hoch genug war, weshalb er in Berufung ging. Die am Landgericht verantwortliche Staatsanwältin schlug eine Verfahrenseinstellung gegen Geldauflage in Höhe von 1200 € vor, welche angenommen wurde. So endet das Verfahren nach über zwei Jahren Kraftanstrengung und der Einsicht nach Adam Ries, dass ein Rütteln am Gitter 1200 € kostet, während das Verletzen einer Beamtin um die Hälfte günstiger – nämlich 600 € – ist.

Saalfeld: Unite we stand – Gegen Naziaufmärsche und Repression
Nachdem, wie berichtet, bereits im Januar ein Antifaschist im Zuge der Proteste gegen einen Thügida-Aufmarsch in Gewahrsam genommen wurde, weiten sich die vom LKA übernommenen Ermittlungen dazu weiter aus. Die Beamten schreckten dabei nicht vor Anrufen auf Privathandys und Besuchen am Arbeitsplatz zurück, um potentielle Zeug*innen zu einer Aussage bewegen. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Gotha: Free the three
Anfang September jährte sich das Wochenende, an dem drei Genoss*innen aus Gotha in Untersuchungshaft verbrachten und aus welcher sie nur nach Zahlung einer Kaution und unter Auflagen wieder freigelassen wurden. Da sie sich formell noch in U-Haft befinden, hätte binnen eines halben Jahres der Prozess gegen sie beginnen sollen. Nachdem sich dieser aber lange herauszögerte – was für die Betroffenen zur Konsequenz hat, länger unter den Auflagen leben zu müssen –, ist nun endlich ein erster Verhandlungstag angesetzt. Dieser wird von einer Solidaritätsaktion begleitet werden. Kommt am 21. November, ab 8.30 Uhr nach Gotha to free the three.

Sonneberg: Gepfefferter Protest
Als sich am 31. März 2017 ein Dutzend Antifaschist*innen demonstrierenden Thügida-Nazis in den Weg setzten, wurden sie von mehreren Bullen umstellt und ‚eingepfeffert‘. Die herbeieilenden Polizist*innen entleerten der Reihe nach ihre Pfeffersprayer auf die in der Blockade sitzenden Protestierenden, um diese anschließend zu räumen. Wäre der brutale Übergriff nicht genau fotodokumentiert wurden, er wäre kaum jemandem einen Skandal wert gewesen. Wie so oft wäre Polizeigewalt in ihrer sichtbarsten Form unsichtbar gemacht worden, wo sie sogar bei für sich selbst sprechenden Bildern z.T. verteidigt wird. Ebenfalls bewährt: Die verletzten Demonstrant*innen, die Anzeige gegen die Polizist*innen erstatteten, wurde von diesen wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt angezeigt.

Nicht existente Viren und seelische Krankheiten

Die Masern – eine vermeintlich harmlose Kinderkrankheit mit ungeahnten Spätfolgen sind wieder auf dem Vormarsch, mit ihnen flammt auch die Kritik am Impfschutz wieder auf.

Die Masern zählen zu den ansteckendsten Krankheitserregern, mit denen sich ein Mensch infizieren kann. Schon ein Niesen ist ausreichend, damit die Erreger übertragen werden. Doch das müsste nicht sein, die Krankheit könnte, wie beispielsweise die Pocken, längst ausgerottet sein. Symptome wie bestenfalls geschwollene Augen, Ausschlag, Übelkeit, Kopfschmerzen, hohes Fieber könnten verhindert werden, gäbe es da nicht die sogenannten Impfgegner, die Menschen immer wieder einreden, Impfungen würden ihren Kindern enorme Schäden zufügen und nur der Pharmaindustrie von Nutzen sein.

Statt ihr Kind impfen zu lassen, nehmen viele Eltern aufgrund solcher hartnäckigen Gerüchte daher lieber das Risiko einer SSPE Erkrankung (subakute sklerosierende Panenzephalitis) in Kauf, welche sich zunächst durch Gleichgewichtsstörungen äußert und später zum Verlust des Geh- und Sprachvermögens und letztlich zur Auflösung des Gehirns und zum Tod führt. Doch wie kommt es zu so einer irrationalen Einstellung Einzelner? Warum schätzen viele das Impfrisiko höher ein als das Infektionsrisiko?

So zählen Impfungen doch schließlich zu den größten Errungenschaften in der Medizin. Krankheiten wie die Pocken oder die Kinderlähmung konnten ausgelöscht beziehungsweise weitestgehend verdrängt werden.

Trotz dieser Tatsache ist immer wieder die Rede von angeblichen Giftstoffen des Impfstoffes, die der Körper selbst nicht mehr loswird. Dies ist jedoch wissenschaftlich kaum haltbar. Denn die Impfviren werden vom Körper wieder abgebaut, Zusatzstoffe sind lediglich in unbedenklicher Konzentration enthalten. Studien, die diese Vorurteile bestätigen, gibt es zudem nicht.
Also woher stammen nun diese Ängste?

Der Ursprung für all die Sorgen könnte die Studie von Andrew Wakefield aus den 1990er Jahren gewesen sein. Im Jahr 1993 erkrankte ein Junge an Autismus. Die Mutter meinte, dies wurde durch die zuvor getätigte Impfung ausgelöst und begab sie auf die Suche nach einem Arzt, der diese Einschätzung teilte. Sie fand ihn in Andrew Wakefield. Dieser spürte zwölf vergleichbare Fälle von autistischen Kindern auf, die zuvor geimpft worden waren. Er veröffentlichte eine Studie, in der er behauptete, dass die Impfung gegen Masern ein erhöhtes Autismus-Risiko bürge. 1998 wurde die Arbeit in einem angesehenen Magazin („The Lancet“) veröffentlicht, woraufhin in Europa die Impfbereitschaft blitzartig zurückging. Im Jahr 2010, stellte sich erst heraus, dass die Studie eine Fälschung war. Der Artikel wurde zurückgezogen, und Wakefield verlor seine Zulassung. Es wurde klargemacht: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfung. Der negative Ruf von Impfungen hält sich, obwohl schwerwiegende Impffolgen viel seltener sind als schwer verlaufende Masernerkrankungen, bis heute.

Auch der Impfgegner Hans U. P. Tolzin trägt mit seinen haltlosen Äußerungen nicht gerade dazu bei, die positiven Argumente einer Impfung hervorzuheben. Er hat es sogar geschafft, seine Ansichten im „ARD Morgenmagazin“ und in der Phoenix-Runde zu verbreiten. Laut Tolzin seien Masern keine Viren (denn Viren sind eine Erfindung der Pharmaindustrie), sondern eine Krankheit, die sich aus dem Körper selbst, von innen heraus, entwickle und nicht etwa durch Ansteckung übertragen wird. Er ist Anhänger der „Neuen germanischen Medizin“ welche glaubt, dass alle Krankheiten (z.B. auch Krebs) nur Reaktionen des Körpers auf seelische Konflikte seien. Das Masern-Virus sei ein Konstrukt der Herrschenden, um die Menschen zu unterdrücken und die Medien sind natürlich ein Teil dieser Verschwörung. Indem sie Angst verbreiten und Impfungen verteilen, wollen sie die Menschheit reduzieren. Solche Auffassungen werden dann in Seminaren verbreitet. Die Kritik der etablierten Wissenschaft beirrt diese Leute schon längst nicht mehr. Dass Masern-Impfungen laut WHO zwischen 2000 und 2013 weltweit 15,6 Millionen Todesfälle verhinderten, ist dann wohl auch uninteressant. Im Jahr 2013 starben weltweit jede Stunde 16 Menschen an Masern. Großteils betroffen waren Kinder unter 5 Jahren, litten diese alle unter seelischen Schäden?

Fakt ist: Neun von zehn nicht geimpften Menschen erkranken an Masern, wenn sie mit dem Erreger in Kontakt kommen. Wohingegen die Zahl der ernsthaften Impfschäden minimal ist. Bei der letzten Erhebung kamen die Forscher auf sieben schwerste Komplikationen pro 16 Millionen Impfstoffdosen.1 Zudem könnten Masern ausgerottet werden, wenn sich mindestens 95 Prozent der Bevölkerung impfen ließe.

Wer also weiterhin die guten Argumente, sich bzw. sein Kind impfen zu lassen einfach leugnet, sollte zumindest aufhören, falsche Ansichten zu verbreiten, denn um eine Erkenntnis kommen die Impfgegner dann in der Praxis vielleicht doch nicht herum: Sie brauchen nicht all ihre Kinder impfen lassen, nur die, die sie behalten wollen.

Über die Zeitlichkeit begrenzter Sicht – Liv Strömquists Vulva-Comic „Der Ursprung der Welt”

Jede_r sollte diesen Comic lesen, meint Dora Grün. Sie empfiehlt die von Liv Strömquist gezeichnete Kulturgeschichte der Vulva, die den entfremdeten Blick auf den eigenen Körper in Frage stellt. Das Buch ist ein Angriff auf die begrenzte Sicht.

Eine Comicrezension braucht Bilder. Die verblüffende Vulva-Kulturgeschichte der schwedische Zeichnerin Liv Strömquist erzählt Geschichte(n) wie diese:
Strömquist zeigt Bilder der Vulva, die es zu anderen Zeiten und an anderen Orten einmal gab. Ihr Comic zeigt Bilder, die die Vulva als eines von vielen Körperteilen und als ein geschätztes Körperteil zeigen. Was ja auch die an jeder Wand prangenden Penisbilder tun.
Strömquist gibt Wissenschaftler, die versucht haben, die Herrschaft über andere Körper zu übernehmen der Lächerlichkeit preis. Und sie verblüfft ihre Leser_innen. Sie spielt mit dem, was wir sehen können – und doch nicht sehen, weil sich immer wieder etwas „Vor-Gesehenes“, ein gesellschaftlich geprägter Blick wie ein Bildschirm vor die Wahrnehmung des eigenen Körpers schiebt. Natürlich sehe ich meinen Körper mit eigenen Augen, aber das vor-gesehene Wissen aus Bio-Büchern, Zeitschriften und Internetquellen kann ich kaum abstreifen.
Die feministische Filmwissenschaftlerin Kaja Silverman unterscheidet mit dem Begriff des Vor-Gesehenen, was wir physisch wahrnehmen (look) und was der gesellschaftlich geprägte Blick (gaze) uns nahelegt, zu sehen. Sie spricht von einem Blick-Regime, einer Führung und Herrschaft durch Bilder.

Liv Strömquists Comic zeigt, wie sich Bilder von Scham und Schmutz vor andere Bilder der Vulva geschoben haben. Sie dokumentiert nicht, sie übernimmt die Regie. Sie zeigt, wie die Welt aussehen würde, wenn sie nicht bestimmt hätten und andere gewonnen hätten. Über die veränderte Rückschau arbeitet sie vorausschauend (präfigurativ). Sie gibt besserwisserische Mediziner und Denker der Lächerlichkeit preis und sie schenkt Frauen* und den feministischen Bewegungen, die noch kommen, Zeit, Raum und andere Bilder.

Die Zeichnerin Liv Strömquist, die auch Radiomoderatorin und Aktivistin ist, sagt von sich selbst, sie habe den Comic gezeichnet, um ihre eigene Ahnungslosigkeit zu überwinden. Sie wollte die soziale Unsichtbarkeit, Banalisierung und Dämonisierung „weiblicher Geschlechtsorgane”, die Mythen über die Menstruation und die Story rund um prämenstruelle Hormonschwankungen (PMS) verstehen. Herausgekommen ist ein rasantes, witziges und überraschendes Buch. Immer wenn man denkt, „so sieht es aus”, wartet Strömquist mit noch einer Story auf, die zeigt, wie Männer* sich den Frauen*körper aneigneten, wie der weibliche Orgasmus verzichtbar wurde und wie prämenstruelle hormonelle Schwankungen zwar dazu taugten, Frauen Vernunft und Intellekt abzusprechen, aber nicht dazu, dass man sagte, „dass Frauen zu viel mit ihren Kindern schimpfen, weshalb es besser sei, dass Männer mit den Kindern zuhause blieben und Frauen arbeiten gingen.“

Liv Strömquist, die sich auf auf Punk, Kathleen Hanna und DIY bezieht, erzählt in einem Interview von einem Abend, an dem ein älterer Comic-Zeichner ihr sagte, er möge keine Zeichnerinnen, weil in ihren Arbeiten „nur die Menstruation” vorkomme. 10 Jahre später habe sie dann die Graphic Novel über das Thema gemacht, „weil es niemand getan hat.”
Strömquist findet bei ihrer Arbeit am Comic heraus, dass erst 1998 „nach Jahrtausenden von Jahren wirklich grottenschlechter Forschung“ die australische Medizinerin Helen O’ Connell die Größe der Vulva realistisch abbildete. Und dass obwohl „die Sex-Industrie das bereits seit einiger Zeit weiß. Man muss sich nur das Sexspielzeug auf dem Markt ansehen, um festzustellen, dass es nicht designt ist, um einen kleinen Punkt am oberen Teil der Vagina zu berühren. Es ist dazu gemacht, um einen größeren Bereich zu stimulieren”, so Fiona Patten, die Sprecherin des australischen Sex-Industrie-Dachverbandes Eros Association.

Strömquists Buch zeigt, dass es an anderen Orten und zu anderen Zeiten ein breiteres Bild der Vulva gegeben hat. Sie führt die Irrtümer der Geschichte vor, montiert Text-Bildirritationen, illustre Ahnengalerien mächtiger alter Männer und ihnen entgegentretende trotzige Frauen*.
Der Comic verblüfft, denn er überführt unsere viel zu kleinen Erwartungen. Er spielt mit der „Zeitlichkeit der Unterdrückung“ und transportiert nicht nur alt-neue Geschichten, sondern vergrößert die eingeschränkte Sicht. Er macht so aus Unterdrückung etwas mehr Geschichte. Das Buch ist witzig, es macht klug und es zeigt ein Feuerwerk von Taktiken der Befreiung. Lasst es euch nicht entgehen.

Strömquist, Liv (2014): Der Ursprung der Welt. Avant-Verlag, Berlin, 19,95 Euro.

Vom Einmischen – Eine DJ plaudert aus der Plattentasche

Die Autorin Snazzy Grrrlz lässt uns – wie der Titel es bereits beschreibt – teilhaben an ihren Erfahrungen als DJ.

Ich bin inzwischen seit ein paar Jahren als DJ unterwegs. Angefangen hat es mit einem DJ-Workshop, den ich in Jena besuchte und der sich explizit an Frauen* richtete. Zu einem Workshop, der offen für alle ist und dann doch wieder nur die eh schon coolen Jungs anzieht, wäre ich zum damaligen Zeitpunkt wohl auch nicht gegangen – aus Angst, von Anfang an als Fremdkörper wahrgenommen zu werden und unter besonderem Beweisdruck zu stehen.
An zwei Tagen brachte uns die Berliner DJ Lindas Tante die Grundlagen des Auflegens mit Platten bei. Ich hab sofort Feuer gefangen. Weil: Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?! Ich hab mir gebrauchte Turntables besorgt und die nächsten Monate für mich allein in meiner Wohnung geübt. Als ich dann meinen ersten Auftritt vor Publikum haben sollte, war ich so aufgeregt, dass ich schon Tage vorher nichts mehr essen konnte und am Abend selbst anfangs nur mit Mühe überhaupt die Nadel auf der Platte platzieren konnte. Es wurde ein super Abend. Ich war super, und nicht nur „für‘s erste Mal“ und auch nicht nur „für eine Frau“. Ich hab einfach eine richtig gute Party geschmissen. An dem Abend hab ich auch das erste Mal selbst mitbekommen, wie es ist, diesen Macho-Sexismus, über den auch andere weibliche DJs immer mal wieder berichten, zu erleben. Dabei war das Publikum bei diesem ersten Gig sehr nett, mir sehr wohlgesonnen. Mir haben „nur“ zwei Männer unabhängig voneinander ungefragt in meinen Mixer gegriffen. Inzwischen hatte ich schon so viele Abende hinter den Plattentellern, an denen ich dermaßen scheiße behandelt wurde, dass es mir fast harmlos vorkommt. Aber das ist es nicht, nur weil mein Fell über die Zeit etwas dicker geworden ist. Stellt euch das mal vor: Da habe ich einen Auftritt, spiele mein Instrument und jemand aus dem Publikum greift mir währenddessen in die Tasten. Und findet diesen Move völlig okay. Die folgenden Ausführungen dürfen gern als Dos und Don‘ts im Umgang mit DJs verstanden werden.

Frauen und Technik

Es gibt ihn auf fast jeder Party. Ich nenne ihn „den Techniker“. Er ist nicht wirklich ein Tontechniker, er gehört nicht zum Personal des Clubs, oft ist er einfach nur jemand, der hobbymäßig Musik hört (wenn überhaupt). Aber es gibt ihn auf fast jeder Party. Er ist derjenige, der mich vom Arbeiten abhält, um mir zu erzählen, dass sein Eindruck ist, dass die Bässe zu leise sind. Er ist derjenige, der kommentiert, dass ich nicht mit Software XY auflege oder dass mein Mixer zu klein sei. Er ist auch derjenige, der beim Aufbau der Technik seine Hilfe anbietet. Kann sein, dass er es nett meint. Aber was dahinter steht, ist die Annahme, dass ich es nicht weiß und dass er es besser weiß. Und das ist Quatsch. Ich bin DJ. Natürlich kenne ich mich aus mit meinem Werkzeug. Natürlich habe ich ein Ohr für den Klang und wenn ich die Bässe nicht weiter aufdrehe, hat das einen Grund. Ich denke mir etwas bei dem, was ich tue, denn ich weiß, was ich tue. Nur leider ist das etwas, das ich immer wieder erklären und beweisen muss. Und ich denke, dass das daran liegt, dass ich als Frau wahrgenommen werde. Das Ding ist: klar weiß ich nicht alles und ich freue mich auch, wenn jemand mir hilft, sofern ich Hilfe brauche. Aber bitte nehmt nicht einfach an, dass ich Hilfe oder Rat brauche, nur weil ich eine junge Frau bin.

Ich brauche kein Lob

Diese ganze Problematik hört nicht beim Umgang mit Technik auf. „Der Lehrer“, wie ich ihn nenne, steht minutenlang streng dreinblickend neben meinem DJ-Pult und winkt mich hektisch heran, jedes Mal, wenn mein Blick ihn streift. Er hält es kaum aus, dass ich nicht sofort auf ihn reagiere (und weiß offensichtlich nicht, dass Auflegen Arbeit ist und ich diese nicht einfach unterbrechen kann, nur weil er ein Mitteilungsbedürfnis hat). Seine wichtige Botschaft ist: „Deine Musik ist scheiße“. Kann er ja so finden, nicht jede_r mag HipHop, das ist okay. Mir ist zwar nicht klar, warum er mir das an dieser Stelle mitteilen muss, aber ich kann damit leben; es beleidigt mich nicht. Damit hört es aber nicht auf, denn sofort fängt er an, mich darüber aufzuklären, was ich alles machen müsste, damit die Party besser läuft (ungeachtet dessen, dass die Party sehr gut läuft): Dass ich als nächstes Mal was von Artist XY spielen muss. Dass es nicht funktioniert, wenn ich nicht mehr „Hits“ auflege und überhaupt wäre es doch das Beste, wenn ich spontan das Genre wechsle, weil Heavy Metal eh viel besser ist. Völlig absurd., Und, es nervt! Das alles wird nicht immer aggressiv oder abwertend formuliert. Oft ist „der Lehrer“ ein Mensch, der seinen Monolog mit einem Lob beginnt und mit der Beobachtung meiner Lücken abschließt, natürlich nicht, ohne vorher sein Wissen anzubieten. Er war nämlich auch mal DJ oder er hat auch Schallplatten zu Hause oder er hat schon mal eine Youtube-Disko veranstaltet. Dabei kommt er mir oft viel zu nah, quetscht sich auf den engen Raum hinter den Turntables, legt mir seinen Arm um und klopft mir väterlich auf die Schulter. Gut gemacht! Musikexperten sind in der Regel Männer. Frauen sind maximal Fan-Girls oder Groupies, kreischen hysterisch wenn sie ihrem Star nahe kommen und haben ihren Musikgeschmack meistens von ihrem Freund oder Bruder übernommen. Stop, das ist nicht meine Meinung, das sind sexistische Unterstellungen! Aber eben solche, an die viele Leute zu glauben scheinen und auch deswegen weiblichen DJs absprechen, einen eigenen Musikgeschmack oder eine durchdachte Setlist zu haben. Manchmal komm ich mir vor, wie in einer Quizshow. „Weißt du überhaupt, aus welchem Jahr der Song ist?“. Ja, weiß ich, ich bin ein HipHop-Nerd. Überrascht? Aber selbst wenn ich es nicht wüsste: Nicht alle männlichen DJs können die Veröffentlichungsdaten jedes einzelnen gespielten Tracks runterbeten. Müssen sie ja auch nicht. Aber von mir als Frau wird es irgendwie regelmäßig verlangt. Beweis erst mal, dass du doppelt so viel wie die Jungs weißt, dann nehmen wir dich vielleicht ernst.

Doppelt hält besser

Ich habe manchmal den Eindruck, dass es schon als Beleidigung aufgefasst wird, dass ich überhaupt auflege. Müssen Frauen denn wirklich bei allem mitmischen? (Ja, ich bin DJ, also werde ich mitmischen). Aber dann lege ich auch noch HipHop auf! Nicht Indie-Pop, nicht 90er Trash, sondern HipHop! Das ist doch angeblich so eine Jungskultur, was fällt mir ein? Aber ich setz noch einen drauf: Ich lege fast ausschließlich Musik von Rapperinnen auf. Das geht jetzt aber echt zu weit. Gibt es das denn überhaupt? Ja, es gibt sehr viele Rapperinnen, die sehr gute Musik machen und es ist kein Problem, ein sechsstündiges Set mit ausschließlich Frauen zu füllen.
Aber es ist echt unerhört. Nicht nur nehme ich es mir als Frau heraus, DJ zu sein, sondern auch noch HipHop-DJ. Und dann spiele ich nicht mal brav die Rap-Helden rauf und runter, sondern verbringe die ganze Nacht damit, Rapperinnen durch die Boxen dröhnen zu lassen. Und, das ist vielleicht das Allerfrechste: Es funktioniert auch noch. Vielen gefällt es richtig gut. Das ist ja wohl die Höhe!
Ich nehme wahr, dass sich vor allem solche, die sich als HipHopper verstehen, davon angegriffen fühlen, dass ich es schaffe, eine gute Party zu schmeißen, auf der sie kaum einen Song wiedererkennen. Denn das sagt: Du bist zwar ein HipHopper und denkst, dass du dich richtig gut auskennst, aber jetzt bist du auf einer HipHop-Party und kennst gar nichts. Plötzlich werden die Wissenslücken aufgezeigt, die einem sonst nicht aufgezeigt werden. Plötzlich ist man(n) nicht mehr Experte, sondern hat noch viel zu lernen. Aber anstatt sich eben das anzunehmen und vielleicht sogar froh darüber zu sein, mal den Horizont erweitert zu bekommen, ist „der Doppelmoralist“ beleidigt. Er findet nämlich, dass es sexistisch ist, den ganzen Abend nur Frauen aufzulegen. Auf die Frage, wie oft er es bei anderen HipHop-Partys erlebt, dass die ganze Nacht nur Männer aufgelegt werden, reagiert er gar nicht erst. Das fällt ihm auch gar nicht so auf. Das ist halt normal. Oder er sagt, dass ja bei anderen HipHop-DJs Frauen auch mal den Refrain singen dürfen. Okay, ich hab auch kein Problem damit, Schwesta Ewa oder Foxy Brown zu spielen, da dürfen Männer den Refrain singen. Er schmollt jetzt, geht, vielleicht hat er auch noch einen miesen Spruch für mich auf den Lippen. Und ich denk mir, dass doppelt wirklich immer besser hält. Sogar bei der Moral.

Eigenschaft: Frau

Was mich noch mehr ärgert als die Kommentare aus dem Publikum, sind so manche Veranstalter. Es geht los mit der Ansprache als „DJane“. Ich hab mich noch nie selbst als DJane bezeichnet. Es ist ein Kunstwort, dass nichts mit Disc-Jockey (ein geschlechtsneutraler Begriff) zu tun hat, sondern einfach nur das Geschlecht markiert. Es gibt weibliche DJs, die sich als DJane bezeichnen und natürlich können sie das so machen. Ich habe Gründe, warum ich das nicht möchte. Trotzdem werde ich immer wieder so angesprochen, vorgestellt oder angekündigt. Dabei ist es echt kein Geheimnis, dass viele weibliche DJs keinen Bock auf diese Tarzan-Assoziation im Namen haben. Es sollte nicht zu viel verlangt sein, einmal danach zu fragen und sich dann auch an die Ansage der DJ oder DJane, je nachdem, zu halten. Diese Bezeichnungsproblematik ist ein Symptom für das, was sich an vielen anderen Stellen im Umgang mit Veranstaltern zeigt: Du bist eine Frau und das ist deine primäre Eigenschaft. Ich hab das schon in Ankündigungstexten so gelesen. Die Co-DJs des Abends, alles Männer, bekommen bestimmte Sounds, Fähigkeiten oder Inhalte zugeordnet. Sie haben „die fettesten Bässe“, „den realsten Oldschool-Sound“ oder „beeindruckend flinke Finger an den Platten“. Ich habe ein Geschlecht. Denn das ist ja wirklich das Interessanteste, das in dem Kontext über mich zu sagen wäre. Ich wurde auch schon explizit deswegen eingeladen. Da wird sich nicht mal die Mühe gemacht, so zu tun, als gäbe es Interesse an der Musik, die ich auflege. Da wird sich auch nicht die Mühe gemacht, meinen Namen herauszufinden, da werde ich mit „Hallo DJane“ adressiert. „Wir würden gern mal eine Frau einladen“. Ich finde es super, wenn Veranstalter selbst feststellen, dass sie womöglich ein Problem haben, dass ihre Bühne immer nur männlich bespielt wird und dass sie das gern ändern möchten. Ehrlich, ihr kriegt von mir eine fette High Five. Und dann kommt ein dickes Aber. Es fühlt sich nicht gut an, als Frau gebucht zu werden. Und es ist ignorant. Ihr wollt, dass ich auf eurer Veranstaltung auflege? Dann bucht mich doch bitte als DJ, nicht als Frau. Ich will nicht euer Feigenblatt sein, ich will nicht eure Rechtfertigung dafür sein, dass ihr dann den Rest des Abends wieder nur Männer auf die Bühne lasst, weil ihr hattet ja auch schon mal eine Frau dort oben stehen. Wenn ihr wirklich Interesse daran habt, etwas an der Schräglage, die es hinter den Plattenspielern gibt, zu ändern: kündigt die DJ nicht nur als Frau an, sondern beschäftigt euch mit ihrer Musik; gebt ihr nicht den Slot des Abends, an dem es voraussichtlich kaum Publikum gibt; gebt ihr das Gefühl, dass sie wegen ihrer Skills und nicht allein wegen ihres Geschlechts eingeladen wird; schafft Räume in euren Line-Ups, regelmäßig und für mehr als eine Quotenfrau am Abend. Ich erwarte nicht, dass jeder Veranstalter alles weiß oder richtig macht, es gibt so viele Fettnäpfe wie Regler am Mixer. Aber das hier sind nicht nur meine individuellen Erfahrungen. Viele DJs berichten ähnliches und vieles davon ist im Internet zu finden. Fragt doch einfach die Suchmaschine eures Vertrauens. Mit Sookees Worten: Lernen aus den Fehlern anderer ist nicht verboten.

Work it

Es ist scheiße, dass sich Frauen* an den Plattentellern immer noch besonders beweisen müssen und hate ausgesetzt sind, der sexistische Hintergründe hat. Und es ist scheiße, dass DJs insgesamt oft wenig Respekt erfahren, nicht als Musiker_innen angesehen werden, sondern am liebsten einfach eine Jukebox sein sollen. Aber ich will nicht den Eindruck hinterlassen, dass alles nur schlimm und ein Kampf ist. Würde mir das Auflegen keinen Spaß machen, würde ich es ja bleiben lassen. Der Gedanke, den ich schon während meines ersten DJ-Workshops hatte, „Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?!“, ist immer noch da. An einem guten Abend habe ich mega viel Spaß mit dieser Musik, die ich so unendlich feier und es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, wenn ich sehe, dass viele andere Leute sich auch von der Musik anstecken lassen. Die negativen Kommentare, die manchmal einfach nerven und manchmal weh tun, hinterlassen leider oft einen stärkeren Eindruck als die vielen positiven Rückmeldungen, die es auch an jedem einzelnen Abend gibt. Ich habe schon Frauengruppen den sonst männlich dominierten Dancefloor einnehmen und zu Missy Elliott performen sehen. Männer, die mir rückmelden, dass das die beste Party der Stadt ist. Menschen, die wertschätzen, sich HipHop reinziehen zu können ohne sich dabei automatisch auch eine Testosteron-Dröhnung zu holen. Das hab ich gemacht und das fühlt sich gut an. Für die Momente, in denen es anstrengend, frustrierend oder manchmal sogar bedrohlich ist, habe ich meine Grrrl-Gang im Rücken. Dieser Support, auf den ich zu 100 Prozent vertrauen kann, ist ähnlich wichtig wie meine Skills als DJ, auf die ich auch zu 100 Prozent vertrauen kann. Das sind 200 Prozent Superkräfte, bis das Verhältnis hinter den Turntables 50/50 ist.

Mehr zur Autorin unter: https://www.facebook.com/djsnazzygrrrlz/

Kein Problem meiner Brüder

Hilde Teichgräber beschreibt ihre Erfahrungen mit Sexismus. Gemeinsam mit anderen jungen Frauen veröffentlichte sie dazu einen offenen Brief an Jenaer Clubs und berichtet in diesem Artikel über die Beweggründe einen solchen Brief zu formulieren.

Anfang Januar 2017 habe ich einen Vortrag zum Thema „Rape Culture“ der Gruppe „The Future Is Unwritten“ gesehen. Wenige Tage später schlug ich das Thema für eine Arbeitsgruppe im Rahmen einer Schulprojektwoche vor. Es fanden sich sechs Mitschülerinnen, die sich mit mir zusammen mit dem Thema auseinandersetzen wollten.

Einmal sensibilisiert für sexuelle Belästigung und Gewalt, dauerte es nicht mehr lange, bis wir uns in einem Erfahrungsaustausch wiederfanden. Wir sprachen über Begegnungen, die uns zwar unangenehm gewesen waren, aber scheinbar auch so normal, dass keine von uns es jemals für nötig oder angemessen gehalten hatte, das Erlebte auszusprechen. Die Erlebnisse, über die berichtet wurde, waren alle auf ihre eigene Weise erschreckend. Ein Mädchen erzählte, dass sie, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Club feiern war, mit 16 Jahren, von einem jungen Mann dermaßen bedrängt wurde, dass er auch nachdem sie ihn mehrmals weggeschoben hatte nicht von ihr abließ und ihr ohne jede Zustimmungsgeste von ihrer Seite seine Zunge in den Hals steckte. In einer Umfrage, die wir in der Oberstufe unserer Schule durchgeführt haben, gaben die Hälfte der Mädchen an, schon einmal gegen ihren Willen geküsst worden zu sein. Diese Umfrage ist nicht repräsentativ. Und doch hat uns die Zahl erschreckt. Gerade weil sie unser direktes Umfeld repräsentiert. Man bemerke außerdem, dass die Befragten zwischen 16 und 19 Jahre alt sind. Eine andere Mitschülerin berichtete, sie sei ebenfalls nächtens in einem Club bedrängt wurden. Auch nach mehrmaligem „Ich möchte das nicht.“ und „Lass mich los!“ habe der Unbekannte nicht aufgehört sie zu belästigen, sie hochgehoben und einige Meter durch die menschenvollen Veranstaltungsräume getragen.

Ich persönlich erinnerte mich an ein Ereignis des letzten Jahres. Ich war 17 Jahre alt und auf dem Weg von Italien nach Kroatien. Ich fuhr über Nacht allein mit einer Fähre von Ancona nach Split, wo meine Familie mich vom Hafen abholen sollte. Die Schifffahrt begann aufregend, denn ich war davor erst ein paar Mal mit einer Fähre gefahren und das Umfeld war mir neu. Als ich es mir gegen 12 Uhr nachts mit meinem Schlafsack auf einem Sessel bequem gemacht hatte, sprach mich ein junger Mann aus Neapel an. Wir unterhielten uns eine Weile, und es stellte sich heraus, dass er auf dem Schiff arbeitete – genauer gesagt die Verantwortung für den Hoteltrakt der Fähre trug. Er fragte mich, ob ich Lust hätte eine Runde über das Schiff zu drehen. Im Verlauf des weiteren Gesprächs lud er mich auf ein Getränk ein. Ich unterhalte mich auf Reisen oft mit anderen Passagieren. Besonders auf Zugfahrten passiert es mir häufig, dass ich mich in dreistündige Gespräche mit meinen SitznachberInnen verliere. Es ist fast immer eine Bereicherung, so ein flüchtiger Kontakt zweier sich vollkommen fremder Menschen. Wir kommen von verschiedenen Orten, treffen kurz aufeinander, finden vielleicht Gemeinsamkeiten und dann geht einE jedeR wieder seiner oder ihrer Wege. Auch mit diesem Menschen aus Neapel empfand ich den Austausch zunächst als bereichernd. Er bot mir an, dass ich in einer der leeren Passagierkabinen schlafen könnte. Ich jubelte innerlich, da ich so nicht auf einem mäßig bequemen Sessel übernachten musste. Wir brachten meinen Kram in die besagte Kabine. Mir war in diesem Moment sonnenklar: jetzt verabschiedest du dich von ihm, bedankst dich noch einmal und das war´s. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Interesse kommuniziert, ihm näher zu kommen. Wir standen also in dieser Kabine, ich sagte, dass ich jetzt schlafen wollte und auf einmal küsste er mich. Er fasste mir an die Brüste. Und ich brauchte einen Moment, bis ich ihn von mir wegschieben konnte. Danach akzeptierte er zwar, dass ich wirklich in Ruhe gelassen werden wollte und ging weg, doch am nächsten Morgen, etwa eine Stunde, bevor wir anlegten, hielt er es für nötig noch einmal in meine Kabine zu kommen um mich zu wecken. Ich hatte mich in ein oberes Bett der Doppelstockbetten gelegt und schickte ihn, zu diesem Zeitpunkt dann deutlich genervt und nicht mehr freundlich, weg. Erleichtert atmete ich auf, als ich endlich an Land ging. Dieser Mann, dessen Name mir entfallen ist, war um die dreißig Jahre alt und ich war 17. Eine junge Frau, allein unterwegs. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt kommuniziert, dass ich an mehr als einem Gespräch mit ihm interessiert sei. Dennoch schien es für ihn selbstverständlich, dass ich eine Art Gegenleistung dafür, dass er mir eine Kabine überlassen hatte, bringen würde.
Dieses Erlebnis war ein Extrem, welches ich nur einmal so erleben musste. Doch es reiht sich ein in verschiedene Erfahrungen, die ich vielleicht hätte vermeiden können, wäre ich nicht nachts betrunken durch die Straßen von Pistoia in Italien oder bei helllichtem Tage in der Uniform einer katholischen Mädchenschule durch Addis Abeba, Äthiopien, gelaufen. Ja, ich kann darauf achten, dass ich immer aufmerksam bin und mein Umfeld ständig im Blick habe. Das wird mich nicht vor allen negativen Begegnungen schützen können, aber deren Zahl eventuell etwas mindern. Ich kann aufpassen, dass ich, wenn ich feiern gehe immer von meinen FreundInnen umgeben bin und ständig kontrollieren, ob der Typ der hinter, neben, vor mir tanzt irgendwie seltsam oder auch nicht seltsam ist. Ich kann darauf achten – und tatsächlich mache ich das auch. Intuitiv und ständig. Und da ich daran gewöhnt bin, scheint mir das nur verantwortungsvoll und normal.

Der Punkt ist aber: meine beiden kleinen Brüder werden sich Gedanken dieser Art nie machen müssen. Meine großen Cousins werden wohl kaum befürchten, dass sie Betroffene von sexualisierter Gewalt werden, wenn sie das nächste Mal feiern gehen. Auch sie sind nicht sicher vor den Spannungs- und Gefahrensituationen, die sich ergeben können, wenn man sich in den öffentlichen Raum begibt – aber rein statistisch gesehen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich als Frau mit sexueller Belästigung konfrontiert sehe viel höher, als sie für meine männlichen Familienmitglieder, Freunde und Mitschüler ist.
Das ist normal. Das war schon immer so.
Das sind keine Argumente, sondern gute Ansätze, um etwas zu kritisieren.
Der Austausch mit anderen Frauen jeden Alters hat mir gezeigt, dass ich nicht allein mit diesen Erfahrungen bin. Meine individuelle Erfahrung ist vielleicht nicht auf alle Frauen verallgemeinerbar – doch viel zu viele teilen sie.

Als wir anfingen über Momente, in denen unsere Grenzen von anderen nicht respektiert wurden, zu sprechen, fand in unserer Gruppe ein kollektiver Prozess des sich-bewusst-Werdens statt. Aus der Erkenntnis, nicht allein zu sein, entstand die Idee eines offenen Briefes. Dieser sollte insbesondere alternative, linke Clubs dazu auffordern, sich der Problematik bewusst zu werden und praktische Konzepte, sexualisierter Gewalt vorzubeugen und den Betroffenen zu helfen, zu entwickeln. Alina Sonnefeld konnte sich dafür begeistern den besagten Brief zu verfassen. Wir diskutierten ihn in unserer Gruppe und beschlossen, dass auch wir ihn, neben Alina, mitunterzeichnen wollten.

Innerhalb kurzer Zeit nach der Veröffentlichung des Briefes entstand ein Diskurs, der teils konstruktiv, teils schlichtweg beleidigend, hauptsächlich in den sozialen Netzwerken unserer Zeit, ausgelebt wurde. Debatte und Diskussion wurden nicht klar voneinander abgegrenzt und so wurde das sensible Thema der sexualisierten Gewalt von manchen ZeitgenossInnen als Gegenstand der persönlichen Profilierung missbraucht.

Verschiedene Perspektiven wurden an uns herangetragen. Viele Menschen reagierten bestärkend und finden sich selbst in unserem Anliegen wieder. Einige meiner Freundinnen sind zwar schockiert, dass viele von uns regelmäßig belästigt werden, fühlen sich selbst aber nicht als Betroffene. Manche von ihnen solidarisieren sich, auch ohne dass sie persönliche Erfahrungen gemacht haben, mit den Betroffenen.

Es mangelte jedoch auch nicht an konträren Positionen. Auf einmal sahen wir uns mit Nachrichten konfrontiert, in denen uns auf unterstem Niveau nahegelegt wurde, unsere Mitschuld an derlei Vorfällen zu reflektieren. Im Ton von „Wie ihr rumlauft, braucht ihr euch doch nicht wundern, wenn ihr angegrapscht werdet.“. Ich hielt es für angemessen, zumindest mit den Menschen, die ich persönlich kenne und die zu solchen angreifenden Reaktionsweisen neigten, das Gespräch zu suchen. Im Nachhinein muss ich jedoch feststellen, dass Unterhaltungen dieser Art für mich wenige neue Erkenntnisse bereithielten. Meine Vermutung ist deshalb, dass diese Gegenreaktionen immer das Festhalten an bestehenden Missständen und Machtverhältnissen zum Ziel hatten. Eben weil diese Missstände und Machtverhältnisse nicht als solche enttarnt werden sollen.
Manche MitschülerInnen kommunizierten uns, dass sie noch nie sexualisierte Gewalt erleben mussten und bemängelten, der offene Brief stelle die Zustände viel extremer als sie eigentlich sind dar. Zum Glück geht es nicht allen Frauen so wie mir und meinen sechs Mitstreiterinnen. Tatsächlich gelingt es mir ja auch immer wieder durch übertriebene Aufmerksamkeit derlei Situationen vorzubeugen. Wieso der Mangel an eigener Erfahrung jedoch die Solidarisierung mit denjenigen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, ausschließen sollte, ist mir unklar.
Alle Gegenreaktionen zielten darauf ab zum Ausdruck zu bringen, dass unser Anliegen entweder nicht ernst zu nehmen, nicht von gesellschaftlicher Relevanz oder insgesamt viel zu vorwurfsvoll geäußert worden sei.

Wir schickten den Brief an insgesamt 10 Clubs in Jena. Zunächst hatten wir nur die alternativen Häuser im Blick gehabt, nicht, weil das Problem dort besonders stark zu Tage tritt, sondern weil es eben leider auch dort präsent ist. Dann dachten wir jedoch, dass sämtliche VeranstalterInnen den Anspruch haben sollten, dass ihre Häuser frei von sexualisierter Gewalt sind und so schrieben wir auch ihnen.

Es reagierten nur die alternativen, linken Veranstaltungsorte. Doch mit ihnen entwickelte sich dafür ein Austausch, der umso bereichernder war. Heute ist klar:
Im Austausch mit dem größten linken Club Jenas, setzen wir uns gemeinsam mit dessen MitarbeiterInnen dafür ein, dass sich die Atmosphäre dort verbessert. Wir möchten, dass diese Häuser zu einem Ort werden, an dem wir uns alle wohlfühlen können. Ein Ort an dem Frauen und Männer das Gefühl haben, mit ihren Anliegen ernstgenommen zu werden. Patriarchale Strukturen und Verhaltensweisen werden leider selten an der Tür abgewiesen, aber Clubs sind nicht schuld an sexualisierter Gewalt. Sie brauchen effektive Strategien, um diesem gesellschaftlichen Phänomen entgegenzuwirken.

Räume zu schaffen, in denen eine bessere, freiere, gleichberechtigtere Form des Zusammenlebens erprobt wird, sollte im Selbstverständnis linker Veranstaltungshäuser liegen. Die ständige Suche nach Verbesserungsvorschlägen und Handlungsalternativen ist deshalb unabdingbar.
Das ist es, was linke Szene auszeichnen sollte: links sein heißt, zu hinterfragen. Kritik als Chance zu sehen. Sich für ein besseres Miteinander einzusetzen. Diskriminierung nicht zu tolerieren. Sich für Gleichberechtigung einzusetzen. „Das war schon immer so“ als Kritik und nicht als Argument anzubringen. Und vor allem nicht anzuerkennen, dass Dinge unveränderbar seien und es bleiben müssten. Links sein heißt diskutieren, streiten, aushandeln, kämpfen. Und vielleicht auch zu träumen – davon, dass sich die Dinge verbessern können.

Auch wenn es anstrengend ist, in einer Debatte über ein Thema zu diskutieren, welches zugleich privat und politisch ist, bin ich sicher, dass unsere Reaktion die einzige ist, für die ich mich weder vor anderen noch vor mir selbst rechtfertigen muss. Denn das Totschweigen und Kleinreden von sexualisierter Gewalt hat auch in den letzten 2000 Jahren nicht besonders gut funktioniert. Zumindest nicht für die Hälfte der Menschheit.

Auch wenn wir uns in kleinen Schritten fortbewegen, bin ich doch überzeugt, dass es sich lohnt an diesem Thema anzusetzen. So hat sich schon einiges getan. In Jena eine gründete sich eine Gruppe von UnterstützerInnen. Wir konnten verschiedene Personen in der Jugendarbeit auf Konzepte hinweisen, die zum Ziel haben, dass sexualisierte Gewalt gar nicht erst geduldet wird. Im September soll im Kassa ein Vortrag und Workshop mit dem Titel „Feministisch Feiern“ stattfinden. Daraufhin möchten wir ein Angebot schaffen, indem sich insbesondere MitarbeiterInnen von Clubs mit Awareness Konzepten auseinandersetzen können.

Antifa für Deutschland

Im Südthüringischen Themar fanden im Juli dieses Jahres nicht nur die größten Naziaufmärsche in der Geschichte dieses Landes statt, es gab auch den ganz großen Schulterschluss zwischen allen Parteien und Organisationen, die mit dem Protest gegen Nazis irgendein Interesse verbanden. Außer einer: der Antifa. Es berichten Dori und Ox Y. Moron.

Etwa 6000 Neonazis feierten am 15. Juli ihr „Rock gegen Überfremdung“. Zwei Wochen später kamen nochmal ca. 1000 Nazis und die nächsten Großkonzerte sind bereits angekündigt. Der Landkreis Hildburghausen hat eine riesige Neonaziszene und die wohl finanzstärkste faschistische Infrastruktur des ganzen Bundeslandes, vielleicht bundesweit. Dieses Problem hat sich der Landkreis redlich verdient. Jahrelang hofierte man die Faschisten um Tommy Frenck und macht es ihnen so behaglich wie möglich. Und so fanden die ersten Großaufmärsche der vergangenen Jahre nicht grundlos ohne größere öffentliche Wahrnehmung statt. Im vergangenen Jahr befasste sich Landesvater Bodo Ramelow (Linkspartei), während tausende Faschisten in Südthüringen feierten, lieber mit einer Demonstration von 300 antideutschen Antifaschisten in Bornhagen und twitterte sich des nachts besäuselt von reichlich Rotwein um Sinn und Verstand. In diesem Jahr sollte das anders werden.

Ein großes zivilgesellschaftliches Bündnis formierte sich, um wahrnehmbaren Protest zu üben und Themar als „bunte Stadt“ hinzulügen.1 Unter den Protestteilnehmern sammelte sich alles, was mit dem Protest gegen Nazis irgendwelche Interessen verband: Vom Heimatschützer, der den Ruf der Gemeinde weiß waschen wollte, über die Sektierer und Eigendarsteller, die Werbung in eigener Sache machen wollten; über die sozialdemokratischen Berufspolitiker, die mit dem Engagement gegen offensichtliche Nazis ihr Nichtstun trotz Möglichkeiten bei der bestens geschmierten Thüringer Abschiebemaschinierie vergessen machen wollten, bis zum linken Jugendlichen der mit größtem Recht diese Aufmärsche als widerlich empfand und dem mangels Alternative nichts blieb, als beim Volksfest gegen Rechts zwischen Kuchen- und Filzstand irgendwie mitzumachen. Jene linken Antifaschisten, denen die jährliche Reisewarnung nicht genügte, bildeten einen antifaschistischen Arbeitskreis (AK Themar) mit dem Ziel, die bürgerlichen Proteste kritisch zu begleiten und zu erweitern. Sie gingen gnadenlos im Meer der Standortschützer, Berufspolitiker und vieler übler Gestalten unter.

Da war etwa der zukünftige MaKss Damage of Liedermaching, Florian Ernst Kirner („Prinz Chaos II.“), ein Freund des Antisemiten Ken Jebsen, der in Sachen Israel sicher schnell Schnittpunkte mit den feiernden Nazis gefunden hätte. Mindestens ebenso viele Schnittmengen mit Faschisten hatte die an den Protesten teilnehmende MLPD, eine stalinistische Sekte, die offen mit den Judenmördern der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) paktiert. Neben derlei Sekten und den Bauchrednern des Wahnsinns waren natürlich auch die etablierten sozialdemokratischen Parteien der Landesregierung an den Protesten federführend beteiligt. Eine parlamentarische Beobachtergruppe begleitete das Event und postete per Twitter und Facebook die frohe Kunde in die Welt, dass diesmal ein paar Leute mehr ihre moralische Überlegenheit am Abgrund demonstrierten. Ihren Gipfel erreichte dieses Schaulaufen der bürgerlichen Nazigegner in der Anmaßung, das was man hier mache, sei „Antifa“.

Die linksradikale Antifa hat von dieser Farce ganz bewusst Abstand gehalten. In einem Auswertungsbeitrag2 kritisiert die Antifa Suhl/Zella-Mehlis: „Antifaschistische Kritik, wie sie beim AK Themar zu finden war, ging unter, wurde im bunten Volksmob subsumiert und, als wäre es nicht schon schlimm genug, man ließ sich das Label „Antifa“ sogar noch für die eigene Standortkampagne widerspruchslos entwenden. Von „Antifa“ war keine Gesellschaftskritik, nicht mal mehr Militanz auf der Straße übrig, sondern nur noch ein Haufen junger Leute, die nicht mehr als „Gegen Nazis“ zu sein scheinen und sich in der bunten Suppe von Themar verlieren.“ Die Entwendung des Antifa-Labels diene keiner gut gemeinten Solidarisierung mit antifaschistischer und emanzipatorischer Politik, sondern war nichts als ein strategisches Manöver, um einerseits mehr Schwungmasse für die Pressefotos zu gewinnen und gleichzeitig das zu entpolitisieren, wofür „Antifa“ eben steht. Weiter heißt es: „Das Ganze fand unter Applaus der parlamentarischen Beobachtungsgruppe statt, deren Vertreter seit Jahren nichts anderes machen, als diesen staatstreuen Antifaschismus zu propagieren und Positionen der radikalen Linken zu entkräften. Somit kam es für den Gegenprotest aus unserer Sicht sogar noch schlimmer als befürchtet.“
Die Zivilgesellschaft in Themar bot sich als die von der Antifa Suhl/Zella-Mehlis zurecht kritisierte „bunte Suppe“, die in einer „inhaltsarmen Einheitsfront für das bessere Deutschland“ trommelte und keinen Beitrag leistete, das Naziproblem ursächlich zu begreifen und damit zu beseitigen. Die Zivilgesellschaft ist blind für die Ursachen gelingender faschistischer Mobilmachung, die in der Grundstruktur dieser Gesellschaft und den falschen Reim, den sich die Betroffenen auf ihre Verheerungen macht, ihren Ausgang nimmt. Sie organisiert den in der postfaschistischen Gesellschaft gebotenen Konsens der gesellschaftlichen Eliten gegen die offenkundigsten Nazis, gegen jene, die von der NS-Nostalgie nicht lassen können, und damit macht sie den notwendigen Protest gegen Naziaufmärsche und -ideologie zur Farce, zum sinn- und konsequenzlosen Gesabbel, zum öffentlichen Schaulaufen für die Presse und zur Werbeveranstaltung für diese ach so tolle Gesellschaft. Als ob der Aufmarsch von 200 Funktionären und ebenso vielen Gutgläubigen für diese Gesellschaft sprechen würde und nicht gerade gegen sie. Die bürgerliche Aufklärung über Nazistrukturen und -ideologie findet nicht in kritischer, sondern in staatstragender Absicht statt.

Antifaschistische Kritik ist nur noch im Widerspruch zur dargestellten Scharade der Zivilgesellschaft zu haben. Der Antifa geht es darum, das Naziproblem als gesellschaftliches Problem, also als Problem einer Gesellschaft, die potentielle und aktuelle Nazis mit Notwendigkeit hervorbringt, begreiflich zu machen. Ihr ist das Gemeinwesen, die gepriesene Demokratie bzw. eben ihre aktuelle Verfallsform Gegenstand der Kritik statt der Affirmation. Die beengende Heimeligkeit beim Pfeifkonzert gegen Rechts ist ihr zuwider wie die gesellschaftliche Zurichtung, die der Ideologiewahn der Zivilgesellschafter vergessen machen will. Sie weiß, dass nicht fehlende Bildung in Menschenrechtsfragen die Ursache von Rassismus ist, sondern die tendenzielle Überflüssigkeit jedes Einzelnen für das gesellschaftliche Verhältnis und die ideologische Disposition, mit der die Rassisten dieses Verhältnis rechtfertigen und erhalten wollen. Ihre Mittel sind deswegen nicht der durch stete Wiederholung auf dem Rednerpult einzuübende Grundsatz von der Gleichheit und der Menschenwürde, sondern die radikale Aufklärung über eine Gesellschaft, in der die Menschenwürde und die Gleichheit so prekär und scheinhaft sind, dass man sie als Recht fixieren und staatlich garantieren musste. Diese Gesellschaft bringt die Nazis und ihre Ideologie mit Notwendigkeit hervor wie sie die Einzelnen zu austauschbaren Momenten eines irrational-rationalen Molochs erniedrigt und sie um das beraubt, was das Kapitalverhältnis in seinen Anfängen einmal verheißen mochte: Die Freisetzung der geschichtsbildenden Potenzen der menschlichen Arbeit und damit die Ermöglichung des Eintretens des Menschen in seine Geschichte. Weil eben dieses Eintreten und also: die sozialistische Revolution ausblieb, haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse verhärtet, sind für die Einzelnen unhintergehbarer und verhängnisvoller geworden und haben mit den Nazis Kräfte freigesetzt, die etwas Schlimmeres möglich machen, als das Bestehende.

Bliebe die Frage: Was tun? Auch darauf hat die Antifa Suhl/Zella-Mehlis eine Antwort gefunden. Sie mag nicht zufriedenstellen, vielleicht ist sie auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber angesichts des Kräfteverhältnisses zwischen antifaschistischer Aufklärung und den organisierten faschistischen Strukturen, ist sie politisch richtig. Die Antwort der linksradikalen Antifa lautete: Nicht das falsche, wo das richtige nicht möglich ist. Das ist es, was sie so unzufriedenstellend macht für jene, die sich in der blinden Wut des Machens zwar eingestehen müssten, dass ein Zweck antifaschistischer Praxis hier nicht erreicht wird, aber zumindest das Mittel zum Zweck erheben, um irgendetwas gemacht zu haben. Bliebe die Anwesenheit von Antifaschistinnen beim Protest damit verschwendete Lebenszeit dieser, wäre das schade, wo man die Zeit mit angenehmeren und/oder sinnvolleren Sachen hätte verbringen können, aber eben nur schade. Problematisch wird es da, wo die (hier wohlwollend unterstellte) Intention solcher Aktionen, die man im Sinne des ‚Hauptsache irgendwas‘ fällen lässt, nicht verloren geht, sondern sich in ihr Gegenteil verkehrt.

Diese Intention ist es nicht immer nur, antifaschistische Inhalte zu verbreiten oder in Abgrenzung zum Demokratiespektakel aufzuzeigen, dass es politische Organisierungsmöglichkeiten fernab dessen gibt, um mit Gleichgesinnten eine gemeinsame Position zu finden oder zu stärken. Denn freilich gibt es gute Grunde, hinter die genannte Intention zurückzufallen, sprich sich dem bürgerlichen Protest anzuschließen, wenn man weiß, dass die politischen Differenzen dabei verschwimmen. Einer wäre es zum Beispiel, linke Räume und Strukturen vor Ort zu schützen. Doch solche gibt es in Themar nicht. Den Menschen, denen das Fehlen solcher Räume ebenso wie das politische Klima vor Ort als eine Ursache für deren Fehlen ein Problem ist, für die die Nazis, die nicht nur an diesen einem Tag im Jahr in Horden anreisen, sondern vereinzelt oder in Gruppen stets präsent sind, eine Gefahr darstellen, kann man aus der Situation der Unterlegenheit zum Schutz nicht verhelfen; ein kurzes Aufschlagen vor Ort, wenn alle Welt auf Themar schaut, stellt indes auch keinen Beitrag zur Selbsthilfe dar. Ihnen entgegen der Sachlage in paternalistischer Manier nahezulegen, ‚Gesicht zu zeigen‘ ist ein Hohn all jener, die sich den Rest des Jahres ohne Angriffe befürchten zu müssen, durch die Stadt bewegen können. Darüber hinaus ist es immer auch eine gute Sache, den reibungslosen Ablauf des Nazifestivals zu stören oder die Außenwirkung der Nazis einzudämmen. Ersteres aber stand nie in Aussicht und auch zweiteres kann keine erklärbares Ziel sein, wo ein Nazifestival ausschließlich nach innen wirkt und wirken soll. Dieses musste auch von niemanden mehr als das enttarnt werden, was es ist, weil sich noch die letzte Dorfbewohnerin über den Charakter der Veranstaltung im Klaren war.

Angesichts dieser Aussichtslosigkeit für erfolgreichen Protest und des Gefahrenpotentials, das von hunderten und tausenden betrunkenen Nazis ausgeht, entschied sich auch die Association Progrès im Vorfeld des in diesem Jahr zum fünften Mal stattgefundenen Eichfeldtages der NPD eine Reisewarnung zu veröffentlichen, in der sie zur Vorsicht mahnt und von einem Besuch in Leinefelde abriet.3 Sie mussten sich dafür von der Redical M eine fatale Fehleinschätzung attestieren lassen.4 Nicht nämlich sei das Gefahrenpotential an anderen Tagen nicht auch da, man spiele mit so etwas den Nazis in die Hände. Dass an solchen Tagen ein qualitativer Unterschied der Gefahr, von Nazis angegriffen zu werden zum Rest des Jahres besteht, steht ohne Zweifel und nicht im Widerspruch zur Anerkennung der alltäglichen Scheiße, die sich ohne Augenmerk der Öffentlichkeit in der Provinz abspielt. Darauf machte auch die Assoziation Progrès in ihrer Reaktion aufmerksam.5 Und freilich ist eine Reisewarnung gewissermaßen ein Eingeständnis von Unterlegenheit und die Redical M hat recht, wenn sie konstatiert, dass das den Nazis in die Hände spielt. Das Veranstalten einer Aktion aber hätte an der Unterlegenheit nichts geändert. Der Ohnmacht als Antifaschist tausenden von gewaltbereiten Nazis in der Gemeinschaft der Demokraten gegenüber zu stehen, ist nicht beizukommen durch einen – im besten Fall – von der Polizei abgeriegelten kleinen Aufzug. Nur hinwegtäuschen kann man sich über diese. Andere Reaktionen á la ‚Ihr habt wohl nicht den Arsch in der Hose?‘ schlagen in eine ähnliche Kerbe und strotzen darüber hinaus vor ekelhaftem Mackertum, mit dem sich zumindest die Autoren dieser Zeilen nicht gemein machen wollen.

All das Geraune übergeht einen gewichtigen Punkt, auf den sowohl die Antifa Suhl/ Zella-Mehlis als auch die Assoziation Progrès dezidiert aufmerksam machen; nämlich dass es ein Anliegen ist, sich vom bürgerlichen Protest zu distanzieren, da man droht in ein Spektakel eingehegt zu werden, dem man aus oben genannten Gründen feindlich gegenüber steht. Es ist dabei stets schwierig zu antizipieren, wie weit es gelingen kann, eigene Positionen und eine Kritik in einem solchen Rahmen hörbar zu machen. Die Abwägung um die Möglichkeit des Erfolgs fielen bei dem AK Themar anders aus, als bei der Antifa Suhl/ Zella-Mehlis. Die Abwägungen des AK Themar lassen sich retrospektiv als falsch beurteilen. Schon im Voraus wurde deutlich, dass es den zusammengekommenen Themaranern, Südthüringerinnen und ihren Unterstützern aus der Landespolitik nicht um das Entgegentreten gegen menschenfeindliche Ideologien ging, sondern darum dass man die eigene Dorfidylle durch anreisende Fremde (hier eben Nazis) in Gefahr sah und die schlechte Presse fürchtete. Die Bilder der sich in Turnhallen versammelnden Anwohner, die besorgt und erregt in die Kameras der Presse schauen und dabei „Wir wollen die hier nicht haben“ verlautbaren, rufen nicht nur unliebsame Assoziationen hervor, sondern befördern die Erkenntnis um die Mechanismen, die da am Werk sind ebenso wie sie die Bedingungen der Möglichkeit für die Beförderung einer Kritik der menschenfeindlichen Ideologie bei den Anwesenden aufzeigen.

Im Vordergrund des bürgerlichen Protestes steht die Sicherung des Gemeinwesens, der „Demokratie“, des geregelten gesellschaftlichen Miteinanders, dieser öden, verhängnisvollen Immergleichheit am Abgrund, aus der es endlich auszubrechen gälte. Wer sich, statt sich im Widerspruch zu den Nazis und entsprechend konsequent im Widerspruch zu den Apologeten der Gesellschaft und ihrer Ordnung, die diese notwendig hervorbringt auf deren Seite schlägt, um zumindest etwas gemacht zu haben, dessen Etwas ist die Verteidigung des schlechten Ganzen. Wem das kein Anliegen war und ist, für den ist in Themar kein Ziel zu erreichen. Das ist ein trauriges Fazit, dessen Wahrheitswert sich nicht durch die Verdrehung der Realität ändern lässt, sondern durch die Veränderung der Bedingungen der Möglichkeit von erfolgreichen antifaschistischen Protest.


1
In der bunten Stadt Themar hat übrigens zur Bundestagswahl am 24. September 2017 die AfD das beste Ergebnis eingefahren, vor der CDU und den sozialdemokratischen Standortschützern.

2
Die ganze Stellungnahme findet sich online: http://bit.ly/2yIvRi0

3
Reisewarnung der Assoziation Progrès: http://bit.ly/2yKQGXU

4
Kritik der Redical M: http://bit.ly/2yLYrg6

5
Reaktion der Assoziation Progrès: http://bit.ly/2yHIOsD

Kaputtstreiken, den Laden übernehmen oder irritieren – Linksradikale im Betriebsrat

Nicht nur ist man auf einmal Proletarier_in, manchmal sind Linksradikale auch so angefressen vom Arbeitsalltag, dass sie einen Betriebsrat gründen, obwohl man eigentlich ja den Kapitalismus abschaffen statt regulieren möchte. Die Lirabelle sprach mit zwei aktiven und einem ehemaligem Betriebsrat über die Grenzen und Möglichkeiten betrieblicher Kämpfe.

Könnt ihr euch und euren Betrieb kurz vorstellen?

Rostbratwurst: Ich habe elf Jahre bei einem Bio-Großhandel gearbeitet. Der Laden war früher eher von wenigen Bioidealisten getragen. Irgendwann ist der Betrieb sehr stark gewachsen, damit haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert und es kam die Idee auf, einen Betriebsrat zu gründen. Ich hatte eigentlich keinen Bock auf ver.di, weil ich auch immer mal was mit der FAU gemacht habe. Trotzdem habe ich mich am Betriebsrat beteiligt, damit der Laden cool bleibt. Daran habe ich mir die letzten Jahre die Zähne ausgebissen. Es hat sich nichts verbessert, es wurden Nazis eingestellt und letztlich sogar einer in den Betriebsrat gewählt. Deswegen bin ich zurückgetreten und habe wegen der ganzen Situation letztlich auch gekündigt. Ich habe mich viele Jahre in linksradikalen Zusammenhängen bewegt, bin aber derzeit etwas resigniert und koche eher mein eigenes Süppchen.

Brätel: Ich arbeite in einer gemeinnützigen GmbH mit ca. 500 Angestellten. Die Firma bietet jede soziale Dienstleistung an, für die sie einen Kostenträger findet. Es gibt keinen Tarifvertrag, sondern ausschließlich einzelvertragliche Verhandlungen, sodass es üblich ist, dass Angestellte das Doppelte verdienen wie andere, die dieselbe Tätigkeit machen. Ich bin dort als Betriebsrat teilweise freigestellt. Außerdem bin ich seit etwa 15 Jahren Teilnehmer und Mitveranstalter von Lesekreisen, Theoriezirkeln und Agitationsveranstaltungen, die sich dem Inhalt und der Form nach weitgehend am GegenStandpunkt orientieren.

Senf: Ich arbeite bei einem europaweit agierenden E-Commerce-Unternehmen, das über das Internet Waren verkauft. Ich bin dort im Betriebsrat eines vergleichsweise kleinen Standorts, wo wir mit einigen Dutzend Leuten die Webseite bestücken. Ich ordne mich als Linksradikalen ein und komme aus der ideologiekritischen antideutschen Antifaszene.

Wie ist es dazu gekommen, dass ihr in die betriebliche Mitbestimmung eingestiegen seit?

Brätel: Der Betriebsrat ist vor etwa sechs Jahren als Initiative von Kollegen eines einzelnen Standorts in die Welt gekommen. Denen war damals gar nicht klar, wie viele Einrichtungen zu der GmbH gehören. Zu Beginn war es dann auch nur der Betriebsrat eines Standorts. Mittlerweile ist es uns gelungen, die Vertretung auf weitere Standorte auszudehnen. Mit einem zweiten Teilbetriebsrat zusammen vertraten wir bis vor Kurzem ca. 2/3 der Gesamtbelegschaft. Mein eigenes Engagement für einen Betriebsrat war vor allem meinem Interesse geschuldet, beobachten zu können, wie Betriebsratsarbeit funktioniert. Als es fraglich wurde, ob sich überhaupt ausreichend Leute für einen Betriebsrat aufstellen lassen, sollte das Zustandekommen nicht an mir scheitern und ich ließ mich selbst wählen. Nach wie vor ist meine Hauptmotivation zu verstehen, wie die Interaktion von Belegschaft, Betriebsrat und Geschäftsleitung funktioniert. Zudem habe ich als Betriebsrat besonderen Kündigungsschutz, die Möglichkeit an Schulungen teilzunehmen und eine zeitweilige Freistellung, die mir für das Haushalten mit den eigenen Kräften ganz gut tut. Darüber hinaus bedeutet die Existenz des Betriebsrates auf Grund der Freistellungen zusätzlichen Personalbedarf der Firma, der Leuten zugute kommt, die mir am Herzen liegen.

Senf: Für mich stand zuerst die Gehaltsfrage im Zentrum, auch wenn dies nur mittelbar ein Thema des Betriebsrates ist. Dazu kamen viele Detailfragen: Urlaubsgrundsätze, die Überwachung im Betrieb, die ständigen Versuche, das Arbeitstempo zu steigern, der nervige Umgang mit Überstunden. Viele solcher Detailfragen haben sich summiert und unsere Einschätzung war, dass wir mit der Betriebsratsarbeit etwas bewirken können, deswegen sind wir aktiv geworden.

Rostbratwurst: Ich fand die Vorstellung, als Arbeitnehmer Einfluss zu haben, grandios und habe deswegen bei der Gründung des Betriebsrats vor einigen Jahren mitgemacht. U.a. auch, weil es eine Schwesterfirma in Westdeutschland gibt, die einen Haustarifvertrag haben und übertariflich bezahlen. Mit denen sind wir damals in Kontakt getreten und waren schnell auf dem Stand, dass wir hier auch eine Mitarbeitervertretung brauchen.

Hat der Betriebsrat was verändert?

Rostbratwurst: Eher hat sich die Situation verschärft, je mehr man versucht hat, etwas zu erreichen. Z.B. hatten wir die Situation, dass Leute rausgeworfen werden sollten, weil sie zu oft krank waren – das wurde früher sehr informell gehandhabt. Wir haben dann eine Betriebsvereinbarung zu Krankschreibungen erstritten. Dann wurden auf Grundlage dieser Vereinbarung Abmahnungen verteilt, die am Ende auch auf Entlassungen hinausliefen.

Brätel: Marginale Veränderungen hat es bei uns gegeben. Es gibt jetzt Transparenz bei der Verteilung von Stellen. Es wurden ein paar Abmahnungen verhindert. Und wir versuchen dem Arbeitgeber Kündigungen so schwer wie möglich zu machen. Bei Sonderzahlungen achten wir darauf, dass keine Leute unter den Tisch fallen. Wenn Arbeitsplätze verändert werden, versuchen wir, dass es für die Mitarbeiter möglichst wenig unangenehm wird usw. Aber was man substantiell rausholt, ist trotzdem wenig.

Senf: Zum Teil ändern sich die Sachen ab dem Zeitpunkt, ab dem es einen Betriebsrat gibt. Es ändern sich die Kündigungsbedingungen, die Rücksicht des Arbeitgebers gegen die Belegschaft, Personen können zu Personalgesprächen begleitet werden durch den Betriebsrat, und und und. Das ist ein ganz anderes Gefühl, wenn du dort mit jemandem vom Betriebsrat sitzt und nicht allein gegenüber von zwei, drei Vorgesetzten. Trotzdem ist es im Moment schwer abzusehen, wieviel wir erreichen können. Wir sind mit einem harten Thema eingestiegen: Es gibt ein neues Entgeltmodell, das stärker an der Leistung des Einzelnen orientierte Bezahlung möchte. Dadurch wird der Druck auf die Beschäftigten noch weiter erhöht und es benachteiligt Menschen, die aus bestimmten Gründen eben weniger leisten können als andere. Das wollen wir als Betriebsrat nicht. In der Frage steht aber ein Teil der Belegschaft und der Arbeitgeber gegen uns.

Wie ist denn euer Verhältnis zur Belegschaft?

Senf: Man kämpft zum Teil gegen seine eigene Belegschaft, weil sie ihre eigenen unmittelbar-individuellen Interessen sehen, sich als etwas Besseres wähnen und vielleicht verstehen sie auch den Gegensatz der Interessen, der zwischen dem Unternehmen und ihnen selber liegt, nicht. Die glauben dem Unternehmensnarrativ, dass sie Teil eines aufstrebenden Unternehmens sind, dass sie selbst davon profitieren. Dass die Löhne nicht wirklich steigen, sehen sie nicht.

Brätel: Im sozialen Bereich findet man oft Mitarbeiter, die aus Verantwortungsgefühl gegenüber dem Klientel Verschlechterungen oder Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Das ist sehr stark moralisch verinnerlicht, teilweise auch im Betriebsrat selbst. Daher werden dann Auseinandersetzungen von vielen stark gescheut. Und der Arbeitgeber verlässt sich natürlich darauf, dass die Mitarbeiter ein Herz für ihre Klienten haben. Wenn z.B. Mitarbeiter ausfallen, lässt man sich bei Stellennachbesetzung Zeit, in dem festen Bewusstsein, dass die Arbeit schon nicht liegen bleibt.

Rostbratwurst: Das gab es zu früheren Zeiten durch diesen Bio-Idealismus auch im Großhandel. Später aber eher nicht mehr. Da fanden schon mehr Leute blöd, wie das lief.

Brätel: Die Mehrzahl der Mitarbeiter ist unzufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen und ihrem Entgelt, kommt aber über das Mosern nicht hinaus. Bei der Frage, wie der Betriebsrat in die Auseinandersetzung geht, orientiert er sich an der Belegschaft, beraumt Betriebsversammlungen an und stellt vor, welche Möglichkeiten es gäbe. Wenn aber z.B. die Gewerkschaftsvertretung dem Arbeitgeber das Bekenntnis entlockt, dass er Jedem individuell den geringstmöglichen Lohn zahlt, sorgt das in der Versammlung zwar für Empörung, zu einem wie auch immer gearteten Vorgehen dagegen lässt sich allerdings nahezu niemand bewegen. Ohne die Belegschaft im Rücken fasst dann auch der Betriebsrat die wenigen materiellen Kampfmittel, die es möglicherweise gäbe – z.B. langwierige juristische Auseinandersetzungen – nicht an.

Rostbratwurst: Bei Betriebsversammlungen hat es bei uns auch manchmal geknallt. Die Biobranche argumentiert gerne damit, dass sie so fair zu den Produzenten ist, da ist es ein bisschen komisch, dass man davon im Betrieb nichts merkt. Das wird als schlimm empfunden. Aber trotzdem war die Belegschaft gespalten zwischen denen, die vom Betriebsrat erwarten, dass er ihre Interessen vertritt und denen, die denken, dass sie individuell besser durchkommen.

Senf: Im E-Commerce-Bereich ist das sehr stark. Du duzt deinen Chef und dir wird vorgemacht, dass du auf Augenhöhe stehst, doch die Hierarchien bestehen fort. Die Leute hinterfragen nicht, warum sie so wenig verdienen und ihr Chef wesentlich mehr – wobei sie das vermutlich nicht wissen. Dahinter steht eine Ideologie der totalen Identifikation, eine Einheit der Interessen – der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist nicht wahrnehmbar für die Leute. Von der Logistikabteilung – das ist ein wesentlich größerer Standort als unserer – werden Geschichten erzählt, wie sich die Leute zur morgendlichen Teambesprechung zusammenfinden und rufen „Wir sind ein Team!“ Das hat schon fast Sektencharakter. Bei uns ist das nicht so platt, aber die Leitung versucht gezielt, den zentralen Interessengegensatz des Arbeitsverhältnisses zuzuschütten. Die Idee der einfachen Beschäftigten, sich für gemeinsame Interessen zu organisieren, gibt es daher kaum. Es gibt eher die Tendenz, sich für was Besseres zu halten als die unqualifizierten Leute im Lager. Aber die Leute im Lager verdienen mittlerweile besser, weil sie viel eher geschnallt haben, dass sie eine Interessenvertretung, einen Betriebsrat, brauchen.

Es gibt eine ideologiekritische Position, in der eine gewisse Verachtung für Umverteilungsfragen mitschwingt. Ist es konterrevolutionär, für mehr Lohn einzutreten?

Senf: Ich teile das nicht und halte das nicht für eine ideologiekritische Position. Betriebsratsarbeit ist eine Selbstverteidigung auf sozialer Ebene. Man kämpft für sein eigenes Auskommen – das muss auch einem Ideologiekritiker gelegen sein. Die Frage ist, was ist der Umkehrschluss? Bedeutet das, wenn man die Leute von der Forderung zur Umverteilung abbringt, dass sie automatisch das Wesen der Produktionsordnung erkennen und dagegen aufbegehren? Machen die Verelendeten dann die soziale Revolution und erkennen, dass die Produktion anders organisiert werden muss? Das sehe ich nicht. Darauf kommen die Leute nicht ohne Weiteres. Was den Leuten viel näher liegt, ist die Suche nach schuldigen Personen statt nach dem anonymen gesellschaftlichen Verhältnis, das die Schuld trägt, und das ist ganz problematisch. Dann kommt man schnell dazu, im Logistikzentrum das Problem in „den Polen“ auszumachen, die angeblich mehr rumstehen und das gleiche verdienen oder in geheimen Mächten, die „uns“ klein halten. Dann lieber mit klarsehenden Augen für die Umverteilung eintreten und darüber hinaus klarmachen, dass das nicht alles ist.
Seht ihr Möglichkeiten, wie eine linksradikale Bewegung betriebliche Kämpfe unterstützen kann?

Brätel: Ich habe kein politisches Interesse an der Unterstützung betrieblicher Kämpfe; sehe das radikal Linke nicht an Kämpfen, deren Ziel innerhalb des Lohnsystems liegt.
Rostbratwurst: Ich sehe Potential da, wo man an die Kunden geht. Mit der Bio-Banane kauft man sich ja ein bisschen ein gutes Gewissen, das kann man schon etwas stören, wenn man deutlich macht, wie mies die Arbeitsbedingungen in dem Bereich sind.
Senf: Ich sehe da Möglichkeiten. In Leipzig gibt es beispielsweise den Amazon-Logistik-Standort. Dort streiken die Arbeitnehmer für die Aufnahme von Tarifverhandlungen, wogegen sich der Arbeitgeber weigert. Dort gibt es ein Streikbündnis, das die Belegschaft unterstützt. Die Frage ist, was bringt das aus einer linksradikalen, ideologiekritischen Sichtweise? Das müsste man sich mal genauer anschauen. Ich denke, dass eher die Umverteilungsfrage behandelt wird und die Unterstützung von Arbeitern durch ein studentisch geprägtes Bündnis. Eine Kooperation von Studenten und Arbeitern – das ist nicht der Beginn der Barbarei, aber auch nicht der Kommunismus.

Wir haben bis jetzt eher darüber gesprochen, welche Möglichkeiten euch eure Funktion in der betrieblichen Interessensvertretung gibt. Wie seht ihr denn als radikal Linke oder Marxist_innen die Möglichkeiten betrieblicher Kämpfe?

Rostbratwurst: Da gibt es sicher Möglichkeiten, aber garantiert nicht über den Betriebsrat und das Betriebsverfassungsgesetz. Um wirklich was zu erreichen, bräuchte es ganz andere Strukturen.

Brätel: Meine politische Arbeit zielt darauf, Menschen darin zu irritieren, die Lebensbedingungen, die ihnen von Staat und Kapital beschert werden, für selbstverständlich zu halten. Es geht darum, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, über die schädlichen gesellschaftlichen Zwecke aufzuklären, im Setzen darauf, dass die Menschen sich die begriffenen Zustände nicht mehr bieten lassen wollen und sich letztlich ein sozialistisches Miteinander erkämpfen. Kämpfe im und um den Betrieb sind daher vor allem erst einmal zu kapieren und den darin materiell und nur allzu oft geistig Befangenen zu erklären. Das Aufgreifen konkreter Unzufriedenheiten z.B. im Betrieb, zu deren Rückführung auf das Privateigentum als ihren Grund ist dafür zwar unerlässlich, aber im Rahmen der (Betriebsrats-)Arbeit praktisch nicht zu leisten. Zu haben sind bei Kollegen inner- und außerhalb des Betriebsrates manchmal kleine Irritationen, mit denen man zum Themenwechsel einlädt. Im beabsichtigten Sinne politisch produktiv werden diese nahezu nie.

Senf: Für eine emanzipatorische linksradikale Praxis kann man als Betriebsrat relativ wenig tun. In Gesprächen kann man versuchen klarzumachen, dass Arbeit ein Ausbeutungsverhältnis ist und man ein anderes Interesse hat als das Unternehmen, das einen ausbeutet. Weiter, was Ausbeutung ist und dass das keine Selbstverwirklichung ist, dass man sich vieles ein- bzw. schönredet. Man ist aber schnell ein Rufer in der Wüste. Trotzdem habe ich viele Kollegen schätzen gelernt, was ich als Student nicht gedacht hätte. Menschen, die sich nicht als Linke verstehen und sich doch offen zeigen für Einsicht, Aufklärung, Argumente und Kritik. Aber auch das Gegenteil: Leute, die total verbohrt und verschlagen sind und nur ihr Eigeninteresse sehen – quasi die eigenen Kollegen, die bereit sind, die eigene Großmutter für 20 Euro mehr Brutto zu verkaufen. Trotz alledem bleibt Solidarität wichtig. Wenn sich die Belegschaft weiter auseinanderdividieren lässt, kämpft am Ende jeder noch für sein Einzelinteresse, sein individuelles Fortkommen – mehr als das jetzt schon der Fall ist. Denen ist dann egal, ob jemand seine Leistung nicht bringt, weil er krank ist oder dessen Kind und deshalb Nachteile zu befürchten hat. Sich nicht darum zu scheren, was mit dem Nächsten ist – das ist die Grundhaltung eines potentiellen Faschisten. Das ist eine gefährliche Situation, wo man mit Arbeitnehmern in Verbindung kommt, die eigentlich keine Nazis sind, aber von denen man wüsste, dass sie in einem noch autoritäreren System klasse funktionieren würden. Dagegen hilft Solidarität, die gleichzeitig hoffentlich Offenheit für widerständiges Denken fördert.
Und was ist mit der Perspektive, die Betriebe irgendwann zu übernehmen oder kaputt zu streiken?

Rostbratwurst: Ich wäre dabei gewesen, den Laden kaputt zu streiken, wenn sich nichts ändert. Aber das war umstritten.

Senf: Das ist so ähnlich bei einem Standort von meinem Unternehmen passiert. Die haben berechtigt die Zähne gezeigt und wurden platt gemacht. Ein paar Kilometer weiter wurde für diesen ein neuer Betrieb aufgemacht, wo es auch einen hartnäckigen Betriebsrat gibt, aber die wissen, was auf dem Spiel steht. Der Konzern ist so flexibel, wenn die heute in Erfurt zumachen, machen die morgen in Weimar wieder auf. Und was die Perspektive, den Betrieb zu übernehmen angeht: Sicherlich muss man irgendwann überlegen, wie man Produktion in einer anderen Gesellschaftsordnung sicherstellt. Ich sehe aber nicht, dass wir aktuell als Belegschaft die Betriebe übernehmen und organisieren. Zumal ich denke, dass der Betrieb, in dem ich arbeite, in einer vernünftigen Gesellschaft ziemlich überflüssig wäre. Wir produzieren Bedürfnisse nach Massenprodukten, die dann meist in irgendwelchen Schränken verstauben, weil das Zeug und in Massen erst recht kein vernünftiger Mensch gebrauchen kann.

Nachruf

Am 23.8.2017 ist ein Genosse gestorben – wobei Tofu sich der Bezeichnung „Genosse“ ganz bestimmt verwehrt hätte, zu sehr hätte ihn – als „gelernter Ossi“ – die realsozialistisch gefärbte Bezeichnung gestört. Trotzdem war Tofu jemand, der sich seit vielen Jahren im subkulturellen Dunstkreis der radikalen Linken aufhielt. Wo man auch hinkam: Tofu war meistens schon da. Auch wenn er als Katholik aus dem Eichsfeld bestimmt kein Linksradikaler war, lag ihm Emanzipation am Herzen. Vor allem seine Neugier auf Menschen hat dazu geführt, dass er viele Diskussionen zur Kenntnis genommen und kommentiert hat. Wie bedeutsam seine Präsenz war, konnten wir in den letzten Wochen daran sehen, bei wie vielen Gelegenheiten von ihm Abschied genommen wurde. Im Interkulturellen Garten, in der Offenen Arbeit, im veto und der [L50] haben viele Menschen darüber gesprochen, was Tofu und sein Tod für sie bedeutet hat. Ein sehr umsichtiger und angemessener Nachruf sprach davon, dass sein „Blick vom Rand […] häufiger störend, aber fast immer auch erhellend war“. Das empfanden auch für wir so. Mehr als einmal hat er – eingeleitet im Stil von „Was haben die jungen Leute wieder für einen Unsinn geschrieben?“ – die Lirabelle kommentiert und dabei geholfen, Positionen zu überdenken oder zu schärfen. Dass Tofu mit 56 Jahren verstorben ist, lässt sich nur begreifen, wenn man sieht, wie erbarmungslos das System mit Menschen umgeht, die nicht gewillt oder in der Lage dazu sind, seinen Anforderungen zu entsprechen: Sein Unwille und seine Unfähigkeit, das zu tun, was sich üblicherweise gehört, hat ihm mehrere Zwangsräumungen, den Rauswurf aus der Hochschule und viel Ärger auf der ARGE eingebracht. Auch wenn den Ämtern nie gelungen ist, aus ihm einen stromlinienförmigen Arbeiter und Staatsbürger zu machen, hat diese systematische Missachtung Spuren hinterlassen. Auch daran werden wir uns erinnern. Vor allem aber erinnern wir – wie es schon in besagtem Nachruf heißt – einen neugierigen, scharfzüngigen, belesenen, geschichtsinteressierten, musikbegeisterten Genossen, der auch anstrengend und ignorant sein konnte, sich aber immer für sein Gegenüber interessiert hat. Tofu fehlt uns.

News

1.5.17, Erfurt / Gera: AfD und III. Weg in Thüringen unterwegs
„Antisemitische und rassistische Parolen sind keine Kapitalismuskritik“ resümieren die Antifaschist*innen der Initiative „Das Hinterland aufwühlen“ in Gera, die mit 600 Leuten die Nazis vom III. Weg immer wieder auf ihrer Route blockieren können. In Erfurt reicht der Protest gegen AfD mit Lutz Bachmann im Schlepptau nicht soweit, ungestört demonstrieren etwa 1200 Anhänger*innen, darunter „ALARM“, der Alternative Arbeitnehmerverband Mittelthüringen.

Mai 2017, Erfurt: G20 entern – Globale Zustände verändern! Thüringer Mobi startet
Ein Thüringer Mobilisierungsnetzwerk gegen den G20 Gipfel organisiert neben verschiedenen Vorträgen in ganz Thüringen und einem Aktionstraining eine gemeinsame Anreise nach Hamburg. Das Thüringen-Barrio weicht kurzfristig in den Altonaer Volkspark, von wo aus der Gipfel mit Protest begleitet wird.

16.5.17, Suhl: Antifa erinnert an 5. Jahrestag der Ermordung Klaus-Peter Kühns
Am 16. Juni 2012 ermordeten Neonazis den arbeitslosen Klaus-Peter Kühn in seiner Wohnung. Sie demütigten und folterten den 59-Jährigen bis zur Bewusstlosigkeit. Er verstarb in seiner Wohnung. Das Gericht sah Habgier als entscheidendes Motiv für den Mord an dem Mittellosen. Dass diese Analyse meilenweit an den wirklichen Beweggründen der Neonazis vorbei ging, kritisierte die Antifa Suhl Zella-Mehlis, die auch am 5. Jahrestag des Mordes erinnerte.

24.5.17, Erfurt: Urteil gegen Ballstädt-Schläger
Gegen die Neonazischläger, welche im Frühjahr 2014 eine Kirmesfeier in Ballstädt bei Gotha brutal überfallen haben, ist nun nach zähen Verhandlungstagen ein Urteil gefällt worden. Neben vier Freisprüchen, u.a. für die Sonneberger Nazis Ricky Nixdorf und Johannes Baudler, wurden zehn Haftstrafen verhängt. Unter anderem für die Südthüringer Neonazis Marcus Russwurm, Stefan Fahrenbach, Kai Lückert, David Söllner und Ariane Scholl gab es Haftstraßen zwischen zwei und dreieinhalb Jahren. Die Verteidigung hat Revision gegen das Urteil angekündigt.

31.5.17, Erfurt: Protest gegen Abschiebung nach Afghanistan
Organisiert vom Sprachcafé Erfurt demonstrieren 200 Menschen gegen Abschiebungen und Asylrechtsverschärfungen. Am gleichen Tag wird eine im Vorfeld kritisierte Sammelabschiebung nach Afghanistan abgesagt, weil sich in Kabul von einem Terroranschlag Betroffene Mitarbeiter*innen der deutschen Botschaft nicht um die Abschiebung kümmern können. Es sterben mindestens 60 Menschen. Afghanistan ist kein sicheres Herkunftsland.

Juni 2017, Arnstadt: Nazis sagen Kinderfest ab und machen Kundgebungstour
Das von THÜGIDA geplante Kinderfest mit Hüpfburg und Streichelzoo am Arnstädter Skaterpark wird nach einem Bescheid des Ordnungsamtes, das die Veranstaltung räumlich verlegen will, von den Nazis abgesagt. Dem kundgetanen Selbstmitleid in sozialen Netzwerken folgt wenige Tage später eine Kundgebungstour, die vor dem Arnstädter Rathaus Halt macht. Die Resonanz aus der Bevölkerung ist ähnlich der auf einen Online-Spendenaufruf für das Kinderfest: null Euro.

24.6.17, Erfurt: Solidarität statt Volksgemeinschaft
Das geplante Familienfest an der Volksgemeinschaft im Herrenberg findet nicht statt, Stadtteilakteur*innen veranstalten ein „Tag der Vielfalt“-Fest ohne die massiven Probleme mit Neonazis zu artikulieren. Aktivist*innen von Break Isolation verteilen das Flugblatt „Solidarität statt Volksgemeinschaft“, kommen ins Gespräch über rassistisch und nazistisch motivierte Angriffe in der Gemeinschaftsschule am Herrenberg in örtlicher Nähe zur Kammwegklause und Volksgemeinschaft. Reaktionen? Die Schule schweigt, Perspektiv e.V. entlässt den betroffenen und kämpfenden Schulsozialarbeiter. An Unterstützung für Betroffene fehlt es.

1.7.17, Erfurt: „Die Rechte“ mit mehr Fahnen als Nazis
Mit 44 Teilnehmenden blamiert sich „Die Rechte“ für den groß angekündigten Aufmarsch in Erfurt und muss eine Verkürzung der Demoroute durch die Innenstadt akzeptieren, als etwa 70 Antifaschist*innen sitzend am Domplatz blockieren. Aufgerufen haben das Jugendverbändebündnis „Auf die Plätze!“ und Antifagruppen. Im Vorfeld veröffentlichen „Recherchefüchse“ Erkenntnisse zu den Aktivitäten und Personen der rechtsextremen Partei.

21.7.17, Erfurt: Protest gegen Abschiebungen nach Serbien und Kosovo
Anlass der Spontandemonstration durch die Erfurter Innenstadt sind Abschiebungen von Menschen aus Lagern in Erfurt und Apolda, die zwischen 4 und 5 Uhr von der Polizei aus ihren Betten geholt und gegen ihren Willen zu einem Charterflug nach München für eine Sammelabschiebung gebracht werden. Die Redebeiträge benennen die Verantwortlichen, rassistische Kommentare werden zurückgewiesen.

26.7.17, Erfurt: Nazi-Angriff und Bullen-Besuch im AJZ
Es kommt erneut zu einem Angriff durch Stadtbekannte Nazis – wie im Mai 2016 – auf das städtisch geförderte AJZ und mindestens drei Besucher*innen mit Pfefferspray und Metallstangen. Eine angegriffene Person wird schwer am Kopf verletzt. Die Polizei riegelt daraufhin das Gelände mit 12 Einsatzwagen ab, nimmt Personalien der AJZler auf und durchsucht alle Vereinsräumlichkeiten, Ermittlungsverfahren werden eingeleitet – aber gegen wen? Die Polizei verharmlost den Angriff als Auseinandersetzung zwischen Alkoholisierten.

August 2017, Erfurt: Rroma Thüringen-Aktivist schiebt sich selbst ab
Shani Haliti kämpft seit 2013 für ein Bleiberecht für Rroma in Deutschland. Gemeinsam mit seinen Söhnen lebt er in Erfurt und kämpft gegen die strukturell rassistischen Zustände in der Ausländerbehörde. Ein Aufenthaltsrecht erhalten die drei nicht, auch Härtefallersuchen und Petitionen helfen nicht. Der schwer erkrankte geht „freiwillig“, um den Polizei-Schergen zuvorzukommen. Infos und Spendenkonto: breakdeportation.blogsport.de

12.8.17, Jena: Gedenken an Heather Heyer
Mit einer Transparent-Aktion gedenken Antifaschist*innen getöteten Aktivist*innen anlässlich des Mordes an Heather Heyer. Diese wird bei Ausschreitungen in Charlottesville von einem jungen Neonazi getötet, der mit einem PKW in die Menge der Protestierenden rast. Anlass der Auseinandersetzung ist eine Kundgebung von Ku-Klux-Klan und Alt-Right-Bewegung für den Erhalt einer Statue des Konföderierten-Generals Robert E. Lee.

23.8.17, Erfurt: Arbeitsrecht und Antirassismus
Der gekündigte Schulsozialarbeiter an der Gemeinschaftsschule am großen Herrenberg in Erfurt, der rassistische und nazistische Angriffe an der Schule problematisierte, holt sich Unterstützung von der Bildungssektion der FAU Jena. Die Kündigungsschutzklagen führen zu einer Güteverhandlung vor dem Erfurter. Das Verfahren läuft.

25.8.17., Jena: Sponti gegen Verbot von linksunten
Am Abend bringen fast 100 Menschen ihren Unmut über das Verbot der Internetplattform und die Hausdurchsuchungen bei Aktivisten in einer Spontandemonstration auf die Straße und setzen das Verbot in den Zusammenhang mit der aktuellen Repressionswelle nach dem G20-Gipfel. Sie skandieren: „Wir. Sind alle. Linksunten.Indymedia“ sowie weitere Sprüche gegen Repression, Nation und Sexismus. Die Cops waren überrascht und hielten sich zurück bis sich die Demo selbst auflöste. Nach der Aktion verurteilt Wiebke Muhsal einen Angriff auf ihre Wahlkreismitarbeiterin.

August / September 2017, Erfurt: Gemeinsam gegen den Rechtsruck – Aktionswochen
Vor der Bundestagswahl finden allerlei Veranstaltungen gegen den Rechtsruck statt, der sich mit den Ergebnissen der Bundestagswahl abermals bestätigt. Am 20. September demonstrieren etwa 500 Menschen gegen den Wahlkampfabschluss der AfD auf dem Bahnhofsvorplatz, an welchem „nur“ 500 Menschen teilnehmen. Das Fronttransparent des Protestzuges trägt die Aufschrift „Es steht keine wirkliche Alternative zur Wahl“ und weist auf die bevorstehende Farce hin.

5./6.9.17, Jena: Autos von AfDlern beschädigt
In Jena-Nord und Winzerla werden in der Nacht zwei Autos von Denny Janokoswki (Direktkandidat) und eines Mitglieds des Stadtvorstands beschädigt – ermittelt wird wegen politisch motivierter Sachbeschädigung.

24.9.17, Thüringen: AfD nach Bundestagswahl zweitstärkste Kraft
Das Ergebnis der Bundestagswahl ist aus antifaschistischer Sicht verheerend. 12,6 Prozent der deutschen Wähler*innen machten ihr Kreuz bei der protofaschistischen AfD. Damit ist die Partei im Bund drittstärkste Kraft. In Thüringen ist das Ergebnis noch verheerender: Hier kommt die AfD mit 22,7 Prozent der Zweitstimmen, was immerhin fast 300.000 Wählerinnen und Wählern entspricht, auf Platz zwei nach der CDU (28,8 Prozent) und vor der Linkspartei (16,9 Prozent).

30.9.17, Erfurt: Erste FIT*Bar im Veto
Die FIT*-Bar Gruppe kündigt an, monatlich samstags ab 21 Uhr im Veto einen Raum für alle Frauen*, Inter- und Trans*personen (FIT*) zu schaffen, in welchem weniger Unterdrückungsmechanismen wirken und sich vernetzt, ausgetauscht und empowert werden kann. Dabei wird bspw. Sexismus auch als ein Szene internes Problem begriffen. Das Konzept der Definitionsmacht schützt die Begegnungen. Infos: http://fitbar.blogsport.de

Florit macht dum

Wer hat nicht schon einmal von ihnen gehört – Personen, die bewusst darauf verzichten, Mineralwasser zu sich zu nehmen, weil diesem Fluorid beigesetzt wird und die aus demselben Grund seltsam klingelnde, überteuerte Zahncremes kaufen? Auf genauere Nachfrage, aus welchem Grund Fluorid so schlecht für uns sei, haben sie meist nur schwammige Erklärungen parat oder verweisen auf einen von unzähligen und durchaus fragwürdigen Internetbeiträgen. Es ist schon erstaunlich, wie viel Input das Internet zu diesem Thema zu bieten hat. Einige, durchaus seriös wirkende, Seiten sprechen von Fluoriden als Verursacher von Leiden wie Arthritis, Diabetes, Schilddrüsen- oder auch Nierenerkrankungen. Weiterhin gibt es Verschwörungstheorien, aus denen hervorgeht, dass Fluorid willenlos und dumm mache. Man behauptet, die Bevölkerung werde damit – ähnlich wie bei den „Chemtrails“ – gezielt ruhig gestellt, um alles zu akzeptieren, was die Regierung ihr aufbürdet. Die Unterstellung, die Aluminiumindustrie wolle ihr überschüssiges Fluor gewinnbringend entsorgen, und setze es daher Lebensmitteln wie Trinkwasser und Speisesalz zu, ist ein weiterer Bestandteil solcher Theorien. Daher sei auch die Kariesprophylaxe mithilfe von Fluoriden nur vorgetäuscht und schade den Menschen in Wirklichkeit.
Tatsächlich werden Fluoride in einigen Ländern dem Trinkwasser zugesetzt. In Deutschland wird jedoch niemandem eine gefährliche Dosis zwangsverabreicht. Der Richtwert für die tägliche Fluoridzufuhr liegt bei Erwachsenen bei 3,8 mg pro Tag. Ab 5 mg Fluorid muss auf dem Etikett ein Warnhinweis stehen, dass nur eine begrenzte Menge getrunken werden soll, da es sonst gesundheitsschädigende Folgen haben könne. „Man weiß ja nie, wie viel Fluorid das Wasser wirklich enthält, und ob die da auch alles draufschreiben.“, hört man die Fluoridgegner dann raunen.
Auch in den sozialen Medien werden immer häufiger Horrorszenarien geschildert. So hat eine Frau beispielsweise über 17 Jahre lang täglich mehrere Kannen schwarzen Tees mit 100-150 Teebeuteln zu sich genommen. Dass das nicht gesund sein kann, liegt auf der Hand: Ihr Gebiss wurde dadurch völlig zerstört. An dieser Stelle wird deutlich, was auch für den Gebrauch von Fluorid gilt: die Dosis macht das Gift. Ein gutes Beispiel hierfür bietet auch der tägliche Bedarf an Zahnpasta, welcher ja bekanntlich – zumindest den gebräuchlichen Sorten – Fluorid beigesetzt wird, um die Zähne vor Karies zu schützen. In einer Tube sind davon gerade einmal 0,1% zu finden. Um den Knochen und Zähnen damit Schäden zuzufügen, muss man das „Gift“ über mehrere Jahre hinweg überdosiert zu sich nehmen. Um gar an einer Fluoridüberdosis zu sterben, müsste ein Erwachsener mehr als drei Kilo Zahnpasta am Tag essen. „Schon 3kg Zahnpasta sind tödlich“ – würden die Fluoridgegner wohl daraus machen. Zum nächsten Zahnpasta-Gelage sollte man diese dann wohl besser nicht einladen.