Rezension zu Thomas Mauls: Das Kapital vollenden. Was das Scheitern der Marxschen Werttheorie über die bürgerliche Ökonomie verrät.

Seit geraumer Zeit abonniert Max Unkraut, organisiert bei der SJD – Die Falken (Erfurt), auf Facebook den Agitationskanal von Thomas Maul und kennt daher die Kontroversen um dessen politischen Standpunkt. Maul ist u.a. Autor der früher kommunistischen, heute bloß noch ideologiekritischen Bahamas (vgl. Bahamas 57/2009), aber auch einiger umfangreicherer Arbeiten, die u.a. durch den XS-Verlag publiziert wurden, wie etwa auch sein neustes Werk Das Kapital vollenden, das im vorliegenden Artikel kritisch rezensiert wird.

I.

Mein Abonnement des Kanals von Maul habe ich wohl im zeitlichen Umkreis des berüchtigten Restvernunft-Posts (ist das eigentlich so etwas wie Restmüll?) geschlossen, worin Maul der AfD, angeheimelt durch eine Rede des Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland, unterstellte, „als parlamentarischer Arm materialistischer Ideologiekritik“ (9. Mai 2018) zu agieren. Gauland nämlich betonte noch einmal den historischen Auftrag Deutschlands, die anständigen Soldaten der Antifaarmee namens Bundeswehr müssten im Notfall im Krieg für Israel sterben. So wurde der Rechtsnachfolger der Wehrmacht als billige und folgerichtige Ergänzung der alltäglichen „antifaschistischen Reconquista“ (13. Dezember 2018) auf dem Weihnachtsmarkt gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlands ausgezeichnet.
Es ist deshalb nicht bloß höchst interessant, zu erfahren, welche Vollendung sich ein Interpret des Marxschen Kapitals unter vielen anschickt, errungen zu haben, sondern auch welche Resultate die Lektüre durch einen selbsternannten ‚Trumpisten‘ (24. September 2019) der Zeitschrift Bahamas zeitigt.

II.

Die Thesis Mauls ist denkbar simpel, d.h. geradezu bodenständig, populistisch: Gegen eine akademisierte und daher esoterische Interpretation des Marxschen Kapitals wendet er eine Lesart, die an den Engels zum Vorwurf gemachten Historismus erinnert. Dabei bedient sich Maul zusätzlich der Wert- bzw. Ideologiekritik des erst kürzlich verstorbenen Genossen Joachim Bruhn, insofern dieser sowohl die kategoriale Irrationalität der Gesellschaft des sich verwertenden Wertes sowie seiner marxistischen Apologeten denunzierte, deren Geschäft darin besteht, den Identitätszwang des Kapitals theoretisch zu wiederholen und damit zu verkrusten. (Vgl. ISF: Der Theoretiker ist der Wert, S. 91 et passim)
Jene positivistische Seite entdeckt Maul ebenfalls bei Marx, der sich im zweiten sowie dritten Band des Kapitals auf die Kritik mathematisierende Gesamtrechnungen makroökonomischer Art versteift, die Maul behauptet, auf einen eigentümlichen Bruch zwischen dem ersten und dem zweiten Kapitel des ersten Bandes zurückführen zu können.
Der sich im Übergang vom ersten zum zweiten Kapitel vollziehende Bruch zwischen einfachem und kapitalistischem Warentausch sei dabei nicht durch hegelianisierende Interpretationen formallogisch zu retten, wie Maul anhand des Begriffs der ‚Ware Arbeitskraft‘ ausführlich zeigt. Im Gegenteil dazu bezeichnet jener eine historisch-reale Zäsur, die durch den Abgrund der sog. ursprünglichen Akkumulation, also der gewalttätigen Enteignung von Bauern, Handwerkern usf., vollzogen worden ist und zuerst den doppelt freien Lohnarbeiter – Bedingung der Möglichkeit kapitalistischer Vergesellschaftung – in die Welt setzte.
In diesem Sinne macht Maul zwei gegensätzliche Definitionen des Wertbegriffs aus, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft gleichsam miteinander verweben: einerseits den vorkapitalistischen, der sich auf eine rationale Berechnung von bereits hergestellten Arbeitsprodukten bezieht und schon bei Aristoteles vorfindlich ist; andererseits einen kapitalistischen, der auf der alogischen Fassung des Arbeitskraftvermögens als Ware beruht. Die hieraus entspringende Irrationalität, Wert (eigentlich geronnene oder tote abstrakte Arbeit) fortan bloß noch durch sein Nichtidentisches, lebendige Arbeit und damit Ausbeutung und Zwang, ausdrücken zu können, ist hiernach die sich als Vernunft darstellende Unvernunft des Kapitalismus: „Der Mehrwert affiziert, d.h. irrationalisiert den Wert (und damit auch Ware und Geld) notwendig.“ (S. 97) Der Automatismus der Kapitalakkumulation entwickelt sich daher aus der hieraus entspringenden nichtidentischen Identität des Werts, der nun dazu gezwungen ist, sich via Aneignung von unbezahlter Arbeitszeit auf sich selbst zu beziehen. (ebd.)
Anders als die ISF und Bruhn jedoch postulieren, beharrt Maul deshalb auf einen vormals rationalen Wertbegriff, der zwar als Bedingung der Möglichkeit eines irrationalen fungiert, gleichwohl sich in Gegensatz zu diesem befindet. Wird andernfalls die Geschichte des Wertes zur Historie der Unvernunft verklausuliert, bestehe die Tendenz, den „Irrationalitätsbegriff zu verwässern“ (S. 150) und damit unnötig die vielleicht schärfste Munition der theoretischen Ideologiekritik aus der Hand zu geben.
Die Inhalte der Vollendungsbedarfe markiert Maul daher an zwei wesentlichen Punkten: Erstens soll ein intentionaler, nicht-substantialistischer Begriff des Wertes gewonnen werden, dessen Vorteil darin läge, als vorkapitalistische „Kontrastfolie“ (S. 35) zu dienen. Zweitens muss die ‚Ware Arbeitskraft‘ als genau das desavouiert werden, was sie ist, nämlich ideologisches Schmiermittel einer auf Gewalt und Unvernunft beruhenden Gesellschaft, das sich – wenn auch zunächst in kritischer Absicht – bereits als ‚variables Kapital‘ in die Marxsche Terminologie eingeschlichen hat. (Vgl. S. 84 f.)
Maul zieht dann hieraus auch die „letztmöglich positive Erkenntnis (wenn auch) negativen Gehalts über den Wert“ und diese „ist die Denunziation seines zynisch-irrationalen sowie realparadoxen Charakters, mündend in die praktische Forderung, ihn aus der Welt zu schaffen“ (S. 37) – m.a.W.: die Forderung nach der sozialen Revolution.

III.

Mindestens ein blinder Fleck allerdings findet sich in der sonst glatten Argumentation. Diese zeigen jene Stellen, die den Zusammenhang des vorkapitalistischen Wertbegriffs für den kapitalistischen behandeln und an denen Maul undeutlich wird, wie etwa in Folgendem: „[S]o wird erst der Kapitalismus einer Realverkehrung […] sowie Verrückung der gesellschaftlichen Praxis in sich selbst zu Durchbruch und Vollendung verhelfen, die womöglich von Beginn an in Warentausch und Geld angelegt war“ (S. 64).
Denn was genau am Warentausch rational, was irrational war, wie eine Verwebung des in der Antike auf privater Produktion, aber ebenso auf Ausbeutung beruhendem Werts zustande kam (vgl. Maul, Thomas: Wert und Wahn I, S. 26 ff.), wie sich dadurch die Entfaltung des Geldes in Bewegung setzt und womöglich (oder notwendig?) die Genese eines gesellschaftlichen Bedürfnisses nach sog. ursprünglicher Akkumulation und Profitstreben vorantreibt, bleibt zumindest an diesen Stellen dunkel.
Hinzu kommt, dass die Thesis der Intentionalität des Wertdenkens, liest man die Vollendung vor dem Hintergrund der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer, nicht ganz einleuchten will. Gerade die wesentlichen gedanklichen Bestimmungen der Allgemeinheit und Notwendigkeit, die auch der Wert trägt, sind hiernach zur Reduktion der konkreten Arbeitszeit auf abstrakte schon vorausgesetzt. M.a.W.: Bevor der Wert, auch der vorkapitalistische, gedacht werden kann, muss man überhaupt rational denken können. Entsprechend der Dialektik der Aufklärung sind die dafür konstitutiven Kategorien aber schon ab ovo verdinglichte Strukturen, ausgestattet mit einem gewissen Eigenleben, mithin herrschaftsvermittelt.

IV.

Man kann Mauls explizit politischen Äußerungen (bspw. auf Facebook) deshalb folgendermaßen verstehen: Gegen allerlei tatsächlich vorhandene Irrationalität und Ideologie des linken Mainstreams werden die Ideale und damit Versprechen der sich konstituierenden bürgerlichen Gesellschaft in Anschlag gebracht, da diese nicht lediglich „die reale Unfreiheit, Ungleichheit und Herrschaft“ (S. 92) verschleiern, sondern eben „auch utopisch über das Faktische hinaus[weisen]“ (ebd.).
Dazu muss Maul dem „Geld und Wert“ (S. 45) eine durch den Souverän garantierte „bedingte historisch-reale Rationalität und Positivität zusprechen“ (ebd.). Fortan kann der sich auch im Kapitalismus gedanklich widerspiegelnde einfache Warentausch als ein Refugium der Vernunft gelten, das durch die Souveränität des Staats abgesichert wird. (Vgl. Wert und Wahn I, S. 44) ‚Restvernunft‘ zeichnet demnach all das aus, was dem Verfall des Transzendenten widerspricht.
Es drängt sich allerdings die Frage auf, warum, wenn man schon in Sachen Kommunismus streitet, als Antwort Politik und Souveränität goutiert wird? Schließlich gelte es, die Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft endlich praktisch zu verwirklichen und nicht ewig an ihrer vermeintlichen Aufbewahrung zu tüfteln, oder: um es mit den Worten des Genossen Bruhn zu sagen, die er damals, lange bevor man sich bei der Bahamas vom Wort (oder Begriff?) des Kommunismus verabschiedete, an Wertmüller richtete: „Was es gibt, das sind Kommunisten, die, eben weil sie dies sind, der Nation die Pest an den Hals wünschen. Wenn Justus Wertmüller statt dessen Politik treiben möchte, dann soll er das bitte offen aussprechen.“ (Kritik, Polemik, Dampframme)
Selbst dann noch, wenn zugegeben wird, dass Revolution auf kurze Sicht nicht ansteht, ist gar nicht verständlich, wie es nach der „Charakterveränderung des Werts“ (S. 98) noch möglich sein soll, den Irrsinn vermeintlicher Glücksversprechen von ihrem Transzendierenden zu unterscheiden.
KritikerInnen stehen damit im Verdacht, sich von den Verhältnissen selbst dumm und irre machen zu lassen, die sie bekämpfen wollen.
Weil einerseits das Spannungsfeld zwischen Begriff und Wirklichkeit bürgerlicher Gesellschaft anhand des Kapitals aufgezeigt und andererseits tendenziell zugunsten der die Begriffe erzeugenden Wirklichkeit aufgelöst, d.h. das Tappen in die Falle der Politisierung (Der Theoretiker ist der Wert, S. 97 et passim) und das sich Arrangieren mit dem Dasein als citoyen – Maul ahnt den Vorwurf voraus (vgl. S. 48) – nachvollziehbar wird, ist Das Kapital vollenden eine lesenswerte Lektüre.

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