Kontinuität der Frauenverachtung – Zur Aktualität von Hexenverfolgungen

Bezogen auf die „Perspektiven auf Hexen und Hexentum“ aus der letzten Lirabelle, legt Paul seine Perspektive zum Thema der Hexenverfolgung dar und beschreibt warum historisch und aktuell es vor allem Frauen sind, die als Hexen verfolgt wurden und werden, wie die Imagination des Hexenbildes entstehen konnte und warum es auch heute noch relevant ist, sich damit auseinander zusetzen.

Ich war positiv überrascht, als ich in der letzten Ausgabe der Lirabelle einen Text der Rost und Motten Redaktion über ihre Perspektiven auf Hexen und Hexentum las. Sie stechen heraus im Gegensatz zu manch anderen Auseinandersetzungen mit dem Thema. Es wird beispielsweise von selbsternannte Hexen berichtet, die Tarot Karten legen oder vermeintlich geheime Rituale durchführen im Glauben, dass sich dadurch etwas ändern ließe. Im Missy Magazine schrieb Hengameh Yaghoobifarah, dass sie ernsthaft solch eine Spiritualität und Esoterik für feministisch und widerständig hält. Vergessen wird dabei einerseits, dass auch heute noch Menschen verfolgt und ermordet werden, weil ihnen Hexerei vorgeworfen wird1 und andererseits, dass die Verfolgten sich nicht selbst als Hexen, Zauberer_innen etc. sahen oder sehen, sondern sie erst durch die Verfolger_innen zu diesen gemacht wurden oder werden. Da die meisten der Verfolgten Frauen waren und sind, hatte und hat die Anklage und Ermordung als Hexen vor allem mit einer patriarchalen misogynen Gesellschaftsordnung zu.

Hexen und Natur

In der frühen Neuzeit, als die Hexenverfolgung entstand und ihren Höhepunkt erreichte, herrschte ein ambivalentes Bild der Natur vor, einerseits als ein chaotisches und gesetzloses Reich, welches der Kontrolle und Zähmung bedurfte und andererseits als nahrungsspendende Mutter. In ähnlicher Weise sah man die Frauen, auf der einen Seite als jungfräuliche Nymphe und auf der anderen Seite als böse Hexe. Die auf dem Scheiterhaufen zu verbrennende Hexe galt als Symbol für die gewalttätige Natur: Sie vernichtete die Ernte, verursachte Krankheiten, verhinderte die Zeugung oder tötete kleine Kinder bzw. Säuglinge. Die Frau, als Verkörperung der chaotischen Natur, musste genau wie die Natur selbst, unter Kontrolle gebracht werden. Frauen wurden mit der Natur identifiziert, vor allem aufgrund ihrer Sexualität. Sie wurden deshalb für Magierinnen gehalten, weil sie in Bezug auf Männer qualitativ andersartig wahrgenommen wurden und spezielle Kräfte inne hatten: geheimnisvolle sexuelle Vorgänge, die Regelblutung und Schwangerschaft. Diese Zuschreibung entstand, da die Menschen noch kein umfängliches Wissen um dem weiblichen Menstruationszyklus hatte.
Bevor sich die Hexenverfolgung Bahn brach, waren die Frauen, die für zauberkundig gehalten wurden, oder sich als Heilerin und Hebamme betätigten noch nicht negativ besetzt. Die sogenannten weisen Frauen und Hebammen nutzten schon bei den Germanen bestimmte schmerzlindernde und wehenfördernde Kräuter. Die Heilkunde lag in weiblicher Hand. Ebenso wurden Abtreibungen oder Geburtshilfen von ihnen vorgenommen. Dadurch waren sie sehr hoch angesehen. Allerdings trugen die entstehenden neuen Wissenschaften der damaligen Zeit dazu bei, dass es immer anrüchiger wurde, in Verbindung mit Natur und Magie zu stehen, gerade weil man der chaotischen Natur gegenüber stand und ihr Herr werden musste. Im Zuge der Aufklärung also, als man die Welt entzaubern und somit auch die magischen Kräfte im allgemeinen und im speziellen der Frauen bannen wollte, ging die Nutzbarmachung und Beherrschung der Natur immer auch mit der Herrschaft der Menschen über die Menschen einher.
Die Zeitperiode der Hexenverfolgung war zusätzlich geprägt durch schwere Krisen und gesellschaftliche Umbrüche. Es gab religiöse Kriege, die Reformation, der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, Hungerkatastrophen, zunehmende Geldwirtschaft, Ausbruch der Pest etc., die Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreiteten. „Panik, Wut und Angst waren der Nährboden, auf dem solch ein massenpsychologisches Phänomen wie der Hexenwahn gedeihen konnte“ (Renate Göllner) . Mit der Hexenverfolgung kamen an die Stelle von Dämonen, welche nicht greifbar waren, bestimmbare Personen bzw. Personengruppen, die man für ihr vermeintliches Handeln, also die Beeinflussung von Mensch und Natur, verantwortlich machen konnte. Die Schuld an Naturkatastrophen, Epidemien oder gesellschaftlichen Missständen wurde in den Hexen als Feindbilder personalisiert. Die Bestrafung oder auch nur die Schuldzuschreibung an diesen Frauen konnte eine entlastende Wirkung für die Verfolger_innen und Beschuldigenden mit sich bringen.

Unangepasste Frauen

Ein Grund, warum sich heute auch noch in feministischen Kreisen mit Hexen identifiziert wird, ist, dass die Frauen, die als Hexen gebrandmarkt wurden, als unangepasst und widerständig galten. Zur Zeit der Hexenverfolgungen wurde davon ausgegangen, dass die magischen Fähigkeiten die Macht der Autoritäten langsam zerstören könnte, da es den armen und einfachen Menschen ein gewisses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gab, die gesellschaftliche und natürliche Ordnung zu manipulieren oder sogar umzustürzen. Der Hexensabbat2 wurde einerseits als große sexuelle Orgie dargestellt, aber andererseits von manchen auch als eine politisch-subversive Versammlung, die darin gipfelte, dass die Teilnehmerinnen ihre begangenen Verbrechen schilderten und der Teufel sie anwies, gegen die Autoritäten aufzubegehren. Silvia Federici weist darauf hin, dass die Vorstellung des Hexensabbats, welcher nur nachts stattgefunden haben soll, „einen Verstoß gegen die kapitalistische Regulierung der Arbeitszeit darstellte“, sowie die sexuelle Orthodoxie und das Privateigentum infrage stellte, „denn die nächtliche Dunkelheit verwischte die Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern sowie zwischen ‚mein und dein‘“ (Silvia Federici). Es ist also auch ein Verstoß gegen die frühkapitalistische Arbeitsdisziplin und ein anderer Gebrauch von Zeit und Raum, welcher nicht in die Rationalisierung und Triebunterdrückung passte und deswegen als Wunschvorstellung derer, die dies für real hielten, abgelehnt werden musste.
Die großen Verfolgungswellen der Hexen fand zu einer Zeit statt, als sich der Kapitalismus als Gesellschaftsordnung langsam begann durchzusetzen. Ähnlich wie die damit einhergehende Enteignung des Landes, wurde gewissermaßen der Körper der Frau durch die Hexenjagden enteignet. Auf den Scheiterhaufen brannten nicht nur Frauen, die früher Hebammen waren, sondern genauso Frauen, die vermieden Mütter zu werden; Arme, die sich versuchten ein wenig Geld zu verdienen oder ihren Nachbarn Essen und Gegenstände klauten. Ebenso traf es Frauen, die als locker oder promiskuitiv gebrandmarkt wurden, also Prostituierte, Ehebrecherinnen und allgemein Frauen, die ihre Sexualität selbstbestimmt und außerhalb der Reproduktion ausleben wollten. Die Frau musste sich der neuen Arbeitsorganisation und den kapitalistischen Verhältnissen unterordnen. Die Hexenverfolgungen waren ein Prozess der Vernichtung und Enteignung von Natur- und Heilwissen bzw. Kenntnissen über die Sexualität, Schwangerschaftsabbruch, Geburt und Verhütung. An die Stelle der Hebammen kamen – auch mit der Herausbildung der neuen Wissenschaften – männliche Ärzte, mit einer mangelhaften Ausbildung in diesen Bereichen, zu denen Frauen dann nicht mehr zugelassen wurden.
Nicht nur das Wissen der Frauen über die Natur galt als Bedrohung des Mannes, sondern die weiblichen Eigenschaften überhaupt, vor allem für den Trieb- und Affekthaushalt des Mannes. Die Kontrolle der Triebe und Affekte war im Mittelalter nicht sonderlich stark ausgeprägt. Man trank und aß tatsächlich bis zum Umfallen und entleerte sich in aller Öffentlichkeit an jedem Ort. Mit dem aufkommenden Kapitalismus änderten sich nicht nur die Tischsitten. „Die Selbstkontrolle des Individuums ist auch Voraussetzung eines wissenschaftlich-rationalen Natur- und Gesellschaftsverständnisses überhaupt; denn dabei muß von den Objekten des Interesses Abstand genommen werden, was eine Gefühlskontrolle mit einschließt“, wie Roswitha Scholz feststellt. Ebenso erforderten Arbeitsteilung, Geldwirtschaft, Handel und die Begegnung mit Fremden ein höheres Maß an Triebkontrolle und Affektaufschub. „Es waren also bei der Hexenverfolgung offensichtlich Projektionen am Werk: die Angst vor den eigenen Trieben und Affekten äußerte sich in der Denunziation der Frau“ (ebd.). Es wurde dementsprechend der Widerspruch zwischen kapitalistischer Norm und Triebanspruch auf die Geschlechter projiziert. Der Mann stand und steht auch noch immer für Leistung, Anstrengung und Produktivität. Demgegenüber wurde und wird die Frau mit Sexualität und Lust identifiziert, was dem zweckgerichteten männlichen Charakter als verhängnisvoll sich darstellen muss. Es ist dementsprechend die Unterwerfung unter die Leistungsnormen bzw. das Leistungsprinzip, welche zu der Zeit hauptsächlich die Männer betrifft. Das führt dazu, dass das Andere, was außerhalb steht, die Frau, die sich mit ihrer vermeintlich ausschweifenden Sexualität nicht den passenden Normen und Rationalisierungen anpassen will, mit dem Lustprinzip identifiziert wird, was jedoch ausgelöscht werden soll. Dem Konformitätsdruck, der Repression der Bedürfnisse und der Sexualfeindlichkeit, denen die Individuen ausgesetzt sind, ist es geschuldet, dass sich die Aggressionen gegen die Frauen richten und dass allgemein die Imagination der Hexe entsteht.

Hexen und Sexualität

Wie oben erwähnt, wurden Frauen als Hexen einerseits aufgrund der Imagination, die Frau repräsentiere die Natur und andererseits wegen der weiblichen Sexualität verfolgt. Die Gefahr, die von der Frau bzw. der Hexe ausgehe, läge in ihrer destruktiven Sexualität begründet. Dies jedenfalls beschreibt der Hexenhammer3. Die Hexen könnten nicht nur Hass und Liebe mithilfe des Teufels erzeugen, sondern auch das männliche Genital verzaubern, sodass es „gleichsam gänzlich aus dem Leib herausgerissen ist“ (Hexenhammer). Dies wurde auf den unersättlichen „Schlund der Gebärmutter“ (ebd.) zurückgeführt. Diese Annahme bezeugt das männliche Angstsyndrom: die Kastrationsangst. Um ihre angeblich unbändige Lust zu stillen, hätten sie mit den Dämonen zu schaffen und diese würden ihnen die Kraft verleihen, die Zeugungskraft der Männer zu hemmen, genauso den Penis zu entfernen. Die Sterilität, nicht nur beim Mann, machte den Geschlechtsakt zusätzlich zu etwas verpöntem, denn dieser würde unter den Bedingungen nicht mehr dem Sinn oder göttlichen Auftrag folgen, Nachwuchs zu schaffen, sondern wäre einzig und allein daran ausgerichtet, ein Lustakt zu sein. Durch einen moralischen Vorwand der Bestrafung der Frauen bzw. Hexen, der Abweichung von den autoritären Normen und der kapitalistischen Leistungsideologie können die Hexenjäger in den Vorstellungen schwelgen, die ihnen eigentlich verboten oder verhasst sind.
Durch die schon benannte ambivalente Weiblichkeitsvorstellung als Jungfrau und Hexe herrschte gewissermaßen eine magische Verehrung aber auch Angst gegenüber den Frauen vor. Die Jungfrau Maria war die entsexualisierte Geistesfrau, das Idealbild der Reinheit, die das Kunststück der unbefleckten Empfängnis vollbrachte. Dieses konnte von der empirischen Frau selbstverständlich nicht vollbracht werden, da sie doch per Geburt die Reproduktion der Gattung sichern musste, sodass sie eigentlich nie zu einer Maria aufsteigen und sie jederzeit als eine Hexe denunziert werden konnte. So war die Hexe „die Inkarnation der leiblichen Sünde, der weiblichen Geschlechtsfunktionen […]. Der sündige Mann konnte in diesen sinnen- und lustfeindlichen Zeiten heuchlerisch seine Sexualität – die Ansprüche der ‚inneren Natur‘ – verleugnen und nach außen hin verdammen.“ (Silvia Bovenschen) Es wurden also nicht nur Aggressionswünsche auf die Frauen projiziert, sondern auch unerlaubte und unerfüllbare Sehnsüchte. Die Hexen bzw. Frauen hatten also eine Doppelfunktion für die Männer inne. Sie waren ein Symbol einerseits für entstellte Triebansprüche und andererseits für eine vermeintlich ungezügelte Lust, die sich der männliche Charakter nicht zubilligen kann, da es unter dem Diktat der frühkapitalistischen Produktionsordnung nicht erlaubt ist bzw. dazu führen könnte, sich nicht erfolgreich zu verwerten.
Warum aber sollte man sich noch heute mit der historischen Hexenverfolgung auseinandersetzen? Einerseits, weil es noch immer Hexenverfolgungen gibt. Andererseits herrscht noch immer eine geschlechtsspezifische Unterdrückung mit ähnlichen Inhalten und Motiven vor, auch wenn keine Scheiterhaufen mehr brennen. Die Regelblutung wird zwar nicht mehr als unverstandene magische Fähigkeit angesehen, allerdings noch immer tabuisiert. Frauen wird auch noch immer ihr Recht auf ihren eigenen Körper abgesprochen, einerseits durch sogenannte Lebensschützer_innen, die meinen, Abtreibung sei Mord und andererseits u.a. durch den deutschen Staat, der verhindern will, dass über Abtreibungen öffentlich informiert wird. Noch immer werden Frauen als Sexobjekte aber ohne eigenes sexuelles Begehren angesehen. Es gibt also eine gewisse Kontinuität in der Frauenverachtung, die es gilt zu durchbrechen. Und dazu braucht es das Wissen um die spezifischen und allgemeinen Bedingungen ihrer Entstehung und Fortführung bis heute.


1
Laut der Hilfe für Hexenjagdflüchtlinge wurden in den letzten 100 Jahren mehr Menschen durch Hexenjagden ermordet, als bei den historischen Hexenjagden (vgl. http://hexenjagden.de/). Die historischen Hexenverfolgungen fanden vor allem in der Frühen Neuzeit im 15. bis ins 18 Jahrhundert hinein, hauptsächlich in Europa, statt. Die Zahlen der ermordeten Frauen schwanken sehr in der Forschung. Jedoch ist davon auszugehen, dass es mehrere Zehntausende waren, die ermordet und noch eine Vielzahl, die zwar der Hexerei angeklagt, jedoch nicht getötet wurden.

2
Hexensabbat bezeichnete die Vorstellung von nächtlichen und geheimen Treffen von Hexen miteinander oder mit dem Teufel.

3
Der Hexenhammer war ein frauenfeindliches Buch, welches 1489 erstmals erschien und zur Legitimation der Hexenverfolgung diente.

Zum Weiterlesen:

  • Silvia Bovenschen: Die aktuelle Hexe und der Hexenmythos. Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung. In: Gabriele Becker, u.a. (Hrsg.): Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt a.M., 4. Auflage, 1981.
  • Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien, 2012.
  • Renate Göllner: Hexenwahn und Feminismus. Über die Dialektik feministischer Aufklärung am Beispiel von Silvia Bovenschens Kritik. In: Sans Phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, 7/2015.
  • Roswitha Scholz: Der Wert ist der Mann. Thesen zu Wertvergesellschaftung und Geschlechterverhältnis, 1992. Online abrufbar: https://bit.ly/2eUyL7g
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