Johnny

Eine Geschichte, erzählt von der Dadaistischen Jugendkoordination – Bundesweite Organisaton.

Johnny war mein bester Freund. Ich weiß, die meisten von euch erinnern sich nicht mehr an ihn, und sicher wäre ich gut darin beraten, es euch gleich zu tun. Allein: Ich liebte Johnny. Sein jugendlicher Charme, sein sprühender Witz, seine nicht enden wollende Lust, Neues zu entdecken, zu erleben, haben sich unwiderruflich in jeder meiner Körperzellen eingezeckt, so dass mir Johnny heute noch genauso gegenwärtig scheint, wie damals. Mit einem kleinen, aber eben nicht unbedeutenden, Unterschied. Heute hasse ich Johnny. Johnny hat mich verraten. Und nicht nur mich. Euch alle hat er verraten, er hat euer Leben aufs Spiel gesetzt, für einen Nachmittag in der Sonne, nur für den Kick, für den Augenblick.

Ich selbst erfuhr erst später davon. Zwar hatte ich die Zeitungsmeldung wohl gelesen – Delinquent mit alkoholischem Getränk in Gefahrengebiet festgesetzt –, doch ihr keine weitere Beachtung geschenkt, derlei geschah häufig seit Errichtung der Angerwache, doch wäre ich nie auf die Idee gekommen, eines der erwähnten Subjekte auch nur flüchtig zu kennen. Dass ich ein paar Tage lang nichts von Johnny hörte, war nicht ungewöhnlich. Er hatte ständig ein neues Projekt in der Mache und vermutlich baute er gerade den leisesten Gitarrenverstärker nördlich der Alpen aus einem Senfglas und zwei gleich poligen Magneten. Dann kam der Brief.
Ich sollte als Zeuge aussagen. Johnny war, da er bis dato nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten war, das Recht eingeräumt worden, eine Person zu benennen, die dem Gericht etwas über seinen Charakter, sein Leben, seine Motivation und seine Teamfähigkeit berichten könnte – und er hatte sich selbstverständlich für mich entschieden. Die Anschuldigungen erschienen mir einfach lächerlich. Johnny war angeklagt, zu einer Zeit, da andere arbeiteten, an einem Ort, da andere einkauften, ohne Not verweilt, unangemessen gelacht und einzig zum Zwecke des Rausches getrunken zu haben. Ich dachte an einen Scherz. Johnny? Ein Gammler? Diesen Irrtum aufzuklären, wollte ich gern bereit sein.

Ich musste nicht lang überlegen, was ich dem Hohen Gericht Schmeichelhaftes über Johnny kundzutun hätte. Zuallererst würde ich seine Unternehmungslust, seinen Drang in Bewegung zu bleiben, anführen – immer unterwegs zu neuen Abenteuern wie seine Mutter es gern ausdrückte -, was schon einmal den Vorwurf des Verweilens zumindest ein Stück weit aus dem Weg räumen sollte. Außerdem sprach für Johnny sein ehrenamtliches Engagement bei den Partizipanten, einem Verein, der Jugendlichen half, sich die Probleme Erwachsener aufzuladen, wobei er jederzeit ein offenes Ohr und eine der Persönlichkeitsentwicklung dienliche Weisheit für seine Schützlinge übrig hatte. Das war Johnny. So würde ich es machen.

Aber während ich so über meinen Freund nachdachte, seine Hingabe und sein Genie, fiel mir etwas auf, das ich zuvor nie bemerkt hatte – oder nicht hatte bemerken wollen: zwar tat Johnny eine ganze Menge – Schönes und Notwendiges, das Große im Kleinen, sowie das Einfache, das so schwer zu machen war – aber was es auch war, in all den Jahren, die ich Johnny jetzt kannte, hatte er noch nicht einmal etwas von Wert geschaffen. Was nützten ihm sein Malen und Basteln, wenn er trotz alledem arbeitslos war.

Die Arbeitslosigkeit schlug sich ja auch in Johnnys Charakter nieder. Nicht vordergründig vielleicht, denn klar, die meiste Zeit über war Johnny fröhlich wie nichts Gutes, aber es kam schon auch vor, dass er sich hier und da einmal beschwerte. Über den Hunger beispielsweise, nicht nur den eigenen, und über die Scheißplackerei, wie er sie nannte, die jedem, und das sähe man doch, noch das letzte bisschen Freude am Leben raubte. Er schimpfte, als Waldbrand zur Oberbismarck gewählt wurde, und nach dem ersten Wasserwerfereinsatz auf dem Anger, ergriff er Partei für die Obdachlosen, was ich damals seiner etwas naiven Vorstellung zuschrieb, in jedem Menschen stecke Menschliches. Vielleicht war ja doch etwas dran an den Vorwürfen.
Da erst schlug ich die zweite Seite des Schreibens auf und sah die Fotos. Mir wurde speiübel. Ich sah Johnny, ungekämmt und subversiv auf dem Boden vor dem Angerbrunnen sitzend, von Kopf bis Fuß gekleidet in unansehnliche Armut, die Arme in die Luft und den Mund weit aufgerissen, als riefe er zum Sturm auf die Bastion, hielt er in seiner rechten Hand, für alle Welt sichtbar, eine Bierdose. Johnny! Es stimmte. Alles war wahr. Und alles andere: gelogen. Unsere Freundschaft, jedes Wort, Johnny, das du an mich gerichtet hast. Dein liberales Wertesystem. Dein Humanismus. Gelogen. Dein Pazifismus. Elend und dreckig lag die Wahrheit vor mir auf dem Tisch: Johnny hatte einen Angstraum geschaffen.

Die Bilder ließen keinen Zweifel zu und es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte. Selbstredend war es ausgeschlossen, dass ich weiterhin für ihn aussagen würde, nun, nachdem ich seinen wahren Charakter gesehen hatte. Nein. So wie die Freiheit die Bürokratie, so brauchte die Toleranz ihre Grenzen, und diese hatte Johnny bei weitem überschritten. Er gehörte mit all den anderen seiner Art zum Stadttor hinausgejagt und sein Name auf ewig mit Schande belegt. Und so kam es auch. Während der Gerichtsverhandlung erfuhr ich, dass Johnny noch einer Reihe weiterer Missetaten beschuldigt wurde. Neben wiederholtem Über-die-Strenge-Schlagens und Lange-auf-Bleibens hatte er sich auch weitaus zersetzendere Sperenzchen erlaubt: Eines Nachts – was mag er sich nur dabei gedacht haben – hatte Johnny seinen Namen in geschwungen Buchstaben auf eine Hauswand geschrieben, so dass sich alle Bewohner gezwungen sahen, umgehend auszuziehen.

Ich gebe zu, von den meisten Vergehen, die Johnny angelastet wurden, hatte ich bisher nicht gewusst, dass sie überhaupt welche waren. Ein ums andere mal war ich mir nicht sicher, ob ich mich nicht vielleicht mitschuldig gemacht hatte. Ob ich nicht, wie ich da unbedarft neben Johnny her die Magdeburger Allee entlang geschlurft war, ihm dabei geholfen hatte, Angst in diesem sonst so sorglosen Raum zu verbreiten. Ob ich nun davon Kenntnis gehabt hätte oder nicht, ein eventueller Brocken Haschisch in Johnnys Hosentasche hätte mich zu seinem Komplizen gemacht. Davon erwähnte ich vor Gericht allerdings nichts.

Die Beweislast war erdrückend. Meine Aussage, die ich mit den Worten schloss, dass Johnnys undurchschaubares Wesen seine wahren Abgründe nicht erahnen ließe, trug entscheidend dazu bei, dass er die Höchststrafe erhielt. Ich selbst verzichtete allerdings darauf, mit einer Mistgabel bewaffnet an der Prozession teilzunehmen und blieb zuhause. Man ist ja nicht mehr sicher da draußen.

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