Carpe Diem, Öffne dein Herz – Yoga und die Energie des Kosmos

Bevor ich die erste Bewegung beim Yoga mache, werde ich gebeten anzukommen. Was schön ist – den Fokus auf das zu richten, was jetzt ist, fällt oft schwer. Doch dann geht die Einstimmung weiter.

Die Yoga-Lehrerin sagt: Sei dankbar. Ich höre: Es gibt keinen Grund sich zu beschweren, unzufrieden zu sein und etwas zu kritisieren.
Sie sagt: Richte den Blick nach innen. Ich höre: niemals nach außen, nimm hin, richte dich ein. Veränder‘ dich, aber nicht die Gesellschaft.
Manchmal klappt das auch ganz gut – ich kann Dinge annehmen, die ich nicht ändern kann. Doch oft nicht: Ich werde wütend und nicht entspannter.

Trotzdem mache ich Yoga. Seit Jahren mache ich mehr oder weniger gern Sport. Joggen, Fahrradfahren, Fitness-Studio, Gymnastikkurse, Klettern, Squash… Immer bin ich vollkommen überzeugt, dass der Sport, den ich gerade mache, der absolut Beste ist! Für die Gesundheit, für den Rücken, für die Fitness und fürs Wohlbefinden. Jetzt bin ich beim Yoga hängengeblieben. Das ist so ein Hype gerade. Alle machen Yoga und wenn sie das erzählen, sehe ich Freude in ihren Augen.

Bei der Auswahl des Yogastudios habe ich versucht, darauf zu achten, dass die Eigendarstellung nicht so esoterisch klingt und auch auf die Farben. Die Abwesenheit von Orange gibt erstmal Hoffnung. Das Yogastudio, in das ich jetzt gehe, hat gelbe Wände und der Duft von Räucherstäbchen hängt in der Luft. In meinem Yogastudio wird nie gesungen, es gibt kein ‚Om‘, trotzdem Reinigung der Chakren (so wie ich das verstehe, sind das so Energiezentren im Körper, die mit verschiedenen Eigenschaften verbunden sind und je nachdem, bei Blockierungen kommt es zu Krankheits- und Unwohlseinssymptomen) und sanfte Gehirnwäsche… Ich wähne mich sicher, weil aufgeklärt und hoffentlich immun.

Es kommen eigentlich ausschließlich Frauen, einmal war ein Mann von einer Frau mit – offensichtlich zum ersten und dann auch zum letzten Mal. Im Gleichtakt üben wir uns in Grazilität – schlanke, weiße, vermutlich akademische Frauen. Wir machen ‚den Tänzer, ‚den Krieger‘, ‚die Heuschrecke‘, atmen und reinigen unsere Chakren. Ich fühle mich danach gut, der ganze Körper kommt in Bewegung. Zudem verändert sich der Körper hin zum neuen Schönheitsbild von Frauen: schlank, beweglich und muskulös (selbstverständlich nicht zu sehr).

Beim Verlassen der heilen Welt aus Reinheit, Ausgeglichenheit, Güte und Gelb fühle ich mich immer ausgeglichen und entspannt. Kritisch bleibe ich dennoch, doch weiß ich nicht, wie viel der seltsamen Ideologie ich ‚wegatmen‘ und ‚wegdanken‘ kann und wie viel sich schon breit gemacht hat.
Manchmal gehe ich also dankbar nach Hause und kann nicht trennen, ob es einfach die Befriedigung nach dem Sport ist oder ob ich nicht doch langsam glaube, dass ich verantwortlich bin für die Glückseligkeit in der Welt. So wie ich strahle, strahlt es zurück.
Beim Stöbern im Internet stoße ich auf reinigende Ernährung, die auf Yoga beruht: Vormittags nichts essen, sondern nur einen Tee trinken. Das mag für Leute in Bürojobs machbar sein, doch sicher nicht für Menschen, die körperlich hart arbeiten, wie auf dem Bau oder Menschen, die im Schichtsystem tätig sind.

Im Wartezimmer meiner Ärztin eine Yogazeitung. Neugierig blättere ich darin rum. Ich finde das passende Outfit: Spiritual Warrior – genau die Ebene, auf der die Kämpfe von heute stattfinden, sicher. Passt sehr gut zu all den reflektierten Menschen, die immer das richtige tun – individuell. Doch das ist auch erhaben, wenn man sich anschaut, welche existenziellen Kämpfe Menschen gerade überall zu führen haben… Die können sicher nix ‚wegatmen‘ oder ‚-lächeln‘.
Zudem erhalte ich Informationen zum berühmtesten Yoga-Guru aktuell – surprise, surprise: Es ist ein Mann. Wer führt und wer sich führen lässt, ist klar geregelt…

Achja, ich werde auch darüber aufgeklärt, dass ich ein Lichtwesen sei und selbstverantwortlich für meine Freiheit. Dann atmen wir es an oder machen ‚die Kriegerin‘ gegen den Kapitalismus?
Weder Yoga, noch meine Freundlichkeit noch Herzlichkeit werden mich aus den gesellschaftlichen Zwängen befreien, sondern eher noch in dem erlernten Verhalten als Frau bestärken: Ich bin verantwortlich für das Wohlergehen von mir selbst, aber auch für das der anderen, wenn ich das Positive weitertrage. Erreichbar ist das durch Disziplin. Disziplin und Arbeit an sich selbst – das ist wirklich schon uralt und tief verankert in der Gesellschaft. Es führt zu Spaltung und der Legitimation gesellschaftlicher Ausschlüsse…Öffne dein Herz also für die, die es verdient haben…

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