Vom Einmischen – Eine DJ plaudert aus der Plattentasche

Die Autorin Snazzy Grrrlz lässt uns – wie der Titel es bereits beschreibt – teilhaben an ihren Erfahrungen als DJ.

Ich bin inzwischen seit ein paar Jahren als DJ unterwegs. Angefangen hat es mit einem DJ-Workshop, den ich in Jena besuchte und der sich explizit an Frauen* richtete. Zu einem Workshop, der offen für alle ist und dann doch wieder nur die eh schon coolen Jungs anzieht, wäre ich zum damaligen Zeitpunkt wohl auch nicht gegangen – aus Angst, von Anfang an als Fremdkörper wahrgenommen zu werden und unter besonderem Beweisdruck zu stehen.
An zwei Tagen brachte uns die Berliner DJ Lindas Tante die Grundlagen des Auflegens mit Platten bei. Ich hab sofort Feuer gefangen. Weil: Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?! Ich hab mir gebrauchte Turntables besorgt und die nächsten Monate für mich allein in meiner Wohnung geübt. Als ich dann meinen ersten Auftritt vor Publikum haben sollte, war ich so aufgeregt, dass ich schon Tage vorher nichts mehr essen konnte und am Abend selbst anfangs nur mit Mühe überhaupt die Nadel auf der Platte platzieren konnte. Es wurde ein super Abend. Ich war super, und nicht nur „für‘s erste Mal“ und auch nicht nur „für eine Frau“. Ich hab einfach eine richtig gute Party geschmissen. An dem Abend hab ich auch das erste Mal selbst mitbekommen, wie es ist, diesen Macho-Sexismus, über den auch andere weibliche DJs immer mal wieder berichten, zu erleben. Dabei war das Publikum bei diesem ersten Gig sehr nett, mir sehr wohlgesonnen. Mir haben „nur“ zwei Männer unabhängig voneinander ungefragt in meinen Mixer gegriffen. Inzwischen hatte ich schon so viele Abende hinter den Plattentellern, an denen ich dermaßen scheiße behandelt wurde, dass es mir fast harmlos vorkommt. Aber das ist es nicht, nur weil mein Fell über die Zeit etwas dicker geworden ist. Stellt euch das mal vor: Da habe ich einen Auftritt, spiele mein Instrument und jemand aus dem Publikum greift mir währenddessen in die Tasten. Und findet diesen Move völlig okay. Die folgenden Ausführungen dürfen gern als Dos und Don‘ts im Umgang mit DJs verstanden werden.

Frauen und Technik

Es gibt ihn auf fast jeder Party. Ich nenne ihn „den Techniker“. Er ist nicht wirklich ein Tontechniker, er gehört nicht zum Personal des Clubs, oft ist er einfach nur jemand, der hobbymäßig Musik hört (wenn überhaupt). Aber es gibt ihn auf fast jeder Party. Er ist derjenige, der mich vom Arbeiten abhält, um mir zu erzählen, dass sein Eindruck ist, dass die Bässe zu leise sind. Er ist derjenige, der kommentiert, dass ich nicht mit Software XY auflege oder dass mein Mixer zu klein sei. Er ist auch derjenige, der beim Aufbau der Technik seine Hilfe anbietet. Kann sein, dass er es nett meint. Aber was dahinter steht, ist die Annahme, dass ich es nicht weiß und dass er es besser weiß. Und das ist Quatsch. Ich bin DJ. Natürlich kenne ich mich aus mit meinem Werkzeug. Natürlich habe ich ein Ohr für den Klang und wenn ich die Bässe nicht weiter aufdrehe, hat das einen Grund. Ich denke mir etwas bei dem, was ich tue, denn ich weiß, was ich tue. Nur leider ist das etwas, das ich immer wieder erklären und beweisen muss. Und ich denke, dass das daran liegt, dass ich als Frau wahrgenommen werde. Das Ding ist: klar weiß ich nicht alles und ich freue mich auch, wenn jemand mir hilft, sofern ich Hilfe brauche. Aber bitte nehmt nicht einfach an, dass ich Hilfe oder Rat brauche, nur weil ich eine junge Frau bin.

Ich brauche kein Lob

Diese ganze Problematik hört nicht beim Umgang mit Technik auf. „Der Lehrer“, wie ich ihn nenne, steht minutenlang streng dreinblickend neben meinem DJ-Pult und winkt mich hektisch heran, jedes Mal, wenn mein Blick ihn streift. Er hält es kaum aus, dass ich nicht sofort auf ihn reagiere (und weiß offensichtlich nicht, dass Auflegen Arbeit ist und ich diese nicht einfach unterbrechen kann, nur weil er ein Mitteilungsbedürfnis hat). Seine wichtige Botschaft ist: „Deine Musik ist scheiße“. Kann er ja so finden, nicht jede_r mag HipHop, das ist okay. Mir ist zwar nicht klar, warum er mir das an dieser Stelle mitteilen muss, aber ich kann damit leben; es beleidigt mich nicht. Damit hört es aber nicht auf, denn sofort fängt er an, mich darüber aufzuklären, was ich alles machen müsste, damit die Party besser läuft (ungeachtet dessen, dass die Party sehr gut läuft): Dass ich als nächstes Mal was von Artist XY spielen muss. Dass es nicht funktioniert, wenn ich nicht mehr „Hits“ auflege und überhaupt wäre es doch das Beste, wenn ich spontan das Genre wechsle, weil Heavy Metal eh viel besser ist. Völlig absurd., Und, es nervt! Das alles wird nicht immer aggressiv oder abwertend formuliert. Oft ist „der Lehrer“ ein Mensch, der seinen Monolog mit einem Lob beginnt und mit der Beobachtung meiner Lücken abschließt, natürlich nicht, ohne vorher sein Wissen anzubieten. Er war nämlich auch mal DJ oder er hat auch Schallplatten zu Hause oder er hat schon mal eine Youtube-Disko veranstaltet. Dabei kommt er mir oft viel zu nah, quetscht sich auf den engen Raum hinter den Turntables, legt mir seinen Arm um und klopft mir väterlich auf die Schulter. Gut gemacht! Musikexperten sind in der Regel Männer. Frauen sind maximal Fan-Girls oder Groupies, kreischen hysterisch wenn sie ihrem Star nahe kommen und haben ihren Musikgeschmack meistens von ihrem Freund oder Bruder übernommen. Stop, das ist nicht meine Meinung, das sind sexistische Unterstellungen! Aber eben solche, an die viele Leute zu glauben scheinen und auch deswegen weiblichen DJs absprechen, einen eigenen Musikgeschmack oder eine durchdachte Setlist zu haben. Manchmal komm ich mir vor, wie in einer Quizshow. „Weißt du überhaupt, aus welchem Jahr der Song ist?“. Ja, weiß ich, ich bin ein HipHop-Nerd. Überrascht? Aber selbst wenn ich es nicht wüsste: Nicht alle männlichen DJs können die Veröffentlichungsdaten jedes einzelnen gespielten Tracks runterbeten. Müssen sie ja auch nicht. Aber von mir als Frau wird es irgendwie regelmäßig verlangt. Beweis erst mal, dass du doppelt so viel wie die Jungs weißt, dann nehmen wir dich vielleicht ernst.

Doppelt hält besser

Ich habe manchmal den Eindruck, dass es schon als Beleidigung aufgefasst wird, dass ich überhaupt auflege. Müssen Frauen denn wirklich bei allem mitmischen? (Ja, ich bin DJ, also werde ich mitmischen). Aber dann lege ich auch noch HipHop auf! Nicht Indie-Pop, nicht 90er Trash, sondern HipHop! Das ist doch angeblich so eine Jungskultur, was fällt mir ein? Aber ich setz noch einen drauf: Ich lege fast ausschließlich Musik von Rapperinnen auf. Das geht jetzt aber echt zu weit. Gibt es das denn überhaupt? Ja, es gibt sehr viele Rapperinnen, die sehr gute Musik machen und es ist kein Problem, ein sechsstündiges Set mit ausschließlich Frauen zu füllen.
Aber es ist echt unerhört. Nicht nur nehme ich es mir als Frau heraus, DJ zu sein, sondern auch noch HipHop-DJ. Und dann spiele ich nicht mal brav die Rap-Helden rauf und runter, sondern verbringe die ganze Nacht damit, Rapperinnen durch die Boxen dröhnen zu lassen. Und, das ist vielleicht das Allerfrechste: Es funktioniert auch noch. Vielen gefällt es richtig gut. Das ist ja wohl die Höhe!
Ich nehme wahr, dass sich vor allem solche, die sich als HipHopper verstehen, davon angegriffen fühlen, dass ich es schaffe, eine gute Party zu schmeißen, auf der sie kaum einen Song wiedererkennen. Denn das sagt: Du bist zwar ein HipHopper und denkst, dass du dich richtig gut auskennst, aber jetzt bist du auf einer HipHop-Party und kennst gar nichts. Plötzlich werden die Wissenslücken aufgezeigt, die einem sonst nicht aufgezeigt werden. Plötzlich ist man(n) nicht mehr Experte, sondern hat noch viel zu lernen. Aber anstatt sich eben das anzunehmen und vielleicht sogar froh darüber zu sein, mal den Horizont erweitert zu bekommen, ist „der Doppelmoralist“ beleidigt. Er findet nämlich, dass es sexistisch ist, den ganzen Abend nur Frauen aufzulegen. Auf die Frage, wie oft er es bei anderen HipHop-Partys erlebt, dass die ganze Nacht nur Männer aufgelegt werden, reagiert er gar nicht erst. Das fällt ihm auch gar nicht so auf. Das ist halt normal. Oder er sagt, dass ja bei anderen HipHop-DJs Frauen auch mal den Refrain singen dürfen. Okay, ich hab auch kein Problem damit, Schwesta Ewa oder Foxy Brown zu spielen, da dürfen Männer den Refrain singen. Er schmollt jetzt, geht, vielleicht hat er auch noch einen miesen Spruch für mich auf den Lippen. Und ich denk mir, dass doppelt wirklich immer besser hält. Sogar bei der Moral.

Eigenschaft: Frau

Was mich noch mehr ärgert als die Kommentare aus dem Publikum, sind so manche Veranstalter. Es geht los mit der Ansprache als „DJane“. Ich hab mich noch nie selbst als DJane bezeichnet. Es ist ein Kunstwort, dass nichts mit Disc-Jockey (ein geschlechtsneutraler Begriff) zu tun hat, sondern einfach nur das Geschlecht markiert. Es gibt weibliche DJs, die sich als DJane bezeichnen und natürlich können sie das so machen. Ich habe Gründe, warum ich das nicht möchte. Trotzdem werde ich immer wieder so angesprochen, vorgestellt oder angekündigt. Dabei ist es echt kein Geheimnis, dass viele weibliche DJs keinen Bock auf diese Tarzan-Assoziation im Namen haben. Es sollte nicht zu viel verlangt sein, einmal danach zu fragen und sich dann auch an die Ansage der DJ oder DJane, je nachdem, zu halten. Diese Bezeichnungsproblematik ist ein Symptom für das, was sich an vielen anderen Stellen im Umgang mit Veranstaltern zeigt: Du bist eine Frau und das ist deine primäre Eigenschaft. Ich hab das schon in Ankündigungstexten so gelesen. Die Co-DJs des Abends, alles Männer, bekommen bestimmte Sounds, Fähigkeiten oder Inhalte zugeordnet. Sie haben „die fettesten Bässe“, „den realsten Oldschool-Sound“ oder „beeindruckend flinke Finger an den Platten“. Ich habe ein Geschlecht. Denn das ist ja wirklich das Interessanteste, das in dem Kontext über mich zu sagen wäre. Ich wurde auch schon explizit deswegen eingeladen. Da wird sich nicht mal die Mühe gemacht, so zu tun, als gäbe es Interesse an der Musik, die ich auflege. Da wird sich auch nicht die Mühe gemacht, meinen Namen herauszufinden, da werde ich mit „Hallo DJane“ adressiert. „Wir würden gern mal eine Frau einladen“. Ich finde es super, wenn Veranstalter selbst feststellen, dass sie womöglich ein Problem haben, dass ihre Bühne immer nur männlich bespielt wird und dass sie das gern ändern möchten. Ehrlich, ihr kriegt von mir eine fette High Five. Und dann kommt ein dickes Aber. Es fühlt sich nicht gut an, als Frau gebucht zu werden. Und es ist ignorant. Ihr wollt, dass ich auf eurer Veranstaltung auflege? Dann bucht mich doch bitte als DJ, nicht als Frau. Ich will nicht euer Feigenblatt sein, ich will nicht eure Rechtfertigung dafür sein, dass ihr dann den Rest des Abends wieder nur Männer auf die Bühne lasst, weil ihr hattet ja auch schon mal eine Frau dort oben stehen. Wenn ihr wirklich Interesse daran habt, etwas an der Schräglage, die es hinter den Plattenspielern gibt, zu ändern: kündigt die DJ nicht nur als Frau an, sondern beschäftigt euch mit ihrer Musik; gebt ihr nicht den Slot des Abends, an dem es voraussichtlich kaum Publikum gibt; gebt ihr das Gefühl, dass sie wegen ihrer Skills und nicht allein wegen ihres Geschlechts eingeladen wird; schafft Räume in euren Line-Ups, regelmäßig und für mehr als eine Quotenfrau am Abend. Ich erwarte nicht, dass jeder Veranstalter alles weiß oder richtig macht, es gibt so viele Fettnäpfe wie Regler am Mixer. Aber das hier sind nicht nur meine individuellen Erfahrungen. Viele DJs berichten ähnliches und vieles davon ist im Internet zu finden. Fragt doch einfach die Suchmaschine eures Vertrauens. Mit Sookees Worten: Lernen aus den Fehlern anderer ist nicht verboten.

Work it

Es ist scheiße, dass sich Frauen* an den Plattentellern immer noch besonders beweisen müssen und hate ausgesetzt sind, der sexistische Hintergründe hat. Und es ist scheiße, dass DJs insgesamt oft wenig Respekt erfahren, nicht als Musiker_innen angesehen werden, sondern am liebsten einfach eine Jukebox sein sollen. Aber ich will nicht den Eindruck hinterlassen, dass alles nur schlimm und ein Kampf ist. Würde mir das Auflegen keinen Spaß machen, würde ich es ja bleiben lassen. Der Gedanke, den ich schon während meines ersten DJ-Workshops hatte, „Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?!“, ist immer noch da. An einem guten Abend habe ich mega viel Spaß mit dieser Musik, die ich so unendlich feier und es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, wenn ich sehe, dass viele andere Leute sich auch von der Musik anstecken lassen. Die negativen Kommentare, die manchmal einfach nerven und manchmal weh tun, hinterlassen leider oft einen stärkeren Eindruck als die vielen positiven Rückmeldungen, die es auch an jedem einzelnen Abend gibt. Ich habe schon Frauengruppen den sonst männlich dominierten Dancefloor einnehmen und zu Missy Elliott performen sehen. Männer, die mir rückmelden, dass das die beste Party der Stadt ist. Menschen, die wertschätzen, sich HipHop reinziehen zu können ohne sich dabei automatisch auch eine Testosteron-Dröhnung zu holen. Das hab ich gemacht und das fühlt sich gut an. Für die Momente, in denen es anstrengend, frustrierend oder manchmal sogar bedrohlich ist, habe ich meine Grrrl-Gang im Rücken. Dieser Support, auf den ich zu 100 Prozent vertrauen kann, ist ähnlich wichtig wie meine Skills als DJ, auf die ich auch zu 100 Prozent vertrauen kann. Das sind 200 Prozent Superkräfte, bis das Verhältnis hinter den Turntables 50/50 ist.

Mehr zur Autorin unter: https://www.facebook.com/djsnazzygrrrlz/

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