Über die Zeitlichkeit begrenzter Sicht – Liv Strömquists Vulva-Comic „Der Ursprung der Welt”

Jede_r sollte diesen Comic lesen, meint Dora Grün. Sie empfiehlt die von Liv Strömquist gezeichnete Kulturgeschichte der Vulva, die den entfremdeten Blick auf den eigenen Körper in Frage stellt. Das Buch ist ein Angriff auf die begrenzte Sicht.

Eine Comicrezension braucht Bilder. Die verblüffende Vulva-Kulturgeschichte der schwedische Zeichnerin Liv Strömquist erzählt Geschichte(n) wie diese:
Strömquist zeigt Bilder der Vulva, die es zu anderen Zeiten und an anderen Orten einmal gab. Ihr Comic zeigt Bilder, die die Vulva als eines von vielen Körperteilen und als ein geschätztes Körperteil zeigen. Was ja auch die an jeder Wand prangenden Penisbilder tun.
Strömquist gibt Wissenschaftler, die versucht haben, die Herrschaft über andere Körper zu übernehmen der Lächerlichkeit preis. Und sie verblüfft ihre Leser_innen. Sie spielt mit dem, was wir sehen können – und doch nicht sehen, weil sich immer wieder etwas „Vor-Gesehenes“, ein gesellschaftlich geprägter Blick wie ein Bildschirm vor die Wahrnehmung des eigenen Körpers schiebt. Natürlich sehe ich meinen Körper mit eigenen Augen, aber das vor-gesehene Wissen aus Bio-Büchern, Zeitschriften und Internetquellen kann ich kaum abstreifen.
Die feministische Filmwissenschaftlerin Kaja Silverman unterscheidet mit dem Begriff des Vor-Gesehenen, was wir physisch wahrnehmen (look) und was der gesellschaftlich geprägte Blick (gaze) uns nahelegt, zu sehen. Sie spricht von einem Blick-Regime, einer Führung und Herrschaft durch Bilder.

Liv Strömquists Comic zeigt, wie sich Bilder von Scham und Schmutz vor andere Bilder der Vulva geschoben haben. Sie dokumentiert nicht, sie übernimmt die Regie. Sie zeigt, wie die Welt aussehen würde, wenn sie nicht bestimmt hätten und andere gewonnen hätten. Über die veränderte Rückschau arbeitet sie vorausschauend (präfigurativ). Sie gibt besserwisserische Mediziner und Denker der Lächerlichkeit preis und sie schenkt Frauen* und den feministischen Bewegungen, die noch kommen, Zeit, Raum und andere Bilder.

Die Zeichnerin Liv Strömquist, die auch Radiomoderatorin und Aktivistin ist, sagt von sich selbst, sie habe den Comic gezeichnet, um ihre eigene Ahnungslosigkeit zu überwinden. Sie wollte die soziale Unsichtbarkeit, Banalisierung und Dämonisierung „weiblicher Geschlechtsorgane”, die Mythen über die Menstruation und die Story rund um prämenstruelle Hormonschwankungen (PMS) verstehen. Herausgekommen ist ein rasantes, witziges und überraschendes Buch. Immer wenn man denkt, „so sieht es aus”, wartet Strömquist mit noch einer Story auf, die zeigt, wie Männer* sich den Frauen*körper aneigneten, wie der weibliche Orgasmus verzichtbar wurde und wie prämenstruelle hormonelle Schwankungen zwar dazu taugten, Frauen Vernunft und Intellekt abzusprechen, aber nicht dazu, dass man sagte, „dass Frauen zu viel mit ihren Kindern schimpfen, weshalb es besser sei, dass Männer mit den Kindern zuhause blieben und Frauen arbeiten gingen.“

Liv Strömquist, die sich auf auf Punk, Kathleen Hanna und DIY bezieht, erzählt in einem Interview von einem Abend, an dem ein älterer Comic-Zeichner ihr sagte, er möge keine Zeichnerinnen, weil in ihren Arbeiten „nur die Menstruation” vorkomme. 10 Jahre später habe sie dann die Graphic Novel über das Thema gemacht, „weil es niemand getan hat.”
Strömquist findet bei ihrer Arbeit am Comic heraus, dass erst 1998 „nach Jahrtausenden von Jahren wirklich grottenschlechter Forschung“ die australische Medizinerin Helen O’ Connell die Größe der Vulva realistisch abbildete. Und dass obwohl „die Sex-Industrie das bereits seit einiger Zeit weiß. Man muss sich nur das Sexspielzeug auf dem Markt ansehen, um festzustellen, dass es nicht designt ist, um einen kleinen Punkt am oberen Teil der Vagina zu berühren. Es ist dazu gemacht, um einen größeren Bereich zu stimulieren”, so Fiona Patten, die Sprecherin des australischen Sex-Industrie-Dachverbandes Eros Association.

Strömquists Buch zeigt, dass es an anderen Orten und zu anderen Zeiten ein breiteres Bild der Vulva gegeben hat. Sie führt die Irrtümer der Geschichte vor, montiert Text-Bildirritationen, illustre Ahnengalerien mächtiger alter Männer und ihnen entgegentretende trotzige Frauen*.
Der Comic verblüfft, denn er überführt unsere viel zu kleinen Erwartungen. Er spielt mit der „Zeitlichkeit der Unterdrückung“ und transportiert nicht nur alt-neue Geschichten, sondern vergrößert die eingeschränkte Sicht. Er macht so aus Unterdrückung etwas mehr Geschichte. Das Buch ist witzig, es macht klug und es zeigt ein Feuerwerk von Taktiken der Befreiung. Lasst es euch nicht entgehen.

Strömquist, Liv (2014): Der Ursprung der Welt. Avant-Verlag, Berlin, 19,95 Euro.

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