Monatsarchiv: Dezember 2017

Lirabelle #16

Cover16

Das Erscheinen der letzten Ausgabe der Lirabelle liegt nun schon eine Weile zurück. So ist das, wenn der institutionelle Druck von außen wegfällt: Da braucht eine druckfrische Ausgabe der Lirabelle schonmal ein halbes Jahr in der Produktion. Zwar war das nicht geplant, doch ermöglicht uns die Freiheit des Verlegens nun selbst zu entscheiden, wann eine Ausgabe fertig wird. In einer linksradikalen Kleinst-Redaktion dauern die Prozesse länger, was auch einige unserer Autor*innen bitterlich erfahren mussten: Entschuldigt – Prozessoptimierung und Effizienz sind nicht unsere Stärken! Da Arbeitsbedingungen aber für uns ein relevantes Thema sind, führen wir in die aktuelle Ausgabe ein Interview zu den Möglichkeiten und Grenzen der Betriebsratsarbeit.

Mit dem Sommer liegen auch eine Reihe von Ereignissen hinter uns, wie eben das G20-Spektakel und der schlagkräftigen Machtdemonstration der Organe für innere Sicherheit, sowie drei große Nazimusikevents in Themar (Südthüringen). Zu letzterem findet ihr eine Analyse im Heft. Zu ersterem erreichte uns ebenfalls eine Einsendung, die eine subjektive Deutungen der Geschehnisse vornimmt. Diese findet ihr nicht in der Ausgabe, da wir uns gegen deren Abdruck entschieden haben. Gleichwohl halten wir eine nachhaltige Auseinandersetzung mit den Ereignissen in Hamburg für sinnvoll und freuen uns immer über die Einsendung von Texten (dies auch ein Appell!). Weil wir euch diesen Text nicht gänzlich vorenthalten wollen, wird er auf hier unserem Blog veröffentlicht.

Für einen weiteren Paukenschlag in jüngerer Vergangenheit sorgten die Wähler*innen der AfD vor allem in Sachsen und Thüringen: Wenn es nach den Ostdeutschen ginge, wäre die AfD nicht „nur“ mit 12% im Parlament vertreten. Wozu das führen könnte, zeigt der von CDU und AfD gemeinsam ermöglichte Beschluss des Landtages Sachsen-Anhalt, eine Kommission zur Untersuchung des „Linksextremismus“ einzusetzen. Die Stimmung auf den Straßen ist rau – jetzt wissen es alle, nur sind nicht „alle“ eben diesen Straßen ausgesetzt.
Fortwährend unterwegs auf diesen Straßen mit offenen Augen und Ohren, nicht verlegen um einen unbequemen Kommentar und Analyse war unser Genosse Thofu. Von ihm mussten wir uns im August ganz unerwartet verabschieden. Wir sind traurig, einen von uns „Randständigen“ verloren zu haben. Einen persönlichen Nachruf findet ihr, anderen Texten dieser Ausgabe vorangestellt.

Durchhalten und Weitermachen,
die Redaktion

Geh 20 Reflexionen anstellen

Die vielfältigen Ereignisse in den Tagen des G0-Gipfels in Hamburg bekamen bundesweit, europaweit, wie erwartet große Aufmerksamkeit. Wieder einmal kam es zu einer neuen Stufe von Polizeigewalt, Überwachung und Repression. Als Konsequenz daraus wird von staatstragenden Politiker*innen unter anderem die Ausräucherung von Rückzugsräumen für die „autonome Szene“ gefordert. Endlich sollen eine europaweite Extremist*innen-Datei durchgesetzt und die massive Aufrüstung der Polizei sowie ihr willkürliches Vorgehen gerechtfertigt werden. Im selben Zuge fordern Bewegungslinke fassungslos ein, rechtsstaatliche Prinzipien anzuerkennen und die Gewaltenteilung beizubehalten. Das Großevent G20-Gipfel wurde wie zu erwarten zu einem prägenden Moment für linke Bewegungen. Mona Alona war im Gefahrengebiet und konzentriert sich in diesem Artikel auf einige diskussionswürdige Aspekte im Zusammenhang mit den Gipfel-Protesten. Noch von den Eindrücken des Gipfels berauscht als auch verstört werden sie nicht chronologisch und bruchstückhaft dargestellt…

Die Verstaatlichung politischer Gruppierungen als Ausweitung der Zivilgesellschaft

Aufgerufen hatten viele, eigentlich fast alle Akteure, die man derzeit der linken Bewegung im deutschsprachigen Raum zurechnen kann. Darüber hinaus waren es europaweit vor allem Autonome und Insurrektionalist*innen, denen Hamburg im Juli eine Reise wert war. Ausgeklammert in diesem Sammelsurium sind mittlerweile Greenpeace, Campact, DGB und andere NGOs, welche eine handzahme Demo schon eine Woche vor dem Gipfel am 2.07. organisierten um sich unnötigerweise Monate im Vorfeld von der ersehnten „linken Gewalt“ zu distanzieren. Wie auch politische Bewegungen innerhalb von Kirchen, die sich vor 15 Jahren noch globalisierungskritisch positionierten und sich nunmehr bedeckt halten oder offen staatstragend geben, stellen die NGOs in der BRD ein erfolgreiches Modell der verstaatlichten Zivilgesellschaft dar.

Die offensive Einbindung jener Akteure durch die Regierung Merkel in Vorfeld-Gipfeln (Stichworte „Women20“, „Labour20“ „Buisness20“ und „Youth20“) stellt international eine Besonderheit dar mit welcher sich die „offene, freie Gesellschaft“ von den Modellen USA, Russland, China, Türkei, Japan, Mexiko oder auch Saudi-Arabien und Südafrika abgrenzt und profiliert. Umgekehrt scheinen sich die NGOs nichts mehr zu wünschen, als das Regierungs-Vertreter*innen ihnen zuhören und ihre Vorschläge in Regierungsprogramme rudimentär einfließen lassen. Aus dem neoliberalen Credo Margarte Thatchers „There is no such thing as society“ wird in der Reorganisierung des internationalen staatlichen Kapitalismus im Anschluss an die multiplen Krisen seit 2007 nach den Interessen der Bundesregierung ein „There is no place in the society outside the state“.

So überrascht es denn auch nicht weiter, dass Vertreter*innen der Hamburger Regierung unter dem Motto „Hamburg zeigt Haltung“ am 08.07. zu einer Demonstration für die Regierungspolitik aufgerufen haben, um die linke Großdemonstration „Grenzenlose Solidarität statt G20“ am selben Tag zu spalten. Wie in Russland gestaltet sich dieses Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche; nur eben, das von Toleranz, Demokratie und Menschenrechten und freier Marktwirtschaft gefaselt und die Homoehe eingeführt wird. Immerhin, könnte man meinen. Doch mit der Verstaatlichung, Einbindung und Tolerierung der einen geht die Abschiebung, Ausgrenzung, Verfolgung und Delegitimierung der anderen einher wie beispielsweise auch die PKK-Verbote zeigen.

Bewegungs-Manager, ihre Protest-Choreografien und die Masse Mensch

Diesem Druck zur Anpassung und zum vorlaufenden Gehorsam können sich auch Bewegungslinke nur schwerlich entziehen. Beziehungsweise wollen sie dies explizit auch nicht. Vielmehr erfreuen sie sich daran eine Stärke zu symbolisieren, die sie faktisch gar nicht haben und ein Player auf der hegemonial strukturierten politischen Landschaft darzustellen, der sie nicht sind und sein können. Die Bündnisse „umsGanze“ und die „Interventionistische Linke“ gründeten sich ja erst in Hinblick auf den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007, vor zehn Jahren. Dementsprechend war der Protest gegen den G20 diesmal für sie auch von großer Bedeutung zur Signalisierung ihrer eigenen Wirkmächtigkeit und ihrer Etablierung. Die Protestmanager wollen vor allem eines: „Starke Bilder“ erzeugen und sich damit die Führungsposition innerhalb der linken Bewegungen zu eigen machen, welcher eine konkrete Utopie als gemeinsames Ziel – nicht jedoch ein Kopf – fehlt. In ihren lange vorbereiteten Protest-Choreografien soll „massenhaft ziviler Ungehorsam“ praktiziert werden um mit theatralisch aufgeladener Rhetorik letzten Endes nichts weiter als „Anticapitalista“ oder „Staat, Nation, Kapital – Scheiße!“ rufen zu können. Alles Kapitalismus, alles Gesamtscheiße. Doch wir stehen auf der richtigen Seite und Hauptsache irgendwie zusammen. Die Protestmanager*innen und ihre Ideolog*innen werden es dann richten, der Öffentlichkeit Auskunft über das Geschehene geben und es zu deuten wissen.

Was dieser fragwürdige Ansatz einer krampfhaften Bündnispolitik offenbart ist vor allem die Schwäche autonomer Politik-Vorstellungen innerhalb der sogenannten „radikalen Linken“, zu der sich dazugehörig zu fühlen so schick ist wie das dazugehörige Paar New Balance-Schuhe. Von einer grundsätzlichen Staatskritik ist nichts mehr zu hören, beziehungsweise eben nur zu hören – als überhöhtes rhetorisches Rudiment. So nimmt es denn auch nicht wunder, dass alle Organisationen im Camp in Nord-Altona am Morgen des Aktionstages, des 7.07. nach der Umstellung desselben wie selbstverständlich der Personalienkontrolle von mehr als 1000 Personen zustimmen. Denn die Protest-Choreografie sieht nun einmal vor „starke Bilder“ zu erzeugen – ob bei „Color the red zone“, „Shut down the logistics of capital“ oder dem abgesagten „G20 entern“. Kommunismus tralala – und das war’s dann. Zweifellos ist es auch unheimlich schwierig, der staatlichen Regulierung in allen Bereichen zu entgehen und jener Logik, nach welcher Blockaden offen angekündigt, wie im selben Zuge eingeplant und eingehegt werden.

Weshalb bei derlei hippen Aufzügen jedoch der anarchistische Slogan „Freiheit entsteht als kämpfende Bewegung – für mehr Staatszerlegung“ skandiert wird, ist mir persönlich schleierhaft. Zumal die Einforderung nach einer Wiedergewinnung autonomer Politikformen bei Vertreter*innen dieser Bündnisse auf taube Ohren beziehungsweise offene Feindseeligkeit stößt. Denn die Debatten darum wurden ja schon geführt – und um der eigenen Coolness und vermeintlichen Wirkmächtigkeit Willen für beendet erklärt. Was bleibt ist die Instrumentalisierung erlebnisorientierter weißer Mittelschichtskinder durch wenige professionelle Bewegungspolitiker*innen desselben Milieus. Es fehlen noch die bezahlten Posten und damit wären sie bei Attac angekommen, dass nach wie vor darum ringt seinen Status als „gemeinnützige Organisation“ wieder zu erlangen. Dies war auch der Grund, weswegen Attac-Aktive sich bei der Organisierung eines Protestcamps eben nicht dem im Grunde genommen völlig schwammigen Adjektiv „antikapitalistisch“ zustimmen konnten, sondern versuchten allen anderen Beteiligten, ihre Vorstellung eines „spektrenübergreifenden“ Camps aufzuzwingen.

Subsumiert werden die Protestierenden als Masse Mensch die sich vom Roten Aufbau über Attac, der IL, uG oder anderen Großorganisationen von Frankfurt („Blockupy“) über die Lausitz („Ende Gelände“) nun nach Hamburg verschieben lässt. Zugespitzt handelt es sich um eine hauptsächlich Ereignisse produzierende, vor allem aber Ereignissen hinterhereilende Politikform, die Orientierung in post-ideologischen Zeiten bieten will, sich dabei aber vorrangig auf der Diskurs-Ebene strategisch plaziert ohne das in die gesellschaftlichen Verhältnisse verwobene Leben der Einzelnen umfassend ändern zu wollen. Letzteres würde schließlich auch bedeuten sich nicht von vorne herein auf der richtigen Seite zu wähnen. Stattdessen gälte es selbstkritisch die Rolle zu reflektieren, welche linke politische Bündnisse in Großprotesten spielen, das heißt, wo sie als Teil des Spektakels instrumentalisiert werden und dies auch werden wollen. Hierbei geht es jedoch nicht nur um kurzfristige strategische Entscheidungen, damit eigene Inhalte vermittelt und ganz selten einzelne Forderungen durchgesetzt werden können, sondern darum, die Vorstellungen einer ganzen Generation von Leuten zu prägen, worin bewegungslinke Politik besteht, wie sie praktiziert wird und wie sie sich anfühlt.

“Die Revolution muss eine fette Party sein, sonst nimmt niemand daran teil.”

Immerhin werden bei den genannten Organisationen noch Inhalte vermittelt und politische Forderungen artikuliert. Während der Proteste in Hamburg zu erleben war an vielen Stellen eine Vermischung von Party-Stimmung und Protestelementen, die ihresgleichen sucht. Denn ja, das massenhafte „Hard Cornern“, das Herumhängen auf den Straßen, bis die Bullen sie mit mehr als lächerlichen Vorwänden räumten am 04.07. sowie die Nachttanzdemo „Lieber tanz ich als G20“ am darauffolgenden Tag zogen tausende von Menschen, was sogar die Erwartungen der Organisator*innen übertraf. Und vielleicht stimmt es: Man muss die Menschen dort abholen, wo sie herumstehen. Mit ihrem Bier in der Hand. Mit ihren diffusen, oft problematischen politischen Einstellungen. Denn das ist der Sinn von Massenprotesten: vielen Menschen auf ihre Weise einen leichten Einstieg zu widerständigen Verhalten zu geben. Das heißt Aktionsformate zu wählen, wo Menschen mit dem Bier in der Hand rumstehen beziehungsweise tanzen können bis die Cops kommen und die Party sprengen.

Tatsächlich finde ich den Politikansatz der Hedonist*innen ziemlich sympathisch und zwar nicht nur, weil eine crowd hinter dem Lauti tummelt und es den Bullen wirklich schwerfällt, da reinzurockern. Vielmehr gehe ich davon aus, dass revolutionäre Prozesse mit der Erfahrung von Lust, Gemeinschaftlichkeit und Individualität, vielleicht auch Ekstase, einhergehen müssen, wenn sie emanzipierend sein sollen. Den Slogan der Mitmach-Kampagne „Allesallen“ finde ich dabei sehr gelungen. Leider kamen die Inhalte dabei jedoch oftmals zu kurz, denn sie hätten wohl die Stimmung gedrückt und das Vereinigungserlebnis erschwert. Das Problem an hedonistischen Aktionsformen ist, dass jede*r sich herauspicken kann, was sie*er darin sehen möchte. Für politisch linksradikal eingestellte Menschen lassen sich die genannten Aspekte der Erfahrung von Lust im revolutionärem Prozess etc. herauslesen. Für andere ist und bleibt es aber eben lediglich bei einer Party, welche leider nicht immer gefeiert werden kann, weil Menschen den staatlich-kapitalistischen Zwängen unterliegen. Der Grad der Alkoholisierung von Menschen auf Aktionen und die Vermischung von Feierpublikum und Gaffern mit Protestierenden während der Proteste sind als äußerst problematisch zu bewerten. Es kam zu massiven Selbst- und Fremdgefährdungen und widerlichstem Mackerverhalten. Polizei-Provokateure hatten zu später Stunde leichtes Spiel, Menschen völlig unvermummt und besinnungslos dazu zu bewegen, Flaschen auf Wasserwerfer zu schmeißen und sich also strafbar zu machen, wo ihre Energie an anderen Stellen besser aufgehoben gewesen wäre.

Am skurrilsten jedoch gestaltete sich die Situation Freitagnacht in der Schanze, wo Menschen wie blödsinnig das Viertel zerlegten, andere in irrer Erheiterung mit Bier und Handykamera zuschauten, während zwei Straßen weiter die militarisierten Bullen anrückten bis hin zum SEK, was angeblich eingesetzt werden musste. Völlig klar ist, dass die Cops nicht eher kamen, um eben jene Bilder entstehen zu lassen, welche nun nachträglich zur Legitimation ihrer massiven Gewalt, ihrer zukünftigen Aufrüstung und des generellen Ausbaus des Polizeistaates dienen werden. Ein Wunder ist es, dass niemand bei ihren Aktionen getötet worden ist. Eben aus diesem Grund ist die Vermischung von dem, was als Party gilt und dem, was politische oder direkte Aktionen sind unbedingt zu problematisieren.

Von verdrängten Sehnsüchten und unterdrücktem Begehren zur Temporär autonomen Zone im militarisierten Ausnahmezustand?

Allerdings denke ich auch, nur mit diesen Menschen lassen sich revolutionäre Prozesse vollziehen – oder eben nicht. Nur vom Gegebenen ist das Zukünftige aus denkbar und zu verwirklichen und deswegen bei diesem anzusetzen und nicht bei irgendwelchen fiktiven Idealzuständen. Wer Menschen die rebellieren ernstnehmen will, muss sie in ihren verdrängten Sehnsüchten und ihrem unterdrückten Begehren ernstnehmen. So wie in den Mobivideos und der Rhetorik der verschiedenen Aufrufe der militarisierte Ausnahmezustand des Bürgerkrieges als Mittel herrschender Politik (berechtigterweise) schon antizipiert wurde, so wurde er von einigen sogar herbeigesehnt. Die Ketten für einen kurzen Moment abzuschütteln, für einige Stunden einen „rechtsfreien Raum“ zu schaffen (der von der Polizei aus Gründen zugelassen wurde), offenbart erst in vollen Zügen die Beschädigung der Individuen, ihre alltägliche Entfremdung und Unterwerfung, in dieser bürgerlichen Gesellschaft. Weder Kritik noch Rebellion müssen „konstruktiv“ sein. Sie müssen auch nichts „bringen“. Sie sind einfach – in ihrem ganzen Schrecken und der Destruktivität. In gewisser Weise scheint Wahrheit auf im Moment des Ausnahmezustandes. Dass sie vom humanistischen Standpunkt her in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli im Schanzenviertel derart ekelhaft und erschreckend sein würde, hätte ich nicht gedacht.
„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“, schrieb Carl Schmitt. Im Zusammenhang mit der Erlebten beginne ich diese Aussage erst zu verstehen. Denn es ist eindeutig: Wenn auf Straßen Feuer gelegt und Barrikaden errichtet werden; wenn Scheiben zertrümmert und Läden geplündert werden; wenn sich Menschen bewaffnen und zusammenrotten – ja dann kommt der Polizeieinsatz. Mit seinen Wasserwerfen und Prügelcops in Vollmontur; mit dem Tränengas; Knüppeln, Faustschlägen, Tritten. Auch ohne Rechtsgrundlage und mit gefälschten Notwendigkeiten sogar mit dem SEK. Viele Menschen werden verletzt und kriminalisiert. Auch ohne jeden Anlass, jede Grundlage, wie die Auflösung der „Welcome to hell“-Demo deutlich gemacht hat. In jeder Hinsicht – ob strukturell oder situativ – geht die grauenhafteste Gewalt immer vom Staat aus. Am schlimmsten werden die psychischen Verletzungen nachwirken: Die Panik, der Hass und die brutale Willkür, welche Protestierende in die kollektive Ohnmacht prügeln soll.

Eben aus diesen Erfahrungen heraus entsteht die brennende Sehnsucht nach einer Loslösung, nach Staatenlosigkeit und Rechtsfreiheit, hinter welcher sich noch jene nach Autonomie und einem gelingenden Leben verbirgt. Eine temporär autonome Zone wurde in der Schanze jedoch nicht errichtet. Denn Autonomie hieße, das Geschehen dort selbst, selbstständig und möglichst hierarchiearm, zu regeln. Nun könnte argumentiert werden: Was, wenn die Bullen nicht eingerückt wären? Wenn sie das Viertel wirklich aufgegeben hätten? Hätten die Menschen nach drei, nach zwei Tagen, vielleicht schon am nächsten Morgen angefangen, sich selbst zu organisieren? Ich hänge dieser Hoffnung an und vertrete sie. Denn ich glaube und habe erfahren, dass Menschen ohne herrschaftliche Institutionen das staatlich-kapitalistische Chaos zu ordnen in der Lage sind. Doch genau dies müsste der Aufstand von Anbeginn an auch beinhalten: Eine selbst gewählte Ordnung auszuhandeln und einzurichten. Um die Herrschaftsordnung aufzubrechen, für den Augenblick partiell abzuschütteln braucht es die Zerstörung, braucht es die Provokation und die Konfrontation mit dem Polizeistaat – wobei kaum jemand mehr bezweifelt, dass Herrschaftsverhältnisse in uns allen eingeschrieben sind. Deswegen heiße ich den Aufstand grundsätzlich für gut, nicht, weil ich ihn schön finde, sondern aus der Annahme heraus, dass ich zukünftig wiederholt Aufstände erleben werde und mit diesen Situationen umgehen muss, wenn ich mich als radikale Linke verstehe. Eine soziale Revolution ist etwas ganz anderes, das ist eindeutig. Doch ganz ohne Aufstand wird sie nicht auskommen, zumal der Ausnahmezustand wie gesagt nicht zufällig entsteht, sondern im faschistoiden Polizeistaat notwendig erscheint, um die Militarisierung der Herrschaftsordnung voranzutreiben und die staatliche Gewalt zur Notwendigkeit zu erklären. Doch wer ordnet das Chaos, wenn nicht der Polizeistaat? Und wie ist es möglich, dass die gewaltsame Ausnahme nicht die brutale Regel bestätigt, sondern sie subversiv verwirft und neue Ordnungen entwirft?

Die rechtsfreien Räume von Polizei und Politik

Hamburg hat auf surreale Weise gezeigt, wie sehr Polizei und Politik, das heißt Politik aufgrund der Logik des Bürgerkrieges, selbst der rechtsfreien Räume bedarf um sich zu konstituieren. So wie der sogenannte „rechtsfreie Raum“ in der Schanze zugelassen wurde, so waren es gerade die Polizeieinsätz, welche das Recht brachen, um es nachträglich wiedereinzurichten – nur eben den nächsten Grad autoritärer. Zu Erinnerung: Der ganze Prozess begann schon lange zuvor mit der Androhung und Ausrufung der 34 Quadratkilometer großen „blauen Zone“ als Demonstrationsverbotszone bei gleichzeitiger Behauptung es werde während des Gipfels keine Einschränkung der Versammlungsfreiheit – zu ergänzen ist, der Meinungs- und Pressefreiheit sowie des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit – geben. Die offen ausgesprochene Ignoranz der Polizei von Urteilen des Verfassungsgerichtes und des Verwaltungsgerichtes zur Rechtmäßigkeit der Errichtung eines Protestcamps stellt tatsächlich eine Neuheit dar, die es so noch nicht gegeben hat. Dass Polizeieinsätze rechtswidrig sind und im Nachhinein juristisch so befunden werden, ohne, dass daraus Konsequenzen folgen, war man – zumal in Hamburg – gewohnt. Dass sich die Polizei jedoch öffentlich über die Rechtsprechung hinwegsetzt nicht.

Erklärt werden kann dies im Grunde genommen nur mit der ausgesprochenen Friedfertigkeit und dem Kooperationswillen der Protestierenden, dem relativen und vergleichsweisen Mangel an militanten Aktionsformen und einem offenkundigen und weitverbreiteten Legitimationsdefizit dieses Kasperletheaters der Regierenden beim G20-Gipfel. Dort wo die Verstaatlichung aller Bereiche der Gesellschaft dermaßen weit fortgeschritten ist wie im Modell Deutschland des 21. Jahrhunderts, fehlen jene rechtsfreien Räume durch welche sich staatliche Herrschaft überhaupt noch definieren kann. Dies lässt sich vergleichen mit der kapitalistischen Ausbeutung, welche notwendigerweise ihr Außen braucht, weil die Logik der Allesverwertung notwendigerweise an ihre Grenzen stößt und sich selbst untergräbt, sich selbst zerstört. Deswegen braucht es die Konstruktion der „gewaltbereiten 8000 Linksautonomen“, welche erwartet wurden. Es braucht die Personen im sogenannten „Schwarzen Block“, die qua ihrer Vermummung als Gewalttäter ausgemacht werden, während die brutalen Angriffe der Riot-Cops als unvermeidlich und in einer Täter-Opfer-Verkehrung als eigentlich nicht gewaltsam behauptet werden können. Und es braucht die Feuerchen am Morgen oder in der Nacht, damit der Polizeiapparat erklären kann, angesichts dieser „neuen Stufe der Gewalt“ handlungsunfähig zu sein. Schade jedoch, dass nicht noch viel mehr Gruppen im besten Sinne militant agierten. Und schade, dass sie es nicht zeitgleich an anderen Orten, in anderen Städten taten, um wirklich unberechenbar zu werden. Denn im Zweifelsfall wirft den ersten Stein ohnehin der Provokateur, legt er das erste Feuer, teilt er den Schnaps aus…

Vor der Wahl im Herbst hat ein neuer Sündenbock gefehlt. Die Regierenden wollen hart durchgreifen und spielen damit – wie so oft – den ganz Rechten in die Hände. Gegen Geflüchtete hat sich der Volksmob in den letzten Jahren schon genug ausgetobt. Nachdem es einen lächerlich geringen Aufschrei gegen den staatlich gewährten Terror der Faschisten und Rassisten gab, taugt der sogenannte „Rechtsextremismus“ in Zeiten des Rechtsrucks gar nicht mehr so richtig zur Stigmatisierung. Die Bundesregierung hat fleißig abgeschoben und einen verwertbaren Anteil aufgrund künftigen Arbeitskraftbedarfes integriert um sich im selben Zuge – wie in Punkto Klimaschutz – als moralische Großmacht zu inszenieren. Menschen mit homosexuellem Begehren wurden nun endlich als Gleichwertige in die bürgerliche Herrschaftsordnung integriert – auch wenn das liberale Konzept von „Diversity“ es ist, wogegen sich das rechte Hegemonieprojekt richtet und an dem es sich erbaut. Ergo wird nun wiedermal verstärkt die*der „Linksautonome“ zur Hetzjagd freigegeben.

Die Proteste in Hamburg waren ein starker Moment der Bewegungslinken und deswegen grundsätzlich sinnvoll um linke und emanzipatorische Alternativen, trotz ihrer Widersprüche und Probleme, zu artikulieren. Nunmehr jedoch werden als „Linksextremisten“ eingestufte oder gelesene Personen lange Zeit mit den Folgen der nächsten Runde Ausgrenzung und Kriminalisierung zu kämpfen haben. Und die Interessen sind hart und deutlich, die „linken Sümpfe“ trocken zu legen – ob in Hamburg, im beschaulichen Thüringen oder sonst wo. Den Tatsachen muss in die Augen geblickt werden, auch wenn Vorsicht vor allzu einfachen Antworten oder Affekthandlungen geboten ist. Was Not tut, ist, links-emanzipatorische Rückzugsorte und Basen aufzubauen, diese communities zu stärken, sie lokal zu verankern, von Dogmen abzurücken und stattdessen konkrete Utopien zu formulieren, vernünftige Formen der Militanz zu entwickeln, sowie offene Gespräche mit anderen Menschen zu suchen. Denn der moralische Sieg reicht nicht aus, wenn wir zertreten werden. Auch und gerade nicht, wenn uns die Justiz oder ein Gesichtsbuch am Ende recht geben sollten…

Repressionsschnipsel

Erfurt: Alte Bandshirts gegen Repression
Die Rote Hilfe Ortsgruppe Erfurt nimmt die Initiative des Vereins Second Bandshirt (www.secondbandshirt.com) auf und sammelt für diese alte Bandshirts, welche vom Verein sortiert und für den „guten Zweck“ verkauft werden. Die Rote Hilfe ist eines der Projekte, die aktuell unterstützt werden und damit Betroffene von Repression. Trennt euch von den geliebten Schrankhütern und unterstützt den politischen Kampf! Eine Spendenbox für die alten Bandshirts findet sich im Veto.

Erfurt: Kreideblümchen gegen Nazis sind erlaubt
Um ihrem Unmut über eine bevorstehende AfD-Kundgebung in Erfurt Ausdruck zu verleihen, verschönerten Mitglieder von Jugendverbänden in einer nächtlichen Aktion mit Kreide Gehweg und Fahrbahn des Kundgebungsortes mit Slogans wie „Herz statt Hetze“. Trotz Wasserlöslichkeit der Kreide stelle dies eine „erlaubnispflichtige Sondernutzung“ einer öffentlichen Verkehrsfläche dar: Die Stadt nutzt ihren Handlungsspielraum und spricht mehrere Verwarngelder in Höhe von 50 Euro aus. Kinderzeichnungen hätten nichts gekostet.

Erfurt: „No Way“ – long way till the end
Das Wochenende vom 1. und 2. Mai 2015 ist mit zwei angemeldeten Naziaufmärschen vielleicht einigen noch im Gedächtnis oder schon längst vergessen. Ein Genosse kann mit dem endgültigen Abschluss des Verfahrens nun endlich ein Häkchen an das Datum machen. Das Rütteln an einem Hamburger Gitter, um auf die Naziroute zu gelangen und somit dem Aufruf „No Way“ Taten folgen zu lassen, ergab den Vorwurf „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung“ einer Polizeibeamtin, was ihm einen Strafbefehl von 1800 € einbrachte. Gegen diesen hatte der Genosse Einspruch eingelegt. Verhandelt wurde erst nur der Widerstand, also der Akt des Rüttelns. Schließlich kam ein Urteil zu Stande, welches dem Staatsanwalt nicht hoch genug war, weshalb er in Berufung ging. Die am Landgericht verantwortliche Staatsanwältin schlug eine Verfahrenseinstellung gegen Geldauflage in Höhe von 1200 € vor, welche angenommen wurde. So endet das Verfahren nach über zwei Jahren Kraftanstrengung und der Einsicht nach Adam Ries, dass ein Rütteln am Gitter 1200 € kostet, während das Verletzen einer Beamtin um die Hälfte günstiger – nämlich 600 € – ist.

Saalfeld: Unite we stand – Gegen Naziaufmärsche und Repression
Nachdem, wie berichtet, bereits im Januar ein Antifaschist im Zuge der Proteste gegen einen Thügida-Aufmarsch in Gewahrsam genommen wurde, weiten sich die vom LKA übernommenen Ermittlungen dazu weiter aus. Die Beamten schreckten dabei nicht vor Anrufen auf Privathandys und Besuchen am Arbeitsplatz zurück, um potentielle Zeug*innen zu einer Aussage bewegen. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Gotha: Free the three
Anfang September jährte sich das Wochenende, an dem drei Genoss*innen aus Gotha in Untersuchungshaft verbrachten und aus welcher sie nur nach Zahlung einer Kaution und unter Auflagen wieder freigelassen wurden. Da sie sich formell noch in U-Haft befinden, hätte binnen eines halben Jahres der Prozess gegen sie beginnen sollen. Nachdem sich dieser aber lange herauszögerte – was für die Betroffenen zur Konsequenz hat, länger unter den Auflagen leben zu müssen –, ist nun endlich ein erster Verhandlungstag angesetzt. Dieser wird von einer Solidaritätsaktion begleitet werden. Kommt am 21. November, ab 8.30 Uhr nach Gotha to free the three.

Sonneberg: Gepfefferter Protest
Als sich am 31. März 2017 ein Dutzend Antifaschist*innen demonstrierenden Thügida-Nazis in den Weg setzten, wurden sie von mehreren Bullen umstellt und ‚eingepfeffert‘. Die herbeieilenden Polizist*innen entleerten der Reihe nach ihre Pfeffersprayer auf die in der Blockade sitzenden Protestierenden, um diese anschließend zu räumen. Wäre der brutale Übergriff nicht genau fotodokumentiert wurden, er wäre kaum jemandem einen Skandal wert gewesen. Wie so oft wäre Polizeigewalt in ihrer sichtbarsten Form unsichtbar gemacht worden, wo sie sogar bei für sich selbst sprechenden Bildern z.T. verteidigt wird. Ebenfalls bewährt: Die verletzten Demonstrant*innen, die Anzeige gegen die Polizist*innen erstatteten, wurde von diesen wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt angezeigt.

Nicht existente Viren und seelische Krankheiten

Die Masern – eine vermeintlich harmlose Kinderkrankheit mit ungeahnten Spätfolgen sind wieder auf dem Vormarsch, mit ihnen flammt auch die Kritik am Impfschutz wieder auf.

Die Masern zählen zu den ansteckendsten Krankheitserregern, mit denen sich ein Mensch infizieren kann. Schon ein Niesen ist ausreichend, damit die Erreger übertragen werden. Doch das müsste nicht sein, die Krankheit könnte, wie beispielsweise die Pocken, längst ausgerottet sein. Symptome wie bestenfalls geschwollene Augen, Ausschlag, Übelkeit, Kopfschmerzen, hohes Fieber könnten verhindert werden, gäbe es da nicht die sogenannten Impfgegner, die Menschen immer wieder einreden, Impfungen würden ihren Kindern enorme Schäden zufügen und nur der Pharmaindustrie von Nutzen sein.

Statt ihr Kind impfen zu lassen, nehmen viele Eltern aufgrund solcher hartnäckigen Gerüchte daher lieber das Risiko einer SSPE Erkrankung (subakute sklerosierende Panenzephalitis) in Kauf, welche sich zunächst durch Gleichgewichtsstörungen äußert und später zum Verlust des Geh- und Sprachvermögens und letztlich zur Auflösung des Gehirns und zum Tod führt. Doch wie kommt es zu so einer irrationalen Einstellung Einzelner? Warum schätzen viele das Impfrisiko höher ein als das Infektionsrisiko?

So zählen Impfungen doch schließlich zu den größten Errungenschaften in der Medizin. Krankheiten wie die Pocken oder die Kinderlähmung konnten ausgelöscht beziehungsweise weitestgehend verdrängt werden.

Trotz dieser Tatsache ist immer wieder die Rede von angeblichen Giftstoffen des Impfstoffes, die der Körper selbst nicht mehr loswird. Dies ist jedoch wissenschaftlich kaum haltbar. Denn die Impfviren werden vom Körper wieder abgebaut, Zusatzstoffe sind lediglich in unbedenklicher Konzentration enthalten. Studien, die diese Vorurteile bestätigen, gibt es zudem nicht.
Also woher stammen nun diese Ängste?

Der Ursprung für all die Sorgen könnte die Studie von Andrew Wakefield aus den 1990er Jahren gewesen sein. Im Jahr 1993 erkrankte ein Junge an Autismus. Die Mutter meinte, dies wurde durch die zuvor getätigte Impfung ausgelöst und begab sie auf die Suche nach einem Arzt, der diese Einschätzung teilte. Sie fand ihn in Andrew Wakefield. Dieser spürte zwölf vergleichbare Fälle von autistischen Kindern auf, die zuvor geimpft worden waren. Er veröffentlichte eine Studie, in der er behauptete, dass die Impfung gegen Masern ein erhöhtes Autismus-Risiko bürge. 1998 wurde die Arbeit in einem angesehenen Magazin („The Lancet“) veröffentlicht, woraufhin in Europa die Impfbereitschaft blitzartig zurückging. Im Jahr 2010, stellte sich erst heraus, dass die Studie eine Fälschung war. Der Artikel wurde zurückgezogen, und Wakefield verlor seine Zulassung. Es wurde klargemacht: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfung. Der negative Ruf von Impfungen hält sich, obwohl schwerwiegende Impffolgen viel seltener sind als schwer verlaufende Masernerkrankungen, bis heute.

Auch der Impfgegner Hans U. P. Tolzin trägt mit seinen haltlosen Äußerungen nicht gerade dazu bei, die positiven Argumente einer Impfung hervorzuheben. Er hat es sogar geschafft, seine Ansichten im „ARD Morgenmagazin“ und in der Phoenix-Runde zu verbreiten. Laut Tolzin seien Masern keine Viren (denn Viren sind eine Erfindung der Pharmaindustrie), sondern eine Krankheit, die sich aus dem Körper selbst, von innen heraus, entwickle und nicht etwa durch Ansteckung übertragen wird. Er ist Anhänger der „Neuen germanischen Medizin“ welche glaubt, dass alle Krankheiten (z.B. auch Krebs) nur Reaktionen des Körpers auf seelische Konflikte seien. Das Masern-Virus sei ein Konstrukt der Herrschenden, um die Menschen zu unterdrücken und die Medien sind natürlich ein Teil dieser Verschwörung. Indem sie Angst verbreiten und Impfungen verteilen, wollen sie die Menschheit reduzieren. Solche Auffassungen werden dann in Seminaren verbreitet. Die Kritik der etablierten Wissenschaft beirrt diese Leute schon längst nicht mehr. Dass Masern-Impfungen laut WHO zwischen 2000 und 2013 weltweit 15,6 Millionen Todesfälle verhinderten, ist dann wohl auch uninteressant. Im Jahr 2013 starben weltweit jede Stunde 16 Menschen an Masern. Großteils betroffen waren Kinder unter 5 Jahren, litten diese alle unter seelischen Schäden?

Fakt ist: Neun von zehn nicht geimpften Menschen erkranken an Masern, wenn sie mit dem Erreger in Kontakt kommen. Wohingegen die Zahl der ernsthaften Impfschäden minimal ist. Bei der letzten Erhebung kamen die Forscher auf sieben schwerste Komplikationen pro 16 Millionen Impfstoffdosen.1 Zudem könnten Masern ausgerottet werden, wenn sich mindestens 95 Prozent der Bevölkerung impfen ließe.

Wer also weiterhin die guten Argumente, sich bzw. sein Kind impfen zu lassen einfach leugnet, sollte zumindest aufhören, falsche Ansichten zu verbreiten, denn um eine Erkenntnis kommen die Impfgegner dann in der Praxis vielleicht doch nicht herum: Sie brauchen nicht all ihre Kinder impfen lassen, nur die, die sie behalten wollen.

Über die Zeitlichkeit begrenzter Sicht – Liv Strömquists Vulva-Comic „Der Ursprung der Welt”

Jede_r sollte diesen Comic lesen, meint Dora Grün. Sie empfiehlt die von Liv Strömquist gezeichnete Kulturgeschichte der Vulva, die den entfremdeten Blick auf den eigenen Körper in Frage stellt. Das Buch ist ein Angriff auf die begrenzte Sicht.

Eine Comicrezension braucht Bilder. Die verblüffende Vulva-Kulturgeschichte der schwedische Zeichnerin Liv Strömquist erzählt Geschichte(n) wie diese:
Strömquist zeigt Bilder der Vulva, die es zu anderen Zeiten und an anderen Orten einmal gab. Ihr Comic zeigt Bilder, die die Vulva als eines von vielen Körperteilen und als ein geschätztes Körperteil zeigen. Was ja auch die an jeder Wand prangenden Penisbilder tun.
Strömquist gibt Wissenschaftler, die versucht haben, die Herrschaft über andere Körper zu übernehmen der Lächerlichkeit preis. Und sie verblüfft ihre Leser_innen. Sie spielt mit dem, was wir sehen können – und doch nicht sehen, weil sich immer wieder etwas „Vor-Gesehenes“, ein gesellschaftlich geprägter Blick wie ein Bildschirm vor die Wahrnehmung des eigenen Körpers schiebt. Natürlich sehe ich meinen Körper mit eigenen Augen, aber das vor-gesehene Wissen aus Bio-Büchern, Zeitschriften und Internetquellen kann ich kaum abstreifen.
Die feministische Filmwissenschaftlerin Kaja Silverman unterscheidet mit dem Begriff des Vor-Gesehenen, was wir physisch wahrnehmen (look) und was der gesellschaftlich geprägte Blick (gaze) uns nahelegt, zu sehen. Sie spricht von einem Blick-Regime, einer Führung und Herrschaft durch Bilder.

Liv Strömquists Comic zeigt, wie sich Bilder von Scham und Schmutz vor andere Bilder der Vulva geschoben haben. Sie dokumentiert nicht, sie übernimmt die Regie. Sie zeigt, wie die Welt aussehen würde, wenn sie nicht bestimmt hätten und andere gewonnen hätten. Über die veränderte Rückschau arbeitet sie vorausschauend (präfigurativ). Sie gibt besserwisserische Mediziner und Denker der Lächerlichkeit preis und sie schenkt Frauen* und den feministischen Bewegungen, die noch kommen, Zeit, Raum und andere Bilder.

Die Zeichnerin Liv Strömquist, die auch Radiomoderatorin und Aktivistin ist, sagt von sich selbst, sie habe den Comic gezeichnet, um ihre eigene Ahnungslosigkeit zu überwinden. Sie wollte die soziale Unsichtbarkeit, Banalisierung und Dämonisierung „weiblicher Geschlechtsorgane”, die Mythen über die Menstruation und die Story rund um prämenstruelle Hormonschwankungen (PMS) verstehen. Herausgekommen ist ein rasantes, witziges und überraschendes Buch. Immer wenn man denkt, „so sieht es aus”, wartet Strömquist mit noch einer Story auf, die zeigt, wie Männer* sich den Frauen*körper aneigneten, wie der weibliche Orgasmus verzichtbar wurde und wie prämenstruelle hormonelle Schwankungen zwar dazu taugten, Frauen Vernunft und Intellekt abzusprechen, aber nicht dazu, dass man sagte, „dass Frauen zu viel mit ihren Kindern schimpfen, weshalb es besser sei, dass Männer mit den Kindern zuhause blieben und Frauen arbeiten gingen.“

Liv Strömquist, die sich auf auf Punk, Kathleen Hanna und DIY bezieht, erzählt in einem Interview von einem Abend, an dem ein älterer Comic-Zeichner ihr sagte, er möge keine Zeichnerinnen, weil in ihren Arbeiten „nur die Menstruation” vorkomme. 10 Jahre später habe sie dann die Graphic Novel über das Thema gemacht, „weil es niemand getan hat.”
Strömquist findet bei ihrer Arbeit am Comic heraus, dass erst 1998 „nach Jahrtausenden von Jahren wirklich grottenschlechter Forschung“ die australische Medizinerin Helen O’ Connell die Größe der Vulva realistisch abbildete. Und dass obwohl „die Sex-Industrie das bereits seit einiger Zeit weiß. Man muss sich nur das Sexspielzeug auf dem Markt ansehen, um festzustellen, dass es nicht designt ist, um einen kleinen Punkt am oberen Teil der Vagina zu berühren. Es ist dazu gemacht, um einen größeren Bereich zu stimulieren”, so Fiona Patten, die Sprecherin des australischen Sex-Industrie-Dachverbandes Eros Association.

Strömquists Buch zeigt, dass es an anderen Orten und zu anderen Zeiten ein breiteres Bild der Vulva gegeben hat. Sie führt die Irrtümer der Geschichte vor, montiert Text-Bildirritationen, illustre Ahnengalerien mächtiger alter Männer und ihnen entgegentretende trotzige Frauen*.
Der Comic verblüfft, denn er überführt unsere viel zu kleinen Erwartungen. Er spielt mit der „Zeitlichkeit der Unterdrückung“ und transportiert nicht nur alt-neue Geschichten, sondern vergrößert die eingeschränkte Sicht. Er macht so aus Unterdrückung etwas mehr Geschichte. Das Buch ist witzig, es macht klug und es zeigt ein Feuerwerk von Taktiken der Befreiung. Lasst es euch nicht entgehen.

Strömquist, Liv (2014): Der Ursprung der Welt. Avant-Verlag, Berlin, 19,95 Euro.

Vom Einmischen – Eine DJ plaudert aus der Plattentasche

Die Autorin Snazzy Grrrlz lässt uns – wie der Titel es bereits beschreibt – teilhaben an ihren Erfahrungen als DJ.

Ich bin inzwischen seit ein paar Jahren als DJ unterwegs. Angefangen hat es mit einem DJ-Workshop, den ich in Jena besuchte und der sich explizit an Frauen* richtete. Zu einem Workshop, der offen für alle ist und dann doch wieder nur die eh schon coolen Jungs anzieht, wäre ich zum damaligen Zeitpunkt wohl auch nicht gegangen – aus Angst, von Anfang an als Fremdkörper wahrgenommen zu werden und unter besonderem Beweisdruck zu stehen.
An zwei Tagen brachte uns die Berliner DJ Lindas Tante die Grundlagen des Auflegens mit Platten bei. Ich hab sofort Feuer gefangen. Weil: Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?! Ich hab mir gebrauchte Turntables besorgt und die nächsten Monate für mich allein in meiner Wohnung geübt. Als ich dann meinen ersten Auftritt vor Publikum haben sollte, war ich so aufgeregt, dass ich schon Tage vorher nichts mehr essen konnte und am Abend selbst anfangs nur mit Mühe überhaupt die Nadel auf der Platte platzieren konnte. Es wurde ein super Abend. Ich war super, und nicht nur „für‘s erste Mal“ und auch nicht nur „für eine Frau“. Ich hab einfach eine richtig gute Party geschmissen. An dem Abend hab ich auch das erste Mal selbst mitbekommen, wie es ist, diesen Macho-Sexismus, über den auch andere weibliche DJs immer mal wieder berichten, zu erleben. Dabei war das Publikum bei diesem ersten Gig sehr nett, mir sehr wohlgesonnen. Mir haben „nur“ zwei Männer unabhängig voneinander ungefragt in meinen Mixer gegriffen. Inzwischen hatte ich schon so viele Abende hinter den Plattentellern, an denen ich dermaßen scheiße behandelt wurde, dass es mir fast harmlos vorkommt. Aber das ist es nicht, nur weil mein Fell über die Zeit etwas dicker geworden ist. Stellt euch das mal vor: Da habe ich einen Auftritt, spiele mein Instrument und jemand aus dem Publikum greift mir währenddessen in die Tasten. Und findet diesen Move völlig okay. Die folgenden Ausführungen dürfen gern als Dos und Don‘ts im Umgang mit DJs verstanden werden.

Frauen und Technik

Es gibt ihn auf fast jeder Party. Ich nenne ihn „den Techniker“. Er ist nicht wirklich ein Tontechniker, er gehört nicht zum Personal des Clubs, oft ist er einfach nur jemand, der hobbymäßig Musik hört (wenn überhaupt). Aber es gibt ihn auf fast jeder Party. Er ist derjenige, der mich vom Arbeiten abhält, um mir zu erzählen, dass sein Eindruck ist, dass die Bässe zu leise sind. Er ist derjenige, der kommentiert, dass ich nicht mit Software XY auflege oder dass mein Mixer zu klein sei. Er ist auch derjenige, der beim Aufbau der Technik seine Hilfe anbietet. Kann sein, dass er es nett meint. Aber was dahinter steht, ist die Annahme, dass ich es nicht weiß und dass er es besser weiß. Und das ist Quatsch. Ich bin DJ. Natürlich kenne ich mich aus mit meinem Werkzeug. Natürlich habe ich ein Ohr für den Klang und wenn ich die Bässe nicht weiter aufdrehe, hat das einen Grund. Ich denke mir etwas bei dem, was ich tue, denn ich weiß, was ich tue. Nur leider ist das etwas, das ich immer wieder erklären und beweisen muss. Und ich denke, dass das daran liegt, dass ich als Frau wahrgenommen werde. Das Ding ist: klar weiß ich nicht alles und ich freue mich auch, wenn jemand mir hilft, sofern ich Hilfe brauche. Aber bitte nehmt nicht einfach an, dass ich Hilfe oder Rat brauche, nur weil ich eine junge Frau bin.

Ich brauche kein Lob

Diese ganze Problematik hört nicht beim Umgang mit Technik auf. „Der Lehrer“, wie ich ihn nenne, steht minutenlang streng dreinblickend neben meinem DJ-Pult und winkt mich hektisch heran, jedes Mal, wenn mein Blick ihn streift. Er hält es kaum aus, dass ich nicht sofort auf ihn reagiere (und weiß offensichtlich nicht, dass Auflegen Arbeit ist und ich diese nicht einfach unterbrechen kann, nur weil er ein Mitteilungsbedürfnis hat). Seine wichtige Botschaft ist: „Deine Musik ist scheiße“. Kann er ja so finden, nicht jede_r mag HipHop, das ist okay. Mir ist zwar nicht klar, warum er mir das an dieser Stelle mitteilen muss, aber ich kann damit leben; es beleidigt mich nicht. Damit hört es aber nicht auf, denn sofort fängt er an, mich darüber aufzuklären, was ich alles machen müsste, damit die Party besser läuft (ungeachtet dessen, dass die Party sehr gut läuft): Dass ich als nächstes Mal was von Artist XY spielen muss. Dass es nicht funktioniert, wenn ich nicht mehr „Hits“ auflege und überhaupt wäre es doch das Beste, wenn ich spontan das Genre wechsle, weil Heavy Metal eh viel besser ist. Völlig absurd., Und, es nervt! Das alles wird nicht immer aggressiv oder abwertend formuliert. Oft ist „der Lehrer“ ein Mensch, der seinen Monolog mit einem Lob beginnt und mit der Beobachtung meiner Lücken abschließt, natürlich nicht, ohne vorher sein Wissen anzubieten. Er war nämlich auch mal DJ oder er hat auch Schallplatten zu Hause oder er hat schon mal eine Youtube-Disko veranstaltet. Dabei kommt er mir oft viel zu nah, quetscht sich auf den engen Raum hinter den Turntables, legt mir seinen Arm um und klopft mir väterlich auf die Schulter. Gut gemacht! Musikexperten sind in der Regel Männer. Frauen sind maximal Fan-Girls oder Groupies, kreischen hysterisch wenn sie ihrem Star nahe kommen und haben ihren Musikgeschmack meistens von ihrem Freund oder Bruder übernommen. Stop, das ist nicht meine Meinung, das sind sexistische Unterstellungen! Aber eben solche, an die viele Leute zu glauben scheinen und auch deswegen weiblichen DJs absprechen, einen eigenen Musikgeschmack oder eine durchdachte Setlist zu haben. Manchmal komm ich mir vor, wie in einer Quizshow. „Weißt du überhaupt, aus welchem Jahr der Song ist?“. Ja, weiß ich, ich bin ein HipHop-Nerd. Überrascht? Aber selbst wenn ich es nicht wüsste: Nicht alle männlichen DJs können die Veröffentlichungsdaten jedes einzelnen gespielten Tracks runterbeten. Müssen sie ja auch nicht. Aber von mir als Frau wird es irgendwie regelmäßig verlangt. Beweis erst mal, dass du doppelt so viel wie die Jungs weißt, dann nehmen wir dich vielleicht ernst.

Doppelt hält besser

Ich habe manchmal den Eindruck, dass es schon als Beleidigung aufgefasst wird, dass ich überhaupt auflege. Müssen Frauen denn wirklich bei allem mitmischen? (Ja, ich bin DJ, also werde ich mitmischen). Aber dann lege ich auch noch HipHop auf! Nicht Indie-Pop, nicht 90er Trash, sondern HipHop! Das ist doch angeblich so eine Jungskultur, was fällt mir ein? Aber ich setz noch einen drauf: Ich lege fast ausschließlich Musik von Rapperinnen auf. Das geht jetzt aber echt zu weit. Gibt es das denn überhaupt? Ja, es gibt sehr viele Rapperinnen, die sehr gute Musik machen und es ist kein Problem, ein sechsstündiges Set mit ausschließlich Frauen zu füllen.
Aber es ist echt unerhört. Nicht nur nehme ich es mir als Frau heraus, DJ zu sein, sondern auch noch HipHop-DJ. Und dann spiele ich nicht mal brav die Rap-Helden rauf und runter, sondern verbringe die ganze Nacht damit, Rapperinnen durch die Boxen dröhnen zu lassen. Und, das ist vielleicht das Allerfrechste: Es funktioniert auch noch. Vielen gefällt es richtig gut. Das ist ja wohl die Höhe!
Ich nehme wahr, dass sich vor allem solche, die sich als HipHopper verstehen, davon angegriffen fühlen, dass ich es schaffe, eine gute Party zu schmeißen, auf der sie kaum einen Song wiedererkennen. Denn das sagt: Du bist zwar ein HipHopper und denkst, dass du dich richtig gut auskennst, aber jetzt bist du auf einer HipHop-Party und kennst gar nichts. Plötzlich werden die Wissenslücken aufgezeigt, die einem sonst nicht aufgezeigt werden. Plötzlich ist man(n) nicht mehr Experte, sondern hat noch viel zu lernen. Aber anstatt sich eben das anzunehmen und vielleicht sogar froh darüber zu sein, mal den Horizont erweitert zu bekommen, ist „der Doppelmoralist“ beleidigt. Er findet nämlich, dass es sexistisch ist, den ganzen Abend nur Frauen aufzulegen. Auf die Frage, wie oft er es bei anderen HipHop-Partys erlebt, dass die ganze Nacht nur Männer aufgelegt werden, reagiert er gar nicht erst. Das fällt ihm auch gar nicht so auf. Das ist halt normal. Oder er sagt, dass ja bei anderen HipHop-DJs Frauen auch mal den Refrain singen dürfen. Okay, ich hab auch kein Problem damit, Schwesta Ewa oder Foxy Brown zu spielen, da dürfen Männer den Refrain singen. Er schmollt jetzt, geht, vielleicht hat er auch noch einen miesen Spruch für mich auf den Lippen. Und ich denk mir, dass doppelt wirklich immer besser hält. Sogar bei der Moral.

Eigenschaft: Frau

Was mich noch mehr ärgert als die Kommentare aus dem Publikum, sind so manche Veranstalter. Es geht los mit der Ansprache als „DJane“. Ich hab mich noch nie selbst als DJane bezeichnet. Es ist ein Kunstwort, dass nichts mit Disc-Jockey (ein geschlechtsneutraler Begriff) zu tun hat, sondern einfach nur das Geschlecht markiert. Es gibt weibliche DJs, die sich als DJane bezeichnen und natürlich können sie das so machen. Ich habe Gründe, warum ich das nicht möchte. Trotzdem werde ich immer wieder so angesprochen, vorgestellt oder angekündigt. Dabei ist es echt kein Geheimnis, dass viele weibliche DJs keinen Bock auf diese Tarzan-Assoziation im Namen haben. Es sollte nicht zu viel verlangt sein, einmal danach zu fragen und sich dann auch an die Ansage der DJ oder DJane, je nachdem, zu halten. Diese Bezeichnungsproblematik ist ein Symptom für das, was sich an vielen anderen Stellen im Umgang mit Veranstaltern zeigt: Du bist eine Frau und das ist deine primäre Eigenschaft. Ich hab das schon in Ankündigungstexten so gelesen. Die Co-DJs des Abends, alles Männer, bekommen bestimmte Sounds, Fähigkeiten oder Inhalte zugeordnet. Sie haben „die fettesten Bässe“, „den realsten Oldschool-Sound“ oder „beeindruckend flinke Finger an den Platten“. Ich habe ein Geschlecht. Denn das ist ja wirklich das Interessanteste, das in dem Kontext über mich zu sagen wäre. Ich wurde auch schon explizit deswegen eingeladen. Da wird sich nicht mal die Mühe gemacht, so zu tun, als gäbe es Interesse an der Musik, die ich auflege. Da wird sich auch nicht die Mühe gemacht, meinen Namen herauszufinden, da werde ich mit „Hallo DJane“ adressiert. „Wir würden gern mal eine Frau einladen“. Ich finde es super, wenn Veranstalter selbst feststellen, dass sie womöglich ein Problem haben, dass ihre Bühne immer nur männlich bespielt wird und dass sie das gern ändern möchten. Ehrlich, ihr kriegt von mir eine fette High Five. Und dann kommt ein dickes Aber. Es fühlt sich nicht gut an, als Frau gebucht zu werden. Und es ist ignorant. Ihr wollt, dass ich auf eurer Veranstaltung auflege? Dann bucht mich doch bitte als DJ, nicht als Frau. Ich will nicht euer Feigenblatt sein, ich will nicht eure Rechtfertigung dafür sein, dass ihr dann den Rest des Abends wieder nur Männer auf die Bühne lasst, weil ihr hattet ja auch schon mal eine Frau dort oben stehen. Wenn ihr wirklich Interesse daran habt, etwas an der Schräglage, die es hinter den Plattenspielern gibt, zu ändern: kündigt die DJ nicht nur als Frau an, sondern beschäftigt euch mit ihrer Musik; gebt ihr nicht den Slot des Abends, an dem es voraussichtlich kaum Publikum gibt; gebt ihr das Gefühl, dass sie wegen ihrer Skills und nicht allein wegen ihres Geschlechts eingeladen wird; schafft Räume in euren Line-Ups, regelmäßig und für mehr als eine Quotenfrau am Abend. Ich erwarte nicht, dass jeder Veranstalter alles weiß oder richtig macht, es gibt so viele Fettnäpfe wie Regler am Mixer. Aber das hier sind nicht nur meine individuellen Erfahrungen. Viele DJs berichten ähnliches und vieles davon ist im Internet zu finden. Fragt doch einfach die Suchmaschine eures Vertrauens. Mit Sookees Worten: Lernen aus den Fehlern anderer ist nicht verboten.

Work it

Es ist scheiße, dass sich Frauen* an den Plattentellern immer noch besonders beweisen müssen und hate ausgesetzt sind, der sexistische Hintergründe hat. Und es ist scheiße, dass DJs insgesamt oft wenig Respekt erfahren, nicht als Musiker_innen angesehen werden, sondern am liebsten einfach eine Jukebox sein sollen. Aber ich will nicht den Eindruck hinterlassen, dass alles nur schlimm und ein Kampf ist. Würde mir das Auflegen keinen Spaß machen, würde ich es ja bleiben lassen. Der Gedanke, den ich schon während meines ersten DJ-Workshops hatte, „Wie geil ist es denn bitte, Musik aufzulegen, die ich selbst genial finde und andere Leute dazu tanzen zu lassen?!“, ist immer noch da. An einem guten Abend habe ich mega viel Spaß mit dieser Musik, die ich so unendlich feier und es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, wenn ich sehe, dass viele andere Leute sich auch von der Musik anstecken lassen. Die negativen Kommentare, die manchmal einfach nerven und manchmal weh tun, hinterlassen leider oft einen stärkeren Eindruck als die vielen positiven Rückmeldungen, die es auch an jedem einzelnen Abend gibt. Ich habe schon Frauengruppen den sonst männlich dominierten Dancefloor einnehmen und zu Missy Elliott performen sehen. Männer, die mir rückmelden, dass das die beste Party der Stadt ist. Menschen, die wertschätzen, sich HipHop reinziehen zu können ohne sich dabei automatisch auch eine Testosteron-Dröhnung zu holen. Das hab ich gemacht und das fühlt sich gut an. Für die Momente, in denen es anstrengend, frustrierend oder manchmal sogar bedrohlich ist, habe ich meine Grrrl-Gang im Rücken. Dieser Support, auf den ich zu 100 Prozent vertrauen kann, ist ähnlich wichtig wie meine Skills als DJ, auf die ich auch zu 100 Prozent vertrauen kann. Das sind 200 Prozent Superkräfte, bis das Verhältnis hinter den Turntables 50/50 ist.

Mehr zur Autorin unter: https://www.facebook.com/djsnazzygrrrlz/

Nazis? Aber doch nicht bei uns!

Dass es in Deutschland wieder Nazis gibt, wird mittlerweile breit zur Kenntnis genommen. Aber wo halten sie sich auf? Immer bei den Anderen. Karl Meyerbeer über einen verbreiteten Abwehrreflex am Beispiel von Schule und Jugendarbeit.

Wenn man früher skandalisieren wollte, dass Nazis in Jugendclubs, Jugendeinrichtungen oder Schulen auftauchten, war die Empörung groß. Der pädagogische Ansatz der damals verbreiteten „akzeptierenden Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen“ war, alle Jugendlichen als Menschen zu akzeptieren, was in der Regel damit einherging, deren politische Einstellung zu dulden. Im Effekt konnten Nazi-Strukturen Jugendclubs als organisatorischen Stützpunkt nutzen, um ihre kulturelle Hegemonie auszubauen – was u.a. der NSU in Jena gemacht hat, was aber auch in Erfurt gang und gäbe war. Wie weit die Ignoranz der Akteure im Feld ging, zeigt, dass 2000 eine bei Blood & Honour organisierte Studentin der FH Erfurt ihr Praktikum in Jena mit Streetwork mit rechten Jugendlichen machen konnte – ohne dass der Fachbereich Sozialwesen oder der Träger Anlass zum Eingreifen sahen. Ein damals veröffentlichtes Buch zur Kritik der akzeptierenden Jugendarbeit fasste den Ansatz als „Glatzenpflege auf Staatskosten“ zusammen. Im Vergleich zur Situation in den 1990er-Jahren hat sich einiges verschoben. Dem Erfurter Stadtjugendring ist heute kein Erfurter Jugendclub bekannt, der rechts unterwandert wäre. Man geht auch davon aus, dass Nazi-Kleidung in den Einrichtungen nicht geduldet würde. Anders als in den 1990er-Jahren würde heute gehandelt, wenn Nazis versuchen, Einrichtungen zu unterwandern oder zu dominieren. In diesen Zusammenhang stellt der Erfurter Stadtjugendring auch den zuletzt erfolgten Trägerwechsel des Jugendclub „Domizil“. Ob man dem Fazit des Stadtjugendrings, Erfurter Jugendclubs seien „Orte der Weltoffenheit und Demokratie“ zustimmen mag oder nicht, fest steht, dass Szenen wie in den 1990er-Jahren, als in der Urne, dem Maxi oder dem Domizil auch gerne mal ein Nazi-Skin hinter dem Tresen stand und Störkraft lief, heute nicht mehr üblich sind.

Um so erstaunlicher ist es, dass eine Erfurter Schule derzeit anscheinend nach dem Muster „Nazis? Aber doch nicht bei uns!“ verfährt. Laut der Initiative Break Isolation haben in der Gemeinschaftsschule am kleinen Herrenberg rechte Schüler_innen immer wieder migrantische und nicht-rechte Jugendliche angegriffen, beleidigt und bedroht. Auf Beschwerden von Eltern und Sorgeberechtigten habe die Schule kaum reagiert, mit der Konsequenz, dass einer der angegriffenen Schüler die Schule verlassen hat. Ein Schulsozialarbeiter, der Konsequenzen gefordert hatte, wurde erst versetzt und dann entlassen. Weder die Schule noch der Träger der dortigen Schulsozialarbeit – der Perspektiv e.V. – wollten sich gegenüber der Lirabelle äußern. Aber aus informierten Kreisen heißt es, der Verein stehe auf dem Standpunkt, das Problem sei durch den betreffenden Schulsozialarbeiter aufgebauscht worden. Überhaupt handele es sich bei dem ganzen Vorgang nicht um rassistische Gewalt, sondern um links- und rechtsextremistische Angriffe auf den Trägerverein. Die Basisgewerkschaft FAU betont in ihrer Stellungnahme zu dem Fall, der Verein habe alle rechtlichen Mittel genutzt, um den Sozialarbeiter möglichst schnell loszuwerden und den Fall unter den Teppich zu kehren. Die Betroffenen schweigen, sind wahrscheinlich zu eingeschüchtert oder auch nur froh, dass sie gedanklichen Abstand haben.

Von derselben Schule berichtet eine Schülerin, dass auf dem Schulhof Aufkleber von „Die Rechte“ verteilt wurden und eine Mitschülerin mit Rudolf-Hess-T-Shirt in die Schule kam. An einer anderen Erfurter Schule wird auf dem Schulhof eifrig Rechtsrock getauscht. Ein Lehrer sagt dazu, er fühlt sich überfordert mit der Situation. Auch er stieß auf das schon benannte „Aber doch nicht bei uns!“-Phänomen, als er die Schulleitung auf das Problem hinwies.

Eine Sozialarbeiterin, die Schulprojekttage gegen Rechts organisiert, hat den Eindruck, dass viele Lehrer_innen zum einen keine Ahnung über aktuelle Ausdrucksformen von Nazis haben, darüber hinaus aber vor allem die Auseinandersetzung mit rechten Schüler_innen scheuen. Rassistische Äußerungen und sogar Gewalttaten würden oft überhört und übersehen, die Auseinandersetzung mit den entsprechen Ideologien in den Sozialkunde- und Ethikunterricht oder direkt an externe Kräfte verschoben.

Die Beispiele zeigen, dass seit den 1990er-Jahren vielleicht doch nicht so viel passiert ist – zumindest nicht an der Schule. Während in der offenen Jugendarbeit die Zeit vorbei ist, in der Streetworker ihre Glatzen auf Staatskosten zur Demo gefahren haben, bleibt das Phänomen, Nazis vor allem bei den anderen und nicht in der eigenen Institution wahrnehmen zu wollen, andernorts eine Konstante, eine Lösung ist nicht in Sicht. Dabei ist die Situation nicht überraschend: Über 50% der Thüringer_innen vertreten rassistische Einstellungen und die Generation, die in den 1990er-Jahren Jugendclub Störkraft gehört hat, schickt nun die eigenen Kinder in die Schule. Anders als in der offenen Jugendarbeit hat die Schule aber keine Konzepte zum Umgang mit rechtsextremen Einstellungen, sie soll weltanschaulich neutral sein, was unter den gegebenen Verhältnissen heißt, die Menschen zu braven Bürger_innen, Konsument_innen und Arbeiter_innen zu erziehen. Politische Einstellung wird erst da problematisiert, wo sie strafrechtlich relevant wird oder als Extremismus gebrandmarkt werden kann – als linke, rechte oder ausländische Abweichung von der heilen Welt der Mitte.

Was die Gemeinschaftsschule am kleinen Herrenberg angeht, dort ist die Strategie des Ignorierens vorläufig gescheitert. Der geschasste Sozialarbeiter hat mit Unterstützung der FAU gegen seine Entlassung geklagt. Mittlerweile konnte ein Vergleich erzielt werden, der u.a. eine überdurchschnittliche hohe Abfindung beinhaltet. Aber die Frage, wie auf dem Herrenberg weiter mit Nazi-Übergriffen umgegangen wird, wird weiter verhandelt werden.

Mal nicht davon absehen: Sexismus liegt in der Luft

Tiezah erzählt von ihrem Abend bei der Veto-Eröffnungparty, weil sie über Sexismus nicht hinweg sehen will und es ihr scheiße damit geht, dass sie am nächsten Morgen schon wieder allein in den Trümmern der Gefühle von Angst und Wut aufgewacht ist. Das zu benennen ist ein offensiver Akt, der Mut (und Zeit und Nerven…) erfordert.

„Mal abgesehen davon war doch die Party schön, oder?“ fragte mich ein Freund auf dem Nachhause-Weg von der Party von Veto, Stattsschloss und Radical Print im April. Ja, vor allem der Nachmittag war auch für mich sehr schön und ich bin dankbar für die vielen Menschen, die den Tag möglich gemacht haben. Trotzdem war es auch mal wieder scheiße.

Was ist denn eigentlich los gewesen?

Die Party ist in vollem Gange, die Stimmung gut. Der erste DJ nach den Bands legt auf. Der kleine Raum füllt sich, die Leute tanzen. Berührungen sind fast unvermeidlich. „Ui, ist das dunkel hier!“, denke ich, weil ich die Menschen um mich herum nicht sehen kann. Auf der einzigen Lichtquelle neben dem DJ liegt eine dicke Jacke. Was tun? Mit einer Freundin nehmen wir die Jacke runter und ernten böse Blicke. Wir entscheiden uns einen dünneren Stoff aus dem Umsonstladen zu holen. Dann würde es hell genug sein, um den hier nötigen Ausruf „Ich will Eure Hände sehen“ (und wissen zu wem sie gehören und was sie in meiner unmittelbaren Nähe machen) nicht von Seiten der Bühne zu rufen, sondern um uns zu schützen. Gleichzeitig würde es dunkel genug sein, um es den Feiernden trotzdem zu ermöglichen ausgelassen zu tanzen – ohne das grelle Stehlampenlicht und die damit verbundenen potentiell bewertenden Blicke anderer. Kaum mit dem Umbau angefangen, werden wir angemotzt und/ oder in Rechtfertigungsdruck gebracht. Ok. Das eigene Tanzen breche ich ab, die Mission zur Gestaltung der Party ist aber zunächst erledigt. Ich gehe erstmal was trinken.

Später schaue ich erneut zur Tanzfläche. Der Weg in den Keller ist stockduster und verstellt mit Glasflaschen, die Gäste trotz Selbstorganisations-Anspruch – mal wieder – nicht selbst zurück gebracht haben. Ein bisschen gefährlich und mehr Arbeit für die Leute, die morgen die Flaschen und Glassplitter aufräumen. Da diese Arbeit oft von Frauen* gemacht wird, ist es „normal“, dass sie übersehen wird und keine Aufmerksamkeit bzw. vorsorgliche Beteiligung erhält.

Und der bereits vorhin von uns verstärkte Lampenschirm ist wieder von einer lichtundurchlässigen Jacke überlagert. Shit. Der cis-männliche DJ bekommt eine Menge Applaus. (Bei sieben Musik-Acts standen nur bei einer Band auch Frauen* auf der Bühne.) Aber kein Platz zum Entspannen für mich! Der Gedanke an Übergriffe kann von manchen ausgeblendet werden, von anderen nicht.

Naja, meine Cola ist eh leer. Vor mir an der Bar bestellt ein Typ*. Dass es ein Typ ist merke ich daran, dass er diese sexistische Ansprache benutzt und sich männlich konnotiert bewegt und verhält. Die Begrüßung: „Hallo, schöne Frauen“. Ok. Es war nicht an mich gerichtet, deshalb will ich nicht aggressiv werden. Ein verständnisvolles Erklär-Bär-Spielen für den Typ, der nicht versteht, warum das sexistisch ist, schaff ich nach der Panzerfahrt von eben nicht mehr. Auf meine kurze Konfrontation hin stößt sein erster Einwand „Das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen…“ schnell auf meine Überforderung.

Eine in der Nähe stehende Person, die ich anspreche, reagiert verwirrt statt parteiisch. Zum Glück bin ich hier nicht fremd, sondern kenne einige Leute gut genug, um nicht vollkommen verloren zu sein. Von einer Freundin weiß ich, dass es ein Awareness-Team gibt. Eigentlich sollte Awareness eine Aufgabe von Allen sein. Aber die Erfahrung zeigt, dass Bier mit einer „Kasse des Vertrauens“ keine Soli-Kohle rein bringt und es auch im Awareness-Bereich gut ist, wenn es zusätzlich Verantwortliche gibt, die nüchtern bleiben, um sich für solcherlei Situationen bereit zu halten. Die von mir angesprochene Person empfängt mich einerseits mit offenen Ohren, andererseits mit Zuständigkeitsfragen und verweist auf ihre Kollegin*. Hm, das scheint nachvollziehbar vor dem Hintergrund, dass sich für eine für 14 Stunden plus X geplante Party nur zwei Personen ohne Schichtwechsel für Awareness eingetragen haben. Auch Barschichten von vier Stunden sind für eine möglichst gleichverteilte Beteiligung an der Arbeit für die Party mit Selbstorganisationsanspruch zu viel. Aber für ein (so kleines) Awareness-Team ist das ein No-Go, weil die Aufmerksamkeit und Handlungsfähigkeit wahrscheinlich nicht oder nur mit großer Anstrengung gewährleistet sein können.

Und dann auch das noch: der Awareness-Beauftragte erklärt mir, dass er die Diskussion mit dem Typen leider nicht führen könne, weil er nicht wisse, was daran sexistisch sei und er diese Begrüßung gelegentlich selbst verwende und zwar gender-unabhängig. Schließlich kenne er die Selbst-Identifikation aller seiner Bekannten und könne damit passgenau einschätzen, ob er „schöne Männer“ oder „schöne Frauen“ sage. Wieder ein sinngemäßes „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“, nur mit anderem Wortlaut und gleichzeitig ein unausgesprochenes „Ich als Mann habe die Möglichkeit, das Problem ganz allgemein zu formulieren“ und damit zu entkräften.
Außerdem sei die Diskussion betroffenheitsbedingt lieber von einer Frau* zu führen oder zumindest bräuchte er vorher den Auftrag einer der direkt mit der plumpen Begrüßung adressierten Barkeeper*innen, die aber gerade sichtlich mit Bierausschank beschäftigt sind. Dass auch ich, als nicht unmittelbar adressierte Person, die sexistischen Äußerungen anhören musste, reicht ihm nicht als Auftrag. Wenn jemand andere diskriminierende (z.B. rassistische oder homophobe) Äußerungen macht, wäre bei den gleichen linken Aktivist*innen eine Intervention selbstverständlicher. Bei Misogynie, also Frauenhass, gibt es diesen genauso wichtigen Beißreflex leider nicht.
Also erkläre ich hier mal, warum ich solche Ansprachen politisch falsch finde:

1. „Hallo“:

Dagegen ist nichts einzuwenden.

2. „Schön“:

Schön zu sein in Gesichts- und Körperform, sowie Style, ist eine beschissene lookistische Norm, die auf der Auf- bzw. Abwertung von Personen wegen ihres Aussehens (engl. Look) beruht. Dies wirkt sich in der Dominanzgesellschaft zum Beispiel auf die Wahrnehmung von sexueller Attraktivität und sonstiger „Beliebtheit“, auf die Bezahlung der eigenen Arbeitskraft oder auf die Höhe von Geld- oder Gefängnisstrafen aus.

Seit meinem Teenager-Dasein kämpfte ich unbewusst vor allem mit mir selbst darum, mir möglichst wenig Gedanken um mein Aussehen zu machen und möglichst wenig Energie da rein zu stecken. In diesem Rahmen habe ich unter anderem über Jahre darauf verzichtet Ohrringe zu tragen, jegliche Art von Schminke zu nutzen oder irgendwelche T-Shirts mit Aufschrift anzuziehen. Später wurde daraus eine bewusst in Kauf genommene Anstrengung, mir den eigenen lookistischen Blick abzugewöhnen.

Sowohl in der „Außenwelt der normalen Gesellschaft“ als auch in linken Räumen findet diese Beurteilung statt. Die Zahl an Menschen aller Geschlechter* mit diagnostizierten Essstörungen oder dem Wunsch nach Schönheits-OPs steigt statistisch im Kapitalismus.

Aber „schön Sein“ ist dabei traditionell vor allem Aufgabe von Frauen*. Wer sich schick macht, sei oberflächlich und „leicht zu haben“. Wer es nicht tut, sei hässlich (auch zu wenig weiblich) und unbeliebt.

Die so selten erfahrene Wertschätzung von FLITs bzgl. unserer wirklich persönlichen Eigenschaften (und damit meine ich nicht unseren Haarschnitt) oder unseres konkreten Tuns wäre eine für mich erfreulichere Anerkennung. Dies würde vielleicht dazu führen, dass sich mehr FLITs in gemischten Zusammenhängen engagieren, statt sich zurück zu ziehen oder oder es als pure Anstrengung zu empfinden, in gemischten und somit zumeist von cis-männlichen Leuten dominierten Zusammenhängen unterwegs zu sein. Sich als FLITs zu organisieren, scheitert öfter an der politischen Schwäche innerhalb der ohnehin politisch kaum wahrnehmbaren linken Zusammenhänge.

Sollte sich das „schön“ auf nicht-äußerliche Aspekte bezogen haben, dann ist der Zeitpunkt verpasst, es zu konkretisieren. Denn, dass Du es schön findest an der Bar bedient zu werden, sagt (erst bei genauerem Überlegen) mehr über Dich aus, als über die adressierten Personen, die Du kommentiert hast.

3. „Frauen“:

Ich = Frau? Ich weiß nicht genau. Auf die Frage welches Pronomen ich bevorzuge, stimme ich mangels guter (und einfach verwendbarer) Alternativen dem „sie“ zu. Vielleicht auch um mich vom „er“ abzugrenzen, denn mit Männlichkeit will ich so wenig wie möglich zu tun haben. Zu Männlichkeit zählt für mich zum Beispiel sexistisches Verhalten, wie das von dem o.g. Typ an der Bar oder männliche Verbündelung. Auch wenn das mal mehr, mal weniger schwer zu fassen und irgendwie doch situationsabhängig ist und gewiss auch von anderen Gendern manchmal gemacht wird (es bleibt trotzdem der Rahmen von hegemonialer Männlichkeit), zählt darunter auch dominantes Verhalten, die Abgrenzung von Emotionalität und Stärke als Anspruch an sich und an die Welt usw. usw..
Was mich sicherlich zur Frau macht, ist nicht in erster Linie meine Vulva, sondern vor allem, die gemeinsame Erfahrung als solche unterdrückt zu werden. Dabei grenze ich mich nicht so stark wie nötig von der zweidimensionalen Geschlechternorm (die abgeschafft gehört) ab. Die Unterdrückungserfahrung zu benennen und sichtbar zu machen, meine ich trotzdem als Akt von queerfeministischer Solidariät.

Deshalb möchte ich hier klar stellen, dass dies kein Freibrief für meine cis-männlichen Genossen ist, mich als „Frau“ anzusprechen – auch wenn ich ständig typische Frauenarbeiten übernehme. Fast immer erfülle ich meine revolutionäre Pflicht als als aktivistische „Service-Kraft“ bzw. Care-Workerin hinter den Kulissen an der Theke, im Antirepressionsbüro, als (überproportional häufige) Protokollant*in oder Moderator*in im Plenum, emotionale Beratungs- und Unterstützungsstelle meiner Mitaktivist*innen, Infrastruktur-Organisator*in oder dergleichen.

4. „Das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen…“

Dieser Satz hatte in den letzten Jahren Hochkonjunktur bei der Rechtfertigung von rassistischer und nationalistischer Scheiße und ich habe ihn eindeutig zu oft gehört. Sowohl dieser Satz als auch die inhaltliche Resistenz mit Abperl-Effekt bzgl. Misogynie lösen bei mir Gewaltphantasien aus, die über respektlose Begrüßungsformulierungen hinaus gehen.

2.+3.=5. „schöne Frauen“:

Diesen und ähnliche Ausdrücke höre ich überproportional häufig im Kontext von „Anmachen“ durch Männer oder in ähnlichen vergleichbar unangenehmen Situationen. Unsere Körper sind dem permanenten Zugriff der Öffentlichkeit ausgesetzt – durch Kommentierungen, durch Anforderungen oder auch durch direkte (fast immer ungefragte) Berührungen.

Vergewaltigungskultur liegt in der Luft, die wir atmen und macht auch an der Veto-Tür keinen Halt.

Zum Einen bringe auch ich meine Erfahrungen und Ängste untrennbar von meiner Person mit. Von klein auf habe ich gelernt nicht zu widersprechen, wenn der überall präsente, freundliche Sexist sagen darf, was er für nett hält. Höflich ist es, nichts daran in Frage stellen. Dankbar lächeln soll ich für das Kompliment. Eine kurz gefasster Bericht über alle konkreten körperlich sexistischen Übergriffe (verschiedener Qualitäten), die ich erfahren habe, wäre länger als dieser Artikel.

Zum Anderen stellen sich Verhaltensweisen und Strukturen auch im Veto immer wieder in sexistischer und bedrohlicher Weise her, die hier versucht werden zu bekämpfen. Als Norm und damit verbundene Alltagspraxen bestehen sie trotzdem in einer Kultur, in der die Objektifizierung von nicht-männlichen Körpern akzeptiert wird. Folgende Bilder sind bereits in allen Köpfen der Gesellschaft mehr oder weniger drin: Schön seien Frauen vor Allem dann, wenn sie passiv sind, d.h. sich dem Schicksal als sexueller Gegenstand ergeben. Verführerisch (also zur Nutzung als Sexobjekt einladend) seien ihre nackte Haut und ihre Blicke; auch wenn Bikini-Modells, im Gegensatz zu mythologischen Malereien von Frauenkörpern, heutzutage sogar direkt in die Kamera schauen dürfen. Körperliche Nähe und Sex ohne expliziten Konsens sei „das normalste der Welt“.

Insofern scheint es mir nicht übertrieben (auch bei rationaler Prüfung meines schlechten Gefühls) beim Hören von Zuschreibungen und Kommentierungen, Angst zu bekommen.

Wir haben uns daran gewöhnt – haben die anstrengende Wahl zwischen Rückzug, Verdrängung und Abwehr. Ich habe mich für Abwehr entschieden. Dies hatte ewige Diskussionen mit dem Typen von der Theke zur Folge, die zu meiner Entlastungen von der oben erwähnten Freundin aus dem Awareness-Team geführt werden musste, während ich mich mit dem anderen Typ aus dem Awareness-Team abmühte.

Was ich mir wünsche:

A. Dass die ignoranten Typen die Fresse halten! Zum Einen meine ich dies generell auf sexistische (und anderen Scheiß-) Äußerungen bezogen. Und zum Anderen, wenn Ihr auf beschissene Äußerungen hingewiesen werdet, kann es hilfreich sein nicht als erstes zu widersprechen oder sich zu rechtfertigen. Macht Platz auf der Tanzfläche und in Euren sozialen Positionen für linke FLITNQ*.
Wer die bessere Welt befürwortet, könnte ja auch dankbar für die Konfrontationen und Reflexionsanstöße sein und sich belesen, erklär- und diskussionsbereite Mitmenschen fragen oder auch bei feministischen Workshops mitmachen. Wem das eh egal ist, hat meines Erachtens im Veto nichts zu suchen.
B. Dass meine Freund*innen wissen, wie dankbar und wertschätzend ich bin für die gemeinsame schöne oder harte Zeit und die gegenseitige Unterstützung und das viele Lernen durch einander. Heute vor allem die eine, die so oft – wie auch an diesem Abend – die äußerst anstrengende Awarenessarbeit macht – sowohl auf Zecken-Parties, als auch jeden Morgen spätestens sobald sie ihr Haus verlässt.

… und dass wir uns gegenseitig darin bestärken, genauer hin zu schauen, wie Sexismus funktioniert, den Blick für unsere Bedürfnisse zu schärfen und zu analysieren, wie unsere Erfahrungen uns hier beeinflussen. Das ist die Grundlage, um gemeinsam zu überlegen, wie wir damit kollektiv umgehen können.


„Awareness“:
engl.: to be aware = bewusst/ aufmerksam sein.
Ein Awareness-Team beschäftigt sich aktiv mit der Vermeidung oder Bekämpfung von diskriminierenden Bedingungen und Verhaltensweisen wie z.B. rassistischen, sexistischen (d.h. misogynen, patriarchalen, transphoben und homophoben) sowie ableistischen usw. Übergriffen und unterstützt die Betroffenen.
Sie sind bis unter die Zähne mit Argumenten gegen die strukturell besonders häufig vorkommenden Herrschaftsmechanismen (wie Rassismen, Sexismen usw.) bewaffnet und intervenieren bei besonders auffälligen Äußerungen.
Ihre Wirksamkeit für herrschaftsärmere Räume kann und muss unterstützt werden durch vorherige Überlegungen bei der Veranstaltungsplanung: zum Beispiel zu Inhalt und Repräsentationsfragen von Bands und Referent*innen (indem nicht nur weiße cis-Männer auf der Bühne stehen, die ihre exklusive Sicht auf die Welt kundgeben), zu Raumgestaltung (z.B. Lichtverhältnisse, Toilettensituation …) oder zu Kommunikationsverhalten, Entscheidungsfindung und Arbeitsteilung sowie zur Einladungspolitik.

Kein Problem meiner Brüder

Hilde Teichgräber beschreibt ihre Erfahrungen mit Sexismus. Gemeinsam mit anderen jungen Frauen veröffentlichte sie dazu einen offenen Brief an Jenaer Clubs und berichtet in diesem Artikel über die Beweggründe einen solchen Brief zu formulieren.

Anfang Januar 2017 habe ich einen Vortrag zum Thema „Rape Culture“ der Gruppe „The Future Is Unwritten“ gesehen. Wenige Tage später schlug ich das Thema für eine Arbeitsgruppe im Rahmen einer Schulprojektwoche vor. Es fanden sich sechs Mitschülerinnen, die sich mit mir zusammen mit dem Thema auseinandersetzen wollten.

Einmal sensibilisiert für sexuelle Belästigung und Gewalt, dauerte es nicht mehr lange, bis wir uns in einem Erfahrungsaustausch wiederfanden. Wir sprachen über Begegnungen, die uns zwar unangenehm gewesen waren, aber scheinbar auch so normal, dass keine von uns es jemals für nötig oder angemessen gehalten hatte, das Erlebte auszusprechen. Die Erlebnisse, über die berichtet wurde, waren alle auf ihre eigene Weise erschreckend. Ein Mädchen erzählte, dass sie, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Club feiern war, mit 16 Jahren, von einem jungen Mann dermaßen bedrängt wurde, dass er auch nachdem sie ihn mehrmals weggeschoben hatte nicht von ihr abließ und ihr ohne jede Zustimmungsgeste von ihrer Seite seine Zunge in den Hals steckte. In einer Umfrage, die wir in der Oberstufe unserer Schule durchgeführt haben, gaben die Hälfte der Mädchen an, schon einmal gegen ihren Willen geküsst worden zu sein. Diese Umfrage ist nicht repräsentativ. Und doch hat uns die Zahl erschreckt. Gerade weil sie unser direktes Umfeld repräsentiert. Man bemerke außerdem, dass die Befragten zwischen 16 und 19 Jahre alt sind. Eine andere Mitschülerin berichtete, sie sei ebenfalls nächtens in einem Club bedrängt wurden. Auch nach mehrmaligem „Ich möchte das nicht.“ und „Lass mich los!“ habe der Unbekannte nicht aufgehört sie zu belästigen, sie hochgehoben und einige Meter durch die menschenvollen Veranstaltungsräume getragen.

Ich persönlich erinnerte mich an ein Ereignis des letzten Jahres. Ich war 17 Jahre alt und auf dem Weg von Italien nach Kroatien. Ich fuhr über Nacht allein mit einer Fähre von Ancona nach Split, wo meine Familie mich vom Hafen abholen sollte. Die Schifffahrt begann aufregend, denn ich war davor erst ein paar Mal mit einer Fähre gefahren und das Umfeld war mir neu. Als ich es mir gegen 12 Uhr nachts mit meinem Schlafsack auf einem Sessel bequem gemacht hatte, sprach mich ein junger Mann aus Neapel an. Wir unterhielten uns eine Weile, und es stellte sich heraus, dass er auf dem Schiff arbeitete – genauer gesagt die Verantwortung für den Hoteltrakt der Fähre trug. Er fragte mich, ob ich Lust hätte eine Runde über das Schiff zu drehen. Im Verlauf des weiteren Gesprächs lud er mich auf ein Getränk ein. Ich unterhalte mich auf Reisen oft mit anderen Passagieren. Besonders auf Zugfahrten passiert es mir häufig, dass ich mich in dreistündige Gespräche mit meinen SitznachberInnen verliere. Es ist fast immer eine Bereicherung, so ein flüchtiger Kontakt zweier sich vollkommen fremder Menschen. Wir kommen von verschiedenen Orten, treffen kurz aufeinander, finden vielleicht Gemeinsamkeiten und dann geht einE jedeR wieder seiner oder ihrer Wege. Auch mit diesem Menschen aus Neapel empfand ich den Austausch zunächst als bereichernd. Er bot mir an, dass ich in einer der leeren Passagierkabinen schlafen könnte. Ich jubelte innerlich, da ich so nicht auf einem mäßig bequemen Sessel übernachten musste. Wir brachten meinen Kram in die besagte Kabine. Mir war in diesem Moment sonnenklar: jetzt verabschiedest du dich von ihm, bedankst dich noch einmal und das war´s. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Interesse kommuniziert, ihm näher zu kommen. Wir standen also in dieser Kabine, ich sagte, dass ich jetzt schlafen wollte und auf einmal küsste er mich. Er fasste mir an die Brüste. Und ich brauchte einen Moment, bis ich ihn von mir wegschieben konnte. Danach akzeptierte er zwar, dass ich wirklich in Ruhe gelassen werden wollte und ging weg, doch am nächsten Morgen, etwa eine Stunde, bevor wir anlegten, hielt er es für nötig noch einmal in meine Kabine zu kommen um mich zu wecken. Ich hatte mich in ein oberes Bett der Doppelstockbetten gelegt und schickte ihn, zu diesem Zeitpunkt dann deutlich genervt und nicht mehr freundlich, weg. Erleichtert atmete ich auf, als ich endlich an Land ging. Dieser Mann, dessen Name mir entfallen ist, war um die dreißig Jahre alt und ich war 17. Eine junge Frau, allein unterwegs. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt kommuniziert, dass ich an mehr als einem Gespräch mit ihm interessiert sei. Dennoch schien es für ihn selbstverständlich, dass ich eine Art Gegenleistung dafür, dass er mir eine Kabine überlassen hatte, bringen würde.
Dieses Erlebnis war ein Extrem, welches ich nur einmal so erleben musste. Doch es reiht sich ein in verschiedene Erfahrungen, die ich vielleicht hätte vermeiden können, wäre ich nicht nachts betrunken durch die Straßen von Pistoia in Italien oder bei helllichtem Tage in der Uniform einer katholischen Mädchenschule durch Addis Abeba, Äthiopien, gelaufen. Ja, ich kann darauf achten, dass ich immer aufmerksam bin und mein Umfeld ständig im Blick habe. Das wird mich nicht vor allen negativen Begegnungen schützen können, aber deren Zahl eventuell etwas mindern. Ich kann aufpassen, dass ich, wenn ich feiern gehe immer von meinen FreundInnen umgeben bin und ständig kontrollieren, ob der Typ der hinter, neben, vor mir tanzt irgendwie seltsam oder auch nicht seltsam ist. Ich kann darauf achten – und tatsächlich mache ich das auch. Intuitiv und ständig. Und da ich daran gewöhnt bin, scheint mir das nur verantwortungsvoll und normal.

Der Punkt ist aber: meine beiden kleinen Brüder werden sich Gedanken dieser Art nie machen müssen. Meine großen Cousins werden wohl kaum befürchten, dass sie Betroffene von sexualisierter Gewalt werden, wenn sie das nächste Mal feiern gehen. Auch sie sind nicht sicher vor den Spannungs- und Gefahrensituationen, die sich ergeben können, wenn man sich in den öffentlichen Raum begibt – aber rein statistisch gesehen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich als Frau mit sexueller Belästigung konfrontiert sehe viel höher, als sie für meine männlichen Familienmitglieder, Freunde und Mitschüler ist.
Das ist normal. Das war schon immer so.
Das sind keine Argumente, sondern gute Ansätze, um etwas zu kritisieren.
Der Austausch mit anderen Frauen jeden Alters hat mir gezeigt, dass ich nicht allein mit diesen Erfahrungen bin. Meine individuelle Erfahrung ist vielleicht nicht auf alle Frauen verallgemeinerbar – doch viel zu viele teilen sie.

Als wir anfingen über Momente, in denen unsere Grenzen von anderen nicht respektiert wurden, zu sprechen, fand in unserer Gruppe ein kollektiver Prozess des sich-bewusst-Werdens statt. Aus der Erkenntnis, nicht allein zu sein, entstand die Idee eines offenen Briefes. Dieser sollte insbesondere alternative, linke Clubs dazu auffordern, sich der Problematik bewusst zu werden und praktische Konzepte, sexualisierter Gewalt vorzubeugen und den Betroffenen zu helfen, zu entwickeln. Alina Sonnefeld konnte sich dafür begeistern den besagten Brief zu verfassen. Wir diskutierten ihn in unserer Gruppe und beschlossen, dass auch wir ihn, neben Alina, mitunterzeichnen wollten.

Innerhalb kurzer Zeit nach der Veröffentlichung des Briefes entstand ein Diskurs, der teils konstruktiv, teils schlichtweg beleidigend, hauptsächlich in den sozialen Netzwerken unserer Zeit, ausgelebt wurde. Debatte und Diskussion wurden nicht klar voneinander abgegrenzt und so wurde das sensible Thema der sexualisierten Gewalt von manchen ZeitgenossInnen als Gegenstand der persönlichen Profilierung missbraucht.

Verschiedene Perspektiven wurden an uns herangetragen. Viele Menschen reagierten bestärkend und finden sich selbst in unserem Anliegen wieder. Einige meiner Freundinnen sind zwar schockiert, dass viele von uns regelmäßig belästigt werden, fühlen sich selbst aber nicht als Betroffene. Manche von ihnen solidarisieren sich, auch ohne dass sie persönliche Erfahrungen gemacht haben, mit den Betroffenen.

Es mangelte jedoch auch nicht an konträren Positionen. Auf einmal sahen wir uns mit Nachrichten konfrontiert, in denen uns auf unterstem Niveau nahegelegt wurde, unsere Mitschuld an derlei Vorfällen zu reflektieren. Im Ton von „Wie ihr rumlauft, braucht ihr euch doch nicht wundern, wenn ihr angegrapscht werdet.“. Ich hielt es für angemessen, zumindest mit den Menschen, die ich persönlich kenne und die zu solchen angreifenden Reaktionsweisen neigten, das Gespräch zu suchen. Im Nachhinein muss ich jedoch feststellen, dass Unterhaltungen dieser Art für mich wenige neue Erkenntnisse bereithielten. Meine Vermutung ist deshalb, dass diese Gegenreaktionen immer das Festhalten an bestehenden Missständen und Machtverhältnissen zum Ziel hatten. Eben weil diese Missstände und Machtverhältnisse nicht als solche enttarnt werden sollen.
Manche MitschülerInnen kommunizierten uns, dass sie noch nie sexualisierte Gewalt erleben mussten und bemängelten, der offene Brief stelle die Zustände viel extremer als sie eigentlich sind dar. Zum Glück geht es nicht allen Frauen so wie mir und meinen sechs Mitstreiterinnen. Tatsächlich gelingt es mir ja auch immer wieder durch übertriebene Aufmerksamkeit derlei Situationen vorzubeugen. Wieso der Mangel an eigener Erfahrung jedoch die Solidarisierung mit denjenigen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, ausschließen sollte, ist mir unklar.
Alle Gegenreaktionen zielten darauf ab zum Ausdruck zu bringen, dass unser Anliegen entweder nicht ernst zu nehmen, nicht von gesellschaftlicher Relevanz oder insgesamt viel zu vorwurfsvoll geäußert worden sei.

Wir schickten den Brief an insgesamt 10 Clubs in Jena. Zunächst hatten wir nur die alternativen Häuser im Blick gehabt, nicht, weil das Problem dort besonders stark zu Tage tritt, sondern weil es eben leider auch dort präsent ist. Dann dachten wir jedoch, dass sämtliche VeranstalterInnen den Anspruch haben sollten, dass ihre Häuser frei von sexualisierter Gewalt sind und so schrieben wir auch ihnen.

Es reagierten nur die alternativen, linken Veranstaltungsorte. Doch mit ihnen entwickelte sich dafür ein Austausch, der umso bereichernder war. Heute ist klar:
Im Austausch mit dem größten linken Club Jenas, setzen wir uns gemeinsam mit dessen MitarbeiterInnen dafür ein, dass sich die Atmosphäre dort verbessert. Wir möchten, dass diese Häuser zu einem Ort werden, an dem wir uns alle wohlfühlen können. Ein Ort an dem Frauen und Männer das Gefühl haben, mit ihren Anliegen ernstgenommen zu werden. Patriarchale Strukturen und Verhaltensweisen werden leider selten an der Tür abgewiesen, aber Clubs sind nicht schuld an sexualisierter Gewalt. Sie brauchen effektive Strategien, um diesem gesellschaftlichen Phänomen entgegenzuwirken.

Räume zu schaffen, in denen eine bessere, freiere, gleichberechtigtere Form des Zusammenlebens erprobt wird, sollte im Selbstverständnis linker Veranstaltungshäuser liegen. Die ständige Suche nach Verbesserungsvorschlägen und Handlungsalternativen ist deshalb unabdingbar.
Das ist es, was linke Szene auszeichnen sollte: links sein heißt, zu hinterfragen. Kritik als Chance zu sehen. Sich für ein besseres Miteinander einzusetzen. Diskriminierung nicht zu tolerieren. Sich für Gleichberechtigung einzusetzen. „Das war schon immer so“ als Kritik und nicht als Argument anzubringen. Und vor allem nicht anzuerkennen, dass Dinge unveränderbar seien und es bleiben müssten. Links sein heißt diskutieren, streiten, aushandeln, kämpfen. Und vielleicht auch zu träumen – davon, dass sich die Dinge verbessern können.

Auch wenn es anstrengend ist, in einer Debatte über ein Thema zu diskutieren, welches zugleich privat und politisch ist, bin ich sicher, dass unsere Reaktion die einzige ist, für die ich mich weder vor anderen noch vor mir selbst rechtfertigen muss. Denn das Totschweigen und Kleinreden von sexualisierter Gewalt hat auch in den letzten 2000 Jahren nicht besonders gut funktioniert. Zumindest nicht für die Hälfte der Menschheit.

Auch wenn wir uns in kleinen Schritten fortbewegen, bin ich doch überzeugt, dass es sich lohnt an diesem Thema anzusetzen. So hat sich schon einiges getan. In Jena eine gründete sich eine Gruppe von UnterstützerInnen. Wir konnten verschiedene Personen in der Jugendarbeit auf Konzepte hinweisen, die zum Ziel haben, dass sexualisierte Gewalt gar nicht erst geduldet wird. Im September soll im Kassa ein Vortrag und Workshop mit dem Titel „Feministisch Feiern“ stattfinden. Daraufhin möchten wir ein Angebot schaffen, indem sich insbesondere MitarbeiterInnen von Clubs mit Awareness Konzepten auseinandersetzen können.

Antifa für Deutschland

Im Südthüringischen Themar fanden im Juli dieses Jahres nicht nur die größten Naziaufmärsche in der Geschichte dieses Landes statt, es gab auch den ganz großen Schulterschluss zwischen allen Parteien und Organisationen, die mit dem Protest gegen Nazis irgendein Interesse verbanden. Außer einer: der Antifa. Es berichten Dori und Ox Y. Moron.

Etwa 6000 Neonazis feierten am 15. Juli ihr „Rock gegen Überfremdung“. Zwei Wochen später kamen nochmal ca. 1000 Nazis und die nächsten Großkonzerte sind bereits angekündigt. Der Landkreis Hildburghausen hat eine riesige Neonaziszene und die wohl finanzstärkste faschistische Infrastruktur des ganzen Bundeslandes, vielleicht bundesweit. Dieses Problem hat sich der Landkreis redlich verdient. Jahrelang hofierte man die Faschisten um Tommy Frenck und macht es ihnen so behaglich wie möglich. Und so fanden die ersten Großaufmärsche der vergangenen Jahre nicht grundlos ohne größere öffentliche Wahrnehmung statt. Im vergangenen Jahr befasste sich Landesvater Bodo Ramelow (Linkspartei), während tausende Faschisten in Südthüringen feierten, lieber mit einer Demonstration von 300 antideutschen Antifaschisten in Bornhagen und twitterte sich des nachts besäuselt von reichlich Rotwein um Sinn und Verstand. In diesem Jahr sollte das anders werden.

Ein großes zivilgesellschaftliches Bündnis formierte sich, um wahrnehmbaren Protest zu üben und Themar als „bunte Stadt“ hinzulügen.1 Unter den Protestteilnehmern sammelte sich alles, was mit dem Protest gegen Nazis irgendwelche Interessen verband: Vom Heimatschützer, der den Ruf der Gemeinde weiß waschen wollte, über die Sektierer und Eigendarsteller, die Werbung in eigener Sache machen wollten; über die sozialdemokratischen Berufspolitiker, die mit dem Engagement gegen offensichtliche Nazis ihr Nichtstun trotz Möglichkeiten bei der bestens geschmierten Thüringer Abschiebemaschinierie vergessen machen wollten, bis zum linken Jugendlichen der mit größtem Recht diese Aufmärsche als widerlich empfand und dem mangels Alternative nichts blieb, als beim Volksfest gegen Rechts zwischen Kuchen- und Filzstand irgendwie mitzumachen. Jene linken Antifaschisten, denen die jährliche Reisewarnung nicht genügte, bildeten einen antifaschistischen Arbeitskreis (AK Themar) mit dem Ziel, die bürgerlichen Proteste kritisch zu begleiten und zu erweitern. Sie gingen gnadenlos im Meer der Standortschützer, Berufspolitiker und vieler übler Gestalten unter.

Da war etwa der zukünftige MaKss Damage of Liedermaching, Florian Ernst Kirner („Prinz Chaos II.“), ein Freund des Antisemiten Ken Jebsen, der in Sachen Israel sicher schnell Schnittpunkte mit den feiernden Nazis gefunden hätte. Mindestens ebenso viele Schnittmengen mit Faschisten hatte die an den Protesten teilnehmende MLPD, eine stalinistische Sekte, die offen mit den Judenmördern der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) paktiert. Neben derlei Sekten und den Bauchrednern des Wahnsinns waren natürlich auch die etablierten sozialdemokratischen Parteien der Landesregierung an den Protesten federführend beteiligt. Eine parlamentarische Beobachtergruppe begleitete das Event und postete per Twitter und Facebook die frohe Kunde in die Welt, dass diesmal ein paar Leute mehr ihre moralische Überlegenheit am Abgrund demonstrierten. Ihren Gipfel erreichte dieses Schaulaufen der bürgerlichen Nazigegner in der Anmaßung, das was man hier mache, sei „Antifa“.

Die linksradikale Antifa hat von dieser Farce ganz bewusst Abstand gehalten. In einem Auswertungsbeitrag2 kritisiert die Antifa Suhl/Zella-Mehlis: „Antifaschistische Kritik, wie sie beim AK Themar zu finden war, ging unter, wurde im bunten Volksmob subsumiert und, als wäre es nicht schon schlimm genug, man ließ sich das Label „Antifa“ sogar noch für die eigene Standortkampagne widerspruchslos entwenden. Von „Antifa“ war keine Gesellschaftskritik, nicht mal mehr Militanz auf der Straße übrig, sondern nur noch ein Haufen junger Leute, die nicht mehr als „Gegen Nazis“ zu sein scheinen und sich in der bunten Suppe von Themar verlieren.“ Die Entwendung des Antifa-Labels diene keiner gut gemeinten Solidarisierung mit antifaschistischer und emanzipatorischer Politik, sondern war nichts als ein strategisches Manöver, um einerseits mehr Schwungmasse für die Pressefotos zu gewinnen und gleichzeitig das zu entpolitisieren, wofür „Antifa“ eben steht. Weiter heißt es: „Das Ganze fand unter Applaus der parlamentarischen Beobachtungsgruppe statt, deren Vertreter seit Jahren nichts anderes machen, als diesen staatstreuen Antifaschismus zu propagieren und Positionen der radikalen Linken zu entkräften. Somit kam es für den Gegenprotest aus unserer Sicht sogar noch schlimmer als befürchtet.“
Die Zivilgesellschaft in Themar bot sich als die von der Antifa Suhl/Zella-Mehlis zurecht kritisierte „bunte Suppe“, die in einer „inhaltsarmen Einheitsfront für das bessere Deutschland“ trommelte und keinen Beitrag leistete, das Naziproblem ursächlich zu begreifen und damit zu beseitigen. Die Zivilgesellschaft ist blind für die Ursachen gelingender faschistischer Mobilmachung, die in der Grundstruktur dieser Gesellschaft und den falschen Reim, den sich die Betroffenen auf ihre Verheerungen macht, ihren Ausgang nimmt. Sie organisiert den in der postfaschistischen Gesellschaft gebotenen Konsens der gesellschaftlichen Eliten gegen die offenkundigsten Nazis, gegen jene, die von der NS-Nostalgie nicht lassen können, und damit macht sie den notwendigen Protest gegen Naziaufmärsche und -ideologie zur Farce, zum sinn- und konsequenzlosen Gesabbel, zum öffentlichen Schaulaufen für die Presse und zur Werbeveranstaltung für diese ach so tolle Gesellschaft. Als ob der Aufmarsch von 200 Funktionären und ebenso vielen Gutgläubigen für diese Gesellschaft sprechen würde und nicht gerade gegen sie. Die bürgerliche Aufklärung über Nazistrukturen und -ideologie findet nicht in kritischer, sondern in staatstragender Absicht statt.

Antifaschistische Kritik ist nur noch im Widerspruch zur dargestellten Scharade der Zivilgesellschaft zu haben. Der Antifa geht es darum, das Naziproblem als gesellschaftliches Problem, also als Problem einer Gesellschaft, die potentielle und aktuelle Nazis mit Notwendigkeit hervorbringt, begreiflich zu machen. Ihr ist das Gemeinwesen, die gepriesene Demokratie bzw. eben ihre aktuelle Verfallsform Gegenstand der Kritik statt der Affirmation. Die beengende Heimeligkeit beim Pfeifkonzert gegen Rechts ist ihr zuwider wie die gesellschaftliche Zurichtung, die der Ideologiewahn der Zivilgesellschafter vergessen machen will. Sie weiß, dass nicht fehlende Bildung in Menschenrechtsfragen die Ursache von Rassismus ist, sondern die tendenzielle Überflüssigkeit jedes Einzelnen für das gesellschaftliche Verhältnis und die ideologische Disposition, mit der die Rassisten dieses Verhältnis rechtfertigen und erhalten wollen. Ihre Mittel sind deswegen nicht der durch stete Wiederholung auf dem Rednerpult einzuübende Grundsatz von der Gleichheit und der Menschenwürde, sondern die radikale Aufklärung über eine Gesellschaft, in der die Menschenwürde und die Gleichheit so prekär und scheinhaft sind, dass man sie als Recht fixieren und staatlich garantieren musste. Diese Gesellschaft bringt die Nazis und ihre Ideologie mit Notwendigkeit hervor wie sie die Einzelnen zu austauschbaren Momenten eines irrational-rationalen Molochs erniedrigt und sie um das beraubt, was das Kapitalverhältnis in seinen Anfängen einmal verheißen mochte: Die Freisetzung der geschichtsbildenden Potenzen der menschlichen Arbeit und damit die Ermöglichung des Eintretens des Menschen in seine Geschichte. Weil eben dieses Eintreten und also: die sozialistische Revolution ausblieb, haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse verhärtet, sind für die Einzelnen unhintergehbarer und verhängnisvoller geworden und haben mit den Nazis Kräfte freigesetzt, die etwas Schlimmeres möglich machen, als das Bestehende.

Bliebe die Frage: Was tun? Auch darauf hat die Antifa Suhl/Zella-Mehlis eine Antwort gefunden. Sie mag nicht zufriedenstellen, vielleicht ist sie auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber angesichts des Kräfteverhältnisses zwischen antifaschistischer Aufklärung und den organisierten faschistischen Strukturen, ist sie politisch richtig. Die Antwort der linksradikalen Antifa lautete: Nicht das falsche, wo das richtige nicht möglich ist. Das ist es, was sie so unzufriedenstellend macht für jene, die sich in der blinden Wut des Machens zwar eingestehen müssten, dass ein Zweck antifaschistischer Praxis hier nicht erreicht wird, aber zumindest das Mittel zum Zweck erheben, um irgendetwas gemacht zu haben. Bliebe die Anwesenheit von Antifaschistinnen beim Protest damit verschwendete Lebenszeit dieser, wäre das schade, wo man die Zeit mit angenehmeren und/oder sinnvolleren Sachen hätte verbringen können, aber eben nur schade. Problematisch wird es da, wo die (hier wohlwollend unterstellte) Intention solcher Aktionen, die man im Sinne des ‚Hauptsache irgendwas‘ fällen lässt, nicht verloren geht, sondern sich in ihr Gegenteil verkehrt.

Diese Intention ist es nicht immer nur, antifaschistische Inhalte zu verbreiten oder in Abgrenzung zum Demokratiespektakel aufzuzeigen, dass es politische Organisierungsmöglichkeiten fernab dessen gibt, um mit Gleichgesinnten eine gemeinsame Position zu finden oder zu stärken. Denn freilich gibt es gute Grunde, hinter die genannte Intention zurückzufallen, sprich sich dem bürgerlichen Protest anzuschließen, wenn man weiß, dass die politischen Differenzen dabei verschwimmen. Einer wäre es zum Beispiel, linke Räume und Strukturen vor Ort zu schützen. Doch solche gibt es in Themar nicht. Den Menschen, denen das Fehlen solcher Räume ebenso wie das politische Klima vor Ort als eine Ursache für deren Fehlen ein Problem ist, für die die Nazis, die nicht nur an diesen einem Tag im Jahr in Horden anreisen, sondern vereinzelt oder in Gruppen stets präsent sind, eine Gefahr darstellen, kann man aus der Situation der Unterlegenheit zum Schutz nicht verhelfen; ein kurzes Aufschlagen vor Ort, wenn alle Welt auf Themar schaut, stellt indes auch keinen Beitrag zur Selbsthilfe dar. Ihnen entgegen der Sachlage in paternalistischer Manier nahezulegen, ‚Gesicht zu zeigen‘ ist ein Hohn all jener, die sich den Rest des Jahres ohne Angriffe befürchten zu müssen, durch die Stadt bewegen können. Darüber hinaus ist es immer auch eine gute Sache, den reibungslosen Ablauf des Nazifestivals zu stören oder die Außenwirkung der Nazis einzudämmen. Ersteres aber stand nie in Aussicht und auch zweiteres kann keine erklärbares Ziel sein, wo ein Nazifestival ausschließlich nach innen wirkt und wirken soll. Dieses musste auch von niemanden mehr als das enttarnt werden, was es ist, weil sich noch die letzte Dorfbewohnerin über den Charakter der Veranstaltung im Klaren war.

Angesichts dieser Aussichtslosigkeit für erfolgreichen Protest und des Gefahrenpotentials, das von hunderten und tausenden betrunkenen Nazis ausgeht, entschied sich auch die Association Progrès im Vorfeld des in diesem Jahr zum fünften Mal stattgefundenen Eichfeldtages der NPD eine Reisewarnung zu veröffentlichen, in der sie zur Vorsicht mahnt und von einem Besuch in Leinefelde abriet.3 Sie mussten sich dafür von der Redical M eine fatale Fehleinschätzung attestieren lassen.4 Nicht nämlich sei das Gefahrenpotential an anderen Tagen nicht auch da, man spiele mit so etwas den Nazis in die Hände. Dass an solchen Tagen ein qualitativer Unterschied der Gefahr, von Nazis angegriffen zu werden zum Rest des Jahres besteht, steht ohne Zweifel und nicht im Widerspruch zur Anerkennung der alltäglichen Scheiße, die sich ohne Augenmerk der Öffentlichkeit in der Provinz abspielt. Darauf machte auch die Assoziation Progrès in ihrer Reaktion aufmerksam.5 Und freilich ist eine Reisewarnung gewissermaßen ein Eingeständnis von Unterlegenheit und die Redical M hat recht, wenn sie konstatiert, dass das den Nazis in die Hände spielt. Das Veranstalten einer Aktion aber hätte an der Unterlegenheit nichts geändert. Der Ohnmacht als Antifaschist tausenden von gewaltbereiten Nazis in der Gemeinschaft der Demokraten gegenüber zu stehen, ist nicht beizukommen durch einen – im besten Fall – von der Polizei abgeriegelten kleinen Aufzug. Nur hinwegtäuschen kann man sich über diese. Andere Reaktionen á la ‚Ihr habt wohl nicht den Arsch in der Hose?‘ schlagen in eine ähnliche Kerbe und strotzen darüber hinaus vor ekelhaftem Mackertum, mit dem sich zumindest die Autoren dieser Zeilen nicht gemein machen wollen.

All das Geraune übergeht einen gewichtigen Punkt, auf den sowohl die Antifa Suhl/ Zella-Mehlis als auch die Assoziation Progrès dezidiert aufmerksam machen; nämlich dass es ein Anliegen ist, sich vom bürgerlichen Protest zu distanzieren, da man droht in ein Spektakel eingehegt zu werden, dem man aus oben genannten Gründen feindlich gegenüber steht. Es ist dabei stets schwierig zu antizipieren, wie weit es gelingen kann, eigene Positionen und eine Kritik in einem solchen Rahmen hörbar zu machen. Die Abwägung um die Möglichkeit des Erfolgs fielen bei dem AK Themar anders aus, als bei der Antifa Suhl/ Zella-Mehlis. Die Abwägungen des AK Themar lassen sich retrospektiv als falsch beurteilen. Schon im Voraus wurde deutlich, dass es den zusammengekommenen Themaranern, Südthüringerinnen und ihren Unterstützern aus der Landespolitik nicht um das Entgegentreten gegen menschenfeindliche Ideologien ging, sondern darum dass man die eigene Dorfidylle durch anreisende Fremde (hier eben Nazis) in Gefahr sah und die schlechte Presse fürchtete. Die Bilder der sich in Turnhallen versammelnden Anwohner, die besorgt und erregt in die Kameras der Presse schauen und dabei „Wir wollen die hier nicht haben“ verlautbaren, rufen nicht nur unliebsame Assoziationen hervor, sondern befördern die Erkenntnis um die Mechanismen, die da am Werk sind ebenso wie sie die Bedingungen der Möglichkeit für die Beförderung einer Kritik der menschenfeindlichen Ideologie bei den Anwesenden aufzeigen.

Im Vordergrund des bürgerlichen Protestes steht die Sicherung des Gemeinwesens, der „Demokratie“, des geregelten gesellschaftlichen Miteinanders, dieser öden, verhängnisvollen Immergleichheit am Abgrund, aus der es endlich auszubrechen gälte. Wer sich, statt sich im Widerspruch zu den Nazis und entsprechend konsequent im Widerspruch zu den Apologeten der Gesellschaft und ihrer Ordnung, die diese notwendig hervorbringt auf deren Seite schlägt, um zumindest etwas gemacht zu haben, dessen Etwas ist die Verteidigung des schlechten Ganzen. Wem das kein Anliegen war und ist, für den ist in Themar kein Ziel zu erreichen. Das ist ein trauriges Fazit, dessen Wahrheitswert sich nicht durch die Verdrehung der Realität ändern lässt, sondern durch die Veränderung der Bedingungen der Möglichkeit von erfolgreichen antifaschistischen Protest.


1
In der bunten Stadt Themar hat übrigens zur Bundestagswahl am 24. September 2017 die AfD das beste Ergebnis eingefahren, vor der CDU und den sozialdemokratischen Standortschützern.

2
Die ganze Stellungnahme findet sich online: http://bit.ly/2yIvRi0

3
Reisewarnung der Assoziation Progrès: http://bit.ly/2yKQGXU

4
Kritik der Redical M: http://bit.ly/2yLYrg6

5
Reaktion der Assoziation Progrès: http://bit.ly/2yHIOsD