Einen Titel hab‘ ich noch nicht

Sicherlich haben viele Unentschlossene bereits einmal mit dem Gedanken gespielt, einen Text in der Lirabelle oder etwaigen anderen Publikationen zu veröffentlichen und sich letztlich doch dagegen entschieden, weil man sich das nicht zutraut, nicht weiß, worüber man schreiben soll oder schlichtweg gerade keine Zeit dafür hat. Doch auch wenn man ein Thema, den nötigen Mut und ein bisschen Zeit hat, fällt der Anfang oft schwer. T.b.a. zeigt aus eigener Perspektive, wie das aussehen kann.

Als ich gestern Abend zu Bett ging, da wusste ich: morgen habe ich den ganzen Tag Zeit, um endlich einmal mit meinem Text anzufangen. Anzufangen heißt anzufangen zu Schreiben. Ich habe schon einiges dazu gelesen, manch unwichtiges, manch spannendes, was nicht immer wirklich etwas mit dem Thema zu tun hatte – wie das eben so ist. Lange hat sich das Literatur Wälzen hingezogen. Morgen aber, so wusste ich, als ich zu Bett ging, fange ich nun endlich an. Ich stelle mir den Wecker auf um sechs.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, zeigt der Wecker neun Uhr an. Ich habe ihn wohl ausgedrückt, ohne mich überhaupt daran erinnern zu können. Macht nichts, denke ich mir, ich hab ja den ganzen Tag Zeit.

Erst einmal Kaffee trinken. Wie steht‘s mit Frühstück? Eigentlich habe ich keinen großen Hunger, aber – ach – ein Brötchen zum Kaffee. Und danach nochmal ins Internet schauen, Nachrichten lesen. Ich will ja wissen, was in der Welt so los ist. Noch schnell Mails checken. Ach Mist – schon wieder eine Menge dieser nicht so dringlichen kleineren Aufgaben. Die erledige ich noch schnell, damit ich freien Kopfes dann meinen Text schreiben kann.

Jetzt ist‘s schon nach elf, der Kaffee leer getrunken und noch keine Zeile geschrieben. Es ist ja auch nicht so einfach. Immerhin braucht es noch einen Funken, irgendeine zündende Idee, die eine Art Scheibflow auslöst. So funktioniert das in der Regel am Besten. Aber wo bekomme ich den jetzt her?
Darüber muss ich nachdenken. Dafür muss ich aber nicht am Rechner sitzen. Also: lege ich mich ins Bett und denke nach. Nicht lange, bis ich mich entscheide einen kurzen Powernap einzulegen. Eine halbe Stunde – Wecker stellen.

Mist! Ich schlafe nicht ein. Kein Wunder, bin ich ja auch erst seit drei Stunden wach und habe in der Zeit schon zwei Kaffee getrunken. Wenn ich jetzt einschlafe ist‘s aber scheiße. Dann sind es nur zehn Minuten, danach bin ich mehr müde als zuvor. Also Wecker nach hinten Stellen. Eine halbe Stunde, wenigstens 20 Minuten sollten es schon sein.

Dann auch tatsächlich eingeschlafen. Wecker klingelt. Phu – jetzt aber! Mhh, erst einmal einen Kaffee kochen.

Mit einer Tasse Kaffee und dem guten Gefühl, dass die Küche nun endlich mal wieder sauber ist, sitze ich eine knappe Stunde später wieder am Rechner.
Einstweilen wird es Mittag. Ich habe gar nichts zu Essen zu Hause. Da müsste ich jetzt erst einmal einkaufen gehen. Vielleicht sollte ich doch besser direkt mit meinen Text anfangen. Aber ob ich jetzt einkaufen gehe oder später, macht zeitlich keinen Unterschied, also ab in den Supermarkt.

Danach habe ich Hunger und koche mir erst einmal etwas. Mit leerem Magen lässt es sich schließlich nicht gut Arbeiten.
…Mit vollen Magen aber auch nicht! Vielleicht ruhe ich mich noch ein bisschen aus. Nur eine halbe Stunde. Dann ist es zwar schon recht spät, aber zur Not arbeite ich bis in die Nacht hinein. Da kann ich sowieso besser arbeiten.

Nach dem zweiten Powernap des Tages gehe ich zurück zum Rechner und überlege erneut, wie ich jetzt am Besten anfange. Da fällt mir ein, es gab da noch diesen einen Text, den ich dazu lesen könnte.
Eigentlich hat er nur im entferntesten, wenn überhaupt, etwas mit dem Thema zu tun, über das ich schreiben will, aber vielleicht löst der das Flowerlebnis aus, das ich jetzt gut gebrauchen könnte, um meinen Text zu formulieren. Gut, dass ich das Buch da habe, da kann ich direkt rein schauen.

Nach etwa eineinhalb Stunden Lesen bin ich durch mit dem Text. Um die eine und nur die eine Erkenntnis reicher, dass der Text tatsächlich nichts mit meinem Thema zu tun hat, lege ich das Buch beiseite und ziehe mir den Laptop heran, um mich in Schreibposition zu begeben.
Ich greife zur Maus und beginne in meinem Textdokument, das bereits eine Überschrift mit dem Arbeitstitel „Überschrift“ ziert, auf und ab zu scrollen. Ich könnte ja erst einmal eine grobe Textstruktur machen, das strukturiert auch meine Gedanken. Gute Idee!
So füge ich eine Leerzeile unter (der) Überschrift ein und beginne in kursiven Lettern zu tippen: T e a s e r.
Ich scrolle erneut auf und ab.
Jetzt ist es schon 17 Uhr. Ob heute Abend noch was geht? Ein Bier mit Freunden wäre schon nett. Aber allzu lange will ich nicht machen, ich muss ja morgen früh raus, um an meinem Text weiter zu arbeiten. Also schlage ich vor, wir treffen uns im Park, schon halb acht. „Lange bleibe ich aber nicht“, stelle ich noch einmal unmissverständlich klar, als wir uns verabreden.
Halb acht also, da habe ich jetzt noch etwa zwei Stunden Zeit. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es, noch eine Runde Rad zu fahren.

Bereits im Aufstehen begriffen, sagt mein vom Es bedrängtes Ich zum Über-Ich: Komm, wir fahren.
Das Über-Ich aber wendet ein: Wir können nicht.
Ich: Wieso?
Über-Ich: Wir warten auf den Flow.
Ich: Ach ja.

Zehn Minuten später sitze ich auf dem Rad und fahre dem Sonnenuntergang entgegen. Ein bisschen kalt ist es bei dem Fahrtwind. Wäre ich nur nachmittags gefahren; aber da hatte ich ja keine Zeit. Beziehungsweise dachte ich, ich hätte keine Zeit. Trotzdem angenehm, mal den Kopf frei zu bekommen, nach so einem anstrengenden Tag.

Das Radfahren hat länger gedauert, als gedacht. Der starke Gegenwind hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich beeile mich beim Duschen, bin aber doch etwas zu spät. „Sorry, ich hatte noch etwas zu tun“, lautet meine Entschuldigung.

Nach einem Radler, einem Bier und unzähligen Zigaretten, die immer als die Letzte, bevor ich dann los mache, angekündigt waren, gehe ich tatsächlich nicht allzu spät nach Hause.
Noch schnell Zähne putzen, und als ich abends zu Bett gehe, da weiß ich: morgen habe ich den ganzen Tag Zeit, um endlich einmal mit meinem Text anzufangen. Anzufangen heißt anzufangen zu Schreiben. Ich habe schon einiges dazu gelesen, manch unwichtiges, manch spannendes, was nicht immer wirklich etwas mit dem Thema zu tun hatte – wie das eben so ist. Lange hat sich das Literatur Wälzen hingezogen. Morgen aber, so wusste ich, als ich zu Bett ging, fange ich nun endlich an. Ich stelle mir den Wecker auf um sechs.

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