Bildet Banden!

Kollektivbetriebe versuchen, innerhalb des kapitalistischen Rahmens anders zu wirtschaften. Die Lirabelle sprach mit Mitgliedern des Baustellenkollektiv Contrust, des sogenannten Bildungskollektivs und des Datenkollektivs darüber, wie das funktionieren kann und an welche Grenzen die Kollektivist@s stoßen.

Bau-, Daten-, Bildungskollektiv – wie sehen denn eure privaten Rechner, Bildungserfahrungen und Häuser aus?

Dattel Datenkollektiv: Privat nutzen wir das, was wir sonst auch empfehlen: Solide, gebrauchte Hardware zumeist mit Debian Linux als Betriebssystem. Daneben gibt’s in unseren Reihen auch eine Spielernatur, die sozusagen auch immer mal auf der dunklen Seite – also im Microsoft-Universum – unterwegs ist. Daneben gilt unser Interesse auch Kleinrechnern: dem Raspberry Pi als Multimediaplayer, dem WLAN Router mit alternativer Firmware als Freifunk-Knoten, dem mit Rockbox getunten MP3-Spieler.

Conifere Contrust: Unterschiedlich. Tendenziell Thinkpad mit Linux und Verschlüsselung.

Birne Biko: Gibt‘s bei uns auch. Und was Bildung angeht, haben alle jüngeren bei uns studiert und sind auch teilweise noch an der Uni. Einen bildungsbürgerlichen Familienhintergrund haben aber nur wenige von uns.

Conifere: Bei uns sind Studierte dabei, die aber auch mit den Händen arbeiten möchten. Die optimale Form wäre, beides zu kombinieren, aber im Moment beschränkt sich die geistige Arbeit bei uns auf Buchhaltung und anderen Bürokram. Und wir wohnen ganz verschieden. Einige leben zusammen in einem Hausprojekt, andere sind gerade auf der Suche nach einem Haus, dass man kollektivieren kann, manche leben auf dem Wagenplatz oder in einer normalen Mietswohnung.

Die Lirabelle arbeitet mit einer halboffenen Redaktion, die im Konsens entscheidet. Wie seit Ihr organisiert?

Conifere: Wir sind ca. 20 Aktive und nochmal soviele Interessierte. Wir organisieren uns bei regelmäßigen Treffen und über ein Internetforum. Wir entscheiden auch im Konsens. Auf einen klassischen Betrieb mit einem hierarchischen Aufbau von oben nach unten haben wir keinen Bock.

Birne: Wir haben einen eingetragenen Verein, weil man den braucht, um bestimmte Anträge stellen zu können. In der Satzung steht, dass wir im Konsens entscheiden. Aber wichtiger als die Rechtsform ist das Biko als Gruppe. Wir treffen uns alle zwei Wochen zum Plenum. Dort entscheiden wir, welche Veranstaltungen und Aktionen wir planen, wer Inhalte erarbeitet, Anträge schreibt, Abrechnungen macht usw. Wir sind in der Kerngruppe momentan sieben Menschen, dazu ein Umfeld. Auch wir entscheiden im Konsens. Grundsätzlich wollen wir gerne vieles kollektiv machen, oft gelingt es uns aber nur, dass wir im Plenum rücksprechen, was die einzelnen gerade machen. Zwei von uns haben gerade eine unsichere und schlecht bezahlte Stelle beim Verein.

Dattel: Wir haben lange über die Frage der Rechtsform nachgedacht und haben dann vorerst eine simple Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet. An mancher Stelle hat sich das als suboptimal herausgestellt – aber andererseits haben wir auf diese Weise auch allerhand geschafft. Entscheidungen treffen wir bei unseren wöchentlichen Zusammenkünften oder auf Zuruf. Da wir im Moment nur zu dritt sind ist das auch ok so.

Conifere: Jede Rechtsform hat Vor- und Nachteile. Ein Verein ist aufgrund der einfachen Auflösbarkeit wenig angesehen bei Banken. Eine GbR hat keine Haftungsbeschränkung. Eine Genossenschaft kommt unserer Vorstellung am nächsten. Allerdings erfordert das einen hohen Verwaltungsaufwand. Nach unseren Recherchen gibt es in Deutschland keine Rechtsform in der mensch sich ohne großen Verwaltungsapparat gleichberechtigt und frei organisieren kann.

Ist so ein Kollektiv auch über die Arbeit hinaus ein sozialer Zusammenhang?

Conifere: Na klar. Einige von uns kennen sich schon sehr lange, wohnen zusammen und fahren auch zusammen in Urlaub oder auf Anti-Nazi-Proteste.

Dattel: Wir feiern zusammen und sind teils auch noch in anderen Zusammenhängen gemeinsam aktiv. Urlaub machen wir nicht zusammen, auch weil immer wer schauen muss, dass die Systeme rund laufen, Sicherheitsupdates eingespielt und zumindest die dringendsten Anliegen bearbeitet werden.

Birne: Wir gehen in unregelmäßigen Abständen zusammen essen und machen ein oder zweimal im Jahr eine längere Klausur, die wir mit einem gemeinsamen Ausflug verbinden.

Wie geht ihr damit um, dass Leute unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen oder Kenntnisse haben? Gibt es dann am Ende doch die Leute, die den Ton angeben oder zumindest mehr zu sagen haben als andere?

Birne: Unsere Gründungsgeschichte ist zum Teil, dass wir uns selbst gegenseitig bilden wollten. Aus einem Bewegungshintergrund. Insofern haben wir einen starken Anspruch, Wissen untereinander zu teilen. Praktiziert wird das, indem wir z. B. Veranstaltungskonzepte weitergegeben und überarbeiten, uns gegenseitig bei der Planung und Antragstellung unterstützen, den Praktikant_innen immer zwei Leute zur Seite stellen, die inhaltlich und sozial helfen sollen, im Kollektiv klar zu kommen. Es ist aber nicht immer leicht, den Anspruch zu erfüllen.

Conifere: Wissenshierarchien wird es immer geben. Wir versuchen voneinander zu lernen, indem wir Workshops machen und Aufgaben rotieren lassen.

Dattel: Was das angeht, ist gerade IT ein schwieriges Feld, weil es voraussetzungsreich ist und die Bereiche so vielfältig sind, dass nicht alles Wissen leicht geteilt werden kann. Wir arbeiten mit unterschiedlicher Intensität an verschiedenen Projekten, entsprechend unterschiedlich ist der Einfluss aufs Ganze. Konflikte gibt’s eher um Arbeitsweisen als um die inhaltliche Ausrichtung unserer Arbeit.

Birne: Wer beim Plenum Dinge entscheiden kann, ist schon eine heikle Frage. Da gibt es bestimmt informelle Hierarchien und sei es nur darüber, wer wie hartnäckig argumentiert. Gerade für neue Mitstreiter_innen sind die Plena oft schwer zu durchschauen, auch weil wir oft eine lange Tagesordnung und eingespielte Routinen haben. Aber wir versuchen da wie gesagt aktiv gegenzusteuern.

Hat das auch mit Geschlechterverhältnissen zu tun?

Birne: Sicherlich. Obwohl wir inhaltlich klar feministisch ausgerichtet sind, ist es leider so, dass diejenigen, die nach einem Praktikum oder Projekt auf Dauer beim Biko geblieben sind, fast immer Männer waren. Da hätten wir besser von Anfang an aktiv gegengesteuert.

Conifere: Wir sind sehr gut aufgestellt, was die Geschlechterverteilung anbelangt. Bei der aktuellen Baustelle arbeiten von 13 Leuten 8 Frauen und LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender). Es wurde beim Anwachsen des Kollektivs immer darauf geachtet, dass möglichst viele Frauen eingeladen werden, da im handwerklichen Bereich schnell ein extremes Ungleichgewicht entstehen kann.

Ihr organisiert euch rund um eine wirtschaftliche Tätigkeit. Was bedeutet das für eure Arbeit und für die Leute, die bei euch arbeiten?

Birne: Wir haben einen Honorarsatz für Veranstaltungen, den wir regelmäßig diskutieren. Diejenigen von uns, die über genügend Einkommen verfügen, spenden an den Verein, was uns in geringem Maße erlaubt, umzuverteilen. Das passiert aber anlassbezogen und ohne langfristige Planung. Viel organisatorische Arbeit im Hintergrund findet unentlohnt statt und man darf nicht vergessen, dass die meisten von uns nicht vom Biko leben.

Conifere: Wir wollen sowohl Bauarbeit als auch Planung bezahlen. Fahrtkosten legen wir um. Die Diskussion über eine interne Umverteilung nach individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen ist noch im Gange. Auf lange Sicht wollen zumindest einige von uns vom Bauen leben.

Birne: Darüber diskutieren wir oft. Einerseits wäre es schön, von der Bildung leben zu können, andererseits schätzen wir das Biko gerade als Struktur, wo man eben nicht die Inhalte dem anpassen muss, was gerade gefördert wird.

Dattel: Wir können und wollen nicht alles, was wir tun, monetär bewerten. Das ist ja gerade der Freiheitsgrad gegenüber vielen anderen Jobs. Wir haben jahrelang digitale Infrastruktur in unserer Freizeit gepflegt, sind da an Grenzen gestoßen und haben uns bewusst für Professionalisierung entschieden. Unser erklärtes Ziel ist es, von unseren Einnahmen leben zu können. Dazu verteilen wir intern um und orientieren uns dabei daran, wer wie stark auf das Geld angewiesen ist. Vom „davon leben“ sind wir leider noch ziemlich weit entfernt. Das liegt aber nicht nur an unserer „Kundschaft“ sondern auch an uns. Scheinbar ist unsere Beziehung zum Geld einfach nicht eng genug.

Conifere: Man muss andersherum auch sagen, dass die Arbeit in hierarchischen und profitorientierten Strukturen auch den Spaß an der Tätigkeit verdirbt. Manche von uns wollen gar nicht groß Geld machen und arbeiten von Vornherein nur, wenn ihnen die Umstände und die Tätigkeiten zusagen. Das ist natürlich nur möglich, wenn man sich die Jobs aussuchen kann. Das können längst nicht alle von uns. Am liebsten wollen wir möglichst viel für tolle und politische Projekte bauen, gerne auch ökologisch und vor allem ohne Hierarchien, Macker und Sexisten.

Und was würdet ihr nicht machen?

Birne: Wir wurden mal direkt angefragt, ob wir uns an einem großen Förderprogramm gegen Extremismus beteiligen. Das haben wir aus inhaltlichen Gründen abgelehnt. Wir haben mal eine Weile Schulsozialarbeit gemacht, das haben wir irgendwann eingestellt, weil wir fanden, dass man in einem derart durch Zwang geprägten Rahmen keine emanzipatorische Bildung machen kann. Aber diese Entscheidungen hatten insofern ihren Preis, als dass Leute, die ihren Lebensunterhalt mit Bildung bestreiten wollen, nicht beim Biko bleiben konnten.

Dattel: Richtig scheiße Sachen machen wir nicht. Über die Grenzen unseres Treibens haben wir auch gesprochen. Allerdings sind wir grade schon am Schauen, wo Geld zu verdienen ist – und das ist leider eher selten bei den Projekten der Fall, die uns echte Herzensanliegen sind.

Und was ist euer Beitrag zur Weltrevolution?

Birne: Wir hoffen, in unserer Position zwischen Bildung und Bewegung einen kleinen Beitrag zur Stärkung sozialer Bewegungen zu leisten. Indem wir uns selbst als Akteure in diesen Bewegungen verstehen und vielleicht irgendwann gemeinsam handlungsfähig werden.

Dattel: Wir sind eher skeptisch, ob kollektiv organisierte Betriebe das kapitalistische Prinzip außer Kraft setzen können. Im besten Fall können sie durch ihre Praxis kleine Inseln bilden, in denen sich eine ökonomisch andere Denkweise vorbereiten und einüben kann. Was das inhaltliche betrifft: Abgesehen von der Frage ob eine emanzipatoriche nicht-kapitalistische Transformation mit einer Weltrevolution einhergehen muss, ist die dezentrale, autonome und freie Kommunikation ein zwingender Grundstein einer jeden emanzipatorischen Bewegung. Dazu zählt unsere Arbeit mit quelloffener Software genauso wie die Aufklärung unserer Nutzerinnen oder die interne Arbeitsweise ohne hierarchische Strukturen.

Conifere: Unsere Utopie ist, dass immer mehr miteinander vernetzte Kollektive eine alternative Infrastruktur bilden, die unser aller Bedürfnisse erfüllt und letztlich kapitalistische Strukturen überflüssig werden läßt. Gleichzeitig ist natürlich klar, dass wir von diesem Kacksystem profitieren und zu den Profiteuren gehören und darin agieren – es also mit jedem Tag der Lohnarbeit und des Konsums stützen. Mist!

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