Monatsarchiv: August 2016

Lirabelle #13

Lirabelle#13

Liebe Leser*innen,

passend zum Beginn des für dieses Jahr verspäteten Sommers kommt die Sommerausgabe der Lirabelle, nachdem wir Gewitter, Dauerregen und grauen Himmel überstanden haben. Nicht, dass wir etwas gegen nass triefende Deutschlandfähnchen und betröpelt aussehende Leute hätten, die sich als Deutschland verkleiden, doch nichtsdestotrotz fetzt Sonnenschein ohne Gewitter und Unwetter schon auch. So aber bleibt mehr Zeit und Muße für die genüssliche Lektüre der Lirabelle No. 13.
Für diese Ausgabe haben wir uns bemüht mehr kulturelle Beiträge einzufangen, trotz der jämmerlichen Realität. Die Lokalzeitungen der letzten Wochen melden: Rassismus in Thüringen verdoppelt, aktuell sind 441 Nazis weggekommen (meint, sie sind untergetaucht und entziehen sich einem Haftbefehl), zum Tag der Bundeswehr in Erfurt ein großes Familienfest mit Klettern auf Kriegsgerät unter dem schnittigen Motto „Panzer statt Riesenrad“ auf dem Domplatz…
Ach, zum Kotzen. Jedoch bringt es auch nix, jammernd zuhause zu sitzen. Raus auf die Straße bringt dann doch was – nämlich Neues zu Tage: Bodo Ramelow unterstützt ungewollt die AfD, die sich eh immer als Opfer fühlt, und vergleicht antifaschistischen Protest mit Nazi-Methoden. Mehr dazu im Artikel „Querfront gegen die Antifa“. Wer trotzdem noch antifaschistisch bleiben will, sollte sich schon jetzt mit der eigenen Karriereplanung auseinandersetzen, einen passenden Artikel findet ihr in dieser Ausgabe. Im Interview zeigt eine Sozialarbeiterin die Widersprüche und Widrigkeiten des Tätigseins in einer Geflüchtetenunterkunft auf: „Gut organisiert war nur die Registrierung“. Eine Möglichkeit anders zu wirtschaften, können Kollektive sein. Das Interview „Bildet Banden!“ zeigt Perspektiven von Kollektivbetrieben. Weiterhin findet ihr einen Artikel zum Prokrastinieren „Einen Titel hab‘ ich noch nicht.“, zu Essen das „Manifest der Roten Völlerei“, zu Sciencefiction „Ein Raumschiff voll Kritik“ und Thüringenpunk berichtet uns exklusiv über einen Ausflug ins Thüringische Niemandsland und was ihnen in Altenburg begegnete. Das Bild im Mittelteil zeigt eine Transparentaktion anlässliche des 1. Mai 2016 in der Erfurter Raiffeisenstraße. Vielen Dank an Lionel C. Bendtner für die Aufnahme!
In dieser dreizehnten Ausgabe ist einiges anders: Die Aluhut-Chroniken setzen aus, um der drohenden „13“ zu entkommen. Die Rubrik „Mitmachen und Vernetzen“ wird derzeit überarbeitet. Wir hatten die Idee, mit dieser Ausgabe mehr zur Zerstreuung und zum Müßiggang beizutragen. Wie immer freuen wir uns über Rückmeldungen und Artikel, gern auch in Reaktion auf schon Bestehende. Meckert weniger im Stillen, schreibt mehr Beiträge!
Mit diesem elterlichen Appell viel Freude beim Lesen und Anschauen und einen schönen Sommer,

das Redaktionskollektiv der Lirabelle

  • News
  • Querfront gegen die Antifa
    In Thüringen bildete sich in Auseinandersetzung um eine antifaschistische Demonstration eine so nie dagewesene Querfront von „Linken“ und Protofaschisten gegen die Antifa. Der Anführer dieser unheiligen Allianz? Bodo Ramelow. Ein Bericht von Ox Y. Moron.
  • „Gut organisiert war nur die Registrierung“
    Die Lage von Geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften zeigt auf besonders erschreckende Weise die Krise der Reproduktion: Gegessen wird, was vom Amt kommt. Bei Krankheit muss man darauf hoffen, dass ein Arzt im Lager ist. Privatsphäre gibt es keine. Im Lager werden selbst die grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse nicht erfüllt und die Menschen darüber hinaus von den Möglichkeiten der Selbstsorge abgeschnitten. Karl Meyerbeer hat für das Thüringer Netzwerk Care-Revolution mit Katrin gesprochen, die als Flüchtlingssozialarbeiterin arbeitet.
  • Zur Lage in Idomeni und an Europas Außengrenzen
    … wurde und wird schon (zu?) viel von allerlei (mir) fremden Medien und Aktivist*innen gesagt, geschrieben, erklärt, kommentiert, bewertet und analysiert. X fehlen die Worte. Daher schickt sie folgende Bild-Nachrichten von den Menschen aus dem inzwischen geräumten Camp von Idomeni.
  • Interview: Bildet Banden!
    Kollektivbetriebe versuchen, innerhalb des kapitalistischen Rahmens anders zu wirtschaften. Die Lirabelle sprach mit Mitgliedern des Baustellenkollektiv Contrust, des sogenannten Bildungskollektivs und des Datenkollektivs darüber, wie das funktionieren kann und an welche Grenzen die Kollektivist@s stoßen.
  • Ein Plädoyer für‘s Rauchen
    Nicht selten müssen sich Raucher für ihr Laster rechtfertigen. Rauchen sei schließlich gesundheitsgefährdend und irrational. Doch genau darin liegt ein widerständiges Moment, meint Dori. Die Autorin raucht gerne, viel, gerne viel und (nicht nur) überall da, wo es noch erlaubt ist.
  • Rezension: Herzl Reloaded
    Jeder & Jede, der oder die sich mit Israel in irgendeiner Form beschäftigt, hat wahrscheinlich seinen Namen schon einmal gehört bzw. gelesen: Theodor Herzl. Das wohl berühmteste politische Manifest zur Gründung Israels, Der Judenstaat, erschien 1896 als Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, wie es im Untertitel auch heißt. Es dauerte indes gut 50 weitere Jahre bis Israel gegründet wurde. Herzl war allerdings nicht genuin Politiker, sondern Literat und so verwundert es nicht, dass sein Roman Altneuland die Vision des Judenstaates versuchte, konkret auszumalen. 2016 ließen Natan Sznaider und Doron Rabinovici nun ihre Reflexion über Herzls vermeintlich verwirklichten Traum beim Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag herausgeben. Max Unkraut, aktives Mitglied der Sozialistischen Jugend – Die Falken, rezensiert in Folgendem den Titel Herzl reloaded.
  • Testbericht: Engagement und Karriere
    Die außerparlamentarische Linke ist einer der führenden Anbieter zeitgemäß präsentierter Inhalte mit Standorten in mehr als 74 Ländern. Als Vorbereitung für das Berufsleben bietet sie attraktive Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen und wichtige Kompetenzen zu erlernen. Der Rat, sich für Karrierezwecke z.B. beim Flüchtlingsrat zu engagieren (Lirabelle 12), ist insofern richtig. Aber Engagement muss wohlüberlegt sein. Wer sich zu früh festlegt, landet schnell auf einer mittelmäßig entlohnten und zudem unsicheren Projektstelle. Außerdem bieten auch die Autonomen, die Antifa oder der marxistische Lesekreis Karrierechancen. Gerade eine Kombination verschiedener Tätigkeiten kann zu einem exzellentes Sprungbrett werden. Um bei der Auswahl zu helfen, berichtet Lasse Hirsch von einem Kamingespräch mit der Personalabteilung der Radikalen Linken.
  • Prokrastinieren: Einen Titel hab‘ ich noch nicht
    Sicherlich haben viele Unentschlossene bereits einmal mit dem Gedanken gespielt, einen Text in der Lirabelle oder etwaigen anderen Publikationen zu veröffentlichen und sich letztlich doch dagegen entschieden, weil man sich das nicht zutraut, nicht weiß, worüber man schreiben soll oder schlichtweg gerade keine Zeit dafür hat. Doch auch wenn man ein Thema, den nötigen Mut und ein bisschen Zeit hat, fällt der Anfang oft schwer. T.b.a. zeigt aus eigener Perspektive, wie das aussehen kann.
  • Ein Raumschiff voller Kritik
    Science Fiction zeigt die Welt, so wie sie sein könnte. Oder? Pascal Späth und Karl Meyerbeer über ein Genre, das als Kleine-Jungs-Traum von heldenhaften Heldenmännern, glitzernden Superraumschiffen und bösartigen außerirdischen Monstern begann.
  • Manifest der Roten Völlerei
    Einmal im Monat findet im [kany], dem Ladenlokal der Falken Erfurt, die Rote Völlerei statt. Was sich dahinter verbirgt, könnt ihr im Folgenden nachlesen. Außerdem gibt es einen kurzen Einblick in die Speisekarte mit einem Rezept unter dem Motto Sommer, Sozalismus, Schweinebauchbraten.
  • Punk in der Thüringer Provinz – Teil 1: Altenburg und Rote Zora
    Auf dem Weg durch die Thüringer Provinz machen die Leute von Thüringenpunk Beobachtungen und Erfahrungen, die sie für die Leser*innenschaft der Lirabelle erstmalig zugänglich machen. Ihr findet hier eine gekürzte Version des Berichts über Altenburg und die Rote Zora. Punk in der Thüringer Provinz – Teil 1.

Wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen

Auf dem Weg durch die Thüringer Provinz machen die Leute von Thüringenpunk Beobachtungen und Erfahrungen, die sie für die Leser*innenschaft der Lirabelle erstmalig zugänglich machen. Ihr findet hier eine gekürzte Version des Berichts über Altenburg und die Rote Zora. Punk in der Thüringer Provinz – Teil 1. Eine ausführlichere Version des Textes gibt es auf thueringenpunk.blogsport.de

Es ist Winter 2015 in einer Ostthüringer Kleinstadt mit rund 33.000 Einwohnern. Zwischen einem alten Schloss und den Häusern, aus einer Zeit in der die Stadt Altenburg einmal von überregionaler Bedeutung war, ist es kalt und nass. Die Stadt wirkt nachts ausgestorben und alles andere als freundlich. In einer dieser kalten Altenburger Nächte im Dezember treffen sich zwei Männer aus der Stadt und ziehen grölend vor eine Flüchtlingsunterkunft und rufen rassistische Parolen. Einer der beiden geht in den Hauseingang und zündet zwei Kinderwagen an. Bei dem Brandanschlag werden neun Bewohner der Flüchtlingsunterkunft verletzt. Einige Tage zuvor demonstrierte ThüGIDA mit mehreren hundert Teilnehmern durch die Ostthüringische Stadt. Wenn Altenburg heute überregional in den Schlagzeilen ist, dann durch solche Ereignisse. Über Jahre hinweg entwickelte sich in Altenburg eine Neonazisszene, die von diversen Rechtsrock- und NS-Hardcorebands, über rassistische Massenmobilisierung bis hin zu bürgerlich-faschistischen Vereinen zur Geschichtsumdeutung reicht. Doch neben dieser hat sich eine kleine, außerhalb der Stadt wenig wahrgenommene, antifaschistische Subkultur entwickelt. Wir wollten sie kennenlernen und brachen auf.

Zwischen Punkrock, DIY und „Rassistenflut“

Es ist nicht leicht Menschen in und um Altenburg zu finden, die die Lage vor Ort beschreiben können. Denn, wie auch in vielen anderen Teilen Thüringens, zieht es viele junge Antifaschisten in die größeren Städte und Szenekieze. Wer Altenburg mal besucht hat, wird wissen, wie sehr einem die Perspektivlosigkeit in der kleinstädtischen Ödnis entgegenschlägt. Dennoch gibt es sie, die paar Leute vor Ort, die immer wieder subkulturelle und antifaschistische Akzente setzen. Die ‚True Hearted Crew‘ aus Altenburg und mittlerweile Leipzig organisiert in der Roten Zora Altenburg Hardcore- und Punkrock-Shows. Wir haben uns mit Markus unterhalten. Er ist Teil der Gruppe, die sich aus drei jungen Leuten zusammensetzt und die, wie er erzählt, über Punk und Hardcore sozialisiert und politisiert worden sind. Aufgrund des provinziellen Mangels an guten Konzerten, entstand der Wunsch, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Doch wie es zum Kleinstadtpunkdasein gehört, weiß keiner so genau wo und wie. Echte Alternativen zum Karnevalsverein und Kirchenchor gibt es kaum. „Darum wollten wir für alle aus der Gegend einen Raum schaffen, in dem sie sich wohlfühlen und eine gute Zeit haben können. Solch‘ einen alternativen Freiraum hat die Region leider überhaupt nicht zu bieten, weshalb die Jugend hauptsächlich in lokale Diskos rennt“, erklärt Markus in Hinblick auf die Situation der letzten Jahre und auch, dass es ihnen wichtig war „einen Ort für Antifaschist*innen [zu] schaffen, in dem Unterdrückungsstrukturen wie Sexismus, Trans*phobie und Homophobie keinen Platz haben, in dem jede*r sich so ausleben kann, wie sie*er sich wohlfühlt.“ Keine leichte Nummer, wenn man sich die Lage vor Ort ansieht. Die Subkultur ist hier nicht wie in vielen anderen Städten größtenteils ‚links-alternativ‘, sondern völkisch-nationalistisch. Die Stadt Altenburg gilt schon seit Jahren als Hochburg des NS-Hardcore mit eigenem Label und Vertrieb und diversen international beliebten Szenegrößen. Bands wie ‚Moshpit‘ oder ‚Brainwash‘ sind dort jedem ein Begriff, der sich mit Hardcore oder Punk auseinandersetzt. Umso wichtiger ist es für Markus und die lokalen Antifaschisten, eine Alternative zu ermöglichen.

Aber hier leben? Nein, danke.

Doch genau da beginnen die ersten Probleme. Der Großteil der Konzertgruppe lebt mittlerweile in den nächsten größeren Städten, zu denen auch Leipzig mit seinem Szenekiez Connewitz gehört. Während in Leipzig kleine Shows mit unbekannten Bands meist eine volle Hütte bescheren, stehen die Bands in der Provinz meist denselben 15 – 20 Punks gegenüber, die im lokalen Jugendclub schon zum Inventar gehören. „Es ist egal, wie geil – natürlich ist das subjektiv – die Band ist oder wie politisch engagiert die Mitglieder sind, du brauchst immer einen ‚Headliner‘. Vor diesem Problem standen wir auch immer öfter, da unser Anspruch ist, lieber kleine unbekannte und/oder tourende Bands zu unterstützen, die häufig wesentlich mehr Message haben, als bekanntere Bands.“ Oftmals muss aus eigener Tasche draufgezahlt werden, damit die Bands versorgt und etwas Spritgeld bekommen, denn für ein paar unbekannte Bands bewegt sich kaum noch jemand in die Provinz und schon gar nicht nach Altenburg. So kam es dann auch, dass neben den Shows in der Roten Zora, auch in Leipzig Konzerte organisiert wurden, um z.B. Flüchtlinge in der Region um Altenburg zu supporten. Da Städte wie Jena oder Leipzig nicht weit entfernt sind, liegt eine Unterstützung von dort Richtung Provinz nahe, doch dem ist nicht so: „Gerade auf Demos sieht mensch eigentlich bloß Menschen, die auch in der Stadt wohnen. Eine überregionale Unterstützung von Antifa-Gruppen bleibt dabei leider völlig aus. Darum sind die Demos immer sehr bürgerlich und schlecht besucht, ich denke mit gegenseitiger Unterstützung wäre auf der ein oder anderen Demo mehr drin“, sagt Markus mit dem Verweis auf die Gegenproteste zu ThüGIDA und rassistische Bürgerinitiativen, die in der Stadt mehrere Hundert bis 2000 Menschen auf die Straße bringen konnten. Auch für eine kontinuierliche antifaschistische Arbeit sieht es vor Ort schlecht aus und bedarf einer weiteren Zusammenarbeit. Selbst in Städten wie Gera und Glauchau, wie er uns erklärt, gibt es linke Räume, die aber nur regional Akzente setzen können und selbst mit Problemen zu kämpfen haben. Angriffe gegen Antifaschisten und ihre Strukturen von Nazis und Staat sind dabei in Gera, Glauchau und Altenburg genauso ein Thema wie in anderen Städten, nur bekommt es außerhalb kaum jemand mit. Die Leute fühlen sich irgendwann allein gelassen und sind frustriert. Um der rassistischen Stimmung in der Gesellschaft und konkret in der Region entgegenzuwirken, sieht auch Markus erstmal nur den Schritt zum Aufbau lokaler und regionaler Strukturen und deren Vernetzung. Die Stimmung während des Gesprächs ist etwas niedergeschlagen.

Frust und Einsamkeit in der Provinz

Beim Blick durch die aufpolierte Altenburger Innenstadt fallen hier und da Nazisticker auf. Wir gönnen uns eine kleine Pause und gehen in einen Supermarkt. Davor sitzen fünf bis sechs Jugendliche. Vielleicht zwischen 13 und 16 Jahre alt im Thor Steinar-Look und trinken Bier. Ein kurzer irritierter Blick von uns; doch sowas scheint hier Alltag zu sein.
ThüGIDA heizt mit Ablegern in Form von Bürgerinitiativen in jeder kleinen Stadt im Altenburger Land mit rassistischer Hetze die Stimmung an. Das ‚Bürgerforum Altenburger Land‘ organisiert eine Ausstellung zur 2000jährigen Leidensgeschichte des deutschen Volkes, in der die Deutschen als Opfer diverser Großmächte und Katastrophen dargestellt werden, während die lokale Neonaziszene vor einigen Jahren den Sampler „Altenburg rockt das Reich“ veröffentlichte, auf dem nur Bands aus der Region vertreten waren. In jüngster Vergangenheit folgten Übergriffe und Anschläge auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte.
Wer jetzt empört in seiner Studistadt oder seinem Szenekiez nach antifaschistischer Gegenwehr fragt, wird enttäuscht. Markus antwortet mit einem Kopfschütteln und stellt nüchtern fest „Momentan betreiben wir vor Ort lediglich Feuerwehrpolitik.“ Dennoch gibt es eine positive Entwicklung in Form kleiner Schritte in die richtige Richtung. „Im Zuge der ThüGIDA Demos in der Region sind hier in der Gegend Menschen aus sehr unterschiedlichen Spektren zusammengekommen, um dem etwas entgegenzusetzen und auch für längerer Zeit politische Arbeit zu betreiben. Da wir uns als Teil der radikalen Linken sehen, ist es teilweise schwierig in größeren Bündnissen zusammenzukommen und vor allem einen Konsens zu finden, der dem eigenem politischen Profil gerecht wird, ist meiner Meinung nach sehr schwierig.“

Die Rote Zora und ihre Bande – Blick zurück

Einige Tage nach dem Besuch in der Region erhalten wir Kontakt zu Rico aus Altenburg. Die Empfehlung für ein Gespräch haben wir von Markus, der uns für Fragen über die Rote Zora an den Sozialarbeiter verwiesen hat. Beim ersten Anruf schien dem Streetworker noch nicht ganz klar, wer da Fragen zur Roten Zora hat und warum. Doch der seit 1999 in der Zora Aktive bleibt der Sache aufgeschlossen und wenig später beginnt ein kleines Interview am Telefon. Auf die Frage, wie es denn aktuell in der Zora aussieht, erklärt Rico ohne Umschweife: „Die Rote Zora gibt es nicht mehr.“ Von 1991 existierte der Jugendclub unter dem Namen ‚Rote Zora‘ bis 2014. Dann war unter diesem Label Schluss, weil die Besucherzahlen unter den Jugendlichen zurückgegangen waren. Das Gebäude existiert noch, es beherbergt nun eine ‚Kontaktstelle mobile Jugendarbeit‘. Im Allgemeinen ist das Projekt seitdem geschrumpft. Das Jugendcafé sowie Bandproberäume existieren noch, Ricos Arbeitsstelle als Streetworker ebenfalls. Noch im Jahr 2013 hatten die Aktiven aus der Zora die Kampagne ‚Rote Zora bleibt‘ mit einer Website, Petition und diversen Aktionen ins Leben gerufen. Genützt hat es für den Erhalt des Projekts in gewünschter Form nicht. Noch etwas irritiert darüber wollten wir wissen, ob die Stadt diese Entwicklung aufgrund von Sparmaßnahmen erzwingen wollte. Er sieht in der Maßnahme eher eine ‚Neuorientierung‘ der Stadt. Schließlich gab es 24 Jahre lang die ‚Rote Zora‘, die seitdem ein Anlaufpunkt für Punks und antifaschistische Jugendliche war. Am Anfang erstreckte sich das Projekt nur über eine Etage, deshalb der erste Name ‚Sozialetage‘. Wie Rico erklärt, wurde der Name schon Anfang der 90er Jahre als langweilig empfunden. Die damals aktiven Punks waren wohl von Kurt Helds Roman „Die rote Zora und ihre Bande“ begeistert und der Name setzte sich durch. „Schließlich haben die im Buch ja auch immer Gutes getan, dass hat zu unserem Anspruch ganz gut gepasst“, erinnert sich Rico. Über viele Jahre haben lokale Vereine und Gruppen Konzerte organisiert und unbekannte wie bekannte Punk-, Crust- oder Hardcore-Bands spielten in den 2000er Jahren nicht gerade selten in der Roten Zora.

Die 90er sind vorbei – die Situation heute

Wie wir alle wissen, sind die fetten Jahre des Punk schon etwas länger vorbei, in der Zora finden nur noch punktuell Konzerte statt. „Wenn es sich ergibt und es passt, laufen noch Konzerte“, sagt Rico. Der „harte Kern“ besteht aus jungen und älteren Leuten, erklärt er. Das seien auch die, die sich antifaschistisch und antirassistisch engagieren, z.B. Nazipropaganda entfernen oder auch mal Sitzblockaden bei Naziaufmärschen versuchen. Er selbst hält sich bei so etwas zurück und ist in einem anderweitigen Auftrag auf der Straße unterwegs. Drogensucht und Obdachlosigkeit gerade unter jungen Leuten sind in Altenburg Thema. Anfang 2015 hat ein Graffiti-Writer an die ehemalige Zora „Altenburg Crystel City“ gesprüht. Dieses Bild machte im Internet die Runde und sorgte für einen kleinen Skandal, aber auch zu einer öffentlichen Thematisierung des Problems. „Viele, mit denen ich auf der Straße zu tun habe, sind mit anderen Problemen beschäftigt. Die interessieren sich nicht für Politik oder die fremdenfeindlichen Aufmärsche in der Stadt. Da geht es um Sucht, Drogen und Alkohol oder darum keine Wohnung zu haben.“ Doch für Rico und die Leute in der ehemaligen Zora ist und bleibt die Auseinandersetzung mit Neonazis Thema. „Bei uns findet hauptsächlich Aufklärung statt, auch in Bezug auf aktuelle Anlässe“, erklärt er auf die Frage, wie es mit der Neonaziproblematik in Altenburg ausschaut. An der Zora, so die Erinnerungen, gab es nur selten Stress mit Neonazis. „Ab und zu einer, der mit komischen Klamotten auf ein Konzert wollte oder gepöbelt hat, aber das war in der Masse nie das Problem.“ Mit größerer Sorge betrachtet er, wie auch Markus, die Entwicklungen um das ‚Bürgerforum Altenburger Land‘: „Erst heute Abend machen die in Altenburg-Kosma eine Veranstaltung mit dem Titel ‚Freiheit für Deutschland! Stoppt die türkische Kanzlerin‘.“ Dazu schickte uns Rico ein Bild der Veranstaltungsanzeige im lokalen Wochenblatt. Organisiert wird diese von der rechten Zeitschrift ‚Compact‘, als Redner tritt u.a. deren Chefredakteur Jürgen Elsässer auf. Über das Bürgerforum weiß Rico zu berichten, dass sie sich nicht offen als Rechte oder Faschisten zu erkennen geben. Sie treten bürgerlich auf, „verstecken sich“, erzählt er. Weiterhin macht ihm, wie auch Markus berichtete, die Entwicklung um ThüGIDA Sorge. Rico selbst organisierte einen der Gegenproteste im vergangenen Jahr. Rund 600 Menschen sind an dem Abend gegen die Rassisten auf die Straße gegangen. „Das haben wir selbst geschafft, ohne große Hilfe von außen“, berichtet er stolz und fügt hinzu, „Diese ganze Geschichte mit Bussen in die Provinz, dass ist ja schön und gut, aber bringt nur punktuell etwas.“ Er selbst möchte sich zwar nicht in ein breites Bündnis einfügen, fand es aber gut, dass sich vom Theater über Kulturvereine und Lokalpolitik viele Menschen gegen ThüGIDA zusammenschlossen. Auch ist er stolz auf den aktuellen Support für Flüchtlinge in der Region und sieht nicht ganz so schwarz, wie unser Eindruck ist. Dennoch gibt es zu viele, die an den Rechtspopulismus glauben und bei den Rassisten mitlaufen. Dazu resümiert er kurz und knapp: „Das nervt.“

Zurück in die Zukunft – ein Ausblick

Auf die Frage, wie der Blick in die Zukunft aussieht, antwortet Rico trocken: „Besorgniserregend… und das in jedweder Richtung. In Sachen Rassismus gehen die Leute wie vom Bürgerforum hier sehr geschickt vor und zur Zeit ist es verdächtig ruhig.“ Die Nachwuchsarbeit auf der antifaschistischen Seite sieht er nur mit kleinen Erfolgen bedacht, denn auch hier sei das Problem, dass weg geht, wer es sich leisten kann. Außerdem sieht er die Lokalpolitik in der Verantwortung, sie solle sich zeigen und gegen die rassistischen Aufmärsche und das Bürgerforum positionieren. Das Verantwortungsbewusstsein in der Region fehle, denn es ginge eher um Parteiengerangel, was den aktiven Leuten den Mut nähme. Die Ehrenamtlichen und Aktiven fühlen sich alleingelassen. Es kommt Frust auf. Genau da sieht Rico Handlungsbedarf.
Zuletzt empfiehlt er uns das „Paul Gustavo“-Haus, ein Kulturprojekt in der Innenstadt von Altenburg. Dort finden Lesungen, Theaterstücke oder auch Jazzkonzerte statt. Nun gut, nicht gerade das, was jetzt ‚Punkrock‘ ist, aber was ist das schon? Vielleicht ist in einer Stadt wie Altenburg schon jede Kulturveranstaltung Punkrock. Wir wissen es nicht.
Dass es Leute wie Rico, die Menschen um die ehemalige Rote Zora und die ‚True Hearted Crew‘ in Altenburg gibt, ist gerade für die wenigen Leute vor Ort wichtig. Nicht nur weil es einen Anlaufpunkt gibt, Aufklärung über Neonazis und ihre Strukturen sowie gute Konzerte, sondern auch damit sich diejenigen nicht alleine fühlen, die nichts mit dem Bürgerforum, Crystel Meth oder der Naziszene anfangen können. Wir hoffen auf weiteres Durchhaltevermögen der Leute in Altenburg trotz einer Umgebung voller Irrer und Menschenfeinden.
Auf in die Provinz am 10. September 2016, DEMO in GERA. (landarbeit.blogsport.de)

Manifest der Roten Völlerei

Einmal im Monat findet im [kany], dem Ladenlokal der Falken Erfurt, die Rote Völlerei statt. Was sich dahinter verbirgt, könnt ihr im Folgenden nachlesen. Außerdem gibt es einen kurzen Einblick in die Speisekarte.

Trotz der politischen Differenzen, die sich hinter den verschiedenen Begriffen wie VoKü, BeVoKü und Küfa verbergen, liegt ihnen doch immer das gleiche Konzept zu Grunde: eine Suppenküche. Vielen Menschen wird ein einfaches und billiges Gericht bereitet, das sie zusammen an einem Ort essen. In einer politisch großzügigen Interpretation spricht man davon, dass eine solche Suppenküche der Versuch sei, eine „kritische Masse zusammen zu bringen“1, was theoretisch so abstrakt, wie praktisch widerlegt ist, denn bei den regelmäßigen Terminen trifft man doch nicht die Arbeiterin aus dem Malzwerk, den Bankangestellten oder den Uniprofessor, sondern vielmehr die gleichen Genossinnen und Genossen wie jedes Mal. Doch sowohl in dieser politischen Perspektive, in der es um Mobilisierung geht, als auch im Konzept der Suppenküche, in dem eine billige Ernährung im Fokus steht, rückt das, was ein gemeinsames Essen sein könnte, in den Hintergrund.
Die herrschenden Verhältnisse lassen die meisten von uns nicht hungern. Die Frage, die daher gestellt werden muss, ist nicht länger diejenige, ob wir uns in diesem Land ernähren können, sondern wie – Stichwort ‚Reis mit Scheiß‘. Dabei ist ‚Reis mit Scheiß‘ nicht bloß ein VoKü/BeVoKü/Küfa-Phänomen. Auch im individuellen Alltag fressen wir (oft notgedrungen) viel Mist, denn eine genussvolle Ernährung ist eine Frage des Geldes, der Fähigkeiten und der Zeit. Diesem Elend versucht die Rote Völlerei zumindest partiell etwas entgegenzusetzen.
Rote Völlerei meint gemeinsames Kochen und Essen als Genuss sowie ein Fest und einen Ort der Begegnung. Wir kochen mit Konzept, ob saisonal oder länderspezifisch. Für das Geld, das man sonst für einen Dönerteller ausgibt, organisieren wir zusammen ein Dreigängemenü und bieten die Möglichkeit, neue Geschmäcker und Gerichte kennen zu lernen. Und wenn jemand doch einmal zu knapp bei Kasse ist, finden wir eine solidarische Lösung dafür.
Wir treffen uns in der Regel am ersten Freitag im Monat um 20 Uhr zum Essen, wobei vorher gemeinsam eingekauft und gekocht wird. Wer Zeit und Lust hat, kann gerne früher vorbeikommen und uns dabei unterstützen. Da es bei der Roten Völlerei schwierig ist, für eine unbestimmte Anzahl von Personen zu kochen, ist eine Voranmeldung bei Facebook notwendig.
Das jeweilige Menü und die ungefähren Kosten hierfür werden ebenfalls dort bekannt gegeben. Auch wer sich selbst oder gemeinsam mit anderen mit einer eigenen Rezeptidee einbringen möchte, kann sich melden.
Da wir mit unseren Gerichten die Wünsche und Bedürfnisse aller erfüllen möchten, gibt es bei uns sowohl Fleisch als auch vegetarisches und veganes Essen. Deshalb ist es wichtig, dass ihr bei eurer Anmeldung auch Bescheid gebt, wenn ihr vegetarisch oder vegan essen möchtet. Das Gleiche gilt auch für Lebensmittelallergien.

Um euch zum Schluss einen Einblick in unsere Speisekarte zu gewähren, fügen wir unten die Rezepte zu einem Dreigängemenü an. Die Kalkulation reicht für 6-8 Personen. Es steht unter dem Motto: Sommer, Sozialismus, Schweinebauchbraten

Feta-Wassermelonen Salat mit Minze und Rucola und Sesam-Honig-Dressing

  • 1 kg Wassermelone
  • 150g Feta
  • 1 Bund Minze
  • 1 Packung Rucola oder andere leicht nussige Salatsorten wie z.B. Eichblatt
  • ½ rote Zwiebel
  • ½ rote Chili
  • 2 Limetten
  • 20g frischer Ingwer
  • 2 El Honig
  • ½ Tl Sesamöl
  • 3 ½ Tl Olivenöl
  • 3 EL Sesamsaat
  • 1 Packung Joghurt
  • Salz

Wassermelone und Feta in mundgerechte Stücke schneiden und vermengen. Minze zupfen, rote Zwiebel klein schneiden, Rucola dazu geben. Rote Chili und Ingwer hacken und mit Saft einer Zitrone, Honig, Sesamöl, Olivenöl und Salz zu einem Dressing verrühren. Sesamsaat rösten (also ohne Öl), aber die Saat nicht schwarz werden lassen! Joghurt mit Minzststengel und Saft der anderen Limette pürieren. Zum Servieren den Salat mit Dressing anmachen und mit dem Joghurt garnieren.

Koreanischer Schweinebauch mit selbst gemachter saurer Gurke und Reis

  • 1,3 kg Schweinebauch
  • 3 Frühlingszwiebeln
  • 2 rote Chilis, 15g Ingwer, 3 Knoblauchzehen
  • 2 Tl Fünf-Gewürze-Pulver
  • 2 Stangen Zitronengras
  • 2 El Sojasauce
  • 2 El Sesamöl
  • 200ml Wasser
  • 2 El Reiswein oder trockenen Sherry
  • 1 ½ El Gochujang
  • 2 El Honig
  • 1 Gurke
  • 200 ml Weißweinessig
  • 1 El Fischsauce
  • 50g Zucker
  • 1 El Mohnsamen
  • 1-2 große Tassen Reis
  • 2-4 große Tassen Wasser
  • Salz

Vom Fleisch die Haut entfernen. Zwiebeln, Chili, Ingwer, Knoblauch kleinschneiden und mit dem Fleisch, dem Fünf-Gewürze-Pulver und dem aufgeschnittenen und angedrückten Zitronengras 4 Stunden marinieren. Danach alles in einen Bräter. Sojasauce, Sesamöl und Wasser dazu, aufkochen lassen. Das Ganze für 2½ Stunden bei 160° C in den Ofen. In der Zwischenzeit Reis kochen. Dafür Reis zunächst waschen, bis das Wasser nicht mehr milchig wird. Auf einfache Menge Reis, die doppelte Menge gesalzenes Wasser. Das Ganze einmal aufkochen lassen und dann auf kleiner Hitze mit halboffenem Deckel dünsten lassen, bis kein Wasser mehr da ist. Als vegetarische oder vegane Alternative könnte man das Fleisch einfach durch Tau Kann Pok (ein glutenbasierter Ersatzstoff) oder Seitan ersetzen. Hier würde sich der Prozess natürlich ändern. Testen, ob das Fleisch gegart und weich ist, wenn ja, 100 ml der Brühe in einen Topf mit Reiswein, Gochujang und Honig geben. Das Ganze zu einer dicken Glasur reduzieren; ob es fertig ist, erkennt man daran, dass große festere Blasen beim Kochen entstehen. Gurke halbieren, entkernen, kleinschneiden und mit Weißweinessig, Fischsauce und Zucker vermengen, Mohnsamen hinzu geben. Fleisch in die Glasur legen und glasieren, eine Grillpfanne sehr heiß werden lassen und das Fleisch kurz heiß anbraten, den ausgetretenen Saft mit einem Löffel über das Fleisch löffeln. Fleisch in Streifen schneiden, mit den Gurken und dem Reis servieren.

Pfirsich-Zitronengras-Sorbet mit feinem Schokoladenkuchen

  • 4 Pfirsiche, in mundgerechte Würfel geschnitten
  • 2 Stangen Zitronengras
  • 10g Ingwer
  • 100ml Läuterzucker (100ml Wasser, 100g weißen Zucker vermengen und auf 100ml reduzieren)
  • 1 TL Butter (oder vegane Alternative)
  • 1 Limone
  • 300ml Wasser
  • 1 Blatt o. Päckchen Gelatine (oder Agar-Agar)

Auf mittlerer Stufe Butter bräunen, Zitronengras leicht zerdrücken und klein schneiden, zu der Butter, leicht dünsten, mit Wasser ablöschen und reduzieren. Geriebene Limonenschale, deren Saft und Läuterzucker zu den geschnittenen Pfirsichen geben. Wenn der Butter-Zitronengrassud fertig ist, Ingwer mit dem Löffel schälen und kleinhacken, zur Pfirsichmischung hinzugeben und auf dem Herd weichkochen lassen. Wenn die Pfirsichstücke weich sind, pürieren. Gelatine oder Agar-Agar hinzugeben und nochmals durchpürieren. Die Masse in einen Gefrierbeutel füllen, abkühlen lassen und einfrieren. Wenn es fest ist, zerkleinern und wieder pürieren/mixen. Mit zwei Löffeln anrichten.

  • 200g gute Zartbitterschokolade (70%)
  • 200g Butter
  • 200g Zucker
  • 200g Mandeln
  • 1 Päckchen Vanillezucker
  • 4 Eier
  • 1 gehäuften Esslöffel Mehl
  • 1 Prise Salz

Butter aus dem Kühlschrank holen und warm werden lassen. Schokolade kleinhacken und mit der Butter in einem Wasserbad schmelzen. Zucker und Mandeln unterheben und gut verrühren. Eier einzeln hinzu geben und immer gut verrühren bevor das nächste hinzugegeben wird. Vanillezucker, Prise Salz und den gehäuften Esslöffel Mehl hinzugeben und verrühren. Das Ganze in eine eingefettete Form und bei 160 Grad bei etwa 40 Minuten backen lassen. Am besten das Ganze mit dem Sorbet lauwarm servieren.


1
http://lirabelle.blogsport.eu/2013/12/20/kuefa-kommunismus-statt-kaese-eckchen/

Ein Raumschiff voller Kritik

Science Fiction zeigt die Welt, so wie sie sein könnte. Oder? Pascal Späth und Karl Meyerbeer über ein Genre, das als Kleine-Jungs-Traum von heldenhaften Heldenmännern, glitzernden Superraumschiffen und bösartigen außerirdischen Monstern begann.

Von Pulp, Hollywood und New Wave

Die erste größere Verbreitung fanden Zukunftsgeschichten in den USA in den 1940er-Jahren als Groschenroman in billigem Druck („Pulp Fiction“). Diesen ganzen Bereich deswegen als Schundliteratur abzutun würde aber ignorieren, dass es im Genre schon immer auch Erzählungen gab, die nicht in das Schema „blonder Superheld rettet die Welt vor insektenäugigen Monstern“ passen. Das Nachdenken über neue Ideen, Technik und gesellschaftliche Entwicklungen ohne an die Schranken der momentanen gesellschaftlichen Situation gebunden zu sein, war schon von Anbeginn an Teil dessen was heute als Science Fiction (SF) bezeichnet wird. Ab den 1960er Jahren begann parallel zu den gesellschaftlichen Umbrüchen innerhalb der festgefahrenen Industriegesellschaft mit ihren vorgeschriebenen Lebensläufen und einengenden Familienstrukturen eine Entwicklung, die in anderen literarischen Genres schon stattgefunden hatte: Die sogenannten „New Wave“-Autor_innen brachen mit neuen Themen, wie der Beschäftigung mit Rassismus, Geschlechtsidentität und sozialen Fragen, aber auch mit experimentelleren Erzählstrukturen das traditionelle Genre auf. Bekanntere Autor_innen der US-amerikanischen „New Wave“ waren beispielsweise Ursula K. LeGuin, Samuel R. Delany, Philip K. Dick oder John Brunner. Parallel dazu schrieben im Ostblock Autor_innen wie die Brüder Strugatzki oder Stanisłav Lem an einer phantastischen Verarbeitung des Realsozialismus.
Die Vorzeigewerke der emanzipatorischen SF sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Genre oft eine ideologische Verkleisterung des falschen Ganzen liefert. Eine ältere Ausgabe der Zeitschrift „Radikal“ liefert einen exzellenten Überblick darüber, wie das im SF-Film geschieht (http://radikal.squat.net/155/07.html). Wir wollen hier gar nicht so umfassend argumentieren, sondern nur das Werk zweier zeitgenössischer Autor_innen vorstellen, die wir ausgewählt haben, weil sie aus einer explizit linken oder emanzipatorischen Perspektive alternative Welten entwerfen: Octavia E. Butler und Chiena Mieville.

Von Dampflokomotiven, seelen-fressenden Monstern und Räten

Wenn es gelingt, dass unterschiedliche Stränge radikaler Politik aus Graswurzelbewegungen und Kooperativen, Gewerkschaften, antisexistischen und antirassistischen Gruppen gemeinsam kämpfen, kann die Linke handlungsfähig werden.
Diese Idee ist zumindest ein verbindendes Moment von Chiena Mievilles politischem Engagement in der britischen Kleinstpartei „Left Unity“ und vieler seiner Romane. Aber während andere explizit politische SF-Romane bei aller gesellschaftspolitischen Bedeutung schlichtweg langweilig sind, funktionieren Mievilles Bücher sehr mitreißend.
„Ich liebe Monster mit Hingabe“ – und wer die seelen-fressenden Falter aus dem gleichnamigen Buch oder das monströse Seeungeheuer in „Die Narbe“ kennenlernt, weiß, wieso der Autor das sagt. Mieville bezieht sich damit explizit auf den Unterhaltungswert der Pulp Fiction und verbindet diese in seinen Büchern mit Aussagen von sozialer Sprengkraft. Der Autor ist auch im Pen-and-Paper-Rollenspiel aktiv und wie dort üblich sind die alternativen Welten, in denen seine Romane spielen, mit viel Liebe zum Detail aufgebaut. Ich höre schon den Zwischenruf: „Krasse Monster und eine rollenspielmäßig aufgepeppte Welt, das klingt nun genau nach dem Schund, aus dem die SF kam“. Der Zwischenruf ist angebracht, weil tatsächlich ein Reiz der SF darin besteht, ein konzeptionell ausgearbeitetes Universum von immer neuen Seiten her kennen zu lernen. Dies ist aber nicht ein Alleinstellungsmerkmal von anspruchsloser Serienware a la Perry Rhodan (die wohl bekannteste und langlebigste SF-Heftreihe aus Deutschland). Auch die schon erwähnten Strugatzki-Brüder verstanden es, auf der Folie ihres kontinuierlich ausbuchstabierten Mittags-Universums immer wieder neue Geschichten zu erfinden, ohne den „Ich-lerne-einen-Kontext-Kennen“-Effekt zum Selbstzweck werden zu lassen.
Zurück zu Miville und seinem Bas-Lag Universum: Im Mitteleuropa der Geschichtsbücher hat der Benzinmotor irgendwann die Dampfmaschine abgelöst und sich mit dem Auto tief in jede Pore und Falte der Gesellschaft ausgebreitet. In Mievielles Universum hat der behäbigere Dampf die Oberhand behalten und so treffen wir neben reichlich Lokomotiven auf dampfgetriebene Flugapparate und Computer sowie sogenannte „Remade“ – Menschen, die als Strafmaßnahme in dampfgetriebene Cyborgs verwandelt wurden. Das militärische und kulturelle Zentrum der Welt ist der Stadtstaat New Crobuzon. In einer autoritären Demokratie mit stark ausgeprägter Klassengesellschaft kämpfen dort die ökonomischen und politischen Eliten für den Erhalt ihrer Herrschaft. Die Unterdrückten versuchen immer wieder, sich in kleinen Gruppierungen (unter anderem mit der Untergrundzeitschrift „Das Lauffeuer“) dagegen zu organisieren.
Besonders der Roman „Der eiserne Rat“ rückt widerständige Praxen ins Zentrum der Erzählung: Bei einem monumentalen Eisenbahnlinien-Großprojekt, mit dem New Crobuzon seine militärische Dominanz sichern will, revoltieren die Arbeiter_innen angeführt von einer Sexarbeiterin. Sie organisieren sich basisdemokratisch und beginnen, die Schienen hinter ihrem Bauzug herauszureißen und davor wieder einzubauen, um Stück für Stück dem Einflussbereich der Stadt zu entkommen. Zwischen dem Drang nach Unabhängigkeit und dem Wunsch, die keimende Revolte in der Stadt zu unterstützen, entfaltet sich eine Geschichte, die durchaus als Metaerzählung über mögliche politische Strategien der Linken gelesen werden kann. Die Art und Weise, wie Mieville vor allem im Eisernen Rat soziale Kämpfe thematisiert, erinnert an Autoren wie Upton Sinclair, die in den 1920er-Jahren die Lage des entstehenden Proletariats in den USA beschrieben hat und dabei immer deutlich auf Seiten der Protagonist_innen standen.
Der realpolitische Mievielle hat sich in innerparteilichen Auseinandersetzungen als Antisexist positioniert. Dass die zentralen Frauenfiguren in seinen Romanen in vorhersagbarer Regelmäßigkeit scheitern, ist mir unangenehm aufgefallen. Andererseits scheitern im Grunde die meisten der Protagonisten in Mievilles Büchern am Ende an den übermächtigen Verhältnissen. Was bleibt, ist eine Vision, dass die Welt anders als unmenschlich sein könnte, nicht sie es irgendwann sein muss.

Von Aliens, Menschen und dem Anderen

Octavia E. Butler begann in einer Zeit in den USA zu schreiben, in der es für eine schwarze Frau schwer vorstellbar schien, als Autorin bekannt zu werden, geschweige denn den Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Geboren Ende der 1940er Jahre, prägten die Armut und der Kampf ums Überleben mit vorübergehenden Jobs auch ihre ersten Jahre als Schriftstellerin.
Erfolgreich als Autorin wurde sie erst Anfang der 1980er-Jahre unter anderem mit einigen preisgekrönten Kurzgeschichten. In diese Zeit fällt auch das Erscheinen der Xenogenesis-Trilogie.
Die Ausgangssituation für die Trilogie ist ein für die SF der 1980er-Jahre typischer Plot: Kalter Krieg und Atomwaffen führen zur Verwüstung der Erde, Aliens kommen daher und retten einige wenige Menschen. Da endet es aber auch schon mit den herkömmlichen Zutaten. Zwischen den Oankali und den übriggebliebenen Menschen entwickelt sich eine Beziehung, die von der Fremdartigkeit der Aliens und dem starken Machtgefälle geprägt ist. Die Oankali retten die Menschen nämlich nicht aus altruistischen Gründen, sondern weil sie nur fortbestehen können, indem sie sich im Laufe der Zeit immer wieder mit anderen Lebewesen vermischen und sich dadurch genetisch weiterentwickeln. Die Rettung der Menschen gestaltet sich aus Sicht von Lilith, der Hauptperson des ersten Bandes, auch eher als Entführung und lange grausame Gefangenschaft. Die Oankali ändern ihr Verhalten gegenüber Lilith erst, als diese beginnt mit den Aliens zu kommunizieren und auf ihre, je nach Sichtweise Wünsche oder erpresserischen Forderungen, eingeht. Die Oankali stehen also nur vor der Wahl, sich mit den Menschen zu vermischen oder nicht, während den Menschen andererseits keine Wahl gelassen wird, da die Oankali herausgefunden haben, dass die Menschen allein auf Dauer nicht überlebensfähig sind.
Die Themenfelder, die in den drei Bänden aufgespannt werden, sind vielfältig: Rassismus, Kolonialismus, Macht und hierarchische Strukturen, Sexualität (die Oankali haben drei Geschlechter, die alle zur Fortpflanzung beitragen müssen), der Umgang mit absoluter Fremdartigkeit, die eigene Identität, was es ausmacht ein Mensch zu sein und was daran überhaupt erhaltenswert ist.
Abgesehen von Lebensformen, die so andersartig sind, dass eine Kommunikation oder ein überhaupt gegenseitiges Wahrnehmen als intelligente Wesen überhaupt nicht möglich ist (wie z.B. der „Ozean“ in Stanisław Lems „Solaris“), sind die Oankali eine der fremdartigsten und zugleich plastischsten Alien-Erfindungen über die ich bis jetzt gelesen habe.
Dementsprechend ist natürlich die Frage des Umgangs der übrigen Menschen mit diesen von ihnen ursprünglich als abstoßend empfundenen Wesen ein Hauptthema der Bücher. Die Analogie zum Hier und Jetzt mit den „Anderen“ innerhalb der menschlichen Gesellschaft, denen die „Normalität“ versagt wird ist augenscheinlich und Lilith rät ihrem oankali-menschlichen Kind folgendes: „Die Menschen fürchten Verschiedenheit.[…] Die Menschen verfolgen diejenigen, die anders sind als sie, aber sie brauchen sie, um sich Definition und Status zu geben. Die Oankali suchen Verschiedenheit und sammeln sie. […] Wenn du einen Konflikt fühlst, versuche, den Oankaliweg zu gehen. Umarme Verschiedenheit.“
Die alles überspannende Frage, die in allen Werken von Butler durchscheint, ist jedoch die Frage nach dem Erhalt der eigenen Prinzipien unter dem Druck einer alternativlosen Situation. Ist es besser oder erstrebenswerter, für die eigenen Ideen zu sterben oder sich den Gegebenheiten anzupassen und zu versuchen, unter den momentan nicht änderbaren Zuständen für sich und andere das bestmögliche Weiterleben zu ermöglichen? Butler bezieht sich dabei vor allem auf den Hintergrund der jahrhundertelangen Erfahrung afrikanischer Sklav_innen in Amerika. Im bequemen Lesesessel und in einer relativ sicheren Lebenssituation lässt es sich leicht darüber urteilen, wie sich die Unterdrückten angesichts der Diskriminierungen bitteschön heldenhaft zu verhalten haben. Butlers Figuren bieten ebenjene heldenhaften Lösungen nicht an, sondern stellen die unterschiedlichen möglichen Handlungsweisen angesichts untragbarer gesellschaftlicher Verhältnisse dar, ohne in moralisierender Weise darüber zu urteilen.

Vom Lesen, Denken und Handeln

Trotz aller Unterschiede in Herangehensweise und Blickwinkel der beiden Autor_innen haben wir diese Beispiele ausgewählt, weil ihnen gemeinsam ist, dass sie das SF-Genre nutzen, um gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen und über mögliche Wege zu deren Beseitigung zu reflektieren. Die SF-Genreelemente werden aber nicht als bloßes Vehikel genutzt, um die Message zu verbreiten.
Sowohl Mievielle wie auch Butler erzählen spannende und unterhaltsame Geschichten. Freunde der Space-Opera fragen sich da vielleicht: „Was hat denn auch der blöde Feminismus in unseren Heldengeschichten zu suchen?“. Und Theoretiker_innen mögen der Ansicht sein, dass die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen besser in Form von Sachtexten erfolgen sollte. Beides zeigt das Potential dieser Geschichten: Leute, die sich für Unterhaltungsliteratur interessieren und nie ein theoretisches Buch in die Hand nehmen würden, werden mit Fragen konfrontiert, über die sie sonst eventuell nie nachdenken würden. Und statt in sozialwissenschaftlicher Erbsenzählerei winzige Gesellschaftsfragmente zu beschreiben oder gesellschaftstheoretisch ohne Gegenstand über die Welt zu orakeln bietet SF die Freiheit, unfertig und experimentell die großen Fragen durchzuprobieren: Wie kann eine widerständige Subjektivität zwischen Autonomie und Verbundenheit aussehen? Braucht der Kampf um Befreiung neben einer Transformationsstrategie auch eine revolutionäre Moral? Wie lässt sich das Verhältnis von Einzelinteresse und allgemeinem Interesse in politischen Auseinandersetzungen strategisch bestimmen? Wie hängen diesbezügliche Strategien mit politischen Kräfteverhältnissen zusammen? Mieville und Butler bieten keine fertigen Antworten auf diese Fragen, schon gar keine Anleitung dafür, wie in der heutigen Situation zu verfahren ist. Aber beide illustrieren einen imaginären Raum, der zur Diskussion darüber einlädt, wie ein ganz anderes Ganzes aussehen kann. Und das ist in Zeiten gefühlter Alternativlosigkeit schon eine ganze Menge.

Einen Titel hab‘ ich noch nicht

Sicherlich haben viele Unentschlossene bereits einmal mit dem Gedanken gespielt, einen Text in der Lirabelle oder etwaigen anderen Publikationen zu veröffentlichen und sich letztlich doch dagegen entschieden, weil man sich das nicht zutraut, nicht weiß, worüber man schreiben soll oder schlichtweg gerade keine Zeit dafür hat. Doch auch wenn man ein Thema, den nötigen Mut und ein bisschen Zeit hat, fällt der Anfang oft schwer. T.b.a. zeigt aus eigener Perspektive, wie das aussehen kann.

Als ich gestern Abend zu Bett ging, da wusste ich: morgen habe ich den ganzen Tag Zeit, um endlich einmal mit meinem Text anzufangen. Anzufangen heißt anzufangen zu Schreiben. Ich habe schon einiges dazu gelesen, manch unwichtiges, manch spannendes, was nicht immer wirklich etwas mit dem Thema zu tun hatte – wie das eben so ist. Lange hat sich das Literatur Wälzen hingezogen. Morgen aber, so wusste ich, als ich zu Bett ging, fange ich nun endlich an. Ich stelle mir den Wecker auf um sechs.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, zeigt der Wecker neun Uhr an. Ich habe ihn wohl ausgedrückt, ohne mich überhaupt daran erinnern zu können. Macht nichts, denke ich mir, ich hab ja den ganzen Tag Zeit.

Erst einmal Kaffee trinken. Wie steht‘s mit Frühstück? Eigentlich habe ich keinen großen Hunger, aber – ach – ein Brötchen zum Kaffee. Und danach nochmal ins Internet schauen, Nachrichten lesen. Ich will ja wissen, was in der Welt so los ist. Noch schnell Mails checken. Ach Mist – schon wieder eine Menge dieser nicht so dringlichen kleineren Aufgaben. Die erledige ich noch schnell, damit ich freien Kopfes dann meinen Text schreiben kann.

Jetzt ist‘s schon nach elf, der Kaffee leer getrunken und noch keine Zeile geschrieben. Es ist ja auch nicht so einfach. Immerhin braucht es noch einen Funken, irgendeine zündende Idee, die eine Art Scheibflow auslöst. So funktioniert das in der Regel am Besten. Aber wo bekomme ich den jetzt her?
Darüber muss ich nachdenken. Dafür muss ich aber nicht am Rechner sitzen. Also: lege ich mich ins Bett und denke nach. Nicht lange, bis ich mich entscheide einen kurzen Powernap einzulegen. Eine halbe Stunde – Wecker stellen.

Mist! Ich schlafe nicht ein. Kein Wunder, bin ich ja auch erst seit drei Stunden wach und habe in der Zeit schon zwei Kaffee getrunken. Wenn ich jetzt einschlafe ist‘s aber scheiße. Dann sind es nur zehn Minuten, danach bin ich mehr müde als zuvor. Also Wecker nach hinten Stellen. Eine halbe Stunde, wenigstens 20 Minuten sollten es schon sein.

Dann auch tatsächlich eingeschlafen. Wecker klingelt. Phu – jetzt aber! Mhh, erst einmal einen Kaffee kochen.

Mit einer Tasse Kaffee und dem guten Gefühl, dass die Küche nun endlich mal wieder sauber ist, sitze ich eine knappe Stunde später wieder am Rechner.
Einstweilen wird es Mittag. Ich habe gar nichts zu Essen zu Hause. Da müsste ich jetzt erst einmal einkaufen gehen. Vielleicht sollte ich doch besser direkt mit meinen Text anfangen. Aber ob ich jetzt einkaufen gehe oder später, macht zeitlich keinen Unterschied, also ab in den Supermarkt.

Danach habe ich Hunger und koche mir erst einmal etwas. Mit leerem Magen lässt es sich schließlich nicht gut Arbeiten.
…Mit vollen Magen aber auch nicht! Vielleicht ruhe ich mich noch ein bisschen aus. Nur eine halbe Stunde. Dann ist es zwar schon recht spät, aber zur Not arbeite ich bis in die Nacht hinein. Da kann ich sowieso besser arbeiten.

Nach dem zweiten Powernap des Tages gehe ich zurück zum Rechner und überlege erneut, wie ich jetzt am Besten anfange. Da fällt mir ein, es gab da noch diesen einen Text, den ich dazu lesen könnte.
Eigentlich hat er nur im entferntesten, wenn überhaupt, etwas mit dem Thema zu tun, über das ich schreiben will, aber vielleicht löst der das Flowerlebnis aus, das ich jetzt gut gebrauchen könnte, um meinen Text zu formulieren. Gut, dass ich das Buch da habe, da kann ich direkt rein schauen.

Nach etwa eineinhalb Stunden Lesen bin ich durch mit dem Text. Um die eine und nur die eine Erkenntnis reicher, dass der Text tatsächlich nichts mit meinem Thema zu tun hat, lege ich das Buch beiseite und ziehe mir den Laptop heran, um mich in Schreibposition zu begeben.
Ich greife zur Maus und beginne in meinem Textdokument, das bereits eine Überschrift mit dem Arbeitstitel „Überschrift“ ziert, auf und ab zu scrollen. Ich könnte ja erst einmal eine grobe Textstruktur machen, das strukturiert auch meine Gedanken. Gute Idee!
So füge ich eine Leerzeile unter (der) Überschrift ein und beginne in kursiven Lettern zu tippen: T e a s e r.
Ich scrolle erneut auf und ab.
Jetzt ist es schon 17 Uhr. Ob heute Abend noch was geht? Ein Bier mit Freunden wäre schon nett. Aber allzu lange will ich nicht machen, ich muss ja morgen früh raus, um an meinem Text weiter zu arbeiten. Also schlage ich vor, wir treffen uns im Park, schon halb acht. „Lange bleibe ich aber nicht“, stelle ich noch einmal unmissverständlich klar, als wir uns verabreden.
Halb acht also, da habe ich jetzt noch etwa zwei Stunden Zeit. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es, noch eine Runde Rad zu fahren.

Bereits im Aufstehen begriffen, sagt mein vom Es bedrängtes Ich zum Über-Ich: Komm, wir fahren.
Das Über-Ich aber wendet ein: Wir können nicht.
Ich: Wieso?
Über-Ich: Wir warten auf den Flow.
Ich: Ach ja.

Zehn Minuten später sitze ich auf dem Rad und fahre dem Sonnenuntergang entgegen. Ein bisschen kalt ist es bei dem Fahrtwind. Wäre ich nur nachmittags gefahren; aber da hatte ich ja keine Zeit. Beziehungsweise dachte ich, ich hätte keine Zeit. Trotzdem angenehm, mal den Kopf frei zu bekommen, nach so einem anstrengenden Tag.

Das Radfahren hat länger gedauert, als gedacht. Der starke Gegenwind hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich beeile mich beim Duschen, bin aber doch etwas zu spät. „Sorry, ich hatte noch etwas zu tun“, lautet meine Entschuldigung.

Nach einem Radler, einem Bier und unzähligen Zigaretten, die immer als die Letzte, bevor ich dann los mache, angekündigt waren, gehe ich tatsächlich nicht allzu spät nach Hause.
Noch schnell Zähne putzen, und als ich abends zu Bett gehe, da weiß ich: morgen habe ich den ganzen Tag Zeit, um endlich einmal mit meinem Text anzufangen. Anzufangen heißt anzufangen zu Schreiben. Ich habe schon einiges dazu gelesen, manch unwichtiges, manch spannendes, was nicht immer wirklich etwas mit dem Thema zu tun hatte – wie das eben so ist. Lange hat sich das Literatur Wälzen hingezogen. Morgen aber, so wusste ich, als ich zu Bett ging, fange ich nun endlich an. Ich stelle mir den Wecker auf um sechs.

Testbericht: Engagement und Karriere

Die außerparlamentarische Linke ist einer der führenden Anbieter zeitgemäß prä- sentierter Inhalte mit Standorten in mehr als 74 Ländern. Als Vorbereitung für das Berufsleben bietet sie attraktive Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen und wichtige Kompetenzen zu erlernen. Der Rat, sich für Karrierezwecke z.B. beim Flüchtlingsrat zu engagieren (Lirabelle 12), ist insofern richtig. Aber Engagement muss wohlüberlegt sein. Wer sich zu früh festlegt, landet schnell auf einer mittelmäßig entlohnten und zudem unsicheren Projektstelle. Außerdem bieten auch die Autonomen, die Antifa oder der marxistische Lesekreis Karrierechancen. Gerade eine Kombination verschiedener Tätigkeiten kann zu einem exzellentes Sprungbrett werden. Ein Testbericht über
autonome Karrierechancen.

Antifa

Hier zählt der Style! Wer wissen will, was die Jugend in zwei Jahren trägt, geht zum Antifa-Kongress. Mit diesem kulturellen Kapital bieten sich zahllose Möglichkeiten in der Werbung und der Mode-Branche. Dass die Antifa was soziale Medien angeht oft ganz vorne mit dabei ist, macht auch in diesem Feld Türen auf. Und wenn das alles nichts wird, kann man sich immer noch in der Projektelandschaft niederlassen: So lange Nazis in Deutschland demonstrieren und Anschläge begehen, wird es Projektstellen in staatlichen Anti-Rechts-Programmen geben. Aber Vorsicht! Wer sich zu deutlich antistaatlich positioniert, hat es am Ende schwer, das politische Kapital zu Geld zu machen.

Kontakte: 4/5
Organisation: 3/5
Strategie: 4/5
Öffentlichkeitsarbeit: 5/5
Argumentative Skills: 2/5
Theorie: 3/5

Autonome Kleingruppe

Der Klassiker der linksradikalen Karriereplanung. Schon Josef Fischer hat in der Frankfurter „Putzgruppe“ gelernt, wie man sich durchsetzt und die eigenen Themen öffentlichkeitswirksam platziert. Klandestine Organisationsformen sowie ein durch und durch zynisches Verhältnis zur Macht qualifizieren bestens zu Tätigkeiten in der politischen Führungsebene. Allzu krasse Aktionen können die Karriere aber auch ins Stocken bringen.

Kontakte: 1/5
Organisation: 5/5
Strategie: 4/5
Öffentlichkeitsarbeit: 2/5
Argumentative Skills: 2/5
Theorie: 1/5

Infoladen

Mit der Offenheit für verschiedene Themenfelder bietet gerade der Infoladen ein grundständiges Halbwissen über verschiedenste Politikfelder, eine solide Grundlage für eine Tätigkeit in linken Verbänden und Parteien. Die selbstverantwortliche Planung und Durchführung von Kampagnen unter Bedingungen ständig knapper Mittel ist als Vorbereitung für eine Tätigkeit in der Projektarbeit nicht zu unterschätzen. Das soziale Kapital der vielfältigen Kontakte zu anderen Spektren der Linken lässt sich gegebenenfalls bei Einstellungsgesprächen nutzen. Kein Wunder, dass die Thüringer Infoläden für mehrere Gewerkschaftssekretäre, den Pressesprecher einer bundesweit tätigen NGO und eine Landespolitikerin die Grundausbildung übernommen haben.

Kontakte: 5/5
Organisation: 5/5
Strategie: 2/5
Öffentlichkeitsarbeit: 4/5
Argumentative Skills: 3/5
Theorie: 2/5

Linke Theoriegruppe oder Lesekreis

Wie stark diese informellen Kreise Schlüsselkompetenzen für die akademische Karriere vermitteln, wird daran deutlich, dass ehemalige Angehörige der Thüringer antideutsche Szene heute mindestens zwei Professuren und zahllose Mitarbeiterstellen an Universitäten in ganz Europa besetzen. Nicht zuletzt die Kompetenz, gegenüber nachfolgenden Generationen allzu radikales Denken authentisch mit der Wendung „Das haben wir doch damals schon diskutiert“ auszutreiben, qualifiziert seit jeher linke Akademiker_innen für Führungspositionen. Was Kontakte angeht, kann die linksradikale Theoriegruppe allein nicht punkten. Profi-Tip: Die Organisation von Konferenzen ergänzt die Theoretischen Skills um Organisationstalent und die Kontakte, die so wertvoll für eine Uni-Karriere sind.

Kontakte: 2/5 (mit Konferenzen: 4/5)
Organisation: 2/5 (mit Konferenzen 5/5)
Strategie: 1/5
Öffentlichkeitsarbeit: 1/5 (mit Konferenzen 3/5)
Argumentative Skills: 5/5
Theorie: 5/5

Untergrundzeitschrift

Für jede Untergrundzeitschrift leistet ein flexibles und motiviertes Team unbezahlte Qualitätsarbeit, beste Voraussetzungen für eine Arbeit im Verlags- und Redaktionswesen. Aber Vorsicht! Bücher und Zeitungen stecken in der Krise, „feste Freie“ arbeiten von Zuhause und bekommen kaum Geld. Sicherlich ist man das von der Arbeit in der Lirabelle gewöhnt, aber will man das wirklich auch machen, wenn man über Promi-Hochzeiten berichtet oder Ratgeberliteratur lektoriert? Im Zweifelsfall lieber mit dem Lesekreis kombinieren. Und: Immer darauf achten, dass Andere für evtl. später peinliche Inhalte verantwortlich zeichnen.

Kontakte: 4/5
Organisation: 4/5
Strategie: 1/5
Öffentlichkeitsarbeit: 5/5
Argumentative Skills: 3/5
Theorie: 3/5

Rezension: Herzl Reloaded

Jeder & Jede, der oder die sich mit Israel in irgendeiner Form beschäftigt, hat wahrscheinlich seinen Namen schon einmal gehört bzw. gelesen: Theodor Herzl. Das wohl berühmteste politische Manifest zur Gründung Israels, Der Judenstaat, erschien 1896 als Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, wie es im Untertitel auch heißt. Es dauerte indes gut 50 weitere Jahre bis Israel gegründet wurde. Herzl war allerdings nicht genuin Politiker, sondern Literat und so verwundert es nicht, dass sein Roman Altneuland die Vision des Judenstaates versuchte, konkret auszumalen. 2016 ließen Natan Sznaider und Doron Rabinovici nun ihre Reflexion über Herzls vermeintlich verwirklichten Traum beim Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag herausgeben. Max Unkraut, aktives Mitglied der Sozialistischen Jugend – Die Falken, rezensiert in Folgendem den Titel Herzl reloaded.

Auf die angesprochene Vermeintlichkeit des Herzl’schen Traumes verweist schon der Untertitel des Werkes: Kein Märchen. Einerseits, so könnte man deuten, sei der Traum von Jüdinnen und Juden nach nationaler Selbstbestimmung als Schutz vor dem Antisemitismus real geworden – Israel existiert heute. Andererseits wird während des Lesens recht schnell klar, dass Israel für die Autoren nicht das happy end der Leiden der Jüdinnen und Juden ist, so wie Herzl es in Altneuland sich vorstellte. So wie zwischen Idee und Realität, utopischem Roman und politischer Kampfschrift changieren auch Sznaider und Rabinovici im Laufe ihres Gespräches. Während der fiktive Emailverkehr reelle Begebenheiten vermittelt und eigentlich zwischen drei Personen –zusätzlich Herzl – stattfindet, reduziert sich der Dialog auf die Kontrapositionen von Sznaider und Rabinovici. Darin nimmt Ersterer die eher pessimistisch-realistische Position des desillusionierten Tel Avivier Soziologen ein, der er sicher wirklich auch ist. Ebenso real wird auch die Stellung Rabinovicis sein, die ein wenig naiv-idealistisch daherkommt und als klar linke zu bezeichnen ist, was sich auch biographisch an seiner (ehemaligen?) Mitgliedschaft bei Hashomer Hatzair – den israelischen Falken sozusagen – ableiten lässt.
An diesen beiden konträren Sichtweisen arbeitet sich die Reflexion des gegenwärtigen Israels ab und, was hier wichtig zu erwähnen ist: aus jüdischer Sicht. Darum ist gewiss die Diskussion, die der Text bereitstellt, eine Suche nach jüdischer Identität. Es wird freilich auch der arabische Fokus vorgestellt, so, wie es für (proto-)linke jüdische Israelis zum guten Ton gehört: bald ist der arabische Mitbürger oder (wenn man ihn mit gutem Willen und schlechtem Gewissen so zu nennen vermag) Palästinenser unterdrücktes Opfer der rassistischen rechten Regierung, bald ist er schlicht antisemitischer Terrorist. Auf Grundlage dessen wird eine Ein-, Zwei- und sogar Keinstaatenlösung diskutiert, wobei Letztere aber im Geiste ewiger Staatlichkeit und damit nur als Gedankenkonstruktion typisch bürgerlichen Kosmopolitismus verhaftet bleibt, d.i. vom Staate unabhängige Individualität wird hier konstituiert durch einen Vielvölkerstaat, oder zeitgemäßer: eine multikulturelle Gesellschaft, indem sich die durch spezifische Religionen, Ethnien, usf. sozialisierten Einzelnen an ihren Widerständen reiben und so ein authentisches Ich herausbilden. Simmel, der recht früh als Szaiders Lieblingssoziologe erinnert wird, ist hier deutlich herauszulesen.
Ein prinzipielles und sehr konkretes Problem dieser für kapitalistische Gesellschaften noch am erstrebenswertesten Ideologie ist, dass Sznaiders Idee, angeblich übereinstimmend mit Herzls Traum, Israel theoretisch abschafft. Denn hierin gleicht das Bollwerk der Jüdinnen & Juden mehr einer romantischen Idee US-amerikanischer Provenienz, bei der die Besonderheit der antifaschistischen Identität zwischen jüdischem Staate und seiner Gesellschaft eliminiert wird. Sznaider ist zwar nicht so wahnsinnig zu behaupten, diese gründende Funktion Israels sei obsolet. Allerdings ist die Tendenz dorthin frappierend dann, wenn der antisemitische Vernichtungswille der Palästinenser, des Iran usf. schlicht zu religiösen Konflikten bagatellisiert und gar Auschwitz als Legitimationsgrundlage geschickt negiert wird.
Es mag verwundern, dass die Rezension bisher eher Szaiders Argumentation nachging als Rabinovicis. Nicht nur an dem (zumindest gefühlt) höheren Textanteil des Ersteren ist dieser Umstand gebunden, sondern auch daran, dass Rabinovici gegen die kühle Metasicht Sznaiders nicht ankommt. Der gnadenlose Humanismus des Literaten, der noch stärker dem Geiste Herzls und seinem Heimatort Wien mit den Bohème-Kaffehäusern nachhängt und es sich darum so viel eher ausnehmen kann, phantasievoll über Möglichkeiten der israelischen Gesellschaft zu philosophieren als die politischen Überlegungen Sznaiders, scheitert eben an dieser unhaltbaren Wirklichkeit. Obschon Rabinovici seine Gedanken sicher nicht ganz an dieser Realität vorbei bestimmt, sind ihm doch die Lösungsansätze recht einfach zu bestimmen: Menschenrechte für alle zur Geltung bringen, den Arabern einen Staat geben und alles sei geregelt. Gegen diese sachwidrige Reduktion des ganzen Tohuwabohus der besonderen sozialen Verhältnisse legt Sznaider sein Veto ein, was jedoch merkwürdig ist. Schien es doch zuerst so, als sei die Besonderheit des Staates Israel von diesem abgesprochen, so wird sie endlich durch den Verweis auf die Kompliziertheit dieser Gesellschaft wieder hereingeholt.
Das Durcheinander oder Hin und Her des Judenstaates zeichnet sich also im Laufe des Buches selbst ab und könnte eine eigentümliche Dialektik andeuten. Nicht nur ist das Zwiegespräch typisch griechisch im Sinne seiner etymologischen Herkunft: διάλέγειν, sondern auch bemerkenswerte miteinander verwobene Umschwünge kommen hierin zum Vorschein: religiöser Mythos der Erlösung manifestiere sich in der jüdischen Staatlichkeit, aber ein Judenstaat könne gelingend bloß säkular existieren, menschenrechtlicher Universalismus sei der Besonderheit der israelischen Bevölkerungsgruppen unangemessen, dagegen realisiere sich das Individuum in einer liberalistisch-partikularisierten Gesellschaft nicht, usf. Es ist dies Oszillieren einer der interessantesten Aspekte des Werkes.
Diese Bewegung findet auch in der Signifikanz, d.i. der Bezug zwischen Fiktion und Realität ihren Niederschlag. Es werden zwar tagespolitische Themen Israels immer wieder aufgegriffen, doch unklar bleibt, in welchem Verhältnis sie zur künstlerischen Zuspitzung stehen. Einmal wird konstatiert, die rechte Regierung kranke an einer Paranoia und man bekäme dadurch das Gefühl, die israelische Gesellschaft stände mitten in einer Generalmobilisierung. Doch schon einen oder zwei Sätze später stellt man klar und reflektiert, dass man selbst vielleicht übertreibe. Emphatisch müsste man indes zugeben, dass durch die tragische Form, also mittels Übertreibung, das alltägliche Leid seinen adäquaten Ausdruck findet. Dann würde aber auch – wieder ein Umschlag innerhalb der Geschichte! – die Fiktionalität von Rabinovici realitätsgetreu und wiederum Sznaiders Realismus naiv. Die recht klare Intention einer Bestandsaufnahme oder eines Abgleiches zwischen jüdischem Traum und israelischer Wirklichkeit sprengt daher förmlich die Grenze zwischen Phantasie und Sosein vermittels der literarischen Form.
Dementsprechend großräumig gestaltet sich der Inhalt. Es werden viele große jüdische Themen angesprochen: Antisemitismus, BDS, Diaspora, Erlösung, Iran, ISIS, Kibbuzim, Palästinenser, Sozialismus, USA usw. und viele große Autoren erwähnt: Theodor Wiesengrund Adorno, Hannah Arendt, Judith Butler, Moses Hess, Karl, Kraus, Karl Marx usf. Gleichzeitig wird diesen jedoch nur wenig Platz zur Erläuterung eingeräumt, so dass ein bestimmter Gedankenkreis immerhin hervorscheint.
Auf Grund dieser Unbestimmtheit, nämlich zu definieren, was jüdische Identität in und durch Israel heute sei, entspringt ein essayistischer Schreibstil, der flanierend das versucht an Schaufenstern der Geschichte sich zu betrachten, was politisch zu gebrauchen ist und hierin liegt ganz sicher der größte Reiz und Widerspruch des Buches. Sznaiders dementierender Vorwurf an Rabinovici, dieser sehe Israel, wie damals noch Herzl, im Wiener Kaffehausflair, wird so selbst zum politischen Gespräch über die Möglichkeiten und Träume der israelischen Gesellschaft, das bei Café und Konfa gut in einem Bistro am Strand von Tel Aviv hätte stattgefunden haben können.


Rabinovici, Doron/ Sznaider, Natan: Herzl Reloaded. Kein Märchen, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2016, 19,95 Euro, 207 Seiten.

Ein Plädoyer für‘s Rauchen

Nicht selten müssen sich Raucher für ihr Laster rechtfertigen. Rauchen sei schließlich gesundheitsgefährdend und irrational. Doch genau darin liegt ein widerständiges Moment, meint Dori. Die Autorin raucht gerne, viel, gerne viel und (nicht nur) überall da, wo es noch erlaubt ist.

Als der Tabak in Europa Verbreitung fand, sprach man ihm eine heilende Wirkung zu. Durch seine als Nervengift lähmende, also die Muskelspannung verringernde Wirkung unter gewohnter Kombination mit Kaffee, der das Konzentrationsvermögen erhöht, ist rauchen außerdem bis heute mit Müßiggang und Denken assoziiert. Mit zunehmender Verbreitung aber gab es eine Wandlung im Bewertungsmuster. Schon Frühzeitig wird öffentlich vor den Folgen des Konsums als der Trunksucht ähnlich gewarnt, bereits Anfang des 18. Jahrhunderts gab es erste Tabak-Prohibitionen. Mit der medizinischen Erforschung von Tabakkonsum stieg auch der Versuch, über seine gesundheitsgefährdende Wirkung aufzuklären und schon seit längerem kann man Tabak hierzulande nicht mehr ohne überdimensionierte Warnhinweise kaufen. Seit Juni dieses Jahres gesellen sich zu den Warnhinweisen Bilder von durch Tabakkonsum erkrankten Organen, Körperteilen oder Menschen, die wohl den Verkauf von Tabaktaschen exponentiell steigen lassen werden.
Doch nicht nur mit Warnhinweisen wartet das Gesundheitswesen auf. Das Rauchen selber wurde weitestgehend aus dem öffentlichen Bereich verbannt. Zwischen den 1980er und 2000ern führten die meisten Behörden und Unternehmen zunehmend Rauchverbote in ihren Gebäuden ein, nunmehr herrscht absolutes Rauchverbot in allen öffentlichen Gebäuden. In Filmen oder anderen TV- und Kinoproduktionen sieht man nur noch selten jemanden Rauchen. War früher eine Talkshow ohne ketterauchende Gäste kaum vorstellbar, begegnet man dem Raucher heute nur noch da, wo sein Rauchen direkt, meist negativ, thematisiert wird oder die unsympathische Darstellung seines Charakters unterstrichen werden soll. Auch der Konsum selber unterliegt einer stetigen Veränderung in seiner Verbreitung und der Art, wie konsumiert wird. All das ist nicht hinreichend erklärt mit einer fortschreitenden medizinischen Erforschung der Folgen von Tabakkonsum. Schließlich findet die kulturgeschichtliche Entwicklung des Tabakkonsums, wie die des Konsums anderer Genussmittel auch, in einem gesellschaftlichen Kontext statt, sodass eine Veränderung nur unter Betrachtung dieses erklärbar werden kann.

Kulturgeschichtliche Entwicklung

Tabak wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts von Amerika nach Europa eingeführt und war zuerst unter Bezeichnungen wie „Sauferei des Nebels“, „Rauchtrinken“ oder „Tabaktrinken“ geläufig. Das verweist auf zweierlei: Zum einen auf eine Wirkung, die viel mit dem Alkoholtrinken gemein hat; außerdem auf eine bisher unbekannte Form des Konsums, das Inhalieren, das mit schon bekannten Kosumtionsformen zu fassen versucht wurde, eben mithilfe des Trinkens. Die Verbreitung des Tabakkonsums entspricht dabei nicht der, wie sie andere Genussmittel als sinkendes Kulturgut meist durchlaufen haben, bei denen also der Konsum anfangs vorwiegend auf die städtische Oberschicht beschränkt blieb und sich erst sukzessive auch auf andere Bevölkerungsgruppen ausgebreitet hat. War zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Pfeiferauchen noch am geläufigsten, fand durch die Entwicklung verschiedener Rauchtechniken ein Differenzierung unter Herausbildung von Distinktionsmustern statt. Das Rauchen erfuhr dadurch, und wesentlich wohl auch der geringen Kosten wegen, eine im Vergleich zu anderen Genussmitteln schnelle, schichtübergreifende Verbreitung.
Im 18. Jahrhundert verbreitete sich in den oberen Schichten das Tabakschnupfen und erfreute sich bis ins 19. Jahrhundert hinein großer Beliebtheit. Im 19. Jahrhundert wurde die ebenfalls der Distinktion dienliche Zigarre zum allgemein bevorzugten Rauchgerät. Wobei allgemein hier am meisten verbreitet heißt, denn anhand der Zigarre kann eine demografische und soziale Segregation sichtbar gemacht werden, wurde sie vorwiegend von bürgerlichen, in der Stadt wohnhaften Männern konsumiert. Diese Entwicklung steht in Zusammenhang damit, dass Rauchen auf der Straße zunehmend als unschicklich galt oder gar verboten war. Dadurch wurde das Rauchen in Privaträume verschoben. Diese Privaträume waren jene Raucherzimmer, in die sich die städtisch-bürgerlichen Männer zurückzogen, um gemeinsam nach dem Essen Zigarre zu rauchen und die die Bezeichnung Smoking geprägt haben. Das nämlich sind ursprünglich jene Jacken, die Mann sich zum Rauchen überzog und wieder ablegte, sobald das Raucherzimmer verlassen wurde, um den mittlerweile als unangenehm empfundenen Geruch nicht mit „herauszutragen“. Diese bürgerlich-männliche Konnotation haftet der Zigarre bis heute an.

„Nun dürfen Sie rauchen.“1

War also das Rauchen etwas, wenn auch in seinen verschiedenen Konsumformen durch schichtspezifische Ausbreitung geprägt, das in allen Bevölkerungsschichten Verbreitung fand, blieb es bis Ende des 19. Jahrhundert eine vorwiegend männliche Angelegenheit.2 Pfeifen, Zigarren und Zigaretten waren so in ihrem phallischen Charakter Symbole von Männlichkeit und, da das Rauchen verknüpft war mit Denkarbeit einerseits und dem abendlichen Zusammensein in der Kneipe andererseits, Ausdruck patriarchaler Verhältnisse.
Das Rauchen von Frauen in der Öffentlichkeit war lange Zeit verpönt. Trafen sich die Männer in Caféhäusern um rauchend über die Welt zu sinnieren, war der Zutritt für Frauen zu jenen rufschädigend. Frauen, die in der Öffentlichkeit rauchten, taten dies im Bewusstsein um die rufschädigende Wirkung und als Ausdruck des Versuchs der Emanzipation von patriarchalen Verhältnissen, als Protest gegen den Ausschluss aus der Öffentlichkeit; sie wurden entsprechend als „Emanzen“ wahrgenommen. Das Rauchen von Frauen galt also als sittenwidrig und wurde mit sexueller Freizügigkeit gleichgesetzt. Die wohl bekannteste Frau dieser Zeit, die in der Öffentlichkeit, gar in Filmen rauchte, war Marlene Dietrich. Sie steht symbolisch dafür, dass das vorher noch pejorativ mit sexueller Freizügigkeit assoziierte Rauchen von Frauen zum Inbegriff von verführerischer Weiblichkeit wurde. War die rauchende Frau auf der Kinoleinwand zur Entstehung des Tonfilm noch als „Femme fatale“ inszeniert, folgte mit der Eroberung der Öffentlichkeit prompt die Zurücknahme ins Private. Nicht nur galt es nicht mehr als Ausdruck der Rebellion, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit rauchte, zunehmend setzte sich in den 1940er Jahren das Bild der rauchenden, sauberen Hausfrau durch, mit der die Zigarettenindustrie gerne warb, weil mit ihr eine neue Zielgruppe entstand.
Es hat so zwar der Erfolg, dass in der Öffentlichkeit zigarettenrauchende Frauen sozial akzeptiert sind, den subversiven Gehalt von rauchenden Frauen eingebüßt, trotzdem besitzt Rauchen auch darüber hinaus einen rebellischen Symbol-Charakter. Denn noch bevor das Rauchen von Frauen in der Öffentlichkeit als ungehörig gelten konnte, wurde vielerorts ein Rauchverbot an öffentlichen Plätzen verhängt. Da wo es nicht durch Brandschutz zu rechtfertigen war, wie z.B. in aus Holzhäusern bestehenden Städten, wurde dies als Einschränkung und politische Unterdrückung erfahren.3 Tradiert hat sich so das Rauchen als Zeichen von Aufmüpfigkeit, was auch heute noch Gültigkeit besitzt, wie jeder weiß, der einmal versucht hat, während einer polizeilichen Maßnahme zu rauchen.

Eine rauchen wir noch…?

Neben Aufmüpfigkeit wird Rauchen auch in Zusammenhang gedacht mit geistiger Tätigkeit. Während der oft gemeinsam mit dem Tabak konsumierte Kaffee das Konzentrationsvermögen steigert, wirkt das Rauchen auf den Rest des Körpers beruhigend4, womit dies die besten Voraussetzung für im Sitzen verrichtete Kopfarbeit bietet. Das Rauchen selber wiederum unterbricht den bewegungsarmen Denkprozess durch Tätigkeit und bietet somit Kompensation, kann also als Ersatzhandlung betrachtet werden, wie es auch das Drehen oder Stopfen darstellt, welches einen Teil des Produktionsprozesses durchführbar macht, der bei fertig gekauften Zigaretten verloren gegangen ist. Während das Stopfen einer Pfeife eine ganze Weile Zeit erfordert, hat sich mit der Neuentwicklung von Konsumarten der Vorbereitungsprozess bishin zum einfachen Aus-der-Schachtel-nehmen immer weiter verkürzt. Selbes trifft auf den Akt des Rauchens zu. Während man an einer Pfeife oder einer Zigarre getrost einen ganzen Abend lang rauchen kann, ist eine Zigarette binnen nicht einmal zehn Minuten aufgeraucht. Damit bleibt die Funktion des Rauchens zwar erhalten, hat sich in seiner Form aber stark gewandelt. Durch industrielle Produktion können in kurzer Zeit immer mehr Zigaretten hergestellt werden, die dann auch schneller verbraucht werden. Der Tabakkonsum erfährt so äquivalent zu der Entwicklung der Moderne eine Beschleunigung.
Die neuste Wandlung in der Konsumform erfuhr der Tabak jüngst durch die Entwicklung und mittlerweilen Etabliertheit der E-Zigarette. Dabei hat diese mit dem Rauchen oft nur noch das Inhalieren gemein, denn auch das Nikotin ist teils daraus verschwunden. Mittels E-Zigarette lässt sich das Rauchen besser noch in den neoliberalen Alltag integrieren und wurde gleichsam gesundheitlich entschärft. Die ursprünglich selbstzerstörerische Komponente des gesundheitsgefährdenden Rauchens geht dabei weitestgehend verloren und steht somit nicht mehr im krassen Widerspruch zum Credo der Selbstoptimierung und Zurichtung des eigenen Körpers zur Erhaltung der Ware Arbeitskraft. Diese Selbstoptimierung macht sich ebenso geltend in gutem Zeitmanagement, wo für ein kurzes Durchatmen, ein Innehalten zwischen all dem Machen keine Zeit mehr ist. Konsumiert wird so kurz zwischendurch oder nebenbei, nicht mehr im Caféhaus oder – aktuell treffender – gemeinsam vor der Tür.
Besser noch ist nur das Nichtrauchen, weiß der sich oft alternativ dünkende, selbstoptimierte Gesundheitsfanatiker zu berichten, der die herrschende Ideologie so unkritisch internalisiert hat, dass er sie anderen nahelegt, wo es nur geht.

Angepasste, handzahme Idioten

Bei all dem Wandel, den der soziokulturelle Sinngehalt des Tabakkonsums vermittels gesellschaftspolitischer Veränderungen also erfahren hat, sind es weniger die Konnotationen, die sich verändert haben, als vielmehr deren Bewertung. Der Konsum unterlag im Zuge der Einbettung in den Alltag einer schnellen Verbreitung, während durch eine Umwertung vom Genuss- zum Suchtmittel der Prozess der Veralltäglichung wieder rückläufig wurde. Zeitweise konnte man sich mit Selbstverständlichkeit aller Orten „eine anstecken“. Heutzutage bedarf es der Durchsetzung des Rauchverbots in öffentlichen Gebäuden keiner Rauchmelder o.ä. Schließlich lauert hinter jeder Ecke jemand, der stets bereit, mit moralisch erhobenen Finger darauf aufmerksam zu machen, dass man gegen ein Verbot verstoße, in dem Moment schon, in dem man nur anfängt, sich eine Zigarette zu drehen oder das Feuerzeug aus der Tasche zu kramen.
Vielleicht durch, sicher aber parallel mit der Verbannung des Rauchens wurde auch das Denken aus öffentlichen Räumen verdrängt – bestes Beispiel hierfür sind die Universitäten. Die Gesellschaft der sich gesund ernährenden, sporttreibenden Nichtraucher ist schließlich eine von an die neoliberalen Anforderungen des Marktes angepassten, sich selbst-optimierenden Arbeitskraftbehälter, denen die verbliebene Freizeit dazu dienlich ist, sich möglichst effektiv zu reproduzieren. So stellt es denn auch gar keinen Widerspruch dar, dass in Kneipen und Cafés das Rauchverbot auf Widerstand stieß und versucht wird, es zu umgehen, während die Durchsetzung in Diskotheken von deren Besuchern oftmals selbst besorgt wird. Waren die Ersteren seit jeher ein Reservat des Denkens und des Müßiggangs, ist es dort erfolgreich verdrängt wurden, wo man sich hin begibt, um vor seinen eigenen Gedanken zu fliehen, sich irgend zu beschäftigen, um nicht mit sich selbst, mit anderen oder dem Zustand der Welt sich auseinandersetzen zu müssen.
Da in den Räumlichkeiten, in denen ich den Text aktuell verfasse, striktes Rauchverbot herrscht, muss ein wohlüberlegter Schlusssatz zugunsten einer Zigarettenpause leider entfallen; denn: Eine rauchen wir noch – oder zwei!


1
Dieser Satz brachte Marlene Dietrich in Verlegenheit, die während eines offiziellen Empfangs in London das gesamte Essen über rauchte und so darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es unsittlich sei, schon während des Essens zu Rauchen. Vgl.: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44436989.html.

2
Eine Ausnahme dazu bildet hier, ähnlich wie bei der Herausbildung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Zuge der Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit, der ärmste Teil der Bevölkerung, bei dem Rauchen dazu diente, das Hungergefühl zu unterdrücken und so bei Frauen und Männern gleichermaßen praktiziert wurde. In beiden Fällen also war es die Last der Sachzwänge, die die Durchsetzung geschlechtsspezifischer Segregation zumindest verlangsamte.

3
Eine der Forderungen des Vormärz zum Beispiel war die Aufhebung des in Preußen vergleichsweise zu anderen Europäischen Ländern recht spät, nämlich bis 1848 noch geltenden Rauchverbots.

4
Jeder, der ein- oder mehrmals mit dem Rauchen aufgehört hat, weiß deswegen auch von einem ungewohnten Bewegungsdrang zu berichten, der in Zusammenhang damit auftritt.

Bildet Banden!

Kollektivbetriebe versuchen, innerhalb des kapitalistischen Rahmens anders zu wirtschaften. Die Lirabelle sprach mit Mitgliedern des Baustellenkollektiv Contrust, des sogenannten Bildungskollektivs und des Datenkollektivs darüber, wie das funktionieren kann und an welche Grenzen die Kollektivist@s stoßen.

Bau-, Daten-, Bildungskollektiv – wie sehen denn eure privaten Rechner, Bildungserfahrungen und Häuser aus?

Dattel Datenkollektiv: Privat nutzen wir das, was wir sonst auch empfehlen: Solide, gebrauchte Hardware zumeist mit Debian Linux als Betriebssystem. Daneben gibt’s in unseren Reihen auch eine Spielernatur, die sozusagen auch immer mal auf der dunklen Seite – also im Microsoft-Universum – unterwegs ist. Daneben gilt unser Interesse auch Kleinrechnern: dem Raspberry Pi als Multimediaplayer, dem WLAN Router mit alternativer Firmware als Freifunk-Knoten, dem mit Rockbox getunten MP3-Spieler.

Conifere Contrust: Unterschiedlich. Tendenziell Thinkpad mit Linux und Verschlüsselung.

Birne Biko: Gibt‘s bei uns auch. Und was Bildung angeht, haben alle jüngeren bei uns studiert und sind auch teilweise noch an der Uni. Einen bildungsbürgerlichen Familienhintergrund haben aber nur wenige von uns.

Conifere: Bei uns sind Studierte dabei, die aber auch mit den Händen arbeiten möchten. Die optimale Form wäre, beides zu kombinieren, aber im Moment beschränkt sich die geistige Arbeit bei uns auf Buchhaltung und anderen Bürokram. Und wir wohnen ganz verschieden. Einige leben zusammen in einem Hausprojekt, andere sind gerade auf der Suche nach einem Haus, dass man kollektivieren kann, manche leben auf dem Wagenplatz oder in einer normalen Mietswohnung.

Die Lirabelle arbeitet mit einer halboffenen Redaktion, die im Konsens entscheidet. Wie seit Ihr organisiert?

Conifere: Wir sind ca. 20 Aktive und nochmal soviele Interessierte. Wir organisieren uns bei regelmäßigen Treffen und über ein Internetforum. Wir entscheiden auch im Konsens. Auf einen klassischen Betrieb mit einem hierarchischen Aufbau von oben nach unten haben wir keinen Bock.

Birne: Wir haben einen eingetragenen Verein, weil man den braucht, um bestimmte Anträge stellen zu können. In der Satzung steht, dass wir im Konsens entscheiden. Aber wichtiger als die Rechtsform ist das Biko als Gruppe. Wir treffen uns alle zwei Wochen zum Plenum. Dort entscheiden wir, welche Veranstaltungen und Aktionen wir planen, wer Inhalte erarbeitet, Anträge schreibt, Abrechnungen macht usw. Wir sind in der Kerngruppe momentan sieben Menschen, dazu ein Umfeld. Auch wir entscheiden im Konsens. Grundsätzlich wollen wir gerne vieles kollektiv machen, oft gelingt es uns aber nur, dass wir im Plenum rücksprechen, was die einzelnen gerade machen. Zwei von uns haben gerade eine unsichere und schlecht bezahlte Stelle beim Verein.

Dattel: Wir haben lange über die Frage der Rechtsform nachgedacht und haben dann vorerst eine simple Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet. An mancher Stelle hat sich das als suboptimal herausgestellt – aber andererseits haben wir auf diese Weise auch allerhand geschafft. Entscheidungen treffen wir bei unseren wöchentlichen Zusammenkünften oder auf Zuruf. Da wir im Moment nur zu dritt sind ist das auch ok so.

Conifere: Jede Rechtsform hat Vor- und Nachteile. Ein Verein ist aufgrund der einfachen Auflösbarkeit wenig angesehen bei Banken. Eine GbR hat keine Haftungsbeschränkung. Eine Genossenschaft kommt unserer Vorstellung am nächsten. Allerdings erfordert das einen hohen Verwaltungsaufwand. Nach unseren Recherchen gibt es in Deutschland keine Rechtsform in der mensch sich ohne großen Verwaltungsapparat gleichberechtigt und frei organisieren kann.

Ist so ein Kollektiv auch über die Arbeit hinaus ein sozialer Zusammenhang?

Conifere: Na klar. Einige von uns kennen sich schon sehr lange, wohnen zusammen und fahren auch zusammen in Urlaub oder auf Anti-Nazi-Proteste.

Dattel: Wir feiern zusammen und sind teils auch noch in anderen Zusammenhängen gemeinsam aktiv. Urlaub machen wir nicht zusammen, auch weil immer wer schauen muss, dass die Systeme rund laufen, Sicherheitsupdates eingespielt und zumindest die dringendsten Anliegen bearbeitet werden.

Birne: Wir gehen in unregelmäßigen Abständen zusammen essen und machen ein oder zweimal im Jahr eine längere Klausur, die wir mit einem gemeinsamen Ausflug verbinden.

Wie geht ihr damit um, dass Leute unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen oder Kenntnisse haben? Gibt es dann am Ende doch die Leute, die den Ton angeben oder zumindest mehr zu sagen haben als andere?

Birne: Unsere Gründungsgeschichte ist zum Teil, dass wir uns selbst gegenseitig bilden wollten. Aus einem Bewegungshintergrund. Insofern haben wir einen starken Anspruch, Wissen untereinander zu teilen. Praktiziert wird das, indem wir z. B. Veranstaltungskonzepte weitergegeben und überarbeiten, uns gegenseitig bei der Planung und Antragstellung unterstützen, den Praktikant_innen immer zwei Leute zur Seite stellen, die inhaltlich und sozial helfen sollen, im Kollektiv klar zu kommen. Es ist aber nicht immer leicht, den Anspruch zu erfüllen.

Conifere: Wissenshierarchien wird es immer geben. Wir versuchen voneinander zu lernen, indem wir Workshops machen und Aufgaben rotieren lassen.

Dattel: Was das angeht, ist gerade IT ein schwieriges Feld, weil es voraussetzungsreich ist und die Bereiche so vielfältig sind, dass nicht alles Wissen leicht geteilt werden kann. Wir arbeiten mit unterschiedlicher Intensität an verschiedenen Projekten, entsprechend unterschiedlich ist der Einfluss aufs Ganze. Konflikte gibt’s eher um Arbeitsweisen als um die inhaltliche Ausrichtung unserer Arbeit.

Birne: Wer beim Plenum Dinge entscheiden kann, ist schon eine heikle Frage. Da gibt es bestimmt informelle Hierarchien und sei es nur darüber, wer wie hartnäckig argumentiert. Gerade für neue Mitstreiter_innen sind die Plena oft schwer zu durchschauen, auch weil wir oft eine lange Tagesordnung und eingespielte Routinen haben. Aber wir versuchen da wie gesagt aktiv gegenzusteuern.

Hat das auch mit Geschlechterverhältnissen zu tun?

Birne: Sicherlich. Obwohl wir inhaltlich klar feministisch ausgerichtet sind, ist es leider so, dass diejenigen, die nach einem Praktikum oder Projekt auf Dauer beim Biko geblieben sind, fast immer Männer waren. Da hätten wir besser von Anfang an aktiv gegengesteuert.

Conifere: Wir sind sehr gut aufgestellt, was die Geschlechterverteilung anbelangt. Bei der aktuellen Baustelle arbeiten von 13 Leuten 8 Frauen und LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender). Es wurde beim Anwachsen des Kollektivs immer darauf geachtet, dass möglichst viele Frauen eingeladen werden, da im handwerklichen Bereich schnell ein extremes Ungleichgewicht entstehen kann.

Ihr organisiert euch rund um eine wirtschaftliche Tätigkeit. Was bedeutet das für eure Arbeit und für die Leute, die bei euch arbeiten?

Birne: Wir haben einen Honorarsatz für Veranstaltungen, den wir regelmäßig diskutieren. Diejenigen von uns, die über genügend Einkommen verfügen, spenden an den Verein, was uns in geringem Maße erlaubt, umzuverteilen. Das passiert aber anlassbezogen und ohne langfristige Planung. Viel organisatorische Arbeit im Hintergrund findet unentlohnt statt und man darf nicht vergessen, dass die meisten von uns nicht vom Biko leben.

Conifere: Wir wollen sowohl Bauarbeit als auch Planung bezahlen. Fahrtkosten legen wir um. Die Diskussion über eine interne Umverteilung nach individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen ist noch im Gange. Auf lange Sicht wollen zumindest einige von uns vom Bauen leben.

Birne: Darüber diskutieren wir oft. Einerseits wäre es schön, von der Bildung leben zu können, andererseits schätzen wir das Biko gerade als Struktur, wo man eben nicht die Inhalte dem anpassen muss, was gerade gefördert wird.

Dattel: Wir können und wollen nicht alles, was wir tun, monetär bewerten. Das ist ja gerade der Freiheitsgrad gegenüber vielen anderen Jobs. Wir haben jahrelang digitale Infrastruktur in unserer Freizeit gepflegt, sind da an Grenzen gestoßen und haben uns bewusst für Professionalisierung entschieden. Unser erklärtes Ziel ist es, von unseren Einnahmen leben zu können. Dazu verteilen wir intern um und orientieren uns dabei daran, wer wie stark auf das Geld angewiesen ist. Vom „davon leben“ sind wir leider noch ziemlich weit entfernt. Das liegt aber nicht nur an unserer „Kundschaft“ sondern auch an uns. Scheinbar ist unsere Beziehung zum Geld einfach nicht eng genug.

Conifere: Man muss andersherum auch sagen, dass die Arbeit in hierarchischen und profitorientierten Strukturen auch den Spaß an der Tätigkeit verdirbt. Manche von uns wollen gar nicht groß Geld machen und arbeiten von Vornherein nur, wenn ihnen die Umstände und die Tätigkeiten zusagen. Das ist natürlich nur möglich, wenn man sich die Jobs aussuchen kann. Das können längst nicht alle von uns. Am liebsten wollen wir möglichst viel für tolle und politische Projekte bauen, gerne auch ökologisch und vor allem ohne Hierarchien, Macker und Sexisten.

Und was würdet ihr nicht machen?

Birne: Wir wurden mal direkt angefragt, ob wir uns an einem großen Förderprogramm gegen Extremismus beteiligen. Das haben wir aus inhaltlichen Gründen abgelehnt. Wir haben mal eine Weile Schulsozialarbeit gemacht, das haben wir irgendwann eingestellt, weil wir fanden, dass man in einem derart durch Zwang geprägten Rahmen keine emanzipatorische Bildung machen kann. Aber diese Entscheidungen hatten insofern ihren Preis, als dass Leute, die ihren Lebensunterhalt mit Bildung bestreiten wollen, nicht beim Biko bleiben konnten.

Dattel: Richtig scheiße Sachen machen wir nicht. Über die Grenzen unseres Treibens haben wir auch gesprochen. Allerdings sind wir grade schon am Schauen, wo Geld zu verdienen ist – und das ist leider eher selten bei den Projekten der Fall, die uns echte Herzensanliegen sind.

Und was ist euer Beitrag zur Weltrevolution?

Birne: Wir hoffen, in unserer Position zwischen Bildung und Bewegung einen kleinen Beitrag zur Stärkung sozialer Bewegungen zu leisten. Indem wir uns selbst als Akteure in diesen Bewegungen verstehen und vielleicht irgendwann gemeinsam handlungsfähig werden.

Dattel: Wir sind eher skeptisch, ob kollektiv organisierte Betriebe das kapitalistische Prinzip außer Kraft setzen können. Im besten Fall können sie durch ihre Praxis kleine Inseln bilden, in denen sich eine ökonomisch andere Denkweise vorbereiten und einüben kann. Was das inhaltliche betrifft: Abgesehen von der Frage ob eine emanzipatoriche nicht-kapitalistische Transformation mit einer Weltrevolution einhergehen muss, ist die dezentrale, autonome und freie Kommunikation ein zwingender Grundstein einer jeden emanzipatorischen Bewegung. Dazu zählt unsere Arbeit mit quelloffener Software genauso wie die Aufklärung unserer Nutzerinnen oder die interne Arbeitsweise ohne hierarchische Strukturen.

Conifere: Unsere Utopie ist, dass immer mehr miteinander vernetzte Kollektive eine alternative Infrastruktur bilden, die unser aller Bedürfnisse erfüllt und letztlich kapitalistische Strukturen überflüssig werden läßt. Gleichzeitig ist natürlich klar, dass wir von diesem Kacksystem profitieren und zu den Profiteuren gehören und darin agieren – es also mit jedem Tag der Lohnarbeit und des Konsums stützen. Mist!

Zur Lage in Idomeni und an Europas Außengrenzen

… wurde und wird schon (zu?) viel von allerlei (mir) fremden Medien und Aktivist*innen gesagt, geschrieben, erklärt, kommentiert, bewertet und analysiert. X fehlen die Worte. Daher schickt sie folgende Bild-Nachrichten von den Menschen aus dem inzwischen geräumten Camp von Idomeni.

Bild 1-13
„Wir fordern nicht Essen und Wasser; wir fordern offene Grenzen“

Bild 2-13
„Euer Schweigen tötet uns“