Monatsarchiv: Mai 2016

Lirabelle #12

Cover #12

Editorial

Wer nicht das erste Mal die Lirabelle in den Händen hält, weiß dass die Ausgaben nicht unter einem Schwerpunkt stehen, wie das in anderen Publikationen oft der Fall ist. Entsprechend versammeln sich hier Texte, die unterschiedliche Themen nebeneinander, manchmal miteinander verhandeln und sich ab und an auch widersprechen. Aber nicht nur den Inhalt betreffend, sondern auch was die Form angeht, ist die Publikation relativ offen gehalten. So gibt es Texte, bei denen man den akademischen Hintergrund der Autor*innen klar heraus liest, andere üben sich im freien Assoziieren, schildern und reflektieren Erfahrungen auf subjektiver Ebene, ohne dass damit deren Anspruch auf Objektivität gemindert wäre.
Wenn aber von verschiedenen Formen der Auseinandersetzung mit Inhalten die Rede ist, so meint das meist eben Textformen. Auch da wo Kunst Thema ist, ist sie das in der Regel in Form von Rezensionen, wird, dem Medium der Sprache geschuldet, also über sie geschrieben. Die, im Sinne der Trennung von Wissenschaft und Kunst, eher auf Seiten der Kunst zu verortende Lyrik war bis dato noch nicht vertreten. Um so mehr freuen wir uns, erstmalig ein Gedicht abdrucken zu können, das, handelt es sich nämlich um eine Kindergedicht, ebenso den Kreis an angesprochenen Lesenden erweitert.
Darüber hinaus wird in der aktuellen Ausgabe nach einer emanzipatorischen Form des Schimpfens gefragt, Polemik als angemessene Form der Kritik bestimmt, Formen der möglichen Selbstermächtigung aufgezeigt, herausgestellt was eben keine solche Form der Selbstermächtigung ist bzw. sein kann u.v.m.

Viel Spaß beim Lesen wünscht
die Lirabelle-Redaktion

  • News
  • Buen Vivir
    La Cuchara über ein südamerikanisches Konzept, dass die Möglichkeiten eines gelingenden Lebens unter zerstörerischen Bedingungen auslotet.
  • Ballstädt-Verfahren: Dümmer geht’s immer – Bullen vs. Nazis
    Die ersten Verhandlungstage des Ballstädt-Prozesses seit dessen Beginn im Dezember 2015 sind gelaufen. 15 Neonazis müssen sich nach einem brutalen Überfall auf die Kirmesgesellschaft in Ballstädt im Februar 2014 verantworten. Wir, Kleingartenverein Tristesse e.V., geben euch einen kleinen Einblick in diesen doch sehr speziellen Gerichtsprozess. Sowohl unsere Erwartungen an Entertainment wurden erfüllt, wie auch unsere Befürchtungen die Verteidigung betreffend sind weitestgehend eingetreten. Wir empfehlen euch aber ausdrücklich einen eigenen Besuch.
  • Abschieben mit Links
    Ox Y. Moron kritisiert die staatspolitischen Ambitionen und den Verrat an der Menschheit durch Thüringer Linke, die in Regierungsverantwortung das Abschieberegime der Vorgängerregierungen fortsetzen.
  • Parsley, sage, rosemary and thyme
    Die Frage von Geburtenkontrolle und Abtreibung war für die Feminist_innen der 60er und 70er ein wichtiges Thema. Obgleich viele Gesetzgebungen und Regelungen im Gesundheitssystem immer noch sexistisch sind und einkommensschwache Menschen benachteiligen, ist das Thema für viele – aus verschiedensten Gründen – in den Hintergrund getreten. Weshalb es für eine kommunistische und anti-sexistische Praxis weiterhin wichtig sein kann und muss, über die technisch-medizinische Seite der Körper-Aneigung zu sprechen, versucht Maxi N. Conrady am Beispiel der Anti-Baby-Pille zu entfalten. Die Autorin ist Mitglied im Club Communism.
  • Irgendwas mit nichtmonogam…
    Seit fast zwei Jahren gibt es in Erfurt das Poly-Palaver-Picknick, bei dem sich Frauen und Transpersonen, die nichtmonogam leben oder sich dafür interessieren, in lockerer Atmosphäre über ihre Liebes- und Lebensweise austauschen können. Kalle hat mit den Organisatorinnen Krista und Ayşe gesprochen.
  • Aber ich habe mich nicht.
    Die Hoffnung auf Räume solidarischer Kritik und gemeinsamem Hinterfragens hat Simon Rubaschow noch nicht aufgegeben. Daher wirft er einen kritischen Blick auf das Konzept des ‚Empowerments’. Der Autor ist Mitglied im Club Communism.
  • Gute Nacht Gedicht für Kinder
    von Hermann Heilner
  • Emanzipatorisch beleidigen?! – Die Kunst der Erniedrigung
    Lulu Ronja setzt sich damit auseinander wie Schimpfen funktionieren könnte. Dabei enthält dieser Artikel Wörter, die viele Diskriminierungen reproduzieren.
  • Elemente der Polemik
    Der Artikel befasst sich mehr als minder abstrakt mit der Idee einer Kritischen Ästhetik der Polemik. Die streitbare Kunstform ist z.B. bekannt aus den Texten der Zeitschrift Bahamas, aus Schriften Wolfgang Pohrts und geradezu perfektioniert im Werke Karl Kraus‘ zu finden. Auf Grund ihres beleidigenden Impetus‘ erregt sie oftmals bei Leserinnen & Lesern Anstoß und wird daher abgelehnt. Gegen dieses erste Gefühl der Ablehnung, aber mit dem Bewusstsein, dass durch Erklärung etwas von ihrem Zauber verloren geht, soll im Folgenden die Polemik als sachlich angemessene Form der Kritik verteidigt werden. Der Autor ist aktives Mitglied der Sozialistischen Jugend – die Falken. Von Max Unkraut.
  • Solidarität geht nur gemeinsam
    In der Lirabelle wird häufig über Repression berichtet. Wichtig ist das Thema allemal, leider nicht so wahnsinnig beliebt und bekannt. Viel zu oft bleiben die Betroffenen von Repression damit allein. Das wollen wir als Rote Hilfe Ortsgruppe Erfurt ändern und haben hier einen kleinen Einblick zum Sinn und zur Notwendigkeit von Antirepressionsarbeit und im Speziellen von Soli- oder Unterstützungsgruppen zusammengestellt, teilweise findet ihr in diesem Text Statements von Soligruppen, die bereits in der Lirabelle zu lesen waren.
  • Das ist keine Kunst. Wir sind eine Gang.
    Viele haben sie schon gesehen, gehört und mit ihnen gefeiert: AbstinenZx lassen es mit „In dieser Heimat kein zuhaus“ ordentlich krachen. Warum sie mit ihrer Musik ins Mark treffen, es dabei nie um Kunst geht, sondern um uns, will Franzie zeigen.
  • Die Aluhut-Chroniken VIII – Wunderheilmittel

Wunderheilmittel

Dir schmerzt es im Rücken? MMS! Du bist zu dumm? Black Goo! Dir juckts in der Nase? MMS! Du hast kein Kollektivbewußtsein? Black Goo! Eine Ärztin diagnostiziert bei dir HIV? MMS! Du willst telepathische Verbindungen zu Tieren und Pflanzen? Black Goo!

Wer sich schon einmal in die bunte Welt der Alternativmedizin verirrt hat, wird es kennen: Globulis helfen gegen alles. Eigenbluttherapien siegen, wo hochtechnologisierte Schulmedizin versagt und die unbeschreibliche Wirkmächtigkeit von Schüßler-Salz muss hier nicht extra erwähnt werden. An dieses Zeug kann geglaubt werden oder nicht, der Schaden bei Einnahme hält sich jedoch in Grenzen. Doch gegen die „dunkle“ Seite der Alternativmedizin, sind diese homöopathischen Mittelchen wahre Schmusekätzchen: wirkungslos aber wenigstens nicht schädlich. Doch wenn das „Miracle Mineral Supplement“ (auch „Vitamin O2“ kurz MMS) oder das „intelligente Öl“ (auch „fühlendes Öl“ oder „schwarzer Glibber“, meist jedoch „Black Goo“) in Spiel kommen, dann ist der Giftschrank der sogenannten Alternativmedizin ganz weit offen. Dann bekommt meist nicht nur der Geldbeutel ein großes Loch, sondern bald auch wichtige Organe im eigenen Körper.

Für Uneingeweihte ist MMS lediglich ein Gebräu oder eine Pille auf Basis eines Desinfektionsmittels, welches wiederum toxische und umweltschädliche Chlordioxide unter bestimmten Bedingungen freisetzt. Für „Eingeweihte“ soll MMS gegen „böse“ Viren und Bakterien vorgehen (Malaria, oder der HI-Virus) die „guten“ Bakterien aber verschonen. Wissenschaftlich ist das natürlich nicht haltbar. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die sich Einläufe mit dieser Brühe machen. Auch wenn der Einsatz von Chlordioxiden tatsächlich zur Desinfektion von Trinkwasser genutzt wird, ist die dortige Dosierung viel geringer, als bei einer Einnahme von MMS-Präparaten.

In Form von Globulis soll Black Goo die erfundene Krankheit „Morgellonen“ heilen, telepathische Verbindungen zu Pflanzen und Tieren ermöglichen und die Intelligenz des Konsumierenden erhöhen. Nach Meinung von David Griffin ist Black Goo auch für den Falklandkrieg verantwortlich. Seine „Recherchen“ „belegen“, dass es südlich der Falklandinseln eine „Thule-Insel“ gibt, auf der das intelligente Öl durch Argentinien abgebaut wurde. Das nach Großbritannien exportierte Black Goo soll Mitarbeitende einer Rüstungsfirma getötet haben und daraus sei dann der Falklandkrieg erwachsen. So behauptet es jedenfalls Griffin und seine Gruppe „Exopolitics UK“, die sich eigentlich der Bekanntmachung außerirdischen Lebens auf der Erde widmet. Bleibt am Ende nur die Frage, ob die Verbesserung der Intelligenz durch Black Goo auch wirklich von Dauer ist. Sollte die Dummheit durch das „intelligente Öl“ irgendwann ausgerottet sein, gibt es ja dann auch keine Konsument_innen mehr.

Das ist keine Kunst. Wir sind eine Gang.

Viele haben sie schon gesehen, gehört und mit ihnen gefeiert: AbstinenZx lassen es mit „In dieser Heimat kein zuhaus“ ordentlich krachen. Warum sie mit ihrer Musik ins Mark treffen, es dabei nie um Kunst geht, sondern um uns, will Franzie zeigen.

Es kommt immer mal vor, dass Leute sagen, „Ey, mach mal dieses Geschrei aus!“ – nach der Stille und kurzem Geraschel weil jemand meinen mp3-Player abgestöpselt hat, folgt irgendein Gedudel, das ich echt nicht ertragen will. Dann bleibt der berüchtigte Blick in die Flasche, der Griff zur Betäubung. Dementsprechend sieht mich manch einer nicht gern an der Bedienung von Audiogeräten. Mit AbstinenZx hat sich jedoch eine Band gefunden, die verschiedene Musikgeschmäcke zusammenbringt. Auch wenn ich normaler Weise erstmal die Nase rümpfe, wenn scheinbar plötzlich viele Leute eine Band mögen – die auch noch eingängige Melodien spielt – geht das hier ganz und gar nicht. Meine Erklärung: Die Punkrock-affine linke Szene, die mich umgibt, besteht aus kaputten Menschen und deshalb trifft AbstinenZx nicht nur wenige Herzen.

Beschissenes Land, beschissenes Leben und außer ein paar Narben ist mir nichts geblieben. (…) So wie es ist, kann es nicht bleiben.“

Kaltland ist mit dem Willkommens-Singsang auf die „trains of hope“ und Kackstadt mit Initiativen wie „Erfurt lacht“ nicht erträglicher geworden. Unser Alltag besteht nicht im Kampf um Krieg und Elend zu entfliehen, wir kämpfen gegen die Scheiße, die das für andere nötig macht und die Zustände, die das Leben hier unerträglich machen und das ist nicht wenig. Das Gefühl der Ohnmacht und die tatsächliche sind im Alltäglichen wie auch in politischen Kämpfen präsent. Steigt der Zivi vom Fahrrad und holt seine Bullencrew ran, um euch kleinzumachen? Lachen die Bullen dir ins Gesicht, wenn du dich darauf berufst, was der Rechtsstaat dir eigentlich zusichert? Glotzen die Leute dich schief an, weil dein Bier auffloppt oder du ’nen Dübel rauchst? Selbst an der Krämerbrücke fällt man nun mit nicht knöchelfreier Hosenwahl auf.

Ihr habt Angst um eure Arbeit, ihr habt Angst um euer Geld, ihr habt Angst um eure Zeit, um eure kleine heile Welt.

Es gibt keine heile Welt, um die wir uns sorgen. Viele von uns kennen keine heile Welt, auch wenn manch eine einzelne Zeitabschnitte wie frühste Kindheit oder die berüchtigte Punkerjugend im Rückblick verklärt und idealisiert. Woran knüpfen wir an, um weiterzumachen, nicht aufzugeben oder uns doch zeitweise dem hinzugeben, keinen Bock mehr auf die Scheiße zu haben? Es ist der Schmerz, das Leiden an dem was ist und was war. Das ist kein blabla, das ist keine Kunst: AbstinenZx machen Musik, die mir vertraut ist, weil in ihr Melancholie und Verzweiflung liegen, die in vielen Momenten von einer tiefgreifenden Wut beflügelt ausschlagen.

Mit Aggressionen gehen Leute verschieden um, viele richten sie nach außen, viele nach innen. Wie es sich anfühlt, Aggressionen nur schwer nach außen tragen zu können und welche Folgen das für den eigenen Zustand hat, kann man beim Hören von AbstinenZx erahnen. Das verrückte daran ist, dass darin soviel Kraft liegt, dass ich damit nicht allein bleiben kann oder will. Warum die beiden Jungs zusammen Musik machen und eben diese Musik, das weiß ich nicht, aber ich bin echt froh, dass sie es tun. Denn in Einsamkeit kann man eben doch gemeinsam sein. „Ihr seid keine Fans, wir sind eine Gang!“ rappen Zugezogen Maskulin und das ist es, was ich empfinde.

Ich besaufe mich mit Wut

Manchmal ertrage ich es nicht, meide die Musik und ein andermal will ich mit meiner Gang zusammen feiern. Ja, so ist es: Wir brauchen Krach, wir brauchen ein Ventil für Wut, Verzweiflung. Manchmal hilft nur Punkrock, um nicht allein zu sein. Wir entwaffnen uns selbst, wenn wir aufgeben, wir allein bleiben – auch wenn das subjektive Moment des Widerstands, das sich destruktiv gegen das eigene Selbst richtet, erstmal befriedigend wirkt.

Wir sind verschieden, aber kaputt sind wir alle, doch sehen tut man das selten.


Achtung: Grad gibt’s die Scheibe „In dieser Heimat kein Zuhaus“ wieder auf CD, es wird jedoch gemunkelt, dass auch bald eine Vinyl-Pressung vorgelegt wird. Juhu!

Elemente der Polemik

Der folgende Artikel befasst sich mehr als minder abstrakt mit der Idee einer Kritischen Ästhetik der Polemik. Die streitbare Kunstform ist z.B. bekannt aus den Texten der Zeitschrift Bahamas, aus Schriften Wolfgang Pohrts und geradezu perfektioniert im Werke Karl Kraus‘ zu finden. Auf Grund ihres beleidigenden Impetus‘ erregt sie oftmals bei Leserinnen & Lesern Anstoß und wird daher abgelehnt. Gegen dieses erste Gefühl der Ablehnung, aber mit dem Bewusstsein, dass durch Erklärung etwas von ihrem Zauber verloren geht, soll im Folgenden die Polemik als sachlich angemessene Form der Kritik verteidigt werden. Der Autor ist aktives Mitglied der Sozialistischen Jugend – die Falken. Von Max Unkraut.

I. Präludium

Das Bedürfnis einer Darstellung der Polemik speiste sich u.a. aus den Beobachtungen, dass Leute einer vernünftigen Kritik Absage erteilen, weil sie in ihren Augen unsachgemäß und künstlich daherkommt, wobei sie dabei in einem pejorativen Sinne als Respektlosigkeit stigmatisiert wird: was nicht wissenschaftlich-objektiv, d.i. ganz ohne Zugabe subjektiven Empfindens und Gestaltens, erscheint sowie nicht die größtmögliche Mannigfaltigkeit an Fakten darlegt, halten solche Systemapologeten prinzipiell für falsch. Die Objektivität der Herangehensweise ebendieser ist hingegen die Perpetuierung der isolierten Einzelnen, die der Unterwerfung unter die gesellschaftliche Totalität nicht Rechnung tragen, indem sie diese ihr in einer geeigneten Form präsentieren, sondern sich ihr anpassen. Als einfacher Gegensatz zur sozialen Objektivität – nicht unter dialektischer Vermittlung gedacht – ist das Subjekt ohnmächtig und vermag nicht mehr als festzustellen, dass etwas, aber nicht wie etwas ist, weil verleugnet wird, dass jeder das Ganze in gewissem Grade mitgestaltet und erhält. Der Inhalt solcher Feststellungen ist daher so abstrakt wie ein wild zusammengewürfelter Haufen Atome, die nur richtig betrachtet, eine bestimmte Figur aufweisen. Es ist also geboten, die Einzeldata der Umwelt in einer angemessenen Form darzustellen.

Die Aufmachung der Polemik soll indes ein Versuch einer Verteidigung der Waffe der Kritik sein, wie Adorno sie als „Idiosynkrasie“ des kritischen Subjekts bezeichnete, das den „historischen Takt hat, zu spüren, was geht und was nicht geht« und nur darum »an der Wahrheit selber auch […] Teil“ (Adorno: Über die geschichtliche Angemessenheit des Bewusstseins) hat. Die Idiosynkrasie beschreibt eine Art psychische Disposition, ein Unbehagen, das vom Einzelnen ausgeht und ihn dazu bringt, mit der schlechten Welt Schluss machen zu wollen. Sie betrachtet dabei aber ebenso die Welt, anders als oben genannt, unter Einfluss seiner selbst. Daher geht die kritische Subjektivität aufs Ganze und erkennt sich zugleich als ein potentielles Mehr, das nicht lediglich ein mitgeschleiftes Teilchen im kapitalistischen Alltag ist, weil es von sich aus zu der Entschließung kommt, nicht mehr mitzumachen.

Auf Grund der Kürze bitte ich Kritiker & Kritikerinnen ungenau Ausgedrücktes wohlwollend zu interpretieren. Ich bin mir z.B. im Klaren darüber, dass Idiosynkrasie ein sehr zweideutiger Begriff ist, der ebenso etwas zu kritisierendes impliziert. Leider zwingt die Kürze eines solchen Artikels zu kurzen Erklärungen.

II. »…Wurzelnd dort wo ich hasse/ wachse ich über die Zeit« (Kraus: Der Grund)

Mit Nietzsche wäre das Angesprochene zu spezifizieren: „wenn das Vergangene“ – und alles Gegenwärtige vergeht in dem Moment seines Seins – „überhaupt ohne harte Akzente und ohne den Ausdruck des Hasses erzählt wird“, diene man dabei nur dem »maßvoll-wohlwollenden Beschönigen“ des Geschehenen und zwar „in der klugen Annahme, dass der Unerfahrene es als Tugend der Gerechtigkeit auslege“ (Nietzsche: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben). Eine bestimmte emotionale Stimmung gegen die veraltete Welt liegt nach Nietzsche also einer angemessenen Betrachtung derselben zugrunde. Weil das Gefühl alleine zwar unheimlich laut ist, aber keine Einsicht evoziert, gehört dazu auch „die Fähigkeit und Energie, diese idiosynkratischen oder blinden Reaktionen ins Bewusstsein zu erheben und sogar, sie zur Theorie zu erheben“ (Adorno: Über die geschichtliche Angemessenheit des Bewusstseins). Das Resultat der Kombination aus Hass und Einsicht nenne ich Verachtung und ihr Mittel ist die Polemik. Gleichzeitig soll sie eine künstlerische Antizipation der Revolution sein und zwar als Rache am Bestehenden.

Πόλεμοσ, d.i. der altgriechische Terminus für Krieg (in seiner stärksten Bedeutung). Der Polemik als Kunstform, sofern sie überhaupt als solche anerkannt, wird oft zum Vorwurf gemacht, sie sei parteiisch, gehe beleidigend an gegen eine Person und treffe daher den Sachverhalt nicht. Objektiv sein!, heißt es dann in Opposition zu ihr, meist ohne, dass diejenigen, die dasselbe einfordern, jeweils einen kritisch reflektierten Begriff von Objektivität und daher Subjektivität besitzen, geschweige denn von der Polemik. Schon deshalb bin ich geneigt, das Gegenteil zu behaupten, dass nämlich die Polemik nicht nur ein objektiv-kritisches Moment enthalten kann, sondern dieses sogar notwendigerweise beherbergt. Der angegriffene Einzelne, dessen Integrität man verletzt, ist schon bevor die Polemik ihn trifft so unversehrt wie das gebrochene Heideröslein, das die Liebe des Knaben wenigstens noch als grobe Gewalt kennt. Das Verwehren, die unmittelbare Abscheu gegen jene, ist dagegen der ungebrochene Wille derart gemartert zu bleiben, wie man es eben ist.

Um noch etwas bei der Etymologie von Worten zu verweilen: was bedeutet eigentlich Person? Der Begriff persona, der dem deutschen sehr nahe kommt, und aus dem Lateinischen stammt, bezeichnet die Maske eines Schauspielers im Theater. Eine solche Maske meinte wiederum große Persönlichkeiten des Römischen Reiches, etwa einen Kaiser, der nachgeahmt wurde. Personen sind also Menschenmasken eines Theaters, die etwas Objektives darstellen, indem sie das innere Verhalten durch ein äußeres Bild mittels Mimesis zu ergänzen suchen. Das wiederum bringt mich dazu, den Begriff Person mit Marx zu assoziieren, der nämlich von Charaktermasken sprach, wenn er klar machen wollte, dass die Einzelnen im Kapitalismus lediglich ein „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Marx: Thesen über Feuerbach) sind und dementsprechend handeln (und zuweilen auch aussehen). Den Begriff leitete er folgerichtig aus der italienischen Theatersprache des 18. Jahrhunderts her, deren Grund sicher in dem eben Aufzeigten liegt.

Eine weitere Definition des Begriffs Persönlichkeit, stammt von Kant, dessen Philosophie Adorno als höchste Stufe der Reflexion des bürgerlichen Bewusstseins bezeichnete – und ich würde dazu setzen: des deutschen –, und ähnlich anmutet, wobei sie psychoanalytisch gedeutet werden muss, was durch Ansätze von Triebtheorien darin recht leicht ist. In der Kritik der praktischen Vernunft werden unter Persönlichkeiten jene Leute verstanden, die sich durch ihr am moralischen Gesetze ganz und gar orientiertem Handeln Achtung verschafft haben. Auch heute spricht man im Alltag noch von großen Persönlichkeiten, wenn jemand etwas moralisch Wertvolles getan hat.

Das moralische Gesetz ist dabei schlechterdings als Freuds Über-Ich bzw. Gewissen, zu betrachten, denn auch Kant verlangt, dass die Bedingung der Möglichkeit einer moralischen Handlung das Abschlagen aller subjektiven Neigungen, die Lust erzeugen, ist, wobei Freud davon ausgeht, dass diese sublimiert werden. Deswegen verleugnet Kant auch nicht, dass dieses Befolgen Gehorsam einer Pflicht ist und, dass dies a priori durchaus keine Lust bereitet, nicht einmal bereiten darf, während Freud von einer geminderten Lust durch ihre Ablenkung spricht. Beides, Sublimierung und Abschlagung der Lust, laufen aber letztlich aufs Gleiche hinaus. Da nämlich sowohl auf Kulturelles gelenkte Lust mit lauter schmerzlichen Erfahrungen verbunden ist – die bürgerliche Liebe, ob nun mono- oder polyamor, ist auch hier ein gutes Beispiel: wie sehr schmerzt so häufig eine feste Beziehung; und Treue und Untreue erst! – als auch die achtungswürdige Person durchaus dazu angehalten ist, vernünftige Selbstliebe nach ihrer moralischen Tat zu empfinden, so sind also Sublimierung und Verwerfung gänzlich dasselbe.

Die Person ist in Gänze eine Funktion des Kapitals, zumindest wenn sie unbewusst agiert, weil Über-Ich, Gewissen, Moral erstens Dinge sind, die uns erst zu einer Person werden lassen und zweitens von der Warengesellschaft gesetzt werden. Unbewusst agiert eine Person deshalb, weil sie durch die Gesellschaft (gerne auch heute noch vermittels Ohrfeigen) eingeschlagene Moralvorstellung als ein unmittelbares Gut empfindet und diese dann in Handlungen umsetzt, um sich als Person zu konstituieren. Darum ist die Aktion dieser Handelnden eigentlich nur Reaktion in Bezug auf einen für kapitalistische Wertevorstellungen untragbaren Zustand. Bei Leuten, die ich demgemäß Bauchlinke nenne, ist das häufig zu beobachten. Diese sich revolutionär Imaginierenden machen den Kommunismus nur noch unmöglicher, weil sie sich für eben solche halten,während sie sich genauso bürgerlich verhalten wie etwa le bonhomme saint Rüdiger Bender, der das Symbol der ganzen bourgeoisen Anti-AfD-Misere in Erfurt ist und von dem sich Bauchlinke dann selbstverständlich nur symbolisch distanzieren können. Letztlich sind sie nichts anderes als Rebellen im Sinne Fromms (Studien über Autorität und Familie).

Genau das ist also der Gehorsam gegenüber der Pflicht, den Kant meint und er ist sehr basal und ökonomisch ausgedrückt das Befolgen des Befehls seine Ware Arbeitskraft zu verkaufen, um jegliche Produkte am Markt erwerben zu können, d.i. das System zu erhalten, um sich zu erhalten, aber von jenem auf eine metaphysische Rechtfertigungsebene gehoben – und daher politisch –, die wiederum den realen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit durch Synthesis ausmerzt. Ideologie erzeugt eben auch den Schein, dass man moralisch und selbstständig auf Grund der Evidenz des Guten handelt. Der Befehl wird darin das Vernünftige schlechthin und deswegen hat es natürlich auch Sinn ihm zu folgen – wenn der Befehl vernünftig ist, warum ihn dann verneinen? Eine positive und konkrete Variante hierfür findet man übrigens in der Spanischen Revolution, bei Roten Brigaden, die hierarchisch organisiert waren, freilich weil es eine Notwendigkeit zur Befreiung war und ist, aber daher eine ebenso vernünftige.

Auch das beschreibt Kant, nur nicht kritisch. Man sieht dies falsche Verhältnis heute immer sehr treffend an Jugendlichen, wenn sie uniform und sich individuell denkend Kleidung tragen, auf der „OBEY“ prangert. Da bestätigt also die kulturindustrielle Produktion das Gefühl der Individualität, indem sie Standartprodukte auf den Markt feuert, auf denen zum Hohn des Menschen in großen Lettern der Imperativ „Gehorche“ steht.

Vermittels der Kritik persönlich werden, heißt demnach nicht einfach ein sozial unberührtes und ideelles Individuum anzugreifen, sondern dagegen sehr reelle gesellschaftliche Verhältnisse freizulegen, die deutlich machen, dass eine Person ein unselbstständiges Individuum ist, das lediglich ungeteilt erscheint. Damit das Abstrakte etwas konkreter wird, die Polemik also verständlicher, im Folgenden eine Explikation. Nenne ich eine Person ‚Hurensohn‘, dann steckt darin auf die Spitze getrieben: ‚Du glaubst also die Lüge, dass du ein Individuum seist, obwohl du vom Kapital gesetzt worden bist. Da du also nicht weißt, woher du eigentlich kommst, stehst du tatsächlich da wie das Kind einer Sexarbeiterin, die versehentlich von einem ihrer Kunden geschwängert wurde, wodurch dir, dem Kind, wiederum unklar ist, wer dein Vater ist.‘

Also wird die Kunst zu polemisieren kritisch: der Speer des antik-griechischen Soldaten traf nicht einfach nur irgendeinen Gegner als Individualität, sondern war immer auch ein Angriff auf dessen Herrscher, der das Ganze verkörperte; und ebenso ist heute die Polemik der Krieg gegen die Ideologien des Kapitals, indem sie als solche im Subjekt zum Aufscheinen gezwungen werden, oder mit Marx: „Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie) Die Polemik übertreibt also das subjektive Denken hin zu ihrem Ursprung, den gesellschaftlichen Verhältnissen und macht mithin die Handelnden verantwortlich, wodurch ein „Potential von Freiheit“ aufscheint, „weil dadurch […] den Subjekten der spontane Glauben an die ‚Naturwüchsigkeit‘ ihrer selbst und der von ihnen in Gang gehaltenen gesellschaftlichen Einrichtungen grundsätzlich abhanden“ (Nachtmann: Krisenbewältigung ohne Ende) kommt.

Man muss aber weiter gehen und das Verkrustete in seiner ganzen steinernen Verfestigung darstellen und darf nicht zulassen, dass überhaupt etwas am Subjekt individuell erscheint, solange es durch das Kapital vermittelt wird. Es ist mehr noch Objekt, als die oben genannte Kritik an der Abschlagung der eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten glauben macht; als würde die Enteignung (Aneignung wäre davon vielleicht begrifflich zu trennen) der moralischen Gefühle des Kapitalismus alles gut sein lassen. Die Gefühle sind selbst schon verstümmelt (vgl. einführend in der aktuellen Alerta Südthüringen #6: Ein kritisches Lob des Hedonismus).

Das sein Selbst aktualisierende, handelnde Subjekt ist vielmehr ganz ein Ding, denn es tritt nur durch seine verobjektivierte Tätigkeit, die Arbeit, auf. Und man sieht es wohl sehr deutlich an der mariäischen Liebe und ihrem recht wirklichen Pendant, dem Sexus: die freie Wahl des Partners oder der Partnerin und das Sich-angezogen-fühlen, orientiert sich in den allermeisten Fällen am Lohn und damit am Stande in der Gesellschaft, die der oder die andere vorweisen kann. Das legt Zeugnis davon ab, dass das Individuum für uns nur verdinglicht wahrnehmbar ist und damit eben als eine Sache. Ein Mensch lässt sich – wie das tagtäglich geschieht – darum auch als Gegenstand behandeln und das selbst, wenn er nicht lohnarbeitet; dann wird er nämlich Gegenstand der Arbeitsagentur, weil freilich die primitive Verdinglichung des Individuums über Arbeit teilweise als agens obsolet geworden ist (und sich dieser Zustand krisenhaft zuspitzt). Längst ist unser ganzes Selbst durch die Gesellschaft deformiert, weil unsere Sinneswahrnehmung, mit Kant gesprochen, durch die Verstandesbegriffe determiniert ist. Alles sinnlich Erfassbare, sei es, was es wolle, wird vollständig unter die gegebenen Kategorien des Ich subsumiert. Das aber impliziert die Umformung der Sinne selbst. Als Naturobjekte werden sie von den Eltern bearbeitet wie ein halbes Schwein vom Metzger.

Zur Aufhellung dessen, soll noch einmal Marx herangezogen werden: „Wenn die Ware daher nur als Gebrauchswert werden kann, indem sie sich als Tauschwert verwirklicht, kann sie sich andererseits nur als Tauschwert verwirklichen, indem sie sich in ihrer Entäußerung als Gebrauchswert bewährt.“ (Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie) Das individuelle Material am Menschen ist also nur darum da, weil es gesetzt ist durch sein anderes, das abstrakte Unwesen der Gesellschaft. Wenn der Gebrauchswert (das Individuum) sich nicht bewährt, in Tauschwert (Kapital) transformiert – da würde es Menschen anders als Leuten ergehen – wird das Produkt rigoros vom Markt geworfen, nur: dass eBay besser läuft als Datingseiten, bereits gebrauchte Menschen sich also schlechter verscheuern lassen als anderweitiger Ramsch.

Die Kritik ad hominem ist daher analog eine Kritik ad rem; und das heißt weiter, dass es eine spitzfindige Differenz innerhalb der Kritik des gesellschaftlichen Teils gibt. Es bedeutet nämlich nicht, dass man eine größtmögliche Mannigfaltigkeit von Einzeldingen in der Welt zusammenhamstert und leer dastehen lässt, ohne diese sachgemäß zu verurteilen. Denn ohnehin ist schon jedes Ding nur durch das Kapital gesetzt. Deshalb geht es noch dringender darum, die Kritik an jedem einzelnen Detail entzünden zu können, das Prinzip Kapital darin freizulegen, erscheint es auch so unbefleckt wie die Gottesmutter Maria.

III. Grenzen der Polemik

Ich habe versucht, im Aufgezeigten festzustellen, was Polemik sein kann, indem ich einerseits bemühte, ihren Gegenstand zu definieren. Dies betonte den Einzelnen: „Sie tut zunächst etwas, was sachlich nicht begründet scheint, weil sie kontrafaktisch die Ergebnisse des gesellschaftlichen Prozesses den Individuen als Ausdruck ihres eignen Willens zuordnet. Sie argumentiert ad hominem.“ (Bruhn: Interview mit T-34). Andererseits habe ich dazustellen gesucht, ihre spezifische Form zu verteidigen. Vorerst erwähnte ich hierzu den Begriff Beleidigung, der sicher nicht darin aufgeht, was Polemik inhaltlich ist, aber ein Teil von ihr sein kann. Wie mein Beispiel eines polemischen Angriffs zeigte, gehört zu dieser eine tiefere Erläuterung. In dieser Form versteckt sich allgemeiner gesprochen der Hass gegen den Kapitalismus und diese nur formale Bestimmung wird gleichsam ihr Inhalt. Der Hass ist ein Mittel der Ordnung, er betont in ablehnender Weise dasjenige, was falsch ist, aber eben durch seine eigentümlich Art und Weise des Ausdruckes.

Eine kritische Einsicht in dieses Gefühl ist dabei unerlässlich. Dadurch treibt die Polemik die Kritik auf die Spitze. Diese Übertreibung zerfällt analytisch in die Verwendung besonders passender Worte und inhaltlich auf wenige da seiende Details, wobei beides das zu Grunde liegende Prinzip treffen müssen. Durch die emotionale Bindung an das Objekt, die der Hass impliziert, affirmiert die Polemik ebenso das sie ausführende Subjekt.

Die erste Grenze der Polemik ist daher das Subjekt. Zeigt der oder die Getroffene Einsicht, hat sie ihr Ziel erfolgreich getroffen und wird darum obsolet. Verliert der Polemiker oder die Polemikerin seinen bzw. ihren Unmut über die Verhältnisse, wird sie leer. Ihre erste und unbedingte Grenze ist daher gleichzeitig die Bedingung ihrer Möglichkeit.

Eine zweite Grenze, die aus der ersten abgeleitet werden kann, ist die psychische Konstitution des Subjektes. Nicht jeder und jede hat Freude daran, Wut derart zu artikulieren, was zunächst einmal eine psychische Disposition oder ein Spleen ist. Ebenso verträgt nicht jedes Subjekt den oft harschen Ton einer Polemik. Auf manche Leute muss man sensibler eingehen und Kritik in anderer Form zum Ausdruck bringen. Sie ist also nicht für jedweden ein Mittel zur Kritik.

Die Polemik ist drittens eine Technik (im altgriechischen Sinne wiederum), d.i. sie muss beherrscht werden. Schlechte Polemiken verfehlen ihr Ziel, weil sie ihren Gegenstand nicht treffen. Wenn man auch – bildlich gesprochen – ein Ziel hat, das so groß ist, dass man es kaum verfehlen kann, einen Bogen und Pfeile besitzt, die materiell vollendet sind, aber dennoch nicht in der Lage ist, das alles auszunutzen, ist die Polemik machtlos. Diese Grenze beschreibt also ein subjektives Vermögen oder Talent.

Viertens hat die Polemik ihr Ende an der Überwindung der objektiven Verhältnisse. Ist das Wahre, das Schöne und Gute erst einmal gesetzt, verliert auch sie ihr Recht. Sie ist also nur dann kritisch und revolutionär, wenn sie bereit ist im richtigen Augenblick zu vergehen.

Solidarität geht nur gemeinsam – über den Sinn und Zweck von Antirepressionsarbeit und Soligruppen

In der Lirabelle wird häufig über Repression berichtet. Wichtig ist das Thema allemal, leider nicht so wahnsinnig beliebt und bekannt. Viel zu oft bleiben die Betroffenen von Repression damit allein. Das wollen wir als Rote Hilfe Ortsgruppe Erfurt ändern und haben hier einen kleinen Einblick zum Sinn und zur Notwendigkeit von Antirepressionsarbeit und im Speziellen von Soli- oder Unterstützungsgruppen zusammengestellt, teilweise findet ihr in diesem Text Statements von Soligruppen, die bereits in der Lirabelle zu lesen waren.

Grundsätzlich ist Widerstand gegen staatliche Repression auch dazu da, um zu zeigen, dass es notwendig ist, auf allen Ebenen zu kämpfen. Auch in Gerichtsprozessen kann ein politisches Statement platziert werden ohne das Aussageverweigerungsrecht zu missachten. Weiterhin ist hilft die organisierte Antirepressionsarbeit dabei, Solidarität zu zeigen, auch wenn die eigentlichen Aktionen schon vorbei sind – wir lassen Betroffene nicht allein. Das ist ein wichtiges Zeichen. Vom konkreten Zusammenhang und auch von Repressionsarbeit einmal abgesehen ist Solidarität einer der wichtigsten Antriebe und ein mit Inhalt zu füllender Begriff einer linken emanzipatorischen Bewegung. Ohne Solidarität kann der Kampf gegen das kapitalistische System, gegen Rassismus, Heterosexismus, Antisemitismus und Neonazismus nicht gelingen.

Warum Antirepressionsarbeit?

Wer an Demonstrationen oder Veranstaltungen teilnimmt, läuft immer auch Gefahr mit Polizei und Justiz konfrontiert zu werden. Beispielszenario 1: Du folgst einem Aufruf zur Haus- oder Platzbesetzung, zum Protest gegen sog. „Asylgegner*innen“, gegen einen Naziaufmarsch. Im besten Fall sind viele Leute unterwegs, du mit Freund*innen in einer Bezugsgruppe (um gut vorbereitet zu sein, gibt’s Tipps im Bezugsgruppenreader, online verfügbar). Doch dann:Du bist dabei, eine Polizeikette zu durchfließen und zack haben sie dich am Wickel.

Anderes Szenario: Du trägst ein Transparent mit der Aufschrift „Auch Polizist*innen sind Rassist*innen“ und schwups fühlen die sich beleidigt und erstatten Anzeige gegen dich.

Weiteres Szenario: im Gerangel, um näher an die Nazis zu kommen, die man blockieren will, packen dich mehrere Bullen von hinten und du hast ein Verfahren wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Alles schon in Erfurt geschehen – nachzulesen auf http://rotehilfeerfurt.blogsport.de.

Wochen später kommt der Brief von der Polizei, später dann der von der Staatsanwaltschaft und nun? Mist. Sobald der erste Brief dich erreicht, die kurz aufkommende Panik runterschlucken, durchatmen, vor allem – sprich mit anderen darüber, auch auf jeden Fall mit der Roten Hilfe. Die Rote Hilfe stellt eine Struktur, die dich nicht allein lässt und konkret unterstützt, um gemeinsam Handlungsmöglichkeiten und Verfahrensweisen zu finden mit dieser Form der Repression umzugehen. Dabei ist die Rote Hilfe kein Dienstleistungsunternehmen und bei der konkreten Soliarbeit auf die Unterstützung durch dich, deine Freund*innen und Genoss*innen angewiesen.

Bei Demonstrationen und in Gerichtsverhandlungen wird oft deutlich, dass die Polizei kein Freund und Helfer ist, sondern dass sie zu einer sich selbst und ihre Taten legitimierenden Haltung neigen, die den eigenen Glauben an Gerechtigkeit eines Rechtsstaates und das Vertrauen in die eigenen Erlebnisse und Taten anzweifeln lassen.
Ihre Erfahrungen mit der Polizei schildert die Soligruppe „Weimar im April“ folgendermaßen: „In den allermeisten Fällen, in denen Betroffene von Polizeigewalt sich trauen, eine Anzeige zu erstatten, ist bereits eine Anzeige wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte (§113 StGB) von Seiten der Polizei erstattet worden. Das ist üblich, um als Polizist*in nicht als Täter*in, sondern als Opfer vor Gericht zu gelten. Nach dem Motto „Ich musste mich ja wehren, die Maßnahme durchsetzen usw.. Mein Handeln war also gerechtfertigt“. Außerdem macht es die Opfer von Polizeibrutalität unglaubwürdig, weil „sie sich ja nicht hätten widersetzen müssen, dann wäre auch nichts passiert“.

Wenn eine solche Anzeige noch nicht erstattet worden ist, folgt auf die Anzeige wegen ‚Körperverletzung im Amt‘ meist eine Gegenanzeige wegen „Vortäuschen einer Straftat“ oder „falscher Verdächtigung“. Da die Betroffenen und die Soligruppe das wussten, hat das niemanden besonders überrascht. Mit dieser Gegenwehr muss man rechnen, wenn man gegen Polizeibrutalität vorgehen will. Wir gehen einfach Schritt für Schritt vor und sehen, was in der jeweiligen Situation das Beste für alle Beteiligten ist.“ Lirabelle 2

Was beinhaltet Antirepressionsarbeit?

Du hast Kontakt mit der Roten Hilfe aufgenommen, sobald dich der Brief von den Bullen erreicht. Wichtig ist, bei Bullenvorladungen – NICHT hingehen, also der Einladung zur Anhörung nicht folgen. Eine Anhörung ist dein Recht als Beschuldigte*r etwas zum Sachverhalt zu sagen. Im Fall von politisch motivierten Taten gilt bei der Roten Hilfe zu deinem und zum Schutz deiner Genoss*innen jedoch: KEINE AUSSAGE! Rechtlich bist du NICHT dazu verpflichtet, bei so einer polizeilichen Anhörung zu erscheinen – das heißt, dass dir das nicht negativ angelastet werden kann. Wenn du also einen Brief von den Bullen mit einem Termin zur Anhörung bekommst, bleib ruhig und geh nicht hin. Dieser Brief bedeutet, dass Ermittlungen gegen dich eingeleitet wurden.

Später kommt eine Vorladung oder ein Strafbefehl von der Staatsanwaltschaft. Dann meldest du dich wieder bei der Roten Hilfe. In einem gemeinsamen Gespräch wird Deine Situation besprochen, falls notwendig, werden entsprechende Rechtsanwält*innen gesucht. Gemeinsam mit dir als Betroffene*n machen wir als Rote Hilfe uns Gedanken über die Prozessführung und die Solidaritäts- und Öffentlichkeitsarbeit zu deinem Fall.

Warum eine Soli- oder Unterstützer*innengruppe?

All diese Schritte und Aufgaben gehen leichter in einer Soli- oder Unterstützungsgruppe, vor allem, wenn mehrere Leute betroffen sind, bspw. weil sie dem gleichen Aufruf zu einer Demo gefolgt sind oder wenn es sich um eine Form der Repression handelt, die nochmal eine neue erschreckende Dimension darstellt.

Gemeinsam mit der Roten Hilfe überlegen die Betroffenen, wen sie gern als Vertraute und Genoss*innen an ihrer Seite haben möchten, um eine Soligruppe zu gründen. Eine solche Gruppe von Unterstützer*innen ist in vielerlei Hinsicht wichtig.

Denn auch wenn es Unterstützung von Anwält*innen und der Roten Hilfe gibt, bleiben noch 50% der Kosten und meist auch ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgelaugtseins und vielleicht auch die Fragen, warum es einen selbst getroffen hat. Möglicherweise kommen Gedanken hoch, ob der eigene Aktivismus richtig ist, möglicherweise entsteht ein Bedürfnis nach Rückzug aus den politischen Aktivitäten – aus Resignation, Angst, Enttäuschung oder Überforderung. Genau das soll das Schaffen von Solidarität verhindern. Das Ziel ist diese Gefühle zu teilen und gemeinsam, sich in einer Bewegung befindend und verortend, handlungsfähig und kämpferisch zu bleiben. Repression möchte Aktivist*innen klein machen, doch das soll sie nicht schaffen. In einer Gruppe mit Menschen, denen du vertraust, könnt ihr darüber sprechen, wie es dir geht, was du brauchst und wie du mit der Repression umgehen möchtest. Dadurch, dass du dich mitteilst, spürst, dass andere ähnliche Kämpfe führen und mit dir gemeinsam diese Zeit der Repression durchstehen, kann auch das Gefühl individuell betroffen zu sein, überwunden werden. Denn wir alle sind gemeint! Wichtig ist auch, an die Öffentlichkeit zu gehen mit Kundgebungen,Flyern, Pressemitteilungen undBlogs. Denn je mehr Menschen wissen, wie Repressionsmechanismen funktionieren, desto mehr Unterstützung und Widerstand ist vorhanden.

Was macht Unterstützungs- und Solidaritätsarbeit aus?

Eine Soligruppe besteht bestenfalls aus vielen Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und Strukturen. Die neue Soligruppe sollte kontinuierlich anhand der Bedürfnisse der Betroffenen arbeiten und über die rein formale Unterstützung mit den Repressionsbehörden hinaus gehen.

Je nach Situation gestaltet sich die Arbeit unterschiedlich:
Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit aus Jena sei hier genannt. Der Genosse Josef, der sich an Protesten gegen den Wiener Akademikerball 2014 beteiligte, wurde u.a. des Landfriedensbruchs in Rädelsführerschaft und schwerer Körperverletzung beschuldigt. Die Soligruppe um Josef „Unsere Solidarität, die könnt ihr haben!“ beschreibt sich und ihre Tätigkeiten so:
„Wir kommen aus verschiedenen Organisationen und Zusammenhängen; uns eint die Solidarität mit Josef, der unser Genosse und teilweise auch Freund ist. Wir haben zu den Haftprüfungsterminen Kundgebungen organisiert und so Öffentlichkeit für den Fall geschaffen, verteilen Flyer und Sticker, sammeln Geld für die Prozesskosten, organisieren Soli-Parties und Info-Veranstaltungen, unterstützen Soli-Veranstaltungen Anderer, schreiben Briefe und Postkarten an Josef und animieren auch Andere dazu, halten Kontakt zu weiteren Gruppen, die sich um Josef bemühen, kümmern uns um viele andere kleine Alltagsaufgaben und werden den Prozess kritisch mitverfolgen.“ Lirabelle 5

Die Soligruppe 1708 schreibt: „In Zusammenarbeit mit der Roten Hilfe Ortsgruppe Erfurt begleiteten wir die Betroffenen zu ihren Anwält*innen, riefen zur Prozessbeobachtung auf und standen gemeinsam die Verfahren vorm Amtsgericht Erfurt durch. Wir schrieben Pressemitteilungen, Aufrufe und Prozessberichte. Außerdem organisierten wir Aktionen, um die finanzielle Belastung der Betroffenen durch die Verfahren auf vielen Schultern zu verteilen.“ Lirabelle 10

So ein Prozess kann sich über Jahre hinziehen und somit auch sehr nervenaufreibend sein. Alleine machen sie dich ein – doch gemeinsam können wir dich und euch immer wieder auffangen! In einer Soligruppe fallen unzählige Aufgaben an die nur von vielen Schultern getragen werden können: Texte zur aktuellen Situation schreiben, Pressemitteilungen verfassen, Soliparties organisieren etc.. Falls ihr eine Demo oder Kundgebung anmelden wollt, braucht es auch einiges an Infrastruktur – von der Anmeldung über das Besorgen der Anlage, die Auswahl der Playlist übers Vorlesen der Redebeiträge bis hin zum Malen der Transparente braucht es viele!

„Soli-Arbeit darf nicht immer ausgegliedert und über Parallel-Strukturen funktionieren, sondern muss mehr von existierenden Strukturen mitgetragen, mitgedacht und in die eigene, alltägliche politische Praxis integriert werden.“ So fasst es die Soligruppe um Josef treffend zusammen. Lirabelle 5

Deshalb unterstützt eure Genoss*innen!
Lust bei der Roten Hilfe mitzumachen?! Nimm Kontakt mit uns auf!
http://rotehilfeerfurt.blogsport.de

Emanzipatorisch beleidigen?! – Die Kunst der Erniedrigung

Lulu Ronja setzt sich damit auseinander wie Schimpfen funktionieren könnte. Dabei enthält dieser Artikel Wörter, die viele Diskriminierungen reproduzieren.

Wir haben Wut. Die ist berechtigt. Wir kritisieren vieles und lehnen einiges mehr ab. Berechtigterweise. Wir finden so viel falsch. Doch wie finden wir Worte, um unserer Kritik aber auch unseren Gefühlen wie Ärger und Wut Ausdruck zu verleihen?

Ob im direkten Gespräch, beim Zuhören in der Straßenbahn, beim Durchstöbern von Facebook-Seiten, bei der Demo gegen die AfD – überall begegnen einem rassistische, antisemitische, heterosexistische und völkisch-nationalistische Sprüche. Das weckt das berechtigte Bedürfnis denjenigen, die sich so äußern, etwas zu entgegen. Was, was rauslässt, was in uns ist.

In diesem kurzen Kommentar geht es nicht darum, argumentativ, klug, dialogisch und wohlwollend mit solchen Äußerungen umzugehen, sondern darum, Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Hier geht es also um Pöbeln und nicht darum ein faires Gespräch zu führen. Es folgt eine Auseinandersetzung darüber, einfach mal Dampf ablassen, rumzumotzen und sich auszukotzen, möglicherweise auch Menschen das Wort abzuschneiden und den Bullshit zu stoppen, den Menschen von sich geben.

Doch in solchen Momenten, in denen ich emotional schon hart ge- und betroffen bin, fallen mir oft nur Worte ein, die auf Kosten von Gruppen gehen, von denen ich sonst behaupte mich mit ihnen zu solidarisieren und gemeinsam für eine emanzipatorische Gesellschaft zu kämpfen.

Auf der Suche nach emanzipatorischen Begriffen, um Wut auszudrücken, bleiben mir mehr Fragen, als ich Antworten gefunden habe.

Warum tut motzen gut?

Welche Funktion erfüllen Schimpfwörter/Kraftausdrücke überhaupt? Ist Schimpfen und beleidigen grundlegend erniedrigend? Ist es nicht eine Selbstermächtigung aus einer sich grundlegend ohnmächtig anfühlenden Position? Liegt im Akt des Beleidigens die Erniedrigung? Offensichtlich funktioniert Erniedrigen gut, in dem der*die Kontrahent*in mit Bezeichnungen für unterdrückte und marginalisierte Gruppen zu übersät wird – alle Beleidigungen, die mir einfallen, diskriminieren entlang gängiger gesellschaftlicher Normen, die ich eigentlich als regressiv entlarvt habe. Viele Schimpfwörter reproduzieren eine Zuweisung von Menschen an eine gesellschaftliche Position, die ihnen Gleichberechtigung abspricht. Sie führen mich der emanzipatorischen Gesellschaft kein Stück weiter. Muss eine Beleidigung das können?

Warum ist es so befreiend Menschen mit Schimpfwörtern zu bezeichnen? Wie oben schon kurz angerissen geht es wohl um das Zurückholen von Handlungsfähigkeit, darüber die Oberhand über den*die Kontrahent*in zu bekommen. Das Beleidigen dient dem Zurückgewinnen von Kontrolle in einer Situation, die emotional und schmerzhaft ist. Solche Gefühle wie Wut, Ärger und absolutes Unterverständnis entstehen, weil ich es aus einer bestimmten Perspektive unsinnig und unvernünftig und schlichtweg falsch finde, was das Gegenüber von sich gibt. Doch ich möchte in manchen Momenten nicht argumentativ entlarven und widersprechen, sondern eben einen Seitenhieb verpassen. Ich möchte provozieren, dass sich der*die Kontrahentin genauso mies fühlt, wie ich mich in den Momenten, in denen ich den abgesonderten Bullshit ertragen muss oder eben nicht mehr kann. Es geht also um Ehrverletzung, Erniedrigung, Macht, um sich der eigenen Ohnmacht zu widersetzen – wenn auch nur ein bisschen, nur für einen kleinen Moment. Ich möchte mein Gegenüber degradieren, deklassieren und herunterstufen. Dabei stehen mir leider und logischerweise Begriffe zur Verfügung, die die Positionen in der Gesellschaft widerspiegeln.

Wer ist wie beteiligt und betroffen?

Es scheint sinnvoll die verschiedenen Beteiligten in einem solchen Pöbel- und Motzprozess zu unterscheiden. Für die Sprecher*innen dient ein Schimpfwort dem Abreagieren, die Adressat*innen sollen deklassiert werden. Oft gibt es jedoch auch Situationen, in denen scheinbar Unbeteiligte bzw. Zuhörende mit dabei sind.

Für die Pöbelnden, also Sprechenden geht es sozusagen beim Schimpfen um die Erniedrigung des Gegenübers. Nichtsdestotrotz ist es eine Selbstoffenbarung, denn durch die Auswahl des Schimpfwortes und des Begriffs tritt zu Tage, welche Annahme der*die Sprecherin über das Gegenüber hat – nämlich mit welchem Wort eine Erniedrigung erreicht wird. Taktisch hieße das, die Norm meines Gegenübers zu antizipieren, an der er*sie am meisten hängt und diese dann bewusst anzugreifen. Doch stecke ich dann nicht mit der Person wertemäßig unter einer Decke? Das könnten die Zuhörenden zumindest denken. Möglicherweise sind diese jedoch direkt betroffen und ich verletze sie. Weiterhin verletze ich alle anderen Betroffenen ohne sie eigentlich zu meinen. Ich könnte wohl in einer eins zu eins Situation ohne schlechtes Gewissen das passende Schimpfwort sagen, doch eben nicht in Situationen, wo es viele Zuhörer*innen gibt.

Doch in meinem Wunsch die Person mit einer Bezeichnung abzuwerten stärke ich eine regressive Norm und somit die Normalisierung der gesellschaftlichen Missverhältnisse wiederum. So geht’s nicht.

Ein Blick ins Schimpfwortrepertoire

Noch einen Schritt zurück gedacht, bedeutet dies, dass Schimpfwörter selbst erst gesellschaftliche Normen offenlegen. So begebe ich mich auf eine Reise durch die Landschaft der Schimpfwörter.

Oft wird in Schimpfworten Männlichkeit diskreditiert: Warmduscher, Weichei, Lappen etc. Gängige Abwertungen beziehen sich auch auf Penetrationssex. Dabei ist ficken gut, doch gefickt werden etwas Erniedrigendes. Die Ansage jemanden zu ficken ist als Drohung gemeint, als Androhung von Gewalt. Es ficken die Mächtigen, die Männer, andere werden gefickt, was ihrer Erniedrigung dient. Deshalb funktionieren auch Begriffe so gut, die homophob bzw. bezugnehmend auf Schwule sind.
Das Wort Hurensohn macht deutlich, dass Mütter von Söhnen keinesfalls gesellschaftlich anerkannt sind, wenn diese sexuell aktiv sind. Doch von einer Hure zu stammen, scheint nur für männliche Kinder schlimm zu sein. Hurentochter erkennt noch nicht mal mein Rechtschreibprogramm.

Weiter geht’s mit Benennungen, die Menschen Intelligenz und Zurechnungsfähigkeit absprechen. Beispielsweise Idiot*in. Diese Bezeichnung entstammt einer krassen Konstruktion von gesund und krank bezogen auf psychische Leistungsfähigkeit. Andere Bezeichnungen wie asozial oder Pack verweisen die so Bezeichneten gar an einen Platz außerhalb der Gesellschaft, möglicherweise sogar bezogen auf die Nichtzugehörigkeit zur Volksgemeinschaft. Doch will ich Menschen mit Worten beleidigen, in dem ich sie mit diesen aus der Volksgemeinschaft ausstoße – da will ich doch selbst nicht dazugehören!

Beleidigende Bezeichnungen beziehen sich auf das Nicht-Entsprechen oder wenn Menschen nicht den mehrheitsgesellschaftlichen körperlichen Normierungen entsprechen. Tiernamen sprechen dem Gegenüber Menschlichkeit komplett ab. Die gehen also eigentlich überhaupt nicht.

Weiterhin wollen alles sein, nur kein*e Opfer – warum ist Täter*n kein Schimpfwort? Es geht auch hier um Macht – wer übt diese über wen aus.

Auf der Suche nach einem Ausweg

In pädagogischen Konzepten für Kids zum fairen und respektvollen Umgang miteinander finde ich scheinbare Alternativen zu diskriminierenden Schimpfwörtern: Bommelglöckchen. Mondblume und Klappspaten. Nunja – so wirklich bin ich nicht überzeugt.

Vielleicht hilft uns aber auch mehr Deutschenfeindlichkeit – mit Kartoffel ist schon ein Anfang gemacht, manchmal funktioniert auch Nazi, doch es gibt ja alles an Bezeichnungen für Nazi: Kochnazi und Ordnungsnazi, doch alles ist doch eher verharmlosend. Leider funktioniert die Bezeichnung nur in der Gruppe, in der Deutsche*r eine Beleidigung ist. Für mich ist es beschämend, doch wohl nicht für viele andere.

Bei meinen Überlegungen finde ich nur eine Form, die ich akzeptabel finde: Die Reinheit einer Person zu verletzen: kotzen, kacken, Scheiße! Für mehr Beschmutzung und Entsakralisierung.

Irgendwie haben das Punkbands bei ihrer Namensgebung scheinbar schon immer gewusst… Ich hätte nie gedacht, dass ich zu dieser Erkenntnis komme: bei allem Regressiven im Punk ist die provokante Selbstbezeichnung, die häufig Fäkalsprache verwendet, emanzipatorisch. Für mehr Pisse und Eiter?!

Was bleibt, ist die Annahme, dass wir eine Person damit treffen, wenn wir ihre Reinheit und Ehre irgendwie beschmutzen, doch vermutlich kommen wir da nicht raus. „Doh!“ – wie Homer Simpson reagieren würde…

Emanzipatorisch und beleidigen schließt sich aus. Doch ich möchte und werde weiter motzen und mich auskotzen, mich ermächtigen wollen, doch möchte dabei andere Begriffe verwenden, als Menschen, die mit der momentanen Gesellschaftsordnung weniger Probleme haben. Deshalb probieren wir es aus – suchen wir befreiende Schimpfwörter ohne aber darüber den notwendigen Kampf gegen die Verhältnisse zu vernachlässigen. Denn die Welt wird nicht besser, wenn ich weniger diskriminierende Beleidigungen nutze…

Ein Gute Nacht Gedicht für Kinder

Hintan an rotem Himmel steht
die Sonne warm und entschläft.
Sie fällt hinein in den Horizont,
macht Platz für den Mond, der da kommt.

Der Mond, erst sehr traurig, konnt‘ ihn doch keiner seh’n,
trägt nun ein Lächeln, sehr breit und schön.
Mithilfe der Sonne strahlt er blau, aber hell
und ganz anders als sie: schläfrig nicht grell.

Der Mond borgt der Sonne mit seinen Sterngesellen
den nötigen Schlaf, um den Tag zu erhellen.
So wechseln sie sich glücklich ab,
jeder macht, was er kann und das, was er mag.

von Hermann Heilner

Aber ich habe mich nicht.

Die Hoffnung auf Räume solidarischer Kritik und gemeinsamem Hinterfragens hat Simon Rubaschow noch nicht aufgegeben. Daher wirft er einen kritischen Blick auf das Konzept des ‚Empowerments’. Der Autor ist Mitglied im Club Communism.

Insbesondere in (queer-)feministischen und anarchistischen Kontexten (aber auch anderswo in der linken bzw. linksradikalen Szene) erfährt das Konzept ‚Empowerment‘ eine anhaltende Beliebtheit. Ob mit dem Begriff ‚empowern‘ oder ohne ihn, sich gegenseitig in seinen Bedürfnissen bestärken und gemeinsam gesellschaftliche Handlungsanforderungen, die sich nicht gut anfühlen, abwehren ist populär. Handlungspotenziale aufzubauen, indem die eigene Macht erlebbar gemacht wird – in Praxis-Workshops, der Selbstorganisierung von Veranstaltungen oder darin, die Risse im System durch Massenproteste spürbar zu machen – sind vom Syndikalismus Georges Sorels über die Riot-Grrl-Bewegung bis zu den Mobilisierungsaufrufen der IL Bestandteil radikaler Praxis. Aber auch der positive Bezug auf Role-Models, sei es aus den fiktionalen Kulturprodukten, lebende oder tote Personen oder auf Handlungsformen, sei es aus der Vergangenheit (Stichwort: 80er-Jahre Autonome mit Helm), sei es aus anderen Weltregionen (Stichwort: Griechische Autonome mit Helm) dient dazu, sichtbar und nachvollziehbar zu machen, dass man hier und jetzt anders handeln könne.

Bemerkenswert ist dabei, dass gerade queerfeministische, anarchistische oder am Postmarxismus orientierte Zusammenhänge sich für Empowerment begeistern, wo doch gerade sie ob ihrer Nähe zu poststrukturalistischen Theorien die Probleme dieses Ansatzes vor Augen haben müssten.

Individualisierte Ohnmacht

Das erste Problem mit Empowerment bringt Ulrich Bröckling, der ehemalige Autor der anarchistischen Zeitschrift Der Schwarze Faden in seinem Hauptwerk Das unternehmerische Selbst auf den Punkt. Es ist an deutschen Soziologie-Instituten so populär, dass kaum eine anarchistische, postmarxistische oder queerfeministische Szene ohne jemanden auskommt, der einmal eine Hausarbeit dazu geschrieben oder zumindest ein Seminar dazu besucht hat.

Schon die Geschichte des Begriffs müsste die Genoss_innen stutzig machen, liegen die „Wurzeln des Empowerment[, der] in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts [als] Begriff geprägt wurde“ keineswegs ausschließlich bei an Emanzipation Interessierten: Neben „Bryant S. Solomons aus dem Geist der Bürgerrechts- und Black-Consciousness-Bewegung geschriebenen Handbuch Black Empowerment. Sozial Workers in Oppressed Communities tauchte er 1976 zum ersten Mal als ein Buchtitel auf; ein Jahr später erschien Peter L. Bergers und John Neuhaus‘ Manifest To Empower People, ein konservativ-kommunitaristisches Plädoyer für die Stärkung von Nachbarschaft, Familie und anderen intermediären Instanzen, die den überstrapazierten Wohlfahrtstaat entlasten“ (185). Linken wie rechten Empowerment-Konzepten ist dabei, so Bröckling, gemeinsam, dass im „Vordergrund nicht die Machtverhältnisse selbst [stehen], sondern das Gefühl der Ohnmacht, das sie bei den Machtlosen erzeugen.“ (192)

Die zwei Grundlagen von Empowerment-Politik fasst Bröckling dabei wie folgt zusammen: „Erstens wird es möglich, disparate Problemlagen unter einer gemeinsamen Definition zusammenzufassen. [] Aus der einheitlichen Diagnose folgt zweitens eine ebenso universelle Therapie: Empowerment. [] Die zugrunde liegende Rechnung ist simpel: Je mächtiger sie sich fühlen, desto weniger Probleme werden sie haben – und verursachen.“ (192)

„Es gibt in dieser Perspektive keine Schwächen, sondern nur in die Latenz abgedrängte oder unterentwickelte Stärken, die darauf warten, bewusst gemacht und zur Geltung gebracht zu werden. Die Empowermentprogramme konstruieren also nicht nur eine homogene Gruppe von Ohnmächtigen, sondern erklären auch im gleichen Zuge, dass diese sich nur deshalb ohnmächtig fühlen, weil sie ihre eigene Macht noch nicht erkannt und in actu [=in Wirklichkeit, S.R.] erfahren haben.“ (196)

Empowermentstrategien von links und rechts verbindet also, dass sie Ohnmacht als gesellschaftliches Verhältnis verleugnen, indem diese Ohnmacht individualisiert wird. Ohnmacht wird so – und das ist das Attraktive an Empowerment – zu einem innerhalb der derzeitigen Verhältnisse überwindbaren Zustand. Die Ohnmacht zu analysieren und festzustellen, dass ihre Abschaffung derzeit nicht absehbar ist und gewiss nicht kurzfristig zu realisieren ist, man sich also mit der Ohnmacht praktisch arrangieren muss und somit das Unglück Bestandteil des eigenen Lebens ist und sein wird, ist bitter. Wird stattdessen die Ohnmacht zu einem individuellen Phänomen, kann es auch individuell weg-empowert werden. Gesellschaftliche Verhältnisse geraten so aus dem Blick, selbstverständlich ohne dabei zu verschwinden. Mächtig-Sein liegt in der Möglichkeit und damit auch der Verantwortung der_des Einzelnen, wer schwach bleibt, ist selbst schuld, und so ist das Fazit Bröcklings zugespitzt: Empowerment=Neoliberalismus. Das lässt Empowerment regelmäßig gegen eine Wand rennen, sofern es nicht in eine Szene, die sich zunehmend von der Alltagswirklichkeit abkapselt, eingebettet wird.

Authentische Bedürfnisse

Zudem muss das empowerte Subjekt nicht nur die äußere Ohnmacht, sondern auch die eigene Ohnmacht an sich selbst verdrängen. Die gesellschaftliche Herrschaft tritt dem Individuum nicht nur äußerlich gegenüber, sondern es ist grundlegend durch sie geformt und beschädigt. Genau diese Beschädigungen müssen, damit es ein Subjekt gibt, dass gegen die äußere Herrschaft empowert werden kann, zu Stärken umgedeutet werden. Die herrschaftliche Macht kommt von außen, ihr entgegentreten soll ein empowertes, also mit Gegen-Macht ausgestattetes, auf seine innere Stärke vertrauendes Subjekt.

Die herrschende Macht erscheint in der Logik des Empowerments rein repressiv. Sie ist ein die Fähigkeiten und Bedürfnisse des Individuums einengender Panzer, der aufgesprengt werden muss. So fällt die politische Praxis des Empowerments hinter Michel Foucaults Machttheorie zurück, einem – wenn nicht dem – zentralen poststrukturalistischem Stichwortgeber linksradikaler Politik. Foucault begreift Macht nicht nur als repressiv, sondern auch als produktiv; ein Subjekt, das vor der Macht da war und von ihr einfach unterdrückt wird, gibt es nicht. Stattdessen entsteht das Subjekt erst in und durch die Formung durch die Macht.1 Das bedeutet, dass die scheinbar eigenen, authentischen Bedürfnisse selbst Produkte der gesellschaftlichen Verhältnisse sind.

Diese Feststellung ist nicht falsch zu verstehen: Die eigenen Bedürfnisse realisieren zu können ist für das eigene Wohlbefinden zentral und daher das Ziel linksradikaler Politik. Und das Empfinden subjektiver Ohnmacht gegenüber gesellschaftlichen Zwängen ist ein relevanter Hindernisgrund daran, neben etwa objektiver Ohnmacht, d.h. beispielsweise zu wenig Geld, sich das zu kaufen, was man gerne hätte.

Nur: Die eigenen Bedürfnisse zu realisieren bedeutet zunächst einmal nur, sich selbst als das, was man ist, anzuerkennen, als Produkt und Teil dieser Gesellschaft. Und es gehört nicht nur vernünftigerweise zu emanzipatorischer Praxis, die Realisierung der Bedürfnisse von Nazis zu unterbinden, sondern auch die eigenen Bedürfnisse daraufhin abzuklopfen, ob sie sexistisch, rassistisch usw. sind, bevor man sie realisiert – und gegebenenfalls diese Bedürfnisse eben unrealisiert zu lassen.

Der Einwand gegen diesen Punkt, dass diese Erkenntnis banal ist und in linksradikale Empowerment-Konzepte eingedacht ist, mag stimmen. Aus diesem Eingedenken folgt die Strategie, genau das zu empowern, was die Macht scheinbar oder tatsächlich unterdrückt und das daher Widerstandspotenzial birgt. Dies ist die Strategie des Satanismus: Weil die Kirche und der von ihr propagierte Glaube eine repressive Macht ist, die dem individuellen Glück entgegensteht, braucht es die Umkehrung aller Werte und Normen. Eine Gegen-Kirche wird entworfen, in der die Symbole und Rituale der herrschenden Kirche umgekehrt sind und all das, was laut ihrer Moral gut ist, schlecht – und umgekehrt. Diese Strategie bleibt in der Logik des Bestehenden und häufig auch in dessen Kategorien. Sie schafft ebenso wie die herrschende Norm einen Raum, in welchem der Ausdruck bestimmter Bedürfnisse illegitim wird – sei es das Bedürfnis nach modischer Kleidung in der Hipster-Verachtung szenelinker Milieus oder die Marginalisierung femininer Identitäten und Ausdrucksformen in lesbisch-feministischen Kontexten.

Diese Strategie hat zudem noch einen weiteren Haken: Nicht alles Unterdrückte, Verachtete und Pathologisierte etc. wird zu Unrecht unterdrückt oder pathologisiert, auch die unvernünftigen herrschenden Verhältnisse enthalten Spuren der Vernunft. Man muss hierfür nicht an den erwähnten Satanismus denken und auch nicht an Internetforen, in denen sich an Anorexie Erkrankte gegenseitig zum Weiterhungern empowern. Schon der bürgerliche Anspruch auf argumentative Begründungen von Positionen und Höflichkeit in Diskussionen sind keine bloße Repression eines freien Umgangs miteinander, sondern Möglichkeitsbedingung eines Austausches, der über das bloße Sichtbarmachen der je eigenen Meinung hinausgeht.

Schließlich ist Empowerment letztlich der Nachvollzug der Logik der herrschenden Macht selbst. Das Problem, das Empowermentstrategien bearbeiten wollen, ist die eigene Schwäche, die durch Selbststärkung überwunden werden muss. Das über sich selbst bestimmende, seine eigenen Bedürfnisse durchsetzende Individuum, mithin also das bürgerliche, männliche, weiße Subjekt der herrschenden Verhältnisse ist es, das hierfür das Modell und angestrebte Ideal bildet. Ein Recht auf Schwäche kennt Empowerment-Politik nicht bzw. nur dann, wenn die Schwäche zum Ausdruck gebracht und als Mittel der eigenen Zugehörigkeit zur Gruppe der Sich-Empowernden in Funktion gesetzt werden kann. Dabei ist das Recht auf stumme „Momente der Schwäche und Nichtfunktionieren [] nicht etwas, das für die Revolution mal beiseite getan werden kann []. Schwäche ist die Negation einer Welt der Stärke, Härte und Kälte. Und eine solche Härte kann sich auch in einem Lächeln ausdrücken.“2

Ausgangspunkte der Erkundung

Sich auf der Basis gemeinsamer Ablehnung des Bestehenden und des geteilten Wunsches, sich trotz und gegen dieses Bestehende zu verwirklichen, zusammenzutun, soll mit den Ausführungen nicht kritisiert werden. Und Szenen können gerade dafür einen Schutzraum liefern, in denen eine solidarische, wechselseitige Unterstützung möglich ist.3 Diese wechselseitige Solidarität zum Empowerment zu nutzen, also der wechselseitigen Selbstbestätigung und Ausbildung einer gemeinsamen Identität, bedeutet jedoch, letztlich vor den Verhältnissen zu kapitulieren. An Identifizierungsangeboten in all ihren Facetten besteht dank Kultur- und Werbeindustrie, die noch jede subkulturelle Innovation und jede irgendwie als stark oder glücklich vermarktbaren Selbstentwurf früher oder später in einen Abenteuerurlaub, eine Modelinie, eine Zeitschrift oder ein Makeup verwandelt, kein Mangel. Woran ein Mangel besteht, sind Räume, in denen die eigenen Bedürfnisse solidarisch hinterfragt und kritisiert werden können. Räume, in denen die eigenen Beschädigungen, die hinter dem alltäglichen Funktionieren unsichtbar bleiben müssen, nicht verdrängt werden. Diese Beschädigungen anzuerkennen heißt jedoch nicht, sie in Stärken oder authentische Charakterzüge umzudeuten, sondern zu begreifen, dass die eigene Authentizität à-venir (also immer erst eine Kommende, noch nicht realisierte Authentizität) ist. In diesen Verhältnissen in sich selbst zu Hause zu sein ist nicht möglich,4 das ist der objektive Gehalt von ‚Entfremdung‘, und gegen diese Entfremdung hilft nicht die Besinnung auf vermeintlich repressiv unterdrückte Bedürfnisse, sondern die Suche nach dem noch Fremden, das das Gegengift gegen Entfremdung ist.

Diese Suche, diese Erkundungen werden durch das Hinterfragen der eigenen Bedürfnisse5 in einem solidarischen Kontext möglich, der diese Form der Selbstverunsicherung in einer Welt, die von einem fordert, immer sicher zu sein, erst erlaubt. Judith Butler – die Hausphilosophin des Queerfeminismus, sich selbst auf Foucault beziehend – formuliert dies am Ende ihres Werks Das Unbehagen der Geschlechter wie folgt: „Die Aufgabe ist nicht, alle und jede neue Möglichkeit qua Möglichkeit zu feiern, sondern jene Möglichkeiten zu reformulieren, die bereits existieren [] Würden die Identitäten nicht länger als Prämissen eines politischen Syllogismus [=logischer Schluss, S.R.] fixiert und die Politik nicht mehr als Satz von Verfahren verstanden, die aus den angeblichen Interessen vorgefertigter Subjekte abgeleitet werden, so könnte aus dem Niedergang der alten eine neue Konfiguration der Politik entstehen.“ (218)

Dieses Reformulieren braucht dreierlei. Zum einen den solidarischen Kontext, in dem es möglich ist, seine eigenen Beschädigungen und Schwächen offen zu thematisieren, ohne dass sie als positive Identitätsbestandteile referiert werden. Es braucht einen Ort der solidarischen, wechselseitigen Kritik auch der Bedürfnisse. Zudem braucht es zweitens eine Sprache, in der diese Reformulierung möglich wird. Judith Butler geht etwas leichtfertig davon aus, dass dies mit der bestehenden Sprache möglich ist. Ob es für das, was im Zuge der Erkundungen gefunden wird, jedoch schon Ausdrucksformen gibt, ist ungewiss.6 Über die Solidarität und die Sprache hinaus darf jedoch drittens nicht vergessen werden: Ohnmacht ist objektiv und liegt außerhalb des Individuums. Es braucht zum Erkunden und zur Realisierung der beim Erkunden entdeckten Möglichkeiten materielle Ressourcen und praktische Handlungsfreiheit, auch außerhalb etwaiger Szenen und ihrer Gegenwelten. Und diese materiellen Ressourcen und praktischen Freiheiten verweisen darauf, dass auch eine anarchistische und queerfeministische Praxis nicht ohne einen Begriff von Gesellschaft und von der Produktionsweise dieser Gesellschaft auskommen kann – es also immer noch lohnt, de Beauvoir und Marx zu lesen.


1
Ein Gedanke, der sich etwa auch bei Marx im Begriff der ‚objektiven Denkformen‘ und insb. im berühmt-berüchtigtem Fetisch-Kapitel des Kapitals oder in Freuds Theorie der Triebstrukturierung und der Entwicklung der Psyche findet.

2
Ausführlich dazu die Genossin Maxi N. Conrady: Selbstmitleidig, weinerlich, peinlich, irgendwie egal in der Lirabelle #7.

3
Siehe dazu auch: Simon Rubaschow: Die unentdeckte Zeit, in Lirabelle #7.

4
Ein Gedanke, den Ernst Bloch fasst, wenn er schreibt: „Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen []so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“.

5
Und die Lirabelle bot schon einen Ort, für Versuche solcher Hinterfragung statt des Empowerments und ist dementsprechend auch ein Ort der Erkundungen. Vgl. Mona Alonas Beitrag ‚Großevents – der Linken liebstes Kind‘ in Lirabelle #10 & Max Unkraut: Annäherungen an das Unfassbare, Lirabelle #9.

6
Ein Problem, auf das Luce Irigaray, eine psychoanalytisch orientierte Feministin der 70er Jahre, in ihrem sehr lesenswerten Buch Das Geschlecht, das nicht eins ist ebenso hingewiesen hat wie die Situationistische Internationale (vgl. dazu der Aufsatz Proletarität – Kunst – Sprache von dem Autor_innenkollektiv BBZN unter http://www.studienbibliothek.org/bbzn/BBZN_beitrag_2.pdf). Ein aktuelles Beispiel die Ergebnisse solcher Erkundungen findet sich unter http://www.akweb.de/ak_s/ak614/04.htm.

Irgendwas mit Nichtmonogam …

Seit fast zwei Jahren gibt es in Erfurt das Poly-Palaver-Picknick, bei dem sich Frauen und Transpersonen, die nichtmonogam leben oder sich dafür interessieren, in lockerer Atmosphäre über ihre Liebes- und Lebensweise austauschen können. Kalle hat mit den Organisatorinnen Krista und Ayşe gesprochen.

Kalle: In fast allen größeren Städten gibt es einen Poly-Stammtisch. Wieso habt Ihr in Erfurt das Poly-Palaver-Picknick organisiert?

Ayşe: Meine Motivation war, andere Geschichten zu hören. Pärchengeschichten kennen wir ja ganz viele, da braucht man nur ins Kino zu gehen. Aber Polygeschichten kannte ich halt nur so eine oder zwei und ich wollte mehr hören. Aus diesen Geschichten kann ich Sachen übernehmen, Ideen und Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann, wenn die eigene Geschichte nicht so gut läuft. Im Polykreis kann man das offen besprechen …

Krista: … und muss nicht erst klären, ob das überhaupt eine denkbare Alternative ist – was sonst oft anstrengend ist. Es ist ein bisschen wie mit Veganismus: Es nervt einfach, wenn man immer wieder erklären muss, dass man veganes Essen möchte. Wenn man sich zusammentut, kann man über Rezepte reden, ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Kalle: Was heute positiv als Polyamory gefasst wird, lief in Erfurt früher unter „Kritik an Romantischen Zweierbeziehungen“ und hieß noch früher „Freie Liebe“. Was genau meint Ihr mit „Poly“?

Ayşe: Irgendwas mit Nichtmonogam. Also schon, dass man mehrere Beziehungen pflegt oder pflegen könnte und das offen sagt. Und dass die anderen Personen das wissen und zugestimmt haben. Und wenn grundsätzlich abgesprochen ist, dass das in Ordnung ist, kann das auch heißen, dass man im Einzelfall gar nicht immer über alles redet. So lange es eben kein heimliches Fremdgehen ist.

Krista: Und dass diese Beziehungen auch auf verschiedenen Ebenen stattfinden können und verschieden tief gehen können.

Kalle: Wir haben ja alle drei schon Erfahrungen mit Nichtmonogamie. Wie seid Ihr dazu gekommen?

Ayşe: Ich hatte früher zwei längere monogame Beziehungen und dann war immer irgendwann Trennung und Schluss und man hörte nie wieder was von der anderen Person. Also erst sieht man sich jeden Tag und dann, zack, vorbei. Und das fand ich komisch und auch schlimm, dass man sich dann gar nicht mehr kennt. Ich dachte, irgendwie muss das doch auch anders gehen. Denn einerseits bin ich ein Beziehungsmensch, setze mich gerne mit Leuten auseinander und bin mit ihnen zusammen, auch über längere Zeit. Aber ich lerne auch gerne neue Leute kennen. Die Zweifel kamen also aus den Trennungen. Und auch daraus, dass manchen Menschen ihre Beziehungen wichtiger sind als ihre Freude. Mir sind meine Freundinnen sehr wichtig, aber es gibt Menschen, die man kaum noch sieht, wenn sie eine monogame Beziehung haben. Das finde ich bei Poly-Beziehungen nicht so krass. Es ist da nicht so „Wir sind vollkommen füreinander da und die anderen sind nur Nebensache“, sondern „Wir sind zusammen, aber es gibt auch noch andere Menschen.“

Krista: Ich konnte mir noch nie vorstellen, so richtig auf Dauer nur mit einer Person zusammen zu sein und hatte dann immer so kleine Liebschaften, bei denen klar war, das ist nicht die Person fürs Leben. Als ich dann von der Idee gehört habe, fand ich es total erleichternd, so ein entspanntes Modell zu haben, wo man vielleicht eine oder zwei Personen hat, mit der man so eine ganz tiefe, innige Verbindung hat und es aber trotzdem möglich ist, auch Beziehungen zu anderen einzugehen. Denn mit manchen Menschen kann man halt gut Musik machen, mit anderen gut tanzen, mit den nächsten schön küssen oder wie auch immer ohne dass dadurch jetzt eine eigentliche Beziehung, die schon lange besteht gefährdet wird.

Kalle: Das klingt ein bisschen wie das Ideal, dass auch früher in der RZB-Kritik vertreten wurde: Menschen tun sich entlang von Interessen und Bedürfnissen zusammen, statt sich mit Haut und Haar aufeinander einzulassen. Aber eine Qualität von konventionellen Liebesbeziehungen soll sein, dass dabei der ganze Mensch gemeint ist. Läuft man nicht mit einem Modell, dass das aufgibt, Gefahr, sich am Ende instrumentell aufeinander zu beziehen?

Krista: Es ist natürlich sehr schön, wenn die ganze Person zum Tragen kommt. In meiner Wahrnehmung widerspricht sich das nicht unbedingt. Für mich ist es möglich, mich ganz auf eine Person einzulassen. Dennoch habe ich ja auch Kontakt zu anderen, warum dann nicht körperlich intimen Kontakt? Wenn das für alle Beteiligten okay ist, finde ich die Option nicht verwerflich.

Ayşe : Es gibt ja auch Freundschaftsbeziehungen, wo es um die ganze Person geht und welche, die man eher nur fürs Musikmachen oder fürs gemeinsame Wohnen pflegt.

Kalle: Euer Picknick wendet sich explizit an Frauen und Transpersonen. Wieso habt Ihr euch dazu entschieden?

Ayşe: Das werde ich auch immer von den anderen Frauen gefragt . Es sind mehrere Gründe: Zum einen soll das ein privater Schutzraum sein. Ich traue mich da eher, Sachen zu erzählen und vertraue den Frauen, dass sie es nicht weiter erzählen. Dann will ich mich mit Frauen austauschen, weil sie in einer ähnlichen Situation sind. Und was auch manchmal nervt, ist so Mackertum und dominanteres Redeverhalten. Das trifft natürlich nicht bei jedem Mann zu, aber ich hatte halt keine Lust, dabei zu sitzen, wenn Männer die ganze Zeit reden. Und dann wollte ich auch nicht, dass das so ein Flirtkreis wird. Das kann zwischen Frauen natürlich auch passieren, aber da stört es mich nicht so. Und letztlich ist es auch identitätsstiftend, sich mit anderen Frauen auszutauschen, die poly sind. Ich fänd’s gut, wenn das ein bisschen mehr in eine feministische Richtung gehen würde. Vielleicht könnten wir auch mal als Gruppe eine Veranstaltung machen, zusammen was lesen oder schreiben. Aber das ist von heute aus gesehen sicher erst der fünfte Schritt und auch eine Zeitfrage.

Krista: Wir haben das neulich auch nochmal diskutiert und festgestellt, dass es doch ein anderes Vertrauensverhältnis schafft, wenn nur Frauen dabei sind. Gerade wenn es um Sexualität geht, gibt es da eine andere Offenheit, sich auszutauschen und Unsicherheiten auszusprechen.

Ayşe: Das ist ja schon ein Thema: wer beim Sex den aktiven Part übernimmt . Wenn man mit Männern zu tun hat, mit denen man über so was gar nicht sprechen kann, weil die gar nicht checken, was das Problem daran sein könnte, ist das sehr anstrengend. Beim Picknick kann ich mich in Ruhe mit Frauen austauschen und dann danach mit meinen Partnern darüber sprechen.

Kalle: Bedeutet es für Frauen etwas anderes, Poly zu sein, als für Männer?

Ayşe: Frauen müssen stärker befürchten als „Schlampe“ abgestempelt zu werden als Männer, wenn sie nicht monogam leben. Ich kenne ein Paar, wo er immer mal was mit anderen Frauen hatte. Sie das aber nicht tut, weil sie nicht will, dass schlecht über sie geredet wird.

Krista: Ich habe außerdem den Eindruck, daß Frauen mit Nichtmonogamie besser klarkommen und auch besser mit Eifersucht umgehen können. In den konkreten Konstellationen, die ich kenne, kommt es mir deswegen so vor, dass es für die Frauen leichter ist als für die Männer. Aber ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann. Ein anderes großes Thema ist die Schwangerschaft. Wenn Du von einer Beziehung, die nicht Deine Hauptbeziehung ist, aus Versehen schwanger wirst, was passiert denn dann? Das ist ehrlich gesagt die Sache, die mich etwas hemmt, mich mit mehreren Männern einzulassen. Bei Frauen bin ich da offener.

Ayşe: Also angenommen, Du weißt nicht, vom wem es ist. Das ist blöd. Ich weiß gar nicht, ob man das vor der Geburt feststellen lassen kann. Das wäre ein Problem, weil mit wem soll man sich jetzt auf das Kind einstellen. Wenn das Kind ungewollt ist, verkompliziert es die Sache auch nochmal. Überhaupt ist das für Frauen doch anders. Der Mann kann ja immer verschwinden. Machen ja ganz viele Väter, auch heute noch.Die Gründe dafür können natürlich ganz verschieden sein.
Kalle: Könnte man statt zu versuchen, rauszufinden, von wem es ist, nicht einfach fragen, wer gerne ein Kind aufziehen möchte?

Ayşe: Man müsste total viel miteinander klären und absprechen. Und ich vermute, dass es total schwierig ist, gleichwertige Beziehungen zu führen, weil ein Kind ja erstmal zusammen schweißt. Ich hatte schon die Idee, mit zwei Männern je ein Kind zu haben und dann zwischen den beiden Haushalten zu pendeln (lachen). Viele Männer machen das ja so. Aber das fand einer meiner Partner ganz schrecklich.

Kalle: Man könnte ja auch gemeinsam ein Kind aufziehen. Es ist doch sowieso total viel Aufwand, sich um ein Kind zu kümmern, würde es sich da nicht anbieten, das mit mehreren zu machen?

Krista: Ich fände das nicht schlimm.

Ayşe: Klar, das wäre natürlich cool. Es gibt auch Leute, die das so machen. Da müsste man aber so ein Poly-Konzept haben, wo alle auch miteinander zu tun haben. Bei uns ist das ja z.B. gar nicht so, wir trennen die verschiedenen Beziehungen ziemlich stark.

Kalle: Wie ist das denn mit Hausarbeit in Poly-Beziehungen? Eine Studie aus Wuppertal sagt, dass in heterosexuellen Partnerschaften Frauen immer noch ¾ der Hausarbeit erledigen und sich das tägliche Zeitbudget der Männer auf diesem Gebiet in den vergangenen 20 Jahren um 10 Minuten erhöht hat.

Krista: Also 10 Minuten statt Null ? .

Ayşe: Das ist ja allgemein Thema in Beziehungen. Ich habe nicht immer Lust, Essen zu machen oder den Tisch zu decken, da bin ich manchmal empfindlich. Aber ich achte auch darauf, dass ich im Restaurant öfters zahle.

Krista: Wobei wir darüber im Polykreis nicht so viel reden. Ich habe bei meinen Beziehungen auch den Eindruck, dass es relativ ausgeglichen ist. Natürlich nicht immer.

Ayşe: Na, ich kenne das schon. Es gibt so typische Sachen, die Männer und Frauen machen, das ist in unseren Kreisen auch nicht anders als bei Leuten, die mono leben. Also wer repariert was, wer fährt Auto, wer beschäftigt sich eher mit Technik, wer mit Menschen. Das sind schon auch Sachen, die dann und wann Anlass für harte Diskussionen bieten. Denn die Ungleichheit kommt ja daher, dass Männer und Frauen ja tatsächlich durch ihre Sozialisation oder ihre Ausbildung bestimmte Sachen besser und andere schlechter können. Da ist halt die Frage, ob man Lust hat, bewusst gegenzusteuern, auch um den Preis, dass dann manche Sachen länger dauern oder ein schlechteres Ergebnis erzielt wird.

Kalle: Denkt Ihr, dass Poly das Potential hat, die Gesellschaft zu verändern?

Krista: Was ich daran wichtig finde, ist, daß generell erst mal überlegt wird: „Wie möchte ich denn in Beziehungen zu anderen leben?“ Ich glaube nicht, dass es gesellschaftlich wichtig ist, dass immer mehr Leute poly leben, sondern dass es viel entscheidender ist, dass Offenheit für andere Lebensformen entsteht. Und diese offene und sensible Kommunikation, die in Poly-Beziehungen offensichtlich wichtig ist, würde ich allen Beziehungen wünschen. Und das kann dann Gesellschaft verändern, wenn wir so offen und sensibel miteinander umgehen.

Ayşe: Was es noch ändern könnte, wäre, dass sich die Menschen nicht mehr mit 30 in ihre Partnerschaften zurückziehen, sondern sich vielleicht öfter und länger gegenseitig unterstützen, vielleicht auch im Zusammenhang mit Wohngemeinschaften oder Gemeinschaftsprojekten, in denen man nicht alles für sich alleine regelt.

Kalle: Vielen Dank für das Interview. Ich wünsche euch noch viel Erfolg mit dem Poly-Palaver-Picknick. Wie können euch Interessierte erreichen?

Krista: Ebenso vielen Dank. Wer Interesse am Poly-Palaver-Picknick hat oder Fragen und Anmerkungen loswerden möchte, kann sich gern hier bei uns melden: polypalaver@posteo.de. Unser nächstes Poly-Plauder-Picknick ist übri- gens am 26.4., 20 Uhr und 25.5., 20 Uhr, Ort ist per Mail erfragbar. Wer kommen möchte, kann uns gern schreiben.

Parsley, sage, rosemary and thyme*

Die Frage von Geburtenkontrolle und Abtreibung war für die Feminist_innen der 60er und 70er ein wichtiges Thema. Obgleich viele Gesetzgebungen und Regelungen im Gesundheitssystem immer noch sexistisch sind und einkommensschwache Menschen benachteiligen, ist das Thema für viele – aus verschiedensten Gründen – in den Hintergrund getreten. Weshalb es für eine kommunistische und anti-sexistische Praxis weiterhin wichtig sein kann und muss, über die technisch-medizinische Seite der Körper-Aneigung zu sprechen, versucht Maxi N. Conrady am Beispiel der Anti-Baby-Pille zu entfalten. Die Autorin ist Mitglied im Club Communism.

Alle Menschen haben nicht nur einen Körper, sie sind auch einer. Wir alle empfinden Hunger, Durst, werden müde oder fühlen uns nicht gut. Und können mal mehr, mal weniger etwas dagegen tun, was Menschen sehen, wenn sie uns ansehen. Doch alles, was andere von uns erfahren können, ist etwas, was durch oder mit unsere Körper für sie wahrnehmbar wird. Deswegen ist es wichtig, was mit diesen Körpern geschieht, wie wir sie verändern oder eben nicht verändern können, was es bedeutet, dass wir unsere scheinbar natürlichen Körper mit Techniken wie Elektronik, Make-Up und Medizin verändern können.
Deswegen ist sich mit der Pille zu beschäftigen nicht nur ein spannendes Thema für Hetero-Cis1-Frauen, deren Körper gebärfähig sind und die penetrativen Sex haben.1

Die Pille soll hier synonym für Verhütungsmittel die am und im weiblichen Körper angewendet werden stehen, da sie besonders beliebt und zugleich wegen ihres Gesundheitsrisikos umstritten ist.

Der weibliche Körper im Patriarchat

In einer patriarchalen Gesellschaft gelten Heterosexualität, Cis-Geschlechtlichkeit und nicht zuletzt penetrativer Sex als Norm, die strukturell bestimmt Herrschaftsverhältnisse absichern. Das bestätigt sich spätestens, wenn mal wieder jemand droht seine Feinde zu „ficken“. Egal welches Geschlecht: der_die `Gefickte`, also Penetrierte, ist unterlegen.

DDie Fortpflanzungsfähigkeit und auch -willigkeit spielt dabei in diesen Herrschaftsverhältnissen eine besondere Rolle. Im Europa seit dem Mittelalter gab es wenig bis kein Bewusstsein von nicht-männlicher Sexualität. Eine allgemeine Norm, wie sie etwa die Kirche propagierte, bestimmte dabei nicht-produktiven Sex als Sünde oder Perversion. Doch für Frauen* ergab sich aus dieser Perspektive eine schärfere Repression. Frauen* waren, wenn sie eine eigene Lust oder gar eine eigenständige sexuelle Praxis hatten vom Teufel besessen, verdorbene ‚Schlampen‘, ‚Huren‘, die Männer bösartig manipulierten oder galten später als ‚verrückt‘, krank oder genauer pervers.

Gesunde, ‚normale‘ Frauen hatten dagegen zentral Sex, um ihren Gatten zu erfreuen und um Erben zu bekommen.Sex war im Normalfall auf die Bedürfnisse des Mannes* ausgerichtet: für ihn eine Freude, für sie vor allem eine Freude, ihn zu erfreuen. Sie hat Spaß, wenn er Spaß hat.

Deswegen werden kondomloser, penetrativer Sex ebenso wie ‚Entjungferungen‘, bis heute bei einigen Männern als schäbige Trophäe gehandelt: erst dann hat sie sich ganz hingegeben und ist ganz erobert. Die vielen Risiken solcher Praxen werden dabei ausgeblendet.
Denn Sex ist auseiner solchen Perspektive für ihn ein Ort der Reproduktion im Sinne von Erholung, Spaß, Freiheit und Selbstverwirklichung als Liebhaber, für sie eine Ort der Beziehungsarbeit, der Selbstverwirklichung als Fürsorgende und Gebende.Der Druck, ein solche Rolle zu erfüllen, ist dabei auf beiden Seiten groß und potentiell leidproduzierend. Doch alles was an Sex sorgenvoll, dunkel, unästhetisch oder gefährlich ist, soll ihn nicht betreffen. Die ‚Entsorgung‘ und ‚Vermeidung‘ unerwünschter Schwangerschaften ist, genau wie die Menstruation, aus solchen Gründen seither eine weibliche Aufgabe; aber eine, die diskret und ohne großes Aufhebens geschehen muss.

Das Tabu der ´unreinen´ Menstruation etwa hat eine Jahrhunderte und viele Kulturen betreffende Geschichte und ist bis auch heute ein wichtiges Verkaufsargument für Hygienartikel.

Das eigene Bedürfnis steht in einer solchen Sexualität für Frauen* erst einmal hinten an. Was „toller/schöner Sex“ ist, bestimmt der konkrete Mann* zunächst für die konkrete Frau*. In den mehrheitsgesellschaftlichen Bildern stehen dabei sein Urteil und seine Leistung in einer solchen Situation im Mittelpunkt.
Dort, wo Andere diese Bedürfnisse für uns als Einzelne definieren und bestimmen, also wo andere besser als wir selbst zu wissen meinen, was wir wollen, reduziert dieser Prozess den Menschen auf seine äußere Hülle, der dann am glücklichsten zu sein hat, wenn er tut, was er soll. Aus einem Mensch, der auch Körper ist, wird ein Körper mit menschlichen Eigenschaften.

Den Körper zu Markte tragen

Mit dem Kapitalismus entstand zudem eine neue Rolle für Frauen*: die der Marktteilnehmerin. Damit erschlossen sich auch mehr Möglichkeiten, ökonomische Mittel zur Verfügung zu haben und somit das eigene, körperliche Überleben zu sichern – auch ohne das Wirtschafts- und Überlebenskollektiv Familie. Doch die sexistische Rolle des Körper-Seins für andere bleibt dabei erhalten, verformt sich jedoch durch die kapitalistischen Bedingungen.

Der Markt setzt seine Teilnehmer_innen zunächst gleich, auch bei verfügbarer Arbeitskraft und Zeit. Mutterschaft wird zum selbst-verschuldeten Wettbewerbsnachteil oder zur Doppelbelastung.
Die Pille ist in einer patriarchalen Gesellschaft ein wesentlicher Rettungsanker, eine Technik für Frauen, mit der sie Geliebte für ihren Liebhaber sein können und dabei ihre Rolle als Marktteilnehmerin behalten können. Der eigene, mögliche Lebensentwurf, der scheinbar durch Zugriff auf das Machtmittel Geld erweitert schien, wird durch den doppelten Anspruch von kapitalistischem Zwang und sexistischen Geschlechterrollen wieder eingeschränkt.

Dazu kommt die kapitalistisch bedingte Instrumentalisierung des eigenen Körpers, der auf dem Markt mit seiner Kraft und Lebenszeit angeboten werden muss. Durch die Pille werden Frauen potentiell besser zum Objekt im kapitalistischen Wettbewerb und im Objekt-Sein für andere Menschen. Frauen* leben damit nicht nur in Entfremdung zu ihrem marktförmigen Körper, sondern selbst der Rückzug ins Private ist eine Erfahrung der Objektivierung.

Scheinbare und mögliche Befreiungen

Dass man selbst Körper ist, der fühlt, empfindet, leidet und das dieses Empfinden ein Teil des Selbst und der Welt ist, diese Versöhnung lässt sich nicht aus einer Praxis ableiten, in der die eigene körperliche Verfügbarkeit ‚an‘ oder ‚aus geschaltet‘ werden kann. Der Körper, der nur über seine objektive Wirkung in der Welt definiert wird, etwa aufgrund seiner ‚objektiven‘ Attraktivität oder des wirtschaftlichem Erfolgs, verlangt Disziplin und Kontrolle. Mieder und strenge Diät sind sich letztendlich in ihrem Zweck gar nicht so unähnlich, wenn auch unterschiedliche Rollen unterschiedlich disziplinierte Körper verlangen.

So instrumentalisiert, bedeutet die ‚befreite Sexualität‘ durch die Pille nur eine Befreiung eines Objektes vom Zwang der Natur, nicht aber von seiner Stellung als Objekt. Lust und Begehren als Teil einer Person spielen dabei keine Rolle.2 Die Pille ist immer noch ein Verhütungsmittel für ‚eigentlich‘ penetrativen Sex. Seine Form ist immer noch reproduktive Form, nur ohne Reproduktion. Sex selbst bleibt weiter auf ein Handlungsgefüge reduziert, das über die ‚natürliche‘, ‚gesunde‘ Nutzung des eigenen Körpers definiert wird. Die Technik Pille scheint einfach den Körper nur weiter zu instrumentalisieren.

Dabei könnte sie den eigenen Körper eigentlich zu etwas machen, was genau seine Instrumentfunktion überwinden kann: hin zu etwas, das die eigene Bedürfnisse erst erkunden lässt, indem bestimmte Abhängigkeiten und Zwänge, die gesellschaftlich durch seine Form als weiblich begründet werden, für eine Zeit ausgesetzt werden. Indem Sex-haben zunächst gleichgesetzt wird mit penetrativen Sex haben und damit auch mit eben beschriebener Funktion des eigenen Körpers, braucht es einen Bruch mit der Konvention ‚Fortpflanzung‘, der noch keine positive Antwort auf die Frage ‚was ist Sex ?‘ beinhaltet. In einer offenen Situation können und müssen wir Gefühle, Handlungen, was sich ´richtig´ anfühlt neu bestimmen.

An diesem Punkt erst kann sich ein Mensch, der lernt, dass die Reduktion auf den eigenen Körper keine Notwendigkeit hat, neu – als Mensch mit einem Körper – kennen lernen und zugleich Körper und das eigene Denken auf Möglichkeiten hin erkunden. Bedürfnisse können als eigene entdeckt werden, wo der Körper schon ein eigener ist – und zwar auch im Guten. Neue Bedürfnisse können nur unter bestimmten Umständen realistisch werden. Wenn uns Sachzwänge absolut und unumgänglich erscheinen, wird die Idee, dass es anders sein könnte, zur Träumerei.

Und zugleich ist es wichtig, genau hier zu unterscheiden, wo körperliche Erfahrungen und Erfahrungen mit dem Körper ins eigene Denken und Handeln übersetzt werden.

Nicht jede Technik ist automatisch befreiend, nicht jeder Widerstand ist automatisch einer, der zur Befreiung führt und nicht jede neue, auch gute Erfahrung und Aneignung des Selbst eröffnet auch eine neue Perspektive auf die eigenen Möglichkeiten.

Technik wird im Kapitalismus von und für kapitalistische Bedürfnisse geschaffen, wir selbst müssen neue Ideen entwickeln, um sie zu nutzen. Sie um-nutzen, fehl-nutzen, ihre Funktionen neu entdecken. Die Pille kann die Grundlage sein, festzustellen, dass penetrativer Sex keine Notwenigkeit hat, wenn wir ohnehin Sex zum Vergnügen haben und dass Sextoys wie Auflagevibratoren und Strap-Ons nicht ein Ausgleich für ‚echten‘ Sex sind, sondern Technik um – gleichwertig aber anders – Sex zu wollen und zu haben. Den Schluss können wir jedoch nur ziehen, wenn wir über die Funktion der Pille nachdenken, über die unseres Körpers in der Sexualität – und über unser eigenes Vergnügen. Die Pille kann die Schwelle senken, dies auszuprobieren.

Statt der Pille bliebe uns nur der Verzicht auf penetrativen Hetero-Sex, Sex mit anderen Frauen* oder das Risiko davon schwanger zu werden, wenn (wie anfangs beschrieben) das Kondom immer wieder zu etwas wird, um das mit Männern gehandelt und gefeilscht werden muss. Die weibliche Sozialisation, die viele dazu bringt den Konflikt zu meiden, wird dabei zum Risiko für die Einzelne.

Das Zölibat oder Schwangerschaften, grade als die Option ‚natürlichen Lebens‘, können uns genau diese sexuellen Versuchsfelder nicht ermöglichen, weil sie uns in zwei Hälften denken, wo sowohl Kopf als auch Körper gleichermaßen, als Einheit teilhaben. Eine kommunistische Praxis kann nicht wollen, dass wir hinter unsere Möglichkeiten gut zu leben zurückfallen. Die eigenen Bedürfnisse, in Form des Begehrens an Männern*, mag nicht die einzig mögliche Form des Begehrens für die einzelne Frau* sein, dieses Begehren aber anzuerkennen ist wichtig, um es eben nicht wieder einem objektiven Maß von Nützlichkeit oder Rationalität zu unterwerfen und um jegliches Begehren, egal wie es sich im Leben der_des Einzelnen entwickelt, auch ohne die Idee der Natürlichkeit zunächst als legitim zu denken.3

Die Pille kann nicht perfektes Instrument der Befreiung sein, aber sie weist auf die Erweiterung von körperlicher Selbstbestimmung. Sie deshalb abzulehnen, bedeutet auch aktuelles Leid für höhere Ziele zu schnell anzuerkennen. Gemeinsame Debatten, eine gemeinsame politische Thematisierung und solidarischer Austausch, oder auch die Möglichkeit sich genau nicht auf Gemeinschaften verpflichten zu müssen, können hier Möglichkeiten zu einer progressiven Praxis bedeuten.

Und bevor diese Aneignung des Selbst nichts ist als das Fitmachen für den Wettbewerb, das am Ende in nichts endet, als in Hungern für den Markt oder die spirituelle Befreiung vom eigenen Körper, gilt es zu verstehen, dass auch der Hunger ein Recht hat gesättigt zu werden, den er gehört zu uns, wie es unser Körper tut. Nicht unsere Bedürfnisse, unser aktuelles Begehren sind das unmittelbare Problem – und die Pille als ihre Erfüllungshelfer eben so wenig. Diese Bedürfnisse nicht kennen zu lernen, sie sich nicht zu eigen zu machen und sie dadurch nicht zu entwickeln und zu verändern, ist das Problem.

Eine solche Aneignung und Weiterentwicklung kann eben nur passieren, wenn Raum und Zeit dazu besteht, die wir selbstbestimmt nutzen können. Doch um eine neue Sicht der Dinge zu bekommen, brauchen wir Spielplätze, die sicher sind und uns zugleich die Welt erleben lassen. Diese Erfahrungen zu reflektieren und im Bewusstsein über eine gesellschaftliche Totalität einzubetten, ist dann in Folge wichtig. Menschen lernen mit und durch ihre Körper hindurch die Welt kennen, trennen, was real möglich ist und was nicht, und bekommen so mehr Ideen von dem, was Sexualität und Leben sein kann. Diesem Körper mehr Handlungsmöglichkeiten zu erlauben, kann auch heißen, ihm etwas mehr von dieser Zeit und diesem Raum zu schaffen. Die Pille kann eine Hilfe sein, solche Orte für sich selbst zu finden. Mit den Techniken und Formen spielen, Bedürfnisse kennen lernen und danach politisch um sie kämpfen, müssen wir selbst – als ganze Menschen mit Kopf und Körper.


*
vgl. „Scarborough Fair“, engl Traditional, 16./17. Jhd. Im 16./17. Jhd. wurde in Liedern wie „Scarborough Fair“ Methoden der Abtreibung diskret und doch weit verbreitet.

1
Cis bedeutet, dass man sich mit dem bei der Geburt festgestellten Geschlecht identifizieren kann.

2
Ich werde im weiteren einige Trennungen machen müssen, da diese Bestimmung bei weitem nicht alle Menschen erfasst die Frauen* sind. Wenn ich Frauen ohne * benutzt ist das der Versuch – aus der Not heraus – jene Gruppe zu erfassen, die ein weibliche Cis-Identität hat und dielängste Zeit der Geschichte ungefragt als hetero verstanden wurde. Manchmal ist diese Unterscheidung nicht leicht zumachen und ich werde * nur dort weglassen, wo explizit zugeordnete Geschlechtsorgane relevant werden, wo Gender, Einlesung, Performance im Vordergrund stehen, werde ich das * beibehalten.

3
Die ‚befreite‘ Sexualität der 70er wurde später von vielen Feministin_innen als zwanghaft und an ihrer Lust desinteressiert referiert. Frei war sie für jene, die ihre Interessen ohnehin gelernt hatten durchzusetzen.