Terror unterm Aluhut

Die Attentatsserie in Paris am 13. November 2015 ist kaum ein paar Stunden alt, da tauchen schon die ersten Verschwörungsideen im Internet auf. Eine der ersten dürfte die „Menschenrechtsaktivistin“ Mary Hughes-Thompson gewesen sein. In einem Tweet schreibt sie: „Ich sage nicht, dass Israel dafür verantwortlich ist. Aber Bibi [Spitzname von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu] ist sauer wegen des europäischen Siedlungs-Boykotts.“ Und dann kommt der Klassiker aller Verschwörungsideolog*innen, die rhetorische und so viel mehr beantwortende als fragende Frage aller Frage: „So who knows?“. Tja, wer weiß es? Mit Sicherheit wissen es zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rettungs- und Sicherheitskräfte, die versuchen im Chaos der verschiedenen Anschlagsorte den Überblick zu bewahren, und auch die meisten Politiker*innen hielten sich in den ersten Stunden mit Vermutungen stark zurück. Aber Mary Hughes-Thompson, eine Initiatorin der „Free Gaza“-Bewegung, konnte dem Impuls einfach nicht widerstehen das aktuelle Weltgeschehen ihren verkorksten Wahnvorstellungen anzupassen. Ihr sollten in den nächsten Stunden noch viele berühmt-berüchtigte Kolleg*innen aus dem Aluhutkollektiv folgen. Doch bleiben wir erst einmal bei Hughes-Thompsons Theorie, dass der israelische Staat (oder verkürzt: „die Juden“) hinter den Terrorattacken steckt. Eine Theorie, die bei Terror unter eigentlich allen Terroranschlägen früher oder später von jemanden geäu- ßert wird. Dass dies bei den aktuellen Anschlägen noch größerer Bullshit ist als sonst, kann man schon an der Wahl des Bataclan-Clubs als Terrorziel sehen. Der Club hat immer wieder pro-israelische Veranstaltungen durchgeführt und die Band, die an diesem Abend im Bataclan spielte, die Eagles of Death Metal, hatte sich in der Vergangenheit immer wieder pro-israelisch geäußert. So schmetterten sie dem „Boycott Israel“-Aktivisten und Pink Floyd-Sänger Roger Waters ein deftiges „Fuck you“ entgegen, als dieser die Band dazu aufforderte ihre Auftritte in Israel abzusagen. Welches Interesse hat also der israelische Staat daran, zwei ausgewiesene pro-israelische Institutionen wie die Eagles of Death Metal und das Bataclan mit Terror zu überziehen? Die Antwort ist gleichzeitig ein wahres Zauberwort der Szene seit dem 11. September 2001: „false flag“: Jemand führt unter „falscher Flagge“ einen Anschlag durch, um den wahren Hintergrund zu verschleiern und andere zu belasten. „False flag“ erfreut sich so großer Beliebtheit in der Szene, weil auch nach dem Ende der Beweisaufnahme immer genügend Zweifel bleiben um alles und jeden als „möglichen Drahtzieher“ an den Pranger zu stellen. So macht es auch der Antisemit, Reichsbürger und Esoteriker Jo Conrad. Er hat auf Facebook schnell die Neue Weltordnung (NWO) als „Hintergrundmacht“ hinter den Anschlägen in Parisausgemacht. Natürlich nicht ohne die obligatorischen Fragezeichen und Konjunktiv-Formulierungen, denn „Ordo ab chao, Ordnung aus dem Chaos ist ihr Motto. Chaos können sie erzeugen. Ihre „Ordnung“ soll die totale Kontrolle sein, […]“ Natürlich stecken in solchen Posts auch ein paar Wahrheiten. Durch die neuen Terrorangriffe werden die Stimmen nach dem Ausbau des Überwachungsstaates wieder lauter werden. Die CSU in Person von „Kronprinz“ Markus Söder hat schon angefangen zu poltern. Und deswegen soll auch er in dieser Kolumne nicht fehlen. Macht Söder doch die „offenen Grenzen“ und Merkels Asylpolitik für die Attentate zumindest indirekt mitverantwortlich für die Anschläge. Dass die meisten Geflüchteten gerade vor diesem „alltäglichen“ Terror in ihren Ländern fliehen, blendet der bayrische Aluhutträger Söder einfach aus.
ABER bei all diesen Dummheiten, die die Verschwörungsdeppen an solchen Tagen von sich geben, gibt es auch immer wieder einen Typus, der uns schmunzeln lässt: Die Mathematiker*in unter den Aluhutträger*innen. Denn die hat das Ganze mal durchgerechnet und kommt auf folgendes Ergebnis:
11.09.2001: 1+1+9+2+1 = 14
13.11.2015: 1+3+1+1+2+1+5 = 14
Da bleibt uns also nur, an Tagen, die in der Quersumme 14 ergeben, den Aluhut aufzusetzen und in die Betonbunker zu fliehen. Das ist doch mal einwirklich guter Tipp in diesen unsicheren Zeiten.

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