Monatsarchiv: Oktober 2015

Lirabelle #10

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Editorial

Es ist soweit – ihr haltet die zehnte Ausgabe der Lirabelle in der Hand. Die erste Ausgabe erschien im Juni 2013, das heißt nunmehr können wir auf über zwei Jahre kontinuierliche Arbeit zurückblicken, deren Absicht wir in der ersten Ausgabe umfassten mit den Worten: „Unsere Lirabelle ist ein Zeitungsprojekt, das sich thematisch mit Fragen beschäftigt, die zumindest einen regionalen Bezug aufweisen, inhaltlich aber durchaus auf’s Ganze zielen sollen. Das Projekt ist von und für Menschen gedacht, die sich für praktische Gesellschaftskritik bzw. gesellschaftliche Praxis interessieren – in der gebotenen Breite und Vielfalt.“ Einen Anspruch den wir, so meinen wir, bisher eher mehr als weniger eingelöst haben. So findet sich auch in der zehnten Ausgabe von Allem etwas: Aktuelles, Regionales, aber auch Auseinandersetzung mit Geschichte, Kultur und Vieles mehr.
Eigentlich ein Grund zu Feiern, müsste man meinen. Dass dem aktuell nicht so ist, spiegeln die im Heft vertretenen Artikel auch allzu deutlich wieder. Keine Woche vergeht, in der nicht in irgendeinem Thüringer Kaff irgendwelche Nazis aufmarschieren oder bei diversen Bürgerversammlungen anlässlich der Errichtung einer Flüchtlingsunterkunft der gemeine Bürger seine „Sorgen“ kund tut. Auch in nicht staatlich legitimierten Formen bricht sich der Rassismus Bahn und in Thüringen brennen mittlerweile Flüchtlingsunterkünfte. An der Europäischen Grenze besteht das Massensterben von Menschen auf der Flucht fort und auch in der eigenen Flucht vor dem Alltag ist man nicht selten mit dem konfrontiert, wovor man eigentlich geflohen ist. Unwidersprochen bleibt dem allen nicht, wie die Beiträge und der von uns gewählte Mittelteil verdeutlichen und ihr sicherlich auch aus eigener Erfahrung wisst.
Wer nun glaubt, ein gemütlicher Abend mit lieben Menschen könne zur Reflexion, ein Bier mehr zur temporären Verdrängung beitragen, dem wird spätestens von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Stadt vor den Karren gefahren. Von der ersten zur Mäßigung ermahnt, von zweiterer in der Innenstadt unerwünscht, bleiben oftmals nur eigens geschaffene Rückzugsräume. Doch auch diese sind in Erfurt und anderswo rar gesät. Wir hoffen, ihr habt trotzdem ein nettes Plätzchen gefunden, um die aktuelle Ausgabe der Lirabelle zu lesen.

Mit Grüßen aus der Kackstadt,
die Lirabelle-Redaktion

  • News
  • Rückrunde für THÜGIDA
    Die Sommerpause ist vorbei. Die Aufmärsche gegen die Aufnahme von Geflüchteten in Thüringen gehen weiter und selbst während der Sommerpause waren die Nazis nicht untätig. Ox Y. Moron berichtet über die ersten Aufmärsche, Propaganda & Routinen.
  • Ballstädt, wie geht es weiter?
    Anfang Februar 2014 überfiel eine Gruppe vermummter Neonazis eine Feier im Gemeindesaal von Ballstädt (Landkreis Gotha). Gegen die Neonazis wird vermutlich im Spätherbst dieses Jahres der Prozess vor dem Landgericht Erfurt eröffnet. Der Infoladen Gotha und der Kleingartenverein Tristesse e.V. berichten über die Geschehnisse und geben einen Ausblick darauf, was vom Prozess zu erwarten ist.
  • Endlich wieder stolz
    Ox Y. Moron und Eva Felidae misstrauen der aktuellen Willkommenswelle für Flüchtlinge, in deren Rücken sich schon bereitet, was erstes Anliegen der Helfenden & Jubelnden ist: zu beweisen, dass Deutschland auch helfen kann – meist jedoch sich selbst.
  • Soligruppe 1708: Nach 2 Jahren ein Fazit
    Die Soligruppe 1708 begleitete drei Betroffene, die im Zuge des antifaschistischen Protestes gegen die NPD-Kundgebung am 17. August 2013 in der Erfurter Trommsdorffstraße Strafbefehle erhalten hatten. Die Verfahren sind abgeschlossen – was bleibt?
  • Sexism from the Underground
    Trotz besten Vorsätzen ist es unmöglich dem Sexismus zu enkommen. Ein Bericht vom Rockfestival Stoned from the Unterground von Cora.
  • Sentieri Partigiani – April 2015
    Uwe schildert seine Erfahrungen und Eindrücke, als er auf den Spuren der italienischen Partisan*innen um Reggio Emilia wanderte. Er nahm an einer Bildungsfahrt im April diesen Jahres teil.
  • Wer die Hemmungen fallen lässt und die Kontrolle verliert
    Die Kampagne„Alkohol? Kenn‘ dein Limit“ ist mit einem Budget von acht Millionen Euro jährlich die größte deutsche Kampagne zur Alkoholprävention. Finanziert wird sie vom Verband der Privaten Krankenkassen, umgesetzt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Seit 2009 sollen Plakate, Postkarten, Kurzfilme und eine interaktive Webseite Jugendliche überzeugen, sich beim Alkoholkonsum zu mäßigen. Und nicht nur da. Das Bildungskollektiv Biko hat die geschlechts- und klassenspezifischen Anrufungen der Kampagne analysiert.
  • Stadt der Vielfalt – Kackstadt – Stadt der vielfältigen Gründe diese Stadt zu dissen
    Es folgen kleine Episoden und Gedankenschnipsel über Situationen und Gegebenheiten in Erfurt von Bob.
  • „high fives for low lifes“ (Plattenkritiken)
  • Wenn die Nacht am tiefsten ist (Filmkritik)
    Simon Rubaschow findet beim Schauen eines exiliranischen, feministischen Vamprifilms die Hoffnung auf die Möglichkeit der Revolution.
  • Special: *Bullshitbingo*
  • Tapferer kleiner Paule
    Lasse Hirsch darüber, dass die Anderen die Hölle sind, vor allem, wenn man durch Abstammung dazu verdammt ist, sie zu ertragen. Der Text thematisiert familiäre Gewalt und kindliche Ohnmachtserfahrungen.
  • Die Aluhut-Chroniken VI – Die Protokolle der Weisen von Zion

Die Protokolle der Weisen von Zion

Die Protokolle der Weisen von Zion sind die vielleicht wirkmächtigste Verschwörungsideologie weltweit. Sie füllen die ansonsten hohlen Schädel der Knetbirnen nun schon über 100 Jahre und Versatzstücke und Motive aus den Protokollen sind in vielen anderen Verschwörungsideologien zu finden.

Das die Protokolle der Weisen eine Zusammenstellung mehrerer fiktionaler Texte ist, ist wissenschaftlich inzwischen gut belegt. Dass die Entstehungszeit Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts liegt ebenso. Doch alles weitere verschwimmt im Nebel aus Geschichte, Geheimdiensten und eben den guten alten Aluhüten. Die derzeit von der Wissenschaft bevorzugte Version sieht die Autor*innenschaft beim russischen Geheimdienst des Zaren. Anfang des 20. Jahrhunderts, als es im immer noch feudalen Russland schon ordentlich krachte, suchte das Regime des Zaren Verantwortliche, die dem Volk als Grund für ihr schlechtes Leben präsentiert werden sollten. So entstanden in Frankreich, Deutschland und Polen die Protokolle der Weisen von Zion. Gleichzeitig nutzte der Geheimdienst des Zaren, die Ochrana, die Protokolle aber auch um die Adligen und den Zaren vor „zu viel Liberalismus“ zu warnen.

Wie es sich für eine richtige Verschwörungsideologie gehört, gibt es verschiedene Versionen des Textes. Verbindendes Element bei allen ist das nächtliche Treffen der „jüdischen Führer“, die sich in den Reden ihre Pläne zur Weltherrschaft erläutern. Die Wege zur jüdischen Weltherrschaft sind aber von Version zu Version ein wenig verschieden. Häufig sind es jedoch das demokratische System, die Kulturindustrie und die Staatsverschuldung, die als Werkzeug zur Machtergreifung herhalten müssen.

Seit 1903 werden die Protokolle in Russland gedruckt und haben von dort aus einen zweifelhaften Siegeszug um die Welt angetreten. In den 1920er Jahren erlangte eine Version in den USA Ruhm und großer Verbreitung, die der Autofabrikant Henry Ford herausbrachte. Und auch die Deutschen waren nur zu gerne bereit, mit dieser Fälschung ihren glühenden Antisemitismus zu unterlegen. Obwohl der Text eine wilde Fälschung war, was schon bald nach seiner Entstehung gerichtsfest belegt wurde. 1933 bis 1935 verhandelte das Obergericht des Kanton Bern nach einer Klage des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds und der Israelitischen Kultusgemeinde Bern wegen Verstoßes gegen das bernische Gesetz über das Lichtspielwesen und Massnahmen gegen die Schundliteratur. Nach Anhörung zahlreicher Zeug*innen und Gutachter*innen war das Urteil eindeutig: Die Protokolle der Weisen von Zion seien „ein übles Machwerk, ein Plagiat und eine Fälschung.“

Allein dieses Urteil hat nichts gebracht. Noch heute werden die Protokolle in vielen Ländern reproduziert und rezipiert. Und es sind bei weitem nicht nur rechte Wirrköpfe, die die Lüge der jüdischen Weltverschwörung am Leben erhalten. Versatzstücke und Anleihen an das antisemitische Machwerk finden sich noch heute in Texten von linken Rapgruppen wie „Die Bandbreite“ über Bücher des (rechts-)esoterischen Koppverlags bis hin zu Neonazigruppierungen. Die Protokolle der Weisen von Zion sind in gewisser Weise eine gruselige Blaupause einer der ältesten Verschwörungsideologien die immer wieder modernisiert wurde. Heute ist sie die Grundlage vieler anderer Verschwörungsidologien, wie z.B. der FED-Verschwörung, der Ostküstenconnection, USrael und und und. Oder wie es Stefan Lauer einmal in Vice ausdrückte: „Alte Bauernregel: Verschwörungstheorien ohne Zionismus, jüdische Weltverschwörung oder Rassismus sind keine richtigen Verschwörungstheorien.“

Tapferer kleiner Paule

Lasse Hirsch darüber, dass die Anderen die Hölle sind, vor allem, wenn man durch Abstammung dazu verdammt ist, sie zu ertragen. Der Text thematisiert familiäre Gewalt und kindliche Ohnmachtserfahrungen.

Ein kleiner Campingplatz irgendwo im Nichts, in Brandenburg, wo es eigentlich keine Menschen mehr gibt. Der Kapitalismus hat sich zurückgezogen, eine Rezeption gibt es nicht mehr. Mit ihm verschwunden sind funktionierende sanitäre Anlagen. Die Dauercamper sind noch da, sie sitzen zwischen wuchernden Gebüsch in einer wunderschönen Landschaft an einem See. „Ihr könnt bleiben, wenn Ihr nicht so einen Lärm macht.“ Machen wir gerne. Wir freuen uns, dass der Platz in Selbstorganisation weiterbetrieben wird. Wir stellen die Fahrräder ab und bauen unser Zelt gleich am Strand auf. Der Blick aus dem Zelt ist wunderschön: Zwischen dem aufragenden Schilf führt ein kurzer, sandiger Pfad leicht abschüssig zum Wasser, das in der niedrig stehenden Sonne ganz ruhig daliegt. Außer uns gibt es noch ein paar Camper. Wir sehen drei Zelte. Ein Jugendlicher geht schwimmen und ignoriert uns. Als ich auf dem Spirituskocher das Abendessen zubereite, kommt ein zweiter aus einem der Zelte. Er ist jünger als der Schwimmer, vielleicht zehn oder zwölf, eigentlich noch ein Kind. Er bleibt kurz bei uns stehen. Leise sagt er „Hallo“ und guckt uns schüchtern an. Wir erwidern seinen Gruß freundlich. Er zögert einen Moment und geht weiter zu einem Wohnwagen.

Nach dem Essen gehen auch wir schwimmen, nackt, wie es sich im Osten gehört. Da wir erst spät angekommen sind, wird es bald dunkel. Um den Stechmücken zu entgehen, ziehen wir uns ins Zelt zurück und dösen schon bald in der abendlichen Sommerhitze vor uns hin. Dann kommen Menschen.
Es gibt ja Leute, die sagen, Brandenburg wäre schön, wenn man von den Menschen absieht. Die Leute, die kamen, waren aus Berlin, zwei Männer und eine Frau. Man hörte schon von weitem, dass sie einiges getankt hatten und sich nur noch mit Mühe über den Platz schleppten. Als ihr Lallen deutlicher wurde und wir hörten, dass sie unser Zelt zur Kenntnis nahmen, hielten wir die Luft an. „Hoffentlich vergessen die uns schnell wieder.“ flüsterte meine Begleitung, einen Wunsch, den ich nur teilen konnte, weil das Grüppchen inzwischen angefangen hatte, sich lauthals zu streiten. Der Eine war auf dem Rückweg von der Kneipe vom Fahrrad gefallen und hatte sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen. Das fanden der Andere und Sie nicht gut und wollten ihn dazu überreden, sich verarzten zu lassen. Trotzdem auch Sie ordentlich abgefüllt war, traute sie sich zu, die Wunde zu säubern und zu verbinden. Anlass des Streits war, dass der Eine das partout nicht wollte. Obwohl der Andere blumig schilderte, wie viel Blut der Eine schon verloren hatte und Sie sich über die Gefahren nicht gereinigter Wunden ausließ, wollte der Eine lieber schlafen. Schon an dieser Stelle dachte ich, obwohl ich Atheist bin: „Oh Gott, lass es vorüber gehen.“ Aber es kam noch schlimmer. Um dem Einen klarzumachen, dass er sich unbedingt verarzten lassen müsse, brachte der Andere ein neues Argument in die Diskussion ein: „Denk doch an Deinen Sohn!“

Der schüchterne 10-12jährige hieß Paul. „Paule, sag‘ Deinem Vater,er muss sich verarzten lassen.“ „Paule hilfst Du uns, Deinen Vater vom Zelt in den Wohnwagen zu holen?“ „Paule, halt doch mal hier fest.“ Paule hilft. Auch wenn er zwischendurch leise weint und wir seine Angst und Verzweiflung aus der Stimme heraushören, hilft er tapfer bei jedem Schritt, beruhigt, wo es sein muss, schreitet ein, wenn der Andere zu aggressiv auf den Einen einredet und bringt seinen Vater letzten Endes dazu, sich verarzten zu lassen. Endlich. Für Paule ist der Abend damit noch nicht vorbei. Der Andere fragt ihn: „Paule. Alles Okay?“ Wahrscheinlich hat er trotz seiner erheblichen Intoxikation mitbekommen, dass mitnichten alles okay ist, wenn man einen 10-12jährigen nachts aufweckt, damit er sich um drei sturzbetrunkene Erwachsene, darunter sein Vater, kümmert. Natürlich weiß auch Paule, dass nichts okay ist, dass die drei besoffenen Riesenarschlöcher sich eigentlich um ihn kümmern müssten und nicht umgekehrt. Ich kenne das aus meiner Kindheit: Wenn sich Erwachsene abgeschossen haben und die Situation sowieso schon völlig außer Kontrolle ist, hat man Angst, dass es noch komplizierter wird, wenn man die eigenen Bedürfnisse ins Spiel bringt. Also antwortet Paule „Ja.“ Nicht nur einmal. Vielleicht ist der Andere zu blau, um sich zu erinnern, dass er schonmal gefragt hat, vielleicht weiß er, dass die Antwort gelogen ist. Er fängt immer wieder an. „Alles okay?“ „Ja. Ich bin nur müde.“ Auch das kenne ich. Die Hoffnung, dass es vorbeigehen möge. Die Hoffnung, dass sie jetzt endlich aufhören, sich und mich zu quälen. Das Hochschrecken davon, dass die Scheiße doch wieder losgeht. Ich döse ein und schrecke hoch, das Herz rasend. Aber es ist nur „Alles okay?“ „Ja. Ich bin nur müde.“ Ob der Andere es kapiert hat oder einfach so eingeschlafen ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall kehrt Ruhe ein.

Ich lag noch stundenlang wach und habe darüber nachgedacht, was ich Paule gerne sagen würde. Ich hab’s irgendwann geschafft, der Scheiße zu fliehen. Irgendwann wusste ich: Meine Eltern haben den Generationenvertrag gebrochen, als sie mich im Suff vollgelallt haben, mein Spielzeug zerbrochen und mir panikerfüllte und schlaflose Nächte bereitet haben. Irgendwann konnte ich mir klarmachen, dass ich mich nicht um sie kümmern muss. Ich habe die Anlage bis zum Anschlag aufgedreht und „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ gehört, ich bin ausgezogen, weggegangen, habe mir über mich und die Welt Gedanken gemacht und kann heute durchschlafen. Wenn ich nachts von einem Geräusch aufwache, rast mein Herz nicht mehr. Normalerweise. Ich habe Leute um mich, die sich um mich kümmern und um die ich mich kümmere – weil wir uns mögen. Das gibt es. Es muss nicht so sein, dass man Leute um sich herum hat, die einen quälen, weil man durch Abstammung dazu verdammt ist, sie zu ertragen. Das hätte ich Paule gerne erzählt. Aber es gab keine Gelegenheit. Als wir am nächsten Tag aufgestanden sind, waren die Anderen schon weg.

Bullshitbingo

In diesem Jahr werden die meisten von euch – Thügida sei Dank – viel Zeit auf Anti-Nazikundgebungen verbracht haben. Es steht auch nicht in Aussicht, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändert. Weil es nun oft nicht geringfügig aufreibend ist, an Montagabenden und Samstagnachmittagen Stunden damit zuzubringen, den immer Gleichen beim immer Gleichen, nämlich dem Beschwören einer bunten, toleranten und weltoffenen Gesellschaft, zuzuhören und dabei den Bauch sich* in die Beine zu stehen, habt ihr hiermit nun die Möglichkeit, euch die Zeit etwas zu verkürzen. Die Regeln werden als bekannt vorausgesetzt. Viel Spaß und Durchhaltevermögen wünscht Dori!

Bingo


1
Adorno-Sich (Vorsicht: Selbst-Ironie)

Wenn die Nacht am tiefsten ist…

Simon Rubaschow findet beim Schauen eines exiliranischen, feministischen Vamprifilms die Hoffnung auf die Möglichkeit der Revolution.

Die Begegnung der beiden Hauptfiguren in A girl walks home alone at night könnte das Ende des Films sein, und beim Zuschauen hatte ich Angst um Arash. Ein junger Erwachsener, Einwohner von ‚Bad City‘, einer Stadt die offensichtlich in der Islamischen Republik Iran liegt. Sein alleinlebender Vater ist heroinabhängig, Arash kümmert sich um ihn und seine Schulden, wodurch er sein von mühsam erspartem Lohn gekauftes Cabrio an den Dealer seines Vaters verliert. Dennoch hat er sich seine Unschuld bewahrt und träumt vom Glück der individuellen Freiheit, das zu realisieren er sich zu Beginn des Filmes nur als Imitation der Posen von James Dean vorstellen kann. Nach einigen Wendungen landet er nach einer Kostümparty unter Exctasy-Einfluss auf der Straße und wird von ihr aufgegabelt, der namenlosen jungen Vampirfrau. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung und legt eine Platte auf – To lose my life… von den White Lies – und er, allein mit einer Frau in einem Zimmer, nähert sich ihr. Anders als er wissen die Zuschauer_innen schon: Sie ist eine Vampirin, und ihre Opfer sind Männer, die Frauen gegenüber übergriffig geworden sind, kein Einverständnis eingeholt haben oder es ignorierten, und fragen sich, ob er sich beherrschen kann. Er kann, und das Bild verkehrt sich. Die Vampirin ist eine klassische Rachefigur, der Grund, warum der Film in der Rezeption weitgehend als feministischer Vampirfilm interpretiert wurde: Die übergriffigen Männer verbünden sich mit ihren Triebregungen und leben sie, gegen die Frauen, aus – die Vampirin tut ihnen gegenüber das gleiche mit ihren Trieben, die Penetration der Männer rächt sie, indem sie sie, qua Biss, penetriert und sie zum Objekt ihrer Lust macht. „The sky set out like a pathway/but who decides which route we take“ tönt die Stimme von Harry McVeigh, während die Zuschauer_innen beobachten, wie sie sich Arashs Hals nähert, und sich fragen, ob die Rache blind ist, keinen Zweck außer ihrer selbst kennt. Sie gibt ihrem Verlangen jedoch nicht nach, die Begegnung ist kein tödlicher One-Night-Stand, sondern die unmittelbare Triebbefriedigung am anderen als Objekt tritt für beide zurück hinter der Zuneigung zum anderen als Subjekt – „That’s why everything’s gotta be love or death“.

Der Film ist tatsächlich feministisch, nicht bloß wegen der praktizierten feministischen Rache im Film, sondern wegen der Verkehrung klassischer Rollenzuweisung. Er ist die unschuldige Hoffnung, die selbst unfähig ist, ihre Hoffnung unter den Bedingungen des schlechten Ganzen zu realisieren, sie ist die schuldbehaftete weil praktische Rache, selbst wiederum defizitär, weil sie nichts hat, wofür sie kämpft und tötet, nur ein wogegen. Derart sind sie beide aufeinander angewiesen. Eine Angewiesenheit, die ein Grund ist, weshalb die Liebe zur Überwindung der polarisierten Vereinzelung eine positive Perspektive ist. Die zwei anderen Gründe haben mit dem Vampirfilm und dem Iran zutun: Der klassische Vampir – Dracula oder Orlok – ist der verführerische Trieb, der junge bürgerliche Frauen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus ihrem Bett, von ihren Eltern oder ihrem Verlobten und in den Tod reißt. Eine männliche Projektion eigenständiger weiblicher Sexualität, die sich nicht der patriarchal-bürgerlichen Gesellschaft unterwirft, und damit die Frauen der Kontrolle der Männer entzieht.1 Im postfordistischen Kapitalismus und seiner postbürgerlichen Gesellschaft ist dieser Vampir veraltet, die Triebregulierung ist längst auch in das Innere des männlichen wie weiblichen Subjekts verlagert, und Interview mit einem Vampir von 1976 (Buch) bzw. 1994 (Film) zeigt diese Wandlung anschaulich: Der Vampir, Louis, kämpft nunmehr um die Beherrschung der eigenen Triebe und damit um seinen brüchig gewordenen Subjektstatus, den andere Vampire wie Lestat längst verloren haben. Die Aufgabe der Selbstkontrolle ist gleichzeitig verdammenswert und verlockend. Hinzu tritt jedoch ein weiteres Motiv: Die Entfremdung des Individuums von der Gesellschaft, die der Untote zu den Lebenden, zu denen er vormals gehörte, erfährt. In Vampirfilmen2 der letzten Jahre erfährt dieses Motiv eine erneute Verschiebung. Ist Louis noch ausweglos alleine mit seiner Entfremdung und seinen Trieben, gibt es nun Hoffnung, in romantischer Liebe die Vereinzelung zu überwinden. Der schwedische Låt den rätte komma in (2008), benannt nach dem Bob-Dylan-Song Let the right on slip in, Jim Jarmuschs Only lovers left alive (2013) oder eben A girl walks home alone at night (2014), deren Hauptfiguren allesamt weibliche Vampire sind3, gehören zu diesen neuen und allesamt exzellenten Vampirfilmen. Liebe deswegen, weil sie zugleich einen Ausbruch aus der Vereinzelung als auch die Option für eine selbstbestimmte, nicht bloß repressive Triebregulierung bietet. Sie bildet damit die Alternative zu der repressiv-patriarchalen Triebregulierung des Mullah-Regimes, aber auch zu der vereinzelnden Befreiung des westlichen Konsumliberalismus. Er wird in A girl walks home alone at night durch eine Tochter aus reichem Hause repräsentiert, die auf Kostümparties zu Techno feiert und deren Glück in einer Schönheitsoperation besteht, mit der sie ihre Nase an das westliche Schönheitsideal angepasst hat. Zu ihr steht die Schönheit der Vampirin in ebenso deutlichem Kontrast wie eine Szene – in der die Vampirin allein zu Dancing Girl von Farah tanzt, in dessen Refrain es heißt: „Männer stehen, Frauen tanzen, Ich beobachte“ – die Kostümparty und damit die ebenfalls sexistische westliche Alternative kontrastiert.

Eine zweite Szene am Ende des Films bildet einen ähnlichen Entscheidungsmoment. Arashs Vater, dessen sexuelle Lust gänzlich in seiner Heroinsucht sublimiert ist, meint eine Sexarbeiterin ‚beglücken‘ zu müssen. Für ihn tritt an die Stelle der phallischen Penetration die Penetration mit der Nadel, die männliche Allmachtsphantasie wird als Spender des Rauschglücks prozessiert, indem er ihr gegen ihren Willen Heroin injiziert – und wenig später von der Vampirin gebissen und dadurch ermordet wird. Arash findet dies heraus, als er, die Hoffnung, durch seine Liebe zu ihr zur Praxis gefunden, sie zur Flucht aus ‚Bad City‘ und in ein besseres Leben auffordert und bei ihr die Katze seines Vaters entdeckt. Er weiß um die Schuldigkeit seines Vaters, doch die offene Frage ist, ob er mit ihrer Schuldigkeit leben kann. Es spitzt sich letztlich die Frage zu, wie die Hoffnung auf ein besseres Leben zusammengeht mit der Notwendigkeit, dass die Praxis auf dem Weg dorthin notwendig befleckt ist von dem schlechten Ganzen, dem es zu entkommen gilt. Zieht sie sich von aller Praxis zurück, um ihre eigene Unschuld zu bewahren, wirft sie sich in die Praxis, wird selbst schuldig und verliert darüber die Hoffnung oder besteht die Möglichkeit, die Hoffnung und Praxis zueinander zu vermitteln ohne sie aufzulösen. In A girl walks home alone at night besteht diese Möglichkeit – die beiden verlassen in seinem wiedererlangten Cabrio die Stadt – in der Liebe, die damit eine Liebe als Anerkennung der bzw. des Anderen als Anderen ist. Sie ist der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Spannung, die auf ihre Aufhebung drängt, ohne sich einseitig auflösen zu lassen. Die Spannung aufrechtzuerhalten gelingt ihr, weil in ihr dem oder der Anderen mit Zartheit und Verlässlichkeit begegnet wird, die in Opposition sowohl zur bürgerlichen Kälte wie zum Eindringen- und Besitzen-Wollen steht. Und solange diese Spannung aufrechterhalten werden kann, bleibt das Bessere, die Revolution möglich – nicht nur im Iran.


1
Einzig Sheridan Le Fanu bringt es in Carmilla von 1872 diese Angst zum Ausdruck, ohne sie durch die Projektion der Triebe auf einen männlichen Vampir wieder zu maskieren. Bei ihm ist die männliche Angst vor einer eigenständigen weiblichen Sexualität in einer lesbischen Vampirin zugespitzt.

2
Und ich meine damit nicht die Filme, in denen Edwards, Selenes oder Erics, die als Vampire firmieren und die – selbst nach den ästhetischen Maßstäben der kulturindustriellen Produktion bloß miese – Action- oder Liebesfilme sind, sondern Filme, die das Motiv des Vampirs zu ihrem Gegenstand haben.

3
Tim Burtons misslungene Komödie Dark Shadows von 2012 arbeitet mit einem ähnlichen Motiv, hier ist der Vampir jedoch männlich.

„high fives for low lifes“

Für die Rubrik „Plattenkritiken“ haben wir einen neuen Autor gewinnen können und überschreiten damit auch die bisherigen musikalischen Grenzen der Lirabelle. Nino schreibt sonst für das TrveFrykt-Zine. Aus Liebe zum Krach gibt’s unter dem Motto „high fives for low lifes“ Rezensionen, Interviews, Kolumnen und Terminankündigungen zu Black / Death Metal, Doom, Crust und Noise zu lesen. Viel Spaß und hört mal rein!

Von Drakus – The Black Gate

Das Gießener Hardcore Punk-Quartett Von Drakus hat knappe drei Jahre nach ihrem letzten Release einen neuen Tonträger veröffentlicht. Mit „The Black Gate“ haben die Hessen ein hochwertiges und äußerst lohnenswertes Album rausgehauen. Gefüllt mit acht düsteren Songs, wird hier jeder Liebhaber von 80er Jahre Hardcore Punk á la Hammerhead auf seine Kosten kommen. Allein schon der Opener, welcher das einzige, deutschsprachige Lied ist, lässt das Herz des Hörers höher schlagen. Bitterkaltes Riffing, wiedererkennbare Melodien, ein hämmerndes Schlagzeug und finstere, angepisste Vocals, ein beinahe perfektionierter Mix den Von Drakus hier an den Tag legen. Textlich bewegt man sich zwischen Verzweiflung, Selbsthass und Wut auf die Welt und ist sich treu geblieben. Im Vergleich zu den beiden älteren Veröffentlichungen, wird auf „The Black Gate“ mehr Abwechslung und eine deutlich dunklere Atmosphäre geschaffen. Einen physischen Tonträger des Albums gibt es bisher noch nicht, digital kann man sich die Scheibe via Bandcamp gratis downloaden.

Battra – Asozial seit Tag 1!

Das Pennerviolence Duo um Battra aus Halle an der Saale hat die von mir sehnlichst erwartete EP „Asozial seit Tag 1!“ released. Die beiden sind bekannt dafür mit einer Menge Humor, grandiosen Samples und klasse Videos daherzukommen. In der Promophase der EP ging es heiß her, denn Battra machten sich über das identitäre Gehabe in der deutschen Black Metal-Szene lustig.
So entwarf man extra ein neues Logo, welches ganz in Black Metal-Manier unleserlich ist und eher Rotz im Taschentuch ähnelt. In den Videos posieren sie mit Corpsepaint und düsterer Miene – dank super scharfen Pfefferminzkaugummis. Die Lyrics der Band sind wiederum vollgepackt mit Hass auf die Gesellschaft und sich in ihr wohlfühlender Individuen. Doch auch musikalisch sind Battra nicht zu unterschätzen, denn eine überzeugende Mischung aus schnellem, wütenden Powerviolence, gepaart mit Samples und einer kleinen Prise Punkrock macht einiges her.
Die EP ist auf 100 Stück limitiert und kann über BLSN.WRST Records bestellt werden. Wem die digitale Variante reicht, der kann sich über Bandcamp das Ganze für umsonst laden.

Stadt der Vielfalt – Kackstadt – Stadt der vielfältigen Gründe diese Stadt zu dissen

Es folgen kleine Episoden und Gedankenschnipsel über Situationen und Gegebenheiten in Erfurt von Bob.

Kackstadt, so nennen sie viele. Oft wird auch gesagt, es sei etwas Besonderes, eine regionale Spezialität sozusagen, die Stadt, in der man lebt, so zu dissen. Das ist dann ein umgedrehter Lokalpatriotismus. Ist auch nicht besser? Mein Verhältnis zu Erfurt ist ambivalent.

Lirabelle #10

Yeah- sie ist da – die 10. Ausgabe der Lirabelle. Die Idee dieser regelmäßig erscheinenden Broschüre lag darin, an die Broschüre „Erfurt – Stadt der Vielfalt“ anzuknüpfen, Debatten, die geführt wurden, weiter zu führen, über das, was in Erfurt und drumherum passiert, zu berichten.

Seit dem Start im Juni 2013 berichtet die Lirabelle regelmäßig über dies und jenes, es gibt Kontinuitäten der Autor*innen und hoffentlich auch der Leser*innen…

Dies soll jetzt kein sentimentaler Text werden, der die Höhen und Tiefen der Redaktion nachvollziehbar macht, wobei diese schon so einiges durchgemacht haben – Frust, Müdigkeit, unaushaltbares Schweigen durchzogen manche Treffen. Jedoch wurde auch heftig gestritten über die eine oder andere Betrachtungsweise und die richtige Sicht auf die Welt.

So richtig gefunden haben wir sie wohl noch nicht und falls doch, so fehlt uns nach wie vor die Strategie, der Masterplan, um die Welt zu schaffen, die wir uns vorstellen. Wie die jedoch aussieht, ist eher diffus, denn selbst bei den Utopien sind wir noch nicht mal bei einem brüchigen Konsens. Klar ist zumindest, dass es nicht so weitergehen kann, wie bis hierher. Wut ist da eine folgerichtige Reaktion. Darüber, dass es in Erfurt nach wie vor keinen selbstverwalteten Raum gibt, dass die Strukturarbeit für linke Räume so viel Kraft raubt – jeden Monat den Kontostand zu überprüfen nervt schon im Privaten.

Das Cover der Lirabelle #1 zeigt die Besetzung am 1. Mai 2013. Ein Haus haben wir noch immer nicht. Die Stadt hat die Verhandlungen eingestellt.

ERfurt

Doch wer ist die ominöse Stadt? Warum ist in der Wort-Bild-Marke der Stadt das ER farblich rot hervorgehoben? Um die Maskulinität hervorzuheben? Wenn die Leser*innen eine Antwort wissen, scheut euch nicht,sie zu offenbaren.

Ich kenne auch Menschen, die Erfurt schlicht als das größte Dorf Thüringens bezeichnen. Das trifft es ganz gut: Erfurt ist provinziell. Ganz platt gesagt, leben hier nur alte Menschen, mackerig-aussehende Unsympathen und Nazis.

Was niemandem verborgen bleibt, sind: Sauberkeit, Reinheit und eine Innenstadt voll schöner Fassaden, mittelalterlich. Diese Idylle, das moderne Shoppingerlebnis, all darauf ist Erfurt stolz. Erfurt ist auch stolz darauf Stadt der Vielfalt zu sein, was eine Plakaette am Rathaus behauptet, gestützt durch die Aussagen vom Heini der Landeszentrale für politische Bildung, der Erfurt als bunte Stadt bezeichnet. Und braun gehört schließlich auch zu bunt. So verhält es sich in Erfurt. Es wird sich positioniert, wenn Nazis von außen nach Erfurt kommen, um hier zu demonstrieren oder Fußball zu spielen. Eigentlich gibt es keine Nazis in Erfurt, die kommen alle von außerhalb. Erfurt meint hier eigentlich auch nur das Stadtzentrum und außerhalb liegen schon Wiesenhügel, Rieth, Moskauer Platz und Herrenberg.

Erfurt ist Anger, Fischmarkt, Domplatz – das ist Erfurts gute Stube. Die soll auch gut und schön bleiben. Um das zu gewährleisten, werden Punks, Linke, Obdachlose, Straßenmusiker*innen und Graffitisprüher*innen genervt und schikaniert. Denn Graffitis schaffen Angsträume und die Punks schüchtern die Menschen beim Einkaufen ein.

Erfurts gute Stube

Wenn ich die Innenstadt durchquere, mache ich das schnell, am liebsten mit dem Fahrrad, auch wenn das eigentlich verboten ist und von der Polizei auch mit Bußgeldern bestraft wird, trotzdem, auch wenn ich dabei immer wieder nach rechts und links schaue, um ja den Bullen nicht zu begegnen. Wenn ich nicht Fahrrad fahre, versuche ich Erfurts belebte Innenstadt mit Kopfhörern auszublenden. Was ich sehe, mag ich nicht: Typen, so richtige Männer halt, die aus ihren Muskelshirts zu platzen drohen, ziehen ihre Freundinnen hinter sich her, hippe junge Muttis schieben Kinderwagen oder bayerische Touri-Gruppen in Lederhosen verstopfen die ganzen kleinen Gässchen.

Doch diesen Sommer ist was anders – zumindest für eine kleine Weile – schon von weitem höre ich laute und für meinen Geschmack schlechte Musik, sehe Punks, die im Angerbrunnen plantschen, Bier trinken und mit verschiedenen Bechern – für Bier, Gras oder Essen – um Geld bitten.

Doch die Freude wurde nicht von allen geteilt. Z.B. vom City Management Verein, der Erfurts gute Stube in Gefahr sah und eine neue Innenstadtverordnung fordert, die so etwas unterbindet.
An dieser Stelle offenbart sich, wer in der Stadt der Vielfalt willkommen ist und dazu gehört.
Eine solche Innenstadtverordnung gab es schon mal und beseitigte alle Unliebsamen: Biertrinkende, Obdachlose, Punks…alle, die zu laut, zu ungepflegt sind, die zu wenig arbeiten und zu viel trinken, die will man nicht sehen, weder auf dem Weg zur Arbeit, noch beim Entspannen von der Arbeit, um dann wieder zu arbeiten…

Ich vermute, dass diejenigen, die genau diesen Menschen mit so viel Verachtung begegnen, die sind, die sich am sog. Männertag die Kante geben, Oberkörperfrei und sternhagelvoll mit einem Bollerwagen voller Bierkästen durch die Erfurter Innenstadt ziehen. Geregelter Ausbruch ja, doch ein vermeintlich zügelloses Leben. Nein, bloß nicht.

Sensible Polizist*innen

Ein Teil des Hasses richtet sich auch gegen die in Erfurt tätige Polizei. Das auszusprechen, könnte jedoch zu einer Ehrverletzung bei den Beamt*innen führen. Zahlreiche Prozesse wurden geführt, in denen rassistisches Handeln der Polizei nicht problematisiert werden konnte, doch dafür wissen wir jetzt, was Polizist*innen an ihrer Ehre kratzt. Die Lirabelle berichtete.

Was jedoch die Polizei mit sehr viel Hingabe und Gewissenhaftigkeit verfolgt, ist die Ausdehnung der gefährdeten Orte oder Gefahrengebiete, die für Erfurt definiert sind. Davon gibt es eigentlich nur 2: die Magdeburger Allee und der Willy-Brandt-Platz samt angrenzender Straßen. Die besorgte Polizei dehnt dabei ziemlich weit… Sinn dieser Gebiete ist es, die grassierende Drogenszene und Kleinkriminalität in den Griff zu bekommen. Durch solche Verordnungen darf die Polizei nicht nur Personalien aufnehmen, sondern auch alles durchsuchen, was man so an sich trägt. Unverständlich bleibt mir, weshalb zur Sicherstellung von Drogen und gestohlener Ware, Plakate entrollt werden müssen. Geschaffen wurde damit eine Legitimation für die Polizei, Menschen, deren Nasen ihnen nicht passen, zu drangsalieren. Welche Nasen ihnen nicht passen, wissen so einige aus ihrer eigenen Erfahrung…Vielleicht gehören sensibel und auf dem rechten Auge blind zusammen…

Zeig uns deine Stadt

Eröffnung der Fotoausstellung „Zeig uns deine Stadt – Lebenswirklichkeiten von jugendlichen Flüchtlingen in Erfurt“ am 24.07.2015 – ich war dabei. Ich quetsche mich in die untere Etage des erst neu im DIY-Stil gemachten „Haus der Nachhaltigkeit und Menschenrechte“, wo sich sehr viele hippe junge Menschen, ich denke an Studierende und ältere Damen, ich denke an Künstlerinnen, in einem Halbkreis um Tamara Thierbach, 2 FH-Professoren und einen Studierenden versammeln. Was hier als Kunstausstellung eröffnet ist eigentlich eine Präsentation der Ergebnisse des Studienprojektes Studierender im zweiten Mastersemester Stadt- und Raumplanung der Fachhochschule Erfurt. Diese haben jugendlichen Flüchtlingen Einwegkameras in die Hand gedrückt. Sie sollten fotografieren, wie sie Erfurt sehen, wo sie sich so in der Stadt bewegen. Wissenschaft und Kunst treffen aufeinander. Es folgt eine rührselige Rede mit vielen Dankesworten der anderen. Es beginnt der Student, der sich bei allen Fördermittelgeber*innen brav bedankt. Ich kenne es bei Kunstausstellungen eher so, dass die Künstler*innen sprechen und zu Wort kommen – sofern sie noch leben und über ihre Intention sprechen. Ich schaue mich im Raum um, keine jugendlichen Geflüchteten. Stattdessen wird geklatscht für die Mittel vom Bundesprogramm „Demokratie leben“. Oha, danke an die Bundesregierung, die dieses Projekt auf den Weg brachte, gleichzeitig aber erst kürzlich das Asylrecht massiv eingeschränkt hat. Später spricht Tamara.

Als ich der Rede von Tamara Thierbach zuhörte, war ich überrascht und bestürzt. Sie sprach einerseits davon, dass sie das Wort Geflüchtete nicht mag, sie sei eher für „Neuerfurter“, Neuankömmlinge oder Neubürger…Sie sprach auch von einer gelebten Willkommenskultur. Ahja, also ich sehe hier keine Person, die ich willkommen heißen sollte. Oder meint sie die ältere Frau, die auf englisch ganz kunstkennerisch die Bilder beschreibt.

Später stellte sich heraus, dass die Jugendlichen, die die Fotos gemacht haben, alle aus den Balkanländern kommen. Vielleicht sind sie alle schon freiwillig ausgereist? Danke, dass in den großen Eröffnungsreden verschwiegen wurde, dass genau diese Gruppe der Menschen mit 100prozentiger Wahrscheinlichkeit abgeschoben werden, sie hier keinen dauerhaften Aufenthalt erhalten, dass sie niemals deutsche Bürger werden. Somit behält Thierbach recht – das ist die Realität deutscher Willkommenskultur.. Das macht mich wütend. Das Projekt ist ’ne nette Idee, doch die Geflüchteten sind hier nur Mittel zum Zweck. Sie sprechen nur durch die Bilder, die jetzt Kunst sind. Gleichzeitig wird mit einer Powerpoint Präsentation zur Ausstellung über die Situation in den Balkanländern informiert. Doch eine solche Information hätte es in der großen Anfangs-Dankes-Rede gebraucht, da wär der Raum für Kritik, nicht nur in der Ausstellung selbst. Lieber wird geklatscht, dass das Programm „Demokratie leben“ die Ausstellung mit Geld unterstützt hat. Für Demokratie leben zu klatschen heißt Abschiebung feiern?! Auf der Homepage der FH lese ich später noch zum Projekt: „Ziel war es, sich den Lebenswirklichkeiten von jugendlichen Flüchtlingen anzunähern und an der politischen und öffentlichen Debatte zur Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen zu beteiligen.“

Das ganze findet im Haus der Nachhaltigkeit und Menschenrechte satt, die sich so beschreiben: „Der Welt(t)raum e.V. und das Haus der Nachhaltigkeit und Menschenrechte machen eine politisch unabhängige gemeinnützige Arbeit. Wir arbeiten zwar mit den meisten Gruppen und Parteien in Kooperation, sehen uns aber nicht als linker Raum oder Gruppe und möchten auch in diesen Zusammenhang keine Publikationen. Wir hoffen ihr habt Verständnis dafür. Für gemeinsame Projekte stehen wir gern zur Verfügung.“ Nö, dafür hab ich kein Verständnis! Ihr seid Erfurt, ihr seid zum Kotzen!

Donnerstag Abend

Ein Rückzugsort, eine Insel, ein Stützpunkt, egal, wie es genannt wird, ist die 151 – der Ort, an dem jeden Donnerstag Menschen zusammen kamen, die sonst an der Gesellschaft leiden und hier Kraft tanken konnten, auf alte und neue Bekannte trafen, Bier und Kippen in rauen Mengen genossen und kickerten. Hier habe ich eigentlich jeden Donnerstag verbracht, an dem ich in Erfurt war, hatte tiefsinnige, traurige, wütende und absurde Gespräche, schöne Begegnungen, auch ein paar unangenehme, doch ich hab mich unter Menschen wohlgefühlt, denen ich auch nach einigen Gesprächen wohlwollend unterstellen konnte, dass sie Ähnliches wütend macht, dass sie sich um Geflüchtete und deren Situation hier sorgen, dass ihnen die sexistische Kackscheiße nicht egal ist. Manchmal wurden Diskussionen fortgesetzt, manchmal einfach nur rumgeblödelt. In der 151 habe ich zum ersten und zum letzten Mal Dead Frog getrunken – eine gewagte Mischung, von einem bezeichnet als Gaumenmassaker – aus Pfeffi und Mexikaner. (Nicht zuhause nachmachen.)

Klar, es gab auch mal Stress: mit Anwohner*innen, die es störte, wenn man sich in die Mülltonne stellt, um den Platz auch auszuschöpfen, mit Bullen, die einfach reinrocken, mit Antisemiten, Sexisten…Doch es wurde darüber geredet, nicht immer konsequent gehandelt, doch ich hab mich sauwohl gefühlt…

Die 151 gibt es bald nicht mehr. Damit verschwindet einer mehr der sowieso wenigen Rückzugsorte in Erfurt. Ich werde mich also auf die Suche machen müssen nach einem neuen Ort, an dem ich meine Donnerstagabende verbringen kann. Kleine Lichtblicke gibt es, die das Leben in dieser Stadt erträglich machen. Eine Stadt die man nicht mögen kann um ihrer Selbst willen, sondern der Menschen wegen, mit denen zusammen man sie nicht mögen kann und Grundlage findet, um das Leben zu einem besseren hin zu gestalten. Durch die Möglichkeit des Durchatmens beim gemeinsamen Bier und langfristig.

Wer die Hemmungen fallen lässt und die Kontrolle verliert

Die Kampagne„Alkohol? Kenn‘ dein Limit“ ist mit einem Budget von acht Millionen Euro jährlich die größte deutsche Kampagne zur Alkoholprävention. Finanziert wird sie vom Verband der Privaten Krankenkassen, umgesetzt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Seit 2009 sollen Plakate, Postkarten, Kurzfilme und eine interaktive Webseite Jugendliche überzeugen, sich beim Alkoholkonsum zu mäßigen. Und nicht nur da. Das Bildungskollektiv Biko hat die geschlechts- und klassenspezifischen Anrufungen der Kampagne analysiert.

„Kenn‘ dein Limit“ oder es passiert was…

Wir haben vier Plakatmotive der Kampagne in einem Workshop gemeinsam analysiert. Die gezeigten Menschen sind Mitte 20 oder auch jünger und deutlich als Frauen und Männer identifizierbar. Die älteren könnten Student_innen oder Jugendliche in der Ausbildung sein, die jüngeren Schüler_innen. Alle sind weiß und entsprechen gängigen Mittelschichts-Schönheitsnormen.

Wir wollen unsere Analyse an einem exemplarischen Plakat beginnen, an dem sich die Verschränkung von klassen- und geschlechterspezifischen Anrufungen gut zeigen lässt. Es zeigt eine Szene in einer Bar. Anhand des Bildes und der ergänzenden Texte lässt sich leicht eine Erzählung entwickeln. Drei Freunde, ein heterosexuelles Paar und ihre Freundin, gehen etwas trinken. Der Mann trinkt viel und schnell. Die Freundin des Paars wirkt von ihrer Körperhaltung und ihrem Gesichtsausdruck her unsicher. Sie scheint sich an ihrem Glas festzuhalten und blickt hilfesuchend nach oben. Es wirkt, als suche sie Sicherheit im Alkohol. Die Konsequenzen nehmen die begleitenden Texte voraus: Die Unsichere wird im weiteren Verlauf des Abends so viel trinken, dass all ihre Hemmungen fallen. Der Mann im Vordergrund wird nach exzessivem Alkoholgenuss in der Intensivstation landen. Was mit seiner Freundin geschieht, bleibt unausgeschmückt. Ein junger Mann im Hintergrund gehört offenbar nicht zur Gruppe und fotografiert die unsichere Frau heimlich hinter ihrem Rücken. Er hat längere Haare und ist (auch im Vergleich zu den Männern auf den anderen Plakaten) besonders lässig gekleidet. Für den einen Abend scheint er eine Lücke im Leben der jungen Frau zu füllen. Er wird später Nacktfotos der Unsicheren ins Internet stellen. Auch er trinkt, die fast völlig versteckte Flasche verdeutlicht jedoch die untergeordnete Rolle, die hier dem Alkohol zukommt.

When boys and girls get drunk at a party…

Was passiert also wenn eine alleinstehende Frau die ihr gebotenen Hemmungen fallen lässt und sich ganz ungehemmt und spontan gehen lässt? Sie wird von einem Unterklasse-Mann ausgenutzt und gedemütigt. Der Mann im Vordergrund bringt sich hingegen selbst in Gefahr und zwar in gesundheitliche. Wenn wir dies in den Kontext der anderen Plakate stellen, sehen wir, dass im Rahmen der Kampagne durchgängig geschlechtsspezifische Gefahren drohen. Männer riskieren ihre Gesundheit, ihren Führerschein oder das Bestehen einer Prüfung. Ihnen droht somit, neben gesundheitlichen Schäden, vor allem der gesellschaftliche Abstieg. Frauen hingegen riskieren ihre Tugendhaftigkeit und zwar durch ihre eigene Nachlässigkeit, die Übergriffe durch Männer erst möglich macht.

Auf Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen basierende Studien zeigen, dass für Frauen der Kontrollverlust durch Alkoholkonsum stärker schambesetzt ist, als für Männer. Sie entschuldigen sich für einen Absturz, während dieser bei Männern häufig als Ausweis einer gelungenen Party gilt. Während für letztere der Alkoholkonsum beim Feiern im Fokus steht, wollen erstere den Rahmen der Feier gestalten, z.B. in der Rolle einer „guten Gastgeberin“. (vgl. Østergaard 2007; Landolt 2009)

Die Plakatserie scheint also gängige Rollenbilder anzusprechen, wenn sie Männer in erster Linie unter Aspekten der Gesundheit und des gesellschaftlichen Abstiegs anspricht und bei Frauen die Gefahr einer Demütigung durch Kontrollverlust konstruiert, der sie aus ihrer Rolle fallen lässt.

Für Männer wie für Frauen heißt die Lösung: trink‘ nicht so viel, behalt‘ die Kontrolle, mäßige dich. Dies bedeutet aber auch, dass Männer eben nicht dahingehend angesprochen werden, dass sie gefälligst nicht Nacktfotos von Frauen ins Netz stellen sollen, die das nicht wollen. Das Verhalten der Frau wird problematisiert, während der übergriffige Mann in dem Bild gar nicht erst adressiert wird. Diese Darstellung reproduziert die Vorstellung, dass Frauen dafür verantwortlich sind, sich gefälligst nicht so zu verhalten, dass sie die triebgesteuerten Männer herausfordern und damit zu übergriffigem Verhalten anstacheln. Frauen müssen sich mäßigen, weil Männer sich nicht mäßigen könnten. Interessant ist in diesem Kontext auch die Rolle der Freundin, der Frau im Vordergrund. Für sie wird keine Konsequenz ausgemalt, weil die Konsequenzen klar sind: Ihr Freund im Krankenhaus, ihre Freundin gedemütigt und das alles, weil sie gute Miene zum bösen Spiel gemacht und sich nicht zur schon abzusehenden Gefahr verhalten hat. Die Botschaft für die vernünftige Freundin ist damit: Du sollst auf die ungefestigte Freundin und den trinkfreudigen Partner einwirken, damit die lernen, ihr Limit zu kennen. Die Zielrichtung dieser Handlungsoption ist individuelle Mäßigung. Eine Perspektive gegenseitiger Verantwortung und kollektiven Handelns kommt nicht vor. Das Ziel, gemeinsam ein Miteinander zu organisieren, in dem es für Frauen möglich ist, Hemmungen fallen zu lassen, ohne Übergriffen ausgesetzt zu sein, ist in der Argumentation der Kampagne undenkbar.

Wir haben für die dargestellten Frauen und Männer der weißen deutschen Mittelklasse drei Gefahren ausgemacht, die bei unkontrolliertem Alkoholkonsum drohen: gesundheitliche Schäden, sozialer Abstieg und Demütigung durch übergriffige Männer. Besonders die Abstiegsdrohung lohnt besonderer Beachtung.

Saufen vor dem Kaufhaus

Was die Plakate der Bundeszentrale als Abstiegsperspektive zeichnen, ist anschlussfähig an die medialen Bilder über ALG II-Empfänger_innen: Verwahrloste Menschen, die sich nicht unter Kontrolle haben und übermäßig viel Junk-Food, Trash-TV und Dosenbier konsumieren. Auch diese Bilder sind selbstverständlich geschlechtsspezifisch gezeichnet: Schlampige Frauen und gewalttätige, erfolglose Männer. In der Bilderwelt der Kampagne ist dies die Zukunft der Individuen, die es nicht schaffen, sich zu mäßigen. Diese Menschen haben durch ihre Unfähigkeit oder ihren Unwillen, sich zu mäßigen ihren Abstieg selbst verschuldet. Sie können sich nur selbst wieder ins Spiel bringen, indem sie den Anrufungen zu Selbstkontrolle und -optimierung folgen.

Die einzige Person auf den Plakaten, die keinen Schaden durch unkontrollierten Alkoholkonsum davonträgt und trotzdem eine Geschichte hat, ist der Mann im Hintergrund in der Bar. Wir denken: Es ist kein Zufall, dass dieser lässiger gekleidet ist, als die anderen Männer und Frauen. Die Gefahr für Frauen geht in diesem Bild von einem fremden Mann aus einer niedrigeren Schicht aus und nicht vom eigenen Partner oder von Männern in einer sozialen Machtposition, wie Dominique Strauß-Kahn oder Rainer Brüderle. In beiden Aspekten reproduziert die Kampagne einen alten Diskurs, in dem die unteren Klassen als moralisch verdorben und undiszipliniert ausgemalt werden und damit als Gefahr für die bürgerliche Ordnung, deren Stabilität und deren moralische Integrität.1 Dieses „Lumpenproletariat“ kann, dieser Vorstellung entsprechend, auch nicht mit Appellen an die individuelle Verantwortung erreicht werden, weswegen es für den jungen Mann im Hintergrund auch keine Handlungsoption gibt.

Die Gefahr für die hart um Markterfolge kämpfende Mittelschicht lauert überall – und die Einzelnen können leicht selbst in die bedrohliche Masse der Abgehängten abrutschen, wenn sie sich nicht im Griff haben. Die neoliberale Ideologie knüpft an diese Erfahrung der beständigen Bedrohung des eigenen Lebensstandards, sowie an konservative Werte der arbeitenden Klassen an. Dies ermöglicht die Verallgemeinerung einer Haltung, in der Klassenverhältnisse ausgeblendet werden. In dieser steht die Mehrheit der selbstverantwortlichen „Leistungsträger“ (von der fleißigen Arbeiter_in zur Spitzenmanager_in) der Minderheit der Leistungsunfähigen und (noch schlimmer) -unwilligen gegenüber. Diese können dann für alle Missstände, von Verbrechen, überlasteten Krankenkassen und hohen Sozialausgaben bis zum Werteverfall, verantwortlich gemacht werden. Stuart Hall (2014) prägte für diese Strategie, die er am aufstrebenden Thatcherismus im Großbritannien der 1970er und -80er Jahre analysierte, den Begriff des „autoritären Populismus“, da sie an den „gesunden Menschenverstand“ der Massen appelliert, um sie für eine rechte Politik zu mobilisieren.

Selbstkontrolle für die Mittelschicht – Platzverweis für die Armen und Anormalen

Die untersuchte Kampagne richtet sich an junge Menschen der weißen Mittelschicht. Diese sollen lernen sich zu beherrschen, sich selbst zu führen und zu mäßigen, um weiterhin erfolgreich am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. In dieser neoliberalen Ideologie geht es um Anpassung an die undurchschaubaren Mechanismen des Marktes. Wo diese neoliberale Anrufung scheitert, ist der Ruf nach repressiven Maßnahmen nicht fern, wie man an der Aufregung über Punker auf dem Erfurter Anger sieht:

„Bürger und Händler in der Innenstadt machen sich Sorgen um Erfurts gute Stube. Der Angerbrunnen sollte eigentlich ein Aushängeschild sein, doch bei der Stadt mehren sich die Beschwerden über herumlungernde Punks, aggressive Bettler und Pöbeleien unter dem Einfluss von Alkohol. […] ‚Die Stadt tut sich keinen Gefallen, das zu dulden‘, meint der Centermanager [des ‚Anger 1‘] und fordert eine ‚gesetzliche Grundlage, um die unhaltbaren Zustände zu bekämpfen‘.“ (Thüringer Allgemeine vom 07.07.2015)

Wie die Beschwerden „besorgter Bürger“ und der Vorstoß der Erfurter Innenstadtwirtschaft zeigen, kommt eine Anrufung zu Mäßigung und Selbstkontrolle bei Punks nicht in Betracht. Als anormal angesehene und Arme sollen vertrieben werden, um sie aus dem Blickfeld der Mittelschicht zu schaffen. Die abendlichen besoffenen Horden in den Innenstadtkneipen werden von solchen Maßnahmen, sollten sie durchkommen, nicht betroffen sein. Schließlich haben sie ja das Geld, in solche Kneipen zu gehen und sind somit Teil des gesellschaftlichen Lebens. Für die Mittelschicht gilt die Ermahnung zur Mäßigung, während ein paar Meter weiter die Unterklasse von der Polizei gejagt und vertrieben wird. Genau das ist der Mechanismus von Hegemonie gepanzert mit Zwang, für den die Kampagne die ideologische Begleitmusik liefert.


Gegen die Pläne eines Alkoholverbots in der Erfurter Innenstadt sammelt die AG Wohnen und Stadtentwicklung der Partei „Die Linke“ Unterschriften unter
https://www.openpetition.de/petition/online/verhinderung-eines-alkoholverbots-in-der-erfurter-innenstadt


1
Weil es sich in der Lirabelle offenbar gehört Fußnoten zu benutzen und es nur ein kleiner Nebenstrang ist, sei hier darauf hingewiesen, dass es in der Radikalen Linken auch eine Tendenz gibt, den prolligen Unterklasse-Mann als besonders sexistisch anzuprangern und gleichzeitig die intellektuell hergestellte Dominanz der werten Genossen als Problem auszublenden.


Verwendete und weiterführende Literatur:

Ulrich Bröckling, Thomas Lemke, Susanne Krasmann (2000): Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung. In: dies.: Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/Main, S.7-40.

Stuart Hall (2014): Popular-demokratischer oder autoritärer Populismus. In: Ders.: Populismus. Hegemonie. Globalisierung. Ausgewählte Schriften 5. Hamburg, S.101-120.

Sara Landolt (2009): „Männer besaufen sich, Frauen nicht“. Geschlechterkonstruktionen in Erzählungen Jugendlicher über Alkoholkonsum. In: Binswanger, Ch., Bridges, M. et al. (Hg): Gender Scripts – Widerspenstige Aneignungen von Geschlechternormen., S. 243-264.
http://www.geo.unizh.ch/~slandolt/Landolt.Artikel2_2009.pdf

Jeanette Østergaard (2007): Mind the gender gap! When boys and girls get drunk at a party. In: Nordic Studies on Alcohol and Drugs 24. S.127-148.
http://www.nordicwelfare.org/PageFiles/4207/Ostergaard.pdf

Holger Wetzel: Alkoholmissbrauch am Erfurter Anger soll schärfer geahndet werden. Thüringer Allgemeine vom 07.07.2015
http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Alkoholmissbrauch-am-Erfurter-Anger-soll-schaerfer-geahndet-werden-301596904

Gruppe Perspektiven (2014): Herrschaft durch Konsens – Macht und Politik bei Antonio Gramsci, http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/herrschaft-durch-konsens-macht-und-politik-bei-antonio-gramsci/

Joachim Schroeder (1996): Ungleiche Brüder. Männerforschung im Kontext sozialer Benachteiligung. In: BauSteineMänner (Hrsg.). Kritische Männerforschung. Hamburg.

Sentieri Partigiani – April 2015

Uwe schildert seine Erfahrungen und Eindrücke, als er auf den Spuren der italienischen Partisan*innen um Reggio Emilia wanderte. Er nahm an einer Bildungsfahrt im April diesen Jahres teil.

Eine alte, aber rüstige Frau auf einem Stuhl in einem kleinen Park; im Halbkreis um sie herum knapp 70 Menschen, die gespannt ihren Erzählungen lauschen. Im Hintergrund sieben Reliefs mit verschiedenen Darstellungen, die an Entbehrung, Verzweiflung und Schmerz erinnern. Die Frau berichtet, wie sie in die Mussolini-Diktatur hineingeboren wurde, in der die Militarisierung der Köpfe und der Straße als psychologische Kriegsvorbereitung vorangetrieben wurde; wie sie als Abweichlerin aus einer antifaschistischen Familie bereits in der Grundschule ausgegrenzt wurde und wie Frauen nach dem italienischen Kriegseintritt 1940 die komplette Verantwortung sowohl in den Familien, als auch der Industrie übernahmen, da die jungen Männer alle weg waren. Sie beschreibt, wie die Frauen eigentlich die ersten Partisan*innen waren, indem sie den heimkehrenden Männern nach dem Waffenstillstand vom 8.9.1943 auch ohne politisches Bewusstsein halfen, z.B. mit Zivilkleidung und Lebensmitteln. Später kämpften die Frauen auch bewaffnet, wobei sie GEGEN den Krieg kämpften, nicht für ihn, und natürlich auch gegen den Faschismus! Ihre Hauptaufgaben blieben aber die Besorgung von Waffen und Lebensmitteln, sowie die Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen den einzelnen Partisan*innengruppen als sog. ‚Stafetten‘.

Wir befinden uns in Castelnovo ne´ Monti, die Frau ist Giacomina Castagnetti und die Reliefs sind ein Denkmal für die Frauen der Resistenza (italienischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg).

Auch wenn Giacomina durch Krieg und Partisaninnenkampf die „Jugendjahre geraubt“ wurden, so haben die gemachten Erfahrungen doch auch genutzt. Das Wissen darum, dass ohne die Frauen der Widerstand nicht möglich gewesen wäre, bestärkte das Selbstbewusstsein der Frauen bis hin zur Frauenbewegung in den 70-er Jahren. Giacominas „Vermächtnis“ lautet: „nicht die Augen verschließen und daran denken, dass Leben in Frieden und Demokratie nicht selbstverständlich sind.“

Ein Dorf in den Bergen mit vielleicht noch 50, teils kaputten, verfallenen Häusern, von denen genau noch eins ganzjährig bewohnt wird. Auf einen Stock gestützt und untergehakt bei einem Begleiter, wird ein alter Mann zu einem Stuhl im Schatten einer Mauer geführt. Mit leiser, brüchiger Stimme stellt er sich als Francesco, genannt ‚Volpe‘ (Fuchs), vor. Er berichtet, wie er mit einem Freund mehr zufällig und aus Neugierde in die Berge ging, um „Rebellen“ zu suchen. Ihre erste Rebellengruppe ist bei einem wohlhabenden ‚Dorfschützer‘. Mehr aus Übermut, Langeweile und weil „nichts los ist“, sagt Volpes Begleiter, dass sie eigentlich zu kommunistischen Partisan*innen wollten, obwohl sie bis dahin politisch eigentlich völlig unentschieden waren. Sie werden weggeschickt und suchen mehrere Tage, ohne Essen und ohne Idee wohin, ‚die richtigen Partisan*innen‘. Auf Grund eines Tipps gehen sie nach Succiso, wo sich erstmal alle verstecken und sie weggeschickt werden. Aus Verzweiflung und Wut zerreißt Volpe seinen Pass, setzt sich unter einen Baum und heult. So vergeht der gesamte Tag und erst am Abend kommt ein Mann aus dem Wald auf sie zu. Es ist ein Bekannter von Volpe, der sie mit nimmt und so in die Reihen der Partisan*innen der kommunistischen Garibaldi Brigade einführt. Inzwischen ist Volpes Stimme kräftig und betont, man merkt, wie belebend das Erzählen für den alten Mann wirkt. Im Folgenden berichtet er, weshalb die Faschisten für ihn schlechte Menschen waren und wie er die Befreiung erlebt hat. Am Ende seines ca. 1-stündigen Berichtes geht er aufrecht und ohne Stütze zum Auto. In den folgenden Tagen hat Volpe uns noch öfter begleitet und es war deutlich zu erkennen, wie gut es ihm tat und die Last von 89 Lebensjahren leichter wurde.

Diesmal ist der Ort für das Zeitzeug*innengespräch mit Giacomo Notari, Kampfname ‚Willi‘, das Dorfgemeinschaftshaus von Talada. Bevor Willi seine Erzählung beginnt, hält der Vizebürgermeister von Busana (zu dem Talada gehört) ein Grußwort. Dieses ist jedoch nicht – wie wir es in Deutschland hören würden – mit wulstigen Phrasen und wärmelnden Dankesworten gefüllt, sondern eine ausführliche, gut hergeleitete Argumentation, weshalb heutiger Antifaschismus eine Pflicht ist und welche Grundlage der Kampf der Partisan*innen dafür gelegt hat. Für Willi war seine Beteiligung am Widerstand aus familiären Gründen quasi selbstverständlich und zwangsläufig. Eine seiner ersten Aktionen war es, sich freiwillig als ‚Undercover-Partisan‘ für die faschistische Miliz der neuen sozialen Republik Italien, die Mussolini mit Duldung und Unterstützung der Deutschen nach dem Waffenstillstand des Königreiches in Norditalien gegründet hatte, zu melden. Dort sollte er junge, frische Milizionäre, die oft zum Dienst in der faschistischen Miliz gezwungen wurden, ermutigen samt Waffen zu desertieren, was auch nicht wenige taten. Danach war er noch an verschiedenen bewaffneten Aktionen und Sabotageakten beteiligt und kämpfte in der letzten großen Schlacht zur Verteidigung des Wasserkraftwerkes von Ligonchio, das die Deutschen zerstören wollten.

Nach dem Krieg trat Willi in die kommunistische Partei ein und wurde u.a. Bürgermeister von Ligonchio. Er hat den Wiederaufbau des Landes unterstützt, denn die „Errungenschaften der Neuzeit sind nicht selbstverständlich und Gott gegeben.“ Er hat seine Erinnerungen mittlerweile in einem Buch niedergeschrieben, welches auch auf deutsch erhältlich ist, „weil irgendwann niemand mehr da ist, der weiß, wie es war.“

So reihen sich Treffen und Gespräche mit Zeitzeug*innnen des Widerstandes wie Perlen auf einer Kette aneinander. Verbunden sind sie mit Wanderungen von 2 – 5 Stunden durch den Reggianer Apennin südlich der Po-Ebene, getreu dem Motto ‚Geschichte muss zu Fuß erlebt werden‘. Wir sind unterwegs auf den Sentieri Partigiani, den Partisan*innenwegen, anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung Italiens vom Faschismus. Wir, das ist eine Gruppe von ca. 70 Menschen aus Deutschland, die einer Einladung des Institutes Istoreco Reggio Emilia gefolgt sind. Darunter eine Gruppe von 12 Personen, denen die Rosa-Luxemburg-Stfitung Thüringen die Teilnahme ermöglicht hat. Das Istoreco organisiert seit inzwischen 23 Jahren diese Wanderungen entlang der Orte des Widerstandes in der Provinz Reggio Emilia. Normalerweise findet die Wanderung im Herbst statt, wurde in diesem Jahr auf Grund des Jahrestages auch im April durchgeführt und mit Aspekten der italienischen Erinnerungskultur verknüpft.

Die Wege durch die Berge sind teilweise steil und beschwerlich, es ist bereits frühlingswarm und einige der Teilnehmenden stöhnen unter Schweiß und schmerzenden Beinen. Entschädigend ist die tolle Aussicht von einem Bergkamm, von dem auf der einen Seite Reggio und Parma zu sehen sind und auf der anderen Seite Busana. Getrübt wird die Aussicht und die Schmerzen etwas anders peinlich, als der Alpin-Guide erzählt, dass zwischen Reggio und Busana ca. 65 km liegen und der Reisebegleiter ergänzt, dass die Stafetten diese Strecken im Krieg 2-3 mal pro Woche hin und zurück gelaufen sind. „Ohne Wanderstiefel und Funktionsunterwäsche!“ Eine Zeitzeugin, die selbst als Stafette unterwegs war, erzählte: „Die einzige Kommunikation, die die Widerstandsgruppen miteinander hatten, lief über unsere Beine“. Sie berichtet außerdem, dass sie nach solch einem Marsch oftmals hinauf in ihre Kammer getragen werden musste, so erschöpft war sie.

Im Hof einer alten vornehmen Villa treffen wir eine weitere Zeitzeugin, Giovanna Quadreri. Die Villa diente den Deutschen als Kommandozentrale und sollte von den ‚Gufu nero‘ (Schwarze Eule), einer Spezialeinheit aus Partisanen und britischen Fallschirmjägern, die mittlerweile in der Region abgesetzt worden waren, angegriffen werden. Für die erste Aktion gab es Kontakte und Unterstützung zu fünf deutschen Soldaten innerhalb der Kommandantur, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Die Aktion schlug fehl, die fünf Deutschen wurden enttarnt und als Deserteure erschossen. Am zweiten Angriff war Giovanna beteiligt. Sie bekam eine Pistole und bildet quasi die Nachhut. Ihre Aufgabe bestand darin Verletzte zu bergen oder ihnen den ‚Gnadenschuss‘ zu geben, wenn die Verletzungen zu schwer waren, damit sie nicht dem Feind in die Hände fallen konnten. Wie stark die psychische Belastung für die damals 17-jährige war, ist für uns heute wohl kaum vorstellbar. Sie ist noch heute froh, dass sie nie zu diesem Mittel greifen musste…

An der Spitze eines Zuges von vielleicht 70 – 80 Menschen geht seit mehreren Stunden ein älterer Mann mit einer italienischen Tricolore, der ihre Historie anzusehen ist. Abseits befestigter Straßen und Wege geht es auf Pfaden in Flussnähe nur im Gänsemarsch voran. Beim Durchqueren von kleineren Orten wird der Zug freudig begrüßt und wächst stetig auf ca. 100 Personen. Als der Pfad auf die Hauptstraße trifft, wartet bereits eine größere Gruppe der lokalen Sektion der Partisan*innenorganisation. Es soll zweier Kameraden gedacht werden, die noch am letzten Tag des Krieges ihr Leben verloren. Das Programm sieht eigentlich nur ein kurzes Gedenken und das Ablegen von Blumen vor. Doch ein Mann tritt ans Mikrophon mit einem Bild in der Hand, auf dem eine Partisan*inneneinheit zu sehen ist und er erzählt die Geschichte seines Großvaters. Der dem hier gefallenen MG-Schützen die Munition gereicht hat und neben ihm war, als er durch einen Schuss in den Mund starb. Mir läuft es kalt den Rücken herunter, ich kann mir die Situation in meiner Phantasie gut vorstellen und fühle die Traurigkeit, Wut und den Schmerz, wenn einer die Befreiung vor Augen noch getroffen wird. Gleichzeitig klingt in der Stimme des Mannes der Stolz über den Großvater, der sich mutig den Gefahren und Entbehrungen gestellt hat. Ein ähnlich bedrückendes Gefühl greift an der nächsten Station um sich. Dort wird an Mimma erinnert, die sich als Krankenschwester um alle gekümmert hat, den Deutschen bei Behandlungen aber noch Informationen ‚entlockte‘, die sie an die Partisan*innen weitergegeben hat. Sie hat außerdem Medikamente geschmuggelt und nichts sehnlicher erwartet als deren Ankunft in der Stadt. Wie tragisch, hinterhältig und wütend macht es da, zu hören, dass sie von einem Scharfschützen hinterrücks erschossen wurde, als sie den ankommenden Partisanen entgegenlief.

Auf dem Weg in die Stadt werden an mehreren Stationen ähnliche solcher bewegenden Geschichten erzählt. Die Gruppe sorgt so nicht nur für Verkehrsstau, sondern erregt auch Aufmerksamkeit und wird größer. Beim Einzug in die Altstadt laufen bereits knapp 200 Menschen mit. In den schmalen Gassen wird wiederholt Bella Ciao angestimmt. Und hier passiert etwas für deutsche Antifaschist*innen überraschendes, ganz im Kontrast zu den traurig stimmenden Geschichten der vorherigen Stationen: Fenster werden geöffnet, äußerlich durchschnittliche Menschen treten aus Geschäften heraus, alle stimmen ein und am Ende erklingt ein kräftig-vielstimmiges „morto per la libertá“ und treibt mir Tränen der Rührung in die Augen. Weiter ziehen wir bis zum Denkmal der Partisan*innen, welches zum Gedanken an die Opfer mit roten Nelken geschmückt wird. Am Abend gibt es noch eine feierliche Filmvorführung und ein weiterer eindrucksvoller Tag der Befreiung von Reggio Emilia (24. April), geht zu Ende.

Am folgenden Tag dann die offizielle Feierlichkeit mit Bürgermeister, Regionalfernsehen und Ehrengast (die letzte Frau von Nelson Mandela) sorgt nach den berührenden Momenten des Vortages wieder für einige Ernüchterung: Neben offiziösen Phrasen sehe ich viele Leute, die teilnahmslos und sichtlich desinteressiert ihren Besorgungen nachgehen. Lichtblick der Veranstaltung ist die Enkelin des Präsidenten der regionalen A.N.P.I. (Associazione Nazionale Partigiani D´Italia) Sektion, welche das Fortbestehen der antifaschistischen Traditionen propagierte und symbolisierte.

Als ich von der Möglichkeit, an dieser Reise teilzunehmen, erfuhr, hab ich mich gefragt, was es bringt durch die Berge zu kraxeln und alte Geschichten zu hören. Nachdem ich auf der Hinfahrt ziemlich viel über die Geschichte Italiens unter Mussolini und im Krieg gelesen hatte, wurde mir bei den Begegnungen recht schnell klar: Es ist einfach, etwas anderes jemanden zu sehen und zu hören, der oder die dabei war, als nur einen Text zu lesen oder auch ein Videointerview zu sehen. Außerdem werden an den Orten der Geschehnisse die Erzählungen und Berichte viel plastischer.

Als Fazit bleibt außerdem, dass ein Land Faschismus und Krieg nicht machtlos ausgeliefert war, sondern durchaus Widerstand möglich war. Die ‚Ausrede‘ vieler deutscher Großeltern, dass es ja keine Möglichkeit gab, wird hier ad absurdum geführt.

Ich kann daher eigentlich nur empfehlen, zu versuchen an solch einer Wanderung teilzunehmen so lange noch Zeitzeug*innen leben, auch weil Organisation und Betreuung durch die Veranstalter sehr gut ist.


Infos:
istoreco.re.it
partigiani.de
sentieripartigiani.it/de
resistance-archive.org

Literatur:
Notari, Giacomo: Ihr Partisanen, nehmt mich mit euch!
Staron, Joachim: Fosse Adreatine und Marzabotto: Deutsche Kriegsverbrechen und Resistenza.
Weber, Jürgen: Eimal Partisan – immer Partisan.
Woller, Hans: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert.

Sexism from the Underground

Trotz besten Vorsätzen ist es unmöglich dem Sexismus zu enkommen. Ein Bericht vom Rockfestival Stoned from the Unterground von Cora.

Heavy Stoner Rock, Doom, Psychedelic. Lauter Bass, der in jeder Zelle resoniert, Abtauchen in die Tiefen einer körperlich, auditiven Sound-Erfahrung. Augen zu und alles vergessen – es existiert nur noch Musik. Beim Pogo alle Aggressionen rauslassen. Es kann sehr befreiend sein ein Rockfestival wie das Stoned from the Underground mitzuerleben, das vom 9.-11. Juli am Alperstedter See in Erfurt-Stotternheim stattgefunden hat – wenn es um die Musik geht.

Dass die Rockszene bescheuerte Männlichkeits*kulte zelebriert und zudem personell männlich* dominiert ist, ist leider nichts Neues. Die etwas kontextlose, halbnackte, irgendwelchen Barbiemaßen entsprechende Frau*auf der Website sowie auf dem Logo des Festivals sprach schon für sich. Ebenso das Line-up: Von den insgesamt 75 Musiker_innen waren nur 7 Frauen*. Im „Festival ABC“, wo alle genaueren Infos nachzulesen waren, stand zumindest unter „R“, dass sie keinen Rassismus dulden. Das implizierte aber nicht, dass sie sich mit ihrer eigene Position in und ihrer Reproduktion von rassistischen Verhältnissen auseinandergesetzt haben, was sich z.B. in einer reflektierten Einladungspolitik gezeigt hätte. Nein, soweit ging die Rassismuskritik nicht, sie hatte keinen Einfluss auf das Line-up, da dieses sehr weiß, nord- bzw. westeuropäisch und USA-lastig war. Unter „S“ stand nur etwas zum „See“. Aha. Antisexismus war ihnen also nicht mal ein Lippenbekenntnis wert. Soweit wusste ich also Bescheid. Ich hatte aber keinen Bock, mich von diesen vorhersehbar sexistischen Umständen davon abhalten zu lassen, die m.E. geniale Musik live zu erleben. Mit der Entschlossenheit, mich auf die Musik zu konzentrieren und für die drei Tage Sexismus mal nicht mein Problem sein zu lassen, bin ich dort mit zwei Kumpels hingefahren.

Am ersten Abend hat das gut funktioniert. Greenleaf hat ordentlich eingeheizt, beim Pogo konnte ich die Rockertypen gescheit durch die Gegend schupsen. Wenn sie dann irritiert waren oder mich ignorierten, konnte ich damit ganz gut leben. Wohlwollender Sexismus, der auf der misogynen Vorstellung basiert, Frauen seien in erster Linie rein, gut und schwach und bräuchten daher spezielle Behandlung und männlichen* Schutz, macht jedoch auch vor Pogo keinen Halt. Der ein oder andere Typ hat mir gegenüber absurde „Beschützeraktionen“ gestartet, wobei ich diesen „vornehmen Rittern“ dann besonders gerne Seitenhiebe verpasst habe. Im Anschluss haben Radio Moscow mit ihrem Sound eine_n in andere Wahrnehmungszustände versetzt, sodass ich vollkommen betrunken von gutem Rock an diesem Abend unterwegs war.

Am nächsten Morgen wache ich auf, weil wir von unseren pubertären Zeltnachbarn beschallt werden. Zuerst mit einer homophoben Verarschung von einem Schlagerlied. Das Lied „Thüringer Klöße“, bei dem ein 14-jähriger Junge über seine Begeisterung von diesem Essen erzählt, wurde so abgeändert, dass er über „Thüringer Schwänze“ singt. Das Lied ist also noch lustiger, wenn der Junge schwul ist und in jeden Satz „Schwänze“ reingebrüllt wird. Dieses peinliche, regionalistische Lied verarschen zu wollen ist ja noch verständlich, aber dass die Parodie nicht ohne männlichen* Genitalhype und Homophobie auskommt, ist einfach zum Kotzen. Danach werden sprachliche Sequenzen aus Heteropornos gespielt, in welchen die Frau* als passive Partnerin dargestellt wird, die die Rolle des gewaltvollen gef*ckt-werdens genießt, indem sie danach verlangt und das vor allem durch die Beschwörung der Großartigkeit und Größe von Schwänzen bzw. Fäusten tut. Ziemlich harte Kost am frühen Morgen.

Um mal kurz den Interpretationsrahmen abzustecken: Wenn ich etwas übers Fisten oder sexuelle Machtspiele in einem feministischen, BDSM- oder LGBTIQ-Kontext höre ist das was anderes als wenn junge Typen auf einem maskulinistischen Rockfestival diesen Inhalt bringen. Ich habe nichts gegen BDSM oder das konsensuelle Verhandeln von Machtpositionen beim Sex und will keiner Frau* weder ihre Vorlieben noch ihre Repräsentationsweise von Sex absprechen – um nicht in die Falle einer dogmatischen Definition von „emanzipativem Sex“ zu tappen – aber darum ging es hier offensichtlich nicht. Vielmehr reihte sich diese Wiedergabe von Sex in die leidige Reproduktion heteronormativen, sexistischen Geschlechtsverkehrs ein, dessen Funktion darin besteht, Frauen* qua Sexpraktik in die unterlegene Position zu bringen und diese mit vermeintlicher genitaler Differenz zu begründen und als „natürlich“ festzuschreiben. Die Zeltkollegen ließen auch keinen Zweifel daran, dass sie die Sexszenen genau auf die Art verstanden wissen wollten, da sie unmittelbar danach die Ergüsse eines Pfarrers o.Ä. abspielten, der sich über die „natürliche Schwäche, Minderwertigkeit und Unterlegenheit der Frau*“ ausließ und hasserfüllt über die Frau* als Fehler in der menschlichen Natur sprach, ihre Existenz als notwendiges Übel zur Reproduktion bezeichnete und zum Schluss kam, dass Männer* ohne Frauen* bereits zu Göttern geworden wären. Dieses Statement antifeministischer, religiöser Ideologie war ein ziemlich steiler Einstieg in den Tag und sprengte meinen Vorsatz mich von Sexismus mal nicht angesprochen zu fühlen. Ich schmetterte den Nachbarn die Frage entgegen, ob sie vollkommen bescheuert sind und konnte ihnen damit klar machen, dass sie so eine Scheiße hier nicht mehr spielen sollen. Nach dummen Sprüchen haben sie tatsächlich für den Rest des Festivals damit aufgehört. Der Sexismus ging jedoch auf dem Gelände und bei den Konzerten weiter. In den Songtexten und Bühnenansprachen gab es misogyne Äußerungen, besonders beliebt war es über „bitches“ zu sprechen und die patrilineare Tradition zu feiern, sodass zwei verschiedene Bands explizit einen Song für den Vater spielten und der Frontsänger von Danava damit auf eine vermeintlich revolutionäre Tradition verwies, die in der Generation der Väter begonnen habe und als Teil dessen er sich hypte. Zu diesem Revolutionsverständnis möchte ich mich gar nicht erst äußern. Es war verdammt schwierig sich auf die Musik zu konzentrieren. Dennoch konnten ich mich dann im instrumentellen Space Rock von Monomyth verlieren, eine Band die zudem ohne sexistische Kommentare auskam und einfach ihre extrem eingängigen Guitarrensounds spielte. Ebenso Elder: Unglaublicher Doom Rock, der beeindruckende Riffs mit brachialem Bass und sphärischen Soundscapes kombinierte: No shit, just music. Leider blieb das nicht so.

Mit dem Höhepunkt des Festivals kam auch der der Misogynie, als am letzten Tag der Headliner des Festivals, Electric Wizard aus Großbritannien, spielte. Große Nummer, sehr bekannt, mit Kultstatus und das Aushängeschild für das 15. Jubiläum des Stoned from the Underground in diesem Jahr. Die Band beginnt zu spielen, der Sound ist echt gut. Auf die Leinwand hinter der Band werden Videos projiziert, sie zeigen eine satanistische „Schwarze Messe“. Nackte Frauen*, männliche* „Priester“ und anfangs noch eine Domina. Die Frauen* werden verletzt, gefoltert, sexuell missbraucht und letztlich umgebracht. Details erspare ich euch. Ich schaue zu meinem Kumpel: „Satanistische Jungfrauenopferungen halt“ meint er achselzuckend. Aha. Fuck you.

Im Publikum gab es kaum Reaktionen darauf. Einige Frauen* sind aus der Menge gegangen und der Applaus hielt sich in Grenzen, zumindest bei den Songs, als das Video gezeigt wurde, aber es war kein Skandal – eher Normalität. Scheinbar wird das als Markenzeichen dieser Band schlichtweg akzeptiert und trägt zu ihrem Kultstatus bei[1]. Ach ja und bei den Merchandise-Ständen gab es von dieser Band T-shirts u.a. mit der Aufschrift: „Legalize Murder“. Also dann: Legalize Murder of Women – versteht sich. Inszenierungen der ultimativen Unterdrückung von Frauen* durch Männer*, Darstellungen von extremem Frauen*hass und Bilder, in welchen Gewalt bzw. Mord an Frauen* sexualisiert wird verhelfen einer Rockband also zu ihrem Kultstatus – willkommen in der rape culture.

Eine Diskussion darüber zu führen – wie ich es unnötigerweise mit meinem Kumpel später getan habe – ob dieses Explizieren, Radikalisieren und Verherrlichen von Gewalt an Frauen* einfach Provokation sei, eine übersteigerte Pose zur Abgrenzung von einem kulturellen Mainstream und deshalb nicht ernst zu nehmen sei oder als solches verstanden werden sollte, ist ein scheiß Versuch diese Gewalt zu verharmlosen und zu entschuldigen. Egal aus welchen Gründen solche Videos gezeigt werden oder wie vielfältig die Rezeption sein kann – das ist keine bloße Phantasie losgelöst von sozialen Verhältnissen! Gewalt gegen Frauen* ist eine feste Größe in gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen und eine fucking Alltagsrealität. Solche subkulturellen Veranstaltungen, bei welchen bewusst konventionelle Geschlechterhierarchien radikalisiert werden, sind Extremformen von Vergewaltigungskultur und tragen zur Trivialisierung und Normalisierung von Gewalt an Frauen* bei.

Das nächste Mal bei einem guten Stoner Rock Festival will ich mich tatsächlich nur auf die Musik fokussieren können, weil im Line-up mehr Rockerinnen* aus diverseren Kontexten dabei sind, weil die Typen Sexismus als Problem verstehen, mal was dagegen sagen bzw. tun und weil mit der Macht von visueller sowie auditiver Kultur bewusster umgegangen wird; ihre identitätsstiftende Wirkung, ihr Einfluss auf Wahrnehmungs- bzw. Bewertungsprozesse der Umwelt gerafft wird und sie verdammt nochmal nicht zur krassen Radikalisierung und Idealisierung patriarchaler, misogyner Scheiße genutzt wird.


1
Vgl. http://www.metal-hammer.de/stoned-from-the-underground-festival-bericht-und-fotos-493453/4/ (17.08.15, 20:00)