Sorry!

Die Redaktion entschuldigt sich für ein sexistisches Streetart-Poster in der letzten Ausgabe. Der Text spricht explizit über den Zusammenhang von Sexualität und Gewalt.

Im Mittelteil der letzten Lirabelle haben wir ein Poster mit der Aufschrift „Touristen fisten“ abgebildet. „Fisten“ bedeutet in diesem Kontext wohl, dass Touristen mit der Faust anal penetriert werden sollen. Es geht um aggressive Statuskommunikation, die das Ziel formuliert, das Objekt des Fistings zu unterwerfen, wobei die Einvernehmlichkeit nicht vorausgesetzt werden kann.

Nun ist es offensichtlich, dass hier nicht im wortwörtlichen Sinne eine Vergewaltigungsdrohung an Touristen formuliert werden soll. Gleichwohl funktioniert der Slogan, weil Penetration als dominante Geste, die das Objekt der Begierde erniedrigt, als kollektiver Sinngehalt abrufbar ist – man braucht keine Diskursanalyse, um das zu verstehen. Die Penetration überschreitet eine körperliche Grenze, dringt ein, befleckt. Dass derjenige, der penetriert, auch oben liegt und eben nicht schwul ist, weiß jeder Bundeswehrsoldat. Der Gangsterboss bei Tarantino kann sinnhaft fragen: „Sehe ich aus wie eine abwertend bezeichnete Vulva? Nein? Warum willst Du mich dann ficken?“, eine Ressource, die der Gangsterbossin – wie selten sie ist, sieht man daran, dass noch nicht einmal das Wort geläufig ist – nicht offen steht. Meisterhaft auf den Punkt bringt diese homophobe und frauenfeindliche Sinnordnung der Auftragskiller im Spielfilm ‚Snatch‘, der in einem zweiminütigen Monolog die soziale Dynamik eines Raubüberfalls umfassend und überzeugend in sexuellen Begriffen darstellen kann. Weil er die dickere Kanone hat, kann er sich gegen den Schlappschwanz und die Schrumpel-Eier durchsetzen. Ähnlich verhält es sich hier. Wer kann, fordert die Touristen zum Schwanzvergleich.

Dazu kommt, dass eine BDSM-Sexualpraktik als Gewalthandlung angedroht wird. Freunde des Blümchensex können sich beim Lachen über den Slogan gleich an zwei Stellen überlegen fühlen: Den ungeliebten Touristen droht man Erniedrigung und Gewalt an. Den Freund_innen des safe, sane und consensual durchgeführten Faustficks unterstellt man gewaltvolle Sexualität.
Der Einwand, es gehe gar nicht um den sexuellen Sinngehalt, ist sehr dürftig. Er tut so, als ob Bedeutungsproduktion eine Frage eines individuellen Willens wäre. Sprache ist aber keine eineindeutige Abbildung eines individuellen Gedankens, sondern immer ein Rekurs auf widersprüchliche gesellschaftliche Strukturen, die selbst mit der Sprachpraxis vermittelt sind. Oder um es mit den Worten eines in der Antifa beliebten Denkers zu sagen: Der Begriff tut dem Gegenstand Gewalt an, konkret: Der von Gewaltphantasien durchzogene Sinngehalt der sexualisierten Parole trägt dazu bei, die gewaltvolle Ordnung der Geschlechter aufrecht zu erhalten. Der Slogan ist sexistisch, auch wenn die Sprayer_innen das unter Umständen nicht wollen.
Nun ist der Wille der Sprecher_innen nicht belanglos, wenn es um die politische Bewertung eines Sprechakts geht. Wer Sexismus propagieren will, hat in linken Zusammenhängen nichts verloren. Wer es aus mangelnder Reflexion tut, hat die Verantwortung dafür, dazuzulernen. Wir können als Verantwortliche für den Abdruck des „Touristen Fisten“ nur sagen, dass uns der sexistische Gehalt zwar vage durch den Sinn ging, eine oberflächliche Lesart diesen aber in der Hektik des Produktionspozesses ausgeblendet hat. „An der Krämer agitiert jemand pro schwulen Sex und contra Vertreibungspolitik“ – so ungefähr unsere falsche, weil oberflächliche Lesart. Das tut uns leid. Für eine linke Zeitschrift ist der Abdruck eines sexistischen Plakats peinlich. Die Redaktion hat das verstanden und gelobt, zukünftig in dieser Hinsicht mehr nachzudenken und feministische und antisexistische Inhalte deutlicher zu vertreten.


 

PS: Ein Teil der Redaktion meint, man könne fast die selbe Kritik auch gegen die Kampagne „Fuck Sügida“ und den Solid-Aufkleber „Nazis einen Einlauf verpassen“ vorbringen. Aber das ist umstritten.

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