Plattenkritiken

Hass – Kacktus (Aggressive Punk Produktionen)

Ok, ok, diese Band kann von mir einfach nicht objektiv-nüchtern betrachtet werden. Daher wird dieses Review auch nicht wirklich kurz. Für alle Eiligen unter euch: Ab dem Wort „Flauschikatze“ fängt das eigentliche Review an.

Die Band Hass gab es zwischen 1978 bis 2001 und sie hat für mich unvergessliche Meilensteine im Deutschpunk in dieser Zeit abgeliefert. Zwar hat sie sich 2007 nochmal zusammen gefunden, aber nur, um auf eine geniale Abschieds-Tournee zu gehen. Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich sowieso spätestens ab dem vierten Bier zu ner Platte von denen greife (meistens die LP „Allesfresser“). Also, warum hype ich Hass so sehr?

Als einer der wenigen Deutschpunk-Bands haben sie ihren eigenen Sound, den man nach 30 Sekunden hören, sofort zuordnen kann. Hinzu kommt ein enormer Mitsing-Faktor, der nicht nur mich immer wieder dazu verleitet, mich bei ihren wenigen Konzerten zum Dance-Deppen zu machen, da ich vor der Bühne wild mit den Armen wedele und lauthals ihre genialen Texte („Des Adlers Antwort ist der Knüppel“) mitgröle. Und sie waren und sind mit ihren schlauen Texten auch immer politisch, kritisch und aneckend gewesen. Was braucht das alte Deutschpunkherz denn mehr? Sorry, aber diese Vorgeschichte musste jetzt sein, damit das jetzt folgende Review nicht als allzu überzogen verstanden werden kann.

Flauschikatze!

Als Ende 2013 (12 Jahre nach ihrer Auflösung!) die Info kam, dass Hass wieder zusammengefunden haben, um eine neue Platte zu machen, da wusste ich nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Welche alte Band kam eigentlich als erstes auf die total geniale Idee, nochmal Kohle zu machen? War es SLIME, TOXOPLASMA, WIZO oder schlussendlich doch BUMS? Dass da nicht immer nur die besten Scheiben raus kommen, ist ja leider kein neues Phänomen. Sei‘s drum – für mich stand ja eh fest, dass die Scheibe gekauft wird (Gründe: siehe oben). Nach nem knappen halben Jahr ist sie jetzt nun endlich da und ich muss sagen, dass die Platte super geworden ist!

Wieder haben sie es geschafft, Hits zu kreieren, die man allesamt sofort im Ohr hat. Angefangen beim Opener „Mit wehenden Fahnen“, in der sie gleich klar machen, dass dies hier eine HASS-Platte ist und nichts anderes. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, war gleich klar, dass meine Befürchtungen völlig umsonst waren und ich hier das volle Brett kriege. Mit dem Song „recht blöde“ wird eine gekonnte Absage an diese ganzen Deutschrock- und „Das wird man ja wohl mal wieder sagen dürfen“-Typen verteilt, dass es eine wahre Freude ist; sehr schön. Der Kapitalismus bekommt mit „Rattengift“ auch noch eine verpasst und dann kommt mein Hit der Platte: „Hungersnot in der BRD“. Der Song macht sowas von alles richtig und drückt den satten, dicken Deutschen wunderschön den Spiegel ins Gesicht, super.

Und dann kommt „Anarchie“. Hier hatte ich anfangs gemischte Gefühle. Musikalisch erinnert der Song an einen Schunkelausflug ins Punkrockland und es würde mich nicht wundern, wenn da nicht doch etliche Feuerzeuge beim Konzert in die Luft gehalten werden. Der Song ist für mich aber so überzogen flennig-kuschlig, dass es beim zweiten Mal hören einfach nur noch zum Lachen war und ich mich seitdem immer trotzdem freue, ihn zu hören.

Fast zum Schluss nun endlich auch mal mit „Komatag“ ein Lied, was einfach nur Saufen zum Thema hat und trotz aller Politik halt auch mal sein muss. Vor 15 Jahren wäre das bei mir im JUZ wohl in Dauerschleife gelaufen, was mich prompt daran erinnert, auch mal wieder Donnerstags in die Johannesstraße 151 hier in Erfurt zu gehen.

Was bleibt zum Fazit der Platte? Wenn man auch nur ansatzweise was mit HASS anfangen kann, dann gehört die auf jeden Fall gekauft, kopiert oder überspielt und ganz oft gehört. HASS ist hier immer noch HASS, jedoch mit noch vielseitigeren Riffs, tollen Texten und einer Top-Aufnahmequalität. Für mich ist es einfach DIE Deutschpunkplatte des Jahres 2014 und daher vergebe ich voller Demut 11 von 10 wilde Zappel-Moves, wenn ich sie mal wieder live sehen kann.

Ichsucht – Tristesse (riot BIKE records)

Und schon wieder Deutschpunk (man könnte eine leichte Affinität meinerseits vermuten). Doch diesmal zum Glück mal wieder was Neues. ICHSUCHT aus Hamburg verstehen es gekonnt, eine Mischung aus Punk und Hardcore hinzulegen. Hier aber mal mit weiblichen Gesang, der bei der Band wie die Faust aufs Auge passt. Nicht falsch verstehen, aber leider gab es bisher nicht wirklich viele Punkbands (vor allem Deutschpunk-Bands), die mit einer weiblichen Gesangsstimme wirklich bei mir punkten konnten, doch Anni als Sängerin hat es ziemlich drauf. Von gefühlvoll bis dreckig hat sie einfach alles im Programm, wovon sich auch nicht wenige männliche Sänger im Punkrock ne dicke Scheibe abschneiden könnten. Hinzu kommen die Chöre der restlichen Band, die ihren Gesang immer passend unterstreichen. Der Sound von ICHSUCHT ist jetzt nicht unbedingt unglaublich neu und anders, aber die Band versteht es auf jeden Fall, ihre Instrumente zu beherrschen und mir als alten Deutschpunker mal wieder in den Arsch zu treten. Zusätzlich wurde die Platte sehr gut abgemischt. Ein Vergleich mit einer anderen Deutschpunk-Kapelle fällt mir hier schwer. Internationaler betrachtet, sehe ich da die meisten Gemeinsamkeiten mit den wunderbaren ELECTRODUENDES aus Spanien (Must have!).

Kennst Du das, wenn Du die A-Seite einer Platte gehört, den Stil der Band erfasst hast und einfach zu faul bist, deinen Hintern zu erheben, um die Platte umzudrehen? Bei dieser Platte wird das wohl nur sehr selten passieren. Das ganze Album ist trotz gleich bleibendem Stil äußerst vielseitig und ist dazu prädestiniert, am Stück durchgehört zu werden, um dann bei der A-Seite wieder anzufangen.

Dies ist wohl eines der größten Komplimente, die man einem Album machen kann und ist hier absolut berechtigt. ICHSUCHT haben in ihren gekonnten Texten einfach was zu sagen und sind weit weg von abgelutschten Deutschpunkparolen-Gedresche. Für mich ist diese LP auf jeden Fall seit langem mal wieder erfrischend, denn böse Zungen munkelten schon, dass Punk tot sei. Ich freu mich über das Gegenteil und vergebe 9 von 10 Winke-Winke aus dem Jenseits.

Panzerband – same (Twisted Chords)

Schimmel auf der Lederjacke, am Schuh hängt noch Hundekacke. Schlecht rasiert, niemals gekämmt, und Kotze klebt am Unterhemd.
Dies sind die ersten Zeilen des Openers „Panzerband“ von der ersten Platte der Band aus Flensburg und beschreibt wohl mehr als zutreffend, was hier geboten wird. Klar ist: Hier gibt’s volle Kanone Punkrock auf die Rübe.

Schön schnell (Platte läuft auf 45), dreckig und konsequent. PANZERBAND waren des Öfteren die Vorband von MÜHLHEIM ASOZIAL (Götter!). Wer bei denen, so wie ich, anfängt zu sabbern, der muss auch diese LP haben. In Titeln wie „Deutschland Du Kackloch“, „Panzerfahr‘n rumballern“ und „Schleppscheisse“ (Tip!), wird hier alles an bürgerlicher Soße in dieser Gesellschaft gekonnt verachtet und nieder gewalzt. Das gefällt wahrscheinlich nicht nur mir und macht einfach nur Spaß.

Der Sound ist nicht zu aalglatt, was er aber hier auch auf keinen Fall sein darf, da das ja keine Einladung zum Elternabend mit anschließendem Sushi-Essen ist. Die Platte kommt mit schickem Booklet und schön gezeichnetem Cover daher, was auch zu gefallen weiß.

Ich bin beeindruckt und verneige mich 8 von 10 Mal vor diesem schönen Stück audiophiler Kunstgeschichte.

Anti-Flag – A document of dissent 1993-2013 (Fat Wreck Chords)

Nach 9 LP‘s, über 30 EP‘s und diversen Splits gibt es nun endlich mal eine Best-Of Scheibe der Punkband aus Pittsburgh, USA. Jede_r, die_der eine Skate-Punk-Phase in ihrem_seinem Leben hatte, kennt diese Band; die meisten Anderen kennen sie wahrscheinlich auch. Mein Problem bei diesen Skate-Punk-Bands aus den Staaten war oft, dass diese meistens so politisch wie fünf Meter Feldweg waren. Oft hörten sie sich auch recht gleich an, was nicht selten dazu führte, dass man diese Phase dann wieder hinter sich ließ. Das lag meines Erachtens daran, dass diese Bands (NOFX, OFFSPRING, PENNYWISE, NO USE FOR A NAME etc.) unwahrscheinlich populär in den Staaten waren und sich in den 90ern schnell ein Markt dafür bildete, der auch recht bald Europa erreichte. Es folgten Verträge mit Major-Labels und mit Fat Wreck Chords, ein Label, was gefühlt einmal pro Tag eine neue Platte raus brachte. ANTI-FLAG ist zwar auch diesen Weg gegangen, doch stachen sie mit ihren politischen Texten immer heraus, was die Band für mich sehr sympathisch machte. Ihre Alben waren nie schlecht, hörten sich jedoch oft sehr ähnlich an, so dass wohl nur die Hardcore-Fans die komplette Discographie besitzen dürften. Für alle anderen gibt es nun diese Best-Of auf einer gut gemachten Doppel-LP, auf der wohl alle wichtigen Songs der Band drauf sein dürften. Natürlich auch „Die for the government“, „This machine kills fascists“ und „Fuck police brutality“, welche für mich Alltime-Hits sind. Die Platte kommt im äußerst schicken Klapp-Cover mit einer coolen Übersicht, zu welcher Zeit und in welchem politischen Zusammenhang ihre Songs entstanden sind. Der Sound ist für diese Richtung naturgemäß brutal glatt gebügelt, was man mögen kann oder auch nicht. Ich freue mich trotzdem drüber und verkaufe für diese Platte 8 von 10 Skatepunk-Alben aus meiner Sammlung.

Hamburger Abschaum – Endlich (Mongo Raunch Productions)

Eine auf 500 Stück limitierte LP im Uffta-Rumpel-Sound der Jungs aus der Hansestadt. 6 der 16 Songs sind live aufgenommen, was mich eigentlich schon vor dem Kauf hätte skeptisch machen sollen. Gut ist, dass die Jungs klar antifaschistisch eingestellt sind und ihr Herz bestimmt am richtigen Fleck haben. Der Song „Nich mein Ding“ lässt erkennen, dass sich bei der Band vielleicht noch was entwickeln könnte. Vielleicht.

Die Bilanz – Rock ‚n‘ Roll Klub Schmöke (Antikörper Export)

Als die BILANZ im Jahr 2005 ihr erstes Album „Ramba Zamba“ rausgebracht haben, haben sie damit nicht nur bei mir für Begeisterungsstürme gesorgt. Mit ihrem völlig eigenen Sound mit cleaner Gitarre und einem super Frontsänger lief diese Platte im Dauerlauf. Ihr zweites Album war zwar auch noch ganz dufte, jedoch zeichnete sich schon ab, dass sie ihr erstes Album wohl nicht
mehr toppen können. Mit „Rock ‚n‘ Roll Klub Schmöke“ bestätigt sich das leider abermals zu meinem Bedauern. Es ist zwar immer noch die BILANZ, nur ohne die Hits aus dem ersten Album.
Was aber cool ist: Bei der LP gibt’s ihr zweites Album als kostenlosen Download mit dazu.

WIZO – Punk gibt’s nicht umsonst (Teil III) (Hulk Räckorz)
Nach gefühlten 100 Jahren mal wieder was Neues von WIZO. Die Platte hört sich leider genauso, wie ihre alten Platten an. Die waren zwar nie schlecht und für mich als damaligen Kiddi-Punker eine Zeit lang das Lebenselexier, aber heute kaufe ich den alten Männern diesen Sound nicht mehr ab. Platte kommt als Doppel-LP auf blauem Vinyl. Ganz schick aber naja.

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