Material zur Kritik des Himmels

Einer längst überfälligen Wiederbelebung* der Religionskritik möchte Simon Rubaschow den Weg bereiten, indem er versucht, zwischen falschem Bewusstsein, Ideologie und Wahn zu differenzieren. Der Autor ist Mitglied im Club Communism.

1. Feinde der Freiheit

Die Geschehnisse, deren Nexus der Mordanschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris bildet, nötigen (auch) der radikalen Linken eine Frage auf, vor der sie sich in weiten Teilen seit Jahrzehnten drückt. Die Frage der Kritik religiös begründeter politischer Gewalt in Gestalt des Islamismus, die nicht erst seit dem Angriff des IS auf Kobanê und auch nicht erst seit den Anschlägen des 11. Septembers, sondern spätestens seit 1979 zu beantworten ist.

Am 7. Januar drangen zwei Islamisten in das Redaktionsgebäude der antireligiösen Zeitschrift ein, töteten einen zufällig anwesenden Wartungstechniker, verschafften sich Zugang zu den Redaktionsräumen und töteten dort neun Mitarbeiter_innen der Zeitschrift und einen Polizisten, elf weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Auf ihrer Flucht töteten sie einen weiteren Polizisten und verletzten einen Passanten, nahmen zeitweise mehrere Geiseln und wurden am 9. Januar gestellt und getötet. Ein dritter Täter erschoss ebenfalls am 7. Januar eine Polizistin und verletzte einen städtischen Angestellten, bevor er am 9. Januar durch eine Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt seine Komplizen unterstützen wollte. Dort tötete er vier jüdische Geiseln und verletzte bei der polizeilichen Stürmung drei Polizisten, bevor er ebenfalls getötet werden konnte.

In den Folgetagen kam es in Frankreich zu mindestens drei nächtlichen Angriffen auf Moscheen, bei denen Sprengstoff und Schusswaffen zum Einsatz kamen. Der Dachverband der islamischen Gemeinden Frankreichs berichtet insgesamt von 21 Übergriffen; sie liefen ohne Verletzte oder Tote ab. Während es in zahlreichen Ländern Solidaritätskundgebungen mit der Zeitschrift gab, kam nach der Veröffentlichung der ersten Ausgabe nach den Anschlägen – mit einer Karikatur des im Islam als Propheten verehrten Mohammed auf der Titelseite – aber ebenso zu Kundgebungen und Demonstrationen gegen die Zeitschrift: In Niger starben bei antichristlichen und antifranzösischen Ausschreitungen mindestens 10 Personen, darunter ein Polizist (mindestens 22 weitere Polizist_innen wurden verletzt), als Bewaffnete auf der Suche nach Christ_innen durch Straßen zogen und Kirchen und als französisch identifizierte Einrichtungen angriffen und teils anzündeten. In Pakistan verletzten Demonstrant_innen beim Versuch, ein französisches Generalkonsulat zu stürmen, drei Personen durch Schusswunden. Proteste in Algerien – wo die Attentäter von den Demonstrierenden als Märtyrer verehrt wurden – Jordanien, den Palästinensergebieten, Jemen, Sudan, Somalia, Mali, Mauretanien, Senegal, Inguschetien und Tschetschenien verliefen ohne berichtete Verletzte oder Tote.

Ebenfalls gehört hinzu, dass es in mehreren europäischen Ländern inklusive Deutschlands zu Razzien und Festnahmen gegen vermeintliche Islamist_innen kam; in Belgien starben zwei von ihnen in einem Schusswechsel mit der Polizei. Ein – bisher unaufgeklärter – Brandanschlag erfolgte auf die Hamburger Morgenpost, nachdem diese Karikaturen des Charlie Hebdo abdruckte.

Die Bewertung dieser Geschehnisse und damit die Haltung zur islamistischen Gewalt innerhalb der (deutschen) radikalen Linken lässt sich weitgehend in drei Positionen unterteilen. Zunächst die Position der „Abwehr“, idealtypisch vertreten von der Interventionistischen Linken (IL): Das Problem, so die IL, ist das Fehlen „eine[r] dritte Option jenseits der kapitalistischen Ordnung und des fundamentalistischen Chaos“, diese dritte Option ist durch die radikale Linke praktisch herzustellen, also: „Blockieren wir die EZB“ um so die „die dritte Möglichkeit“ zu wählen und „die schöpferische Vernunft im Antagonismus zur kapitalistischen Unvernunft“ zu leben.1 Die Geschehnisse von Paris werden also nicht analysiert und sind rasch in das vorhandene Deutungsschema gepresst; gäbe es eine Anti-EZB-Massenbewegung, wäre das Problem des Islamismus anscheinend gelöst. Diese Position, die sich weigert, sich ihrem Gegenstand anzunehmen, fällt noch hinter die beiden anderen Positionen zurück, die sich polemisch auf folgendes Gegensatzpaar zuspitzen lassen: Die Täter vom 7.-9. Januar haben den Koran und damit den Islam grundlegend falsch verstanden (etwa weil er es verbietet, Unschuldige zu töten); oder: Die Täter vom 7.-9. Januar haben den Koran und damit den Islam grundlegend richtig verstanden (etwa weil er den Dschihad als Expansionskrieg zur Durchsetzung des weltumspannenden Anspruchs des Islam gebietet).
Beide Positionen sind so absurd wie sie scheinen, denn selbstverständlich entspringt die Bereitschaft (und Ausführung) jemanden zu töten und das eigene Leben zu opfern nicht aus einer richtigen oder falschen Exegese, und weder gute noch schlechte Islamwissenschaftler_innen werden, weil sie solche sind, zu Terrorist_innen. Die Frage, um die sich mit solchen Positionen herumgedrückt wird, wäre stattdessen, welche Bedürfnisse ihren Ausdruck im Islamismus finden und welchen Ausdruck sie im Islamismus finden können, das heißt auch, wie die Bedürfnisse selbst von seinem Ausdruck formiert werden. Eine Exegese von Texten wie dem Koran, aber auch von Vermittlungsformen wie Reden, youtube-Videos etc., wäre zur Beantwortung dieser Frage zweifellos notwendig.

Das Ziel dieses Artikels soll es also sein, einen Begriffsapparat vorzuschlagen, der eine solche Analyse und damit eine Kritik des politischen Islams ermöglicht.

2. Unaufrichtigkeit

Das heißt, es gilt, die Religion, die der politische Islam darstellt (bzw. die Religionen, die die Spielarten des politischen Islams darstellen), vom Menschen, der ihr anhängt, aus zu verstehen. In der Tradition materialistischer Religionskritik ist Religion dabei einerseits – wie bei Ludwig Feuerbach, einem der Begründer materialistischer Religionskritik – als „die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst“ zu verstehen, als der projizierte Entwurf eines idealisierten Menschenbildes in Gott und seine Ge- und Verbote für den Menschen. Andererseits, was Karl Marx im kritischen Anschluss an Feuerbach herausstellte, ist sie eine Projektion des Protestes gegen das Bestehende auf Gott und sein Jenseits und damit „der Seufzer der bedrängten Kreatur“, welcher als Projektion nicht zur Revolution verleitet, sondern betäubt, aber eben auch entspannt (das berühmte Opium des Volkes).

Diese beiden Elemente der Religion bilden die Eckpfeiler des Verständnisses auch des politischen Islam, da durch sie – über eine Analyse insbesondere der aktuellen Selbstdarstellungen der Religion – das Selbstverständnis der Islamist_innen ebenso wie (in ihrer religiösen Utopie) ihre Ziele zu erschließen sind. Darüber hinaus verweist es auf das Glücksversprechen – auf eine Welt frei vom Schlechten – das eine Religion zu mehr als zu einem Irrtum macht und einen Teil ihrer Triebkraft erklärt (dazu später mehr).

Jean-Paul Sartre knüpft auf gewisse Weise an die Religionskritik von Feuerbach und Marx an (Sigmund Freud wäre als weitere Referenz zu nennen), wenn er den Begriff der Unaufrichtigkeit einführt, mit dem er falsches Bewusstsein des Menschen über sich selbst bezeichnet. Im Gegensatz zur Täuschung bzw. dem Irrtum, die sich auf einen äußeren Gegenstand beziehen, bezieht sich die Unaufrichtigkeit auf etwas, was immer schon vorliegt – auf sich selbst. Der Mensch, so Sartre, ist für seine eigenen Handlungen verantwortlich und kann diese Verantwortung nicht auf eine dritte Instanz abschieben, er selbst muss stets entscheiden, was er für richtig und falsch hält und tut dies auch je in seinem Handeln. Dieser Tatsache gegenüber unaufrichtig ist jene_r, die oder der diese Verantwortung für die Entscheidung, was zu tun oder zu lassen ist, etwa über religiöse Gebote an eine äußere, unabhängige Instanz (Gott als Autor der 10 Gebote oder des Korans) delegiert. Unaufrichtigkeit findet sich aber auch in nicht-religiöser Form bei Naturalisierungen von Entscheidungen, bei Sachzwangslogik usw. Und auch die Vorstellung der eigenen Zugehörigkeit zu einer Nation oder einem Volk, aus der Handlungsnotwendigkeiten gefolgert werden, etwa um die Nation oder das Volk vor ihrem Untergang zu bewahren, wäre eine solche Projektion der individuellen Verantwortung für das Handeln auf ein imaginiertes Drittes, also Unaufrichtigkeit.

Projiziert wird hier also die individuelle menschliche Freiheit und die ebenso individuelle Verantwortung für diese Freiheit. Dies lässt auch das Glücksversprechen der Religion spezifisch analysieren: Das Reichs Gottes, ein Paradies oder einer anderen Form der Einheit mit Gott ist eine Vorstellung des Glücks als Zustand, indem Freiheit und Verantwortung endgültig zugunsten eines Zwangs zum Guten abgeschafft sind. Mit abgeschafft sind in diesem Zustand auch jede Möglichkeit der Individualität, der Nichtidentität mit dem Gut-Göttlichen. Dieses Glücksversprechen, aber insbesondere der Weg zu ihm, fällt dabei in verschiedenen Religionen unterschiedlich aus. Beispielhaft kann hierfür das Zuwendungsverhältnis zwischen Gott und den Menschen in den drei großen abrahamitischen Religionen holzschnittartig analysiert werden: Im Judentum herrscht die im Vergleich klarste Trennung zwischen Gott und den Menschen, letztere wenden sich über das Befolgen konkreter Ge- und Verbote Gott zu. Diese Trennung überbrückte das Christentum durch die Jesus-Mythologie und die damit verknüpfte These der Liebe Gottes. Nicht das Befolgen der Ge- und Verbote, sondern das Vertrauen in die Gottesgnade – und damit das Bereuen und der individuelle Glaube – rücken in den Fokus. Im Islam findet sich eine Überbrückung der Trennung bei gleichzeitiger Distanzierung: Gott ist in den Menschen als Pflicht, und Islam bedeutet vorrangig die Befolgung der religiösen Pflichten inkl. der allgemeinen Gehorsamspflicht gegenüber Gott.

3. Wahn

Wie angedeutet, stellt diese Unaufrichtigkeit für Sartre etwas alltägliches dar. Und unter gesellschaftlichen Bedingungen, in denen die eigene Freiheit häufig nur die Wahl zwischen zwei elenden Möglichkeiten bedeutet, ist die Perspektive, nicht selbst auch noch die Verantwortung für diese Wahl übernehmen zu müssen, verlockend. Der Begriff ist damit jedoch unzureichend, um das geistige Korrelat von religiös begründetem Mord, wie es verschiedene Spielarten des politischen Islams sind, aufzuklären.

Sartre stand einem ähnlichen Problem gegenüber, als er 1945 versuchte, den eliminatorischen Antisemitismus zu verstehen. Das Denken und Fühlen der Antisemit_innen scheint nicht in dem Begriff der Unaufrichtigkeit aufzugehen. Es gelingt ihm nicht, den Antisemitismus als „Anschauung“, als ein „Element“ im Bewusstsein der Antisemit_innen neben anderen oder als „Geschmack“ zu fassen. Antisemitismus scheint ihm vielmehr eine „Leidenschaft“, ein „Engagement der Seele“ zu sein. Schließlich findet Sartre dafür den Begriff der „totalen Wahl“. Sie ist von der bloßen Wahl, wie sie in der Unaufrichtigkeit getroffen und zugleich verleugnet wird, unterschieden insofern sie das gesamte Denken und Fühlen bestimmt. Während sozusagen der unaufrichtige Christ ein Christ, aber etwa auch ein Angestellter, ein Franzose usw. ist, ist der Antisemit immer Antisemit und als solcher antisemitische Angestellter und antisemitischer Franzose (und ggf. eben auch antisemitischer Christ). Diese Totalität des Antisemitismus bestimmt auch die Wahrnehmung, und insofern diese immer schon antisemitisch wahrnimmt, entzieht sie die totale Wahl der Reflexion an der Wirklichkeit: Wahrgenommen wird nur noch dasjenige, was der totalen Wahl entspricht.

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno kommen in ihrer nahezu zeitgleich verfassten Analyse des Antisemitismus zu ähnlichen Befunden. Ausgehend davon, dass der Antisemitismus die falsche Projektion von an sich selbst verdrängten Aspekten auf die Jüdinnen und Juden ist, kommen auch sie dazu, eine Differenz zwischen bloß falscher Projektion und dem Antisemitismus auszumachen. Antisemitismus bestimmen sie als reflexionslose und somit unrelativierte, also pathische Projektion. Die Folge ist die gleiche, die Sartre mit dem Begriff der totalen Wahl zu fassen versucht: „Er schafft alle nach seinem Bilde“ und bricht sich damit nicht mehr an der Realität. Von der Psychoanalyse inspiriert versuchen sie ihn daher – um ihn von der falschen Projektion, die noch realitätssensibel ist, abzugrenzen – als Wahn zu bestimmen, weil er sich, ebenso wie der individuelle Wahn, in sich und damit gegen die Realität abschließt.

Ein zentrales Moment, dass Sartre ebenso wie Adorno und Horkheimer im Antisemitismus analysieren, ist der manichäistische Charakter der Wahrnehmung, das heißt: Die Welt wird in Gut und Böse unterteilt und diese Unterteilung verabsolutiert – die oder der Antisemit_in wird zum Kämpfer gegen dieses Böse, dass aus der Welt getilgt werden muss, um die Welt zu retten. Der Wahn korrigiert sich also nicht mehr an der Realität, sondern versucht, die Realität am Wahn auszurichten und umzuformen. Dererlei manichäistische Elemente finden sich jedoch nicht nur im Antisemitismus, sondern auch im völkischen Nationalismus und eben in den Religionen.2 Dort wird die Vorstellung des Guten ergänzt um ein Konzept des wirkmächtigen Bösen, das entweder als eigenes externes Wesen projiziert wird (der Teufel), oder personalisiert wird in den Ungläubigen und insbesondere den vom Glauben Abgefallenen. Doch auch hier gibt es wieder Unterschiede zwischen Religionen, die in einer konkreten Kritik zu bestimmen sind. Entscheidende zwei Kriterien sind die aktive Herbeiführung des Guten und der Universalismusanspruch der Religion: Wo das göttliche Gebot an alle Menschen gerichtet ist, also auch an die Ungläubigen, und die rechte Praxis nicht im Befolgen konkreter individueller Ge- und Verbote, sondern in allgemeinen oder unspezifischen Pflichten besteht, verinnerweltlicht sich die Spannung zwischen Gut und Böse. Das Reich Gottes herbeizuführen ist praktisch, im Diesseits, möglich, Missionierung der Weg und diejenigen, die sich nicht missionieren lassen wollen, bekennen sich, durch ihre Verweigerung der frohen Botschaft, zum Bösen.3 Da, wo also das Glücksversprechen als praktisch einlösbarer Optionsschein vorgestellt wird, wird es tendenziell wahnhaft, da es sich der realen Ohnmacht dem eigenen Unglück gegenüber verschließt. Diese Einlösbarkeit ist durch religiöse Ge- und Verbote immer angelegt. Die Widerlegung dieser Glücksgarantie wäre aber nicht das generalisierte Unglück, sondern eine Glückshoffnung, die nichts verspricht.

Horkheimer und Adorno analysieren nun, anders als Sartre, den Antisemitismus nicht von der grundlegenden Freiheit und Verantwortung des Menschen, sondern von kapitalistischer Vergesellschaftung und der aus ihr resultierenden Zurichtung der Menschen aus. Sie bestimmen also nicht das Verhältnis von falschem Bewusstsein und Wahn, sondern von Wahn und notwendig falschem Bewusstsein, Ideologie. Wo Sartres Kritik damit unterbestimmt bleibt und er keinerlei Kriterien liefert, warum Menschen diese totale Wahl treffen, ist die Kritik Adornos und Horkheimers überbestimmt und rückt den Wahn in die Nähe der Ideologie.4

4. Ideologie

Notwendig falsches Bewusstsein, oder, wie Horkheimer treffender formulierte: richtiges Bewusstsein der falschen Gesellschaft, bezeichnet diejenigen Denk- und Wahrnehmungsvorgänge, die Menschen vollziehen, weil sie dem Kapitalismus angemessen und ihn ihm praktisch notwendig sind, aber dessen Falschsein nachvollziehen. Das, was Marx den Warenfetisch bezeichnet, ist damit das Urbild des notwendig falschen Bewusstseins: Anstatt die Ware als System sozialer Beziehungen der Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung zu verstehen, wird sie als Ding verstanden, dass einen ihm eigenen Wert hat. So von ihr zu denken ist notwendig, um sie vermittels des Geldes mit anderen Waren gleichzusetzen, also tauschen zu können. Marx Analyse schließt daran eine Folge anderer Formen des Fetischismus an, etwa den Lohnfetisch, demnach der Lohn so erscheint, als wenn er dem Wert der geleisteten Arbeit entspricht (und nicht dem Wert der Waren, die die/der Arbeiter_in benötigt, um die eigene Arbeitskraft zu reproduzieren). Gemeinsam ist dem Fetischismus, dass er zum einen den tatsächlichen Verhältnissen nicht entspricht, also den Blick auf den Kapitalismus verstellt, zum anderen gleichzeitig aber notwendig ist, um die im Kapitalismus zum Überleben notwendigen Vollzüge durchzuführen. Geistig wird die Notwendigkeit nachvollzogen, indem der verkehrte Zustand im Kapitalismus als allgemein menschlich naturalisiert wird.

Ideologie – so würde ich unterscheiden – ist die gedankliche Fassung dieses notwendig falschen Bewusstseins in eine Anschauung, etwa den Liberalismus. Ideologien kann es damit im Plural auf der Grundlage des gleichen, notwendig falschen Bewusstseins geben.

Dass Menschen – und damit komme ich der Frage der Religionskritik wieder näher – im Kapitalismus voneinander vereinzelte Konkurrent_innen sind, die je von Überflüssigkeit bedroht sind, der Mensch also dem Menschen ein Wolf ist, ist eine Vorstellung die innerhalb des Kapitalismus rational ist. Die drohende Überflüssigkeit ist faktisch vorhanden, und auch wenn die technischen Möglichkeiten ein gutes Leben für alle ermöglichen könnten, wird das eigene Leben im Kapitalismus schlechter, wenn man in der Konkurrenz versagt. Ideologie hierfür kann verschiedenes sein: ein individualistischer Liberalismus, der Konkurrenz affirmiert und jede Schuld des Versagens statt der Gesellschaft dem Individuum zuschreibt, ist eine Variante. Die Projektion der Konkurrenz auf ein Kollektiv, das nach innen eine scheinbar konkurrenzfreie Gemeinschaft schafft, aber von außen bedroht ist – also als Nationalismus und Rassismus –, wäre eine andere. Die Zuschreibung der Verantwortung für die Konkurrenz auf als außerhalb imaginierte Strippenzieher_innen, und damit das Ende der Konkurrenz, wären diese beseitigt – Verschwörungstheorien, Antisemitismus – eine dritte Variante (die sich real meist mit der ersten kombiniert). Religionen bieten nun ebenfalls (mindestens) zwei Ideologisierungen der Konkurrenz und Überflüssigkeit. Zum einen bieten sie die Deutung des Diesseits als Prüfung, die Unbillen der Konkurrenz sind also kein Ausweis der Natur, sondern Testen die eigene Gottesgläubigkeit und moralische Festigkeit. Zum anderen bietet die religiöse Gemeinschaft ebenfalls ein Kollektiv, aus dem die Konkurrenz auf Ungläubige projiziert werden kann.

Augenscheinlich macht es also einen Unterschied, welche konkreten Inhalte Religionen ihren Gläubigen zur Weltdeutung zur Verfügung stellen. Wo erstere religiöse Ideologie eine menschenverachtende Verherrlichung des eigenen Leidens ist, die ihre Gewalt gegen andere vor allem gegenüber von derart religiösen Menschen erzogenen Kindern entfaltet, ist zweite eine Grundlage für einen religiös begründeten Angriff auf Ungläubige.

5. Kritik

Notwendig falsches Bewusstsein ist also über Ideologie formiert und gedeutet, Ideologien können wiederum das Material für die Form gesellschaftlichen Wahns bieten. Ideologie schlägt in Wahn um, wenn sie sich zu ihrem Bezug zur Wirklichkeit abschottet. Ein – in diesem Sinne: nur – ideologischer Nationalismus ließe sich aufklären, etwa durch die Einsicht, dass auch Deutsche miteinander konkurrieren, die Arbeitslosenquote der Deutschen nicht der Quote erwerbstätiger Ausländer_innen entspricht und durch eine Kapitalismuskritik, die den Konkurrenzzwang als inneres Funktionsprinzips eines Kapitalismus aufklärt, der blind gegenüber der Nationalität seiner Arbeitskräfte ist. Der wahnhafte Nationalismus findet – im Regelfall in der jüdischen Weltverschwörung oder einem Chiffre für sie irgendwo zwischen Bilderbergern und Finanzkapital – eine Begründung, diese Realitäten als gesteuerte abzuwehren und sich das Bild aufrechtzuerhalten, dass ein etwa deutscher Kapitalismus, der frei vom Einfluss der jüdischen Weltverschwörung, der Bilderberger oder des Finanzkapitals wäre, auch konkurrenzfrei wäre. Ideologie ist also – auch wenn es ein mühsamer Kampf gegen die Windmühlen der alltäglichen Praxis ist – aufklärbar. Wahn dagegen ist nicht mehr durch Kritik erschütterbar,5 weil Kritik innere Widersprüche der Ideologie und die Prüfung an der Realität zur Wirkung benötigt; den Wahn aber seine Widersprüchlichkeit wie seine Irrealität nicht berühren.

Eine Religionskritik, die zu leisten wäre, muss also als Ideologiekritik die konkrete Religion, etwa den Islam (und damit auch, aber nicht nur den Koran) daraufhin prüfen, welche Bedürfnisse sie anspricht und selbst mitformiert, welche Formen sie für falsches und notwendig falsches Bewusstsein bereitstellt und wie breit die Grundlagen sind, die diese für gesellschaftlichen Wahn im obigen Sinne bietet. Sie muss weiter das praktische Umschlagen von Ideologie und Wahn und die Reaktion der – in diesem Sinne: nur – ideologischen Anhänger_innen der Religion auf dieses Umschlagen in den Blick nehmen und kritisieren und sich selbst die Aufgabe stellen, präventiv auf dieses Umschlagen verhindernd einwirken zu können. Gleichzeitig muss diese Kritik das Glücksversprechen der Religion bergen und über die in ihm enthaltende Hoffnung aufklären, also auch den Charakter einer rettenden Kritik annehmen. Schließlich muss sie in Wahn umgeschlagene Ideologie als solche benennen und sich Grenzen der Kritik und damit den Beginn notwendiger Repression eingestehen.


*
Tot war sie freilich nie, nur fristet sie ein Nischendasein, das die radikale Linke zu ihrem, und nicht zum Wohl der Religionskritik, überwinden muss.

1
http://interventionistische-linke.org/beitrag/keine-unterwerfung-eine-antwort-auf-paris-liegt-athen

2
Diese Wahlverwandtschaft findet in der Realität häufig die Form der Fusion, in der Antisemitismus untrennbar in den Nationalismus oder die Religion eingelassen ist.

3
Gleichzeitig ist, soviel muss an dieser Stelle gesagt sein, der Universalismusanspruch von Christentum und Islam, gekoppelt mit der schon im Judentum eingeführten individuellen Stellung unter Gott, eine Absicherung basaler Anerkennung des Menschseins zumindest für die Gläubigen – wie etwa daran abzulesen ist, das es in Lateinamerika Zwangsbekehrungen der indigenen Bevölkerung von Priestern gab, die so gegen deren Sklaverei kämpften.

4
Zum Verhältnis von Sartres und Adornos Antisemitismustheorie als Verhältnis von Existenz und Genese lesenswert: Dieter Sturm: Freiheit zum Wahn, Vollendung des Zwangs. Sartres und Adornos Kritik des Antisemitismus und dessen philosophische Voraussetzungen. In: sans phrase 5 (2014), S. 113-133.

5
Worauf die Bezeichnung mit einem Begriff der Psychopathologie verweist. Neben der Therapie dürften innere Erschütterungen, etwa aus dem Widerspruch zwischen Wahn und Bedürfnissen, die der Wahn nicht einfangen kann oder aus einem massiven gesellschaftlichen Traumata, einen Bruch mit dem Wahnsystem möglich machen.


Literaturhinweise:

Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums

Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts

Jean-Paul Sartre: Überlegungen zur Judenfrage

Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung

Theodor W. Adorno: Meinung Wahn Gesellschaft

Karl Marx: Das Kapital

Detlef Claussen: Grenzen der Aufklärung

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