Lirabelle #8

Cover#8

Editorial

Manchmal ist es schön, recht zu behalten. Sagen zu können „Haben wir doch schon immer gesagt“ gibt einem ein Überlegenheitsgefühl, dass angesichts der meist unterlegenen Lage in sozialen Kämfpen eine angenehme Abwechselung darstellt.
Und die unterlegene Lage zu illustrieren, gehört zum guten Ton in der Linken: Als politisch denkender Mensch malt man trotz aller Religionskritik gerne den Teufel an die Wand, um möglichst überzeugend Viele dazu zu bewegen, ihn auszutreiben. So kommt es dann, dass die faschistische Gefahr ausgemalt wird, wenn ein paar verwirrte Hippies und Esoterikerinnen für den Weltfrieden die GEMA abschaffen wollen. Was derzeit in Dresden, Südthüringen, Erfurt und anderswo auf die Straße geht, macht leider deutlich, dass die Mahnerinnen und Warner recht gehabt haben: Irrsinn ist kein Einzelfall, Beispiel Pegada: Freie Energie, eben noch eine Spinnerei einer überschaubaren Internet-Community, ist heute eine der Forderungen einer Massenbewegung. Reptilienmenschen: Gerade hat man gehört, dass es Leute gibt, die denken, dass Reptilien die Gehirne von Menschen übernehmen, da wird man als Gegendemonstrant_in als Reptiliengehirn beschimpft. So gesehen, ist es nicht schön, recht zu behalten: Wir haben‘s schon immer gesagt. Aber offenbar hat es niemanden interessiert. Schade.
Wir machen trotzdem weiter! Wir haben schon immer gesagt, dass Antiamerikanismus und Antisemitismus ein großes Problem sind, dass völkische Mobs an den historischen NS erinnern, dass die soziale Frage wieder thematisiert werden muss, dass man sich mit der ARGE anlegen kann, dass Religion kritisiert gehört, Tauschringe nicht funktionieren und Punkrock rockt. Zumindest das letzte sollte fast 40 Jahre nach »Anarchy in the UK« gesellschaftlich mehrheitsfähig werden. Ob wir uns dann freuen, recht behalten zu haben?

das Redaktionskollektiv der Lirabelle.

Inhalt

  • News
  • Bericht: Hoffen auf das Endspiel
    Am 24. Januar 2015 versammelten sich in Erfurt rund 600 Menschen um gegen eine vermeintliche ‚Amerikanisierung‘ Europas zu demonstrieren. Sie nennen sich PEGADA, Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes, und ihre Veranstaltung heißt ‚ENDGAME‘, Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas. Ob sie sich nun ‚patriotisch‘ oder ‚engagiert‘ nennen, ob ‚Europäer‘ oder ‚Demokraten‘, es läuft auf ein und dasselbe hinaus: Es bleibt ein Mob aus Menschen, die sich jenseits jeglicher Faktenlagen bewegen und sich in ihrem eigenen irrationalen Horizont, in ihrer Paranoia gegenseitig bestätigen. Es ist ihnen gelungen, unterschiedliche esoterische Sekten, Verschwörer und Antisemiten aller Couleur an diesem Samstag im Januar zu vereinigen. Fabians Blick auf diese Veranstaltung und ihre Organisatoren macht deutlich, warum dies mittels ENDGAME gelingen konnte.
  • Bericht: Ein Hauch von Sportpalast
    Ox Y. Moron berichtet über das Comeback des rechten Volksmobs in Südthüringen, die Hilflosigkeit der hiesigen Zivilgesellschaft und die Ohnmacht der Antifa.
  • Einschätzung: Rätselraten über Pegida
    L. über die weit verbreitete Unsicherheit darüber, wer Pegida ist und woher diese Bewegung auf einmal kommt.
  • Intervention: Antifa-Offensive 2015
    Christian Winter (Sabotnik), Karl Meyerbeer und L. finden, dass eine breit angelegte Antifa-Offensive genau so notwendig ist, wie eine Thematisierung der sozialen Frage von radikal linker Seite.
  • Selbstermächtigung: Die Meldepflicht
    Yvette gibt einen kurzen Überblick über das beliebteste Sanktions-Instrument der Jobcenter: die Meldepflicht.
  • Begriffsarbeit: Material zur Kritik des Himmels
    Einer längst überfälligen Wiederbelebung* der Religionskritik möchte Simon Rubaschow den Weg bereiten, indem er versucht, zwischen falschem Bewusstsein, Ideologie und Wahn zu differenzieren. Der Autor ist Mitglied im Club Communism.
  • Intervention: Gibst du mir Deins, geb‘ ich Dir meins
    Etwas wegzugeben ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, ist im Neoliberalismus schon fast ein subversiver Akt. Karl Meyerbeer über den Tausch, die gegenseitige Hilfe und darüber, dass in Erfurt im Durchschnitt alle 1,6 Jahre ein Tauschring auftaucht.
  • Einschätzung: Staatlichkeit und Überwachung
    Ein Versuch der Auseinandersetzung mit dem Überwachungswahn in der Digitalen Sphäre von Dennis.
  • Kultur: Plattenkritiken
  • Die Aluhut-Chroniken IV: Die Striche des Teufels

Kommentare sind geschlossen.