Aluhut-Chroniken IV: Die Striche des Teufels

Jeden Tag treten wir in Kontakt mit dem Teufel. Nein, damit ist nicht das abendliche Tischerücken oder das malen von Pentagrammen mit Ziegenblut gemeint. Schon viel früher am Tag geht es los. Dann wenn wir, die geneigten Satansanhänger_innen, uns voller Unschuld ein Glas industrieller Milch einschenken (oder Orangensaft, oder einen Tee), preisen wir den Fürsten der Dunkelheit. Wir huldigen Satan auch, wenn wir Augentropfen nehmen oder Klopapier benutzen. Denn all diese Sachen besitzen Barcodes. Das sind die Striche, die an der Supermarktkasse so einen hübschen PIEPS verursachen. Jeder Piep ist ein Piep für Satan und jeder Strichcode zerstört unser Karma.

Doch vielleicht erst mal der Reihe nach. Für alle ohne Aluhut ist der Strichcode eine sogenannte optoelektronisch lesbare Schrift. Mit dieser Schrift werden Daten durch Striche unterschiedlicher Breite sowie Lücken ersetzt, die dann durch entsprechende Geräte wieder ausgelesen werden können. Der Begriff „Code“ in Strichcode bezeichnet dabei jedoch keine Verschlüsselung im kryptografischen Sinn, sondern lediglich die Umwandlung von Daten in binäre Symbole. Erfunden wurde es in den 50er Jahren des vergangen Jahrhunderts, aber erst durch den Druck der Supermarktkette Wal-Mart in den 70ern hat sich das System durchgesetzt. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Formen des Strichcodes. In Europa gilt beispielsweise der sogenannte EAN-Code, in den USA der UPC. Dann wird noch in 1D-, 2D, 3D und seit 2007 auch in 4D-Codes unterschieden, aber das führt hier zu weit. Fakt ist, der Strichcode ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der westlichen Konsumgesellschaft.

Für die Aluhut-Fraktion begann die Aufklärung über die böse Macht der Streifen wahrscheinlich im Jahr 1982 mit dem Buch „The New Money System 666“ von Mary Stewart Relfe. Die Autorin behauptet darin, dass alle Strichcodes die Zahl 666 beinhalten. Die 666 gilt schon in der Bibel als „Number of the beast“ und wurde nicht zuletzt durch den Okkultisten Aleister Crowley Teil der Popkultur. Relfe sah in den Strichcodes den Beweis, dass die Satanist_innen die Wirtschaft übernehmen.
Eine weitere Lesart der Strichcodeverschörung ist, dass der Strichcode unser Karma, wahlweise auch unsere Energie, am fließen hindert. Nachweisbar ist das Ganze natürlich auch. Einfach mal das eigene Energiefeld mit einer Wünschelrute abtasten. Wenn sich ein Strichcode in der Nähe eures Körpers befindet, wird euer Energiefeld um die Hälfte kleiner sein. Auch die gute Energie der industriell hergestellten Lebensmittel wird durch die Strichcodes (=Gefängnisstäbe) massiv blockiert.

Doch Hilfe ist unterwegs. Zum einen durch den Hildegard Orgonakkumulator von Jentschura. Dieses Brett, mit aufgemalten geometrischen Formen, „energetisiert Ihre Lebensmittel, Wasser, Pflanzen und Haustiere“ mit Hilfe der „Bionstrahlung“ (= Orgonenergie). Es kostet zwar 1.250 €, dafür ist es aber in „liebevoller Handarbeit gefertigt“ und lädt die Anwender_in mit „kraftvoller Bioenergie“ auf. Es geht jedoch auch billiger. Im Internet kursieren diverse Tricks und Kniffe um die teuflische Macht der Barcodes zu brechen. Da gibt es vom Aufkleber in Kreuzform bis hin zum speziellen Stift zum Durchstreichen alle möglichen Gadgets um die Energie im Fluss und Satan draußen zu halten. Die Angst vorm Strichcode hat inzwischen auch einige Hersteller zum Umdenken angeregt. So hat beispielsweise der Hersteller Rabenhorst bei seinen „Rotbäckchen“-Flaschen und auch Voelkel bei der „BioZisch“-Linie reagiert. Bei beiden wird der Barcode durch einen feinen Strich gekreuzt. So können die Energien wieder fließen und die Kassen machen trotzdem noch PIEPS. Ob dadurch auch die Machtergreifung Satans durchkreuzt wurde, steht auf einem anderen Blatt. Kommt wahrscheinlich darauf an, ob Satan morgens Rotbäckchen trinkt.

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