Selbstmitleidig, weinerlich, peinlich, irgendwie egal

Maximilian N. Conrady formuliert in einer Reaktion auf Jens Störfrieds Artikel aus der letzten Lirabelle Zweifel an der Idee, Freude und Lust zum Zentrum der politischen Praxis zu machen. Um den falschen Gegensatz von echtem und bloß oberflächlichen Empfinden zu überwinden, betont sie die Bedeutung des Beschädigtseins in kapitalistischen Verhältnissen. Die Autorin ist Mitglied des Club Communsim.

Der erste Teil von Jens Störfrieds Artikel in der letzten Lirabelle (#6), der sich als kritische Reaktion auf die bisherige Debatte um Emotion und progressive Politik versteht, lässt mich leider wenig erfreut, dafür wütend und traurig, zurück. Als selbstmitleidig und Heulsuse zum nutzlosen Teil der Welt degradiert, bin ich wieder einmal mitten drin in einer Funktionslogik, die gut auf so was wie mich verzichten kann. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht ernst nehmen, vielleicht ist das ja auch nur ein halbgares Gefühl und vielleicht, ganz vielleicht, sollte ich mich auch einfach nicht so anstellen…
Auch wenn ich (als weibliche Person) mit zur Schau getragener guter Laune immer schon eine bestimmte Objektivierungserfahrung verknüpfe, kann ich Jens diesen Punkt nicht vorwerfen. Es geht ihm nicht um die Performance guter Laune. Die sei ja laut ihm, wenn denn authentisch, auch ambivalent und manchmal – ebenso wie die Traurigkeit – nützlich. Den Relativierungen, Einräumungen und diplomatischen Gesten des Textes zum Trotz hat sein Artikel dabei einen sehr klaren Vorwurf gegen die Forderungen von trauriger Politik: Dieser negative Gestus, mit dem hier Menschen ihr politisches Handeln gestalten, erfasst angeblich nicht die Tiefe, Weite und Schönheit menschlichen Fühlens. Er ist „eine Reduktion menschlicher Empfindung und Wahrnehmung“ in Anbetracht von Freude und der Lust „die Sachen lustig durcheinander“ zu werfen – und ohne diese Freude könne man keine progressive Politik machen.
Zunächst ein einfacher Gedanke zu dieser Idee: Man muss nicht von wüst-bürgerlicher Romantik durchzogen sein, um Trauer auch als einen Ausdruck von Verbundenheit, von Zuneigung, eines Wissens von der (verlorenen) Möglichkeit des Schöneren und Besseren zu verstehen. Also von überaus positiven Emotionen, die aber in dieser Welt in ihrer aktuellen Verfasstheit vielleicht nicht den Platz finden, den wir uns wünschen würden. Ich kann nur um jene Freund_innen trauern, deren Fehlen mich quält. Ich kann nur Negativstes gegen eine Behörde und ihre Angestellten empfinden, wenn der Ärger, die Sorge und der Zwang, die sie für mich bedeuten, nicht auch als abwesend gedacht werden kann. Das ist den meisten bewusst. Anders als beispielsweise die Wut stößt die Trauer ihre Verknüpfung mit der Welt dabei nicht einmal fort.
Jens geht von Lust als Mittel aus, um genau diese Dinge zu bewältigen. Was bei ihm dabei keine Rolle spielt, ist – wenn er die örtliche Linke als (selbst)mitleidig angeht – offensichtlich, dass Trauer, Erschöpfung, Schwäche zu empfinden einen gewissen Zwang auf das Individuum ausübt. Für ihn hat es keine Bedeutung, dass es kein Defizit des Charakters ist, diesen Zwang ernst- und wahrzunehmen bzw. erfahren zu müssen und ihm damit einen bestimmten Raum im eigenen Leben zu geben – was ich im weiteren aufzeigen will.
Es sollte nicht der Fehler sein, von Gewalt betroffen zu sein, zu leiden, etwas zu empfinden, weil die Welt einem etwas bedeutet oder aber auch weil sie sich einem aufzwingen kann. Schon deshalb nicht, weil jegliche Wahrnehmung, jegliches Gefühl, jegliche Beziehung immer eine mit der Welt ist. Meine Gefühle sind dabei nicht dazu da, mich zu „erinnern“, dass mir bestimmte Dinge eine Last sind, wie Jens sagt. Solche Dinge sind eine Last und meine Gefühle Sichtbarwerden meines Verhältnisses zu ihnen.1
Schwach sein zu dürfen, ohne sich selbst dabei entmündigt fühlen zu müssen, ist für viele ein Sehnsuchtsort. Denn nicht anders zu können als schwach zu sein, bedeutet in vielen Fällen das unvermeidbare Unglück Objekt zu werden. Warum sonst sollte es für viele so bedrohlich sein, vor sich und anderen „das Opfer“ (von z.B. Übergriffen) zu sein? Wie bitte soll das Konzept der Solidarität mit Schwachen und Marginalisierten aussehen, wenn sichtbare Schwäche in einer Welt der Stärke nicht als drohende, zusätzliche Degradierung problematisiert wird? Das Recht auf Momente der Schwäche und Nichtfunktionieren ist nicht etwas, das für die Revolution mal beiseite getan werden kann – wie es sich bei Jens abzeichnet. Schwäche ist die Negation einer Welt der Stärke, Härte und Kälte. Und eine solche Härte kann sich auch in einem Lächeln ausdrücken.
Aber tue ich Jens nicht unrecht damit, wenn er doch nur um die Vielfalt in der politischen Arbeit besorgt ist? Und verweigere ich in einer Bestärkung des Düsteren nicht anderen einfach jene Freude2, die ebenso utopische Forderung sein könnte – und die ihren Raum im politischen Feld hat?
Es geht Jens bei der Freude am Politischen nicht zentral um die kleinen bilanzierbaren Erfolge eines geschlossenen Naziladens oder einer verhinderten Abschiebung. Abgesehen davon, dass diese kleinen Glückspflaster nach Kurzem auch oft nur die eigentliche Größe der Wunden entblößen, ist das einfach nicht der behandelte Maßstab.
Es geht ihm um den Prozess, die politische Handlung selbst, ums „Spiel“ wie es bei ihm heißt. In ihm soll sich schon das Ergebnis prozesshaft entfalten. Er macht gerade Revolution. Deswegen ist es für Jens auch erforderlich, hier schon als ganzes Individuum sichtbar zu werden und eine positive emotionale Bindung an das Tun zu haben. Das Sichtbarwerden ist schon Teil von dem, was er will. Und ja, es ist wohl richtig zu behaupten, dass „Politik machen“ von Zeit zu Zeit Spiel, Spaß und (durchaus auch nette Ent-)Spannung bedeuten kann. Mit einer Nachttanzdemo ein Autonomes Zentrum zu fordern, ist eben auch ein Rave, der die Alltäglichkeit (auch von Demostrukturen) brechen kann. Den örtlichen Naziladen zu „verschönern“ kann für einen Moment von Wut und Ohnmacht erlösen und gemeinsam ein Flugblatt zu verfassen, kann Gefühle der Vereinzelung verringern. Anders als bei anstrengenden, belastenden Tätigkeiten kostet es dabei weitaus weniger Mühe, Zeit und Energie in solche Projekte zu stecken. Jens‘ politische Freude ist dabei die Energie zur Welteroberung (qua Erfahrung), die aus einem tiefen, ursprünglich unschuldigen, fast kindlichen Kern herauf treibt.
Weshalb dies das größte Problem seiner Argumentation wird, zeigt sich genau hier: Gefühle können in unterschiedlichste Kategorien sortiert werden. Jens bespricht die Trennung in negative und positive Gefühle. Dabei sind sie für ihn alle Teil des „menschlich bleiben[s]“.
Eine andere, unsichtbar bleibende Trennung, die er vornimmt, ist die zwischen echtem und unechtem Gefühl. Deswegen ist schon der Begriff des Spaßes für ihn einer, den er eher mit „Eskapaden“ und „Zeitvertreib“ verbindet, anders als die „echte Freude“. Es steht „kompensierende Wohlfühlpropaganda“ gegen „schöpferische Lust“. Beschädigt ist bei ihm das Leben da, wo es unzweideutig weh tut, im Konkurrenzkampf oder wo die Selbstermächtigung eben nur „Propaganda“ ist. Beschädigung bedeutet Beschränkung eines ursprünglichen, heilen Zustandes3, so die These. Die kapitalistischen Zustände beschädigten das eigenes Leben eben nur da, wo man sich nicht „vielfältig“ und „eigensinnig“ entziehen kann, ins Echte, Durchdringende, „wirklich“ Verändernde. Es genügt völlig – so Jens – sich nicht zu extrem zu freuen, daran zu denken, dass ja noch gar nicht viel geschafft ist und alles ambivalent bleibt, dann bleibt man menschlich. Dann versinkt man nicht in die korrumpierende, aktuelle Anziehung der Machterfahrung.
Dass sogar unsere Art zu begehren, zu lieben, zu wünschen konstant Teil einer Totalität ist, die nur als ganze beschädigt zu denken ist, und welche damit ebenso beschädigt sind, wie all jenes was wir als „Fremdes“ und damit als Widerspruch in uns realisieren, blendet er damit konsequent aus. Widersprüche werden as etwas Außerweltliches gedacht, anstatt zu verstehen, dass jeder Widerspruch, zu dem wir uns verhalten, aus der Welt resultiert und damit ein Widerspruch ist, dessen Seiten eine gemeinsame Beschädigung in sich tragen.
Das System als Teil seiner Selbst zu denken, bedeutet auch zu realisieren, dass selbst das, was wir als tief und „ehrlich“ identifizieren, aus dieser Welt stammt, in ihr geprägt und kategorisiert wird – von Anfang an. Ich trenne nicht zwischen tiefer Freude und seichtem Spaß, weil sie notwendig etwas anderes mit mir machen, sondern weil diese Unterscheidung mich auf einen gesellschaftlich erwünschten Umgang mit der Emotion verweisen. Spaß hat z.B. zeitlich begrenzt zu sein oder seine Form zu ändern, damit er produktiv zu meiner Verwertbarkeit beiträgt. Gelingt mir die Ökonomisierung meiner Gefühle nicht, bleibt nur die Unerträglichkeit, nicht das autonome Subjekt zu sein, das ich im kapitalistischen Normalbetrieb immer sein muss.
Die Kritik kann entsprechend auch nicht sein, dass nur das, was in irgendeiner Natur des Menschen liegt, ihm zu eigen sein und von ihm gefühlt werden darf.4 Die Beschädigung bedeutet nicht, dass wir automatisiert bestimmtes wollen oder begehren, auch wenn Beschädigungen mitbestimmen, wie wir ausformulieren, was wir wollen. Der Riss der Beschädigung wird von dem Gefühl verdeckt, unsere „authentische“ Emotion mit Tiefe und Ernsthaftigkeit als einzige Form unseres Sein vertreten zu müssen – und jeden Verstoß gegen diese Tiefe, der die Formen von Bedeutungslosigkeit, Leichtfertigkeit, Widersprüchlichkeit annimmt, an uns selbst zu ahnden. Genau die Pflicht zum „Authentischen“ und „Tiefen“ als Rechtfertigung, wie etwa die Konstruktion echter Freude, degradiert alles, was sonst Lust bereitet zum Illegitimen und macht das scheinbar Echte zu dem, was als einziges die „Guten“ von den „Bösen“ trennt.5
Die eigene Lust am Zerstören, Zerwerfen, Neuordnen, das tiefe Begehren sich der Dinge zu ermächtigen, ist dabei ebenso Produkt des Systems, in dem wir leben, wie die oberflächliche Bespaßung. Dass es emotional befriedigen soll, Macht zu erfahren, kann nur aus einer Welt resultieren, die konstant das Gefühl vermittelt, es bräuchte Macht, Härte, Stärke, einen Subjektstatus, um nicht leiden zu müssen; eine Welt, die den Wunsch weckt, zu zerstören statt zerstört zu werden, kein „Opfer“ sondern „Täter“ zu sein. Das Risiko ist dabei nicht zentral ein Fest des eigenen Aktivismus, es ist die Gefahr, das eigene Grausen, Leid und die eigene Übergriffigkeit damit zu legitimieren, man täte hier etwas Menschlicheres. Und dabei die Menschlichkeit der eigenen Beschädigung auszublenden.
Dass etwas Freude oder Spaß bringt, ist in Ordnung. Gerade, weil die Welt einem zumeist genau diese Gefühle vorenthält. Sie sind eben nicht böse. Sie erlösen für den Moment von Sorgen, Leid, Qualen der politischen Arbeit, die oft nur ein Kampf gegen Windmühlen ist. Habt Spaß – und damit meine ich Spaß. Es ist dabei gleich, ob es das „richtige“, das „artige“ Gefühl ist. Dass Dinge, die uns froh machen, Teil unseres Lebens sein können, ist überhaupt nicht abzulehnen. Aber gute Gefühle legitimieren nichts. Etwas Hilfreiches, Sinnvolles zu tun, kann weh tun, Frieren, Stress, Ärger mit der Polizei bedeuten. Wenn es auch Vergnügen bringen kann, man sich über das Ergebnis oder auch den Prozess bestenfalls etwas freut: gut. Aber nicht richtiger.
Immerhin: Erkundungen und Spiele, in denen wir lernen können, die Welt als in ihrer Möglichkeit anders und neu zu träumen, sind nur mit einer lustvollen Einlassung möglich. Doch wenn sie unsere einzige Praxis werden, verlieren wir den suchenden Blick für das, was wir in unserer Beschädigung nicht ohne weiteres, vielleicht sogar niemals, werden sehen können.
Traurige Praxis ist nicht eindimensional. Und ebenso nicht oberflächlich. Sie weiß um den Umstand, dass auch ihre Freude nicht anders ist als Traurigkeit und wählt das Traurige, nicht weil es das einzige ist, was es zu fühlen gilt, sondern weil es, völlig gleich, ob man es fühlt oder fühlen könnte, eine bestimmte Art von Handlungen bedingt. Sie macht vorsichtig, nimmt sich selbst ernst, kennt ihr eigenes Schwachsein und ihre Teilhabe am Schrecken, gerade im Moment der Härte und Durchsetzung und ahnt um die unwiederbringlichen, daraus resultierenden, Verluste. Traurige Praxis ist unsere Möglichkeit, alles, was in einem ist, genauso wichtig zu finden und ernst zu nehmen, wie das, was um einen ist; und genauso falsch.

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1
Dass das Gefühl selbst real ist, heißt dabei nicht, dass die Ursachen des Gefühls immer einen realen Gegenpart haben. Angst vor Chemtrails ist eine ziemlich irrationale Angst. Ihr Wahrheitsgehalt ist, dass ich wirklich Angst habe – vor dem, was Chemtrails für mich bedeuten. Dass ich mich darüber aufklären kann und auch sollte, weshalb ich etwas fühle, delegitimiert nicht das Gefühl. Es nimmt es ernst. Nehme ich das Gefühl nicht ernst, setzte ich mich eben nicht mit dem unbewussten Teil meines Denkens auseinander, der so wesentlich mitbestimmt, mit welchen Themen ich bereit bin mich zu konfrontieren, welche Argumente ich gelten lasse und welche ich abwehre.

2
Die Trennung der Begriffe Spaß und Freude soll hier nur grob sein: Freude wird in der Regel für tiefe, komplexe und in der Reflexion immer noch als gut zu bewertende Empfindungen benutzt, Spaß für spontane, impulsive, unreflektiert gute Gefühle. So versteh ich auch die Trennung, die Jens macht.

3
Wenn Jens vom „lustig[en] Umwerfen“ und in ähnlichen Metaphern spricht wird deutlich, wie sich dabei ein Bild einer unversehrten Kindlichkeit entfaltet. Die Implikationen von freiwilliger Selbstentmündigung und Entmündigung von Kindern sind nur einige der Nebeneffekte dieser Konzeption.

4
Dass das Nicht-Fühlen ein Individuum auf keinen Fall entmenschlicht, bekommt leider oft (und auch leider hier) viel zu kurz. Die Größe des Tabus spiegelt sich in der Abdrängung in Pathologisierungen, dabei ist das sich Unverbunden- oder Unbeteiligt-Fühlen diesen Verhältnissen entsprechende und daher alltägliche (Nicht-)Regungen.

5
Ironischerweise kann gerade das Spiel, das von den Pflichten des Überzeitlichen entbunden ist, nur dann authentisch sein, wenn es seinen Charakter der Leichtigkeit mit einem tiefen Ernst durchsetzt. Es verliert seine eigentliche Qualität durch den Anspruch der Widerspruchslosigkeit.

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