Immer wieder montags: Für Frieden ohne Freiheit

Totgesagte leben bekanntlich länger, wobei die Vitalfunktionen der neuen Montagsdemonstranten lediglich in physischer Hinsicht einwandfrei vom Autor validiert werden können. Ox Y. Moron über eine stagnierende Bewegung, die keiner gebraucht hätte.

Was ist die neue Montagsdemo?

Seit Monaten versammeln sich immer montags gegen 18 Uhr auf dem Erfurter Anger Menschen, die ihren Unmut über Gott und die Welt lautsprecherverstärkt kundtun. Sie sind Teil einer bundesweiten Bewegung von sogenannten „Mahnwachen für den Frieden“. Bei diesen Demonstranten, die anfangs vorgeblich gegen einen vermeintlich bevorstehenden Krieg in der Ukraine protestieren wollten, handelt es sich um Menschen mit unterschiedlichsten Graden der Verwirrtheit. Einige suchen unentwegt den Himmel ab, weil sie glauben, die von Flugzeugen dort hinterlassenen Kondensstreifen seien giftige Chemikalien, die den Widerstandswillen der Bevölkerung brechen sollen. Andere meinen, die Bundesrepublik Deutschland sei ein Wirtschaftsunternehmen, das von fremden Mächten gesteuert werde, und sie selber seien eigentlich immer noch Bürger des 1945 militärisch zerschlagenen Deutschen Reiches. Wieder andere sind der festen Überzeugung, dass bestimmte Machthaber wie Merkel und Obama nur menschliche Hüllen von in Wahrheit reptiloiden Aliens sind. Diese Menschen, die in unterschiedlichster Weise dem Wahnsinn verfallen sind, haben vor allem eines gemeinsam: eine diffuse Unzufriedenheit und das dieser vorangehende Unverständnis der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise, an der einige bereits unrettbar dem Wahnsinn verfallen scheinen. Sie verstehen die kapitalistische Gesellschaftsordnung nicht als Totalität bzw. zumindest als Grundordnung, deren Strukturen, Zwängen und Normierungen auch sie unterliegen könnten, sondern als Projekt einer kleinen Elite, die sich die ehrliche Arbeit der Massen an „kleinen Leuten“ zunutze macht, diese bewusst manipuliert, ausbeutet und unterdrückt. Teil dieser Elite ist das Zins- und Finanzsystem, das man klassisch strukturell-antisemitisch von der Produktionswirtschaft getrennt wissen will, die westlichen Regierungen, ihre Institutionen und Geheimdienste und die westlichen Massenmedien. Schuld am Weltübel ist nicht die Produktionsweise als Ganzes, die dafür sorgt, das nur produziert wird, was verkauft werden kann, sondern die vermeintlichen Nutznießer dieser Ordnung. Wer Namen nennt, weiß von den Bilderbergern, den Rothschilds oder den Zionisten zu berichten. In jedem Fall hat sich eine kleine Elite gegen die Masse verschworen und bereichert sich fortan auf deren Kosten. Eine ausführliche Kritik dieser Verkürzung kann hier nicht erfolgen. Es soll zunächst der Hinweis genügen, dass die Montagsantisemiten wie andere Antisemiten vor ihnen auch hinter den irrationalen Abläufen der kapitalistischen Elends- und Reichtumsproduktion eine steuernde Rationalität erkennen wollen, nämlich handelnde Menschen; dass diese Leute also eine komplexe Gesellschaftsordnung auf ein einfaches Verhältnis zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, Manipulierern und Manipulierten herunter brechen – ein Verhalten, das bei Linken und Rechten zu finden ist, und deswegen ein Grund, warum die rechten Montagsdemonstranten glauben irgendwie auch Linke zu sein.1 Wäre nur jeder, der meint irgendwie gegen Kapitalismus zu sein ein Linker, die Linke wäre unrettbar verloren.

Es gibt sie immer noch

Nicht wenige alteingesessene Linke waren sich sicher, dass die seit April 2014 in Erfurt laufenden Montagsdemonstrationen nur ein kurzzeitiges Phänomen seien, sich innerhalb von Monaten kaputtspalten würden oder am Rumstehen vorm Lutherdenkmal ohne besondere öffentliche Aufmerksamkeit die Lust verlieren. Doch nicht einmal die Fußball-Weltmeisterschaft der Herren und ihr unsäglicher Ausgang bereiteten den Montagsdemos ihr wohlverdientes Ende. Sie laufen bis heute (Stand: 10.11.2014). Allerdings ist auch die Entwicklung dieser Demonstrationen in Erfurt und andernorts nicht die, die sich die Initiatoren erhofft hatten. Kurz nach der Spaltung und dem Rechtsruck bei der Erfurter Montagsdemo im Mai diesen Jahres2 tönten die Initiatoren um Konstantin Stößel und Mario Rönsch auf der Facebook-Seite der Erfurter Montagsdemo, dass es das Ziel sei, in einigen Wochen auf den Erfurter Domplatz zu wechseln, da der Anger für die wachsende Bewegung zu klein werde. Aus gutem Grund spricht von einem solchen Ortswechsel heute keiner mehr. Die Teilnehmerzahlen der Kundgebungen auf dem Anger, die zu Beginn mehrere hundert Leute anzogen, sind auf einen harten Kern von 30-50 Leuten zurückgegangen. Dieser harte Kern besteht auch aus Teilnehmern aus anderen Städten. Beispielsweise gibt es eine recht aktive Fahrgemeinschaft, die sich allmontaglich aus Ilmenau auf den Weg nach Erfurt macht.

Jürgen Elsässer und die Bandbreite

Den Organisatoren der Montagsaufmärsche in Erfurt gelang es in den vergangenen Monaten bereits zwei mal Querfrontprominenz auf den Anger zu lotsen. Nachdem am 26. Mai der homophobe Ex-Linke und vom Kritiker des Antisemitismus zum Antisemiten geläuterte Jürgen Elsässer in Erfurt auftrat3, lud man sich für den 29. September die sich für Rapper haltenden Schlagersänger der Band „Die Bandbreite“ ein, die ebenso wie Elsässer Teil der sogenannten Truther-Bewegung sind. Jene Band aus Duisburg, der man eine gewisse Nähe zur MLPD nachsagt, darf eine ganze Palette verschwörungsantisemitisch-beladener Songs ihr eigen nennen. In den Kreisen der Montagsquerfront liebt man sie vor allem für ihren „Hit“ „Selbst gemacht“, in dem die Schlagerrapper um Frontmann Marcel Wojnarowicz nicht bloß die beliebte Truther-Verschwörungstheorie aufgreifen, die Amerikaner hätten die Terroranschläge vom 11. September 2001 selbst inszeniert, sondern solches Vorgehen auch für den Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 unterstellen. Ziel der Amerikaner sei es beide Male gewesen, sich einen Vorwand zu verschaffen, um in den Krieg zu ziehen. Unter anderem aufgrund dieser öffentlich vorgetragenen Wahnvorstellungen schloss der SPD-nahe Jugendverband „Die Falken“ Marcel Wojnarowicz aus der Organisation aus. Wojnarowicz schmerzt solcher Liebesentzug sehr. In Erfurt jammerte er darüber, dass ihm linke Gruppen und Organisationen mit ihren Interventionen gegen seine Auftritte die Existenzgrundlage nehmen würden. Eine solche Intervention blieb auch am 29. September nicht aus. Ca. 20 Antifaschistinnen und Antifaschisten protestierten mit einem Transparent und Zwischenrufen gegen den Bandbreiten-Auftritt und den Montagsaufmarsch. Auf der Facebook-Seite der Erfurter Querfront stieg man sogleich in die Debatte um den 11. September ein und mutmaßte über atomare Sprengsätze, die die Amerikaner mitten in New York zur Detonation gebracht hätten. Keine Absurdität ist zu abgefahren, wenn es um den bloß noch als Psychopathologie zu erklärenden Hass auf Amerika geht.

Konsumverzicht und direkte Demokratie

Einer der Köpfe der Erfurter Mahnwachenorganisation ist der Anmelder der Kundgebungen Konstantin Stößel. Stößel, der kürzlich beim antifaschistischen Ratschlag in Erfurt aufschlug und des Hauses verwiesen wurde, behauptet immer wieder Freunde bei „der Antifa“ zu haben und früher selber in der linken Szene unterwegs gewesen zu sein. Abwegig ist das nicht. Stößel tritt zwar sendungsbewusst und autoritär auf, ist aber alles andere als ein Nazi. Er wäre der beste Beweis dafür, dass man sich Jahre in der linken Szene bewegen kann, ohne auch nur das Mindeste über die kapitalistische Gesellschaft verstanden zu haben. Er ist, was man einen Bauchlinken nennen könnte, einer, der sich als mutiger Rebell gegen den Mainstream versteht, aber zielsicher das Ressentiment der Masse bestätigt; ein Populist, der sich für den Politbetrieb jahrelang in WG-Küchen vorbereitete, in denen man das Unrecht anprangerte ohne seine Ursachen zu verstehen.
Und da verwundert es kaum, dass Stößels Steckenpferd die Predigt über den Konsumverzicht ist. Auf jeden über die bloße Subsistenz gehenden Luxus soll verzichtet werden: Urlaubsflüge, schicke Klamotten, neueste Technik. Auch Blumen aus dem Trikont kauft Stößel nicht mehr, denn, wie er nicht müde wird zu erklären, raubt die Blumenproduktion den Menschen vor Ort das nötige Trinkwasser. Das mag sein. Aber der Grund dafür liegt eben darin, dass es für Blumen in Europa einen kaufkräftigen Bedarf gibt und für sauberes Trinkwasser im Trikont oftmals nicht. Da kann Stößel verzichten, wie er will, die Teilhabe an Grundnahrungsmitteln bleibt den Ärmsten dieser Welt trotzdem verwehrt. Um diese Ärmsten geht es dem Verzichtsprediger ohnehin nicht. Der Verzicht auf bestimmte Konsumgüter, und selbst wenn es viele tun, ändert nichts am gesellschaftlichen Grund für Hunger, Armut und Ausgrenzung. Stattdessen wird der durch die objektiven Verhältnisse den meisten Menschen aufgenötigte Verzicht auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum als Produkt einer höheren Einsicht verklärt. Damit lässt sich nicht nur das eigene Elend leichter ertragen, sondern die Zwanghaftigkeit, mit der Stößel seine Verzichtspredigten wiederholt, legt auch den Verdacht nahe, dass es sich um Ersatzhandlungen für öffentlich vorgetragenen Sozialneid handelt. Dieser Neid auf vermeintlich oder wirklich besser gestellte ist in einer Gesellschaft verpönt, deren durch alle Schichten aufgesaugte Ideologie besagt, dass hier jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. In Wahrheit zielt der Konsumverzicht also nicht auf ein besseres Leben, sondern er rationalisiert und rechtfertigt die Armut und das ihr zugrundeliegende Produktionsverhältnis.
Stößels zweites Steckenpferd ist die vermeintliche Kritik der Demokratie in diesem Land. Dabei geriert er sich wie ein altkluger Hilfslehrer für Sozialkunde und erklärt mit dem Rückgang auf den altgriechischen Wortstamm von dēmos & kratía, dass es sich um die Herrschaft des Volkes handeln soll. Warum aber das Volk nicht herrscht, ist schnell erklärt. Schließlich sei dieses weder in Fragen der Bankenrettung noch der Kriegseinsätze oder generell zu Fragen der Außenpolitik gehört worden. Stößels Lösung ist die der Populisten aller Parteien: direkte Demokratie. Wer so argumentiert, appelliert an den Unverstand der Massen. Er macht einen auf den ersten Blick pragmatischen und deswegen verfänglichen Vorschlag, für den aber in der Wirklichkeit alle Voraussetzungen fehlen und macht damit sich und anderen Illusionen. Die bestehende Form der Demokratie ist keine, in der Entscheidungen von unten nach oben delegiert werden können, weil hier nicht der Wille irgendeines Souveräns bestimmt, sondern die Anforderungen der Produktionsweise. Das heißt, dass bestimmte Entscheidungen innerhalb der bestehenden Verhältnisse immer schon getroffen sind. „Wir entscheiden nicht darüber, ob wir die herrschende kapitalistische Produktionsweise wollen, ob wir die Produktion für einen anonymen Markt statt für die menschlichen Bedürfnisse wollen, ob wir das System der privaten Lohnarbeit bzw. der kapitalistischen Ausbeutung wollen.“4 Wer den Zusammenbruch der Produktionsordnung und des von ihm abhängigen sozialen Lebens verhindern will, kann die Entscheidung der Bankenrettung eben nicht den kopflosen Wutbürgern überlassen. Diese der herrschenden Form der Demokratie vorgängigen Voraussetzungen sind im emanzipatorischen Sinne auch nicht per Volksentscheid außer Kraft zu setzen, sondern durch eine Bewegung, die den erreichten Stand der Freiheit zum Ausgangspunkt aufhebender Umwälzungen nimmt.

Selbsthilfegruppe für Kapitalismusgeschädigte

Angesichts der stagnierenden Teilnehmerzahlen und des sinkenden Interesses an dieser Form der Freizeitgestaltung für verwirrte Unzufriedene stellt sich die Frage, warum die Organisatoren so weiter machen. Die Antwort scheint nahe liegend. Längst sind die Veranstaltungen auf dem Anger, bei denen man sich zu Beginn noch hilflos versuchte, die Welt zu erklären, zu Sitzungen einer unter freiem Himmel tagenden Selbsthilfegruppe für Kapitalismusgeschädigte geworden, die sich Montag für Montag den Frust von der Seele reden oder diesem oder jenem zum Priester degenerierten Verzichtsethiker zuhören wollen, um sich – wie das in Kirchen so ist – gemeinsam weniger einsam zu fühlen. Die real Vereinzelten treibt eine freilich von den gesellschaftlichen Verhältnissen zu verantwortende Ohnmacht auf die Straße, nur will keiner mehr diese Ohnmacht wirklich verstehen, sondern sich in seinem falschen Verständnis, seinem Ressentiment bestätigen lassen. Überhaupt sind die Parallelen zur gemeinen Verhaltenstherapie offensichtlich. Hier wie da geht es nicht um ein Verständnis der gesellschaftlichen Ursachen für psychische und psychosomatische Probleme, sondern darum irgendwie damit klar zu kommen, eben um Frieden ohne Freiheit. Hierin liegt auch der Grund, warum der Vergleich von Georg Dorn in Ausgabe 5 dieses Heftes fatal ist.5 Dorn verglich die politischen Positionen der Montagsdemonstranten mit der ersten suchenden Phase seiner eigenen Politisierung. Dorn verkennt, dass die allmontaglich aufmarschierenden Antisemiten zumeist keine Teenager sind und auch nicht die ersten 30 Jahre ihres Lebens in einem Stollen verbracht haben, sondern schon eine ganze Weile auf der Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Verwerfungen unterwegs sind. Ihr Ressentiment gegen das Unverständliche, Geheimnisvolle, kurz: das Abstrakte kapitalistischer Vergesellschaftungsdynamik ist weniger mit der Unschuld pubertären Ungestüms zu erklären, als mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, die solche Ideologie notwendig produzieren. Im Falle des Antisemitismus wie des Rassismus ist dies eine Schutzreaktion des politökonomisch-konstituierten bürgerlichen Subjekts gegen die eigene gesellschaftlich-produzierte Überflüssigkeit.6 Die als Selbsthilfegruppe ihr Leiden an der eigenen Überflüssigkeit für das herrschende Produktionsverhältnis kompensierende Montagsquerfront ist keine soziale Bewegung, sondern Vorzeichen einer potentiell größer werdenden Zahl von Menschen, die an den objektiven Verhältnissen dem Wahnsinn verfallen.

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1
Zwar betonen die meisten Protagonisten immer wieder, ihr Protest sei einer des ganzen Volkes und keiner von links oder rechts, aber bisweilen herrscht Unverständnis darüber, dass die Antifa, die man zu recht ganz links einordnet, gegen die Montagsaufmärsche protestiert, statt sich einzureihen. Schließlich, so die Denke, habe man Schnittmengen im Streben nach Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und anderen Worthülsen, denen die materielle Ordnung widerspricht.

2
Vgl. Artikel auf meinem Blog: http://bit.ly/1pb15j1

3
Vgl. Artikel auf meinem Blog: http://bit.ly/1jxcLIJ

4
Aus dem zur Vertiefung empfohlenen Text „Wir haben keine Wahl“ aus der Alerta Südthüringen #2: http://agst.afaction.info/archiv/657/alerta-sth-2.pdf

5
Vgl. Lirabelle #5, Juni 2014: S. 19ff.

6
Ein Sachverhalt dessen Ausführung die begrenzte Zeichenzahl eines Lirabellen-Artikel nicht mehr her gibt. Stattdessen verweise ich zunächst auf einen Podiumsbeitrag der Antifa Suhl/Zella-Mehlis, der etwas weiter in die Tiefe geht, als ich das hier kann: http://bit.ly/1sGsJci

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