Monatsarchiv: Dezember 2014

Lirabelle #7

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Editorial

Thüringen hat gewählt. Alle fünf Jahre stellen sich auf Länderebene Parteien zur Wahl, die die Sachzwänge verwalten und das Leben in den dafür vorgesehenen Bahnen halten wollen. Die größte Fraktion stellten mal wieder die Nichtwähler mit 47,3 Prozent. Da diese gewöhnlich aber keine Sitze im Landtag zugesprochen bekommt, wird aus den übrigen Kleinparteien dann eine Regierung gebildet. Die, die sich nun anbahnt aus Linke, SPD und Grünen bedeutet für die einen den Untergang des Abendlandes und für andere wiederum den großen sozialen Aufbruch. Warum weder das eine noch das andere ansteht, wusste unser Autor Simon Rubaschow, ohne dass wir ihn dazu befragt hätten. In seiner Rezension zum Film „Die wilde Zeit“ in dieser Ausgabe schreibt er: „Die Revolutionierung der Verhältnisse kann […] nur als Revolutionierung aller gesellschaftlichen Verkehrsformen gelingen, ansonsten schlägt sie in eine konterrevolutionäre Praxis um, die Politik als bloßen Kampf um Herrschaft versteht, sich auf die Organisierung von Hegemonie […] zurückzieht und […] zugunsten von Massenkompatibilität jeden transformatorischen Anspruch aufgibt.“ Weil also neue Inhalte neuer Formen bedürfen und die rot-rot-grünen Parlamentarier_innen sich in den bestehenden ziemlich wohlfühlen, deswegen gibt es ein paar Euro mehr für Anti-Nazi-Projekte, aber keinen Umbruch in der Gesellschaft, die die Nazis erst hervorbringt. Deswegen werden wir uns vielleicht an Aufmärsche wie den vom 9. November gewöhnen müssen, als 800 mit Fackeln bewaffnete Antikommunist*innen aller Lager den Jahrestag der Reichspogromnacht auf dem Domplatz begingen, weil sie um den Fortbestand des besagten Abendlandes oder einfach um ihre Privilegien fürchteten.
Gegen noch üblere Menschenfeinde als die aktuellen deutschen Antikommunist_innen kämpfen derzeit die Kurdinnen und Kurden in Syrien und im Irak. Über diesen Kampf haben wir ein ausführliches Interview mit dem kurdischen Aktivisten Ercan Ayboga geführt. Außerdem findet ihr in der aktuellen Ausgabe eine Auseinandersetzung mit der Erfurter Montagsquerfront, linken Kongressen, trauriger Praxis und vieles mehr. Lasst mal von euch hören!

Eine schöne Zeit der besinnungslosen Besinnlichkeit
– auch Weihnachten genannt –
wünscht
eure Lirabellen-Crew!

Inhalt

  • News
  • Leserbriefe
  • Interview: „Gegen faschistische Kräfte, die nur die Vernichtung wollen, hat man das Recht, sich mit Waffen zu verteidigen“
    Ox Y. Moron und Eva Felidae im Interview mit Ercan Ayboga, einem Mitglied des Kulturverein Mesopotamien. Das Interview wurde am 28.10.14 geführt, es dient weniger der aktuellen Information über den Angriff des IS auf Rojava, als der Schaffung eines allgemeinen Überblicks über den Konflikt und seine Beteiligten.
  • Einschätzung: TTIP – Die Wirtschaftsnato
    Volker Henriette S. bringt ein wenig Licht ins Dunkle der stattfindenden Verhandlungen um TTIP und macht auf Konsequenzen aufmerksam, die bei einem Inkrafttreten des Handelsabkommens folgen werden.
  • Einschätzung: Immer wieder montags – Für Frieden ohne Freiheit
    Totgesagte leben bekanntlich länger, wobei die Vitalfunktionen der neuen Montagsdemonstranten lediglich in physischer Hinsicht einwandfrei vom Autor validiert werden können. Ox Y. Moron über eine stagnierende Bewegung, die keiner gebraucht hätte.
  • Intervention: Vorschläge zu linken Konferenzen
    Ich gehe gerne mit Freund_innen auf linke Kongresse. Mit Faszination beobachte ich, wie die verschiedenen Kegelclubs und Kaninchenzücher_innenvereine der Linken ihre ganz spezifischen Schrullen pflegen. Besonders schön ist es, wenn Leute sich ganz anders verhalten als erwartet, wenn z.B. die vermeintliche Macker-Antifa lecker kocht und ganz entzückend freundlich bei der Essensausgabe ist. Die folgenden Vorschläge zur Kongress-Gestaltung sind bei einem Kongress entstanden, bei dem viele Klischees bedient wurden. Von Pierre Bourdieu (angefragt).
  • Reaktion: Selbstmitleidig, weinerlich, peinlich, irgendwie egal
    Maximilian N. Conrady formuliert in einer Reaktion auf Jens Störfrieds Artikel aus der letzten Lirabelle Zweifel an der Idee, Freude und Lust zum Zentrum der politischen Praxis zu machen. Um den falschen Gegensatz von echtem und bloß oberflächlichen Empfinden zu überwinden, betont sie die Bedeutung des Beschädigtseins in kapitalistischen Verhältnissen. Die Autorin ist Mitglied des Club Communsim.
  • Bericht: Gedanken zu Majdanek
    Im Oktober 2014 findet sich eine Reisegruppe von 30 Menschen zusammen, um gemeinsam an einer Bildungsfahrt nach Lublin, Treblinka und Warschau teilzunehmen. Viele der jungen Menschen sind das erste Mal in Ostpolen. Sie wollen an historischen Orten mehr erfahren über die nationalsozialistische „Aktion Reinhardt“ – vielleicht auch ein wenig verstehen – mit dieser Hoffnung werden wohl viele solcher Bildungsfahrten konzipiert – eingelöst werden, kann sie nicht. Eine Teilnehmerin reflektierte etwa „Je mehr ich erfahre, desto weniger Sinn macht es.“ Auch deshalb ist dieser Bericht ein Sammelsurium an brüchigen, unvollständigen Gedanken zum Besuch Lublins und der Gedenkstätte Majdanek. Von Franziska.
  • Buchrezension: Die Bewegung muss breiter werden!
    Gwen rezensiert ein Buch über die Diktatur der Schlankheit und den Widerstand gegen unbarmherzige Körpernormen.
  • Filmrezension: Die unendeckte Zeit
    Auf der Suche nach einer revolutionären Praxis kuckt sich Simon Rubaschow den Film „Die wilde Zeit“ an.
  • [neu] Repressionsschnipsel
    Diese neue Rubrik fokussiert aktuelles Geschehen in Sachen Repression. Für die Zuarbeiten danken wir den Rote Hilfe Ortsgruppen Erfurt, Weimar und Jena als auch der Soligruppe „Weimar im April“.
  • Die Aluhut-Chroniken III: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Aluhut-Chroniken III: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo …

Niemand hat jemals Christian Anders nach einer politischen Analyse gefragt. Mit Stücken wie „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ oder „Der letzte Tanz“ hat er in den 1970ern eine bescheidene Karriere als Schlagersänger hingelegt und wäre wohl danach von der Welt vergessen worden, wenn er nicht in den 1990er-Jahren medial als Lanoo wiedergeboren worden wäre. Lanoo macht sich nun keine Sorgen mehr über „Das schönste Mädchen, das es gibt“ oder „Das Schiff der Illusionen“, sondern über Politik im Großen. Und weil es heute die ZDF-Hitparade nicht mehr gibt, dafür aber das Internet, tritt Lanoo dort auf. „Meine lieben Freunde“ – so beginnen die grotesken Tiraden des „Lanoo Learning Channel“ auf Youtube. Dort kann man erfahren, dass Michelle Obama ein Mann, Ebola und HIV Erfindungen der Pharma-Industrie und Kaffee und Milch tödliche Gifte sind. „Das kann man sich gar nicht vorstellen, aber die Beweise sind eindeutig – es gibt sogar einen Arzt, der es bestätigt“. Dass die eindeutigen Beweise außerhalb der Truther-Szene nur für Heiterkeit sorgen, liegt laut Lanoo vor allem daran, dass Politiker und die Medien von den Bilderbergern beherrscht werden, die in einer Art kollektiver Gehirnwäsche den Menschen jegliche Vernunft ausgetrieben haben. Wo Verschwörungstheorien sind, ist meist der Antsemitismus nicht fern, deswegen wundert es nicht, dass sich Lanoo 2005 in einem Liedtext auf den antisemitischen Klassiker „Die Protokolle der Weisen von Zion“ berief, jüdische Familien als Herren der Welt bezeichnete und George Bush mit Adolf Hitler verglich. Das war dann selbst den Boulevardmedien zu viel: Pro Sieben sagte einen geplanten Auftritt bei einer Benefiz-Gala ab. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass Lanoo sich seitdem mit offen antisemitischen Aussagen zurückhält. Aber der nächste Aufreger ist schon veröffentlicht. Zur Melodie seines größten Hits trällert Anders „Es fährt ein Zug nach Ebola“, dazu kursiert ein menschenverachtendes Video im Internet. Truther und Infokrieger freuen sich, aber die gewünschte große Aufmerksamkeit bringt auch das nicht. So tingelt der ehemalige Schlagerstar nun durch Altenheime, um sein Auskommen zu bestreiten. Ob gemeinsame Auftritte mit Xavier Naidoo – neuerdings bei den Reichsbürgern – und Nina Hagen – schon lange mit dem UFO unterwegs – geplant sind, ist noch unklar. Es würde neue Dimensionen des Unfugs eröffnen.

Repressionsschnipsel

Diese neue Rubrik fokussiert aktuelles Geschehen in Sachen Repression. Für die Zuarbeiten danken wir den Rote Hilfe Ortsgruppen Erfurt, Weimar und Jena als auch der Soligruppe „Weimar im April“.

Erste Einstellungen in Verfahren nach CZS11-Besetzung in Jena

Die Staatsanwaltschaft Gera hat das Verfahren wegen Hausfriedensbruchs gegen eine*n von drei der Besetzer*innen der Carl-Zeiss-Straße 11 eingestellt. Die Begründung lautete „mangelndes öffentliches Interesse an einer Strafverfolgung“. Ebenso wurden die Ermittlungsverfahren gegen mindestens zwei Blockierer*innen des Hauseingangs eingestellt, denen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamt*innen vorgeworfen worden war. Hier lautete die Begründung „Geringfügigkeit der Schuld“.

Josef: Wiener Polizei will 10.000 Euro für Streifenwagen

Trotz der eingelegten Nichtigkeitsbeschwerde (ähnlich der Revision in Deutschland) und Berufung von Josefs Verteidigung gegen seine Verurteilung in allen drei Anklagepunkten in erster Instanz hat die Wiener Polizeidirektion nun eine Rechnung an Josef geschickt, in der sie ihn zur Zahlung von 9759,44 Euro für einen vermeintlich von ihm zum Totalschaden beförderten Dienstwagen auffordert. Dass das Urteil gegen Josef aufgrund der eingelegten Rechtsmittel noch gar nicht rechtskräftig ist, ist dabei ebenso bemerkenswert, wie dass die Wiener Polizei bereits Rechnungen in verschiedener Höhe an mehrere Teilnehmer*innen der NoWKR-Demo vom 24.01.2014 verschickt hat. Hinzu kommt, dass Polizeibeamt*innen im Prozess angegeben hatten, dass der schrottreife Wagen bereits verkauft worden ist, weshalb eine Beweismittelsicherung nicht mehr vorgenommen werden könnte. In der aktuellen Rechnung an Josef ist hingegen von „Reparaturkosten“ die Rede.

Flüchtlingsaktivist nach Kritik an Racial Profiling wegen Beleidigung angezeigt

Der VOICE-Aktivist Miloud L. Cherif ist von zwei Beamten der Bundespolizei wegen Beleidigung angezeigt worden, nachdem er den Umstand, als einziger Fahrgast eines vollen Zugwaggons zwischen Erfurt und Meiningen nach dem Ausweis gefragt zu werden, als diskriminierend bezeichnet hat. Der Anzeige ging eine längere Diskussion voraus, während Miloud unter anderem per Telefon mit dem Leiter der Erfurter Bundespolizeidirektion verbunden worden war, um von selbigem über die vermeintlichen Gründe der selektiven Personalienkontrolle aufgeklärt zu werden.

„Racial Profiling“-Prozess vorm Amtsgericht Erfurt am 24. Oktober

Ist es eine Tatsachenfeststellung oder Beleidigung, wenn Polizisten als Rassisten bezeichnet werden, wenn sie eine Personenkontrolle nach „Racial Profiling“-Schema durchführen? Den Strafbefehl1 wegen Beleidigung wollte ein Aktivist nicht hinnehmen. Eine unterstützende Soligruppe organisierte vor und im Gericht Öffentlichkeit, die zum großen Teil jedoch von der Verhandlung ausgeschlossen wurde. Die massiven Sicherheitskontrollen am Einlass liefen nicht ohne rassistische Zumutungen ab, während in der Verhandlung dem Angeklagten das Wort entzogen wurde, als er sich zum Verhandlungsgegenstand „Rassismus“ ausführlich äußern wollte, um die rassistische Praxis der Beamten aufzudecken. Der Angeklagte wurde wegen Beleidigung verurteilt.

Dresden / Jena: Prozess gegen Jugendpfarrer Lothar König eingestellt

Das in der Öffentlichkeit mit der Razzia am 10. August 2011 begonnene Verfahren gegen Lothar dauerte drei Jahre an. Nach einem Angebot der Staatsanwaltschaft Dresden und der Zustimmung des Angeklagten wurde das Verfahren wegen des Vorwurfs des schweren, aufwieglerischen Landfriedensbruchs am 10. November eingestellt. Zur Auflage machte das Amtsgericht die Zahlung von 3.000 Euro, wovon eine Hälfte an die sächsische Staatskasse und die andere Hälfte an den evangelischen Kirchenbezirk Dresden Mitte geht. Die Soligruppe JG-Stadtmitte verlautbarte „Für sächsische Verhältnisse stellt diese Entscheidung einen Freispruch dar.“, womit ein bitterer Nachgeschmack in Erinnerung an Falschaussagen von Polizeibeamten und einer politisch agierenden Justiz bleibt.

Update der Soli-Gruppe „Weimar im April“

Wie wir berichteten, zog die Bekanntmachung eines Falles von Polizeigewalt im April 2012 in Weimar nicht die Bestrafung der beteiligten Beamten nach sich, sondern im Gegenteil Ermittlungsverfahren gegen die vier Betroffenen der Übergriffe. Kurz vor Ende des Jahres 2013 erhielten drei der betroffenen Personen Strafbefehle mit dem Vorwurf des Vortäuschens einer Straftat und falscher Verdächtigung.
Die Verurteilung der Betroffenen sollte also schnell und ohne weiteres großes Aufsehen über die Bühne gehen. Die Strafbefehle sollten Tatsachen schaffen: Die PolizistInnen seien fälschlicherweise beschuldigt, die ärztlich attestierten Verletzungen seien nachträglich selbst zugefügt worden und mit Sicherheit nicht in der Polizeiwache entstanden. Dies wollten die Betroffenen nicht hinnehmen und haben Widerspruch gegen die Strafbefehle eingelegt. Das bedeutet, dass es in diesem Fall ein Gerichtsverfahren geben wird. Dieses wird nach mehrmaliger Verschiebung im Februar 2015 am Amtsgericht in Weimar stattfinden. In diesen Prozessen wird es darum gehen, ob die Weimarer Polizei mit dem Leugnen der Vorfälle im April 2012 durchkommt. Der momentane Stand bedeutet, dass es in der Sache „Weimar im April“ keine abschließende Verurteilung gibt: Weder gegen die Betroffenen, noch gegen die Beamten.
Wie geht es weiter?

Als Soli-Gruppe „Weimar im April“ wollen wir weiterhin auf den Fall aufmerksam machen, die Position der Betroffenen stärken und Polizeigewalt als gesellschaftliches Problem thematisieren. Dies haben wir etwa getan, indem wir im April 2014 die Ausstellung „Vermummt und gewaltbereit: Polizeigewalt in Deutschland“ nach Weimar geholt haben – ein Interview dazu findet ihr auf unserer website. Außerdem sammeln wir Spenden, um den Betroffenen die Bezahlung ihrer Anwälte zu ermöglichen. Unterstützung ist nötig und jederzeit willkommen. Für Februar steht die Mobilisierung zu den Prozessen an, auch hier werden wir Kundgebungen vor dem Gericht organisieren.
Kein Vergessen, kein Vergeben!
Infos zur Kampagne und der Soligruppe findet ihr unter: http://wia.blogsport.de

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1
Strafbefehle sind das Resultat eines vereinfachten Verfahrens und sind ohne mündliche Hauptverhandlung innerhalb einer kurzen Frist gültig, wenn der oder die Beschuldigte nicht Widerspruch einlegt.

Die unendeckte Zeit

Auf der Suche nach einer revolutionären Praxis kuckt sich Simon Rubaschow den Film „Die wilde Zeit“ an.

Mitte Oktober sah ich „Après Mai“ (Nach-Mai, der deutsche Verleihtitel ist „Die wilde Zeit“) im Rahmen einer politischen Veranstaltung zum zweiten Mal, und zum zweiten Mal wühlte er mein Denken und Fühlen auf und um. Dem Film gelingt das (zumindest bei mir), da er gleichzeitig das Bedürfnis nach einem ganz anderen Leben drängend zum Ausdruck bringt als auch in der nötigen Bitternis den Widerspruch der herrschenden Verhältnisse zu diesem Bedürfnis aufzeigt. Er spielt – wie der Originaltitel schon sagt – nach dem Mai 1968 in Frankreich. Die Praxis einer Gruppe Abiturient_innen um die Hauptfigur Gilles wird in ihrem letzten Schuljahr und der Zeit danach portraitiert.
Nach etwa der Hälfte des Films findet sich eine Schlüsselszene: Ein französisches Filmkollektiv diskutiert mit italienischen Arbeiter_innen über einen zuvor gezeigten Film, der vom Kampf der laotischen Volksbefreiungsarmee berichtet. Aus dem Publikum kommt eine „Frage an die französischen Genossen: Eure Filme übernehmen die gleichen Muster, wie sie auch von der Bourgeoise genutzt werden. Sollte das revolutionäre Kino nicht auf eine revolutionäre Syntax verwenden?“ Die Antwort des Filmkollektivs: „So ein Stil wäre wahrscheinlich ein Schock und eine Überforderung für das Proletariat. Wir sind angetreten, um aufzuklären“, und: „Wäre es nicht denkbar, dass die revolutionäre Syntax, von der der Genosse gesprochen hat, in Wahrheit vielleicht eher der individualistische Stil des Kleinbürgertums ist.“
In der anschließenden Party knüpft Gilles, der das Filmkollektiv auf dessen Reise begleitet, an die Diskussion an. Er hat „nicht verstanden, wieso die revolutionäre Syntax der individualistische Stil der Kleinbürger ist.“ Gegen die Antwort, dass es „vor allem darum [gehe], über Konflikte zu informieren“ und er „den Stil“ vergessen solle, weil es „doch nur [gelte] das Volk überzeugen, nicht die Ästheten“ stellt er die programmatische These: „Neue Ideen verlangen nach einer neuen Sprache.“
Das Verhältnis neuer Ideen und ihrer Ausdrucksweise ist das Grundthema des Films. Die Gruppe an Abiturient_innen, die im Zentrum des Films stehen, sind im Nach-Mai, im Herbst der gescheiterten Revolution von 1968, auf der Suche nach revolutionärer Praxis, die sie als untrennbares Projekt der Revolutionierung der Verhältnisse und der Lebensform ansehen. Es geht ihnen gleichermaßen um die Abschaffung der Aufstandsbekämpfungspolizei wie um den Kampf gegen die überkommene herrschende Sexualmoral. Sie suchen gleichermaßen nach Formen gesellschaftlicher Selbstverwaltung wie nach einer neuen Formensprache in Popmusik und abbildender Kunst. Die Bewegungen, an die sie dazu anschließen, haben diese Einheit aber längst aufgegeben. Daher finden sie einerseits trotzkistische und maoistische Gruppen vor, für die die Revolutionierung der Geschlechterverhältnisse im besten Falle nebensächlich, ansonsten aber Schmuddelkram ist, der ihren Kampf delegitimiert und die zu organisierenden Arbeiter abschreckt – und andererseits Hippies, die sich gänzlich aus der Politik zurückgezogen haben, und in Spiritualität und Esoterik ihre Befreiung von der instrumentellen Vernunft suchen.1
Gilles kann oder will die Einheit der Revolution auch in dieser postrevolutionären Situation nicht aufgeben. Und während sich seine Genoss_innen und Freund_innen Stück für Stück verstreuen und ihr gemeinsames Ziel zugunsten berauschender Parties, dem Verteilen von Flugblättern vor den Werktoren oder Anschlägen der Stadtguerilla aufgeben, sucht er weiter nach der verlorenen Revolution. Durch diese Suche steht er notwendig abseits der ihren gemeinsamen Bezug verlierenden Bewegungen, bekommt seine Beschäftigung mit künstlerischen Ausdrucksformen ebenso vorgehalten wie seine Missachtung der eigenen Kunst. Und entsprechend bleibt Gilles auch über das Ende des Films hinaus auf der Suche: In der letzten Sequenz sehen wir ihn, mittlerweile in London als Assistent bei einer B-Movie-Produktion sein Geld verdienend, einen Text der Situationistischen Internationalen (SI) lesen. Ihre Diagnose und ihr Programm scheint die Antwort auf die fragende Suche Gilles zu sein: „Die neue Zeit ist zutiefst revolutionär und sich dessen bewusst. Auf keiner Ebene der Gesellschaft will man weiter machen wie bisher. […] Die Forderung nach Leben ist zum revolutionären Programm geworden.“ Doch diese Antwort täuscht, gedruckt ist sie in die 1972 erschiene Auflösungserklärung „Die wirkliche Spaltung der Situationistischen Internationalen“ und ihre Formulierung ist eher Ausdruck der drängenden Notwendigkeit als der wirklichen Aktualität der Revolution. Die neue Zeit ist (den Möglichkeiten nach) zutiefst revolutionär und zugleich (ihrer Realität nach) so nichtrevolutionär, dass der revolutionären Gruppe, die die SI darstellt, nichts bleibt als ihre Auflösung.
Die Situation, die im Film dargestellt wird, zwingt einen Analogieschluss geradezu auf. Auch heute und hier ist das Umstürzen aller Verhältnisse eine Angelegenheit, die nicht in Reichweite erscheint. Und entsprechend verliert sich die radikale Linke auch hier in lauter Nischen, in denen stets ein Teil des Ganzen bearbeitet wird, während für alles andere alte Formen reproduziert werden. Und während es in den ‚Alternativen Orientierungstagen‘ [Anm.: Veranstaltungsreihe in Jena zu Beginn des Wintersemesters 2014/15]– im Zuge derer der Film gezeigt wurde – Veranstaltungen zu Landwirtschaft, Flüchtlingskämpfen, Feminismus, Nazis, Arbeitskämpfen, Aktionsklettern usw. gab, waren es doch stets thematische Gruppen, die zu ihrem Thema eine Veranstaltung machten und so unabsichtlich die gegenwärtige Realität der radikalen Linken reproduzierten, die sich auf ihr jeweiliges Thema zurückzieht.2 Die Kritik an dieser szenebildenden Linken3 ist aber selbst durch den Film kritisiert: Denn eine Szeneverachtung, der es um „Anschlussfähigkeit“ an die Massen geht, vergisst, das neue Inhalte eine neue Form brauchen und die gescholtenen Szenen oft der einzige Ort sind, wo nach einer solchen Form praktisch gesucht wird. Die Revolutionierung der Verhältnisse kann, soviel ist aus „Après Mai“ zu lernen, nur als Revolutionierung aller gesellschaftlichen Verkehrsformen gelingen, ansonsten schlägt sie in eine konterrevolutionäre Praxis um, die Politik als bloßen Kampf um Herrschaft versteht, sich auf die Organisierung von Hegemonie (ob nun in der Kultur oder auf der Straße) zurückzieht und wie das eingangs erwähnte Filmkollektiv zugunsten von Massenkompatibilität jeden transformatorischen Anspruch aufgibt.
Revolutionäre Praxis in nichtrevolutionären Zeiten ist ebenso notwendig wie unmöglich und lässt sich analog zu Gilles Praxis, nur als andauernde Erkundung realisieren. Sie geht mit wiederkehrenden Enttäuschungen einher, die unserer Ohnmacht geschuldet sind. Das Bewusstsein der eigenen Ohnmacht nicht zu verdrängen und sich an seiner statt Illusionen4 über die Revolution als gegenwärtige Praxis, sondern einen bewussten Umgang mit dieser Ohnmacht und den Enttäuschungen zu finden, ist die Aufgabe, die die Ablehnung der herrschenden Verhältnisse stellt.
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Originaltitel „Après Mai“, dt. „Die wilde Zeit“, (2012)
Regisseur: Assayas, Olivier.

1
Und sich damit grundsätzlich von denen unterscheiden, die heute in politischen Kreisen manchmal verächtlich als ‚Hippies‘ bezeichnet werden. Diese suchen zumeist nicht verzweifelt eine Transzendierung der Spaltung zwischen dem Selbst und der Welt. Den historischen Hippies ging es, weil sie das Subjekt-Sein-Müssen des Kapitalismus ablehnten, darum in der Welt oder dem Nichts aufzugehen; wozu sie Meditation, psychedelisch wirkende Substanzen und esoterische Rituale in Anschlag brachten. Stattdessen geht es heute, weniger verzweifelt als gemütlich, um das Aufgehen in einem Schutzraum, der sich als naturverbundene Gemeinschaft imaginiert wird.

2
Zu betonen ist, dass politischer Kampf, der konkrete Lebensbedingungen verbessern will, hiermit nicht abgelehnt werden soll. Er darf nur darüber nicht vergessen, dass die Zusammenhänge, die zur Bewältigung des je eigenen Themas ausgeklammert werden, trotzdem auf ihn wirken. Problematisch wird er dort, wo die je anderen Themen nicht ebenso als eigene Aufgaben verstanden werden, und etwa die Reflexion auf den eigenen Sexismus oder die Arbeit an einem theoretischen Verständnis der Verhältnisse an andere delegiert wird.

3
Die deswegen keine Mosaiklinke ist, wie gerne behauptet wird, weil ihre einzelnen Steine keine Beziehung zueinander haben, es sich also nicht um ein Mosaik, sondern um einen (kleinen) Trümmerhaufen handelt.

4
Die Illusion revolutionärer Praxis war es auch, zu deren Zerstörung zumindest bei einem Teil der „formlosen Bewegung der heutigen Rebellion“ die SI sich auflöste, um nicht selbst als lebendiger Mythos Kraftquelle dieser Illusion zu sein.

Die Bewegung muss breiter werden!

Gwen rezensiert ein Buch über die Diktatur der Schlankheit und den Widerstand gegen unbarmherzige Körpernormen.

Fett ist fabelhaft – denn es funktioniert als Geschmacksverstärker und bringt die Aromen einer Speise so richtig zur Geltung. Es macht das Essen lecker und es macht satt. Ist doch prima, oder? Doch der Genuss von Fett bleibt einem erschreckend großen Teil der Bevölkerung verwehrt. Nicht etwa, weil diesen Menschen die finanziellen Mittel fehlen oder weil sie durch staatliche Sanktionen wie die Androhung von Bußgeldern oder Gefängnis vom Fettverzehr abgehalten würden. Auch nicht, weil sie an einer Fettunverträglichkeit leiden. Was diesen Menschen – und ihr ahnt es, es sind in besonderem Maße Frauen betroffen – die simple Freude an leckerem Essen verbietet, ist der gesellschaftliche Konsens: Fett ist hässlich. Ich nenne es mal: Die Diktatur der dünnen Figur. Sie führt dazu, dass sich immer mehr Frauen und inzwischen auch Männer Gewalt antun oder antun lassen in Form von Nahrungsentzug, Operationen, welche Menschen in Richtung herrschender Körpernormen zurechtstutzen oder aufpumpen, Essstörungen, Magenverkleinerungen und so weiter. Und dass diese Gewalt als normal oder sogar gesund gilt. Das Gesetz dieser Diktatur erlaubt die straflose Diskriminierung aller Menschen, die nicht so dürr sind, wie es der aktuelle Standard vorgibt, welcher landesweit durch Plakataushänge, Presse und Fernsehen laufend bekannt gemacht wird. Doch unter dem Slogan „Riot – don´t diet!“ formiert sich Widerstand gegen diese unbarmherzigen Körpernormen. Ein Teil dieser Widerstandsbewegung ist das Buch „Nudeldicke Deern.“ von Anke Gröner.

„Schmeiß alle Diätbücher weg, die Du hast (Ich weiß, dass Du welche hast.) Vergiss das Kalorienzählen, das schlechte Gewissen und fang wieder an, einfach zu essen“ schreibt die Autorin. Und weiß genau, dass es eben nicht so einfach ist mit dem einfach Essen. Besonders, wenn Du dick bist oder Dich dick fühlst. Und sogar ziemlich Dünne finden sich oft zu dick. Welch unsägliches Ausmaß der Ekel vor dem Dicksein bereits angenommen hat, zeigen folgende Untersuchungen: Kinder zwischen drei und fünf Jahren „setzten laut einer Studie von 2003 „dünn“ mit „nett“ gleich und „dick“ mit „gemein“ – selbst die befragten dicken Kinder waren dieser Meinung.“ Fünfjährige würden sich lieber einen Arm amputieren lassen als dick zu sein und 75 Prozent der befragten Paare würden sich für eine Abtreibung entscheiden, wenn das Kind mit 50prozentiger Wahrscheinlichkeit dick werden würde.

Es ist nie zu spät für das Ende der Diät!

In einem solchen gesellschaftlichen Klima, wo Dir fast schon das Recht zur puren Existenz abgesprochen wird, wenn Du dick bist, kann „einfach essen“ eine Revolution sein. Anke Gröner beschreibt in ihrem Buch ihre „persönliche“ Revolution. Nach fünfundzwanzig Jahren Kampf gegen ihren eigenen Körper hat sie Frieden geschlossen mit Lebensmitteln. Und mit ihrer Statur. Und da das Persönliche politisch ist, berichtet sie auch davon, wie es zur Diktatur der dünnen Figur kam und wer davon profitiert. Und obwohl sie richtig wütend ist – und sie hat allen Grund dazu, denn bei manchem, was sie erlebt hat, blieb mir echt die Spucke weg! – gelingt es ihr, mit Leichtigkeit und Humor zu schreiben. Ihre neu entdeckte Begeisterung für gutes Essen ohne schlechtes Gewissen wirkt ansteckend und inspiriert hoffentlich viele Lesende, das Buch immer wieder weg zu legen, um sich den eben beschriebenen Schmaus zuzubereiten oder eines der eigenen Lieblingsgerichte zu verzehren!

Aufmucken statt Abnehmen

Ich finde, alle sollten dieses Buch lesen – egal, wie dick oder dünn sie sind! Denn es zeigt einen Weg, aus der Gehirnwäsche auszusteigen und einen respektvollen Umgang mit sich und anderen zu entwickeln, der sich an Lebensfreude und Selbstbestimmung orientiert,statt an Normen und Beurteilung. Nach der Lektüre wird es hoffentlich immer öfter vorkommen, dass Du aufstehst und etwas sagst, wenn mal wieder darüber geklagt wird, wie lecker das Essen ist und wie viel „Hüftgold“ sich daraus ergeben wird, statt das leckere Essen einfach zu genießen. Oder wenn Bemerkungen darüber fallen, wie sie nur Das-und-Das tragen kann bei der Figur! Oder wenn Du mal wieder beim Klamottenkaufen gerade noch so in XXL passt, obwohl Du gewichtsmässig absolut im Bevölkerungsdurchschnitt liegst (und außerdem ziemlich gut aussiehst, ich bin sicher!). Oder, oder, oder – es wird hundertprozentig mehr Gelegenheiten geben, als Dir lieb sind. Das Buch liefert Dir Informationen und Argumente, um diesen täglichen Wahn zu durchbrechen. Übrigens hätten auch die Verantwortlichen für die Covergestaltung das Buch mal lesen sollen! Das Titelbild zeigt eine Frau, die wahrscheinlich dick sein soll, es nach meinem Empfinden aber nicht ist, beim Training an einem Fitnessgerät. Ein Bild, das Lebensfreude und Schönheit runder Frauen darstellt – z.B. ein paar tanzende Frauen – hätte ich für dieses Buch viel passender gefunden. Es gibt noch viel zu tun! Die Bewegung muss breiter werden!

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Anke Gröner „Nudeldicke Deern. Free your mind fat ass will follow.“ (2013)
Erschienen bei Rohwolt, 14,95 Euro.

Gedanken zu Majdanek

Im Oktober 2014 findet sich eine Reisegruppe von 30 Menschen zusammen, um gemeinsam an einer Bildungsfahrt nach Lublin, Treblinka und Warschau teilzunehmen. Viele der jungen Menschen sind das erste Mal in Ostpolen. Sie wollen an historischen Orten mehr erfahren über die nationalsozialistische „Aktion Reinhardt“ – vielleicht auch ein wenig verstehen – mit dieser Hoffnung werden wohl viele solcher Bildungsfahrten konzipiert – eingelöst werden, kann sie nicht. Eine Teilnehmerin reflektierte etwa „Je mehr ich erfahre, desto weniger Sinn macht es.“ Auch deshalb ist dieser Bericht ein Sammelsurium an brüchigen, unvollständigen Gedanken zum Besuch Lublins und der Gedenkstätte Majdanek. Von Franziska.

Nach einer ewig langen Busfahrt kommen wir in Lublin an und beziehen unsere Zimmer im Hostel Krolewska. Viel gibt es heute nicht mehr zu sagen. Es herrscht eine gewisse Spannung in Erwartung des Bevorstehenden.

Am Morgen begrüßt uns Wieslaw Wysok, unser Begleiter für die nächsten vier Tage in Lublin, zur Stadtführung. Lublin ist alt, Anfang des 14. Jahrhunderts erhielt es das Stadtrecht, heute zeugt davon die mittelalterliche Altstadt. Wir gehen durch das Krakauer Tor, den Eingang in die Altstadt. Stehen dort auf dem Marktplatz bis wir in der Dominikaner Kirche anhand des Gemäldes „Der Stadtbrand von Lublin“ aus dem 16. Jahrhundert mehr über die Stadtgeschichte erfahren. Fokus der Stadtführung ist jedoch nicht das mittelalterliche Lublin oder touristische Attraktionen. Durch die Aussage „Misstraut den Grünanlagen.“ des Schriftstellers Heinz Knobloch eröffnet uns Wieslaw einen Blick auf das Nicht-(mehr)-Sichtbare, das paradoxerweise eigentlich überall in der Stadt anzutreffen ist. Wir folgen den Spuren des jüdischen Lebens, das hier sehr lange gewirkt hat.
Aufgrund der antijüdischen Pogrome im Westen kamen im 14. und 15. Jahrhundert viele Jüd*innen nach Lublin, sodass sich dieses zu einem Zentrum der jüdischen Kultur und Religion wandelte. Zu einigen unserer Stationen: Die 1930 erbaute Talmudschule Jeschiwa Chachmej ist als Gebäude erhalten geblieben, weil dieses von den Deutschen als Lazarett genutzt wurde. Sie war ein Zentrum des „Jüdischen Oxfords“, wie Lublin aufgrund seiner Bedeutung für das Ostjudentum genannt wurde. Von vier jüdischen Friedhöfen ist der älteste erhalten geblieben. Dieser erscheint uns in herbstlich sonniger Atmosphäre. Er beherbergt Gräber berühmter Rabbiner, die ältesten Grabsteine sind etwa 450 Jahre alt. Von den vormals 50.000 Steinen sind nur noch wenige zu sehen – die meisten wurden als Baumaterial auch im KZ Majdanek benutzt.
Heute zeugen Leerstellen, wie Parkplätze davon, wo sich bspw. das jüdische Wohnviertel befand, in welchem ab 1940 Jüd*innen zwangsweise konzentriert wurden. Ab März 1941 entstand ein Ghetto, in dem bis April 1942 etwa 40.000 Jüd*innen leben mussten und von wo aus sie zur Zwangsarbeit oder zur weiteren Deportation in Durchgangslager selektiert wurden. Im März 1942 folgten Transporte gen Osten ins Vernichtungslager Belzec und ins nahegelegene KZ Majdanek. Die „Aktion Reinhardt“ hatte nun begonnen.
Laut Wieslaw leben heute noch etwa 40 Jüd*innen in Lublin – es waren einmal über 40.000.
Es ist Nachmittag, die verschiedenen Eindrücke der Stadt haben uns müde gemacht: Wir besorgen uns Kekse und sitzen in der Sonne – der Tag geht bald zu Ende, morgen besuchen wir das erste Mal die Gedenkstätte Majdanek.

Wir fahren tatsächlich mit einem üblichen Stadtbus zur Gedenkstätte Majdanek. Sie ist nicht weit entfernt vom Zentrum gelegen. Wie Wieslaw uns später erklären wird, ist die Stadt an das ehemalige Gelände des KZs herangewachsen. Doch bereits während des NS war die Stadt Lublin nicht weit vom Konzentrationslager entfernt. Einer größeren Straße folgend, passieren wir ein Wohngebiet bis sich eine grüne Weite auftut, in der schwarze Gebäude, Baracken, stehen. Ein riesiges Monument ragt in den Himmel. Der Bus hält und wir steigen aus – andere Mitfahrende sind bereits ausgestiegen oder folgen ihrem Arbeits- und Schulweg weiter. Hier ist Alltag. Gegenüber scheint ein Gebäude einer der vielen Lubliner Universitäten zu stehen. Unser Blick richtet sich aber auf das Gelände der Gedenkstätte.
Die Gedenkstätte selbst wurde bereits im Oktober 1944 gegründet nach der hastigen Räumung des Lagers durch die Deutschen und das darauffolgende Eintreffen der Roten Armee im Juli 1944. Es wurde quasi nie befreit, sondern aufgelöst. Errichtet wurde das Lager 1941 und hieß offiziell „Konzentrationslager Lublin“. Ab Oktober 1941 fungierte es zunächst als Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten. Bald wurden auch Jüd*innen aus Lublin und Umgebung eingeliefert. Nach Jüd*innen waren Pol*innen die größte Häftlingsgruppe.
Wieslaw empfängt uns. Wir sind die erste Gruppe im neusanierten Museumsgebäude. Er gibt uns Einblick in seine Überlegungen zum vielschichtigen Charakter von Gedenkstätten. Zu verschiedenen Zeiten herrschte eine andere Wahrnehmungen des Lagers vor, womit sich unterschiedliche Perspektiven auf den Ort, seine Bedeutung und daraus entstehende Aufgaben entwickelt haben.
1944 war Majdanek ein Friedhof – die Trauer über die Toten, das tatsächlich Mögliche und Eingetretene herrscht vor. Vielleicht ist Majdanek auch ein Schlachtfeld, das vom Kampf ungleicher Gegner berichtet und Relikte, Beweise hinterließ. Aber es ist auch Museum – mit Ausstellungen, „Originalobjekten“, dargestellten Erinnerungen und Beschreibungen. Majdanek ist ein „traumatischer Ort“, der in sich das Geschehene behält, es aber zugleich in die Gegenwart und Zukunft vermittelt. Damit wir lernen können? Majdanek ist auch Materialisierung des Gedenkens – damit immer auch eine Inszenierung. Es ist auch Baustelle. Diese mag die erwartete Authentizität stören, aber sie bedeutet Wandlung und Bewegung – ein Werden, das die Erinnerung in sich behält und Gedenken immer wieder neugestaltet. Verschiedene Zeiten, verschiedene Wahrnehmungen, verschiedene Funktionen des Ortes.

Stille kehrt ein.

Wir tun die ersten Schritte aufs Gelände. Plötzlich stehen wir vor diesem kolossalen Monument, das den Blick lenkt – das Ehrenmal des Kampfes und Martyriums. Es ist der erste Teil des Mahnmalkomplexes von Majdanek, der von Wiktor Tolkin konzipiert und 1969 enthüllt wurde. Über zwei massive Pfeiler erstreckt sich ein übergroßer Steinblock – die Konstruktion kann als Tor gelesen werden.
Ein kleiner Weg Richtung dieses Tores führt uns abwärts mehrere Stufen hinunter. Spitze Steine ragen uns bedrohlich entgegen. Es ist beklemmend hindurch zu gehen. Seitwärts, bevor man das Tor erreicht, erkennt man einen kleinen, ganz schmalen Gang, der einen Blick nach „draußen“ offenbart. Ein Symbol der Hoffnung. Eine zweifelhafte Hoffnung. Die folgenden Treppen erklommen, baut sich dieses Tor auf – es ist Grenze zwischen zwei Welten: Der Welt des Lagers und der Außenwelt. Sein Korpus ist mächtig, darin kann man gepresste, verzerrte Körper erahnen. Das Tor symbolisiert das stattgefundene, übermächtige Leid sowie auch den historischen Eingang ins Lager.
Wir stehen oben auf, an der symbolischen Grenze. Der Blick auf das Gelände ist nun frei. Die grüne Weite nimmt Struktur an – alles, was hier im Lager geschah, hatte seine Ordnung. Ordnung bedeutete hier mörderische Disziplin. Die Fläche des zu unseren Füßen liegenden Geländes erscheint groß, war früher jedoch noch größer, 270 Hektar. Nach Planung der Deutschen sollte es viermal so groß werden. Dazu ist es nicht gekommen, aber das, was existierte, reichte aus, um dem deutschen Vernichtungswahn umzusetzen.
Das Gelände teilt sich in den ehemaligen Häftlings-, Wirtschafts- und SS-Bereich. Untergebracht waren die Häftlinge in fünf Feldern zu je 22 Baracken. Gesichert war jedes einzelne Feld mit doppeltem unter Hochspannung stehendem Stacheldrahtzaun. Rundherum standen 18 Wachtürme der SS. Im Wirtschaftsbereich waren u.a. Magazine und Werkstätten untergebracht. Die SS hatte zur Versorgung und Verwaltung einen weiteren Bereich. Alle Gebäude waren aus Holz gebaut – auch die Krematorien. Heute sehen wir noch einige schwarze Baracken und Wachtürme, sie wurden rekonstruiert, um die Authentizität zu „wahren“.
Vor uns liegt eine lange Straße, als Teil des Denkmales, wird sie „Weg der Ehre und Erinnerung“ genannt. Dieser führt direkt zum Mausoleum. In diesem Rundbau mit einem sich auf zwei Pfeilern stützenden flachen Kuppeldachs befindet sich die Asche der Ermordeten, Erniedrigten, Gequälten.
Es ist eine überdimensionale, begehbare Urne. Die symbolische Deutung des Mausoleums liegt quasi offen vor uns. Das Steinrelief, das die Kuppel umrundet, trägt eine Aufschrift in polnischer Sprache – „Unser Schicksal eine Mahnung für Euch“.

Die Frage der Authentizität in der Konzeption von Gedenken und Gedenkstätten begleitet uns über das Gelände. Die Struktur des Lagers wurde beibehalten – es ist erkennbar, wo welcher „Arbeitsschritt“ der Deutschen in der Verwertung der Arbeitskraft und Leiber ihrer Gefangenen stattgefunden hat. Da die Baracken und Gebäude jedoch zum großen Teil aus Holz bestanden, sind das, was heute hier zu sehen ist, alles Rekonstruktionen. Ausgenommen davon sind die Steinböden in den Duschbaracken, den Krematorien und Gaskammern. Sie sind begehbar. Wieslaw fragt uns, ob das so sein sollte. Darf man als Besucherin im Jahr 2014, auf demselben Boden stehen, auf dem tausende Menschen vor Angst zitternd um ihr Leben bangten und schließlich starben? Ist es wichtig für unser Verstehen heute, in diesen Räumen zu stehen? Welches Verhalten ist angebracht? Wieslaw berichtet uns von Besuchern, Neonazis, die hier ihre „Späße“ trieben. Ist eine Inszenierung, wie es durch den künstlichen Erhalt und die Rekonstruktion von Lagerteilen oder Relikten geschieht, sinnvoll? Allein der Anblick und das inszenierte Erleben in den Lagern wird niemanden verstehen lassen.
„Man hat nicht die Pflicht sich das konkret vorzustellen, aber zu wissen, was an den Orten passiert ist.“, sagt Wieslaw Wysok.
Das Konzentrationslager Majdanek war zu NS-Zeiten schon dafür bekannt, dass es eines der „härtesten“ war. So eine Einschätzung ist schwierig, warum sollte man Konzentrationslager miteinander vergleichen? In Majdanek waren die Lebensbedingungen, u.a. aufgrund fehlender Kanalisation bis 1943, besonders schlecht – auch der Umgang des SS-Wachpersonals mit Inhaftierten war – laut Aussagen der wenigen Überlebenden – besonders brutal und willkürlich. All dies wirkte sich auf die Lebensdauer der Inhaftierten aus. Die durchschnittliche Überlebensdauer war in Majdanek niedriger als in anderen Lagern. Zwei Drittel starben allein an den Lebensbedingungen, zu welchen auch die schwerste körperliche Zwangsarbeit zählte als auch Hunger und Krankheit. Viele nach Majdanek Deportierte – vor allem Jüd*innen und besonders deren Kinder – wurden jedoch keine Häftlinge, sondern wurden nach den Selektionen im „Rosengarten“ direkt getötet. In Majdanek verband sich Ausbeutung der Arbeitskraft und Massenmord. Ab dem Frühjahr 1943 mit der Ankunft der Deportierten aus dem Warschauer Ghetto muss Majdanek auch als Vernichtungslager betrachtet werden.

Von Lublin aus wurde die nationalsozialistische „Aktion Reinhardt“ geleitet. Sie war Teil der systematischen Ermordung von nahezu allen Jüd*innen und Rrom*nja des Generalgouvernements. Ihren Namen erhielt die Operation wahrscheinlich im nationalsozialistischen Andenken an Reinhardt Heydrich, der im Juni 1942 durch ein Attentat in Prag getötet werden konnte. Als Organisator für die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ war es seine Aufgabe, die Massenvernichtung zu ermöglichen. Odilo Globocnik leitete ab 1941 die Durchführung: Bis zum „Ziel“, dem Tod, war alles zu verwerten, was die Menschen geben konnten – ihr Hab und Gut, ihre Kleidung, ihre Goldzähne, ihre Arbeitskraft, ihr Menschsein.
In den Lagern Sobibor, Belzec und Treblinka wurde ab 1942 nur gemordet – dafür wurden die Vernichtungslager gebaut und reichlich ideenreich und arbeitsteilig organisiert, damit ein hohes Maß an Effizienz erreicht werden konnte. Hier wurde das Wissen aus dem „Euthanasie“-Programm „T4“ weiterentwickelt. Die sogenannte „Umsiedlung“ der im Generalgouvernement lebenden Jüd*innen und Rrom*nja begann.

Im Sommer 1943 ordnete Heinrich Himmler an, die verbliebenen Jüd*innen in den Distrikten Lublin, Galizien und auch Krakau zu ermorden. In einem Brief an den zuständigen SS- und Polizeiführer formulierte er, dass die Überlebenden eine große Gefahr darstellen würden. Der Befehl wurde unter dem Decknamen „Aktion Erntefest“ geplant und schließlich vom 03. auf den 04. November 1943 durchgeführt. Dieser Tag ging als „Blutmittwoch“ in die Geschichte Majdaneks ein.
Hinter den Krematorien am Rande des Lagers mussten in Vorbereitung darauf jüdische Häftlinge drei Gräben mit einer Länge von je einhundert und einer Tiefe bis zu sechs Metern ausheben. Auch Jüd*innen aus Lagern der Umgebung wurden in Majdanek auf Feld V zusammengetrieben. Flucht war nicht möglich, jegliche widerständige Reaktion führte zum Erschießen. Nach Plan mussten die Menschen sich in die Gräben hineinlegen, dann wurde geschossen. Um die Schüsse zu übertönen, wurde laute Tanzmusik gespielt, die auch in der Stadt Lublin zu hören war. So ging es wohl neun Stunden lang ununterbrochen.
Es war eine der umfangreichsten Massenerschießungen an Jüd*innen. Insgesamt wurden an diesem einzigen Tag im Distrikt Lublin 42.000 Menschen erschossen, im Konzentrationslager Majdanek waren es 18.000 jüdische Häftlinge.
Nur wenige überlebten – mit viel Glück und unter besonderen Umständen. Ein besonderer Umstand war die Zuweisung zu einem „Filzkommando“, welches fürs Sortieren der Habseligkeiten der Ermordeten verantwortlich war. Im „Sonderkommando“, für welches in allen Vernichtungslagern eingeteilt wurde, mussten jüdische Häftlinge u.a. für die Verbrennung der Leichenberge sorgen – dies dauerte in Folge des „Blutmittwochs“ etwa zwei Monate.

Zwischen Frühjahr 1942 und Herbst 1943 – während der „Aktion Reinhardt“ – kamen über zwei Millionen Menschen ums Leben. Ermordet in Ghettos, in Lagern, auf der Straße, in der Öffentlichkeit. Ermordet durch Zwangsarbeit, Hunger, Gewalt, Krankheit, Gas, Waffen, bloße Hände – aus Hass, Lust, Sadismus, Langeweile, Pflichtgefühl und Disziplin.

Am Gedenkstein für die Opfer des 03. und 04. Novembers 1943 hinter den Krematorien in Majdanek steht unsere Gruppe. Mit dem Lager im Rücken blicken wir auf die nun grünen Gräben, dahinter verläuft ein Zaun, es folgen Wohnhäuser, Gärten … die Zeit ist trotz allem weitergegangen. Wir gedenken den Toten in Stille.

Ein Ort der Trauer wird Majdanek bleiben.

Selbstmitleidig, weinerlich, peinlich, irgendwie egal

Maximilian N. Conrady formuliert in einer Reaktion auf Jens Störfrieds Artikel aus der letzten Lirabelle Zweifel an der Idee, Freude und Lust zum Zentrum der politischen Praxis zu machen. Um den falschen Gegensatz von echtem und bloß oberflächlichen Empfinden zu überwinden, betont sie die Bedeutung des Beschädigtseins in kapitalistischen Verhältnissen. Die Autorin ist Mitglied des Club Communsim.

Der erste Teil von Jens Störfrieds Artikel in der letzten Lirabelle (#6), der sich als kritische Reaktion auf die bisherige Debatte um Emotion und progressive Politik versteht, lässt mich leider wenig erfreut, dafür wütend und traurig, zurück. Als selbstmitleidig und Heulsuse zum nutzlosen Teil der Welt degradiert, bin ich wieder einmal mitten drin in einer Funktionslogik, die gut auf so was wie mich verzichten kann. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht ernst nehmen, vielleicht ist das ja auch nur ein halbgares Gefühl und vielleicht, ganz vielleicht, sollte ich mich auch einfach nicht so anstellen…
Auch wenn ich (als weibliche Person) mit zur Schau getragener guter Laune immer schon eine bestimmte Objektivierungserfahrung verknüpfe, kann ich Jens diesen Punkt nicht vorwerfen. Es geht ihm nicht um die Performance guter Laune. Die sei ja laut ihm, wenn denn authentisch, auch ambivalent und manchmal – ebenso wie die Traurigkeit – nützlich. Den Relativierungen, Einräumungen und diplomatischen Gesten des Textes zum Trotz hat sein Artikel dabei einen sehr klaren Vorwurf gegen die Forderungen von trauriger Politik: Dieser negative Gestus, mit dem hier Menschen ihr politisches Handeln gestalten, erfasst angeblich nicht die Tiefe, Weite und Schönheit menschlichen Fühlens. Er ist „eine Reduktion menschlicher Empfindung und Wahrnehmung“ in Anbetracht von Freude und der Lust „die Sachen lustig durcheinander“ zu werfen – und ohne diese Freude könne man keine progressive Politik machen.
Zunächst ein einfacher Gedanke zu dieser Idee: Man muss nicht von wüst-bürgerlicher Romantik durchzogen sein, um Trauer auch als einen Ausdruck von Verbundenheit, von Zuneigung, eines Wissens von der (verlorenen) Möglichkeit des Schöneren und Besseren zu verstehen. Also von überaus positiven Emotionen, die aber in dieser Welt in ihrer aktuellen Verfasstheit vielleicht nicht den Platz finden, den wir uns wünschen würden. Ich kann nur um jene Freund_innen trauern, deren Fehlen mich quält. Ich kann nur Negativstes gegen eine Behörde und ihre Angestellten empfinden, wenn der Ärger, die Sorge und der Zwang, die sie für mich bedeuten, nicht auch als abwesend gedacht werden kann. Das ist den meisten bewusst. Anders als beispielsweise die Wut stößt die Trauer ihre Verknüpfung mit der Welt dabei nicht einmal fort.
Jens geht von Lust als Mittel aus, um genau diese Dinge zu bewältigen. Was bei ihm dabei keine Rolle spielt, ist – wenn er die örtliche Linke als (selbst)mitleidig angeht – offensichtlich, dass Trauer, Erschöpfung, Schwäche zu empfinden einen gewissen Zwang auf das Individuum ausübt. Für ihn hat es keine Bedeutung, dass es kein Defizit des Charakters ist, diesen Zwang ernst- und wahrzunehmen bzw. erfahren zu müssen und ihm damit einen bestimmten Raum im eigenen Leben zu geben – was ich im weiteren aufzeigen will.
Es sollte nicht der Fehler sein, von Gewalt betroffen zu sein, zu leiden, etwas zu empfinden, weil die Welt einem etwas bedeutet oder aber auch weil sie sich einem aufzwingen kann. Schon deshalb nicht, weil jegliche Wahrnehmung, jegliches Gefühl, jegliche Beziehung immer eine mit der Welt ist. Meine Gefühle sind dabei nicht dazu da, mich zu „erinnern“, dass mir bestimmte Dinge eine Last sind, wie Jens sagt. Solche Dinge sind eine Last und meine Gefühle Sichtbarwerden meines Verhältnisses zu ihnen.1
Schwach sein zu dürfen, ohne sich selbst dabei entmündigt fühlen zu müssen, ist für viele ein Sehnsuchtsort. Denn nicht anders zu können als schwach zu sein, bedeutet in vielen Fällen das unvermeidbare Unglück Objekt zu werden. Warum sonst sollte es für viele so bedrohlich sein, vor sich und anderen „das Opfer“ (von z.B. Übergriffen) zu sein? Wie bitte soll das Konzept der Solidarität mit Schwachen und Marginalisierten aussehen, wenn sichtbare Schwäche in einer Welt der Stärke nicht als drohende, zusätzliche Degradierung problematisiert wird? Das Recht auf Momente der Schwäche und Nichtfunktionieren ist nicht etwas, das für die Revolution mal beiseite getan werden kann – wie es sich bei Jens abzeichnet. Schwäche ist die Negation einer Welt der Stärke, Härte und Kälte. Und eine solche Härte kann sich auch in einem Lächeln ausdrücken.
Aber tue ich Jens nicht unrecht damit, wenn er doch nur um die Vielfalt in der politischen Arbeit besorgt ist? Und verweigere ich in einer Bestärkung des Düsteren nicht anderen einfach jene Freude2, die ebenso utopische Forderung sein könnte – und die ihren Raum im politischen Feld hat?
Es geht Jens bei der Freude am Politischen nicht zentral um die kleinen bilanzierbaren Erfolge eines geschlossenen Naziladens oder einer verhinderten Abschiebung. Abgesehen davon, dass diese kleinen Glückspflaster nach Kurzem auch oft nur die eigentliche Größe der Wunden entblößen, ist das einfach nicht der behandelte Maßstab.
Es geht ihm um den Prozess, die politische Handlung selbst, ums „Spiel“ wie es bei ihm heißt. In ihm soll sich schon das Ergebnis prozesshaft entfalten. Er macht gerade Revolution. Deswegen ist es für Jens auch erforderlich, hier schon als ganzes Individuum sichtbar zu werden und eine positive emotionale Bindung an das Tun zu haben. Das Sichtbarwerden ist schon Teil von dem, was er will. Und ja, es ist wohl richtig zu behaupten, dass „Politik machen“ von Zeit zu Zeit Spiel, Spaß und (durchaus auch nette Ent-)Spannung bedeuten kann. Mit einer Nachttanzdemo ein Autonomes Zentrum zu fordern, ist eben auch ein Rave, der die Alltäglichkeit (auch von Demostrukturen) brechen kann. Den örtlichen Naziladen zu „verschönern“ kann für einen Moment von Wut und Ohnmacht erlösen und gemeinsam ein Flugblatt zu verfassen, kann Gefühle der Vereinzelung verringern. Anders als bei anstrengenden, belastenden Tätigkeiten kostet es dabei weitaus weniger Mühe, Zeit und Energie in solche Projekte zu stecken. Jens‘ politische Freude ist dabei die Energie zur Welteroberung (qua Erfahrung), die aus einem tiefen, ursprünglich unschuldigen, fast kindlichen Kern herauf treibt.
Weshalb dies das größte Problem seiner Argumentation wird, zeigt sich genau hier: Gefühle können in unterschiedlichste Kategorien sortiert werden. Jens bespricht die Trennung in negative und positive Gefühle. Dabei sind sie für ihn alle Teil des „menschlich bleiben[s]“.
Eine andere, unsichtbar bleibende Trennung, die er vornimmt, ist die zwischen echtem und unechtem Gefühl. Deswegen ist schon der Begriff des Spaßes für ihn einer, den er eher mit „Eskapaden“ und „Zeitvertreib“ verbindet, anders als die „echte Freude“. Es steht „kompensierende Wohlfühlpropaganda“ gegen „schöpferische Lust“. Beschädigt ist bei ihm das Leben da, wo es unzweideutig weh tut, im Konkurrenzkampf oder wo die Selbstermächtigung eben nur „Propaganda“ ist. Beschädigung bedeutet Beschränkung eines ursprünglichen, heilen Zustandes3, so die These. Die kapitalistischen Zustände beschädigten das eigenes Leben eben nur da, wo man sich nicht „vielfältig“ und „eigensinnig“ entziehen kann, ins Echte, Durchdringende, „wirklich“ Verändernde. Es genügt völlig – so Jens – sich nicht zu extrem zu freuen, daran zu denken, dass ja noch gar nicht viel geschafft ist und alles ambivalent bleibt, dann bleibt man menschlich. Dann versinkt man nicht in die korrumpierende, aktuelle Anziehung der Machterfahrung.
Dass sogar unsere Art zu begehren, zu lieben, zu wünschen konstant Teil einer Totalität ist, die nur als ganze beschädigt zu denken ist, und welche damit ebenso beschädigt sind, wie all jenes was wir als „Fremdes“ und damit als Widerspruch in uns realisieren, blendet er damit konsequent aus. Widersprüche werden as etwas Außerweltliches gedacht, anstatt zu verstehen, dass jeder Widerspruch, zu dem wir uns verhalten, aus der Welt resultiert und damit ein Widerspruch ist, dessen Seiten eine gemeinsame Beschädigung in sich tragen.
Das System als Teil seiner Selbst zu denken, bedeutet auch zu realisieren, dass selbst das, was wir als tief und „ehrlich“ identifizieren, aus dieser Welt stammt, in ihr geprägt und kategorisiert wird – von Anfang an. Ich trenne nicht zwischen tiefer Freude und seichtem Spaß, weil sie notwendig etwas anderes mit mir machen, sondern weil diese Unterscheidung mich auf einen gesellschaftlich erwünschten Umgang mit der Emotion verweisen. Spaß hat z.B. zeitlich begrenzt zu sein oder seine Form zu ändern, damit er produktiv zu meiner Verwertbarkeit beiträgt. Gelingt mir die Ökonomisierung meiner Gefühle nicht, bleibt nur die Unerträglichkeit, nicht das autonome Subjekt zu sein, das ich im kapitalistischen Normalbetrieb immer sein muss.
Die Kritik kann entsprechend auch nicht sein, dass nur das, was in irgendeiner Natur des Menschen liegt, ihm zu eigen sein und von ihm gefühlt werden darf.4 Die Beschädigung bedeutet nicht, dass wir automatisiert bestimmtes wollen oder begehren, auch wenn Beschädigungen mitbestimmen, wie wir ausformulieren, was wir wollen. Der Riss der Beschädigung wird von dem Gefühl verdeckt, unsere „authentische“ Emotion mit Tiefe und Ernsthaftigkeit als einzige Form unseres Sein vertreten zu müssen – und jeden Verstoß gegen diese Tiefe, der die Formen von Bedeutungslosigkeit, Leichtfertigkeit, Widersprüchlichkeit annimmt, an uns selbst zu ahnden. Genau die Pflicht zum „Authentischen“ und „Tiefen“ als Rechtfertigung, wie etwa die Konstruktion echter Freude, degradiert alles, was sonst Lust bereitet zum Illegitimen und macht das scheinbar Echte zu dem, was als einziges die „Guten“ von den „Bösen“ trennt.5
Die eigene Lust am Zerstören, Zerwerfen, Neuordnen, das tiefe Begehren sich der Dinge zu ermächtigen, ist dabei ebenso Produkt des Systems, in dem wir leben, wie die oberflächliche Bespaßung. Dass es emotional befriedigen soll, Macht zu erfahren, kann nur aus einer Welt resultieren, die konstant das Gefühl vermittelt, es bräuchte Macht, Härte, Stärke, einen Subjektstatus, um nicht leiden zu müssen; eine Welt, die den Wunsch weckt, zu zerstören statt zerstört zu werden, kein „Opfer“ sondern „Täter“ zu sein. Das Risiko ist dabei nicht zentral ein Fest des eigenen Aktivismus, es ist die Gefahr, das eigene Grausen, Leid und die eigene Übergriffigkeit damit zu legitimieren, man täte hier etwas Menschlicheres. Und dabei die Menschlichkeit der eigenen Beschädigung auszublenden.
Dass etwas Freude oder Spaß bringt, ist in Ordnung. Gerade, weil die Welt einem zumeist genau diese Gefühle vorenthält. Sie sind eben nicht böse. Sie erlösen für den Moment von Sorgen, Leid, Qualen der politischen Arbeit, die oft nur ein Kampf gegen Windmühlen ist. Habt Spaß – und damit meine ich Spaß. Es ist dabei gleich, ob es das „richtige“, das „artige“ Gefühl ist. Dass Dinge, die uns froh machen, Teil unseres Lebens sein können, ist überhaupt nicht abzulehnen. Aber gute Gefühle legitimieren nichts. Etwas Hilfreiches, Sinnvolles zu tun, kann weh tun, Frieren, Stress, Ärger mit der Polizei bedeuten. Wenn es auch Vergnügen bringen kann, man sich über das Ergebnis oder auch den Prozess bestenfalls etwas freut: gut. Aber nicht richtiger.
Immerhin: Erkundungen und Spiele, in denen wir lernen können, die Welt als in ihrer Möglichkeit anders und neu zu träumen, sind nur mit einer lustvollen Einlassung möglich. Doch wenn sie unsere einzige Praxis werden, verlieren wir den suchenden Blick für das, was wir in unserer Beschädigung nicht ohne weiteres, vielleicht sogar niemals, werden sehen können.
Traurige Praxis ist nicht eindimensional. Und ebenso nicht oberflächlich. Sie weiß um den Umstand, dass auch ihre Freude nicht anders ist als Traurigkeit und wählt das Traurige, nicht weil es das einzige ist, was es zu fühlen gilt, sondern weil es, völlig gleich, ob man es fühlt oder fühlen könnte, eine bestimmte Art von Handlungen bedingt. Sie macht vorsichtig, nimmt sich selbst ernst, kennt ihr eigenes Schwachsein und ihre Teilhabe am Schrecken, gerade im Moment der Härte und Durchsetzung und ahnt um die unwiederbringlichen, daraus resultierenden, Verluste. Traurige Praxis ist unsere Möglichkeit, alles, was in einem ist, genauso wichtig zu finden und ernst zu nehmen, wie das, was um einen ist; und genauso falsch.

____
1
Dass das Gefühl selbst real ist, heißt dabei nicht, dass die Ursachen des Gefühls immer einen realen Gegenpart haben. Angst vor Chemtrails ist eine ziemlich irrationale Angst. Ihr Wahrheitsgehalt ist, dass ich wirklich Angst habe – vor dem, was Chemtrails für mich bedeuten. Dass ich mich darüber aufklären kann und auch sollte, weshalb ich etwas fühle, delegitimiert nicht das Gefühl. Es nimmt es ernst. Nehme ich das Gefühl nicht ernst, setzte ich mich eben nicht mit dem unbewussten Teil meines Denkens auseinander, der so wesentlich mitbestimmt, mit welchen Themen ich bereit bin mich zu konfrontieren, welche Argumente ich gelten lasse und welche ich abwehre.

2
Die Trennung der Begriffe Spaß und Freude soll hier nur grob sein: Freude wird in der Regel für tiefe, komplexe und in der Reflexion immer noch als gut zu bewertende Empfindungen benutzt, Spaß für spontane, impulsive, unreflektiert gute Gefühle. So versteh ich auch die Trennung, die Jens macht.

3
Wenn Jens vom „lustig[en] Umwerfen“ und in ähnlichen Metaphern spricht wird deutlich, wie sich dabei ein Bild einer unversehrten Kindlichkeit entfaltet. Die Implikationen von freiwilliger Selbstentmündigung und Entmündigung von Kindern sind nur einige der Nebeneffekte dieser Konzeption.

4
Dass das Nicht-Fühlen ein Individuum auf keinen Fall entmenschlicht, bekommt leider oft (und auch leider hier) viel zu kurz. Die Größe des Tabus spiegelt sich in der Abdrängung in Pathologisierungen, dabei ist das sich Unverbunden- oder Unbeteiligt-Fühlen diesen Verhältnissen entsprechende und daher alltägliche (Nicht-)Regungen.

5
Ironischerweise kann gerade das Spiel, das von den Pflichten des Überzeitlichen entbunden ist, nur dann authentisch sein, wenn es seinen Charakter der Leichtigkeit mit einem tiefen Ernst durchsetzt. Es verliert seine eigentliche Qualität durch den Anspruch der Widerspruchslosigkeit.

Wie wir ja alle wissen …

Ich gehe gerne mit Freund_innen auf linke Kongresse. Mit Faszination beobachte ich, wie die verschiedenen Kegelclubs und Kaninchenzücher_innenvereine der Linken ihre ganz spezifischen Schrullen pflegen. Besonders schön ist es, wenn Leute sich ganz anders verhalten als erwartet, wenn z.B. die vermeintliche Macker-Antifa lecker kocht und ganz entzückend freundlich bei der Essensausgabe ist. Die folgenden Vorschläge zur Kongress-Gestaltung sind bei einem Kongress entstanden, bei dem viele Klischees bedient wurden. Von Pierre Bourdieu (angefragt).

1. Immer, wenn auf dem Podium jemand „Wie wir ja alle wissen“ oder „das ist ja allgemein bekannt“ sagt, macht das Publikum eine La-Ola-Welle. Das verstärkt das rhetorisch angerufene Wir-Gefühl, außerdem macht es das stundenlange Sitzen in unbequemen Hörsälen erträglicher.

2. Promovierende, die in einem sogenannten Einführungsworkshop das Theoriekapitel ihrer Dissertation vorstellen, organisieren eine Simultanübersetzung ins Proletarische. Die positiven Effekte: Die Promovierenden können für‘s Kolloquium üben, der wissenschaftstypische Bluff wird entzaubert und die Diskussion kann danach auch mit Leuten geführt werden, die kein sozial- oder politikwissenschaftliches Studium absolviert haben.

3. Zu jedem Panel wird ein weißer, männlicher Promi eingeladen. Der hat einzig und allein die Aufgabe, zu Beginn die anderen Podiumsteilnehmer_innen zu begrüßen und zu betonen, dass er ihre Themen sehr wichtig findet. Danach bleibt er zur Zierde auf dem Podium sitzen, nickt und lächelt dann und wann, schenkt den anderen Wasser nach und bedankt sich am Ende für die spannende Veranstaltung. Auf diese Art sind auch die Veranstaltungen über Feminismus und Rassismus voll, die Leute, denen es vor allem darum ging, Joachim Hirsch, Ernesto Laclau oder John Holloway live zu sehen, kriegen ihre Show. Alternativ könnte man auch bei jeder Veranstaltung „mit Slavoy Zizek (angefragt)“ dazu schreiben.

4. Alle Teilnehmer_innen erhalten bei der Anmeldung kleine Papp-Figürchen von Alain Badiou, Judith Butler, Michael Hardt, Michael Heinrich und dem ideellen Gesamtgewerkschafter. Immer wenn jemand auf dem Podium einen Ansatz, den er_sie nicht kennt und nicht mag, knapp vorstellt, um ihn zu verreißen, wird das entsprechende Pappfigürchen umgeschnippt. Wenn alle Pappkamerad_innen umgeschnippt sind, springen die Teilnehmer_innen auf und rufen „Bingo“ und der_die Referent_in kriegt einen Blumenstrauß.

5. Wenn ein Student betont, dass Verteilungsfragen belanglos und unter seiner Würde sind, wird das Licht im Hörsaal gelöscht. Ein Spot richtet sich auf ihn und das proletarische Umverteilungskommando drängelt sich durch den Raum und zockt Bargelt und Iphone. Aus dem Erlös wird die →Simultanübersetzung ins Proletarische finanziert.

6. Es gibt einen Sammelworkshop für Erkenntnis-Sekten, in dem all diejenigen, die sonst durch lange Co-Referate mit rhetorischen Fragen die Diskussion dominieren, unter sich diskutieren können. Themen des Sammelworkshops sind:

► Warum sind die Begriffe und Fragestellungen die falschen?
► Wie lässt sich letztlich jeder Gegenstand durch einen gesellschaftlich induzierten kollektiven Wahn erklären?
► Wie kann man man Subjekt und Objekt durch lange und komplizierte Satzkonstruktionen so weit wie möglich voneinander trennen?
► Wie lässt sich Sprache so modifizieren, dass sie nichts mehr über die Verhältnisse sagt, in der sie entstanden ist?
► Warum machen die Massen nicht bei unserer Organisation mit?
► Wieso ist der Vorschlag 5 dieser Liste faschistoid?
► Warum sind alle außer mir so spleenig?

Immer wieder montags: Für Frieden ohne Freiheit

Totgesagte leben bekanntlich länger, wobei die Vitalfunktionen der neuen Montagsdemonstranten lediglich in physischer Hinsicht einwandfrei vom Autor validiert werden können. Ox Y. Moron über eine stagnierende Bewegung, die keiner gebraucht hätte.

Was ist die neue Montagsdemo?

Seit Monaten versammeln sich immer montags gegen 18 Uhr auf dem Erfurter Anger Menschen, die ihren Unmut über Gott und die Welt lautsprecherverstärkt kundtun. Sie sind Teil einer bundesweiten Bewegung von sogenannten „Mahnwachen für den Frieden“. Bei diesen Demonstranten, die anfangs vorgeblich gegen einen vermeintlich bevorstehenden Krieg in der Ukraine protestieren wollten, handelt es sich um Menschen mit unterschiedlichsten Graden der Verwirrtheit. Einige suchen unentwegt den Himmel ab, weil sie glauben, die von Flugzeugen dort hinterlassenen Kondensstreifen seien giftige Chemikalien, die den Widerstandswillen der Bevölkerung brechen sollen. Andere meinen, die Bundesrepublik Deutschland sei ein Wirtschaftsunternehmen, das von fremden Mächten gesteuert werde, und sie selber seien eigentlich immer noch Bürger des 1945 militärisch zerschlagenen Deutschen Reiches. Wieder andere sind der festen Überzeugung, dass bestimmte Machthaber wie Merkel und Obama nur menschliche Hüllen von in Wahrheit reptiloiden Aliens sind. Diese Menschen, die in unterschiedlichster Weise dem Wahnsinn verfallen sind, haben vor allem eines gemeinsam: eine diffuse Unzufriedenheit und das dieser vorangehende Unverständnis der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise, an der einige bereits unrettbar dem Wahnsinn verfallen scheinen. Sie verstehen die kapitalistische Gesellschaftsordnung nicht als Totalität bzw. zumindest als Grundordnung, deren Strukturen, Zwängen und Normierungen auch sie unterliegen könnten, sondern als Projekt einer kleinen Elite, die sich die ehrliche Arbeit der Massen an „kleinen Leuten“ zunutze macht, diese bewusst manipuliert, ausbeutet und unterdrückt. Teil dieser Elite ist das Zins- und Finanzsystem, das man klassisch strukturell-antisemitisch von der Produktionswirtschaft getrennt wissen will, die westlichen Regierungen, ihre Institutionen und Geheimdienste und die westlichen Massenmedien. Schuld am Weltübel ist nicht die Produktionsweise als Ganzes, die dafür sorgt, das nur produziert wird, was verkauft werden kann, sondern die vermeintlichen Nutznießer dieser Ordnung. Wer Namen nennt, weiß von den Bilderbergern, den Rothschilds oder den Zionisten zu berichten. In jedem Fall hat sich eine kleine Elite gegen die Masse verschworen und bereichert sich fortan auf deren Kosten. Eine ausführliche Kritik dieser Verkürzung kann hier nicht erfolgen. Es soll zunächst der Hinweis genügen, dass die Montagsantisemiten wie andere Antisemiten vor ihnen auch hinter den irrationalen Abläufen der kapitalistischen Elends- und Reichtumsproduktion eine steuernde Rationalität erkennen wollen, nämlich handelnde Menschen; dass diese Leute also eine komplexe Gesellschaftsordnung auf ein einfaches Verhältnis zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, Manipulierern und Manipulierten herunter brechen – ein Verhalten, das bei Linken und Rechten zu finden ist, und deswegen ein Grund, warum die rechten Montagsdemonstranten glauben irgendwie auch Linke zu sein.1 Wäre nur jeder, der meint irgendwie gegen Kapitalismus zu sein ein Linker, die Linke wäre unrettbar verloren.

Es gibt sie immer noch

Nicht wenige alteingesessene Linke waren sich sicher, dass die seit April 2014 in Erfurt laufenden Montagsdemonstrationen nur ein kurzzeitiges Phänomen seien, sich innerhalb von Monaten kaputtspalten würden oder am Rumstehen vorm Lutherdenkmal ohne besondere öffentliche Aufmerksamkeit die Lust verlieren. Doch nicht einmal die Fußball-Weltmeisterschaft der Herren und ihr unsäglicher Ausgang bereiteten den Montagsdemos ihr wohlverdientes Ende. Sie laufen bis heute (Stand: 10.11.2014). Allerdings ist auch die Entwicklung dieser Demonstrationen in Erfurt und andernorts nicht die, die sich die Initiatoren erhofft hatten. Kurz nach der Spaltung und dem Rechtsruck bei der Erfurter Montagsdemo im Mai diesen Jahres2 tönten die Initiatoren um Konstantin Stößel und Mario Rönsch auf der Facebook-Seite der Erfurter Montagsdemo, dass es das Ziel sei, in einigen Wochen auf den Erfurter Domplatz zu wechseln, da der Anger für die wachsende Bewegung zu klein werde. Aus gutem Grund spricht von einem solchen Ortswechsel heute keiner mehr. Die Teilnehmerzahlen der Kundgebungen auf dem Anger, die zu Beginn mehrere hundert Leute anzogen, sind auf einen harten Kern von 30-50 Leuten zurückgegangen. Dieser harte Kern besteht auch aus Teilnehmern aus anderen Städten. Beispielsweise gibt es eine recht aktive Fahrgemeinschaft, die sich allmontaglich aus Ilmenau auf den Weg nach Erfurt macht.

Jürgen Elsässer und die Bandbreite

Den Organisatoren der Montagsaufmärsche in Erfurt gelang es in den vergangenen Monaten bereits zwei mal Querfrontprominenz auf den Anger zu lotsen. Nachdem am 26. Mai der homophobe Ex-Linke und vom Kritiker des Antisemitismus zum Antisemiten geläuterte Jürgen Elsässer in Erfurt auftrat3, lud man sich für den 29. September die sich für Rapper haltenden Schlagersänger der Band „Die Bandbreite“ ein, die ebenso wie Elsässer Teil der sogenannten Truther-Bewegung sind. Jene Band aus Duisburg, der man eine gewisse Nähe zur MLPD nachsagt, darf eine ganze Palette verschwörungsantisemitisch-beladener Songs ihr eigen nennen. In den Kreisen der Montagsquerfront liebt man sie vor allem für ihren „Hit“ „Selbst gemacht“, in dem die Schlagerrapper um Frontmann Marcel Wojnarowicz nicht bloß die beliebte Truther-Verschwörungstheorie aufgreifen, die Amerikaner hätten die Terroranschläge vom 11. September 2001 selbst inszeniert, sondern solches Vorgehen auch für den Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 unterstellen. Ziel der Amerikaner sei es beide Male gewesen, sich einen Vorwand zu verschaffen, um in den Krieg zu ziehen. Unter anderem aufgrund dieser öffentlich vorgetragenen Wahnvorstellungen schloss der SPD-nahe Jugendverband „Die Falken“ Marcel Wojnarowicz aus der Organisation aus. Wojnarowicz schmerzt solcher Liebesentzug sehr. In Erfurt jammerte er darüber, dass ihm linke Gruppen und Organisationen mit ihren Interventionen gegen seine Auftritte die Existenzgrundlage nehmen würden. Eine solche Intervention blieb auch am 29. September nicht aus. Ca. 20 Antifaschistinnen und Antifaschisten protestierten mit einem Transparent und Zwischenrufen gegen den Bandbreiten-Auftritt und den Montagsaufmarsch. Auf der Facebook-Seite der Erfurter Querfront stieg man sogleich in die Debatte um den 11. September ein und mutmaßte über atomare Sprengsätze, die die Amerikaner mitten in New York zur Detonation gebracht hätten. Keine Absurdität ist zu abgefahren, wenn es um den bloß noch als Psychopathologie zu erklärenden Hass auf Amerika geht.

Konsumverzicht und direkte Demokratie

Einer der Köpfe der Erfurter Mahnwachenorganisation ist der Anmelder der Kundgebungen Konstantin Stößel. Stößel, der kürzlich beim antifaschistischen Ratschlag in Erfurt aufschlug und des Hauses verwiesen wurde, behauptet immer wieder Freunde bei „der Antifa“ zu haben und früher selber in der linken Szene unterwegs gewesen zu sein. Abwegig ist das nicht. Stößel tritt zwar sendungsbewusst und autoritär auf, ist aber alles andere als ein Nazi. Er wäre der beste Beweis dafür, dass man sich Jahre in der linken Szene bewegen kann, ohne auch nur das Mindeste über die kapitalistische Gesellschaft verstanden zu haben. Er ist, was man einen Bauchlinken nennen könnte, einer, der sich als mutiger Rebell gegen den Mainstream versteht, aber zielsicher das Ressentiment der Masse bestätigt; ein Populist, der sich für den Politbetrieb jahrelang in WG-Küchen vorbereitete, in denen man das Unrecht anprangerte ohne seine Ursachen zu verstehen.
Und da verwundert es kaum, dass Stößels Steckenpferd die Predigt über den Konsumverzicht ist. Auf jeden über die bloße Subsistenz gehenden Luxus soll verzichtet werden: Urlaubsflüge, schicke Klamotten, neueste Technik. Auch Blumen aus dem Trikont kauft Stößel nicht mehr, denn, wie er nicht müde wird zu erklären, raubt die Blumenproduktion den Menschen vor Ort das nötige Trinkwasser. Das mag sein. Aber der Grund dafür liegt eben darin, dass es für Blumen in Europa einen kaufkräftigen Bedarf gibt und für sauberes Trinkwasser im Trikont oftmals nicht. Da kann Stößel verzichten, wie er will, die Teilhabe an Grundnahrungsmitteln bleibt den Ärmsten dieser Welt trotzdem verwehrt. Um diese Ärmsten geht es dem Verzichtsprediger ohnehin nicht. Der Verzicht auf bestimmte Konsumgüter, und selbst wenn es viele tun, ändert nichts am gesellschaftlichen Grund für Hunger, Armut und Ausgrenzung. Stattdessen wird der durch die objektiven Verhältnisse den meisten Menschen aufgenötigte Verzicht auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum als Produkt einer höheren Einsicht verklärt. Damit lässt sich nicht nur das eigene Elend leichter ertragen, sondern die Zwanghaftigkeit, mit der Stößel seine Verzichtspredigten wiederholt, legt auch den Verdacht nahe, dass es sich um Ersatzhandlungen für öffentlich vorgetragenen Sozialneid handelt. Dieser Neid auf vermeintlich oder wirklich besser gestellte ist in einer Gesellschaft verpönt, deren durch alle Schichten aufgesaugte Ideologie besagt, dass hier jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. In Wahrheit zielt der Konsumverzicht also nicht auf ein besseres Leben, sondern er rationalisiert und rechtfertigt die Armut und das ihr zugrundeliegende Produktionsverhältnis.
Stößels zweites Steckenpferd ist die vermeintliche Kritik der Demokratie in diesem Land. Dabei geriert er sich wie ein altkluger Hilfslehrer für Sozialkunde und erklärt mit dem Rückgang auf den altgriechischen Wortstamm von dēmos & kratía, dass es sich um die Herrschaft des Volkes handeln soll. Warum aber das Volk nicht herrscht, ist schnell erklärt. Schließlich sei dieses weder in Fragen der Bankenrettung noch der Kriegseinsätze oder generell zu Fragen der Außenpolitik gehört worden. Stößels Lösung ist die der Populisten aller Parteien: direkte Demokratie. Wer so argumentiert, appelliert an den Unverstand der Massen. Er macht einen auf den ersten Blick pragmatischen und deswegen verfänglichen Vorschlag, für den aber in der Wirklichkeit alle Voraussetzungen fehlen und macht damit sich und anderen Illusionen. Die bestehende Form der Demokratie ist keine, in der Entscheidungen von unten nach oben delegiert werden können, weil hier nicht der Wille irgendeines Souveräns bestimmt, sondern die Anforderungen der Produktionsweise. Das heißt, dass bestimmte Entscheidungen innerhalb der bestehenden Verhältnisse immer schon getroffen sind. „Wir entscheiden nicht darüber, ob wir die herrschende kapitalistische Produktionsweise wollen, ob wir die Produktion für einen anonymen Markt statt für die menschlichen Bedürfnisse wollen, ob wir das System der privaten Lohnarbeit bzw. der kapitalistischen Ausbeutung wollen.“4 Wer den Zusammenbruch der Produktionsordnung und des von ihm abhängigen sozialen Lebens verhindern will, kann die Entscheidung der Bankenrettung eben nicht den kopflosen Wutbürgern überlassen. Diese der herrschenden Form der Demokratie vorgängigen Voraussetzungen sind im emanzipatorischen Sinne auch nicht per Volksentscheid außer Kraft zu setzen, sondern durch eine Bewegung, die den erreichten Stand der Freiheit zum Ausgangspunkt aufhebender Umwälzungen nimmt.

Selbsthilfegruppe für Kapitalismusgeschädigte

Angesichts der stagnierenden Teilnehmerzahlen und des sinkenden Interesses an dieser Form der Freizeitgestaltung für verwirrte Unzufriedene stellt sich die Frage, warum die Organisatoren so weiter machen. Die Antwort scheint nahe liegend. Längst sind die Veranstaltungen auf dem Anger, bei denen man sich zu Beginn noch hilflos versuchte, die Welt zu erklären, zu Sitzungen einer unter freiem Himmel tagenden Selbsthilfegruppe für Kapitalismusgeschädigte geworden, die sich Montag für Montag den Frust von der Seele reden oder diesem oder jenem zum Priester degenerierten Verzichtsethiker zuhören wollen, um sich – wie das in Kirchen so ist – gemeinsam weniger einsam zu fühlen. Die real Vereinzelten treibt eine freilich von den gesellschaftlichen Verhältnissen zu verantwortende Ohnmacht auf die Straße, nur will keiner mehr diese Ohnmacht wirklich verstehen, sondern sich in seinem falschen Verständnis, seinem Ressentiment bestätigen lassen. Überhaupt sind die Parallelen zur gemeinen Verhaltenstherapie offensichtlich. Hier wie da geht es nicht um ein Verständnis der gesellschaftlichen Ursachen für psychische und psychosomatische Probleme, sondern darum irgendwie damit klar zu kommen, eben um Frieden ohne Freiheit. Hierin liegt auch der Grund, warum der Vergleich von Georg Dorn in Ausgabe 5 dieses Heftes fatal ist.5 Dorn verglich die politischen Positionen der Montagsdemonstranten mit der ersten suchenden Phase seiner eigenen Politisierung. Dorn verkennt, dass die allmontaglich aufmarschierenden Antisemiten zumeist keine Teenager sind und auch nicht die ersten 30 Jahre ihres Lebens in einem Stollen verbracht haben, sondern schon eine ganze Weile auf der Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Verwerfungen unterwegs sind. Ihr Ressentiment gegen das Unverständliche, Geheimnisvolle, kurz: das Abstrakte kapitalistischer Vergesellschaftungsdynamik ist weniger mit der Unschuld pubertären Ungestüms zu erklären, als mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, die solche Ideologie notwendig produzieren. Im Falle des Antisemitismus wie des Rassismus ist dies eine Schutzreaktion des politökonomisch-konstituierten bürgerlichen Subjekts gegen die eigene gesellschaftlich-produzierte Überflüssigkeit.6 Die als Selbsthilfegruppe ihr Leiden an der eigenen Überflüssigkeit für das herrschende Produktionsverhältnis kompensierende Montagsquerfront ist keine soziale Bewegung, sondern Vorzeichen einer potentiell größer werdenden Zahl von Menschen, die an den objektiven Verhältnissen dem Wahnsinn verfallen.

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1
Zwar betonen die meisten Protagonisten immer wieder, ihr Protest sei einer des ganzen Volkes und keiner von links oder rechts, aber bisweilen herrscht Unverständnis darüber, dass die Antifa, die man zu recht ganz links einordnet, gegen die Montagsaufmärsche protestiert, statt sich einzureihen. Schließlich, so die Denke, habe man Schnittmengen im Streben nach Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und anderen Worthülsen, denen die materielle Ordnung widerspricht.

2
Vgl. Artikel auf meinem Blog: http://bit.ly/1pb15j1

3
Vgl. Artikel auf meinem Blog: http://bit.ly/1jxcLIJ

4
Aus dem zur Vertiefung empfohlenen Text „Wir haben keine Wahl“ aus der Alerta Südthüringen #2: http://agst.afaction.info/archiv/657/alerta-sth-2.pdf

5
Vgl. Lirabelle #5, Juni 2014: S. 19ff.

6
Ein Sachverhalt dessen Ausführung die begrenzte Zeichenzahl eines Lirabellen-Artikel nicht mehr her gibt. Stattdessen verweise ich zunächst auf einen Podiumsbeitrag der Antifa Suhl/Zella-Mehlis, der etwas weiter in die Tiefe geht, als ich das hier kann: http://bit.ly/1sGsJci

TTIP – die Wirtschaftsnato

Volker Henriette S. bringt ein wenig Licht ins Dunkle der stattfindenden Verhandlungen um TTIP und macht auf Konsequenzen aufmerksam, die bei einem Inkrafttreten des Handelsabkommens folgen werden.

TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) wird als das größte Handelsabkommen des 21. Jahrhunderts bezeichnet, wobei das Jahrhundert erst recht jung ist. Aber warum auch nicht. Die Akteure, die hier seit Juli 2013 verhandeln, sind große Wirtschaftsblöcke – die EU und die USA. Das kommunizierte Ziel ist: Es sollen Handelshemmnisse abgebaut werden. Die neoliberale Ideologie, nach der Krise von 2008 totgeglaubt oder zumindest schwer angeschlagen, fordert durch ihre Fürsprecher wieder einmal Freihandel. Es soll eine TAFTA (Transatlantic Free Trade Area) nur schneller und erfolgreicher etabliert werden. Die Verhandlungen um das TTIP umgibt ein Nimbus des Geheimnisvollen.
Was das Abkommen in der Konsequenz hieße, weiß noch niemand so genau. Es wird denn auch geheim verhandelt. Die ARD Doku „Der große Deal“ vermutet unter anderem ein Konferenzzentrum im Stadtteil Ixelles von Brüssel. Klar ist, wenn man den Propagandist_innen des TTIP Glauben schenken kann, dass es, wie man beim Stichwort Freihandel denken könnte, weniger um Zölle geht. Es geht um ein erhofftes Wirtschaftswachstum durch Handel und Investitionen und in der Folge natürlich um neue Jobs. Karel de Gucht (der EU-Handelskommissar) lässt in einer Studie 0,05 % Wirtschaftswachstum prognostizieren. Die Zahl ist nicht berauschend und in der genannten Doku klang es so, als ob de Gucht das Nennen der Zahl für ein Missverständnis hält.
Vielleicht geht es aber auch nicht vorrangig um einen gesellschaftlichen Reichtum als ganzes, sondern um große Kapitalfraktionen. Die beim TTIP schon jetzt involvierten Industrien jedenfalls, ließen gegenüber Medienvertretern verlauten, dass sie sich ernst genommen und gut repräsentiert fühlten. 600 Berater_innen von Großkonzernen haben privilegierten Zugang zu den Dokumenten und zu den Entscheidungsträger_innen. Möglichen Kritiker_innen dürfte das nicht so gehen. Um die unautorisierte Weitergabe von Originaldokumenten der Verhandlungen zu erschweren, werden in die Texte absichtliche Rechtschreibfehler eingebaut, um Lecks bei den Informationen sichtbar zu machen.
Die Kritiker_innen wissen also nicht ganz genau, was sie kritisieren. Man kann aber bei Abkommen, die ähnliche Ziele hatten, die Folgen betrachten und man kann sich bei den Akteur_innen des Protestes gegen das Abkommen informieren. Als ein Vorläufer der TTIP kann das MAI (Multilaterales Investitionsabkommen) betrachtet werden. Beim MAI, das vor rund 16 Jahren geschlossen werden sollte, wollten die Großunternehmen ihre Macht schon über das bekannte Maß ausbauen. Damals scheiterte das Projekt an den Parlamenten – vor allem dieser der Entwicklungsländer – aber außerdem, weil sich die „Zivilgesellschaft“ auch mit linken Akteuren gegen diesen ungeheuren Ausbau von Privilegien auf Konzernseite regte.
Schon am 1.1.1994 trat die NAFTA (nordamerikanisches Freihandelsabkommen) in Kraft. Das erklärte Ziel war freier Verkehr von Waren und Dienstleistungen. Die NAFTA setzt alle (agrarischen Produzenten) in unmittelbare Konkurrenz. So treten Kleinbauern aus Mexiko und Bauern, die industrielle Landwirtschaft in den USA betreiben (mit ihren Monokulturen, Pestiziden, Hybridsorten), gegeneinander an. Die Folge ist, dass die Kleinbauern Mexikos zu Tode konkurriert werden, weil der Preis für Mais um 60% abgestürzt ist. Eine Nahrungsmittelsicherheit gibt es dort nicht mehr. Vor der NAFTA konnte Mexiko seinen Nahrungsmittelbedarf noch selbst decken. Heute importiert es dreißig Prozent seines Maisbedarfes. Zwanzig Millionen Mexikaner_innen gelten als unterernährt.
So können sich große Kapitale durch transnationale Vertragswerke neue Märkte oder Alleinstellungsmerkmale über Märkte sichern. Zusammen mit einem angestrebten Handelsabkommen im pazifischen Raum (TPP) werden die Regeln des Marktes fest gezurrt und eben nicht freier. Schwächere Ökonomien laufen Gefahr zermalmt zu werden.
Genannt wird das in den TTIP-Verhandlungen dann „Nichtdiskriminierung von Firmen“. Beim TTIP wird z.B. über die unterschiedlichen Zulassungsmodi von Stoffen in Produkten verhandelt. Diese sind nämlich in den Staaten recht unterschiedlich. In den USA werden zum Beispiel Chemikalien viel schneller erlaubt als in Europa. Laut dem TTIP sollen nun die unterschiedlichen Zulassungsverfahren gegenseitig anerkannt werden.
Eine Folge der Partnerschaft, die als besonders gravierend betrachtet wird, wäre, dass Strafzahlungen und Entschädigungen vor einem Schiedsgericht geltend gemacht werden können, wenn Investitionsbedingungen von Staaten den Investoren oder Großunternehmen nicht gewinnträchtig genug sind. Geplant sind diese überstaatlichen, unabhängigen Investor-Staat-Streitschlichtungsverfahren, wenn sich Bedingungen zu Ungunsten der Konzerne verändern würden. Der politische Spielraum schwindet auf ein Minimum. Die Kette von Entscheidungsträger_innen von nationalen Regierungen bis zur Kommunalpolitik müssen sich dem Regelwerk des TTIP bei Unterzeichnung unterwerfen. Konzerne bekommen so einen gleichrangigen Status zum Gemeinwesen, sitzen aber vor den Schiedsgerichten am längeren Hebel. Staatliche Normen und Standards würden zu einem Investitionshindernis. Neben der oben angesprochen Produktsicherheit, beträfe das auch den Umwelt-, Gesundheits-, Verbraucher- und Arbeitsschutz. Diese lang erkämpften Errungenschaften könnten mit einer Strafzahlungsandrohung beiseite gewischt werden. Sektoren, die z.B. wie in Frankreich, unter großem Einfluss des Staates stehen, würden dem privatem Sektor der europäischen und amerikanischen Kapitale geöffnet. Wettbewerbsverzerrung und damit nicht erlaubt also strafwürdig wären Subventionen und Steuererleichterungen. Beispielsweise neuer Sozialwohnungsbau oder aktualisierte Buchpreisbindung könnten den jeweiligen Staat Millionen an Strafe kosten. Öffentliche Daseinsfürsorge müsste sich dem Wettbewerb und damit der Privatwirtschaft unterordnen. Durch die Vertragswerke des TTIP käme es zu einer Herrschaft der mächtigsten Kapitalgruppen im Atlantischen Raum, weil diese die besten Anfangsbedingungen hätten.
Andere Staaten müssten sich quasi im Zugzwang im Wettbewerb um Investitionen oder beim Handel mit EU oder USA dem Regelwerk anschließen. Das Regelwerk der TTIP könnte nur noch bei Zustimmung aller Vertragsparteien verändert werden und wird damit geradezu zementiert. In der Le Monde vom November 2013 wurde das „Staatsstreich in Zeitlupe“ genannt.
Erinnert sei hier an die Worte von Max Reimann zur Ablehnung des Grundgesetzes der BRD durch die KPD 1949. Der umstrittene Bundestagsabgeordnete äußerte: „Wir unterschreiben nicht. Es wird jedoch der Tag kommen, da wir Kommunisten dieses Grundgesetz gegen die verteidigen werden, die es angenommen haben!“ Ähnlich kann es heute Linksradikalen gehen, die ganz bestimmt nicht durch Glauben an die Staatlichkeit glänzen sollten. Wir befinden uns aber in einer Situation in der das Gemeinwesen, dass staatlich organisiert ist, mit all seinen Irrungen und Wirrungen pulverisiert zur werden droht. An seine Stelle treten Konzerne mit nichts als Gewinnerwartung.