„Ich – das sind die andern“

Eine Rezension über das unsterbliche Kind der Armen von Franziska.

Tief im Berliner Norden, nahe des Stettiner Bahnhofs und der Invalidenstraße, in der Gartenstraße wohnt im vierten Stock Familie König, bestehend aus Vater Georg, Mutter Perdita und den Kindern Theodor, Henriette und Markus.
Vieles an diesem ersten Satz ist Schein, ist Maskerade, denn obwohl die Angabe der Fakten – Berlin, Gartenstraße, König – stimmen mag, so wird ein falscher Eindruck vermittelt. Es wohnt dort niemand, sondern haust viel eher. In diesem Milieu muss man sich mit dem Nötigsten einrichten, ist man noch froh über das Nötigste zu verfügen. Lärm über Tag und Nacht, Gestank auf den Straßen, Ungeziefer wartet auf Einlass. Hier lebt keine bürgerliche Familie, sondern eine proletarische. Es herrscht Hunger und Armut. Diese Spitzfindigkeiten sind nötig, um sich ein Bild dessen zeichnen zu können, wo hinein der Roman die Leserin wirft.
Mit Liebe zum Detail ist im Februar diesen Jahres der Roman „Mich hungert“ von Georg Fink erschienen. Damit verlegte der Metrolit-Verlag nun bereits die zweite vergessene autobiografische Schrift aus dem proletarischen Milieu Berlins aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu.
Berlin in den 1910er Jahren, der Erste Weltkrieg ist nicht weit. Erzähler ist der herangewachsene Theodor, der geschäftig seinen Unterhalt besorgen muss, immer achtgebend auf die jüngeren, geliebten Geschwister. Das pädagogische Konzept „Kindheit“ existiert in dieser Lebensrealität nicht: Menschen kommen zur Welt, entweder es rafft sie dahin oder sie werden schnellstmöglich in die Lage versetzt, selbstverantwortlich zu handeln – Theodor nennt das „alt werden“, auch wenn er da erst sieben ist.
Im Erzählstil spiegelt sich eine unmittelbare Betroffenheit wider: Wie sich zeigt, ist es nicht ausschließlich die von materieller Armut bedingten Lebensbedingungen, die erschüttern, sondern vor allem der Kontrast dazu – die vorhandene Fähigkeit der Empfindung von Ästhetik und tiefster Zuneigung.
Das Leben des Theodor König beginnt in seiner eigenen Erzählung, da ist er ein Vierjähriger. Eines frühen Morgens raubt ihn der Vater aus dem Schlaf, aus der Obhut der Mutter und bringt ihn auf die wimmelnde Straße. Dort drückt er ihn in einen Hauseingang und erklärt ihm nun sein neues Geschäft. Mit dem Sonntagshut des Vaters in der Hand in Hausschuhen und ohne Strümpfe soll er wimmernd und weinend „Mich hungert“ sagen. Er soll betteln, um den Vater zu ernähren. „Mich hungert“ ist dabei keine Lüge, nur kommt das Geld der Trunksucht des Vaters zu Gute, der Bauch des Kindes interessierte ihn nicht. Einmal nachdem der Vater die Almosen holt, vergisst er den kleinen Teddy am späten Abend in einem der vielen dunklen Winkel der Straße. Dort bleibt der Junge erschöpft und völlig verlassen stehen, während der Vater das Geld versäuft. In der Nacht findet ihn seine aufgelöste Mutter. Sie bittet ihren Erstgeborenen um Verzeihung, verspricht ihn nie wieder herzugeben, im mütterlichen Schutz vor allem zu bewahren.
Diese Erfahrung ist die erste bewusste Erinnerung im Leben des Theodor König, sie prägt ihn lebenslang: Benutzt vom Vater, geliebt von der Mutter, vergessen von der Gesellschaft. Der Vater „ein Halbtier“ mit leerer Seele und hohler Menschlichkeit. Die Mutter ein naives Mädchen, dass der Schönheit ihres späteren Mannes erlag, nicht ahnend, dass sie für ihre drei Kinder allein sorgen und als „Judenschickse“ von ihrem Mann beschimpft bis zu ihrem letzten Atemzug mit ihren Händen im Waschtrog arbeiten werden muss. Doch der Erstgeborene ist ihr Heil. Die Liebe zwischen Theodor und seiner Mutter wird zu einem leitenden Motiv ihrer beider Leben. Sie ist Hingebung, Heil in der Not und Hoffnung – was die beiden zusammenschweißt, das droht sie auch zu trennen.
Die erzwungene Bettelei legt Theodors Talent fürs „Spielen“ offen. Er findet Gefallen daran, seine kleinen Geschwister, die Kinder im Haus und die Leute auf der Straße in einen Bann zu schlagen. Er spielt ihnen Geschichten gesponnen aus dem, was er täglich beobachtet: Er lernt Gesichtszüge zu lesen, das Leben in Episoden lustig und tragisch zu spielen. Sein eigentlicher Gegenstand ist „der Mensch“. Und so ist auch dies der Gegenstand des Buches in vielfältiger Form: Das Berliner Proletariat, die Armen und das Bürgertum – Berührungspunkte in Gedanken und Worten.
Theordors Mutter, die aus einem frommen jüdischen und wohlhabenden Elternhaus entstammt, verliert ihre bürgerliche Existenz durch die nicht standesgemäße Heirat mit Georg. Die Verbindung bringt sie um den finanziellen Rückhalt der Eltern. Diese wenden sich von ihr ab, sie wird enterbt: Die Schmach scheint zu groß. Der Abstieg in die bare proletarische Not macht ihr Leben bitter, doch behält sie die Sehnsucht nach dem besseren.
Für ihren Erstgeborenen erkennt sie eine Möglichkeit. Als die Feinsinnigkeit und Klugheit Theodors einen Gönner findet, wünscht sie sich für ihn das Leben, das sie einmal führte. Theodor findet Eingang in die fernen Gefilde der bürgerlichen Kunst und Kultur. Er rührt an die Zärtlichkeit des musikalischen Wohlklangs und der Harmonie, an den weitem Horizont der fremden Sprachen und die süße Erkenntnis der Schönheit.
Doch spürt Theodor Distanz und Fremdheit, welche die Annahme der Möglichkeit des sozialen Aufstieges mit sich bringen und entscheidet sich. Er kann diese Entscheidung jedoch nur als die Erfüllung seiner Bestimmung verstehen. Das, was er vermeintlich als Schicksal erkennt, ist geprägt von einer Mischung aus Selbstbestimmung und dem Druck seiner sozialen Lage, seiner Klassenzugehörigkeit. Aufgewachsen im Elend des Proletariats fühlt er sich einem „fünften Stand“ zugehörig: den Armen. Er erfährt tagtäglich die Unmenschlichkeit, zu welcher die Menschen unter den Verhältnissen gezwungen sind. Ihm selbst bietet sich ein Ausweg und doch entscheidet er sich aus Verbundenheit dafür zu bleiben. Theodor König trägt mit seiner Erkenntnis, die Zartheit in die rohe Armut. Und doch weiß er, dass sich nichts ändern wird: was bleibt ist „das unsterbliche Kind der Armen.“
Mit authentischen Worten beschreibt der Erzählende die Umstände seines Lebens und zugleich dieses der ihn Umgebenden und des Milieus: Es ist das Leben der Armen in Berlin – manchmal scheinen die Worte nicht mehr von Menschen zu sprechen, sondern von bloßen Exemplaren.
Der Autor ist nicht Georg Fink. Fink ist nur ein Name, nur ein Schein, der die Autorenschaft von Kurt Münzer verbarg – bis sie belegt werden konnte. Als Schriftsteller ist die Geschichte des Theodor König sein größter Erfolg. Er konnte sich erst später zu ihr bekennen. Warum? 1933 emigrierte er in die Schweiz, floh vor dem Antisemitismus der Deutschen, dessen innewohnende Irrationalität und Hass er schon früh wahrnahm. Er war Jude, wie seine Hauptfigur Theodor.

Kommentare sind geschlossen.